Beiträge getaggt mit Kindermund

Der Verband …

Sind Sie eigentlich mehr ein mitfühlender Mensch oder eher der etwas schadenfrohe Typ?
Tatsächlich? Immer lieb und verständnisvoll?
Wie sieht es aus mit gelegentlich nur schwer unterdrücktem Grinsen?
So ein klein wenig? Nein? Nie …?
Falls Sie sich und Ihr Verhalten nicht genau einschätzen können und Unsicherheit bezüglich des Typs
herrscht, dürfen Sie Ihre spontane Reaktion auf eine Begebenheit gleich hier testen.

Sie saßen gestern mit mir in der U-Bahn. Eine jüngere Mutter neben mir auf der Zweiersitzbank,
gegenüber auf den beiden Plätzen hatten die Tochter und der Vater des Kindes Platz genommen.

„Kann ich mal die Tüte haben?“, fragte die ca. Sechsjährige.
„Welche denn?“, wollte meine Sitznachbarin wissen.
Die, wo die Pferde drin sind“, sagte die Kleine.
Ihre Mutter suchte in den diversen Taschen, nahm schließlich aus einem der Beutel eine noch original
verpackte Bettwäschegarnitur und reichte sie hinüber. Leuchtende Augen! Pferdebettwäsche! Der Traum
vieler weiblicher Wesen – zumindest in einem bestimmten Alter. Sie strich liebevoll mit den Fingern über
die durchsichtige Plastikfolie und schmachtete den darunter zu sehenden Pferdekopf an. Rundlich und freundlich wirkte er. Ein sehr sanfter Blick gehörte dazu. Die wuschelige Mähne hing in langen Fransen bis
über die dunklen Kulleraugen. Ein Pferdefan findet das ja ungemein attraktiv.
„Mama, kann ich das aufmachen?“
„Warte doch bis wir zu Hause sind, Jasmin.“
„Och, nöö … Kann ich nicht ein bisschen …? Ich will nur das Pferd fühlen.“
Das Pferd? Nun, ein Pferd auf Stoff schien auf jeden Fall „echter“ und somit fühlbarer zu sein als eines unter Plastikfolie.
„Also gut“, gab ihre Mutter nach, „du kannst zum Reingreifen die Packung oben öffnen. Siehst du, hier …
Aber nichts rausziehen!“

„Okay.“
Das Kind war beschäftigt, die Eltern bald in eine rege Unterhaltung verwickelt. Die Packung hatte oben als Verschluss eine überlappende und an der Packungsrückseite anhaftende Plastiklasche, die zusätzlich über die gesamte Breite noch mit einem Tesafilmstreifen gesichert war. Die Kleine hielt das nicht auf. Sie pulte geduldig den Anfang des Streifens los und zog ihn danach komplett ab, ohne dass sich das Ding verzwirbelte oder an ihr haften blieb. Sie nahm rechtzeitig die zweite Hand zur Hilfe und hielt den Streifen nun – straff gespannt – links und rechts jeweils an den Enden fest.
„Mama …?“
Loswerden wollte sie den Klebestreifen natürlich schon irgendwie. So konnte sie ihr Pferd nämlich nicht befühlen. Mama war jedoch in ihr eigenes Gespräch vertieft und bekam nichts mit. Hörte der Vater vielleicht besser?
„Papa, du …?“
Der war offensichtlich ebenso gefangen von der gemeinsamen Unterhaltung mit seiner Frau.
„Papa …, soll ich dir einen Verband machen?“
Es schien sich mehr um einen Automatismus zu handeln, dass sein Kopf sich bewegte und er zustimmend nickte. Seine Tochter wickelte daraufhin das klebrige Ding mit Geschick und Hingabe rund um seinen Arm, irgendwo auf halber Höhe zwischen Ellenbogen und der Armbanduhr. Der neue Verband lag eng an. Sie
drückte den Streifen ringsherum noch zusätzlich ein bisschen fest. Bildschön war es geworden …
„Mama, Papa, guckt mal …!“
„Toll, Jasmin“, erwiderte Mama. Nur schaute sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst hin.

Die Kleine widmete sich nun zufrieden dem Pferd auf dem Stoff und wieherte ab und zu fröhlich vor sich hin.
Drei Stationen später ging es für die Familie ans Aussteigen.
„Jasmin, gibst du mir bitte die Bettwäsche wieder. Ich muss sie jetzt wegstecken.“
Beim Versuch, die Verpackung zu verschließen, fluppte die Lasche prompt wieder hoch.
„War da nicht noch etwas zum Zukleben?“, erkundigte sich Jasmins Mama.
„Das hat Papa doch jetzt als Verband!“, meinte Töchterlein daraufhin sehr stolz.
Zwei Elternaugenpaare richteten sich auf besagten Verband.

Und dann hätten Sie das Entsetzen sehen sollen, als der Vater bemerkte, dass sein stark behaarter Unterarm äußerst sorgsam umklebt worden war! Offenbar kamen alte Erinnerungen an schmerzvolle Pflasterent-
fernungen oder eventuell sogar an tatsächlich erlittene Enthaarungsdramen unvermittelt wieder hoch …
Er fluchte los, bekam sich wieder unter Kontrolle und zupfte schließlich äußerst zaghaft an einem Ende des Klebestreifens. Ihm fehlte der Mut, diese Fummelaktion fortzusetzen – ganz zu schweigen vom Mumm, den Streifen einfach beherzt herunterzureißen!
Jasmin verstand die ganze Aufregung natürlich überhaupt nicht, die Mutter wiederum verkniff sich krampfhaft ein Lachen. Sie kämpfte vorbildlich um ihre Beherrschung, was ihr auch auf bewundernswerte Weise bereits nach Sekunden gelang.  Sie schaffte es daraufhin sogar, ihren Mann mit der Aussicht auf ein daheim durch vorheriges Einweichen schmerzfreies Abnehmen seines Verbandes“ zu beruhigen.
Ja, ja, die kleine Dramen des Alltags …

Wie fiel denn nun Ihre spontane Reaktion aus? Kam Mitleid mit dem Manne auf? Nein, oder? Mitleid bringt auch nichts. Aber vielleicht ein Quäntchen Mitgefühl? Und trotzdem dieser Anflug eines leichten Grinsens? Nebst einer Prise Erleichterung, dass es jemand anderen traf? Na, nun rücken Sie schon damit heraus …

Was der Test bei mir ergab? In dieser Situation zumindest war ich eindeutig ein Mischtyp …

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Couchgespräch …

Am Übergang zum Wochenmarkt spielte gestern ein älterer Straßenmusikant mit Hingabe auf seiner Querflöte.
„Every night in my dreams, I see you, I feel you …”
Erkannt?
My Heart Will Go On. Der Céline-Dion-Titel aus dem Film „Titanic“. Es folgte das „Ave Maria“.
Ich habe keine Ahnung, ob er sein Repertoire bewusst den Umständen angepasst hatte. Alles schöne, traurige, etwas schwermütige Lieder angesichts der allgemeinen Lage und der vielen Todesfälle unter prominenten Künstlern? Angesichts des Todes von René Angélil, Céline Dions Ehemann? Auf jeden Fall wirkte es wie ein Gedenken. Klang zugleich nach Trauerfeier, nach Beerdigung.

Krebs ist die Pest. Egal, wessen Tod in den letzten zwei Wochen gemeldet wurde, er war durch Krebs verursacht. Maja Maranow, Lemmy Kilmister, David Bowie, Alan Rickman, René Angélil
Keiner von ihnen hatte gegen diese Krankheit auf Dauer eine Chance!
Da kann man den Weltraum erkunden, technischen Schnickschnack höchsten Grades entwickeln, um sich gegenseitig abzumurksen, aber dem Krebs Herr werden … Das scheint ein anderes Kaliber zu sein.
Trotz aller Therapieverbesserungen und Fortschritte im Laufe der Jahre; für manche Krebsarten gibt es nach wie vor kaum irgendeine Aussicht auf völlige oder dauerhafte Genesung. Manchmal scheint es, als wäre alles überstanden, nur um kurz darauf – häufig in Form von Metastasen – mit Wucht zurückzukehren.
54 Jahre. Das ist doch kein Alter! Auch 69 nicht.
Die Betroffenen werden immer jünger, oder? Vielleicht täuscht der Eindruck auch. Liegt es daran, dass wir selbst älter werden? Es gab auch früher junge Opfer. Meine Freundin starb damals mit 33 an einer Variante dieser Pest. Nur diese Häufung der Fälle …?

Alan Rickman. Den habe ich sehr gemocht. Als Künstler, als Menschen. Seinen feinen Charakter. Soweit man ihn eben kennt. Einen Prominenten. Einen Schauspieler.
Ich werde bei Menschen zunächst bei einer Stimme hellhörig, dann auf den Blick aufmerksam. Ich bin ein relativ ruhiger, stiller Vertreter, reagiere eher auf Augen. Auf Menschen, deren Augen reden. Wenn einer ohne großen Kasperkram und übertriebene Gesichtsverrenkung zu unzähligen Gefühlsausdrücken in der Lage ist, werde ich davon eingenommen. Mich fasziniert ebenso die Fähigkeit, durch pure Anwesenheit absolut präsent zu sein. Durch feinste Mimik, nicht durch angestrengte, laute Aktion. Es beeindruckt mich dauerhaft. Die entstandene Anziehung bleibt tatsächlich über Jahre bestehen. In den meisten Fällen bis zum Tod.

Kommen nebenher – wie bei Alan Rickman – eine spezielle, wohlklingende Stimme hinzu oder die Fähigkeit, obendrein Aquarelle malen zu können, vor denen man sich hinknien könnte, dann ist es soweit, dass ich sogar Filme wie Robin Hood schaue, nur, weil dieser Mensch mitwirkt. Schinken dieser Art haben es sonst recht schwer bei mir. Auch für einen Kevin Costner schalte ich nicht automatisch meinen Fernseher an. Wenn allerdings Alan Rickman den Sheriff von Nottingham verkörpert …
Zack! Sofaplatz. Bitte Ruhe jetzt hier!

Haben Sie ihn einmal Shakespeare rezitieren hören? Sie geraten in seinen Bann, schmelzen dahin!
Selbst wenn Sie mehr auf den Gruber aus Stirb langsam stehen, auf den Harry aus Tatsächlich Liebe, den Colonel Brandon aus Sense & Sensibility oder auf Severus Snape, seine Glanzrolle in Harry Potter:
Mr. Rickman hat viele Menschen beeindruckt.
Ich hoffe, er hat nicht so leiden müssen …

Ein bisschen Gegenprogramm zum Schluss? Als Kontrast zu Krebs, Abschied nehmen und trauriger Querflötenmusik?
Wie das Leben so spielt, präsentierte sich auch mir heute direkt im Anschluss gleich wieder ein Aufmunterer, während ich mir Pflanzen bei Blume 2000 ansah. Genauso wie es ein etwa Fünfjähriger mit seiner Mutter tat.
„Was willst du Oma denn für eine Blume mitbringen“, fragte er.
„Ich glaube, die haben gar nicht das, was ich suche …“, lautete die Antwort.
„Was denn?“, hakte er neugierig nach.
„Omas Yucca-Palme ist eingegangen. Ich hätte ihr gern eine neue geschenkt.“
„Nein, das darfst du nicht!“ Heftiger Protest!
„Warum denn das nicht?“ Seine Mutter war völlig perplex.
„Dann muss sie sich doch immer kratzen!“

Es dauerte auch bei mir einen Moment, ehe ich begriff, dass er von einer hinterhältigen Juckerpalme ausging, die einer älteren Dame das Leben zur Hölle machen würde …

Beenden wir doch so das heutige Couchgespräch. Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

Ich soll Sie übrigens grüßen von meinem gelegentlich auftauchenden Stadtreiher, der nach sozialer Vernetzung und Ansprache dürstet.
Momentan beschränkt sich sein Kontakt nämlich auf einen Wetterhahn …

Einsamer Stadtreiher sucht Anschluss beim Wetterhahn ...(Reiher auf dem Dachfirst)

Einsamer Stadtreiher sucht Anschluss beim Wetterhahn …

 

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© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Von temporären Dingen und unfolgsamen Wesen …

Ich husche heute kurz ums Eck. Schneie für einen Moment bei Ihnen herein. Dafür müsste die Zeit reichen.
Bei Ihnen, bei mir …
Ich will nicht behaupten, dass ich schon kolossal von Weihnachtsvorbereitungen vereinnahmt werden würde und deshalb Schreibzeitmangel herrschte, doch irgendwie meint das reale Leben auf seine ureigene Art, es hätte nun einmal Vorrechte gegenüber dem virtuellen. Es beschäftigt mich ausgiebig, und so ist das Bloggen auf meiner Yes-I-Can!-Liste momentan leicht nach hinten gerutscht. In solch einer Situation tätschle ich den Blog immer und streiche beschwichtigend über seinen Header – so wie man einem Kind über den Kopf streicht. Dazu murmele ich: „Alles gut. Ganz ruhig, deine Vernachlässigung ist eine temporäre Angelegenheit.“

Irgendwie besetzt die allgemeine, diese bescheidene aktuelle Lage generell den Kopf mit anderen Dingen. Es steht mir jedoch absolut nicht der Sinn danach, darüber zu schreiben! Es hemmt andererseits fraglos das sonst immer auftretende Sprudeln fremder, neuer Gedanken …
Unerwartet standen obendrein Krankenhausbesuche auf der Tagesordnung. Das hat zum Glück schnell ein Ende gefunden. Ein gutes Ende.
Worüber man noch herummuffeln könnte, sind die mistigen Tiefdruckgebiete der letzten ein oder sogar zwei Wochen, die einen mit ihren diversen Ausläufern und vor allem den massiven Luftdruckschwankungen regelrecht lahmlegen! Kollege Vollmond funkt zusätzlich beim Schlafen dazwischen …

Wintereinbruch in Norddeutschland am 22.11.2015 - Garten im Schnee

Tiefdruckgebiete und plötzlich Wintereinbruch im Norden am 22.11.2015

 

Lamentieren ist allerdings – als dauerhafte Einrichtung betrachtet – höchst öde und Sie werden mir nicht weismachen wollen, dass Sie wild darauf sind, so etwas hier nun ständig zu lesen. Ätzend, oder?
Also erzähle ich Ihnen etwas anderes.

Ich habe unterwegs einen Kaffee getrunken. In einer Bäckerei, in der man sich auch setzen kann. Dort ist es pickepackevoll im Moment, besonders seit am Tresen der Stollen mit ins Angebot aufgenommen wurde. Den kann man scheibenweise bekommen, und es gibt neben dem klassischen Dresdner Stollen noch diverse Stollenvarianten. Marzipanstollen, Rosinenstollen, Stollen ohne Orangeat und weitere.
So saß ich mit meiner Tasse dort, nah genug am Verkaufsgeschehen, wo mich Kunden- oder auch Verkäuferverhalten regelmäßig verblüfft und erheitert. Eigentlich überall, wo sich viele treffen, wo gewartet werden muss, wo hin und wieder neue Produkte angeboten werden, ist eine gute Ausgangslage für Gespräche wie diese:
„Haben Sie auch Stollen ohne Rosinen?“
Ohne Rosinen? Ja, der Pistazienstollen hat keine.“
„Aber der hat Pistazien.“
„Sagten Sie nicht, Sie wollten keine Rosinen?“
„Ja, aber Pistazien mag ich auch nicht!“
„Dann nehmen Sie doch Mohnstollen.“
„Also, wissen Sie, das ist irgendwie nicht wie Stollen …“

Achten Sie auch gern auf die Begleitpersonen, die in Warteschlangen ein wenig nutzlos herumstehen und noch schneller genervt sind, als der Einkaufende selbst.
„Müssen wir hier warten? Das dauert ja ewig.“
„Wir sind gleich dran.“
„Ich habe aber langsam Hunger …!“
Und wenn Sie jetzt denken, da spricht jemand mit seinem Kind, dann liegen Sie falsch. Ein Herr im Rentenalter murrt neben seiner Frau, die eine Weile versucht, geduldig mit ihm zu bleiben.
„Wir wollten beim Fischmann zu Mittag essen!“
„Ja, machen wir doch auch noch!“ Sie klingt mittlerweile gereizt. „Aber du wolltest doch gern die Franzbrötchen von hier haben, hast du gesagt!“
Er schweigt.
„Können die nicht mal schneller machen?“, setzt er kurz darauf sein Blubbern fort.
„Lothar, jetzt hör auf zu quengeln, setz dich da hinten hin und warte, bis ich dich hole!“
Zack! So geht das!
Bei einem gewissen Verhalten ab einem gewissen Alter spricht man offenbar wieder genauso wie mit einem störrischen Kleinkind. Oder man lenkt ab. Ich hätte ihm ja gewinnend lächelnd die Stollenproben rübergeschoben.
Ja, probier mal! Hier, die Sorte auch noch! Na, welcher ist besser? Ach, du bist nicht sicher? Hattest du die hier denn überhaupt schon gehabt? Nimm doch noch ein Stückchen …
Da geht schon Zeit drauf. Wahrscheinlich steckt er noch mitten in der Verköstigung, wenn das Franzbrötchen bereits bezahlt ist. Vielleicht ist dann das Problem, ihn von dort wieder wegzubekommen.

Den folgenden Satz habe ich – gerade wenn es voll war – auch schon relativ oft gehört:
„Hier gehe ich nie wieder einkaufen!“
Im Brustton der Überzeugung. Tja, und zwei Tage später trifft man sich dann wieder dort.

Wissen Sie, was ich unterwegs auch leicht amüsiert zur Kenntnis nehme?
Sätze wie: „Wollen wir da nachher jetzt hingehen?“
Gern fällt auch: „Da haben wir manchmal immer Obst geholt.“
Oder jemand wählt diese Kombination: „Du solltest ihn bald gleich anrufen.“
So etwas kommt viel häufiger vor, als Sie ahnen, und es sind keineswegs Sätze, die nur Kinder im Programm haben! Meist manchmal lassen es Erwachsene vom Stapel und merken tatsächlich oft nie, wie widersprüchlich es ihre Aussage macht.

Wo ich gerade Szenen aus dem Einkaufszentrum erwähne: Erinnern Sie sich noch an den Post, in dem mich vor einiger Zeit ein Zebra überholte? Es ging damals um die recht großen, stabilen Plüschtiere, auf denen Kinder hier reiten können und dabei tatsächlich vorwärts kommen. Es gibt neben Pferden, Zebras und einem Einhorn auch eine nette Kuh. Mein heimlicher Favorit!
Gemein ist allen, dass sie Rollen haben und bei Gefälle auch ohne antreibende Reitbewegung eigenmächtig ein bisschen weitergleiten. Sehr zur Irritation der jüngeren Reiter, wenn sie eine etwas gewölbte Brücke überqueren, ächzend den minimalen Anstieg wuppen und nach dem höchsten Punkt ohne eigenes Tun abrupt das Vieh die Kontrolle übernimmt.
So kann es passieren, dass hinter Ihnen plötzlich ein Cowboy leicht panisch brüllt:
„Die Kuh soll endlich bremsen!“
Was Mamas und Papas veranlasst, das unfolgsame Wesen beherzt am Schwanz zu greifen, auch wenn es lediglich  die Geschwindigkeit einer Schnecke hat.

Grad vorhin kam ich noch kurz mit jemandem an einer Ampel in der Nähe ins Gespräch. Die hiesigen 66 Straßenlampen, die ab November Acrylglasrohraufsätze mit LEDs im Innern erhalten und dadurch farbig leuchten können, waren das Thema. Sie sind mit einem Lichtsteuerprogramm einzeln anzusteuern und wechseln in gewissem Zeitabstand ihre Farbe. Es herrscht allerdings stets eine Zeitlang bei allen ein iden-
tischer Farbton, kein wilder, bunter Mix. Vorhin leuchteten alle in Grün.
Bis auf eine. Sie bevorzugte ein blasses Magenta.
Der Herr meinte, das würde das Gesamtbild komplett verhunzen, und man sollte die defekte Lampe schleunigst reparieren. Um gleich noch zu ergänzen, dass sich wahrscheinlich wieder kein Schwein darum kümmern wird.
Was soll ich sagen … Ich sehe es lieber so:
Es gibt eine rebellische Lampe. Das schwarze Schaf, das sich was traut. Und das ist gut so.

Herbstfärbung beim Brombeerblatt

Auch so ein schwarzes Schaf. Ein unverwüstliches Brombeerblatt, das sich selbst bei Schneefall noch am Trieb hält, bunt leuchtet und nicht abfallen will wie alle anderen …

 

Mir wird gerade bewusst, mit kurz um die Ecke kommen und einen Moment hineinschneien habe ich offenbar so meine Schwierigkeiten. Ich hocke hier schon wieder fest. Schluss jetzt.
Und Sie schließen jetzt sofort die Seite! So geht das einfach nicht!

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Sie können allerdings gern irgendwann wiederkommen …

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© by Michèle Legrand, November 2015
Andreas Grav (Ausschnitt)

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Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …

Christbaumkugeln am TannenbaumZack! Weihnachten ist da! Letzte Woche schien es realistisch, noch ausreichend Zeit zu finden, um ein weiteres Mal vor dem Fest etwas im Blog zu hinterlassen. Nun steht der Heiligabend plötzlich vor der Tür und hämmert penetrant. Fordert vehement Einlass. Ich bin dadurch hin- und hergerissen, doch zwischen den Vorbereitungen sollte wenigstens ein kleiner Gruß zum Fest möglich sein.
Möglicherweise geht es minimal gehüpft und gesprungen zu. Ich muss ab und zu in die Küche zum Pilzragout und all dem Rest.
Kochen zwischen dem Schreiben.

Ich war gestern am 23.12. noch unterwegs im Gewühl. Die letzten Kleinigkeiten fürs Mahl ergattern. Frische Petersilie, Champignons …
Es waren in Läden und Passagen vermehrt Weihnachtsmänner unterwegs. Einige etwas lieblos hergerichtet und leider auch manchmal unpassend mickrig, zu dürr. Dass sie vor Weihnachten stets zu massenhaft und teilweise nicht glaubwürdig genug auftreten, erkennen Sie auch an der Reaktion der kleineren Kinder. Die sind dann nicht mehr begeistert, sondern misstrauisch. Sie riechen den Braten. In dem Fall helfen auch keine an den Haaren herbeigezogene Erklärungen. Das Jungvolk nimmt den Eltern die Story von den vielen notwendigen Helfern des Weihnachtsmanns nicht ab. Schon gar nicht, wenn sich bei denen die Bärte lösen und unter dem Mantel Jeans und Turnschuhe herausschauen.
Kürzlich traf ich allerdings auf drei Engel. Die sahen in ihren weißen Kleidern und mit den entsprechenden Flügeln schon echter aus und haben obendrein wirklich engelsgleich Weihnachtslieder im Einkaufszentrum gesungen. Mehrstimmig! Das kam tatsächlich kurze Zeit eine festliche Stimmung auf! Doch auch diese Himmelswesen werden von den Kindern sehr genau beobachtet. Es wurde – O-Ton eines kleinen Mädchens – festgestellt, dass hübsche, weißgekleidete Engel, wohl niemals kleckern dürfen …
Engel singen Weihnachtslieder

Dass Kinder viele Fragen auf dem Herzen haben, wissen Sie. Doch auch Erwachsene machen es untereinander. Dieses Fragen abfeuern. Eine junge Frau löcherte ihren Freund. Nach der gefühlt 27. Frage antwortete er sichtlich geschafft:
„Für eine einzige Person fragst du ganz schön viel!“
Da war sie etwas eingeschnappt – nur, um nach kurzem Durchatmen Frage 28 hinterherzuschicken:
„Ist dir das zu anstrengend?“
„Nein, nein! Überhaupt nicht!“
Wäre er Pinocchio …

Draußen im etwas stürmisch-nassen Wetter hob eine Böe einer Frau neben mir an der Ampel die Kopfbedeckung ab. Ein Vater und sein kleiner Sohn bekamen es ebenfalls mit. Der Mann fing das Flugobjekt gekonnt ein und reichte es der Dame zurück, worauf sie sich hocherfreut bedankte. Zum Lütten gewandt sagt sie: „Dein Papa ist aber ein sehr hilfsbereiter Mann.“ Der Kleine ist wie sein Vater Afrikaner, verstand nicht so richtig und wollte daher alles noch einmal langsam erzählt und erklärt haben. Auch die Hutsache. Der Vater bemühte sich, es ihm auf Deutsch zu erklären:„Amare, wenn das Wind ist richtig hart, die Hut macht einfach weg. Dann Papa muss springen, weil Frau sonst nicht glucklich.“
So ist das.
Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Weihnachtskugel

Am Fischstand ging es um Information. Mit mulmigem Gefühl verlangte eine sehr junge Dame (5-6 Jahre) nach einem skeptischen Blick auf einen ziemlich langen, schwarzen Aal die Gewissheit, dass dieses Viech keine giftige Schlange sei. Sie beharrte daher auf einer Bestätigung, besonders, weil ihre Mama das Ungetüm kaufen wollte.
„Natürlich ist das keine Schlange!“, beteuerte die Fischverkäuferin.
Das Fräulein wirkte danach nicht sonderlich überzeugt. Ich würde darauf wetten, dass sie den Aal daheim nicht anrühren wird!

Moment, es blubbert. In der Pfanne. Bin gleich wieder da …

Ich fand es auch auf der Rolltreppe amüsant. Eine Enkelin erzählte ihrer Oma, dass die ganz kleine Schwester bald in die Krippe käme. Opa dahinter hörte nur die Hälfte. „Sarah hat Grippe?“
Und zu guter Letzt bot ein Schaufenster ungewollt ein zur momentanen Einkaufssituation recht passendes Bild. Puppen wurden umdekoriert und daher fürs Umkleiden demontiert. Komplett zerlegt! Überall auf dem Boden fanden sich verstreut einzelne, nackte Gliedmaßen. Und Köpfe fehlten.
Genauso kopflos und leicht unkoordiniert, als würden sie nicht mehr alle Körperteile beherrschen, liefen am letzten Tag vor dem Heiligen Abend auch viele Menschen umher.
Weihnachten. Das übliche Durcheinander. Ach, ja …
Es ist ja nur noch für kurze Zeit. Dann läuft alles wieder in den üblichen, geordneten Bahnen.

Die Zeit scheint irgendwie zu verfliegen. Doch die Geschenke sind komplett, die Vorbereitungen fast abgeschlossen, die Vorfreude auf das Fest stellt sich trotz unweihnachtlichen Wetters langsam ein und nimmt sicher mit zunehmendem Rückzug aus dem Gewühl und der Hektik noch zu.

Unterwegs klagte mir heute eine lockere Bekannte, die ich beim Einkaufen in einer Schlange antraf, ihr Leid. Sie hat das Problem (so empfindet sie es), dass sie mit den Geschenken nicht so glücklich ist, die sie verschenken wird – also vorrangig eher mit den diesen Präsenten zugrundeliegenden Wünschen – und wollte partout wissen, was ich dazu zu sagen hätte.
Wozu? Dass sich die Leute nicht das Richtige wünschen? Es ist ein bisschen heikel, darauf zu antworten. Ich tat es dennoch. Merkte an, es sei nicht der Sinn oder das Ziel der Sache, dass der Geber unbedingt damit glücklich wird oder sich dadurch Wohlbefinden verschafft. Wichtiger sei, dass der Empfänger sich daran erfreut und das Geschenkte ihm gut täte.
Es war wohl nicht die gewünschte Erwiderung …

Ich muss zum Schluss kommen. Das Kochen erfordert längere Anwesenheit. Halt! Eine Sache noch!
Es war gerade die Rede von Problemen. Oder war es keines?
Sagen Sie, erinnern Sie sich eventuell an das Chanson „Un peu d’amour et d’amitié“ von Gilbert Bécaud? Ich habe es vorhin im Auto gehört. Eine deutsche Version gibt es von ihm (Bécaud) auch. Ein bisschen Glück und Zärtlichkeit wird darin besungen und im Refrain heißt es wiederholt: Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …
Kennen Sie nicht?
Ist jetzt nicht weiter tragisch, denn eigentlich wollte ich lediglich auf diese herausgepickte Zeile des Liedtexts zurückkommen. Diese mehrfache, fast schon stakkatoartige Wiederholung der Zeit bewirkt etwas, was im Lied gar nicht geplant ist. Es vermittelt ein wenig den Eindruck von Gehetztheit, von verfliegender, rasender Zeit, von einem durch die Finger entgleitender Zeit. Doch in Wirklichkeit ist die Rede – ganz vereinfacht und verkürzt gesagt – davon, dass die Zeit quasi Heilkräfte besitzt. Leg doch einfach die Probleme auf den Tisch, heißt es. Hier … oder besser noch  bei einem Freund. Die Zeit wischt sie fort. 
Glauben Sie daran?
Klingt gut, oder? Zu gut? Es kann gelegentlich, muss aber nicht funktionieren.
Es ist dennoch verführerisch, den Gedanken weiterzuspinnen, denn der erste Eindruck (geht nicht!) täuscht. Es ist tatsächlich etwas Wahres dran!
Es ist definitiv hilfreich, Probleme auf den Tisch packen. Es bedeutet nicht anderes, als sie einfach herauszulassen, sie möglicherweise sogar mit jemandem zu teilen, vor allem aber heißt es, die Knackpunkte mit Abstand zu betrachten. Manchmal erledigt sich dann vieles von selbst.
Falls Sie (die anderen hier können ja bis zur Verabschiedung weghören) gerade mit Dingen hadern:
Legen Sie einmal alles ab, was belastet. Was nervt, was Sorgen bereitet, was stört. Breiten Sie es symbolisch aus, erkennen Sie Puzzlestücke, aber auch ein Gesamtbild, und genehmigen Sie sich danach den Versuch zu testen, ob die Zeit nicht vielleicht schon bald etwas davon von sich aus wegzuwischen gedenkt. Das ist nicht zu verwechseln mit Verdrängung, absoluter Passivität und einem grundsätzlichen Aussitzen!
Es ist ein befristetes, distanziertes Betrachten. Es ist das Vermeiden von zu früher und unnötiger Hektik, das Unterlassen von unüberlegten Aktivitäten und die Abschaffung vom ewigen Angehen des Kleinviehs. Es ist ein sich Klarsicht verschaffen. Sie können schauen, welches Vieh den meisten Mist produziert. Sie können verschiedene Aspekte betrachten, berücksichtigen und nutzen danach den Effekt der ganz natürlichen Regelung.
Erstaunlicherweise gibt es sie!
Bleiben Sie gelassen, geduldig, nehmen Sie nicht alles zu schwer, zu persönlich, zu wichtig. Auch das reduziert schon gewaltig das Problemaufkommen.
Was sich nach dieser Abwartephase hartnäckig auf der Tischplatte hält, werden Sie schon sehen. Dieser manchmal erstaunlich kleine Rest offenbart das, was Sie sich wirklich noch vornehmen müssen.
Aber nicht gerade an Weihnachten, dafür hält das Jahr noch ein paar mehr Tage bereit.

Und die Zeit, und die Zeit und die Zeit …
Krippe mit Spieluhr

So, nach der nächsten Küchenaktion werde ich meine uralte Weihnachtskrippe mit der eingebauten Spieluhr aufziehen und mir Stille Nacht anhören. Ich denke, die Spieluhr im Wohnzimmer wird das Rauschen der Dunstabzugshaube in der Küche übertönen. Und während das Lied läuft (und lustigerweise zum Ende immer langsamer erklingt, im Zeit-lu-pen-tem-pooooo), sende ich Ihnen meine herzlichsten Wünsche für ein frohes Weihnachtsfest und entspannte Feiertage!

Bis bald!

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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„Was klickt die so …?“

Die U-Bahn ist gut besetzt. Bei zwei sich gegenüberliegenden Bänken am Gang gibt es noch ein freies Sitzplatzeckchen. Eckchen ist nicht übertrieben, denn knapp 4/5 der restlichen Doppelbankfläche werden von einer – nennen wir es diplomatisch – für den Winter schon gut gepolsterten Dame samt ihrer Tasche bevölkert.
Ich quetsche mich neben sie auf die Sitzkante und strecke die Beine aus Platzmangel in den Gang. Eine formvollendete Haltung sieht definitiv anders aus. Beim Anfahren rutsche ich zudem fast vom Rand ab. Das Ganze ist eine höchst wackelige Angelegenheit.
Schade, dass meine Nachbarin so gar keine Anstalten macht, ein paar Zentimeter mehr Platz freizugeben.

Hamburg - U-Bahn Station Uberseequartier - U4

Hamburg – U4 – U-Bahn Station „Uberseequartier“

Uns beiden gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Der Steppke lässt die Beine baumeln und beobachtet seine Umgebung. Plötzlich geht es los:
Ping! Ping! …  Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! Ping! …
Das Baumeln der Beine stoppt.  Der Kleine schaut sehr skeptisch zu der Dame mit dem erhöhtem Platzbedarf, die mittlerweile überaus energisch ihr Handy beklopft.
„Mama, warum klickt die Frau so komisch?“
„Das macht das Handy, Lars. Das sind die Tastentöne.“
„Wo sind denn da die Tasten?“, fragt er.
„Na ja, das hat keine mehr, da drückt man auf den Bildschirm, aber die Töne nennt man trotzdem so.“
Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …

Haben Sie schon einmal ein Kind völlig ungeniert und unverstellt die Augenbrauen hochziehen und die Augen verdrehen sehen? So richtig genervt?
Der Lütte kann das gut. Diese Geräusche gehen wirklich auf den Geist. Nicht nur der Lärm, auch das rabiate Herumgehacke auf dem Display. Man hat irgendwie den Eindruck, die Dame versucht, beim Tippen auf der Rückseite des Handys wieder herauszukommen.

„Wie lange macht das noch „Ping“?“
„Bis die Frau fertig ist mit dem Schreiben.“
Ping! Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …
„Mama, dein Handy macht das aber nicht!“
„Nein, man kann die Töne auch ausstellen.“
„Warum macht die Frau das nicht?“
Ah,  ich habe mich schon gewundert … Bis dahin kam keine Reaktion, aber nun schaut unsere Ping-Produzentin doch einmal  auf.  Nein, sie ist geistesabwesend. Sie hat nichts mitbekommen – oder tut zumindest unbeteiligt. Es scheint, als wäre sie fertig mit ihren Klopfzeichen. Lars’ Mutter sucht weiterhin nach einer Erklärung, warum störende Tastentöne nicht von jedem vermieden werden.
„Weißt du, Lars, dieses Klick- oder Ping-Geräusch ist eine Art Kontrolle. Manche hören dann besser, ob sie richtig gedrückt haben.“
„Wieso das?“
„Wenn es pingt, dann ist das wie eine Bestätigung, dass man richtig getroffen hat. Genug gedrückt hat. Dann reagiert das Handy, und es ist auch wirklich ein Buchstabe oder eine Zahl gekommen. Oder eine neue Seite.“
„Aber das sieht man doch!“
„Ja, schon …“

Der schriftliche Part, der wurde wohl – was den reinen Text angeht – vollendet, nur hat die Dame am Schluss ganz offenbar eine Nummer eingegeben, denn sie hält mittlerweile ihr Telefon ans Ohr und wartet, dass sich am anderen Ende jemand meldet.
Oh, bitte, lass keinen da sein …
„HALLO! JA, ICH BIN’S. WAS? NEIN, ICH BIN JETZT IN DER U-BAHN …“
Leider vergebens gehofft …
Brüllend geht die im Grunde völlig nichtssagende Konversation weiter. In regelmäßigen Abständen wird ein „WAS?“ gebellt. Lars wendet sich seiner Mutter zu. Er hebt ebenfalls die Stimme:
„Du, Mama, die Frau hört aber ziemlich schlecht.“ Seine Beine beginnen wieder zu baumeln. Entspannt fährt er fort: „Sie sollte doch lieber hingucken. Beim Handy meine ich. Weil – ich glaube, sie kann diese Dingsbumstöne gar nicht hören …“
Lars’ Mutter errötet, die Umgebung grinst, die Betroffene bekommt nichts mit, und ich muss aussteigen. Mit mir zwei junge Männer, die weiter herumfeixen.
„Wetten, dass sie gar nicht weiß, wie man die Tastentöne deaktiviert?“
Sie wissen, dass solch miese Annahmen und Verdächtigungen, solch haltlose Gerüchte entstehen, sobald jemand Sie nervt. Sie können zwar grad nicht viel dagegen tun, aber es hilft Ihnen schon kolossal, wenn Sie postwendend  über denjenigen herziehen. Eine Form des Abreagierens. Das ist einfach so. Kommt automatisch.
„Sie traut ihrem Handy auch nicht. Brüllt lieber direkt“, legt der Freund nach und grient bei seiner Behauptung.

Sie hat ein beachtliches Organ! Ich würde sagen, es handelt sich heute um ein Auslandsgespräch. Ihre Stimme ist selbst auf dem Bahnsteig noch zu hören – zumindest bis sich die Türen des Zugs ganz geschlossen haben. Die armen Mitfahrenden, die das noch ein Weilchen ertragen müssen …
Sie haben auch schon erlebt, wie das abläuft, oder? Bestimmt!
Erst wird nur stumm registriert. Ist der Störfall kurzfristig oder unbeabsichtigt,  wird leicht gelächelt, eventuell minimal die Nase gerümpft, ein kleiner, harmloser Kommentar fliegt in die Runde, oder es wird sich etwas mokiert. Stört jemand jedoch ausdauernd und penetrant, bleibt es meist nicht lange ohne spürbare Gegenreaktion. Während die Reservierteren noch überlegen, in welcher Form sie um Einhalt bitten, reißt häufig irgendeinem Temperamentvolleren im Waggon nach spätestens drei Stationen die Hutschnur, und er lässt seinem Unmut freien Lauf. Dann brüllen zwei, und Sie sitzen womöglich in der Schusslinie … Übel.

So richtig unsensiblen, lauten Menschen können Sie es schwer klarmachen, dass Sie sich gestört fühlen. Ihr Gegenüber versteht Sie nicht und empfindet es als Anstellerei oder auch als Anmaßung, dass Sie sich beklagen. (Obwohl im umgekehrten Fall ebenfalls Protest käme!)
Sie werden in den meisten Fällen angepampt, egal, wie höflich Sie Ihr Anliegen formulieren.
Auch der Tipp, man sollte sich lebhaft am Telefongespräch beteiligen („Genau! Das finde ich auch!“- „Das kann er doch nicht tun! Das müssen Sie ihm ausreden!“) oder hinterher nachfragen („Wie geht es Jens denn nun nach der Prostata-Operation?“ – „War Nadine schon immer so eifersüchtig?“), auch dieser Tipp geht unter Umständen nach hinten los.

Ich denke, ich werde im Fall der Fälle etwas anderes probieren. Ich werde ernst schauen, mich mehrfach umdrehen, etwas ängstliche Schulterblicke werfen, dann den Zeigefinger vor die Lippen halten, mich der Remmi-Demmi-Person vertraulich nähern und flüstern:
„Pssst! Schauen Sie sich nicht um! Wir werden beobachtet! Passen Sie bloß auf, was Sie sagen! Es wird alles aufgezeichnet. Falls es zur Anklage kommt … Sämtliche Gespräche! Was wir hier sagen…, Ihr Telefonat … Na ja, wahrscheinlich ist Ihr Handy sowieso verwanzt.“

Mal schauen, was dann passiert.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende und pingfreie Zeiten!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin

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Wencke

Bahnschranken-Talk - Heute: Wencke
An der geschlossenen Bahnschranke stehen eine junge Mutter und ihr kleiner Sohn, den sie gerade vom Kindergarten abgeholt hat.
„Wie war es denn heute?“
„Gut.“
„Was habt ihr denn gemacht?“
„Nix weiter.“
„War das neue Mädchen auch wieder da?“
„Die heißt Wencke.“
„Aha, Wencke. War sie denn da? Die fandest du doch letzte Woche sehr nett …“
„Ja, wir haben ganz schön zusammen gespielt.“
(Haben Sie es auch schon einmal bemerkt? Schön zusammen gespielt heißt bei Kindern es war interessant, unterhaltsam, klasse, spaßig etc. Schön spielen bei Erwachsenen bedeutet eher es geht leise, friedlich, ohne Dramen und Kloppe etc. zu.)
„Das ist ja fein.“
Pause.
„Soll Wencke denn vielleicht mal nachmittags zu dir zum Spielen kommen?“
„Au ja! Aber am Nachmittag, da ist dann doch gar nicht mehr so lange Zeit …“
Pause.
„Mama, kann Wencke nicht mal am Wochenende kommen? Den ganzen Tag?“
„Na ja, wenn sie das auch will …“
„Doch, sie will bestimmt! Wir haben schon mal geredet wegen sowas.“
(Der Junge ist fix.)
„Also gut, von mir aus.“
Pause.
„Mit Übernachten, Mama? Bitte! Mit Übernachten!“
„Also weißt du …“
(Wie kommt man da jetzt wieder raus.)
„Ich muss das mal mit Papa besprechen.“
(Gerettet.)
„Oder Mama, sie könnte doch auch mit uns in den Urlaub fahren!“
(Denkste! Gib den kleinen Finger … etc.)
„Sag ja! Bitte!“
Der Zug kommt.
„Oh, guck mal, Jan, eine ganz neue Lok!“
(Ablenkung ist immer gut).
„Mama, die Wencke mag Züge auch …“
(Es bleibt schwierig.)

Ich genieße solche Unterhaltungen. Leider trennten sich danach unsere Wege.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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„Kannst du auch keine Schleife binden?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comSie stiegen dazu und setzten sich mir gegenüber in der U-Bahn auf eine Zweierbank.
Zu dritt.
Großeltern plus ein in die Mitte verfrachteter kleiner Enkelsohn.
Clemens.
Ein bisschen gequetscht.

Es war früher Abend, und das leicht wirre Haar der Herrschaften, ihr etwas erschöpfter Ausdruck sowie das Stöhnen beim Hinsetzen, legten den Schluss nahe, dass Sie nicht im Aufbruch waren, sondern ihr Programm bereits absolviert hatten und nun heim wollten.
Sand an den Absätzen, ebenso an der Spitze des zusammengeklappten Stockschirms und gelb-grünliche Flecken an der Jeans des Kleinen, ließen zudem vermuten, dass sie im Park oder auf einem Spielplatz gewesen waren. Sicher hauptsächlich mit der Absicht, dem Enkel ein schönes gemeinsames und kindgerechtes Erlebnis zu bieten, aber vielleicht ebenfalls mit dem Hintergedanken: Dann ist er abends auch ordentlich müde!
Dieser Plan funktionierte definitiv nicht …!

Er hat nur zwei von drei Personen erledigt. Die Falschen. Clemens ist im Gegensatz zu Oma und Opa putzmunter.
„Kann ich stehen?“
„Nein, Clemens, bleib hier. Wir haben doch jetzt einen Platz.“
„Ja, aber ich will lieber da an der Stange stehen. Oder rumgehen!“
„Hier kann man viel besser aus dem Fenster gucken“, behauptet Opa überzeugend. Der Punkt geht an ihn. Clemens bleibt sitzen und schweigt. Zumindest einen Moment.
„Oma, das ist aber eng!“
Wie gesagt, Zweierbank …
Die Bahn rollt in die nächste Station ein. Neben mir der Platz wird frei. Der Großvater setzt sich zu mir, der Platz neben der Großmutter gehört nun dem Kleinen allein.
„Oma, jetzt habe ich ganz viel Platz. Ich mach es mir gemütlich!“
Spricht’s und zieht bereits die Beine hoch.
„Warte, dann musst du erst die Schuhe ausziehen …!“
Ihm wird kurz erklärt warum und wieso.
Opa findet die Entkleidungs-Aktion ein bisschen ungünstig und erinnert seine Frau:
„Anne, wir steigen bald aus!“
Während Clemens konzentriert mit dem Öffnen seiner himmelblauen Schuhe beschäftigt ist, raunt sie ihrem Gatten zwinkernd zu:
„Ohne Schuhe kann er schon mal nicht weglaufen …!“
„Was hast du gesagt, Oma?“
Clemens hat offenbar ein feines Gespür dafür, wann es um ihn geht.
Die Antwort bleibt aus …

Die U-Bahn fährt in Wandsbek-Gartenstadt ein. Zwei junge Mädchen, wohl gerade Teenies, beabsichtigen zuzusteigen und eilen den Bahnsteig entlang. Die eine hat einen kleinen Chiwawa an der Leine, der jedoch urplötzlich bremst und nicht mehr mit will.
Nichts zu machen!
Ein Esel könnte nicht hartnäckiger sein.
Sie hebt ihn schließlich hoch, trägt ihn eng an die Brust gedrückt, hechtet im letzten Moment in den Waggon und während die Türen hinter ihr schließen, ruft sie frustriert:
„So’n Sch…ß!“
„Was is’n?“, fragt die Freundin.
„Mein Schuh!“
Die Hundebesitzerin trägt Schlappen mit Pailletten, d. h. sie trägt einen. Der andere Fuß ist nackt.
„Der Schuh ist weg!“, antwortet sie klagend.
Der Chiwawa zappelt und will runter. Sie ist genervt.
„Mann, du …!“
Alles nur wegen dir …
Es stellt sich heraus, dass der andere Schuh in der Hetze beim in die Bahn Springen von ihrem Fuß geglitten und in den Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon geraten ist.
Gefressen wurde. Wie von einem Müllschlucker.
„Sollen wir noch einmal zurückfahren?“, fragt ihre Freundin.
Eine Dame, die neben ihnen steht und der Unterhaltung folgt, protestiert lautstark:
„Macht das nicht! Steigt bloß nicht in das Gleisbett, denn dort laufen Stromschienen! Das ist lebensgefährlich!“
„Ja, aber der Schuh …!“
„Das ist der Schuh nicht wert!“, lautet die Antwort.
Clemens verfolgt alles höchst interessiert …
Action!

Die Mädchen haben sich überzeugen lassen, kein Wagnis einzugehen.
Der Preis pro Schuh wird errechnet. Die Besitzerin muss 14 Euro abschreiben. Sagt sie.
Diese Rechnung finde ich unlogisch, denn auch den noch vorhandenen Schuh wird sie wohl nicht mehr einzeln tragen. Also sind es eher 28 Euro, die … Aber lassen wir das. Das ist Haarspalterei.
Fakt ist, auf einem Schlappen läuft es sich schlecht. Die junge Dame entledigt sich folglich auch des anderen Schuhs und steckt ihn in ihre Tasche.
Der abgesetzte Chiwawa hat indessen begonnen, seinem Frauchen begeistert die Zehen zu schlecken.
„Oma, guck mal, was der Hund macht!“
Oma schreckt hoch. Sie hat die ganze Vorgeschichte wegen akuter Müdigkeit und intensiven Dösens versäumt.
„Ja, Clemens, das Mädchen hat keine Schuhe an.“ Auf das Lecken geht sie nicht ein.
„Oma, die hat ihren Schuh verloren! Darf die jetzt mit nackte Füße gehen?“ (Die Grammatik eines etwa Vierjährigen)
Auf diese Frage reagiert der Großvater – wie er meint – beruhigend:
„Na ja, so kalt ist es ja zum Glück nicht …“
Das war unüberlegt! Das war eine nicht gut durchdachte Antwort! Denn …
„Opa, darf ich auch barfuß gehen?“
Bevor überhaupt die Chance war zu antworten, startet Clemens energisch mit dem Gezerre an seinen Strümpfen.
„Clemens!“ Oma ist hellwach. „Lass die Strümpfe an!“
„Ja, aber …!“
„Nichts aber! Wir steigen gleich aus! Wir müssen jetzt auch die Schuhe wieder anziehen.“
Ein etwas pikierter, leicht zurechtweisender Blick geht in Richtung des werten Gatten. Walter, heißt er.
Wie kannst du  nur …!
So, als hätte er Clemens mit seiner Bemerkung quasi einen Freibrief erteilt.
Da die Schuhe des Enkels beim ihm auf dem Schoß deponiert sind, folgt die Instruktion:
„Lass dir von Opa bei den Schuhen helfen.“
„Ich will aber auch mal barfuß laufen!“
„Ja, aber nicht heute.“
„Wann denn?“
„Wenn Sommer ist!“, sagt Walter und klingt entschieden.
„Und wann ist Sommer?“

Sie werden zugeben, das ist eine Frage, die sehr, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu beantworten ist, und Sie werden weiterhin zustimmen, dass kleine Kinder Erwachsene – insbesondere mit der Erziehung Beauftragte – manchmal ein wenig fordern …

Sie haben alles wieder im Griff. Der Hinweis, dass sie ihm sofort Bescheid sagen, wenn es warm genug dafür ist (Sommer-Info) und ansonsten jetzt barfuß nicht aussteigen könnten und in der Bahn bleiben müssten, hat gezogen.
Clemens hat superschicke Klettverschlussschuhe.
Nur in den Schuh hineinrutschen, den Riegel überklappen. Fixieren. Fertig.
Die halten gut. Die kann man nicht so einfach verlieren.
Opa ist neidisch.
„Solche Schuhe hätte ich auch gern!“
„Warum denn, Opa?“
„Na, hör mal! Wegen der Verschlüsse! Sie gehen so schön leicht auf und zu.“
Es entsteht eine kleine Pause, in der Clemens diese Information verarbeitet.
„Ach, dann kannst du auch noch keine Schleife, Opa?“

Oma Anne grinst und wirkt zehn Jahre jünger …

Und dann steigen die drei aus.
Munter.
Alle.

@Mai 2013 by Michèle Legrand

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