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Hamburg im Herbst / Vogelversammlung an der Kleinen Alster

Am Montagnachmittag war ich kurz in der City und erwischte dabei erfreulicherweise einen der sonnigsten Tage seit Langem. Samt unverschämt blauen Himmel und milden Temperaturen so um die 20 °C.
Scharen von Menschen waren unterwegs. Hamburger, die Gäste aus dem Umland, Touristen. Viele Besucher der Innenstadt zieht es bei Sonne automatisch ans Wasser. Wenigstens zwischendurch. An ein Fleet oder an die Binnenalster, die strategisch günstig liegt. Sie ist von allen Seiten im Nu erreichbar. Dann wird sie schlen-
dernd umrundet, oder man sitzt in Ufernähe und beobachtet das Treiben auf dem Wasser. Eisschleckend. Es entspannen sich die Gesichtszüge und gelegentlich umspielt unbeabsichtigt ein Lächeln die Lippen. Das macht der Sonnenschein. Er verbessert die Laune schlagartig.
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Hamburg - Binnenalster im Herbst - Der alte Dampfer St.Georg ... (Blick Richtung Neuer Jungfernstieg. Im Hintergrund der Fernsehturm.)

Hamburg – Binnenalster im Herbst – Der alte Dampfer St.Georg …

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Hamburg - Herbst an der Binnenalster - Der Anleger Jungfernstieg (mit einigen Ausflugsschiffen. Der Dampfer St. Georg legt gerade ab.)

Hamburg – Herbst an der Binnenalster – Der Anleger Jungfernstieg

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Es wäre auch schade, eine solche Gelegenheit im Oktober nicht zu nutzen. Man muss goldene Herbsttage feiern, wie sie fallen. Die Nase in die Sonne halten. Besonders, da bereits feststand, dass mit Auswirkungen
des Orkans (anfangs Hurrikans) „Ophelia“ noch fest zu rechnen war. Staub aus der nordafrikanischen Sahara bzw. Rußpartikel, entstanden bei portugiesischen Waldbränden, drangen bereits in den Norden und Nordwesten vor. Am nächsten Tag war dann tatsächlich zunächst nichts mehr mit blauem Himmel. Stattdessen blieb es über Stunden verhangen wie durch eine leichte, graue Gardine. Hinter diesem Vorhang zeigte sich allerdings am frühen Dienstagvormittag für ein Weilchen eine ungewöhnliche Lichtscheibe. Eine, die keine ganz klaren Ab-
grenzungen zu besitzen schien und die ein eher diffuses Licht abgab. Die Sonne, die einen erstaunlichen und äußerst seltenen Morgenfarbton, ein extravagantes Orangerot, präsentierte. Es sah faszinierend aus, wirkte zugleich aber fast irreal.
Mein einer Nachbar, dem ich beim Laubfegen begegnete, dachte daher auch zuerst an eines dieser als „Blutmonde“ bezeichneten Phänomene. Die Sonne kam für ihn gar nicht in Betracht.

Sie haben es sicher aus den Medien mitbekommen, es sind alles Auswirkungen der ungewöhnlichen Bestand-
teile in der Luft und der Atmosphäre gewesen. Diese Partikel (Saharasand, Ruß etc.) sorgten dafür, dass die Teile des Sonnenlichts, die kurzwellig und bläulich sind, gestreut wurden und das, was dann vermehrt fürs Auge erkennbar war, waren langwellige Lichtteile, die rötlich erscheinen.
Warum das Schauspiel gerade am Vormittag auftrat?
Je flacher die Sonne steht, desto ausgeprägter der Effekt, denn in dem Fall muss das Licht eine längere Strecke durch die Atmosphäre hinter sich bringen. Gegen Abend verhält es sich logischerweise ähnlich, nur Abendsonnen, die den Himmel in ein Orange oder Rot tauchen und selbst wie ein Feuerball scheinen, sind für uns ja nicht ganz so ungewöhnlich.
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Hamburg - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Laubfärbung an der Binnenalster

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Der Herbst zeigt sich auch in der Innenstadt. Nur scheint in diesem Jahr ein Großteil des Laubs herabzurieseln, bevor die Herbstfärbung überhaupt richtig in die Gänge kommt. „Xavier“ riss wohl vorzeitig viel herunter, und offenbar waren die Nächte noch nicht kalt genug. Es ist, als bräuchten die Gehölze einen derartigen Impuls. Danach schienen bei mir im Garten die Ahornarten oder auch der Ginkgo biloba stets besonders Farbe zu entwickeln. Der Indian Summer fällt also – zumindest bei mir im Norden – etwas sparsamer aus als sonst.
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Hamburg - Binnenalster im Oktober - Noch fahren die Ausflugsschiffe ... (Einer der Fleetenkieker auf dem Weg zur Außenalster.)

Hamburg – Binnenalster im Oktober – Noch fahren die Ausflugsschiffe …

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Hamburg - Lombardsbrücke - Laubfärbung an der Binnenalster

Hamburg – Lombardsbrücke – Laubfärbung an der Binnenalster

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Das Nahrungsangebot in der freien Natur wird für die Wasservögel, die sich an Binnen- und Außenalster niedergelassen haben, allmählich knapper. Da die meisten von ihnen eingefleischte Hamburger sind und im Winter nicht in den Süden ziehen, sind sie jetzt besonders wild hinter den Futtergaben der Spaziergänger her. Erlaubt sind Fütterungen nicht, doch es gibt immer genügend Leute, die sich nicht daran halten. Wenn irgendwo einer mit der Tüte am Ufer knistert, ist das der Startschuss für Massenandrang in Ufernähe und Riesenversammlungen auf dem Wasser.

Das ist auf der Ballindammseite an der Binnenalster ….
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Hamburg - Binnenalster (Seite Ballindamm) - Schwäne und andere Wasservögel
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… genauso der Fall wie auf der Kleinen Alster, dem Wasserbereich direkt vor den Alsterarkaden, zwischen Reesendammbrücke und der Rathausschleuse.
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Hamburg - Kleine Alster - Gänse, Schwäne und Möwen

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Mit mir betrachteten zwei Touristen das Treiben, ein Ehepaar aus Graz, wie sich bald herausstellte.
„Oh, ist hier was los! So viele Schwäne!“, hatte sie gerufen und ihren Mann wild angestupst, weil er bisher hauptsächlich die Alsterarkaden im Blick hatte. „Hast du schon mal so viele auf einmal gesehen?“ Und in
meine Richtung schauend, fragte sie: „Sind Sie von hier? Ist das immer so?“
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Hamburg - Kleine Alster - Schwanentreffen ...

Hamburg – Kleine Alster – Schwanentreffen …

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„Ja, ich bin von hier“, beantwortete ich den ersten Teil ihrer Frage und verriet ihr, dass sich vor ihr längst noch nicht alle Schwäne versammelt hatten, die es an der Alster gibt.
„Es gibt NOCH mehr davon?“ Sie schaute ungläubig. „Und sind die ständig da?“

Offenbar hatte sie von unseren berühmten Alsterschwänen bisher noch gar nicht gehört. Bis nach Graz schien es sich nicht herumgesprochen zu haben, dass sie schon seit ewigen Zeiten Hamburgs lebende Wahrzeichen sind.
Ich klärte sie daraufhin ein wenig auf und da beide, auch ihr Mann, höchst interessiert reagierten und mehr erfahren wollten, gerieten wir ins Plaudern.

„Im letzten Jahr, d. h. in 2016, gab es ungefähr 120 Schwäne auf der Alster. Das weiß man relativ genau, weil unser Schwanenvater ein Auge auf sie und ihre Nester hat und sie außerdem jedes Jahr vor dem Winter mit seinem Team hier auf der Kleinen Alster zusammentreibt und einsammelt, um sie dann in offenen Booten zum Mühlenteich in Eppendorf zu verfrachten. Dort ist ihr Winterquartier. Ein Teil der Teichfläche wird eisfrei ge-
halten und dass sie nicht verhungern, ist auch sichergestellt. Wir müssen schließlich gut für sie sorgen, denn kennen Sie die Legende, die sich um unsere Alsterschwäne rankt?“
Ratloses Kopfschütteln.
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Hamburg - Kleine Alster - Versammlung von Schwänen, Gänsen, Möwen, Rallen und Enten
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„Es heißt, dass nur „solange stolze Schwäne auf der Alster ihre Runden ziehen“, Hamburg eine freie und wirtschaftlich erfolgreiche Hansestadt bleibt. Wer wollte riskieren, dass sich an diesem Zustand etwas ändert, nicht wahr. Daher wurden die weißen Höckerschwäne rund um die Alster schon vor Jahrhunderten zunächst vom Hamburger Rat unter besonderen Schutz gestellt und später im 17. Jahrhundert durch den Senat gesetzlich geschützt.“
Ich versuchte, eine halbwegs strenge Miene aufzusetzen.
„Sie dürfen sie also weder beleidigen, noch hetzen, verletzen oder gar abmurksen. Darauf steht Strafe!“

Das Touristenpaar, das nicht so wirkte, als würde es je eine Bedrohung für irgendeinen Wasservögel darstellen, schaute dennoch beeindruckt. Strafe. Oha.
„Dann sind die im Winter also überhaupt nicht hier? Da haben wir ja noch einmal Glück gehabt, Johann“, stellte die Dame fest. „Und ab wann sind sie fort?“
„Meist verlassen sie die Alster in der zweiten Novemberhälfte und kommen Anfang März zurück. Nur im letzten Jahr herrschte in vielen Regionen und Ländern die Vogelgrippe bzw. die Geflügelpest. Es wurde auch für die Schwäne extrem riskant. Man hat sie daher ausnahmsweise bereits Anfang November eingesammelt, und sie leider dann im Frühjahr auch noch drei Wochen länger als üblich in einem extra mit Zeltplanen geschützten Bereich des Winterquartiers lassen müssen, weil weiterhin immer neue Fälle von Vogelgrippe auftauchten.“

„Ist das denn sehr schlimm für die gewesen, dass sie nicht rauskonnten?“ Der Österreicher klang besorgt.
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Hamburg - Kleine Alster - Wasservögel
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„Denen gefällt es ganz grundsätzlich sicher auf der weiträumigen Alster viel besser als auf beengtem Raum, aber was hinzukommt, ist, dass im März die Brutzeit startet und auch das Verhalten der Schwanenmänner sich ändert. Es wird aggressiver.
Eine Befürchtung oder Komplikation war, dass durch das verzögerte Freilassen erst sehr verspätet der Nestbau rund um die Alster beginnen konnte. Dieser Umstand wirkt sich leicht negativ auf die Gesamtzahl der dann noch entstehenden Nester, die Zahl der Gelege oder aber die Anzahl der Eier pro Gelege aus.“
„Hat man das mal geprüft? Sind es denn tatsächlich weniger junge Schwäne in diesem Jahr?“
„Ja. Wobei man nicht beschwören kann, dass es allein daran lag. Es spielen noch andere Gründe mit hinein. Ungünstige Witterung zum Beispiel. Nur während es sonst im Schnitt 30-35 Jungschwäne gewesen sind, schlüpften in diesem Frühjahr nur etwa 20 Küken.“

Wir beobachteten noch ein Weilchen, was sich dort vor der Ufermauer alles versammelte und um Futter bettelte. Die Möwen veranstalteten immer ein Mordsgeschrei und absolvierten wildeste Flugmanöver, um an Nachschub zu gelangen. Enten waren an diesem Tag erstaunlich zurückhaltend. Die Wildgänse watschelten
mit Vorliebe am Ufer auf und ab und pickten dort Heruntergefallenes auf. Die wendigen dunklen Rallen um-
kurvten rasant die Schwäne und versuchten, sie mit diesem Slalom auszutricksen. Es schien ein einstudiertes und bereits erfolgreich erprobtes Szenario.
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Hamburg - Kleine Alster - Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild ... (Möwe im Vordergrund, Richtung Kamera fliegend)

Hamburg – Kleine Alster – Kollege wollte schnell noch mit aufs Bild …

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Das gefiederte Volk war gierig und fraß beachtliche Mengen! Diesen Eindruck hatte auch das Ehepaar aus Graz gewonnen.
„Ich habe kürzlich gelesen, dass Kondore manchmal so viel essen, dass sie danach nicht mehr abheben können. Zu schwer … Ob das den Schwänen oder Gänsen wohl auch passiert?“, überlegte ich. Mein Einwurf löste folgende Reaktion aus:
„Wissen’s, was mir da grad in den Sinn kommt?“, sprudelte es aus dem Munde des Grazers nur so heraus. Dann allerdings legte er eine kleine Kunstpause ein, bevor er sein Geheimnis lüftete. „Bernhard und Bianca!“
Nun war es an mir, kurz verdutzt dreinzuschauen.
„Dieser Trickfilm! Mit den Mäusedetektiven! Die wollten auf einem Albatros abheben, und der hatte auch ganz kolossale Startschwierigkeiten!“
Dunkel erinnerte ich mich an eine solche Szene und musste grinsen. Er hatte recht, der etwas korpulente Vogel hatte enorm zu kämpfen gehabt.

Von den großen Wasservögeln hier schien keiner Abflugpläne zu hegen, und so konnten sie sich alle unbesorgt weiter den Magen vollschlagen und eine kleine Winterspeckreserve anlegen.

Ich wäre gern noch länger geblieben, aber die Zeit war an dem Tag sehr knapp bemessen. So wie sie es auch jetzt wieder ist. Für heute verabschiede ich mich und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Bis zum nächsten Mal!

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PS:
Falls sie Gegend und/oder Thema reizen, möchte ich Sie noch auf zwei Blogposts aus früheren Jahren hinweisen, die sie über nachstehende Links erreichen können:
Bootsfahrt im November (2011)
Gefiederte Hamburger und Quiddjes / Die Scherben an der Rathausschleuse (Winter an der Alster, 2012)

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PPS
PSpPS

© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

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Stippvisite – Heute: Dellen, Netze, Krümel und Ruin

Stippvisite. Hier im Blog. Es wird lausig Zeit. Kaum zu glauben, mittlerweile rauschen die Kastanien schon wieder von den Bäumen! Mit Karacho!
Während der stürmischen Tage kürzlich steckte dermaßen Wucht dahinter, dass auf den Dächern parkender Autos nach dem Bombardement richtige Dellen zu erkennen waren. Ein Roverfahrer, dessen Wagen mehrfach getroffen worden war, blickte erst ungläubig und fluchte, als ihm die Ursache klar wurde. Beim Abstellen hatte
er wohl nicht darauf geachtet, was über ihm reifte und den Baum geschossartig verlassen wollte.

Herbst. Ganz eindeutig. Die Mücken streben zunehmend ins Warme. Scheinen kleine Frostködel zu sein. Mücken sind absolut nicht meine Freunde. Diese Plagegeister finden mich zielstrebig und hinterlassen deutliche Spuren. Auch eine Art von Dellen. Ist das Resultat nach einem Kastanienangriff auf ein Autodach jedoch eine farbneutrale, konkave Hinterlassenschaft, so sorgen die Stechheinis auf meiner Oberfläche für farbgewaltige, konvex geformte Ergebnisse in Form von dicken, dunkel verfärbten Beulen.

Die Septembernächte fallen mittlerweile reichlich frisch aus, der Morgen kommt klamm daher, manchmal hat er sogar Nebel mit im Gepäck.
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Zwei Fliegenpilze, die aus dem herabgefallenen Laub ragen. Der Hut noch eng am Körper, nicht aufgeklappt wie ein Schirm.

Herbstzeit ist Pilzzeit …

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An unserer Eingangsaußenlampe, zwischen dem Ende ihrer ein Stück vorstehenden Wandhalterung, der rauen, steinernen Einfassung der Haustür und einem in Hüfthöhe endenden Geländer daneben, spinnt wie jedes Jahr eine Spinne großflächig ihr Netz.
Immer wieder verfängt man sich unversehens mit Kopf und Haaren darin, wenn man morgens die Zeitung aus der Metallrolle ziehen will. Die befindet sich nämlich genau darunter. Unter der Lampe, am Geländer.
Große Beute für ein Spinnentier, so ein ganzer Menschenkopf. Meiner. Oder der vom Gemahl. Dem passiert das auch gern.
Ich entkomme dem Vieh zum Glück immer rechtzeitig, bevor es mich erreicht. Das Netz ist danach natürlich zerstört, und die letzten Reste entfernt der Handfeger. Ob es das diesmal endgültig war? Nein. Fast täglich die gleiche Prozedur und daraufhin stets der Vorsatz: Da rauscht du nicht noch einmal hinein!
Nur was passiert am nächsten Morgen? In Nachtarbeit und in rekordverdächtiger Zeit entstand ein neues Wunderwerk. Sie gibt ihren Lieblingsplatz nicht auf. Er wird vermutlich weiterempfohlen. Von Generation zu Generation weitervererbt! So wartet ein weiteres, nahezu perfekt gewebtes Spinnennetz samt gierigem Wach-
posten über der Zeitungsröhre. Und nun raten Sie mal, wer erneut mit dem Spinnfadenzeugs Bekanntschaft macht … Genau!
Um die Zeit funktioniere ich noch nicht zufriedenstellend. Ich werde stets erst richtig wach, nachdem die Fäden im Gesicht hängen.

Vorgestern habe ich sogar drinnen eine … Nein, warten Sie. Ich fange andersherum an. Kennen Sie auch das merkwürdige Gefühl, wenn sie vom Teppich oder auf den Fliesen einen Krümel aufheben wollen und dieser Krümel fängt plötzlich an zu laufen?
Die Mischung aus Schreck, leichtem Hitzeschub, unangesprochenem „Uaaah“ und etwas verschämtem Gefühl anlässlich der eigenen Reaktion bei so einer harmlosen „Minisache“ ist schon speziell.
Ich habe zunächst grundsätzlich den Plan, bewegliche „Fussel“ und dergleichen irgendwie lebend nach draußen zu befördern. Käfer sind kein Problem. Finger hinhalten. Aufstieg abwarten. Ab vor die Tür. Fertig.
Bei stechenden Wesen versuche ich, die Gäste dazu zu bewegen, sich auf Papier oder Heft niederzulassen, damit ich sie hinaustragen kann. Komfortabel, nicht wahr? Aber manche kapieren es einfach nicht! Oder finden es drinnen schöner.
Wenn es dann auch mit Einfangen per Glas (bei Spinnen, zu denen brauche ich etwas Abstand) nicht funktioniert, dann müssen sie gelegentlich leider doch dran glauben.
Hm …? Was heißt hier „ooohh“? Ich bitte Sie! Wer wohnt denn schließlich wirklich hier! Die hatten nun wirklich ihre Chance!
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Kreisrundes Spinnennetz. Ca. 30 cm im Durchmesser, kunstvoll gewebt. Über einem Busch am Rosenbogen enstanden. Im Gegenlich gut zu erkennen.

Spinnennetz … an anderer Stelle, nicht minder kunstvoll (und weniger im Weg)

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Eigentlich ist meine Zeit um. Ich wollte nur kurz hereinschauen. Ein Lebenszeichen absetzen. Doch wenn
ich es mir recht überlege … Ein bisschen etwas lernen könnten Sie bei der Gelegenheit natürlich doch!
Vor ein paar Tagen bin ich bei einer Twitterkollegin über einen Begriff gestolpert. Wissen Sie, was ein Stirnwaffenträger ist?
Ich möchte behaupten, dass die Mehrheit von Ihnen bereits einmal, wenn nicht sogar mehrfach, einem persönlich begegnet ist. Auch wenn der Begriff vielleicht ganz automatisch gefährliche Bilder freisetzt oder im Kopfkino Action- und Kampfszenen auslöst, entfernen Sie sich beim Überlegen von typischen, von gefertigten Waffen. Entfernen Sie sich gedanklich auch vom Menschen. Zerpflücken Sie den Begriff in seine Einzelteile … Wer hat wo was … Nun? Eine Idee?
Als Stirnwaffenträger bezeichnet man z. B. einen Hirsch. Nicht nur ihn! Es zählen diverse Paarhufer dazu. All jene, die eine Stirnbewaffnung tragen. Neben der Gruppe der Hirsche also auch Tiere wie Okapis, Antilopen, Spießböcke u. ä.
Wussten Sie`s? Ja? Sehr gut! Ich hatte den Begriff – zumindest bewusst – vorher tatsächlich noch nicht gehört.

Feierabend. Fast … Mich haben Menschen gefragt, wie ich auf andere Gedanken komme, jetzt, wo die Lage alles andere als rosig ist. Was ich zur Ablenkung mache, wie ich Ruhe finde, ruhig bleibe etc. Da es viele interessiert, möchte ich dazu gerne etwas sagen.

Es ist zum einen eine (innere) Grundeinstellung, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Der feste Wille, sich durch nichts und niemanden unterkriegen zu lassen. Er sorgt dabei zugleich für Gelassenheit, und die ist wichtig für Geduld und Durchhaltevermögen.
Alles zusammen stärkt Sicherheit und gibt Vertrauen, dass man klarkommt mit allem, was da kommen mag.
Es ist die bevorzugte Wahrnehmung der vielen kleinen positiven Dinge, die weiterhin passieren und gleichzeitig eine andere Bewertung des Negativen. Es erhält schlicht und einfach kaum Platz, nur die geringstmögliche Beachtung in jeglichen Gedankengängen. Wenn belastende Gedanken dennoch einmal anfangen zu kreisen, eigenwillig, hartnäckig, wie ein Adler, der wieder und wieder um seinen Horst kreist, dann hilft entweder ein Spaziergang, Gartenarbeit oder aber bewusste Kopfbeschäftigung. Mit erbaulicheren, gern harmlosen, Spaß machenden, ablenkenden Dingen und Themen.

Kürzlich habe ich dazu beim NDR (Kultur) via Facebook mitgemacht. Die Aufgabe lautete: Einen Werktitel verändern (ruinieren) mit nur einem Buchstaben. Kurz überlegt, im Handumdrehen mitten drin im Thema und schon entstehen neue Sachen: Die Zauberflöhe. Die Brechtrommel! Krieg und Friesen. Hammelflug. Der Name der Hose, die Rinder des Monsieur Mathieu oder der Zauderer von Oz. Der liegende Holländer, der eingebildete Franke, Romeo und Julio, das Phantom der Ober, der König der Möwen …Wehe, man fängt an, es fällt einem immer noch etwas Neues dazu ein – und der Kopf ist gnädigerweise damit beschäftigt und übergangsweise voll ausgelastet! Kleine Krise überwunden.

Oder haben Sie schon einmal Sprichwörter kombiniert? Aus zwei mach eins? Das war eine weitere Vorgabe der Kulturredaktion des NDR. Es erfordert, sich wieder mit einem völlig anderen Thema intensiv zu beschäftigen und macht obendrein richtig Laune! Das fanden mit mir auch andere Leser der Seite und schickten lustvoll ihre Kreationen, aus denen der NDR später ein Best of aller abgegebenen Vorschläge erstellte. Ein Auszug daraus:

„Da rennst du bei mir offene Ohren ein.“ (Leoni Prieß)
„Es nützt nichts, den Brunnen zuzuschütten, wenn das Kind schon verbrannt ist.“ (Thomas E. W. Harden)
„Alles in grünen Tüchern.“ (Ellen Kommer)
„Was lange währt, kann noch werden.“ (Anke Harder)
„Da bist du aber auf dem Holzdampfer.“ (Marcel Kawentel)
„Nachts sind alle Tauben auf dem Dach.“ (Jacqueline Hofer)
„Wie man in die Grube rein ruft, so schallt es heraus.“ (Daniel Lücking)
„Die Lage ist ernst, aber darin liegt die Würze.“ (Michèle Legrand)

Die Idee ist natürlich nicht komplett neu. Der verstorbene Jürgen von Manger hat seinerzeit gleich mehrere Sprichwörter miteinander verkuppelt – was zeigt, dass man es auch ein bisschen übertreiben kann:
„Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“

Falls Sie Lust haben oder einmal Ablenkung für ihren kreisenden Adler brauchen, kreieren Sie mit. Hier heißt
es nun endgültig Klappe zu und Tee trinken. Ende gut, Affe tot. Wir lesen uns wieder – wenn Sie denn mögen.
Schauen Sie gern herein, was sich hier tut, denn:
„Wer nicht kommt zu rechten Zeit, der muss selbst sehen, wie er in die Grube hineinfällt.“
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Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, September 2017
Michèle Legrand

 

 

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54 Kommentare

Blick von oben …

Es ist soweit: Zumindest ab und zu werde ich wieder bei Ihnen hereinschneien und Sie behelligen. Die
Wochen seit Mai sind gefühlt schnell vergangen, waren und sind aber alles andere als einfach. Ich möchte
das Thema Erkrankung nicht völlig umgehen, die Lage allerdings nur kurz und schnodderig so umreißen:
Es ist alles Grütze. Weiterhin große, ernste, unbarmherzige, verdammte Grütze.

Einen kleinen Lichtblick gab es allerdings am Sonntag. Der Gemahl hatte Freigang! Oder wie heißt das korrekt, wenn man tagsüber raus darf aus dem Bau? Warten Sie … Bin ich gerade auf dem richtigen Dampfer? Nicht, dass wir uns missverstehen, es geht ums Krankenhaus …
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Asklepiosklinik Altona - Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne (20stöckiges Hochhaus, Nordansicht mit Haupteingang)

Asklepiosklinik Altona – Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne …

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Mein Mann muss seit geraumer Zeit erneut stationär behandelt werden. So bin ich seit nunmehr fünf Wochen täglich quer durch Hamburg von Ost nach West bzw. umgekehrt unterwegs und verbringe viele Stunden bei ihm am Krankenbett. Ich werde Sie nicht mit privaten Krankenhausgeschichten zuschütten. Nein, nein. Doch stellen Sie sich darauf ein, dass ich Ihnen momentan logischerweise ausschließlich von Ereignissen, Eindrücken und Menschen erzählen kann, die mir auf dem Weg zum Krankenhaus unterkamen.

Ist Ihnen auch aufgefallen, wie außergewöhnlich oft Hamburg in den Wochen meiner Blogabstinenz aus den unterschiedlichsten, dabei nicht immer schönen, Anlässen bundesweit in den Medien erwähnt wurde? Auf der einen Seite bot der G20-Gipfel mit seinen Ausschreitungen ausreichend Gelegenheit. Dazu Themen wie Bürgermeister Scholz in Nöten, dauerhaft innerstädtische Staus, Wasserrohrbruch mit anschließendem Riesenkrater auf der Amsinckstraße, wochenlange Sperrungen wegen immer neuer Langzeitbaustellen und Bauarbeiten entlang der Autobahn, Brückenerneuerung selbst bei der Bahn mit umfangreichem Schienen-
ersatzverkehr über die gesamten Sommerferien.
Dazu Ereignisse wie die kürzliche Messerstecherei im Supermarkt, Funde von Leichenteilen in Rissen, ein Erschlagener an der Alster oder auch Berichte über die Müllzunahme auf den Straßen, die vielen zu späten
und lauten An- oder Abflüge am Flughafen, das nicht endende Chaos bei der Gepäckabfertigung.
Klar, es gab glücklicherweise auch Positives. Den Gegenpol bildeten ansprechende Fotos einer grünen und wasserreichen Stadt, gute Taten und Aktionen, der friedliche Ablauf zahlloser Events. Bei den Großveran-
staltungen fielen die Triathlon-Tage sowie der jährliche Schlagermove als positiv verlaufen auf. Sogar Kate und William waren bei uns zu Besuch! Nicht bei mir direkt, aber beim Bürgermeister und u. a. in der Elbphilharmonie.
Ja, die jungen Vertreter des Hauses Windsor samt ihrer beiden Kinder … Die Presse hatte wieder einmal aufgepasst und mitgezählt, wie viele unterschiedliche Kleider die Herzogin auf der Reise wo und zu welchem Anlass trug. Man staunt, dass das immer noch Leser hinter dem Ofen hervorlockt … Unter uns: Ich persönlich stehe eher auf Berichte über beispielsweise den Gummistiefelweitwurf bei Veranstaltungen wie der „British Flair“, die am vergangenen Wochenende wieder zum Besuch einlud. Ich habe Ihnen vor zwei Jahren davon erzählt, erinnern Sie sich noch? (Welly throwing – Einmal im Jahr fliegen die Stiefel …)

Nirgends aktiv teilgenommen, habe ich von all dem dennoch eine Sache wirklich intensiv miterlebt: die Auswirkungen des G20-Gipfels. Plötzlich ist eine Stadt tagelang mehr oder weniger lahmgelegt und dabei gleichzeitig in Aufruhr. Straßensperrungen machen jegliches Durchkommen unmöglich, die Umleitungen sind im Nu ebenso verstopft oder funktionieren aufgrund chaotischer Zustände von vornherein nicht. Selbst Taxis geben auf und stellen die Fahrten ein, die Notfallpläne für den oberirdisch verlaufenden öffentlichen Verkehr können nicht umgesetzt werden. Kaufhäuser verbarrikadieren vorab vorsorglich ihre großen Fensterflächen aus Angst vor Randale mit Holzplatten, und in kritischen Ecken bleiben Läden, Betriebe und Praxen geschlossen.
Das Aufeinandertreffen von gewaltbereiten Demonstranten und der Polizei artet teilweise aus, Steine fliegen, Autos brennen, Vandalismus findet statt, Plünderungen passieren, an denen sich erstaunlich viele beteiligen! Und überall sind Menschen im Handumdrehen in Gefahr! Die Polizei, die in einen Hinterhalt gelockt wird, aber selbst Außenstehende, Passanten, Anwohner, die gar nicht aktiv an etwas teilnehmen. Ihre Unversehrtheit, ihr Leben. Ihr Hab und Gut dazu, wenn sie das Pech haben, am „falschen“ Ort zu wohnen, bzw. bereits dann, wenn sie lediglich ihr Auto oder sonstiges Eigentum dort abgestellt haben.

Ich muss Ihnen gestehen, ich habe Hamburg noch nie so erlebt. Ich war wirklich erschüttert! Es mag Anwohner aus anderen Stadtteilen und speziell den Außenbezirken geben, die abwiegeln. Ach, komm, so schlimm war’s nun auch nicht! Vielleicht hat es dann nicht so eindrücklich berührt, wenn vieles nur im Nachhinein verwundert den Medien entnommen wurde, der Mensch jedoch zu weit ab vom Geschehen war. Distanz bewahren konnte.
Wer einmal erlebte, wie völlig egal offenbar einigen gewaltbereiten Demonstranten Menschenleben sind, wie viel Hass auf jeden und alles, wie viel blinde Zerstörungswut sich zeigt, wer sich dem immensen Polizeiaufgebot gegenüber sah mit den schier endlosen Fahrzeugkolonnen, den Wasserwerfern, wer die stundenlang über einem kreisenden Hubschrauber hörte, sehr schwer einzuschätzende Vermummte oder sogar Randalierende plötzlich in seiner Nähe entdeckte, neben wem es knallte, wer mit demolierten Fahrzeugen, eingeschlagenen Fenstern oder verkohlten Resten einer Barrikade unmittelbar konfrontiert wurde, dem war alles andere als wohl zumute.

Ich selbst hätte unter anderen Umständen konsequent einen Riesenbogen um die Innenstadt und die Areale gemacht, die als Korridore für die Fahrten der Delegierten des Gipfels herhalten mussten. Unter normalen Umständen hätten mich keine zehn Pferde aus meinem Viertel im Osten Hamburgs bekommen. Durch den Klinikaufenthalt gab es erzwungenermaßen eine Planänderung: Ich wollte – allen Sperrungen zum Trotz – zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt kommen!
Als sicherste Variante entpuppte sich die in den kritischen Gebieten unterirdisch verkehrende S-Bahn. Sie werden in solch einer Situation ja trickreich. Sie lassen den während der Gipfeltage als unsicher geltenden Bahnhof Altona aus, suchen sich nicht ab dort die empfohlene, praktische Anschlussverbindung, sondern fahren unterirdisch über das eigentliche Ziel hinaus und schleichen sich dann von hinten per Bus wieder an. Wenn jedoch selbst im feinen und vermeintlich sicheren Othmarschen, in Bahrenfeld, in den schmalen Straßen Ottensens, an der noblen Elbchaussee und an weiteren Stellen unerwartet ebenfalls herumrandaliert wird, Scheiben zertrümmert sowie Geldautomaten demoliert werden und Busse sich zum Halten zwischen den Touren auf einmal in Nebenstraßen verdünnisieren, jeglichen Fahrplan über den Haufen werfend … dann hat das Chaos gefühlt allmählich die ganze Stadt erreicht.

Dies alles ist nun einen Monat her, doch erstaunlicherweise ist es präsent, als wäre es gestern passiert. Es beschäftigt gedanklich wieder und wieder.

Bahn- und Busfahren habe ich seitdem beibehalten, denn es ist tatsächlich die schnellste Variante, um auf die andere Seite der Stadt zu kommen. Und die nervenschonendste! Außerdem, das wissen Sie vermutlich aus eigener Erfahrung, sind Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus lehrreich. Manche Linienbusse hier bei uns haben eine sogenannte „Buchhaltestelle“. Das ist eine Art Leihbücherei für Mitfahrende. Ein Buchregal, aus dem sich während der Fahrt bedient wird und aus dem Bücher auch leihweise entführt werden können. Bis man sie durch hat. Bei einer der nächsten Fahrten stellt man sie einfach ins Bord zurück.
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Hamburg - Die Busbibliothek "Buchhaltestelle" ... (Bücherregal im Fahrgastraum)

Hamburg – Die Busbibliothek „Buchhaltestelle“ …

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Weiterhin lernte ich kürzlich zwischen Othmarschen und Altona, dass die Chance, von einem Hai angegriffen zu werden, geringer ist, als die Chance auf einen Sechser im Lotto. Und ich habe mir sagen lassen, die sei schon extrem winzig. Der Mensch seinerseits  – das hat mich angesichts der Menge sehr erstaunt – murkst jährlich die schier unvorstellbare Zahl von 100 Millionen Haien ab!

Mich verblüffen häufig auch die Gespräche meiner Mitfahrer. Manchmal aufgrund der unerwarteten Wendung, die sie nehmen.
Zwei erhitzte, junge Männer stiegen zu, nahmen mir gegenüber Platz. Der eine meinte mit sehnsuchtsvollem Blick, jedoch akustisch eher resolutem Einschlag:
„Jetzt ´nen Energydrink! Mann, was habe ich grad Bock auf  ‘nen Energydrink!“
Einen Moment herrschte Ruhe.
„Hätte noch Wasser“, sagte der andere. „Willste?“
„Ja, geht auch.“

Oder die Schulklasse auf Ausflug. Davon waren in Hamburg in der zweiten Julihälfte vor der Zeugnisvergabe und dem Beginn der Sommerferien einige unterwegs.
Vier Jungen, zehn, elf Jahre alt, drängten auf zwei einander gegenüberliegende Zweiersitzbänke zu. Die beiden Fixesten belegten die Fensterplätze. Einer der Nachkömmlinge wandte sich schwer empört an den am Fenster:
„Da sitze ich!“
„Nö.“
„Los, mach Platz!“
„Nö.“
„Mir wird aber immer schwindlig am Gang!“
(Man kann es ja wenigstens versuchen.)
„Spinner.“
(Versuch erfolglos, Schwindelkandidat gibt auf.)

Die vier erwähnten im lebhaften Gespräch einige Male den Ausdruck „OP machen“, das Wort „steril“ und weitere Begriffe, die ich in den Bereich Medizin packen würde. Ich vermutete kurzzeitig, vielleicht weil ich momentan etwas vorgeschädigt bin, sie hätten gerade eine Krankenhausbesichtigung hinter sich, aber nein, sie redeten über ein Handyspiel. Einiges klang für mich wie böhmische Dörfer. Zum Beispiel entwickelte sich eine heiße Debatte über einen Stick mit Verbrennung. (Keine Ahnung, ich grüble heute noch darüber nach.) Die Wortwahl anschließend fiel nicht minder kurios aus.
„Du kannst Coins im Shop kaufen.“
„Da bist du ja instant tot!“
(Was?)

Kennen Sie noch das Spiel „Papier, Schere, Stein“ und den dazugehörigen Spruch: „Ching, Chang, Chong“?
Von den Jungen habe ich eine neue Variante kennengelernt. Bei dieser Abart führen Sie die gleichen Hand-
bewegungen aus, die Sie von Papier, Schere, Stein kennen, sagen dabei jedoch laut und vernehmlich: „Ching, Chang, Schmerz.“ Wer verliert, kriegt eine Backpfeife. Keine saftige Ohrfeige, mehr ein gezieltes, jedoch labberiges Tätscheln. Bei den jungen Herren gab es großes Gelächter gratis dazu.
Ich vermute, wenn sich Mädchen etwas Alternatives ausdächten, hieße es „Ching, Chang, Schmatz.“ Und die Verlierer müssten den Gewinner küssen.

Zu erzählen wäre noch einiges, nur meine Zeit für heute ist um. Ihre sicher auch. Ich komme demnächst wieder. Ich hätte Ihnen zum Abschluss jedoch gern noch einen Blick von oben gezeigt.
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Aussicht aus dem 18. Stock des Klinikums Altona (Blickrichtung Süd, Elbe)

Elbblick vom Klinikum Altona …

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Das ist die Aussicht, die Sie aus dem 18. Stock des Klinikums in Altona haben. Ich bin extra einmal hoch-
gefahren. Nur in diesen Höhen kommt selten eine Fensterputzkolonne vorbei. Die Scheibe hat sicher schon einmal sauberere Zeiten erlebt; erkennen können Sie trotzdem ein bisschen.
Der Blick geht Richtung Süden, Richtung Elbe. Da das Gelände am Flussufer schnell ansteigt und Baum-
bestand auf den Anhöhen zusätzlich die Sicht auf den Strom nimmt, können Sie am besten mit Hilfe der Kräne am gegenüberliegenden Ufer erkennen, wo die Elbe verläuft.
Etwa in Bildmitte (Klick aufs obere Foto vergrößert die Aufnahme) lässt sich im Hintergrund sogar die langgezogene, geschwungene Köhlbrandbrücke ausmachen …
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Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Wenn Sie sich von unserem Aussichtspunkt eine senkrechte Linie Richtung Elbfluss denken, würde sie etwa in Höhe der recht bekannten „Strandperle“ auf das Ufer stoßen. Die liegt zwischen dem Museumshafen Oevelgönne und dem großen Findling, den man „Alter Schwede“ getauft hat. Gegenüber am Elbufer befindet sich Waltershof mit den erwähnten Kränen, ein Areal, das nahezu ausschließlich aus Hafen- und Industrie-
anlagen besteht. Rechts davon (flussabwärts) liegt Finkenwerder. Dort schließt sich auch das Gelände von Airbus an. Die dicken Transportmaschinen („Beluga“) kommen hier beim Ansetzen zur Landung im Tiefflug vorbei, und sie röhren speziell beim Starten mächtig.

Feierabend. Vorerst. Machen Sie sich bitte darauf gefasst, dass ich Sie gelegentlich mit einem neuen Beitrag behelligen werde. Ich habe es jedenfalls vor. Je nach Lage – und wenn ich die beschreiben sollte, dann am ehesten so: Der Blick schweift in diesen Wochen eher nicht in die Ferne, sondern vorsichtig voraus, immer nur bis zur nächsten Ecke …

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Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit noch einmal recht herzlich für den vielen Zuspruch, die fürsorglichen Nachrichten und überhaupt ihre persönliche Anteilnahme via Kommentar und Mail nach dem letzten Post bedanken!

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© by Michèle Legrand, August 2017
Michèle Legrand

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Ogtern …

Ostern ist ein netter Anlass für eine kleine, spontane Unterbrechung der MADEIRA-Blogreihe.

Kennen Sie noch den genialen Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger? Erinnern Sie sich eventuell sogar
an seinen Sketch, in dem er als Mitarbeiter des Telegrafenamtes versucht, während seines Telefondienstes nebenher ein Kreuzworträtsel zu knacken? Die Frage nach dem kirchlichen Feiertag entpuppt sich als zum Haare raufen schwierig, obwohl bereits ein Teil der Lösung da ist. Nur das Grautier senkrecht mit vier Buch-
staben („…Egel?“) sorgt bei Emil für Ratlosigkeit, als es für den quer einzutragenden Feiertag ein G als zweiten von insgesamt sechs Buchstaben vorgibt. O…Og… Ogtern? Das G hat es in sich. Von da an passt nichts mehr so recht, ergibt lediglich Begriffe unbekannter Natur, und nebenher klingelt auch noch ständig das Telefon. Wie soll man sich da bitte schön konzentrieren …

Liebe Blogleser, ich grüße Sie! Ogtern! Die Karwoche nähert sich dem Ende. Mit Fug und Recht lässt sich sagen, es ostert jetzt wirklich, und mit schöner Regelmäßigkeit muss ich spätestens dann an Emil denken. Oh, keine Frage, natürlich ist Ostern vor allem ein sehr hohes, christliches Fest, dessen Anlass Sie kennen und dessen Wichtigkeit ich keineswegs schmälern möchte. Nur lassen Sie uns heute jeder für sich und auf seine Art daran denken, hier im Blog jedoch ein wenig vom religiösen Hintergrund abschweifen.
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Osterstrauß mit Korkenzieher-Haselnuss und mit ausgepusteten Eiern behängt
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Womit verbinden Sie außerdem – jetzt Sie für sich gesehen – Ostern und die Osterfeiertage? Mit ein bisschen mehr Freizeit und einem Treffen mit der Familie? Oder etwa mit Stress und im Stau stehen? Mit Spaziergang, Frühlingssonne, erstem Grün oder eher mit einem spätem Wintereinbruch? Mit einem Gottesdienstbesuch?
Mit dekorierten Zweigen, farbenfrohen Ostereiern, Horden von Schokoladen- und Plüschosterhasen?
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Hasenschule - Plüschhasen an kleinen Holzbänken sowie ein Lehrer vor der Tafel sitzend
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Mit Eierfärben und den dabei mal wieder aus Versehen mitkolorierten Händen?
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Eierfärberei ... buntgefärbte Eier am abtrocken auf Küchenpapier
Oder mit einem schönem Osteressen? Mit Bauchschmerzen nach zu viel Süßem? Mit einer Gewichtszunahme nach Marzipanorgien?
Mir kommt gerade erhebliches Schwindelgefühl durch wahrscheinlich zu ambitioniertes Eierauspusten in den Sinn! Dabei kann einem richtig schwarz vor Augen werden …! Ansonsten verband ich speziell den Oster-
sonntag lange Zeit mit der Hoffnung auf zumindest halbwegs trockenes Wetter und mit dem Aufstehen um
halb fünf, um Osterhase im Garten zu spielen, bevor die Kinder wach wurden. Ich denke auch heute noch an
temperamentvolle Eiersuchen und übersehene Reste, deren Verstecke irgendwann im Laufe des Jahres mit großem Hallo wiederentdeckt wurden …

Seit die kleine Enkelin hier mit von der Partie ist, fallen mir viele der selbsterdachten Geschichten wieder ein,
die ich damals meinen Kindern erzählte. Die ich wunschgemäß wiederholen musste wie eine Schallplatte –
oder aber, es wurden neue Episoden erbettelt, in denen die einmal liebgewonnenen Helden sich weiteren Aben-
teuern zu stellen hatten und dabei wieder völlig andere Fähigkeiten an sich entdeckten.

Dass es keinen echten Osterhasen gibt, hatten meine beiden zwar relativ früh spitz gekriegt – der Kindergarten mit den gut informierten älteren Kindern hält mit nichts hinter dem Berg. Doch selbst mit dem Wissen, dass in Wirklichkeit gar kein Fellwesen auftaucht, waren Osterhasengeschichten im Kindergarten- und Grundschulalter äußerst angesagt. Altersabhängig fielen sie leichter verständlich oder bereits anspruchsvoller in der Sprache aus und enthielten dementsprechend eben weniger bzw. ein paar mehr oder kompliziertere Ausschmückun-
gen.

Großer Beliebtheit erfreuten sich Rüdiger und Ralf, die Hasenzwillinge. Die zwei waren als Osterhasen für un-
seren Stadtteil zuständig. Sie wissen sicher, dass man Stadtteile immer an zwei Hasen vergibt, weil einer allein das nun wirklich nicht schaffen kann!
Eineiige Zwillinge werden dabei bevorzugt. Schließlich glauben die Jüngsten weiterhin, es gäbe nur einen einzigen Osterhasen überhaupt! Aus diesem Grund macht sich trotz allem konsequent immer nur ein Osterhase zur Zeit auf den Weg, während der andere sich derweil ausschläft oder Bürokram erledigt. Auch Osterhasen leiden ganz schön unter den Verwaltungsauflagen der Hasenbehörde.
Beim Einsatz von Rüdiger und Ralf konnte absolut nichts schief gehen, selbst wenn ein Kind zufällig beiden nacheinander begegnet wäre. Die Brüder hatten als zusätzlich überzeugendes Kriterium für eventuelle Zweifler jeder links ein Knickohr, das dauernd herunterklappte. Als Erkennungsmerkmal so markant, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, es liefen zwei Hasen mit genau dieser Art von Klappohr herum.

Allerdings waren Rüdiger und Ralf mittlerweile nicht mehr die Jüngsten, und ihnen fiel die stundenlange oster-sonntägliche Herumhoppelei mit immer neuen Eierladungen schwerer und schwerer. Es würde auch ständig mehr, so klagten sie. Sie benötigten Verstärkung – und hier kam Ruth ins Spiel, die jüngere Schwester der beiden. Ruth, eine aparte und lebensfrohe Häsin, hatte sich in jungen Jahren in einen Italiener verliebt und war mit ihm bei Nacht und Nebel nach Südtirol durchgebrannt. Marcello und Ruth blieben einige Zeit dort, bis Ruths Heimweh doch zu stark wurde. Marcellos Heimat bot hauptsächlich Berge, die sehr schön anzusehen waren – doch ihr fehlten das Wasser, der Hafen … und ihre Familie! Marcello zog ihr zuliebe mit in den Norden, und bald nach der Rückkehr erblickten zwei aufgeweckte Hasenkinder, Ricardo und Rosella, das Licht der Welt. Am Waldesrand, nahe eines Karottenackers bei Duvenstedt.

Rüdiger und Ralf waren hellauf begeistert. Eine Lösung für ihr Osterhasenproblem rückte in greifbare Nähe. Als Ruths Nachwuchs in einem adäquaten Alter war, fragten die wieder einmal sehr geschafften Osterhasenonkel, ob Nichte und Neffe nicht in den Familienbetrieb einsteigen wollten und ob sie bereit wären mitzuhelfen. Rosella besaß schließlich eine ausgeprägte künstlerische Ader. Sie malte mit großer Hingabe und würde wundervolle Motive auf die Eier zaubern! In dem sportlichen Ricardo mit dem exzellenten Orientierungssinn sahen sie hin-
gegen den idealen Ergänzungsosterhasen. Zwar kein Zwilling, doch die Familienähnlichkeit fiel trotz Marcellos genetischen Einflusses frappierend aus. Erstaunlicherweise hatte sich sogar das Knickohr weitervererbt – was sicherstellte, dass Ostern weiterhin alles in geordneten Bahnen ablaufen würde.
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XL-Eier
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Was die beiden Onkel nicht bedacht hatten, war, dass Ricardo definitiv einer anderen Generation angehörte. Er war ein moderner Hase, der absolut keine Lust hatte, mit einer Kiepe aus geflochtenen Weidenruten auf dem Rücken herumzulaufen. Ihm schwebte ein silberner Eastpak-Rucksack mit Rennwagenmotiven vor, was heftige Diskussionen zur Folge hatte.
„Ricardo, du kannst nicht mit so einem Rucksack Eier austragen!“
„Und warum nicht?“, fragte der bockig und ließ als Halbitaliener temperamentvoll seine Hinterpfoten knallen. „Es ist doch eh fast dunkel, wenn ich unterwegs bin!“
„So läuft ein Osterhase einfach nicht herum!“ kam es knurrend zurück.
„Onkel Ralf, ihr seid dermaßen altmodisch! Eine Kiepe! Das ist vorsintflutlich! Außerdem ist das Ding nicht wasserdicht. Sollen die Kinder alle Matscheier kriegen?“
„Apropos Matsch“, warf Onkel Rüdiger ein, „Ricardo, ein nachgiebiger Rucksack bietet überhaupt keinen sicheren Halt für die zerbrechliche Ladung!“

Als Ricardo klar wurde, dass sein Onkel recht hatte und die Eier darin tatsächlich nicht sonderlich gut geschützt waren, konstruierte er ein etwas futuristisch anmutendes, tragbares, zum Rücken hin gepolstertes Metallgestell, in das man von beiden Seiten schubladenartig jeweils 6er-Eierpaletten einschieben konnte.
Bis zu sieben Paletten übereinander! Und die hielten selbst bei einer Notbremsung und beim über den Zaun hüpfen zuverlässig. Die Schutzabdeckung war  isolierend, selbstverständlich wasserdicht, silbern und trug die bevorzugten Motive: Formel-1-Flitzer.

Ricardo gefiel nicht nur der Anblick schneller Autos, er erlebte selbst gern einen kleinen Geschwindigkeits-
rausch. Er war der erste Osterhase, der die Eierverteilung in Rekordzeit auf Inlineskatern erledigte. Auch daran gewöhnten sich Rüdiger und Ralf – nachdem der erste Schock abgeklungen war. Genauso lernten sie zu akzeptieren, dass Rosella teilweise recht eigenwillige Motive für die Eier wählte, dazu einen Graffiti-Look mit ungewöhnlichen Effekten kreierte und sogenannte Plusterfarbe verwendete, die wie Hefe aufging und sich wie ein etwas übergewichtiger Wurm ums Ei wand, wenn sie wieder einmal Tintenfischtentakel auftrug. „Neumodischer Kram“, brummelte Onkel Rüdiger anfangs leicht verächtlich. Onkel Ralf schüttelte es manchmal heimlich … Ihnen entging jedoch nicht, dass die beschenkten Kinder von Rosellas Eiern begeistert waren, und so gingen er und sein Zwillingsbruder letztendlich doch mit der Zeit …

Mademoiselle, meine kleine Enkelin, ist dieses Jahr noch zu jung für diese Sachen. Ich bin mir jedoch sicher, irgendwann fordert und hört auch sie Geschichten – die von Rüdiger und Ralf in diversen Lebenslagen und mitunter gefährlichen Situationen oder die von Magnus, dem nachtblinden Osterhasen aus Hamburg-Poppenbüttel, der die Eier beim Austragen in Dämmerung und Dunkelheit schon mal aus Versehen im Gartenteich versenkte.
Möglicherweise wird sie auch ganz neue Helden und Geschichten wollen. Wird wie ihr Papa oder ihre Tante damals einfach ein Stichwort liefern, den endgültigen Namen ihrer Lieblingsfigur mitbestimmen und zwi-
schendurch neugierig Fragen stellen, die dem Ablauf der Geschichte sofort eine neue Wendung geben.
Wie überlistet der Osterhase die Dobermänner, die den Garten von Herrn Niedermayer bewachen …?
Oder was macht der Osterhase bloß, wenn ihn auf einmal eine ganz dolle Pollenallergie packt?

Der Stoff wird vermutlich nie ausgehen. Allerdings muss ich für heute aufhören. Erstens sind Sie kein Kind mehr und haben irgendwann genug von Ostergeschichten, und zweitens sind die Osternester hier noch nicht fertig.

Ich habe jedoch schon etwas Moos gesammelt …
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Moosberg - Durch Vertikutieren entferntes Moos zum Hügel gestapelt
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Ihnen allen ein frohes Osterfest und schöne Feiertage!

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© by Michèle Legrand, April 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

 

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Bom dia, MADEIRA – Part 3: Funchal, Madeiras Hauptstadt

Heute haben Sie die Möglichkeit, ein oder sogar zwei Augen auf Funchal, die Hauptstadt Madeiras, zu werfen. Am Ende des letzten Parts deutete ich bereits an, dass es nicht um touristische Attraktionen allein gehen wird. Lassen Sie uns Funchal von unterschiedlichen Seiten betrachten und so ein bisschen Rückblick und Einblick wagen.

Funchal. Eine Stadt, die sich im Laufe der Zeit an einer eher sanft geformten Bucht an Madeiras Südostküste nicht nur entlang des Ufers in Westrichtung ausgebreitet hat, sondern die ganz allmählich den zum Teil recht steilen Hang dahinter halbkreisförmig in Beschlag nahm und an ihm hinaufkletterte. Direkt unten in der Bucht und entlang der Hauptstraßenzüge sind zwischen niedrigen auch typische Stadtbauten höherer Natur (Hotels, öffentliche Gebäude) vertreten, den Hang hinauf überwiegen die kleineren Wohngebäude  Überall erblickt man sie, mit zunehmender Entfernung scheinbar kleiner werdend, dicht an dicht errichtet. Helles Mauerwerk, in der Mehrzahl terracottafarbene Ziegeldächer, die im Sonnenschein warm aufleuchten.

Selbst am Abend funkelt es! Mit dem Einbruch der Dunkelheit blitzen am Hang plötzlich Tausende kleiner Lichter auf. Straßenbeleuchtungen, Licht, das aus unzähligen Zimmern dringt, der Schein von Glühbirnen, die als lange Ketten um die Stämme von Palmen oder anderen Bäumen gewickelt wurden und nun ihren großen Auftritt haben. Nur wenn Wolken und Dunst von Norden her über den Gipfel geschoben werden und im oberen Berg-
bereich hartnäckig hängenbleiben, ist es, als hätte jemand das Licht ausgeknipst, sämtliche Farben geschluckt und dazu noch Häuser geklaut.

Ziemlich weit oben, in 600 bis 800 m Höhe über dem Meeresspiegel liegt der Villenvorort Monte. Die Straßen, die hinaufführen, sind schmal, enorm steil und mit zahlreichen engen Kurven. Zu Fuß ist es ungeübt eine Herausforderung. Mit dem Auto im Prinzip auch. Anfahren am Berg ist hier keinesfalls eine Ausnahme, sondern die Regel. Selbst wenn Autos und Busse dabei permanent zu röcheln scheinen – sogar ein voll besetzter Bus schafft es hinauf. Herunter geht es wesentlich schneller … Egal auf welche Art.

Mit Sicherheit haben Sie schon von den Korbschlitten („carros de cesto“) gehört, mit denen direkt von Monte aus ein ganzes Stück auf Kufen hinabgerutscht und -geschlittert werden kann. Heute eher aus Jux oder als kleines Abenteuer, ursprünglich jedoch, um sich zumindest einen Teil des beschwerlichen Abstiegs zu ersparen. 1850 wurde die Schlittenidee ausbaldowert. Damals ging die Strecke bis ganz hinunter, heute endet die Tour eher (nach 2 km) und stellt nur noch eine Touristenattraktion dar. Vor 167 Jahren – d. h. noch vor der Zeit der Korbschlitten – gab es für die Anwohner keinerlei Alternative zum Fußmarsch, denn Straßen waren bis in diese Höhen noch gar nicht angelegt worden. Später, zwischen 1893 und 1943, fuhr eine Zahnradbahn hinauf, heute gibt es die Seilbahn. Die zeige ich Ihnen in einem separaten Teil, wenn es hoch zum Tropischen Garten von Monte geht.

Denken Sie sich jedoch gern noch einmal für einen Moment zeitlich zurück. Noch etwas weiter zurück als bis 1850. Etwa 600 Jahre…

Der weite Atlantik, Wellen bis zum Horizont. Der typische Geruch nach See. Ein Segelschiff nähert sich aus nordöstlicher Richtung. Bereits im Vorjahr war es in nicht allzu großer Entfernung hier entlanggekommen, musste bei widrigen Verhältnissen auf der Nachbarinsel Porto Santo Schutz suchen und hatte dabei entfernt weiteres Land erspäht. Der Segler stammt aus Portugal, fährt im Auftrag von Heinrich dem Seefahrer und ist schon geraume Zeit unterwegs. Plötzlich meldet der Posten im Ausguck: Land in Sicht!

 

Madeira - Ostküste

Madeira – Ostküste

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Das hölzerne Boot steuert auf die vor ihm liegende Insel zu. Vulkangestein, vereinzelt reckt sich erstarrte Lavamasse in unterschiedlicher Form vor der Küste aus dem Wasser. Die Brandung tost und bricht sich an diesen Widerständen.
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Madeira - Der östlichste Zipfel: Ponta de São Lourenço (eine Halbinsel, Naturreservat) - "Lavatropfen" im Meer ...

Madeira – Der östlichste Zipfel: Ponta de São Lourenço (eine Halbinsel, Naturreservat) – „Lavatropfen“ im Meer …

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Überhaupt ist das Ufer rau, recht dunkel der Grund. In der Ferne ragen einige Berggipfel auffällig hoch in den Himmel empor. Selbst direkt an der Küste erwarten die Ankömmlinge Felsen und Hänge, doch der Boden scheint sehr fruchtbar zu sein. Die Vegetation ist üppig, Teile der Insel sind von subtropischem Regenwald bedeckt.
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Madeira im Nordosten - Faial - Blick auf Penha de Águia (dt. Adlerfelsen)

Madeira im Nordosten – Faial – Blick auf Penha de Águia (dt. Adlerfelsen)

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Man weiß aus Aufzeichnungen und Erwähnungen, dass die Insel offensichtlich schon weit früher gesichtet wurde, doch die richtige Zeitrechnung Madeiras beginnt im Jahr 1419, als der portugiesische Wiederentdecker João Gonçalves Zarco mit seiner Besatzung am Archipel eintraf, sie im Osten an einer günstigen Stelle anlandeten, sich umschauten und wahrscheinlich sagten: „Ach, komm, sieht gut aus. Wir bleiben hier!“
Vielleicht war es Zarco selbst, der angesichts des damals hohen Anteils an Regenwald ergänzte: „Männer, hier gibt es so viel Holz. Nennen wir die Insel Madeira!“ Denn nichts anderes bedeutet es, wenn man ihren Namen ins Deutsche übersetzt.
An diesem ersten Ankerplatz der Portugiesen entstand – und befindet sich noch heute – die älteste Stadt der kleinen Atlantikinsel: Machico. Sie liegt nicht wie Funchal westlich vom Flughafen (Santa Cruz), sondern etwas östlich davon.
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Madeira - Machico - Igreja Da Nossa Senhora Da Conceicao (15. Jh.)

Madeira – Machico – Igreja Da Nossa Senhora Da Conceicao (15. Jh.)

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Madeira - Machico - Coral ist das Madeira eigene Bier ... (Wandmalerei mit einer Bierflasche CORAL)

Madeira – Machico – „Coral“-Bier ist die Eigenmarke der Madeirer …

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Warum die Ankömmlinge damals nicht gleich weiterzogen und sofort das Land um die großzügigere Bucht von Funchal herum für sich einnahmen und besiedelten?
So schnell ging das nicht! Es war unmöglich, denn exakt dort wuchs wilder Fenchel in Hülle und Fülle, der vor jeglicher Nutzung der Fläche zunächst mühsam gerodet werden musste. (Das portugiesische Wort funchal hat die Bedeutung von „viel Fenchel“.)

Man kreiste den Bereich folglich zunächst etwas ein. Zog von Machico allmählich westwärts, an der „Fenchel-
bucht“ vorbei und gründete einige Kilometer darüber hinaus an der Küste das Fischerdorf Câmara de Lobos. Von hier aus wurde operiert, bis endlich alles so weit vorbereitet war, dass der Gründung der Stadt Funchal 1421 nichts mehr im Wege stand.
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Madeira - João Gonçalves Zarco ( von Augusto Cid)

Madeira – João Gonçalves Zarco ( von Augusto Cid)

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Funchal, entstanden auf dem alten Fenchelgrund, ist heute als Hauptstadt das Zentrum der Insel.
Gesicherte Einwohnerzahlen zu finden, ist eigenartigerweise unmöglich. Jede Quelle, ob Reiseleiter, Reise-
führer in Buchform, Reisekatalog oder Internet, nennt andere. Vermutlich beziehen sie sich auf Zählungen
aus unterschiedlichen Jahren, basieren auf Schätzungen oder machen Unterschiede zwischen dem reinen Stadtgebiet und dem Kreis Funchal.
So gebe ich Ihnen gleich unter Umständen keine korrekt definierten oder brandaktuellen Zahlen, sondern Durchschnittswerte, doch ich möchte Ihnen anhand dessen einfach ein Gefühl für die Wichtigkeit und die zentrale Rolle Funchals vermitteln. Hier konzentriert sich nämlich alles!

Natürlich existieren weitere Städte, doch lassen sich diese an einer Hand abzählen und können an Madeiras Hauptstadt nicht im Entferntesten heranreichen. In den letzten Jahren und Jahrzehnten haben sich viele Orte herausgeputzt, haben investiert, um auch eine Scheibe vom Touristenkuchen abzukriegen. Doch weder hinsichtlich ihrer Häfen, noch bezüglich städtebaulicher Aspekte, Ausstattung oder pflanzlicher Gestaltung, weder wenn es um das Freizeit-, Sport- oder Kulturangebot noch um sonstige Kriterien geht, kann auch nur eine von ihnen mithalten. Keine einzige übernimmt eine vergleichbare Funktion, hat diese Konzentration des Tourismus, keine spielt als Arbeitgeber eine derart große Rolle, nirgendwo sonst auf der Insel ist das Schul-
und Ausbildungsangebot für die Bevölkerung auch nur annähernd vergleichbar mit dem in der Hauptstadt.

Einige Zahlen machen die markanten Unterschiede etwas deutlicher:

Auf Madeira leben insgesamt ca. 280 000 Menschen. Davon um die 165 000 direkt in Funchal! Städte wie Caniço im Südosten mit ca. 23 000 Bewohnern, das besagte Machico in dessen Nähe, welches nach einigen Aussagen sogar die zweitgrößte Stadt der Insel mit einer Einwohnerzahl ebenfalls in diesem Bereich sein soll oder auch Câmara de Lobos westlich von Funchal mit über 20 000 Einwohnern sowie das kleinere Ribeira Brava im Südwesten mit ca. 15 000 Ansässigen, sie fallen im Vergleich weit zurück.
Alles was sonst noch kommt, sind kleine Ortschaften und Gemeinden. Und überall merkt man angesichts der stark schwankenden Zahlenangaben, dass umliegende Gemeinden wohl häufig zur Bevölkerung der nächsten Stadt hinzugerechnet werden, im Hauptstadtfall sicherlich, da die Bebauung nahtlos ineinander übergeht und daher Vorortcharakter besitzt – mehr denn den einer völlig eigenständigen Gemeinde.

Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass auf Madeira inzwischen mehr als 30 000 Gastbetten zur Verfügung stehen und auch hier der Fokus auf Funchal liegt, dass jährlich fast eine Million Touristen anreisen und dazu noch einmal eine halbe Million Kreuzfahrturlauber in Funchals Hafen eintrifft und einen Zwischenstopp auf der Insel einlegt, dann wird schnell klar, dass die meisten Angestellten des Tourismusgewerbes im Zentrum, in der Hauptstadt, gebraucht werden.

Nur als Bewohner Madeiras direkt in Funchal wohnen? Inzwischen kann es sich kaum noch ein Einheimischer leisten, dort eine Immobilie in Form von Haus oder Wohnung zu erstehen. Und das, wo der Madeirer doch eher zum Kaufen als zum Mieten tendiert! Hypotheken werden von den Banken allerdings nur vergeben, wenn beide Ehepartner arbeiten …
Der Mindestlohn auf Madeira liegt bei 525 €, der Durchschnittslohn bei etwa 800 €. Nur Studierte mit sehr verantwortungsvollen Posten erreichen Löhne im Bereich von 1 000 bis 1 200 €. Wohnungen kosten jedoch schnell Beträge von 300.000 € und mehr. Der Traum von der eigenen Immobilie erledigt sich so im Nu, und selbst das eher ungeliebte Wohnen zur Miete stellt preislich keine wirkliche Alternative dar.
Bei einem angenommenen Kaufpreis von 300 000 € für eine Wohnung in Funchal, wird für eine Wohnung gleicher Größe und Ausstattung in z. B. Machico allerdings lediglich ein Drittel, also 100 000 €, verlangt …

Folglich wohnt ein Großteil der in Funchal arbeitenden Bevölkerung Madeiras in den umliegenden Dörfern und Kleinstädten und fährt jeden Tag zum Arbeiten in die Hauptstadt.
Dadurch, dass in den letzten Jahrzehnten – auch dank EU-Fördermitteln – viel in die Infrastruktur investiert wurde, gibt es heute Schnellstraßen und eine immense Anzahl von Tunneln, die quer durch die Berge gebaut wurden. Es verkürzt Arbeitsweg und Fahrzeit ganz enorm.
Während Sie als Gast des Seeblicks oder der angestrebten Bergziele wegen die ellenlangen Serpentinen-
routen nehmen und der Ausflugsbus Sie gewöhnlich dort ebenfalls entlangkutschiert, düsen die Madeirer direkt. Auch hier staune ich immer wieder, dass in Gesprächen die Zahl der Tunnel locker zwischen 145 und 300 schwankt …

Welche Einnahmequellen die Madeirer haben und wovon sie leben, kommt demnächst noch einmal zur Sprache, doch viele, die hier sind, sehen ihre Chancen natürlich am größten in der Tourismusbranche.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt ... (Anlage mit Pool)

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt …

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So ist es nicht verwunderlich, dass eine gute Tourismusfachschule ihren Standort auf der Insel hat und die angehenden Fachkräfte dort gleich mehrere Sprachen lernen. Englisch, Französisch und Deutsch stehen auf dem Plan, und ich staune und bewundere, wie das erlernte Wissen in der Praxis später angewandt und die Kenntnisse vervollkommnet werden.
In den Hotels und Restaurants und sämtlichen Bereichen, die vom Tourismus betroffen sind, wird nahezu mühelos von einer Sprache zur anderen gewechselt.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt

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Studieren können Sie in Funchal ebenfalls, nur nicht alle Fachrichtungen. Für Studiengänge wie Medizin, Architektur oder Ingenieurwesen müssen Studenten ans Festland.
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Madeira - Funchal - Hotelanlagen in der Stadt ... (kleine gelbe und rote Bungalowhäuser)

Madeira – Funchal – Hotelanlagen in der Stadt …

 

Die Altstadt

Funchals erste Bauten entstanden seinerzeit im Osten des heutigen Stadtareals, direkt am Wasser. Dieses Viertel zieht besonders viele Besucher an. Die Altstadt ist sehenswert, jedoch in der Saison sehr bevölkert und bei zusätzlichem Eintreffen von Kreuzfahrtschiffen auch überlaufen. Reisegruppen schieben sich durch die schmalen Gassen, doch nach ein paar Stunden ist der Zauber oft schon wieder vorbei. Ein Restaurant reiht sich an das nächste. Die Außensitzplätze sind beliebt, machen ein Durchkommen jedoch nicht leichter.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Schlendern in den Gassen ...

Madeira – Funchal – Altstadt – Schlendern in den Gassen …

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Ein Kunstmuseum in einem alten Fort, kleine Läden, Bars etc. ergänzen das Angebot.
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Madeira - Funchal - Kunstmuseum im alten Forte de São Tiago (Foto © W. Bohlayer)

Madeira – Funchal – Kunstmuseum im alten Forte de São Tiago (Foto © W. Bohlayer)

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Madeira - Funchal - Altstadt - Santa Maria (Kapelle)

Madeira – Funchal – Altstadt – Santa Maria (Kapelle)

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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Altstadt - Blütenpracht Anfang März

Madeira – Funchal – Altstadt – Blütenpracht Anfang März

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Die Häuser, die noch vor gar nicht so langer Zeit eher farblos und leicht verfallen wirkten, wurden inzwischen vielfach sehr schön wiederhergerichtet und die Fassaden farbenfroh gestaltet. Vor allem haben die Gebäude durch ein Kunstprojekt äußerst interessante Türen! Zu Beginn dieses Jahrzehnts lautete das Motto: „artE de pOrtas abErtas“, die Kunst der offenen Türen. Diese wurden malerisch phantasievoll gestaltet, die Resultate können Sie heute noch bewundern.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Es sind in den darauffolgenden Jahren weitere Türmotive hinzugekommen, die womöglich gar nicht mehr zum ursprünglichen Kunstprojekt gehören. Andererseits wurde das Projekt wahrscheinlich einfach nie wirklich komplett abgeschlossen, sondern es steht jedem Hauseigentümer der Altstadt weiterhin frei, seine Tür auch jetzt noch in diesem Sinne positiv zu verändern. Sinn war und ist, dass das Viertel mit seinen Gassen wieder menschlicher und anziehender wirkt und dass manch einer den Eindruck gewinnen könnte, er befände sich gar nicht draußen, sondern in einem Raum.
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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Madeira - Funchal - Altstadt - Kunstprojekt offene Türen

Madeira – Funchal – Altstadt – Kunstprojekt offene Türen

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Am Rande der Altstadt liegen die Markthallen (Mercado dos Lavradores), deren Besuch lohnenswert ist. Hier werden unzählige Früchte, Gemüsesorten und Blumen angeboten, im hinteren Teil, ein wenig tiefer gelegen, findet der Fischmarkt statt.
Es ist einfach ein schöner Anblick, man darf auch gern probieren. Die Preise sind dort eher auf der höheren Seite …
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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Madeira - Funchal - Markthallen (Mercado dos Lavradores)

Madeira – Funchal – Markthallen (Mercado dos Lavradores)

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Richtung Westen wird Funchal moderner. Ein Mix aus Altbestand und neuen Bauten, die sich ihren Platz dazwischen erobert haben. Entweder, weil noch ein Lücke da war, oder, weil nach Abriss Raum für z. B. ein
Hotel entstand. Dennoch bleibt Platz für Grün …
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Madeira - Funchal - Kleine Schluchten auch in der Stadt ....

Madeira – Funchal – Kleine Schluchten auch in der Stadt ….

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… und kleine Gassen bestehen weiterhin.
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Madeira - Funchal (Gasse mit aufgehängten, aufgespannten Regenschirmen)

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Kunst in der Altstadt

Madeira – Funchal – Kunst in der Altstadt

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Schöne Parkanlagen lockern immer wieder das Bild auf, die Straßen der Stadt sind häufig baumgesäumt.
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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Mitten in der Stadt einen Leberwurstbaum (Kigelia africana) entdeckt!

Madeira – Funchal – Mitten in der Stadt einen Leberwurstbaum (Kigelia africana) entdeckt!

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Wenn die Avenida Arriaga im April mit ihren zu beiden Seiten blühenden Jacaranda-Bäumen die Straße mit  luftigen blasslila Wolken überzieht, muss das ein grandioser Anblick sein …
Hin und wieder streift der Blick ein Hotel, ansonsten Geschäfte, Wohnhäuser, die Kathedrale (momentan mit eingerüstetem Turm), Banken, Museen, Cafés und Restaurants, Ticketshops, Souvenirläden, Dienstleistungsgeschäfte, ein Einkaufszentrum.
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Madeira - Funchal - Banco de Portugal und Avenida Arriaga mit Madeiras Entdecker Zarco

Madeira – Funchal – Banco de Portugal und Avenida Arriaga mit Madeiras Entdecker Zarco

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Madeira - Funchal

Madeira – Funchal

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Madeira - Funchal - Das Militärmuseum unten am Hafen ...

Madeira – Funchal – Das Militärmuseum unten am Hafen …

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Entlang des Hafens führt die Avenida do Mar mit der neuen Uferpromenade. Das ganze Geröll, was bei dem schweren Unwetter im Jahr 2010 den Hang heruntergerutscht kam, wurde am Hafen aufgestaut und genutzt. Als Untergrund z. B. für einen weiteren Anleger und die neuen Terrassen …
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Madeira - Funchal - Am Hafen - Promenade

Madeira – Funchal – Am Hafen – Promenade

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Madeira - Funchal - Die neuen Terrassen (Stufen) am Hafen ...

Madeira – Funchal – Die neuen Terrassen (Stufen) am Hafen …

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Madeira - Funchal - Hafen - Im Hintergrund das Design Centre

Madeira – Funchal – Hafen – Im Hintergrund das „Design Centre“

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Madeira - Funchal - Yachthafen

Madeira – Funchal – Yachthafen

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Dieser Herr darf natürlich auch nicht fehlen. Fußballer Cristiano Ronaldo, geboren in Funchal auf Madeira.
Es gibt hier ein eigenes Cristiano Ronaldo Museum (CR7)! Haben Sie es mitbekommen? Seit ein paar Tagen (Ende März 2017) trägt sogar der Flughafen seinen Namen! Man ist stolz auf ihn und zeigt jedem Fremden die Statue, die seit drei Jahren am Hafenrand zu finden ist …
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Madeira - Funchal - 2,40 m groß -Cristiano Ronaldo (Bildhauer: Ricardo Velosa, 2014)

Madeira – Funchal – 2,40 m groß -Cristiano Ronaldo (Bildhauer: Ricardo Velosa, 2014)

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Fußball gibt es auf der Insel seit 1875. Sie wissen, dass Engländer eine sehr enge Bindung zur Insel haben. Einer der englischen Übersiedler, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf Madeira dauerhaft niederließ, schickte seinen Sohn zum Studium nach England. Der schnappte dort das Spiel samt seiner Regeln auf und – begeistert wie er war – exportierte er es bei seiner Rückkehr auf die Atlantikinsel.
Madeirer sind ziemlich fußballverrückt. Weiter oben am Hang in Funchal gibt es ein großes Stadium (Estadio da Madeira) und gleich drei Vereine spielen in der ersten portugiesischen Liga. Das Stadion hat übrigens auch zu weiten Teilen Ronaldo finanziert. 5 500 Zuschauer finden auf den Sitzplatztribünen an beiden Längsseiten des Spielfelds Platz.
Sie erinnern sich noch, dass Madeira kleiner als Rügen ist? Ein großes Stadion? Nötig? Aber klar! Der kickende oder fußballaffine „Funchalese“ braucht es einfach.

Der Hafen

Funchals Hafen wird seit beinahe einem Jahrhundert von Fahrgastschiffen angelaufen, die ihre Fahrgäste zur Blumeninsel transportieren. Nur in den Anfängen existierten keine richtigen Kais und auch die Mole fehlte! Die Schiffe mussten auf Reede vor Anker gehen. Das, was wir bereits als Kreuzfahrttourismus bezeichnen würden, kam in den 50er Jahren auf und nahm seitdem kontinuierlich zu. Heutzutage steuern jährlich mehr als hundert Kreuzfahrtschiffe Funchal an. Sie legen im durch die Mole geschützten Hafenbecken an, haben allerdings auch Anlegestellen außerhalb dieser Zone. Der Kai 8 liegt beispielsweise offen zum Meer – was jetzt eigentlich wieder eine Verlängerung der Mole notwendig machte, da Kai 8 im Herbst und Winter starken Winden ausgesetzt ist und das Meer (gelinde gesagt) zu der Zeit „sehr bewegt“ ist. Nicht ganz ungefährlich, nicht einfach für die Crew und überhaupt nicht angenehm für die mitfahrenden Schiffspassagiere.
Manch Kreuzfahrerkapitän weigert sich, Madeira anzulaufen, wenn er unter widrigen Wetterverhältnissen genau diesen Kai zugewiesen bekommt.
Sie merken, nicht nur der Flughafen (siehe Part 1)  hat so seine Besonderheiten und riskanten Situationen in bestimmten Wetterlagen, auch der Hafen ist eben der einer Insel, die mitten im rauen Atlantik liegt.
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Madeira - Kreuzfahrertreffen im Hafen von Funchal

Madeira – Kreuzfahrertreffen im Hafen von Funchal

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Madeira - Funchal - Hafenanlagen

Madeira – Funchal – Hafenanlagen (Die Mole könnte zum Schutz der Anleger schon wieder länger sein …)

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Im äußersten Westen Funchals, zum Kreis Funchal gehörend, liegt São Martinho. Hier befindet sich der Küstenabschnitt mit dem Lidos (Meeresschwimmbad), und es entstand zu beiden Seiten der langen Estrada Monumental ein großes, mehr oder weniger reines Hotelviertel.
Sollten Sie eine Bleibe in Funchal suchen, so können Sie zwar davon ausgehen, dass Sie in einem dieser modernen Gebäude renommierter Hotelketten sicherlich eine hervorragende Ausstattung finden, vermutlich einen guten Service und zumindest in der ersten Baureihe direkt am Wasser einen sagenhaften Atlantikblick genießen können – nur untergebracht in so extrem dicht gebauten, hohen Anlagen, die oft schneller wuchsen als mageres Restgrün in den verbliebenen Betonritzen drumherum, zudem zusammengeballt hausend in einem reinen Touristengebiet … Man muss es mögen.
Die einzelnen Hotels, die in der Stadt verstreut angesiedelt sind, wirken in der Hinsicht persönlicher, gemütlicher.

Sie merken, die Stadt ist vielseitig und vielfältig. Altes und Neues vermischt sich größtenteils gekonnt, Land-
schaftsformung, Vegetation und wohltuendes Klima tun ein Übriges. Bei allem Vorantreiben des Tourismus muss man sich vor Ort nur vor Augen halten, was Funchal besonders und liebenswert macht. In welchem Ausmaß sind immer neue Besucherattraktionen notwendig, und müssen sich Denkfehler und vor allem Bausünden, wie man sie teilweise von den Kanarischen Inseln kennt, hier wirklich erst wiederholen …?

Im Westen werden wir beim nächsten Mal starten, nicht um die riesigen Gebäudekomplexe zu betrachten, sondern um an der Küste Richtung des alten Fischerdorfes Câmara de Lobos zu spazieren. Dabei wird u. a. das Thema Baden eine Rolle spielen. Gibt es auf Madeira Strände oder gibt es sie nicht? Und wenn es schon
in ein Fischerdorf geht, stellt sich die Frage: Was fischen die eigentlich? Und was machen die Madeirer noch
so auf ihrer Insel? Wie pflanzt man bloß, wenn das Grundstück ein steil ansteigender Hang ist?

Demnächst mehr dazu in Bom dia, MADEIRA – Part 4.

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Ein kleiner Gruß bis dahin mit einem Schatten-Selfie …
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Madeira - Funchal - Schattenselfie mit dem Gemahl bei alten Fundamentresten ...

Madeira – Funchal – Schattenselfie mit dem Gemahl bei alten Fundamentresten …

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Bis bald!

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© by Michèle Legrand, April 2017
Michèle Legrand

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48 Kommentare

Bom dia, MADEIRA – Part 2: Bergwelten, grandiose Ausblicke – Serpentinen stets inklusive …

Gelandet! Sie erinnern sich? In Part 1 stellte sich heraus, dass der Flughafen von Madeira doch in vielerlei Hinsicht recht speziell ist. Haben Sie eventuell die Kommentare verfolgt? Zwei meiner Leser aus Großbritannien bzw. Finnland hinterließen noch ihre ganz eigenen Landeerlebnisse …! Alle jedoch, die bereits dort waren, ka-
men wohlbehalten an, nur gelegentlich kann es wetterbedingt länger als geplant dauern, tatsächlich mehrere Anläufe nötig machen und sogar zu Umleitungen der Flüge kommen. Auch Abflüge von der Insel sind hin und wieder davon betroffen – wenn der Wind zu stark weht, hat sich mancher Urlaub plötzlich ein wenig verlängert …

Doch Sie haben nun Ihren Koffer, und welche Frage stellt sich gern nach der Ankunft? Meist ist es diese: Wie komme ich auf der Insel am gescheitesten voran! Wie lässt sich mein einige Kilometer entferntes Hotel, wie die unterschiedlichen Ziele, die auf der Wunschliste stehen, aber quer über die Insel verstreut liegen, erreichen. Was ist am schlauesten, was am bequemsten oder aber am günstigsten im Hinblick auf Kosten bzw. Zeitauf-
wand.

Vielseitig, vielfältig sei Madeira. So schrieb ich zu Beginn des ersten Teils. Kennen Sie noch die obligatorische Frage, die vielen früher vor dem Urlaub gestellt wurde?
„Wo geht’s denn hin? Fahrt ihr an die See oder in die Berge?“ Entweder man war der Wassertyp oder man wollte hoch hinaus. Schwimmen und sonnenbaden oder kraxeln und wandern. Auf Madeira kommt theoretisch jeder zu seinem Recht, und auch das Klima findet vermutlich allgemein Beifall. Zumal es je nach Himmels-
richtung, Küste und Höhenlage noch einmal variiert und sich daher ein ideales, typgerechtes Ziel finden lässt.
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Madeira - Grün rund ums Jahr ... (Ansicht auf Palmen und grüne Vegetation)

Madeira – Grün rund ums Jahr …

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Madeira! Grundsätzlich mild, im Winter nicht zu kalt, im Sommer erfreulicherweise selbst in den Hochsommer-
monaten nicht zu heiß. Landschaftlich enorm reizvoll, farblich stimulierend, denn genügend Feuchtigkeit in den Bergen und das Wasser aus den seit langer Zeit existierenden Wasserkanälen (Levadas), die von den Höhen herabführen, sorgen dafür, dass Pflanzen in den tieferen und tendenziell trockeneren Zonen und Böden nicht verdorren. Die Umgebung besitzt dadurch auch in der warmen Jahreszeit keinen wüstenartigen Charakter, stattdessen blüht und wächst es rund ums Jahr.
Auf der Insel endet der Winter offiziell Anfang März, und ich habe überhaupt nicht erwartet, dass mich bereits Ende Februar eine derartige Blütenvielfalt begrüßt!
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Madeira - Funchal am Hafen - Die Bougainvillea blüht überall und mit kleinen Pausen ganzjährig ...

Madeira – Funchal am Hafen – Die Bougainvillea blüht überall, in mehreren Farben und mit kleinen Pausen ganzjährig …

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Madeira - Blüten rund ums Jahr - Ende Februar geht der Winter auf der Insel offiziell zu Ende ... (Rote Blüten ranken an Geländern empor)

Madeira – Blüten rund ums Jahr – Ende Februar geht der Winter auf der Insel offiziell zu Ende …

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Madeira - Es gibt keine blütenlose Zeit auf der Insel ... (weiße Blüten einer Blütenhecke)

Madeira – Es gibt keine blütenlose Zeit auf der Insel …

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Rundherum der Atlantik, im Landesinneren im Ostteil hohe Berge, im Westen zwar Gipfel etwas niedrigeren Kalibers, jedoch immer noch herrscht eindeutig der Gebirgscharakter vor. Dort gibt es allerdings ein Hoch-
plateau veritabler Ausmaße! Ein schöner Kontrast zum Osthochgebirgsteil!
Eine solche Vielfalt auf einer Insel dieser doch begrenzten Ausmaße ist naturgemäß etwas enger zusammen-
gepackt. Das wirkt sich auf Ihr Vorankommen und somit ganz enorm auf die Wahl des passenden Verkehrs-
mittels aus.

Auf Madeira sind Sie in Höhen von 0 m (Meeresspiegel) bis über 1 800 m unterwegs. Gleich drei Gipfel des Hochgebirges auf der Ostseite der Insel liegen noch darüber. Der Pico Ruivo, mit  1862 m höchster Berg – nicht nur Madeiras, sondern ganz Portugals. Quasi daneben der Pico das Torres (1851 m) sowie der Pico do Arieiro (1818 m). Letzteren, den dritthöchsten, schauen wir uns ein bisschen näher an. Zu seinem Gipfel führt sogar eine Straße hinauf, während die anderen beiden Berge nur erwandert bzw. erstiegen werden können.
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Madeira - Hochgebirge im Ostteil - Blick vom Pico do Arieiro

Madeira – Hochgebirge im Ostteil – Blick vom Pico do Arieiro

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Madeira - Pico do Arieiro - Ein ständiger Wechsel zwischen blauestem Himmel und Wolken ....

Madeira – Pico do Arieiro – Ein ständiger Wechsel zwischen blauestem Himmel und Wolken ….

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Im östlichen Gebirgsmassiv ist das Lavagestein besonders zerklüftet. Sie finden teilweise recht ungewöhnliche Felsformationen vor. Während es heißt, dass im Westen der Insel ein angenehmeres Wandern möglich ist, und dazu durch die dortigen eher mittleren Berghöhen und etwas offeneren Flächen die Flora und Fauna ab-
wechslungsreicher ist als hier in Höhen, in denen es bereits recht karg wird, entpuppt sich das Erkunden der Bergregion im Osten vielleicht als anstrengender, aber absolut nicht als langweiliger. Es wirkt durch seine Schroffheit auf seine ganz eigene Art imposant. Nicht allein oben zwischen den Gipfeln mit dem Ausblick ins Massiv, sondern dieses Schroffe und Raue findet sich auch direkt an der Küste.
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Madeira - Gebirgsmassiv im Ostteil der Insel - Zerklüftet ...

Madeira – Gebirgsmassiv im Ostteil der Insel – Zerklüftet …

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Hier auf dem Gipfel des Pico do Arieiro haben die portugiesischen Luftstreitkräfte eine Radarstation. Die große Kuppel ist schon aus einigen Kilometern Entfernung zu sehen.
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Madeira - Radarstation der portugiesischen Luftstreitkräfte auf dem Pico do Arieiro

Madeira – Radarstation der portugiesischen Luftstreitkräfte auf dem Pico do Arieiro

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Sie können von diesem Gipfel aus direkt eine etwa dreistündige Wanderung hinüber zum höchsten Berg, dem Pico Ruivo, unternehmen. Der Weg führt um den Pico das Torres herum, und seit es gesicherte Treppenwege über Grate gibt und der Tunnel durch den Pico do Gato existiert, ist das Ganze auch keine halsbrecherische, höchst riskante Angelegenheit mehr, die allein den sehr erfahrenen Profis vorbehalten ist. Fordernd und an-
strengend ist es dennoch!
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Madeira - Wandertour direkt vom Pico do Arieiro aus ...

Madeira – Wandertour direkt vom Pico do Arieiro aus …

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Nicht nur im Landesinneren sind Berge prägend für diese Insel. Erhebungen gibt es überall! Hänge und Klippen bestimmen das Bild immer wieder an der Küste – egal an welcher Seite der Insel. Unweigerlich bewegen Sie sich bei nahezu jeder Tour, die Sie planen, automatisch in unterschiedlichen Klimazonen. Ausgelöst einerseits (wie oben erwähnt) durch die Richtung, die Sie wählen, verursacht andererseits durch Höhenwechsel.
Gleich drei Klimazonen werden bei einer Fahrt von der Küste (Meeresspiegelniveau) ins Bergige einerseits erlebt, sind andererseits aber auch zu bewältigen. Was u. a. bedeutet, dass Sie kleidungstechnisch immer nach dem Zwiebelprinzip gekleidet sein sollten, so dass Sie etwas weglassen oder dazugeben können, sobald sich die Temperatur nach oben oder unten verändert. Genau das passiert unweigerlich, wenn Sie von rauer Nord-
küste, aus windigen Zonen oder nach häufig – zumindest abschnittsweise – wolkenverhangenen Bergregionen in windgeschütztere Täler und in sonnige Küstenabschnitte wechseln.
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Madeira - Am Abgrund .... und dichte Wolken ...

Madeira – Am Abgrund …. und dichte Wolken …

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Hafenbereich in Fuchal, in dem die Freizeitsportler aktiv sind (Kanuten)

Madeira – Zur gleichen Zeit an der Südküste in Funchal: Kleidungsstücke abwerfen …

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Madeira ist durch all seine Besonderheiten ein Ziel, bei dem eine einheitliche Empfehlung bezüglich des Verkehrsmittels ein Ding der Unmöglichkeit ist. Es hängt alles vom Fahrempfinden, der eigenen Robustheit und der Fahrpraxis ab.

Es wird sich vermutlich kaum jemand während des gesamten Aufenthalts allein in der Hauptstadt aufhalten wollen. Dazu gibt es viel zu viele landschaftlich attraktive Ziele außerhalb. Viele kommen extra für Wanderungen, kennen die Stadt bereits von Vorbesuchen. Nun können Sie auf Madeira mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Busse, denn Züge gibt es nicht) gut vorankommen. Je näher an Funchal dran, umso mehr Linien verkehren und umso häufiger fahren sie. Es stehen Unmengen an Taxis zur Verfügung, die für Ausflüge auch Fixpreise anbieten, es werden Jeep-Safaris offeriert, es gibt ein vielfältiges Angebot an Ausflugsfahrten mit dem (Klein-)Bus von öffentlichen Plätzen aus oder aber, Sie werden dazu direkt am Hotel eingesammelt und ab-
geliefert, was besonders nach längeren Wandertouren sehr angenehm sein kann. Last but not least können Sie sich selbstverständlich einen Leihwagen nehmen.
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Madeira - Funchal - Taxis warten schon auf Sie ... (gelbe Taxis in Reihe am Park)

Madeira – Funchal – Taxis warten schon auf Sie …

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Das hört sich ziemlich gut und einfach an, besonders die Sache mit dem Leihauto. Es verschafft einem schließlich erhebliche Flexibilität und Mobilität. Nur angesichts der o. g. Verhältnisse, besonders der geo-
logischen, sollten Sie vorab mit sich selbst ein Zwiegespräch führen und klären, was auch realistisch ist:

Wie viel Zeit möchte ich als Fahrer wirklich selbst hinter dem Steuer verbringen? Wie entspannt fahre ich,
wenn die Straßen eng, schmal und kurvig sind und direkt am Hang bzw. Abgrund entlang führen? Wie vertrage ich (längere) Serpentinenfahrten mit engen Kurven? Wie stecke ich dabei Höhenunterschiede weg? Halte nicht nur ich das gut aus, kommt auch mein Beifahrer damit klar? Bleibt es für mich als Fahrer selbst dann noch stressfrei, wenn ich ins dichte Touristengetümmel gerate? Kein Parkplatz, keine Wendemöglichkeit …
(An beliebten Aussichtshaltepunkten oder an Startstellen für Levada-Wanderungen ist das unvermeidlich.)
Mag ich Tunnelfahrten? Finde ich mich schnell zurecht? Kann ich mich bemerkbar machen und auch ver-
ständigen, wenn ich oben in den Bergen eine Panne haben sollte …? (Die ist nicht völlig abwegig, da nicht
alle Leihwagen im Topzustand sind).

Sie ahnen, je nach Typ sind manche Fortbewegungsmöglichkeiten unter Umständen gleich von der Liste zu streichen. Wenn Sie die Kurven zwar vertragen, solange Sie nicht Beifahrer sind, sondern selbst am Steuer sitzen, lässt sich das vielleicht entsprechend arrangieren. Aber wenn Sie anschließend als Fahrer einen Horror davor haben, auf einer der vielen in der Breite knapp bemessenen Bergstraßen (gefühlt Einbahnstraßen) immer wieder dicken einheimischen Reisebussen ausweichen zu müssen und sich schon in der Schlucht landen sehen, dann bringt das alles auch nichts, und Sie sollten sich per Bus kutschieren lassen. Setzen Sie sich entspannt irgendwo in der vorderen Hälfte auf die hangabgewandte Seite oder machen Sie einfach die Augen zu, wenn es mal wieder haarscharf am Abgrund entlanggeht.

Vor ein paar Tagen und nach meiner Rückkehr kam ich mit einem Bofrost-Ausfahrer hier in Hamburg ins Gespräch. Er verbrachte vor einigen Jahren seinen Urlaub auf der Insel und war damals per Leihauto unterwegs. Erinnern Sie sich an die Größe der Insel? 57 x 22 Kilometer sind ihre ungefähren Abmessungen. Man sollte meinen, man würde stets im Nu am nächsten Ziel sein, könnte am Tag problemlos eine komplette Inselrundfahrt unternehmen und würde insgesamt mit seinem Leihwagen sicher nicht viel an Kilometern zu-
sammenfahren. Das täuscht gewaltig! Die Serpentinen vervielfältigen das Tagespensum an Kilometern enorm. Die Wege führen fast nie direkt auf Ihr angestrebtes Ziel zu. Wie oft müssen Sie außen herum. Manche Straßenabschnitte sind gern einmal gesperrt, weil wieder etwas vom Hang auf die Straße gerutscht ist und
diese blockiert. Dann heißt es umkehren. Ein neuer Anlauf …
Der Bofrost-Herr verriet mir, wie viele Kilometer er in einem Zeitraum von knapp 12 Tagen auf Madeira zurückgelegt hat. Halten Sie sich fest! 1 600 km!

Die Reisebusse wählen natürlich sehr bewusst die Straßen mit schönem Ausblick. Sie wollen Ihnen ja etwas bieten. Sie fahren gezielt Aussichtspunkte auf Klippen, einen Berggipfel oder das Plateau an, um sich anschließend, diesmal herunterkurvend, der nächsten Attraktion, nun aber wieder direkt an der Küste auf Meereshöhe, zu nähern. In dem Fall bleibt gar keine andere Möglichkeit, als die Serpentinenroute zu nehmen.
Als Fahrgast im Taxi oder als Leihwagenfahrer könnten Sie immerhin zeitweise wählen und die in den letzten Jahrzehnten in großer Zahl entstandenen Tunnel samt der Schnellstraßenabschnitte mit einer relativ geraden Streckenführung bevorzugen. Vielerorts führt der Weg nun mitten durch die Berge hindurch; das Außenherum oder Rauf und Runter lässt sich dadurch oft ersparen.
Nur sehen Sie dann bedauerlicherweise vieles nicht …

Ohne allzu große Kurverei gelangen Sie zwar von Funchal via Câmara de Lobos bis nach Cabo Girão an der Südwestküste der Insel, aber nicht unmittelbar bis an die Stelle, für die der Ort berühmt ist. Dort befindet sich die höchste Steilklippe Europas, die zweithöchste der Welt! Nur eine in Taiwan ist noch höher.

Madeira - Cabo Girão - Europas höchste Steilklippe

Madeira – Cabo Girão – Europas höchste Steilklippe

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Senkrecht fällt die Felswand vor Ihnen ab, 580 m in die Tiefe! Seit einiger Zeit gibt es eine Glasplattform, die
Sie betreten können, damit das Gefühl für die Höhe noch intensiver ausfällt und der Blick nach unten noch imposanter ist. Angeblich wird vielen beim Betreten mulmig und verstohlen wird nach der Hand des Partners gesucht … Ich empfand dort zu stehen als relativ sicher, denn erstens führt der Glassteg nicht wie ein Laufsteg auf das Meer hinaus, sondern ist mehr ein Balkon, der an den Hang und die feste (blickdichte) Aussichts-
plattform angebaut wurde, und zweitens ist das Glas bewusst nicht komplett durchsichtig gehalten, sondern hat ein Muster aus gleichmäßig verteilten kleinen, milchigen Punkten. Es bewirkt, dass der Glasboden nicht brüchig und unsicher, sondern sehr massiv und stabil erscheint.
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Madeira - Cabo Girão - Steilklippe, die Tiefe real vor Ort noch wesentlich gewaltiger ...

Madeira – Cabo Girão – Steilklippe, die Tiefe real vor Ort noch wesentlich gewaltiger …

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Wir könnten jetzt … Nein, wissen Sie was? Mit diesem Ausblick bzw. Tiefblick werden wir für heute unterbrechen. Ich möchte Ihnen zunächst eine kleine Pause nach dieser Höhe und vor allem nach all den Serpentinen gönnen. Wir werden sogar beim kommenden Part 3 die Kurverei noch beiseitelassen. Stattdessen würdigen wir die Hauptstadt der Insel mehr als nur eines einzigen Blickes.
Sicher, es wird optische Eindrücke von Plätzen geben, für die Funchal bei den Touristen beliebt sind, doch hat es nicht auch seinen Reiz, sich zusätzlich ein wenig ihrer räumlichen Weiterentwicklung (Ausdehnung), der fast schon Einzelstellung dieser Stadt oder z. B. seinen Bewohnern zu widmen?
Zu schönem Anblick und Ausblick gesellen sich in Part 3 Rückblick und Einblick.

Vielleicht sind Sie wieder mit dabei …
Bis demnächst!
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© by Michèle Legrand, März 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

 

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44 Kommentare

Neue Blogserie: Bom dia, MADEIRA! – Part 1: Atlantikinsel voraus …

Seit einigen Tagen bin ich zurück von Madeira. Verblüffend vielfältig! Das fällt mir spontan ein, wenn ich an die Insel zurückdenke. Waren Sie schon dort? Falls nicht, können Sie Madeira im Laufe der nächsten Zeit via Blog näher kennenlernen.
Heute startet eine kleine Serie, in der es um die Atlantikinsel gehen wird. Wenn Sie hier bei mir bereits ein wenig länger mitlesen, dann ahnen Sie, dass es auch diesmal nicht auf ein bloßes Ansteuern der typischen Touristen-
ziele hinausläuft, sondern dass ebenso Dinge einen Platz finden werden, über die man im Vorbeigehen stolpert. Oder die aus einem unerfindlichen Grund beeindrucken. Dazu gesellen sich Unterschiede oder aber Gemein-
samkeiten, die auffallen. Wenn es passt, werde ich Zusammenhänge erwähnen. Die Erzählungen der Ein-
heimischen bringen doch manches Mal Licht in eine Sache oder etwas lässt sich plötzlich von mehreren Seiten betrachten.

Schließen Sie sich gern an, wenn es ums Fühler ausstrecken, um eine erste Erkundung der Insel geht, wenn Funchal, die Inselhauptstadt sich präsentiert, wenn Gärten, Gebirgslandschaften, die Steilküste, Lavabecken, Lorbeerwälder u. v. m. einladen oder es sich zwischendurch um das Leben, den Alltag und das Auskommen der Madereinser (auch: Madeirer) dreht.

Weil Madeira so vielseitig ist, bietet sich ein Blogmehrteiler an, der wie immer meine persönlichen Eindrücke und Gedanken(sprünge) wiedergibt und somit weder ein reiner Bericht noch ein weiterer Reiseführer und keines-
wegs objektiv ist. Sie wissen also, worauf Sie sich einlassen.

Heute findet die erste Annäherung an die Insel statt. Mir ist immer danach, für neues Terrain zunächst ein Ge-
fühl zu entwickeln. Für seine Entfernung, seine Lage, die groben Umstände. Sie reisen also mit mir an. Und den Auftakt vor Ort macht der Flughafen, der für mich wirklich ein Thema für sich ist …

Lassen Sie uns beginnen!
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Madeira - Ostküste mit Adlerfelsen

Madeira – Ostküste mit Adlerfelsen

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Bom dia, MADEIRA! – Part 1: Atlantikinsel voraus …

Irgendwann im Januar haben der Gemahl und ich beschlossen, so geht das nicht weiter, wir nehmen Reißaus. Wochenlanges Grau im Norden, Kälte, nur Erkältungskranke um einen herum, keine Besserung in Sicht. Auf der Suche nach milderen Temperaturen und ein bisschen Blau am Himmel fiel die Wahl des Reiseziels auf Madeira.
Im Laufe der Jahre war der Name der Insel bei der Urlaubsplanung bereits hin und wieder gefallen. Immer wenn wir es gegenüber anderen, Menschen, die schon dort gewesen waren, erwähnten, fiel die Reaktion bzw. Beurteilung der Insel überraschend unterschiedlich aus.
Es gab die enttäuschten Einmalurlauber genauso wie die notorischen, weil schwer begeisterten, Wiederho-
lungstäter. Madeira for ever! Ich selbst habe vor Ankunft bewusst keine präzise Vorstellung, geschweige denn eine feste Erwartung, doch was mir nach Gesprächen über die Insel hängenblieb, sind einerseits die Begriffe mild, viele Blumen, schön grün, andererseits solche Aussagen wie: „Da werden jeden Tag Unmengen von Rentnern von den endlos eintreffenden Kreuzfahrtschiffen ausgespuckt und fallen dann heuschreckenartig in Funchal ein.“ Überhaupt soll das ältere Publikum bei den Touristen in der Mehrzahl sein.
Meine verstorbene Schwiegermama fand es vor Jahrzehnten etwas enttäuschend, weil „die Wege so steil waren“ und „gar nicht so viel blühte, wie sie gesagt haben“. Gelegentlich wird bemängelt, dass „überhaupt kein netter Sandstrand“ existiert. Mein ehemaliger Chef, der Anfang der Achtzigerjahre im (deutschen) Winter dort seinen Urlaub verbrachte, kam wiederum aus dem Schwärmen nicht heraus. „Es gibt so viel zu entdecken! Angenehmes Klima, tolle Natur – man kann herrlich laufen!“
Die Ausgangslage ist spannend. Wir werden im Laufe der Serie sehen, was zutrifft und was eher nicht.

Wo liegt eigentlich dieses manchmal als Blumeninsel, als Perle im Atlantik, Paradiesinsel oder gelegentlich als Insel des ewigen Frühlings beschriebene Madeira?

Denken Sie sich nach Nordafrika, an die marokkanische Atlantikküste. Etwa auf halber Strecke zwischen Casablanca und Marrakesch befindet sich die Stadt Safi. Wenn Sie am Strand von Safi auf den Atlantik hinaussehen, liegt Madeira ziemlich genau gegenüber. Allerdings 727 km entfernt. Luftlinie. Selbst mit Adleraugen haben Sie keine Chance, Land in der Ferne zu erblicken. Es wäre so, als würden Sie versuchen, von Flensburg an der dänischen Grenze durch ganz Deutschland südwärts bis fast nach Basel (CH) zu schauen.
Von den Kanarischen Inseln wiederum Richtung Norden geblickt, sind es je nach Insel lediglich etwa 450 km. Nahezu ein Klacks, jedenfalls gegenüber der mehr als doppelten Distanz (974 km Luftlinie), die die zu Portugal zählende Insel vom heimatlichen Festland und der Hauptstadt Lissabon entfernt liegt. Bei dem großen Abstand ist es absolut berechtigt und mit Sicherheit hilfreich, zumindest den Status einer autonomen Region zu haben.
Hamburg hat übrigens auch ein Eiland im Meer! Die Insel Neuwerk draußen westlich von Cuxhaven in der Nordsee. Allein. Völlig für sich. Rund 100 km von der Hansestadt entfernt gelegen, gehört sie dennoch zum Bezirk Hamburg-Mitte. Unser Madeira. Mit Watt. Doch das nur nebenbei. …

Madeira also ein autonomes Gebiet mitten im Atlantik und besonders im Osten der Insel unter dem Einfluss des Golfstroms. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und Teil eines Archipels, zu dem noch einzelne kleinere Nebeninseln gehören. Die letzten vulkanischen Aktivitäten sind Urzeiten (über 6400 Jahre) her, da ist nichts mehr zu erwarten, doch die Ausbrüche haben gewaltige Spuren hinterlassen. Spuren in Form von schroffen Bergmassiven, die im Osten und Westen jeweils im Inselinneren ihre höchsten Punkte haben. Dort hat die Landschaft den Charakter eines Mittel- und Hochgebirges (inklusive eines Hochplateaus im Westteil), während es speziell zur Ost- und Südostküste hin etwas großzügiger, offener erscheint, jedoch immer noch in veritablen Hängen ausläuft und Klippen am Wasser das Bild bestimmen. Sie werden davon später mehr sehen.
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Madeira - Westteil der Insel (Landesinnere, Bergmassiv nahe Paúl da Serra)

Madeira – Westteil der Insel (Landesinnere)

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Nach unten, also ins Meer hineingeblickt, ist noch lange nicht Schluss! Die sichtbare Insel ist ja nur der oberste Teil des Vulkansystems. Dreiviertel befindet sich aber unter Wasser! Sie können wegen der in der Tiefe zunehmenden Dunkelheit nur gar nicht sehen, wo eigentlich Ende ist.
Manche fragen sich, ob so große Schiffe wie zum Beispiel die QUEEN MARY 2, die nicht gerade wenig Tiefgang hat, eine derart kleine Insel wie Madeira anlaufen kann. Klar, kann sie das! Kein Problem beim Anlegen an der langen Hafenmole. Die Meerestiefe rund um Madeira beträgt 4 000 bis 5 000 m!
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Madeira - Hafeneinfahrt Funchal (mit Mole rechts)

Madeira – Hafeneinfahrt Funchal (mit Mole rechts)

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Als Hauptinsel für sich gesehen, misst Madeira 741 km². Ohne Vergleich kann man sich das nie so recht vorstellen. Haben Sie Rügen vor Augen? Madeira ist von der Fläche her ein wenig kleiner als die Ostseeinsel (926 km²). Wenn Sie eher von der Größe Sylts eine Vorstellung  haben, dann binden sie Sylt (mit knapp 100 km² Fläche) gedanklich einfach sieben bis acht Mal aneinander oder – um noch einmal zur Insel vor Cuxhaven zurückzukommen – Sie könnten genauso gut 247 kleine Neuwerks (à 3 km²) auf Madeira unterbringen.

Jetzt stellen Sie sich noch vor, dass die Insel von links nach rechts 57 km breit ist und von oben nach unten 22 km. An der Südküste liegt die Inselhauptstadt Funchal und 15 min. mit dem Auto entfernt östlich davon befindet sich bei Santa Cruz der Flughafen.

Apropos Fliegen. Einer meiner Reisesitznachbarn sprach mich beim Einsteigen in Hamburg an.
„Sitzen Sie am Fenster oder im Flur?“
Das gab mir trotz der bevorstehenden Flugstrecke von 3 145 km ein irgendwie heimeliges, behagliches Gefühl. Gedanklich war es jetzt nicht mehr weit zum Wohnzimmer. Was doch die Wortwahl ausmacht … Der Nachbar fiel nachträglich selbst über seinen Ausdruck.
Zwei Stunden später, die Monitore waren über den Sitzen an der Decke ausgeklappt, raunte ich mich ihm zu: „Darf ich Sie kurz stören und aus Ihrem Fernsehsessel bitten? Ich würde gern ins Bad … “  Ich erntete nach dem ersten Erstaunen ein Grinsen.

Zurück zur Insel, der wir uns nähern. Ein Landeanflug auf Madeira ist eine Sache für sich. Wussten Sie, dass der Flughafen von Funchal immer noch als einer der am schwierigsten anzufliegenden und somit auch als einer der Sorte „gefährlich“ gilt? Das heißt nicht notgedrungen, dass dort tatsächlich mehr passiert, doch bestimmte Umstände machen besondere Kenntnisse und Fähigkeiten erforderlich.
Wenn Sie nach etwa viereinhalb Stunden Flugzeit im Landeanflug auf die Insel sind, dann hat ein Teil des Sinkflugs bereits entlang der marokkanischen Küste nordöstlich von Madeira begonnen. Die Maschine biegt in Höhe der Insel quasi nur noch nach rechts ab. Sie haben bald einen sehr schönen Blick auf die Berge und fliegen ein Stück parallel zur Südküste Madeiras, über den Flughafen hinaus, Richtung Funchal. Die Landepiste befindet sich direkt neben dem Berghang, läuft parallel zum Ufer.
Immer noch draußen über dem Meer, inzwischen jedoch bei Funchal angekommen, fliegt der Pilot eine ziemlich enge Rechtskurve, in der sich die Maschine samt ihrer Flügel wirklich schräg stellt (und Sie reichlich schief in der Luft hängen), um nach dieser Wende die Landebahn anzupeilen. Viel Zeit zum endgültigen Herunter-
kommen ist nicht und viel Platz ebenfalls nicht, weder nach links zum Hang noch nach vorne zum Flughafen – und vor allem nicht bis zum Erreichen des Endes der Landebahn!
Der Pilot muss dabei in dieser Phase extrem auf Fallwinde achten und mit Windscherungen rechnen. Während dieses gesamten Quer- und Endanflugs fliegt er auf Sicht, denn über ein Instrumentenlandesystem verfügt der Flughafen von Funchal gar nicht.
Sie werden vielleicht einwenden, ja, aber es gibt doch immer noch die Lichter auf der Start- und Landebahn oder die Anflugbefeuerung. Anflugbefeuerung? Wo denken Sie hin! Dort, wo die eigentlich ihren Platz hat, ist in Funchal der Atlantik.
Wasser? Direkt neben … hinter …?
Ja, denn man hat die Landepiste mehrfach, zuletzt im Jahr 2000 von 1 781 auf 2 777 Meter verlängert, damit angesichts des wachsenden Touristenzustroms auch größere Maschinen in Funchal landen können. Nur für diese letzte Erweiterung standen die Madeirer vor einem enormen Problem: Das Land war dort, wo es gebraucht wurde, zu Ende! Es ging nicht weiter.
Eine Idee musste her. Aus der Idee wurde ein Plan und eine Wahnsinnskonstruktion entstand. Man verlängerte an der Klippe direkt in eine Bucht hinein indem man insgesamt 180 hohe Betonpfeiler als Stelzenträgerwerk setzte und darauf eine 180 m breite Bahn mit einer Gesamtlänge von 1 020 m errichtete.
Sie können heute teilweise mit dem Auto darunter durch fahren, dann wird erst bewusst, um was für ein Riesenunterfangen es sich handelt. Pfeiler mit drei Metern Durchmesser, die knapp 60 Meter oberirdisch zu sehen sind. Der Rest der bis zu 120 m langen Stelzen verschwindet unterirdisch oder ist in der Bucht im Meeresboden verankert.
Die Einheimischen sprechen angesichts des Aufwands und der Kosten, die bei diesem Projekt entstanden,
gern vom „Bau der zweiten Kathedrale Madeiras“.
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Madeira - Mit dem Bus unter der Landepiste des Flughafens .... (Betonstelzen)

Madeira – Mit dem Bus unter der Landepiste des Flughafens ….

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Nun ist der Runway zwar länger, doch dafür kommen auch größere Maschinen, die entsprechend mehr Piste benötigen. Viel einfacher ist es für die Piloten deshalb nicht geworden. Daher ist es nach wie vor vorge-
schrieben, dass nur der Kapitän selbst landen darf und dass jeder Pilot, der vorhat Funchal anzufliegen, ein Spezialtraining durchlaufen und nachweisen muss.
Was denken Sie, was passiert, wenn es nicht auf Anhieb klappt und der Pilot durchstartet und hochzieht, um es erneut zu versuchen. Darf er das endlos? Bis die Landung irgendwann erfolgreich verläuft? Nein, auch dafür existiert eine Regel. Höchstens sechs Versuche. Wenn es dem Flugkapitän bis dahin nicht glückt, muss er leider wieder zurück bis zum Festland.

Ich hoffe, bei Ihnen ist jetzt vorrangig die Neugier auf den Flughafen geweckt. Nicht, dass Ihnen die neuen Kenntnisse den Mut nehmen, auf dem Luftweg nach Madeira zu gelangen. Die Insel ist doch ein sehr beliebtes und häufig angeflogenes Ziel. Somit haben die Piloten inzwischen einige Übung. An meinem Abflugtag waren
es weitere 17 große Maschinen, die allein ab Mittag Funchal noch verlassen sollten und zwangsläufig ja irgendwann davor auch sicher gelandet sein müssen.

Eine Alternative zum Fliegen wäre die Ankunft mit einem Schiff. Entweder mit einer gelegentlich zwischen den Kanarischen Inseln und Madeira verkehrenden Fähre oder aber per Kreuzfahrtschiff …
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Madeira - Hotelblick - Der Hafen von Funchal mit Kreuzfahrtschiffen ...

Madeira – Hotelblick – Der Hafen von Funchal mit Kreuzfahrtschiffen …

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Kreuzfahrtschiffe und der Hafen von Funchal werden uns in einem der nächsten Teile der Blogserie ein weiteres Mal begegnen, doch für heute verabschiede ich mich von Ihnen.
Seien Sie gern beim nächsten Mal wieder mit dabei, wenn die ersten Schritte auf der vielseitigen Perle im Atlantik angesagt sind!

Fortsetzung folgt.

 

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© by Michèle Legrand, März 2017
Michèle Legrand

 

 

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52 Kommentare

Hamburg entdecken – Heute ein Blick in den Oberhafen und seine Umgebung

Moderne Glasbauten, Backstein, Brücken, alte Schlösschen und mehr  

Hätten Sie heute zufällig etwas übrig für schiefe Kaffeeklappen, eigenartige Drachenschwäne
und all die anderen Dinge, die ich gerade oben erwähnte? Elbwasser wäre auch dabei …
Überlegen Sie es sich, und bis Sie einen Entschluss gefasst haben, lesen Sie einfach weiter.

In der letzten Zeit hatte ich abends mehrmals in für mich relativ unbekannten Ecken der Hansestadt zu tun. Entweder war ich noch nie dort gewesen (Hamburg ist immerhin eine Großstadt) oder hatte mich ewig lang
nicht mehr in gerade diesen Bereichen aufgehalten.
War man bereits irgendwann einmal in dem Viertel, verleiht dieser Umstand eine trügerische Sicherheit im Hinblick auf den jetzigen Besuch. Das finde ich schon wieder, ist der erste Gedanke. Nur vergisst man dabei schnell, dass Veränderungen gerade in einer Stadt an der Tagesordnung sind. Im Laufe von fünf, zehn oder noch mehr Jahren, hat sich vieles erheblich gewandelt. Wo Sie sich einst fast schon auskannten, ist nun eine andere Straßenführung, es gibt auf einmal Tunnelbauten oder weitere Brücken, riesige Kreuzungsanlagen, es fanden diverse Abrisse statt, Neubauten gesellten sich dafür dazu, andere Fassaden blinzeln sie an. Es ist manchmal gar nicht so einfach, sich wieder zu orientieren.
Klar, wie jeder andere wahrscheinlich auch, suche ich mir gerade deshalb jeweils vorab die entsprechende Route heraus, doch, Hand aufs Herz, Karte gegenüber realer Ansicht – irgendwie wirkt das beim Näher- bzw. Ankommen oft komplett anders. Vor allem, wenn die markanten Punkte, die einem als Wegmarken dienen sollen, kaum zu sehen sind. Wegen Dunkelheit. Im Winterhalbjahr ist sie leider ein ständiger Begleiter.
Ich habe jedenfalls in letzter Zeit hin und wieder ganz schön verdutzt geschaut und herumsuchen müssen.
Umso schöner, hin und wieder einen Mitkommer und Mitsucher dabeizuhaben. Als ich neulich am Abend in Begleitung meiner Tochter unterwegs war, wurde dabei nur eines ziemlich deutlich: Man kann nicht gerade behaupten, dass ich – zumindest zu später Stunde – über so etwas wie Adleraugen verfügen würde.

Wir wollten zu einer Veranstaltung am Großmarkt. Früher strebten dorthin nur Produzenten und Händler von Lebensmitteln (frisches Gemüse und Früchte) und Blumen. Und bis heute herrscht dort speziell nachts und in den frühen Morgenstunden Hochbetrieb! Generell gibt es aber in den Großmarktmallen rund um die Uhr ein Riesenangebot für Kaufwillige. Es ist Norddeutschlands größtes Frischezentrum mit etwa 470 beteiligten Marktfirmen!
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Hamburg (Hammerbrook) - Der Großmarkt am Tag ... (Eingang zu den Großmarkthallen

Hamburg (Hammerbrook) – Der Großmarkt am Tag …

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Sind es sonst die Firmenvertreter und die Käufer des Einzel- und Großhandels, die sich in den Hallen begegnen, so treffen einmal im Jahr an einem Wochenende auf dem Großmarktgelände völlig andere Menschen und viel blitzender Chrom aufeinander. Dann sind Harley Days angesagt und auf dem Vorplatz stehen die Maschinen dicht an dicht.
Seit zwei Jahren streben nun regelmäßig Unmengen von abendlichen Besuchern mit einem wiederum völlig anderen Plan auf die Hallen mit den geschwungenen, wellenförmigen Dächern zu. Sie wollen ins Konzert!
Im Jahr 2015 hat das „Mehr! Theater am Großmarkt“ eröffnet,  das bis zu 3500 Besuchern Platz bietet und wohl das einzige Theater ist, das in einen bestehenden Lebensmittelgroßmarkt einfach integriert wurde.
Nicht direkt ins Gemüse, aber in eine der Hallen, in die mittlere.
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Hamburg - Großmarkthallen (Blick auf die wellenförmig geschwungenen Dächer)

Hamburg – Großmarkthallen

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Mit meiner Tochter spazierte ich vor dem Konzert vom Hauptbahnhof und den Deichtorhallen kommend die lange Banksstraße hinauf Richtung Mehr!Theater.  Kurz vor dem Ziel überquert man die „Erste Banks-Brücke“, und dort tauchte mitten aus der Dunkelheit auf der Außenseite des Geländers ein mittelgroßes Wesen auf. Ein unechtes, wie aufgrund der Starre schnell klar wurde. Aber was ..?  Ich versuchte, etwas zu erkennen.
„Was ist denn das? Ein Schwan?“, fragte ich meine Tochter.
Ein kurzer Blick hinüber genügte ihr. „Nein! Kein Schwan! Eher ein Drachen!“, entgegnete sie überzeugt.
Ein Drachen? Ich fixierte das Wesen genauer. Meine Augen sahen allmählich etwas mehr … Sie hatte sofort Details im Dunkeln erkannt, ich hingegen zunächst nur die reine Form, die Haltung. Das muss die berühmte Nachtblindheit sein, die unweigerlich zunimmt, sobald man in die Jahre kommt …
Wir mussten weiter. So nahm ich mir in dem Moment bereits fest vor, mir den sonderbaren Kollegen bei Gelegenheit noch einmal anzuschauen. Im Hellen!

Letzte Woche war es schließlich soweit. Der Wochenanfang hielt lang vermisste Sonnenscheintage und nicht mehr ganz so frostige Temperaturen parat. Somit geht es heute auch für Sie hinaus! Später zum Drachen, doch zunächst an die Elbe. Auf Hamburger Gebiet. Zur Abwechslung diesmal nicht elbabwärts Richtung Blankenese (und Nordsee), sondern ein Stückchen in die Gegenrichtung, elbaufwärts.
Wer von der Norderelbe abzweigt, kommt z. B. in die Speicherstadt, landet im Zollkanal, in den Fleeten oder in verschiedenen Hafenbecken. Eines davon trägt den Namen Oberhafen, und das – inkl. seiner Umgebung – schauen wir uns heute an.
An einem Ufer dieses Hafenbeckens schließt der Stadtteil Hammerbrook an, an der gegenüberliegenden Uferseite stoßen Sie auf den neuen Stadtteil HafenCity mit dem Lohsepark.
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Hamburg - Oberhafen - Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

Hamburg – Oberhafen – Der Fruchthof Hamburg am Stadtdeich

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Eine recht interessante, kontrastreiche Ecke Hamburgs! Sie haben nämlich neben der schönen Wasserlage eine lebhafte Kombination von Altem und Neuem. Einerseits Bürogebäude mit futuristischen Design und hohem Glasanteil, andererseits die Ausläufer der alten Speicherstadt mit ihren roten Klinkern und dazu die zwischen 1911 und 1914 auf dem Areal des ehemaligen Berliner Bahnhofs in Hamburg als Markthallen errichteten Deichtorhallen.
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Hamburg - Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

Hamburg – Deichtorhallen (zum Wasser und der Flutschutzanlage hin)

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Als Markthallen werden sie schon länger nicht mehr genutzt. Sie wurden restauriert, saniert, und heute sind
sie mit der Halle für aktuelle Kunst sowie dem Haus der Photographie (Südhalle) bekannter und beliebter Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst. Noch bis zum 1. Mai heißt es „Elbphilharmonie revisited“. Kein er-
neuter, ellenlanger Aufwasch der Entstehungsgeschichte, die gerade vor der Eröffnung der Philharmonie im Januar extrem oft und ausführlich durch die Medien ging, sondern Werke von Künstlern, die sich durch die Elbphilharmonie inspirieren ließen. Ich war noch nicht in dieser Ausstellung, es hört sich aber spannend an.
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Hamburg - Deichtorhallen - Haus der Photographie (Halle Süd)

Hamburg – Deichtorhallen – Haus der Photographie (Halle Süd)

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Hamburg - Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

Hamburg – Auf dem Gelände der Deichtorhallen das Palazzo Gourmet Theater im Spiegelpalast

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Der Kunstverein ist gleich gegenüber am Klosterwall ansässig und zeigt ebenfalls zeitgenössische Kunst.
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Hamburg - Der Kunstverein in Hamburg - Klosterwall/Deichtorplatz

Hamburg – Der Kunstverein in Hamburg – Klosterwall/Deichtorplatz

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Das ZDF-Landesstudio hat sich in einem sehr modernen Gebäude niedergelassen, dem 2002 fertiggestellten Deichtor-Center. Zehn Geschosse und u. a. war hier Herr Teherani einer der Architekten (Jens Bothe, Kai Richter und Hadi Teherani (BRT Architekten))
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Hamburg - Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

Hamburg – Das Deichtor-Center mit dem Landesstudio des ZDF

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Mittendrin tost der Verkehr. Ein Verkehrsknotenpunkt, eine wichtige Verbindung auch von Stadt Ost nach Stadt West. Gewusel und Gedränge herrscht am Klosterwall stets zusätzlich durch die Bauarbeiten im Wallringtunnel. Die Sanierung des Tunnels begann bereits 2014, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Immerhin ist die Oströhre bald (geplant April) fertig.
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Hamburg - Klosterwall - Baustelle am Wallringtunnel

Hamburg – Klosterwall – Baustelle am Wallringtunnel

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Nach dem Blick auf die Gegebenheiten auf Landseite, werfen wir doch jetzt ein Auge auf das Wasser. Der Oberhafen grenzt unmittelbar an den Ericusgraben. Ein Begriff, der Ihnen vielleicht irgendwoher bekannt vorkommt. Ericus? Genau! Ericusspitze! DER SPIEGEL! Dort, mit Adresse Ericusspitze 1, residiert in einem modernen Gebäude mit sehr markantem Aussehen seit 2011 die SPIEGEL-Gruppe.
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Hamburg - Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

Hamburg – Die Ericusspitze mit dem Verlagsgebäude des SPIEGELs

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Hamburg - Ericusgraben - Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen ....

Hamburg – Ericusgraben – Die Deichtorhallen noch einmal vom Wasser aus gesehen …

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Woher weiß man überhaupt, wo der Oberhafen endet und der Ericusgraben beginnt? Das Elbwasser sieht doch nicht plötzlich anders aus … Es gibt eine Art optische Begrenzung zwischen Oberhafen und Ericusgraben. Die Oberhafenbrücke dient als guter Anhaltspunkt.  Dort wo sie das Wasser quert, denken Sie sich einfach eine Trennlinie. Die Brücke ist speziell. Sie ist eine kombinierte Bahn- und Straßenbrücke, bei der der Verkehr nicht nebeneinander, sondern übereinander verläuft!
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein ICE auf der obersten Ebene

Hamburg – Oberhafenbrücke – Ein ICE auf der obersten Ebene

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Auf ihr fährt ganz oben auf insgesamt vier Gleisen der Fernzugverkehr Richtung Harburg (Süden) bzw. kommt hierüber in die Stadt hinein. Darunter, eine Ebene tiefer, ist es dem Autoverkehr möglich, das Wasser zu queren. Zu beiden Seiten der Fahrbahn verlaufen Wege für Fußgänger.
Es ist ein ulkiges Gefühl, dort als Passant zu laufen. Zwischen all den Stahlstreben, bei gefühlt recht geringer Brücken- bzw. Raumhöhe, dicht neben sich Autos … Besonders merkwürdig wird es, wenn über einem gerade ein Zug fährt. Oder gar Züge! Eigenartige Geräusche entstehen, und ein anhaltendes Vibrieren und leichtes Schwanken macht sich bemerkbar. Die Seitenverstrebungen engen seltsam ein, nehmen zudem viel Licht. Urplötzlich kommt es einem so vor, als sei man die Wurstscheibe in einem Sandwich. Von oben und unten etwas eingezwängt. Gleichzeitig meldet sich die Hoffnung, von der Lage drüber möge bitte nichts abbröseln und durchkleckern …

Von der Hammerbrook-Seite aus startend, stoßen Sie nach Überquerung der Brücke ganz am Ende auf etwas, was herrlich windschief daherkommt und eine recht lange, zeitweise unruhige Geschichte mit ungewissem Ausgang vorweisen kann: die Oberhafen-Kantine.
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Hamburg - Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke (Ansicht von vorne)

Hamburg – Die Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke

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Ursprünglich war in dem kleinen 1925 erbauten Gebäude eine Kaffeeklappe. So nannte man in der Bevöl-
kerung eine Einrichtung, die es ungefähr seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst in England gab und die eigentlich korrekt Volkskaffeehalle hieß. Das Hauptmerkmal einer Kaffeeklappe war, dass es dort einfache Speisen für Arbeiter und keinerlei alkoholische Getränke gab.
Arbeitgeber waren damals schwer hinter der Sache her und unterstützten die Klappen, um dem Alkoholkonsum von vornherein wirksam entgegenzutreten. Man bot das Essen äußerst preisgünstig an und schenkte zusätzlich reichlich Kaffee aus, der die Arbeitsleistung noch steigern sollte.

Bei der Oberhafen-Kantine, die für die Werft- und Hafenarbeiter errichtet wurde, spricht man von expressio-
nistischer Gebrauchsarchitektur
. Toller Begriff, oder? Es klingt beeindruckend. Sollten Sie vorhaben, gegrillte Würstchen an den Mann zu bringen und eigens zu diesem Zweck ein Häuschen mit ordentlicher Raumhöhe
und einigen Spitzbögen bauen, dann könnten Sie Ihren Imbiss mit stolz geschwellter Brust als gotische Gebrauchsarchitektur bezeichnen.
Doch zurück zur Oberhafen-Kantine. In dem speziellen Fall und angesichts der Umgebung, in der sie sich befindet, spricht man von norddeutschem Klinker- bzw. Backsteinexpressionismus. Der ist nun nicht auto-
matisch windschief und krumm. Warum also steht das Häuschen dermaßen schräg?
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Hamburg - Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke - Abgesackt ... (Gebäude neigt sich nach vorn)

Hamburg – Oberhafen-Kantine an der Oberhafenbrücke – Abgesackt …

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Sie können sich vorstellen, dass das kleine Gebäude an dieser Position direkt an der Kaikante des Oberhafens nicht immer trockene Füße behalten hat. Der Fluss ist mächtig – und tideabhängig! Das Mauerwerk wurde unterspült, sowohl bei den normalen Gezeiten, aber vor allem bei Sturmfluten. Das komplette Haus ist dadurch abgesackt.

Es ist erstaunlich, dass es überlebt hat und bis heute immer wieder neu betrieben wird! Nachdem der Bauherr es vor über 90 Jahren als eine Art Familienbetrieb etablierte, kümmerte sich dessen Tochter bis ins hohe Alter um die Verpflegung und blieb der Kantine treu. Erst vor 20 Jahren, nach ihrem Tod 1997, musste man sich überlegen, wie es weitergehen könnte.
Es hieß damals, das Gebäude sei einsturzgefährdet, jedoch viel zu schade zum Abriss. Nach einigem Hin und Her wurde es zunächst unter Denkmalschutz gestellt, dann kaufte es derselbe Herr, der auch die Rote Flora in der Sternschanze besaß, Klausmartin Kretschmer. 2005 pachtete es – frisch renoviert – Tim Mälzer, dessen Mama  wiederum ab 2006 mit Frikadellen, Kartoffelsalat und ähnlichen Speisen für das leibliche Wohl der Kantinenbesucher sorgte.
Leider richtete danach ein Orkan schwere Schäden an, also musste erneut saniert werden. Herr Mälzer fand den Zustand nicht so verlockend, seine Mutter mit Sicherheit auch nicht, also wechselten seit 2008 mehrfach die Gastronomen. Schon 2014 schlug abermals ein Orkan mit entsprechendem Hochwasser zu, und noch einmal musste gerettet werden, was noch zu retten war. Während der notwendigen Sanierungen und Schadens-
behebungen blieb als Ausweg immer nur die zeitweilige komplette Schließung der Klappe oder das befristete Auslagern des Betriebs.

Aber sie lebt immer noch! Sie ist einfach nicht unterzukriegen.

Man kann sein Pausenbrot natürlich ebenso gut von daheim mitbringen und mittags hinaus in die Sonne gehen. Die Möwen warten hoffend …
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Hamburg - Oberhafen/Ericusgraben - Pause mit Blick aufs Wasser ...

Hamburg – Oberhafen/Ericusgraben – Pause mit Blick aufs Wasser …

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Interessant auch, was bei Niedrigwasser im Schlick so alles zum Vorschein kommt …
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Ericusgraben an der Oberhafenbrücke - Fundstücke bei Ebbe

Hamburg – Ericusgraben an der Oberhafenbrücke – Fundstücke bei Ebbe

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Wenn Sie von Westen, also von der Stadt her kommend, auf die Oberhafenbrücke sehen, entdecken Sie an ihr einige Wörter, die in großen, weißen Neonlettern geschrieben sind. Es sind Begriffe wie Kanäle, Eisenbahn-
brücke, Lagerhäuser, Schiff, Wolken, Himmel, Wind
 und Hafenkräne. Begriffe, die für Hamburg und gerade diesen Bereich der Stadt am Rande des ehemaligen Freihafens sehr typisch sind. Und wer hat …?
Das ist ein Kunstprojekt! Diese Beschriftung wurde bereits für die Vorgängerbrücke (Drehbrücke von 1902) im Zuge einer Ausstellung des Schweizers Rémy Zaugg (Deichtorhallen, 1992) angefertigt, und nach abgeschlos-
sener Neuerrichtung der Oberhafenbrücke (2007) später an dieser wieder montiert.
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Hamburg - Oberhafenbrücke - Kunstprojekt (1992) - Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

Hamburg – Oberhafenbrücke – Kunstprojekt (1992) – Hafenbegriffe von Rémy Zaugg

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Auf der Hammerbrook-Uferseite, auf der Sie auf einem Foto weiter oben den Fruchthof gesehen haben, liegt
die Straße Stadtdeich. Auf dieser Seite der Brücke gibt es ein Schiebetor zur Flutsicherung. Man kann also die Brückenfahrbahn schließen.
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Hamburg - An der Oberhafenbrücke - Schiebetor als Flutschutz

Hamburg – An der Oberhafenbrücke – Schiebetor als Flutschutz

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Hamburg - Oberhafenbrücke - Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg ...(Das Wort KANÄLE ist an der Brücke montiert)

Hamburg – Oberhafenbrücke – Auf der Schiebetorseite – Ein weiterer Begriff aus dem Kunstprojekt von Rémy Zaugg …

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Bevor es abschließend zu einem wirklich schönen Bauwerk in traumhafter Lage an einem Fleet in der Speicherstadt geht, möchte ich mit Ihnen noch den Schlenker zum „Drachenschwan“ in der Banksstraße (Hammerbrook) einlegen.
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Hamburg - Banksstraße/Hammerbrook - Einer der beiden Brückendrachen ...

Hamburg – Banksstraße/Hammerbrook – Einer der beiden Brückendrachen …

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Ich habe die Brücke und ihn bei Sonnenschein wiedergefunden und dabei entdeckt, dass nicht nur ein Drache existiert, sondern auf der anderen Straßenseite, ebenfalls außen am Geländer, sein Zwilling Wache schiebt. Allerdings ist auf dessen Schild sogar die Bezeichnung „Erste Banks-Brücke“ zu lesen.
Mich interessiert sehr, welchen Bezug Drachen gerade zu dieser Brücke oder überhaupt zu einem Standort wie diesem in der Banksstraße haben. Ich vermute stark, es ist ein Zeichen dafür, dass dieser Teil der Stadt ursprünglich einmal zum Stadtteil St. Georg gehörte. Sie kennen doch die Sage um den heiligen Ritter Georg, den Drachentöter …
Aber vielleicht sollen sie auch nur den Mittelkanal und die Einwohner von Hammerbrook vor unliebsamen Gästen schützen, die sich via Oberhafen und durch die Hammerbrookschleuse einzuschmuggeln versuchen. Wer weiß …
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt ... (Sein Schild zeigt _Erste Banks-Brücke_)

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Der Drache auf der anderen Seite verrät sogar, wie die Brücke heißt …

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Es gibt noch etwas Interessantes an dieser Stelle, was offenbar wesentlich älter ist als die eigentliche Straßenbrücke. Es ist eine separate Rohrbrücke aus dem Jahr 1894, die parallel zu ihr über den Mittelkanal führt.
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Hamburg-Hammerbrook - Banksstraße - Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

Hamburg-Hammerbrook – Banksstraße – Rohrbrücke von 1894 über den Mittelkanal

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Auf dem nächsten Kanalfoto können Sie im Hintergrund die Hammerbrookschleuse gut erkennen. Sie ist schon mächtig alt, wurde zwischen 1844 und 1847 erbaut! Das muss man sich einmal vorstellen. Die Schleuse wurde in dem Jahr fertiggestellt, als Thomas Alva Edison, Paul von Hindenburg oder auch Revolverheld Jesse James gerade erst geboren wurden!
Die Hammerbrookschleuse steht unter Denkmalschutz. Dennoch hat man natürlich inzwischen nachgebessert (2008/2009) und saniert, damit sie technisch gut funktionsfähig bleibt sowie von der Höhe her ausreichend Schutz bietet. Sie regelt nämlich als Stauwehr die Tide zwischen der Norderelbe und dem vom Oberhafen hier abzweigenden Mittelkanal.
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Hamburg - Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

Hamburg – Hammerbrookschleuse (Mittelkanal)

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Aber jetzt! Nun geht es noch einmal zum Ericusgraben, über die Oberbaumbrücke am SPIEGEL-Gebäude entlang und kurz danach rechts in eine kleine Seitengasse, die zur Poggenmühlenbrücke über dem Wandrahmsfleet führt. Die Brückenmitte sollten Sie sich als Platz merken! Von da aus haben Sie nämlich
eine hervorragende Sicht auf das kleine Wasserschloss, das abends zusätzlich wunderbar illuminiert wird.
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Hamburg - Speicherstadt - Wasserschloss

Hamburg – Speicherstadt – Wasserschloss

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Sieht schön aus in seiner Umgebung, nicht wahr? Es ist eines der beliebtesten Fotomotive hier in Hamburg. Insbesondere als Nachtaufnahme, wenn es angestrahlt ist!
Es wurde vor etwa 110 Jahren erbaut, als auch die Speicherstadt entstand. Und hier haben wir ihn wieder:
den Backstein-Expressionismus. Zusätzlich zum Backstein wurde zur Gliederung noch Granit verwendet. Den Schlosscharakter erhält das kleine viergeschossige Schmuckstück durch seinen Turm, die runden Erker und durch die hohen Bogenfenster. Auch sein Kupferdach macht sich gut.

In früheren Zeiten wurde das Schlösschen von Windenwächtern genutzt. Als Unterkunft, aber auch als Werkstatt. Windenwächter (oder –wärter) waren die Hafenarbeiter, die für die Wartung und die Reparatur von Speicherwinden zuständig waren. Von diesen hydraulischen Vorrichtungen gab es in der Speicherstadt unzählige, denn wie anders als durch Hochhieven sollte man Waren aus den Booten vom Fleet hinauf zu den Lagerböden der Speicherhäuser bekommen. Obwohl sonst in der Speicherstadt damals keiner wohnen durfte – für die Wächter und anderes technisches Personal wurde eine Ausnahme gemacht. Es war vorteilhafter, sie direkt vor Ort zu wissen.

Heute wacht im Wasserschloss keiner mehr über Winden, aber über Tee oder über Sie. Das „Wasserschloss Speicherstadt“ besteht aus einer Gastronomie mit gleich angeschlossenem Fachgeschäft, in dem sich alles um
Tee dreht. Sie können also zunächst einkehren, später im Teekontor Sorten schnuppern und neue Ge-
schmacksrichtungen für daheim erstehen.

Haben Sie Kinder? Es könnte sein, dass Ihrem Nachwuchs das Wasserschloss schon ein Begriff ist. Es ist sehr bekannt, seit es in der beliebten Fernsehserie „Die Pfefferkörner“ vorkam.
Mir fällt gerade ein, was Sie in dem Schlösschen am Wasser auch tun könnten! Stilvoll heiraten! Sie müssten sich in dem Fall zwecks Terminabsprache mit dem Standesamt Hamburg-Mitte in Verbindung setzen.

Natürlich dürfen Sie sich auch das noch gut überlegen und müssen hier und jetzt keine übereilten Entschlüsse fassen. Während Sie in sich gehen, verabschiede ich mich für dieses Mal.
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Bis demnächst – vielleicht bei einer neuen Entdeckungstour.

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©by Michèle Legrand, Februar 2017
Michèle Legrand

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46 Kommentare

„Das liegt an den Pferden …“

Kürzlich kullerten mir ein paar weiße Zuchtpilze vor die Füße. Sie und ein Verteilerkasten sind die Auslöser für den Beitrag, der heute auf Sie zukommt.
Verwundert? Nun, dieser Blog trägt nicht grundlos die Bezeichnung Gedankensprünge als Teil seines Namens. Die gibt es hier halt. Ein Erlebnis, die vor einem ablaufenden Bilder, ein auftauchendes Geräusch, ein Duft … So etwas ruft sehr häufig Assoziationen hervor und lenkt Gedanken im Nu um. In eine gänzlich neue Richtung. Bei mir ist es jedenfalls so. Sie führt ein solcher Gedankensprung heute in meine Wohngegend und nebenbei zeitlich zurück.

Wieso mir die Pilze überhaupt …? Das auslösende Moment gehört gar nicht zum Endthema, doch wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gern davon gleich mit.
Ich fuhr eine Rolltreppe hinauf. Direkt vor mir stand eine Frau mit einem proppevollen Einkaufsbeutel. Oben angekommen, erfolgte der obligatorische Schritt auf festen Boden – und da blieb sie stehen. Mitten im Auslauf! Dort, wo es noch zu eng ist, um auszuweichen und seitlich an ihr vorbeizuhuschen. Hinter mir folgten weitere Leute, eine Rolltreppe stoppt prinzipiell nicht, und so stieß ich von hinten an sie an. Es ließ sich absolut nicht verhindern.

Sie reagierte entrüstet. Verblüfft hielt ich mich zunächst zurück, denn – wäre ich an ihrer Stelle gewesen – ich hätte mich wohl eher entschuldigt. Sie begann erstaunlicherweise, sich lautstark zu beschweren und erklärte, dass alle Auflaufenden (ich, aber auch die danach Kommenden) besser hätten aufpassen müssen. Das wäre
so wie beim Autofahren: der, der auffährt, hätte Schuld.

Dem Herrn, der auf der Treppe direkt hinter mir gestanden hatte und der genauso in die Bredouille geraten war (er klebte nun noch halb an mir), platzte fast der Kragen, als er das vernahm. „Wir hätten alle stürzen können!“, war noch das Mildeste, was er von sich gab. Danach wurde es inhaltlich etwas ausfallend, was natürlich in keiner Form zu einem gütlichen oder halbwegs einvernehmlichen Ende führte.
Ich stand dazwischen und kam nicht weg. Natürlich ärgerte es mich auch! Was hatte das mit Aufpassen zu tun! Es gab doch keinerlei Anzeichen für einen kommenden Blitzstopp! Und wohin hätte man ausweichen sollen?
Überhaupt dieser Vergleich mit dem Straßenverkehr … Was wäre denn eine in etwa vergleichbare Situation? Vielleicht ein in einem engen, einspurigen Tunnel unvermittelt bremsender Autofahrer, der den Motor von jetzt auf gleich abschaltet und sein Fahrzeug grundlos stehen lässt? Wobei sich dort wenigstens nicht noch die Fahrbahn hinter ihm wie ein Transportband weiterbewegen würde.
Ich wandte mich ihr zu:
„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wir werden die Fahrt wiederholen. Es scheint, Sie können sich nicht vorstellen, dass Ihr Hintermann keine Chance hat, einen solchen Aufprall zu vermeiden. Also probieren wir es aus. Diesmal fahre ich vor Ihnen, Sie stellen sich hinter mich. Oben werde ich mich genauso verhalten wie Sie vorhin. Und Sie haben jetzt sogar noch den Riesenvorteil, dass Sie wissen, was kommt. Wir werden sehen, wie Sie die Lage meistern.“
Oooh! Das war gar nicht ihr Ding. Sie bezeichnete es als „bekloppte“ Idee und weigerte sich vehement. Vor lauter Empörung geriet der Einkaufsbeutel ins Schwanken, die obenauf liegende Papiertüte vom Gemüse-
händler fiel heraus, riss, und eine Ladung weißer Kullerpilze verteilte sich auf dem Boden. Vor meinen Füßen …

Ansonsten hat sich der kleine Menschenauflauf danach auseinanderdividiert. Es hatte keiner mehr Lust auf den Zirkus. Einsammeln musste sie ihre Pilze alleine.

Direkt nach diesem Theater stieß ich auf dem Heimweg auf besagten Verteilerkasten, der seit Kurzem über-
haupt nicht mehr grau und trostlos aussieht, sondern sehr positiv auffällt, nachdem er farblich gestaltet wurde. Es ist nicht der erste Stromkasten, der in meinem Bezirk (Wandsbek) durch das kunstvolle Bemalen und Aufsprühen von farbigen Motiven eine solche Schönheitskur erfährt – und wieder ist es ein Werk von Vincent Schulze!
Können Sie sich noch dunkel entsinnen? Bereits vor fünf Jahren (2012) habe ich den Hamburger Künstler
ein erstes Mal im Blog erwähnt. Inzwischen hat er in vielen Stadtteilen seine Spuren hinterlassen. Außer in Wandsbek wird man u. a. in Eimsbüttel, Curslack, Neugraben, Lohbrügge sowie Niendorf oder auch an der Alster fündig. Seine Werke entstehen jedoch nicht nur draußen, als Kunst im öffentlichen Raum (Fassaden, Verteilerkästen etc.) für alle sichtbar, sondern natürlich vermehrt auch als Innengestaltung in Wohn- und
Nutzräumen (z. B. Badgestaltung) oder nicht allgemein zugänglich als Wandmalerei auf Privatgrund (Innenhöfe). Auftraggeber sind sowohl Privatpersonen als auch Vereine sowie Firmen unterschiedlichster Branchen, die ihren Traum vom geschäftsbezogenen Motiv oder von Skylines, Dünenlandschaften, Tieren, Gebäuden etc. verwirklicht haben möchten.
Was mir – abgesehen von seiner Arbeit ganz generell – besonders gefällt, ist, dass die Außenmotive in der Mehrheit der Fälle einen unmittelbaren, meist geschichtlichen, Bezug zur Umgebung haben.

Der recht breite Verteilerkasten, um den es zunächst geht, steht auf dem Wandsbeker Marktplatz. Er besitzt auf Vorder- und Rückseite unterschiedliche Motive.
Die der Straße abgewandte Ansicht verschafft einen Eindruck davon, wie der Marktplatz im Jahre 1866 ausgesehen hat. Zu der Zeit gab es dort tatsächlich noch eine Art Wald.
Erkennen Sie die Freifläche rechts neben der Kirche? 22 Jahre später (1888) startete dort der Bau des Matthias-Claudius-Gymnasiums, das es heute noch gibt, wenngleich auch die Schäden am ursprünglichen Gebäude im Krieg enorm waren und es inzwischen einige Neu- und Erweiterungsbauten gibt.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) - Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) – Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

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Auf dem zur Straßenseite ausgerichteten Bild, ist als größter Bau das Karstadt-Haus zu erkennen und zwar um das Jahr 1900 herum. (Für Nichthamburger zur Information. Karstadt gibt es bis heute dort, eines der wenigen Gebäude, die sogar den Krieg überstanden haben.) Wer ein bisschen in diese Zeit zurückgeht, findet heraus, dass es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Rudolph Karstadt, dem bekannten Begründer der Dynastie, gehörte, sondern seinem Bruder Ernst, der es ihm jedoch nicht lange danach verkaufte.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus - Gestaltung: Vincent Schulze, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus – Gestaltung: Vincent Schulze, HH

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Auf zwei weiteren, nebeneinander stehenden, kleineren Kästen, die ebenfalls durch Vincent Schulze ein neues Gesicht erhielten, sind Matthias Claudius, der hier in Wandsbek lebte, sowie seine Frau Rebecca (Rebekka) porträtiert (Ecke Claudiusstraße/Schloßstraße).
Und noch ein sehr schöner und vom selben Künstler enorm aufgewerteter Verteilerkasten mit Wandsbek-Bezug hat seinen Platz Ecke Neumann-Reichardt-Straße/Schädlerstraße. Auf ihm ist das ehemalige Wandsbeker Schloss zu sehen, das einst nah des Wandsbeker Marktes stand. Leider existiert es nicht mehr. Dabei würde es sich sehr gut machen …

An seinem Platz entstand zunächst die Wandesburg, eine Wasserburg, die Heinrich Rantzau ab 1564 er-
bauen ließ. Nach diversen Eigentümerwechseln gelangte 200 Jahre später Heinrich Carl von Schimmelmann in ihren Besitz. Wir Wandsbeker (und noch ein paar andere, z. B. die Altonaer) gehörten früher lange zum Königreich von Dänemark. So erklärt sich die zunächst erstaunlich klingende Aussage, dass der neue Eigen-
türmer 1764 gleichzeitig Finanzminister von Dänemark war. So wie übrigens auch schon zuvor Rantzau die Funktion eines dänischen Statthalters ausübte.
Von Schimmelmann ließ die Burg bald danach abreißen, um auf ihr sein Wandsbeker Schloss (1772 bis 1778) zu errichten – inklusive eines Barockparks und eines Landschaftsgartens. Und natürlich entstanden Gebäude für die Bediensteten sowie Stallungen. Große Teile des heutigen Stadtteils Marienthal zählten früher zum Gebiet des ausgedehnten Guts.
Ungünstig war nur, dass bereits die Nachfahren Schimmelmanns im 19. Jahrhundert Geldprobleme hatten und das Anwesen verkaufen mussten. Ein Herr von Carstenn (tatsächlich mit Doppel-n) übernahm es, teilte flink das Land in Parzellen auf, verkaufte diese und ließ das schöne Schloss 1861 abreißen.
Achtzig oder knapp neunzig Jahre sind in meinen Augen keine sonderlich lange „Lebenszeit“ für ein Barockschloss.
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Hamburg - Wandsbek - Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss (Vorderseite) - Gestaltung: Vincent Schulze

Hamburg – Wandsbek – Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss – Gestaltung: Vincent Schulze

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Vor zehn Jahren – bevor ein Neubauvorhaben mit umfangreichen Bodenbewegungen gestartet wurde – führte man vor Ort Ausgrabungen durch. Dabei wurden Ziegelmauerreste entdeckt, die auf Felssteinfundamenten errichtet waren. Außerdem kamen  hölzerne Zu- und Abwasserleitungen zum Vorschein.

Auf alten Ansichten ist zu erkennen, dass einst zwei steinerne Löwen links und rechts der Auffahrt zum Schloss Wache hielten. Die Originale gibt es noch, sie stehen heute im WBZ (Zentrum für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt, Schlossgarten 9), also fast an ihrem ursprünglichen Platz, nur drinnen, damit der Sandstein nicht der Witterung ausgesetzt sind. Es sind Abgüsse der beiden Skulpturen, die seit 2004 den Wandsbeker Marktplatz bewachen.
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Hamburg - Wandsbek - Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

Hamburg – Wandsbek – Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

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Und bis heute existieren zwei Exemplare der Sandsteinvasen, die ebenfalls die Außenanlage des Schlosses zierten …
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Hamburg - Wandsbek - Eine der existierenden Sandsteinvasen, die einst am alten Wandsbeker Schloss standen

Sandsteinvase, die einst am alten Wandsbeker Schloss stand …

Dass mich die Malereien auf dem Verteilerkasten zu Vincent Schulze und dessen Wandsbek-Motive wiederum zum Thema Schloss führten, können Sie leicht nachvollziehen. Doch warum auch die Pilze?

Als ich vor recht langer Zeit hierher in eine Parallelstraße zum „Schloßgarten“, eben jener Straße zog, in der sich in früheren Zeiten das Schloss befand, hatte ich nur eine sehr vage Idee davon gehabt. Und die eher vom Bauwerk als von den Ausmaßen der Ländereien!
Während ich südwestlich vom ehemaligen Standort des Schlosses lebe, zogen sich die angelegten Gärten
mehr in östlicher Richtung, dort, wo heute die Überreste des alten Baumbestandes das Gehölz bilden.
Gab es auch eine Ausdehnung in die andere Richtung, mehr zu meiner Seite hin?

Als ich in den Anfangsjahren einmal im Garten werkelte, spazierte eines Spätsommernachmittags eine betagte Dame vorbei, die in der Nachbarschaft, nur ein paar Häuser weiter, wohnte. Wir kamen ins Gespräch, und ich verriet ihr, dass ich erstaunt darüber sei, schon das dritte Jahr in Folge haufenweise Champignons auf meinem Rasen zu entdecken. Echte Wiesenchampignons!
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Wiesenchampignon im Garten ...

Wiesenchampignon im Garten …

Sie schaute verschwörerisch drein und verkündete mir dann:
„Das liegt an den Pferden.“
„Ich habe keine Pferde.“
„Nein, die von früher …“
Ich verstand immer noch nicht, worauf sie hinaus wollte. So erklärte sie die Umstände etwas genauer:
„Schauen Sie, ich spreche von dem alten Schloss. Hier waren früher Pferdekoppeln, die Weiden der herrschaftlichen Pferde. Die haben damals natürlich überall ihre Pferdeäppel abgelegt. Den Mist aus den Ställen verteilte man in den Nutzgartenbereichen. Beste Voraussetzung dafür, dass auf dem Boden Champignons gedeihen. Selbst heute hat das Erdreich immer noch etwas davon in sich. Von diesem Pferdedung, meine ich. Ich habe auch Champignons im Garten!“

Ich weiß bis heute nicht, ob ich dem Glauben schenken soll oder nicht … Was meinen Sie?
Als nach dem Abriss des Wandsbeker Schlosses die Grundstücke verkauft wurden, also auch die Weide- und Anbauflächen, errichtete man dort nach und nach Villen und zog neue Straßen durch das Gebiet. Später, im Krieg, war diese Gegend u.  a. während der Operation Gomorrha Ziel zahlreicher Bombenabwürfe. Ein ganz erheblicher Teil der Villen lag danach in Trümmern oder hatte den Feuersturm nicht überstanden.
Man ließ damals den Schutt an Ort und Stelle, verteilte ihn großflächig, planierte alles und baute so bald es ging direkt darauf neue Häuser. Aus eigener Erfahrung weiß ich, nur eine dünne Lage Erde bedeckt die Ziegelgeröllschicht von damals.
Schauen Sie einmal, was ich vor Jahren bei jedem Stück Garten, das ich neu anlegen und gestalten wollte, zuvor alles auszugraben hatte …
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Hamburg - Wandsbek/Marienthal - Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden ...

Hamburg – Wandsbek/Marienthal – Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden …

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Selbst wenn einige Stellen im Umkreis des Schlosses tatsächlich noch „original“ sein sollten, d. h. der Boden ohne Schuttschicht … Kann es sein, dass sich der damals reichlich ausgebrachte Pferdedung in Form von Weideäpfeln und Stallmist noch nach 100 bis 150 Jahren auf die Erdbeschaffenheit auswirkt? Sie eine champignontaugliche Zusammensetzung besitzt? Zumindest, wenn weitere Gegebenheiten ebenfalls passen, wie beispielsweise ein Stück vorhandene, natürliche Rasenfläche/Wiese, möglicherweise Gehölze als Anrainer, neutraler bis leicht basischer Untergrund, keine mineralischen Dünger, überhaupt wenig Nährstoffe bei gleichzeitig genügend hohem Stickstoffanteil. Ideal dazu wäre eindeutig halb verrottetes, fermentiertes Material (wie eben Pferdemist).

Vielleicht ist das, was mir die alte Dame erzählte, lediglich ein schönes Märchen. Allerdings mag ich solche Geschichten!
Wann immer bei mir Champignons vorwitzig aus der Erde oder zwischen Gräsern des Rasens hervorlugen,
sich strecken und ihre erstaunlich großen Hüte ausbreiten, denke ich automatisch an die Rösser des Herrn Schimmelmann, die womöglich ausgerechnet in meinem Garten den Drang verspürten, Äppeldung mit Langzeitwirkung zu hinterlassen.
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Schluss machen für heute? Ja, es ist schon wieder dunkel draußen. Nur noch ein kleiner Schlenker und gedanklicher Sprung zurück zur Wandmalerei und Verteilerkastengestaltung.
Wenn Sie neugierig geworden sind und Lust auf weitere Motive bekommen haben, dann finden Sie auf der Website des Künstlers Vincent Schulze im Blogbereich vielfältige und wirklich sehenswerte Fotobeispiele.

Hier geht’s zur Homepage, hier direkt zum Blog.
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Und nun ist endgültig Feierabend!  Denn, um es mit den Worten von Matthias Claudius zu sagen, „Der Mond ist aufgegangen“.

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Hamburg - Wandsbek/Christuskirche - Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze "Der Mond ist aufgegangen" von Waldemar Otto.

Hamburg – Wandsbek/Christuskirche – Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze „Der Mond ist aufgegangen“ von Waldemar Otto.

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Vielleicht schauen Sie gelegentlich wieder vorbei, es würde mich freuen.  Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Januar 2017
Michèle Legrand

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30 Kommentare

Winter-Blues …

2017! Ein frohes neues Jahr und willkommen zurück!

Gerade erst habe ich gelesen, seine Neujahrsgrüße und -wünsche sollte man bis maximal Mitte Januar los-
werden. Losgeworden sein. Alles danach sei schlichtweg inadäquat. Je eher erledigt, je besser. Wer zu spät kommt, den bestraft der Knigge.
Mir geht es allerdings so, dass ich verfrühtes Verteilen als inadäquat empfinde. Ganz generell (man gratuliert doch auch nicht vor dem Geburtstag) und weil dadurch obendrein fast zwangsläufig – speziell via Internet – ein nicht mehr zu bremsendes, ständiges Hin- und Hergewünsche in Gang gesetzt wird, bei dem ich ehrlich gesagt letztendlich völlig den Überblick verliere, wer mit wem eigentlich schon fertig war und wer nicht.
Folglich habe ich bereits vor Jahren beschlossen, ich bin kein Wunschfrühverteiler, sondern pendele irgendwo zwischen zeitlich angemessen reagieren (bei Wunscheingang) und rechtzeitig kontaktieren (bei Wunschaus-
gang). Hin und wieder schleichen sich trotzdem ein paar Fälle von Neujahrsgrußspätverteilung ein. Der Blick auf den Kalender beruhigt mich allerdings gerade sehr; alles noch innerhalb der Frist, in der es sich offiziell schickt. Knigge muss sich nicht echauffieren.
Falls Sie diesbezüglich bisher irgendwo nicht zum Zuge kamen, halten Sie sich ran. Sie kennen die Konsequenz: Wer nicht wünscht zur rechten Zeit, muss sehen, was er stattdessen treibt.

Sie merken, ich bin heute ansatzweise aufmüpfig. Ich hätte Sie gleich zu Beginn vorwarnen sollen. Diesen Hauch von schnippischer Pingeligkeit, den Sie registrieren, der liegt nicht etwa an Langeweile oder Zoff, sondern am Winter-Blues. Mir schlägt das ewige Grau hier im Norden mittlerweile aufs Gemüt. Ungelogen!
Es wird einfach nicht hell. Die knapp drei Tage von immerhin möglichen 31, an denen im Dezember der Himmel blau aussah, waren zu wenig, und die fünf Stunden, in denen sich seit Jahresbeginn Sonnenschein durch-
schummelte, die waren klasse, aber reichten hinten und vorne nicht. Zumal es an dem Tag dermaßen kalt war, dass man gar nicht so lange draußen bleiben konnte, wie man theoretisch hätte bleiben müssen, um aus-
reichend nachzuholen und vorzutanken.
Nein, wenn es momentan tatsächlich einmal aufklart, dann bestimmt fünf Minuten bevor die Dunkelheit einsetzt. Die Tage lieben es grau, trüb und kalt. Das ist Standardprogramm. Es gibt keinen Schnee, der die Landschaft erhellt und winterkahle Stellen freundlich erscheinen lässt, es gibt höchstens Regen. Oder es stürmt! Sie erinnern sich an den letzten Blogpost? Das „büschen“ Wind? Kurz darauf ging es noch einmal gewaltig rund. Sturmflut, die zweite. Doch diesmal war die Ostseeküste viel schlimmer betroffen. Vielerorts Überflutungen und vor allem, es entstanden enorme Schäden durch Abbrüche an den Steilküstenabschnitten, speziell auf den Inseln!

Seien Sie mir nicht böse, aber heute schreibe ich wahrscheinlich hauptsächlich zur eigenen Ablenkung und weil das Wetter zu mistig ist, um lange draußen zu bleiben. Sprühregen, Windböen, Einheitsgrau. Zu verhangen, um überhaupt hinauszuschauen. Man kann einfach nur jegliche Kenntnisnahme verweigern und schreiben. Schreiben fürs Gemüt, Schreiben als Ersatz für eine Lichttherapie. Betrachten Sie sich, geschätzter Blogleser, mit Ihrer Anwesenheit durchaus gern als meine nicht vorhandene Tageslichtlampe, die für stimmungsmäßige Erhellung sorgt. Keine Sorge, Sie müssen gar nicht viel aktiv werden. Es reicht im Prinzip schon, dass sie das leichte Durchhängen tolerieren.

War bei Ihnen am vergangenen Sonnabend auch gefährliches Blitzeis? Nicht? Dann haben Sie wirklich Glück gehabt. Und falls doch, so hoffe ich, Sie haben alles gut und heil überstanden.
Es war obermies, auch wie sich alles fortentwickelte. Das gefährliche Überfrieren erreichte Hamburg von Nor-
den bzw. Nordwesten, zog südlich weiter, bahnte sich seinen Weg durch Niedersachsen und weiter Richtung Nordrhein-Westfalen. Jede Menge Unfälle; vorrangig Blechschäden, aber ebenso zahllose Stürze mit vielen Knochenbrüchen, Prellungen und Platzwunden.
Natürlich wurde davor gewarnt, letztendlich erwischt es trotzdem viele. Unter der Woche ist der Berufsverkehr unterwegs, am letzten Sonnabend waren es zahlreiche Urlaubsheimkehrer, da die Schulferien in mehreren Bundesländern endeten. Es nimmt sich sicher keiner willentlich extra für diese Zeit Autofahrten vor, nur lässt es sich kurzfristig nicht immer ändern und komplett vermeiden. Nicht jeder kann daheim bleiben, selbst wenn er es möchte.
Und der Moment des tatsächlichen Beginns, der Punkt, an dem es überfriert und die Glätte einsetzt, tritt letztendlich sehr plötzlich ein. Eben ging es noch, zwei Minuten später … Bis alle das erkannt haben, sind die ersten Unfälle schon passiert.
Wir hatten am späten Vormittag dieses Tages einen Anruf aus Pinneberg erhalten. Pinneberg liegt gut 20 km nordwestlich von Hamburg. Dort fing es genau zu dem Zeitpunkt an, glatt zu werden. Das schien ausreichend entfernt, um in Hamburg noch ungefährdet etwas zu erledigen. Zu Fuß. Also düste ich los, nachdem auch via Twitter und dortige Wetteraccounts die Information verbreitet wurde, mit Eis sei in Hamburg erst ab dem frühen Nachmittag zu rechnen.

Draußen war alles prima. Am Bordstein teilweise Pfützen, doch nirgends Eis. Die Gehwege zivil, an einigen Stellen Graupelreste, was jedoch kein Problem beim Laufen verursachte. Rutschfreier Untergrund. Ich erledigte das Nötige, traf danach unvermutet noch eine Bekannte, was einen gemeinsamen Kaffee nach sich zog. Der Blick ging natürlich immer wieder Richtung Fenster. Wurde es dunkler, kamen Regenwolken, spazierte draußen  bereits jemand mit Schirm, wie wirkte die Straße …? Obwohl nichts Verdächtiges zu entdecken war, verab-
schiedete ich mich nach nicht allzu langer Zeit. Ich hatte gerade die Hälfte des Heimwegs zurückgelegt, als der Gehweg zur Rutschbahn wurde. Wohlgemerkt, es gab weiterhin nicht den angekündigten Regen, doch die Luft war enorm feucht und schien noch kälter geworden zu sein. Die Nässe sank auf Platten und Asphalt, und zusammen mit dem schon liegenden Graupelrest bildete sich eine durchgängige Eisschicht. Das war ein Tanz wie auf rohen Eiern!
Daheim ankommen, schnappte ich als erstes den Sack mit Splitt und streute vorsichtig schlurfend den gesamten Gehweg ab. Bis zur Eingangstreppe ging alles gut. Dort hätte es mich allerdings fast flachgelegt.
Obwohl nichts passierte, weckte es unangenehme Erinnerungen. Ich bin mit 25 bei Glatteis gestürzt. Mir hatte es in einer Linkskurve, in der sich Eis unter einer dünnen Lage Neuschnee versteckt hatte, die Füße weg-
gezogen. Oberschenkelhalsbruch. Krankenhaus. Operation.
Ja, genau, diese Bruchstelle ist gewöhnlich den älteren Herrschaften nach Stürzen vorbehalten. Sommers
wie winters. Insofern ging der Stationsarzt am ersten Tag auch an meinem Bett vorbei. Er las auf der Akte Oberschenkelhalsbruch und suchte verzweifelt nach einer mindestens Siebzigjährigen.
Alles überstanden und verheilt. Selbst Stepptanz funktioniert. Doch das Gefühl bei Glatteis ist nach wie vor
ein sehr mulmiges …

Sie sind wirklich hilfreiche Stimmungserheller. Vielen Dank! Was könnte ich Ihnen also noch hinterlassen, damit Sie sich nicht nur wie ein eingespannter Grauvertreiber vorkommen? Eine Kleinigkeit fällt mir gerade ein …
Letztes Mal erfuhren Sie vom verbreiteten Hang eines Hanseaten zum Understatement. Sie entsinnen sich? Sturmböen in Orkanstärke, die als „büschen“ Wind deklariert werden. Die Reaktion auf einen überfluteten Fischmarkt? „Nee, dascha ’n Ding!“ Mehr kommt dazu wirklich selten.
Heute lernen Sie, dass wir natürlich auch anders können. Wind und Sturmfluten sind wir gewöhnt. Schnee eher nicht. Die Folge: Dort klappt es nicht mit dem Understatement. Im Gegenteil! Sobald mehr als drei Flocken herniedergleiten, sprechen wir von einer Schneekatastrophe. Dann bricht hier so ziemlich alles zusammen.
Uns fehlt einfach die Übung mit dem weißen Zeugs. Wer dann noch einen halbwegs kühlen Kopf behält, kramt in seinem Wortschatz und zaubert zur näheren Beschreibung der Lage das Wort „bannig“ hervor.
Nach „büschen“ lächelt Sie nun freundlich quasi das Gegenstück dazu an. Bannig ist sinngemäß ein „sehr“ oder „ordentlich, ganz schön + Ergänzung“. Es macht dabei alles groß, stark und intensiv. Sie können das Wort als Adjektiv oder Adverb sehen.
Blitzeis, das den Jungfernstieg in eine Eisbahn verwandelt? Bannig glatt. Tierischer Frost? Bannig kalt. Hohe Preise für Gas und Öl in einem solchen Winter? Bannig teuer. Das Heizen kostet entsprechend bannig viel. Motorradgottesdienst am Michel? Bannig laut. Konzert mit „Scooter“? Bannig am rumsen.
Sie haben das Prinzip verstanden, ja?
Understatement und Ironie kommen natürlich sowohl mit bannig als auch mit büschen gern  zum Einsatz. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich bannig Lust habe, gleich noch spazieren zu gehen, in Kombination mit der Annmerkung, es sei ja nur ein büschen grau, so können Sie sich angesichts des miesen Wetters mit Sprühregen vorstellen, dass ich bannig tühn (ordentlich Unsinn erzähle). Sie begreifen, dass ich Sie absolut nicht veräppeln will, sondern lediglich teste, ob Sie ein Gefühl für den Einsatz dieser Wörter bekommen haben.

Ach, so langsam geht es besser. Haben Sie ein wirksames Mittel gegen Winter-Blues? Ich habe für mich festgestellt, dass es weder etwas hilft, sich bunt zu kleiden noch sich blauen Himmel oder zauberhafte, sonnige Schneelandschaften vorzustellen bzw. sie sich vom Foto reinzuziehen. Fremde Bilder, aber auch eigene Aufnahmen von Schönwetterplätzen, an denen man war – beides bringt nichts. Sie können Ihren Kopf grundsätzlich zwar ein wenig austricksen, aber das geht nicht so weit, dass die Hormonproduktion anspringen würde und sich in Hinsicht auf Stimmung, Antrieb, Glücksgefühl etc. wirklich etwas täte. Es scheint beinahe so, als würde es der Rest des Körpers eher übelnehmen, wenn der Kopf ihm etwas vormachen will, ohne dass entsprechende Abläufe z. B. in den Drüsen folgen.

Mir helfen Sauerstoff und Bewegung. Stepptanz wirkt Wunder. Mir helfen Vitamine – in Form von Obst und Gemüse, nicht als Pille. Mir helfen heiße Getränke und Wärme insgesamt, und so ist es manchmal nicht verkehrt, ins Tropengewächshaus von Planten un Blomen zu gehen. Kurlaub, Therapie … etwas in der Art, denn dort gibt es sowohl Wärme als auch Licht und Farben.
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Calliandra haematocephala - Rote, kugelförmige Blüte eines Puderquastenstrauchs (Planten un Blomen, Hamburg - Tropengewächshaus)

Calliandra haematocephala – Blüte eines Puderquastenstrauchs (Planten un Blomen, Hamburg – Tropengewächshaus)

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Ein anregendes bzw. angeregtes Gespräch ist schön, guter Lesestoff ebenso. Mir hilft das Schreiben und besonders gut tut es, wenn ich Musik, die zum Winter-Blues passt, im Kopf habe. Sie muss nicht einmal wirklich laut laufen. Es darf keinesfalls eine bunte, wilde, vor gekünstelter Lebensfreude überbordende Beschallung sein. Bloß kein Kontrastprogramm, das der Kopf aus Vernunft gegen das Grau vorschlägt, weil er es für sinnvoll erachtet, was der Körper aber beleidigt als infamen Trick erkennt, mit dem er überlistet werden soll. Der reagiert wie ein trotziges Kind: Nö, nicht mit mir.
Meiner reagiert positiv auf melancholische, langsame, Sehnsucht auslösende Musik, Filmtitel … das ist seine Medizin. Und mit der Entspannung tauchen nach und nach Bilder auf, die wirklich Kontrastprogramm zum grauen Einerlei draußen bilden. Dem Winter-Blues wird auf diese Art ganz heimlich, still und leise ordentlich in die Seite geknufft.

Genug von winterlichen Stimmungstiefs. Nächstes Mal sieht alles anders aus. Es kann ja nicht immer trüb bleiben. Wenn es lediglich das Grau wäre! Aber es ist auch der Freiraum nach oben, der fehlt, wenn die Wolkendecke tief hängt. Irgendwann muss aus dem einengenden Flachdachschuppen mit zugezogenen Jalousien doch wieder eine helle Altbauwohnung mit hohen Decken und großer Fensterfront werden. An-
sonsten bliebe einem wirklich keine andere Wahl, als für ein Weilchen in eine andere Region flüchten.

Ich habe plötzlich „Moon River“ im Kopf. Bitte nicht den Sender verdrehen, es klingt und wirkt nämlich geradezu fantastisch  … Ich kuriere diesen Blues noch ein bisschen aus, und dann lesen wir uns wieder.

Ihnen einen gute Zeit! Ohne Sturm, Überflutung, Schneeverwehungen oder erneutes Blitzeis. Ohne Knochenbrüche und frei von niederdrückendem Winter-Blues. Bis bald!

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© by Michèle Legrand, Januar 2017
Michèle Legrand

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Herz & Verstand

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