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Kolosskippen …

Ich war eben im T-Shirt draußen. Im Norden! Mitte Oktober! „Ophelia“ über dem Atlantik sorgt tatsächlich gerade  dafür, dass ungewöhnlich laue Mittelmeerluft selbst bis hinauf zu mir und weiter nach Schleswig-Holstein vordringt. Während der Hurrikan heranzieht, die Iren sorgenvoll besonders den Süden ihrer Insel im Auge be-
halten und das, was da näher rückt, speziell auch an der portugiesischen Küste Unruhe aufkommen lässt, genießen wir diesmal den vorteilhaften Nebeneffekt der frühlingshaften Temperaturen. Sogar die Sonne, die sich zuletzt reichlich rar gemacht hatte, lässt sich wieder sehen.

„Xavier“, vor etwa zehn Tagen, hat sich dafür ordentlich ausgetobt. Kurz, kräftig, krawallig. Seine Attacken erfolgten statt flächendeckend eher punktuell, nur dort richtig massiv. Er hat Schneisen geschlagen. Seine Windhosen vorgeführt. Orkanböen in Nullkommanichts aus dem Ärmel geschüttelt. Hossa! Hier bin ich! – Zack! Nein, hier! – Wende. Zwusssssch!
Sie habe es sicher mitbekommen, in Norddeutschland kam der Bahnverkehr komplett zum Erliegen. Obwohl der Sturm nicht mehr als zwei Stunden randalierte! Es ging – was außergewöhnlich und selten ist – aufgrund seiner Unberechenbarkeit die ernste Warnung heraus, sein Haus nicht zu verlassen.
Ich hoffe, es ist bei Ihnen glimpflich verlaufen. Alle unversehrt? Die Bäume noch an ihrem Platz?

Als ich am nächsten Tag durch mein Wohnviertel ging, sah es stellenweise wüst aus. Wären die Bäume schon laubfrei gewesen, hätte „Xavier“ wesentlich weniger Angriffsfläche gehabt. Die Folgen seines Wütens wären sicher geringer ausgefallen. So hat er jedoch einige alte, große Bäume mühelos flachgelegt. Was nicht Tief- oder vielleicht noch Herzwurzler war, hatte ganz schlechte Karten. Fichten, Douglasien, Birken, Grauerlen, Hainbuchen oder auch z. B. Apfelbäume wurden als Flachwurzler mühelos angehoben und entwurzelt. Wo-
anders brachen beachtliche Teile aus Baumkronenmitten heraus, was manchmal sogar die Spaltung eines Stammes nach sich zog.
Auf allen Straßen, sämtlichen Gehwegen und in Einfahrten lag Geäst. Dicht an dicht. Von klein bis mittelgroß, mit oder ohne Laub. Auf dem Boden Blättermassen. Teilweise kompakte Schichten, wo Nässe den zunächst losen Teppich verklebte. Viele Siele waren kurzzeitig verstopft, die entstandenen Pfützen auf den Straßen beachtlich.

Inzwischen wurde fast alles geräumt und entsorgt. Gerade die Deutsche Bahn hatte natürlich sofort Trupps losgeschickt, damit die Gleisstrecken wieder befahrbar wurden. Angesichts der vielen Streckenkilometer und diversen Einsatzorte eine nicht ganz einfache Sache. Irgendwann fehlen einem schlichtweg die Leute. Für die Straßen beschloss die Hamburger Stadtreinigung kurzerhand, zusätzlich zum Sturmeinsatz die jährlich fix geplante Herbstlaubentfernung terminlich eine Woche vorzuverlegen, um so der ganzen Sache schneller Herr zu werden.

Die Behörden warnen immer davor, direkt nach einem solchen Sturm Parks aufzusuchen oder in den Wald
zu gehen. Der Grund ist klar, es kann immer noch etwas von oben heruntergerasselt kommen. Herausge-
brochenes, das sich anfangs im Geäst verfangen hat – oder es kann ein Baum in seiner Standfestigkeit erschüttert sein, der nun beim nächsten kleinen Lüftchen doch noch kippt. Etwas ganz Ähnliches ist bei uns im Garten vor einer Reihe von Jahren passiert!

In einer Ecke an der Grundstücksgrenze wuchs auf unserer Seite eine Traubenkirsche (Prunus padus).
Ein Gehölz mit recht dunklem Stamm und Geäst und mit schönem, kräftig grünem Laub, das erfreulich früh austreibt. Obendrein blüht die Traubenkirsche traumhaft! Ende April bis in den Mai hinein zeigt sie sich in Weiß. Dann stehen Millionen kleiner Einzelblüten dicht an dicht, bilden immer in gewisser Zahl eine Art Traube und diese kleinen Einzelwölkchen lassen wiederum trotz Masse alles sehr luftig und zart wirken. Es duftet dezent und ungemein angenehm. Gleichzeitig sind die Blüten beliebt bei Insekten. Auch im weiteren Verlauf des Jahres sind ständig Vögel, Schmetterlinge und Insekten in der Traubenkirsche unterwegs.
Wenn Sie einen Zweig schneiden oder überhaupt die Rinde anritzen, riecht es auf einmal nach Bittermandel. So als hätten Sie einen Marzipanbaum im Garten. Im Herbst trägt er kleine, kugelartige, schwarze Früchte – quasi die Marzipankartoffeln. Vögel sind ganz gierig hinter diesen Leckerbissen her.

Das Gehölz stand schon bei unserem Einzug dort, hatte sich mittlerweile zu einem riesigen, überhaushohen Baum entwickelt. Ein Merkmal dieser Baumart ist, dass sie oft gleich mehrstämmig austreibt. Diese Trauben-
kirsche war dreistämmig. Jeder Stamm mit einem Durchmesser von ca. 40 cm, was einem Umfang von jeweils etwa 1,25 m entspricht. Insgesamt ein ordentlicher Koloss.

Natürlich entsteht Schatten durch einen solchen Baum, was den Nachbarn am hinteren Ende des Grundstücks störte. Der Schattenwurf betraf ihn zwar gar nicht wirklich, aber alles was größer ist als ein Meter, hat bei ihm generell wenig Überlebenschance. Um ihm entgegenzukommen, ließ ich regelmäßig im unteren Bereich den einen oder anderen dicken Ast herausnehmen. Bis in vier Meter Höhe war alles frei. Wie bei einem teilweise entasteten Baum am Straßenrand, unter dem LKW durchpassen sollen.
Man darf natürlich nicht einfach drauflos säbeln. Der Durchmesser der Stämme verlangt, dass die Behörden auch für das Aussägen eines einzelnen Astes eine (kostenpflichtige) Genehmigung ausstellen. Dazu kommt vorab ein Mitarbeiter persönlich vorbei, begutachtet alles, auch den Gesamtzustand des Baumes, und wenn man Glück hat, erhält man die Erlaubnis. Schriftlich. Nach einiger Zeit. Ausgelichtet wird später in den Wintermonaten.

Wir hatten im Frühjahr den Herrn vom Naturschutzreferat da gehabt. Die Genehmigung zum Entfernen zweier Äste lag für den Spätherbst vor. Wir wurden darauf hingewiesen, dass Traubenkirschen keine übermäßig lange Lebensdauer hätten, im Alter bei Sturm gelegentlich kippten, daher vorher gefällt werden sollten. Aber, dieser Baum hier sehe ja noch „extrem vital“ aus.
Im Spätsommer gab es einen Sturm mit Orkanböen. Mit der neuen Information bezüglich der Lebensdauer, schauten wir diesmal etwas sorgenvoll auf mächtig schwankende Zweige und Stämme, die sich in der oberen Baumhälfte schwer hin- und herwogen. Doch es ging alles gut. Vitaler Baum eben …

Zwei Tage darauf komme ich nachmittags nach Hause, und die Feuerwehr steht in unserer Straße. Ein Teleskopkran ist ausgefahren. Männer in Uniform flitzen durch die Gegend. Nachbarn stehen draußen. Ein Polizeiwagen parkt weiter hinten. Mir stockt der Atem, als ich sehe, dass der Kran hinüber zu unserem Grundstück geschwenkt wurde.
Die sind bei uns!

Den ach so vitalen Baum hat es erwischt. Der dickste der drei Stämme ist umgestürzt. Er liegt schräg nach hinten gefallen zum größten Teil auf dem Grundstück des Nachbarn, der den Schattenwurf beklagte. Bisher habe ich glücklicherweise keinen Rettungswagen entdeckt, und im Gespräch kurz danach wird bestätigt, dass es keine Verletzten gab. Es war allerdings verdammt knapp!
Die Nachbarin hatte sich im Garten aufgehalten und ihre Wäschespinne mit nasser Kleidung behängt. Sie hatte sich gerade wieder abgewandt und war maximal zehn Meter zurück Richtung Haustür gegangen, als es – wie sie später sagte – „einen Knacks und ein seltsames Sirren in der Luft“ gegeben hätte. Dem folgte ein Vibrieren der Erde. Danach hätte eine nahezu gespenstische Ruhe geherrscht.
Der Stamm war umgefallen. Er begrub die Wäschespinne unter sich und kam dort auf, wo sie kurz zuvor gestanden hatte. Ein Schock!

Ansonsten gab es Sachschäden auf beiden Seiten und auch noch Auswirkungen bei unseren direkten Nach-
barn. Das Anheben bzw. Herausreißen von Baumwurzeln hier, hatte auf ihrer Seite ebenfalls die Wurzeln von zwei großen Sumpfzypressen gelockert, die es aber wohl überleben würden.

Sie können sich vorstellen, dass der Vorfall für Aufregung sorgte. Dass kein Mensch zu Schaden kam war die Hauptsache, doch regeln musste man schon noch einiges – was erhebliche Kosten verursachte und ein paar unliebsame Überraschungen bereithielt!
Zumindest die Feuerwehr übernahm letztendlich die Kosten für ihren Einsatz selbst, weil sie sich darauf beschränkte, die Seite, die an einen öffentlichen Gehweg grenzte, freizuräumen und die noch stehenden beiden Stämme mit Stahlseilen übergangsweise zu sichern. Diese Entwicklung war eine enorme Erleichterung, denn das wäre doch sehr ins Geld gegangen. Sie berechneten uns auch deshalb nichts, weil uns keine Fahrlässigkeit zu unterstellen war. Im Gegenteil, ein „Fachmann“ hatte ja erst den Baum begutachtet und nichts Verdächtiges entdeckt.

Tatsache allerdings war, dass der Baum von innen her morsch geworden war. Regenwasser sammelte sich regelmäßig im unteren Bereich, dort, wo die drei Stämme eng zusammenstanden und mit zunehmendem Umfang regelrecht zusammengewachsen waren. An dieser Stelle konnte es nie ausreichend abtrocknen und fing irgendwann an zu gammeln. Von außen sah weiterhin alles tipptopp aus. Üppiges Laub deutete ebenfalls nicht auf  Schwachstellen oder Krankheit hin.
Das Ausmaß der Schäden, das jetzt sichtbar wurde, zeigte, dass die anderen beiden Stämme keineswegs besser dran waren und umgehend gefällt werden mussten. Das übernahm die Feuerwehr natürlich nicht.
Nun finden Sie einmal in der Gartenhochsaison von jetzt auf gleich einen Gartenbaubetrieb, der Zeit hat, Bäume zu fällen. Und zwar an einer für schwere Maschinen und Hubwagen unzugänglichen Stelle. Sie brauchen je-
manden, der mit der Klettertechnik vertraut ist und dafür die Ausführerlaubnis besitzt. Der Arbeitsschutz ist in dem Fall sehr streng.
Wir haben es nach unzähligen Telefonaten geschafft, dass am nächsten Tag ein Unternehmen die Arbeit aufnahm. Riesige Mengen Astwerk und Laub mussten zunächst heruntergeholt werden. Ein ganzer LKW war allein dafür für den Abtransport nötig. Dann das Abtragen der Stämme. Stückchenweise von oben nach unten. Alle paar Minuten rumste es, und ein weiterer schwerer Block landete auf dem Boden. Die Erschütterung war noch in mehreren Metern Entfernung zu spüren.
Hatte der umfallende Baum vom Vortag schon viel kaputtgedrückt und mit sich gerissen, so war es jetzt der Umkreis, der durch die Fällarbeiten litt.

Die Kosten, die diese Fällaktion verursachte, waren hoch. Die Versicherung war nicht bereit, irgendetwas zu zahlen. Der Haken an der Sache war, dass der Baum nicht während des Sturms umgekippt war, sondern erst danach. Versicherungen springen nur ein, wenn beim Sturz nachweislich eine bestimmte Mindeststurmstärke herrschte.
Die Schäden des Nachbarn sollte eigentlich unsere Haftpflichtversicherung übernehmen, was sie aber nicht tat, weil sie der Ansicht war, dass der Nachbar keine Ansprüche geltend machen konnte. Wir hätten den Schaden nicht verhindern können und haben ihn nicht verursacht. Höhere Gewalt. Das mag zwar richtig sein, aber für das Verhältnis unter Nachbarn ist das nicht gerade die günstigste Entscheidung. Wir haben uns dann u. a. an einer neuen Wäschespinne beteiligt und natürlich alles aus seinem Garten entfernt, was nicht dorthin gehörte.
Unsere Hausratversicherung wiederum sträubte sich vehement, unsere eigenen Schäden an Gartenmobiliar, Zaun  etc. zu übernehmen.
Sie sehen, Versicherungen haben bedeutet nicht, dass man im Schadensfall auch etwas bekommt.

Meinen Nachbarn nebenan mit den Sumpfzypressen war nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Beim nächsten Sturm hat es die beiden Bäume doch umgerissen. Dadurch, dass unsere Traubenkirsche fehlte, hatte sich eine Art neue Windeinfallschneise gebildet, an deren Ende die Zypressen standen und zur Zielscheibe wurden.

Selbst wenn alle Schäden beseitigt sind und keine Gefahr mehr droht, Sie haben danach im Garten eine Baustelle und bekommen gleichzeitig von der Behörde die Auflage, für den gefällten Baum Ersatz zu pflanzen. Einen neuen Baum. Grundsätzlich richtig, nur auf so kleinen Reihenhausgrundstücken in der Stadt sind riesige Bäume völlig ungeeignet. Sie können sich in freundlicher Diskussion auf mehrere Gehölze kleinerer Natur einigen, was ich auch gemacht habe.
Was spricht dagegen, sofort mit der Pflanzaktion loszulegen?
Die Tatsache, dass der Untergrund im besagten Bereich komplett durchwurzelt ist und dass die Fällaktion den Boden zusätzlich verdichtet hat. Mein Grundstück besteht zudem unterirdisch überwiegend aus aufgeschütteten Ziegelresten, die von im zweiten Weltkrieg zerbombten Villen stammen. Damals hat man die Schuttberge der Einfachheit halber einfach plangeschoben und als Untergrund für die Neubebauung verwendet. Ein paar Zentimeter Mutterboden obenauf, fertig.
Immer wenn ich im Laufe der Jahre irgendwo ein Beet oder eine Rabatte neu angelegt habe, musste ich mich durch Steinschichten hacken und zig Kubikmeter Ziegel herausbrokeln.
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Nach Umsturz eines Baumes Ausgraben der Wurzeln und vieler im Boden vorhandener Ziegel

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Ich erinnere mich noch lebhaft an die Aktion damals und was mich das für Tage, nein Wochen der Ackerei gekostet hat. Beindicke Wurzeln im Erdreich freilegen und zersägen, sonstigen Wurzelfilz durchdringen, Ziegel mit der Spitzhacke lösen oder sogar ganze, noch zusammenhängende Mauerreste ans Tageslicht befördern. Boden lockern, Boden organisch verbessern, sacken lassen, nachfüllen … Hätte man für all das auch einen Fachbetrieb beauftragt, wäre ich arm geworden.
Heute ahnt man nichts mehr von alledem. Die Neupflanzungen sind eingewachsen und müssen inzwischen ständig in ihrem Ausbreitungsdrang bzw. Höhenwuchs gebändigt werden.

Seit damals habe ich mächtig Respekt speziell vor Frühherbststürmen, vor sich biegenden Bäumen, knirschenden Zweigen, wildem Laubrauschen und vor sogenannten Spätfolgen. Sie werden mich daher auch
in den nächsten Tagen noch nicht in einem Wald antreffen. Ein Kolosskippen zu erleben hat mir gereicht.

Durch die Straßen streife ich natürlich. Und ich habe von unterwegs etwas mitgebracht. Kämpferisch. Enorm schuppenbehaftet. An einem Ding, das gut einen Meter lang ist. Hört sich verdächtig nach Schlange oder sonstigem Reptil an. Schuppen? Auch das Bild eines fliegenden Fisches taucht auf. Ungewollt gestrandet während des Orkans, weil es ihn im Flug in die falsche Richtung trieb. „Xavier“ und der verendete Flugbarsch?
Unsinn. Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Ich nutze bestimmte Begriffe manchmal lediglich für mich, um mir z. B. den botanisch korrekten Namen einer Pflanze merken zu können. Sprachliche Merkwürdigkeiten und haften bleibende Bilder als Gedächtnisstütze. So fällt das Erinnern entschieden leichter.
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Zweig einer Jap. Lärche (Larix kaempferi) mit sehr vielen reifen Zapfen

Reife Zapfen an der Larix kaempferi …

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Ich habe diesen Zweig einer Lärche gefunden (auch so ein Sturmopfer), der über und über mit Zapfen bestückt ist. Am Anfang sind sie laubfroschgrün und fest geschlossen, werden jedoch mit zunehmender Reife braun und öffnen sich oben ein wenig. Auf dem Foto können Sie erkennen, dass sich der obere Rand der Schuppen leicht nach außen rollt. Das zeigt, dass es sich nicht um eine Europäische Lärche handelt, denn deren Zapfen bleiben geschlossen. Diese hier sind von einer Japanischen Lärche, deren lateinische Bezeichnung Larix kaempferi  lautet.  Larix ist kurz und simpel. Das lässt sich so merken. Über das Bild eines kämpferisch veranlagten Schuppenwesens prägt sich mir jedoch ebenfalls der Namenszusatz dauerhaft ein …

Mit diesem Zapfengruß möchte ich mich für heute von Ihnen verabschieden und Sie in das sonnige Herbstwetter entlassen. Ich werde es ganz sicher auch noch etwas genießen.
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Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

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Stippvisite – Heute: Dellen, Netze, Krümel und Ruin

Stippvisite. Hier im Blog. Es wird lausig Zeit. Kaum zu glauben, mittlerweile rauschen die Kastanien schon wieder von den Bäumen! Mit Karacho!
Während der stürmischen Tage kürzlich steckte dermaßen Wucht dahinter, dass auf den Dächern parkender Autos nach dem Bombardement richtige Dellen zu erkennen waren. Ein Roverfahrer, dessen Wagen mehrfach getroffen worden war, blickte erst ungläubig und fluchte, als ihm die Ursache klar wurde. Beim Abstellen hatte
er wohl nicht darauf geachtet, was über ihm reifte und den Baum geschossartig verlassen wollte.

Herbst. Ganz eindeutig. Die Mücken streben zunehmend ins Warme. Scheinen kleine Frostködel zu sein. Mücken sind absolut nicht meine Freunde. Diese Plagegeister finden mich zielstrebig und hinterlassen deutliche Spuren. Auch eine Art von Dellen. Ist das Resultat nach einem Kastanienangriff auf ein Autodach jedoch eine farbneutrale, konkave Hinterlassenschaft, so sorgen die Stechheinis auf meiner Oberfläche für farbgewaltige, konvex geformte Ergebnisse in Form von dicken, dunkel verfärbten Beulen.

Die Septembernächte fallen mittlerweile reichlich frisch aus, der Morgen kommt klamm daher, manchmal hat er sogar Nebel mit im Gepäck.
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Zwei Fliegenpilze, die aus dem herabgefallenen Laub ragen. Der Hut noch eng am Körper, nicht aufgeklappt wie ein Schirm.

Herbstzeit ist Pilzzeit …

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An unserer Eingangsaußenlampe, zwischen dem Ende ihrer ein Stück vorstehenden Wandhalterung, der rauen, steinernen Einfassung der Haustür und einem in Hüfthöhe endenden Geländer daneben, spinnt wie jedes Jahr eine Spinne großflächig ihr Netz.
Immer wieder verfängt man sich unversehens mit Kopf und Haaren darin, wenn man morgens die Zeitung aus der Metallrolle ziehen will. Die befindet sich nämlich genau darunter. Unter der Lampe, am Geländer.
Große Beute für ein Spinnentier, so ein ganzer Menschenkopf. Meiner. Oder der vom Gemahl. Dem passiert das auch gern.
Ich entkomme dem Vieh zum Glück immer rechtzeitig, bevor es mich erreicht. Das Netz ist danach natürlich zerstört, und die letzten Reste entfernt der Handfeger. Ob es das diesmal endgültig war? Nein. Fast täglich die gleiche Prozedur und daraufhin stets der Vorsatz: Da rauscht du nicht noch einmal hinein!
Nur was passiert am nächsten Morgen? In Nachtarbeit und in rekordverdächtiger Zeit entstand ein neues Wunderwerk. Sie gibt ihren Lieblingsplatz nicht auf. Er wird vermutlich weiterempfohlen. Von Generation zu Generation weitervererbt! So wartet ein weiteres, nahezu perfekt gewebtes Spinnennetz samt gierigem Wach-
posten über der Zeitungsröhre. Und nun raten Sie mal, wer erneut mit dem Spinnfadenzeugs Bekanntschaft macht … Genau!
Um die Zeit funktioniere ich noch nicht zufriedenstellend. Ich werde stets erst richtig wach, nachdem die Fäden im Gesicht hängen.

Vorgestern habe ich sogar drinnen eine … Nein, warten Sie. Ich fange andersherum an. Kennen Sie auch das merkwürdige Gefühl, wenn sie vom Teppich oder auf den Fliesen einen Krümel aufheben wollen und dieser Krümel fängt plötzlich an zu laufen?
Die Mischung aus Schreck, leichtem Hitzeschub, unangesprochenem „Uaaah“ und etwas verschämtem Gefühl anlässlich der eigenen Reaktion bei so einer harmlosen „Minisache“ ist schon speziell.
Ich habe zunächst grundsätzlich den Plan, bewegliche „Fussel“ und dergleichen irgendwie lebend nach draußen zu befördern. Käfer sind kein Problem. Finger hinhalten. Aufstieg abwarten. Ab vor die Tür. Fertig.
Bei stechenden Wesen versuche ich, die Gäste dazu zu bewegen, sich auf Papier oder Heft niederzulassen, damit ich sie hinaustragen kann. Komfortabel, nicht wahr? Aber manche kapieren es einfach nicht! Oder finden es drinnen schöner.
Wenn es dann auch mit Einfangen per Glas (bei Spinnen, zu denen brauche ich etwas Abstand) nicht funktioniert, dann müssen sie gelegentlich leider doch dran glauben.
Hm …? Was heißt hier „ooohh“? Ich bitte Sie! Wer wohnt denn schließlich wirklich hier! Die hatten nun wirklich ihre Chance!
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Kreisrundes Spinnennetz. Ca. 30 cm im Durchmesser, kunstvoll gewebt. Über einem Busch am Rosenbogen enstanden. Im Gegenlich gut zu erkennen.

Spinnennetz … an anderer Stelle, nicht minder kunstvoll (und weniger im Weg)

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Eigentlich ist meine Zeit um. Ich wollte nur kurz hereinschauen. Ein Lebenszeichen absetzen. Doch wenn
ich es mir recht überlege … Ein bisschen etwas lernen könnten Sie bei der Gelegenheit natürlich doch!
Vor ein paar Tagen bin ich bei einer Twitterkollegin über einen Begriff gestolpert. Wissen Sie, was ein Stirnwaffenträger ist?
Ich möchte behaupten, dass die Mehrheit von Ihnen bereits einmal, wenn nicht sogar mehrfach, einem persönlich begegnet ist. Auch wenn der Begriff vielleicht ganz automatisch gefährliche Bilder freisetzt oder im Kopfkino Action- und Kampfszenen auslöst, entfernen Sie sich beim Überlegen von typischen, von gefertigten Waffen. Entfernen Sie sich gedanklich auch vom Menschen. Zerpflücken Sie den Begriff in seine Einzelteile … Wer hat wo was … Nun? Eine Idee?
Als Stirnwaffenträger bezeichnet man z. B. einen Hirsch. Nicht nur ihn! Es zählen diverse Paarhufer dazu. All jene, die eine Stirnbewaffnung tragen. Neben der Gruppe der Hirsche also auch Tiere wie Okapis, Antilopen, Spießböcke u. ä.
Wussten Sie`s? Ja? Sehr gut! Ich hatte den Begriff – zumindest bewusst – vorher tatsächlich noch nicht gehört.

Feierabend. Fast … Mich haben Menschen gefragt, wie ich auf andere Gedanken komme, jetzt, wo die Lage alles andere als rosig ist. Was ich zur Ablenkung mache, wie ich Ruhe finde, ruhig bleibe etc. Da es viele interessiert, möchte ich dazu gerne etwas sagen.

Es ist zum einen eine (innere) Grundeinstellung, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Der feste Wille, sich durch nichts und niemanden unterkriegen zu lassen. Er sorgt dabei zugleich für Gelassenheit, und die ist wichtig für Geduld und Durchhaltevermögen.
Alles zusammen stärkt Sicherheit und gibt Vertrauen, dass man klarkommt mit allem, was da kommen mag.
Es ist die bevorzugte Wahrnehmung der vielen kleinen positiven Dinge, die weiterhin passieren und gleichzeitig eine andere Bewertung des Negativen. Es erhält schlicht und einfach kaum Platz, nur die geringstmögliche Beachtung in jeglichen Gedankengängen. Wenn belastende Gedanken dennoch einmal anfangen zu kreisen, eigenwillig, hartnäckig, wie ein Adler, der wieder und wieder um seinen Horst kreist, dann hilft entweder ein Spaziergang, Gartenarbeit oder aber bewusste Kopfbeschäftigung. Mit erbaulicheren, gern harmlosen, Spaß machenden, ablenkenden Dingen und Themen.

Kürzlich habe ich dazu beim NDR (Kultur) via Facebook mitgemacht. Die Aufgabe lautete: Einen Werktitel verändern (ruinieren) mit nur einem Buchstaben. Kurz überlegt, im Handumdrehen mitten drin im Thema und schon entstehen neue Sachen: Die Zauberflöhe. Die Brechtrommel! Krieg und Friesen. Hammelflug. Der Name der Hose, die Rinder des Monsieur Mathieu oder der Zauderer von Oz. Der liegende Holländer, der eingebildete Franke, Romeo und Julio, das Phantom der Ober, der König der Möwen …Wehe, man fängt an, es fällt einem immer noch etwas Neues dazu ein – und der Kopf ist gnädigerweise damit beschäftigt und übergangsweise voll ausgelastet! Kleine Krise überwunden.

Oder haben Sie schon einmal Sprichwörter kombiniert? Aus zwei mach eins? Das war eine weitere Vorgabe der Kulturredaktion des NDR. Es erfordert, sich wieder mit einem völlig anderen Thema intensiv zu beschäftigen und macht obendrein richtig Laune! Das fanden mit mir auch andere Leser der Seite und schickten lustvoll ihre Kreationen, aus denen der NDR später ein Best of aller abgegebenen Vorschläge erstellte. Ein Auszug daraus:

„Da rennst du bei mir offene Ohren ein.“ (Leoni Prieß)
„Es nützt nichts, den Brunnen zuzuschütten, wenn das Kind schon verbrannt ist.“ (Thomas E. W. Harden)
„Alles in grünen Tüchern.“ (Ellen Kommer)
„Was lange währt, kann noch werden.“ (Anke Harder)
„Da bist du aber auf dem Holzdampfer.“ (Marcel Kawentel)
„Nachts sind alle Tauben auf dem Dach.“ (Jacqueline Hofer)
„Wie man in die Grube rein ruft, so schallt es heraus.“ (Daniel Lücking)
„Die Lage ist ernst, aber darin liegt die Würze.“ (Michèle Legrand)

Die Idee ist natürlich nicht komplett neu. Der verstorbene Jürgen von Manger hat seinerzeit gleich mehrere Sprichwörter miteinander verkuppelt – was zeigt, dass man es auch ein bisschen übertreiben kann:
„Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.“

Falls Sie Lust haben oder einmal Ablenkung für ihren kreisenden Adler brauchen, kreieren Sie mit. Hier heißt
es nun endgültig Klappe zu und Tee trinken. Ende gut, Affe tot. Wir lesen uns wieder – wenn Sie denn mögen.
Schauen Sie gern herein, was sich hier tut, denn:
„Wer nicht kommt zu rechten Zeit, der muss selbst sehen, wie er in die Grube hineinfällt.“
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Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, September 2017
Michèle Legrand

 

 

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54 Kommentare

In eigener Sache …

Sie haben es vielleicht bemerkt. Sie als Stammleser oder speziell ihr, Bloggerkolleginnen und -kollegen, denen ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Eine ungewöhnlich groß ausfallende Lücke beim Posten und ganz offenbar eine zu lang andauernde Pause, denn ich habe bereits etwas besorgt klingende Nachfragen erhalten. Nach einigem Zögern habe ich mich daher zu diesem Beitrag entschieden.

Mein Mann ist sehr schwer erkrankt. Bloggen in der herkömmlichen, lockeren Art und Weise ist mir momentan einfach unmöglich. Ich werde mich irgendwann zurückmelden. Möglicherweise wird es dauern oder – wer weiß – vielleicht taucht unvermutet auf einmal ein kleiner Beitrag auf. Weil das Schreiben auch oft hilft …

Ich möchte ansonsten nicht mehr Auskunft dazu geben, deshalb seid bitte nicht böse, wenn ich nicht auf Fragen eingehen werde. Die Natur des Blogs ist es nun einmal, dass alles ungefiltert in die gesamte, mir doch größten-
teils unbekannte Welt hinaustransportiert wird. Mehr Details für Unbekannte widerstreben mir jedoch zutiefst.
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Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht ...

Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht …

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Wer mit mir lange bekannt ist und außer durch den Blog ebenfalls via Facebook, Twitter oder sogar per Mail mit mir in Kontakt steht, kann sich wie bisher gern mit Dingen, die unter den Nägeln brennen, an mich wenden. Seien es Fragen zu Fachthemen oder eher persönliche Anliegen. Geht dann bitte den direkten, privaten Weg.
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Ich wünsche euch und Ihnen allen alles erdenklich Gute und freue mich auf ein Wiederlesen zu gegebener Zeit.

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©by Michèle Legrand, Mai 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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48 Kommentare

Ogtern …

Ostern ist ein netter Anlass für eine kleine, spontane Unterbrechung der MADEIRA-Blogreihe.

Kennen Sie noch den genialen Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger? Erinnern Sie sich eventuell sogar
an seinen Sketch, in dem er als Mitarbeiter des Telegrafenamtes versucht, während seines Telefondienstes nebenher ein Kreuzworträtsel zu knacken? Die Frage nach dem kirchlichen Feiertag entpuppt sich als zum Haare raufen schwierig, obwohl bereits ein Teil der Lösung da ist. Nur das Grautier senkrecht mit vier Buch-
staben („…Egel?“) sorgt bei Emil für Ratlosigkeit, als es für den quer einzutragenden Feiertag ein G als zweiten von insgesamt sechs Buchstaben vorgibt. O…Og… Ogtern? Das G hat es in sich. Von da an passt nichts mehr so recht, ergibt lediglich Begriffe unbekannter Natur, und nebenher klingelt auch noch ständig das Telefon. Wie soll man sich da bitte schön konzentrieren …

Liebe Blogleser, ich grüße Sie! Ogtern! Die Karwoche nähert sich dem Ende. Mit Fug und Recht lässt sich sagen, es ostert jetzt wirklich, und mit schöner Regelmäßigkeit muss ich spätestens dann an Emil denken. Oh, keine Frage, natürlich ist Ostern vor allem ein sehr hohes, christliches Fest, dessen Anlass Sie kennen und dessen Wichtigkeit ich keineswegs schmälern möchte. Nur lassen Sie uns heute jeder für sich und auf seine Art daran denken, hier im Blog jedoch ein wenig vom religiösen Hintergrund abschweifen.
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Osterstrauß mit Korkenzieher-Haselnuss und mit ausgepusteten Eiern behängt
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Womit verbinden Sie außerdem – jetzt Sie für sich gesehen – Ostern und die Osterfeiertage? Mit ein bisschen mehr Freizeit und einem Treffen mit der Familie? Oder etwa mit Stress und im Stau stehen? Mit Spaziergang, Frühlingssonne, erstem Grün oder eher mit einem spätem Wintereinbruch? Mit einem Gottesdienstbesuch?
Mit dekorierten Zweigen, farbenfrohen Ostereiern, Horden von Schokoladen- und Plüschosterhasen?
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Hasenschule - Plüschhasen an kleinen Holzbänken sowie ein Lehrer vor der Tafel sitzend
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Mit Eierfärben und den dabei mal wieder aus Versehen mitkolorierten Händen?
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Eierfärberei ... buntgefärbte Eier am abtrocken auf Küchenpapier
Oder mit einem schönem Osteressen? Mit Bauchschmerzen nach zu viel Süßem? Mit einer Gewichtszunahme nach Marzipanorgien?
Mir kommt gerade erhebliches Schwindelgefühl durch wahrscheinlich zu ambitioniertes Eierauspusten in den Sinn! Dabei kann einem richtig schwarz vor Augen werden …! Ansonsten verband ich speziell den Oster-
sonntag lange Zeit mit der Hoffnung auf zumindest halbwegs trockenes Wetter und mit dem Aufstehen um
halb fünf, um Osterhase im Garten zu spielen, bevor die Kinder wach wurden. Ich denke auch heute noch an
temperamentvolle Eiersuchen und übersehene Reste, deren Verstecke irgendwann im Laufe des Jahres mit großem Hallo wiederentdeckt wurden …

Seit die kleine Enkelin hier mit von der Partie ist, fallen mir viele der selbsterdachten Geschichten wieder ein,
die ich damals meinen Kindern erzählte. Die ich wunschgemäß wiederholen musste wie eine Schallplatte –
oder aber, es wurden neue Episoden erbettelt, in denen die einmal liebgewonnenen Helden sich weiteren Aben-
teuern zu stellen hatten und dabei wieder völlig andere Fähigkeiten an sich entdeckten.

Dass es keinen echten Osterhasen gibt, hatten meine beiden zwar relativ früh spitz gekriegt – der Kindergarten mit den gut informierten älteren Kindern hält mit nichts hinter dem Berg. Doch selbst mit dem Wissen, dass in Wirklichkeit gar kein Fellwesen auftaucht, waren Osterhasengeschichten im Kindergarten- und Grundschulalter äußerst angesagt. Altersabhängig fielen sie leichter verständlich oder bereits anspruchsvoller in der Sprache aus und enthielten dementsprechend eben weniger bzw. ein paar mehr oder kompliziertere Ausschmückun-
gen.

Großer Beliebtheit erfreuten sich Rüdiger und Ralf, die Hasenzwillinge. Die zwei waren als Osterhasen für un-
seren Stadtteil zuständig. Sie wissen sicher, dass man Stadtteile immer an zwei Hasen vergibt, weil einer allein das nun wirklich nicht schaffen kann!
Eineiige Zwillinge werden dabei bevorzugt. Schließlich glauben die Jüngsten weiterhin, es gäbe nur einen einzigen Osterhasen überhaupt! Aus diesem Grund macht sich trotz allem konsequent immer nur ein Osterhase zur Zeit auf den Weg, während der andere sich derweil ausschläft oder Bürokram erledigt. Auch Osterhasen leiden ganz schön unter den Verwaltungsauflagen der Hasenbehörde.
Beim Einsatz von Rüdiger und Ralf konnte absolut nichts schief gehen, selbst wenn ein Kind zufällig beiden nacheinander begegnet wäre. Die Brüder hatten als zusätzlich überzeugendes Kriterium für eventuelle Zweifler jeder links ein Knickohr, das dauernd herunterklappte. Als Erkennungsmerkmal so markant, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, es liefen zwei Hasen mit genau dieser Art von Klappohr herum.

Allerdings waren Rüdiger und Ralf mittlerweile nicht mehr die Jüngsten, und ihnen fiel die stundenlange oster-sonntägliche Herumhoppelei mit immer neuen Eierladungen schwerer und schwerer. Es würde auch ständig mehr, so klagten sie. Sie benötigten Verstärkung – und hier kam Ruth ins Spiel, die jüngere Schwester der beiden. Ruth, eine aparte und lebensfrohe Häsin, hatte sich in jungen Jahren in einen Italiener verliebt und war mit ihm bei Nacht und Nebel nach Südtirol durchgebrannt. Marcello und Ruth blieben einige Zeit dort, bis Ruths Heimweh doch zu stark wurde. Marcellos Heimat bot hauptsächlich Berge, die sehr schön anzusehen waren – doch ihr fehlten das Wasser, der Hafen … und ihre Familie! Marcello zog ihr zuliebe mit in den Norden, und bald nach der Rückkehr erblickten zwei aufgeweckte Hasenkinder, Ricardo und Rosella, das Licht der Welt. Am Waldesrand, nahe eines Karottenackers bei Duvenstedt.

Rüdiger und Ralf waren hellauf begeistert. Eine Lösung für ihr Osterhasenproblem rückte in greifbare Nähe. Als Ruths Nachwuchs in einem adäquaten Alter war, fragten die wieder einmal sehr geschafften Osterhasenonkel, ob Nichte und Neffe nicht in den Familienbetrieb einsteigen wollten und ob sie bereit wären mitzuhelfen. Rosella besaß schließlich eine ausgeprägte künstlerische Ader. Sie malte mit großer Hingabe und würde wundervolle Motive auf die Eier zaubern! In dem sportlichen Ricardo mit dem exzellenten Orientierungssinn sahen sie hin-
gegen den idealen Ergänzungsosterhasen. Zwar kein Zwilling, doch die Familienähnlichkeit fiel trotz Marcellos genetischen Einflusses frappierend aus. Erstaunlicherweise hatte sich sogar das Knickohr weitervererbt – was sicherstellte, dass Ostern weiterhin alles in geordneten Bahnen ablaufen würde.
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XL-Eier
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Was die beiden Onkel nicht bedacht hatten, war, dass Ricardo definitiv einer anderen Generation angehörte. Er war ein moderner Hase, der absolut keine Lust hatte, mit einer Kiepe aus geflochtenen Weidenruten auf dem Rücken herumzulaufen. Ihm schwebte ein silberner Eastpak-Rucksack mit Rennwagenmotiven vor, was heftige Diskussionen zur Folge hatte.
„Ricardo, du kannst nicht mit so einem Rucksack Eier austragen!“
„Und warum nicht?“, fragte der bockig und ließ als Halbitaliener temperamentvoll seine Hinterpfoten knallen. „Es ist doch eh fast dunkel, wenn ich unterwegs bin!“
„So läuft ein Osterhase einfach nicht herum!“ kam es knurrend zurück.
„Onkel Ralf, ihr seid dermaßen altmodisch! Eine Kiepe! Das ist vorsintflutlich! Außerdem ist das Ding nicht wasserdicht. Sollen die Kinder alle Matscheier kriegen?“
„Apropos Matsch“, warf Onkel Rüdiger ein, „Ricardo, ein nachgiebiger Rucksack bietet überhaupt keinen sicheren Halt für die zerbrechliche Ladung!“

Als Ricardo klar wurde, dass sein Onkel recht hatte und die Eier darin tatsächlich nicht sonderlich gut geschützt waren, konstruierte er ein etwas futuristisch anmutendes, tragbares, zum Rücken hin gepolstertes Metallgestell, in das man von beiden Seiten schubladenartig jeweils 6er-Eierpaletten einschieben konnte.
Bis zu sieben Paletten übereinander! Und die hielten selbst bei einer Notbremsung und beim über den Zaun hüpfen zuverlässig. Die Schutzabdeckung war  isolierend, selbstverständlich wasserdicht, silbern und trug die bevorzugten Motive: Formel-1-Flitzer.

Ricardo gefiel nicht nur der Anblick schneller Autos, er erlebte selbst gern einen kleinen Geschwindigkeits-
rausch. Er war der erste Osterhase, der die Eierverteilung in Rekordzeit auf Inlineskatern erledigte. Auch daran gewöhnten sich Rüdiger und Ralf – nachdem der erste Schock abgeklungen war. Genauso lernten sie zu akzeptieren, dass Rosella teilweise recht eigenwillige Motive für die Eier wählte, dazu einen Graffiti-Look mit ungewöhnlichen Effekten kreierte und sogenannte Plusterfarbe verwendete, die wie Hefe aufging und sich wie ein etwas übergewichtiger Wurm ums Ei wand, wenn sie wieder einmal Tintenfischtentakel auftrug. „Neumodischer Kram“, brummelte Onkel Rüdiger anfangs leicht verächtlich. Onkel Ralf schüttelte es manchmal heimlich … Ihnen entging jedoch nicht, dass die beschenkten Kinder von Rosellas Eiern begeistert waren, und so gingen er und sein Zwillingsbruder letztendlich doch mit der Zeit …

Mademoiselle, meine kleine Enkelin, ist dieses Jahr noch zu jung für diese Sachen. Ich bin mir jedoch sicher, irgendwann fordert und hört auch sie Geschichten – die von Rüdiger und Ralf in diversen Lebenslagen und mitunter gefährlichen Situationen oder die von Magnus, dem nachtblinden Osterhasen aus Hamburg-Poppenbüttel, der die Eier beim Austragen in Dämmerung und Dunkelheit schon mal aus Versehen im Gartenteich versenkte.
Möglicherweise wird sie auch ganz neue Helden und Geschichten wollen. Wird wie ihr Papa oder ihre Tante damals einfach ein Stichwort liefern, den endgültigen Namen ihrer Lieblingsfigur mitbestimmen und zwi-
schendurch neugierig Fragen stellen, die dem Ablauf der Geschichte sofort eine neue Wendung geben.
Wie überlistet der Osterhase die Dobermänner, die den Garten von Herrn Niedermayer bewachen …?
Oder was macht der Osterhase bloß, wenn ihn auf einmal eine ganz dolle Pollenallergie packt?

Der Stoff wird vermutlich nie ausgehen. Allerdings muss ich für heute aufhören. Erstens sind Sie kein Kind mehr und haben irgendwann genug von Ostergeschichten, und zweitens sind die Osternester hier noch nicht fertig.

Ich habe jedoch schon etwas Moos gesammelt …
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Moosberg - Durch Vertikutieren entferntes Moos zum Hügel gestapelt
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Ihnen allen ein frohes Osterfest und schöne Feiertage!

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© by Michèle Legrand, April 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

 

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Winter-Blues …

2017! Ein frohes neues Jahr und willkommen zurück!

Gerade erst habe ich gelesen, seine Neujahrsgrüße und -wünsche sollte man bis maximal Mitte Januar los-
werden. Losgeworden sein. Alles danach sei schlichtweg inadäquat. Je eher erledigt, je besser. Wer zu spät kommt, den bestraft der Knigge.
Mir geht es allerdings so, dass ich verfrühtes Verteilen als inadäquat empfinde. Ganz generell (man gratuliert doch auch nicht vor dem Geburtstag) und weil dadurch obendrein fast zwangsläufig – speziell via Internet – ein nicht mehr zu bremsendes, ständiges Hin- und Hergewünsche in Gang gesetzt wird, bei dem ich ehrlich gesagt letztendlich völlig den Überblick verliere, wer mit wem eigentlich schon fertig war und wer nicht.
Folglich habe ich bereits vor Jahren beschlossen, ich bin kein Wunschfrühverteiler, sondern pendele irgendwo zwischen zeitlich angemessen reagieren (bei Wunscheingang) und rechtzeitig kontaktieren (bei Wunschaus-
gang). Hin und wieder schleichen sich trotzdem ein paar Fälle von Neujahrsgrußspätverteilung ein. Der Blick auf den Kalender beruhigt mich allerdings gerade sehr; alles noch innerhalb der Frist, in der es sich offiziell schickt. Knigge muss sich nicht echauffieren.
Falls Sie diesbezüglich bisher irgendwo nicht zum Zuge kamen, halten Sie sich ran. Sie kennen die Konsequenz: Wer nicht wünscht zur rechten Zeit, muss sehen, was er stattdessen treibt.

Sie merken, ich bin heute ansatzweise aufmüpfig. Ich hätte Sie gleich zu Beginn vorwarnen sollen. Diesen Hauch von schnippischer Pingeligkeit, den Sie registrieren, der liegt nicht etwa an Langeweile oder Zoff, sondern am Winter-Blues. Mir schlägt das ewige Grau hier im Norden mittlerweile aufs Gemüt. Ungelogen!
Es wird einfach nicht hell. Die knapp drei Tage von immerhin möglichen 31, an denen im Dezember der Himmel blau aussah, waren zu wenig, und die fünf Stunden, in denen sich seit Jahresbeginn Sonnenschein durch-
schummelte, die waren klasse, aber reichten hinten und vorne nicht. Zumal es an dem Tag dermaßen kalt war, dass man gar nicht so lange draußen bleiben konnte, wie man theoretisch hätte bleiben müssen, um aus-
reichend nachzuholen und vorzutanken.
Nein, wenn es momentan tatsächlich einmal aufklart, dann bestimmt fünf Minuten bevor die Dunkelheit einsetzt. Die Tage lieben es grau, trüb und kalt. Das ist Standardprogramm. Es gibt keinen Schnee, der die Landschaft erhellt und winterkahle Stellen freundlich erscheinen lässt, es gibt höchstens Regen. Oder es stürmt! Sie erinnern sich an den letzten Blogpost? Das „büschen“ Wind? Kurz darauf ging es noch einmal gewaltig rund. Sturmflut, die zweite. Doch diesmal war die Ostseeküste viel schlimmer betroffen. Vielerorts Überflutungen und vor allem, es entstanden enorme Schäden durch Abbrüche an den Steilküstenabschnitten, speziell auf den Inseln!

Seien Sie mir nicht böse, aber heute schreibe ich wahrscheinlich hauptsächlich zur eigenen Ablenkung und weil das Wetter zu mistig ist, um lange draußen zu bleiben. Sprühregen, Windböen, Einheitsgrau. Zu verhangen, um überhaupt hinauszuschauen. Man kann einfach nur jegliche Kenntnisnahme verweigern und schreiben. Schreiben fürs Gemüt, Schreiben als Ersatz für eine Lichttherapie. Betrachten Sie sich, geschätzter Blogleser, mit Ihrer Anwesenheit durchaus gern als meine nicht vorhandene Tageslichtlampe, die für stimmungsmäßige Erhellung sorgt. Keine Sorge, Sie müssen gar nicht viel aktiv werden. Es reicht im Prinzip schon, dass sie das leichte Durchhängen tolerieren.

War bei Ihnen am vergangenen Sonnabend auch gefährliches Blitzeis? Nicht? Dann haben Sie wirklich Glück gehabt. Und falls doch, so hoffe ich, Sie haben alles gut und heil überstanden.
Es war obermies, auch wie sich alles fortentwickelte. Das gefährliche Überfrieren erreichte Hamburg von Nor-
den bzw. Nordwesten, zog südlich weiter, bahnte sich seinen Weg durch Niedersachsen und weiter Richtung Nordrhein-Westfalen. Jede Menge Unfälle; vorrangig Blechschäden, aber ebenso zahllose Stürze mit vielen Knochenbrüchen, Prellungen und Platzwunden.
Natürlich wurde davor gewarnt, letztendlich erwischt es trotzdem viele. Unter der Woche ist der Berufsverkehr unterwegs, am letzten Sonnabend waren es zahlreiche Urlaubsheimkehrer, da die Schulferien in mehreren Bundesländern endeten. Es nimmt sich sicher keiner willentlich extra für diese Zeit Autofahrten vor, nur lässt es sich kurzfristig nicht immer ändern und komplett vermeiden. Nicht jeder kann daheim bleiben, selbst wenn er es möchte.
Und der Moment des tatsächlichen Beginns, der Punkt, an dem es überfriert und die Glätte einsetzt, tritt letztendlich sehr plötzlich ein. Eben ging es noch, zwei Minuten später … Bis alle das erkannt haben, sind die ersten Unfälle schon passiert.
Wir hatten am späten Vormittag dieses Tages einen Anruf aus Pinneberg erhalten. Pinneberg liegt gut 20 km nordwestlich von Hamburg. Dort fing es genau zu dem Zeitpunkt an, glatt zu werden. Das schien ausreichend entfernt, um in Hamburg noch ungefährdet etwas zu erledigen. Zu Fuß. Also düste ich los, nachdem auch via Twitter und dortige Wetteraccounts die Information verbreitet wurde, mit Eis sei in Hamburg erst ab dem frühen Nachmittag zu rechnen.

Draußen war alles prima. Am Bordstein teilweise Pfützen, doch nirgends Eis. Die Gehwege zivil, an einigen Stellen Graupelreste, was jedoch kein Problem beim Laufen verursachte. Rutschfreier Untergrund. Ich erledigte das Nötige, traf danach unvermutet noch eine Bekannte, was einen gemeinsamen Kaffee nach sich zog. Der Blick ging natürlich immer wieder Richtung Fenster. Wurde es dunkler, kamen Regenwolken, spazierte draußen  bereits jemand mit Schirm, wie wirkte die Straße …? Obwohl nichts Verdächtiges zu entdecken war, verab-
schiedete ich mich nach nicht allzu langer Zeit. Ich hatte gerade die Hälfte des Heimwegs zurückgelegt, als der Gehweg zur Rutschbahn wurde. Wohlgemerkt, es gab weiterhin nicht den angekündigten Regen, doch die Luft war enorm feucht und schien noch kälter geworden zu sein. Die Nässe sank auf Platten und Asphalt, und zusammen mit dem schon liegenden Graupelrest bildete sich eine durchgängige Eisschicht. Das war ein Tanz wie auf rohen Eiern!
Daheim ankommen, schnappte ich als erstes den Sack mit Splitt und streute vorsichtig schlurfend den gesamten Gehweg ab. Bis zur Eingangstreppe ging alles gut. Dort hätte es mich allerdings fast flachgelegt.
Obwohl nichts passierte, weckte es unangenehme Erinnerungen. Ich bin mit 25 bei Glatteis gestürzt. Mir hatte es in einer Linkskurve, in der sich Eis unter einer dünnen Lage Neuschnee versteckt hatte, die Füße weg-
gezogen. Oberschenkelhalsbruch. Krankenhaus. Operation.
Ja, genau, diese Bruchstelle ist gewöhnlich den älteren Herrschaften nach Stürzen vorbehalten. Sommers
wie winters. Insofern ging der Stationsarzt am ersten Tag auch an meinem Bett vorbei. Er las auf der Akte Oberschenkelhalsbruch und suchte verzweifelt nach einer mindestens Siebzigjährigen.
Alles überstanden und verheilt. Selbst Stepptanz funktioniert. Doch das Gefühl bei Glatteis ist nach wie vor
ein sehr mulmiges …

Sie sind wirklich hilfreiche Stimmungserheller. Vielen Dank! Was könnte ich Ihnen also noch hinterlassen, damit Sie sich nicht nur wie ein eingespannter Grauvertreiber vorkommen? Eine Kleinigkeit fällt mir gerade ein …
Letztes Mal erfuhren Sie vom verbreiteten Hang eines Hanseaten zum Understatement. Sie entsinnen sich? Sturmböen in Orkanstärke, die als „büschen“ Wind deklariert werden. Die Reaktion auf einen überfluteten Fischmarkt? „Nee, dascha ’n Ding!“ Mehr kommt dazu wirklich selten.
Heute lernen Sie, dass wir natürlich auch anders können. Wind und Sturmfluten sind wir gewöhnt. Schnee eher nicht. Die Folge: Dort klappt es nicht mit dem Understatement. Im Gegenteil! Sobald mehr als drei Flocken herniedergleiten, sprechen wir von einer Schneekatastrophe. Dann bricht hier so ziemlich alles zusammen.
Uns fehlt einfach die Übung mit dem weißen Zeugs. Wer dann noch einen halbwegs kühlen Kopf behält, kramt in seinem Wortschatz und zaubert zur näheren Beschreibung der Lage das Wort „bannig“ hervor.
Nach „büschen“ lächelt Sie nun freundlich quasi das Gegenstück dazu an. Bannig ist sinngemäß ein „sehr“ oder „ordentlich, ganz schön + Ergänzung“. Es macht dabei alles groß, stark und intensiv. Sie können das Wort als Adjektiv oder Adverb sehen.
Blitzeis, das den Jungfernstieg in eine Eisbahn verwandelt? Bannig glatt. Tierischer Frost? Bannig kalt. Hohe Preise für Gas und Öl in einem solchen Winter? Bannig teuer. Das Heizen kostet entsprechend bannig viel. Motorradgottesdienst am Michel? Bannig laut. Konzert mit „Scooter“? Bannig am rumsen.
Sie haben das Prinzip verstanden, ja?
Understatement und Ironie kommen natürlich sowohl mit bannig als auch mit büschen gern  zum Einsatz. Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass ich bannig Lust habe, gleich noch spazieren zu gehen, in Kombination mit der Annmerkung, es sei ja nur ein büschen grau, so können Sie sich angesichts des miesen Wetters mit Sprühregen vorstellen, dass ich bannig tühn (ordentlich Unsinn erzähle). Sie begreifen, dass ich Sie absolut nicht veräppeln will, sondern lediglich teste, ob Sie ein Gefühl für den Einsatz dieser Wörter bekommen haben.

Ach, so langsam geht es besser. Haben Sie ein wirksames Mittel gegen Winter-Blues? Ich habe für mich festgestellt, dass es weder etwas hilft, sich bunt zu kleiden noch sich blauen Himmel oder zauberhafte, sonnige Schneelandschaften vorzustellen bzw. sie sich vom Foto reinzuziehen. Fremde Bilder, aber auch eigene Aufnahmen von Schönwetterplätzen, an denen man war – beides bringt nichts. Sie können Ihren Kopf grundsätzlich zwar ein wenig austricksen, aber das geht nicht so weit, dass die Hormonproduktion anspringen würde und sich in Hinsicht auf Stimmung, Antrieb, Glücksgefühl etc. wirklich etwas täte. Es scheint beinahe so, als würde es der Rest des Körpers eher übelnehmen, wenn der Kopf ihm etwas vormachen will, ohne dass entsprechende Abläufe z. B. in den Drüsen folgen.

Mir helfen Sauerstoff und Bewegung. Stepptanz wirkt Wunder. Mir helfen Vitamine – in Form von Obst und Gemüse, nicht als Pille. Mir helfen heiße Getränke und Wärme insgesamt, und so ist es manchmal nicht verkehrt, ins Tropengewächshaus von Planten un Blomen zu gehen. Kurlaub, Therapie … etwas in der Art, denn dort gibt es sowohl Wärme als auch Licht und Farben.
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Calliandra haematocephala - Rote, kugelförmige Blüte eines Puderquastenstrauchs (Planten un Blomen, Hamburg - Tropengewächshaus)

Calliandra haematocephala – Blüte eines Puderquastenstrauchs (Planten un Blomen, Hamburg – Tropengewächshaus)

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Ein anregendes bzw. angeregtes Gespräch ist schön, guter Lesestoff ebenso. Mir hilft das Schreiben und besonders gut tut es, wenn ich Musik, die zum Winter-Blues passt, im Kopf habe. Sie muss nicht einmal wirklich laut laufen. Es darf keinesfalls eine bunte, wilde, vor gekünstelter Lebensfreude überbordende Beschallung sein. Bloß kein Kontrastprogramm, das der Kopf aus Vernunft gegen das Grau vorschlägt, weil er es für sinnvoll erachtet, was der Körper aber beleidigt als infamen Trick erkennt, mit dem er überlistet werden soll. Der reagiert wie ein trotziges Kind: Nö, nicht mit mir.
Meiner reagiert positiv auf melancholische, langsame, Sehnsucht auslösende Musik, Filmtitel … das ist seine Medizin. Und mit der Entspannung tauchen nach und nach Bilder auf, die wirklich Kontrastprogramm zum grauen Einerlei draußen bilden. Dem Winter-Blues wird auf diese Art ganz heimlich, still und leise ordentlich in die Seite geknufft.

Genug von winterlichen Stimmungstiefs. Nächstes Mal sieht alles anders aus. Es kann ja nicht immer trüb bleiben. Wenn es lediglich das Grau wäre! Aber es ist auch der Freiraum nach oben, der fehlt, wenn die Wolkendecke tief hängt. Irgendwann muss aus dem einengenden Flachdachschuppen mit zugezogenen Jalousien doch wieder eine helle Altbauwohnung mit hohen Decken und großer Fensterfront werden. An-
sonsten bliebe einem wirklich keine andere Wahl, als für ein Weilchen in eine andere Region flüchten.

Ich habe plötzlich „Moon River“ im Kopf. Bitte nicht den Sender verdrehen, es klingt und wirkt nämlich geradezu fantastisch  … Ich kuriere diesen Blues noch ein bisschen aus, und dann lesen wir uns wieder.

Ihnen einen gute Zeit! Ohne Sturm, Überflutung, Schneeverwehungen oder erneutes Blitzeis. Ohne Knochenbrüche und frei von niederdrückendem Winter-Blues. Bis bald!

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© by Michèle Legrand, Januar 2017
Michèle Legrand

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James Rhodes in Hamburg!

Über den Pianisten James Rhodes und seinen Konzertabend auf Kampnagel am 25. Oktober 2016

 

James Rhodes in Hamburg

James Rhodes ist auf Konzerttour in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Anhänger des Pianisten mussten einige Jahre warten, bevor endlich auch deutsche Städte auf dem Tourplan des Briten standen.
Am 25. Oktober 2016 lud er in Hamburg auf Kampnagel (K2) zu einem musikalischen Abend ein.

Reine Konzertkritik?

Anstelle einer reinen Konzertkritik in Kurzform, lade ich Sie heute zu einer sehr persönlichen Betrachtung ein, die Ihnen den Menschen James Rhodes zunächst näher bringt. Seine Art der Präsentation, seine Ausdrucks-
form als Künstler, beides wird ganz entscheidend von seinen persönlichen Erfahrungen, seinem Werdegang, seinem ganzen bisherigen Leben beeinflusst.
Würde ich Ihnen lediglich knapp berichten, welche Klavierstücke auf dem Kampnagel-Programm standen, welche Stimmung vorherrschte oder ob und wie meisterlich er spielte  – Sie würden nicht annähernd nach-
vollziehen können, was an Rhodes selbst und an seinem Klavierspiel so packend, so ergreifend ist.
Was einen Konzertabend mit dem Briten so besonders macht!

Warum darüber hinaus mich das Hamburg-Ereignis zusätzlich mit großer Vorfreude erfüllte und weshalb ich
dem Abend mit Spannung entgegensah, werde ich Ihnen dabei gern mit verraten. Sie vermuten schon ganz richtig, es existiert eine Vorgeschichte, und die begann für mich bereits vor sieben Jahren.

Eines gleich vorweg! Falls Sie jemals die Gelegenheit haben, ihn spielen zu hören oder ihn bei einem Auftritt
zu erleben, nutzen Sie die Chance!

Eine Annäherung

Sollten Sie sich – ganz spontan – ein Klavierkonzert und den dazugehörigen Pianisten vorstellen, hätten Sie vermutlich das Bild eines in Anzug oder sogar Frack gekleideten Herrn vor sich. Akkurater Haarschnitt, Fliege, glänzende Lederschuhe. Einen eher wortlosen Typ Künstler, denn ein Pianist kommuniziert im Allgemeinen
nicht mit dem Publikum.
Bei den Damen sähe dieses Bild nicht anders aus. Lange Abendrobe, die Haare luftig-frisch gestylt, ein ein-
nehmendes, das zwischen den vorgetragenen Werken ans Publikum verschenkt wird. Einnehmend, aber still.

Sicher gibt es einzelne Künstler, die in heutiger Zeit andere Wege einschlagen. Extrovertierte mit einem kleinen Faible für Schauspiel, Show und Entertainment und der Neigung zu einer gewissen Selbstdarstellung. Die Motivation entspringt dem Wunsch nach zusätzlicher Aufmerksamkeit, ein Vortrag erfolgt nicht allein um der Musik oder der Darbietung willen, sondern zur Pflege des Kults um die eigene Person. Hart gesagt, oder?
Es wäre vermessen, grundsätzlich zu unterstellen, dass Künstler dieser Art während des Spielens bewusst Selbstinszenierung betreiben, denn wer ist schon in der Lage inmitten einer hochkonzentrierten Darbietung eines schwierigen Werkes penibel darauf achten, eine bestimmte Pose zu halten, fotogen zu wirken oder Effekthascherei zu betreiben.
Dennoch, vielleicht fallen auch Ihnen auf Anhieb Namen von Künstlern ein, bei denen der schmerzverzerrte Blick, die sekundenlang elegant in der Luft verharrende Hand oder das Zurückwerfen der Haarpracht zumindest auf den Zuhörer und Zuschauer exakt so wirken: künstlich und inszeniert.

Einerlei, ob es sich um den konservativen, zurückhaltenden oder den modernen, mehr aus sich heraus-
kommenden und sich selbst in Rampenlicht stellenden Typ  handelt – solange der Pianist ein musikalisches Genie, ein Virtuose am Flügel und ein Interpretationskünstler ist, einer, der den Werken Leben einhaucht, so lange wird es ein wunderbares Hörerlebnis sein!
(Wenn es Ihnen so wie mir ergeht, dass Ihnen das Zuhören und Zuschauen bei bestimmten Menschen schier unmöglich ist, dann schließen Sie wie ich einfach die Augen.)

Eine andere Erscheinung …

Sie fragen sich, wozu ich dies alles erwähne?
Weil es anders läuft, sobald Sie der Einladung James Rhodes’ folgen. Der Brite, Jahrgang 1975, mag weder
die ihm widerstrebende Selbstverkostümierung, noch die Unnahbarkeit und das absolute Stillschweigen des vortragenden Pianisten.
Je nach vorherrschender Temperatur bzw. Jahreszeit erscheint er zum Konzert in T- oder Sweatshirt (gern mit BACH-Aufschrift) sowie Turn- oder Freizeitschuhen. Sein Friseur sieht ihn schon von Zeit zu Zeit, den Wuschelkopf komplett zu bändigen, ist aber nicht sein Hauptziel. Ein Drei-meist-aber-mehr-Tage-Bart gehört zu Rhodes ebenso dazu wie das Rachmaninow-Tattoo am Unterarm und seine große, dunkel gerahmte Brille. Eine Nerdbrille könnte man es nennen, so ein kantiges Kassengestell früherer Zeiten, eine Form, die schwer angesagt ist. Was jedoch reiner Zufall ist, denn er legt weder Wert auf angesagte Accessoires noch auf sonstige typische Attribute eines Konzertpianisten.
Gewohnte Äußerlichkeiten? Die Einhaltung des üblichen Ablaufs? Ein Auftritt ausschließlich an einem altehrwürdigen, Klassikkonzerten vorbehaltenen Veranstaltungsort?
Nein, meint Rhodes. Wozu auch. Kleider machen auch heute vielleicht noch Leute, sie erhöhen aber nicht die Virtuosität.
Um zu verstehen, dass hier nicht jemand einfach nur plietsch eine neue Schiene fährt, um so die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um zu begreifen, dass er der Musik trotz weniger förmlichen Auftritts und trotz Brechen bestehender (ungeschriebener) Regeln mit dem höchsten Respekt und sehr viel Liebe begegnet, müssen Sie ihn und seinen Werdegang kennenlernen. Ein Werdegang, der so anders ist als der weitaus meisten seiner Klassik-Kollegen. Sein Weg als Pianist war überhaupt nicht vorgezeichnet!

Die Geschichte des James Rhodes …

Rhodes stammt nicht wie viele andere aus einer Familie, in der schon seit Generationen musiziert wurde. Er hat nicht bereits im Kindesalter Klavierunterricht genossen, hat keine ersten Erfolge bei Jugendwettbewerben eingeheimst oder Bekanntheit durch sie erlangt.
Vor allem aber hat er eines nicht: Er hat keine ungetrübte Kindheit genossen. Und das ist die Untertreibung schlechthin! Was er durchgemacht hat, muss die Hölle gewesen sein und wird ihn ohne Zweifel bis an sein Lebensende nicht loslassen.
Der Brite wurde das Opfer von schlimmstem Kindesmissbrauch, einem Missbrauch der über Jahre anhielt, und wer seine Autobiographie liest, der erfährt sehr viel über das Danach. Die Operationen, die nötig sind. Das anfängliche Verdrängen, das wieder Hochkommen aller Pein, gerade als er selbst Vater eines kleinen Jungen wird. Erst im Alter von 30 Jahres redet er das erste Mal über den Kindesmissbrauch!
Sein Buch, 2015 unter dem Titel Instrumental in England erschienen und seit Februar 2016 in der deutschen Fassung unter dem Titel „Der Klang der Wut“ erhältlich, beschreibt auch diese Zeit, offenbart genau jene unbändige Wut, die in dem jungen James Rhodes steckt.
Er nutzt harte, deftige, drastische Worte, zu drastische ist häufig der Eindruck, doch für die Schilderung solch traumatischer Erlebnisse und für ein Aufrütteln gelten definitiv andere Regeln als für eine der üblichen Autographien. Schonungslos offen und dennoch lässt er einiges aus. Es reicht auch so, dem Außenstehenden das Ausmaß des Martyriums zu vermitteln. Es lässt förmlich erstarren.

Die Auswirkungen bei ihm sind Scham, Selbsthass, Selbstverstümmelung, Depressionen, Drogen, Selbstmord-
gedanken, Selbstmordversuche. Er wird mehrmals in die Psychiatrie gebracht. Nicht die Tatsache, dass er dort ist, dass er Medikamente oder Therapie erhält, rettet ihn, sondern etwas anderes führt ihn aus der tiefsten Krise heraus: die klassische Musik.
Zugang zu einem Klavier hatte er schon früher in der Schulzeit, das Spielen und der Klang waren ihm als wohltuend bekannt. Doch Unterricht? Er bringt sich das Spielen selbst bei. Sein Talent wird ersichtlich. Seine Eltern erlauben allerdings nach der Schule kein Musikstudium, woraufhin er die nächsten zehn Jahre keine Taste mehr anrührt. Daher wird ihm erst zu einem relativ späten Zeitpunkt bewusst, dass es die Musik ist, die seinen Schutzraum darstellt und dass das Hören bestimmter Werke etwas Positives in ihm in Gang setzt.
Licht in Dunkelheit hineinlässt. Ihm wird irgendwann klar, dass die klassische Musik, dass das Spielen dieser Werke für ihn die Rettung bedeutet.
Er, der kurz vorher noch zu den harten Worten, der drastischen, gelegentlich bis hin zur provokanten Ausdrucksweise greift, schreibt in „Klang der Wut“ über das Gefühl, dass ihn beim Anhören des Adagios von Bach-Marcello aus dem Oboenkonzert in D-Moll, BWV 974 überkommt (und über Bach generell) in einer gänzlich anderen Art und Weise:

Es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
An anderer Stelle:
Wenn etwas so Starkes, so Schönes existieren kann, dann kann ja nicht alles schlecht sein. Da sagte ich mir: Okay, ich mach‘ noch ein bisschen weiter.“
Und weiter:
“Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“

James Rhodes hat in der folgenden Zeit Unterricht bei einem Lehrer in Verona, er übt Stunden um Stunden.
Tag für Tag. Monat um Monat.
Zwei, drei Jahre vergehen, und im November 2008 gibt er sein erstes öffentliches Konzert in der Steinway Hall
in London. Es folgen weitere Auftritte, im Mai 2009 findet im The Roundhouse in Camden sein Solokonzert statt.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal von James Rhodes höre. Hier in Deutschland ist er ein absolut Unbekannter, doch Stephen Fry, der britische Autor, Schauspieler und Moderator erwähnt einen außer-
gewöhnlichen Pianisten und leitet den Link zu einem kurzen Video weiter.
Ich habe seit Teenagerzeiten der Klaviermusik unterschiedlichster Interpreten gelauscht, verschiedene Fassungen ein und desselben Werks kennengelernt, bemerke die Unterschiede und empfinde naturgemäß die Darbietung einzelner Tastenkünstler als unterschiedlich „attraktiv“, doch als ich Rhodes das erste Mal zuhöre, packt es mich. Zu dieser Zeit weiß ich nichts über das bisherige Leben des Mannes aus England. Ich stelle nur fest, wenn er spielt, ist etwas anders. Seine Musik wird auf eine andere Art und intensiver weitergeleitet, Klänge, aber auch Gefühle scheinen unmittelbar in einen überzugehen. Wenn ich es beschreiben sollte, dann so: Er ist der Vermittler eines Werks, der virtuose Gestalter, doch raubt er sich das Werk dabei nicht. Er macht sich nicht zur Hauptperson, während er spielt. Bei ihm ist es bereichernd und faszinierend, ihm nicht nur zuzuhören, sondern auch, ihm dabei zuzusehen … Seine Versunkenheit, seine Ruhe, seine Authentizität, die natürliche Hingabe – das alles sucht seinesgleichen …

Rhodes’  Bekanntheit im eigenen Land wächst mit jedem Auftritt. Der Engländer nimmt an diversen Festivals teil und steht für BBC4 für eine Dokumentation zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin, die 2010 ausgestrahlt wird, vor der Kamera.  Es folgen weitere Auftritte nun auch im Ausland. 2011 gastiert er in Australien, 2012 geht es in die USA, u. a. nach Chicago, Hongkong lernt ihn 2013 kennen. Das englische Fernsehen sendet es in der Zwischenzeit die siebenteilige Serie James Rhodes: Piano Man.

Er engagiert sich für Projekte, bei denen es um die Belange von Menschen mit psychischen Problemen geht. Ebenso unterstützt er eine Aktion, deren Ziel die Verbesserung des Musikunterrichts überall im Vereinigten Königreich ist. Bei dem Projekt Don’t Stop the Music kommen 2014 im Zuge einer großen Sammelaktion mehr als 7 000 Instrumente zusammen, die an 150 Grundschulen verteilt werden und von denen im Jahr 10 000 Schüler profitieren.

Mittlerweile hat er mehrere Alben veröffentlicht, schreibt hin und wieder für Zeitungen einen Gastbeitrag. Die Medien widmen sich natürlich nicht nur seinem künstlerischen Schaffen, sondern beschäftigen sich ebenfalls mit seinem Vorleben und haben Kenntnis vom Kindesmissbrauch. Rhodes geht inzwischen offen damit um. Es geht es auch deshalb offensiv an, weil er davor warnen möchte. Er will Menschen sensibilisieren, möchte verhindern, dass es weitere Opfer gibt, nur weil Unkenntnis herrscht und sich mangelhaft für den Schutz eingesetzt wird. Andererseits ermutigt er mit seinem Vorgehen andere Leidtragende, sich zu wehren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und er sagt auch an Mitwissende gewandt: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Als Verlage an ihn herantreten und ihm die Autobiographie vorschlagen, willigt er ein.

Eine sicher insgesamt nicht einfache Entscheidung, doch was kann besser, sinnvoller und wirkungsvoller sein, als dass ein derart Betroffener selbst Fakten nennt, die Wahrheit aufschreibt und diese veröffentlicht, statt es den Medien indirekt freizustellen, sich mangels Information ihre Geschichten nach eigener Vorstellung und fern aller Realität zurechtzubasteln. Vielleicht befreit es auch und rückt einiges ins richtige Licht.

Sie sehen aus dieser Entwicklung jedoch, dass Rhodes’ Motivation zur Veröffentlichung eines solchen Buches nicht die ist, zunächst die Autobiographie auf den Markt zu bringen, um mit seiner dramatischen Vergangenheit seine Bekanntheit als Pianist zu steigern, sondern er schreibt zu einem Zeitpunkt, als seine bereits existierende Bekanntheit sich in seinen Augen für ein sinnvolles und ihm enorm wichtiges Ziel nutzen lässt.
Dass erst per Gerichtsbeschluss gestattet werden muss, dieses Buch überhaupt zu veröffentlichen, kann ihn nicht davon abhalten.

Als Publikum bei James Rhodes

Sie kennen James Rhodes nun bereits soweit, dass es Sie kaum mehr irritieren wird, dass ein Pianist es entgegen gängiger Praxis anders handhabt und sich zwischen seinen Werken direkt an seine Zuhörer wendet. Der Brite hält Kommunikation, gerade in heutigen Zeiten, für wichtig. Er hält es auch für wichtig, dass über das Stück, über den Komponisten und dessen Anliegen erzählt wird. Oder über dessen persönliche Verfassung, Umstände und Beweggründe, ein bestimmtes Werk in genau dieser Form zu Papier zu bringen.
Er setzt nicht voraus, dass jeder bereits alles im Vorfeld weiß oder vorab in Erfahrung bringt. Ein Austausch, bevor er sich an den Flügel setzt und startet, ist ihm viel lieber.
Nun werden Fachkritiker vermutlich gern anmerken, dass er ja gar nicht ernst, nicht lehrbuchhaft erklärt, nicht doziert. Muss er denn?
Was er betreibt, ist eine Situationsbeschreibung, er vermittelt eine Grundstimmung, ein Gefühl, und schon bevor er die Brille absetzt und sich zum Spielen niederlässt, haben Sie als Zuhörer Zugang. Eine Vorstellung. Bereits mit seinem ersten Ton holt er Sie genau dort ab.

Ihm liegt viel daran, dass nicht nur das herkömmliche Publikum „bedient“ wird, Menschen vom Fach, eine begrenzte Gruppe. Er möchte, dass Menschen herangeführt werden, die sich bisher an klassische Musik nicht herangetraut haben. Er will ihnen die Schönheit der Musik vermitteln. Die Energie dieser Musik und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Aus diesem Grund geht er gern einmal an ungewöhnliche Orte. Nutzt öffentliche Plätze. Stellt seinen Flügel zwischen Hochhausbauten auf und beginnt dort sein Spiel. Es hat die Wirkung, die oft auch ein Flashmob auslöst: Überraschung, nach der ersten Verblüffung Ergriffenheit, dann Begeisterung. Es schürt letztendlich nicht selten Neugier, entfacht Lust und macht Mut, sich bis dahin völlig Unbekanntem endlich zu nähern.
Er zieht damit auch Jüngere an. Eine britische Zeitung nannte ihn vor Jahren einmal den „Beethoven der iPhone-Generation“ …

Das Konzert auf Kampnagel

Saal K2 auf Kampnagel. Die von dunklen Vorhängen eingerahmte Bühne mit dem Flügel ist ebenerdig, die Zuschauerplätze befinden sich auf einer ansteigenden Tribüne, die jedem gute Sicht verschafft. Freie Platzwahl heißt es auf den Tickets. Was nichts anderes bedeutet, als nur frühes Anstehen sichert einen guten Platz im vorderen Bereich. Was die lange Schlange vor dem Einlass vermuten lässt, bewahrheitet sich: es wird voll. James Rhodes scheint nicht mehr nur ein Geheimtipp zu sein …
Pünktlich wird er angekündigt, tritt aus einem Spalt der dunklen Seitenvorhänge hervor, schaut kurz freundlich Richtung Publikum, steuert jedoch mit seinem leicht wippend-federnden Gang direkt den Flügel an. Er legt die Brille ab – ein immer wieder kehrendes Ritual, bevor die Finger über die Tasten fliegen – und beginnt. Mit Bach. Seinem bevorzugten Komponisten. Mit ihm startet und endet später sein Hamburg-Programm.

Rhodes mag nicht nur Bach, den nur besonders. Seine Goldberg Variationen, die Chaconne in D-Moll … Er bewundert ebenso Beethoven, Chopin, Prokofjew, Moszkowski, Mozart, Gluck, Puccini u. a.  Es faszinieren ihn einige Pianisten besonders. Glenn Gould ist u. a. sein Vorbild, – was man seinem Spiel mitunter anmerkt. Den russischen Pianisten Grigory Sokolov, den verehrt er ebenfalls.

Für den Abend auf Kampnagel hat er sich die Fantasie in F-Moll Op. 49 von Chopin herausgesucht. Darauffolgend vom selben Komponisten die Polonaise-Fantasie, Op. 61, As-Dur.
Beides spielt er ohne Notenblatt und … bewegend. Mitreißend. Gerade Chopin hat es in sich, ein Komponist, der die verbundenen Töne sehr liebte und in dessen Werken oft eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen zusammentrifft.
Zuvor holt Rhodes allerdings die Begrüßung nach und erzählt er in seiner natürlichen, unverkrampften Art über die gleich zu hörenden Werke. Fantasie. Sie soll auch das Thema des Abends sein. Fantasie sei wichtig, genauso wie Kreativität, die in unserer schnellen Zeit oft zu kurz zu kommen droht. In Gefahr ist. Er bringt eine Besonderheit der Kreativität in diesem kurzen Satz auf den Punkt: „Creativity is a form of meditation. Inside.“

Rhodes fährt fort mit der Klaviersonate 31, Opus 110, As-Dur von Beethoven. Ein Traum …
Konzertende? Offiziell schon und doch wieder nicht, denn danach reiht sich eine Zugabe an die nächste.
Er spielt aus Orpheus und Eurydike von Ch. W. Gluck. Die  nächste „encore“ entpuppt sich als das letzte Präludium von Rachmaninow in Des-Dur.
Immer noch ist nicht Schluss. Fast schüchtern kündigt er eine weitere Zugabe an, einen Titel, den er erst einmal zuvor öffentlich präsentiert hätte, brandneu sozusagen. Ein Stück aus einer Puccini-Oper, doch er verrät nicht, wie es heißt. Versichert allerdings, es würde einem nach spätestens 27 Sekunden bekannt vorkommen. Er sollte damit recht behalten. Es ist „O mio babbino caro“ aus der Oper Gianna Schicchi.

Jedes schöne Ereignis geht irgendwann einmal vorbei. Er lässt den Abend nach gut eineinhalb Stunden mit Bach ausklingen und hinterlässt ein stürmisch applaudierendes und wie es scheint allgemein begeistertes Publikum in Hamburg.
(Warum der Veranstalter dieses Konzert allerdings als eine „Musikalische Lesung“ ankündigte, bleibt rätselhaft.)

Für ihn ist an diesem Abend die Arbeit noch nicht getan. Seine Autobiographie liegt im Foyer in der englischen und deutschen Fassung aus und wird von ihm nach dem Konzert signiert.
Ich habe kein Buch mitgebracht, aber meine allererste CD von ihm aus dem Jahr 2009. Sie trägt nun seinen Unterschriftenkringel …

Nach dem ersten Gepacktsein vor sieben Jahren, nach der Beobachtung seiner weiteren Entwicklung und dem Verfolgen seines Schaffens über das Internet, durch Zeitungsartikel, durch Bücher etc., gab es an diesem Abend die Gelegenheit, den Pianisten James Rhodes live spielen zu hören und real zu erleben. Das Bild hat sich vervollständigt. Für mich. Für andere. Gut möglich, dass noch mehr Menschen eines Tages den Wunsch verspüren, von ihm zu hören. Von seinem Klavierspiel und von seiner ganz eigenen Art, die Kraft der Musik deutlich zu machen.

James Rhodes, der Mann, den die Musik auffing und rettete, er sagt, das Einzigartige an klassischer Musik sei, dass sie, selbst wenn es ein trauriges Stück ist, immer noch wunderschön sein.
 „Even the pain is beautiful in classical music.“
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke, das Geheimnis ihrer Wirkungskraft.

Was für ein Abend! Wenn dieser unkonventionelle, unverstellte Brite, dieser so authentische Mann und grandiose Pianist wieder einmal in Deutschland sein sollte und Sie Verlangen nach Echtem haben, nach etwas, das Sie mitten ins Herz trifft, dann …
Rechtzeitig Karten sichern!

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Quellen:
James Rhodes: Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
(Verlag Nagel & Kimche AG – ISBN-13: 978-3312006540)
Informationen aus Interviews in diversen engl. Zeitschriften aus den Jahren 2009-2016
Eine mittlerweile seit sieben Jahren bestehende Twitterverbindung

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

 

 

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Freddy mit der Mütze …

Ich weiß, ich fragte mich, ob er wohl immer noch das sehr volle, dunkle Haar hätte … Nur Freddy Quinn
trug eine dieser schwarzen, grobgestrickten, zipfellosen Wollmützen. Tief in die Stirn gezogen und bis
über eventuell vorhandene Koteletten. Kein Wunder, das Wetter präsentierte sich äußerst grottig;
kühl, nass und trüb.
Der Dunst hing tief über der Außenalster, doch wir saßen unverdrossen auf einer der Bänke am Ufer.
Er hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, die Beine weit von sich gestreckt, dabei
die Füße überkreuzt und erzählte schmunzelnd von einer Ruderregatta.
Ein Kind in bunten Gummistiefeln rannte auf dem angrenzenden Spazierweg durch eine Pfütze.
Immer wieder. Hin und her. Hin und her …
Aus einem der nahen Bäume drang der Lärm gleich mehrerer echauffierter Krähen und unterbrach Freddys Erzählfluss. Sein Blick ging hoch ins Geäst. Als er die Radaubrüder entdeckt hatte, krächzte er zurück, als spräche er ihre Sprache. Er kehrte wieder zu seinen Regattaerinnerungen zurück, während ich auf der gro-
ßen Wiese rechts das Dromedar wahrnahm, das feuchtes Gras kaute. Unentwegt.
Wir starrten uns ein Weilchen an, bis … Moment!

Ein Dromedar? Frei? In Hamburg …? Und wieso Freddy Quinn … mit mir …?
Mir kam das mehr als verdächtig vor. Aus gutem Grund!

Sie ahnen es vermutlich – alles nur geträumt. Mir selbst wird das meist in eben solchem Moment klar, in
dem sich komplett Unlogisches hineinmogelt. Mitten im Schlaf kommt die Erkenntnis! Nicht real! Traum!
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.
Ist der Traum absurd und völlig überflüssig, unterbreche ich das Geschehen, wofür oftmals nicht einmal komplettes Aufwachen nötig ist. Während des Schlafens verblasst das Bild oder die Handlung endet einfach. Schlagartig. Auch das kommt vor.
Sind die im Schlaf hochkommenden Bilder jedoch spannend und höchst willkommen, tauchen Personen in diesem nächtlichen Film auf, an denen mir liegt, die ich unbedingt sehen und hören möchte – im realen Leben sind sie womöglich bereits verstorben – und wird mir in dem Fall bewusst, dass nur ein Traum läuft (Klaus lebt doch gar nicht mehr …?), liegt mir unheimlich viel daran, dass er jetzt bloß nicht endet!
Nein! Nicht aufwachen! Lass die Bilder nicht verschwinden …
Nun ja, in dieser Hinsicht ist wohl kräftiges Üben angesagt, denn die Handlung zuverlässig fortlaufen zu lassen gelingt mir nicht, es lässt sich zumindest nicht lange durchhalten. Irgendwie scheint gerade dieser sehnliche Wunsch, die Dringlichkeit dahinter, den Plan regelrecht zu durchkreuzen.

Speziell diese sehr merkwürdigen Dinge – warum träumt der Mensch bloß derartige Ungereimtheiten?
Von Plätzen, an denen er nicht war, Menschen, die er gar nicht kennt …? Lassen Sie es uns nicht wissen-
schaftlich zu erklären versuchen oder professionelle Traumdeutung heranziehen – lassen Sie uns einfach nur herumunken und spekulieren.
Erinnern Sie sich noch an etwas, was ich Ihnen in ganz frühen Zeiten dieses Blogs anvertraut habe? Ich nahm damals an (ebenso munter-spekulativ gemeint), dass Träume offensichtlich hin und wieder schwer fehlgeleitet werden. Das bedeutet, Sie bekommen höchstwahrscheinlich gelegentlich Träume eingespeist, die eigentlich für jemand anderen gedacht sind. Genauso umgekehrt. Jemand erhält die für Sie gedachte Story.
Das Durcheinander bei den Inhalten und entsprechend mangelndes Verständnis können Sie sich vorstellen.

Einmal hatte ich nächtens das Vergnügen, in einer Oase zu sitzen. Dort war kein Dromedar, allerdings traf ich in der Wüste auf meine ehemalige Französischlehrerin, die ernst und mit Hingabe auf einer großen Harfe spielte. Wer sie kennt bzw. kannte, weiß, wie unwahrscheinlich dieses Szenario ist! Erklär mir einer so etwas …
Hatte ich die neun Ameisenhaufen am Strand schon erwähnt? In dem Traum spielten auch Richard von Weizsäcker und ein schwarzes Taxi eine wichtige Rolle. Oder die Sache mit dem russischen Briefträger und seiner Trillerpfeife?
War das etwa einer Ihrer Träume? Geklaut und zu mir umgeleitet? Können Sie vielleicht etwas damit anfangen?

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Sie mir einfach erzählen, was Ihnen traumbezogen bisher fehlt oder was nicht mehr vorkommt, schlicht abhanden gekommen zu sein scheint. Wenn ich merke, dass so etwas irrtümlich bei mir landet, dirigiere ich es selbstverständlich sofort zu Ihnen um.

Mehr wollte ich Ihnen gar nicht erzählen, ich habe noch zu tun.
Halt! Gerade fällt mir noch etwas ein!
Die merkwürdigen Träume haben hin und wieder so ihre kleinen Auswirkungen auf das nachfolgende Verhalten im Wachzustand. Seit dem Freddy-Traum gestern ertappe ich mich z. B. dabei, dass ich ständig „Hundert Mann und ein Befehl“ singe. Das legt sich hoffentlich in ein oder zwei Tagen wieder.
Mittlerweile habe ich sogar herausgefunden, wann und wodurch diese sonderbaren Träume ausgelöst werden. Es hat nichts mit gerade vorher Erlebtem zu tun.
Es passiert zuverlässig, wenn es mir im Schlafzimmer im Laufe der Nacht zu kalt wird, ich deshalb gegen Morgen doch den Thermostat der Heizung aufdrehe, das Frösteln nachlässt und ich zu dieser Zeit noch einmal einschlafe. Das ist der Startschuss für reichlich phantasievolle bis wirre Träume!
In meinen Augen ist die Ursache ein kräftig losbollernder Heizkörper, der während des Morgenschlafs für mollige Temperaturen sorgt. Und nur morgens funktioniert es!
Dadurch, dass Sie nach einem dieser Träume tageszeitbedingt meist endgültig aufwachen, bleibt der Inhalt sogar noch ein Weilchen im Gedächtnis haften, was ja sonst nicht immer der Fall ist.
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Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und träumen Sie etwas Nettes!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

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Der Verband …

Sind Sie eigentlich mehr ein mitfühlender Mensch oder eher der etwas schadenfrohe Typ?
Tatsächlich? Immer lieb und verständnisvoll?
Wie sieht es aus mit gelegentlich nur schwer unterdrücktem Grinsen?
So ein klein wenig? Nein? Nie …?
Falls Sie sich und Ihr Verhalten nicht genau einschätzen können und Unsicherheit bezüglich des Typs
herrscht, dürfen Sie Ihre spontane Reaktion auf eine Begebenheit gleich hier testen.

Sie saßen gestern mit mir in der U-Bahn. Eine jüngere Mutter neben mir auf der Zweiersitzbank,
gegenüber auf den beiden Plätzen hatten die Tochter und der Vater des Kindes Platz genommen.

„Kann ich mal die Tüte haben?“, fragte die ca. Sechsjährige.
„Welche denn?“, wollte meine Sitznachbarin wissen.
Die, wo die Pferde drin sind“, sagte die Kleine.
Ihre Mutter suchte in den diversen Taschen, nahm schließlich aus einem der Beutel eine noch original
verpackte Bettwäschegarnitur und reichte sie hinüber. Leuchtende Augen! Pferdebettwäsche! Der Traum
vieler weiblicher Wesen – zumindest in einem bestimmten Alter. Sie strich liebevoll mit den Fingern über
die durchsichtige Plastikfolie und schmachtete den darunter zu sehenden Pferdekopf an. Rundlich und freundlich wirkte er. Ein sehr sanfter Blick gehörte dazu. Die wuschelige Mähne hing in langen Fransen bis
über die dunklen Kulleraugen. Ein Pferdefan findet das ja ungemein attraktiv.
„Mama, kann ich das aufmachen?“
„Warte doch bis wir zu Hause sind, Jasmin.“
„Och, nöö … Kann ich nicht ein bisschen …? Ich will nur das Pferd fühlen.“
Das Pferd? Nun, ein Pferd auf Stoff schien auf jeden Fall „echter“ und somit fühlbarer zu sein als eines unter Plastikfolie.
„Also gut“, gab ihre Mutter nach, „du kannst zum Reingreifen die Packung oben öffnen. Siehst du, hier …
Aber nichts rausziehen!“

„Okay.“
Das Kind war beschäftigt, die Eltern bald in eine rege Unterhaltung verwickelt. Die Packung hatte oben als Verschluss eine überlappende und an der Packungsrückseite anhaftende Plastiklasche, die zusätzlich über die gesamte Breite noch mit einem Tesafilmstreifen gesichert war. Die Kleine hielt das nicht auf. Sie pulte geduldig den Anfang des Streifens los und zog ihn danach komplett ab, ohne dass sich das Ding verzwirbelte oder an ihr haften blieb. Sie nahm rechtzeitig die zweite Hand zur Hilfe und hielt den Streifen nun – straff gespannt – links und rechts jeweils an den Enden fest.
„Mama …?“
Loswerden wollte sie den Klebestreifen natürlich schon irgendwie. So konnte sie ihr Pferd nämlich nicht befühlen. Mama war jedoch in ihr eigenes Gespräch vertieft und bekam nichts mit. Hörte der Vater vielleicht besser?
„Papa, du …?“
Der war offensichtlich ebenso gefangen von der gemeinsamen Unterhaltung mit seiner Frau.
„Papa …, soll ich dir einen Verband machen?“
Es schien sich mehr um einen Automatismus zu handeln, dass sein Kopf sich bewegte und er zustimmend nickte. Seine Tochter wickelte daraufhin das klebrige Ding mit Geschick und Hingabe rund um seinen Arm, irgendwo auf halber Höhe zwischen Ellenbogen und der Armbanduhr. Der neue Verband lag eng an. Sie
drückte den Streifen ringsherum noch zusätzlich ein bisschen fest. Bildschön war es geworden …
„Mama, Papa, guckt mal …!“
„Toll, Jasmin“, erwiderte Mama. Nur schaute sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst hin.

Die Kleine widmete sich nun zufrieden dem Pferd auf dem Stoff und wieherte ab und zu fröhlich vor sich hin.
Drei Stationen später ging es für die Familie ans Aussteigen.
„Jasmin, gibst du mir bitte die Bettwäsche wieder. Ich muss sie jetzt wegstecken.“
Beim Versuch, die Verpackung zu verschließen, fluppte die Lasche prompt wieder hoch.
„War da nicht noch etwas zum Zukleben?“, erkundigte sich Jasmins Mama.
„Das hat Papa doch jetzt als Verband!“, meinte Töchterlein daraufhin sehr stolz.
Zwei Elternaugenpaare richteten sich auf besagten Verband.

Und dann hätten Sie das Entsetzen sehen sollen, als der Vater bemerkte, dass sein stark behaarter Unterarm äußerst sorgsam umklebt worden war! Offenbar kamen alte Erinnerungen an schmerzvolle Pflasterent-
fernungen oder eventuell sogar an tatsächlich erlittene Enthaarungsdramen unvermittelt wieder hoch …
Er fluchte los, bekam sich wieder unter Kontrolle und zupfte schließlich äußerst zaghaft an einem Ende des Klebestreifens. Ihm fehlte der Mut, diese Fummelaktion fortzusetzen – ganz zu schweigen vom Mumm, den Streifen einfach beherzt herunterzureißen!
Jasmin verstand die ganze Aufregung natürlich überhaupt nicht, die Mutter wiederum verkniff sich krampfhaft ein Lachen. Sie kämpfte vorbildlich um ihre Beherrschung, was ihr auch auf bewundernswerte Weise bereits nach Sekunden gelang.  Sie schaffte es daraufhin sogar, ihren Mann mit der Aussicht auf ein daheim durch vorheriges Einweichen schmerzfreies Abnehmen seines Verbandes“ zu beruhigen.
Ja, ja, die kleine Dramen des Alltags …

Wie fiel denn nun Ihre spontane Reaktion aus? Kam Mitleid mit dem Manne auf? Nein, oder? Mitleid bringt auch nichts. Aber vielleicht ein Quäntchen Mitgefühl? Und trotzdem dieser Anflug eines leichten Grinsens? Nebst einer Prise Erleichterung, dass es jemand anderen traf? Na, nun rücken Sie schon damit heraus …

Was der Test bei mir ergab? In dieser Situation zumindest war ich eindeutig ein Mischtyp …

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Sammelleidenschaft …

Ich kam diese Woche in meinem Viertel an einer Apotheke vorbei. Die Auslage im Schaufenster war auf das Thema Urlaubszeit zugeschnitten. Was sollte man vor dem Aufbruch in die Ferien bedenken, was für alle Fälle in seiner mobilen Reiseapotheke mit dabei haben. Was tun im Fall von Reisekrankheit? Sie kennen bestimmt auch Leute, die im Flugzeug grün werden …
Gestatten Sie mir eine Frage, bevor ich fortfahre? In der Auslage Ausgestelltes bringt mich gerade darauf.
Sind Sie Sammler? Oder haben Sie früher einmal eifrig bestimmte Dinge zusammengetragen?

Vielleicht werden Sie jetzt fast unmerklich die Brauen heben und sich fragen, was genau gerade mit Sammeln gemeint ist. Aktiv sammeln? Intensiv und ernsthaft? Nur zum Betrachten oder auch zum Benutzen? Oder geht
es eher um das etwas gebremste, passivere Sammeln, d. h. ein unaufgeregtes Zugreifen, wenn es sich gerade
so ergibt und einem etwas über den Weg läuft? Keine Recherche vorab, kein Suchen nach neuen Quellen?
Ein gewisser Sammeltrieb, aber keine Sammelwut?
Schließlich die Frage, welche Sammelobjekte überhaupt zur Debatte stehen. Matchbox-Autos? Tote Fliegen? Hubschrauber? Alte Fliedersorten? Fahrradklingeln? Toaster? Der SPIEGEL?
Sie haben völlig recht, wir sollten es konkretisieren.

Ich meine zum einen nicht dieses sich von nutzlosem oder altem Plunder nicht trennen können oder gleichgül-
tiges und nahezu wahlloses Aufbewahren bis in alle Ewigkeit. Also kein Sammeln im Sinne von horten! Dabei entsteht höchstens eine Faulheits- und Raumzustellsammlung oder – sobald es krankhafte Züge annimmt (Stichwort Messie) – bei Zwangssammelitis mit Stapelmanie eine zunehmende Vermüllung.
Streichen Sie gedanklich also bitte sämtliche Zeitungsstapel, Kartonagen und Pfandflaschen im Keller oder sonstige „gesammelten“ Dinge, die einfach noch da sind, weil sich bisher keiner erbarmte, sie zu entsorgen.
Es muss schon etwas sein, was mit Kalkül zusammengesucht wurde und für den Erhalt gedacht ist.

Ich meine zum anderen hier und heute ebenfalls nicht das Sammeln von berühmten Gemälden, einmaligen Antiquitäten, Riesendiamanten, historischen Erstauflagen, extrem seltenen Oldtimern, Luxusyachten oder ähnlichen Objekten, für deren Erwerb jemand zunächst Milliardär sein müsste, um dann aus dieser Situation heraus, gewissermaßen unter Druck geraten, forsch und sammelwütig loszulegen, weil das Kapital ja irgendwie angelegt werden muss.

Mir schwebt noch nicht einmal das Sammeln überhaupt gekaufter Waren vor. Vergessen Sie daher ebenfalls Überraschungseier, Diddl-Maus-Schreibblöcke, CDs, Star-Wars-Fanartikel, Handys, Handtaschen/Schuhe bestimmter Hersteller, Hutnadeln, Zinnfiguren, Teddybären, Sonnenbrillen, Krimis, Fingerhüte, Kuhglocken etc.
Was dann noch bleibt?
Es geht um das Ansammeln von Gegenständen, die nahezu kostenfrei zu beziehen sind. Ich denke an eine lässig bis eifrige Kollektion von Gratisbeigaben, Proben, Werbeartikeln oder von nicht direkt Abfall, aber doch zumindest bestimmten Überbleibseln eines Produkts.

In diesen Bereich gehören ganz eindeutig ebenso die Dinge mit Erinnerungswert wie Ansichtspostkarten, erhalten von urlaubenden Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Genauso zählen dazu die Tickets besuchter Konzerte, entwertete Fahrkarten (Rom), Eintrittsbelege (Louvre), Fremdwährung in Münzform (Einzelstücke – als Reiseandenken und weil das Motiv schön ist) …
Mögliche weitere Sammelobjekte wären die unterwegs ergatterten Streichholzheftchen und -schachteln, Bierdeckel, Korken, alte Telefonkarten, zusammengetragene Rezepte, aber auch Banderolen von Zigarren. Ach ja, und es gelten sämtliche Sammelteile natürlichen Ursprungs, seien es nun Milchzähne, Haarlocken oder etwas aus der freien Natur wie Kiesel, Hühnergötter, Lavabrocken, Muscheln, Federn, Blüten und Blätter, bizarr geformte Wurzeln, Kastanien, Fossilien

Wir haben es inzwischen ziemlich stark eingegrenzt. Somit müsste die eingangs gestellte Frage nun korrekt so lauten: Haben oder hatten Sie eine Schwäche für bestimmte Dinge, die zu sammeln für Sie absolut keine hohen Ausgaben nötig machte? War der Wunsch danach so ausgeprägt, dass Sie zumindest eine Zeitlang auf Beutezug gingen?
Lassen Sie mich raten …
Haben Sie Duploriegel geplündert und die Sticker gesammelt? Die Blumen von der Pril-Flasche gepult?
Kleine Figuren aus Cornflakes-Packungen gerettet? Nein? Dann haben Sie womöglich ganz bestimmte Briefe mit seidenen Bändern umwickelt und in liebevoll verzierten Kartons aufbewahrt. Auch nicht?
Ich hab’s! Sandproben! Haben Sie die archiviert? Eher Wolkenfotos? Eventuell haben Sie ja auch sämtliche Artikel zu Ihrem Leib- und Magenthema ausgeschnitten und in Ordner geklebt. Penibel gelistet. Ja?
Sie müssen nichts ausplaudern, wenn es ein Geheimnis bleiben soll, aber ich verrate Ihnen zwei, drei Beispiele der Kategorie „nahezu kostenfrei“,  die ich als Kind und Jugendliche gesammelt habe bzw. in späteren Jahren eine Weile reizvoll fand, das Sammeln allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt nicht weiter verfolgte. Sie werden das Warum mit Sicherheit gleich besser nachvollziehen können.

Es fing ganz bescheiden an. Ich hob als Kind irgendwann einige Briefmarken auf. Hatte sie zunächst in einer Art Schatzkästchen. Nach einer Weile gesellte sich ein kleines Album zum Aufbewahren hinzu. Als meine Oma auf meine Vorliebe aufmerksam wurde, erhielt ich von ihr die Marken aller Briefe, die ihre Schwester ihr regelmäßig aus der ehemaligen DDR schickte. Dort gab es neben den – wie bei uns damals fast ausschließlich üblichen –  meist recht nichtssagenden Politikerköpfen (oft als Zeichnung) oder etwas hölzern wirkenden Bildchen mit geometrischen Mustern außerdem jede Menge wirklich schöner Pflanzen- und Tiermotive. Ganze Serien! Ich würde durchaus behaupten, dass ich Vogelarten anfangs hauptsächlich durch die Abbildungen auf ostdeutschen Briefmarken kennengelernt habe.
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Briefmarken der ehemaligen DDR mit Vogel- und Tiermotiven
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Als Anni, Omas Schwester, hörte, was mich erfreute, bekam ich noch einige Marken extra. Das waren die, die sie daraufhin in ihrer Familie sammeln ließ und zusätzlich in das Kuvert legte. Was den Brief natürlich schwerer und das Frankieren teurer machte und folglich automatisch die Anzahl der Marken darauf noch einmal erhöhte.
Briefmarken der ehemaligen DDR mit Tiermotiven
Ich habe nie profimäßig gesammelt. Nie einen festen Plan gehabt, als Kind zumindest nie eine Pinzette benutzt, keine druckfrischen Blöcke bevorzugt, nie den MICHEL-Katalog gefilzt, um Preise zu prüfen. Oh, ich war durchaus vorsichtig mit ihnen, aber der Zackenrand interessierte mich nicht so brennend. Ich schaute mir einfach gern die Motive nach Themen sortiert im Album an. Es formten sich spontan kleine Geschichten im Kopf …
Später war es meine Mutter, die lange Zeit aus dem Büro einer Schuhimportfirma Briefmarken mit nach Hause brachte. Von da an waren Marken aus Italien und ebenfalls bunte und phantasievolle Motive aus dem asiatischen Raum angesagt. Ich fand es immer wieder verblüffend, wie unterschiedlich die Motivauswahl der einzelnen Länder ausfiel.

Meine Oma hatte das Sammeln irgendwann so verstanden, dass sie meinte, sie würde mir mit zusätzlich im Fachhandel gekauften, zellophangeschützten Marken eine Freude zum Geburtstag machen, doch ich konnte sie gerade noch davon abbringen.
Das wollte ich gar nicht!
Ich hatte nie den Ehrgeiz, Serien komplett zu bekommen. Ich empfand auch keinesfalls den Drang, meine Sammlung unbedingt auf Philatelistentreffen zu erweitern oder dort zu tauschen. Ich verschenkte Duplikate unter Schulfreunden und das war’s. Wenn von ihnen jemand im Gegenzug eine für mich hatte, umso besser. Doch es war keine Bedingung. Es ging auch nie um „Wertausgleich“. Ich freute mich einfach riesig über ein besonderes Motiv, und es war mir herzlich egal, aus welchem Land die Marke kam, ob es sie häufig oder selten gab und ob ein richtiger Sammler diese belächelte oder nicht.
Wenn mir ein Bild extrem gut gefiel, dann hob ich die Marke selbst dann auf, wenn sie leicht eingerissen war. Ooooh! BANAUSE! Ja, ja, ich weiß … ^^ Nur jeder hat eben seine eigenen Prioritäten, und Sammeln hat schließlich stets mit Liebhaberei zu tun, aber nicht zwangsläufig immer mit Perfektionismus.

Sammeln hat für mich übrigens ebenso mit entspanntem Zeitvertreib zu tun. Mich hat es amüsiert, wenn ich beim Anschauen meiner Neuzugänge entdeckte, dass Boris Becker auf einer Marke aus Paraguay zu sehen war …
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Briefmarken - Boris Becker auf einer Marke aus Paraguay ...
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Und schauen Sie hier! So hat meine Oma das Kaufverbot für Marken geschickt umgangen: Mein Opa und sie haben mir aus ihrem Spanienurlaub einen Brief geschickt. Wenig Text innen, aber dafür außen „vollgetackert“…

Alter Brief aus Spanien mit kompletter Briefmarkenserie ...
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Während ich in einer international tätigen Firma arbeitete, legte in den ersten Jahren zunächst der Seniorchef seine Hand auf sämtliche Marken der eingehenden Post. Doch der Begriff Senior verrät Ihnen bereits, der gute Mann war nicht mehr ganz so jung. Als der Ruhestand ihn und seine Hand entfernte, rückte ich quasi in der Hierarchie nach. Nun bekam ich die Marken. Viele! Die Folge war, dass bei mir schon nach wenigen Monaten eine Art Widerwillen gegen neue Haufen hochkam. Es artete alles in richtiger Arbeit aus. Wie sollte man bloß hinterherkommen mit all dem Sichten, Aussortieren (es wiederholte sich sehr viel), Abweichen, Trocknen und Einordnen in Alben … Und wollte ich das überhaupt? Da war gar keine Zeit mehr für das Entstehen und Vorbeiziehen der wunderbaren Geschichten!
Ich zeigte die weiße Flagge, was wiederum einen anderen Kollegen beglückte. Die Firma hatte einen neuen Markenabnehmer …
Und heute? Ich hebe zwar hin und wieder noch eine Marke mit ungewöhnlichem Motiv auf, doch das geschieht definitiv zu selten, um noch als vollwertiges Sammeln durchzugehen.

Eine andere kleine Schwäche entwickelte ich für bestimmte zierliche Glasflakons. Diese Parfumminiaturen zogen mich an! Die Miniexemplare, die den kunstvollen Originalflakons bis ins Detail glichen!
Es gab sie geraume Zeit als Beigabe in Parfümerien und Drogerien, zumindest, wenn man einen etwas umfangreicheren Einkauf getätigt hatte oder dort als Stammkunde bekannt war. Ich ging deshalb nicht extra öfter einkaufen, freute mich dafür allerdings umso mehr, wenn es wieder soweit war und mir mit einem Lächeln ein neuer kleiner Flakon über den Verkaufstresen gereicht wurde.

Glasflakons - ParfumminiaturenDas Ergänzen weiterer Miniaturen hörte für mich in dem Moment auf, als der Handel bemerkte, dass mittlerweile viele Kunden diese Beigaben liebten, das Sammeln der kleinen Flakons um sich gegriffen hatte und es sogar schon besondere Setzkästen dafür gab. Man war wohl plötzlich der Ansicht, mit den gläsernen Objekten der Begierde müsste sich – verdammt noch mal! – doch Geld machen lassen. Und siehe da, von heute auf morgen war es vorbei mit den Geschenkminiaturen.
Bitte? Gratis? Ja, wo kommen wir denn da hin!
Die Proben gab es fortan nur noch zu kaufen. Es geschah gleich auf die protzige Art und Weise; in recht teuren und überkandidelten Geschenkschachteln mit drei, sechs oder noch mehr Flakons. Es sollte sich ja lohnen.
Mir verging die Lust. Gar nicht so sehr deshalb, weil ich hätte zahlen müssen, sondern eher aus dem Grund, dass die Verpflichtung bestand, gleich mehrere Teile auf einmal zu kaufen und der betreffende Gegenstand dabei obendrein plötzlich zu einem Massengut wurde. Jeder Käufer hatte nun (Entschuldigung, ich muss kurz gähnen) die exakt gleichen, vom Handel bestimmten Minimodelle, und wenn etwas alle war, wurde eben nachgeordert. Doch wenn das Angebot in seiner Vielfalt eingeschränkt wird und zugleich die dann bestehende geringe Auswahl mit einem Mal im Überfluss vorhanden ist, wird vorher Attraktives unattraktiv, denn es verliert seine Besonderheit.

Sammelobjekt und -umstände hatten sich für mich damals massiv verändert. Natürlich waren die Flakons nicht plötzlich hässlich oder völlig reizlos, doch der Spaß an der Sache, die Vorfreude auf eventuell Kommendes, die Unkenntnis darüber, was es wohl diesmal sein würde, genauso wie einfach die pure, fast kindliche Freude, eine besondere Aufmerksamkeit, ein Geschenk zu erhalten – all diese Gefühle waren abhanden gekommen.
Sammeln ohne jegliche Gefühlsregung ist sinnlos. Sammeln ohne Leidenschaft ist wie Sammeln ohne Grund. Fast noch schlimmer! Man kann es sich gleich sparen. Es muss einen inneren Antrieb geben! Eine Faszination, Erfüllung, etwas, das zum Weitermachen verleitet.

Einige Sammler, die sich einem bestimmten Gegenstand verschrieben haben, verspüren einen besonderen Ehrgeiz. Sie sind hungrig danach, immer weiter die Sammlung ergänzende Teile aufzuspüren, etwas irgendwann einmal zu komplettieren. Oder träumen davon, zumindest derjenige zu sein, der in einem bestimmten Bereich die meisten Sammelstücke vorweisen kann.  Andere wiederum sammeln, weil ihnen vor allem der Kontakt zu und Austausch mit Gleichgesinnten Spaß macht. In Internetzeiten ist dies so einfach wie nie zuvor. Wer früher einen Aushang beim Krämer anheftete und auf Resonanz aus der Region hoffte oder teuer eine Annonce in den Heimatspiegel setzte, um endlich Tauschpartner für seine Oblaten, Münzen oder Briefmarken zu finden, der surft heute weltweit und findet in Sekundenschnelle andere Sammler mit dem gleichen Hobby.

Sie erinnern sich an die am Anfang erwähnte Auslage im Schaufenster der Apotheke? Passend zum Thema Reisekrankheit wird dort im Moment als Leihgabe eine Sammlung ausgestellt. Sie dürfen dreimal tippen, um welchen Sammelgegenstand es geht …
Es ist eine Spucktüten-Sammlung!

Spucktütenausstellung in der Adler-Apotheke in Wandsbek - Juli 2016 (Air-Sickness-Bags)

Spucktütenausstellung in der Adler-Apotheke in Wandsbek – Juli 2016


Ja, genau, die berühmten Air-Sickness-Bags, die im Flieger stets in der Ihnen zugewandten Seite der Rückenlehne Ihres Vordermannes stecken und das Schlimmste verhindern sollen.
Mein allererster Gedanke beim Anblick der vielen Tüten in gleich mehreren Fenstern war: Mensch, ist der aber in der Welt herumgekommen! Mit wie vielen Fluglinien dieser Sammler schon unterwegs war! Enorm!
Doch dann meldeten sich schnell gehörige Zweifel, ich habe mich ein wenig umgehört und weiß inzwischen, dass man theoretisch tierisch unter Luftkrankheit leiden und das Fliegen kategorisch verweigern dürfte und dennoch Spucktütensammler sein könnte.
Wie man trotzdem an die Tüten kommt?
Vernetzung! Da wären zunächst die weltweiten Sammlerkontakte, darüber hinaus hat man überall seine Leute an den Flughäfen (oder kennt jemanden, der jemanden kennt …). Man schreibt die Fluglinien obendrein direkt an, und man tauscht intensiv untereinander. Wer tatsächlich selbst fliegt, sieht natürlich zu, dass er nicht nur die eine ihm zustehende Tüte am Platz unbenutzt(!) mit zurückbringt …

Spucktütenausstellung in der Adler-Apotheke in Wandsbek - Juli 2016 (Air-Sickness-Bags)

Spucktütenausstellung in der Adler-Apotheke in Wandsbek – Juli 2016

Der Wert einer Spucktüte steigt dramatisch, wenn es eine Fluglinie entweder nur kurz gab bzw. ebenfalls dann, wenn eine langjährig aktive Airline mittlerweile nicht mehr existiert, also kein Tütennachschub erhältlich ist. Es ist fast wie bei den Briefmarken. Je älter und seltener, desto gefragter, je unversehrter (druckfrisch, knickfrei, nicht vergilbt), desto wertvoller. Seine begehrten Trophäen stapelt man selbstverständlich nicht in lumpigen Schuhkartons, sondern heftet sie ordentlich und einzeln in Klarsichtfolien ab.
Sie machen sich keine Vorstellung, wie viele Fluglinien es gibt, wie international ausgerichtet gesammelt wird und wie das Tauschgeschäft floriert! Rainer Schwartz, einer der Herren, der Tüten für die Apothekenausstellung zur Verfügung stellte, listet auf seiner Internetseite  seine Sammlung auf, nennt Tauschobjekte und Gesuche. Das sind alles urlange Listen! Seine Sammlung umfasst mittlerweile 2268 unterschiedliche Spucktüten von insgesamt 781 Fluglinien aus 153 Nationen!
Auf einer weiteren Homepage lässt sich ersehen, dass Sammler tatsächlich in jeder Ecke der Welt anzutreffen sind.

Vielleicht sind Spucktüten aber doch nicht Ihr Traumobjekt für die eigene Kollektion? Dann könnten Sie beispielsweise immer noch Nussschalen sammeln. Natürlich auch Einkaufchips. Apfelkerne! Eierkartons! Oder wie wäre es mit Autogrammen? Irgendwem laufen Sie doch sicher über den Weg. Wenn er bisher nicht prominent ist, wird er es vielleicht noch …

Können Sie erkennen, wer einmal für mich etwas unterzeichnet hat? Die vielen Unterschriften auf dem unteren Foto stammen von Mitgliedern einer (ehemaligen) Band …
Autogramm

Autogramm

Autogramm
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Sie sehen, es gibt Möglichkeiten ohne Ende – inklusive vieler solcher Sammelideen, die relativ kostenneutral sind. Das Schöne an denen ist, man kann dabei das Sammeln bei anhaltender Begeisterung und Freude einerseits ewig weiterführen, man kann es aber, dadurch, dass kein hoher Einsatz notwendig war, auch ohne finanzielle Verluste leichten Herzens wieder sein lassen. Den Bestand verstauen und behalten oder einem aktiven Sammler schenken und damit eine Freude  machen.
Oder aber, Sie werden mit dem Vorhandenen kreativ! Sie funktionieren den Bestand kurzerhand um, erstellen etwas Neues. Aus Ihren Nussschalen entstehen Rasseln, die Steinen arrangieren und verkleben Sie zu charakterstarken Figuren, mit den gepressten Blättern oder ihren ausgeschnitten Artikeln und Fotos erstellen Sie Collagen.

So etwas habe ich übrigens anlässlich der Verabschiedung meiner Glasflakon-Sammelzeit gemacht …

Collage Parfumflakons - © Michèle Legrand
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Heute sammle ich fast … Stopp! Für heute machen wir Feierabend!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenausklang! Gönnen Sie sich ein möglichst entspanntes Wochenende!
Wussten Sie schon, dass es fürs Relaxen die äußerst begehrten grünen Ruhesammelpunkte gibt …? ^^

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© by Michèle Legrand, Juli 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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40 Kommentare

Der eine gibt, der andere klaut …

Ich überlegte eben so für mich, wie sich unser heutiges Treffen korrekt einordnen ließe. Wer von uns platzt
jetzt bei wem herein, hm? Handelt es sich eher um einen Besuch meinerseits bei Ihnen samt Lesemitbringsel oder besuchen Sie vielmehr gerade mich? Rein gefühlt. Ganz spontan empfunden …
Hielten Sie es für an der Zeit? Oder schaue ich bei Ihnen nach dem Rechten?
Es ist letztendlich Jacke wie Hose, wer weiß schon, was den Magneten angeknipst hat, doch da wir nun sowieso zusammenhocken, lassen Sie uns doch kurz entspannt plaudern. Danach driften wir frohgemut auseinander und jeder geht wieder seiner Wege.
Wo wir sowieso
Wissen Sie, welchen Satz ein um die Ecke lebender Mitmensch mir gegenüber gern verwendet? „Wo ich Sie gerade sehe …“ Es könnte im Prinzip ein so harmloser Ausspruch sein. Ein Gesprächsstart im Fall eines urplötzlich auftauchenden Gedankens und zwar in Verbindung mit einem rein zufälligen Aufeinandertreffen, oder? Alles Täuschung! Schmu!
Das mag gelegentlich zutreffen, nur sobald von der besagten Person betont beiläufig dieses „Wo ich Sie gerade sehe …“ fällt, artet es in der Folge unter Garantie für mich in Arbeit aus. Es ist stets zuverlässig der Einleitungssatz für Sonderwünsche und Extrawursteinforderung … Aber das nur am Rande.

Der Startschuss für neue Entdeckungen größeren Umfangs ist übrigens weiterhin nicht gefallen, doch Sie glauben gar nicht, was sich dafür als Ausgleich alles zur Unterhaltung und gewollten wie ungewollten Beschäftigung im unmittelbaren Umfeld tut. Vor der eigenen Tür, im Garten, in der Familie.

Kennen Sie diesen Sketch mit Heinz Ehrhardt, in dem sich ein etwas kurioser Dialog zwischen ihm und einer Dame entwickelt? Es beginnt darin nämlich nicht nur jeder Satz, sondern ausnahmslos jedes Wort mit dem Buchstaben „G“! Die Erinnerung daran blitzte kürzlich auf, als mir – völlig unbeabsichtigt, das Wort Geburtstag war der Auslöser – ein kurzer Satz exakt so geriet. Wenn ich spaßeshalber einmal den G-Wort-Faden aufnehme, ergibt sich für Sie als nächstes folgende Schilderung:
Gemahl Geburtstag. Gern gesehene Gäste geladen. Gratulanten gekommen. Geschenke gebracht! Gatte gedankt. Gemütlich gemeinsam Gebackenes gefuttert. Gruppenklönschnack geführt. Großelterndasein genossen.
Grummeln ganz gewaltig! Gewitter! Guss! Garten getränkt, Gehweg geflutet, Gangwillige gelinde geschockt. Gummistiefel günstig. Gäste (gratis) gefahren.
Geschirr gespült. Gabentisch geringfügig geplündert. Genießerisch Gläschen Gutes geleert. Gemahl geneckt. Gattengeburtstag gelungen …
Nun wissen Sie Bescheid bzw. wurden mit Infos grob gefüttert.

Ist es bei Ihnen im Familien- oder Bekanntenkreis eigentlich auch so, dass Geburtstage vorzugsweise gehäuft auftreten? Geburtstagsdrängelei gefolgt von Geburtstagsdurststrecke? Hier gibt es das durchaus. Lange nichts, aber dann Geschubse. Dicht beieinander – einmal sogar am gleichen Tag!
Ich fürchte allerdings, so etwas wie das ideale Datum kann man nicht richtig planen. Oder was meinen Sie? Nehmen Sie meine Eltern. Die beiden hatten das damals grundsätzlich eigentlich gar nicht so schlecht hinbekommen. Terminlich, meine ich. Mit mir. Rein theoretisch. Da zeigte sich rund um den mutmaßlichen Entbindungstermin eine bildhübsche größere Lücke im Kalender. Doch im Endeffekt hatte ich meinen eigenen Kopf und kam gleich mehrere Wochen zu früh. In die Wochen zwischen errechnetem und tatsächlichem Termin fielen die Geburtstage von Opa G., Opa H. und Oma M. Exakt am Geburtstag meiner Oma M. erblickte ich das Licht der Welt. Sie fand das toll!
Mein Opa G. war jedoch enttäuscht. „Wenn meine Enkeltochter schon partout so viel eher kommt, dann hätte sie doch auch an meinem Geburtstag kommen können!“ Opa H., der Mann von Oma M., fing nun ebenfalls mit Beanstandungen an: „Also mein Geburtstag war viel näher dran am errechneten Termin. Eigentlich stände es mir zu!“
Ich selbst bedauerte schon bald mein schlechtes Timing. Als Kind machte mich diese Duplizität der Ereignisse ein bisschen sauer, da wir ständig an meinem Ehrentag zur Geburtstagsfeier meiner Oma kommen sollten. Da saß ich dann Stunden unter „alten“ Leuten und musste grundsätzlich den Kindergeburtstag nachfeiern. Was man in dem Alter ganz schlimm findet!
Später, als ich ins Teenageralter kam und es mir gar nicht mehr so wichtig war, am eigentlichen Geburtstag zu feiern, einigten wir uns auf einmal darauf, jährlich zu wechseln, so dass jeder einmal an seinem echten Ehrentag zum Zuge kam. Wir mussten trotz allem „wo und wann“ stets lebhaft neu klären, weil Omachen jedes Jahr aufs Neue felsenfest davon überzeugt war, dass sie wieder „dran“ sei. So wurden im Fall der Fälle entweder die Beweisfotos vom Vorjahr herausgekramt, oder es wurde der Einfachheit halber gleich auf das Vorrecht verzichtet.
Wäre ich weitere neun Tage eher auf die Welt gekommen, hätte ich mit meiner Mutter zusammen Geburtstag gehabt. Ob das vorteilhafter gewesen wäre?
Herrschaften! Da gibt es so viele unbelegte Tage und wo landet man? Auf einem bereits besetzten Tag und obendrein noch mitten im Pulk! Die Geburtstage von Freunden schieben sich ulkigerweise ebenfalls oft in diesen Zeitraum. Das könnte am Sternzeichen liegen! Oder an den Elementen! Also etwas um die Ecke gedacht. Ich meine an der Vorliebe für einige Tierkreiszeichen. Man wählt seinen Freundeskreis nicht selten danach aus, dass einem beim Gegenüber Wesenszüge und Eigenarten vertraut und sympathisch sind. Im Gespräch kommt es dann später heraus. „Ach, echt? Auch Waage/Krebs/Widder?“ Gleiche Sternzeichen sorgen für eng beieinander liegende Geburtstage. Dass die Chemie womöglich eher stimmt, bewirken manchmal auch gleiche Elemente, und diese Vorliebe könnte wiederum die Monatshäufung in einem anderen Quartal erklären. „Was Sie nicht sagen! Sie sind auch ein „Wasser-/Feuerzeichen“?
So langsam kommen wir der Sache auf die Spur.

Einer gibt, der andere klaut. Was hat es nun damit auf sich? Geht es um Materielles? Oder um Aufwand, womöglich um geschenkte oder geklaute Zeit? Fürs Lesen des Blogs etwa? Ach, wo denken Sie hin! Ich hatte nicht Sie oder mich im Sinn. Wen stattdessen, das werde ich Ihnen gern verraten.

Genau am Tag seines Geburtstags fand mein Mann auf den Stufen der Eingangstreppe die wirklich wunderschön aussehende, farblich auffallende Feder eines Stammgastes. Das Geschenk des Eichelhähers. Für ihn zum Ehrentag! Habe ich steif und fest behauptet …

Feder eines Eichelhähers

Feder eines Eichelhähers

Etwas später entdeckte ich auf der Terrasse direkt auf der Gartenbank deponiert ein weiteres Präsent. Eine Walnuss vom Eichhörnchen. Vermutlich ausgebuddelt, denn momentan gibt es noch keine frische Ernte. Außerdem war die Schale grün übermoost. Eine Nuss extra zum Geburtstag. Ganz klar. Der Gemahl blieb gegenüber dieser Theorie zwar weiterhin skeptisch, freute sich dennoch. Verdeckt. Heimlich.

Juli - Igelbesuch in der Abenddämmerung auf der Terrasse ....Am Abend in der Dämmerung, die Gäste waren schon daheim, erschien der Igel. Nach langer Zeit zum ersten
Mal! Er hatte kein sichtbares Geschenk dabei, kümmerte sich aber intensiv um die Reduzierung der Ameisen. An dem Tag waren zudem Horden von Flugameisen geschlüpft. Er vertilgte die bei solch massenhaftem Auftreten etwas lästigen Krabbelviecher, obwohl Ameisen (und auch Schnecken) im Gegensatz zur landläufigen Meinung gar nicht zu seinen Haupt- und Lieblingsspeisen gehören!

Abendbesuch ... (Igel auf der Terrasse)

Abendbesuch …

Er ist sonst viel eher hinter Käfern, Ohrwürmern, Larven von Nachtfaltern, Tausendfüßlern oder Regenwürmern her. Diesmal also Ameisen. Eindeutig eine weitere Aufmerksamkeit anlässlich des Geburtstags! ^^ (Der Gemahl ahnte es bereits. Doch wahrscheinlich muss es ihm der Igel selbst sagen, bevor er es glaubt. Männer brauchen handfeste Beweise.)

 

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Sie sehen, es gibt eine ganze Menge Geber. Oder sie sind zwar Nehmer, geben jedoch gleichzeitig selbst etwas …

Juli - Sehr beliebt bei Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlingen _Stachys (Ziest)

Juli – Sehr beliebt bei Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlingen: Stachys (Ziest)

Wer sich allerdings echt mies und überhaupt nicht geburtstagskonform verhielt, war dieses Luder! Eine besonders dreiste Nacktschnecke. Ich habe sie in flagranti erwischt, als sie über der Tomate hing. Ein Klauer
am helllichten Tag!

Nacktschnecke macht sich über Tomaten her

Dieses Luder ….

Im Vergleich zur Größe ihres Körpers, fressen diese Schleimer unheimlich viel. Schauen Sie nur, was für ein großes Loch an der Tomate entstand!

Nacktschneckenfraß an Tomate (Frucht und Blatt)

Nacktschneckenfraß an Tomate (Frucht und Blatt)

Wo lässt die das alles bloß! Wie groß ist eigentlich der Magen einer Nacktschnecke?
Wissen Sie was, wir klären das ein anderes Mal! Ein Blick auf die Uhr verrät mir nämlich gerade, dass ich für heute enden muss.
Alles Gute für Sie – und bis demnächst!

Oh, Moment! Wo ich Sie gerade sehe …! Danke fürs Hereinschauen!

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© by Michèle Legrand, Juli 2016
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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