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Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas …?

Er ist inzwischen genervt. Der Knabe hat die letzten Minuten mit dem bisher vergeblichen Versuch verbracht, die Verpackung eines original verschlossenen Playmobil-Sets zu knacken. Das Ding ist dermaßen zu, zuer geht es nicht.
Während viele (häufig) weibliche Wesen dazu tendieren, ein Objekt beim Öffnen der Verpackung relativ unzerstört zu belassen (selbst den schnöden Außenkarton!), kehrt mancher (meist) Mann nach einer Zeit – in der er zumindest gezeigt hat, dass er guten Willens war, es gesittet zu versuchen – den wilden Kerl heraus. Nach dieser Anstands- und Versuchsphase, also nach maximal drei Minuten, wird seine Vorgehensweise zielstrebiger, resoluter. Er schaltet um auf pure Gewalt.
Dieses junge männliche Wesen ebenfalls. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das wilde Reißen führt zum Teilerfolg; die Verpackung ist geöffnet. Allerdings hat die Methode auch einen Nachteil: Es fliegt die Hälfte des Inhalts in der Gegend herum.
„Ochhh! Mann! Oma, das ist doch voll Kacke!“, stellt der Zerrer frustriert fest.
„Pssschht! LEO! Das sagt man nicht!“, heißt es postwendend. Man hört, wie empört die Luft eingesogen wird.
Er vernimmt es gedämpft, denn er liegt bereits auf dem Boden, um die Einzelteile einzusammeln. Jetzt erscheint sein Kopf oberhalb der Tischkante:
„Ja, aber, das ist doch wirklich Kacke! Wie kam man das so blöd verpacken! Oma, ich meine ja nicht, dass Playmobil doof ist. Also, dein Geschenk! Nur, dieser Kackkarton!“
Oma beherrscht sich. Sie erwidert äußerlich ruhig:
„Leo, das habe ich schon richtig verstanden! Aber dieser Ausdruck mit Kacke, der muss doch nun wirklich nicht sein! Sag mal, wo lernt ihr denn so etwas? In der Schule?“
Leo ist Grundschüler. Geschätzt ein Zweitklässler.
„Nein. Das habe ich nicht aus der Schule.“ Er zögert. Sein Blick geht zur kleineren Schwester, die vier oder fünf Jahre alt ist. „Lina kennt das auch …“
„Ach, dann stammt das aus dem Kindergarten?“, fragt Oma nach.
Lina bestreitet es kategorisch.
„Nun, ist im Grunde ja auch völlig egal. Doch ich möchte das nicht hören, habt ihr verstanden?“
Die beiden nicken.
Lina hat es leichter mit ihrem Geschenk. Es ist ein locker in buntes Papier gewickeltes Puppenkleid. Oma nimmt ihr das soeben entfernte, fast unversehrte Papier ab. Sie faltet es. Auch so ein weiblicher Zug. Könnte man ja eventuell wiederverwenden …
Sie sitzen noch ein Weilchen zusammen am Tisch und verdrücken ihr Eis. Die neuen Playmobil-Männchen werden in die Handlung eingebunden. Leo nimmt eine Figur als Polizisten (eigentlich ist das Männeken ein Bauarbeiter), eine zweite als Verbrecher. Die beiden geraten in eine Schlägerei. Der Verbrecher landet im Knast (dem leeren Playmobil-Karton) und heult. So hört es sich an. Der Polizist stürzt bei dem heldenhaften Einsatz von der Tischplatte. Das Mädchen zeigt eine fürsorgliche Ader und füttert (angedeutet) den nicht heulenden, jedoch leicht verletzten, sichtbar humpelnden Gesetzeshüter mit den bunten Streuseln, die ihr Eis zieren. Ihre (dritte) Figur ist eine Frau – die ebenfalls schwer einem Bauarbeiter ähnelt. Nein, eine Frau, sagt sie, eine Frau Doktor, und Streusel sind Medizin.

Ein Mann nähert sich zielstrebig dem Tisch.
„Hallo, Papa! – „Papa, Papa!“ erschallt es im Chor.
„Na, ihr … – Tach, Mutti.“ (Die Familienverhältnisse wären geklärt.)
Küsse werden verteilt. Danach rutscht er mit auf die Sitzbank. Die Unterhaltung nimmt ihren Lauf. Irgendwann zieht Papa sein Smartphone heraus, tippt und wischt herum, stutzt und vermeldet erregt:
„Das gibt es doch nicht! Jetzt ist dieser elende Akku schon wieder leer! Das ist doch voll Kacke!“

Sie können sich sicher ausmalen, wie die Reaktion auf allen Seiten ausfiel …

Diese kleine Begebenheit wird heute spontan eingeschoben, da sie sich sympathisch kurz wiedergeben lässt. Das wiederum kommt mir momentan sehr entgegen, denn dummerweise kann ich zurzeit den Kopf nicht richtig drehen, heben oder senken und dadurch nicht lange am Laptop arbeiten. Irgendein blöder Nerv rebelliert.
Voll Ka..e! (Verzeihung. Aber es trifft’s.)
Dies also als Hallo zwischendurch und gleichzeitig als Hinweis, dass Salut! (4) noch ein wenig braucht.

Ihnen ein nettes Wochenende, fröhlichen Nikolaus sowie einen schönen zweiten Advent!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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