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Neid, reife Mütter, Heino, Lärmschutz und die #53

Es führt kein Weg daran vorbei, ich muss Ihnen diese Woche das kredenzen, was sich nebenher ergeben hat. Dazu, Größeres zu unternehmen, bin ich nämlich gar nicht gekommen. Tragisch würde ich diesen Umstand jetzt nicht nennen. Plaudern wir heute eben lediglich kurz, und Sie haben auf diese Art endlich einmal mehr Zeit vom Sonntag übrig als sonst nach der Bloglektüre.
Der Titel enthält übrigens so ziemlich sämtliche Ingredienzien des heutigen Eintrags, die Sie beim Lesen – falls der kleine Kontrollfreak in Ihnen durchkommt – checken und abhaken dürfen.

Verraten Sie es mir auf keinen – hören Sie, keinen! – Fall, falls bei Ihnen schon wieder oder immer noch die Sonne scheint und der Himmel vor Blau nur so strotzt! Das ist alles sehr schön für Sie, aber bei mir kommt so langsam Neid auf. Ich laufe schon grünlich an. Was auch durch Moosansatz verursacht sein könnte.
Feuchtigkeit aus allen Richtungen. Der Norden ist dermaßen gebeutelt!
Seit gefühlt ewigen Zeiten wird es im Grunde maximal an einem Tag der Woche für zwei, drei Stunden etwas heller, ansonsten herrscht absolutes Einheitsgrau. Gestern gab es zur Krönung stundenlang Regen und heftige Windböen gratis dazu.
Der Gedanke an Umzug oder Auswanderung liegt mir inzwischen gar nicht mehr fern, was allerdings absolut dagegen spricht, ist die Tatsache, dass meine echt sympathische Familie samt meiner fast noch nagelneuen, äußerst umwerfenden Enkelin hier wunderbar nah wohnt. Das zählt dann doch vier- bis neunfach in der Wertung und entschädigt für Tiefs en masse, die vom Atlantik kommend mal wieder Hamburg anpeilen.

In der vergangenen Woche hatte ich die Kleine bei mir, war mit ihr in ihrem fahrbaren Untersatz draußen unterwegs und dabei auch kurz im Einkaufszentrum.
Zweifeln Sie auch hin und wieder ein wenig an der Sehkraft bzw. der Wahrnehmung Ihrer Mitmenschen? Ich hatte diesmal diesen Moment, als ich hörte, wie eine ältere Dame mit kritischem Blick auf mich und das Baby missbilligend zu ihrer Freundin oder vielleicht auch Schwester sprach:
„Der Anteil der (hier folgte eine kleine Pause zum Anlauf nehmen) … reifen Mütter hat wirklich ganz schön zugenommen!“
Da beide weiter herüberstarrten, überlegte ich kurz, ob ich sagen sollte, dass ich mindestens noch die Niederkunft dreier weiterer Kinder plante, aber ich entschied mich letztendlich dagegen. Ich wippte die Enkelin, die sich mittlerweile auf meinem Arm befand und sagte stattdessen lächelnd zu ihr gewandt und betont langsam
„So, Mademoiselle. Wir beide – OMA (überdeutlich) und Milou – gehen jetzt nach Hause. Die Mama wartet bestimmt schon auf dich.“
Wie heißt es so schön? Ruhe im Karton. Fortan herrschte Funkstille.

An einem anderen Tag stand ich bei Karstadt an der Kasse an. Ebenso ein junger Mann mit seiner Freundin, der aus der Karnevalsecke hochbeglückt mit einer blonden Heino-Perücke nebst schwarzer Brille herbeistolziert kam und diese nun bezahlen wollte. Er hielt die recht gelb ausfallende Haarpracht schon einmal provisorisch an den Kopf, alberte herum und rief dabei mehrfach:
„Hossa! Hossa!“
Gelegentlich kommt auch in mir der Klugscheißer hoch und so fragte ich ihn beiläufig:
„War das nicht Rex Gildo mit dem Hossa?“
„Wer is’n das?“, wollte er wissen.
(In dem Moment kam ich mir doch sehr alt vor.)
„Ist der wenigstens auch blond?“, erkundigte er sich noch hoffnungsfroh.
„Nein, er hatte dunkelbraune Haare. Teint stark gebräunt, keine Brille …“
„Schiet …!“

Lassen Sie mich kurz nachdenken. War sonst noch etwas …?
Stimmt! Am Donnerstag klingelte es an der Haustür. Vor mir standen zwei Herren. Sie trugen rote Warnwesten mit der Aufschrift „Lärmschutz“.  Seitdem sie dort waren, überlege ich doch wieder die Sache mit der Auswanderung. Nein, wirklich!
Ich wohne nahe der Bahnlinie nach Lübeck, die man auszubauen plant. Ein weiteres Gleis für die S-Bahn soll hinzukommen.
Nicht nur, dass seit gut zwei Jahren und noch für zwei weitere Jahre Baulärm durch umfangreiche Umbauten an einem nahe gelegenen Bahnübergang (Aufhebung durch zukünftige Untertunnelung) sowie zusätzlicher Verkehr durch deshalb in meine Straße umgeleitete Fahrzeuge zur Tagesordnung gehören und mir irgendwann mit dem neuen Gleis auch noch ein Extrabahnhof fast vor der Haustür droht – nein, jetzt kündigten die beiden Besucher für Mitte Februar obendrein Baumfällarbeiten an.
Ich weiß nicht, ob ich eher heulen oder mich stattdessen freuen sollte. Eine große Anzahl Bäume, die zu nah entlang der Gleise wächst, muss weichen, weil dort eine Lärmschutzwand errichtet wird, eine etwas über drei Meter hohe Barriere.
Die Bäume, auf die man jetzt noch blicken kann und die im Sommer eine grüne Wand bilden, die selbst eine Lärmschutzfunktion übernehmen, für bessere Luft sorgen und vielen Tiere bisher ein Heim bieten oder zumindest eine Nahrungsquelle darstellen, sie hingegen sind ausgewachsen, um die 20 bis 25 m groß, breit, imposant, schön …
Ich tendiere doch zum Heulen. Für sie wird nie Ersatz kommen.

Diese Fällaktion steht fest, was alle weiteren Planungen angeht, so sage ich: Gemach, gemach !
Das gesamte Projekt des Streckenausbaus Richtung Bad Oldesloe, um den es letzendlich geht, ist immerhin eine erhebliche Geldangelegenheit – und jede Hinauszögerung … Ich meine, billiger wird es schließlich nicht mit der Zeit.

Auch die Aufgabe des Bahnübergangs bei mir – ich habe hier noch einen fast direkt vor der Tür – ist schon ein alter Bart. Seit ewigen Zeiten geplant, bisher aber nie realisiert!
Ich entsinne mich, als ich im Jahre 1986 herzog, stand ich eines Mittags mit einem sehr alten Mann und Ureinwohner dieser Gegend vor der geschlossenen Schranke. Gerade kurz zuvor hatte ich in der Zeitung einen Bericht über eine „demnächst“ geplante Aufhebung der Schranken zugunsten einer Unterführung gelesen.
Er schmunzelte damals weise und verriet mir, dass schon der Kaiser diese Pläne gehabt hätte und dass ganz sicher noch Jahrzehnte bis dahin vergehen würden. Er musste es wissen, er stammte schließlich aus Kaiserzeiten. Das Gespräch wiederum ist im Sommer 30 Jahre her. Die Schranken gibt es immer noch.
Daher – ruhig Blut.
Wissen Sie, was ich egenartig finde? Hier bereits eine Lärmschutzwand entlang der Schienen zu setzen, obwohl man doch offenbar vorhat, genau an dieser Stelle in absehbarer Zeit ein weiteres Gleis zu verlegen …

Da ich mich jetzt von dem bevorstehenden ätzenden Kahlschlag ablenken möchte, werde ich mich an die #53 von Leon Collins machen. Die #53 ist eine spezielle Stepptanzübung. Macht bewegliche Füße – und ist gleichzeitig eine nette Choreographie, die sich zu ganz unterschiedlichen Musiktiteln und somit in unterschiedlichem Tempo ausführen lässt. Ich versichere Ihnen, die dafür erforderliche Konzentration lässt einfach keinen Platz für Gedanken an Kettensägen und kippende Baumriesen.

Die Fußarbeit können Sie zum Beispiel in diesem Video sehen. Und ja, ich finde Anzug oder lange Hose à la Fred Astaire oder Gene Kelly auch weitaus attraktiver  … ^^

Ich bin also jetzt metallbeschlagen am klackern und verabschiede mich daher.

Ihnen wünsche ich einen schönen Sonntag!

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©by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand (WordPress) - freie Autorin

 

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Alle Jahre wieder: Volle Läden, Engel, kleine Frust- und Hustenanfälle

Lüneburg - Weihnachtsmarkt an der St. Johanniskirche - Weihnachtsbeleuchtung und Sterne in den Bäumen
Huch, was machen Sie denn hier? Gehen Sie gar nicht unter in Weihnachtsvorbereitungen?
Schon fertig mit allem?
Auch den obligaten Besorgungen?
Haben Sie berücksichtigt, dass Sie in diesem Jahr mehr auf einen Schlag einkaufen müssen?
Die Feiertage gehen diesmal nahtlos in das Wochenende über! Nicht, dass Sie verhungern …
Das war ein Witz!

Die Wahrscheinlichkeit, gerade an Weihnachten zu verhungern, ist relativ gering. Jedenfalls aus solchen Gründen wie verfehlter Nachschubplanung. Mit den im Haus vorhandenen Reserven könnten die meisten Menschen locker bis ins Neue Jahr kommen. Mindestens! Manche müssten vermutlich erst kurz vor Ostern wieder einen Fuß vor die Tür setzen, so viel lang Haltbares in Dosen und Tüten ist vorhanden oder wohnt z. B. in Form von Tiefkühlkostreserven mit unter einem Dach.
Nein, nein, Ihr Körper zuckt nur kurz sollten die Mahlzeiten karger werden, macht sich dann jedoch entschlossen an die entstandenen Weihnachtspölsterchen und sonstige Fettdepots oder knabbert ein paar feiertäglich träge Muskel an. Mehr passiert nicht. Doch wem sage ich das!
Die Läden sind trotz allem bumsvoll, wie immer. Es scheint ein tief sitzender und unumstößlicher Glaube zu sein, dass nach Weihnachten keine neue Ware kommt.
N i e   w i e d e r !

Oder liegt es doch nicht daran? Ist es ein Einkaufsrausch? Ein weihnachtliches Ausnahmeverhalten? Eine besondere Form von Blackout? Ein ungutes Gefühl?
Mir hat einmal jemand milde entrüstet erläutert, selbstverständlich wüsste er, dass Ware nachkäme, er wüsste nur nicht, wie verfressen sein Besuch an den Feiertagen sei! Es wäre ihm höchst peinlich, würden ausgerechnet dann – womöglich mittendrin – die Vorräte ausgehen. Oder er hätte nichts, falls jemandem das Geplante so gar nicht zusagte oder er es nicht vertragen könnte.
Man müsste generell so vieles bedenken und vielseitig auftischen. Vom erwarteten Besuch sei einer Vegetarier, der andere sogar Veganer. Einer würde Tierisches zwar theoretisch essen (da weder das eine noch das andere), nur der würde Fisch einfach hassen und ein weiterer bekäme Tomate in keiner Form herunter. Dazu gesellten sich diese Laktoseunverträglichkeit und die Sache mit dem überhöhten Cholesterinwert. Also besseres Öl besorgen, akzeptablen Milchersatz, ein weiteres Gemüsegericht auf den Plan …

Der Großeinkauf ist daher womöglich eine reine Vorsichtsmaßnahme. Vorbeugung vor gerümpften Nasen und Absicherung gegen gefräßige Geschwader inklusive; des Weiteren eine Maßnahme gegen zusätzliche Unwägbarkeiten wie Rezepte, die nicht verlässlich preisgeben, für wie viele Personen die genannten Mengen tatsächlich reichen werden.
Dessert für acht Personen. Und dann ist das fertige Zeugs beim Einfüllen bereits beim dritten, spätestens vierten Portionsschälchen alle!
Wussten Sie, dass inzwischen ganz viele Leute probekochen? Das heißt, die Menschheit muss von allem doppelt einkaufen. Und schon viel eher. Oder zweimal.
Angesichts dessen ist es vielleicht doch kein so großes Wunder, dass alle etwas panisch zulangen beim Einkauf.

Wie schaut es – sagen wir um den 27. Dezember herum – aus?
Welch Überraschung!
Man hätte von den Vorräten mehrmals Weihnachten feiern können, muss weiterhin zulangen, damit bloß nichts verkommt, nimmt zu und schwört, es nie wieder zu tun. Dieses übertriebene Hamstern vor den Feiertagen.
Der Vorsatz hat Gültigkeit bis kurz vor Weihnachten 2016.

Weihnachtsmann im Schlitten - Dekoration

Anstrengend ist das alles. Ich habe mir daher heute nach dem Bad im Gewühl eine Pause und einen Milchkaffee im Stammeiscafé gegönnt.
Da tritt ein jüngerer Mann an den Nachbartisch zu zwei ihm bekannten Mädels seines Alters und berichtet beim Hinplumpsen auf die Sitzbank:
„Erschütternd, ich passe in keine Hose!“
Der Mann hat Normalgewicht und Standardgröße, doch offenbar zwickt’s bei jedem Modell an irgendeiner Stelle. Einer Menge Frauen wohlbekannte delikate Partien wie Oberschenkel oder Po scheinen auch bei ihm Anlass zu Frust zu geben. Es spannt.
„Bin echt frustriert. Ich war jetzt fast überall!“
„Iss erstmal ein Eis mit uns“, lockt ihn die eine am Tisch.
„Irgendwie ist mir der Appetit vergangen.“ Kurze Pause. „So’ne Kacke! Jetzt mag ich nicht mal mehr Eis!“, konstatiert er finster.
Die weiblichen Wesen tauschen mitleidige Blicke. Offenbar ist er sonst ein Eisfreak.

Weihnachtsmänner als Deko für draußen (angemalte Holzfiguren)Es hat also nichts gepasst. Während Frauen in dieser Situation häufig auf mindestens mittlerer Stufe deprimiert langfristig mit dem Gewicht und der Figur allgemein hadern, vermuten, nie wieder passende Hosen (oder überhaupt etwas!) zu finden und in dem Zusammenhang an ewige Askese – zumindest Eisaskese – denken, läuft der Gedankengang eines Mannes gelegentlich in eine andere Richtung.
„Scheiß Schnitte bei den Sachen, echt! Und überhaupt! Nächstes Mal gehe ich erst Eis essen und mache mich dann auf die Suche nach einer Hose.“
Damit ist das Thema für ihn abgehakt. Er bestellt zwar nur Espresso, aber fünf Minuten später vertilgt er bereits wieder vergnügt die reichlichen Reste aus den Eisbechern der Damen.

Männliche Wesen, Kleidung, Shoppen – es gibt doch immer wieder aufschlussreiche Szenen.
Auf dem Rückweg durchquere ich die Wäscheabteilung von Karstadt und bleibe kurz an einem Drehständer stehen. Neben mir beguckt ein Knirps Dessous. Sein Vater wartet ein paar Schritte weiter auf seine Frau, die in der Umkleidekabine etwas anprobiert.
Der Vierjährige beguckt sich eine Vielzahl an Büstenhaltern in ziemlich großen Größen und löchert seinen Vater mit Fragen, warum man „so Riesendinger“ braucht. Und weshalb seine Mama ganz andere (kleinere) hat, und ob das alles richtig und nötig ist. Er macht sich Gedanken, ob die Farbe eine Rolle spielt.
„Guck mal, der ist rot. Und wenn der rot ist, dann ist der immer ganz groß, oder?“
„Nein, die Größe kann man nicht an der Farbe sehen.“
„Schade. … Oh, guck mal, Papa, der ist kaputt!“
„Kaputt? Wieso?“
Das Modell ist trägerlos, was einiges Erstaunen hervorruft.
„Fällt dann nichts runter?“
Papa hat es nicht ganz leicht. Kaum damit durch, kommt nämlich diese wichtige Frage:
„Wie macht man das auf und zu?“
Sein Vater schlägt sich weiterhin heldenhaft. Doch während er noch versucht, qualifiziert Auskunft zu geben, hat der Kleine urplötzlich jegliches BH-Interesse verloren.
„Und wo gibt das hier die Sachen für Jungs?“
Man sieht, schon in dem Alter kann Damenbekleidung oder Shoppen für und mit Frauen ein männliches Wesen nicht wirklich lange bei der Stange halten. Vier, maximal fünf Minuten.
Es muss doch irgendwie genetisch bedingt sein.

Zuletzt, schon beim Verlassen des Zentrums, verschluckte sich eine Frau an der Ampel wartend – und im lebhaften Gespräch mit ihrem Partner – am reichlichen Puderzucker auf ihrem frischen Schmalzgebäck. Inhalierte den feinen Staub. Hustete, prustete und das Weiß stob vor ihr explosionsartig auseinander. Es hinterließ beachtlich viele Sprenkel auf seiner dunklen Jacke. Überall. Von Oben bis unten.
Sie lachte hustend  und nach Luft japsend, er grummelte und wischte. Ein weiterer Wartender mutmaßte grinsend:
„Ausschlag? Schuppen …? SCHNEE?“

Wenn schon Advent inmitten grüner Landschaft, Glühwein bei Frühlingstemperaturen und ein Weihnachtsfest ohne Weiß von oben, so immerhin ein klitzekleines Gefühl von Winter und Flocken hervorgerufen durch Puderzuckergestöber!Drei weiß gekleidete Engel an der Information eines Einkaufzentrums

War sonst noch etwas? Die Engel habe ich vergessen! Die standen heute zu dritt an der Information des Einkaufszentrums. Echte. Ja! Anfangs dachte ich das. Beinahe hätten sie mich überzeugt in den langen, weißen Gewändern, mit ihren weißen Flügeln und ihrem hübschen blonden Haar!
Aber nein, dann mussten sie fragen! Welcher echte Engel muss schon an der Information nachfragen! Echte Engel wissen alles so …
Fliegen konnten sie offenbar auch nicht.
Aber richtig gut Weihnachtslieder singen. Und sehr hübsch aussehen.

So langsam muss ich mich auch wieder in die Vorbereitungen stürzen. Aber nett, dass Sie bei der Pause mit dabei waren.
Ich wünsche Ihnen allen ein frohes, gesundes Weihnachtsfest und recht stimmungsvolle, harmonische Tage zusammen mit Ihren Lieben!

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© by Michèle Legrand, Dezember 2015
Michèle Legrand - ©Andreas Grav

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Von temporären Dingen und unfolgsamen Wesen …

Ich husche heute kurz ums Eck. Schneie für einen Moment bei Ihnen herein. Dafür müsste die Zeit reichen.
Bei Ihnen, bei mir …
Ich will nicht behaupten, dass ich schon kolossal von Weihnachtsvorbereitungen vereinnahmt werden würde und deshalb Schreibzeitmangel herrschte, doch irgendwie meint das reale Leben auf seine ureigene Art, es hätte nun einmal Vorrechte gegenüber dem virtuellen. Es beschäftigt mich ausgiebig, und so ist das Bloggen auf meiner Yes-I-Can!-Liste momentan leicht nach hinten gerutscht. In solch einer Situation tätschle ich den Blog immer und streiche beschwichtigend über seinen Header – so wie man einem Kind über den Kopf streicht. Dazu murmele ich: „Alles gut. Ganz ruhig, deine Vernachlässigung ist eine temporäre Angelegenheit.“

Irgendwie besetzt die allgemeine, diese bescheidene aktuelle Lage generell den Kopf mit anderen Dingen. Es steht mir jedoch absolut nicht der Sinn danach, darüber zu schreiben! Es hemmt andererseits fraglos das sonst immer auftretende Sprudeln fremder, neuer Gedanken …
Unerwartet standen obendrein Krankenhausbesuche auf der Tagesordnung. Das hat zum Glück schnell ein Ende gefunden. Ein gutes Ende.
Worüber man noch herummuffeln könnte, sind die mistigen Tiefdruckgebiete der letzten ein oder sogar zwei Wochen, die einen mit ihren diversen Ausläufern und vor allem den massiven Luftdruckschwankungen regelrecht lahmlegen! Kollege Vollmond funkt zusätzlich beim Schlafen dazwischen …

Wintereinbruch in Norddeutschland am 22.11.2015 - Garten im Schnee

Tiefdruckgebiete und plötzlich Wintereinbruch im Norden am 22.11.2015

 

Lamentieren ist allerdings – als dauerhafte Einrichtung betrachtet – höchst öde und Sie werden mir nicht weismachen wollen, dass Sie wild darauf sind, so etwas hier nun ständig zu lesen. Ätzend, oder?
Also erzähle ich Ihnen etwas anderes.

Ich habe unterwegs einen Kaffee getrunken. In einer Bäckerei, in der man sich auch setzen kann. Dort ist es pickepackevoll im Moment, besonders seit am Tresen der Stollen mit ins Angebot aufgenommen wurde. Den kann man scheibenweise bekommen, und es gibt neben dem klassischen Dresdner Stollen noch diverse Stollenvarianten. Marzipanstollen, Rosinenstollen, Stollen ohne Orangeat und weitere.
So saß ich mit meiner Tasse dort, nah genug am Verkaufsgeschehen, wo mich Kunden- oder auch Verkäuferverhalten regelmäßig verblüfft und erheitert. Eigentlich überall, wo sich viele treffen, wo gewartet werden muss, wo hin und wieder neue Produkte angeboten werden, ist eine gute Ausgangslage für Gespräche wie diese:
„Haben Sie auch Stollen ohne Rosinen?“
Ohne Rosinen? Ja, der Pistazienstollen hat keine.“
„Aber der hat Pistazien.“
„Sagten Sie nicht, Sie wollten keine Rosinen?“
„Ja, aber Pistazien mag ich auch nicht!“
„Dann nehmen Sie doch Mohnstollen.“
„Also, wissen Sie, das ist irgendwie nicht wie Stollen …“

Achten Sie auch gern auf die Begleitpersonen, die in Warteschlangen ein wenig nutzlos herumstehen und noch schneller genervt sind, als der Einkaufende selbst.
„Müssen wir hier warten? Das dauert ja ewig.“
„Wir sind gleich dran.“
„Ich habe aber langsam Hunger …!“
Und wenn Sie jetzt denken, da spricht jemand mit seinem Kind, dann liegen Sie falsch. Ein Herr im Rentenalter murrt neben seiner Frau, die eine Weile versucht, geduldig mit ihm zu bleiben.
„Wir wollten beim Fischmann zu Mittag essen!“
„Ja, machen wir doch auch noch!“ Sie klingt mittlerweile gereizt. „Aber du wolltest doch gern die Franzbrötchen von hier haben, hast du gesagt!“
Er schweigt.
„Können die nicht mal schneller machen?“, setzt er kurz darauf sein Blubbern fort.
„Lothar, jetzt hör auf zu quengeln, setz dich da hinten hin und warte, bis ich dich hole!“
Zack! So geht das!
Bei einem gewissen Verhalten ab einem gewissen Alter spricht man offenbar wieder genauso wie mit einem störrischen Kleinkind. Oder man lenkt ab. Ich hätte ihm ja gewinnend lächelnd die Stollenproben rübergeschoben.
Ja, probier mal! Hier, die Sorte auch noch! Na, welcher ist besser? Ach, du bist nicht sicher? Hattest du die hier denn überhaupt schon gehabt? Nimm doch noch ein Stückchen …
Da geht schon Zeit drauf. Wahrscheinlich steckt er noch mitten in der Verköstigung, wenn das Franzbrötchen bereits bezahlt ist. Vielleicht ist dann das Problem, ihn von dort wieder wegzubekommen.

Den folgenden Satz habe ich – gerade wenn es voll war – auch schon relativ oft gehört:
„Hier gehe ich nie wieder einkaufen!“
Im Brustton der Überzeugung. Tja, und zwei Tage später trifft man sich dann wieder dort.

Wissen Sie, was ich unterwegs auch leicht amüsiert zur Kenntnis nehme?
Sätze wie: „Wollen wir da nachher jetzt hingehen?“
Gern fällt auch: „Da haben wir manchmal immer Obst geholt.“
Oder jemand wählt diese Kombination: „Du solltest ihn bald gleich anrufen.“
So etwas kommt viel häufiger vor, als Sie ahnen, und es sind keineswegs Sätze, die nur Kinder im Programm haben! Meist manchmal lassen es Erwachsene vom Stapel und merken tatsächlich oft nie, wie widersprüchlich es ihre Aussage macht.

Wo ich gerade Szenen aus dem Einkaufszentrum erwähne: Erinnern Sie sich noch an den Post, in dem mich vor einiger Zeit ein Zebra überholte? Es ging damals um die recht großen, stabilen Plüschtiere, auf denen Kinder hier reiten können und dabei tatsächlich vorwärts kommen. Es gibt neben Pferden, Zebras und einem Einhorn auch eine nette Kuh. Mein heimlicher Favorit!
Gemein ist allen, dass sie Rollen haben und bei Gefälle auch ohne antreibende Reitbewegung eigenmächtig ein bisschen weitergleiten. Sehr zur Irritation der jüngeren Reiter, wenn sie eine etwas gewölbte Brücke überqueren, ächzend den minimalen Anstieg wuppen und nach dem höchsten Punkt ohne eigenes Tun abrupt das Vieh die Kontrolle übernimmt.
So kann es passieren, dass hinter Ihnen plötzlich ein Cowboy leicht panisch brüllt:
„Die Kuh soll endlich bremsen!“
Was Mamas und Papas veranlasst, das unfolgsame Wesen beherzt am Schwanz zu greifen, auch wenn es lediglich  die Geschwindigkeit einer Schnecke hat.

Grad vorhin kam ich noch kurz mit jemandem an einer Ampel in der Nähe ins Gespräch. Die hiesigen 66 Straßenlampen, die ab November Acrylglasrohraufsätze mit LEDs im Innern erhalten und dadurch farbig leuchten können, waren das Thema. Sie sind mit einem Lichtsteuerprogramm einzeln anzusteuern und wechseln in gewissem Zeitabstand ihre Farbe. Es herrscht allerdings stets eine Zeitlang bei allen ein iden-
tischer Farbton, kein wilder, bunter Mix. Vorhin leuchteten alle in Grün.
Bis auf eine. Sie bevorzugte ein blasses Magenta.
Der Herr meinte, das würde das Gesamtbild komplett verhunzen, und man sollte die defekte Lampe schleunigst reparieren. Um gleich noch zu ergänzen, dass sich wahrscheinlich wieder kein Schwein darum kümmern wird.
Was soll ich sagen … Ich sehe es lieber so:
Es gibt eine rebellische Lampe. Das schwarze Schaf, das sich was traut. Und das ist gut so.

Herbstfärbung beim Brombeerblatt

Auch so ein schwarzes Schaf. Ein unverwüstliches Brombeerblatt, das sich selbst bei Schneefall noch am Trieb hält, bunt leuchtet und nicht abfallen will wie alle anderen …

 

Mir wird gerade bewusst, mit kurz um die Ecke kommen und einen Moment hineinschneien habe ich offenbar so meine Schwierigkeiten. Ich hocke hier schon wieder fest. Schluss jetzt.
Und Sie schließen jetzt sofort die Seite! So geht das einfach nicht!

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Sie können allerdings gern irgendwann wiederkommen …

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© by Michèle Legrand, November 2015
Andreas Grav (Ausschnitt)

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Der Gloria-Rufer und andere Ereignisse …

Das interne Tauziehen um den Blogpost dieser Woche endete gestern mit einem Sieg für den Gloria-Rufer über den dritten Bodensee-Teil. Meersburg wäre es diesmal gewesen. Es kann rein gar nichts für seine Niederlage!  Zeitaufwand und Ruheerfordernis beim Fertigstellen sind für einen See-Serienteil höher – und genau an der verfügbaren Zeit hapert es im Moment. So erwartet Sie stattdessen im Verlauf einer kleinen, entspannten Sonntagnachmittagskaffeeplauderei ein Einblick in Vorkommnisse der zurückliegenden Tage.

Wissen Sie, es gibt immer wieder einmal so gar nicht recht zusammenpassen wollende Dinge. Aktionen, Bilder, Eindrücke, die gefühlt in der präsentierten Kombination irgendwie misslungen wirken. Falsch erscheinen.
In anderen Momenten entstehen unter Menschen komische bis leicht bizarre Situationen. Auf ihre Art ebenfalls leicht daneben … Nur falsch erscheinen sie deshalb nicht automatisch.
Und es gibt selbstverständlich im Leben die ganz besonderen Augenblicke! Die wirken dann wiederum vollkommen und goldrichtig.  Keine Spur von daneben …
Die letzte Woche hatte von allem etwas parat.

Sollen wir loslegen? Stichwort Handel und Weihnachten.
Verzichten wir einfach auf eine grundsätzliche Diskussion über den frühen Verkauf von Schokoweihnachts-männern, das Augustangebot an Lebkuchen, schmelzenden Dominosteinen und Konsorten, das enorm zeitige Dekorieren von Lichterketten, Weihnachtsgirlanden, Tannenbäumen etc. Das Ergebnis einer solchen Debatte ist nämlich sowieso von vornherein klar: Alle beklagen die Vorgehensweise des Handels, aber an dessen Verhalten ändert sich darum noch lange nichts.
Wo Profit lockt …
Sich nur aufzuregen bringt also nicht weiter. Der Ärger macht nur hässliche Falten. Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass wir als Kunden nicht konsequent genug im eigenen Handeln sind. Wir ziehen nicht an einem Strang. Wir werden weich vorm Regal. Wir akzeptieren die Umstände zwar noch nicht, aber wir tolerieren sie. Wir meckern doch im Vergleich zu früheren Jahren mittlerweile bereits deutlich weniger, murren immer leiser, und irgendwann werden sie uns vermutlich komplett ruhig bekommen.
Die Gewöhnung macht’s. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.
Ihre Urenkel werden später überhaupt nicht mehr nachvollziehen können, was Ihren Puls beim Thema Adventszeit und Septemberstollen einmal hat losrattern lassen.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass bisher kein Ende in Sicht scheint mit der immer weiteren Vorverlegung der früher auf die echten Adventswochen beschränkten Vorweihnachtszeit. Stattdessen wird Jahr um Jahr immer noch ein bisschen eher mit Lichtern, Folie, Glitzerzeugs und erschlagenden Mengen an Weihnachtsmännern und anderen Süßigkeiten die Lieblingssaison des Handels eingeläutet.
Glauben Sie mir, nur die Tatsache, dass inzwischen Halloween zum Glücksfall für die Wirtschaft geworden ist und bis zum Gehtnichtmehr als weitere Einnahmequelle ausgeschlachtet wird, beschert uns bis zum
1. November noch ein wenig Ruhe vor weihnachtlicher Dekoration. Dass liebreizende Engel, Weihnachtskugeln und Goldhaar mit Gerippen, fies grinsenden Kürbissen und Kunstblut nicht so harmonieren, ist wohl für hartgesottene Verkaufsstrategen eine bittere Erkenntnis.

Wenn ich von Dingen spreche, die für mich nicht zusammenpassen wollen, dann ist z. B. dieses Weihnachten
im Spätsommer gemeint. In meinem Stadtteil gibt es von jeher Weihnachtsbuden sowie eine besondere Beleuchtung entlang der Straße. Vor zehn Jahren entstand aus diversen ursprünglich an der Straße platzierten Buden ein richtiger, ein kompakter Weihnachtsmarkt an einem zentralen Platz.
Als man damals zunächst damit begann, klammheimlich an der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung etwas zu verändern, gab es Proteste. Wegen des früheren Zeitpunkts, aber auch deshalb, weil es Verzicht bedeutete. Es war eine Abkehr von der Tradition! Es gab nämlich plötzlich keine herkömmliche Beleuchtung mit Stern- und Tannenzweigmotiv oder sonst einem weihnachtlichem Bezug, stattdessen bekamen sämtliche Straßenlampen große Acrylzylinder übergestülpt, in deren Säulen LED-Leuchten ein Licht in wechselnden Farben produzierten.
Was tat man, um die leidige Diskussion zu stoppen?
Man nannte es nicht mehr Weihnachtsbeleuchtung sondern Winterlicht.
Wen wundert es, im Laufe der Jahre setzte die Gewöhnung auch hier ein und ja, es sieht in der Dunkelheit attraktiv aus! Wesentlich schöner und freundlicher an einem kalten Abend als ohne bunte Beleuchtung!
Nur  – es verströmt keine weihnachtliche Atmosphäre mehr.

Der Weihnachtsmarkt mit seinen durch viele Lämpchen beleuchteten Holzhütten und der (unechten) Eisbahn, ist am Abend stimmungsvoll, nur machte auch er eine seltsame Entwicklung durch.
Gab es in den Anfangszeiten noch diese besonderen Tage, Volkstrauertag und Totensonntag, jene Tage, die man abwartete, bevor buntes Licht, Trubel und das große Geschäft im Advent begann, erfolgte der Startschuss für diese Aktionen immer früher im November. Natürlich wurde Protest laut!
Kann man doch nicht machen! Geht gar nicht! Vorweihnachtszeit ist erst im Advent!
Was tat man, um diese neue Diskussion zu ersticken?
Sie ahnen es. Man nannte es eben nicht mehr Weihnachtsmarkt, sondern Winterzauber. Der darf nun ohne Skrupel eher beginnen. Man gibt sich auf Organisatorenseite nun jeden November der leisen Hoffnung hin, dass es winterlich wird …

Der diesjährige Winterzauber wurde am 6. November, am Freitagmittag, eröffnet.  Keine Ahnung, warum am Mittag. Wesentlich mehr Atmosphäre würde am Abend bei Beleuchtung herrschen. Es hätten auch mehr Menschen Zeit und Gelegenheit teilzunehmen. Der Zulauf wäre entsprechend höher.
Wie auch immer, man kann sich nun stolz rühmen, den ersten Weihnachtsmarkt in ganz Hamburg zu haben, der in dieser Saison seine Tore öffnet. Moment! Weihnachtsmarkt?
Ertappt! Es ist doch nur pro forma ein Winterzauber! Reine Verschleierungstaktik.

Das Wetter fällt gerade wieder gnadenlos in den Rücken. Das Thermometer zeigte am Freitag +16 °C an. Ein milder, sehr feiner Sprühregen benetzte die Haare der Ice Girls. Die Cheerleader-Truppe der Freezers tanzte aus Anlass der Winterzauber-Eröffnung in ihren bauchfreien Trikots auf der Like-Ice-Fläche. Spätsommergefühle machten sich breit, und die wenigen Gäste, die dort außer geladener Presse (Fotografen) sowie prominenten und eher unbekannten Eröffnungsmitwirkenden erschienen waren, wären mit einem kühlen Cocktail anstelle des Glühweins vermutlich glücklicher gewesen. Bei Vogelgezwitscher zeigte sich der Herbst von seiner milden Seite.
Winterzauber! Pustekuchen! Tja, so läuft es halt, wenn man kurz nach dem Abbau des Oktoberfestzelts schon wieder die Weihnachtsbuden errichtet!
Nichtsdestotrotz ist die Existenz des Weihnachtsmarkts grundsätzlich absolut begrüßenswert, und natürlich ist es eine schöne Einrichtung für Wandsbek – sobald die richtige Zeit gekommen ist!

Worüber sprachen wir noch? Komische, bizarre Situationen erwähnte ich anfangs!
Ich empfand eine als solche.
Irgendwann in diesen Tagen befand ich mich auf einem belebten Gehweg in meinem Viertel. Lief dort nichtsahnend. Nach einer Weile hörte ich ein Stück weit hinter mir jemanden rufen.
„Gloria!“
Was macht man, wenn man einen fremden Namen hört? Richtig, gar nichts. Man geht weiter und achtet nicht näher darauf. Das Rufen wiederholte sich allerdings mehrfach.
„Gloria!“
Mensch, hoffentlich hat er sie bald eingeholt! Oder sie bemerkt ihn endlich und bleibt stehen!
So oder ähnlich ging es mir durch den Kopf. Die männliche Stimme klang inzwischen durchdringend laut und zunehmend ungeduldig. Es fiel mir schwer, das Gebrüll weiter zu ignorieren.
„Gloria! Jetzt warte doch mal!“
Die energische Stimme ertönte diesmal direkt hinter mir, und einen kleinen Moment später tippten mir zwei Finger auf die Schulter. Ich drehte mich erstaunt um.
Der Gloria-Rufer in den Vierzigern schaute verdutzt.
„Oh, du … Sie sind es ja gar nicht!“
„Nein.“
„Sie sehen aber von hinten wirklich genauso aus!“
„Aha …“
„Überhaupt sind Sie sich ähnlich. Sie sind verwandt, oder?“
„Nein, bin ich nicht.“
„Nicht? Sie kennen Gloria gar nicht?“
„Nein!“
„Ach, das ist aber schade!“
Ich war verblüfft über diese fast schon wehmütige Feststellung. So fragte ich zurück:
„Kennen Sie Jonas?“
Welchen Jonas denn?“
(Ach, kannte er zwei?)
„Den anderen …“, erwiderte ich ernsthaft.
„Also ich kenne gar keinen Jonas …“, stammelte er.
Ich hatte den Mann heillos verwirrt. Mein Mitgefühl erwachte, ein minimal schlechtes Gewissen meldete sich kurz darauf. Außerdem musste ich lachen, was eine weiterhin ernste Miene und ein Fortsetzen der kleinen Veräppelei verhinderte.
„Schauen Sie, ich kenne keine Gloria, Sie keinen Jonas. Es schadet uns jetzt aber nicht so dermaßen, oder?“
Keine Antwort. Die Überlegung dazu war offenbar noch nicht abgeschlossen.
„Tja, ich muss weiter. Sie sehen übrigens ein bisschen aus wie Peter.
Peter?“
„Ja. Von hinten. Kennen Sie Peter nicht?“
Er begriff und grinste nun ebenfalls.
(Reitet Sie auch manchmal so ein kleines Teufelchen?)

Ich bin weitergegangen und musste spontan an eine andere Begebenheit denken. Damals hatte sich in einer Schlange ein etwas älterer Herr zu mir gesellt, der nicht aufschaute, mir dafür aber eine ganze Weile etwas erzählte, weil er dachte, er stünde neben seiner Frau. Ich ließ ihn gewähren. Seine Gemahlin befand sich inzwischen drei Leute weiter vorne, was mir klar wurde, als sie sich irgendwann suchend nach ihrem Angetrauten umdrehte. Sie entdeckte ihn, wirkte irritiert und unterzog mich anschließend mittels kritischem Blick einer sehr genauen Prüfung.
Ich zog leicht die Schultern hoch, was meine Unschuld und leichte Hilflosigkeit demonstrieren sollte.
„Bernd, mit wem unterhältst du dich denn …?“, schallte es pikiert hinüber.
Beim Klang ihrer Stimme schaute er endlich auf. Blickte zunächst sie an. Dann mich. Mit der Erkenntnis kam postwendend eine überaus frische Gesichtsfarbe …
Das soll Männern und selbst Frauen gar nicht so selten passieren, wenn sie pärchenweise unterwegs sind! Der eine schaut hier, der andere hält dort, einer läuft unbeirrt weiter, der andere jedoch bremst oder biegt ab und irgendwann läuft man einem Fremden nach oder steht unbemerkt neben einem neuen Partner und unterhält sich angelegentlich – zumindest, bis der Irrtum auffliegt.
Ich sag’s Ihnen: Sie können unterwegs echt was erleben!

Eines möchte ich Ihnen heute am Schluss gern noch in eigener Sache mitteilen. Am Montag habe ich nichts Verrücktes, nichts Bizarres, aber dafür etwas Unvergleichliches erlebt. An dem Tag kam meine kleine Enkelin zur Welt. Eine wundervolles Menschenkind …
Im Gegensatz zu Gloria kenne ich sie. Darüber hinaus ist sie tatsächlich mit mir verwandt! Vielleicht ist sie mir sogar in irgendeinem Punkt ähnlich?
Jetzt. Später. Innerlich? Äußerlich?
Also von hinten ganz bestimmt!

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© by Michèle Legrand, November 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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Zecke. Baby. Im Hafen. Und Parken spezial. Kurzum: die Woche

36° C im Schatten. In Hamburg! Bei eher kälteerprobten, frosttauglichen Norddeutschen! Und es gab tagelang ähnliche Werte! (Ich weiß, anderenorts war es noch heftiger!)
Bei solchen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit fehlt es mir etwas an Elan. Ich habe dann relativ wenig Durchhaltevermögen. Sie wissen, wie lange der Tropfen eines leckenden Küchenwasserhahnes braucht, um im Spülbecken zu landen? Geht fix, oder? Sehen Sie, ich bin bereits groggy, bevor er landet! Auch die Konzentrationsfähigkeit sah schon erheblich besser aus.
Selbst mein Laptop zeigt erste Schwächen! Er ist halt auch Norddeutscher.

Ich dachte mir, vielleicht bin ich nicht die einzige, die hitzebedingt ab und zu fast schlurft und anstrengende Sachen meidet. Vielleicht laufen auch Sie nur noch auf Sparflamme und schwere Kost zum Lesen ist momentan überhaupt nicht Ihr Ding.
Mein Vorschlag wäre daher, ich erzähle Ihnen einfach von ein paar Besonderheiten der letzten Tage. Unkompliziert für Sie, entspannend für beide. Sie und mich. Falls ich abschweife, schweifen Sie mit. Das fällt momentan überhaupt nicht auf.

Premieren. Sie sind meist eine feine Sache. Ich war jedoch Part einer Premiere, auf die ich sehr gut hätte verzichten können. Mich biss, stach, biss … ach, wie auch immer es korrekt lautet, mich piesakte eine Zecke. Eine Hamburger Zecke – oder ein Quiddje, ein zugewandertes Exemplar. So etwas hat in Hamburg noch Seltenheitswert, daher versetzten mich sowohl Anwesenheit als auch Verhalten in Erstaunen.
Ich hatte mich nicht außerhalb in ländlicher Umgebung aufgehalten, war in der Stadt auf keiner Wiese, in keinem Park, im Garten nicht im Gebüsch gewesen. Ich trug am Tag des Überfalls zudem robuste Kleidung, war nicht etwa halb nackt! All das hat nichts genützt.
Man wird mitten in Hamburg von einer dreisten Zecke erklettert, die sich unter der langen Jeans zunächst am Kniestrumpf empor und später im Hosenbein hinauf bis zum Oberschenkel vorkämpft, um sich dort letztendlich festzusaugen. Ich habe sie nach Entdeckung eliminiert.
Nun hoffe ich, dass sie keine Borreliose-Erreger hinterlassen hat … Ein Bluttest ist leider erst nach acht Wochen möglich, und letztendlich bringt auch der nicht allzu viel. Er zeigt lediglich, ob sich Antikörper entwickelt haben. Wie jegliche Insektenangriffe, sehen auch die Nebenerscheinungen der Zeckenverköstigung bei mir nach Gemetzel und mindestens einer Monsterattacke aus. Doch nach jetzt sieben Tagen zieht es merklich ab. Zumindest das ist ein gutes Zeichen.

Am Montag ergab sich eine weitere Premiere der etwas anderen Art, als ich auf meinem Rückweg einen Moment auf einer Bank im Schatten pausierte. Neben mir den Platz belegte eine junge Mutter. Sie hatte ein Baby dabei, ein kleines Mädchen von vier Monaten, und ihren Sohn, etwa zweieinhalb Jahre alt. Das Gespann war ohne Kinderwagen unterwegs (der wartete im Kofferraum des anderswo geparkten Autos); so trug sie die Kleine auf dem Arm.
Der Knirps saß Eis schleckend zwischen uns. Als er meine Einkaufstasche mit der schwarz-weißen Zeichnung des Hamburger Hafens unten an den Landungsbrücken und am Alten Elbtunnel interessant fand und mir dazu mittelgroße Löcher in den Bauch fragte, kamen die junge Frau und ich ebenfalls ins Gespräch.
Gleich darauf gab es diesen kleinen Unfall mit seinem Eis. Es war im Pappbecher und bei der Hitze im Nu komplett flüssig geworden. Der Lütte hatte unvermittelt die Idee gehabt nachzuschauen, was wohl auf der Unterseite des Bechers stand, da landete die Soße komplett auf seinem T-Shirt. Auf seiner Brust. Er brüllte, denn die Tunke war offenbar immer noch recht kalt. Obendrein war sein schönes Eis futsch. Außerdem schien er mir einer zu sein, der generell enorme Vorbehalte gegen das Tragen eingedrecktes Kleidungsteile hegt.
Und er musste auf einmal. Ganz dringend!
Seine Mutter geriet langsam ins Schwitzen. Sie hatte – wie die meisten Mamas, die mit Nachwuchs unterwegs sind – eine Umhängetasche beachtlicher Größe dabei, die den halben Hausstand beherbergte. Woran es dennoch haperte? An einer ausreichenden Anzahl vor allem freier Hände. Das Baby begann bereits mitzuheulen. Aus Solidarität. Das ist wahre Geschwisterliebe.
Die Mutter der beiden schien in Windeseile nach einer Lösung zu suchen, wie sie den Großen schnellstmöglich zu einer Toilette bekam. Sie entschied sich kurzerhand für das „Bar Celona“ ein Stückchen weiter. Sie würde einfach durchstürmen Richtung WC. Es gab nur eines, was die flotte Aktion und das anschließende Umkleiden des Knaben sehr erschwerte: das gleichzeitige Tragen des Babys.

„Können Sie bitte kurz mein Baby halten?“, fragte sie mich. „Ich bin gleich wieder da …“
Schwupps, da hatte ich die kleine Madame im Arm, während sie sich ihren Sohn schnappte und mit ihm davonhastete.
Irgendwie muss ich verdammt vertrauenswürdig gewirkt haben, denn wer gibt schon sein Kind in die Obhut einer fast Fremden und begibt sich außer Sicht! Sein Baby! Ich glaube nicht, dass ich es an ihrer Stelle fertiggebracht hätte.
Die Kleine war derart verblüfft gewesen, dass sie vorerst das Heulen vergaß. Das musste man nutzen und diesen trockenen Zustand möglichst lang erhalten. Große Augen schauten mich sehr prüfend an.
Die sieht anders aus als Mama. Die kenne ich nicht. Wer ist das? Kann man der trauen? Was will die?
Die will dich unterhalten, kleines Fräulein. Mit einem netten Plausch, einem griffigen Armreif, der klappernden TicTac-Box, mit kitzelnden Haarspitzen und Fingermalereien auf dem Arm und der kleinen Handinnenfläche.
Wo blieb denn die Mama? Minuten können ganz schön lang werden …
Ich überlegte, ob ich den Weg Richtung „Bar Celona“ einschlagen sollte, den beiden ein Stück entgegengehen. Doch womöglich verpassten wir uns dabei. Wenn sie auf anderem Weg zurückkehrte, ihr Töchterlein und mich nicht vorfand, würde sie vor Schreck einen Herzanfall bekommen. Nicht auszudenken. Baby und ich blieben also auf der Bank. Gerade, als die Laune der Lütten merklich sank, kamen sie zurück.
Großes Hallo, Lob von allen für die junge Dame, die so brav gewesen war. Die Jüngste deutete daraufhin ein zauberhaftes Lächeln an. Sie hätte es jetzt womöglich noch länger bei mir ausgehalten …
Der große Bruder meinte indes: „Mama, holen wir jetzt ein neues Eis?“

Apropos Hafenmotiv und Landungsbrücken!
Am letzten Wochenende fuhr ich in den Abendstunden mit einer Barkasse von der Überseebrücke zum Hansahafen und später zurück. Es war keine reguläre Tour, sondern ein Sonderzubringerdienst zu einer Theatervorstellung im Hafenmuseum. Der junge Barkassenführer steuert aber wohl sonst die üblichen Hafenrundfahrten und bot auf der Rückfahrt an, für das kurze Stück entlang der Hafencity bis zum Anleger ein bisschen den Tourführer zu spielen und nebenher zu erzählen.
Sie wissen, wie man diese „Hafenführer“ hier bezeichnet? Als „He lücht!“ („Er lügt!“) Sie machen sich einen Spaß daraus, neben ansonsten korrekten und nüchternen Fakten haarsträubende Behauptungen einzubauen. Es lässt sich aber in 98 % der Fälle sofort erkennen, wann es Flunkerei ist. Manchmal geht es um ziemlich gefährliche Riesenfische, die hier angeblich in der Elbe leben, gern wird auch der Bau der Elbphilharmonie durch den Kakao gezogen. Oder es kommt etwas ganz anderes, wie bei meinem Steuermann an diesem Abend, der sehr vertraulich mitteilte:
„Mein Großvater war Kapitän auf der Titanic!“
(Ein Raunen unter den Fahrgästen der Barkasse.)
„Und mein Vater, der war Kapitän der Gorch Fock.“
(Wow! … Echt? … Moment! …).
„Ich bin ja nur Barkassenführer in Hamburg, aber es ist nett, dass Sie trotzdem mit mir mitfahren …“
(Dem He lücht! auf die Schliche gekommen. Gelächter.)

Hafen Hamburg am Abend - Blick Richtung Unilever-Haus (dahinter Marco-Polo-Tower) und Elbphilharmonie (links)

Hafen Hamburg am Abend – Blick Richtung Unilever-Haus (rechts, dahinter Marco-Polo-Tower) und Elbphilharmonie (links)

Hafen Hamburg - Abenddämmerung und Regen ...

Hafen Hamburg – Abenddämmerung und Regen …

Hafen Hamburg - An den Landungsbrücken - In dem erleuchteten Kuppelbau rechts befindet sich der Eingang zum Alten Elbtunnel

Hafen Hamburg – An den Landungsbrücken – In dem erleuchteten Kuppelbau rechts befindet sich der Eingang zum Alten Elbtunnel

War’s das?
Oh, einen Moment! Einen merkwürdigen Vorfall hätte ich noch!

Der trug sich zu, als ich bei Edeka etwas besorgen wollte. Der Parkplatz des Marktes war bis auf einen schmalen Platz direkt an der Zufahrt voll belegt. Zum Glück passte mein kleiner Hüpfer jedoch gut in diese Lücke hinein. Ich besorgte schnell das Gewünschte, und während ich an der Kasse stand, betrat vom Parkplatz her ein Mann den Laden, der die Kassiererin ansprach:
„Ich möchte nur Bescheid sagen. Vielleicht können Sie mal was durchsagen. Da hat …“
Weiter kam er nicht, denn die Kassiererin reagierte etwas unwirsch.
„Könnten Sie nicht einen Moment warten? Ich kassiere gerade!“
Der Herr geduldete sich zunächst. Offenbar dauerte es ihm zu lang, denn plötzlich drehte er auf dem Absatz und ging wieder hinaus. Kaum hatte sich jedoch die Tür hinter ihm geschlossen, öffnete sie sich wieder und verärgert marschierte er erneut zur Kasse.
„Also wissen Sie! Sie werden mir noch dankbar sein! Ich kann hier allerdings nicht ewig warten, also hören Sie mir jetzt bitte mal zu!“
„Ich bin gleich soweit.“ Die Verkäuferin blieb hartnäckig. Schließlich richtete sie ihre Augen auf ihn. „Was gibt es denn?“, fragte sie.
„Draußen hat jemand die Handbremse nicht angezogen, und nun ist der Wagen rückwärts aus der Parklücke gerollt und blockiert den ganzen Parkplatz. Die Parker im hinteren Bereich kommen nicht mehr raus. Können Sie den mal ausrufen? Das Kennzeichen ist HH-SK-XXX.“
Die Kassiererin tat wie ihr aufgetragen und brachte in ihren Text gleich eine gewisse Dramatik:
„Achtung, Achtung, verehrte Kunden! Eine wichtige Durchsage! Der Halter des Fahrezeugs mit dem Kennzeichen HH-SK-XXX wird sofort zu seinem Auto gebeten! Der Wagen rollt herrenlos und völlig unkontrolliert auf dem Parkplatz!“
Bereits der Klang ihrer Stimme vermittelte den Eindruck, das Auto liefe Amok. Sie fuhr fort:
„Sie haben vergessen, die Handbremse zu ziehen! Sie behindern andere Kunden und riskieren, dass Fahrzeuge beschädigt werden!“

Während ich bezahlte, meldete sich kein Kunde. Jedenfalls kam niemand mit hochrotem Kopf herbeigeeilt. Wahrscheinlich war derjenige gar nicht bei Edeka einkaufen, sondern hatte noch eine Besorgung anderswo erledigt. Ich war spontan recht froh, dass ich den Parkplatz vorne ergattert hatte.
So sah die Lage draußen aus:

Edeka - Parken ohne Handbremse ... (Wagen rollt führerlos zurück)

Edeka – Parken ohne Handbremse ….

(Sie sehen, es gibt ein gewisses Gefälle für den Wasserablauf. Das Ansteigen zur anderen Seite verhindert ein Weiterrollen und Zusammenstoßen mit dem Heck des Parkers gegenüber.)

Während ich meinen Einkauf im Kofferraum verstaute, erschienen die ersten Kunden, die nicht wegfahren konnten. Es wurde erregt diskutiert, geschimpft und verkündet, was man nun alles nicht rechtzeitig schaffen würde, weil man nicht wegkäme.
Wegen dem da …!

Ich habe mich nicht eingemischt, wunderte mich aber ein wenig. Was meinen Sie dazu? Wenn die Handbremse nicht gezogen ist und der Wagen so leicht rollt – warum kann man ihn nicht einfach zu zweit oder zu dritt zurück in die Parklücke schieben und einen Stein hinter das Hinterrad legen. Oder sonst etwas, was stoppt? Das müsste doch ganz leicht erledigt sein …

So. Stopp! Aus! Man schwatzt sich hier immer so fest! Ewig! Mittlerweile ist sogar die Witterung kühler geworden! Vielleicht liegt es ja daran, dass die Lebensgeister mit Macht zurückgekehrt sind! Selbst der Laptop arbeitet wieder ohne Zwischenschnaufer.
Trotzdem. Keine Verlängerung. Feierabend.

Schöne Tage! Schnell tief Luft holen, bevor die nächste Hitze da ist!
Bis demnächst!

© by Michèle Legrand, Juli 2015
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas …?

Er ist inzwischen genervt. Der Knabe hat die letzten Minuten mit dem bisher vergeblichen Versuch verbracht, die Verpackung eines original verschlossenen Playmobil-Sets zu knacken. Das Ding ist dermaßen zu, zuer geht es nicht.
Während viele (häufig) weibliche Wesen dazu tendieren, ein Objekt beim Öffnen der Verpackung relativ unzerstört zu belassen (selbst den schnöden Außenkarton!), kehrt mancher (meist) Mann nach einer Zeit – in der er zumindest gezeigt hat, dass er guten Willens war, es gesittet zu versuchen – den wilden Kerl heraus. Nach dieser Anstands- und Versuchsphase, also nach maximal drei Minuten, wird seine Vorgehensweise zielstrebiger, resoluter. Er schaltet um auf pure Gewalt.
Dieses junge männliche Wesen ebenfalls. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das wilde Reißen führt zum Teilerfolg; die Verpackung ist geöffnet. Allerdings hat die Methode auch einen Nachteil: Es fliegt die Hälfte des Inhalts in der Gegend herum.
„Ochhh! Mann! Oma, das ist doch voll Kacke!“, stellt der Zerrer frustriert fest.
„Pssschht! LEO! Das sagt man nicht!“, heißt es postwendend. Man hört, wie empört die Luft eingesogen wird.
Er vernimmt es gedämpft, denn er liegt bereits auf dem Boden, um die Einzelteile einzusammeln. Jetzt erscheint sein Kopf oberhalb der Tischkante:
„Ja, aber, das ist doch wirklich Kacke! Wie kam man das so blöd verpacken! Oma, ich meine ja nicht, dass Playmobil doof ist. Also, dein Geschenk! Nur, dieser Kackkarton!“
Oma beherrscht sich. Sie erwidert äußerlich ruhig:
„Leo, das habe ich schon richtig verstanden! Aber dieser Ausdruck mit Kacke, der muss doch nun wirklich nicht sein! Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas? In der Schule?“
Leo ist Grundschüler. Geschätzt ein Zweitklässler.
„Nein. Das habe ich nicht aus der Schule.“ Er zögert. Sein Blick geht zur kleineren Schwester, die vier oder fünf Jahre alt ist. „Lina kennt das auch …“
„Ach, dann stammt das aus dem Kindergarten?“, fragt Oma nach.
Lina bestreitet es kategorisch.
„Nun, ist im Grunde ja auch völlig egal. Doch ich möchte das nicht hören, habt ihr verstanden?“
Die beiden nicken.
Lina hat es leichter mit ihrem Geschenk. Es ist ein locker in buntes Papier gewickeltes Puppenkleid. Oma nimmt ihr das soeben entfernte, fast unversehrte Papier ab. Sie faltet es. Auch so ein weiblicher Zug. Könnte man ja eventuell wiederverwenden …
Sie sitzen noch ein Weilchen zusammen am Tisch und verdrücken ihr Eis. Die neuen Playmobil-Männchen werden in die Handlung eingebunden. Leo nimmt eine Figur als Polizisten (eigentlich ist das Männeken ein Bauarbeiter), eine zweite als Verbrecher. Die beiden geraten in eine Schlägerei. Der Verbrecher landet im Knast (dem leeren Playmobil-Karton) und heult. So hört es sich an. Der Polizist stürzt bei dem heldenhaften Einsatz von der Tischplatte. Das Mädchen zeigt eine fürsorgliche Ader und füttert (angedeutet) den nicht heulenden, jedoch leicht verletzten, sichtbar humpelnden Gesetzeshüter mit den bunten Streuseln, die ihr Eis zieren. Ihre (dritte) Figur ist eine Frau – die ebenfalls schwer einem Bauarbeiter ähnelt. Nein, eine Frau, sagt sie, eine Frau Doktor, und Streusel sind Medizin.

Ein Mann nähert sich zielstrebig dem Tisch.
„Hallo, Papa! – „Papa, Papa!“ erschallt es im Chor.
„Na, ihr … – Tach, Mutti.“ (Die Familienverhältnisse wären geklärt.)
Küsse werden verteilt. Danach rutscht er mit auf die Sitzbank. Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Irgendwann zieht Papa sein Smartphone heraus, tippt und wischt herum, stutzt und vermeldet erregt:
„Das gibt es doch nicht! Jetzt ist dieser elende Akku schon wieder leer! Das ist doch voll Kacke!“

Sie können sich sicher ausmalen, wie die Reaktion auf allen Seiten ausfiel …

Diese kleine Begebenheit wird heute spontan eingeschoben, da sie sich sympathisch kurz wiedergeben lässt. Das wiederum kommt mir momentan sehr entgegen, denn dummerweise kann ich zurzeit den Kopf nicht richtig drehen, heben oder senken und dadurch nicht lange am Laptop arbeiten. Irgendein blöder Nerv rebelliert.
Voll Ka..e! (Verzeihung. Aber es trifft’s.)
Dies also als Hallo zwischendurch und gleichzeitig als Hinweis, dass Salut! (4) noch ein wenig braucht.

Ihnen ein nettes Wochenende, fröhlichen Nikolaus sowie einen schönen zweiten Advent!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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