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Von einem, der nicht fliegen will und einer, die ungefragt malt …

Ich konnte mich heute nicht beherrschen und habe auf Autoscheiben Bildchen gemalt. Ich sag’s Ihnen, der allererste richtige Schnee bei uns in diesem Winter macht was mit einem. Feinstes Zeug fieselte beständig vom Himmel und bildete perfekte Leinwände fürs Zeichnen mit den Fingern.

Schon im Begriff an einem Fahrzeug ein Herz auf dem Fenster der Beifahrerseite zu hinterlassen, kamen mir Dramen in den Sinn, die sich bei der Rückkehr abspielen könnten. Falls es sich um ein Pärchen handelte und einer der beiden misstrauisch-eifersüchtiger Natur wäre. Hinter einem Herz weiß Gott was vermutete …
Vielleicht hätte es das Ganze relativiert, wenn ich mehr als nur ein Auto mit Herzen verziert hätte. Ich habe mich letztendlich jedoch für lachende Schneemänner, schwankende Tannen, Sternschnuppen, stehende Hasen mit Möhre und springende Igel entschieden. Dass es an mehreren, in langer Reihe parkenden Autos geschah, lässt sich nur mit der endlosen Wartezeit vor der geschlossenen Bahnschranke entschuldigen.
Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, ich bin dieser Schneemalsucht schon seit frühester Jugend verfallen. Einmal, da war ich allerdings schon erwachsen, hat sich unser Postbote hinterhältig von hinten angeschlichen und plötzlich laut: „Hab‘ ich Sie erwischt!“ gerufen. Er amüsierte sich natürlich köstlich über mein Zusammenzucken – hat mich aber nicht verpfiffen!

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, ursprünglich, ist etwas komplett anderes. Nur auch dies hier passt zu einer Erkenntnis, zu der ich gerade gelangte: Es ist momentan einfach entspannend, Assoziationen zuzulassen, alte Erinnerungen hervorzukramen und Minizeitreisen zu unternehmen.
Durch die persönlichen Einschränkungen, die die Coronazeit erfordert, sieht es mit Unternehmungen, positiv stimmenden Vorkommnissen und Erlebnissen aufbauender Art etwas mager aus. Nun wird häufig und mit Nachdruck gemahnt, unbedingt in der Gegenwart zu leben. Bloß nicht zu sehr mit der Zukunft und ganz speziell nicht mit der Vergangenheit (pfui, bäh) herumzutechtelmechteln.
Ich sehe allerdings einen großen Unterschied, ob man sich permanent im Spagat befindet oder sich einfach die Fähigkeit erhält, hüpfen zu können. Während der Spagat eine Extremhaltung darstellt – bildlich gesehen ist ein Bein in der Vergangenheit, das andere in der Zukunft, die Gegenwart wird kaum touchiert – gestattet mir das flexible Hüpfen ein Switchen, aber ebenso eine kurzzeitige Verbindung zwischen Altem und Neuem. Hüpfer lassen sich besser einer imaginären Entfernung anpassen und erlauben schnelle Richtungswechsel. Sie sind sehr viel flexibler als dauergestreckte, überdehnte Beine, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob man sie je wieder unbeschadet zusammenbekommt.

Ich finde es einfach schön, wenn ein Moment-Hüpfer zum früheren Postboten ein lebendiges Gefühl zurückholt, ein Wiederaufgreifen des alten „Lasters“ Schneemalerei einen wohltuenden Effekt auf die Stimmung beschert. Und falls Sie jetzt nicht beschließen, ach, das reicht mir schon für heute, erzähle ich Ihnen noch von einer anderen Begebenheit. Einer recht kuriosen Sache …

Kürzlich rief ein Bekannter meines Mannes an. Wie gerade das folgende Gespräch entstand, weiß keiner, Anlass des Anrufes und Ursprungsthema waren meilenweit davon entfernt, doch plötzlich ging es um Schneefall, Ski fahren, führte irgendwann Richtung Eifel und nach einer weiteren kleinen Wendung erzählte der Bekannte, was er dort beim Besuch einer Greifvogelstation erlebte.
Sie befindet sich am südöstlichen Rand des Naturparks Eifel nahe des Ortes Hellenthal und der Oleftalsperre. Eifel verrät Ihnen schon, es ist hügelig in der Gegend. Ich war selbst noch nicht dort, doch so wie der Bekannte berichtete, befindet sich der Standort der Station in höherer Lage am Berg, während der Ort – wie es der Name verrät – im Tal liegt. 
In dieser Station lebt ein Andenkondor. Manche nennen diese Vogelart auch Andengeier, weil sie zu den Neuweltgeiern gehört. Große, schwarze Vögel mit enormer Flügelspannweite! Bis zu 15 kg schwer! Weiße Halskrause, darüber schaut ein kahler, rotbrauner Kopf hervor. Sie haben bestimmt schon Fotos von ihnen gesehen.
Der Kondor lebt dort seitdem er zweieinhalb Monate alt ist, ist mittlerweile über 15 Jahre alt (so genau konnte sich unser Anrufer nicht erinnern) und wurde von Hand aufgezogen. Das hat zum einen zur Folge, dass er überaus anhänglich ist, zum anderen aber auch, dass er absolut keine Lust auf Ausflüge hat. Fliegen lehnt er rundweg ab! Was hat man nicht schon alles versucht, ihn dazu zu bewegen! Es wurde ihm der Mauersims der Oleftalsperre als Absprungort schmackhaft gemacht, man kletterte mit ihm auf einen Turm, es gab sogar das Angebot, von einem Heißluftballon aus zu starten! Aber nein, der Geier wollte lieber weiter zu Fuß gehen.
                                                                                                

Heißluftballon in Regenbogenfarben (quergestreift), am Himmel von der Abendsonne angestrahlt


Als er geschlechtsreif wurde, kümmerte man sich um Gesellschaft für ihn. Nach längerer, intensiver Suche siedelte eine unternehmungsfreudige Kondordame aus Frankreich zu ihm über. Als Partnerin, aber auch in der Hoffnung dazugesellt, dass sie bei ihm die Lust aufs Fliegen endlich wecken könnte.
Über den Erfolg wusste der Bekannte leider nichts Genaues zu sagen, allerdings hat er etwas anderes direkt miterlebt.
Der Geier startet mittlerweile wohl gelegentlich bei gutem Wetter von der Station aus, nutzt die Thermik und segelt ein paar Runden über dem Tal. Er landet dann an einer bestimmten Stellen an einer Straße, die Ort und Station verbindet. Grund ist die dortige Würstchenbude, in deren Nähe er sich demonstrativ niederlässt. Inzwischen hat er spitz gekriegt, dass er etwas Essbares abstauben kann. Lassen Sie sich nicht weismachen, dass Geier nur Aasfresser im Sinne von in der Landschaft herumliegenden oder ihnen sonstwie dargebrachten Rohkadavern seien! Der Andenkondor aus der Eifel zumindest mag definitiv Bratwurst.

Und jetzt dürfen Sie raten, was danach passiert. Richtig. Er bleibt sitzen. Es kann ihn nichts, aber auch gar nichts dazu bewegen, selbst wieder den Berg hinaufzufliegen. Folglich kommt jemand von der Station mit einem Wagen von oben herunter und holt den Ausflügler heim. Entweder, wenn er oben vermisst wird, ansonsten, sobald jemand von unten anruft, dass der Geier wieder auf den Bus wartet.

Ich musste lachen, als ich von dem eigensinnigen Vogel erfuhr. Gleichzeitig ließ die Erwähnung des Heißluftballons eine andere Erinnerung aufblitzen.
2003 bin ich in einem Ballon über Hamburg gefahren. Es ging von der Stadt aus in südöstlicher Richtung über die Norderelbe (Richtung Bergedorf und Vierlande). Ein spannendes Erlebnis, besonders als ein Wassersportflugzeug relativ nah an uns herankam.

Luftaufnahme 2003 Hamburg - Über der Norderelbe, Blick flussabwärts. Rechts Hafen mit Landungsbrücken, links Musical-Zelt (gelb) "König der Löwen". 
Bild wurde vom Heißluftballon aufgenommen, ein Wassersportflugzeug fliegt nahe vorbei

Blick auf die Norderelbe (flussabwärts) 2003 – Der Hamburger Hafen, etwa mittig die Landungsbrücken, links (gelb) das Musical-Theater „König der Löwen“. Rechts unten beginnt die HafenCity, der Stadtteil, dessen Bau erst später startete.

Es lässt sich nicht verhindern, ich stelle mir gerade vor, der Andenkondor wäre mit an Bord unseres Ballons gewesen. Ich persönlich hätte den Geier mit Sicherheit über dem Hafen vorsichtig und unter gutem Zureden vom Korbrand geschubst. Er hätte im Flug mit seiner sagenhaften Spannweite von fast drei Metern garantiert viele Blicke auf sich gezogen, wäre ein paarmal um den bis dahin nur existierenden Unterbau (Kaispeicher) der späteren Elbphilharmonie gekreist, hätte auf diesen Runden jedoch vermutlich ziemlich schnell an den Landungsbrücken die Fischbrötchenbuden entdeckt. Und man ahnt, wie es ausgegangen wäre:
Abruptes Ende des Segelfluges, zielsichere Landung, um Fischbrötchen zu ergattern und daran anschließend gelangweiltes Warten, auf einem Poller sitzend. Bis endlich die Abholung eintrifft …



©by Michèle Legrand, Januar 2021

Michèle Legrand 
Autorin





 

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Wieder aufgetaucht …

Es geht weiter. Ein herzliches Hallo an alle Leser, und speziell an die Stammleser gerichtet der Hinweis, ich verzichte zum Einstieg auf großartige Erklärungen zur Auszeit. Die vergangenen Monate und die Umstände allgemein waren für mich und das Blog schreiben wenig geeignet. Belassen wir es bitte dabei.

Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut durch die Pandemie geschleust, konnten sich fürs Virus erfolgreich unsichtbar machen oder – wenn Ihnen dies nicht glückte – sind Sie inzwischen hoffentlich wieder gesundet.

Wieder aufgetaucht

… heißt es hier heute nicht nur aufgrund der Rückkehr zum Blog. Sie werden es gleich merken. Doch bevor ich starte, noch eines vorweg:
In Zukunft werde ich Ankündigungen für besondere Themen oder Projekte tunlichst vermeiden. Man sieht ja sehr schön, dass es mit der Ausführung der Vorhaben – zumindest in Pandemie-Zeiten – nicht so weit her ist. Ehe ich jemanden durch die Beschreibung oder Bilder von empfehlenswerten, mich begeisternden Plätzen dazu anrege, während Corona-Zeiten genau dorthin aufzubrechen, verzichte ich lieber und widme mich momentan in eher kleinen Beiträgen den alltäglichen Dingen.
Obgleich sich als Konsequenz auf die quasi auf Null zurückgeschraubten Kontakte und das Verweilen daheim die erwähnenswerten Anlässe zum Schreiben wohl eher sporadisch ergeben. Erbauliche Anlässe, wohlgemerkt. Für die bin ich einfach mehr zu haben. Sobald sich fortan etwas in dieser Richtung bietet, werde ich es nutzen.

Verschwunden

Es ist schon etwas her, als mir einer meiner Nachbarn beim Heimkommen auf der Straße begegnete. Es sah aus, als kehrte er von einer kleinen Radtour zurück. Ich winkte zum Gruß, da stieg überraschend ab und erzählte mir merklich erregt, er käme vom Polizeirevier. Man hätte nachts sein Auto gestohlen! Den Diebstahl hätte er gerade angezeigt, die Versicherung wüsste auch schon Bescheid.
Ich war sehr überrascht, wir hatten hier in all den Jahren kaum derlei Vorkommnisse. Ich erinnere mich nur an vier gestohlene Radkappen vor mindestens 20 Jahren. (Übrigens auch seine.) Doch er verriet mir, dass der Nebenanfamilie einst der Wagen geklaut wurde. Auch schon acht bis zehn Jahre her. Den hätte man Wochen später in Finnland wiederentdeckt!

Sich selbst machte er keine zu großen Hoffnungen, und was ihn ganz besonders ärgerte, war die Tatsache, dass er ausgerechnet dieses eine Mal bereits am Vorabend seine komplette Golfausrüstung in den Kofferraum gepackt hatte, um morgens möglichst schnell zu einer Veranstaltung aufbrechen zu können.
Auch alles weg. Schöner Mist!

Mich beschäftigte die Sache gedanklich noch etwas, weil die hier stehenden Mietgaragen abgerissen werden und sämtliche Mietverträge zum Oktoberende gekündigt wurden. Unser Auto befindet sich daher seitdem nicht mehr in der Garage, sondern auch an der Straße.
Wenn das jetzt hier mit Diebstahl losginge, na, dann gute Nacht.

Ein paar Tage später erspähte ich einen sich nähernden Kombi gleichen Modells und gleicher Farbe, mit dem besagter Nachbar vor dem Haus einparkte.
Oh, hatte er einen Leihwagen dieser Art ergattert? Leider ließ sich das Kennzeichen aus dem Blickwinkel nicht erkennen …

Wieder zwei Tage später spazierte ich am parkenden Auto vorbei. Tatsache, sogar das alte Kennzeichen!
PKW-Anmeldungen sind momentan nur mit viel Verzögerung möglich, daher konnte ich mir in der Kürze der Zeit keinen neu erstandenen Ersatzwagen samt Wunschkennzeichen vorstellen. Hatte man den gestohlenen so schnell aufgespürt? Dann hätte er aber wirklich Glück gehabt …

Zwei Wochen darauf liefen wir uns an der Einbiegung zur Sackgasse über den Weg. Nach dem „Guten Tag!“ sprach ich ihn kurzentschlossen an:
„Na, Herr X., sagen Sie bloß, die Polizei konnte Ihr gestohlenes Auto ausfindig machen!“
Er wand sich einen Moment. Zögernd, leicht errötend vertraute er mir an:
„Mir ist das so peinlich!“ (Stellen Sie sich das „so“ mit fünf „o“ vor.)
Fragender Blick meinerseits.
„Es war überhaupt nicht geklaut! Das ist mein altes Auto, es war überhaupt nicht weg!“

Es stellte sich heraus, er hatte einen dieser Abstellplätze gehabt, bei denen das Fahrzeug im 90-Grad-Winkel zum Gehweg bzw. zur Straße steht. Links davon hatte ein großer Transporter geparkt, rechts davon auch. Die hatten ihn dermaßen eingekeilt, dass sein um einiges kürzerer Wagen dazwischen komplett verschwunden war. Er hatte ihn jedenfalls am nächsten Morgen nicht gesehen. Von seinem Standpunkt aus hatte es den Eindruck vermittelt, als stünden die beiden Transporter unmittelbar nebeneinander.

„Herr Y. (sein direkter Nachbar) kam in dem Moment auch aus dem Haus“, erzählte er weiter, „merkte mir wohl meine Aufregung an, suchte sofort mit – doch er hat auch nichts gesehen! Was mich natürlich in meinem Irrglauben bestärkte, dass Ding wäre geklaut.“

Ich musste schmunzeln. Bemühte mich, es sehr diskret hinzubekommen und versuchte, etwas Mitgefühl mit einzubauen. Da er die schlimmste Beichte bereits hinter sich hat, sprudelte es nun nur so aus ihm heraus:

„Meine Güte, was habe ich für einen Aufstand gemacht und was für ein Heiopei bei der Versicherung! Und dann hinterher“, er musste selbst lachen, „als ich den Irrtum erkannte, was bin ich da hingeschlichen! Zur Polizei, zur Versicherung … So klein mit Hut!“
Er machte eine entsprechende Geste mit Daumen und Zeigefinger.
„Wann haben Sie Ihr Auto eigentlich wiederentdeckt?“, frage ich neugierig.
„Am übernächsten Morgen. Da waren die Transporter weg, und mein Auto dafür da. So peinlich!“ (So mit sechs „o“.)
„Ach, grämen Sie sich nicht“, tröstete ich ihn. „Seien Sie froh, dass Sie Ihr Auto wiederhaben. Inzwischen ist doch sicher alles geregelt. Haken Sie die Angelegenheit einfach ab und freuen sich! Auch über die Golfausrüstung, die nie weg war.“

Er sieht es mittlerweile ebenso, nur wird sicher bei zukünftigen Vorkommnissen ähnlicher Art wesentlich genauer nachschauen, ob sich sein Auto eventuell nur „kleingemacht“ hat.

Aber ist es nicht sympathisch, dass er sein temporäres Blindsein und seine Verlegenheit eingestand und sich nicht zur Ehrenrettung irgendwelche hanebüchenen Stories für die Mitmenschen ausdachte?

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© by Michèle Legrand, Januar 2021

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Lebenszeichen …

Am Sonnabend saß ein Straßenmusiker am Rande des Wochenmarkts lässig auf einer Treppenstufe, hielt seine Akustikgitarre im Arm und zupfte mit Gefühl „The Girl from Ipanema“. Er hatte kaum begonnen, da brach die bis dahin graue Wolkendecke auf und Sonnenschein ließ auf einmal Blumen, Gemüse und Obst an den Ständen der Marktbeschicker aufleuchten. Und einige Gesichter.

Sie kennen das Lied, oder? Sehr melodisch und harmonisch, sehr relaxt. Die englische Fassung ist bekannt und nicht schlecht, doch am besten hört man es entweder instrumental (in der Version mit Akustikgitarre) oder wenn mit Gesang, dann im Original. Die Weichheit der portugiesischen (bras.) Sprache schafft das Gefühl der Entspanntheit noch intensiver zu erzeugen. Und überträgt diese leichte Melancholie …
Di-da-da / da-di-da-da-da / da-di-da-da / da-di-da-da-da  …

Dieser spezielle Moment auf dem Markt entpuppte sich irgendwie als Impulsgeber. Er ließ mich das erste Mal seit Langem wieder an die Möglichkeit des Bloggens denken. Genauer gesagt daran, dass endlich das Quäntchen Ruhe auftauchen würde, das man einfach braucht, um sich mit Lust zum Schreiben hinzusetzen.

Da sitze ich nun. Und zaudere … Die Krux ist, wenn man Wochen, Monate nichts geschrieben hat, kreisen
die Gedanken vorrangig um den Anschluss an die entstandene Lücke. Was ist nicht alles geschehen … Chronologisch angehen? Bunt mischen oder thematisch strikt getrennt? Komplett nachholen vs. Teile auslassen. Die Frage ist ja, muss man denn eine Lücke unbedingt füllen …

Wissen Sie was?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ihnen zunächst einfach ein Lebenszeichen schicke. Ihnen dabei, mit einem weiterhin dank der Melodie des Girls from Ipanema entspannten Grundgefühl erzähle, dass ich vorhabe, wieder etwas häufiger zu schreiben und mich sehr herzlich bei denen bedanke, die sich zwischendurch gemeldet und nach meinem und dem Befinden der Familie erkundigt haben. Alles soweit in Ordnung – bis auf die Tatsache, dass dieses Jahr hammerhart daherkommt und immer wieder extrem kräftezehrend ist.

Nach dem Tod des Stiefpapas gab es prinzipiell viel zu erledigen, und als sich nicht lang danach meine Mutter bei einem Sturz in der Wohnung das Handgelenk kompliziert brach, verbrachte ich den Großteil einer Nacht mit ihr in der Notaufnahme. Wegen diverser Risiken wurde nicht operiert, nur gerichtet, und meine Mutter wurde, mit Gips versehen, gegen 3 Uhr morgens entlassen. Litt unter Schwindel und Schmerzen, durfte nun bloß nichts falsch bewegen oder belasten – und ich hatte neben zwei hilfs-/pflegebedürftigen Familienangehörigen, vielen Terminen und Besorgungen, auf einmal auch zwei Haushalte und zwei Gärten, die auf mich warteten.

Der Sohn zog mit Familie um ins eigene Heim, die kleine Enkelin war in der Zeit des Renovierens und Packens häufiger hier, inklusive Übernachtung. Was einerseits wundervoll war, ich möchte diese Besuche auf keinen Fall missen, aber es lässt sich nicht leugnen, ein Kleinkind hält einen fix auf Trab und beschert reichlich kurze Nächte. Sei es, weil mitten in der Nacht plötzlich ein munteres, helles Stimmchen nach einem ruft oder – im günstigeren Fall – erst morgens um kurz vor sechs jemand neben dem Bett steht und wispert: „Oma, bist du wach?“

Die Auseinandersetzung mit gleich zwei Autoversicherungen zog sich von Anfang Mai bis Ende Oktober hin. Sechs Monate! Nach vier Monaten stand endlich das Auto repariert wieder zur Verfügung – allerdings mit zu-
nächst selbst beglichener, hoher Rechnung. Die Erstattung kam nun vor zwei Wochen … Ein unverschuldeter Autounfall, der aber aufgrund der bizarren Aussage des Unfallgegners strittig war (leider keine Zeugen, Polizei und Sachverständiger legten sich nicht fest) und deshalb mit einer 50:50 Regelung endete. Sehr bitter, auch
weil nun hochgestuft wurde …

Es gab und gibt zahlreiche Arzttermine bei meinen beiden Patienten und eine längere Zeit diverse Fahrten mit der Mama. Plötzlich standen ambulante OPs an, kritische Situationen entwickelten sich aus dem Nichts, schmerzvolle Zahnprobleme traten auch auf. Im letzten Monat dann erneut eine Beerdigung. Ich musste zu eigenen Untersuchungen, zudem schlauchten wiederkehrende Infekte. Es folgten zahlreiche Werkstatttermine, Handwerker kamen wegen der Dachrinne. Die Gartenarbeit rief, das ewige Laubrechen begann ebenfalls. Eine Zeit wurde überschattet durch ein mit einem Mal konfliktreiches Verhältnis, was sehr belastend war.
Seit einigen Wochen sind es jetzt die sich verschlechternden Werte beim Gemahl und die Unsicherheit über den Fortgang der Therapie. Innere Anspannung – wohl auch angesichts der Unberechenbarkeit. Es kann sich alles so schnell ändern. Von heute auf morgen.

Aber!

Jetzt kommt das große Aber. Es gibt stets auch Gutes!
Meine Tochter hat dieses Jahr geheiratet! Der Sport, den ich vor ziemlich genau einem Jahr begonnen habe, hat Positives bewirkt. Den besseren Abbau der erwähnten Anspannung zum Beispiel. Er hilft enorm dabei abzu-
schalten. Und, was mir sehr Auftrieb gibt, der aus heiterem Himmel entgleiste Blutdruck hat sich mit Hilfe des monatelangen Trainings wieder einfangen lassen. Ohne Medikamente.

Im Spätsommer gab es eine Phase, die bei meinem Mann gesundheitlich relativ stabil schien. So beschlossen wir mutig, eine Woche Ferien an der Nordsee zu wagen. Ein bisschen Vorplanung war natürlich nötig, die machte es aber möglich, dass er während des Aufenthalts als Gastpatient in Cuxhaven die dortige Dialyse-
station besuchen konnte. Für alles andere mussten wir einfach Daumen drücken, und davon ausgehen, dass
in den sieben Tagen keine Katastrophen passieren.

Eine Woche Nordsee hört sich für Gesunde nach keiner großen Sache an. Wenn man jedoch vor gut zwei Jahren beinahe nicht wieder aus dem Krankenhaus zurückkam und seitdem, weil das Ganze nicht heilbar ist, durchgehend in Behandlung und unter Beobachtung ist, dann sieht die Sache anders aus. Das erste Mal nicht nur für ein paar Stunden außer Haus zu sein, sondern für mehrere Tage wegzufahren, sich von seinen behan-
delnden Ärzten und schneller Hilfe zu entfernen, das ist ein eigenartiges Gefühl.
In dem Fall muss man sich erst wieder trauen. Als Patient, aber auch als Angehöriger. Anreise, Ortwechsel, andere Räumlichkeiten, Luftveränderung etc. sind mit einem Mal ein ziemliches Wagnis und Abenteuer. Doch es funktionierte, und es war schön dort. Ich werde sicher separat noch von Cuxhaven berichten.

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Cuxhaven (Nordsee) - Sonnenuntergang am Döser Strand - Blick auf die Insel Neuwerk am Horizont

Cuxhaven (Nordsee) – Sonnenuntergang am Döser Strand – Am Horizont die Insel Neuwerk

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Kürzlich waren wir sogar ein zweites Mal unterwegs. Diesmal für ein Wochenende in Stralsund. Mein Mann wollte gern an einer Jahreshauptversammlung teilnehmen. Sein Fachgebiet, seine langjährigen Bekannten und Hobbykollegen. Ich als Begleitung auf der Reise  – jedoch nicht bei der Zusammenkunft und somit mit einem Tag Freizeit und eigenem Programm vor Ort!
Sie glauben nicht, wie selten es geworden ist, dass man zum einen rauskommt und sich zum anderen als Angehöriger auch wirklich nicht zuständig und frei von Verantwortung fühlt. Sich für ein paar Stunden nach nichts richten muss, sich nicht den Gegebenheiten anpassen braucht. Es fällt fernab des sonstigen Auf-
enthaltsortes und des üblichen Ablaufs merklich leichter, vermutlich auch deshalb, weil das Unterbewusstsein dort automatisch von weniger Pflichten ausgeht und mit weniger Unterbrechungen rechnet.
Es ist rar geworden und diese Zeit für mich unschätzbar wertvoll! Ich habe sie genutzt, unheimlich genossen und würde Ihnen auch gern von dort später einmal einige Eindrücke zeigen.
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Blick vom Kirchturm in der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

Stralsund von oben – Blick vom Kirchturm der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

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Was ich heute vorwegnehmen und Ihnen nun zum Schluss erzählen werde, ist die Episode: Bahnfahrt nach Stralsund. Ich kann Ihnen sagen, wir haben ziemlich verblüfft geschaut!

Sie können sich denken, gerade als Reisender mit Einschränkungen durch gesundheitliche Probleme überlegt man sehr genau, wie man am bequemsten und sichersten ans Ziel und wieder heimkommt. Autofahrten sind dabei nicht unbedingt immer erste Wahl. Ratsam sind folglich Orte, die nicht zu weit entfernt liegen und welche mit der Bahn – möglichst direkt! – zu erreichen sind. Kein Umsteigen. Platzreservierung! Das ist bereits die halbe Miete.

Wir trafen letzten Monat zur Abreise ins Stralsund-Wochenende am Hamburger Hauptbahnhof ein, doch unser Zug erschien überhaupt nicht auf der Anzeigetafel. Die Nachfrage bei einem sehr brummigen, wortkargen Herrn an der Information ergab, der IC wurde erst in einer knappen Stunde erwartet. Er hatte Verspätung  „wegen Bauarbeiten auf der Strecke“.
Der Zug kommt aus dem Koblenzer Raum, fährt via Hamburg über Schwerin Richtung Stralsund und letztendlich nach Binz auf Rügen. Wenn ein IC also mit Verspätung in Hamburg eintrifft, rechnet man – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – damit, dass die Bauarbeiten auf dem zurückliegenden Teil der Strecke waren oder weiterhin dort stattfinden. (Behalten Sie das gern im Hinterkopf.) Die aufgedrückte Stunde Wartezeit wurde mit einem Besuch beim Bäcker und einem Pott Kaffee überbrückt. Es gibt Schlimmeres.

Für die Rückfahrt am Sonntag hatten wir eine Zugverbindung am frühen Mittag, kurz vor zwölf Uhr ab Stralsund, gebucht. Wir unkten im Hotel noch, vielleicht blüht uns wieder eine Verspätung – einfach so, auch ohne Bauarbeiten auf unserem Streckenteil. Die elektronische Anzeigetafel kurz darauf am Bahnhof schien es zu bestätigen. Wir suchten jedenfalls vergeblich nach der Nummer unseres ICs. Zum Glück ist der dortige Info-Schalter am Sonntag besetzt. Die sehr freundliche Dame vom Dienst schaute uns zerknirscht an:
„Nein, dieser Zug ist leider schon lange weg. Der fuhr heute bereits um 10.17 Uhr. Wegen Bauarbeiten auf der Strecke …“

Haben Sie so einen Fall schon einmal gehabt? Dass ein Zug in die andere Richtung vom Plan abwich und eineinhalb Stunden vorverlegt wurde? Auf die Idee bin ich überhaupt nicht gekommen!

Es wurde noch ein bisschen umständlich, denn von der Info ging es zum Service, da die Zugbindung aufgehoben werden musste. Wir wollten die Sitzplätze mit umbuchen, nur es fuhr kein weiterer IC in absehbarer Zeit. Die nächsten Möglichkeiten waren Fahrten mit der Regionalbahn, was prinzipiell kein Drama ist – solange man gesund ist. So bedeutete es umsteigen in Rostock, und es ließen sich keine Plätze reservieren. Mittlerweile hatte sich in Stralsund im Bahnhof eine Menschentraube gebildet. Alles Reisende, die ebenfalls nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, dass die Abfahrt ihres gebuchten Zuges früher und ohne sie stattfinden würde.
In Rostock und an den darauffolgenden Haltepunkten entlang der Strecke nach Hamburg stießen immer wieder weitere Gestrandete hinzu. Kurz: Es wurde brechend voll!

Die Bahnangestellten in beiden Zügen wusste rein gar nichts von der Fahrplanänderung des ICs, waren völlig überrascht vom Andrang in der jeweiligen RB und verwiesen konsequent an die Service-Points in den größeren Bahnhöfen zur Lösung etwaiger Probleme oder Klärung von Ansprüchen. Und in lebhaften Diskussionen fielen solche Bemerkungen:
„Wir kriegen das hier doch gar nicht mit! Uns liegen keine Informationen darüber vor.“
Die Rede des Zugpersonals ging – an den Fahrgast gerichtet – weiter:
„Im Zeitalter des Internets können und müssen Sie sich als Bahnkunde doch selbst über Änderungen der Abfahrtszeiten informieren.“
Ist das nicht ein wenig merkwürdig? Da weiß bahnseitig sehr oft die linke Hand nicht, was die rechte tut, es gibt keine zentrale Info, die alle auf dem Laufenden hält, aber dem Reisenden wird zugetraut und zugemutet, dass er schlauer ist als das eigene Personal.
Ich bezweifle, dass die auffindbare Information für die Reisenden immer komplett und aktuell ist, aber ich lade mir jetzt zumindest die DB-App aufs Smartphone oder twittere den entsprechenden DB-Account im Zweifelsfall zusätzlich an. So etwas passiert mir jedenfalls nicht noch einmal.

An der eigenen Verspätung ist man – wer hätte es anders erwartet – selbst schuld, der Zug fuhr ja. Sogar eher. Also keine Entschädigung. Man kann sich allerdings die Sitzplatzreservierung anteilig erstatten lassen, weil sie auf dem Rückweg nicht in Anspruch genommen wurde. Doch dazu müsste man wieder zum Service-Point … Am Reisetag ging es nicht mehr. Fahre ich allerdings jetzt im Nachhinein separat hin, bleibt durch die dafür anfallenden Fahrtkosten nichts von der Erstattung übrig …

Nette Wiedersehen gab es dafür gratis! Die Hinfahrt von Hamburg bis Schwerin haben wir in Begleitung einer Herrentruppe verbracht. Wir hatten Plätze am Tisch und saßen mit sechs befreundeten Männern, die einmal im Jahr zusammen einen Wochenendausflug unternehmen. Jeder mit Smartphone ausgerüstet und gewiss nicht App-abstinent.
Nun, auf diesen Sechserclub trafen wir auf der Rückfahrt unvermittelt wieder. Wo? Genau, in der Regionalbahn! Dem Sammelbecken aller Liegengebliebenen. Gut, das hatten die so auch nicht vorgehabt, aber selbst sie waren uninformiert und von der viel früheren Abfahrt kalt erwischt worden.

Unter uns, ich vermute stark, dass der zeitlich vorgezogene IC an diesem Sonntagmorgen als Geisterzug durch die mecklenburg-vorpommersche Landschaft fuhr …

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Das war es für heute! Lesen wir uns demnächst wieder? Das Erscheinen weiterer Beiträge folgt momentan vielleicht noch einem ausgedünnten Blogsonderfahrplan (falls hier wieder einmal Hindernisse aufs Gleis geschmissen werden) – aber zu früh tauche ich garantiert nicht auf!

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©by Michèle Legrand, November 2019

Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

 

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Am Tag, als das Meer verschwand …

Dort, wo ich lebe, existiert ein sonderbarer Ort. Er ist eigenartig, jedoch im positiven Sinn. Besonders eben.
Die Stelle liegt nicht weit entfernt, ich komme jedes Mal ganz automatisch auf dem Weg zum Sport daran vorbei. Eine Art Glückstreffer, denn es motiviert zusätzlich, dorthin aufzubrechen.

Kurz vor meinem Ziel biege ich in eine relativ schmale Nebenstraße ein, und dann passiert etwas Merkwürdiges: Von jetzt auf gleich übermannt mich das Gefühl, am Meer zu sein. Direkt am Strand!
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Am Meer (Ansteigender Weg zwischen bewachsenen Dünen hindurch)
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Würde ich Ihnen allerdings Aufnahmen der unmittelbaren Umgebung zeigen, könnten Sie sich vermutlich überhaupt nicht vorstellen, was zu diesem Eindruck führt. Ich selbst könnte es nicht!
Eine kurze Überlegung: Wenn Sie beschreiben sollten, was für Sie gedanklich mit „Meer“ einhergeht, welche Eindrücke Sie damit verbinden – wäre es vorrangig oder gar ausschließlich etwas, was Sie sehen können?

Ich bin mir ziemlich sicher, es tauchten auch Begriffe wie Wind, Rufe von Seevögeln, das Knattern und Flattern von Fahnen oder Segeln etc. auf – also Umstände bzw. Zustände, die durch Fühlen, Hören, vielleicht auch mittels Riechen erfasst werden.

Mein Fitnessstudio liegt in dieser Straße, die bis vor etwa drei Jahren noch durch ein älteres Gewerbegebiet mit vielen Kleinbetrieben führte. Dies ist mittlerweile abgerissen, nun entsteht hier ein Wohnviertel mit mehrge-
schossigen Häusern. Auf der einen Seite, dort, wo auch das Studio ebenerdig einzog, befindet sich entlang der Straße und weiter in die Tiefe gebaut ein erster Neubaukomplex mit bereits bezogenen Wohnungen, auf der gegenüberliegenden Seite wartet eine seit dem Abriss brachliegende Fläche darauf, dass es ihr an den Kragen geht. Dahinter wiederum ragen riesige Baukräne auf, zwischen denen bereits die Rohbauten des nächsten Bauabschnitts täglich ein Stück wachsen.

Bisher findet sich noch kein ausgesprochener Auslöser für Strandgefühle, oder …?

Nicht zu erkennen ist allerdings, dass außerhalb dieses Areals, nämlich hinter den fertiggestellten Neubauten – und zwar parallel dazu und nur einen Straßenzug weiter – der Mühlenteich liegt. Ein von einem Park eingerahmtes, größeres Gewässer, auf dem Wasservögel anzutreffen sind. Unter anderem wird er regelmäßig von Möwen besucht, und genau diese lieben ganz offensichtlich dieses von Baustellen eingerahmte Brachgelände.

Aus Sicht der Vögel ist das gut nachvollziehbar. Zum einen gibt es direkt daran angrenzend noch einen Flachdachbau aus dem Gebäudealtbestand mit ASIA-Lebensmittelmarkt und der gar nicht mal geringen Chance, Lebensmittelreste abzustauben. Nebenher lässt sich das Flachdach sogar als Brutplatz nutzen.
Zum anderen lockt auf dem leerstehenden, etwas sandigen Grundstück inzwischen durch Wildwuchs (Unkräuter, diverse Wildstauden) reges Insektentreiben, der Boden erwärmt sich schnell, ist aber dank des vorherrschenden Windes selten überhitzt. Es herrscht gute Sicht im Bodenbereich, allerdings hat eine Möwe dank hoher Ausguckmöglichkeiten (umstehende Neubauten und Kräne) dort ebenfalls einen exzellenten Über- und Weitblick. Die Thermik scheint genehm – ja, und das eigene Geschrei klingt hier besonders imposant und durchdringend!
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Verblühte Kratzdistel, wirkt wie eine verschrubbelte Frisur (strohfarben)

Auf der brachliegenden Fläche wachsen auch Kratzdisteln, die mit ihren lila Blüten, aber auch im verwelkt-verwuschelten Zustand sehr attraktiv wirken.

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Sobald ich den Beginn des Brachgeländes erreicht habe, verspüre ich immer den Drang, ab jetzt langsam mit geschlossenen Augen weiterzugehen. Es ist nicht viel los, der Zustand des Gehwegs ist mir mittlerweile wirklich vertraut. Insofern kann man es für einige Meter blind riskieren. Und es ist es wert! Denn es erhöht die Wirkung des Kommenden …

Die lokalen Umstände bringen es mit sich, dass sich Windschneisen entwickelt haben. Die Kombination aus längerer Häuserfront und Freifläche, der Wechsel zwischen einzelner höherer Bebauung und Baulücken, beides löst immer wieder verlässlich mittlere Turbulenzen aus.
Mit anderen Worten, es pustet, und wenn Sie dort entlanggehen, werden Sie garantiert von einer Windböe erfasst, während Ihnen gleichzeitig die Sonne auf die Haut brennt. Auf dem Gehweg, überhaupt in dieser Straße, gibt es keinen Schatten. Bäume wurden hier noch nicht wieder gepflanzt, das passiert – wenn überhaupt – wohl erst, wenn auch das Brachgelände verschwunden und bebaut ist und irgendwann sämtliche Arbeiten abgeschlossen sind.
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Möwen am Himmel (Blauer Himmel, wenige weiße Wölkchen und mehrere kreisende Möwen)

Die Möwen kreisen ….

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Sie brauchen keine zwei Sekunden zu warten, dann ertönt Möwengeschrei. Manchmal sind es die lang-
gezogenen Rufe eines einzelnen Vogels, der über einem seine Kreise zieht, manchmal diskutieren mehrere lautstark. Dann verteidigt eine Möwe mit Nachdruck ihren Lieblingsplatz auf dem Flachdach, das zweite Tier kreischt irgendwo empört vom Baukran herunter. Die jeweiligen Aufenthaltsorte lassen sich meist auch ohne Hinsehen ganz gut orten.

Wind, Sonne, Möwen  … Das Gefühl, sich am Meer zu befinden stellt sich prompt ein. Zuverlässig.

Mittlerweile ist auch das Fitnessstudio erreicht. Auf dem Vorplatz steht ein Werbebanner, festgemacht an
einer leicht flexiblen Metallstange, die senkrecht ausgerichtet ist und in einem Standfuß steckt. Der vertikal gespannte, hauchdünne Textilstreifen mit Aufdruck hat Flatterspielraum und knattert heftig im Wind.

Wie oft kam es mir in dem Moment vor, als befände ich mich auf einer jener Strandpromenaden an der Küste, die von hohen Masten mit wehenden, bunten Fahnen flankiert werden. Das Knattern des Werbebanners erinnerte an in unmittelbarer Nähe über den Wattboden bretternde Strandsegler, wenn es windstiller war und das Flattern entspannter ausfiel, sah man stattdessen vor dem inneren Auge Kite-Surfer vorbeigleiten.

Speziell wenn mehrere Möwen am Himmel flogen und intensiv krakeelten, fühlte ich mich hinübergebeamt auf eine der langen Seebrücken, die in manchen Ostsee-Seebädern zu finden sind. So hört es sich an, wenn man über die Holzplanken Richtung Meer hinausspaziert, die gefiederten Schreihälse entweder auf Brückenpfeilern oder Laternenpfählen oder fliegend  in entsprechender Höhe schräg über sich …

Ich liebe dieses Gefühl von Meer und Strand in der Nähe sehr.
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Möwen an der Seebrücke (eine landet auf hoch angebrachten gläsernen Lampenkugel, ein fliegt in ihrer Nähe)
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Stellen Sie sich vor, mir kamen die Möwen nun tatsächlich noch näher! An heißen Tagen steht – zumindest während der Anwesenheit der Sporttrainer – häufig die Eingangstür zum Studio weit auf, damit ein bisschen Luftzirkulation herrscht. In der vorletzten Woche erhielten wir völlig überraschend Besuch von einer erwachsenen Silbermöwe.
Das Tier war klammheimlich hineinmarschiert, hatte sich neben einer Trainierenden an deren Übungsstation aufgebaut und fand offenbar alles hochinteressant. Sie ließ sich nur mit Geduld und unter erheblichem Protest wieder hinauskomplimentieren.

Der nächste Zwischenfall ereignete sich vor ein paar Tagen. Diesmal hüpfte eine sehr junge Möwe herein. Erheblich auffälliger, da mit einigem Getöse. Sie krächzte heiser, und als sie merkte, sie findet nicht wieder hinaus, flatterte sie hektisch. Schimpfte dabei wie ein Rohrspatz.
In einem solchen Fall ist das Verhalten von Möwen nicht wesentlich anders als das von Bienen und anderen Fluginsekten, die in die Wohnung geraten sind. Sie fliegen immer wieder gegen die Scheibe und nehmen ein eingeklapptes Fenster (Spalt) daneben oder auch geöffnete Türen kaum wahr.
Genau so schien die Möwe in ihrer Aufregung keinen Blick für Fluchtalternativen zu haben, geschweige denn, sich daran zu erinnern, an welcher Stelle sie eingetreten war. Sie hatte eines der bis zum Boden reichenden Fenster auserwählt, hüpfte davor auf und ab und pochte wie ein Specht aufgebracht mit dem Schnabel ans Glas. Da musste man doch irgendwie rauskommen …

Es war absehbar, dass sie es nicht allein hinausschafften würde. So habe ich mir ein Handtuch genommen und sie entlang der Scheibe langsam in eine Ecke dirigiert. Sie stutzte, als es nicht weiterging, und in diesem Moment, in dem sie mit ihren noch gar nicht komplett ausgebildeten Flügeln einmal nicht so wild zappelte, legte ich ihr das Tuch übers Gefieder und griff vorsichtig mit beiden Händen zu.
Sie hat es mit sich machen lassen, blieb auch weitehin ruhig. Als ich sie vor mir auf Brusthöhe hielt, schaute sie mich nur sehr forschend an.
Machen Sie das eigentlich auch, dass Sie bei derartigen Aktionen (Rettung, Verarztung, Medikamente verabreichen etc.) zur Beruhigung mit gedämpfter Stimme einlullend etwas erzählen?  Ich glaube, ich sagte so etwas wie: „Ja, Kleine, alles gut …. Ich weiß, die Mama sieht anders aus …“
Gemeinsam marschierten wir hinüber zum Brachgelände, wo es wesentlich erträglicher war, als auf den heißen Platten vor dem Studio.
Sie wirkte unschlüssig, nachdem ich sie abgesetzt und das Handtuch entfernt hatte. Krächzte und rief. Ich hoffe, die Eltern kümmern sich noch ein bisschen um ihr Jungtier, das aber generell einen fitten und kräftigen Eindruck machte.
Ich setzte mein Training fort. Als ich danach das Studio verließ, war sie verschwunden.

Ein wenig wunderte ich mich, was die Möwen auf einmal anlockte, denn hohe Außentemperaturen bzw. offenstehende Türen hatten wir auch schon davor gehabt. Zuhause fiel mir plötzlich das aufblasbare Planschbecken ein, das seit Kurzem im Studio an einem Fenster in Eingangsnähe steht. Ein pinkfarbener Mini-Swimming-Pool in Flamingoform. Haben sich die Möwen von dem Plastikvogel täuschen und anziehen lassen?
Beim nächsten Training habe ich jedoch festgestellt, das Bassin steht so, dass von draußen nur minimal etwas vom unteren Rand erkennbar ist. Dort, wo die Flamingo-Attrappe aufragt, verhindert eine Milchglasscheibe den Einblick ins Studio.

Tja, nun … Wir werden wohl ohnehin keine weiteren Besuche beim Training erwarten können.  Als ich diese Woche in die Straße einbog, gab es kein Möwengeschrei mehr. Der Tag, an dem das Meer verschwand, war gekommen.

Die Baufahrzeuge sind angerückt, und mit ihrer Ankunft hat das letzte Stündlein des Brachgeländes geschlagen.
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Die Arbeiten auf dem Grundstück starten ... (Mühlenstieg).

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Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet .... (Brachfläche wird ausgehoben. Alte Kellermauern vom Vorgebäude entfernt.)e

Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet …. Oberirdisch war bereits geräumt, nun sind alte Fundamente und Mauerreste dran …)

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Die Möwen haben Reißaus genommen …
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Möwe nimmt Reißaus (tappst geduckt nach links)
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… und ich werde meine kleinen Aufenthalte am Meer vermissen.
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Sonnenuntergang am Strand von Graal-Müritz (mit Seebrücke)

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©by Michèle Legrand, August 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Vielfalt … fremdgemischt

Es gibt Zeiten, in denen einem unheimlich viel durch den Kopf geht. Nüchtern ausgedrückt würde ein Mensch es vermutlich als eine natürliche Reaktion auf die Vielzahl von Ereignissen bezeichnen, die sein Leben gerade für ihn parat hält. Wenn Sie so wollen, ist es eine Verarbeitung der komprimierten Vielfalt, die ihm präsentiert wird. Präsentiert entweder als wilder Haufen in kürzester Zeit, als eine Mixtur, die einen über Wochen und Monate auf Trab hält oder als eine Kombination aus beidem.

Vielfalt dieser Art ist nicht ganz ohne. Nicht ohne? Moment, ist Vielfalt nicht wünschenswert? Die Würze im Leben. Etwas, das für Abwechslung im Alltag sorgt, Highlights hineinschummelt und so das Aufkommen von Langeweile verhindert?
Ein irgendwie interessantes Phänomen, dass der Begriff Vielfalt – von der ersten Empfindung her – positiv besetzt ist und sich doch im nächsten Moment zeigt, es handelt sich in dieser undifferenzierten Form nur um ein nachlässig entstandenes Vorurteil.
Hinzu kommt: Gerade das Beispiel Vielfalt demonstriert exzellent, dass das Vorhandensein eines Vorurteils keineswegs automatisch mit der negativen Betrachtung und dem abwertenden Urteil über etwas (Objekt, Situation, Person) einhergehen muss.
Obwohl wir Vorurteil gefühlt stets mit Negativem in Verbindung bringen, es gibt auch positive Vorurteile! Die sind allerdings nicht besser, nur anders. Ein positiv ausfallendes Vorurteil formt sich unter Umständen aufgrund des Aussehens oder der Kleidung eines Menschen, entsteht automatisch auch im Fall von verklärtem Wunschdenken … und eben bei der Einschätzung der ach so tollen Vielfalt, die – sobald sie nicht selbst geformt sondern fremdgemischt untergeschoben wird und zudem höchst unausgewogen ist – ganz schnell ihren blauäugig angenommenen, selbstverständlichen Liebreiz verliert.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich heute darüber auslasse. Ich eiere im Grunde herum. Nähere mich an … Ich möchte erzählen, was mich bewegt und beschäftigt, und gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht alles im Detail mit der Öffentlichkeit teilen kann und werde.

Mich fordert das, was das Leben mir seit einiger Zeit an Vielfalt zusammenmischt, enorm. Ich sehe durchaus, dass es nicht nur Strapaziöses/Negatives ist, denn ich bin verdammt gut im Finden von Lichtblicken, freue mich schon über Winzigkeiten, weiß gegenzusteuern, und bereits fünf Minuten Ruhe geben mir viel. Abgesehen davon passierte zwischendurch auch Superschönes, so ist es ja nicht. Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich habe eine derart fordernde Mixtur nicht bestellt und würde liebend gern ein Weilchen die Annahme verweigern.

Beispiel?
Saßen Sie schon einmal zwischen zwei Menschen, von denen der eine später umgebracht, der andere dessen Mörder wurde? Auch wenn Sie dem Opfer letztendlich gar nicht eng verbunden waren, ein brutaler Mord erschüttert, und wenn dieses Opfer – ein junger, freundlicher Mensch – einem Ihrer unmittelbaren Angehörigen nahestand, fühlen Sie mit.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie obendrein fürchten müssen (berechtigt oder nicht kann einem in dem Moment niemand sicher sagen), dass Ihre Familie womöglich selbst Ziel des offensichtlich kranken Täters werden könnte? Sie Schutzmaßnahmen ersinnen?
Würden Sie sich schämen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie erleichtert darüber sind, dass der Täter Selbstmord begeht (und somit keine Bedrohung mehr darstellt)?

Sind Sie womöglich auch mit viel Krankheit im familiären Umfeld konfrontiert? Sind Angehörige eventuell Pflegefälle? Scheinen manchmal die 24 Stunden des Tages einerseits hinten und vorne nicht auszureichen und andererseits hält die Energie manchmal nur noch für die Hälfte des Tages?
Der ewige Akt mit sämtlichen Beteiligten und (ungern) Zuständigen, damit alles irgendwie läuft. Behörden, Krankenkasse, Pflegekasse, Ärzte, ambulanter Pflegedienst. Auftreiben der Hilfsmittel, Verordnungen, Genehmigungen, der Formularwust … Unvorhergesehenes, das alles durcheinanderwirbelt. Die Stöcke, die einem zwischen die Beine fliegen, wenn man denkt, es hätte sich gerade eingespielt.

Ein unverschuldeter Autounfall mit Blechschaden. Der Gegner sieht die Sache aber anders. Es klärt und klärt sich nicht, das Auto kann seit Wochen nicht zur Werkstatt.

Der Rettungseinsatz in den heimischen vier Wänden, bei dem die Besatzung des Rettungswagens nicht ausreicht, die Feuerwehr dazugerufen wird und letztendlich acht Mann den verletzten Kranken aus der Not-
situation befreien. Krankenhausaufenthalt über Wochen, die plötzliche Ankündigung der Entlassung, jedoch keine Aussicht mehr, die Pflege in diesem Zustand wie bisher weiterhin zu Hause schaffen zu können. Unter extremen Zeitdruck die schwierige Suche nach einem möglichst nahe gelegenen, freien Kurzzeitpflegeplatz …
Zustandsverschlechterung, zweimalige Verschiebung der Entlassung, deren Ankündigung einem sowieso unbegreiflich erscheint. Weitere befremdliche Erlebnisse im Krankenhaus. Erneute, massive Verschlechterung, die Ärzte sehen keine Behandlungsmöglichkeiten mehr.
Am Dienstag hieß es Abschied nehmen von meinem Stiefpapa, der mir über vierzig Jahre mehr Papa war als der leibliche es jemals sein konnte. Sorge um die Mama …

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Vorbehalte gegen die Vielfalt. Gegen diese fremdgemischte, aufgezwungene Vielfalt, die so kolossal anstrengt, die müde und traurig macht.

Wenn ich also weiterhin hier im Blog nicht so präsent bin – ich muss ein wenig haushalten mit den Kräften, muss andere Prioritäten setzen, aber lese dennoch gern bei allen Bloggerkollegen mit. Ich bitte nur um Verständnis, dass es oft mit Verspätung erfolgt, mir nicht immer die Zeit bleibt, ausführlich zu kommentieren oder die Energie da ist, mich irgendwo in Diskussionen einzuschalten. Ich habe alles eher auf Sparflamme laufen.

Bevor ich mich nun für dieses Mal verabschiede, proste ich Ihnen noch schnell zu und zwar mit Kakao, einer guten Nervennahrung. Die kleine Enkelin (3,5 J.) meinte übrigens kürzlich beim Frühstück: „Kakao ist mein liebster Kaffee.“
Und ihren aus dem Brötchen gebrokelten Teigknödel untersuchend, entwickelte sich obendrein via das Thema Roggenmehl ein Gespräch über Getreide allgemein. Wir hatten am Wegrand am Vortag bereits Gerste entdeckt und auf einer Verpackung war eine Roggenähre zu sehen. Sie interessierte dich für das unterschiedliche Aussehen und wollte auf einmal Details wissen, um selbst zu erkennen, was was ist. Ja, da staunt man!
Gut, ich habe es ihr altersgemäß erklärt, meine eigene Eselsbrücke zum schnellen Bestimmen versteht sie erst später, wenn sie Lesen und Schreiben kann.

Doch ich frage bei der Gelegenheit einmal hier nach: Wenn man Sie zur Bestimmung an den Feldrand stellte, könnten Sie die Hauptgetreidearten auseinanderhalten?
Hafer ist speziell und gut zu bestimmen, nur wie ist es mit den anderen Getreidesorten? Welche Halme haben oben Grannen, diese borstenartigen Spitzen? Und bei welcher Art von Getreide sind sie kurz, wo lang? Was ist ohne? Falls Sie hin und wieder unsicher sind, ich merke es mir gern damit:
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Gerste fängt mit einem großen G an –>  hat große (lange) Grannen.
Roggen hat lediglich kleine Gs im Wort –> besitzt nur kleine Grannen.
Weizen hat überhaupt kein G –> hat gar keine Grannen.

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Wundern Sie sich bitte nicht über den Themenwechsel am Ende. Es ist einfach meine Art, zur Normalität zurückzukehren und auf sicherem Weg schnell zur alten Gelassenheit zurückzufinden.

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Schöne Pfingsten und bis zum nächsten Mal!

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©by Michèle Legrand, Juni 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Mädcheneis, Jungeneis und Geschirr aus ungewohnter Quelle …


Sommer schafft Eiszeit oder anders formuliert, heiße Tage fördern das Eisverlangen und kurbeln den Absatz gehörig an. In meinem hiesigen Eiscafé gibt es einige – taktisch recht geschickt in diese Eishochzeit gelegte – Neueinführungen und Änderungen. Deren Einführung liegt inzwischen schon wieder ein paar Wochen zurück, nur irgendwie beschäftigen sie mich gedanklich weiterhin. Erstaunlich lange …
Ich bin mir immer noch nicht ganz im Klaren darüber, welche der Ideen, die dahinterstecken ich gut, eher un-
nötig oder gar schlecht finden soll. Es brennt mir leicht unter den Nägeln. So greife ich die Sache heute hier auf. Ich überlasse es wie immer Ihnen, ob Sie Stellung dazu nehmen möchten, aber ich gestehe, es würde mich schon interessieren, was Sie davon halten.

Nehmen wir an, Sie sitzen in einem Restaurant. Ihr Ober erscheint mit der Bestellung. Er platziert Teller und Schüsseln vor Ihnen, und – verflixt noch mal! – auf Anhieb gefällt Ihnen das Geschirr. Ganz außerordentlich! Vom Level her liegt die Begeisterung irgendwo zwischen lichterloh brennend und schierer Ekstase.
Oh, traumhaft! Muss ich haben! Für zu Hause. Genau das, unbedingt! Her damit …!
Das Essen ist vergessen, es durchzuckt Sie wild und zwar nicht allein deshalb, weil Sie Form und Dekor optisch vom Hocker hauen, sondern vor allem aus dem Grund, dass der Besitz genau dieses Restaurant-Geschirrs es Ihnen ermöglichen würde, bei zukünftigen Mahlzeiten daheim, à la maison, das besondere Gourmet-Feeling aus dem Restaurant direkt wieder aufleben zu lassen.
Hand aufs Herz: Ist es das, was Sie denken?
Nicht?
Sehen Sie, mir kommen diese Gedanken auch nicht. Bei mir ist es so, dass ein auffallend schönes Service eine Anregung liefern könnte, gerade, wenn das Essen aus irgendeiner besonderen Tassen- oder Schüsselform oder aus einem bestimmten Material und durch spezielle Dicke bzw. Stärke besonders gut schmeckte. Oder wenn die Farben und die Komposition mit dem Essen kolossal gut herüberkämen.
Kann man sich ja mal merken
Mehr aber auch nicht!

Mich erfreut beim Restaurantbesuch das gelungene Gesamtpaket aus schmackhaftem Essen, einer netten Bedienung sowie einer behaglichen Umgebung und Atmosphäre. Das Geschirr – wenn es positiv auffällt – stellt nur einen weiteren Pluspunkt dar. Das letzte, was mir einfiele oder was mir notwendig erschiene, wäre der Kauf des aufgetischten Geschirrs!
Seltsamerweise beschleicht mich sogar das Gefühl, hätte ich tatsächlich ein identisches Service zu Hause, hätte ich fortan höchstwahrscheinlich kaum noch Lust auf einen Besuch gerade jenes Restaurants, das mir mein „Heimgeschirr“ vor die Nase setzte.

Dass sich Geschäftsinhaber oder spezielle Marketingfachleute darüber Gedanken machen, und dass es ab-
weichend von meiner und vielleicht auch Ihrer Einstellung weitere Ansichten dazu gibt und sich Interessenten hierfür finden, bemerkte ich, als ich unterwegs beim Kaffeetrinken das Gespräch eines Mannes am Nebentisch mit der Bedienung des Eiscafés aufschnappte.
Der Gast hatte sein Eis bereits vertilgt, wollte bezahlen, stöberte nichtsdestotrotz weiterhin angelegentlich in der – aufgrund eben diverser Neuerungen – kürzlich überarbeiteten Karte. Er tippte mit seinem Zeigefinger auf ein Bild und meinte:
„Billig ist das ja nicht gerade … Hm. … Obwohl, wenn man … Hm, hm. … Ach, nee, das ist hier auch … Joah, schon schön …“ Er richtete seine Augen auf das Gesicht des Angestellten. „Ist das eigentlich spülmaschinentauglich? Nee, nä? Muss man bestimmt mit der Hand abwaschen.“
„Doch, doch, das kann in die Maschine“, lautete die Antwort. „Machen wir hier auch immer so!“

Ich war verblüfft. Abwaschen?  Eis? Das Eis in die Spülmaschine ?
Manchmal ist man etwas schwer von Begriff. Ich schnappte entschlossen die Karte vor mir, blätterte sie ziemlich weit durch, da der Herr irgendwo hinten aufgeschlagen hatte und entdeckte, es ging um den Eisteller, auf dem auch sein Eis serviert worden war. Er war dort abgebildet.
Golden, nicht aus Metall, sondern aus Keramik oder Steingut. Relativ schwer wirkend. Außen komplett gold bronziert, innen der breite Tellerrand ebenfalls gülden. Kein Vollglanz, eher seidenmatt. Fast ein bisschen wie gewischtes Gold. Sehr edel. Die Vertiefung in der Mitte in einem kontrastierenden Schwarz. Neben dem Bild ein Preis.

Ob Sie es glauben oder nicht, als Kunde des Eiscafés können Sie seit Kurzem vor Ort exakt das dort benutzte Geschirr erwerben! Dass wir uns jetzt nicht missverstehen: Unbenutzt selbstverständlich. Frisch verpackt im Karton.
Einen tiefen, runden „Gourmet-Teller“, ein flaches, rechteckig-längliches Plattenexemplar, ein „Dessert-Schiffchen“ und eine  kleine, runde Dessertschale.
Goldene Löffel in drei Größen ergänzen das Angebot. Die wiederum sind hochglänzend, mit Prägung auf der Griffoberseite, wirken leicht protzig und sind – was die Löffelfläche angeht – völlig überdimensioniert. Mit dem Eindruck stehe ich übrigens nicht alleine da. Ich erhalte die Teelöffel aus dieser Serie schon seit Längerem auch zu meinem Kaffee gereicht und – tut mir leid – ich kann mich einfach nicht an sie gewöhnen.
Die beiden großen Löffelvarianten, die Sie auch im Café, den einen zum Früchtebecher auslöffeln, den anderen zum Spaghetti-Eis wegputzen, vorgelegt bekommen, sind definitiv etwas für Breitmaulfrösche. Nicht nur einmal haben Gäste nachgefragt, ob sie nicht bitte einen „ganz normalen“ Löffel haben könnten. Und unter uns: Ich bin immer froh, wenn Hochbetrieb herrscht, dadurch bei den goldenen Teelöffeln zeitweise ein Engpass herrscht und daher bis die Spülmaschine mit dem Programm durch ist, notgedrungen auf die alten, einfachen Teelöffel zurückgriffen werden muss. Man renkt sich nicht den Kiefer aus, und sie liegen viel besser in der Hand. Ich weiß nicht, wer solche Löffel konstruiert, die derart ungünstig zu handhaben sind und bezweifle, dass derjenige sie jemals selbst in Gebrauch hatte.
Dafür, dass man vorne in der ausgedehnten „Wanne“ fast baden könnte, ist wiederum die Gesamtlänge des Löffels inklusive Griffteil erstaunlich kurz. Zu kurz. Die Riesenmulde macht allein ungefähr 45 % der Gesamtlänge aus. Das beschert ein ganz merkwürdiges Gefühl bei der Benutzung. Als hätten Sie einen Zwitter aus Suppenkelle und Mokkalöffel zu bändigen. Aber vielleicht gibt es Menschen, die dafür schwärmen und meine Empfindungen überhaupt nicht teilen. Wer weiß das schon.

Warum bietet man jetzt Ausstattung zum Kauf an? Jeder, der bei dieser Geschirrofferte zuschlägt, kann zukünftig daheim nachspielen, er wäre in seinem Eiscafé. Kann genauso fürstlich speisen, den Genuss nachempfinden. So die Idee. Ich frage mich nur, was ist, wenn diese Variante dem Kunden so gut gefällt, dass
er sein Eis auf einmal nur noch zu Hause isst? War das die geniale Marketing-Strategie?

Der Gast, der nach der Spielmaschinentauglichkeit fragte, zögerte trotz Gefallen mit seinem Entschluss zur Anschaffung. Ganz billig wird die Angelegenheit nämlich nicht. Selbst wenn Sie lediglich jeweils ein Exemplar von Teller, Platte, Schiffchen und Schale sowie je einen der Löffel kaufen, werden rund 100 Euro fällig. Zwei der länglichen Platten für ein Eisvergnügen zu zweit und Sie sind 60 Euro los. Ohne Löffel. Und ohne Eis.
Keine Frage: Es sieht edel aus, das Eis wirkt darin! Es ist auch schön, es auswärts fast schon luxuriös serviert zu bekommen, doch ich Banause gestehe, daheim schmeckt mir Eis eigentlich viel besser aus Glasschälchen: Und darin lässt es sich auch ganz wunderbar anrichten.

Neue Karte, neues Geschirr … Bei der Gelegenheit wurden die Preise für Eis und Getränke gleich mit erhöht. Ein Aufwasch, und irgendwie müssen die Goldlöffel schließlich finanziert werden …
Fiiies. Ganz fies. Ich weiß. Wo doch auf Frische und Qualität geachtet wird und die Preise für Produkte wie Milch, Gewürze, Kakaobohnen, Erdnüsse, Pistazien u. a. angezogen haben. Sie wissen, gerade von diesem Zeug wird unheimlich viel in den Kaffee gemixt! Doch, doch …! Also, kein Wunder.
Zur Frische habe ich übrigens gelesen, sie wäre kaum zu übertreffen, da die verwendete „Abendmilch heimischer Kühe“ innerhalb von 20 Stunden verarbeitet wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Ich sollte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, es ist immerhin seit Jahren mein Stammcafé, auf das ich ansonsten nichts kommen lasse. Ich kann dort herrlich entspannen und werde äußerst zuvorkommend bedient. Die Eisqualität – vergessen Sie jegliche Geschirrlästerei  – ist wirklich gut, keine Farb- und Konservierungs-
stoffe, keine künstlichen Aromen, und es sieht alles oberappetitlich aus! Ich bin leider nur nicht der große Eisesser, jedenfalls kein Oft- oder Massenesser.
Wenn ich im Eiscafé netterweise hin und wieder kleine Proben neuer Sorten zum Testen bekomme, stelle ich fest, dass mir maximal dreimaliges Löffelabschlecken zusagt. Danach wird der Geschmack so durchdringend oder die Mischung ist derart exotisch, dass ich nie und nimmer eine ganze Kugel davon zu Ende schaffen würde. Ich bin eher der Stracciatella-Typ. Alle Jubeljahre eine Kugel, Tasse Kaffee dazu und beides mit Hochgenuss und ganz in Ruhe genießen.

Eissorten und Eiszusammenstellung haben sich im Laufe der Zeit mächtig verändert, oder? Es verblüfft mich immer wieder. Sagt Ihnen Fürst-Pückler-Eis noch etwas? Erdbeere, Vanille, Schokolade. Die Vielfalt in einem Block. Zum Portionieren für daheim oder als Fürst-Pückler-Becher im Eiscafé. Je eine Kugel jeder Sorte, auf Wunsch mit Sahne. Wäffelchen on top.

Die Eisbecher heute sind der Wahnsinn! Ob Optik, Vielfalt, Komposition oder Mengen! Das, was als kleine Portion bezeichnet wird, fällt immer noch üppig aus. Sie müssen wirklich grundsätzlich völlig ausgehungert erscheinen. Der Magen muss maximale Aufnahmefähigkeit vorweisen. Sonst kapitulieren sie einfach zu schnell.
Mich hat es deshalb sehr froh gestimmt zu sehen, dass es endlich die Möglichkeit gibt, nicht nur wie bisher notfalls einzelne Kugeln zu bestellen, sondern es lässt sich jetzt alternativ der eigene Eisbecher zusammen-
stellen – mit kleinsten Eismengen und einer ganz eigenen Auswahl an Beilagen. Zusammengerechnet kostet es – beim reinen Mengenvergleich – letztendlich mehr als der Standardbecher, ist dafür jedoch perfekt auf den einzelnen Geschmack und das persönliche Essvermögen abgestimmt. Dadurch, dass Sie tendenziell weniger nehmen, gleicht es sich beim Preis mehr als wieder aus.

Ich meine mich zu erinnern, dass damals zu Pückler-Eiszeiten eher die Eis-am-Stiel-Sorten ausgefallen waren. Fruchteis in quietschigen Farben, Finger-Eis, Milchspeiseeis gemischt, Eis mit nussigem Schokoladenüberzug, Eis zwischen Waffeln, Eis in Röhrenform, Eis eckig, Eis mit Karamellkern.
Das weiß-rot verquirlte Balla-Eis für Kinder in der Plastikform, die wie eine Eistüte aussah und in deren „Waffelspitze“ unten sich eine Kaugummikugel verbarg, war vermutlich das Verwegenste, was seinerzeit auf dem Markt war.

Und heutzutage? Heute schäumt man förmlich über vor Kreativität beim Stylen neuer Eisgeschmäcker. So ein Créateur de glace ist vielleicht auch etwas unter Druck oder Zugzwang angesichts der Konkurrenz und ständiger Innovationen auf dem Markt. Egal, was der Hauptanlass für die kühne Schaffensfreude ist, ich denke manchmal, wenn so einen beim Eis designen niemand bremst oder festhält, wird hemmungslos der halbe Kühlschrankinhalt in die neu angedachte Eissorte geworfen. Die Mischungen werden immer wilder, die Zugaben immer umfangreicher.

Heimisches Obst und exotische Früchte, verschiedene Soßen gleichzeitig (kalt oder heiß), Goldnuggets, Kokosraspel, Cookie-Crunch, selbst veritable Kuchenstücke finden sich zwischen den Eiskugeln! Heute baut man Schaumküsse und Knisterzeug ein, schwelgt in Sahne und verteilt verschwenderisch Schokolade. Weiß, hellbraun, dunkel, in Stücken, geraspelt, gehackt, geschmolzen, in Plättchenform und verziert als sogenannte Dekoraufleger und, und, und … .Krokant, Pistazien dürfen nicht fehlen, dazu begegnen Ihnen immer wieder Streusel, Marshmallows, After Eight, Waffeln, Amarettini und Fruchtgummi wie auch echte Blätter oder Alkohol der entweder direkt untergemengt wird oder alternativ separat in ein kleines Schokoschälchen, das oben auf dem Eis verstaut ist, eingefüllt wird.

Nachdem das alles zum Inhalt gehört, wird sich bei einigen Sorten noch zusätzlich mit Gewürzen und Kräutern ausgetobt. Salted Toffee Crunch, karamellig mit Kekstückchen, Salzlakritz mit Salmiaksauce, Erdnuss mit Chilischokolade, „mit leicht scharfem Abgang“, Orange-Ingwer mit Kokosnuss, Honig-Lavendel mit Zitrone und Rosmarin

Der Ideenreichtum ist wirklich enorm. Es ist nicht so, dass ich es nicht bewundern und anerkennen würde, was den Eisdesignern alles einfällt. Es endet bei mir nur leider stets damit, dass ich es probieren mag, aber schnell erschlagen werde von der Intensität des Geschmacks.
Manchmal kenne ich etwas als Kuchen, mag die Art, und wenn unter diesem Namen Eis herauskommt, klingt es verlockend und höchst essbar. Limone Cheesecake ist so ein Beispiel. Als Kuchen (Lemon Cheesecake) toll und sogar das nachempfundene Eis schmeckt mir im ersten Moment  – wie gesagt, bis zum maximal vierten Mal Schlecken. Danach brauche ich Wasser zum Neutralisieren. Und wer jetzt meint, es läge nur an der sauren Limone, man müsste halt eine andere Sorte, eine süßere, wählen – nein, mir zieht es genauso den Gaumen zusammen, wenn im Becher das Eis gleichzeitig mit Karamell-  und Nougatsauce getränkt wird. Womöglich auf sowieso gesüßter Schlagsahne. Wasser, bitte! Schnell!
Manchmal träume ich dann sehnsüchtig von Pellkartoffeln mit Quark.

Unter Ihnen sind bestimmt viele, die sehr gerne Eis essen. Auch die genannten Sorten und einen bunten Mix aus allem Möglichen. Lassen Sie es sich hier von mir nicht verderben oder ausreden! Andererseits wäre es auch recht aussichtslos, mich vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Jeder hat seinen eigenen Geschmack und soll es so genießen, wie es ihm am besten schmeckt. Vielfalt ist klasse – egal, um wen oder was es geht.
Ich geriet nur gerade darüber ins Rollen und konnte mich schlecht bremsen.

Von einer weiteren Neuerung möchte ich Ihnen zum Schluss noch erzählen. Es gibt mit der neuen Karte des Eiscafés ein geändertes Angebot für Kinder. Man hat ein Kindereis herausgenommen, die sympathische, auf dem Teller kriechende Schnecke. Schade, es war ein Eis, das sich idealerweise weder Jungen noch Mädchen zuordnen ließ, sondern beiden gleichermaßen gefiel und schmeckte.
Abgesehen von einem „Kinder-Burger“, bei dem Eiskugeln nach Wahl zwischen zwei Weichbrötchenhälften geklemmt werden und Fruchtgummisticks die Pommes markieren, gibt es nun die Eisteller „Prinzessin“ (rosa) und „Pirat“ (hellblau).
Nanu, Mädchen- und Jungeneis?
Sollte dieses „tpyisch Mädchen“ und „typisch Junge“ nicht in der Versenkung verschwinden? Ein Rückfall zu Klischees, zu Unterscheidung und Trennung? Hier lebt es jedenfalls gerade munter in Form von Miss-Pinky-Eis mit Kronenverzierung und rosa Marshmallows bzw. als Mr.-Knister-Eis mit Totenkopf–Piratensegel und Goldnuggets wieder auf.
Doch wissen Sie, was Mut macht? Ich habe jetzt schon zweimal erlebt, dass kleine Jungen partout das Eis „Prinzessin“ haben wollten. Die Eltern des einen Jungen haben mit keiner Wimper gezuckt und sofort das entsprechende Eis bestellt. Der Vater des anderen Jungen druckste ein klein wenig herum.

„Das rosa Eis ist eigentlich mehr für Mädchen. Guck, hier steht: „Prinzessin“. Das andere heißt „Pirat“ und ist für
Jungs. Willst du nicht das …?“

„Nein. Das schmeckt mir nicht. Ich mag kein blaues Eis.“
„Okay.“
Der Vater hat ihm das rosafarbene Miss-Pinky-Eis bestellt, jedoch unter Vermeidung des Wortes „Prinzessin“. Gegenüber der Bedienung hieß es nur:
„Ich hätte gern das Kindereis mit den Marshmallows und diesem Himbeerragout.“

Ragout?
Oh, die heutige feinere Bezeichnung für Kompott mit Stückchen …

After-Eight-Eis ist gestorben! Es musste zu Grabe getragen werden. In Ihrem Eiscafé oder Ihrer Eisdiele auch? Der Ersatz hier heißt Royal Minze. Sieht völlig anders aus, schmeckt auch anders. Der Grund, vor allem für die Umbenennung, ist, dass Eis nur dann weiterhin After-Eight-Eis genannt werden darf, wenn es von der Marke After Eight  produziert wurde bzw. wesentliche Bestandteile daraus sind. Das trifft auf eine Kugel Eis nicht zu. Wenn das Eiscafé jedoch einen Becher kreiert und oben in das Minzeeis ein Täfelchen After Eight hineinsteckt, dann darf das Werk After-Eight-Becher heißen.
Alles Feinheiten, die Sie aufschnappen, selbst wenn Sie – wie ich – einfach nur regelmäßig Ihren Kaffee dort trinken.

Feierabend für heute? Ja, oder? Ein schier unerschöpfliches Thema, doch es wird jetzt von mir auf Eis gelegt. Immer noch neugierig, hole ich allerdings meine Frage – jetzt etwas detaillierter – von ganz oben wieder hervor:

Was halten Sie denn von Geschirrkäufen direkt im Restaurant oder Café bzw. wie stehen Sie eigentlich zu extrem kreativ gemixten Eisbechern?
Oder wie sehen Sie das geschlechterspezifische Wiederaufgreifen der Farben Rosa und Hellblau, die Mädchen und Jungen zugeordneten Eissorten Miss Pinky bzw. Mr. Knister und eine so eindeutige namentliche Festlegung wie Prinzessin und Pirat?

So wie ich mich heute recht frei von der Leber weg geäußert habe, möchte ich auch Sie ermutigen, Ihre Ansichten dazu – die durchaus kontrovers sein dürfen – zu äußern. Es interessiert mich sehr!

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag! Bis zum Wiederlesen!

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©by Michèle Legrand, Juli 2018
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Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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39 Kommentare

Grade, Gabeln und Gordon

Kann es sein, dass wir uns schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen haben? Mir kommt es fast so vor …

Wie ist Ihnen denn unser vorzeitiger Hochsommer bisher bekommen? Damit, dass die Wärme so lange anhält, hat auch keiner gerechnet, oder? Ich werde mich hüten, mich über Sonnenschein zu beschweren, doch es war zwischendurch schon extrem heiß. Seit Wochenbeginn ist der Himmel über Hamburg etwas bedeckter, es bleibt kühler, was zwischendurch erholsam ist.
Dass diese Veränderung stattfindet, ist gewissermaßen auch logisch, denn morgen wird in meinem Bezirk für ein paar Wochen wieder der alljährliche „Sommerbeachclub“ eröffnet, was komischerweise stets schlechteres Wetter auslöst. Automatisch. Kaum stehen die Klappstühle im Sand parat, kaum wedeln die Palmen und diverse Cocktails warten auf Abnehmer, schon fällt das Thermometer. Und mit Vorliebe ist die Eröffnung obendrein der Startschuss für ausgiebige Regenfälle.

Nur, in unseren Breitengraden wochenlang ganz ohne Regen auszukommen – wie wir es bundesweit erlebt haben –, ist mehr als seltsam. Gerade bei Hitze! Wie schnell bei den konstant hohen Temperaturen mit brennender Mittagssonne aus grünem Gras braune Steppe wurde, hat man überall gesehen. Genauso das rasante Vertrocknen der Seitenstreifen entlang der Straßen oder das traurig Herabhängende in Anlagen, für
die sich keiner zuständig fühlt. Das meiste erholt sich zum Glück später wieder. Es müsste dazu nur regnen …

Bei mir im Garten kam ich wiederum gar nicht umhin zu gießen, denn speziell durch Umpflanzaktionen und Aussaaten hatte ich ein paar heikle Bereiche mit empfindlichen Kandidaten, die diese Dürre sonst nicht über-
lebt hätten.

Die Vögel kommen ständig zum Trinken, und täglich erscheint abends der Igel, nippt erst an der Vogeltränke und hält danach Ausschau nach Erdbeeren.
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Igel am Rande der Terrasse bei seinem abendlichen Streifzug ....
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Auf der Terrasse wächst eine Walderdbeere. Leider (für ihn) in einem höheren Topf, wodurch er nicht an die Früchte herankommt. Nun pflegt er entweder eine Art Teamwork mit den Amseln und frisst die Reste, die sie
ihm nach dem Picken davon am Boden zurücklassen, oder aber – der Kerl ist blitzgescheit! – er schubst mit Schwung den Topf an, so dass sehr reife Erdbeeren herunterfallen!
(Die Fotos sind in der Dämmerung aufgenommen, etwas aufgehellt, daher leider krisselig.)
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Igel in der Dämmerung zwischen Tontöpfen auf der Suche nach Nahrung ...
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Igel in der Dämmerung auf Erdbeersuche

Igel in der Dämmerung auf Erdbeersuche

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Am Freitag vor zwei Wochen fiel der ersehnte Regen. Der erste Niederschlag seit Anfang Mai! Ein kräftiger Landregen, in der Nacht gab es noch einmal Nachschlag. Heftig, so dass es über die Dachrinne hinausschoss, aber recht kurz. Zum Glück kein Unwetter mit umstürzenden Bäumen oder volllaufenden Kellern. Und weil es
so harmlos ausfiel und hochwillkommen war nach all den Wochen, wurde es auch von allen bejubelt.
Regen! Endlich!
Dass man sich darüber im sonst nassen Norden einmal freuen würde, kann man selbst kaum glauben.

Ich war noch während des Regens barfuß draußen im Gras. Die Vögel um mich herum im Gebüsch flippten aus vor Begeisterung, ihr euphorisches Gezwitscher nahm gar kein Ende. Das Laub sah toll aus! Die Blätter wirkten nicht mehr eingestaubt und schlapp, sondern wie frisch poliert, und sie richteten sich stolz auf. Zwei heiße Tage später lechzten sie allerdings bereits wieder nach Wasser.

Es war ungewohnt zu lesen, dass Urlauber, die ihre Ferien auf den Balearen oder in Kalifonien verbrachten, angesichts der dort vorherrschenden, wesentlich niedrigeren Temperaturen fast ein bisschen düpiert re-
agierten. Doch wenn man im nur mäßig temperierten, dicht bewölkten Palma de Mallorca erfahren muss, dass derweil im heimischen Ulm, Castrop-Rauxel, Neumünster, Erfurt oder Aurich entschieden molligere Zeiten herrschen und auch die Strände an Ost- und Nordsee mit Traumwetter locken, kann man die Reaktion nachvollziehen. Erstaunlich war für mich die Tatsache, dass selbst in Skandinavien schon im Mai diese Sommertemperaturen herrschten. Im wirklich hohen Norden!

Aber was wollte ich Ihnen eigentlich heute erzählen? Ich muss gestehen, in den Wochen der Hitze und mit weiterhin einigen familiären Sorgenmomenten hier daheim, war ich nicht unterwegs, und für längere Blogartikel fehlte sowieso die Muße.
Manchmal lande ich in solcher Situation am Abend bei Twitter. Hinterlasse dort eine kurze Bemerkung, poste ein Foto vom Tag, lese vielleicht auch nur ein paar Minuten mit. So etwas bekommt man selbst müde noch in
den Tagesplan geschoben und hat auf die Art nicht das Gefühl, man sei komplett abgeschnitten von allem. Angenehm, wenn man nach Lust und Laune aktiv werden kann, es aber nicht sein muss.
Nun schrieben mir kürzlich zwei Blogstammleser, sie wären selbst nicht bei Twitter und würden es vermissen, dass hier im Blog rechts auf der Startseite nicht mehr meine Tweets auftauchten. (Ich hatte die direkte Ver-
bindung zu Twitter aus Datenschutzgründen entfernt.) Das wäre – so hieß es weiter – sonst „immer so nett“ gewesen, dort mitzulesen.

Aus diesem Grund lasse ich den Nichttwitterern unter Ihnen heute eine kleine Auswahl spezieller Tweets hier – ohne dass Sie dafür Daten preisgeben müssen.

Sie können zum einen sehen, dass es bei Twitter einen kleinen Reimwettbewerb gibt, der unter dem Hashtag #reimbattle läuft. Vorgegeben werden drei Wörter, die in einem Gedicht unterzubringen sind. Auch wenn es nicht alle so eng sehen, ist es eigentlich der Ehrgeiz, einerseits mit der normalen, sehr begrenzten Tweetlänge auszukommen und andererseits dabei etwas halbwegs Sinnvolles zusammenzubasteln – was angesichts ungewöhnlicher Wörter und vor allem merkwürdiger Wortkombinationen nicht immer ganz einfach ist!

Für nachfolgenden Reim lautete die Vorgabe: Verwende die Begriffe Wunschbrunnen, Diät und Brillenband
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Gedicht Wunschbrunnen für Reimbattle Twitter

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Ein weiteres Mitmachprojekt von @ DasFotoprojekt läuft unter dem Hashtag #JedeWocheEinFoto. Jeden Sonntagabend um 20 Uhr wird ein Motto für die kommende Woche mitgeteilt. Begriffe wie Zukunft, Natur, Symbol, Nostalgie, Rückspiegel, Erinnerungen, zweckentfremdet u. v. m. werden fotografisch umgesetzt und in der laufenden Woche gepostet. Wichtig ist, dass es sich um neu erstellte Bilder, nicht um Archivaufnahmen handelt.
Letzte Woche gab es ein besonders reizvolles Thema, bei dem die Interaktion entsprechend hoch ausfiel.
Die Aufgabe lautete: Bilderrätsel!

Ich habe Ihnen meinen Tweet samt Foto zum Mitraten heute hier eingestellt. Haben Sie eine Idee?
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Bilderrätsel für Fotoprojekt Twitter (Gabelstapler)

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Und zum Abschluss möchte ich Ihnen noch den Tweet zu einem Anruf hinterlassen, den ich kürzlich erhielt. Vielleicht kennen Sie die gelegentlich etwas gebrochen Englisch sprechenden Herren, die manchmal vorgeben, im Auftrag von Microsoft/Windows anzurufen. Um Ihnen – fürsorglich wie sie sind – bei Computer- oder Sicherheitsproblemen zu helfen. Sie müssten bitte vorher nur kurz Ihr Passwort preisgeben …
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Gordon am Telefon - Tweet zu einem Phishing-Anruf
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Ach, all diese Gordons, Petes und Jims … Sie fallen nicht auf dieses dreiste Phishing herein, nicht wahr?

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Konnte der eventuell vorhandene Tweets-Hunger vorerst ein wenig gestillt werden? Ja? Das ist gut, denn ich müsste jetzt Feierabend machen für heute. Jedoch nicht, ohne Ihnen weiterhin schöne, sonnige, dabei jedoch nicht zu heiße Zeiten zu wünschen!
Vielleicht lesen wir uns bald wieder. Es würde mich freuen.

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© by Michèle Legrand, Juni 2018
Michèle Legrand

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Umgeplant – Heute: Von kleinen Dramen und Störfaktoren …

Sie ahnen gar nicht, wie anders als gedacht sich dieser Blogbeitrag gerade entwickelt hat. Was für ein inne-
res Kuddelmuddel zu Beginn … Von dem, was ich Ihnen ursprünglich heute zeigen wollte, ist rein gar nichts übriggeblieben. Nun – es wird demnächst nachgeholt.

Manche Dinge laufen doch recht eigenartig. Mehrfach in den letzten Tagen, im Prinzip wann immer ich mit der Absicht einen bestimmten Beitrag zu verfassen den Abstecher Richtung Laptop unternahm, merkte ich, dass genau in dem Moment mit Vorliebe Unvorhergesehenes eintrat. Ablenkungen unterschiedlichster Art traten auf. Unverdrossen und äußerst diszipliniert hielt ich zunächst trotzdem an meinem Vorhaben und dem ursprüng-
lichen Textplan fest, nur um festzustellen, dass es unter solchen Bedingungen weder mit dem Schreiben lief noch ich irgendwie Ruhe fand, mir die dazugehörigen Fotos näher vorzunehmen.

Vor einer Stunde setzte ich mich in wirklich bester Absicht an die Tastatur. stöberte in meinem immerhin
schon zusammengetragenen Material. Stocherte im Gedächtnis. Spornte mich mittelprächtig an!
(So, nun komm mal zu Potte! Der geplante Beitrag, Mädel!)
Ja, ja. Nur … Mittlerweile ist der Mensch, bin ich (!), schon automatisch auf Unterbrechung gepolt!
(Kann ja gar nicht anders sein. Nach den Erfahrungen.)
Weg waren die Textideen, der innere Leitfaden, die Konzentration auf genau die eine Sache. Stattdessen gingen mir ein paar der Vorkommnisse, dieser Störfaktoren, durch den Kopf. Und was soll ich Ihnen sagen, damit klappte ein Gedankenfluss entschieden besser! Da flutschten die Titelzeilen mit einem Mal nur so heraus! „Feuerbrunst“, „Angriff in der Nacht“,  „Blutfeudeln“,  „Tödlicher Pilz“. Gut, das klingt durchweg recht dramatisch. Nehmen wir etwas Harmloses wie „Ungewöhnliches Briefdepot“ noch mit hinzu. Tausend Dinge hätte ich mit einem Mal schreiben können …
Immer wieder erstaunlich, was im Kopf weiterhin beschäftigt – selbst wenn der entsprechende Vorfall bereits hinter einem liegt. An diesem Punkt vorhin dachte ich noch, es wäre ein klasse Trick zur Selbstüberlistung. Da das Zeug aus dem Kopf wollte und via Finger flott in die Tasten wanderte, schien es eine nette Lockerungs-
möglichkeit für den späteren, eigentlichen Beitrag.
Tja, der Plan hat nur bedingt funktioniert. Ich kann nicht meckern, der Schreibfluss ist nun im Gang – allerdings habe ich dummerweise jetzt keine Zeit mehr, das andere auch noch zu schreiben …

Ich hinterlasse Ihnen jedoch gern, was eben willig floss. Vielleicht können Sie aus eigenem Erleben nach-
empfinden, dass einige Vorkommnisse – sogar wenn sie auf Nebenschauplätzen stattfinden – manchmal Platz in den Gedanken fordern. Ich stelle mir vor, dass dabei irgendwie wichtige Areale im Gehirn okkupiert werden. In einer Windung hockt wahrscheinlich irgendein Männeken und bremst mich aus. Torpediert, sich in Fäustchen lachend, meine Pläne. Lenkt stattdessen hartnäckig in eine neue Gedankenrichtung. Gelegentlich boxe ich mich ein Weilchen mit dem, manchmal gebe ich ihm nach. So wie heute. Nur diese neue Richtung präsentiert sich keinesfalls als schnurgerader (Gedanken)Fluss. Es ist eher ein Flussdelta mit mehreren Mündungsarmen …

„Er ist am Teppichläufer im Flur hängengeblieben … An den Türrahmen gekracht … Eisernes Gestell … getroffen … Kopf … Überall Blut …. Arme aufgeschlagen … Krankenwagen …  Platzwunde nähen …  Sie behalten ihn noch im Krankenhaus …“

Das war in Stichworten das, was mir meine Mutter – mit leichter Verspätung, als das Drama schon seinen Lauf genommen hatte und erste Hilfe da gewesen war – erzählte. Meinen Stiefpapa hat es arg erwischt. Und das im Alter von 90 Jahren. Leider sind die nun entstandenen offenen Wunden nicht das einzige, was Probleme verursacht, wahrscheinlich sogar eher das kleinere, vergänglichere Übel. Immerhin ist er inzwischen wieder zu Hause.

Kurz danach. Die ganze Aufregung hat meiner Mutter enorm zugesetzt. Ausgerechnet jetzt wird sie in der Nacht von einer Wespe attackiert. Im Schlaf! Die Wespe sticht sie am Hals (außen) und legt ganz dreist sogar noch einmal nach!
Ich bin stinksauer auf das Biest, denn mit Furcht vor Angriff und reiner Verteidigungsmaßnahme kann es sich wirklich nicht herausreden. Das Schlimme – meine Mutter reagiert darauf allergisch. Monströse Beule, Schwellungen insgesamt, Atembeschwerden. Herzprobleme. Besuch beim Arzt. Der schaut bedenklich und verordnet fünf Tage Cortison sowie ein Antiallergikum. Das Cortison verursacht neue Beschwerden, löst Fieber bis 40 °C aus und legt den Kreislauf lahm. Das Mittel hilft jedoch im Hinblick auf den Stich.
Auch sie ist nun wieder auf dem Wege der Besserung, es schlaucht nur alles ungemein.

Als nächstes ereignete sich am letzten Freitag ein mir haften bleibendes Ereignis. Als ich im Garten zugange war, hörte ich gegen 18 Uhr von der Straße her eine aufgeregte Stimme rufen:
„Es qualmt, Sie müssen raus aus dem Wagen! Da brennt was!“
Die Szene spielte sich nicht in meiner Sackgasse, sondern ein paar Meter weiter um die Ecke in der „Hauptstraße“ am Bahnübergang vor verschlossener Schranke ab. Mehrere Autos warteten davor, teils mit laufendem Motor. Die leichte Qualmentwicklung, noch sehr hell, sah ich sogar von meinem Garten aus, denn
er stieg über die Hecke. Der PKW selbst war so nicht direkt im Blickfeld.
Es folgte Türenschlagen. Allein die Geräusche gaben Aufschluss darüber, dass jetzt die restlichen in der Schlange Wartenden versuchten, sich und ihre Autos aus der Gefahrenzone zu bringen. Allgemeines Anfahren, Rangieren, Wenden, Wegfahren.
Und während ich noch überlegte, ob ich zwecks möglicherweise erforderlicher Hilfeleistung dort hin sollte, wurde kurz darauf aus dem lauten Dialog zwischen Fußgängern, die ebenfalls an der geschlossenen Schranke standen, klar, dass einer von ihnen das Alarmieren der Feuerwehr übernahm und sich keiner mehr in dem betroffenen Fahrzeug befand.
Es vergingen nach dem Warnruf und den ersten Qualmanzeichen nur zwei, höchstens drei Minuten, bis die ersten richtigen Flammen emporschlugen! So hoch, dass selbst ich das Feuer sehen konnte.
Sie glauben nicht, wie schnell ein PKW brennt! Wie schnell sich der Brand ausbreitet! Sollten Sie je bemerken, dass es verkokelt riecht und es irgendwo an Ihrem Wagen qualmt, sehen Sie zu, dass Sie anhalten, heraus-
kommen und Abstand gewinnen! Sie können nicht mehr viel machen, außer Sie haben den Feuerlöscher quasi schon in der Hand.
Nach fünf Minuten hatte das Feuer den Wagen komplett erfasst. Er brannte lichterloh, die Innenausstattung scheint wie Zunder zu wirken. Nicht zu reden von der Tankfüllung … Es sollte in dem Moment keiner dorthin, nur „um das alles mal aus der Nähe zu filmen“ – wie hier einer der Passanten meinte und kurz danach stolz hinzufügte, er wäre der erste gewesen, der es bei FB gepostet hätte.

Die Feuerwehr ließ ein bisschen auf sich warten. Doch es herrscht dichter Verkehr um diese Zeit, und vielleicht wählte sie den Umweg außen herum über eine Brücke, um so über die Gleise zu gelangen und nicht am Ende von der geschlossenen Schranke gestoppt zu werden.
Irgendwann knallte es heftig, was bewirkte, dass bis dahin relativ leichtsinnige Passanten doch etwas eingeschüchtert zusahen, dass sie ihren Abstand vergrößerten. Wenn der Tank explodiert … Da das Knallen sich wiederholte und insgesamt viermal in recht kurzem Abstand erfolgte, vermute ich eher, dass es die Reifen waren. Nach dem weißen Qualm und den folgenden hohen Flammen, stiegen nun pechschwarze, nach Gummi stinkende Rauchschwaden auf.

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Rauchwolke durch Autobrand (schwarze Rauchschwaden nachdem auch Reifengummi brannte)
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Kurz darauf war von dem Wagen lediglich die Karosserie übrig. Ein auf dem Parkstreifen am Straßenrand parkendes Auto erlitt leichte Schäden durch die Nähe zur Glut. Der in diesem Extremhitzebereich aufgehängte rote Kunststoffmülleimer wurde angesengt und hängt seitdem mit rußgeschwärzter Rückseite am Haltepfahl.
Die Feuerwehr hatte das Restfeuer schnell im Griff, brauchte aber geraume Zeit, um auch die Straße wieder von sämtlichen Hinterlassenschaften (Öl, Benzin, Gummireste etc.) zu säubern. Bis zum Abschluss blieb alles von der Polizei abgeriegelt.

Eine ziemliche Aufregung für den Fahrzeughalter, aber auch andere Anwesende an diesem Abend. Und für die Nachbarschaft. Einige Anwohner standen draußen im Gespräch und verfolgten den Feuerwehreinsatz.
Ich bin sehr froh, dass keiner verletzt wurde. Ein Bekannter hatte vor einiger Zeit einen ähnlichen, auch völlig überraschenden Brand. Er kam zuerst nicht aus seinem Auto! Die Zentralverriegelung wurde bei dem Wagen kurz nach Fahrtbeginn immer automatisch aktiviert. Nur nach Ausbruch des Feuers ging sie nicht mehr auf! Er hat es dann doch noch geschafft, aber …Uiuiui!

Ich habe bei mir im Haus relativ kurz nach dem Vorfall Wasser ins Waschbecken laufen lassen und dabei festgestellt, dass es braun war. Da das einzige Ungewöhnliche der Feuerwehreinsatz zuvor gewesen war und die Feuerwehrleute die Leitungen anzapfen mussten, um Löschwasser zu bekommen, wird wohl darin die Ursache liegen. Eine Stunde später – nachdem sicher weitere Personen aus den Nachbarhäusern Wasser verwendet hatten – lief es wieder klar aus dem Hahn.

Apropos braun. Eine Sache im Garten macht mir gerade erheblich Kummer. Und zusätzliche Umstände natürlich gleich mit. Ich habe es hier mit einem Triebsterben an Gehölzen zu tun. Ein mieser Pilz macht sich breit, der die Leitungsbahnen der Pflanzen verstopft. Ich gehe schwer davon aus, es handelt sich um Verticillium. Er dringt über die Wurzeln ein und legt nach und nach das ganze Gewächs lahm. Vor ein paar Jahren beobachtete ich es zunächst an einem einzelnen Ast eines Baumes. Dort ließ es sich durch Aussägen sowie eine Gabe organi-
schen Düngers zur Stärkung der Abwehrkräfte stoppen, und danach vermied bisher sorgfältiges Desinfizieren der Werkzeuge, dass zumindest auf diese Art etwas auf andere Pflanzen übertragen wurde. Nur was der Pilz im Erdreich treibt …
In der Nachbarschaft hatte die Erscheinung zugenommen und hier bei mir in diesem Jahr ebenfalls. Massiv! Man sieht es jetzt, weil der Frühjahrsaustrieb ausbleibt. Meine wilde Hecke sieht schlimm aus. Alles wirkt wie verdorrt. Mein Japanischer Ahorn mit den schönen Blättern und der traumhaften Rotfärbung im Herbst geht wohl auch ein. Sehr traurig … Es macht nun einige Mühe, alles Betroffene im Garten zu entfernen. Auszusägen, klein zu bekommen und zu entsorgen.

Aber wissen Sie, was mich erheitert hat? Als ich heute hereinkam, sprach mich mein Mann etwas irritiert an, warum ich denn die Post in den Kühlschrank legen würde.
Ich stutzte kurz. Bitte? Oh – ja, klar! Ich habe einen braunen Umschlag dort deponiert. Einen kleinen, leicht gepolsterten. Er enthält ein Samentütchen mit Kaltkeimern, die gern noch einmal zehn Tage frösteln möchten, bevor sie direkt ins Freiland gesät werden. Der Gemahl konnte beruhigt werden. Die Gattin ist doch noch nicht schusselig.

So, ich glaube, das waren sie, die Störfaktoren, die fürs Abschweifen der Gedanken sorgten.

Nein, Moment, eine Sache geht mir weiterhin durch den Kopf! Ich erhielt einen Telefonanruf, nachmittags, während ich mit dem Gemahl beim Tee auf der Couch saß. Ein mir unbekannter Herr meldete sich. Fragte, ob ich Aktaufnahmen machen würde. Soweit ich das verstanden habe, sollte ich ihn fotografieren. Im Nachhinein bin ich aber nicht mehr sicher, es kann auch andersherum gedacht gewesen sein. Perplex hörte ich zunächst zu und fragte dann:
„Wie kommen Sie denn darauf, dass ich Aktaufnahmen mache?“
Mein Mann schaute verblüfft auf und bekam augenblicklich spitze Ohren.
„Durchs Internet …“
Wir haben das Gespräch nicht weiter vertieft, ich habe verneint und abgesagt, nur ich frage mich bis jetzt, was um alles in der Welt Anlass für diese Annahme gewesen sein könnte.

Schluss für heute. Beim nächsten Mal geht’s hier definitiv zum Galgenmoor! (Das heißt wirklich so.)
Mit Fotos. Ohne Akt.
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Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag!

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©by Michèle Legrand, Mai 2018
Michèle Legrand

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Verschluckt, verbannt, verschoben …

Ein Hallo zum Wochenende an Sie! Heute gibt es ein kleines Lebenszeichen, denn die Wochen flitzen nur so dahin, und was den Blog angeht, herrscht hier gerade – zumindest nach außen hin – völlige Ruhe. Tatsächlich? Ruhe? Generelle Inaktivität? Oh, das täuscht …

Verschluckt …

Das Gegenteil ist der Fall! Ich bin blogtechnisch und anderweitig hinlänglich beschäftigt. Kürzlich das Osterfest mit allem Drumherum, noch davor ein Geburtstag in der Familie, allgemein diverse Verpflichtungen nebenher sowie die obligatorische Rutsche Behördenkram. Besonders Letzteres ist zeit-rau-bend!

Als die ersten warmen Tage endlich starteten, wurde ich sofort vom Garten verschluckt (und bisher nicht wieder ausgespuckt). Ich will nicht behaupten, dass ich in der letzten Saison nichts darin getan hätte, doch die familiären Umstände machten es schwierig, Zeit und manchmal auch genügend Kraft abzuzweigen. Gleichzeitig förderte die einerseits sommerlose, dennoch milde und nasse Witterung ein extrem flottes Wachstum. Ideale Urwaldenstehungsbedingungen. Ich kam mit dem im Zaum halten in den Monaten so gerade hinterher. Viel zu-
sätzliche Hege und Pflege, etwas restaurieren oder sonstwie richten und verschönern war einfach nicht drin.

Folglich schreit der Garten in diesem Frühjahr förmlich nach Aufmerksamkeit. Ich möchte neben dem Aussägen, Ausschneiden und dem generellen Ordnung schaffen nach dem Winter einfach wieder Grund in ein paar Beete und Pflanzungen hineinbekommen. Stauden teilen und neu setzen, einen Hang durch leichtes Terrassieren abfangen, Granitsteine neu verlegen, die der Maulwurf hochgedrückt hat. Dazu Schäden ausbessern, die durch ein paar Maßnahmen im Winter entstanden sind und so einiges mehr.
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Gehölzschnitt

Gehölzschnitt bei noch kaltem Wetter …

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Gehölzschnitt

Gehölzschnitt – Ein paar Tage später, als die Sonne schien (wesentlich angenehmer!)

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Da hier durch den von der Stadt gepflegten, immer intensiver ausfallenden Abholztrip sowie den Bau einer Lärmschutzwand entlang der Bahnstrecke der Insektenbestand spürbar zurückgegangen ist, möchte ich als minimalen Ausgleich zumindest das Angebot im eigenen Garten durch Pflanzung ein paar besonders insekten-
freundlicher Gewächse erweitern. Platzmäßig bin ich eher beschränkt, so dass Bäume und zusätzliche große einheimische Gehölze nicht in Frage kommen. Doch auch weitere kleinere Sträucher, (Wild-)Stauden und Kräuter bringen in dieser Hinsicht einiges.
Ich habe bisher etwa 72 Stunden im Garten verbracht. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Insofern fehlt mir dadurch schon Zeit für die Bloggerei.
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C-Falter (orange mit dunklen Tupfen) auf der weiß blühenden Schneeheide

Netter Besuch bei der Gartenarbeit: Ein C-Falter auf der Schneeheide …

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Quittenblüten

Hervorgelockt durch den Sonnenschein: Quittenblüten

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Verbannt …

Der zweite Grund für Schreibzeitnot ist die Ende Mai in Kraft tretende neue Datenschutzgrundverordnung, die
ja nicht nur Unternehmen, sondern durchaus auch Blogger betrifft. Ich habe viel recherchiert. An Regentagen oder bei Dunkelheit, sobald der Garten mir Freigang gewährte. Dieses Informationen beschaffen und auswerten ist das Zeitaufwändigste an der ganzen Sache!
Ich will Sie als Leser nicht mit Details nerven, erwähne das Thema jedoch, weil es hier im Blog Veränderungen mit sich bringt bzw. bereits gebracht hat, die Ihnen vielleicht auffielen und die Sie betreffen könnten.

Da es zum einen (sehr löblich) um den Schutz Ihrer Daten geht und ich mir zum anderen (sehr verständlich) zukünftigen Ärger gern ersparen will, werde ich als Konsequenz nicht nur meine Datenschutzerklärung in einigen Punkten erweitern und anpassen, sondern habe rigoros einige Dinge verbannt, die hinsichtlich Datenzugriff und -speicherung zumindest als fragwürdig angesehen werden:

1)
Der Button  Folgen per Mail  ist verschwunden. Falls Sie bisher allein auf diese Art Ihre Benachrichtigung über neue Blogbeiträge erhielten, könnte es sein, dass diese jetzt – auch bei bereits bestehenden Abonnements – ausbleibt.
2)
Die Twitter-Timeline rechts in der Spalte gibt es nicht mehr. Wenn Sie bei Twitter aktiv sind, folgen Sie mir dort doch gern direkt. (Michèle Legrand, @ ladyfromhamburg)
3)
Um die 70 eigene Audioboos (Hördateien, Texte spontan/ohne Skript) aus den ersten Blogjahren, die lange Zeit über die öffentlichen Links von Drittanbietern (SugarSync, Audioboom) abspielbar waren, sind herausgenommen.
Einige verbliebene Podcasts (gesprochene Versionen der geschriebenen Beiträge) werden wahrscheinlich ebenso entfernt.
Dementsprechend verschwunden sind die entsprechenden Kategorien.
4)
Direkte Links zu You Tube und zu Facebook (Videoverlinkungen, eigene und fremde) wurden deaktiviert und so geändert, dass Sie (leicht korrigiert) kopiert werden können. Die Plattformen werden fortan von Ihnen jedoch separat angesteuert. Das heißt, es werden keine Daten mehr untereinander von einer Stelle zur nächsten weitergegeben.
5)
Die App Gravatar wurde deaktiviert (Nichtsdestotrotz erscheinen die Avatare bisher.)
6)
Weitere Punkte wie die Datensituation bei Kommentaren, Google Translate u. a. nehme ich in Kürze in die Datenschutzerklärung auf.

Soweit die Information zu diesem leidigen Thema. Ich hoffe, dass Sie dadurch in Zukunft nicht vergeblich nach evtl. Entferntem suchen …

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Verschoben …

Verschoben auf einen späteren Zeitpunkt sind daher momentan eigene Vorhaben, die hier sonst üblicherweise Stoff und Fotomaterial für einen Blogbeitrag über Hamburg, Natur/Botanik, Geschichte, Erlebnisse, Erkundungen  etc. liefern. Sobald etwas mehr Luft bleibt, geht es jedoch in gewohnter Weise weiter.
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Ganz ohne einen kleinen Eindruck von draußen, aus dem Garten bzw. der unmittelbaren Umgebung, soll es dennoch nicht enden.
Schauen Sie, dieser Igel tauchte tatsächlich am helllichten Vormittag zur Futtersuche auf. Hat er trübes Tages-
licht für die Dämmerung gehalten? Oder machte ihm die Umstellung auf die Sommerzeit zu schaffen? Man weiß es nicht …
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Igel am hellichten Tag auf Futtersuche, von vorne

Seltener Tagesgast: Igel auf Futtersuche

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… und dieser seit einiger Zeit Entenyoga betreibende Erpel demonstrierte seiner Partnerin eine neu erlernte Entspannungsübung (die sie allerdings nur mäßig zu interessieren schien).
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Enten-Yoga mit Erpel (Stockentenpärchen am Ufer. Erpel legt Kopf und Hals beim Putzen zurück auf den Rücken, Schnabel senkrecht in die Höhe

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Das war es für den Moment. Ihnen einen schönen Sonntag und bis zum nächsten Mal!

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© by Michèle Legrand, April 2018
Michèle Legrand

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55 Kommentare

Quentin am Balkon …

Tja, nun hat uns das schmuddelige Regenschirmwetter wieder. Harmlos ist es ja zumindest im Vergleich zur Glätte vorgestern. Blitzeis! Nachdem sich die Wetterlage enorm schnell änderte! Schon eigenartig: Erst herrscht tagelang sibirische Kälte. Von dieser Eiszeit geht es etwas untypisch bereits während der Nacht über
zu deutlich „milderen“ Minusgraden, um am Morgen den Gefrierpunkt zu knacken. 0 Grad. Wie abgesprochen macht sich gerade dann von oben aus wärmeren Schichten Nässe auf den Weg nach unten und fällt auf den steinhart gefrorenen Boden. Zack! Schon lag er da, der Eispanzer. Höllisch glatt!

Es war vorhersehbar, es wurde vorgewarnt. Auf den Straßen drehte die Stadtreinigung deshalb sogar prophylaktisch schon vorab in der Nacht zu Montag ihre Runden. Sie streute großflächig und in höherer Dosierung Salz. Aber die Gehwege und Plätze! Eine Katastrophe! Es wurde ein riskanter Eiertanz, den viele
mit Verletzungen bei Stürzen bezahlten. Dazu Probleme für Bahnreisende, vereiste Autos, für Fußgänger teilweise sogar unzugängliche Bereiche aufgrund des dort herrschenden Gefälles. Rutschbahn pur.

Das Erstaunliche an der ganzen Sache jedoch war, wie es weiterging: Tagelang schien die Temperatur im Minusbereich wie festgenagelt. Keine nennenswerten Ausschläge. Doch am Montag konnten Sie ab 8 Uhr am Thermometer verfolgen, wie sich die Luft plötzlich im Stundentakt um gleich zwei Grad erwärmte. Zwischen neun und zehn Grad pendelte es sich am Mittag ein. Im Schatten, wohlgemerkt. Das hieß, das Blitzeisproblem hatte sich bereits vor 11 Uhr komplett auf natürliche Art erledigt. Auch an Stellen, für die sich – was das Streuen anging – keiner zuständig fühlte. Die Sonne half zusätzlich mit, dass sich die Schlittschuhbahn trotz kalten Untergrundes in Wohlgefallen auflösen konnte.
In den Seitenstraßen, in denen sich Schnee über die Tage wesentlich besser gehalten hatte, als entlang der Hauptverkehrsadern, schmolz nicht nur das Eis, sondern im Rekordtempo taute auch gleich all das an den Rand geschippte Weiß mit weg. Dort lief das Wasser in Bächen.

Haben Sie mitbekommen, welche Begriffe bei unseren europäischen Nachbarn für das Phänomen extreme Kälte mit Schneechaos herhalten mussten? Ich  las am Donnerstag vergangener Woche, dass man in Holland vom „Siberischen Bär“ sprach. In Schweden hieß es „Snow Cannon“,  bei den Franzosen wurde die Hauptstadt zu “Moskau-Paris”. Frost und Schnee vom Schwarzen Meer bis ins spanische Katalonien, ebenso auf Korsika, in Biarritz oder auch in Neapel. Dort fiel seit 1956 nicht mehr derart viel Schnee. Die Briten raunten, bei ihnen wüte „The Beast from the East“. Doch was sagten die Finnen, als sie aus dem Fenster schauten? „Oh, Donnerstag.

Momentan hat Grün das Winterweiß abgelöst, dazu Sonnenschein – ein völlig anderer Anblick! Ein Umstand, der meinen Körperthermostat am Montag etwas durcheinander brachte. Der streckte aufgrund der üppigen Temperaturschwankungen nicht nur alle Viere von sich, sondern fühlte sich zusätzlich optisch genarrt. Hielt das linde Lüftchen für eine Sommerbrise.
Tatsächlich hatte man sich mittlerweile derart an den beißenden Frost gewöhnt, dass ein paar läppische Plus-
grade ausreichten, um Hitzewallungen zu verursachen. Ich hätte meine Jacke von mir werfen können, habe es nur aus Vernunftgründen unterlassen.
Ich hoffe, mein Körper und ich gehen bald wieder mit den Temperaturen konform, doch ich vermute, just in dem Moment, in dem ich mich akklimatisiert habe, erfolgt die Rückkehr des Winters.

Ob nun Blitzeis oder gemächlich entstandenes Glatteis, beides wirkt wenig anziehend.  Eiszapfen oder Eis-
skulpturen
hingegen, die die Natur im Winter unter geeigneten Bedingungen sehr phantasievoll kreiiert, üben eine Riesenfaszination aus. Eisblumen am Fenster, Eiskunstwerke an Pflanzen, gefrorene Formationen an Uferrändern, Zapfen an Dachrinnen, an Straßenlaternen, selbst an Autos!
Und wissen Sie, was ich verblüfft festgestellt habe, als ich bei mir auf der Terrasse lediglich für die Vögel neues Futter bereitstellen wollte? Ich habe solche kleinen Naturwunder direkt im eigenen Garten!

Bei mir bildeten sich die Kunstwerke gleich über mehrere Etagen durch eine Art Dominoeffekt. Vom Dach rutschte Schnee in die Dachrinne und eine dicke Flockenschicht setzte sich auf die diversen Querstreben
des Balkongeländers. Wenn die Sonne am Tag schien, setzte das Tauen ein und mit ihm Getropfe. Von der Dachrinne ins Geäst einer daneben rankenden Kletterrose, vom Balkongeländer in den teils wintergrünen Liguster darunter. Mit jedem Tauen und Tropfen veränderten sich die Figuren.

Zu Beginn schienen alle Figuren noch mehr aus harschem Schnee denn aus Eis zu sein. Weiße Knubbel auf dem Geländer …
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Knubbeleis - weißes Schnee-/Eisgebilde auf einem Geländer.
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Unter Einfluss von Sonne taute anfangs nur die Oberfläche an, doch immer mehr Schneekristalle schmolzen, das Wasser verlief, um gleich darauf wieder zu erstarren. Mit einem Mal wirkte der Körper gläsern.
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Eis am Geländer - milchig-gläserene, säulenartige Skulptur
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Ein recht luftig-leicht daherkommendes Gehänge in der Kletterrose …

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Eisgehänge an der Kletterrose
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Im Liguster entstand eine regelrechte Tropfsteinhöhle. Die Eiszapfen hingen dicht gedrängt herab wie sonst Stalaktiten von der Höhlendecke …
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Tropfsteinhöhle im Garten - Eiszapfen, die wie Stalaktiten von der Decke einer Tropfsteinhöhle hängen. Hier aber im Ligusterstrauch
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Nicht nur Zapfen, dazwischen sind einzelne Blätter vom Eis umhüllt …  eingeschlossen wie in einer Blase …
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Ligusterblätter umeist - Eiszapfen und Eisblasen rund um Ligusterlaub
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Das ist Esmeralda, dort obenauf. Ein langbeiniges, heuschreckenartigs Insekt. Oder eine Gemse, die den Gipfel erklommen hat?
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Eisgebilde mit Eisinsekt obenauf
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(Kurz danach tropfte es erneut, von oben bis unten verlief alles. Die Teile verbanden sich miteinander. Das brachte die Umwandlung zur Giraffe mit sich.)
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Das Eisgehänge links an der Gartenhütte würde ich als sogenannten Fake-Eiszapfen bezeichnen. Aus der Distanz echt wirkend …
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Eiszapfen an der Hütte
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… bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings das wahre Innenleben. Die Kette hat Hilfestellung geleistet.

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Eiszapfengebilde an einer herabhängenden Kette
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Und schließlich war da noch Quentin am Balkon, den ich mehrfach besucht habe. Solange er lebte …
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Eiszapfenzeit - Quentin am Balkon (mannähnliches Eisgebilde, das sich an einem Geländer bildete)
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Vergängliche Kunst. Mittlerweile ist alles wieder verschwunden. Nun bin ich sehr gespannt, wie der März weitergeht. Ich sehe im Netz bereits den Wechsel zu Frühlingsbildern und muss Sie vorwarnen: Bei mir wird es höchstwahrscheinlich auch noch im nächsten Post winterlich zugehen. Ich würde Ihnen nämlich gern frostige Aufnahmen vom Elbufer zeigen. Demnächst an dieser Stelle.
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Für heute möchte ich mich verabschieden, aber falls Sie Eiskunstwerke auch faszinieren und Sie Lust auf Eislilien haben, dann schauen Sie doch einmal bei meinem Schweizer Bloggerkollegen Michael Schneider  (Michael’s Beers & Beans / PhotoLyric Blogger)  herein. Der hat absolute Schönheiten am Bodensee entdeckt und fotografiert! Sein Blog ist generell überaus lesens- und anschauenswert!

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©by Michèle Legrand, März 2018
Michèle Legrand

 

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