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Von einem, der nicht fliegen will und einer, die ungefragt malt …

Ich konnte mich heute nicht beherrschen und habe auf Autoscheiben Bildchen gemalt. Ich sag’s Ihnen, der allererste richtige Schnee bei uns in diesem Winter macht was mit einem. Feinstes Zeug fieselte beständig vom Himmel und bildete perfekte Leinwände fürs Zeichnen mit den Fingern.

Schon im Begriff an einem Fahrzeug ein Herz auf dem Fenster der Beifahrerseite zu hinterlassen, kamen mir Dramen in den Sinn, die sich bei der Rückkehr abspielen könnten. Falls es sich um ein Pärchen handelte und einer der beiden misstrauisch-eifersüchtiger Natur wäre. Hinter einem Herz weiß Gott was vermutete …
Vielleicht hätte es das Ganze relativiert, wenn ich mehr als nur ein Auto mit Herzen verziert hätte. Ich habe mich letztendlich jedoch für lachende Schneemänner, schwankende Tannen, Sternschnuppen, stehende Hasen mit Möhre und springende Igel entschieden. Dass es an mehreren, in langer Reihe parkenden Autos geschah, lässt sich nur mit der endlosen Wartezeit vor der geschlossenen Bahnschranke entschuldigen.
Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, ich bin dieser Schneemalsucht schon seit frühester Jugend verfallen. Einmal, da war ich allerdings schon erwachsen, hat sich unser Postbote hinterhältig von hinten angeschlichen und plötzlich laut: „Hab‘ ich Sie erwischt!“ gerufen. Er amüsierte sich natürlich köstlich über mein Zusammenzucken – hat mich aber nicht verpfiffen!

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, ursprünglich, ist etwas komplett anderes. Nur auch dies hier passt zu einer Erkenntnis, zu der ich gerade gelangte: Es ist momentan einfach entspannend, Assoziationen zuzulassen, alte Erinnerungen hervorzukramen und Minizeitreisen zu unternehmen.
Durch die persönlichen Einschränkungen, die die Coronazeit erfordert, sieht es mit Unternehmungen, positiv stimmenden Vorkommnissen und Erlebnissen aufbauender Art etwas mager aus. Nun wird häufig und mit Nachdruck gemahnt, unbedingt in der Gegenwart zu leben. Bloß nicht zu sehr mit der Zukunft und ganz speziell nicht mit der Vergangenheit (pfui, bäh) herumzutechtelmechteln.
Ich sehe allerdings einen großen Unterschied, ob man sich permanent im Spagat befindet oder sich einfach die Fähigkeit erhält, hüpfen zu können. Während der Spagat eine Extremhaltung darstellt – bildlich gesehen ist ein Bein in der Vergangenheit, das andere in der Zukunft, die Gegenwart wird kaum touchiert – gestattet mir das flexible Hüpfen ein Switchen, aber ebenso eine kurzzeitige Verbindung zwischen Altem und Neuem. Hüpfer lassen sich besser einer imaginären Entfernung anpassen und erlauben schnelle Richtungswechsel. Sie sind sehr viel flexibler als dauergestreckte, überdehnte Beine, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob man sie je wieder unbeschadet zusammenbekommt.

Ich finde es einfach schön, wenn ein Moment-Hüpfer zum früheren Postboten ein lebendiges Gefühl zurückholt, ein Wiederaufgreifen des alten „Lasters“ Schneemalerei einen wohltuenden Effekt auf die Stimmung beschert. Und falls Sie jetzt nicht beschließen, ach, das reicht mir schon für heute, erzähle ich Ihnen noch von einer anderen Begebenheit. Einer recht kuriosen Sache …

Kürzlich rief ein Bekannter meines Mannes an. Wie gerade das folgende Gespräch entstand, weiß keiner, Anlass des Anrufes und Ursprungsthema waren meilenweit davon entfernt, doch plötzlich ging es um Schneefall, Ski fahren, führte irgendwann Richtung Eifel und nach einer weiteren kleinen Wendung erzählte der Bekannte, was er dort beim Besuch einer Greifvogelstation erlebte.
Sie befindet sich am südöstlichen Rand des Naturparks Eifel nahe des Ortes Hellenthal und der Oleftalsperre. Eifel verrät Ihnen schon, es ist hügelig in der Gegend. Ich war selbst noch nicht dort, doch so wie der Bekannte berichtete, befindet sich der Standort der Station in höherer Lage am Berg, während der Ort – wie es der Name verrät – im Tal liegt. 
In dieser Station lebt ein Andenkondor. Manche nennen diese Vogelart auch Andengeier, weil sie zu den Neuweltgeiern gehört. Große, schwarze Vögel mit enormer Flügelspannweite! Bis zu 15 kg schwer! Weiße Halskrause, darüber schaut ein kahler, rotbrauner Kopf hervor. Sie haben bestimmt schon Fotos von ihnen gesehen.
Der Kondor lebt dort seitdem er zweieinhalb Monate alt ist, ist mittlerweile über 15 Jahre alt (so genau konnte sich unser Anrufer nicht erinnern) und wurde von Hand aufgezogen. Das hat zum einen zur Folge, dass er überaus anhänglich ist, zum anderen aber auch, dass er absolut keine Lust auf Ausflüge hat. Fliegen lehnt er rundweg ab! Was hat man nicht schon alles versucht, ihn dazu zu bewegen! Es wurde ihm der Mauersims der Oleftalsperre als Absprungort schmackhaft gemacht, man kletterte mit ihm auf einen Turm, es gab sogar das Angebot, von einem Heißluftballon aus zu starten! Aber nein, der Geier wollte lieber weiter zu Fuß gehen.
                                                                                                

Heißluftballon in Regenbogenfarben (quergestreift), am Himmel von der Abendsonne angestrahlt


Als er geschlechtsreif wurde, kümmerte man sich um Gesellschaft für ihn. Nach längerer, intensiver Suche siedelte eine unternehmungsfreudige Kondordame aus Frankreich zu ihm über. Als Partnerin, aber auch in der Hoffnung dazugesellt, dass sie bei ihm die Lust aufs Fliegen endlich wecken könnte.
Über den Erfolg wusste der Bekannte leider nichts Genaues zu sagen, allerdings hat er etwas anderes direkt miterlebt.
Der Geier startet mittlerweile wohl gelegentlich bei gutem Wetter von der Station aus, nutzt die Thermik und segelt ein paar Runden über dem Tal. Er landet dann an einer bestimmten Stellen an einer Straße, die Ort und Station verbindet. Grund ist die dortige Würstchenbude, in deren Nähe er sich demonstrativ niederlässt. Inzwischen hat er spitz gekriegt, dass er etwas Essbares abstauben kann. Lassen Sie sich nicht weismachen, dass Geier nur Aasfresser im Sinne von in der Landschaft herumliegenden oder ihnen sonstwie dargebrachten Rohkadavern seien! Der Andenkondor aus der Eifel zumindest mag definitiv Bratwurst.

Und jetzt dürfen Sie raten, was danach passiert. Richtig. Er bleibt sitzen. Es kann ihn nichts, aber auch gar nichts dazu bewegen, selbst wieder den Berg hinaufzufliegen. Folglich kommt jemand von der Station mit einem Wagen von oben herunter und holt den Ausflügler heim. Entweder, wenn er oben vermisst wird, ansonsten, sobald jemand von unten anruft, dass der Geier wieder auf den Bus wartet.

Ich musste lachen, als ich von dem eigensinnigen Vogel erfuhr. Gleichzeitig ließ die Erwähnung des Heißluftballons eine andere Erinnerung aufblitzen.
2003 bin ich in einem Ballon über Hamburg gefahren. Es ging von der Stadt aus in südöstlicher Richtung über die Norderelbe (Richtung Bergedorf und Vierlande). Ein spannendes Erlebnis, besonders als ein Wassersportflugzeug relativ nah an uns herankam.

Luftaufnahme 2003 Hamburg - Über der Norderelbe, Blick flussabwärts. Rechts Hafen mit Landungsbrücken, links Musical-Zelt (gelb) "König der Löwen". 
Bild wurde vom Heißluftballon aufgenommen, ein Wassersportflugzeug fliegt nahe vorbei

Blick auf die Norderelbe (flussabwärts) 2003 – Der Hamburger Hafen, etwa mittig die Landungsbrücken, links (gelb) das Musical-Theater „König der Löwen“. Rechts unten beginnt die HafenCity, der Stadtteil, dessen Bau erst später startete.

Es lässt sich nicht verhindern, ich stelle mir gerade vor, der Andenkondor wäre mit an Bord unseres Ballons gewesen. Ich persönlich hätte den Geier mit Sicherheit über dem Hafen vorsichtig und unter gutem Zureden vom Korbrand geschubst. Er hätte im Flug mit seiner sagenhaften Spannweite von fast drei Metern garantiert viele Blicke auf sich gezogen, wäre ein paarmal um den bis dahin nur existierenden Unterbau (Kaispeicher) der späteren Elbphilharmonie gekreist, hätte auf diesen Runden jedoch vermutlich ziemlich schnell an den Landungsbrücken die Fischbrötchenbuden entdeckt. Und man ahnt, wie es ausgegangen wäre:
Abruptes Ende des Segelfluges, zielsichere Landung, um Fischbrötchen zu ergattern und daran anschließend gelangweiltes Warten, auf einem Poller sitzend. Bis endlich die Abholung eintrifft …



©by Michèle Legrand, Januar 2021

Michèle Legrand 
Autorin





 

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Wieder aufgetaucht …

Es geht weiter. Ein herzliches Hallo an alle Leser, und speziell an die Stammleser gerichtet der Hinweis, ich verzichte zum Einstieg auf großartige Erklärungen zur Auszeit. Die vergangenen Monate und die Umstände allgemein waren für mich und das Blog schreiben wenig geeignet. Belassen wir es bitte dabei.

Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut durch die Pandemie geschleust, konnten sich fürs Virus erfolgreich unsichtbar machen oder – wenn Ihnen dies nicht glückte – sind Sie inzwischen hoffentlich wieder gesundet.

Wieder aufgetaucht

… heißt es hier heute nicht nur aufgrund der Rückkehr zum Blog. Sie werden es gleich merken. Doch bevor ich starte, noch eines vorweg:
In Zukunft werde ich Ankündigungen für besondere Themen oder Projekte tunlichst vermeiden. Man sieht ja sehr schön, dass es mit der Ausführung der Vorhaben – zumindest in Pandemie-Zeiten – nicht so weit her ist. Ehe ich jemanden durch die Beschreibung oder Bilder von empfehlenswerten, mich begeisternden Plätzen dazu anrege, während Corona-Zeiten genau dorthin aufzubrechen, verzichte ich lieber und widme mich momentan in eher kleinen Beiträgen den alltäglichen Dingen.
Obgleich sich als Konsequenz auf die quasi auf Null zurückgeschraubten Kontakte und das Verweilen daheim die erwähnenswerten Anlässe zum Schreiben wohl eher sporadisch ergeben. Erbauliche Anlässe, wohlgemerkt. Für die bin ich einfach mehr zu haben. Sobald sich fortan etwas in dieser Richtung bietet, werde ich es nutzen.

Verschwunden

Es ist schon etwas her, als mir einer meiner Nachbarn beim Heimkommen auf der Straße begegnete. Es sah aus, als kehrte er von einer kleinen Radtour zurück. Ich winkte zum Gruß, da stieg überraschend ab und erzählte mir merklich erregt, er käme vom Polizeirevier. Man hätte nachts sein Auto gestohlen! Den Diebstahl hätte er gerade angezeigt, die Versicherung wüsste auch schon Bescheid.
Ich war sehr überrascht, wir hatten hier in all den Jahren kaum derlei Vorkommnisse. Ich erinnere mich nur an vier gestohlene Radkappen vor mindestens 20 Jahren. (Übrigens auch seine.) Doch er verriet mir, dass der Nebenanfamilie einst der Wagen geklaut wurde. Auch schon acht bis zehn Jahre her. Den hätte man Wochen später in Finnland wiederentdeckt!

Sich selbst machte er keine zu großen Hoffnungen, und was ihn ganz besonders ärgerte, war die Tatsache, dass er ausgerechnet dieses eine Mal bereits am Vorabend seine komplette Golfausrüstung in den Kofferraum gepackt hatte, um morgens möglichst schnell zu einer Veranstaltung aufbrechen zu können.
Auch alles weg. Schöner Mist!

Mich beschäftigte die Sache gedanklich noch etwas, weil die hier stehenden Mietgaragen abgerissen werden und sämtliche Mietverträge zum Oktoberende gekündigt wurden. Unser Auto befindet sich daher seitdem nicht mehr in der Garage, sondern auch an der Straße.
Wenn das jetzt hier mit Diebstahl losginge, na, dann gute Nacht.

Ein paar Tage später erspähte ich einen sich nähernden Kombi gleichen Modells und gleicher Farbe, mit dem besagter Nachbar vor dem Haus einparkte.
Oh, hatte er einen Leihwagen dieser Art ergattert? Leider ließ sich das Kennzeichen aus dem Blickwinkel nicht erkennen …

Wieder zwei Tage später spazierte ich am parkenden Auto vorbei. Tatsache, sogar das alte Kennzeichen!
PKW-Anmeldungen sind momentan nur mit viel Verzögerung möglich, daher konnte ich mir in der Kürze der Zeit keinen neu erstandenen Ersatzwagen samt Wunschkennzeichen vorstellen. Hatte man den gestohlenen so schnell aufgespürt? Dann hätte er aber wirklich Glück gehabt …

Zwei Wochen darauf liefen wir uns an der Einbiegung zur Sackgasse über den Weg. Nach dem „Guten Tag!“ sprach ich ihn kurzentschlossen an:
„Na, Herr X., sagen Sie bloß, die Polizei konnte Ihr gestohlenes Auto ausfindig machen!“
Er wand sich einen Moment. Zögernd, leicht errötend vertraute er mir an:
„Mir ist das so peinlich!“ (Stellen Sie sich das „so“ mit fünf „o“ vor.)
Fragender Blick meinerseits.
„Es war überhaupt nicht geklaut! Das ist mein altes Auto, es war überhaupt nicht weg!“

Es stellte sich heraus, er hatte einen dieser Abstellplätze gehabt, bei denen das Fahrzeug im 90-Grad-Winkel zum Gehweg bzw. zur Straße steht. Links davon hatte ein großer Transporter geparkt, rechts davon auch. Die hatten ihn dermaßen eingekeilt, dass sein um einiges kürzerer Wagen dazwischen komplett verschwunden war. Er hatte ihn jedenfalls am nächsten Morgen nicht gesehen. Von seinem Standpunkt aus hatte es den Eindruck vermittelt, als stünden die beiden Transporter unmittelbar nebeneinander.

„Herr Y. (sein direkter Nachbar) kam in dem Moment auch aus dem Haus“, erzählte er weiter, „merkte mir wohl meine Aufregung an, suchte sofort mit – doch er hat auch nichts gesehen! Was mich natürlich in meinem Irrglauben bestärkte, dass Ding wäre geklaut.“

Ich musste schmunzeln. Bemühte mich, es sehr diskret hinzubekommen und versuchte, etwas Mitgefühl mit einzubauen. Da er die schlimmste Beichte bereits hinter sich hat, sprudelte es nun nur so aus ihm heraus:

„Meine Güte, was habe ich für einen Aufstand gemacht und was für ein Heiopei bei der Versicherung! Und dann hinterher“, er musste selbst lachen, „als ich den Irrtum erkannte, was bin ich da hingeschlichen! Zur Polizei, zur Versicherung … So klein mit Hut!“
Er machte eine entsprechende Geste mit Daumen und Zeigefinger.
„Wann haben Sie Ihr Auto eigentlich wiederentdeckt?“, frage ich neugierig.
„Am übernächsten Morgen. Da waren die Transporter weg, und mein Auto dafür da. So peinlich!“ (So mit sechs „o“.)
„Ach, grämen Sie sich nicht“, tröstete ich ihn. „Seien Sie froh, dass Sie Ihr Auto wiederhaben. Inzwischen ist doch sicher alles geregelt. Haken Sie die Angelegenheit einfach ab und freuen sich! Auch über die Golfausrüstung, die nie weg war.“

Er sieht es mittlerweile ebenso, nur wird sicher bei zukünftigen Vorkommnissen ähnlicher Art wesentlich genauer nachschauen, ob sich sein Auto eventuell nur „kleingemacht“ hat.

Aber ist es nicht sympathisch, dass er sein temporäres Blindsein und seine Verlegenheit eingestand und sich nicht zur Ehrenrettung irgendwelche hanebüchenen Stories für die Mitmenschen ausdachte?

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© by Michèle Legrand, Januar 2021

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Lebenszeichen …

Am Sonnabend saß ein Straßenmusiker am Rande des Wochenmarkts lässig auf einer Treppenstufe, hielt seine Akustikgitarre im Arm und zupfte mit Gefühl „The Girl from Ipanema“. Er hatte kaum begonnen, da brach die bis dahin graue Wolkendecke auf und Sonnenschein ließ auf einmal Blumen, Gemüse und Obst an den Ständen der Marktbeschicker aufleuchten. Und einige Gesichter.

Sie kennen das Lied, oder? Sehr melodisch und harmonisch, sehr relaxt. Die englische Fassung ist bekannt und nicht schlecht, doch am besten hört man es entweder instrumental (in der Version mit Akustikgitarre) oder wenn mit Gesang, dann im Original. Die Weichheit der portugiesischen (bras.) Sprache schafft das Gefühl der Entspanntheit noch intensiver zu erzeugen. Und überträgt diese leichte Melancholie …
Di-da-da / da-di-da-da-da / da-di-da-da / da-di-da-da-da  …

Dieser spezielle Moment auf dem Markt entpuppte sich irgendwie als Impulsgeber. Er ließ mich das erste Mal seit Langem wieder an die Möglichkeit des Bloggens denken. Genauer gesagt daran, dass endlich das Quäntchen Ruhe auftauchen würde, das man einfach braucht, um sich mit Lust zum Schreiben hinzusetzen.

Da sitze ich nun. Und zaudere … Die Krux ist, wenn man Wochen, Monate nichts geschrieben hat, kreisen
die Gedanken vorrangig um den Anschluss an die entstandene Lücke. Was ist nicht alles geschehen … Chronologisch angehen? Bunt mischen oder thematisch strikt getrennt? Komplett nachholen vs. Teile auslassen. Die Frage ist ja, muss man denn eine Lücke unbedingt füllen …

Wissen Sie was?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ihnen zunächst einfach ein Lebenszeichen schicke. Ihnen dabei, mit einem weiterhin dank der Melodie des Girls from Ipanema entspannten Grundgefühl erzähle, dass ich vorhabe, wieder etwas häufiger zu schreiben und mich sehr herzlich bei denen bedanke, die sich zwischendurch gemeldet und nach meinem und dem Befinden der Familie erkundigt haben. Alles soweit in Ordnung – bis auf die Tatsache, dass dieses Jahr hammerhart daherkommt und immer wieder extrem kräftezehrend ist.

Nach dem Tod des Stiefpapas gab es prinzipiell viel zu erledigen, und als sich nicht lang danach meine Mutter bei einem Sturz in der Wohnung das Handgelenk kompliziert brach, verbrachte ich den Großteil einer Nacht mit ihr in der Notaufnahme. Wegen diverser Risiken wurde nicht operiert, nur gerichtet, und meine Mutter wurde, mit Gips versehen, gegen 3 Uhr morgens entlassen. Litt unter Schwindel und Schmerzen, durfte nun bloß nichts falsch bewegen oder belasten – und ich hatte neben zwei hilfs-/pflegebedürftigen Familienangehörigen, vielen Terminen und Besorgungen, auf einmal auch zwei Haushalte und zwei Gärten, die auf mich warteten.

Der Sohn zog mit Familie um ins eigene Heim, die kleine Enkelin war in der Zeit des Renovierens und Packens häufiger hier, inklusive Übernachtung. Was einerseits wundervoll war, ich möchte diese Besuche auf keinen Fall missen, aber es lässt sich nicht leugnen, ein Kleinkind hält einen fix auf Trab und beschert reichlich kurze Nächte. Sei es, weil mitten in der Nacht plötzlich ein munteres, helles Stimmchen nach einem ruft oder – im günstigeren Fall – erst morgens um kurz vor sechs jemand neben dem Bett steht und wispert: „Oma, bist du wach?“

Die Auseinandersetzung mit gleich zwei Autoversicherungen zog sich von Anfang Mai bis Ende Oktober hin. Sechs Monate! Nach vier Monaten stand endlich das Auto repariert wieder zur Verfügung – allerdings mit zu-
nächst selbst beglichener, hoher Rechnung. Die Erstattung kam nun vor zwei Wochen … Ein unverschuldeter Autounfall, der aber aufgrund der bizarren Aussage des Unfallgegners strittig war (leider keine Zeugen, Polizei und Sachverständiger legten sich nicht fest) und deshalb mit einer 50:50 Regelung endete. Sehr bitter, auch
weil nun hochgestuft wurde …

Es gab und gibt zahlreiche Arzttermine bei meinen beiden Patienten und eine längere Zeit diverse Fahrten mit der Mama. Plötzlich standen ambulante OPs an, kritische Situationen entwickelten sich aus dem Nichts, schmerzvolle Zahnprobleme traten auch auf. Im letzten Monat dann erneut eine Beerdigung. Ich musste zu eigenen Untersuchungen, zudem schlauchten wiederkehrende Infekte. Es folgten zahlreiche Werkstatttermine, Handwerker kamen wegen der Dachrinne. Die Gartenarbeit rief, das ewige Laubrechen begann ebenfalls. Eine Zeit wurde überschattet durch ein mit einem Mal konfliktreiches Verhältnis, was sehr belastend war.
Seit einigen Wochen sind es jetzt die sich verschlechternden Werte beim Gemahl und die Unsicherheit über den Fortgang der Therapie. Innere Anspannung – wohl auch angesichts der Unberechenbarkeit. Es kann sich alles so schnell ändern. Von heute auf morgen.

Aber!

Jetzt kommt das große Aber. Es gibt stets auch Gutes!
Meine Tochter hat dieses Jahr geheiratet! Der Sport, den ich vor ziemlich genau einem Jahr begonnen habe, hat Positives bewirkt. Den besseren Abbau der erwähnten Anspannung zum Beispiel. Er hilft enorm dabei abzu-
schalten. Und, was mir sehr Auftrieb gibt, der aus heiterem Himmel entgleiste Blutdruck hat sich mit Hilfe des monatelangen Trainings wieder einfangen lassen. Ohne Medikamente.

Im Spätsommer gab es eine Phase, die bei meinem Mann gesundheitlich relativ stabil schien. So beschlossen wir mutig, eine Woche Ferien an der Nordsee zu wagen. Ein bisschen Vorplanung war natürlich nötig, die machte es aber möglich, dass er während des Aufenthalts als Gastpatient in Cuxhaven die dortige Dialyse-
station besuchen konnte. Für alles andere mussten wir einfach Daumen drücken, und davon ausgehen, dass
in den sieben Tagen keine Katastrophen passieren.

Eine Woche Nordsee hört sich für Gesunde nach keiner großen Sache an. Wenn man jedoch vor gut zwei Jahren beinahe nicht wieder aus dem Krankenhaus zurückkam und seitdem, weil das Ganze nicht heilbar ist, durchgehend in Behandlung und unter Beobachtung ist, dann sieht die Sache anders aus. Das erste Mal nicht nur für ein paar Stunden außer Haus zu sein, sondern für mehrere Tage wegzufahren, sich von seinen behan-
delnden Ärzten und schneller Hilfe zu entfernen, das ist ein eigenartiges Gefühl.
In dem Fall muss man sich erst wieder trauen. Als Patient, aber auch als Angehöriger. Anreise, Ortwechsel, andere Räumlichkeiten, Luftveränderung etc. sind mit einem Mal ein ziemliches Wagnis und Abenteuer. Doch es funktionierte, und es war schön dort. Ich werde sicher separat noch von Cuxhaven berichten.

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Cuxhaven (Nordsee) - Sonnenuntergang am Döser Strand - Blick auf die Insel Neuwerk am Horizont

Cuxhaven (Nordsee) – Sonnenuntergang am Döser Strand – Am Horizont die Insel Neuwerk

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Kürzlich waren wir sogar ein zweites Mal unterwegs. Diesmal für ein Wochenende in Stralsund. Mein Mann wollte gern an einer Jahreshauptversammlung teilnehmen. Sein Fachgebiet, seine langjährigen Bekannten und Hobbykollegen. Ich als Begleitung auf der Reise  – jedoch nicht bei der Zusammenkunft und somit mit einem Tag Freizeit und eigenem Programm vor Ort!
Sie glauben nicht, wie selten es geworden ist, dass man zum einen rauskommt und sich zum anderen als Angehöriger auch wirklich nicht zuständig und frei von Verantwortung fühlt. Sich für ein paar Stunden nach nichts richten muss, sich nicht den Gegebenheiten anpassen braucht. Es fällt fernab des sonstigen Auf-
enthaltsortes und des üblichen Ablaufs merklich leichter, vermutlich auch deshalb, weil das Unterbewusstsein dort automatisch von weniger Pflichten ausgeht und mit weniger Unterbrechungen rechnet.
Es ist rar geworden und diese Zeit für mich unschätzbar wertvoll! Ich habe sie genutzt, unheimlich genossen und würde Ihnen auch gern von dort später einmal einige Eindrücke zeigen.
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Blick vom Kirchturm in der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

Stralsund von oben – Blick vom Kirchturm der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

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Was ich heute vorwegnehmen und Ihnen nun zum Schluss erzählen werde, ist die Episode: Bahnfahrt nach Stralsund. Ich kann Ihnen sagen, wir haben ziemlich verblüfft geschaut!

Sie können sich denken, gerade als Reisender mit Einschränkungen durch gesundheitliche Probleme überlegt man sehr genau, wie man am bequemsten und sichersten ans Ziel und wieder heimkommt. Autofahrten sind dabei nicht unbedingt immer erste Wahl. Ratsam sind folglich Orte, die nicht zu weit entfernt liegen und welche mit der Bahn – möglichst direkt! – zu erreichen sind. Kein Umsteigen. Platzreservierung! Das ist bereits die halbe Miete.

Wir trafen letzten Monat zur Abreise ins Stralsund-Wochenende am Hamburger Hauptbahnhof ein, doch unser Zug erschien überhaupt nicht auf der Anzeigetafel. Die Nachfrage bei einem sehr brummigen, wortkargen Herrn an der Information ergab, der IC wurde erst in einer knappen Stunde erwartet. Er hatte Verspätung  „wegen Bauarbeiten auf der Strecke“.
Der Zug kommt aus dem Koblenzer Raum, fährt via Hamburg über Schwerin Richtung Stralsund und letztendlich nach Binz auf Rügen. Wenn ein IC also mit Verspätung in Hamburg eintrifft, rechnet man – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – damit, dass die Bauarbeiten auf dem zurückliegenden Teil der Strecke waren oder weiterhin dort stattfinden. (Behalten Sie das gern im Hinterkopf.) Die aufgedrückte Stunde Wartezeit wurde mit einem Besuch beim Bäcker und einem Pott Kaffee überbrückt. Es gibt Schlimmeres.

Für die Rückfahrt am Sonntag hatten wir eine Zugverbindung am frühen Mittag, kurz vor zwölf Uhr ab Stralsund, gebucht. Wir unkten im Hotel noch, vielleicht blüht uns wieder eine Verspätung – einfach so, auch ohne Bauarbeiten auf unserem Streckenteil. Die elektronische Anzeigetafel kurz darauf am Bahnhof schien es zu bestätigen. Wir suchten jedenfalls vergeblich nach der Nummer unseres ICs. Zum Glück ist der dortige Info-Schalter am Sonntag besetzt. Die sehr freundliche Dame vom Dienst schaute uns zerknirscht an:
„Nein, dieser Zug ist leider schon lange weg. Der fuhr heute bereits um 10.17 Uhr. Wegen Bauarbeiten auf der Strecke …“

Haben Sie so einen Fall schon einmal gehabt? Dass ein Zug in die andere Richtung vom Plan abwich und eineinhalb Stunden vorverlegt wurde? Auf die Idee bin ich überhaupt nicht gekommen!

Es wurde noch ein bisschen umständlich, denn von der Info ging es zum Service, da die Zugbindung aufgehoben werden musste. Wir wollten die Sitzplätze mit umbuchen, nur es fuhr kein weiterer IC in absehbarer Zeit. Die nächsten Möglichkeiten waren Fahrten mit der Regionalbahn, was prinzipiell kein Drama ist – solange man gesund ist. So bedeutete es umsteigen in Rostock, und es ließen sich keine Plätze reservieren. Mittlerweile hatte sich in Stralsund im Bahnhof eine Menschentraube gebildet. Alles Reisende, die ebenfalls nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, dass die Abfahrt ihres gebuchten Zuges früher und ohne sie stattfinden würde.
In Rostock und an den darauffolgenden Haltepunkten entlang der Strecke nach Hamburg stießen immer wieder weitere Gestrandete hinzu. Kurz: Es wurde brechend voll!

Die Bahnangestellten in beiden Zügen wusste rein gar nichts von der Fahrplanänderung des ICs, waren völlig überrascht vom Andrang in der jeweiligen RB und verwiesen konsequent an die Service-Points in den größeren Bahnhöfen zur Lösung etwaiger Probleme oder Klärung von Ansprüchen. Und in lebhaften Diskussionen fielen solche Bemerkungen:
„Wir kriegen das hier doch gar nicht mit! Uns liegen keine Informationen darüber vor.“
Die Rede des Zugpersonals ging – an den Fahrgast gerichtet – weiter:
„Im Zeitalter des Internets können und müssen Sie sich als Bahnkunde doch selbst über Änderungen der Abfahrtszeiten informieren.“
Ist das nicht ein wenig merkwürdig? Da weiß bahnseitig sehr oft die linke Hand nicht, was die rechte tut, es gibt keine zentrale Info, die alle auf dem Laufenden hält, aber dem Reisenden wird zugetraut und zugemutet, dass er schlauer ist als das eigene Personal.
Ich bezweifle, dass die auffindbare Information für die Reisenden immer komplett und aktuell ist, aber ich lade mir jetzt zumindest die DB-App aufs Smartphone oder twittere den entsprechenden DB-Account im Zweifelsfall zusätzlich an. So etwas passiert mir jedenfalls nicht noch einmal.

An der eigenen Verspätung ist man – wer hätte es anders erwartet – selbst schuld, der Zug fuhr ja. Sogar eher. Also keine Entschädigung. Man kann sich allerdings die Sitzplatzreservierung anteilig erstatten lassen, weil sie auf dem Rückweg nicht in Anspruch genommen wurde. Doch dazu müsste man wieder zum Service-Point … Am Reisetag ging es nicht mehr. Fahre ich allerdings jetzt im Nachhinein separat hin, bleibt durch die dafür anfallenden Fahrtkosten nichts von der Erstattung übrig …

Nette Wiedersehen gab es dafür gratis! Die Hinfahrt von Hamburg bis Schwerin haben wir in Begleitung einer Herrentruppe verbracht. Wir hatten Plätze am Tisch und saßen mit sechs befreundeten Männern, die einmal im Jahr zusammen einen Wochenendausflug unternehmen. Jeder mit Smartphone ausgerüstet und gewiss nicht App-abstinent.
Nun, auf diesen Sechserclub trafen wir auf der Rückfahrt unvermittelt wieder. Wo? Genau, in der Regionalbahn! Dem Sammelbecken aller Liegengebliebenen. Gut, das hatten die so auch nicht vorgehabt, aber selbst sie waren uninformiert und von der viel früheren Abfahrt kalt erwischt worden.

Unter uns, ich vermute stark, dass der zeitlich vorgezogene IC an diesem Sonntagmorgen als Geisterzug durch die mecklenburg-vorpommersche Landschaft fuhr …

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Das war es für heute! Lesen wir uns demnächst wieder? Das Erscheinen weiterer Beiträge folgt momentan vielleicht noch einem ausgedünnten Blogsonderfahrplan (falls hier wieder einmal Hindernisse aufs Gleis geschmissen werden) – aber zu früh tauche ich garantiert nicht auf!

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©by Michèle Legrand, November 2019

Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

 

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Rätselhafte Sache … Was hängt denn da?

Ich möchte Ihnen heute gerne etwas zeigen, was mich sehr verblüfft hat. Wundern Sie sich bitte nicht, wenn
Sie trotz Sommerzeit zunächst Fotos aus dem Winter vorfinden – die Geschichte hat ihren Anfang im Januar. Erst vor ein paar Tagen entdeckte ich ihre Fortsetzung.

Wenn ich mich in der Küche aufhalte, wandert mein Blick meist automatisch zum Fenster und hinaus. Entweder in den eigenen Garten oder noch ein bisschen weiter zu den umliegenden Bäumen entlang der Straße und des Bahndamms.
Im Sommer hocken die Meisen und Gimpel gern in der Korkenzieherhasel direkt am Fenstersims, alles grünt, die Sträucher blühen üppig. Später, in der laublosen Zeit, entdeckt man in den dann kahlen Straßenbäumen weitere tierische Bewohner. Eichhörnchen, die wie der geölte Blitz an Stämmen auf- und abflitzen oder mit Riesenschwung und seltsam vom Körper abgespreizten Beinen von einem Baum direkt ins Geäst des nächsten fliegen.
Oder Kollege Specht! Man hört ihn nicht mehr nur, sondern sieht ihm plötzlich sogar zu bei seiner Klopferei. Es bleibt für mich ein kleines Wunder, dass ihm diese intensive und kraftvolle Meißelaktion keine Kopfschmerzen verursacht.
Hin und wieder kommen Eichelhäher, gelegentlich ein Bussard … Der fällt in der Stadt auf wie ein bunter Hund.

Im Januar meinte ich, aus dem Augenwinkel heraus ein eigenartiges Gebilde in der Luft hängen zu sehen. Nur beim zweiten, genaueren Hinschauen war nichts mehr davon zu erkennen. Wahrscheinlich war es Einbildung. Die oder ein Flackerblick.
Eine Woche darauf herrschte Frost bei klarem Himmel und Sonnenschein. Das feine Geäst der Sträucher trug dekorativ Raureif. An dem Tag zeigte sich, dass mich mein Eindruck doch nicht getäuscht hatte. Da hing etwas und zwar völlig fehl am Platz. Direkt an der Grundstücksgrenze zwischen einer ausgewachsenen Birke und einem in einigem Abstand dazu stehenden säulenförmigen Lebensbaum (Thuja). Es wirkte wie eine dünne, weit oben schwebende, übereiste Wäscheleine. Sie hatte ihren Ausgangspunkt in großer Höhe in der Baumkrone, sackte im Verlauf etwas durch und endete mehrere Meter entfernt und wesentlich tiefer in der Thujaspitze.
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Übereistes "Seil", wahrscheinlich Spinnfaden, schwebt in der Luft zwischen Baum und Thuja

Eines sonnigen Morgens …

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Wo kam denn diese kunstvolle Schöpfung her? Und wie wurde sie befestigt? Es hatte doch hier niemand die Birke bestiegen, ein Lasso geworfen oder Pfeile mit Anhang abgeschossen …

Am frühen Morgen sah es eher verharscht und weiß aus, durch die Kraft der Sonne taute das Eis an und wurde klarer.
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Vereister Spinnfaden (vermutlich), der bei Frost entstand und dessen Eisummantelung im Sonnenschein antaut

Antauend … Das Eis wird klar ….

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Wirkte es anfangs wie eine relativ glatte Leine, so hatte es später zeitweise Schnurcharakter (grobere Struktur) oder ähnelte fast einer mit Eis überzogenen Kette, deren einzelne Glieder hervortraten.
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Vereistes "Seil" (vermutlich Spinnfaden mit Eis ummantelt) aus der Nähe. Kettenähnlich, wie mit einzelnen Gliedern

Es wirkt jetzt grober ….

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Vermutlich vereister Spinnfaen vor einem Lebensbaum. Nahaufnahme zeigt allerdings sehr grobe Struktur, wie bei einer Kette

Aus der Nähe wirkt es kettengliederartig ….

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Man sah das Wunderding allerdings nicht ständig. Es verschwand manchmal schon nach Minuten und lebte erst nach frostigen Nächten und nur bei ganz bestimmten Lichtverhältnissen erneut auf. Wie ging das nur? Eisketten konnten doch nicht einfach adhoc und wie aus dem Nichts entstehen. Wasser, Schneeflocken, Eispartikel … was auch immer musste sich doch an irgendetwas halten können. Nichts steht einfach in der
Luft oder bildet freischwebende, waagerecht verlaufende Ketten.
Was war die Basis? Und entwickelte sich jedes Mal in kürzester Zeit etwas neues Bandartiges oder existierte das einmal Gesehene dauerhaft dort, gab sich jedoch allein nach Entstehen einer weiteren Eiskruste und durch speziellen Lichteinfall für mich wieder zu erkennen?

Die Tage wurden milder, der Zauber verschwand. Und zwar komplett. Ich stand mehrfach rätselnd im Garten, schaute aus allen Richtungen nach oben – nichts. Ich holte eine Leiter, versuchte der Thujaspitze so näher zu kommen – nichts zu finden. Absolut nichts.
Monate vergingen. Ich vergaß das Phänomen zwischenzeitlich völlig, denn auch als das Laub der Bäume austrieb, blieb alles unauffällig.
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Blick auf grün belaubte Sträucher und eine Weide im Hintergrund

Es ist nichts Auffälliges zu erblicken ….

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Vor ein paar Tagen müssen nun die Lichtverhältnisse in Kombination mit dem Blätterwerk der Weide bzw. der dunkleren Linde als Hintergrund wieder optimal gewesen sein. Was tauchte prompt auf? Das mysteriöse Seil! Nur für zehn Minuten am Morgen und erstmals ohne Eis ließ es sich – aber auch nur aus einem einzigen Blickwinkel – wahrnehmen.
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Mysteriöses Seil (Spinnfaden?) Von einer hohen Birke links ausgehend hinübergespannt zur Thuja ...

Die mysteriöse Schnur taucht wie aus dem Nichts wieder auf …

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Nun ist damit zwar klar, dass die Eiskette im Winter nicht von Zauberhand gehalten wurde, doch andererseits frage ich mich, wer denn für diese kühne Tat des Seilspannens verantwortlich ist. Was wäre Ihre Vermutung? Haben Sie eine Idee?
Es ist definitiv kein herabhängendes Reisig der Birke beteiligt genauso wenig wie Pflanzenranken anderer Art.
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Spinnfaden (?) von erstaunlicher Dicke zwischen Sträuchern

Mehr als ein Spinnfaden?

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Ich tendiere mittlerweile stark zu der Annahme, dass sich dahinter das Werk einer Spinne verbirgt. Wenn
ich mir auch nur schwer vorstellen kann, wie eine kleine, mittelzarte Spinne – oder meinetwegen sogar die größtmögliche regional bei mir vorkommende Spinnenart – in der Lage sein soll, derart dicke Fäden zu pro-
duzieren und damit auch noch ein Ziel (Thuja), welches so weit vom Ausgangspunkt (Birke) entfernt ist, zu erreichen.

Nur wissen Sie, was ich inzwischen gelernt habe? Dass Spinnen in der Lage sind, Flugreisen zu veranstalten! Sie schießen aus ihrem Hinterleib mit gehörigem Karacho einen Seidenfaden ab, und allein dieser Schwung befördert sie erstaunlich weit. Das ist physikalisch nachvollziehbar, denn wenn ein starrer, gerader Faden mit Wucht in unbewegte Luft geschleudert wird, dann kann der Schwung das Spinnentier an seinem Ende (oder Anfang, wie man es nimmt) durchaus mitreißen – sogar an einen recht entfernt gelegenen Ort! (In diesem Zusammenhang taucht auch der Begriff „Ballooning“ auf.)

Falls Sie jetzt überlegen, ob Spinnenseide eine solche Aktion überhaupt aushalten würde – ja, klar!
Die Fäden sind schließlich fünfmal reißfester als Stahl und dreimal stabiler als die bestmöglichen synthetischen Faseralternativen. Dazu enorm elastisch – Klassen besser als Gummi bzw. Kautschuk! Man guckt sich das Geheimnis der Spinnenfäden und ihrer Struktur deshalb mit Vorliebe für technische Einsatzmöglichkeiten und generell Innovationen – auch im medizinischen Bereich – ab.
Stellen Sie sich das Werk der Spinne einmal hochgerechnet auf die Größe und den Körper eines Menschen vor. Wenn Sie das übertragen, spinnt die Spinne Fäden, die (laut Zoologe Fritz Vollrath von der University of Oxford) sogar einen Jumbojet beim Landeanflug abfangen könnten. Nun ahnen Sie, warum man das Prinzip der Spinnenfäden auch übernimmt, wenn es auf Flugzeugträgern um elastische Konstruktionen zum Bremsen und Einfangen der dort landenden Maschinen geht.

Doch kommen wir noch einmal zurück auf das Seil in meinem Garten, das eventuell von einem der talentierten, achtbeinigen Krabbeltiere stammt. Gehen wir einen Moment davon aus, die Spinne hätte in diesem Fall den oben erwähnten „Flugmodus“ gewählt. Was hätte es ihr gebracht?
Der Schwung hätte sie von der Birke zur Thuja geschleudert, sie wäre wahrscheinlich heil gelandet, hätte aber bei dieser Aktion nebenher sicher keinen komplett durchgehenden Faden zwischen Start- und Landepunkt spinnen können.
Nehmen wir nun stattdessen an, sie saß oben in der Birke, hatte Beute im Auge oder im tiefer angelegten Fangnetz bemerkt und wollte sich einfach nur dorthin abseilen. Hatte bereits eine beachtliche Strecke geschafft, hing folglich irgendwo auf halber Stammhöhe an einem meterlangen Spinnfaden, als sie plötzlich eine starke Windböe erfasste, die sie samt Faden zum Lebensbaum verschwenkte. Sie dockte beherzt an – schon  haben wir die gespannte Verbindung.

Mit dieser Theorie ließe sich die Entstehung und Platzierung also prinzipiell erklären und aufgrund der Eigen-
schaften des Materials auch dessen beachtliche Haltbarkeit trotz Sturmböen oder Hagelschauern (Spinnen-
seide ist wasserfest, jedoch gut wasseraufnehmend), trotz hoher Temperaturen (ist bis 250 °C stabil) oder Frost (wird auch bei Minusgraden nicht brüchig).

Haben Sie schon einmal mitbekommen, wie über Nacht riesige Spinnennetze entstanden? Am Vorabend war noch nichts zu sehen, am Morgen dann das …

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Spinnennetz beim Rosenbogen
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Ich halte also fest, dass Spinnen in der Lage sind, in relativ kurzer Zeit rekordverdächtige Mengen an Seidenfäden abzusondern.

Nur, schafft es eine Spinne, einen Faden solch ungewöhnlicher Stärke zu produzieren?

Zoologen und speziell Spinnenforscher kurz weggehört, was jetzt folgt sind meine Laiengedanken, die sich durch eine Kombination aus Wissen (Tatsachen) und Raten ungeniert entwickeln und einschmuggeln:
Auch wenn ich weiß, dass Spinnen je nach Verwendungsvorhaben unterschiedliche Arten von Fäden spinnen können, bis zu sieben Spinndrüsen besitzen und damit auch Fadendicke, chemische Zusammensetzung sowie die Struktur der Seide variieren können, denke ich gleichzeitig: Wer weiß, was der noch so einfällt!
Falls der zuerst gesponnene Faden dünner ausfiel, dünner als gewollt oder als zweckmäßig, würde sie ihn eigentlich im Nachhinein noch verstärken können? Seilt sie sich womöglich mehrfach am Faden auf und ab, aktiviert erneut ihre Drüsen?  Ist das überhaupt machbar und realistisch?

Oder haben sich lediglich im Laufe der Zeit am Spinnfaden Blütenstaub, Pollen, Flusen etc. aus der Luft festgesetzt, was ihn nun optisch dicker erscheinen lässt und hervorhebt? Schließlich finden sich an Spinnfäden Klebetröpfchen, folglich funktioniert die Anhaftung vorbildlich.
Diese Klebepunkte, deren Abstände sehr unterschiedlich ausfallen können und hauptsächlich beim Weben eines Netzes (Querverstrebungen bei einer Fangvorrichtung fixieren) zur Anwendung kommen und offensichtlich reduzierter im Fall von langen Einzelfäden, sie könnten unter Umständen diesen hubbeligen, kettenglieder-
artigen Look (siehe Nahaufnahme Winter) hervorrufen haben.

Es heißt, Spinnfäden bestehen aus langen Eiweißmolekülen, und dabei kommt es ganz entschieden auf die Reihenfolge der einzelnen Aminosäuren (das sind die Bausteine der Eiweiße) und die räumliche Anordnung der Aminosäureketten an. Letzteres ist entscheidend dafür, ob ein Spinnfaden dick oder dünn, klebrig oder bappfrei ausfällt.
Nur wie dick ist eigentlich dick? So dick wie meine „Leine“ draußen …? Von dieser Stärke ist nirgends die Rede, eher von Durchmessern, die nur 2.5–4 μm betragen (Klebepunkte erreichen immerhin einen Durchmesser von ca. 25μm). Im Vergleich dazu wäre das menschliche Haar sozusagen schon fett.
Das passt doch alles wieder gar nicht …
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Wissen Sie was? Falls Sie mir zu der rätselhaften Angelegenheit mehr sagen oder erklären können, es belegen oder womöglich eindrucksvoll widerlegen möchten oder aber wenn Sie mit einer komplett anderen Lösung bzw. Idee für das Seilphänomen aufwarten können, schießen Sie los!

Ich wäre – egal, in welche Richtung es geht – mehr als begeistert!

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Quellen und weiterführende Links:
Wissenschaft im Dialog – Woraus bestehen Spinnenfäden
https://www.wissenschaft-im-dialog.de/projekte/wieso/artikel/beitrag/woraus-bestehen-spinnenfaeden/
Wissenschaft. de – Wie spinnen Spinnen
https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/wie-spinnen-spinnen-2/
ITP Uni Hannover – Arbeitsgruppen – Spinnennetz
https://www.itp.uni-hannover.de/fileadmin/arbeitsgruppen/zawischa/static_html/Spinnennetz.html

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©by Michèle Legrand, Juli 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Vielfalt … fremdgemischt

Es gibt Zeiten, in denen einem unheimlich viel durch den Kopf geht. Nüchtern ausgedrückt würde ein Mensch es vermutlich als eine natürliche Reaktion auf die Vielzahl von Ereignissen bezeichnen, die sein Leben gerade für ihn parat hält. Wenn Sie so wollen, ist es eine Verarbeitung der komprimierten Vielfalt, die ihm präsentiert wird. Präsentiert entweder als wilder Haufen in kürzester Zeit, als eine Mixtur, die einen über Wochen und Monate auf Trab hält oder als eine Kombination aus beidem.

Vielfalt dieser Art ist nicht ganz ohne. Nicht ohne? Moment, ist Vielfalt nicht wünschenswert? Die Würze im Leben. Etwas, das für Abwechslung im Alltag sorgt, Highlights hineinschummelt und so das Aufkommen von Langeweile verhindert?
Ein irgendwie interessantes Phänomen, dass der Begriff Vielfalt – von der ersten Empfindung her – positiv besetzt ist und sich doch im nächsten Moment zeigt, es handelt sich in dieser undifferenzierten Form nur um ein nachlässig entstandenes Vorurteil.
Hinzu kommt: Gerade das Beispiel Vielfalt demonstriert exzellent, dass das Vorhandensein eines Vorurteils keineswegs automatisch mit der negativen Betrachtung und dem abwertenden Urteil über etwas (Objekt, Situation, Person) einhergehen muss.
Obwohl wir Vorurteil gefühlt stets mit Negativem in Verbindung bringen, es gibt auch positive Vorurteile! Die sind allerdings nicht besser, nur anders. Ein positiv ausfallendes Vorurteil formt sich unter Umständen aufgrund des Aussehens oder der Kleidung eines Menschen, entsteht automatisch auch im Fall von verklärtem Wunschdenken … und eben bei der Einschätzung der ach so tollen Vielfalt, die – sobald sie nicht selbst geformt sondern fremdgemischt untergeschoben wird und zudem höchst unausgewogen ist – ganz schnell ihren blauäugig angenommenen, selbstverständlichen Liebreiz verliert.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich heute darüber auslasse. Ich eiere im Grunde herum. Nähere mich an … Ich möchte erzählen, was mich bewegt und beschäftigt, und gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht alles im Detail mit der Öffentlichkeit teilen kann und werde.

Mich fordert das, was das Leben mir seit einiger Zeit an Vielfalt zusammenmischt, enorm. Ich sehe durchaus, dass es nicht nur Strapaziöses/Negatives ist, denn ich bin verdammt gut im Finden von Lichtblicken, freue mich schon über Winzigkeiten, weiß gegenzusteuern, und bereits fünf Minuten Ruhe geben mir viel. Abgesehen davon passierte zwischendurch auch Superschönes, so ist es ja nicht. Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich habe eine derart fordernde Mixtur nicht bestellt und würde liebend gern ein Weilchen die Annahme verweigern.

Beispiel?
Saßen Sie schon einmal zwischen zwei Menschen, von denen der eine später umgebracht, der andere dessen Mörder wurde? Auch wenn Sie dem Opfer letztendlich gar nicht eng verbunden waren, ein brutaler Mord erschüttert, und wenn dieses Opfer – ein junger, freundlicher Mensch – einem Ihrer unmittelbaren Angehörigen nahestand, fühlen Sie mit.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie obendrein fürchten müssen (berechtigt oder nicht kann einem in dem Moment niemand sicher sagen), dass Ihre Familie womöglich selbst Ziel des offensichtlich kranken Täters werden könnte? Sie Schutzmaßnahmen ersinnen?
Würden Sie sich schämen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie erleichtert darüber sind, dass der Täter Selbstmord begeht (und somit keine Bedrohung mehr darstellt)?

Sind Sie womöglich auch mit viel Krankheit im familiären Umfeld konfrontiert? Sind Angehörige eventuell Pflegefälle? Scheinen manchmal die 24 Stunden des Tages einerseits hinten und vorne nicht auszureichen und andererseits hält die Energie manchmal nur noch für die Hälfte des Tages?
Der ewige Akt mit sämtlichen Beteiligten und (ungern) Zuständigen, damit alles irgendwie läuft. Behörden, Krankenkasse, Pflegekasse, Ärzte, ambulanter Pflegedienst. Auftreiben der Hilfsmittel, Verordnungen, Genehmigungen, der Formularwust … Unvorhergesehenes, das alles durcheinanderwirbelt. Die Stöcke, die einem zwischen die Beine fliegen, wenn man denkt, es hätte sich gerade eingespielt.

Ein unverschuldeter Autounfall mit Blechschaden. Der Gegner sieht die Sache aber anders. Es klärt und klärt sich nicht, das Auto kann seit Wochen nicht zur Werkstatt.

Der Rettungseinsatz in den heimischen vier Wänden, bei dem die Besatzung des Rettungswagens nicht ausreicht, die Feuerwehr dazugerufen wird und letztendlich acht Mann den verletzten Kranken aus der Not-
situation befreien. Krankenhausaufenthalt über Wochen, die plötzliche Ankündigung der Entlassung, jedoch keine Aussicht mehr, die Pflege in diesem Zustand wie bisher weiterhin zu Hause schaffen zu können. Unter extremen Zeitdruck die schwierige Suche nach einem möglichst nahe gelegenen, freien Kurzzeitpflegeplatz …
Zustandsverschlechterung, zweimalige Verschiebung der Entlassung, deren Ankündigung einem sowieso unbegreiflich erscheint. Weitere befremdliche Erlebnisse im Krankenhaus. Erneute, massive Verschlechterung, die Ärzte sehen keine Behandlungsmöglichkeiten mehr.
Am Dienstag hieß es Abschied nehmen von meinem Stiefpapa, der mir über vierzig Jahre mehr Papa war als der leibliche es jemals sein konnte. Sorge um die Mama …

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Vorbehalte gegen die Vielfalt. Gegen diese fremdgemischte, aufgezwungene Vielfalt, die so kolossal anstrengt, die müde und traurig macht.

Wenn ich also weiterhin hier im Blog nicht so präsent bin – ich muss ein wenig haushalten mit den Kräften, muss andere Prioritäten setzen, aber lese dennoch gern bei allen Bloggerkollegen mit. Ich bitte nur um Verständnis, dass es oft mit Verspätung erfolgt, mir nicht immer die Zeit bleibt, ausführlich zu kommentieren oder die Energie da ist, mich irgendwo in Diskussionen einzuschalten. Ich habe alles eher auf Sparflamme laufen.

Bevor ich mich nun für dieses Mal verabschiede, proste ich Ihnen noch schnell zu und zwar mit Kakao, einer guten Nervennahrung. Die kleine Enkelin (3,5 J.) meinte übrigens kürzlich beim Frühstück: „Kakao ist mein liebster Kaffee.“
Und ihren aus dem Brötchen gebrokelten Teigknödel untersuchend, entwickelte sich obendrein via das Thema Roggenmehl ein Gespräch über Getreide allgemein. Wir hatten am Wegrand am Vortag bereits Gerste entdeckt und auf einer Verpackung war eine Roggenähre zu sehen. Sie interessierte dich für das unterschiedliche Aussehen und wollte auf einmal Details wissen, um selbst zu erkennen, was was ist. Ja, da staunt man!
Gut, ich habe es ihr altersgemäß erklärt, meine eigene Eselsbrücke zum schnellen Bestimmen versteht sie erst später, wenn sie Lesen und Schreiben kann.

Doch ich frage bei der Gelegenheit einmal hier nach: Wenn man Sie zur Bestimmung an den Feldrand stellte, könnten Sie die Hauptgetreidearten auseinanderhalten?
Hafer ist speziell und gut zu bestimmen, nur wie ist es mit den anderen Getreidesorten? Welche Halme haben oben Grannen, diese borstenartigen Spitzen? Und bei welcher Art von Getreide sind sie kurz, wo lang? Was ist ohne? Falls Sie hin und wieder unsicher sind, ich merke es mir gern damit:
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Gerste fängt mit einem großen G an –>  hat große (lange) Grannen.
Roggen hat lediglich kleine Gs im Wort –> besitzt nur kleine Grannen.
Weizen hat überhaupt kein G –> hat gar keine Grannen.

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Wundern Sie sich bitte nicht über den Themenwechsel am Ende. Es ist einfach meine Art, zur Normalität zurückzukehren und auf sicherem Weg schnell zur alten Gelassenheit zurückzufinden.

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Schöne Pfingsten und bis zum nächsten Mal!

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©by Michèle Legrand, Juni 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Bitte recht freundlich oder Vorsicht Kamera! – „Public Face“ in der Hamburger Speicherstadt

Heute habe ich Ihnen lediglich eine Kleinigkeit mitgebracht. Jetzt lachen Sie nicht, es wird wirklich kurz, denn zu umfangreichen Beiträgen komme ich momentan noch gar nicht wieder.

Ich bin am Dienstagmorgen in die Innenstadt gefahren um etwas abzuholen und habe mir im Anschluss einen kleinen Schlenker Richtung Hafen gegönnt. Irgendwann werden Sie hier im Blog auch sehen, weshalb ich sogar recht gezielt dort war – und zwar vor dem Erscheinen von Menschenmassen. Dass Trubel naht ist sicher, denn am kommenden Wochenende (10-12.05.2019) wird Hafengeburtstag gefeiert. Die ersten Vorkehrungen habe ich bereits mitbekommen (Absperrungen, Sicherungen, Aufbau zusätzlicher Stromkästen etc.)

Doch vorweg würde ich Ihnen heute gern schon etwas ganz in der Nähe zeigen, wofür Hafen und Landungsbrücken ein prima Ausgangspunkt sind.
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Hamburg - Niederbaumbrücke - Blick Richtung Binnenhafen

Hamburg – Niederbaumbrücke – Blick Richtung Binnenhafen

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Wenn Sie sich ostwärts halten und am U-Bahnhof Baumwall über die Niederbaumbrücke Richtung HafenCity und Speicherstadt abbiegen, haben Sie voraus die Elbphilharmonie und erblicken links das Hanseatic Trade Center. Es geht jedoch nicht in den modernen, neu entstandenen Teil des Stadtviertels, sondern gleich hinter der Brücke links Richtung Binnenhafen. Während Sie am Wasser entlangspazieren, tauchen zu Ihrer Rechten einige Neubauten auf, die sich trotz modernen Glasflächenanteils im Stil den alten roten Speicherbauten, die bald darauf anschließen, anpassen.
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Hamburg - HafenCity (Speicherstadt) - Amundsen Haus

Hamburg – HafenCity (Speicherstadt) – Amundsen Haus

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Beim Blick über das Wasser hinüber zur Alt- und Neustadt können Sie das Mahnmal St. Nikolai und auch die Hauptkirche St. Katharinen ausmachen. Auf dem nächsten Foto entdecken Sie am gegenüberliegenden Ufer etwa in der Mitte ein großes Gebäude, das Haus der Seefahrt. Und just dort (links vom Haus) ist der Eingang zur Deichstraße  mit ihren alten, restaurierten Bürgerhäusern. Von der Hohen Brücke (rechts vom Haus) haben Sie einen exzellenten Blick auf die Rückfronten der historischen Häuser direkt am Nikolaifleet.
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Hamburg - Binnenhafen - Blick hinüber zum Haus der Seefahrt (Ecke Deichstraße)

Hamburg – Binnenhafen – Blick hinüber zum Haus der Seefahrt (Ecke Deichstraße)

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Bleiben wir weiter auf dem einmal eingeschlagenen Weg, nun entlang der alten Speicher.  Wenn Sie zwischendurch einfach einmal einen Moment die Augen schließen, kann es passieren, dass Ihr Kopfkino anspringt und Sie das ein oder andere kleine Abenteuer erleben. Wollen Sie es wagen?

Die Straße vor den Häusern am Binnenhafen besitzt noch das alte Kopfsteinpflaster. Ohne (moderne) optische Ablenkung wird ein ganz anderes Hörgefühl erzeugt. Autos unserer Zeit, die langsam vorbeihubbeln, könnten vom Empfinden her ebenso gut Fahrzeuge aus vergangenen Tagen sein. Mit geschlossenen Augen riecht das Elbwasser viel intensiver, das Tuten und Hupen der Hafenfähren und -barkassen wird auffälliger …
Sind die Augen noch zu? Gleich kommt ein alter Ewer vorbeigesegelt … Der Käpt’n am Ruder, die Pfeife im Mundwinkel. Schuten gleiten durch die Fleete und bringen Ware zu den Lagerhäusern. Teppiche. Und Gewürze. Oder Kaffee …!?   Wie aus dem Nichts strömt auf einmal intensiv der Geruch frisch gemahlenen Kaffees. Während Sie noch die Luft einziehen und den Duft inhalieren, klappt nicht weit entfernt eine Tür und gedämpft, aber eindeutig, erreichen Sie Schreie, die leicht panisch klingen …

Sobald Sie Ihre Augen wieder öffnen, werden Sie merken, es hat nicht nur niemand die Zeit zurückgedreht, es gibt auch für alles einen hundsnormalen Grund. Eine Kaffeerösterei hat hier nämlich ihren Sitz, und ein kleines Stück dahinter gelegen befindet sich das Hamburg Dungeon, eine Art Gruselkabinett, das mit einigen seiner Horrorszenarien aus der Geschichte des sehr frühen Hamburgs manchen zum Schwitzen bringt – oder eben Angstschreie auslöst.
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Hamburg - Binnenhafen_Zollkanal - Speicherstadt_Kaffeerösterei

Hamburg – Binnenhafen/Zollkanal – Speicherstadt mit Kaffeerösterei

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Das inzwischen international bekannte Miniatur-Wunderland hat sich in diesem Speichergebäude darüber und über weitere Etagen ausgebreitet.
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Hamburg - Speicherstadt - Hamburg Dungeon und das Miniatur-Wunderland

Hamburg – Speicherstadt – Hamburg Dungeon und das Miniatur-Wunderland

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Lassen Sie die Brooksbrücke am Hamburg Dungeon hinter sich und visieren Sie stattdessen die nächste, die Kibbelstegbrücke an. Sie ist unser heutiges Ziel. Der Binnenhafen liegt mittlerweile hinter uns, ab jetzt wird das Wasser neben Ihnen Zollkanal genannt.
Die Kibbelstegbrücke … Im Dunkeln wäre Ihnen sofort klar, was ich Ihnen zeigen möchte, denn mit der Neonbeleuchtung fällt es sofort ins Auge. Doch auch am Tag kann man es sehen. Schauen Sie einmal zur Brückenmitte. Oberhalb des Geländers  …
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Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - Kunstinstallation "Public Face" (Smiley) an der Kibbelstegbrücke

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Kunstinstallation „Public Face“ (Smiley) an der Kibbelstegbrücke

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Im November letzten Jahres wurde (für begrenzte Zeit) ein großer Smiley installiert. Die Skulptur mit einem Durchmesser von fünf Metern nennt sich „Public Face“ und stammt aus dem Programm „Imagine the City“. Ganz neu ist die Idee mit dem Smiley nicht, ursprünglich  entstand „Public Face“ (2010) für die Hafeneinfahrt von Lindau am Bodensee.
Wenn Sie jetzt staunen, dass etwas wie ein Smiley zur Skulptur erhoben wird, dann lassen Sie sich sagen, wie das Ganze zur Kunstinstallation wurde und so ungefähr funktioniert bzw. gedacht ist.

Stellen Sie sich den Smiley nicht als reines Spielzeug und ewig lächelnden Gesellen vor, sondern als Stimmungsbarometer. Drei Künstler (Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer) haben sich ihn als interaktives Kunstwerk ersonnen, das nicht immer ganz unumstritten ist, denn damit es funktioniert, müssen Überwachungskameras installiert sein und ihre Dienste tun.
Diese Kameras erfassen den Ausdruck in den Gesichtern von Passanten. Eine Software analysiert die eingehenden Daten und mittels eines Algorithmus wird es auf die Skulptur übertragen. Der Smiley „kann“ traurig, glücklich, überrascht oder sauer sein. Genauer gesagt, er kann so wirken indem er die entsprechen-
den Emotionen darstellt. Er lässt die Mundwinkel hängen, lächelt oder schaut einfach recht konsterniert bis gleichgültig drein. Die Position einer den Mund darstellenden Neonröhre wird an den Mundwinkeln mit Motorenhilfe verändert. Und im Dunkeln erkennen Sie sogar zwei zusätzliche waagerechte Röhren in den Augen, die leuchten, wenn er traurig ist (weint). Beim Lächeln hingegen sind die Augen rund/geöffnet.

Es lässt sich bei Kunstobjekten natürlich stets eine ganze Menge mehr hineininterpretieren. Je nach Art der Betrachtung werden sich unterschiedliche Schlüsse ziehen lassen, die wieder zu unterschiedlichen Aus-
legungen führen. Betrachter wird es mehr oder weniger inspirieren. Ein und dieselbe Installation kann leicht für absolut konträre Reaktionen sorgen.
Man kann sich in Smileys Fall diverse Absichten ausführlich erklären lassen und überhaupt näher erfahren, wie das mit Kunst und Kultur in der HafenCity und mit den Menschen, die hier leben, gemeint ist. Es geht obendrein um den Wunsch nach einer steigenden Wertschätzung von Kunst und um den Fakt, dass diese eindeutig auch „verstören und irritieren“ darf. (Ich lasse Ihnen im Anschluss einen Link da, falls es Sie interessiert, mehr darüber zu lesen.)

Als ich dort Dienstag eintraf, war „Public Face“ zunächst recht missmutig. (Wieder einmal, ich habe ihn schon öfter betrachtet.) Eine Minute später hielt ein Reisebus mit einer asiatischen Reisegruppe ganz gezielt neben der Kibbelstegbrücke. Die Smiley-Skuptur dient mittlerweile als anzufahrende „tourist attraction“.
Ihr Prinzip wurde den Gästen auf Englisch erläutert, woraufhin sich die Mienen schnell erhellten. Gelächter, eifriges Geplauder und gutgelauntes Posieren, dauerklickende Kameras und Handys. Die Überwachungskamera bekam in kurzer Zeit reichlich neue Daten und dank des positiven Futters gingen die Mundwinkel prompt nach oben.
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Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - Smiley an der Kibbelstegbrücke reagiert erfreut auf lächelnde Touristen ....

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Smiley an der Kibbelstegbrücke reagiert erfreut auf lächelnde Touristen ….

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Kurz darauf folgte der Aufruf, nun bitte wieder an Bord des Busses zu kommen. Nicht einmal eine Minute später war nichts mehr übrig von der lachenden Menschenansammlung, was unser Smiley – als die aktualisierten Daten ihn erreichten – etwas konsterniert zur Kenntnis nahm …
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Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - "Public Face" (Smiley) leicht konsterniert ...

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – „Public Face“ (Smiley) leicht konsterniert …

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Anhaltende Nichtbeachtung und das zusätzliche Einfangen von offenbar griesgrämigen Gesichtsausdrücken, machten aus dem „gleichgültig-skeptisch“ ein „ich bin echt mucksch“. (Falls Sie diesen Ausdruck aus Ihrer Region nicht kennen, es bedeutet so viel wie sauer, eingeschnappt.)
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Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Missgelaunter Smiley ….

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Sämtliche demonstrierbaren Emotionen in kürzester Zeit … Die Installation ist kurzweilig – um einmal ganz allgemein etwa dazu zu sagen. Es ist auch interessant zu beobachten, dass es erstaunlich häufig um die Laune der Bevölkerung bzw. der Passanten überhaupt nicht gut bestellt sein muss, denn das Lächeln erscheint beim „Public Face“ sehr viel seltener als die Ausdrucksformen Gleichgültigkeit und Traurigkeit. Wie kommt’s?

Jetzt mal unter uns, nicht ganz so ernst und schon gar nicht wissenschaftlich begründet. Lediglich laut gedacht.
Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass dermaßen viele Muffelköppe vorbeikommen! Liegt es womöglich nur an der Erkennung und Programmierung? Wir sind in Hamburg, bei Hanseaten! Dauert es vielleicht viel zu lange, ehe die Mundwinkel den Impuls erhalten hochzugehen? Muss so ein Hanseat womöglich für seine Verhältnisse völlig unnatürlich grinsen, ehe es für die Kamera und die Auswertung als ein akzeptables Lächeln durchgeht?
Bei einem angenommenen, derart strengen Maßstab, wäre quasi ein neutraler Ausdruck bereits negativ …

Mich treibt auch folgende Frage um: Wenn zwei Passanten von der Kamera erfasst werden, von denen einer extrem strahlt und einer finsterst grummelt, was macht die Software daraus? Den Durchschnitt? Das würde zumindest das unterproportionale Auftauchen des Lächelns erklären und den dafür oft zu sehenden geraden Strich als Mundlinie.

Kunst. Oft umstritten. Doch was sie immer erreicht, ist, dass der Mensch – egal, wie er im Speziellen gerade dazu steht – sich gedanklich willentlich oder unwillentlich in irgendeiner Form damit beschäftigt. Ziel erreicht, oder?

Und nun lasse ich Sie wieder allein. Sie werden zugeben, es war kurz heute.  Im Vergleich zumindest … ^^

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Bis zum Wiederlesen!
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Mehr über die Kunstinstallation hier:
„Wie ein Riesensmiley die Hamburger verstören soll“ – Hamburger Abendblatt

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©by Michèle Legrand, Mai 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Hamburg: Auf Ausweichstrecken unterwegs / (1) Wenn das Wasser noch gar nicht zu Ende ist … Auf Erkundung zwischen Eppendorfer Mühlenteich und Fernsicht

Diesmal – es wird sicherlich nicht das letzte Mal sein – möchte ich gern mit Ihnen eine Wegstrecke erkunden, die ich als Alternativvorschlag bezeichnen würde, wenn es darum geht, eine weniger überlaufene Route zu wählen und netterweise trotzdem stets ein Quäntchen Wasser neben sich zu haben.
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Hamburg - Leinpfad - Spaziergang an der Alster mit Ausblick ...

Hamburg – Leinpfad – Spaziergang an der Alster mit Ausblick …

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Dazu ein Hinweis vorweg:
Dies ist ein Beitrag, der länger ausfällt. In meinen Augen haben Sie – speziell als Hamburg-Interessierter, der gern auch einen Blick zurück in die Geschichte wirft – einfach mehr davon, wenn Zusammenhängendes nicht in tausend Einzelbeiträge gesplittet wird. Gönnen Sie sich ruhig Pausen beim Lesen oder falls Sie tatsächlich nur bestimmte Punkte interessieren sollten, springen Sie und orientieren sich dabei an den Zwischenüberschriften bzw. Fotos.

Alternativstrecken – Wozu braucht man denn Ausweichrouten?

Ich werde immer wieder einmal darauf angesprochen, wo man auf Stadtgebiet noch so „ein bisschen laufen könnte“. Hübsch gelegen, schnell und gut –  im Idealfall mit öffentlichen Verkehrsmitteln – erreichbar. Eine überschaubare Fußstrecke evtl. mit der Option auf Verlängerung, sollte einen spontan die Lust packen. Dennoch alles nicht zu ambitioniert. Einfach so  … unkompliziert.

Für mich selbst wähle ich ebenfalls gern derartige Ziele. Etwas, was absolut kein Geheimtipp sein muss, je-
doch von den Massen aus welchem Grund auch immer leicht ignoriert wird und daher von Überfüllung verschont bleibt.

Mich stören nicht grundsätzlich Menschen. Ich empfinde es unterwegs allerdings als anstrengend, wenn ich nie in meinem eigenen Gehtempo vorankomme. Immer nur ausweichen und abbremsen ist auch nicht das Wahre. Völkermassen, die sich schieben … Kommt es Ihnen bekannt vor? Da wird auf ganzer Wegbreite geschlendert, denn schon Minigruppen aus vier oder fünf Personen gehen auffallend gern alle nebeneinander. Bestenfalls leicht versetzt, was es im Prinzip auch nicht schmaler macht. Ihre Chance, daran vorbeizukommen, ist jedenfalls minimal. Gegenverkehr herrscht schließlich auch noch. Und selbst wenn Sie ein Hindernis dieser Art geschafft haben, es folgen ständig weitere.
Es ist vergleichbar mit einer Treckerparade, die eine schmale Landstraße langtuckert. Ohne Lücken, mit riesigen Heuanhängern, die allesamt Überbreite haben und unvermutet ausschwenken.
Unter derartigen Umständen gerät ein Spaziergang mittendrin sogar völlig ins Stocken, sobald sich nämlich vorderen Teil der Karawane mal wieder jemand überlegt, Diskussionen abzuhalten, aus diesem Anlass stoppt und längerfristig mittwegs campiert. Wenn nicht schon dadurch, so führt spätestens das zwangsläufige Kleben an den Fersen Ihres Vorläufers dazu, dass Sie ruckdizuck für die nächsten ein oder zwei Kilometer in den zweifelhaften Genuss lautstarker Unterhaltungen kommen, deren Inhalt Sie so überhaupt nicht interessiert.

Ich muss aufpassen, dass ich mich bei diesem Thema nicht in Form rede, wir dürfen die Erkundungstour nicht ganz aus den Augen verlieren. Oder möchten Sie wissen, wie es in der Hansestadt momentan so (ab)läuft?
Da es heute der Einführungsteil zum Thema Ausweichrouten ist, lassen Sie mich kurz – durchaus kritisch – auf die gegenwärtige Lage blicken, die andere Wege nötig macht. Ich glaube fast, dann wissen Sie – ob als Fremder oder Hamburger – Alternativrouten umso mehr zu schätzen.

Punktueller Andrang – Magnet Hamburg? … Oder liegt es vielleicht gar nicht nur am Reiz der Stadt?

Seit Hamburg sich immer mehr zu einem beliebten Ziel für Touristen genauso wie für Zuzugswillige mausert, bleibt ein Nebeneffekt nicht aus. Einer, der Besuchern wie Einheimischen zunehmend auffällt und der gelegent-
lich stört: Es wird an bestimmten Stellen mittlerweile zu voll. Dabei handelt es sich um eine Auswirkung, die sich aller Voraussicht nach noch verstärken wird.
Nicht allein durch aufstrebenden Tourismus und neue Hotels mit entsprechend kletternden Übernachtungs-
zahlen. Auch nicht nur bedingt dadurch, dass es weiteren Zuwachs an Neubürgern der Hansestadt gibt und geben wird. Was die Situation mit verschärft, ist die Tatsache, dass Wohnungsmangel herrscht und immer mehr Grünflächen für Wohnungsbauprojekte weichen müssen.

Hamburg – unendliche Weiten? Pustekuchen. Flächen, die als Bauland in Frage kommen werden rar. Die Stadtgrenzen stehen fest, es existieren keine Ausweitungsmöglichkeiten. Um dennoch möglichst viele Bau-
vorhaben durchziehen zu können, wird von der Politik eine Verdichtung favorisiert. Davon bleibt so gut wie kein Stadtteil verschont. In der Folge verlieren Anwohner einen nicht unerheblichen Teil ihrer Erholungspunkte im Viertel bzw. diese wichtigen und wertvollen Refugien verkleinern sich drastisch. Ein Oasensterben. Stattdessen Baustellen und Lärm, später die Wände des Neubaus direkt vor dem Fenster.

Um weiterhin etwas Grün zu sehen und frische Luft abseits von Hauptstraßen zu atmen, Entspannung oder auch Bewegung zu finden und soziale Kontakte zu pflegen – was alles durch die Veränderungen im Wohnquartier (Platzmangel, Grünflächenabschaffung, weniger Licht, höherer Schadstoffanteil, zugebaute Höfe, in denen man sich vorher traf etc.) kaum noch möglich ist – suchen daher zunehmend auch Hamburgs Bürger vermehrt genau die Orte auf, die von allen – Touristen inklusive – angesteuert werden.

Klar, Einheimische sehen sich nicht alle Nase lang die typischen Sehenswürdigkeiten an. Dort sind es weiterhin hauptsächlich Touristen, die mit den wühligen Gegebenheiten leben müssen. Die hier Ansässigen bemühen sich, das Gedränge irgendwie zu umgehen.
Im Fall von Karten für Theater und Musical, Tickets für Konzerte in der Elbphilharmonie, begehrten Plätze in angesagten Restaurants u. ä. wird es schon schwieriger. Gemeinsame Interessen, begrenztes Angebot, Sie ahnen das Malheur …
Ganz definitiv Überschneidungen gibt es bei der Auswahl der angepeilten Erholungsziele. Bei schönem Wetter trifft sich halb Hamburg zum Spaziergang an der Außenalster, zieht an die Elbe oder erobert den Stadtpark.

Der Stadtpark ist bisher noch Einwohnersache. Gäste von außerhalb haben dort in vielen Fällen zunächst
das Planetarium auf der Liste (Regenwettertipp schlechthin!) Oder strömen abends zu Konzerten auf der Freilichtbühne bzw. zu wirklich seltenen Großveranstaltungen wie dem Konzert der Rolling Stones im vergangenen Jahr. Ansonsten erhält einfach anderes den Vorrang. Und spaziert wird vorwiegend am Wasser.

An die Elbe wollen zwar alle, egal ob von hier oder auswärts, doch es entzerrt sich. Jemand auf Kurzbesuch bleibt meist schon aus Zeitgründen in Hafennähe. HafenCity mit Elbphilharmonie und Speicherstadt, Landungsbrücken, Fischmarkt in Altona und um den Elbstrand kennenzulernen Övelgönne mit Museumshafen. Oder direkt Blankenese mit Süllberg, Treppenviertel und Kapitänshäusern. Ganz gezielt.
Wer hier wohnt, mit Elbluft liebäugelt und feststellt, es wird wieder füllig, der läuft die Uferkilometer dazwischen oder pilgert dahinter, weiter elbabwärts.

Die Alster wiederum ist das Ziel aller. Binnen und vor allem Außenalster. Dort treffen sich Jung und Alt in Heerscharen. Entlang des Ufers sind es die Spaziergänger, Jogger, Nordic Walker, Kind-im-Kinderwagen-Ausfahrer, Hundebesitzer und Angler. Das Gebiet ist Mittagspausen- und Feierabendziel von Leuten, die in der Nähe arbeiten, der Ausflugswunsch von Vereinen, Wanderclubs, von Familien ebenso wie von Radfahrern. Und es ist Ausstiegsstation kompletter Reisebusladungen, die sich dann kurzzeitig eher punktuell am Ufer ergießen, meist um im Zuge dessen gleich ein Lokal aufzusuchen.
Auf dem Wasser kommen die SUPs (die mit der Vorliebe fürs Stand Up Paddling), die Ruderer, Kajakfahrer, Kanuten und Tretbootfahrer, die Gäste an Bord der Alsterschiffe, die Segler und, und, und … noch hinzu.

Sie sehen, es ist prinzipiell kein Ort der Einsamkeit, doch spätestens wenn nach grauen Tagen irgendwo ein Strahl Sonne durch die Wolken blitzt, haben urplötzlich einige Tausend Menschen die gleiche Idee: Raus und ans Wasser.
Nur – es MUSS nicht unbedingt die Außenalster sein. Wenn Ihnen nicht nach großer Wandergesellschaft und Stau zumute ist, kommen Sie mit. Wir spazieren heute dort, wo für die meisten immer der Weg aufhört: am nördlichen Ende Außenalster.

Tour 1

Wenn das Wasser noch gar nicht endet … Der Alsterlauf nördlich der Außenalster

Hamburg - Alster (Eppendorfer Ufer), Kloster St. Johannis

Hamburg – Alster (Eppendorfer Ufer)

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Sie wissen, die Alster besteht nicht nur aus den beiden bekannten Seen. Dahinter ist keinesfalls Schluss mit Wasser. Die Alster ist vielmehr ein Fluss, dessen Quelle sich – vom oberen Zipfel der Außenalster aus – Luftlinie gesehen etwa 23 km weiter nördlich in Schleswig-Holstein befindet.
Das heißt andererseits aber auch, tatsächlich ist die Alster mit allen Windungen im Flusslauf bis zur Mündung in die Elbe 56 km lang, und von dieser Gesamtlänge wiederum fließen ca. 30 km auf Hamburger Gebiet.
Im Grunde sind sämtliche öffentlichen Spazierwege, die entlang des Alsterlaufs führen, geeignete, teils wunderbare Alternativspazierstrecken! Man muss sich definitiv nicht anderenorts ständig ins Gedränge begeben.

Es gibt gelegentlich Missverständnisse, darum: Wenn Sie irgendwo die Bezeichnungen rechtes und linkes Alsterufer lesen, dann lassen Sie sich nicht in die Irre führen, weil „gefühlt“ rechts auf einmal im Westen und links im Osten liegt. Man schaut in dem Fall von der Quelle, die – siehe oben – nördlich von Hamburg liegt.
Erwähne ich hingegen im weiteren Verlauf das West- bzw. Ostufer, so meine ich die Himmelsrichtungen, wie Sie sie beim Blick auf die Karte wahrnehmen.

Eppendorfer Mühlenteich

Wir starten am U-Bahnhof Lattenkamp. Mit der U1 sind es ab Jungfernstieg lediglich sechs Stationen. Ein perfekter Ausgangspunkt, um von dort aus an der Kreuzung die Bebelallee, eine viel befahrene Straße mit Villen, zu überqueren und ein Stück der abzweigenden Straße Meenkwiese zu folgen. Schon befinden Sie sich abseits vom Verkehr.
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Hamburg - Kreuzung Bebelallee/Meenkwiese - Blick auf ein modernes, leicht rundliches, weißes Gebäude

Hamburg – Kreuzung Bebelallee/Meenkwiese

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Hamburg - Kaum liegt die vielbefahrene Bebelallee hiner einem wird es merklich ruhiger - Meenkwiese - Drei Graugänse pickend auf dem Bürgersteig

Hamburg – Kaum liegt die vielbefahrene Bebelallee hiner einem wird es merklich ruhiger – Meenkwiese

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Hamburg - Zum Alsterlauf und Eppendorfer Mühlenteich - Straße Meenkwiese mit ungewöhnichem Wohnhaus auf der rechten Straßenseite

Hamburg – Zum Alsterlauf und Eppendorfer Mühlenteich – Straße Meenkwiese

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Warum ich Sie gerade hierhin entführe? Weil wir so nicht nur an die Alster, sondern auch an den Eppendorfer Mühlenteich gelangen, von dem Sie vielleicht in Erinnerung haben, dass sich dort das Winterquartier der Alsterschwäne befindet. Entsinnen Sie sich noch an die Bootsfahrt der Vögel im letzten November, nachdem der Schwanenvater sie an der Rathausschleuse zusammengetrieben und eingesammelt hatte?
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich mit dem Schwanenwinterquartier im Hintergrund

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich mit dem Schwanenwinterquartier im Hintergrund

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Die Bezeichnung Teich verrät Ihnen bereits, da wurde etwas künstlich angelegt. Nur ist der Eppendorfer Mühlenteich nicht etwa ein extra geschaffener Ableger der Alster, diese liegt etwas östlich davon, sondern ist schon vor 756 Jahren (anno 1263) durch die Stauung der von Norden kommenden Tarpenbek entstanden. Zwischen Teich und Alster existiert jedoch eine Verbindung. Die uns zugutekommen wird …
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Winterquartier der Alsterschwäne

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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne - Im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungbahn

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne – Im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungbahn

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Wie bei Teichen üblich, ist die Wassertiefe eher gering. Es bildet sich im Winter bei Minusgraden also recht schnell Eis. In dem für die Schwäne abgezäunten Teil wird bei Frost das Wasser jedoch mittels einer Umwälz-
pumpe eisfrei gehalten. Weiteres Plus: Es gibt Futter, wenn die Natur nichts mehr parat hält und im Fall der Fälle eine medizinische Versorgung.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne - Einige Schwäne hinter Metallzaun direkt am Ufer, ein Boot des Schwanenvaters außerhalb der Umzäunung am Ufer

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne

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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne

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Wie Sie unschwer sehen können, sind hier allerdings nicht nur die Schwäne, auch andere Vogelarten erkennen die Vorteile und mogeln sich gern dazwischen.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Auch andere Vogelarten nutzen gern das Winterquartier der Alsterschwäne ... Enten und Teichrallen innerhalb des abgetrennten Bereichs. Am Ufer aufgestapelte Paletten

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Auch andere Vogelarten nutzen gern das Winterquartier der Alsterschwäne …

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Hin und wieder treffen Sie auf dem Teich auch im nicht abgezäunten Teil einzelne Schwäne an. Ob die aus dem Quartier ausgebüxt sind und es trotz meist gestutzter Flügel erfolgreich über den Zaun geschafft haben, ob es Alsterschwäne sind, die sich im November erfolgreich dem Einsammeln entzogen und damit vor dem Winter-
quartier gedrückt haben, oder ob es sich um völlig fremde Schwäne handelt, die sich eine Weile als Besucher dazugesellen – wer weiß das schon so genau.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Schwäne auch außerhalb der Einzäunung ...

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Schwäne auch außerhalb der Einzäunung …

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Entlang des Ufers außerhalb des abgetrennten Bereichs statten häufig Graureiher dem Teich einen Besuch ab, obwohl sich deren Kolonie am Bramfelder See befindet. Für die Reiher ist es nur sehr praktisch, dass hier am Mühlenteich Angelverbot herrscht …
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Besuch von den Graureihern

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Besuch von den Graureihern

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Auch Graugänse, Teichrallen und Enten sind hier vertreten.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Ob im eingezäunten Teil oder daneben - der Teich wird genutzt - Schwäne hinter dem Zaun, im freien Bereich vier hintereinander schwimmende Graugänse

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Ob im eingezäunten Teil oder daneben – der Teich wird genutzt

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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Einträchtiges Beisammensein auf dem Teich ....

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Einträchtiges Beisammensein auf dem Teich ….

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Am Teich – Kleine Zeitreise …

Vielleicht fragen Sie sich auch an einigen Plätzen, die Sie besuchen, wie es dort früher wohl ausgesehen haben mag. Hier zum Beispiel – zu einem Zeitpunkt, als es Hamburg als Großstadt noch gar nicht gab, die Besiede-
lung außerhalb des damaligen Stadtkerns mit zunehmender Distanz immer spärlicher ausfiel …

Stellen Sie sich vor, dass hier einst verstreut nur ein paar Höfe standen und schließlich im 12. Jahrhundert ein Dorf inmitten und umgeben von sehr feuchter Weide- und Moorlandschaft entstand. Ein Bereich war richtiges Moorgebiet. Davon ist heute nicht sehr viel vorhanden, doch man hat versucht, die Überreste des Eppendorfer Moors als Naturschutzgebiet wieder aufzuwerten, und dazu wurde es zum Jahr 2015 um einiges vergrößert. Von dem Niedermoor mit enorm artenreicher Pflanzenwelt hat es sich im letzten Jahrhundert dennoch weit entfernt. Waren früher im Moor kaum Bäume oder Sträucher, treffen Sie heute auf waldähnliche Bereiche mit dazwischen liegenden offenen Wasserflächen. Sumpf-Glanzkraut oder Wasserschläuche, Sonnentau und Schnabelriede gab es früher, heute finden Sie eher Pfeifengras, Schlankseggen-Ried oder Gilbweiderich. Dazu Glockenheide, ansonsten Weidengebüsch, Faulbäume etc. Und Brombeeren! Die sind irgendwann eingewandert und arrangieren sich mit der Bodenbeschaffenheit.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Blick von Süd nach Nord

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich

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Gehen Sie jetzt gar nicht mehr unbedingt Jahrhunderte zurück, wandern Sie gedanklich lediglich etwa 120 bis 130 Jahre in frühere Zeiten. Alles ist weiterhin sehr ländlich …
Die Brücke zum Beispiel, die Sie ganz hinten (Foto oben) erkennen, die gab es noch gar nicht. Doch Sie könnten nahe des Wassers das alte Schulhaus ausmachen. Kinder, auf dem Weg zum Unterricht …
Oder den Gasthof „Zur alten Eppendorfer Mühle“. Es ist ein warmer Sonntag im Sommer. Ihnen begegnen Spaziergänger, Einkehrende, die an Holztischen am Wasser sitzen, Ausflügler, die in einem Boot über den Teich paddeln … Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie Libellen, die im Sonnenlicht funkeln und manchmal einen Moment in der Luft zu stehen scheinen …
Die alte Schule wurde im Jahr 1890 abgebrochen, den Gasthof gab es bis 1901. Heute befindet sich ein Lokal mit sehr ähnlichem Namen an der Eppendorfer Landstraße, die Sie queren, sobald Sie am Teichende angelangt sind und dem Alsterlauf weiter folgen möchten.
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Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Verbindung zur Alster - "Zur Alten Mühle" und "Barmeiers Café" an der Eppendorfer Landstraße

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Verbindung zur Alster – „Zur Alten Mühle“ und „Barmeiers Café“ an der Eppendorfer Landstraße

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Die einstige Wassermühle ist sehr lange schon Geschichte, die letzte Windmühle in dieser Gegend verschwand bereits 1904 …
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Lassen Sie uns in die Neuzeit zurückkehren. Wir verlassen das Reich der Schwäne, die in knapp einem Monat wieder zurück auf Binnen- und Außenalster ziehen, ihre Reviere aufsuchen und nisten werden.

Alsterlauf – Eppendorf /Hayns Park

Mit Erreichen des Teichendes und nach Überquerung der Eppendorfer Landstraße beginnt der Spazierweg entlang der Alster. Weiterhin zählt das Ufer auf beiden Seiten zum Stadtteil Eppendorf. Auf der Westseite großflächig, am Ostufer ist es nur ein relativ schmaler Streifen. Kurz danach beginnt Winterhude. Hinter der Bebelallee (die kennen Sie von vorhin) liegt bereits die Stadtteilgrenze.

Bleiben Sie zunächst gern auf der Westseite, denn dort befindet sich gleich zu Beginn der Hayns Park mit großer Liegewiese, Pavillon und schönem Ausblick auf die Alster, die an dieser Stelle recht breit ist.
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Hamburg - Eppendorf - Blick vom West- zum Ostufer der Alster (in Höhe Hayns Park)

Hamburg – Eppendorf – Blick vom West- zum Ostufer der Alster (in Höhe Hayns Park)

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Hamburg - Eppendorf/Alster - Liegewiese Hayns Park (wird auch von Graugänsen gern besucht)

Hamburg – Eppendorf/Alster – Liegewiese Hayns Park (wird auch von Graugänsen gern besucht)

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Sie finden Bootshäuser mit Verleih sowie eine SUP-Station. Auch der Alster-Canoe Club e. V. hat seinen Sitz in unmittelbarer Nähe.
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Hamburg - Bootshaus Barmeier am Übergang von Eppendorfer Mühlenteich zur Alster

Hamburg – Bootshaus Barmeier am Übergang von Eppendorfer Mühlenteich zur Alster

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Im Moment werden noch Teile des Uferbereichs sowie der Pavillon im Park saniert, so dass der Wanderweg am Wasser nicht durchgängig zur Verfügung steht und Absperrungen kleine Umwege nötig machen. Doch in der eigentlichen Saison ist alles wieder durchgängig nutzbar.
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Winterhuder Fährhaus

Heute … 2019

Nach kurzer Zeit erreichen Sie bereits das Winterhuder Fährhaus an der Hudtwalcker Straße. Eine Straßen-
brücke führt dort über die Alster, so dass Sie auf die andere Flussseite wechseln können, um von nun an weiter dem Leinpfad zu folgen.
Auf dem nächsten Foto erkennen Sie den gläsernen Neubau des Fährhauses, in dem seit nunmehr auch schon wieder gut 30 Jahren das Theater „Komödie Winterhuder Fährhaus“ untergebracht ist.
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Hamburg - Winterhuder Fährhaus mit Theater - Blick von der Hudtwalcker Straße - (Die Alster liegt links daneben.)

Hamburg – Winterhuder Fährhaus mit Theater – Blick von der Hudtwalcker Straße – (Die Alster liegt links daneben.)

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Etwas eher … 70er Jahre

Ich bin hier in den Jahren von 1977 bis 1980 regelmäßig mit der U-Bahn langgefahren, oft an der in unmittelbarer Nähe liegenden Station Hudtwalcker Straße ausgestiegen. Damals stand anstelle des Glasbaus das alte Fährhaus auf dem Ufergrundstück. Ein imposanter Bau aus der Kaiserzeit! Ein recht großes, längs des Flusses errichtetes Gebäude mit einem sehr markanten Türmchen zur Straßenseite hin. Ein Ort mit Tradition. Er verkam nur mehr und mehr. Ein Feuer im Jahr 1977 gab nicht etwa den Anstoß für eine Sanierung und den Wieder-
aufbau, sondern leitete lediglich eine letzte „Verlodderperiode“ ein, die im Jahr 1979 mit dem Abriss des Hauses endete. Es dauerte geraume Zeit, ehe der Neubau stand. Erst im Herbst 1988 eröffnete das Theater.
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Und noch früher… Winterhuder Fährhaus historisch

Etwas ist reichlich kurios an dem Fährhaus. Dem alten. Dem sogenannten … Wussten Sie, dass es trotz seines Namens im Grunde nie ein Fährhaus war bzw. nie als solches gebaut wurde?

Rein von der Begrifflichkeit her ist ein Fährhaus ganz simpel das Haus des Fährmanns. Als es hier noch weit weniger Brücken gab und daher Fähren einerseits zum Queren der Alster dienten, sie andererseits genauso auf dem Fluss pendelten und so die Außenbezirke mit dem Stadtkern verbanden, war der Beruf des Fährmanns in der Tat verbreitet, nur – in diesem Haus wohnte nie einer!

Stattdessen ließ ein Kohlenhändler das Gebäude 1854 für sich errichten. Damals als Wohnhaus, mit großem Schuppen nebendran für die Kohle. Mittlerweile gab es auf der anderen Seite der Brücke am Leinpfad einen Anleger für die „Alsterdampfer“, weiße, geschlossene Passagierboote. Es entstand nach und nach eine an-
sehnliche Flotte, die damals den Pferdekutschen an Land Konkurrenz machte.
Die Schiffe hatten natürlich entsprechend wenig Tiefgang, damit sie nicht am Grund des recht flachen Flusses langschrabbten und hängenblieben. Eine ganze Zeit fuhren sie sogar noch in die Nebenarme, die Kanäle, wo der Wasserstand für sie nicht vorteilhafter ausfiel.
Anleger, wie es sich am Leinpfad nannte, hört sich nach mehr an, als es tatsächlich war. Es war ein Steg am Ufer. Mehr nicht. Kein Dach oder irgendetwas, das Schutz gegen Wind und Wetter geboten hätte, rein gar nichts.
Wer dort bibberte oder sich vor Nässe schützen wollte, fragte manchmal gegenüber auf der anderen Straßen-
seite beim Hausherrn Carl Friedrich Jacobs vorsichtig an, ob er sich unterstellen dürfe, bis der Dampfer in Sicht sei. Der Kohlenhändler beantragte daraufhin sogar eine Konzession für eine „freie Wirtschaft“, nur war Gastronomie überhaupt nicht sein Ding. Den Klotz am Bein, sprich die Arbeit damit, wollte er möglichst schnell wieder loswerden. Ab 1867 übernahm daher ein anderer diesen ungeliebten Job, dem es gelang, das „Fährhaus“ als beliebtes Ausflugsziel zu etablieren. Wieder ein paar Jahre später wurde eine Tanzerlaubnis erteilt. Doch ebenso lokal gesehen, war Jacobs’ Haus von besonderer Bedeutung. Es diente als Ort für Versammlungen – selbst die Bürgervereinsgründung fand genau hier im „Fährhaus“ an der Alster statt.
Es gab bauliche Veränderungen. Die Ansicht, die ich aus den Siebzigern noch vor Augen habe, entstand 1895. Das Haus besaß richtige Tanzsäle, und es hingen große Kronleuchter von den Decken! Selbst als es bereits baufällig wirkte, hatte man immer das Gefühl, die Tanzkapellen wären noch vor Ort und es könnte jeden Moment Musik aus dem Gebäude erklingen …

Es gab Höhen und Tiefen im Laufe der Zeit. Ein Auslöser war zum Beispiel die Alsterregulierung mit dabei vollzogener Verbreiterung und Erhöhung der Straße. Diese Umgestaltung ließ einen großen Teil des Vorgartens verschwinden, und die neue Höhe bewirkte, dass aus dem einstigen Erdgeschoss auf einmal der Keller wurde.
Dann die beiden Kriege! Sie hatten ohne Frage ihre Auswirkungen, aber dazwischen und danach herrschte reichlich Leben im Fährhaus. Über Jahrzehnte. Kein Wunder, dass bei der Bevölkerung Verfall und geplanter Abriss auf starkes Missfallen stießen.

Nur, Sie sehen, ungeachtet seiner vielseitig ausfallenden Nutzung, zu einem echten Winterhuder Fährhaus
hat dieses Haus es nie gebracht. Stattdessen war es Kohlenhandlung, Tanzlokal, Restaurant, Theater, Gefangenenlager, Kulissenmalatelier und Tagungsort.
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Alsterschiffe und Hochbahn

Hier am Anleger auf der Leinpfad-Seite halten bis zum heutigen Tage die Boote der Alsterschiffflotte. Sollten Sie auf einem Spaziergang wider Erwarten auf einmal schlapp machen, können Sie sich per Schiff Richtung Außenalster und weiter zur Binnenalster bis an den Jungfernstieg fahren lassen. Oder umgekehrt, Sie starten in der Stadt.
Rundfahrtschiffe drehen in der Regel im Norden der Außenalster an der Krugkoppelbrücke, die Linienschiff-
fahrt hingegen kreuzt auf dem großen See und fährt anschließend die Alster weiter hinauf bis zum Anleger Winterhuder Fährhaus. Dort ist Endpunkt und Umkehr.

Wenn Sie sich für Linie statt Rundfahrt entscheiden, bleiben Ihnen alle Möglichkeiten, was den Zu- oder Ausstieg angeht. (Es wird nur nicht so viel erzählt während der Fahrt.) Ab April fahren die Schiffe wieder kreuzend, winterliche Fahrten gibt es nur auf der Außenalster als Rundtour. Zusätzlich sind in der Saison Kanalfahrten und Dämmertörns im Angebot.
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Hamburg - Anleger "Winterhuder Fährhaus" im Winterschlaf. In der Saison ab April hat das Café Leinpfad wieder geöffnet - Verlassener Anleger, Mit Folien geschützte Sonnenschirme.

Hamburg – Anleger „Winterhuder Fährhaus“ im Winterschlaf. In der Saison ab April hat das Café Leinpfad wieder geöffnet

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Hamburg - Alster - Blick von der Brücke Hudtwalcker Straße flussabwärts. Hochbahnbrücke Linie U1

Hamburg – Alster – Blick von der Brücke Hudtwalcker Straße flussabwärts

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Schauen Sie einmal den Fluss hinab. Gleich rechts ist der Seelemannpark. Aber sehen Sie die Brücke und was darauf fährt? Richtig, das ist keine Straßenbrücke, dort fährt die Hochbahn. Es gibt ein Foto von 1913,
welches aus dieser Perspektive aufgenommen worden ist, und seitdem hat sich optisch nicht viel verändert.
Das Gebäude jüngeren Datums am Leinpfad links müssten Sie nur kurz ignorieren.

Der Hamburger Senat genehmigte im Jahr 1905 Hochbahnpläne für gleich zwei Strecken und erteilte in dem Zuge den Auftrag zum Bau einer neuen Zweiglinie Richtung Norden. Startpunkt sollte der Bahnhof Kellinghusenstraße sein, ihr Endpunkt Ohlsdorf, eine Strecke mit insgesamt vier neuen Stationen: Hudtwalcker Straße (wo wir gerade sind und auf der Straßenbrücke stehen), Lattenkamp (wo wir starteten), Alsterdorf und die Endstation Ohlsdorf.
Dafür musste die Bahn nur irgendwie über die Alster kommen, also wurden insgesamt zwei Brücken errichtet. Auf der vorderen, die Sie hier sehen, fährt seit 1914 und bis heute die U-Bahn-Linie U1 auf eben genannter Strecke. Auf einer dahinter entstandenen Brücke überqueren Züge der Linie U3 den Fluss. Auch sie startet an der Kellinghusenstraße und endete damals (Einweihung Mai 1912) zunächst in Barmbek.
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Hamburg - Leinpfad - Hochbahnbrücke Linie U1

Hamburg – Leinpfad – Hochbahnbrücke Linie U1

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Leinpfad (Winterhude)

Ab jetzt sind wir in Winterhude, zumindest auf dieser Uferseite, drüben ist weiterhin Eppendorf. Der Leinpfad, auf dem wir weiterlaufen werden, führt 1,6 km stets am Wasser entlang, ist mit eine der schönsten Wohnstraßen – und eine enorm geeignete Spazierstrecke! Seit nämlich der Umbau zur Fahrradstraße erfolgte, ist nur noch Anliegern die Zufahrt mit dem Auto erlaubt, was es für Spaziergänger sehr viel ruhiger und attraktiver macht. Eineinhalb Jahre dauerte der Umbau, brachte Kosten in Höhe von 1,4 Millionen Euro mit sich, doch nach der Einweihung 2017 wurde die Radstrecke als Teil der Veloroute 4 schnell gut angenommen.
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Hamburg - Leinpfad - Entspannt geht es zu seit dem Umbau zur Fahrradstraße ...

Hamburg – Leinpfad – Entspannt geht es zu seit dem Umbau zur Fahrradstraße …

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Hamburg - Leinpfad - Ältere Villa mit Sprossenfenstern und Giebeln (Fachwerk) zur Straße hin

Hamburg – Leinpfad

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Hamburg - Leinpfad - Nicht nur Altbauvillen ...

Hamburg – Leinpfad – Nicht nur Altbauvillen …

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Hamburg - Leinpfad

Hamburg – Leinpfad

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Was vermuten Sie, wie der Name Leinpfad entstand? Besteht eine Verbindung zur Pflanze Lein? Jein – also eher um die Ecke herum. Als Lein– oder Treidelpfad bezeichnet man einen Weg, der aus einem ganz bestimmten Grund direkt am Ufer von Flüssen und Kanälen angelegt wurde: Er ermöglichte es, dass Menschen oder auch Zugtiere Boote, Schuten oder Frachtschiffe flussaufwärts ziehen konnten.
Die sog. Treidler am Ufer waren über ein Tauwerk mit dem zu ziehenden Objekt auf dem Wasser verbunden.

Wenn Sie heutzutage hier aufs Wasser sehen, entdecken Sie häufig Wassersportler oder Ruderboot und Kajak in einem der Gärten, die drüben direkt Zugang zum Fluss besitzen. Nur als 1866 der Leinpfad seinen Namen erhielt, war die Alster nebenan nicht das Terrain von Wassersportlern und Ort für Freizeitaktivitäten, der Fluss war ein Verkehrsweg.
Sie dürfen nie vergessen: Es gab zu Lande nicht die Infrastruktur, wie wir sie heute oder aus den letzten Jahrzehnten kennen. Wasserwege waren wichtige Transportwege, die rege und bestmöglich genutzt wurden. Hier auf der Alster wurden Schuten und Kähne durch Treidler sogar hinauf bis nach Poppenbüttel zur Schleuse gezogen. Nageln Sie mich nicht fest, aber es dürften ab Ende Außenalster gerechnet so um die 16 km Flussstrecke zusammenkommen. Und was Sie vielleicht nicht vermuten würden: Bereits im 15. Jahrhundert war Treideln eine Tätigkeit, die hauptsächlich Frauen ausführten. Richtig voll beladen wurden die Schuten allerdings mehrheitlich von Pferden gezogen.
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Hamburg - Alsterufer (Leinpfad) - Stand Up Paddling ... (SUP)

Hamburg – Alsterufer (Leinpfad) – Stand Up Paddling … (SUP)

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Winterhude – Alsterniederungen / Aus Sumpf wird Bauland …

Wie schon das Gebiet am Eppendorfer Mühlenteich, stellte sich auch die Gegend hier als sehr sumpfige Niederung heraus. Selbst heute noch steht an bestimmten Stellen – speziell auf den breiten Alsterwiesen an der Außenalster – nach Regen das Wasser oft sehr lange in Riesenpfützen …
Da fragt man sich schon, wie auf einem dermaßen matschigen Untergrund gebaut werden konnte, und wie in aller Welt gerade hier eines der teuersten Wohngebiete entstand.

Jemand, der erkannte, dass Wohnraumbedarf und Nachfrage im damaligen Randgebiet an der Außenalster, aber auch nordöstlich von ihr entstand, war ein Herr Sierich. Der, nachdem heute eine viel befahrene Straße benannt ist, die – völlig unüblich – eine Einbahnstraße mit Wechselbetrieb ist. Bis 12 Uhr mittags geht es
dort nur stadteinwärts, danach bis 4 Uhr morgens nur stadtauswärts. Das funktioniert, weil an sämtlichen einbiegenden Straßen Verkehrschilder mit Wechselanzeige stehen, die der Tageszeit entsprechend umgeschaltet werden.
Doch zurück zur Alster. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es in der Innenstadt zunehmend eng. Zuerst lockte das Terrain auf beiden Seiten der Außenalster, besser Betuchte zogen am Ostufer ans Rondeel (mit Teich) oder an die Bellevue, die Straße mit der schönen Aussicht aufs Wasser im nördlichen Abschnitt des Alstersees. Doch irgendwann schien Winterhude ganz generell eine probate Wohnalternative zur Stadt – wenn man in Ufernähe nur nicht so einsinken würde …
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Hamburg - Alster - Schöne Ausblicke vom Leinpfad hinüber zum Westufer

Hamburg – Alster – Schöne Ausblicke vom Leinpfad hinüber zum Westufer

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Adolph Sierich war erstaunlicherweise überhaupt kein Mann aus der „Baubranche“, kein Ingenieur oder sonstwie auf Anhieb prädestiniert für das Vorhaben, das im Jahr 1861 anstand. Er war Sohn eines Goldschmieds und erlernte selbst diesen Beruf. Er erbte anfangs Ländereien von seinem Vater in Winterhude, was damals gar nicht zu Hamburg gehörte, sondern noch ein separates Dorf war. Mit den Goldmark, die durch seinen Großgrundbesitz zusätzlich vorhanden waren, kaufte er die sumpfige Niederung am Alsterufer auf. Er baute dort Dämme, Brücken und Straßen und überlegte sich noch eine effektive Entwässerungsmaßnahme dazu: den Leinpfadkanal. Dieser fließt etwa ab nördlichem Beginn der Straße Leinpfad eine ganze Strecke rechts parallel zur Alster und hat in regelmäßigem Abstand eine Querverbindung zum Fluss. (Er mündet letztendlich im Rondeelteich.)
Nach diesen Vorabmaßnahmen begann der Bau eines ganzen Villenviertels, von dem Sie heute noch sehr viel sehen können. Das Baumaterial wurde übrigens auch in Schuten herbeigeschafft und oft von den Treidlern den Alsterlauf weiter hochgezogen …

Wenn Sie Zeit haben, dann machen Sie hier kleine Umwege in die Nachbarstraßen und erhaschen hin und wieder einen Blick auf die Grundstücke direkt am Kanal. Es ist alles sehr idyllisch gelegen!
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Hamburg - Leinpfad - Achtung! Brücke! Hier gibt es eine Verbindung zum parallel verlaufenden Leinpfadkanal (Brücke mit hübschem, alten, schmiedeisernen Geländer)

Hamburg – Leinpfad – Achtung! Brücke! Hier gibt es eine Verbindung zum parallel verlaufenden Leinpfadkanal

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Hamburg - Leinpfad - Blick von der Werftbrücke auf eine der Wasserverbindungen zum Leinpfadkanal

Hamburg – Leinpfad – Blick von der Werftbrücke auf eine der Wasserverbindungen zum Leinpfadkanal

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Beim Spaziergang lockt natürlich stets auch der Blick über die Alster hinüber zum anderen Ufer, wo die Grundstücke mit ihren Gärten direkt bis ans Wasser reichen. Wer allerdings Zugang zum Fluss hat, muss in regelmäßigen Abständen nach seiner Uferbefestigung schauen und sie instandhalten …
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Hamburg - Am Alsterlauf - Eppendorfer Ufer (Westseite) - Uferbefestigung .... Zahlreiche Bauschuttsäcke am Ufer warten auf Abholung

Hamburg – Am Alsterlauf – Eppendorfer Ufer (Westseite) – Uferbefestigung ….

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Kloster St. Johannis

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Hamburg - Alster - Eppendorf - Kloster St. Johannis (vom Leinpfad-Ufer aus gesehen)

Hamburg – Alster – Eppendorf – Kloster St. Johannis (vom Leinpfad-Ufer aus gesehen)

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Sieht der Gebäudekomplex nicht schick aus? Falls Sie darin würden wohnen wollen, müssten sie zumindest weiblich sein. Der große Backsteinbau, den Sie am anderen Ufer erspähen, ist das Kloster St. Johannis. Über hundert Jahre alt (1912-1914 erbaut). In der Vorgeschichte spielte vor Jahrhunderten das Zisterzienserinnen-Kloster eine Rolle, doch hier nur soviel: Nach der Erbauung war es ein Damenstift, heute ist es ein Wohnheim für Seniorinnen.
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Hamburg - Alster - Eppendorfer Ufer mit Klostergrundstück - Blick flussaufwärts (Blick auf die Hochbahnbrücke (u1) und die Brücke Hudtwalckerstraße

Hamburg – Alster – Eppendorfer Ufer mit Klostergrundstück – Blick flussaufwärts

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Wenn Sie vom Klosterbau nordwärts durch den angrenzenden Seelemannpark streifen, stoßen sie von der Rückseite kommend an die recht bekannte Kirche St. Johannis von Eppendorf. Sie wird gern als Hochzeits-
kirche genutzt, auch von der Hamburger Prominenz.

Wir hingegen bewegen uns weiter in südlicher Richtung auf die Außenalster zu und passieren die Stelle, an der die Goernebrücke über den Fluss führt und die Goernestraße in die Klärchenstraße übergeht. Das ist zum Beispiel eine der Querstraßen, die ich empfehle hinsichtlich eines Blicks auf den Leinpfadkanal!
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Ludwig Erhard-Haus / Begegnung der seltsamen Art …

Auf einem Eckgrundstück genau an dieser Kreuzung steht das Ludwig-Erhard-Haus mit der Landes-
geschäftsstelle der CDU. Ein schön gelegener Sitz … Dazu fällt mir ein Erlebnis ein …
Ich arbeitete Anfang der 80er Jahre in einer Firma an der Außenalster, wohnte sogar in Winterhude. In der Mittagspause oder bei schönem Wetter auf Spaziergängen kam ich dann und wann auch durch den Leinpfad. Es gibt Dinge, die sich bei einem früh zeigen und wenig ändern: Schon damals lief ich viel mit Notizblock und Stift in der Hand umher, blieb gelegentlich stehen, um etwas aufzuschreiben oder Dinge zu skizzieren, die mir in irgendeiner Form auffielen.
Ich stand zufällig an besagter Kreuzung auf dem Gehweg fast am Zugang zum Ludwig-Erhard-Haus, notierte noch, blickte jedoch automatisch auf, als drei Herren in dunklen Anzügen den CDU-Sitz verließen. Einer von ihnen war Walther Leisler Kiep, bundesweit bekannter CDU-Politiker, zu dieser Zeit in Hamburg Kandidat für die Bürgerschaftswahl. Sein Gesicht erschien seit Wochen fast täglich in der Presse.
Er und seine Begleiter liefen übers Grundstück auf eine am Straßenrand wartende schwarze Limousine zu.
Als der Politiker wahrnahm, dass ich dort stand, einen Notizblock in der Hand hielt und auch die Kamera registrierte, die ich bei mir trug, fuhr er mich recht schroff an:
„Ich habe jetzt keine Zeit für Interviews.“
Eine Sekunde war ich perplex. Dann antwortete ich ihm:
„Ich auch nicht.“
Woraufhin er sehr verblüfft schaute und wortlos im Auto verschwand.
Was soll ich sagen; nächster Bürgermeister wurde Klaus von Dohnanyi (SPD), dem er bei der Wahl unterlag. Irgendwie war der CDU-Kandidat bei den Hamburgern nicht angekommen.
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Wir gelangen an die nächste Alsterquerung, die Streekbrücke. Sie sehen den Abzweig? Das ist der Isebekkanal. Wenn Sie dem weiter folgen würden, kämen Sie u. a. zum sehr beliebten Isemarkt unter der Hochbahnbrücke.
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Hamburg - Alster - Vor der Streekbrücke der Abzweig in den Isebekkanal - Rechts Eppendorf, links nun Harvestehude

Hamburg – Alster – Vor der Streekbrücke der Abzweig in den Isebekkanal – Rechts Eppendorf, links nun Harvestehude

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Linker Hand liegt der kleine Heilwigpark – und auch dort gibt es einen Anleger der Alsterschiffe.
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Hamburg - Alster - Leinpfad - Anleger Streekbrücke gegenüber am Ufer (Kajakfahrer auf der Alster flussabwärts unterwegs)

Hamburg – Alster – Leinpfad – Anleger Streekbrücke gegenüber am Ufer

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Drüben am anderen Ufer wechselt nun auch der Stadtteil. Eppendorf endet am Isebekkanal, Harvestehude beginnt.
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Hamburg - Alster - Leiinpfad - Blicke zum Westufer ....

Hamburg – Alster – Leiinpfad – Blicke zum Westufer ….

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Immer noch führt der Weg auf dem Leinpfad entlang, doch wir nähern uns seinem Ende. Ganz vorne können Sie bereits die Krugkoppelbrücke ausmachen. Dahinter wartet die Außenalster.

Wenn Sie in diesem Abschnitt auf die Villen am Leinpfad achten, fällt auf, dass es auch hier eine gibt, die verwahrlost. Ein Phänomen in Winterhude, das mittlerweile mehrere Villen betrifft. Sie stehen unbewohnt, verkommen langsam aber sicher. Man würde es nicht annehmen angesichts der guten, sehr gesuchten Lage, solventer Interessenten und generellem Wohnungsbedarf, oder? Hier im Leinpfad ist es ein Anwesen, welches dem Reeder Bertram Rickmers gehört. Wie Sie vielleicht gelesen haben, hatte Herr Rickmers vor etwa zwei Jahren für seine Reederei Insolvenz angemeldet, sich aber gerade kürzlich wieder mit neuem Unternehmen
(Sitz an der Außenalster) geschäftlich zurückgemeldet und in dem Zuge gleich zahlreiche Schiffe bei einer chinesischen Werft geordert. Nur für die Villa reicht’s halt nicht …
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Hamburg - Alster - Das Ende des Leinpfads ist fast erreicht. Voraus die Krugkoppelbrücke ...

Hamburg – Alster – Das Ende des Leinpfads ist fast erreicht. Voraus die Krugkoppelbrücke …

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Was man so nicht ahnt und tatsächlich erst sieht, wenn die Brücke direkt vor einem liegt, ist der Umstand, dass hier alles eine einzige Baustelle ist. Es wird umfangreich saniert.
Bereits seit Monaten ist die Krugkoppelbrücke für den Autoverkehr gesperrt. Fußgänger und auch Radfahrer können immerhin noch an das jeweils andere Ufer gelangen.
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Hamburg - Alster - Baustelle Krugkoppelbrücke

Hamburg – Alster – Baustelle Krugkoppelbrücke

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Den Zustand des Baus aus den 20er Jahren konnte man getrost als marode bezeichnen. Die aufwendigen Arbeiten sollten eigentlich im März fertig sein, nur da sich weitere Straßenbauarbeiten dahinter in Harvestehude anschließen, bleibt alles gemäß letzter Planung wohl noch bis in den Oktober hinein unbefahrbar.
Sehen Sie, gut, dass wir diesen Bereich um die Außenalster gleich gemieden haben und die Ausweichstrecke wählten …

Nichtsdestotrotz, ist man einmal in Brückennähe auf der Straße Fernsicht, so sollte man sich genau diese (Fernsicht) auf keinen Fall entgehen lassen. Falls gerade im Lokal „Bobby Reich“ ein freies Plätzchen zu finden ist, setzen Sie sich auf die Holzterrasse direkt am Wasser, gönnen sich einen Kaffee und genießen den Blick über das weite Blau …
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Hamburg - Außenalster - Krugkoppelbrücke - Kaffee mit Aussicht bei Bobby Reich (Blick auf Außenalster und hinüber zur Straße Bellevue)

Hamburg – Außenalster – Krugkoppelbrücke – Kaffee mit Aussicht bei Bobby Reich

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Hamburg - Außenalsterblick - Krugkoppelbrücke/Straße Fernsicht - Bei "Bobby Reich"

Hamburg – Außenalsterblick – Krugkoppelbrücke/Straße Fernsicht – Bei „Bobby Reich“

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Das war’s für heute! Vielen Dank für Ihre Begleitung! Ich denke, wenn es um diesen Abschnitt der Alster geht, können Sie von nun an mitreden.
Vielleicht sind Sie wieder einmal mit von der Partie. Ab Teil (2) der Ausweichrouten werden die Touren dann auch ohne weitere Erklärungen zur speziellen Lage in Hamburg sofort starten (und dementsprechend kürzer ausfallen).

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Quellen
Winterhuder Fährhaus:
„Das Winterhuder Fährhaus“,  Hamburger Abendblatt, 08. August 2009, Autor: Dierk Strothmann
und dieser entnimmt/verweist auf Details aus dem Buch „Eppendorf“ von Helmut Alter

Sämtliche Fotos wurden im Februar 2019 aufgenommen.
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©by Michèle Legrand, März 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

 

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64 Kommentare

Alter Schwede! – Der Findling im neuen Gewand …

Es ging vor einigen Tagen durch sämtliche Medien. Sie haben es sicher auf irgendeinem Kanal mitbekommen. Der „Alte Schwede“, ein beeindruckend großer Findling, zeigte sich urplötzlich im neuen Gewand!
In Hamburg hatten Unbekannte in der Nacht zum 2. Januar 2019 den Stein mit einer Art Goldbronze überzogen. So mutierte der ursprünglich graue Riese am Elbstrand bei Övelgönne zum Goldnugget, das es schaffte, in-
nerhalb kürzester Zeit zu einem Motivhit in den sozialen Netzwerken zu werden, wo Fotos seiner wundersamen Wandlung wieder und wieder verbreitet wurden.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - Andrang beim "Alten Schweden" im Goldgewand - Blick vom Strand aus flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Andrang beim „Alten Schweden“ im Goldgewand

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Mal lag der Fokus auf dem Stein, noch häufiger allerdings fungierte dieser als Selfie-Hotspot. In diesen Tagen des Goldrausches war der neue Look des Schweden als Hintergrund wohl noch begehrter als die sonst so angesagte Silhouette der Elbphilharmonie.

Vielleicht haben Sie auch gehört, dass aufgrund der Begeisterung über das Gold in kürzester Zeit die ersten Online-Petitionen auftauchten, die bewirken sollen, dass keine große Säuberungsaktion stattfindet, sondern
der neue Goldschatz bleibt, wie er ist.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

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Wenn Sie allein die aktuellen Fotos betrachten, d. h. nur das jetzt Offensichtliche, das Optische, für eine Ent-
scheidung heranziehen, könnten Sie aus dem Bauch heraus zu dem Überzug sagen: „Sieht toll aus, soll so bleiben.“ Und vielleicht sagen siebentausend Kommentatoren bei Facebook oder Twitter das ebenfalls. Ein unisono erklingendes „Ja!“
Sie kennen das Phänomen Herdentrieb, nur liegt der Leithammel mit seiner Ansicht nicht unbedingt automatisch richtig. Ich behaupte nicht, er hätte unrecht, aber ist es angemessen sich festzulegen oder gar etwas zu fordern, ohne sich überhaupt vorher näher mit dem Thema befasst zu haben?

Seinen Sie unbesorgt, ich werde nicht mit dem erhobenen Zeigefinger  herumfuchteln, doch eine Meinung zu etwas kann man sich – dies ist meine ureigene Auffassung – nicht ohne Hintergrundwissen bilden. Alles andere ist bestenfalls ein Schnellschuss nach Teilbetrachtung, meist aber blindes Nachreden ohne Ahnung.
Informationen sind – gerade vor Entscheidungen – nicht nur zweckdienlich, es geht einfach nicht ohne! Wie wollen Sie sonst Argumente sammeln, prüfen und bewerten? Verstehen Sie mich richtig: Es geht nicht darum, WIE die Entscheidung im Endeffekt ausfällt. Es geht darum, wie man zu einer Entscheidung gelangt!

Hätten Sie Lust, den „Alten Schweden“ etwas näher kennenzulernen? Wo kommt er her, was macht ihn aus? Wo trieb er sich herum, warum liegt er am Elbstrand …
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Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend ... (Zwei Hunde neben dem Alten Schweden)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend …

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Lernen Sie den „Alten Schweden“ kennen

In diesem Herbst jährt sich der Jahrestag seiner Entdeckung zum zwanzigsten Mal. Im Herbst 1999 befand sich die „Titan“ zu Ausbaggerungsarbeiten auf der Elbe. Zwischen dem 15. und dem 17. September arbeitete sie am nördlichen Elbufer nahe Övelgönne. Ziel der Aktion: eine Elbvertiefung.
Sie wissen, dass die Elbe bei Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur drei bis vier Meter tief war? Seit
der gerade erwähnten Elbvertiefung, die in den Jahren 1991-1999 stattfand, liegt die Sohle der Fahrrinne mindestens 14,9 Meter unter SKN (Seekartennull). Die seit Jahren geplante, zweitweise gerichtlich untersagte, zwischendurch unter Auflagen erlaubte, planungsmäßig nachgebesserte, neu diskutierte und äußerst um-
strittene, mehrmals herausgeschobene,  erneut angepeilte … usw. Vertiefung sieht eine neue Fahrrinnentiefe von 15,9 bis 17,1 m vor. Doch zurück zur „Titan“.

Die Spezialfirma ist an diesen Tagen mit ihrem Eimerkettenbagger im Einsatz, dessen 65 Schaufeln unermüdlich Schlick und Schlamm aus der Tiefe holen.
Nur plötzlich, man buddelt an der seinerzeitigen Flusssohle in einer Tiefe von 13,5 Metern, rumst es mächtig. Die Eimer stoßen auf Widerstand, der sich nicht aus dem Weg räumen lässt. Schluss mit Baggern und Prüfung der Situation.
Eine Bombe aus dem II. Weltkrieg scheidet als Möglichkeit aus, die hätte der Bagger in seinen großen Schaufeln mit nach oben befördert. Ein Wrack, Reste eines uralten Kutters? Auch dies scheint immer unwahrscheinlicher. Die Vermutung geht bald dahin, dass man es mit einem außergewöhnlich großen Felsbrocken zu tun haben müsste.
Was tun? Muss man überhaupt was tun?

Ein Laie denkt vielleicht spontan, war nicht eben von Ufernähe die Rede? Spielt ein widerspenstiger Hubbel am Elbgrund da überhaupt eine große Rolle? Die Fahrrinne ist doch schließlich mehr in der Flussmitte …
Doch der Brocken hatte sich einen denkbar ungünstigen Liegeplatz ausgesucht. Er befand sich genau im Drehkreis zwischen Parkhafen und Övelgönne. Zum Parkhafen führt ein Elbabzweiger schräg gegenüber von Övelgönne. Genau hier drehen viele Schiffe, die via Parkhafen Richtung Waltershof zu den Container-Terminals fahren wollen. Sie brauchen für ihre Abbiegemanöver Platz. So wie der Containerfrachter, den Sie auf dem folgenden Bild sehen.
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Hamburg - Elbstrand mit "Altem Schweden" bei Övelgönne - CMA CGM Bougainville dreht

Hamburg – Elbstrand mit „Altem Schweden“ bei Övelgönne – Containerfrachter CMA CGM Bougainville dreht auf der Elbe zur Einfahrt in den Parkhafen

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Die Containerschiffe des französischen Schifffahrts- und Logistikunternehmens CMA CGM gehören zu den größten der Welt! Die CMA CGM Mumbai auf dem Foto weiter unten fährt unter der Flagge von Hong Kong und ist ganz neu (Bj. 2018). Fast 336 m lang und gut 48 m breit …
Die drehende CMA CGM Bougainville auf dem Foto oben ist unter franz. Flagge unterwegs. Sie ist noch größer: 398 m lang und 54 m breit

Parkhafen nennt sich übrigens nur das erste Stück der Elbabzweigung. Gleich hinter dem Leuchtturm Waltershof geht es rechts ab zum Petroleumhafen. Direkt an dieser Abbiegung befinden sich die Containerbrücken am Bubendey-Ufer.
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Hambug - Elbe - Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)

Hambug – Elbe – Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)


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Fahren die Frachter hingegen weiter geradeaus, gelangen sie in den Waltershofer Hafen mit seinem großen HHLA Container Terminal Burchardkai und gegenüber dem Eurogate Container Terminal.

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Hamburg - Elbe - Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

Hamburg – Elbe – Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

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Was immer am Grund der Elbe Widerstand leistete, es musste herausgeholt werden. Nun waren vor weiteren Planungen zunächst Taucher nötig, die die Lage vor Ort erkunden mussten.
Das Tauchschiff „Düker to“ erschien vor Övelgönne. Ein Taucher in Spezialausrüstung startete seinen ersten Sondierungstauchgang bei Niedrigwasser. Viel sehen konnte er auch mit Lampe nicht, also fühlte er die Form ab. Da er einen Spalt auszumachen glaubte (nur mit Mergel gefüllt), stand kurz die Frage im Raum, ob es evtl. zwei nebeneinander liegende Riesensteine sein könnten.
Am nächsten Tag stand jedoch fest, es ging um einen Findling, dessen Gewicht auf 200 bis 300 Tonnen geschätzt wurde. Und das Bemerkenswerteste an der ganzen Sache war, er war uralt! Ein geologischer Sensationsfund, der sage und schreibe 1,8 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat und während der Elster-Eiszeit (auch: Elster-Kaltzeit bzw. Elster-Glacial) vor 400.000 bis 320.000 Jahren als Gletschertransport zu uns kam.

Bis er exakt vermessen werden konnte, verging noch etwas Zeit, denn zuerst musste er geborgen werden. Was im ersten Anlauf erst einmal schiefging. Der Schwimmkran „Taklift 4“ hatte ihn bereits mit dicken Stahlseilen aufgenommen, doch der Findling rutschte heraus und landete wieder im Fluss. Was bei einem Stein dieses Ausmaßes nicht nur ein bisschen platscht oder ploppt, sondern reichlich Wellengang und Spritzer verursacht. Denken Sie nur an die berühmten A…bomben im Schwimmbad. Und die sind wirklich nichts dagegen!

Der nächste Versuch, der fünf Tage später erfolgte, glückte. Am 18. Oktober 1999 wurde der Koloss genau um 17.14 Uhr am Strand abgesetzt. Dort wo er heute steht, egal, was zwischendurch für Pläne und Ideen hinsichtlich anderer Standorte aufkamen.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" - Der Goldschwede im Gegenlicht (Blick Richtung Wasser)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ – Der Goldschwede im Gegenlicht

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An Land ließen sich genauere Untersuchungen vornehmen. Die Vermessung ergab eine Höhe von 4,5 m, einen Umfang von ca. 20 m, sein Gewicht beläuft sich auf 217 Tonnen. (Als Gewichtsvergleich können Sie sich sechs große, vierachsige LKW vorstellen.)

Geologen entdeckten Schrammen und Furchen im Stein. Speziell recht markante, parallel zueinander ver-
laufende Schrammen auf dessen Nordseite, was sie als Bestätigung dafür sahen, dass andere Gesteins-
brocken direkt an seiner Oberfläche vorbeirutschten.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" (gold) - Aus der Nähe ...

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ (gold) – Aus der Nähe …

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Nach weiteren Prüfungen des Mineralbestands des Findlings, kam man zu dem Schluss, dass es sich bei dem Findling um einen schwedischen Burschen handelt, der per Gletschermitreisegelegenheit durch die Ostseesenke von Südschweden bis zu uns eine recht beachtliche Strecke zurückgelegt hat.
Die Gesteinsanalyse ergab, dass es sich um den Grauen VäxjöGranit (Granodiorit) handelt, eine Granitart, die in Schweden in der Region Ost-Småland vorkommt.

Stellen Sie sich gedanklich die Küste Südschwedens vor, peilen zwischen Kristianstad und Karlskrona etwa die Mitte an (Karlshamn) und streben von dort noch 100 km senkrecht nach Norden. Dort liegt Småland. Zwischen dem Ausgangspunkt der Findlingsreise und Hamburg liegen insgesamt gut 500 km Strecke! Wie lange es wohl gedauert hat, bis der Findling die Elbe erreichte?
Ich las in einem Bericht, dass man davon ausginge, der Stein hätte seit etwa 100.000 Jahren an seinem Platz auf dem Grund der Elbe gelegen. Eine Angabe, die ich mir gerade gar nicht vorstellen kann, denn zwischen der Elster-Kaltzeit und dieser Zeitangabe liegen 220.000-300.000 Jahre. Es hieße, der Findling wäre erst über 200.000 Jahre nach Ende der genannten Eiszeit an der Elbe eingetroffen. Wie soll das denn passiert sein, wenn die Gletscher schon längst abgeschmolzen waren und gar nicht mehr als Transportmittel fungierten?
Aber vielleicht unterliege ich einem gedanklichen Irrtum oder lasse irgendeine andere nötige Information dazu außer acht. Eventuell hat ja eine später stattgefundene Kaltzeit (Saale-Komplex) eine Rolle gespielt.

Der Einwanderer wurde am 6. Juni 2000 getauft. Nach einer Umfrage und nach Eingang zahlreicher Namensvorschläge entschied man sich für den mehrdeutigen Begriff „Alter Schwede“.
Kaum war er an Land, ging es auch schon los mit den Schmierereien. Schriftzüge, Kleckse. Graffiti der unattraktiven Art.
Sollte man ihn umplatzieren? Dort, wo man ihn besser im Blick (unter Kontrolle) hatte? Ole von Beust lieb-
äugelte mit Planten und Blomen, aus anderer Ecke kam der Vorschlag Spielbudenplatz (Reeperbahn) auf,
und der damalige Tourismuschef Dietrich von Albedyll hätte ihn gern am Museumshafen Övelgönne gesehen. Ein Landwirt und Künstler aus Büchen schlug vor, den Stein auf Betonstelzen stellen.
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Hamburg - Elbe - Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

Hamburg – Elbe – Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

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Hamburg - Neumühlen - Museumshafen Oevelgönne e. V. - Im Vordergrund ankernde Segler (Holzboote

Hamburg – Neumühlen – Museumshafen Oevelgönne e. V.

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Nichts von alledem wurde in die Tat umgesetzt, doch etwas anderes passierte: Man deklarierte den Stein als „Naturdenkmal“ und verband damit die Hoffnung, auf diese Art weiteren Verschandelungen vorzubeugen. Ein Naturdenkmal darf nicht beschädigt, zerstört oder verändert werden. (Noch nicht einmal beklettert.) Ansonsten drohen Geldbuße und Freiheitsentzug. Der neue Status sollte für Abschreckung sorgen – was natürlich nicht immer klappte.
Um wenigstens das Eindringen von Farbe bis in die Poren zukünftig zu verhindern, bekam der Stein eine Spezialversiegelung. Graffiti können nun wesentlich einfacher entfernt werden. Sie sitzen lediglich auf der geschützten Granitoberfläche und lassen sich abwaschen.

Und das bringt uns zurück in die heutige Zeit.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold - Blick von Landseite aufs Wasser und flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold – Blick flussabwärts

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Die Goldfarbe oder -bronze, die Anfang Januar verwendet wurde, hält auf der Versiegelung natürlich auch nicht dauerhaft. Schon nach zwei, drei Tagen blickte an vielen Stellen das Grau des Granits wieder durch, und wer über den Goldbezug wischte, glänzte hinterher selbst.

Während  sich nach Bekanntwerden der Nacht-und-Nebel-Aktion „Goldschwede“ alles in heller Aufregung befand und die zuständige HPA (Hamburg Port Authority) schon von Säuberungskosten im fünfstelligen Bereich und einer Strafanzeige sprach, scheint es mittlerweile so, dass sich die Angelegenheit – würde man nur lang genug warten – von ganz alleine regelt.
Andererseits ist man auf Behördenseite über Vandalismus und eigenmächtige Aktionen an Naturdenkmälern natürlich alles andere als begeistert und möchte so etwas auch nicht ungestraft durchgehen lassen.

Hier erleben wir nun den seltenen Fall, dass Vandalismus ein recht ansprechendes Objekt hervorgebracht hat und dass den unbekannten Tätern wohl auch sehr bewusst war, dass das Resultat ihrer unerbetenen Ver-
schönerungsaktion nur eine kurze Überlebensdauer haben würde.

Was denken Sie, wie die Sache ausgeht? Bis zum 8. Januar hätte ich gesagt, der Findling wird wieder grau,
und es legt sich ganz allmählich ein Mantel des Schweigens über das Ganze. Die Petitionen zum Erhalt des Goldgewands werden wirkungslos bleiben, der Enthusiasmus abebben und in ein paar Wochen werden nur noch gelegentlich Gespräche beim Kaffee so verlaufen: „Weißt du noch, als der Alte Schwede plötzlich gold war …?“
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold (Blick Richtung Land)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

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Am 9. Januar lese ich allerdings im Hamburger Abendblatt, die Hafenbehörde (HPA) sei plötzlich offen für den Vorschlag, dass der Findling neu vergoldet wird. Dauerhaft lackiert! Es läge alles nur an der Politik. Wenn es eine politische Entscheidung dafür gäbe, ja, dann würde man sich darum kümmern …

Was vom Ablauf her gar nicht anders geht. Die HPA muss sich an die Vorschriften für Naturdenkmäler halten. Aber sie hat es gleichzeitig recht gut. Obwohl grundsätzlich zuständig, wenn es um dieses Denkmal geht, ist sie nicht mehr der Buhmann, der eine Vergoldung kategorisch ablehnt und sich echauffiert, sondern sie gibt den Schwarzen Peter lässig weiter. Es bleibt spannend …

Liebe Leser, Sie sind nun im Besitz von Informationen über den Einwandererstein. Kennen die Bewandtnis, die es damit hat, wissen um sein sagenhaftes Alter, ermessen die Besonderheit des Granits, haben eine Vorstellung von dem langen Weg, den er auf ungewöhnliche Art zurücklegte. Alter Schwede – ein einmaliger Zeitzeuge.

Die Frage ist:
Ist er das mehr in seiner natürlichen Form? Nicht so prunkvoll, aber mit allen Zeichen dessen, was vor vielen Jahrtausenden stattfand bzw. auf seiner Reise passierte.
Oder ist er das (ebenso) als Traum in Gold? Als in der Sonne leuchtender Schatz am Elbstrand. Außen schön – das andere weiß man, sieht es aber nicht mehr so genau.

Die Entscheidung ist nicht ganz leicht. Was mir dabei durch den Kopf schießt: Wenn es lediglich um einen goldenen Eyecatcher am Strand geht, wäre es dann nicht ebenso gut möglich, ein anderes Objekt dafür auszuerwählen? Es müsste nicht notwendigerweise ein 1,8 Mrd. Jahre alter Granitbrocken mit einmaliger Geschichte zugekleistert werden …

Was hielten Sie zum Beispiel davon, eine neue Form (Hohlform, Guss, Betonkörper o. a.) zu erschaffen. Ich denke an etwas Nasenähnliches. Auffällig groß natürlich, wie es auch beim Alten Schweden der Fall ist. Das Ganze wird mit Gold überzogen und unterhalb von Süllberg und Treppenviertel am Elbstrand platziert. Der Name der auf Hochglanz polierten Attraktion: „Blanke Neese“.
Und mit einem Schlag hätten wir nicht nur ein Wahrzeichen für das noble Viertel* nebendran, sondern gleich zwei Anziehungspunkte als Beginn und Ende einer „Goldroute“ entlang des Elbstrands von Övelgönne nach Blankenese.

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*Blankenese (Stadtteil Hamburgs), Neese hamburgisch für Nase

Quellen bzw. weiterführende Berichte:
Hamburger Abendblatt – Druckausgaben
3.1.2019 – Alter Schwede glänzt jetzt in Gold (Edgar S. Hasse und Jonas Backhaus)
4.1.2019 – Bleibt der Alte Schweden golden? (Peter Ulrich Meyer und Matthias Popien
9.1.2019 – Wird der „Schwede“ neu vergoldet? (Louisa Rascher)

Hamburger Abendblatt, Geschichtswerkstatt (Jan Haarmeyer), 16.09.2009 –
„Alter Schwede“ – Der Koloss aus der Kälte (Bericht zehn Jahre nach seiner Entdeckung)
(Zugang zum Artikel möglicherweise kostenpflichtig. Hier lohnt der Versuch, den Titel so als Suchbegriff einzugeben, ohne Linknutzung!)

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Alter Schwede – Nachtrag

Ein kleines Update am 31. Januar 2019

Vier Wochen sind mittlerweile vergangen. Der Goldglanz ließ unter Einfluss der Witterung nach. Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, hätten nicht am Dienstag (29.01.2019) Vandalen den Findling aus der Eiszeit erneut als Ziel ausgesucht und ihn diesmal für – wie man vermutet – politische Parolen missbraucht und verschandelt.
In seiner unteren Hälfte wurden in der Art einer Banderole in gleichmäßigem Abstand zueinander auf der Spitze stehende gelbe Dreiecke mit grünem Rand aufgetragen. In den Lücken dazwischen erscheint jeweils ein schwarzes Sternchen. Man liest die ebenfalls schwarz geschriebenen Wörter: WAR STARTS

Welcher  Krieg da beginnt oder angekündigt wird überlegen nun die Behörden und voraussichtlich auch der Staatsschutz, da man meint, die Gestaltung erinnere an die Bewegung „Freiheits- und Demokratiekongress Kurdistan (Kadek), eine Nachfolgeorganisation der PKK.
Die nächste, bereits heute (Donnerstag 31.01.19) erfolgende Aktion seitens der HPA (Hamburg Port Authority) wird sein, den „Alten Schweden“ sandzustrahlen. Eine Generalreinigung wiederum hat zur Folge, dass damit auch jeglicher Goldrest verschwinden wird …

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©by Michèle Legrand, Januar 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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84 Kommentare

Ruhe nach dem Sturm …

28. Dezember. Und so etwas wie Ruhe nach dem Sturm …
Ich möchte nicht mit so Offensichtlichem beginnen wie: Das Jahr ist fast vorbei.
Genauso verzichte ich auf ausufernde Erklärungen, warum es länger keinen Beitrag gab.
Nur so viel: Sie hätten absolut nichts davon gehabt. Selbst, wenn Sie zu denjenigen gehören, deren Interesse sich sogar bei Kranken- bzw. Krankenhausgeschichten und Krankenkassenmerkwürdigkeiten laut mit: Hier! Hier! meldet, glauben Sie mir, Sie sind entschieden besser ohne das alles dran. Der Stoff taugt nicht viel.

Stattdessen werde ich nun schnurstracks Freundlicheres, Positives zusammenklauben. Ich beschwor zudem, bevor ich mich überhaupt an den Laptop setzte, die Vorstellung herauf, dass man Erinnerungsfetzen belastender Art wie die Luftbläschen einer Noppenfolie behandeln muss. Man sortiert sich, schaut welcher Ballast aus dem Kopf schleunigst entlassen werden muss und lässt den Kram wie Bläschen platzen. Eine
Blase nach der anderen. Plopp, plopp, plopp …
Sie wissen, wie befreiend dieses Plattdrücken der Knubbel sein kann. Plopp! Hinfort mit dem Zeug!

Plopp ist worttechnisch nicht weit entfernt von peng. Genau dieses Wort las ich in einem eigenartigen Zu-
sammenhang auf einem Werbeschild: „Kinder-Peng“
Ist Ihnen dieser Begriff schon untergekommen? Er war mir bisher fremd. Er bezieht sich nicht auf platzende Kinder oder das Abschießen Minderjähriger, sondern auf harmloses Silvesterfeuerzeug für die Jüngeren. Knallerbsen, Knallplättchen & Co.. Ich kann mich noch nicht so mit dieser Wortschöpfung anfreunden.
Als was würden Sie – folgerichtig gedacht – Böller für Volljährige bezeichnen, die leider nicht so richtig zünden? Richtig, Erwachsenen-Puff. Was sich erstaunlich schnell nach ganz anderem Milieu anhört …

Peng klingt reichlich comicartig, oder? Ritsch! Tapp-tapp! Knister, pffft-zisch! Blitz-blink-blink! PENG! … Plopp! Die Kurzversion von Streichholz (und Lunte) wird angezündet, Mensch rennt weg, Zündschnur brennt ab, Rakete wird gestartet, steigt auf, Feuerwerk leuchtet, Beiwerk knallt … und mit etwas Verzögerung landet der Raketenstab im Vorgarten.

Ehe ich davon abkomme, hatten Sie eigentlich schöne Weihnachtstage? Ich hoffe, es lief für Sie entspannt und harmonisch oder Sie können sich nach viel Trubel zumindest jetzt im Nachhinein noch ein bisschen ausruhen und erholen.
Kommt es Ihnen auch so vor, als sei das Jahr wieder extrem schnell vergangen?

Je schneller die Zeit gefühlt für alle vergeht, umso hektischer verhalten sich Menschen. Auch an den Ampeln. Ob es Autofahrer oder Fußgänger sind, die auf Grün warten, es spielt keine große Rolle. Stets scheint es viel zu lange zu dauern, ehe sich etwas tut. Ich hege den Verdacht, wenn Menschen Hufe hätten, würden sie mit ihnen scharren.
Im Fall von Passanten können Sie tendenziell hibbelige Zeitgenossen gut erkennen, denn der Grad der Un-
geduld und Nervosität zeigt sich hervorragend an der Art und Weise, wie der Druckknopf einer Ampelanlage bedient wird.

Ein Oberhektiker haut drauf – und zwar nicht einmal, sondern mehrfach. Sagt nach fünf Versuchen, die im halbsekündlichen Abstand erfolgten: „Das Scheißding ist kaputt.“
Der Supergründliche hingegen drückt intensiv, presst, presst weiter und zuckelt zur Sicherheit zusätzlich noch ausgiebig am Nüpsel an der Unterseite des Kastens. Für alle Fälle.
Beiden könnte man einen Eid auf die Aussage schwören, dass durch keine ihrer Aktionen irgendetwas beschleunigt wird, sie würden es bei nächsten Mal wieder so versuchen. Darunter geht es einfach nicht.

Der Verpeilte – oftmals mit versunkenem Blick aufs Handydisplay – wartet ohne zu drücken und geht davon aus, alles läuft automatisch. Dass es an vielen Ampeln zumindest am Wochenende nie ohne Drücken funktioniert, lernt er nicht. Er ist dadurch – beim zufälligen Aufblicken vom Handy – immer wieder völlig überrascht, wie lange das dauert. Wird ihm diese Tatsache bewusst, bricht auch bei ihm die Hektik aus.

Ich liebe Menschen, die nicht glauben, dass mein leichtes Auflegen der Hand vollkommen ausreicht. Die An-
zeige kann schon rot leuchten, dennoch wird der Kasten danach energisch bearbeitet. Permanent mit dem Handballen behämmert! Gern mit der etwas jovialen Anmerkung in meine Richtung:
„Lassen Sie mich mal ran. So leicht, wie Sie da eben gedrückt haben, kann das ja nichts werden.“
Oder kennen Sie die, die erst angehetzt kommen, es knapp nicht mehr schaffen, genervt fluchen, die Wartezeit mit dem Handy überbrücken und es beim nächsten Grün verpassen loszugehen? Das sind dieselben, die dann entgeistert schauen und entrüstet hinterherschicken: „Viel zu kurz, die Grünphase!“

Gestern liefen ein Vater und sein kleiner Sohn im Galopp auf eine Ampel zu. Eigentlich war reichlich Zeit, denn die Autos hatten eben erst Grün bekommen. Der Wettlauf fand offensichtlich mehr mit dem Ergeiz statt, derjenige zu sein, der den Knopf drückt. Vadder kannte keine Zurückhaltung. Er erreichte keuchend den Druckkasten, patschte drauf und brüllte:
„Erster!“
Zwei Schritte hinter ihm der maximal fünf Jahre alte Filius, der kurzzeitig losknatschen wollte, dann jedoch mustergültig Fassung bewahrte und triumphierend rief:
„Zweiterster!“

Genauso muss man das Leben nehmen! Grundsätzlich ist sinnloses Hetzen vergeudete Energie. Auf die Ampel bezogen kommt hinzu: Irgendjemand drückt sowieso. Aber ganz generell, wenn Sie nicht überall Erster sind – meine Güte, dann sind Sie eben Zweiterster. Davon geht die Welt nicht unter … Und Sie schonen Ihre Nerven und Kraftreserven für Wichtigeres.

Wo ich auf erstaunlich wenig hektische, drängelnde Menschen stieß, wird den ein oder anderen unter Ihnen vielleicht auch überraschen: Ausgerechnet im Gewühl auf dem großen Historischen Weihnachtsmarkt, der traditionell auf dem Hamburger Rathausplatz stattfindet!
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Rathausmarkt – Historischer Weihnachtsmarkt 2018
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Ich hatte in diesem Jahr gar nicht damit gerechnet, es überhaupt dorthin zu schaffen, doch kurz vor Weih-
nachten bot sich eine Gelegenheit. Sogar im Dunkeln! Ein Besuch inmitten des Lichtermeers aus bunten Lampen, Kerzen und Sternen macht die ganze Angelegenheit sehr stimmungsvoll.
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Weihnachtsmann im Schlitten

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Der fliegende Weihnachtsmann ….

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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick auf Lichterpyramide, Adventskranz und Portal, das Richtung Kleine Alster führt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt

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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick von der Mönckebergstraße auf Portal und Rathaus im Hintergrund

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Blick von der Mönckebergstraße Richtung Eingangsportal und Rathaus

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Ungeachtet der Kürze der Zeit stieß ich auf ein paar Neuigkeiten.

Wer mit Glücksbringern aus Metall liebäugelte, der hatte in diesem Jahr die Möglichkeit, sich den eigenen oder den Namen seiner Lieben z. B. in ein Hufeisen einstanzen/-gravieren zu lassen.
(Bei Interesse: Glücksschmiede von Thomas Hammer)

Oder Sie konnten mit einer Fotodatei von Ihrem Handy bzw. der Kamera zu einem Stand gehen und sich dort in Münzform Schlüsselanhänger anfertigen lassen, auf denen Ihr Wunschfoto auftaucht. Wisch- und wetterfest. Personalisierte Schlüssel oder spezielle Anhänger für  z. B. Taschen und Koffer. Wobei es wirklich jedes Motiv sein kann, es muss nicht das Konterfei des Besitzers herumgetragen werden.

Neu auch in diesem Jahr für Puzzlefreunde mechanische 3D-Puzzle aus 100 % Holz, sehr raffiniert gesteckt! Sie brauchen keinerlei Kleber oder irgendwelche Chemikalien, damit es zusammenhält.
(Bei Interesse: Fa. My3DModel)
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - My3DModel - 3D-Puzzle, z. B. Globus, Windmühle, Riesenrad, diverse Fahrzeuge etc.

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – 3D-Puzzle

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Glasbläserkunst …
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

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Es grüßt Sie alljährlich die Affenbande ….
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathaus - Plüschtiere (Orang-Utans, Schimpansen, Pavian,, Löwe, Löwin, Elefant etc. )
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Heimeliges Licht in den einzelnen Gassen …
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus - Stand mit Kerzen, Salzlichten und Sternen
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Was mir ausnehmend gut gefallen hat, sind die kunstvollen Bretter, die von zwei Künstlern in einer Werkstatt in den Cevennen in Südfrankreich unter Verarbeitung unterschiedlicher (Stirn-)hölzer hergestellt werden.
(Bei Interesse: Augenweide, Cevennen)
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Holzbretter von Augenweide (aus mehreren, unterschiedlich farbigen Hölzern kunstvoll gearbeitete Schneidebretter)

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Holzbretter von Augenweide

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Unter „Augenweide“ werden Sie im Netz schnell auf die Webseite stoßen. Schauen Sie sich die Bilder dort an. Auch die Elbphilharmonie gibt es als Holzarbeit!
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Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Modelleisenbahn fährt auf Strecke über den Ständen

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Die Modelleisenbahn fährt auf einer Strecke oberhalb der Stände

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Jungfernstieg – Weißer Zauber 2018

Der Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg („Weißer Zauber“, direkt an der Binnenalster) hat sogar jetzt nach Weihnachten noch bis zum 30. Dezember geöffnet.
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Hamburg - "Weißer Zauber" am Jungfernstieg - Weihnachtsmarkt mit weißen Pavillonzelten (beleuchteter Stern auf der Spitze) sowie blauen Lichtergirlanden in den Bäumen

Hamburg – „Weißer Zauber“ am Jungfernstieg

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Blick in den Neuen Wall …
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Hamburg - Weihnachtszeit - Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall - In der Weihnachtszeit erscheint der Straßenname als Leuchtgirlande über der Straße)

Hamburg – Weihnachtszeit – Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall

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Immer wieder schön der Anblick der Alsterdampfer am Anleger, die zu Märchenschiffen umgestaltet werden …
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Hamburg - Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

Hamburg – Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

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Blick hinüber Richtung Ballindamm und Hapag Lloyd. Im Dunkeln sitzen die Möwen auf den Dächern der ankernden Alsterboote …
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Hamburg - Blick Richtung Ballindamm und Hapag LLoyd - Möwen lieben die Dächer der Alsterboote ...
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Beim „Weißen Zauber“ eine Auswahl an Tüchern aus Wolle und Cashmere. Ein sehr angenehmes Gefühl, über die weichen Stoffe zu streichen …
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Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tücher und Schals aus Wolle und Cashmere

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tücher und Schals

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Merkwürdige Wesen finden sich hier …
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Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tonfiguren (u. a. als Räucherkerzenhalter)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tonfiguren

Falls Sie nach einem auffälligen Einkaufsroller suchen, es gibt Modelle mit farblich sehr intensiven und lebhaften geometrischen Mustern, mit Stadtansichten, Wahrzeichen, Tieren (Eule u. a.), Bambusdesign, Gummibärchen, Fußbällen u. a.  Die Trolleys sind optisch das komplette Gegenteil zu den herkömmlichen Einkaufsrollern, die in den dezent-matten Unifarben Grau, Dunkelblau, Burgunder oder Anthrazit daherkommen. Als Gestänge dient ein Standardmodell, Sie aber suchen sich den Rest dazu nach eigenem Geschmack aus.
(Bei Interesse:James, der kultige Einkaufsbutler“)
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Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - James, der kultige Einkaufsbutler (sehr farbenfrohe Einkaufsroller in diversen Designs)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – James, der kultige Einkaufsbutler

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Mein – im Vergleich zu den in der City stattfindenden – sehr überschaubarer Bezirks-Weihnachtsmarkt mit kleiner Eislauffläche („Wandsbeker Winterzauber“) hat ebenfalls weiterhin geöffnet. Der Umstand passte meiner Familie und mir ausgezeichnet, denn so konnten wir – Premiere! – zusammen mit dem jüngsten Spross während der Festtage zwischendurch zum Schlittschuhlaufen gehen. Es klappte sehr gut, denn zum einen gibt es für kleine Kinder Schlittschuhe, die zwei Kufen haben, damit lässt es sich recht gut üben. Zum anderen ist
die kleine Miss extrem robust und sehr hartnäckig, wenn es um das Erlernen neuer Fähigkeiten geht.
(Wandbeker Winterzauber: noch geöffnet bis 6. Jan. 2019.)

Ich stelle gerade fest, meine Schreibzeit ist für heute um! Es verblüfft mich jedes Mal, wie schnell die Zeit vergeht!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen. Es war diesmal nur ein Hereinsehen zwischendurch mit einigen Eindrücken aus dem laufenden Monat und speziell der Vorweihnachtszeit in Hamburg.
Es kann erneut etwas dauern, denn es stehen Termine an. Außerdem habe ich vor einigen Wochen mit Fitnesstraining begonnen, das ich zeitlich unbedingt irgendwie eingebaut bekommen muss.
Wenn sich allerdings irgendwo eine Lücke fürs Bloggen auftut, werde ich sie nutzen.

Ihnen allen geruhsame Tage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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©by Michèle Legrand, Dezember 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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Umzug im November: Hamburgs Alsterschwäne fahren ins Winterquartier …

Am 20. November war Einsammeltag! Und damit auch Termin für die traditionelle Bootsfahrt im November. Ein Dienstagvormittag, trüb-grau der Himmel, die Temperatur stieg selbst zu fortgeschrittener Tageszeit nicht über lumpige 4 °C. Hinzu gesellte sich ein unangenehmer Wind, der den Eindruck aufkommen ließ, es herrschten bereits Minusgrade.
Höchste Eisenbahn – oder hamburgisch ausgedrückt „bannig Zeit“–,  die Alsterschwäne aus ihrem Sommer-
reich ins Winterquartier, den Mühlenteich in Hamburg-Eppendorf, zu bringen.
Während Wildschwäne in freier Natur früher in den Wintermonaten stets die Reise südwärts in wärmere Re-
gionen antraten, passiert dies heute standortabhängig nur noch halbherzig. Nähere Ziele sind angesagt und tatsächlich bleiben viele gleich ganz vor Ort. So auch die Hamburger Schwäne, die ihre Reviere und Brut-
gebiete in der Sommerzeit auf und rund um die Alsterseen mit ihren Nebenarmen haben.
Es sind im Grunde nicht so die hiesigen, verhältnismäßig moderaten Wintertemperaturen, die den Vögeln vorrangig zu schaffen machen, sondern vielmehr die Tatsache, dass ihnen zugefrorene Wasserflächen das Leben und Überleben sehr erschweren. Nahrung zu finden wird nahezu unmöglich.

Hier in Hamburg wartet alljährlich von November bis etwa Ende März ein eigenes, ein hanseatisches Winterquartier auf sie. Und das hat eindeutig seine Vorteile!
Der Mühlenteich wird (partiell) eisfrei gehalten. Ein weiterer Pluspunkt: Es wird artgerecht gefüttert. Wenn extremer Frost drohen sollte, lässt sich zusätzlich mit Zeltplanen noch etwas zum Schutz machen, und falls einmal ein Tier schwach wirkt und kränkelt, können sich Schwanenvater oder Tierarzt gleich direkt darum kümmern.

Ein richtig großes, weißes Zelt wurde bereits mehrmals aus einem anderen Grund nötig: Es diente zur Abschottung und sollte verhindern, dass sich die Schwäne womöglich mit dem mehrfach grassierenden Vogelgrippevirus (Geflügelpest, 2014/2017) infizierten. Gerade Wildvögel sind extrem gefährdet.

Die älteren Schwäne kennen und erinnern das Winterquartier genauso wie die Prozedur des Einfangens mit anschließendem Gratisseetörn. Da die Vögel über 20 Jahre alt werden können, haben einige die Aktion schon so oft mitgemacht, dass es sie nicht groß in Aufregung versetzt. Etwas mehr verunsichert sind die Jungschwäne, für die es das erste Mal ist, und genauso verdutzt reagieren auch die neuen „Migranten“.

Wir haben hier in Hamburg über die Jahre durchschnittlich etwa 120 Alsterschwäne, die auf Binnen- und Außenalster sowie den angrenzenden Kanälen/Fleeten leben und dort ihre Reviere haben. Normalerweise hält sich diese Zahl, denn der Verlust durch Tiere, die aus Altersgründen, nach Krankheit oder Unfall sterben, wird ausgeglichen durch die Zahl der neu geborenen Schwäne eines Jahres.

Das letzte Jahr bildete in dieser Hinsicht eine traurige Ausnahme. Als es ab Spätfrühling über Monate extrem heiß war, setzte auf der Alster eine Algenplage ein. Durch die langanhaltende Hitze zersetzten sie sich und setzten dabei Giftstoffe frei, die bei den Schwänen Darmentzündungen auslösten. Die Clostridium-Bakterien bedrohten besonders die sehr jungen Schwäne. Es verstarben neben sechs Nestlingen und fünf Jungtieren allerdings auch vier bereits ausgewachsene Schwäne. Ohne weitere „normale“ Todesfälle bereits ein Minus von 15 Tieren …

Doch in Hamburg leben nun seit Oktober 2018 zusätzlich die vorhin erwähnten Migranten. Es handelt sich in dem Fall nicht um zufällig dazugestoßene Tiere, die beschlossen, hier sesshaft zu werden, sondern es sind 13 Artgenossen, die aus dem Saarland zu uns umgesiedelt wurden. Sie stocken den Bestand wieder auf. Für die saarländischen Vögel war in der Heimat kein geeigneter Platz mehr. Ausgewildert werden konnten sie aufgrund von Flügelamputationen oder erlittenen Flügelverletzungen jedoch auch nicht …

Fragen Sie sich auch manchmal, ob Vögel einen Dialekt „sprechen“? Es heißt häufig, dass Ornithologen ortsabhängig Unterschiede im Klang der abgegebenen Laute bei z. B. einigen Singvögeln ausgemacht haben. Tonhöhe, Tonlänge, Art der Wiederholung, dazu das Kopieren von Gehörtem etc. Die Vögel scheinen Lokal-
spezifisches in ihr Repertoire aufnehmen.

Wenn nun einer der alten hiesigen Schwäne, Sie wissen schon, einer der bestimmt noch Hamburger Platt spricht, auf einen saarländischen Kumpel stößt … Ob die sich lautmäßig auf Anhieb verstehen? Und wenn ja, merken die trotzdem sofort, dass sie jeweils anderer Herkunft sind?

Ich hoffe sehr, dass die Althamburger Schwäne sich über die neuen Anrainer freuen und sich nicht etwa auf-
spielen. Den Lokalmatador heraushängen. Auf Privilegien pochen. Die menschlichen Hanseaten hier in der Stadt unterscheiden nämlich sogar zwischen gebürtigem und geborenem Hamburger! Tatsache. Wenn Sie denken, da gebe es keinen Unterschied – oh, doch!
Normalerweise spricht man von gebürtig, wenn man in Stadt A geboren wurde, aber heute woanders (Stadt B) lebt. Der Mann ist gebürtiger Berliner, lebt jedoch jetzt in Dortmund. Ein geborener Berliner, der weiterhin in der Hauptstadt wohnt, bleibt einfach geborener Berliner.
In Hamburg sollte es theoretisch genauso sein. Ist es aber nicht. Hier zählen Sie erst dann als geborener Hamburger, wenn  nicht nur Sie selbst, sondern vor Ihnen auch schon beide Elternteile in der Hansestadt zur Welt kamen. Und wenn es ganz fies kommt, dann ist das in Hamburg geborene Kind, dessen eines Elternteil
von auswärts stammt, ein „Geworfenes“. Dieser rotzfreche Ausdruck wird damit gerechtfertigt, dass der fremde Elternpart eben „nur“ Quiddje (Zugezogener) ist.
Hoffen wir, die umgezogenen Schwäne haben nicht so pingelige Schnösel vor sich gehabt, als sie sich nach einer Quarantänezeit von zwei Wochen ganz allmählich dazugesellten. Sie wurden nach und nach integriert, nicht alle auf einen Schlag auf die Alteingesessenen losgelassen.

Zwei Eindrücke noch vom Sommer …
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Hamburg - Kleine Alster mit gemischter Wasservogelpopulation

Hamburg – Kleine Alster mit gemischter Wasservogelpopulation

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Schwäne am Ballindammufer.

Alle übrigen, die Stammschwäne, waren 2018 bereits seit dem 10. April auf den Gewässern unterwegs. Rund sieben Monate hat eine Saison außerhalb des Winterquartiers, diesmal nur unterbrochen von vier Wochen im heißen August, in denen knapp 40 Schwäne von der Binnenalster evakuiert wurden, um weitere Todesfälle zu vermeiden. Der Mühlenteich präsentierte sich als der sicherere Platz. Es gab einerseits nicht diesen extremen Algenteppich, andererseits ließen sich Patienten dort sehr viel effektiver behandeln und aufpäppeln.

Nun naht der Winter. Zeit für alle, nach Eppendorf zurückzukehren. Es wurde ausnahmsweise eine kleine Galgenfrist von zwei Wochen gewährt, weil die milden Temperaturen im Herbst erstaunlich lange anhielten.

Und so sieht es aus, wenn im trüben November Schwanenvater Olaf Nieß mit seinem Team ausrückt, um seine Schützlinge einzufangen.
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Hamburg - Kleine Alster mit Reesendammbrücke im Hintergrund - Schwanenvater Olaf Nieß rückt mit seinem Team an

Hamburg – Kleine Alster mit Reesendammbrücke im Hintergrund – Schwanenvater Olaf Nieß rückt mit seinem Team an

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Speziell im Herbst halten sich viele Schwäne gern im Bereich der „Kleinen Alster“ direkt vor den Alster-
arkaden
auf. Dort am Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege führen steinerne Treppenstufen fast hinunter bis ans Wasser. Eine Art parallel zum Ufer verlaufender Steg teilt den Wasserbereich vor der Treppe von der Zuführung zur Schleuse ab. Hier pausieren sie in Gruppen, hocken auf dem Steg, putzen sich, schauen dabei umher, ob nicht jemand Essbares mitgebracht hat. Denn trotz Fütterverbot fällt natürlich immer einmal etwas für die Bande ab. Sie teilen sich Terrain und Häppchen mit Möwen, Graugänsen, Enten und Rallen.
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Hamburg - Kleine Alster - Der Bereich vor den Treppen und am Denkmal ist beliebt bei den Wasservögeln

Hamburg – Kleine Alster – Der Bereich vor den Treppen und am Denkmal ist beliebt bei den Wasservögeln

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Schwanenvater Nieß nähert sich mit seinen Kollegen in mehreren kleinen, flachen, offenen Booten von der Binnenalster unter der Reesendammbrücke hindurch der Kleinen Alster.
Die Boote bilden bald parallel zur Brücke von Ufer zu Ufer eine Art Barrikade. Die geschlossene Kette rückt ganz langsam auf gesamter Breite vor Richtung Denkmal und Rathausschleuse.
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Hamburg - Kleine Alster - Man nähert sich den Schwänen ganz langsam ....

Hamburg – Kleine Alster – Man nähert sich den Schwänen ganz langsam ….

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Wird die Distanz geringer, beginnen die Schwäne irgendwann, das Treiben genauer zu beobachten, sehen jedoch keinen Anlass, sich fortzubewegen.
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Hamburg - Kleine Alster - Aktion Schwäne ins Winterquartier - Ab jetzt wird gezielt dirigiert ...

Hamburg – Kleine Alster – Aktion Schwäne ins Winterquartier – Ab jetzt wird gezielt dirigiert …

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Sobald die Boote die Vögel erreicht haben und erste Manöver starten, um die Tiere in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, bricht unter den Vögeln leichte Hektik aus. Man klettert über knapp aus dem Wasser ragende Trennwände bzw. Stege, manch einer flattert echauffiert und meint zunächst, mit einem Satz ins Becken daneben, sei die Sache gedeichselt.
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Hamburg - Kleine Alster - Die Schwanentruppe an der Treppe direkt am Denkmal muss noch überzeugt werden, sich zu den anderen zu begeben ...

Hamburg – Kleine Alster – Die Schwanentruppe an der Treppe direkt am Denkmal muss noch überzeugt werden, sich zu den anderen zu begeben …

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Hamburg - Kleine Alster - Alsterschwäne einsammeln - Ein bisschen drängeln mit dem Boot ...

Hamburg – Kleine Alster – Ein bisschen drängeln mit dem Boot ….

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Hamburg - Kleine Alster, vor der Rathausschleuse - Das Manöver glückt, die Schwäne schließen zu den anderen auf ...

Hamburg – Kleine Alster, vor der Rathausschleuse – Das Manöver glückt, die Schwäne schließen zu den anderen auf …

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Das Team trickst erneut mit Hilfe der Boote, lenkt und schafft es in relativ kurzer Zeit, dass die gesamte Gruppe der Tiere wie gewünscht in die linke Schleuse paddelt.
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Hamburg - Kleine Alster, Rathausschleuse - Jetzt müssen allerdings alle (Schwäne) noch vor den Eingang der linken Schleusenkammer ...

Hamburg – Kleine Alster, Rathausschleuse – Jetzt müssen allerdings alle noch vor den Eingang der linken Schleusenkammer …

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Hamburg - Kleine Alster - Noch einmal etwas Drängeln mit Wellengang, dann sind alle zusammen und erobern wunschgemäß die Schleuse

Hamburg – Kleine Alster – Noch einmal etwas drängeln mit Wellengang, dann sind alle zusammen und erobern wunschgemäß die Schleuse

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Eine Sackgasse, denn die Schleusenausfahrt am anderen Ende ist bereits geschlossen.

Die Zuschauer wechseln jetzt flink ihren Platz und ziehen von der Kleinen Alster (Arkaden oder gegenüber an auf den Treppen) um auf die Schleusenbrücke.
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Hamburg - Schleusenbrücke an der Rathausschleuse - Der erste Schwanbeobachter (ein großer schwarzer, langfelliger Hund mit Herrchen) ist schon da ....

Hamburg – Schleusenbrücke an der Rathausschleuse – Der erste Schwanbeobachter ist schon da ….

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Sobald nicht nur die Schwäne, sondern dazu sämtliche Boote in der Schleusenkammer verstaut sind, schließt sich ebenfalls das Eingangstor.
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Hamburg - Rathausschleuse - Alle Schwäne sind in der linken Schleusenkammer, noch ist der Wasserstand hoch ...

Hamburg – Rathausschleuse – Alle Schwäne sind in der linken Schleusenkammer, noch ist der Wasserstand hoch …

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Hamburg - Rathausschleuse - Auch die Boote sind in der Kammer und rücken auf ...

Hamburg – Rathausschleuse – Auch die Boote sind in der Kammer und rücken auf …

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In der Schleuse wird nun der Wasserspiegel gesenkt. Dies macht es für die Schwäne schwierig, aus ihrer ungünstigen Position, womöglich aus den Tiefen des Trogs heraus, noch einen erfolgreichen Abflugversuch
zu unternehmen. Die schweren Vögel benötigen eine wesentlich längere Startbahn.
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Hamburg - Rathausschleuse - Schleusenkammer proppevoll, und immer weniger Platz für die Schwäne ...

Hamburg – Rathausschleuse – Schleusenkammer proppevoll, und immer weniger Platz für die Schwäne …

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Die Boote schieben sich zentimeterweise vor, bis lediglich noch ein schmaler Spalt zwischen Boot und Tor freibleibt, und letztendlich das weiße Volk nur eine einzige Ecke als Ausweichpunkt übrigbehält.

Wer glaubt, dass die Tiere derart in die Enge gelotst in wilde Panik geraten würden, täuscht sich. Hippelig sind sie, ja. Die Jungschwäne empfinden mehr Stress. Hin und wieder hört man ihre aufgeregten Rufe.
Doch insgesamt kennen die Tiere den Schwanenvater inzwischen zu gut und die weitaus meisten wohl auch den Sinn und Zweck dieser Aktion.
Dass ihnen die nicht ganz behagt, ist nachzuvollziehen, denn A) wird es gleich ein bisschen handgreiflich zugehen und B) verlassen sie die Alster höchst ungern.
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Hamburg - Rathausschleuse - Die Aktion "Schwäne einsammeln" läuft an. Vorher wurde das Stroh noch in den Booten ausgebreitet

Hamburg – Rathausschleuse – Die Aktion „Schwäne einsammeln“ läuft an. Vorher wurde das Stroh noch in den Booten ausgebreitet.

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Hamburg - Rathausschleuse - Schwanenvater Olaf Nieß und sein Team bereiten die Schützlinge für den Transport vor ...

Hamburg – Rathausschleuse – Schwanenvater Olaf Nieß und sein Team bereiten die Schützlinge für den Transport vor …

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Sie haben sicher auf einigen Fotos entdeckt, direkt am Rand der Schleusenkammer haben sich Presse und Fernsehen versammelt. Dicht am Geschehen, aber auch nah am Wasser. Ihnen allen wurde zur Sicherheit eine Schwimmweste gereicht …
Dass dieser Aufmarsch und die auffällig leuchtenden Westen die Schwäne nicht verschrecken, hat mich verwundert.
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Schwanenvater Nieß und ein weiterer Mitarbeiter im Boot daneben greifen beherzt über Bord und schnappen sich jeweils einen Schwan. Der wird geschwind über die Bordwand gehievt, mit sicherer Hand am Boden des mit Stroh ausgelegten Bootes gehalten, wo seine Füße und Flügel leicht mit Klettband fixiert werden. Anders ginge der Transport nicht, denn ansonsten würden sich beim Schwanentrupp die Kollegen vor Entrüstung (die zeitweilig doch herrscht) womöglich auf engem Raum gegenseitig verletzten oder unter Protest gleich wieder aussteigen.
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Hamburg - Rathausschleuse - Und wieder wird ein Schwan vorsichtig zu den anderen gebracht. Das Boot füllt sich ...

Hamburg – Rathausschleuse – Und wieder wird ein Schwan vorsichtig zu den anderen gebracht. Das Boot füllt sich …

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So wird manchmal beruhigend auf sie eingeredet, einige bekommen ein paar Streicheleinheiten, und so nach und nach werden sie alle zart nebeneinander „aufgereiht“. Bereits nach kurzer Zeit an Bord recken sie die Hälse und schauen recht entspannt in der Gegend umher. Warten darauf, dass die Belegschaft komplett ist.

Gut zwei Stunden dauert das Lotsen in die Schleuse plus Verfrachten ins Boot. Ca. 40 Schwäne sind zu verstauen. Anfangs zählte ich 42 Schwäne auf der Kleinen Alster, doch es gab Schwund. Irgendeinem gelang es anscheinend, vorher noch auszubüxen.

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Es gibt viele Zuschauer, die von der Schleusenbrücke aus zusehen und trotz höchst ungemütlicher Tempe-
ratur, beißendem Windzug am Wasser und brückenbedingt besonderer Kälte an den Füßen, dennoch die ganze Zeit leise vor sich hinbibbernd ausharren; es ist eben enorm spannend.

Touristen, zufällig vorbeikommend, sprechen Umstehende und auch mich neugierig an. Haben Fragen. Auf Deutsch, auf Englisch. Lebhafte Unterhaltungen entwickeln sich daraus. Daneben gibt es Kommentare zum Geschehen, Einwürfe. Unter anderem den folgenden, den  ein reiferer Herr äußert, nachdem er die Schwäne
im Boot erblickt hat:
„Ach, werden die jetzt geschlachtet?“

Die Reaktionen reichen von Belustigung über Empörung bis hin zu schierem Entsetzen. Den Alsterschwänen an die Gurgel! Mein Gott! Zwei anwesende Damen können sich vor Entrüstung nur sehr schwer wieder einkriegen. Der Begriff Schnappatmung wird hier gerade aufs Feinste demonstriert.

Der Herr wird von allen Seiten hilfsbereit und wortreich aufgeklärt – doch ich bin mir gar nicht so sicher, dass er wirklich so ahnungslos war …
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Hamburg - Rathausschleuse - Es sind alle Passagiere an Bord, der Wasserstand ist wieder gestiegen, ein Teil der Boote hat die Kammer bereits verlassen. Die nicht mehr benötigten Westen werden verstaut ...

Hamburg – Rathausschleuse – Es sind alle Passagiere an Bord, der Wasserstand ist wieder gestiegen, ein Teil der Boote hat die Kammer bereits verlassen. Die nicht mehr benötigten Westen werden verstaut …

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Der letzte Schwan sitzt im Boot, Aktion Einsammeln beendet, der Wasserstand in der Schleuse kann wieder angehoben werden. Sobald er das Alsterniveau erreicht hat, öffnet sich das Tor auf entsprechender Seite, und in der Kammer wird das Kuddelmuddel aus querliegenden Booten aufgelöst.
Eines nach dem anderen verlässt die Schleuse. Am Ende zieht ein motorisiertes Fahrzeug die beiden mit Schwänen belegten Boote hinaus und hinter sich her. Richtung Kleine Alster, weiter zur Binnenalster, auf die Außenalster und letztendlich zum Mühlenteich.
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Hamburg - Rathausschleuse - Nur noch die beiden Boote mit den Schwänen ins Schlepptau nehmen ....

Hamburg – Rathausschleuse – Nur noch die beiden Boote mit den Schwänen ins Schlepptau nehmen ….

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Hamburg - Und da tauchen die Alsterschwäne wieder aus der Schleusenkammer auf. Diesmal als Bootspassagiere mit ihrem Schwanenvater ...

Hamburg – Und da tauchen die Alsterschwäne wieder aus der Schleusenkammer auf. Diesmal als Bootspassagiere mit ihrem Schwanenvater …

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Auf ein Wiedersehen auf der Alster im nächsten Frühjahr, Ende März/Anfang April!
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Hamburg - Kleine Alster - Schwanentransport - Auf geht die Reise zum Mühlenteich, ihrem Winterquartier ...

Hamburg – Kleine Alster – Schwanentransport – Auf geht die Reise zum Mühlenteich, ihrem Winterquartier …

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Die restliche Schwanenbevölkerung, die sich an diesem Tag gerade nicht im Bereich der Kleinen Alster aufhält, wird üblicherweise in den zwei folgenden Tagen nach und nach eingesammelt. Manch Alsterschwan kennt von sich aus die Strecke zwischen Alster und Mühlenteich, doch freiwillig nutzen die Vögel den „Selbstschwimmer-
status“ eher im Frühjahr, wenn es mit deutlich mehr innerem Antrieb hinausgeht.

Vielleicht zeigt im nächsten April ein weißgefiederter Urhamburger seinem Schwankollegen aus dem Saarland den richtigen Weg. Ich kann mir das gut vorstellen …
„Moin“, winkt Fiete einem der Neuhamburger zu, „hier geiht dat lang.“
Die seltsame Sproch hat der Heinz aus Saarbrücken jedoch über Winter schon ganz gut erlernt.
„Dooiwwe?“, fragt er knapp.
Natürlich mit saarländischem Zungenschlag, denn man hat sich – das weltoffene Hamburg lässt grüßen – für Zweisprachigkeit bzw. die Erhaltung von womöglich sonst aussterbenden Dialekten und Mundarten entschieden.
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©by Michèle Legrand, November 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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