Archiv für die Kategorie Geschichten / Menschliches Verhalten

Vielfalt … fremdgemischt

Es gibt Zeiten, in denen einem unheimlich viel durch den Kopf geht. Nüchtern ausgedrückt würde ein Mensch es vermutlich als eine natürliche Reaktion auf die Vielzahl von Ereignissen bezeichnen, die sein Leben gerade für ihn parat hält. Wenn Sie so wollen, ist es eine Verarbeitung der komprimierten Vielfalt, die ihm präsentiert wird. Präsentiert entweder als wilder Haufen in kürzester Zeit, als eine Mixtur, die einen über Wochen und Monate auf Trab hält oder als eine Kombination aus beidem.

Vielfalt dieser Art ist nicht ganz ohne. Nicht ohne? Moment, ist Vielfalt nicht wünschenswert? Die Würze im Leben. Etwas, das für Abwechslung im Alltag sorgt, Highlights hineinschummelt und so das Aufkommen von Langeweile verhindert?
Ein irgendwie interessantes Phänomen, dass der Begriff Vielfalt – von der ersten Empfindung her – positiv besetzt ist und sich doch im nächsten Moment zeigt, es handelt sich in dieser undifferenzierten Form nur um ein nachlässig entstandenes Vorurteil.
Hinzu kommt: Gerade das Beispiel Vielfalt demonstriert exzellent, dass das Vorhandensein eines Vorurteils keineswegs automatisch mit der negativen Betrachtung und dem abwertenden Urteil über etwas (Objekt, Situation, Person) einhergehen muss.
Obwohl wir Vorurteil gefühlt stets mit Negativem in Verbindung bringen, es gibt auch positive Vorurteile! Die sind allerdings nicht besser, nur anders. Ein positiv ausfallendes Vorurteil formt sich unter Umständen aufgrund des Aussehens oder der Kleidung eines Menschen, entsteht automatisch auch im Fall von verklärtem Wunschdenken … und eben bei der Einschätzung der ach so tollen Vielfalt, die – sobald sie nicht selbst geformt sondern fremdgemischt untergeschoben wird und zudem höchst unausgewogen ist – ganz schnell ihren blauäugig angenommenen, selbstverständlichen Liebreiz verliert.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich heute darüber auslasse. Ich eiere im Grunde herum. Nähere mich an … Ich möchte erzählen, was mich bewegt und beschäftigt, und gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht alles im Detail mit der Öffentlichkeit teilen kann und werde.

Mich fordert das, was das Leben mir seit einiger Zeit an Vielfalt zusammenmischt, enorm. Ich sehe durchaus, dass es nicht nur Strapaziöses/Negatives ist, denn ich bin verdammt gut im Finden von Lichtblicken, freue mich schon über Winzigkeiten, weiß gegenzusteuern, und bereits fünf Minuten Ruhe geben mir viel. Abgesehen davon passierte zwischendurch auch Superschönes, so ist es ja nicht. Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich habe eine derart fordernde Mixtur nicht bestellt und würde liebend gern ein Weilchen die Annahme verweigern.

Beispiel?
Saßen Sie schon einmal zwischen zwei Menschen, von denen der eine später umgebracht, der andere dessen Mörder wurde? Auch wenn Sie dem Opfer letztendlich gar nicht eng verbunden waren, ein brutaler Mord erschüttert, und wenn dieses Opfer – ein junger, freundlicher Mensch – einem Ihrer unmittelbaren Angehörigen nahestand, fühlen Sie mit.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie obendrein fürchten müssen (berechtigt oder nicht kann einem in dem Moment niemand sicher sagen), dass Ihre Familie womöglich selbst Ziel des offensichtlich kranken Täters werden könnte? Sie Schutzmaßnahmen ersinnen?
Würden Sie sich schämen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie erleichtert darüber sind, dass der Täter Selbstmord begeht (und somit keine Bedrohung mehr darstellt)?

Sind Sie womöglich auch mit viel Krankheit im familiären Umfeld konfrontiert? Sind Angehörige eventuell Pflegefälle? Scheinen manchmal die 24 Stunden des Tages einerseits hinten und vorne nicht auszureichen und andererseits hält die Energie manchmal nur noch für die Hälfte des Tages?
Der ewige Akt mit sämtlichen Beteiligten und (ungern) Zuständigen, damit alles irgendwie läuft. Behörden, Krankenkasse, Pflegekasse, Ärzte, ambulanter Pflegedienst. Auftreiben der Hilfsmittel, Verordnungen, Genehmigungen, der Formularwust … Unvorhergesehenes, das alles durcheinanderwirbelt. Die Stöcke, die einem zwischen die Beine fliegen, wenn man denkt, es hätte sich gerade eingespielt.

Ein unverschuldeter Autounfall mit Blechschaden. Der Gegner sieht die Sache aber anders. Es klärt und klärt sich nicht, das Auto kann seit Wochen nicht zur Werkstatt.

Der Rettungseinsatz in den heimischen vier Wänden, bei dem die Besatzung des Rettungswagens nicht ausreicht, die Feuerwehr dazugerufen wird und letztendlich acht Mann den verletzten Kranken aus der Not-
situation befreien. Krankenhausaufenthalt über Wochen, die plötzliche Ankündigung der Entlassung, jedoch keine Aussicht mehr, die Pflege in diesem Zustand wie bisher weiterhin zu Hause schaffen zu können. Unter extremen Zeitdruck die schwierige Suche nach einem möglichst nahe gelegenen, freien Kurzzeitpflegeplatz …
Zustandsverschlechterung, zweimalige Verschiebung der Entlassung, deren Ankündigung einem sowieso unbegreiflich erscheint. Weitere befremdliche Erlebnisse im Krankenhaus. Erneute, massive Verschlechterung, die Ärzte sehen keine Behandlungsmöglichkeiten mehr.
Am Dienstag hieß es Abschied nehmen von meinem Stiefpapa, der mir über vierzig Jahre mehr Papa war als der leibliche es jemals sein konnte. Sorge um die Mama …

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Vorbehalte gegen die Vielfalt. Gegen diese fremdgemischte, aufgezwungene Vielfalt, die so kolossal anstrengt, die müde und traurig macht.

Wenn ich also weiterhin hier im Blog nicht so präsent bin – ich muss ein wenig haushalten mit den Kräften, muss andere Prioritäten setzen, aber lese dennoch gern bei allen Bloggerkollegen mit. Ich bitte nur um Verständnis, dass es oft mit Verspätung erfolgt, mir nicht immer die Zeit bleibt, ausführlich zu kommentieren oder die Energie da ist, mich irgendwo in Diskussionen einzuschalten. Ich habe alles eher auf Sparflamme laufen.

Bevor ich mich nun für dieses Mal verabschiede, proste ich Ihnen noch schnell zu und zwar mit Kakao, einer guten Nervennahrung. Die kleine Enkelin (3,5 J.) meinte übrigens kürzlich beim Frühstück: „Kakao ist mein liebster Kaffee.“
Und ihren aus dem Brötchen gebrokelten Teigknödel untersuchend, entwickelte sich obendrein via das Thema Roggenmehl ein Gespräch über Getreide allgemein. Wir hatten am Wegrand am Vortag bereits Gerste entdeckt und auf einer Verpackung war eine Roggenähre zu sehen. Sie interessierte dich für das unterschiedliche Aussehen und wollte auf einmal Details wissen, um selbst zu erkennen, was was ist. Ja, da staunt man!
Gut, ich habe es ihr altersgemäß erklärt, meine eigene Eselsbrücke zum schnellen Bestimmen versteht sie erst später, wenn sie Lesen und Schreiben kann.

Doch ich frage bei der Gelegenheit einmal hier nach: Wenn man Sie zur Bestimmung an den Feldrand stellte, könnten Sie die Hauptgetreidearten auseinanderhalten?
Hafer ist speziell und gut zu bestimmen, nur wie ist es mit den anderen Getreidesorten? Welche Halme haben oben Grannen, diese borstenartigen Spitzen? Und bei welcher Art von Getreide sind sie kurz, wo lang? Was ist ohne? Falls Sie hin und wieder unsicher sind, ich merke es mir gern damit:
.

Gerste fängt mit einem großen G an –>  hat große (lange) Grannen.
Roggen hat lediglich kleine Gs im Wort –> besitzt nur kleine Grannen.
Weizen hat überhaupt kein G –> hat gar keine Grannen.

.
.

Wundern Sie sich bitte nicht über den Themenwechsel am Ende. Es ist einfach meine Art, zur Normalität zurückzukehren und auf sicherem Weg schnell zur alten Gelassenheit zurückzufinden.

.

Schöne Pfingsten und bis zum nächsten Mal!

.
.

©by Michèle Legrand, Juni 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

Werbeanzeigen

, , , , , , ,

65 Kommentare

Ruhe nach dem Sturm …

28. Dezember. Und so etwas wie Ruhe nach dem Sturm …
Ich möchte nicht mit so Offensichtlichem beginnen wie: Das Jahr ist fast vorbei.
Genauso verzichte ich auf ausufernde Erklärungen, warum es länger keinen Beitrag gab.
Nur so viel: Sie hätten absolut nichts davon gehabt. Selbst, wenn Sie zu denjenigen gehören, deren Interesse sich sogar bei Kranken- bzw. Krankenhausgeschichten und Krankenkassenmerkwürdigkeiten laut mit: Hier! Hier! meldet, glauben Sie mir, Sie sind entschieden besser ohne das alles dran. Der Stoff taugt nicht viel.

Stattdessen werde ich nun schnurstracks Freundlicheres, Positives zusammenklauben. Ich beschwor zudem, bevor ich mich überhaupt an den Laptop setzte, die Vorstellung herauf, dass man Erinnerungsfetzen belastender Art wie die Luftbläschen einer Noppenfolie behandeln muss. Man sortiert sich, schaut welcher Ballast aus dem Kopf schleunigst entlassen werden muss und lässt den Kram wie Bläschen platzen. Eine
Blase nach der anderen. Plopp, plopp, plopp …
Sie wissen, wie befreiend dieses Plattdrücken der Knubbel sein kann. Plopp! Hinfort mit dem Zeug!

Plopp ist worttechnisch nicht weit entfernt von peng. Genau dieses Wort las ich in einem eigenartigen Zu-
sammenhang auf einem Werbeschild: „Kinder-Peng“
Ist Ihnen dieser Begriff schon untergekommen? Er war mir bisher fremd. Er bezieht sich nicht auf platzende Kinder oder das Abschießen Minderjähriger, sondern auf harmloses Silvesterfeuerzeug für die Jüngeren. Knallerbsen, Knallplättchen & Co.. Ich kann mich noch nicht so mit dieser Wortschöpfung anfreunden.
Als was würden Sie – folgerichtig gedacht – Böller für Volljährige bezeichnen, die leider nicht so richtig zünden? Richtig, Erwachsenen-Puff. Was sich erstaunlich schnell nach ganz anderem Milieu anhört …

Peng klingt reichlich comicartig, oder? Ritsch! Tapp-tapp! Knister, pffft-zisch! Blitz-blink-blink! PENG! … Plopp! Die Kurzversion von Streichholz (und Lunte) wird angezündet, Mensch rennt weg, Zündschnur brennt ab, Rakete wird gestartet, steigt auf, Feuerwerk leuchtet, Beiwerk knallt … und mit etwas Verzögerung landet der Raketenstab im Vorgarten.

Ehe ich davon abkomme, hatten Sie eigentlich schöne Weihnachtstage? Ich hoffe, es lief für Sie entspannt und harmonisch oder Sie können sich nach viel Trubel zumindest jetzt im Nachhinein noch ein bisschen ausruhen und erholen.
Kommt es Ihnen auch so vor, als sei das Jahr wieder extrem schnell vergangen?

Je schneller die Zeit gefühlt für alle vergeht, umso hektischer verhalten sich Menschen. Auch an den Ampeln. Ob es Autofahrer oder Fußgänger sind, die auf Grün warten, es spielt keine große Rolle. Stets scheint es viel zu lange zu dauern, ehe sich etwas tut. Ich hege den Verdacht, wenn Menschen Hufe hätten, würden sie mit ihnen scharren.
Im Fall von Passanten können Sie tendenziell hibbelige Zeitgenossen gut erkennen, denn der Grad der Un-
geduld und Nervosität zeigt sich hervorragend an der Art und Weise, wie der Druckknopf einer Ampelanlage bedient wird.

Ein Oberhektiker haut drauf – und zwar nicht einmal, sondern mehrfach. Sagt nach fünf Versuchen, die im halbsekündlichen Abstand erfolgten: „Das Scheißding ist kaputt.“
Der Supergründliche hingegen drückt intensiv, presst, presst weiter und zuckelt zur Sicherheit zusätzlich noch ausgiebig am Nüpsel an der Unterseite des Kastens. Für alle Fälle.
Beiden könnte man einen Eid auf die Aussage schwören, dass durch keine ihrer Aktionen irgendetwas beschleunigt wird, sie würden es bei nächsten Mal wieder so versuchen. Darunter geht es einfach nicht.

Der Verpeilte – oftmals mit versunkenem Blick aufs Handydisplay – wartet ohne zu drücken und geht davon aus, alles läuft automatisch. Dass es an vielen Ampeln zumindest am Wochenende nie ohne Drücken funktioniert, lernt er nicht. Er ist dadurch – beim zufälligen Aufblicken vom Handy – immer wieder völlig überrascht, wie lange das dauert. Wird ihm diese Tatsache bewusst, bricht auch bei ihm die Hektik aus.

Ich liebe Menschen, die nicht glauben, dass mein leichtes Auflegen der Hand vollkommen ausreicht. Die An-
zeige kann schon rot leuchten, dennoch wird der Kasten danach energisch bearbeitet. Permanent mit dem Handballen behämmert! Gern mit der etwas jovialen Anmerkung in meine Richtung:
„Lassen Sie mich mal ran. So leicht, wie Sie da eben gedrückt haben, kann das ja nichts werden.“
Oder kennen Sie die, die erst angehetzt kommen, es knapp nicht mehr schaffen, genervt fluchen, die Wartezeit mit dem Handy überbrücken und es beim nächsten Grün verpassen loszugehen? Das sind dieselben, die dann entgeistert schauen und entrüstet hinterherschicken: „Viel zu kurz, die Grünphase!“

Gestern liefen ein Vater und sein kleiner Sohn im Galopp auf eine Ampel zu. Eigentlich war reichlich Zeit, denn die Autos hatten eben erst Grün bekommen. Der Wettlauf fand offensichtlich mehr mit dem Ergeiz statt, derjenige zu sein, der den Knopf drückt. Vadder kannte keine Zurückhaltung. Er erreichte keuchend den Druckkasten, patschte drauf und brüllte:
„Erster!“
Zwei Schritte hinter ihm der maximal fünf Jahre alte Filius, der kurzzeitig losknatschen wollte, dann jedoch mustergültig Fassung bewahrte und triumphierend rief:
„Zweiterster!“

Genauso muss man das Leben nehmen! Grundsätzlich ist sinnloses Hetzen vergeudete Energie. Auf die Ampel bezogen kommt hinzu: Irgendjemand drückt sowieso. Aber ganz generell, wenn Sie nicht überall Erster sind – meine Güte, dann sind Sie eben Zweiterster. Davon geht die Welt nicht unter … Und Sie schonen Ihre Nerven und Kraftreserven für Wichtigeres.

Wo ich auf erstaunlich wenig hektische, drängelnde Menschen stieß, wird den ein oder anderen unter Ihnen vielleicht auch überraschen: Ausgerechnet im Gewühl auf dem großen Historischen Weihnachtsmarkt, der traditionell auf dem Hamburger Rathausplatz stattfindet!
.

Rathausmarkt – Historischer Weihnachtsmarkt 2018
.
Ich hatte in diesem Jahr gar nicht damit gerechnet, es überhaupt dorthin zu schaffen, doch kurz vor Weih-
nachten bot sich eine Gelegenheit. Sogar im Dunkeln! Ein Besuch inmitten des Lichtermeers aus bunten Lampen, Kerzen und Sternen macht die ganze Angelegenheit sehr stimmungsvoll.
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Weihnachtsmann im Schlitten

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Der fliegende Weihnachtsmann ….

.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick auf Lichterpyramide, Adventskranz und Portal, das Richtung Kleine Alster führt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt

.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick von der Mönckebergstraße auf Portal und Rathaus im Hintergrund

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Blick von der Mönckebergstraße Richtung Eingangsportal und Rathaus

.

Ungeachtet der Kürze der Zeit stieß ich auf ein paar Neuigkeiten.

Wer mit Glücksbringern aus Metall liebäugelte, der hatte in diesem Jahr die Möglichkeit, sich den eigenen oder den Namen seiner Lieben z. B. in ein Hufeisen einstanzen/-gravieren zu lassen.
(Bei Interesse: Glücksschmiede von Thomas Hammer)

Oder Sie konnten mit einer Fotodatei von Ihrem Handy bzw. der Kamera zu einem Stand gehen und sich dort in Münzform Schlüsselanhänger anfertigen lassen, auf denen Ihr Wunschfoto auftaucht. Wisch- und wetterfest. Personalisierte Schlüssel oder spezielle Anhänger für  z. B. Taschen und Koffer. Wobei es wirklich jedes Motiv sein kann, es muss nicht das Konterfei des Besitzers herumgetragen werden.

Neu auch in diesem Jahr für Puzzlefreunde mechanische 3D-Puzzle aus 100 % Holz, sehr raffiniert gesteckt! Sie brauchen keinerlei Kleber oder irgendwelche Chemikalien, damit es zusammenhält.
(Bei Interesse: Fa. My3DModel)
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - My3DModel - 3D-Puzzle, z. B. Globus, Windmühle, Riesenrad, diverse Fahrzeuge etc.

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – 3D-Puzzle

.
Glasbläserkunst …
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

.

Es grüßt Sie alljährlich die Affenbande ….
.
Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathaus - Plüschtiere (Orang-Utans, Schimpansen, Pavian,, Löwe, Löwin, Elefant etc. )
.
Heimeliges Licht in den einzelnen Gassen …
.
Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus - Stand mit Kerzen, Salzlichten und Sternen
.
Was mir ausnehmend gut gefallen hat, sind die kunstvollen Bretter, die von zwei Künstlern in einer Werkstatt in den Cevennen in Südfrankreich unter Verarbeitung unterschiedlicher (Stirn-)hölzer hergestellt werden.
(Bei Interesse: Augenweide, Cevennen)
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Holzbretter von Augenweide (aus mehreren, unterschiedlich farbigen Hölzern kunstvoll gearbeitete Schneidebretter)

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Holzbretter von Augenweide

.
Unter „Augenweide“ werden Sie im Netz schnell auf die Webseite stoßen. Schauen Sie sich die Bilder dort an. Auch die Elbphilharmonie gibt es als Holzarbeit!
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Modelleisenbahn fährt auf Strecke über den Ständen

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Die Modelleisenbahn fährt auf einer Strecke oberhalb der Stände

.

Jungfernstieg – Weißer Zauber 2018

Der Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg („Weißer Zauber“, direkt an der Binnenalster) hat sogar jetzt nach Weihnachten noch bis zum 30. Dezember geöffnet.
.

Hamburg - "Weißer Zauber" am Jungfernstieg - Weihnachtsmarkt mit weißen Pavillonzelten (beleuchteter Stern auf der Spitze) sowie blauen Lichtergirlanden in den Bäumen

Hamburg – „Weißer Zauber“ am Jungfernstieg

.
Blick in den Neuen Wall …
.

Hamburg - Weihnachtszeit - Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall - In der Weihnachtszeit erscheint der Straßenname als Leuchtgirlande über der Straße)

Hamburg – Weihnachtszeit – Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall

.

Immer wieder schön der Anblick der Alsterdampfer am Anleger, die zu Märchenschiffen umgestaltet werden …
.

Hamburg - Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

Hamburg – Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

.
Blick hinüber Richtung Ballindamm und Hapag Lloyd. Im Dunkeln sitzen die Möwen auf den Dächern der ankernden Alsterboote …
.
Hamburg - Blick Richtung Ballindamm und Hapag LLoyd - Möwen lieben die Dächer der Alsterboote ...
.
Beim „Weißen Zauber“ eine Auswahl an Tüchern aus Wolle und Cashmere. Ein sehr angenehmes Gefühl, über die weichen Stoffe zu streichen …
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tücher und Schals aus Wolle und Cashmere

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tücher und Schals

.
Merkwürdige Wesen finden sich hier …
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tonfiguren (u. a. als Räucherkerzenhalter)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tonfiguren

Falls Sie nach einem auffälligen Einkaufsroller suchen, es gibt Modelle mit farblich sehr intensiven und lebhaften geometrischen Mustern, mit Stadtansichten, Wahrzeichen, Tieren (Eule u. a.), Bambusdesign, Gummibärchen, Fußbällen u. a.  Die Trolleys sind optisch das komplette Gegenteil zu den herkömmlichen Einkaufsrollern, die in den dezent-matten Unifarben Grau, Dunkelblau, Burgunder oder Anthrazit daherkommen. Als Gestänge dient ein Standardmodell, Sie aber suchen sich den Rest dazu nach eigenem Geschmack aus.
(Bei Interesse:James, der kultige Einkaufsbutler“)
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - James, der kultige Einkaufsbutler (sehr farbenfrohe Einkaufsroller in diversen Designs)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – James, der kultige Einkaufsbutler

.

Mein – im Vergleich zu den in der City stattfindenden – sehr überschaubarer Bezirks-Weihnachtsmarkt mit kleiner Eislauffläche („Wandsbeker Winterzauber“) hat ebenfalls weiterhin geöffnet. Der Umstand passte meiner Familie und mir ausgezeichnet, denn so konnten wir – Premiere! – zusammen mit dem jüngsten Spross während der Festtage zwischendurch zum Schlittschuhlaufen gehen. Es klappte sehr gut, denn zum einen gibt es für kleine Kinder Schlittschuhe, die zwei Kufen haben, damit lässt es sich recht gut üben. Zum anderen ist
die kleine Miss extrem robust und sehr hartnäckig, wenn es um das Erlernen neuer Fähigkeiten geht.
(Wandbeker Winterzauber: noch geöffnet bis 6. Jan. 2019.)

Ich stelle gerade fest, meine Schreibzeit ist für heute um! Es verblüfft mich jedes Mal, wie schnell die Zeit vergeht!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen. Es war diesmal nur ein Hereinsehen zwischendurch mit einigen Eindrücken aus dem laufenden Monat und speziell der Vorweihnachtszeit in Hamburg.
Es kann erneut etwas dauern, denn es stehen Termine an. Außerdem habe ich vor einigen Wochen mit Fitnesstraining begonnen, das ich zeitlich unbedingt irgendwie eingebaut bekommen muss.
Wenn sich allerdings irgendwo eine Lücke fürs Bloggen auftut, werde ich sie nutzen.

Ihnen allen geruhsame Tage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

.
.

©by Michèle Legrand, Dezember 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , ,

59 Kommentare

Mädcheneis, Jungeneis und Geschirr aus ungewohnter Quelle …


Sommer schafft Eiszeit oder anders formuliert, heiße Tage fördern das Eisverlangen und kurbeln den Absatz gehörig an. In meinem hiesigen Eiscafé gibt es einige – taktisch recht geschickt in diese Eishochzeit gelegte – Neueinführungen und Änderungen. Deren Einführung liegt inzwischen schon wieder ein paar Wochen zurück, nur irgendwie beschäftigen sie mich gedanklich weiterhin. Erstaunlich lange …
Ich bin mir immer noch nicht ganz im Klaren darüber, welche der Ideen, die dahinterstecken ich gut, eher un-
nötig oder gar schlecht finden soll. Es brennt mir leicht unter den Nägeln. So greife ich die Sache heute hier auf. Ich überlasse es wie immer Ihnen, ob Sie Stellung dazu nehmen möchten, aber ich gestehe, es würde mich schon interessieren, was Sie davon halten.

Nehmen wir an, Sie sitzen in einem Restaurant. Ihr Ober erscheint mit der Bestellung. Er platziert Teller und Schüsseln vor Ihnen, und – verflixt noch mal! – auf Anhieb gefällt Ihnen das Geschirr. Ganz außerordentlich! Vom Level her liegt die Begeisterung irgendwo zwischen lichterloh brennend und schierer Ekstase.
Oh, traumhaft! Muss ich haben! Für zu Hause. Genau das, unbedingt! Her damit …!
Das Essen ist vergessen, es durchzuckt Sie wild und zwar nicht allein deshalb, weil Sie Form und Dekor optisch vom Hocker hauen, sondern vor allem aus dem Grund, dass der Besitz genau dieses Restaurant-Geschirrs es Ihnen ermöglichen würde, bei zukünftigen Mahlzeiten daheim, à la maison, das besondere Gourmet-Feeling aus dem Restaurant direkt wieder aufleben zu lassen.
Hand aufs Herz: Ist es das, was Sie denken?
Nicht?
Sehen Sie, mir kommen diese Gedanken auch nicht. Bei mir ist es so, dass ein auffallend schönes Service eine Anregung liefern könnte, gerade, wenn das Essen aus irgendeiner besonderen Tassen- oder Schüsselform oder aus einem bestimmten Material und durch spezielle Dicke bzw. Stärke besonders gut schmeckte. Oder wenn die Farben und die Komposition mit dem Essen kolossal gut herüberkämen.
Kann man sich ja mal merken
Mehr aber auch nicht!

Mich erfreut beim Restaurantbesuch das gelungene Gesamtpaket aus schmackhaftem Essen, einer netten Bedienung sowie einer behaglichen Umgebung und Atmosphäre. Das Geschirr – wenn es positiv auffällt – stellt nur einen weiteren Pluspunkt dar. Das letzte, was mir einfiele oder was mir notwendig erschiene, wäre der Kauf des aufgetischten Geschirrs!
Seltsamerweise beschleicht mich sogar das Gefühl, hätte ich tatsächlich ein identisches Service zu Hause, hätte ich fortan höchstwahrscheinlich kaum noch Lust auf einen Besuch gerade jenes Restaurants, das mir mein „Heimgeschirr“ vor die Nase setzte.

Dass sich Geschäftsinhaber oder spezielle Marketingfachleute darüber Gedanken machen, und dass es ab-
weichend von meiner und vielleicht auch Ihrer Einstellung weitere Ansichten dazu gibt und sich Interessenten hierfür finden, bemerkte ich, als ich unterwegs beim Kaffeetrinken das Gespräch eines Mannes am Nebentisch mit der Bedienung des Eiscafés aufschnappte.
Der Gast hatte sein Eis bereits vertilgt, wollte bezahlen, stöberte nichtsdestotrotz weiterhin angelegentlich in der – aufgrund eben diverser Neuerungen – kürzlich überarbeiteten Karte. Er tippte mit seinem Zeigefinger auf ein Bild und meinte:
„Billig ist das ja nicht gerade … Hm. … Obwohl, wenn man … Hm, hm. … Ach, nee, das ist hier auch … Joah, schon schön …“ Er richtete seine Augen auf das Gesicht des Angestellten. „Ist das eigentlich spülmaschinentauglich? Nee, nä? Muss man bestimmt mit der Hand abwaschen.“
„Doch, doch, das kann in die Maschine“, lautete die Antwort. „Machen wir hier auch immer so!“

Ich war verblüfft. Abwaschen?  Eis? Das Eis in die Spülmaschine ?
Manchmal ist man etwas schwer von Begriff. Ich schnappte entschlossen die Karte vor mir, blätterte sie ziemlich weit durch, da der Herr irgendwo hinten aufgeschlagen hatte und entdeckte, es ging um den Eisteller, auf dem auch sein Eis serviert worden war. Er war dort abgebildet.
Golden, nicht aus Metall, sondern aus Keramik oder Steingut. Relativ schwer wirkend. Außen komplett gold bronziert, innen der breite Tellerrand ebenfalls gülden. Kein Vollglanz, eher seidenmatt. Fast ein bisschen wie gewischtes Gold. Sehr edel. Die Vertiefung in der Mitte in einem kontrastierenden Schwarz. Neben dem Bild ein Preis.

Ob Sie es glauben oder nicht, als Kunde des Eiscafés können Sie seit Kurzem vor Ort exakt das dort benutzte Geschirr erwerben! Dass wir uns jetzt nicht missverstehen: Unbenutzt selbstverständlich. Frisch verpackt im Karton.
Einen tiefen, runden „Gourmet-Teller“, ein flaches, rechteckig-längliches Plattenexemplar, ein „Dessert-Schiffchen“ und eine  kleine, runde Dessertschale.
Goldene Löffel in drei Größen ergänzen das Angebot. Die wiederum sind hochglänzend, mit Prägung auf der Griffoberseite, wirken leicht protzig und sind – was die Löffelfläche angeht – völlig überdimensioniert. Mit dem Eindruck stehe ich übrigens nicht alleine da. Ich erhalte die Teelöffel aus dieser Serie schon seit Längerem auch zu meinem Kaffee gereicht und – tut mir leid – ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.
Die beiden großen Löffelvarianten, die Sie auch im Café, den einen zum Früchtebecher auslöffeln, den anderen zum Spaghetti-Eis wegputzen, vorgelegt bekommen, sind definitiv etwas für Breitmaulfrösche. Nicht nur einmal haben Gäste nachgefragt, ob sie nicht bitte einen „ganz normalen“ Löffel haben könnten. Und unter uns: Ich bin immer froh, wenn Hochbetrieb herrscht, dadurch bei den goldenen Teelöffeln zeitweise ein Engpass herrscht und daher bis die Spülmaschine mit dem Programm durch ist, notgedrungen auf die alten, einfachen Teelöffel zurückgriffen werden muss. Man renkt sich nicht den Kiefer aus, und sie liegen viel besser in der Hand. Ich weiß nicht, wer solche Löffel konstruiert, die derart ungünstig zu handhaben sind und bezweifle, dass derjenige sie jemals selbst in Gebrauch hatte.
Dafür, dass man vorne in der ausgedehnten „Wanne“ fast baden könnte, ist wiederum die Gesamtlänge des Löffels inklusive Griffteil erstaunlich kurz. Zu kurz. Die Riesenmulde macht allein ungefähr 45 % der Gesamtlänge aus. Das beschert ein ganz merkwürdiges Gefühl bei der Benutzung. Als hätten Sie einen Zwitter aus Suppenkelle und Mokkalöffel zu bändigen. Aber vielleicht gibt es Menschen, die dafür schwärmen und meine Empfindungen überhaupt nicht teilen. Wer weiß das schon.

Warum bietet man jetzt Ausstattung zum Kauf an? Jeder, der bei dieser Geschirrofferte zuschlägt, kann zukünftig daheim nachspielen, er wäre in seinem Eiscafé. Kann genauso fürstlich speisen, den Genuss nachempfinden. So die Idee. Ich frage mich nur, was ist, wenn diese Variante dem Kunden so gut gefällt, dass
er sein Eis auf einmal nur noch zu Hause isst? War das die geniale Marketing-Strategie?

Der Gast, der nach der Spielmaschinentauglichkeit fragte, zögerte trotz Gefallen mit seinem Entschluss zur Anschaffung. Ganz billig wird die Angelegenheit nämlich nicht. Selbst wenn Sie lediglich jeweils ein Exemplar von Teller, Platte, Schiffchen und Schale sowie je einen der Löffel kaufen, werden rund 100 Euro fällig. Zwei der länglichen Platten für ein Eisvergnügen zu zweit und Sie sind 60 Euro los. Ohne Löffel. Und ohne Eis.
Keine Frage: Es sieht edel aus, das Eis wirkt darin! Es ist auch schön, es auswärts fast schon luxuriös serviert zu bekommen, doch ich Banause gestehe, daheim schmeckt mir Eis eigentlich viel besser aus Glasschälchen: Und darin lässt es sich auch ganz wunderbar anrichten.

Neue Karte, neues Geschirr … Bei der Gelegenheit wurden die Preise für Eis und Getränke gleich mit erhöht. Ein Aufwasch, und irgendwie müssen die Goldlöffel schließlich finanziert werden …
Fiiies. Ganz fies. Ich weiß. Wo doch auf Frische und Qualität geachtet wird und die Preise für Produkte wie Milch, Gewürze, Kakaobohnen, Erdnüsse, Pistazien u. a. angezogen haben. Sie wissen, gerade von diesem Zeug wird unheimlich viel in den Kaffee gemixt! Doch, doch …! Also, kein Wunder.
Zur Frische habe ich übrigens gelesen, sie wäre kaum zu übertreffen, da die verwendete „Abendmilch heimischer Kühe“ innerhalb von 20 Stunden verarbeitet wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Ich sollte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, es ist immerhin seit Jahren mein Stammcafé, auf das ich ansonsten nichts kommen lasse. Ich kann dort herrlich entspannen und werde äußerst zuvorkommend bedient. Die Eisqualität – vergessen Sie jegliche Geschirrlästerei  – ist wirklich gut, keine Farb- und Konservierungs-
stoffe, keine künstlichen Aromen, und es sieht alles oberappetitlich aus! Ich bin leider nur nicht der große Eisesser, jedenfalls kein Oft- oder Massenesser.
Wenn ich im Eiscafé netterweise hin und wieder kleine Proben neuer Sorten zum Testen bekomme, stelle ich fest, dass mir maximal dreimaliges Löffelabschlecken zusagt. Danach wird der Geschmack so durchdringend oder die Mischung ist derart exotisch, dass ich nie und nimmer eine ganze Kugel davon zu Ende schaffen würde. Ich bin eher der Stracciatella-Typ. Alle Jubeljahre eine Kugel, Tasse Kaffee dazu und beides mit Hochgenuss und ganz in Ruhe genießen.

Eissorten und Eiszusammenstellung haben sich im Laufe der Zeit mächtig verändert, oder? Es verblüfft mich immer wieder. Sagt Ihnen Fürst-Pückler-Eis noch etwas? Erdbeere, Vanille, Schokolade. Die Vielfalt in einem Block. Zum Portionieren für daheim oder als Fürst-Pückler-Becher im Eiscafé. Je eine Kugel jeder Sorte, auf Wunsch mit Sahne. Wäffelchen on top.

Die Eisbecher heute sind der Wahnsinn! Ob Optik, Vielfalt, Komposition oder Mengen! Das, was als kleine Portion bezeichnet wird, fällt immer noch üppig aus. Sie müssen wirklich grundsätzlich völlig ausgehungert erscheinen. Der Magen muss maximale Aufnahmefähigkeit vorweisen. Sonst kapitulieren sie einfach zu schnell.
Mich hat es deshalb sehr froh gestimmt zu sehen, dass es endlich die Möglichkeit gibt, nicht nur wie bisher notfalls einzelne Kugeln zu bestellen, sondern es lässt sich jetzt alternativ der eigene Eisbecher zusammen-
stellen – mit kleinsten Eismengen und einer ganz eigenen Auswahl an Beilagen. Zusammengerechnet kostet es – beim reinen Mengenvergleich – letztendlich mehr als der Standardbecher, ist dafür jedoch perfekt auf den einzelnen Geschmack und das persönliche Essvermögen abgestimmt. Dadurch, dass Sie tendenziell weniger nehmen, gleicht es sich beim Preis mehr als wieder aus.

Ich meine mich zu erinnern, dass damals zu Pückler-Eiszeiten eher die Eis-am-Stiel-Sorten ausgefallen waren. Fruchteis in quietschigen Farben, Finger-Eis, Milchspeiseeis gemischt, Eis mit nussigem Schokoladenüberzug, Eis zwischen Waffeln, Eis in Röhrenform, Eis eckig, Eis mit Karamellkern.
Das weiß-rot verquirlte Balla-Eis für Kinder in der Plastikform, die wie eine Eistüte aussah und in deren „Waffelspitze“ unten sich eine Kaugummikugel verbarg, war vermutlich das Verwegenste, was seinerzeit auf dem Markt war.

Und heutzutage? Heute schäumt man förmlich über vor Kreativität beim Stylen neuer Eisgeschmäcker. So ein Créateur de glace ist vielleicht auch etwas unter Druck oder Zugzwang angesichts der Konkurrenz und ständiger Innovationen auf dem Markt. Egal, was der Hauptanlass für die kühne Schaffensfreude ist, ich denke manchmal, wenn so einen beim Eis designen niemand bremst oder festhält, wird hemmungslos der halbe Kühlschrankinhalt in die neu angedachte Eissorte geworfen. Die Mischungen werden immer wilder, die Zugaben immer umfangreicher.

Heimisches Obst und exotische Früchte, verschiedene Soßen gleichzeitig (kalt oder heiß), Goldnuggets, Kokosraspel, Cookie-Crunch, selbst veritable Kuchenstücke finden sich zwischen den Eiskugeln! Heute baut man Schaumküsse und Knisterzeug ein, schwelgt in Sahne und verteilt verschwenderisch Schokolade. Weiß, hellbraun, dunkel, in Stücken, geraspelt, gehackt, geschmolzen, in Plättchenform und verziert als sogenannte Dekoraufleger und, und, und … .Krokant, Pistazien dürfen nicht fehlen, dazu begegnen Ihnen immer wieder Streusel, Marshmallows, After Eight, Waffeln, Amarettini und Fruchtgummi wie auch echte Blätter oder Alkohol der entweder direkt untergemengt wird oder alternativ separat in ein kleines Schokoschälchen, das oben auf dem Eis verstaut ist, eingefüllt wird.

Nachdem das alles zum Inhalt gehört, wird sich bei einigen Sorten noch zusätzlich mit Gewürzen und Kräutern ausgetobt. Salted Toffee Crunch, karamellig mit Kekstückchen, Salzlakritz mit Salmiaksauce, Erdnuss mit Chilischokolade, „mit leicht scharfem Abgang“, Orange-Ingwer mit Kokosnuss, Honig-Lavendel mit Zitrone und Rosmarin

Der Ideenreichtum ist wirklich enorm. Es ist nicht so, dass ich es nicht bewundern und anerkennen würde, was den Eisdesignern alles einfällt. Es endet bei mir nur leider stets damit, dass ich es probieren mag, aber schnell erschlagen werde von der Intensität des Geschmacks.
Manchmal kenne ich etwas als Kuchen, mag die Art, und wenn unter diesem Namen Eis herauskommt, klingt es verlockend und höchst essbar. Limone Cheesecake ist so ein Beispiel. Als Kuchen (Lemon Cheesecake) toll und sogar das nachempfundene Eis schmeckt mir im ersten Moment  – wie gesagt, bis zum maximal vierten Mal Schlecken. Danach brauche ich Wasser zum Neutralisieren. Und wer jetzt meint, es läge nur an der sauren Limone, man müsste halt eine andere Sorte, eine süßere, wählen – nein, mir zieht es genauso den Gaumen zusammen, wenn im Becher das Eis gleichzeitig mit Karamell-  und Nougatsauce getränkt wird. Womöglich auf sowieso gesüßter Schlagsahne. Wasser, bitte! Schnell!
Manchmal träume ich dann sehnsüchtig von Pellkartoffeln mit Quark.

Unter Ihnen sind bestimmt viele, die sehr gerne Eis essen. Auch die genannten Sorten und einen bunten Mix aus allem Möglichen. Lassen Sie es sich hier von mir nicht verderben oder ausreden! Andererseits wäre es auch recht aussichtslos, mich vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Jeder hat seinen eigenen Geschmack und soll es so genießen, wie es ihm am besten schmeckt. Vielfalt ist klasse – egal, um wen oder was es geht.
Ich geriet nur gerade darüber ins Rollen und konnte mich schlecht bremsen.

Von einer weiteren Neuerung möchte ich Ihnen zum Schluss noch erzählen. Es gibt mit der neuen Karte des Eiscafés ein geändertes Angebot für Kinder. Man hat ein Kindereis herausgenommen, die sympathische, auf dem Teller kriechende Schnecke. Schade, es war ein Eis, das sich idealerweise weder Jungen noch Mädchen zuordnen ließ, sondern beiden gleichermaßen gefiel und schmeckte.
Abgesehen von einem „Kinder-Burger“, bei dem Eiskugeln nach Wahl zwischen zwei Weichbrötchenhälften geklemmt werden und Fruchtgummisticks die Pommes markieren, gibt es nun die Eisteller „Prinzessin“ (rosa) und „Pirat“ (hellblau).
Nanu, Mädchen- und Jungeneis?
Sollte dieses „tpyisch Mädchen“ und „typisch Junge“ nicht in der Versenkung verschwinden? Ein Rückfall zu Klischees, zu Unterscheidung und Trennung? Hier lebt es jedenfalls gerade munter in Form von Miss-Pinky-Eis mit Kronenverzierung und rosa Marshmallows bzw. als Mr.-Knister-Eis mit Totenkopf–Piratensegel und Goldnuggets wieder auf.
Doch wissen Sie, was Mut macht? Ich habe jetzt schon zweimal erlebt, dass kleine Jungen partout das Eis „Prinzessin“ haben wollten. Die Eltern des einen Jungen haben mit keiner Wimper gezuckt und sofort das entsprechende Eis bestellt. Der Vater des anderen Jungen druckste ein klein wenig herum.

„Das rosa Eis ist eigentlich mehr für Mädchen. Guck, hier steht: „Prinzessin“. Das andere heißt „Pirat“ und ist für
Jungs. Willst du nicht das …?“

„Nein. Das schmeckt mir nicht. Ich mag kein blaues Eis.“
„Okay.“
Der Vater hat ihm das rosafarbene Miss-Pinky-Eis bestellt, jedoch unter Vermeidung des Wortes „Prinzessin“. Gegenüber der Bedienung hieß es nur:
„Ich hätte gern das Kindereis mit den Marshmallows und diesem Himbeerragout.“

Ragout?
Oh, die heutige feinere Bezeichnung für Kompott mit Stückchen …

After-Eight-Eis ist gestorben! Es musste zu Grabe getragen werden. In Ihrem Eiscafé oder Ihrer Eisdiele auch? Der Ersatz hier heißt Royal Minze. Sieht völlig anders aus, schmeckt auch anders. Der Grund, vor allem für die Umbenennung, ist, dass Eis nur dann weiterhin After-Eight-Eis genannt werden darf, wenn es von der Marke After Eight  produziert wurde bzw. wesentliche Bestandteile daraus sind. Das trifft auf eine Kugel Eis nicht zu. Wenn das Eiscafé jedoch einen Becher kreiert und oben in das Minzeeis ein Täfelchen After Eight hineinsteckt, dann darf das Werk After-Eight-Becher heißen.
Alles Feinheiten, die Sie aufschnappen, selbst wenn Sie – wie ich – einfach nur regelmäßig Ihren Kaffee dort trinken.

Feierabend für heute? Ja, oder? Ein schier unerschöpfliches Thema, doch es wird jetzt von mir auf Eis gelegt. Immer noch neugierig, hole ich allerdings meine Frage – jetzt etwas detaillierter – von ganz oben wieder hervor:

Was halten Sie denn von Geschirrkäufen direkt im Restaurant oder Café bzw. wie stehen Sie eigentlich zu extrem kreativ gemixten Eisbechern?
Oder wie sehen Sie das geschlechterspezifische Wiederaufgreifen der Farben Rosa und Hellblau, die Mädchen und Jungen zugeordneten Eissorten Miss Pinky bzw. Mr. Knister und eine so eindeutige namentliche Festlegung wie Prinzessin und Pirat?

So wie ich mich heute recht frei von der Leber weg geäußert habe, möchte ich auch Sie ermutigen, Ihre Ansichten dazu – die durchaus kontrovers sein dürfen – zu äußern. Es interessiert mich sehr!

.
.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Bis zum Wiederlesen!

.

.

©by Michèle Legrand, Juli 2018
.
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , ,

39 Kommentare

Grade, Gabeln und Gordon

Kann es sein, dass wir uns schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen haben? Mir kommt es fast so vor …

Wie ist Ihnen denn unser vorzeitiger Hochsommer bisher bekommen? Damit, dass die Wärme so lange anhält, hat auch keiner gerechnet, oder? Ich werde mich hüten, mich über Sonnenschein zu beschweren, doch es war zwischendurch schon extrem heiß. Seit Wochenbeginn ist der Himmel über Hamburg etwas bedeckter, es bleibt kühler, was zwischendurch erholsam ist.
Dass diese Veränderung stattfindet, ist gewissermaßen auch logisch, denn morgen wird in meinem Bezirk für ein paar Wochen wieder der alljährliche „Sommerbeachclub“ eröffnet, was komischerweise stets schlechteres Wetter auslöst. Automatisch. Kaum stehen die Klappstühle im Sand parat, kaum wedeln die Palmen und diverse Cocktails warten auf Abnehmer, schon fällt das Thermometer. Und mit Vorliebe ist die Eröffnung obendrein der Startschuss für ausgiebige Regenfälle.

Nur, in unseren Breitengraden wochenlang ganz ohne Regen auszukommen – wie wir es bundesweit erlebt haben –, ist mehr als seltsam. Gerade bei Hitze! Wie schnell bei den konstant hohen Temperaturen mit brennender Mittagssonne aus grünem Gras braune Steppe wurde, hat man überall gesehen. Genauso das rasante Vertrocknen der Seitenstreifen entlang der Straßen oder das traurig Herabhängende in Anlagen, für
die sich keiner zuständig fühlt. Das meiste erholt sich zum Glück später wieder. Es müsste dazu nur regnen …

Bei mir im Garten kam ich wiederum gar nicht umhin zu gießen, denn speziell durch Umpflanzaktionen und Aussaaten hatte ich ein paar heikle Bereiche mit empfindlichen Kandidaten, die diese Dürre sonst nicht über-
lebt hätten.

Die Vögel kommen ständig zum Trinken, und täglich erscheint abends der Igel, nippt erst an der Vogeltränke und hält danach Ausschau nach Erdbeeren.
.
.

Igel am Rande der Terrasse bei seinem abendlichen Streifzug ....
.
Auf der Terrasse wächst eine Walderdbeere. Leider (für ihn) in einem höheren Topf, wodurch er nicht an die Früchte herankommt. Nun pflegt er entweder eine Art Teamwork mit den Amseln und frisst die Reste, die sie
ihm nach dem Picken davon am Boden zurücklassen, oder aber – der Kerl ist blitzgescheit! – er schubst mit Schwung den Topf an, so dass sehr reife Erdbeeren herunterfallen!
(Die Fotos sind in der Dämmerung aufgenommen, etwas aufgehellt, daher leider krisselig.)
.
.
Igel in der Dämmerung zwischen Tontöpfen auf der Suche nach Nahrung ...
……
…..
…..

Igel in der Dämmerung auf Erdbeersuche

Igel in der Dämmerung auf Erdbeersuche

.
Am Freitag vor zwei Wochen fiel der ersehnte Regen. Der erste Niederschlag seit Anfang Mai! Ein kräftiger Landregen, in der Nacht gab es noch einmal Nachschlag. Heftig, so dass es über die Dachrinne hinausschoss, aber recht kurz. Zum Glück kein Unwetter mit umstürzenden Bäumen oder volllaufenden Kellern. Und weil es
so harmlos ausfiel und hochwillkommen war nach all den Wochen, wurde es auch von allen bejubelt.
Regen! Endlich!
Dass man sich darüber im sonst nassen Norden einmal freuen würde, kann man selbst kaum glauben.

Ich war noch während des Regens barfuß draußen im Gras. Die Vögel um mich herum im Gebüsch flippten aus vor Begeisterung, ihr euphorisches Gezwitscher nahm gar kein Ende. Das Laub sah toll aus! Die Blätter wirkten nicht mehr eingestaubt und schlapp, sondern wie frisch poliert, und sie richteten sich stolz auf. Zwei heiße Tage später lechzten sie allerdings bereits wieder nach Wasser.

Es war ungewohnt zu lesen, dass Urlauber, die ihre Ferien auf den Balearen oder in Kalifonien verbrachten, angesichts der dort vorherrschenden, wesentlich niedrigeren Temperaturen fast ein bisschen düpiert re-
agierten. Doch wenn man im nur mäßig temperierten, dicht bewölkten Palma de Mallorca erfahren muss, dass derweil im heimischen Ulm, Castrop-Rauxel, Neumünster, Erfurt oder Aurich entschieden molligere Zeiten herrschen und auch die Strände an Ost- und Nordsee mit Traumwetter locken, kann man die Reaktion nachvollziehen. Erstaunlich war für mich die Tatsache, dass selbst in Skandinavien schon im Mai diese Sommertemperaturen herrschten. Im wirklich hohen Norden!

Aber was wollte ich Ihnen eigentlich heute erzählen? Ich muss gestehen, in den Wochen der Hitze und mit weiterhin einigen familiären Sorgenmomenten hier daheim, war ich nicht unterwegs, und für längere Blogartikel fehlte sowieso die Muße.
Manchmal lande ich in solcher Situation am Abend bei Twitter. Hinterlasse dort eine kurze Bemerkung, poste ein Foto vom Tag, lese vielleicht auch nur ein paar Minuten mit. So etwas bekommt man selbst müde noch in
den Tagesplan geschoben und hat auf die Art nicht das Gefühl, man sei komplett abgeschnitten von allem. Angenehm, wenn man nach Lust und Laune aktiv werden kann, es aber nicht sein muss.
Nun schrieben mir kürzlich zwei Blogstammleser, sie wären selbst nicht bei Twitter und würden es vermissen, dass hier im Blog rechts auf der Startseite nicht mehr meine Tweets auftauchten. (Ich hatte die direkte Ver-
bindung zu Twitter aus Datenschutzgründen entfernt.) Das wäre – so hieß es weiter – sonst „immer so nett“ gewesen, dort mitzulesen.

Aus diesem Grund lasse ich den Nichttwitterern unter Ihnen heute eine kleine Auswahl spezieller Tweets hier – ohne dass Sie dafür Daten preisgeben müssen.

Sie können zum einen sehen, dass es bei Twitter einen kleinen Reimwettbewerb gibt, der unter dem Hashtag #reimbattle läuft. Vorgegeben werden drei Wörter, die in einem Gedicht unterzubringen sind. Auch wenn es nicht alle so eng sehen, ist es eigentlich der Ehrgeiz, einerseits mit der normalen, sehr begrenzten Tweetlänge auszukommen und andererseits dabei etwas halbwegs Sinnvolles zusammenzubasteln – was angesichts ungewöhnlicher Wörter und vor allem merkwürdiger Wortkombinationen nicht immer ganz einfach ist!

Für nachfolgenden Reim lautete die Vorgabe: Verwende die Begriffe Wunschbrunnen, Diät und Brillenband
.
.
Gedicht Wunschbrunnen für Reimbattle Twitter

.

Ein weiteres Mitmachprojekt von @ DasFotoprojekt läuft unter dem Hashtag #JedeWocheEinFoto. Jeden Sonntagabend um 20 Uhr wird ein Motto für die kommende Woche mitgeteilt. Begriffe wie Zukunft, Natur, Symbol, Nostalgie, Rückspiegel, Erinnerungen, zweckentfremdet u. v. m. werden fotografisch umgesetzt und in der laufenden Woche gepostet. Wichtig ist, dass es sich um neu erstellte Bilder, nicht um Archivaufnahmen handelt.
Letzte Woche gab es ein besonders reizvolles Thema, bei dem die Interaktion entsprechend hoch ausfiel.
Die Aufgabe lautete: Bilderrätsel!

Ich habe Ihnen meinen Tweet samt Foto zum Mitraten heute hier eingestellt. Haben Sie eine Idee?
.
Bilderrätsel für Fotoprojekt Twitter (Gabelstapler)

.

Und zum Abschluss möchte ich Ihnen noch den Tweet zu einem Anruf hinterlassen, den ich kürzlich erhielt. Vielleicht kennen Sie die gelegentlich etwas gebrochen Englisch sprechenden Herren, die manchmal vorgeben, im Auftrag von Microsoft/Windows anzurufen. Um Ihnen – fürsorglich wie sie sind – bei Computer- oder Sicherheitsproblemen zu helfen. Sie müssten bitte vorher nur kurz Ihr Passwort preisgeben …
.
Gordon am Telefon - Tweet zu einem Phishing-Anruf
.

Ach, all diese Gordons, Petes und Jims … Sie fallen nicht auf dieses dreiste Phishing herein, nicht wahr?

.

Konnte der eventuell vorhandene Tweets-Hunger vorerst ein wenig gestillt werden? Ja? Das ist gut, denn ich müsste jetzt Feierabend machen für heute. Jedoch nicht, ohne Ihnen weiterhin schöne, sonnige, dabei jedoch nicht zu heiße Zeiten zu wünschen!
Vielleicht lesen wir uns bald wieder. Es würde mich freuen.

.

.

© by Michèle Legrand, Juni 2018
Michèle Legrand

, , , , , , , , ,

43 Kommentare

Umgeplant – Heute: Von kleinen Dramen und Störfaktoren …

Sie ahnen gar nicht, wie anders als gedacht sich dieser Blogbeitrag gerade entwickelt hat. Was für ein inne-
res Kuddelmuddel zu Beginn … Von dem, was ich Ihnen ursprünglich heute zeigen wollte, ist rein gar nichts übriggeblieben. Nun – es wird demnächst nachgeholt.

Manche Dinge laufen doch recht eigenartig. Mehrfach in den letzten Tagen, im Prinzip wann immer ich mit der Absicht einen bestimmten Beitrag zu verfassen den Abstecher Richtung Laptop unternahm, merkte ich, dass genau in dem Moment mit Vorliebe Unvorhergesehenes eintrat. Ablenkungen unterschiedlichster Art traten auf. Unverdrossen und äußerst diszipliniert hielt ich zunächst trotzdem an meinem Vorhaben und dem ursprüng-
lichen Textplan fest, nur um festzustellen, dass es unter solchen Bedingungen weder mit dem Schreiben lief noch ich irgendwie Ruhe fand, mir die dazugehörigen Fotos näher vorzunehmen.

Vor einer Stunde setzte ich mich in wirklich bester Absicht an die Tastatur. stöberte in meinem immerhin
schon zusammengetragenen Material. Stocherte im Gedächtnis. Spornte mich mittelprächtig an!
(So, nun komm mal zu Potte! Der geplante Beitrag, Mädel!)
Ja, ja. Nur … Mittlerweile ist der Mensch, bin ich (!), schon automatisch auf Unterbrechung gepolt!
(Kann ja gar nicht anders sein. Nach den Erfahrungen.)
Weg waren die Textideen, der innere Leitfaden, die Konzentration auf genau die eine Sache. Stattdessen gingen mir ein paar der Vorkommnisse, dieser Störfaktoren, durch den Kopf. Und was soll ich Ihnen sagen, damit klappte ein Gedankenfluss entschieden besser! Da flutschten die Titelzeilen mit einem Mal nur so heraus! „Feuerbrunst“, „Angriff in der Nacht“,  „Blutfeudeln“,  „Tödlicher Pilz“. Gut, das klingt durchweg recht dramatisch. Nehmen wir etwas Harmloses wie „Ungewöhnliches Briefdepot“ noch mit hinzu. Tausend Dinge hätte ich mit einem Mal schreiben können …
Immer wieder erstaunlich, was im Kopf weiterhin beschäftigt – selbst wenn der entsprechende Vorfall bereits hinter einem liegt. An diesem Punkt vorhin dachte ich noch, es wäre ein klasse Trick zur Selbstüberlistung. Da das Zeug aus dem Kopf wollte und via Finger flott in die Tasten wanderte, schien es eine nette Lockerungs-
möglichkeit für den späteren, eigentlichen Beitrag.
Tja, der Plan hat nur bedingt funktioniert. Ich kann nicht meckern, der Schreibfluss ist nun im Gang – allerdings habe ich dummerweise jetzt keine Zeit mehr, das andere auch noch zu schreiben …

Ich hinterlasse Ihnen jedoch gern, was eben willig floss. Vielleicht können Sie aus eigenem Erleben nach-
empfinden, dass einige Vorkommnisse – sogar wenn sie auf Nebenschauplätzen stattfinden – manchmal Platz in den Gedanken fordern. Ich stelle mir vor, dass dabei irgendwie wichtige Areale im Gehirn okkupiert werden. In einer Windung hockt wahrscheinlich irgendein Männeken und bremst mich aus. Torpediert, sich in Fäustchen lachend, meine Pläne. Lenkt stattdessen hartnäckig in eine neue Gedankenrichtung. Gelegentlich boxe ich mich ein Weilchen mit dem, manchmal gebe ich ihm nach. So wie heute. Nur diese neue Richtung präsentiert sich keinesfalls als schnurgerader (Gedanken)Fluss. Es ist eher ein Flussdelta mit mehreren Mündungsarmen …

„Er ist am Teppichläufer im Flur hängengeblieben … An den Türrahmen gekracht … Eisernes Gestell … getroffen … Kopf … Überall Blut …. Arme aufgeschlagen … Krankenwagen …  Platzwunde nähen …  Sie behalten ihn noch im Krankenhaus …“

Das war in Stichworten das, was mir meine Mutter – mit leichter Verspätung, als das Drama schon seinen Lauf genommen hatte und erste Hilfe da gewesen war – erzählte. Meinen Stiefpapa hat es arg erwischt. Und das im Alter von 90 Jahren. Leider sind die nun entstandenen offenen Wunden nicht das einzige, was Probleme verursacht, wahrscheinlich sogar eher das kleinere, vergänglichere Übel. Immerhin ist er inzwischen wieder zu Hause.

Kurz danach. Die ganze Aufregung hat meiner Mutter enorm zugesetzt. Ausgerechnet jetzt wird sie in der Nacht von einer Wespe attackiert. Im Schlaf! Die Wespe sticht sie am Hals (außen) und legt ganz dreist sogar noch einmal nach!
Ich bin stinksauer auf das Biest, denn mit Furcht vor Angriff und reiner Verteidigungsmaßnahme kann es sich wirklich nicht herausreden. Das Schlimme – meine Mutter reagiert darauf allergisch. Monströse Beule, Schwellungen insgesamt, Atembeschwerden. Herzprobleme. Besuch beim Arzt. Der schaut bedenklich und verordnet fünf Tage Cortison sowie ein Antiallergikum. Das Cortison verursacht neue Beschwerden, löst Fieber bis 40 °C aus und legt den Kreislauf lahm. Das Mittel hilft jedoch im Hinblick auf den Stich.
Auch sie ist nun wieder auf dem Wege der Besserung, es schlaucht nur alles ungemein.

Als nächstes ereignete sich am letzten Freitag ein mir haften bleibendes Ereignis. Als ich im Garten zugange war, hörte ich gegen 18 Uhr von der Straße her eine aufgeregte Stimme rufen:
„Es qualmt, Sie müssen raus aus dem Wagen! Da brennt was!“
Die Szene spielte sich nicht in meiner Sackgasse, sondern ein paar Meter weiter um die Ecke in der „Hauptstraße“ am Bahnübergang vor verschlossener Schranke ab. Mehrere Autos warteten davor, teils mit laufendem Motor. Die leichte Qualmentwicklung, noch sehr hell, sah ich sogar von meinem Garten aus, denn
er stieg über die Hecke. Der PKW selbst war so nicht direkt im Blickfeld.
Es folgte Türenschlagen. Allein die Geräusche gaben Aufschluss darüber, dass jetzt die restlichen in der Schlange Wartenden versuchten, sich und ihre Autos aus der Gefahrenzone zu bringen. Allgemeines Anfahren, Rangieren, Wenden, Wegfahren.
Und während ich noch überlegte, ob ich zwecks möglicherweise erforderlicher Hilfeleistung dort hin sollte, wurde kurz darauf aus dem lauten Dialog zwischen Fußgängern, die ebenfalls an der geschlossenen Schranke standen, klar, dass einer von ihnen das Alarmieren der Feuerwehr übernahm und sich keiner mehr in dem betroffenen Fahrzeug befand.
Es vergingen nach dem Warnruf und den ersten Qualmanzeichen nur zwei, höchstens drei Minuten, bis die ersten richtigen Flammen emporschlugen! So hoch, dass selbst ich das Feuer sehen konnte.
Sie glauben nicht, wie schnell ein PKW brennt! Wie schnell sich der Brand ausbreitet! Sollten Sie je bemerken, dass es verkokelt riecht und es irgendwo an Ihrem Wagen qualmt, sehen Sie zu, dass Sie anhalten, heraus-
kommen und Abstand gewinnen! Sie können nicht mehr viel machen, außer Sie haben den Feuerlöscher quasi schon in der Hand.
Nach fünf Minuten hatte das Feuer den Wagen komplett erfasst. Er brannte lichterloh, die Innenausstattung scheint wie Zunder zu wirken. Nicht zu reden von der Tankfüllung … Es sollte in dem Moment keiner dorthin, nur „um das alles mal aus der Nähe zu filmen“ – wie hier einer der Passanten meinte und kurz danach stolz hinzufügte, er wäre der erste gewesen, der es bei FB gepostet hätte.

Die Feuerwehr ließ ein bisschen auf sich warten. Doch es herrscht dichter Verkehr um diese Zeit, und vielleicht wählte sie den Umweg außen herum über eine Brücke, um so über die Gleise zu gelangen und nicht am Ende von der geschlossenen Schranke gestoppt zu werden.
Irgendwann knallte es heftig, was bewirkte, dass bis dahin relativ leichtsinnige Passanten doch etwas eingeschüchtert zusahen, dass sie ihren Abstand vergrößerten. Wenn der Tank explodiert … Da das Knallen sich wiederholte und insgesamt viermal in recht kurzem Abstand erfolgte, vermute ich eher, dass es die Reifen waren. Nach dem weißen Qualm und den folgenden hohen Flammen, stiegen nun pechschwarze, nach Gummi stinkende Rauchschwaden auf.

.
Rauchwolke durch Autobrand (schwarze Rauchschwaden nachdem auch Reifengummi brannte)
.
Kurz darauf war von dem Wagen lediglich die Karosserie übrig. Ein auf dem Parkstreifen am Straßenrand parkendes Auto erlitt leichte Schäden durch die Nähe zur Glut. Der in diesem Extremhitzebereich aufgehängte rote Kunststoffmülleimer wurde angesengt und hängt seitdem mit rußgeschwärzter Rückseite am Haltepfahl.
Die Feuerwehr hatte das Restfeuer schnell im Griff, brauchte aber geraume Zeit, um auch die Straße wieder von sämtlichen Hinterlassenschaften (Öl, Benzin, Gummireste etc.) zu säubern. Bis zum Abschluss blieb alles von der Polizei abgeriegelt.

Eine ziemliche Aufregung für den Fahrzeughalter, aber auch andere Anwesende an diesem Abend. Und für die Nachbarschaft. Einige Anwohner standen draußen im Gespräch und verfolgten den Feuerwehreinsatz.
Ich bin sehr froh, dass keiner verletzt wurde. Ein Bekannter hatte vor einiger Zeit einen ähnlichen, auch völlig überraschenden Brand. Er kam zuerst nicht aus seinem Auto! Die Zentralverriegelung wurde bei dem Wagen kurz nach Fahrtbeginn immer automatisch aktiviert. Nur nach Ausbruch des Feuers ging sie nicht mehr auf! Er hat es dann doch noch geschafft, aber …Uiuiui!

Ich habe bei mir im Haus relativ kurz nach dem Vorfall Wasser ins Waschbecken laufen lassen und dabei festgestellt, dass es braun war. Da das einzige Ungewöhnliche der Feuerwehreinsatz zuvor gewesen war und die Feuerwehrleute die Leitungen anzapfen mussten, um Löschwasser zu bekommen, wird wohl darin die Ursache liegen. Eine Stunde später – nachdem sicher weitere Personen aus den Nachbarhäusern Wasser verwendet hatten – lief es wieder klar aus dem Hahn.

Apropos braun. Eine Sache im Garten macht mir gerade erheblich Kummer. Und zusätzliche Umstände natürlich gleich mit. Ich habe es hier mit einem Triebsterben an Gehölzen zu tun. Ein mieser Pilz macht sich breit, der die Leitungsbahnen der Pflanzen verstopft. Ich gehe schwer davon aus, es handelt sich um Verticillium. Er dringt über die Wurzeln ein und legt nach und nach das ganze Gewächs lahm. Vor ein paar Jahren beobachtete ich es zunächst an einem einzelnen Ast eines Baumes. Dort ließ es sich durch Aussägen sowie eine Gabe organi-
schen Düngers zur Stärkung der Abwehrkräfte stoppen, und danach vermied bisher sorgfältiges Desinfizieren der Werkzeuge, dass zumindest auf diese Art etwas auf andere Pflanzen übertragen wurde. Nur was der Pilz im Erdreich treibt …
In der Nachbarschaft hatte die Erscheinung zugenommen und hier bei mir in diesem Jahr ebenfalls. Massiv! Man sieht es jetzt, weil der Frühjahrsaustrieb ausbleibt. Meine wilde Hecke sieht schlimm aus. Alles wirkt wie verdorrt. Mein Japanischer Ahorn mit den schönen Blättern und der traumhaften Rotfärbung im Herbst geht wohl auch ein. Sehr traurig … Es macht nun einige Mühe, alles Betroffene im Garten zu entfernen. Auszusägen, klein zu bekommen und zu entsorgen.

Aber wissen Sie, was mich erheitert hat? Als ich heute hereinkam, sprach mich mein Mann etwas irritiert an, warum ich denn die Post in den Kühlschrank legen würde.
Ich stutzte kurz. Bitte? Oh – ja, klar! Ich habe einen braunen Umschlag dort deponiert. Einen kleinen, leicht gepolsterten. Er enthält ein Samentütchen mit Kaltkeimern, die gern noch einmal zehn Tage frösteln möchten, bevor sie direkt ins Freiland gesät werden. Der Gemahl konnte beruhigt werden. Die Gattin ist doch noch nicht schusselig.

So, ich glaube, das waren sie, die Störfaktoren, die fürs Abschweifen der Gedanken sorgten.

Nein, Moment, eine Sache geht mir weiterhin durch den Kopf! Ich erhielt einen Telefonanruf, nachmittags, während ich mit dem Gemahl beim Tee auf der Couch saß. Ein mir unbekannter Herr meldete sich. Fragte, ob ich Aktaufnahmen machen würde. Soweit ich das verstanden habe, sollte ich ihn fotografieren. Im Nachhinein bin ich aber nicht mehr sicher, es kann auch andersherum gedacht gewesen sein. Perplex hörte ich zunächst zu und fragte dann:
„Wie kommen Sie denn darauf, dass ich Aktaufnahmen mache?“
Mein Mann schaute verblüfft auf und bekam augenblicklich spitze Ohren.
„Durchs Internet …“
Wir haben das Gespräch nicht weiter vertieft, ich habe verneint und abgesagt, nur ich frage mich bis jetzt, was um alles in der Welt Anlass für diese Annahme gewesen sein könnte.

Schluss für heute. Beim nächsten Mal geht’s hier definitiv zum Galgenmoor! (Das heißt wirklich so.)
Mit Fotos. Ohne Akt.
.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag!

.

©by Michèle Legrand, Mai 2018
Michèle Legrand

, , , , ,

50 Kommentare

Auflösungserscheinungen …

Wissen Sie, was die Entstehung des eigentlich angedachten Blogposts sabotierte? Indirekt das Wetter mit Schneetreiben, doch im Grunde war es das Treiben meiner Schuhe. Ich sage Ihnen, so hatte ich mir das
heute Morgen beim Losgehen wirklich nicht vorgestellt! Mein eigenartiges Erlebnis des Tages wollte
ich Ihnen nicht vorenthalten …

Sie und ich sind jetzt hier nicht so eng miteinander, dass Sie meinen bevorzugten Kleidungsstil oder gar Details dazu wüssten. Ich sage nur soviel, ich brauche Schuhe mit Absätzen. Keine dünnen, ultrahohen Pfennigab-
sätze. Das nicht. Aber wenn ich nicht wenigstens ein bisschen Absatz habe, beschleicht mich das eigenartige Gefühl, meine Ferse sacke nach hinten weg. Ich fühle mich auf Absätzen genauso wohl wie andere in ihren Hausschuhen und dort, wo manch andere bereits absatzbedingt kippeln und mit dem Untergrund hadern würde, laufe ich frohgemut sicher und wackelfrei – wenn es sein muss spurte ich sogar.
Schnee und Absätze? Überhaupt kein Problem. Ehe ich mir sogenannte „richtige“ Winterstiefel schnappe, muss Sibirien schon näher rücken. Ausrutschen, hinfallen? Seit 31 Jahren nicht mehr. Ich habe notfalls noch Spikes zum Unterschnallen.
Das einzige Mal, dass ich stürzte und mir etwas brach, war tatsächlich, als ich ausnahmsweise zur Sicherheit flache Schuhe inklusive Profilsohle trug. Zur Sicherheit! (Entschuldigen Sie, wenn ich kurz lache …)
Allein diese Tatsache hätte mir schon im Voraus klarmachen müssen, dass mein heutiger Plan nach hinten losgehen würde.

Sie können sicher nachvollziehen, dass jemand, der so gut wie nie die ungeliebten, flachen Treter anzieht,
keine große Lust verspürt, sich genau solche Schuhe zu kaufen – und das für Gelegenheiten, die man in Norddeutschland im Jahr an einer Hand abzählen kann! Wer legt sich gern etwas zu und gibt sein Geld für Dinge aus, die er von vornherein nicht sonderlich mag.
Mir kam in meiner Situation glücklicherweise bisher zugute, dass im Keller noch ein paar Winterstiefel meiner Tochter aus Teenagerzeiten standen, die sie zwischenzeitlich selbst nicht mehr sehen mochte und die später bei ihrem Auszug hiergelassen wurden. Stiefel, der mir ungeliebten Sorte: flach, dicke Profilsohle, Klettverschlüsse. Aber passend und warm! Damit habe ich bisher daheim das Schnee schippen erledigt. Dafür waren sie gut.

Gestern hatten wir Schneefall. In der Nacht erneut, gefolgt von weiterem Gestöber am Morgen. Mit Macht war
es winterlich geworden. Ich hatte früh gleich mehrmals hintereinander zu tun mit dem Freiräumen der Wege. Musste sogar streuen! An einigen Stellen war es unangenehm glatt …
Ein Stück hinauf an einer Straßeneinmündung hatte schon ein Rettungswageneinsatz stattgefunden. Kein Autounfall. Irgendeinen Passanten hatte es zu Fuß erwischt. Da meldete sich – ähnlich nervig wie früher das Gewissen bei der Lenor-Werbung – die Stimme der Vernunft:
Mädchen, deine Absätze! Jetzt pack wenigstens heute die hohen Dinger weg! Nimm stattdessen die Schneeräumstiefel, die sicheren. Du brichst dir sonst noch die Haxen …

Ich habe also auf mich selbst gehört und bin brav mit den klobigen Schuhen los. Während in den Neben-
straßen auf gefrorenem Boden noch trockener, pulveriger Schnee lag, gab es auf den Gehwegen entlang der Hauptstraßen hauptsächlich Matsch.
Nach 300 Metern hatte ich das Gefühl, der linke Schuh sei vorne nicht ganz dicht. Es wurde etwas feucht an den Zehen.
Etwa 200 Meter darauf veränderte sich beim Laufen das Abrollgefühl des Fußes. Zuerst nahm ich unbedarft an, Schneebrocken hätten sich in den Ritzen der Profilsohle festgesetzt …
Nach weiteren 100 Metern hatte sich die Sohle gelöst, vorne links, wo es sich bereits vorher kalt und feucht angefühlt hatte.
Als ich lediglich nachschauen wollte, wie weit die Klebung aufgegeben hatte, hielt ich auch schon ein Sohlen-
stück in der Hand. Einen großen, schwarzen Brocken. Abgebrochen. Mit dem Fußballen stand ich unvermittelt im Matsch. Mehr oder weniger. Der noch vorhandene hauchdünne Textilboden bot so gut wie keinen Schutz. Überhaupt sah es – kritisch betrachtet – beidseitig nicht sonderlich vertrauenerweckend aus … Da ich so schlecht weiter konnte, beschloss ich umzudrehen und daheim andere Schuhe anzuziehen.

Es war eine sehr weise Entscheidung gewesen. Sie können sich das nicht vorstellen! Das Material der dicken Profillaufsohlen – irgendein Hartgummi oder -plastik – brach mit jedem Schritt mehr und löste sich dabei kontinuierlich vom jeweiligen Restschuh. Ich hinterließ auf dem Rückweg eine Spur aus schwarzen Gummi-
brocken. Hier ein halbes Hinterteil, dann wieder ein längliches Stück von der Seite, nach der linken irgendwann auch ein großer Teil der vorderen Kappe des rechten Schuhs. Die letzten Fitzel, die noch dran hielten, machten das Gehen eher schwierig. Und ansonsten war es kalt. Verdammt kalt. Es war wie barfuß oder nur mit klatsch-
nassen Socken bekleidet über längere Zeit im Schnee herumzuspazieren …
Solange Sie sich dabei bewegen, geht es noch einigermaßen, doch als der Schrankenwärter beschloss, mich auszubremsen, indem er die Bahnschranke ewig zu ließ, wurde es etwas ungemütlich, und ich fror langsam am Untergrund fest.
.
Schwarze Winterstiefel, an denen sich die dicke Profillaufsohle komplett auflöst und in Brocken abfällt
.
Die Stiefel haben offiziell ausgedient. Ersatzweise zog ich vorhin meine alten Lederstiefel mit moderatem Ab-
satz und leider relativ wenig Profil, aber zusätzlich festgezurrten Spikes, an. Mit dieser Kombination kam ich wunderbar zurecht!

Sollen ich Ihnen etwas verraten? Ganz flache Schuhe können mir echt gestohlen bleiben. Die und ich, das harmoniert einfach nicht miteinander. Sobald wir uns näherkommen, geht es doch los mit den Schwierigkeiten! Mal ist der Schuh hin, mal habe ich das Nachsehen. Ich werde auf weitere Versuche verzichten und habe wieder etwas gelernt: Vernunft ist auch nicht alles und bringt nicht immer das Gewünschte.
.

Hätte mir dieses Malheur heute nicht enormen Zeitverlust beschert, hätte ich ein Ziel erreicht, dort sicher fotografiert und Ihnen statt kaputter Stiefel mehr ansehnliche Aufnahmen dieser Sorte gezeigt:
.
.
Zugefrorene Teichfläche mit vielen Eisbrocken und Eisschollen auf der Eisfläche, Inmitten der Eisfläche eingefroren ein Teichgras mit umgeknickten Halmen.
.
So bleibt es bei dem einen und einem Gruß zum Abend. Sie sehen, ich habe Ihnen schon mal das Eis für die Cocktails kleingehackt …

.

.

©by Michèle Legrand
Michèle Legrand

, , , , , ,

56 Kommentare

Hamburg im Herbst / Vogelversammlung an der Kleinen Alster

Am Montagnachmittag war ich kurz in der City und erwischte dabei erfreulicherweise einen der sonnigsten Tage seit Langem. Samt unverschämt blauen Himmel und milden Temperaturen so um die 20 °C.
Scharen von Menschen waren unterwegs. Hamburger, die Gäste aus dem Umland, Touristen. Viele Besucher der Innenstadt zieht es bei Sonne automatisch ans Wasser. Wenigstens zwischendurch. An ein Fleet oder an die Binnenalster, die strategisch günstig liegt. Sie ist von allen Seiten im Nu erreichbar. Dann wird sie schlen-
dernd umrundet, oder man sitzt in Ufernähe und beobachtet das Treiben auf dem Wasser. Eisschleckend. Es entspannen sich die Gesichtszüge und gelegentlich umspielt unbeabsichtigt ein Lächeln die Lippen. Das macht der Sonnenschein. Er verbessert die Laune schlagartig.
.

Hamburg - Binnenalster im Herbst - Der alte Dampfer St.Georg ... (Blick Richtung Neuer Jungfernstieg. Im Hintergrund der Fernsehturm.)

Hamburg – Binnenalster im Herbst – Der alte Dampfer St.Georg …

.

Hamburg - Herbst an der Binnenalster - Der Anleger Jungfernstieg (mit einigen Ausflugsschiffen. Der Dampfer St. Georg legt gerade ab.)

Hamburg – Herbst an der Binnenalster – Der Anleger Jungfernstieg

.

Es wäre auch schade, eine solche Gelegenheit im Oktober nicht zu nutzen. Man muss goldene Herbsttage feiern, wie sie fallen. Die Nase in die Sonne halten. Besonders, da bereits feststand, dass mit Auswirkungen
des Orkans (anfangs Hurrikans) „Ophelia“ noch fest zu rechnen war. Staub aus der nordafrikanischen Sahara bzw. Rußpartikel, entstanden bei portugiesischen Waldbränden, drangen bereits in den Norden und Nordwesten vor. Am nächsten Tag war dann tatsächlich zunächst nichts mehr mit blauem Himmel. Stattdessen blieb es über Stunden verhangen wie durch eine leichte, graue Gardine. Hinter diesem Vorhang zeigte sich allerdings am frühen Dienstagvormittag für ein Weilchen eine ungewöhnliche Lichtscheibe. Eine, die keine ganz klaren Ab-
grenzungen zu besitzen schien und die ein eher diffuses Licht abgab. Die Sonne, die einen erstaunlichen und äußerst seltenen Morgenfarbton, ein extravagantes Orangerot, präsentierte. Es sah faszinierend aus, wirkte zugleich aber fast irreal.
Mein einer Nachbar, dem ich beim Laubfegen begegnete, dachte daher auch zuerst an eines dieser als „Blutmonde“ bezeichneten Phänomene. Die Sonne kam für ihn gar nicht in Betracht.

Sie haben es sicher aus den Medien mitbekommen, es sind alles Auswirkungen der ungewöhnlichen Bestand-
teile in der Luft und der Atmosphäre gewesen. Diese Partikel (Saharasand, Ruß etc.) sorgten dafür, dass die Teile des Sonnenlichts, die kurzwellig und bläulich sind, gestreut wurden und das, was dann vermehrt fürs Auge erkennbar war, waren langwellige Lichtteile, die rötlich erscheinen.
Warum das Schauspiel gerade am Vormittag auftrat?
Je flacher die Sonne steht, desto ausgeprägter der Effekt, denn in dem Fall muss das Licht eine längere Strecke durch die Atmosphäre hinter sich bringen. Gegen Abend verhält es sich logischerweise ähnlich, nur Abendsonnen, die den Himmel in ein Orange oder Rot tauchen und selbst wie ein Feuerball scheinen, sind für uns ja nicht ganz so ungewöhnlich.
.

Hamburg - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Laubfärbung an der Binnenalster

.

Der Herbst zeigt sich auch in der Innenstadt. Nur scheint in diesem Jahr ein Großteil des Laubs herabzurieseln, bevor die Herbstfärbung überhaupt richtig in die Gänge kommt. „Xavier“ riss wohl vorzeitig viel herunter, und offenbar waren die Nächte noch nicht kalt genug. Es ist, als bräuchten die Gehölze einen derartigen Impuls. Danach schienen bei mir im Garten die Ahornarten oder auch der Ginkgo biloba stets besonders Farbe zu entwickeln. Der Indian Summer fällt also – zumindest bei mir im Norden – etwas sparsamer aus als sonst.
.

Hamburg - Binnenalster im Oktober - Noch fahren die Ausflugsschiffe ... (Einer der Fleetenkieker auf dem Weg zur Außenalster.)

Hamburg – Binnenalster im Oktober – Noch fahren die Ausflugsschiffe …

.

Hamburg - Lombardsbrücke - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Lombardsbrücke – Laubfärbung an der Binnenalster

.

Das Nahrungsangebot in der freien Natur wird für die Wasservögel, die sich an Binnen- und Außenalster niedergelassen haben, allmählich knapper. Da die meisten von ihnen eingefleischte Hamburger sind und im Winter nicht in den Süden ziehen, sind sie jetzt besonders wild hinter den Futtergaben der Spaziergänger her. Erlaubt sind Fütterungen nicht, doch es gibt immer genügend Leute, die sich nicht daran halten. Wenn irgendwo einer mit der Tüte am Ufer knistert, ist das der Startschuss für Massenandrang in Ufernähe und Riesenversammlungen auf dem Wasser.

Das ist auf der Ballindammseite an der Binnenalster ….
.
Hamburg - Binnenalster (Seite Ballindamm) - Schwäne und andere Wasservögel
.

… genauso der Fall wie auf der Kleinen Alster, dem Wasserbereich direkt vor den Alsterarkaden, zwischen Reesendammbrücke und der Rathausschleuse.
.
Hamburg - Kleine Alster - Gänse, Schwäne und Möwen

.
Mit mir betrachteten zwei Touristen das Treiben, ein Ehepaar aus Graz, wie sich bald herausstellte.
„Oh, ist hier was los! So viele Schwäne!“, hatte sie gerufen und ihren Mann wild angestupst, weil er bisher hauptsächlich die Alsterarkaden im Blick hatte. „Hast du schon mal so viele auf einmal gesehen?“ Und in
meine Richtung schauend, fragte sie: „Sind Sie von hier? Ist das immer so?“
.

Hamburg - Kleine Alster - Schwanentreffen ...

Hamburg – Kleine Alster – Schwanentreffen …

.

„Ja, ich bin von hier“, beantwortete ich den ersten Teil ihrer Frage und verriet ihr, dass sich vor ihr längst noch nicht alle Schwäne versammelt hatten, die es an der Alster gibt.
„Es gibt NOCH mehr davon?“ Sie schaute ungläubig. „Und sind die ständig da?“

Offenbar hatte sie von unseren berühmten Alsterschwänen bisher noch gar nicht gehört. Bis nach Graz schien es sich nicht herumgesprochen zu haben, dass sie schon seit ewigen Zeiten Hamburgs lebende Wahrzeichen sind.
Ich klärte sie daraufhin ein wenig auf und da beide, auch ihr Mann, höchst interessiert reagierten und mehr erfahren wollten, gerieten wir ins Plaudern.

„Im letzten Jahr, d. h. in 2016, gab es ungefähr 120 Schwäne auf der Alster. Das weiß man relativ genau, weil unser Schwanenvater ein Auge auf sie und ihre Nester hat und sie außerdem jedes Jahr vor dem Winter mit seinem Team hier auf der Kleinen Alster zusammentreibt und einsammelt, um sie dann in offenen Booten zum Mühlenteich in Eppendorf zu verfrachten. Dort ist ihr Winterquartier. Ein Teil der Teichfläche wird eisfrei ge-
halten und dass sie nicht verhungern, ist auch sichergestellt. Wir müssen schließlich gut für sie sorgen, denn kennen Sie die Legende, die sich um unsere Alsterschwäne rankt?“
Ratloses Kopfschütteln.
.
Hamburg - Kleine Alster - Versammlung von Schwänen, Gänsen, Möwen, Rallen und Enten
.
„Es heißt, dass nur „solange stolze Schwäne auf der Alster ihre Runden ziehen“, Hamburg eine freie und wirtschaftlich erfolgreiche Hansestadt bleibt. Wer wollte riskieren, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, nicht wahr. Daher wurden die weißen Höckerschwäne rund um die Alster schon vor Jahrhunderten zunächst vom Hamburger Rat unter besonderen Schutz gestellt und später im 17. Jahrhundert durch den Senat gesetzlich geschützt.“
Ich versuchte, eine halbwegs strenge Miene aufzusetzen.
„Sie dürfen sie also weder beleidigen, noch hetzen, verletzen oder gar abmurksen. Darauf steht Strafe!“

Das Touristenpaar, das nicht so wirkte, als würde es je eine Bedrohung für irgendeinen Wasservögel darstellen, schaute dennoch beeindruckt. Strafe. Oha.
„Dann sind die im Winter also überhaupt nicht hier? Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt, Johann“, stellte die Dame fest. „Und ab wann sind sie fort?“
„Meist verlassen sie die Alster in der zweiten Novemberhälfte und kommen Anfang März zurück. Nur im letzten Jahr herrschte in vielen Regionen und Ländern die Vogelgrippe bzw. die Geflügelpest. Es wurde auch für die Schwäne extrem riskant. Man hat sie daher ausnahmsweise bereits Anfang November eingesammelt, und sie leider dann im Frühjahr auch noch drei Wochen länger als üblich in einem extra mit Zeltplanen geschützten Bereich des Winterquartiers lassen müssen, weil weiterhin immer neue Fälle von Vogelgrippe auftauchten.“

„Ist das denn sehr schlimm für die gewesen, dass sie nicht rauskonnten?“ Der Österreicher klang besorgt.
.
Hamburg - Kleine Alster - Wasservögel
.

„Denen gefällt es ganz grundsätzlich sicher auf der weiträumigen Alster viel besser als auf beengtem Raum, aber was hinzukommt, ist, dass im März die Brutzeit startet und auch das Verhalten der Schwanenmänner sich ändert. Es wird aggressiver.
Eine Befürchtung oder Komplikation war, dass durch das verzögerte Freilassen erst sehr verspätet der Nestbau rund um die Alster beginnen konnte. Dieser Umstand wirkt sich leicht negativ auf die Gesamtzahl der dann noch entstehenden Nester, die Zahl der Gelege oder aber die Anzahl der Eier pro Gelege aus.“
„Hat man das mal geprüft? Sind es denn tatsächlich weniger junge Schwäne in diesem Jahr?“
„Ja. Wobei man nicht beschwören kann, dass es allein daran lag. Es spielen noch andere Gründe mit hinein. Ungünstige Witterung zum Beispiel. Nur während es sonst im Schnitt 30-35 Jungschwäne gewesen sind, schlüpften in diesem Frühjahr nur etwa 20 Küken.“

Wir beobachteten noch ein Weilchen, was sich dort vor der Ufermauer alles versammelte und um Futter bettelte. Die Möwen veranstalteten immer ein Mordsgeschrei und absolvierten wildeste Flugmanöver, um an Nachschub zu gelangen. Enten waren an diesem Tag erstaunlich zurückhaltend. Die Wildgänse watschelten
mit Vorliebe am Ufer auf und ab und pickten dort Heruntergefallenes auf. Die wendigen dunklen Rallen um-
kurvten rasant die Schwäne und versuchten, sie mit diesem Slalom auszutricksen. Es schien ein einstudiertes und bereits erfolgreich erprobtes Szenario.
.

Hamburg - Kleine Alster - Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild ... (Möwe im Vordergrund, Richtung Kamera fliegend)

Hamburg – Kleine Alster – Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild …

.
Das gefiederte Volk war gierig und fraß beachtliche Mengen! Diesen Eindruck hatte auch das Ehepaar aus Graz gewonnen.
„Ich habe kürzlich gelesen, dass Kondore manchmal so viel essen, dass sie danach nicht mehr abheben können. Zu schwer … Ob das den Schwänen oder Gänsen wohl auch passiert?“, überlegte ich. Mein Einwurf löste folgende Reaktion aus:
„Wissen’s, was mir da grad in den Sinn kommt?“, sprudelte es aus dem Munde des Grazers nur so heraus. Dann allerdings legte er eine kleine Kunstpause ein, bevor er sein Geheimnis lüftete. „Bernhard und Bianca!“
Nun war es an mir, kurz verdutzt dreinzuschauen.
„Dieser Trickfilm! Mit den Mäusedetektiven! Die wollten auf einem Albatros abheben, und der hatte auch ganz kolossale Startschwierigkeiten!“
Dunkel erinnerte ich mich an eine solche Szene und musste grinsen. Er hatte recht, der etwas korpulente Vogel hatte enorm zu kämpfen gehabt.

Von den großen Wasservögeln hier schien keiner Abflugpläne zu hegen, und so konnten sie sich alle unbesorgt weiter den Magen vollschlagen und eine kleine Winterspeckreserve anlegen.

Ich wäre gern noch länger geblieben, aber die Zeit war an dem Tag sehr knapp bemessen. So wie sie es auch jetzt wieder ist. Für heute verabschiede ich mich und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Bis zum nächsten Mal!

.
PS:
Falls sie Gegend und/oder Thema reizen, möchte ich Sie noch auf zwei Blogposts aus früheren Jahren hinweisen, die sie über nachstehende Links erreichen können:
Bootsfahrt im November (2011)
Gefiederte Hamburger und Quiddjes / Die Scherben an der Rathausschleuse (Winter an der Alster, 2012)

.
PPS
PSpPS

© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

, , , , , , , ,

65 Kommentare

Kolosskippen …

Ich war eben im T-Shirt draußen. Im Norden! Mitte Oktober! „Ophelia“ über dem Atlantik sorgt tatsächlich gerade  dafür, dass ungewöhnlich laue Mittelmeerluft selbst bis hinauf zu mir und weiter nach Schleswig-Holstein vordringt. Während der Hurrikan heranzieht, die Iren sorgenvoll besonders den Süden ihrer Insel im Auge be-
halten und das, was da näher rückt, speziell auch an der portugiesischen Küste Unruhe aufkommen lässt, genießen wir diesmal den vorteilhaften Nebeneffekt der frühlingshaften Temperaturen. Sogar die Sonne, die sich zuletzt reichlich rar gemacht hatte, lässt sich wieder sehen.

„Xavier“, vor etwa zehn Tagen, hat sich dafür ordentlich ausgetobt. Kurz, kräftig, krawallig. Seine Attacken erfolgten statt flächendeckend eher punktuell, nur dort richtig massiv. Er hat Schneisen geschlagen. Seine Windhosen vorgeführt. Orkanböen in Nullkommanichts aus dem Ärmel geschüttelt. Hossa! Hier bin ich! – Zack! Nein, hier! – Wende. Zwusssssch!
Sie habe es sicher mitbekommen, in Norddeutschland kam der Bahnverkehr komplett zum Erliegen. Obwohl der Sturm nicht mehr als zwei Stunden randalierte! Es ging – was außergewöhnlich und selten ist – aufgrund seiner Unberechenbarkeit die ernste Warnung heraus, sein Haus nicht zu verlassen.
Ich hoffe, es ist bei Ihnen glimpflich verlaufen. Alle unversehrt? Die Bäume noch an ihrem Platz?

Als ich am nächsten Tag durch mein Wohnviertel ging, sah es stellenweise wüst aus. Wären die Bäume schon laubfrei gewesen, hätte „Xavier“ wesentlich weniger Angriffsfläche gehabt. Die Folgen seines Wütens wären sicher geringer ausgefallen. So hat er jedoch einige alte, große Bäume mühelos flachgelegt. Was nicht Tief- oder vielleicht noch Herzwurzler war, hatte ganz schlechte Karten. Fichten, Douglasien, Birken, Grauerlen, Hainbuchen oder auch z. B. Apfelbäume wurden als Flachwurzler mühelos angehoben und entwurzelt. Wo-
anders brachen beachtliche Teile aus Baumkronenmitten heraus, was manchmal sogar die Spaltung eines Stammes nach sich zog.
Auf allen Straßen, sämtlichen Gehwegen und in Einfahrten lag Geäst. Dicht an dicht. Von klein bis mittelgroß, mit oder ohne Laub. Auf dem Boden Blättermassen. Teilweise kompakte Schichten, wo Nässe den zunächst losen Teppich verklebte. Viele Siele waren kurzzeitig verstopft, die entstandenen Pfützen auf den Straßen beachtlich.

Inzwischen wurde fast alles geräumt und entsorgt. Gerade die Deutsche Bahn hatte natürlich sofort Trupps losgeschickt, damit die Gleisstrecken wieder befahrbar wurden. Angesichts der vielen Streckenkilometer und diversen Einsatzorte eine nicht ganz einfache Sache. Irgendwann fehlen einem schlichtweg die Leute. Für die Straßen beschloss die Hamburger Stadtreinigung kurzerhand, zusätzlich zum Sturmeinsatz die jährlich fix geplante Herbstlaubentfernung terminlich eine Woche vorzuverlegen, um so der ganzen Sache schneller Herr zu werden.

Die Behörden warnen immer davor, direkt nach einem solchen Sturm Parks aufzusuchen oder in den Wald
zu gehen. Der Grund ist klar, es kann immer noch etwas von oben heruntergerasselt kommen. Herausge-
brochenes, das sich anfangs im Geäst verfangen hat – oder es kann ein Baum in seiner Standfestigkeit erschüttert sein, der nun beim nächsten kleinen Lüftchen doch noch kippt. Etwas ganz Ähnliches ist bei uns im Garten vor einer Reihe von Jahren passiert!

In einer Ecke an der Grundstücksgrenze wuchs auf unserer Seite eine Traubenkirsche (Prunus padus).
Ein Gehölz mit recht dunklem Stamm und Geäst und mit schönem, kräftig grünem Laub, das erfreulich früh austreibt. Obendrein blüht die Traubenkirsche traumhaft! Ende April bis in den Mai hinein zeigt sie sich in Weiß. Dann stehen Millionen kleiner Einzelblüten dicht an dicht, bilden immer in gewisser Zahl eine Art Traube und diese kleinen Einzelwölkchen lassen wiederum trotz Masse alles sehr luftig und zart wirken. Es duftet dezent und ungemein angenehm. Gleichzeitig sind die Blüten beliebt bei Insekten. Auch im weiteren Verlauf des Jahres sind ständig Vögel, Schmetterlinge und Insekten in der Traubenkirsche unterwegs.
Wenn Sie einen Zweig schneiden oder überhaupt die Rinde anritzen, riecht es auf einmal nach Bittermandel. So als hätten Sie einen Marzipanbaum im Garten. Im Herbst trägt er kleine, kugelartige, schwarze Früchte – quasi die Marzipankartoffeln. Vögel sind ganz gierig hinter diesen Leckerbissen her.

Das Gehölz stand schon bei unserem Einzug dort, hatte sich mittlerweile zu einem riesigen, überhaushohen Baum entwickelt. Ein Merkmal dieser Baumart ist, dass sie oft gleich mehrstämmig austreibt. Diese Trauben-
kirsche war dreistämmig. Jeder Stamm mit einem Durchmesser von ca. 40 cm, was einem Umfang von jeweils etwa 1,25 m entspricht. Insgesamt ein ordentlicher Koloss.

Natürlich entsteht Schatten durch einen solchen Baum, was den Nachbarn am hinteren Ende des Grundstücks störte. Der Schattenwurf betraf ihn zwar gar nicht wirklich, aber alles was größer ist als ein Meter, hat bei ihm generell wenig Überlebenschance. Um ihm entgegenzukommen, ließ ich regelmäßig im unteren Bereich den einen oder anderen dicken Ast herausnehmen. Bis in vier Meter Höhe war alles frei. Wie bei einem teilweise entasteten Baum am Straßenrand, unter dem LKW durchpassen sollen.
Man darf natürlich nicht einfach drauflos säbeln. Der Durchmesser der Stämme verlangt, dass die Behörden auch für das Aussägen eines einzelnen Astes eine (kostenpflichtige) Genehmigung ausstellen. Dazu kommt vorab ein Mitarbeiter persönlich vorbei, begutachtet alles, auch den Gesamtzustand des Baumes, und wenn man Glück hat, erhält man die Erlaubnis. Schriftlich. Nach einiger Zeit. Ausgelichtet wird später in den Wintermonaten.

Wir hatten im Frühjahr den Herrn vom Naturschutzreferat da gehabt. Die Genehmigung zum Entfernen zweier Äste lag für den Spätherbst vor. Wir wurden darauf hingewiesen, dass Traubenkirschen keine übermäßig lange Lebensdauer hätten, im Alter bei Sturm gelegentlich kippten, daher vorher gefällt werden sollten. Aber, dieser Baum hier sehe ja noch „extrem vital“ aus.
Im Spätsommer gab es einen Sturm mit Orkanböen. Mit der neuen Information bezüglich der Lebensdauer, schauten wir diesmal etwas sorgenvoll auf mächtig schwankende Zweige und Stämme, die sich in der oberen Baumhälfte schwer hin- und herwogen. Doch es ging alles gut. Vitaler Baum eben …

Zwei Tage darauf komme ich nachmittags nach Hause, und die Feuerwehr steht in unserer Straße. Ein Teleskopkran ist ausgefahren. Männer in Uniform flitzen durch die Gegend. Nachbarn stehen draußen. Ein Polizeiwagen parkt weiter hinten. Mir stockt der Atem, als ich sehe, dass der Kran hinüber zu unserem Grundstück geschwenkt wurde.
Die sind bei uns!

Den ach so vitalen Baum hat es erwischt. Der dickste der drei Stämme ist umgestürzt. Er liegt schräg nach hinten gefallen zum größten Teil auf dem Grundstück des Nachbarn, der den Schattenwurf beklagte. Bisher habe ich glücklicherweise keinen Rettungswagen entdeckt, und im Gespräch kurz danach wird bestätigt, dass es keine Verletzten gab. Es war allerdings verdammt knapp!
Die Nachbarin hatte sich im Garten aufgehalten und ihre Wäschespinne mit nasser Kleidung behängt. Sie hatte sich gerade wieder abgewandt und war maximal zehn Meter zurück Richtung Haustür gegangen, als es – wie sie später sagte – „einen Knacks und ein seltsames Sirren in der Luft“ gegeben hätte. Dem folgte ein Vibrieren der Erde. Danach hätte eine nahezu gespenstische Ruhe geherrscht.
Der Stamm war umgefallen. Er begrub die Wäschespinne unter sich und kam dort auf, wo sie kurz zuvor gestanden hatte. Ein Schock!

Ansonsten gab es Sachschäden auf beiden Seiten und auch noch Auswirkungen bei unseren direkten Nach-
barn. Das Anheben bzw. Herausreißen von Baumwurzeln hier, hatte auf ihrer Seite ebenfalls die Wurzeln von zwei großen Sumpfzypressen gelockert, die es aber wohl überleben würden.

Sie können sich vorstellen, dass der Vorfall für Aufregung sorgte. Dass kein Mensch zu Schaden kam war die Hauptsache, doch regeln musste man schon noch einiges – was erhebliche Kosten verursachte und ein paar unliebsame Überraschungen bereithielt!
Zumindest die Feuerwehr übernahm letztendlich die Kosten für ihren Einsatz selbst, weil sie sich darauf beschränkte, die Seite, die an einen öffentlichen Gehweg grenzte, freizuräumen und die noch stehenden beiden Stämme mit Stahlseilen übergangsweise zu sichern. Diese Entwicklung war eine enorme Erleichterung, denn das wäre doch sehr ins Geld gegangen. Sie berechneten uns auch deshalb nichts, weil uns keine Fahrlässigkeit zu unterstellen war. Im Gegenteil, ein „Fachmann“ hatte ja erst den Baum begutachtet und nichts Verdächtiges entdeckt.

Tatsache allerdings war, dass der Baum von innen her morsch geworden war. Regenwasser sammelte sich regelmäßig im unteren Bereich, dort, wo die drei Stämme eng zusammenstanden und mit zunehmendem Umfang regelrecht zusammengewachsen waren. An dieser Stelle konnte es nie ausreichend abtrocknen und fing irgendwann an zu gammeln. Von außen sah weiterhin alles tipptopp aus. Üppiges Laub deutete ebenfalls nicht auf  Schwachstellen oder Krankheit hin.
Das Ausmaß der Schäden, das jetzt sichtbar wurde, zeigte, dass die anderen beiden Stämme keineswegs besser dran waren und umgehend gefällt werden mussten. Das übernahm die Feuerwehr natürlich nicht.
Nun finden Sie einmal in der Gartenhochsaison von jetzt auf gleich einen Gartenbaubetrieb, der Zeit hat, Bäume zu fällen. Und zwar an einer für schwere Maschinen und Hubwagen unzugänglichen Stelle. Sie brauchen je-
manden, der mit der Klettertechnik vertraut ist und dafür die Ausführerlaubnis besitzt. Der Arbeitsschutz ist in dem Fall sehr streng.
Wir haben es nach unzähligen Telefonaten geschafft, dass am nächsten Tag ein Unternehmen die Arbeit aufnahm. Riesige Mengen Astwerk und Laub mussten zunächst heruntergeholt werden. Ein ganzer LKW war allein dafür für den Abtransport nötig. Dann das Abtragen der Stämme. Stückchenweise von oben nach unten. Alle paar Minuten rumste es, und ein weiterer schwerer Block landete auf dem Boden. Die Erschütterung war noch in mehreren Metern Entfernung zu spüren.
Hatte der umfallende Baum vom Vortag schon viel kaputtgedrückt und mit sich gerissen, so war es jetzt der Umkreis, der durch die Fällarbeiten litt.

Die Kosten, die diese Fällaktion verursachte, waren hoch. Die Versicherung war nicht bereit, irgendetwas zu zahlen. Der Haken an der Sache war, dass der Baum nicht während des Sturms umgekippt war, sondern erst danach. Versicherungen springen nur ein, wenn beim Sturz nachweislich eine bestimmte Mindeststurmstärke herrschte.
Die Schäden des Nachbarn sollte eigentlich unsere Haftpflichtversicherung übernehmen, was sie aber nicht tat, weil sie der Ansicht war, dass der Nachbar keine Ansprüche geltend machen konnte. Wir hätten den Schaden nicht verhindern können und haben ihn nicht verursacht. Höhere Gewalt. Das mag zwar richtig sein, aber für das Verhältnis unter Nachbarn ist das nicht gerade die günstigste Entscheidung. Wir haben uns dann u. a. an einer neuen Wäschespinne beteiligt und natürlich alles aus seinem Garten entfernt, was nicht dorthin gehörte.
Unsere Hausratversicherung wiederum sträubte sich vehement, unsere eigenen Schäden an Gartenmobiliar, Zaun  etc. zu übernehmen.
Sie sehen, Versicherungen haben bedeutet nicht, dass man im Schadensfall auch etwas bekommt.

Meinen Nachbarn nebenan mit den Sumpfzypressen war nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Beim nächsten Sturm hat es die beiden Bäume doch umgerissen. Dadurch, dass unsere Traubenkirsche fehlte, hatte sich eine Art neue Windeinfallschneise gebildet, an deren Ende die Zypressen standen und zur Zielscheibe wurden.

Selbst wenn alle Schäden beseitigt sind und keine Gefahr mehr droht, Sie haben danach im Garten eine Baustelle und bekommen gleichzeitig von der Behörde die Auflage, für den gefällten Baum Ersatz zu pflanzen. Einen neuen Baum. Grundsätzlich richtig, nur auf so kleinen Reihenhausgrundstücken in der Stadt sind riesige Bäume völlig ungeeignet. Sie können sich in freundlicher Diskussion auf mehrere Gehölze kleinerer Natur einigen, was ich auch gemacht habe.
Was spricht dagegen, sofort mit der Pflanzaktion loszulegen?
Die Tatsache, dass der Untergrund im besagten Bereich komplett durchwurzelt ist und dass die Fällaktion den Boden zusätzlich verdichtet hat. Mein Grundstück besteht zudem unterirdisch überwiegend aus aufgeschütteten Ziegelresten, die von im zweiten Weltkrieg zerbombten Villen stammen. Damals hat man die Schuttberge der Einfachheit halber einfach plangeschoben und als Untergrund für die Neubebauung verwendet. Ein paar Zentimeter Mutterboden obenauf, fertig.
Immer wenn ich im Laufe der Jahre irgendwo ein Beet oder eine Rabatte neu angelegt habe, musste ich mich durch Steinschichten hacken und zig Kubikmeter Ziegel herausbrokeln.
.
Nach Umsturz eines Baumes Ausgraben der Wurzeln und vieler im Boden vorhandener Ziegel

..
Ich erinnere mich noch lebhaft an die Aktion damals und was mich das für Tage, nein Wochen der Ackerei gekostet hat. Beindicke Wurzeln im Erdreich freilegen und zersägen, sonstigen Wurzelfilz durchdringen, Ziegel mit der Spitzhacke lösen oder sogar ganze, noch zusammenhängende Mauerreste ans Tageslicht befördern. Boden lockern, Boden organisch verbessern, sacken lassen, nachfüllen … Hätte man für all das auch einen Fachbetrieb beauftragt, wäre ich arm geworden.
Heute ahnt man nichts mehr von alledem. Die Neupflanzungen sind eingewachsen und müssen inzwischen ständig in ihrem Ausbreitungsdrang bzw. Höhenwuchs gebändigt werden.

Seit damals habe ich mächtig Respekt speziell vor Frühherbststürmen, vor sich biegenden Bäumen, knirschenden Zweigen, wildem Laubrauschen und vor sogenannten Spätfolgen. Sie werden mich daher auch
in den nächsten Tagen noch nicht in einem Wald antreffen. Ein Kolosskippen zu erleben hat mir gereicht.

Durch die Straßen streife ich natürlich. Und ich habe von unterwegs etwas mitgebracht. Kämpferisch. Enorm schuppenbehaftet. An einem Ding, das gut einen Meter lang ist. Hört sich verdächtig nach Schlange oder sonstigem Reptil an. Schuppen? Auch das Bild eines fliegenden Fisches taucht auf. Ungewollt gestrandet während des Orkans, weil es ihn im Flug in die falsche Richtung trieb. „Xavier“ und der verendete Flugbarsch?
Unsinn. Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Ich nutze bestimmte Begriffe manchmal lediglich für mich, um mir z. B. den botanisch korrekten Namen einer Pflanze merken zu können. Sprachliche Merkwürdigkeiten und haften bleibende Bilder als Gedächtnisstütze. So fällt das Erinnern entschieden leichter.
.

Zweig einer Jap. Lärche (Larix kaempferi) mit sehr vielen reifen Zapfen

Reife Zapfen an der Larix kaempferi …

.
Ich habe diesen Zweig einer Lärche gefunden (auch so ein Sturmopfer), der über und über mit Zapfen bestückt ist. Am Anfang sind sie laubfroschgrün und fest geschlossen, werden jedoch mit zunehmender Reife braun und öffnen sich oben ein wenig. Auf dem Foto können Sie erkennen, dass sich der obere Rand der Schuppen leicht nach außen rollt. Das zeigt, dass es sich nicht um eine Europäische Lärche handelt, denn deren Zapfen bleiben geschlossen. Diese hier sind von einer Japanischen Lärche, deren lateinische Bezeichnung Larix kaempferi  lautet.  Larix ist kurz und simpel. Das lässt sich so merken. Über das Bild eines kämpferisch veranlagten Schuppenwesens prägt sich mir jedoch ebenfalls der Namenszusatz dauerhaft ein …

Mit diesem Zapfengruß möchte ich mich für heute von Ihnen verabschieden und Sie in das sonnige Herbstwetter entlassen. Ich werde es ganz sicher auch noch etwas genießen.
.

Bis demnächst!

.

© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

, , , , , , , ,

30 Kommentare

Stippvisite – Heute: Dellen, Netze, Krümel und Ruin

Stippvisite. Hier im Blog. Es wird lausig Zeit. Kaum zu glauben, mittlerweile rauschen die Kastanien schon wieder von den Bäumen! Mit Karacho!
Während der stürmischen Tage kürzlich steckte dermaßen Wucht dahinter, dass auf den Dächern parkender Autos nach dem Bombardement richtige Dellen zu erkennen waren. Ein Roverfahrer, dessen Wagen mehrfach getroffen worden war, blickte erst ungläubig und fluchte, als ihm die Ursache klar wurde. Beim Abstellen hatte
er wohl nicht darauf geachtet, was über ihm reifte und den Baum geschossartig verlassen wollte.

Herbst. Ganz eindeutig. Die Mücken streben zunehmend ins Warme. Scheinen kleine Frostködel zu sein. Mücken sind absolut nicht meine Freunde. Diese Plagegeister finden mich zielstrebig und hinterlassen deutliche Spuren. Auch eine Art von Dellen. Ist das Resultat nach einem Kastanienangriff auf ein Autodach jedoch eine farbneutrale, konkave Hinterlassenschaft, so sorgen die Stechheinis auf meiner Oberfläche für farbgewaltige, konvex geformte Ergebnisse in Form von dicken, dunkel verfärbten Beulen.

Die Septembernächte fallen mittlerweile reichlich frisch aus, der Morgen kommt klamm daher, manchmal hat er sogar Nebel mit im Gepäck.
.

Zwei Fliegenpilze, die aus dem herabgefallenen Laub ragen. Der Hut noch eng am Körper, nicht aufgeklappt wie ein Schirm.

Herbstzeit ist Pilzzeit …

.
An unserer Eingangsaußenlampe, zwischen dem Ende ihrer ein Stück vorstehenden Wandhalterung, der rauen, steinernen Einfassung der Haustür und einem in Hüfthöhe endenden Geländer daneben, spinnt wie jedes Jahr eine Spinne großflächig ihr Netz.
Immer wieder verfängt man sich unversehens mit Kopf und Haaren darin, wenn man morgens die Zeitung aus der Metallrolle ziehen will. Die befindet sich nämlich genau darunter. Unter der Lampe, am Geländer.
Große Beute für ein Spinnentier, so ein ganzer Menschenkopf. Meiner. Oder der vom Gemahl. Dem passiert das auch gern.
Ich entkomme dem Vieh zum Glück immer rechtzeitig, bevor es mich erreicht. Das Netz ist danach natürlich zerstört, und die letzten Reste entfernt der Handfeger. Ob es das diesmal endgültig war? Nein. Fast täglich die gleiche Prozedur und daraufhin stets der Vorsatz: Da rauscht du nicht noch einmal hinein!
Nur was passiert am nächsten Morgen? In Nachtarbeit und in rekordverdächtiger Zeit entstand ein neues Wunderwerk. Sie gibt ihren Lieblingsplatz nicht auf. Er wird vermutlich weiterempfohlen. Von Generation zu Generation weitervererbt! So wartet ein weiteres, nahezu perfekt gewebtes Spinnennetz samt gierigem Wach-
posten über der Zeitungsröhre. Und nun raten Sie mal, wer erneut mit dem Spinnfadenzeugs Bekanntschaft macht … Genau!
Um die Zeit funktioniere ich noch nicht zufriedenstellend. Ich werde stets erst richtig wach, nachdem die Fäden im Gesicht hängen.

Vorgestern habe ich sogar drinnen eine … Nein, warten Sie. Ich fange andersherum an. Kennen Sie auch das merkwürdige Gefühl, wenn sie vom Teppich oder auf den Fliesen einen Krümel aufheben wollen und dieser Krümel fängt plötzlich an zu laufen?
Die Mischung aus Schreck, leichtem Hitzeschub, unangesprochenem „Uaaah“ und etwas verschämtem Gefühl anlässlich der eigenen Reaktion bei so einer harmlosen „Minisache“ ist schon speziell.
Ich habe zunächst grundsätzlich den Plan, bewegliche „Fussel“ und dergleichen irgendwie lebend nach draußen zu befördern. Käfer sind kein Problem. Finger hinhalten. Aufstieg abwarten. Ab vor die Tür. Fertig.
Bei stechenden Wesen versuche ich, die Gäste dazu zu bewegen, sich auf Papier oder Heft niederzulassen, damit ich sie hinaustragen kann. Komfortabel, nicht wahr? Aber manche kapieren es einfach nicht! Oder finden es drinnen schöner.
Wenn es dann auch mit Einfangen per Glas (bei Spinnen, zu denen brauche ich etwas Abstand) nicht funktioniert, dann müssen sie gelegentlich leider doch dran glauben.
Hm …? Was heißt hier „ooohh“? Ich bitte Sie! Wer wohnt denn schließlich wirklich hier! Die hatten nun wirklich ihre Chance!
.

Kreisrundes Spinnennetz. Ca. 30 cm im Durchmesser, kunstvoll gewebt. Über einem Busch am Rosenbogen enstanden. Im Gegenlich gut zu erkennen.

Spinnennetz … an anderer Stelle, nicht minder kunstvoll (und weniger im Weg)

.

Eigentlich ist meine Zeit um. Ich wollte nur kurz hereinschauen. Ein Lebenszeichen absetzen. Doch wenn
ich es mir recht überlege … Ein bisschen etwas lernen könnten Sie bei der Gelegenheit natürlich doch!
Vor ein paar Tagen bin ich bei einer Twitterkollegin über einen Begriff gestolpert. Wissen Sie, was ein Stirnwaffenträger ist?
Ich möchte behaupten, dass die Mehrheit von Ihnen bereits einmal, wenn nicht sogar mehrfach, einem persönlich begegnet ist. Auch wenn der Begriff vielleicht ganz automatisch gefährliche Bilder freisetzt oder im Kopfkino Action- und Kampfszenen auslöst, entfernen Sie sich beim Überlegen von typischen, von gefertigten Waffen. Entfernen Sie sich gedanklich auch vom Menschen. Zerpflücken Sie den Begriff in seine Einzelteile … Wer hat wo was … Nun? Eine Idee?
Als Stirnwaffenträger bezeichnet man z. B. einen Hirsch. Nicht nur ihn! Es zählen diverse Paarhufer dazu. All jene, die eine Stirnbewaffnung tragen. Neben der Gruppe der Hirsche also auch Tiere wie Okapis, Antilopen, Spießböcke u. ä.
Wussten Sie`s? Ja? Sehr gut! Ich hatte den Begriff – zumindest bewusst – vorher tatsächlich noch nicht gehört.

Feierabend. Fast … Mich haben Menschen gefragt, wie ich auf andere Gedanken komme, jetzt, wo die Lage alles andere als rosig ist. Was ich zur Ablenkung mache, wie ich Ruhe finde, ruhig bleibe etc. Da es viele interessiert, möchte ich dazu gerne etwas sagen.

Es ist zum einen eine (innere) Grundeinstellung, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Der feste Wille, sich durch nichts und niemanden unterkriegen zu lassen. Er sorgt dabei zugleich für Gelassenheit, und die ist wichtig für Geduld und Durchhaltevermögen.
Alles zusammen stärkt Sicherheit und gibt Vertrauen, dass man klarkommt mit allem, was da kommen mag.
Es ist die bevorzugte Wahrnehmung der vielen kleinen positiven Dinge, die weiterhin passieren und gleichzeitig eine andere Bewertung des Negativen. Es erhält schlicht und einfach kaum Platz, nur die geringstmögliche Beachtung in jeglichen Gedankengängen. Wenn belastende Gedanken dennoch einmal anfangen zu kreisen, eigenwillig, hartnäckig, wie ein Adler, der wieder und wieder um seinen Horst kreist, dann hilft entweder ein Spaziergang, Gartenarbeit oder aber bewusste Kopfbeschäftigung. Mit erbaulicheren, gern harmlosen, Spaß machenden, ablenkenden Dingen und Themen.

Kürzlich habe ich dazu beim NDR (Kultur) via Facebook mitgemacht. Die Aufgabe lautete: Einen Werktitel verändern (ruinieren) mit nur einem Buchstaben. Kurz überlegt, im Handumdrehen mitten drin im Thema und schon entstehen neue Sachen: Die Zauberflöhe. Die Brechtrommel! Krieg und Friesen. Hammelflug. Der Name der Hose, die Rinder des Monsieur Mathieu oder der Zauderer von Oz. Der liegende Holländer, der eingebildete Franke, Romeo und Julio, das Phantom der Ober, der König der Möwen …Wehe, man fängt an, es fällt einem immer noch etwas Neues dazu ein – und der Kopf ist gnädigerweise damit beschäftigt und übergangsweise voll ausgelastet! Kleine Krise überwunden.

Oder haben Sie schon einmal Sprichwörter kombiniert? Aus zwei mach eins? Das war eine weitere Vorgabe der Kulturredaktion des NDR. Es erfordert, sich wieder mit einem völlig anderen Thema intensiv zu beschäftigen und macht obendrein richtig Laune! Das fanden mit mir auch andere Leser der Seite und schickten lustvoll ihre Kreationen, aus denen der NDR später ein Best of aller abgegebenen Vorschläge erstellte. Ein Auszug daraus:

„Da rennst du bei mir offene Ohren ein.“ (Leoni Prieß)
„Es nützt nichts, den Brunnen zuzuschütten, wenn das Kind schon verbrannt ist.“ (Thomas E. W. Harden)
„Alles in grünen Tüchern.“ (Ellen Kommer)
„Was lange währt, kann noch werden.“ (Anke Harder)
„Da bist du aber auf dem Holzdampfer.“ (Marcel Kawentel)
„Nachts sind alle Tauben auf dem Dach.“ (Jacqueline Hofer)
„Wie man in die Grube rein ruft, so schallt es heraus.“ (Daniel Lücking)
„Die Lage ist ernst, aber darin liegt die Würze.“ (Michèle Legrand)

Die Idee ist natürlich nicht komplett neu. Der verstorbene Jürgen von Manger hat seinerzeit gleich mehrere Sprichwörter miteinander verkuppelt – was zeigt, dass man es auch ein bisschen übertreiben kann:
„Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“

Falls Sie Lust haben oder einmal Ablenkung für ihren kreisenden Adler brauchen, kreieren Sie mit. Hier heißt
es nun endgültig Klappe zu und Tee trinken. Ende gut, Affe tot. Wir lesen uns wieder – wenn Sie denn mögen.
Schauen Sie gern herein, was sich hier tut, denn:
„Wer nicht kommt zu rechten Zeit, der muss selbst sehen, wie er in die Grube hineinfällt.“
.

Bis demnächst!

.

© by Michèle Legrand, September 2017
Michèle Legrand

 

 

, , , , , , , , ,

54 Kommentare

Ogtern …

Ostern ist ein netter Anlass für eine kleine, spontane Unterbrechung der MADEIRA-Blogreihe.

Kennen Sie noch den genialen Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger? Erinnern Sie sich eventuell sogar
an seinen Sketch, in dem er als Mitarbeiter des Telegrafenamtes versucht, während seines Telefondienstes nebenher ein Kreuzworträtsel zu knacken? Die Frage nach dem kirchlichen Feiertag entpuppt sich als zum Haare raufen schwierig, obwohl bereits ein Teil der Lösung da ist. Nur das Grautier senkrecht mit vier Buch-
staben („…Egel?“) sorgt bei Emil für Ratlosigkeit, als es für den quer einzutragenden Feiertag ein G als zweiten von insgesamt sechs Buchstaben vorgibt. O…Og… Ogtern? Das G hat es in sich. Von da an passt nichts mehr so recht, ergibt lediglich Begriffe unbekannter Natur, und nebenher klingelt auch noch ständig das Telefon. Wie soll man sich da bitte schön konzentrieren …

Liebe Blogleser, ich grüße Sie! Ogtern! Die Karwoche nähert sich dem Ende. Mit Fug und Recht lässt sich sagen, es ostert jetzt wirklich, und mit schöner Regelmäßigkeit muss ich spätestens dann an Emil denken. Oh, keine Frage, natürlich ist Ostern vor allem ein sehr hohes, christliches Fest, dessen Anlass Sie kennen und dessen Wichtigkeit ich keineswegs schmälern möchte. Nur lassen Sie uns heute jeder für sich und auf seine Art daran denken, hier im Blog jedoch ein wenig vom religiösen Hintergrund abschweifen.
.
Osterstrauß mit Korkenzieher-Haselnuss und mit ausgepusteten Eiern behängt
.
Womit verbinden Sie außerdem – jetzt Sie für sich gesehen – Ostern und die Osterfeiertage? Mit ein bisschen mehr Freizeit und einem Treffen mit der Familie? Oder etwa mit Stress und im Stau stehen? Mit Spaziergang, Frühlingssonne, erstem Grün oder eher mit einem spätem Wintereinbruch? Mit einem Gottesdienstbesuch?
Mit dekorierten Zweigen, farbenfrohen Ostereiern, Horden von Schokoladen- und Plüschosterhasen?
.
Hasenschule - Plüschhasen an kleinen Holzbänken sowie ein Lehrer vor der Tafel sitzend
.

Mit Eierfärben und den dabei mal wieder aus Versehen mitkolorierten Händen?
.
Eierfärberei ... buntgefärbte Eier am abtrocken auf Küchenpapier
Oder mit einem schönem Osteressen? Mit Bauchschmerzen nach zu viel Süßem? Mit einer Gewichtszunahme nach Marzipanorgien?
Mir kommt gerade erhebliches Schwindelgefühl durch wahrscheinlich zu ambitioniertes Eierauspusten in den Sinn! Dabei kann einem richtig schwarz vor Augen werden …! Ansonsten verband ich speziell den Oster-
sonntag lange Zeit mit der Hoffnung auf zumindest halbwegs trockenes Wetter und mit dem Aufstehen um
halb fünf, um Osterhase im Garten zu spielen, bevor die Kinder wach wurden. Ich denke auch heute noch an
temperamentvolle Eiersuchen und übersehene Reste, deren Verstecke irgendwann im Laufe des Jahres mit großem Hallo wiederentdeckt wurden …

Seit die kleine Enkelin hier mit von der Partie ist, fallen mir viele der selbsterdachten Geschichten wieder ein,
die ich damals meinen Kindern erzählte. Die ich wunschgemäß wiederholen musste wie eine Schallplatte –
oder aber, es wurden neue Episoden erbettelt, in denen die einmal liebgewonnenen Helden sich weiteren Aben-
teuern zu stellen hatten und dabei wieder völlig andere Fähigkeiten an sich entdeckten.

Dass es keinen echten Osterhasen gibt, hatten meine beiden zwar relativ früh spitz gekriegt – der Kindergarten mit den gut informierten älteren Kindern hält mit nichts hinter dem Berg. Doch selbst mit dem Wissen, dass in Wirklichkeit gar kein Fellwesen auftaucht, waren Osterhasengeschichten im Kindergarten- und Grundschulalter äußerst angesagt. Altersabhängig fielen sie leichter verständlich oder bereits anspruchsvoller in der Sprache aus und enthielten dementsprechend eben weniger bzw. ein paar mehr oder kompliziertere Ausschmückun-
gen.

Großer Beliebtheit erfreuten sich Rüdiger und Ralf, die Hasenzwillinge. Die zwei waren als Osterhasen für un-
seren Stadtteil zuständig. Sie wissen sicher, dass man Stadtteile immer an zwei Hasen vergibt, weil einer allein das nun wirklich nicht schaffen kann!
Eineiige Zwillinge werden dabei bevorzugt. Schließlich glauben die Jüngsten weiterhin, es gäbe nur einen einzigen Osterhasen überhaupt! Aus diesem Grund macht sich trotz allem konsequent immer nur ein Osterhase zur Zeit auf den Weg, während der andere sich derweil ausschläft oder Bürokram erledigt. Auch Osterhasen leiden ganz schön unter den Verwaltungsauflagen der Hasenbehörde.
Beim Einsatz von Rüdiger und Ralf konnte absolut nichts schief gehen, selbst wenn ein Kind zufällig beiden nacheinander begegnet wäre. Die Brüder hatten als zusätzlich überzeugendes Kriterium für eventuelle Zweifler jeder links ein Knickohr, das dauernd herunterklappte. Als Erkennungsmerkmal so markant, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, es liefen zwei Hasen mit genau dieser Art von Klappohr herum.

Allerdings waren Rüdiger und Ralf mittlerweile nicht mehr die Jüngsten, und ihnen fiel die stundenlange oster-sonntägliche Herumhoppelei mit immer neuen Eierladungen schwerer und schwerer. Es würde auch ständig mehr, so klagten sie. Sie benötigten Verstärkung – und hier kam Ruth ins Spiel, die jüngere Schwester der beiden. Ruth, eine aparte und lebensfrohe Häsin, hatte sich in jungen Jahren in einen Italiener verliebt und war mit ihm bei Nacht und Nebel nach Südtirol durchgebrannt. Marcello und Ruth blieben einige Zeit dort, bis Ruths Heimweh doch zu stark wurde. Marcellos Heimat bot hauptsächlich Berge, die sehr schön anzusehen waren – doch ihr fehlten das Wasser, der Hafen … und ihre Familie! Marcello zog ihr zuliebe mit in den Norden, und bald nach der Rückkehr erblickten zwei aufgeweckte Hasenkinder, Ricardo und Rosella, das Licht der Welt. Am Waldesrand, nahe eines Karottenackers bei Duvenstedt.

Rüdiger und Ralf waren hellauf begeistert. Eine Lösung für ihr Osterhasenproblem rückte in greifbare Nähe. Als Ruths Nachwuchs in einem adäquaten Alter war, fragten die wieder einmal sehr geschafften Osterhasenonkel, ob Nichte und Neffe nicht in den Familienbetrieb einsteigen wollten und ob sie bereit wären mitzuhelfen. Rosella besaß schließlich eine ausgeprägte künstlerische Ader. Sie malte mit großer Hingabe und würde wundervolle Motive auf die Eier zaubern! In dem sportlichen Ricardo mit dem exzellenten Orientierungssinn sahen sie hin-
gegen den idealen Ergänzungsosterhasen. Zwar kein Zwilling, doch die Familienähnlichkeit fiel trotz Marcellos genetischen Einflusses frappierend aus. Erstaunlicherweise hatte sich sogar das Knickohr weitervererbt – was sicherstellte, dass Ostern weiterhin alles in geordneten Bahnen ablaufen würde.
.
XL-Eier
.
Was die beiden Onkel nicht bedacht hatten, war, dass Ricardo definitiv einer anderen Generation angehörte. Er war ein moderner Hase, der absolut keine Lust hatte, mit einer Kiepe aus geflochtenen Weidenruten auf dem Rücken herumzulaufen. Ihm schwebte ein silberner Eastpak-Rucksack mit Rennwagenmotiven vor, was heftige Diskussionen zur Folge hatte.
„Ricardo, du kannst nicht mit so einem Rucksack Eier austragen!“
„Und warum nicht?“, fragte der bockig und ließ als Halbitaliener temperamentvoll seine Hinterpfoten knallen. „Es ist doch eh fast dunkel, wenn ich unterwegs bin!“
„So läuft ein Osterhase einfach nicht herum!“ kam es knurrend zurück.
„Onkel Ralf, ihr seid dermaßen altmodisch! Eine Kiepe! Das ist vorsintflutlich! Außerdem ist das Ding nicht wasserdicht. Sollen die Kinder alle Matscheier kriegen?“
„Apropos Matsch“, warf Onkel Rüdiger ein, „Ricardo, ein nachgiebiger Rucksack bietet überhaupt keinen sicheren Halt für die zerbrechliche Ladung!“

Als Ricardo klar wurde, dass sein Onkel recht hatte und die Eier darin tatsächlich nicht sonderlich gut geschützt waren, konstruierte er ein etwas futuristisch anmutendes, tragbares, zum Rücken hin gepolstertes Metallgestell, in das man von beiden Seiten schubladenartig jeweils 6er-Eierpaletten einschieben konnte.
Bis zu sieben Paletten übereinander! Und die hielten selbst bei einer Notbremsung und beim über den Zaun hüpfen zuverlässig. Die Schutzabdeckung war  isolierend, selbstverständlich wasserdicht, silbern und trug die bevorzugten Motive: Formel-1-Flitzer.

Ricardo gefiel nicht nur der Anblick schneller Autos, er erlebte selbst gern einen kleinen Geschwindigkeits-
rausch. Er war der erste Osterhase, der die Eierverteilung in Rekordzeit auf Inlineskatern erledigte. Auch daran gewöhnten sich Rüdiger und Ralf – nachdem der erste Schock abgeklungen war. Genauso lernten sie zu akzeptieren, dass Rosella teilweise recht eigenwillige Motive für die Eier wählte, dazu einen Graffiti-Look mit ungewöhnlichen Effekten kreierte und sogenannte Plusterfarbe verwendete, die wie Hefe aufging und sich wie ein etwas übergewichtiger Wurm ums Ei wand, wenn sie wieder einmal Tintenfischtentakel auftrug. „Neumodischer Kram“, brummelte Onkel Rüdiger anfangs leicht verächtlich. Onkel Ralf schüttelte es manchmal heimlich … Ihnen entging jedoch nicht, dass die beschenkten Kinder von Rosellas Eiern begeistert waren, und so gingen er und sein Zwillingsbruder letztendlich doch mit der Zeit …

Mademoiselle, meine kleine Enkelin, ist dieses Jahr noch zu jung für diese Sachen. Ich bin mir jedoch sicher, irgendwann fordert und hört auch sie Geschichten – die von Rüdiger und Ralf in diversen Lebenslagen und mitunter gefährlichen Situationen oder die von Magnus, dem nachtblinden Osterhasen aus Hamburg-Poppenbüttel, der die Eier beim Austragen in Dämmerung und Dunkelheit schon mal aus Versehen im Gartenteich versenkte.
Möglicherweise wird sie auch ganz neue Helden und Geschichten wollen. Wird wie ihr Papa oder ihre Tante damals einfach ein Stichwort liefern, den endgültigen Namen ihrer Lieblingsfigur mitbestimmen und zwi-
schendurch neugierig Fragen stellen, die dem Ablauf der Geschichte sofort eine neue Wendung geben.
Wie überlistet der Osterhase die Dobermänner, die den Garten von Herrn Niedermayer bewachen …?
Oder was macht der Osterhase bloß, wenn ihn auf einmal eine ganz dolle Pollenallergie packt?

Der Stoff wird vermutlich nie ausgehen. Allerdings muss ich für heute aufhören. Erstens sind Sie kein Kind mehr und haben irgendwann genug von Ostergeschichten, und zweitens sind die Osternester hier noch nicht fertig.

Ich habe jedoch schon etwas Moos gesammelt …
.
Moosberg - Durch Vertikutieren entferntes Moos zum Hügel gestapelt
.

Ihnen allen ein frohes Osterfest und schöne Feiertage!

.

.

© by Michèle Legrand, April 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

 

, , , , , , , , ,

40 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: