Am Tag, als das Meer verschwand …

Dort, wo ich lebe, existiert ein sonderbarer Ort. Er ist eigenartig, jedoch im positiven Sinn. Besonders eben.
Die Stelle liegt nicht weit entfernt, ich komme jedes Mal ganz automatisch auf dem Weg zum Sport daran vorbei. Eine Art Glückstreffer, denn es motiviert zusätzlich, dorthin aufzubrechen.

Kurz vor meinem Ziel biege ich in eine relativ schmale Nebenstraße ein, und dann passiert etwas Merkwürdiges: Von jetzt auf gleich übermannt mich das Gefühl, am Meer zu sein. Direkt am Strand!
.
Am Meer (Ansteigender Weg zwischen bewachsenen Dünen hindurch)
.
Würde ich Ihnen allerdings Aufnahmen der unmittelbaren Umgebung zeigen, könnten Sie sich vermutlich überhaupt nicht vorstellen, was zu diesem Eindruck führt. Ich selbst könnte es nicht!
Eine kurze Überlegung: Wenn Sie beschreiben sollten, was für Sie gedanklich mit „Meer“ einhergeht, welche Eindrücke Sie damit verbinden – wäre es vorrangig oder gar ausschließlich etwas, was Sie sehen können?

Ich bin mir ziemlich sicher, es tauchten auch Begriffe wie Wind, Rufe von Seevögeln, das Knattern und Flattern von Fahnen oder Segeln etc. auf – also Umstände bzw. Zustände, die durch Fühlen, Hören, vielleicht auch mittels Riechen erfasst werden.

Mein Fitnessstudio liegt in dieser Straße, die bis vor etwa drei Jahren noch durch ein älteres Gewerbegebiet mit vielen Kleinbetrieben führte. Dies ist mittlerweile abgerissen, nun entsteht hier ein Wohnviertel mit mehrge-
schossigen Häusern. Auf der einen Seite, dort, wo auch das Studio ebenerdig einzog, befindet sich entlang der Straße und weiter in die Tiefe gebaut ein erster Neubaukomplex mit bereits bezogenen Wohnungen, auf der gegenüberliegenden Seite wartet eine seit dem Abriss brachliegende Fläche darauf, dass es ihr an den Kragen geht. Dahinter wiederum ragen riesige Baukräne auf, zwischen denen bereits die Rohbauten des nächsten Bauabschnitts täglich ein Stück wachsen.

Bisher findet sich noch kein ausgesprochener Auslöser für Strandgefühle, oder …?

Nicht zu erkennen ist allerdings, dass außerhalb dieses Areals, nämlich hinter den fertiggestellten Neubauten – und zwar parallel dazu und nur einen Straßenzug weiter – der Mühlenteich liegt. Ein von einem Park eingerahmtes, größeres Gewässer, auf dem Wasservögel anzutreffen sind. Unter anderem wird er regelmäßig von Möwen besucht, und genau diese lieben ganz offensichtlich dieses von Baustellen eingerahmte Brachgelände.

Aus Sicht der Vögel ist das gut nachvollziehbar. Zum einen gibt es direkt daran angrenzend noch einen Flachdachbau aus dem Gebäudealtbestand mit ASIA-Lebensmittelmarkt und der gar nicht mal geringen Chance, Lebensmittelreste abzustauben. Nebenher lässt sich das Flachdach sogar als Brutplatz nutzen.
Zum anderen lockt auf dem leerstehenden, etwas sandigen Grundstück inzwischen durch Wildwuchs (Unkräuter, diverse Wildstauden) reges Insektentreiben, der Boden erwärmt sich schnell, ist aber dank des vorherrschenden Windes selten überhitzt. Es herrscht gute Sicht im Bodenbereich, allerdings hat eine Möwe dank hoher Ausguckmöglichkeiten (umstehende Neubauten und Kräne) dort ebenfalls einen exzellenten Über- und Weitblick. Die Thermik scheint genehm – ja, und das eigene Geschrei klingt hier besonders imposant und durchdringend!
.

Verblühte Kratzdistel, wirkt wie eine verschrubbelte Frisur (strohfarben)

Auf der brachliegenden Fläche wachsen auch Kratzdisteln, die mit ihren lila Blüten, aber auch im verwelkt-verwuschelten Zustand sehr attraktiv wirken.

.
Sobald ich den Beginn des Brachgeländes erreicht habe, verspüre ich immer den Drang, ab jetzt langsam mit geschlossenen Augen weiterzugehen. Es ist nicht viel los, der Zustand des Gehwegs ist mir mittlerweile wirklich vertraut. Insofern kann man es für einige Meter blind riskieren. Und es ist es wert! Denn es erhöht die Wirkung des Kommenden …

Die lokalen Umstände bringen es mit sich, dass sich Windschneisen entwickelt haben. Die Kombination aus längerer Häuserfront und Freifläche, der Wechsel zwischen einzelner höherer Bebauung und Baulücken, beides löst immer wieder verlässlich mittlere Turbulenzen aus.
Mit anderen Worten, es pustet, und wenn Sie dort entlanggehen, werden Sie garantiert von einer Windböe erfasst, während Ihnen gleichzeitig die Sonne auf die Haut brennt. Auf dem Gehweg, überhaupt in dieser Straße, gibt es keinen Schatten. Bäume wurden hier noch nicht wieder gepflanzt, das passiert – wenn überhaupt – wohl erst, wenn auch das Brachgelände verschwunden und bebaut ist und irgendwann sämtliche Arbeiten abgeschlossen sind.
.

Möwen am Himmel (Blauer Himmel, wenige weiße Wölkchen und mehrere kreisende Möwen)

Die Möwen kreisen ….

.

Sie brauchen keine zwei Sekunden zu warten, dann ertönt Möwengeschrei. Manchmal sind es die lang-
gezogenen Rufe eines einzelnen Vogels, der über einem seine Kreise zieht, manchmal diskutieren mehrere lautstark. Dann verteidigt eine Möwe mit Nachdruck ihren Lieblingsplatz auf dem Flachdach, das zweite Tier kreischt irgendwo empört vom Baukran herunter. Die jeweiligen Aufenthaltsorte lassen sich meist auch ohne Hinsehen ganz gut orten.

Wind, Sonne, Möwen  … Das Gefühl, sich am Meer zu befinden stellt sich prompt ein. Zuverlässig.

Mittlerweile ist auch das Fitnessstudio erreicht. Auf dem Vorplatz steht ein Werbebanner, festgemacht an
einer leicht flexiblen Metallstange, die senkrecht ausgerichtet ist und in einem Standfuß steckt. Der vertikal gespannte, hauchdünne Textilstreifen mit Aufdruck hat Flatterspielraum und knattert heftig im Wind.

Wie oft kam es mir in dem Moment vor, als befände ich mich auf einer jener Strandpromenaden an der Küste, die von hohen Masten mit wehenden, bunten Fahnen flankiert werden. Das Knattern des Werbebanners erinnerte an in unmittelbarer Nähe über den Wattboden bretternde Strandsegler, wenn es windstiller war und das Flattern entspannter ausfiel, sah man stattdessen vor dem inneren Auge Kite-Surfer vorbeigleiten.

Speziell wenn mehrere Möwen am Himmel flogen und intensiv krakeelten, fühlte ich mich hinübergebeamt auf eine der langen Seebrücken, die in manchen Ostsee-Seebädern zu finden sind. So hört es sich an, wenn man über die Holzplanken Richtung Meer hinausspaziert, die gefiederten Schreihälse entweder auf Brückenpfeilern oder Laternenpfählen oder fliegend  in entsprechender Höhe schräg über sich …

Ich liebe dieses Gefühl von Meer und Strand in der Nähe sehr.
.
Möwen an der Seebrücke (eine landet auf hoch angebrachten gläsernen Lampenkugel, ein fliegt in ihrer Nähe)
.

Stellen Sie sich vor, mir kamen die Möwen nun tatsächlich noch näher! An heißen Tagen steht – zumindest während der Anwesenheit der Sporttrainer – häufig die Eingangstür zum Studio weit auf, damit ein bisschen Luftzirkulation herrscht. In der vorletzten Woche erhielten wir völlig überraschend Besuch von einer erwachsenen Silbermöwe.
Das Tier war klammheimlich hineinmarschiert, hatte sich neben einer Trainierenden an deren Übungsstation aufgebaut und fand offenbar alles hochinteressant. Sie ließ sich nur mit Geduld und unter erheblichem Protest wieder hinauskomplimentieren.

Der nächste Zwischenfall ereignete sich vor ein paar Tagen. Diesmal hüpfte eine sehr junge Möwe herein. Erheblich auffälliger, da mit einigem Getöse. Sie krächzte heiser, und als sie merkte, sie findet nicht wieder hinaus, flatterte sie hektisch. Schimpfte dabei wie ein Rohrspatz.
In einem solchen Fall ist das Verhalten von Möwen nicht wesentlich anders als das von Bienen und anderen Fluginsekten, die in die Wohnung geraten sind. Sie fliegen immer wieder gegen die Scheibe und nehmen ein eingeklapptes Fenster (Spalt) daneben oder auch geöffnete Türen kaum wahr.
Genau so schien die Möwe in ihrer Aufregung keinen Blick für Fluchtalternativen zu haben, geschweige denn, sich daran zu erinnern, an welcher Stelle sie eingetreten war. Sie hatte eines der bis zum Boden reichenden Fenster auserwählt, hüpfte davor auf und ab und pochte wie ein Specht aufgebracht mit dem Schnabel ans Glas. Da musste man doch irgendwie rauskommen …

Es war absehbar, dass sie es nicht allein hinausschafften würde. So habe ich mir ein Handtuch genommen und sie entlang der Scheibe langsam in eine Ecke dirigiert. Sie stutzte, als es nicht weiterging, und in diesem Moment, in dem sie mit ihren noch gar nicht komplett ausgebildeten Flügeln einmal nicht so wild zappelte, legte ich ihr das Tuch übers Gefieder und griff vorsichtig mit beiden Händen zu.
Sie hat es mit sich machen lassen, blieb auch weitehin ruhig. Als ich sie vor mir auf Brusthöhe hielt, schaute sie mich nur sehr forschend an.
Machen Sie das eigentlich auch, dass Sie bei derartigen Aktionen (Rettung, Verarztung, Medikamente verabreichen etc.) zur Beruhigung mit gedämpfter Stimme einlullend etwas erzählen?  Ich glaube, ich sagte so etwas wie: „Ja, Kleine, alles gut …. Ich weiß, die Mama sieht anders aus …“
Gemeinsam marschierten wir hinüber zum Brachgelände, wo es wesentlich erträglicher war, als auf den heißen Platten vor dem Studio.
Sie wirkte unschlüssig, nachdem ich sie abgesetzt und das Handtuch entfernt hatte. Krächzte und rief. Ich hoffe, die Eltern kümmern sich noch ein bisschen um ihr Jungtier, das aber generell einen fitten und kräftigen Eindruck machte.
Ich setzte mein Training fort. Als ich danach das Studio verließ, war sie verschwunden.

Ein wenig wunderte ich mich, was die Möwen auf einmal anlockte, denn hohe Außentemperaturen bzw. offenstehende Türen hatten wir auch schon davor gehabt. Zuhause fiel mir plötzlich das aufblasbare Planschbecken ein, das seit Kurzem im Studio an einem Fenster in Eingangsnähe steht. Ein pinkfarbener Mini-Swimming-Pool in Flamingoform. Haben sich die Möwen von dem Plastikvogel täuschen und anziehen lassen?
Beim nächsten Training habe ich jedoch festgestellt, das Bassin steht so, dass von draußen nur minimal etwas vom unteren Rand erkennbar ist. Dort, wo die Flamingo-Attrappe aufragt, verhindert eine Milchglasscheibe den Einblick ins Studio.

Tja, nun … Wir werden wohl ohnehin keine weiteren Besuche beim Training erwarten können.  Als ich diese Woche in die Straße einbog, gab es kein Möwengeschrei mehr. Der Tag, an dem das Meer verschwand, war gekommen.

Die Baufahrzeuge sind angerückt, und mit ihrer Ankunft hat das letzte Stündlein des Brachgeländes geschlagen.
.
Die Arbeiten auf dem Grundstück starten ... (Mühlenstieg).

.

Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet .... (Brachfläche wird ausgehoben. Alte Kellermauern vom Vorgebäude entfernt.)e

Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet …. Oberirdisch war bereits geräumt, nun sind alte Fundamente und Mauerreste dran …)

.

Die Möwen haben Reißaus genommen …
.
Möwe nimmt Reißaus (tappst geduckt nach links)
.

… und ich werde meine kleinen Aufenthalte am Meer vermissen.
.

Sonnenuntergang am Strand von Graal-Müritz (mit Seebrücke)

.

.
.

©by Michèle Legrand, August 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

Werbeanzeigen

, , , , , , ,

30 Kommentare

Rätselhafte Sache … Was hängt denn da?

Ich möchte Ihnen heute gerne etwas zeigen, was mich sehr verblüfft hat. Wundern Sie sich bitte nicht, wenn
Sie trotz Sommerzeit zunächst Fotos aus dem Winter vorfinden – die Geschichte hat ihren Anfang im Januar. Erst vor ein paar Tagen entdeckte ich ihre Fortsetzung.

Wenn ich mich in der Küche aufhalte, wandert mein Blick meist automatisch zum Fenster und hinaus. Entweder in den eigenen Garten oder noch ein bisschen weiter zu den umliegenden Bäumen entlang der Straße und des Bahndamms.
Im Sommer hocken die Meisen und Gimpel gern in der Korkenzieherhasel direkt am Fenstersims, alles grünt, die Sträucher blühen üppig. Später, in der laublosen Zeit, entdeckt man in den dann kahlen Straßenbäumen weitere tierische Bewohner. Eichhörnchen, die wie der geölte Blitz an Stämmen auf- und abflitzen oder mit Riesenschwung und seltsam vom Körper abgespreizten Beinen von einem Baum direkt ins Geäst des nächsten fliegen.
Oder Kollege Specht! Man hört ihn nicht mehr nur, sondern sieht ihm plötzlich sogar zu bei seiner Klopferei. Es bleibt für mich ein kleines Wunder, dass ihm diese intensive und kraftvolle Meißelaktion keine Kopfschmerzen verursacht.
Hin und wieder kommen Eichelhäher, gelegentlich ein Bussard … Der fällt in der Stadt auf wie ein bunter Hund.

Im Januar meinte ich, aus dem Augenwinkel heraus ein eigenartiges Gebilde in der Luft hängen zu sehen. Nur beim zweiten, genaueren Hinschauen war nichts mehr davon zu erkennen. Wahrscheinlich war es Einbildung. Die oder ein Flackerblick.
Eine Woche darauf herrschte Frost bei klarem Himmel und Sonnenschein. Das feine Geäst der Sträucher trug dekorativ Raureif. An dem Tag zeigte sich, dass mich mein Eindruck doch nicht getäuscht hatte. Da hing etwas und zwar völlig fehl am Platz. Direkt an der Grundstücksgrenze zwischen einer ausgewachsenen Birke und einem in einigem Abstand dazu stehenden säulenförmigen Lebensbaum (Thuja). Es wirkte wie eine dünne, weit oben schwebende, übereiste Wäscheleine. Sie hatte ihren Ausgangspunkt in großer Höhe in der Baumkrone, sackte im Verlauf etwas durch und endete mehrere Meter entfernt und wesentlich tiefer in der Thujaspitze.
.

Übereistes "Seil", wahrscheinlich Spinnfaden, schwebt in der Luft zwischen Baum und Thuja

Eines sonnigen Morgens …

.
Wo kam denn diese kunstvolle Schöpfung her? Und wie wurde sie befestigt? Es hatte doch hier niemand die Birke bestiegen, ein Lasso geworfen oder Pfeile mit Anhang abgeschossen …

Am frühen Morgen sah es eher verharscht und weiß aus, durch die Kraft der Sonne taute das Eis an und wurde klarer.
.

Vereister Spinnfaden (vermutlich), der bei Frost entstand und dessen Eisummantelung im Sonnenschein antaut

Antauend … Das Eis wird klar ….

.

Wirkte es anfangs wie eine relativ glatte Leine, so hatte es später zeitweise Schnurcharakter (grobere Struktur) oder ähnelte fast einer mit Eis überzogenen Kette, deren einzelne Glieder hervortraten.
.

Vereistes "Seil" (vermutlich Spinnfaden mit Eis ummantelt) aus der Nähe. Kettenähnlich, wie mit einzelnen Gliedern

Es wirkt jetzt grober ….

.

Vermutlich vereister Spinnfaen vor einem Lebensbaum. Nahaufnahme zeigt allerdings sehr grobe Struktur, wie bei einer Kette

Aus der Nähe wirkt es kettengliederartig ….

.

Man sah das Wunderding allerdings nicht ständig. Es verschwand manchmal schon nach Minuten und lebte erst nach frostigen Nächten und nur bei ganz bestimmten Lichtverhältnissen erneut auf. Wie ging das nur? Eisketten konnten doch nicht einfach adhoc und wie aus dem Nichts entstehen. Wasser, Schneeflocken, Eispartikel … was auch immer musste sich doch an irgendetwas halten können. Nichts steht einfach in der
Luft oder bildet freischwebende, waagerecht verlaufende Ketten.
Was war die Basis? Und entwickelte sich jedes Mal in kürzester Zeit etwas neues Bandartiges oder existierte das einmal Gesehene dauerhaft dort, gab sich jedoch allein nach Entstehen einer weiteren Eiskruste und durch speziellen Lichteinfall für mich wieder zu erkennen?

Die Tage wurden milder, der Zauber verschwand. Und zwar komplett. Ich stand mehrfach rätselnd im Garten, schaute aus allen Richtungen nach oben – nichts. Ich holte eine Leiter, versuchte der Thujaspitze so näher zu kommen – nichts zu finden. Absolut nichts.
Monate vergingen. Ich vergaß das Phänomen zwischenzeitlich völlig, denn auch als das Laub der Bäume austrieb, blieb alles unauffällig.
.

Blick auf grün belaubte Sträucher und eine Weide im Hintergrund

Es ist nichts Auffälliges zu erblicken ….

.
Vor ein paar Tagen müssen nun die Lichtverhältnisse in Kombination mit dem Blätterwerk der Weide bzw. der dunkleren Linde als Hintergrund wieder optimal gewesen sein. Was tauchte prompt auf? Das mysteriöse Seil! Nur für zehn Minuten am Morgen und erstmals ohne Eis ließ es sich – aber auch nur aus einem einzigen Blickwinkel – wahrnehmen.
.

Mysteriöses Seil (Spinnfaden?) Von einer hohen Birke links ausgehend hinübergespannt zur Thuja ...

Die mysteriöse Schnur taucht wie aus dem Nichts wieder auf …

.

Nun ist damit zwar klar, dass die Eiskette im Winter nicht von Zauberhand gehalten wurde, doch andererseits frage ich mich, wer denn für diese kühne Tat des Seilspannens verantwortlich ist. Was wäre Ihre Vermutung? Haben Sie eine Idee?
Es ist definitiv kein herabhängendes Reisig der Birke beteiligt genauso wenig wie Pflanzenranken anderer Art.
.

Spinnfaden (?) von erstaunlicher Dicke zwischen Sträuchern

Mehr als ein Spinnfaden?

.

Ich tendiere mittlerweile stark zu der Annahme, dass sich dahinter das Werk einer Spinne verbirgt. Wenn
ich mir auch nur schwer vorstellen kann, wie eine kleine, mittelzarte Spinne – oder meinetwegen sogar die größtmögliche regional bei mir vorkommende Spinnenart – in der Lage sein soll, derart dicke Fäden zu pro-
duzieren und damit auch noch ein Ziel (Thuja), welches so weit vom Ausgangspunkt (Birke) entfernt ist, zu erreichen.

Nur wissen Sie, was ich inzwischen gelernt habe? Dass Spinnen in der Lage sind, Flugreisen zu veranstalten! Sie schießen aus ihrem Hinterleib mit gehörigem Karacho einen Seidenfaden ab, und allein dieser Schwung befördert sie erstaunlich weit. Das ist physikalisch nachvollziehbar, denn wenn ein starrer, gerader Faden mit Wucht in unbewegte Luft geschleudert wird, dann kann der Schwung das Spinnentier an seinem Ende (oder Anfang, wie man es nimmt) durchaus mitreißen – sogar an einen recht entfernt gelegenen Ort! (In diesem Zusammenhang taucht auch der Begriff „Ballooning“ auf.)

Falls Sie jetzt überlegen, ob Spinnenseide eine solche Aktion überhaupt aushalten würde – ja, klar!
Die Fäden sind schließlich fünfmal reißfester als Stahl und dreimal stabiler als die bestmöglichen synthetischen Faseralternativen. Dazu enorm elastisch – Klassen besser als Gummi bzw. Kautschuk! Man guckt sich das Geheimnis der Spinnenfäden und ihrer Struktur deshalb mit Vorliebe für technische Einsatzmöglichkeiten und generell Innovationen – auch im medizinischen Bereich – ab.
Stellen Sie sich das Werk der Spinne einmal hochgerechnet auf die Größe und den Körper eines Menschen vor. Wenn Sie das übertragen, spinnt die Spinne Fäden, die (laut Zoologe Fritz Vollrath von der University of Oxford) sogar einen Jumbojet beim Landeanflug abfangen könnten. Nun ahnen Sie, warum man das Prinzip der Spinnenfäden auch übernimmt, wenn es auf Flugzeugträgern um elastische Konstruktionen zum Bremsen und Einfangen der dort landenden Maschinen geht.

Doch kommen wir noch einmal zurück auf das Seil in meinem Garten, das eventuell von einem der talentierten, achtbeinigen Krabbeltiere stammt. Gehen wir einen Moment davon aus, die Spinne hätte in diesem Fall den oben erwähnten „Flugmodus“ gewählt. Was hätte es ihr gebracht?
Der Schwung hätte sie von der Birke zur Thuja geschleudert, sie wäre wahrscheinlich heil gelandet, hätte aber bei dieser Aktion nebenher sicher keinen komplett durchgehenden Faden zwischen Start- und Landepunkt spinnen können.
Nehmen wir nun stattdessen an, sie saß oben in der Birke, hatte Beute im Auge oder im tiefer angelegten Fangnetz bemerkt und wollte sich einfach nur dorthin abseilen. Hatte bereits eine beachtliche Strecke geschafft, hing folglich irgendwo auf halber Stammhöhe an einem meterlangen Spinnfaden, als sie plötzlich eine starke Windböe erfasste, die sie samt Faden zum Lebensbaum verschwenkte. Sie dockte beherzt an – schon  haben wir die gespannte Verbindung.

Mit dieser Theorie ließe sich die Entstehung und Platzierung also prinzipiell erklären und aufgrund der Eigen-
schaften des Materials auch dessen beachtliche Haltbarkeit trotz Sturmböen oder Hagelschauern (Spinnen-
seide ist wasserfest, jedoch gut wasseraufnehmend), trotz hoher Temperaturen (ist bis 250 °C stabil) oder Frost (wird auch bei Minusgraden nicht brüchig).

Haben Sie schon einmal mitbekommen, wie über Nacht riesige Spinnennetze entstanden? Am Vorabend war noch nichts zu sehen, am Morgen dann das …

.
Spinnennetz beim Rosenbogen
.

Ich halte also fest, dass Spinnen in der Lage sind, in relativ kurzer Zeit rekordverdächtige Mengen an Seidenfäden abzusondern.

Nur, schafft es eine Spinne, einen Faden solch ungewöhnlicher Stärke zu produzieren?

Zoologen und speziell Spinnenforscher kurz weggehört, was jetzt folgt sind meine Laiengedanken, die sich durch eine Kombination aus Wissen (Tatsachen) und Raten ungeniert entwickeln und einschmuggeln:
Auch wenn ich weiß, dass Spinnen je nach Verwendungsvorhaben unterschiedliche Arten von Fäden spinnen können, bis zu sieben Spinndrüsen besitzen und damit auch Fadendicke, chemische Zusammensetzung sowie die Struktur der Seide variieren können, denke ich gleichzeitig: Wer weiß, was der noch so einfällt!
Falls der zuerst gesponnene Faden dünner ausfiel, dünner als gewollt oder als zweckmäßig, würde sie ihn eigentlich im Nachhinein noch verstärken können? Seilt sie sich womöglich mehrfach am Faden auf und ab, aktiviert erneut ihre Drüsen?  Ist das überhaupt machbar und realistisch?

Oder haben sich lediglich im Laufe der Zeit am Spinnfaden Blütenstaub, Pollen, Flusen etc. aus der Luft festgesetzt, was ihn nun optisch dicker erscheinen lässt und hervorhebt? Schließlich finden sich an Spinnfäden Klebetröpfchen, folglich funktioniert die Anhaftung vorbildlich.
Diese Klebepunkte, deren Abstände sehr unterschiedlich ausfallen können und hauptsächlich beim Weben eines Netzes (Querverstrebungen bei einer Fangvorrichtung fixieren) zur Anwendung kommen und offensichtlich reduzierter im Fall von langen Einzelfäden, sie könnten unter Umständen diesen hubbeligen, kettenglieder-
artigen Look (siehe Nahaufnahme Winter) hervorrufen haben.

Es heißt, Spinnfäden bestehen aus langen Eiweißmolekülen, und dabei kommt es ganz entschieden auf die Reihenfolge der einzelnen Aminosäuren (das sind die Bausteine der Eiweiße) und die räumliche Anordnung der Aminosäureketten an. Letzteres ist entscheidend dafür, ob ein Spinnfaden dick oder dünn, klebrig oder bappfrei ausfällt.
Nur wie dick ist eigentlich dick? So dick wie meine „Leine“ draußen …? Von dieser Stärke ist nirgends die Rede, eher von Durchmessern, die nur 2.5–4 μm betragen (Klebepunkte erreichen immerhin einen Durchmesser von ca. 25μm). Im Vergleich dazu wäre das menschliche Haar sozusagen schon fett.
Das passt doch alles wieder gar nicht …
.

Wissen Sie was? Falls Sie mir zu der rätselhaften Angelegenheit mehr sagen oder erklären können, es belegen oder womöglich eindrucksvoll widerlegen möchten oder aber wenn Sie mit einer komplett anderen Lösung bzw. Idee für das Seilphänomen aufwarten können, schießen Sie los!

Ich wäre – egal, in welche Richtung es geht – mehr als begeistert!

.

Quellen und weiterführende Links:
Wissenschaft im Dialog – Woraus bestehen Spinnenfäden
https://www.wissenschaft-im-dialog.de/projekte/wieso/artikel/beitrag/woraus-bestehen-spinnenfaeden/
Wissenschaft. de – Wie spinnen Spinnen
https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/wie-spinnen-spinnen-2/
ITP Uni Hannover – Arbeitsgruppen – Spinnennetz
https://www.itp.uni-hannover.de/fileadmin/arbeitsgruppen/zawischa/static_html/Spinnennetz.html

.
.

©by Michèle Legrand, Juli 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , , ,

57 Kommentare

Vielfalt … fremdgemischt

Es gibt Zeiten, in denen einem unheimlich viel durch den Kopf geht. Nüchtern ausgedrückt würde ein Mensch es vermutlich als eine natürliche Reaktion auf die Vielzahl von Ereignissen bezeichnen, die sein Leben gerade für ihn parat hält. Wenn Sie so wollen, ist es eine Verarbeitung der komprimierten Vielfalt, die ihm präsentiert wird. Präsentiert entweder als wilder Haufen in kürzester Zeit, als eine Mixtur, die einen über Wochen und Monate auf Trab hält oder als eine Kombination aus beidem.

Vielfalt dieser Art ist nicht ganz ohne. Nicht ohne? Moment, ist Vielfalt nicht wünschenswert? Die Würze im Leben. Etwas, das für Abwechslung im Alltag sorgt, Highlights hineinschummelt und so das Aufkommen von Langeweile verhindert?
Ein irgendwie interessantes Phänomen, dass der Begriff Vielfalt – von der ersten Empfindung her – positiv besetzt ist und sich doch im nächsten Moment zeigt, es handelt sich in dieser undifferenzierten Form nur um ein nachlässig entstandenes Vorurteil.
Hinzu kommt: Gerade das Beispiel Vielfalt demonstriert exzellent, dass das Vorhandensein eines Vorurteils keineswegs automatisch mit der negativen Betrachtung und dem abwertenden Urteil über etwas (Objekt, Situation, Person) einhergehen muss.
Obwohl wir Vorurteil gefühlt stets mit Negativem in Verbindung bringen, es gibt auch positive Vorurteile! Die sind allerdings nicht besser, nur anders. Ein positiv ausfallendes Vorurteil formt sich unter Umständen aufgrund des Aussehens oder der Kleidung eines Menschen, entsteht automatisch auch im Fall von verklärtem Wunschdenken … und eben bei der Einschätzung der ach so tollen Vielfalt, die – sobald sie nicht selbst geformt sondern fremdgemischt untergeschoben wird und zudem höchst unausgewogen ist – ganz schnell ihren blauäugig angenommenen, selbstverständlichen Liebreiz verliert.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich heute darüber auslasse. Ich eiere im Grunde herum. Nähere mich an … Ich möchte erzählen, was mich bewegt und beschäftigt, und gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht alles im Detail mit der Öffentlichkeit teilen kann und werde.

Mich fordert das, was das Leben mir seit einiger Zeit an Vielfalt zusammenmischt, enorm. Ich sehe durchaus, dass es nicht nur Strapaziöses/Negatives ist, denn ich bin verdammt gut im Finden von Lichtblicken, freue mich schon über Winzigkeiten, weiß gegenzusteuern, und bereits fünf Minuten Ruhe geben mir viel. Abgesehen davon passierte zwischendurch auch Superschönes, so ist es ja nicht. Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich habe eine derart fordernde Mixtur nicht bestellt und würde liebend gern ein Weilchen die Annahme verweigern.

Beispiel?
Saßen Sie schon einmal zwischen zwei Menschen, von denen der eine später umgebracht, der andere dessen Mörder wurde? Auch wenn Sie dem Opfer letztendlich gar nicht eng verbunden waren, ein brutaler Mord erschüttert, und wenn dieses Opfer – ein junger, freundlicher Mensch – einem Ihrer unmittelbaren Angehörigen nahestand, fühlen Sie mit.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie obendrein fürchten müssen (berechtigt oder nicht kann einem in dem Moment niemand sicher sagen), dass Ihre Familie womöglich selbst Ziel des offensichtlich kranken Täters werden könnte? Sie Schutzmaßnahmen ersinnen?
Würden Sie sich schämen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie erleichtert darüber sind, dass der Täter Selbstmord begeht (und somit keine Bedrohung mehr darstellt)?

Sind Sie womöglich auch mit viel Krankheit im familiären Umfeld konfrontiert? Sind Angehörige eventuell Pflegefälle? Scheinen manchmal die 24 Stunden des Tages einerseits hinten und vorne nicht auszureichen und andererseits hält die Energie manchmal nur noch für die Hälfte des Tages?
Der ewige Akt mit sämtlichen Beteiligten und (ungern) Zuständigen, damit alles irgendwie läuft. Behörden, Krankenkasse, Pflegekasse, Ärzte, ambulanter Pflegedienst. Auftreiben der Hilfsmittel, Verordnungen, Genehmigungen, der Formularwust … Unvorhergesehenes, das alles durcheinanderwirbelt. Die Stöcke, die einem zwischen die Beine fliegen, wenn man denkt, es hätte sich gerade eingespielt.

Ein unverschuldeter Autounfall mit Blechschaden. Der Gegner sieht die Sache aber anders. Es klärt und klärt sich nicht, das Auto kann seit Wochen nicht zur Werkstatt.

Der Rettungseinsatz in den heimischen vier Wänden, bei dem die Besatzung des Rettungswagens nicht ausreicht, die Feuerwehr dazugerufen wird und letztendlich acht Mann den verletzten Kranken aus der Not-
situation befreien. Krankenhausaufenthalt über Wochen, die plötzliche Ankündigung der Entlassung, jedoch keine Aussicht mehr, die Pflege in diesem Zustand wie bisher weiterhin zu Hause schaffen zu können. Unter extremen Zeitdruck die schwierige Suche nach einem möglichst nahe gelegenen, freien Kurzzeitpflegeplatz …
Zustandsverschlechterung, zweimalige Verschiebung der Entlassung, deren Ankündigung einem sowieso unbegreiflich erscheint. Weitere befremdliche Erlebnisse im Krankenhaus. Erneute, massive Verschlechterung, die Ärzte sehen keine Behandlungsmöglichkeiten mehr.
Am Dienstag hieß es Abschied nehmen von meinem Stiefpapa, der mir über vierzig Jahre mehr Papa war als der leibliche es jemals sein konnte. Sorge um die Mama …

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Vorbehalte gegen die Vielfalt. Gegen diese fremdgemischte, aufgezwungene Vielfalt, die so kolossal anstrengt, die müde und traurig macht.

Wenn ich also weiterhin hier im Blog nicht so präsent bin – ich muss ein wenig haushalten mit den Kräften, muss andere Prioritäten setzen, aber lese dennoch gern bei allen Bloggerkollegen mit. Ich bitte nur um Verständnis, dass es oft mit Verspätung erfolgt, mir nicht immer die Zeit bleibt, ausführlich zu kommentieren oder die Energie da ist, mich irgendwo in Diskussionen einzuschalten. Ich habe alles eher auf Sparflamme laufen.

Bevor ich mich nun für dieses Mal verabschiede, proste ich Ihnen noch schnell zu und zwar mit Kakao, einer guten Nervennahrung. Die kleine Enkelin (3,5 J.) meinte übrigens kürzlich beim Frühstück: „Kakao ist mein liebster Kaffee.“
Und ihren aus dem Brötchen gebrokelten Teigknödel untersuchend, entwickelte sich obendrein via das Thema Roggenmehl ein Gespräch über Getreide allgemein. Wir hatten am Wegrand am Vortag bereits Gerste entdeckt und auf einer Verpackung war eine Roggenähre zu sehen. Sie interessierte dich für das unterschiedliche Aussehen und wollte auf einmal Details wissen, um selbst zu erkennen, was was ist. Ja, da staunt man!
Gut, ich habe es ihr altersgemäß erklärt, meine eigene Eselsbrücke zum schnellen Bestimmen versteht sie erst später, wenn sie Lesen und Schreiben kann.

Doch ich frage bei der Gelegenheit einmal hier nach: Wenn man Sie zur Bestimmung an den Feldrand stellte, könnten Sie die Hauptgetreidearten auseinanderhalten?
Hafer ist speziell und gut zu bestimmen, nur wie ist es mit den anderen Getreidesorten? Welche Halme haben oben Grannen, diese borstenartigen Spitzen? Und bei welcher Art von Getreide sind sie kurz, wo lang? Was ist ohne? Falls Sie hin und wieder unsicher sind, ich merke es mir gern damit:
.

Gerste fängt mit einem großen G an –>  hat große (lange) Grannen.
Roggen hat lediglich kleine Gs im Wort –> besitzt nur kleine Grannen.
Weizen hat überhaupt kein G –> hat gar keine Grannen.

.
.

Wundern Sie sich bitte nicht über den Themenwechsel am Ende. Es ist einfach meine Art, zur Normalität zurückzukehren und auf sicherem Weg schnell zur alten Gelassenheit zurückzufinden.

.

Schöne Pfingsten und bis zum nächsten Mal!

.
.

©by Michèle Legrand, Juni 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , ,

65 Kommentare

Bitte recht freundlich oder Vorsicht Kamera! – „Public Face“ in der Hamburger Speicherstadt

Heute habe ich Ihnen lediglich eine Kleinigkeit mitgebracht. Jetzt lachen Sie nicht, es wird wirklich kurz, denn zu umfangreichen Beiträgen komme ich momentan noch gar nicht wieder.

Ich bin am Dienstagmorgen in die Innenstadt gefahren um etwas abzuholen und habe mir im Anschluss einen kleinen Schlenker Richtung Hafen gegönnt. Irgendwann werden Sie hier im Blog auch sehen, weshalb ich sogar recht gezielt dort war – und zwar vor dem Erscheinen von Menschenmassen. Dass Trubel naht ist sicher, denn am kommenden Wochenende (10-12.05.2019) wird Hafengeburtstag gefeiert. Die ersten Vorkehrungen habe ich bereits mitbekommen (Absperrungen, Sicherungen, Aufbau zusätzlicher Stromkästen etc.)

Doch vorweg würde ich Ihnen heute gern schon etwas ganz in der Nähe zeigen, wofür Hafen und Landungsbrücken ein prima Ausgangspunkt sind.
.

Hamburg - Niederbaumbrücke - Blick Richtung Binnenhafen

Hamburg – Niederbaumbrücke – Blick Richtung Binnenhafen

.
Wenn Sie sich ostwärts halten und am U-Bahnhof Baumwall über die Niederbaumbrücke Richtung HafenCity und Speicherstadt abbiegen, haben Sie voraus die Elbphilharmonie und erblicken links das Hanseatic Trade Center. Es geht jedoch nicht in den modernen, neu entstandenen Teil des Stadtviertels, sondern gleich hinter der Brücke links Richtung Binnenhafen. Während Sie am Wasser entlangspazieren, tauchen zu Ihrer Rechten einige Neubauten auf, die sich trotz modernen Glasflächenanteils im Stil den alten roten Speicherbauten, die bald darauf anschließen, anpassen.
.

Hamburg - HafenCity (Speicherstadt) - Amundsen Haus

Hamburg – HafenCity (Speicherstadt) – Amundsen Haus

.

Beim Blick über das Wasser hinüber zur Alt- und Neustadt können Sie das Mahnmal St. Nikolai und auch die Hauptkirche St. Katharinen ausmachen. Auf dem nächsten Foto entdecken Sie am gegenüberliegenden Ufer etwa in der Mitte ein großes Gebäude, das Haus der Seefahrt. Und just dort (links vom Haus) ist der Eingang zur Deichstraße  mit ihren alten, restaurierten Bürgerhäusern. Von der Hohen Brücke (rechts vom Haus) haben Sie einen exzellenten Blick auf die Rückfronten der historischen Häuser direkt am Nikolaifleet.
.

Hamburg - Binnenhafen - Blick hinüber zum Haus der Seefahrt (Ecke Deichstraße)

Hamburg – Binnenhafen – Blick hinüber zum Haus der Seefahrt (Ecke Deichstraße)

.

Bleiben wir weiter auf dem einmal eingeschlagenen Weg, nun entlang der alten Speicher.  Wenn Sie zwischendurch einfach einmal einen Moment die Augen schließen, kann es passieren, dass Ihr Kopfkino anspringt und Sie das ein oder andere kleine Abenteuer erleben. Wollen Sie es wagen?

Die Straße vor den Häusern am Binnenhafen besitzt noch das alte Kopfsteinpflaster. Ohne (moderne) optische Ablenkung wird ein ganz anderes Hörgefühl erzeugt. Autos unserer Zeit, die langsam vorbeihubbeln, könnten vom Empfinden her ebenso gut Fahrzeuge aus vergangenen Tagen sein. Mit geschlossenen Augen riecht das Elbwasser viel intensiver, das Tuten und Hupen der Hafenfähren und -barkassen wird auffälliger …
Sind die Augen noch zu? Gleich kommt ein alter Ewer vorbeigesegelt … Der Käpt’n am Ruder, die Pfeife im Mundwinkel. Schuten gleiten durch die Fleete und bringen Ware zu den Lagerhäusern. Teppiche. Und Gewürze. Oder Kaffee …!?   Wie aus dem Nichts strömt auf einmal intensiv der Geruch frisch gemahlenen Kaffees. Während Sie noch die Luft einziehen und den Duft inhalieren, klappt nicht weit entfernt eine Tür und gedämpft, aber eindeutig, erreichen Sie Schreie, die leicht panisch klingen …

Sobald Sie Ihre Augen wieder öffnen, werden Sie merken, es hat nicht nur niemand die Zeit zurückgedreht, es gibt auch für alles einen hundsnormalen Grund. Eine Kaffeerösterei hat hier nämlich ihren Sitz, und ein kleines Stück dahinter gelegen befindet sich das Hamburg Dungeon, eine Art Gruselkabinett, das mit einigen seiner Horrorszenarien aus der Geschichte des sehr frühen Hamburgs manchen zum Schwitzen bringt – oder eben Angstschreie auslöst.
.

Hamburg - Binnenhafen_Zollkanal - Speicherstadt_Kaffeerösterei

Hamburg – Binnenhafen/Zollkanal – Speicherstadt mit Kaffeerösterei

.

Das inzwischen international bekannte Miniatur-Wunderland hat sich in diesem Speichergebäude darüber und über weitere Etagen ausgebreitet.
.

Hamburg - Speicherstadt - Hamburg Dungeon und das Miniatur-Wunderland

Hamburg – Speicherstadt – Hamburg Dungeon und das Miniatur-Wunderland

.

Lassen Sie die Brooksbrücke am Hamburg Dungeon hinter sich und visieren Sie stattdessen die nächste, die Kibbelstegbrücke an. Sie ist unser heutiges Ziel. Der Binnenhafen liegt mittlerweile hinter uns, ab jetzt wird das Wasser neben Ihnen Zollkanal genannt.
Die Kibbelstegbrücke … Im Dunkeln wäre Ihnen sofort klar, was ich Ihnen zeigen möchte, denn mit der Neonbeleuchtung fällt es sofort ins Auge. Doch auch am Tag kann man es sehen. Schauen Sie einmal zur Brückenmitte. Oberhalb des Geländers  …
.

Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - Kunstinstallation "Public Face" (Smiley) an der Kibbelstegbrücke

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Kunstinstallation „Public Face“ (Smiley) an der Kibbelstegbrücke

.

Im November letzten Jahres wurde (für begrenzte Zeit) ein großer Smiley installiert. Die Skulptur mit einem Durchmesser von fünf Metern nennt sich „Public Face“ und stammt aus dem Programm „Imagine the City“. Ganz neu ist die Idee mit dem Smiley nicht, ursprünglich  entstand „Public Face“ (2010) für die Hafeneinfahrt von Lindau am Bodensee.
Wenn Sie jetzt staunen, dass etwas wie ein Smiley zur Skulptur erhoben wird, dann lassen Sie sich sagen, wie das Ganze zur Kunstinstallation wurde und so ungefähr funktioniert bzw. gedacht ist.

Stellen Sie sich den Smiley nicht als reines Spielzeug und ewig lächelnden Gesellen vor, sondern als Stimmungsbarometer. Drei Künstler (Julius von Bismarck, Benjamin Maus und Richard Wilhelmer) haben sich ihn als interaktives Kunstwerk ersonnen, das nicht immer ganz unumstritten ist, denn damit es funktioniert, müssen Überwachungskameras installiert sein und ihre Dienste tun.
Diese Kameras erfassen den Ausdruck in den Gesichtern von Passanten. Eine Software analysiert die eingehenden Daten und mittels eines Algorithmus wird es auf die Skulptur übertragen. Der Smiley „kann“ traurig, glücklich, überrascht oder sauer sein. Genauer gesagt, er kann so wirken indem er die entsprechen-
den Emotionen darstellt. Er lässt die Mundwinkel hängen, lächelt oder schaut einfach recht konsterniert bis gleichgültig drein. Die Position einer den Mund darstellenden Neonröhre wird an den Mundwinkeln mit Motorenhilfe verändert. Und im Dunkeln erkennen Sie sogar zwei zusätzliche waagerechte Röhren in den Augen, die leuchten, wenn er traurig ist (weint). Beim Lächeln hingegen sind die Augen rund/geöffnet.

Es lässt sich bei Kunstobjekten natürlich stets eine ganze Menge mehr hineininterpretieren. Je nach Art der Betrachtung werden sich unterschiedliche Schlüsse ziehen lassen, die wieder zu unterschiedlichen Aus-
legungen führen. Betrachter wird es mehr oder weniger inspirieren. Ein und dieselbe Installation kann leicht für absolut konträre Reaktionen sorgen.
Man kann sich in Smileys Fall diverse Absichten ausführlich erklären lassen und überhaupt näher erfahren, wie das mit Kunst und Kultur in der HafenCity und mit den Menschen, die hier leben, gemeint ist. Es geht obendrein um den Wunsch nach einer steigenden Wertschätzung von Kunst und um den Fakt, dass diese eindeutig auch „verstören und irritieren“ darf. (Ich lasse Ihnen im Anschluss einen Link da, falls es Sie interessiert, mehr darüber zu lesen.)

Als ich dort Dienstag eintraf, war „Public Face“ zunächst recht missmutig. (Wieder einmal, ich habe ihn schon öfter betrachtet.) Eine Minute später hielt ein Reisebus mit einer asiatischen Reisegruppe ganz gezielt neben der Kibbelstegbrücke. Die Smiley-Skuptur dient mittlerweile als anzufahrende „tourist attraction“.
Ihr Prinzip wurde den Gästen auf Englisch erläutert, woraufhin sich die Mienen schnell erhellten. Gelächter, eifriges Geplauder und gutgelauntes Posieren, dauerklickende Kameras und Handys. Die Überwachungskamera bekam in kurzer Zeit reichlich neue Daten und dank des positiven Futters gingen die Mundwinkel prompt nach oben.
.

Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - Smiley an der Kibbelstegbrücke reagiert erfreut auf lächelnde Touristen ....

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Smiley an der Kibbelstegbrücke reagiert erfreut auf lächelnde Touristen ….

.

Kurz darauf folgte der Aufruf, nun bitte wieder an Bord des Busses zu kommen. Nicht einmal eine Minute später war nichts mehr übrig von der lachenden Menschenansammlung, was unser Smiley – als die aktualisierten Daten ihn erreichten – etwas konsterniert zur Kenntnis nahm …
.

Hamburg - HafenCity/Speicherstadt - "Public Face" (Smiley) leicht konsterniert ...

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – „Public Face“ (Smiley) leicht konsterniert …

.

Anhaltende Nichtbeachtung und das zusätzliche Einfangen von offenbar griesgrämigen Gesichtsausdrücken, machten aus dem „gleichgültig-skeptisch“ ein „ich bin echt mucksch“. (Falls Sie diesen Ausdruck aus Ihrer Region nicht kennen, es bedeutet so viel wie sauer, eingeschnappt.)
.

Hamburg – HafenCity/Speicherstadt – Missgelaunter Smiley ….

.

Sämtliche demonstrierbaren Emotionen in kürzester Zeit … Die Installation ist kurzweilig – um einmal ganz allgemein etwa dazu zu sagen. Es ist auch interessant zu beobachten, dass es erstaunlich häufig um die Laune der Bevölkerung bzw. der Passanten überhaupt nicht gut bestellt sein muss, denn das Lächeln erscheint beim „Public Face“ sehr viel seltener als die Ausdrucksformen Gleichgültigkeit und Traurigkeit. Wie kommt’s?

Jetzt mal unter uns, nicht ganz so ernst und schon gar nicht wissenschaftlich begründet. Lediglich laut gedacht.
Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass dermaßen viele Muffelköppe vorbeikommen! Liegt es womöglich nur an der Erkennung und Programmierung? Wir sind in Hamburg, bei Hanseaten! Dauert es vielleicht viel zu lange, ehe die Mundwinkel den Impuls erhalten hochzugehen? Muss so ein Hanseat womöglich für seine Verhältnisse völlig unnatürlich grinsen, ehe es für die Kamera und die Auswertung als ein akzeptables Lächeln durchgeht?
Bei einem angenommenen, derart strengen Maßstab, wäre quasi ein neutraler Ausdruck bereits negativ …

Mich treibt auch folgende Frage um: Wenn zwei Passanten von der Kamera erfasst werden, von denen einer extrem strahlt und einer finsterst grummelt, was macht die Software daraus? Den Durchschnitt? Das würde zumindest das unterproportionale Auftauchen des Lächelns erklären und den dafür oft zu sehenden geraden Strich als Mundlinie.

Kunst. Oft umstritten. Doch was sie immer erreicht, ist, dass der Mensch – egal, wie er im Speziellen gerade dazu steht – sich gedanklich willentlich oder unwillentlich in irgendeiner Form damit beschäftigt. Ziel erreicht, oder?

Und nun lasse ich Sie wieder allein. Sie werden zugeben, es war kurz heute.  Im Vergleich zumindest … ^^

.
Bis zum Wiederlesen!
.

Mehr über die Kunstinstallation hier:
„Wie ein Riesensmiley die Hamburger verstören soll“ – Hamburger Abendblatt

.

©by Michèle Legrand, Mai 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , ,

60 Kommentare

Hamburg: Auf Ausweichstrecken unterwegs / (1) Wenn das Wasser noch gar nicht zu Ende ist … Auf Erkundung zwischen Eppendorfer Mühlenteich und Fernsicht

Diesmal – es wird sicherlich nicht das letzte Mal sein – möchte ich gern mit Ihnen eine Wegstrecke erkunden, die ich als Alternativvorschlag bezeichnen würde, wenn es darum geht, eine weniger überlaufene Route zu wählen und netterweise trotzdem stets ein Quäntchen Wasser neben sich zu haben.
.

Hamburg - Leinpfad - Spaziergang an der Alster mit Ausblick ...

Hamburg – Leinpfad – Spaziergang an der Alster mit Ausblick …

.

Dazu ein Hinweis vorweg:
Dies ist ein Beitrag, der länger ausfällt. In meinen Augen haben Sie – speziell als Hamburg-Interessierter, der gern auch einen Blick zurück in die Geschichte wirft – einfach mehr davon, wenn Zusammenhängendes nicht in tausend Einzelbeiträge gesplittet wird. Gönnen Sie sich ruhig Pausen beim Lesen oder falls Sie tatsächlich nur bestimmte Punkte interessieren sollten, springen Sie und orientieren sich dabei an den Zwischenüberschriften bzw. Fotos.

Alternativstrecken – Wozu braucht man denn Ausweichrouten?

Ich werde immer wieder einmal darauf angesprochen, wo man auf Stadtgebiet noch so „ein bisschen laufen könnte“. Hübsch gelegen, schnell und gut –  im Idealfall mit öffentlichen Verkehrsmitteln – erreichbar. Eine überschaubare Fußstrecke evtl. mit der Option auf Verlängerung, sollte einen spontan die Lust packen. Dennoch alles nicht zu ambitioniert. Einfach so  … unkompliziert.

Für mich selbst wähle ich ebenfalls gern derartige Ziele. Etwas, was absolut kein Geheimtipp sein muss, je-
doch von den Massen aus welchem Grund auch immer leicht ignoriert wird und daher von Überfüllung verschont bleibt.

Mich stören nicht grundsätzlich Menschen. Ich empfinde es unterwegs allerdings als anstrengend, wenn ich nie in meinem eigenen Gehtempo vorankomme. Immer nur ausweichen und abbremsen ist auch nicht das Wahre. Völkermassen, die sich schieben … Kommt es Ihnen bekannt vor? Da wird auf ganzer Wegbreite geschlendert, denn schon Minigruppen aus vier oder fünf Personen gehen auffallend gern alle nebeneinander. Bestenfalls leicht versetzt, was es im Prinzip auch nicht schmaler macht. Ihre Chance, daran vorbeizukommen, ist jedenfalls minimal. Gegenverkehr herrscht schließlich auch noch. Und selbst wenn Sie ein Hindernis dieser Art geschafft haben, es folgen ständig weitere.
Es ist vergleichbar mit einer Treckerparade, die eine schmale Landstraße langtuckert. Ohne Lücken, mit riesigen Heuanhängern, die allesamt Überbreite haben und unvermutet ausschwenken.
Unter derartigen Umständen gerät ein Spaziergang mittendrin sogar völlig ins Stocken, sobald sich nämlich vorderen Teil der Karawane mal wieder jemand überlegt, Diskussionen abzuhalten, aus diesem Anlass stoppt und längerfristig mittwegs campiert. Wenn nicht schon dadurch, so führt spätestens das zwangsläufige Kleben an den Fersen Ihres Vorläufers dazu, dass Sie ruckdizuck für die nächsten ein oder zwei Kilometer in den zweifelhaften Genuss lautstarker Unterhaltungen kommen, deren Inhalt Sie so überhaupt nicht interessiert.

Ich muss aufpassen, dass ich mich bei diesem Thema nicht in Form rede, wir dürfen die Erkundungstour nicht ganz aus den Augen verlieren. Oder möchten Sie wissen, wie es in der Hansestadt momentan so (ab)läuft?
Da es heute der Einführungsteil zum Thema Ausweichrouten ist, lassen Sie mich kurz – durchaus kritisch – auf die gegenwärtige Lage blicken, die andere Wege nötig macht. Ich glaube fast, dann wissen Sie – ob als Fremder oder Hamburger – Alternativrouten umso mehr zu schätzen.

Punktueller Andrang – Magnet Hamburg? … Oder liegt es vielleicht gar nicht nur am Reiz der Stadt?

Seit Hamburg sich immer mehr zu einem beliebten Ziel für Touristen genauso wie für Zuzugswillige mausert, bleibt ein Nebeneffekt nicht aus. Einer, der Besuchern wie Einheimischen zunehmend auffällt und der gelegent-
lich stört: Es wird an bestimmten Stellen mittlerweile zu voll. Dabei handelt es sich um eine Auswirkung, die sich aller Voraussicht nach noch verstärken wird.
Nicht allein durch aufstrebenden Tourismus und neue Hotels mit entsprechend kletternden Übernachtungs-
zahlen. Auch nicht nur bedingt dadurch, dass es weiteren Zuwachs an Neubürgern der Hansestadt gibt und geben wird. Was die Situation mit verschärft, ist die Tatsache, dass Wohnungsmangel herrscht und immer mehr Grünflächen für Wohnungsbauprojekte weichen müssen.

Hamburg – unendliche Weiten? Pustekuchen. Flächen, die als Bauland in Frage kommen werden rar. Die Stadtgrenzen stehen fest, es existieren keine Ausweitungsmöglichkeiten. Um dennoch möglichst viele Bau-
vorhaben durchziehen zu können, wird von der Politik eine Verdichtung favorisiert. Davon bleibt so gut wie kein Stadtteil verschont. In der Folge verlieren Anwohner einen nicht unerheblichen Teil ihrer Erholungspunkte im Viertel bzw. diese wichtigen und wertvollen Refugien verkleinern sich drastisch. Ein Oasensterben. Stattdessen Baustellen und Lärm, später die Wände des Neubaus direkt vor dem Fenster.

Um weiterhin etwas Grün zu sehen und frische Luft abseits von Hauptstraßen zu atmen, Entspannung oder auch Bewegung zu finden und soziale Kontakte zu pflegen – was alles durch die Veränderungen im Wohnquartier (Platzmangel, Grünflächenabschaffung, weniger Licht, höherer Schadstoffanteil, zugebaute Höfe, in denen man sich vorher traf etc.) kaum noch möglich ist – suchen daher zunehmend auch Hamburgs Bürger vermehrt genau die Orte auf, die von allen – Touristen inklusive – angesteuert werden.

Klar, Einheimische sehen sich nicht alle Nase lang die typischen Sehenswürdigkeiten an. Dort sind es weiterhin hauptsächlich Touristen, die mit den wühligen Gegebenheiten leben müssen. Die hier Ansässigen bemühen sich, das Gedränge irgendwie zu umgehen.
Im Fall von Karten für Theater und Musical, Tickets für Konzerte in der Elbphilharmonie, begehrten Plätze in angesagten Restaurants u. ä. wird es schon schwieriger. Gemeinsame Interessen, begrenztes Angebot, Sie ahnen das Malheur …
Ganz definitiv Überschneidungen gibt es bei der Auswahl der angepeilten Erholungsziele. Bei schönem Wetter trifft sich halb Hamburg zum Spaziergang an der Außenalster, zieht an die Elbe oder erobert den Stadtpark.

Der Stadtpark ist bisher noch Einwohnersache. Gäste von außerhalb haben dort in vielen Fällen zunächst
das Planetarium auf der Liste (Regenwettertipp schlechthin!) Oder strömen abends zu Konzerten auf der Freilichtbühne bzw. zu wirklich seltenen Großveranstaltungen wie dem Konzert der Rolling Stones im vergangenen Jahr. Ansonsten erhält einfach anderes den Vorrang. Und spaziert wird vorwiegend am Wasser.

An die Elbe wollen zwar alle, egal ob von hier oder auswärts, doch es entzerrt sich. Jemand auf Kurzbesuch bleibt meist schon aus Zeitgründen in Hafennähe. HafenCity mit Elbphilharmonie und Speicherstadt, Landungsbrücken, Fischmarkt in Altona und um den Elbstrand kennenzulernen Övelgönne mit Museumshafen. Oder direkt Blankenese mit Süllberg, Treppenviertel und Kapitänshäusern. Ganz gezielt.
Wer hier wohnt, mit Elbluft liebäugelt und feststellt, es wird wieder füllig, der läuft die Uferkilometer dazwischen oder pilgert dahinter, weiter elbabwärts.

Die Alster wiederum ist das Ziel aller. Binnen und vor allem Außenalster. Dort treffen sich Jung und Alt in Heerscharen. Entlang des Ufers sind es die Spaziergänger, Jogger, Nordic Walker, Kind-im-Kinderwagen-Ausfahrer, Hundebesitzer und Angler. Das Gebiet ist Mittagspausen- und Feierabendziel von Leuten, die in der Nähe arbeiten, der Ausflugswunsch von Vereinen, Wanderclubs, von Familien ebenso wie von Radfahrern. Und es ist Ausstiegsstation kompletter Reisebusladungen, die sich dann kurzzeitig eher punktuell am Ufer ergießen, meist um im Zuge dessen gleich ein Lokal aufzusuchen.
Auf dem Wasser kommen die SUPs (die mit der Vorliebe fürs Stand Up Paddling), die Ruderer, Kajakfahrer, Kanuten und Tretbootfahrer, die Gäste an Bord der Alsterschiffe, die Segler und, und, und … noch hinzu.

Sie sehen, es ist prinzipiell kein Ort der Einsamkeit, doch spätestens wenn nach grauen Tagen irgendwo ein Strahl Sonne durch die Wolken blitzt, haben urplötzlich einige Tausend Menschen die gleiche Idee: Raus und ans Wasser.
Nur – es MUSS nicht unbedingt die Außenalster sein. Wenn Ihnen nicht nach großer Wandergesellschaft und Stau zumute ist, kommen Sie mit. Wir spazieren heute dort, wo für die meisten immer der Weg aufhört: am nördlichen Ende Außenalster.

Tour 1

Wenn das Wasser noch gar nicht endet … Der Alsterlauf nördlich der Außenalster

Hamburg - Alster (Eppendorfer Ufer), Kloster St. Johannis

Hamburg – Alster (Eppendorfer Ufer)

.

Sie wissen, die Alster besteht nicht nur aus den beiden bekannten Seen. Dahinter ist keinesfalls Schluss mit Wasser. Die Alster ist vielmehr ein Fluss, dessen Quelle sich – vom oberen Zipfel der Außenalster aus – Luftlinie gesehen etwa 23 km weiter nördlich in Schleswig-Holstein befindet.
Das heißt andererseits aber auch, tatsächlich ist die Alster mit allen Windungen im Flusslauf bis zur Mündung in die Elbe 56 km lang, und von dieser Gesamtlänge wiederum fließen ca. 30 km auf Hamburger Gebiet.
Im Grunde sind sämtliche öffentlichen Spazierwege, die entlang des Alsterlaufs führen, geeignete, teils wunderbare Alternativspazierstrecken! Man muss sich definitiv nicht anderenorts ständig ins Gedränge begeben.

Es gibt gelegentlich Missverständnisse, darum: Wenn Sie irgendwo die Bezeichnungen rechtes und linkes Alsterufer lesen, dann lassen Sie sich nicht in die Irre führen, weil „gefühlt“ rechts auf einmal im Westen und links im Osten liegt. Man schaut in dem Fall von der Quelle, die – siehe oben – nördlich von Hamburg liegt.
Erwähne ich hingegen im weiteren Verlauf das West- bzw. Ostufer, so meine ich die Himmelsrichtungen, wie Sie sie beim Blick auf die Karte wahrnehmen.

Eppendorfer Mühlenteich

Wir starten am U-Bahnhof Lattenkamp. Mit der U1 sind es ab Jungfernstieg lediglich sechs Stationen. Ein perfekter Ausgangspunkt, um von dort aus an der Kreuzung die Bebelallee, eine viel befahrene Straße mit Villen, zu überqueren und ein Stück der abzweigenden Straße Meenkwiese zu folgen. Schon befinden Sie sich abseits vom Verkehr.
.

Hamburg - Kreuzung Bebelallee/Meenkwiese - Blick auf ein modernes, leicht rundliches, weißes Gebäude

Hamburg – Kreuzung Bebelallee/Meenkwiese

.

Hamburg - Kaum liegt die vielbefahrene Bebelallee hiner einem wird es merklich ruhiger - Meenkwiese - Drei Graugänse pickend auf dem Bürgersteig

Hamburg – Kaum liegt die vielbefahrene Bebelallee hiner einem wird es merklich ruhiger – Meenkwiese

.

Hamburg - Zum Alsterlauf und Eppendorfer Mühlenteich - Straße Meenkwiese mit ungewöhnichem Wohnhaus auf der rechten Straßenseite

Hamburg – Zum Alsterlauf und Eppendorfer Mühlenteich – Straße Meenkwiese

.

Warum ich Sie gerade hierhin entführe? Weil wir so nicht nur an die Alster, sondern auch an den Eppendorfer Mühlenteich gelangen, von dem Sie vielleicht in Erinnerung haben, dass sich dort das Winterquartier der Alsterschwäne befindet. Entsinnen Sie sich noch an die Bootsfahrt der Vögel im letzten November, nachdem der Schwanenvater sie an der Rathausschleuse zusammengetrieben und eingesammelt hatte?
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich mit dem Schwanenwinterquartier im Hintergrund

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich mit dem Schwanenwinterquartier im Hintergrund

.

Die Bezeichnung Teich verrät Ihnen bereits, da wurde etwas künstlich angelegt. Nur ist der Eppendorfer Mühlenteich nicht etwa ein extra geschaffener Ableger der Alster, diese liegt etwas östlich davon, sondern ist schon vor 756 Jahren (anno 1263) durch die Stauung der von Norden kommenden Tarpenbek entstanden. Zwischen Teich und Alster existiert jedoch eine Verbindung. Die uns zugutekommen wird …
.

Winterquartier der Alsterschwäne

.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne - Im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungbahn

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne – Im Hintergrund die Brücke der Güterumgehungbahn

.

Wie bei Teichen üblich, ist die Wassertiefe eher gering. Es bildet sich im Winter bei Minusgraden also recht schnell Eis. In dem für die Schwäne abgezäunten Teil wird bei Frost das Wasser jedoch mittels einer Umwälz-
pumpe eisfrei gehalten. Weiteres Plus: Es gibt Futter, wenn die Natur nichts mehr parat hält und im Fall der Fälle eine medizinische Versorgung.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne - Einige Schwäne hinter Metallzaun direkt am Ufer, ein Boot des Schwanenvaters außerhalb der Umzäunung am Ufer

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne

.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Winterquartier der Alsterschwäne

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Winterquartier der Alsterschwäne

.

Wie Sie unschwer sehen können, sind hier allerdings nicht nur die Schwäne, auch andere Vogelarten erkennen die Vorteile und mogeln sich gern dazwischen.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Auch andere Vogelarten nutzen gern das Winterquartier der Alsterschwäne ... Enten und Teichrallen innerhalb des abgetrennten Bereichs. Am Ufer aufgestapelte Paletten

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Auch andere Vogelarten nutzen gern das Winterquartier der Alsterschwäne …

.

Hin und wieder treffen Sie auf dem Teich auch im nicht abgezäunten Teil einzelne Schwäne an. Ob die aus dem Quartier ausgebüxt sind und es trotz meist gestutzter Flügel erfolgreich über den Zaun geschafft haben, ob es Alsterschwäne sind, die sich im November erfolgreich dem Einsammeln entzogen und damit vor dem Winter-
quartier gedrückt haben, oder ob es sich um völlig fremde Schwäne handelt, die sich eine Weile als Besucher dazugesellen – wer weiß das schon so genau.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Schwäne auch außerhalb der Einzäunung ...

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Schwäne auch außerhalb der Einzäunung …

.

Entlang des Ufers außerhalb des abgetrennten Bereichs statten häufig Graureiher dem Teich einen Besuch ab, obwohl sich deren Kolonie am Bramfelder See befindet. Für die Reiher ist es nur sehr praktisch, dass hier am Mühlenteich Angelverbot herrscht …
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Besuch von den Graureihern

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Besuch von den Graureihern

.

Auch Graugänse, Teichrallen und Enten sind hier vertreten.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Ob im eingezäunten Teil oder daneben - der Teich wird genutzt - Schwäne hinter dem Zaun, im freien Bereich vier hintereinander schwimmende Graugänse

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Ob im eingezäunten Teil oder daneben – der Teich wird genutzt

.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Einträchtiges Beisammensein auf dem Teich ....

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Einträchtiges Beisammensein auf dem Teich ….

.

Am Teich – Kleine Zeitreise …

Vielleicht fragen Sie sich auch an einigen Plätzen, die Sie besuchen, wie es dort früher wohl ausgesehen haben mag. Hier zum Beispiel – zu einem Zeitpunkt, als es Hamburg als Großstadt noch gar nicht gab, die Besiede-
lung außerhalb des damaligen Stadtkerns mit zunehmender Distanz immer spärlicher ausfiel …

Stellen Sie sich vor, dass hier einst verstreut nur ein paar Höfe standen und schließlich im 12. Jahrhundert ein Dorf inmitten und umgeben von sehr feuchter Weide- und Moorlandschaft entstand. Ein Bereich war richtiges Moorgebiet. Davon ist heute nicht sehr viel vorhanden, doch man hat versucht, die Überreste des Eppendorfer Moors als Naturschutzgebiet wieder aufzuwerten, und dazu wurde es zum Jahr 2015 um einiges vergrößert. Von dem Niedermoor mit enorm artenreicher Pflanzenwelt hat es sich im letzten Jahrhundert dennoch weit entfernt. Waren früher im Moor kaum Bäume oder Sträucher, treffen Sie heute auf waldähnliche Bereiche mit dazwischen liegenden offenen Wasserflächen. Sumpf-Glanzkraut oder Wasserschläuche, Sonnentau und Schnabelriede gab es früher, heute finden Sie eher Pfeifengras, Schlankseggen-Ried oder Gilbweiderich. Dazu Glockenheide, ansonsten Weidengebüsch, Faulbäume etc. Und Brombeeren! Die sind irgendwann eingewandert und arrangieren sich mit der Bodenbeschaffenheit.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Blick von Süd nach Nord

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich

.

Gehen Sie jetzt gar nicht mehr unbedingt Jahrhunderte zurück, wandern Sie gedanklich lediglich etwa 120 bis 130 Jahre in frühere Zeiten. Alles ist weiterhin sehr ländlich …
Die Brücke zum Beispiel, die Sie ganz hinten (Foto oben) erkennen, die gab es noch gar nicht. Doch Sie könnten nahe des Wassers das alte Schulhaus ausmachen. Kinder, auf dem Weg zum Unterricht …
Oder den Gasthof „Zur alten Eppendorfer Mühle“. Es ist ein warmer Sonntag im Sommer. Ihnen begegnen Spaziergänger, Einkehrende, die an Holztischen am Wasser sitzen, Ausflügler, die in einem Boot über den Teich paddeln … Wenn Sie genau hinschauen, sehen Sie Libellen, die im Sonnenlicht funkeln und manchmal einen Moment in der Luft zu stehen scheinen …
Die alte Schule wurde im Jahr 1890 abgebrochen, den Gasthof gab es bis 1901. Heute befindet sich ein Lokal mit sehr ähnlichem Namen an der Eppendorfer Landstraße, die Sie queren, sobald Sie am Teichende angelangt sind und dem Alsterlauf weiter folgen möchten.
.

Hamburg - Eppendorfer Mühlenteich - Verbindung zur Alster - "Zur Alten Mühle" und "Barmeiers Café" an der Eppendorfer Landstraße

Hamburg – Eppendorfer Mühlenteich – Verbindung zur Alster – „Zur Alten Mühle“ und „Barmeiers Café“ an der Eppendorfer Landstraße

.

Die einstige Wassermühle ist sehr lange schon Geschichte, die letzte Windmühle in dieser Gegend verschwand bereits 1904 …
.

Lassen Sie uns in die Neuzeit zurückkehren. Wir verlassen das Reich der Schwäne, die in knapp einem Monat wieder zurück auf Binnen- und Außenalster ziehen, ihre Reviere aufsuchen und nisten werden.

Alsterlauf – Eppendorf /Hayns Park

Mit Erreichen des Teichendes und nach Überquerung der Eppendorfer Landstraße beginnt der Spazierweg entlang der Alster. Weiterhin zählt das Ufer auf beiden Seiten zum Stadtteil Eppendorf. Auf der Westseite großflächig, am Ostufer ist es nur ein relativ schmaler Streifen. Kurz danach beginnt Winterhude. Hinter der Bebelallee (die kennen Sie von vorhin) liegt bereits die Stadtteilgrenze.

Bleiben Sie zunächst gern auf der Westseite, denn dort befindet sich gleich zu Beginn der Hayns Park mit großer Liegewiese, Pavillon und schönem Ausblick auf die Alster, die an dieser Stelle recht breit ist.
.

Hamburg - Eppendorf - Blick vom West- zum Ostufer der Alster (in Höhe Hayns Park)

Hamburg – Eppendorf – Blick vom West- zum Ostufer der Alster (in Höhe Hayns Park)

.

Hamburg - Eppendorf/Alster - Liegewiese Hayns Park (wird auch von Graugänsen gern besucht)

Hamburg – Eppendorf/Alster – Liegewiese Hayns Park (wird auch von Graugänsen gern besucht)

.

Sie finden Bootshäuser mit Verleih sowie eine SUP-Station. Auch der Alster-Canoe Club e. V. hat seinen Sitz in unmittelbarer Nähe.
.

Hamburg - Bootshaus Barmeier am Übergang von Eppendorfer Mühlenteich zur Alster

Hamburg – Bootshaus Barmeier am Übergang von Eppendorfer Mühlenteich zur Alster

.

Im Moment werden noch Teile des Uferbereichs sowie der Pavillon im Park saniert, so dass der Wanderweg am Wasser nicht durchgängig zur Verfügung steht und Absperrungen kleine Umwege nötig machen. Doch in der eigentlichen Saison ist alles wieder durchgängig nutzbar.
.

Winterhuder Fährhaus

Heute … 2019

Nach kurzer Zeit erreichen Sie bereits das Winterhuder Fährhaus an der Hudtwalcker Straße. Eine Straßen-
brücke führt dort über die Alster, so dass Sie auf die andere Flussseite wechseln können, um von nun an weiter dem Leinpfad zu folgen.
Auf dem nächsten Foto erkennen Sie den gläsernen Neubau des Fährhauses, in dem seit nunmehr auch schon wieder gut 30 Jahren das Theater „Komödie Winterhuder Fährhaus“ untergebracht ist.
.

Hamburg - Winterhuder Fährhaus mit Theater - Blick von der Hudtwalcker Straße - (Die Alster liegt links daneben.)

Hamburg – Winterhuder Fährhaus mit Theater – Blick von der Hudtwalcker Straße – (Die Alster liegt links daneben.)

.

Etwas eher … 70er Jahre

Ich bin hier in den Jahren von 1977 bis 1980 regelmäßig mit der U-Bahn langgefahren, oft an der in unmittelbarer Nähe liegenden Station Hudtwalcker Straße ausgestiegen. Damals stand anstelle des Glasbaus das alte Fährhaus auf dem Ufergrundstück. Ein imposanter Bau aus der Kaiserzeit! Ein recht großes, längs des Flusses errichtetes Gebäude mit einem sehr markanten Türmchen zur Straßenseite hin. Ein Ort mit Tradition. Er verkam nur mehr und mehr. Ein Feuer im Jahr 1977 gab nicht etwa den Anstoß für eine Sanierung und den Wieder-
aufbau, sondern leitete lediglich eine letzte „Verlodderperiode“ ein, die im Jahr 1979 mit dem Abriss des Hauses endete. Es dauerte geraume Zeit, ehe der Neubau stand. Erst im Herbst 1988 eröffnete das Theater.
.

Und noch früher… Winterhuder Fährhaus historisch

Etwas ist reichlich kurios an dem Fährhaus. Dem alten. Dem sogenannten … Wussten Sie, dass es trotz seines Namens im Grunde nie ein Fährhaus war bzw. nie als solches gebaut wurde?

Rein von der Begrifflichkeit her ist ein Fährhaus ganz simpel das Haus des Fährmanns. Als es hier noch weit weniger Brücken gab und daher Fähren einerseits zum Queren der Alster dienten, sie andererseits genauso auf dem Fluss pendelten und so die Außenbezirke mit dem Stadtkern verbanden, war der Beruf des Fährmanns in der Tat verbreitet, nur – in diesem Haus wohnte nie einer!

Stattdessen ließ ein Kohlenhändler das Gebäude 1854 für sich errichten. Damals als Wohnhaus, mit großem Schuppen nebendran für die Kohle. Mittlerweile gab es auf der anderen Seite der Brücke am Leinpfad einen Anleger für die „Alsterdampfer“, weiße, geschlossene Passagierboote. Es entstand nach und nach eine an-
sehnliche Flotte, die damals den Pferdekutschen an Land Konkurrenz machte.
Die Schiffe hatten natürlich entsprechend wenig Tiefgang, damit sie nicht am Grund des recht flachen Flusses langschrabbten und hängenblieben. Eine ganze Zeit fuhren sie sogar noch in die Nebenarme, die Kanäle, wo der Wasserstand für sie nicht vorteilhafter ausfiel.
Anleger, wie es sich am Leinpfad nannte, hört sich nach mehr an, als es tatsächlich war. Es war ein Steg am Ufer. Mehr nicht. Kein Dach oder irgendetwas, das Schutz gegen Wind und Wetter geboten hätte, rein gar nichts.
Wer dort bibberte oder sich vor Nässe schützen wollte, fragte manchmal gegenüber auf der anderen Straßen-
seite beim Hausherrn Carl Friedrich Jacobs vorsichtig an, ob er sich unterstellen dürfe, bis der Dampfer in Sicht sei. Der Kohlenhändler beantragte daraufhin sogar eine Konzession für eine „freie Wirtschaft“, nur war Gastronomie überhaupt nicht sein Ding. Den Klotz am Bein, sprich die Arbeit damit, wollte er möglichst schnell wieder loswerden. Ab 1867 übernahm daher ein anderer diesen ungeliebten Job, dem es gelang, das „Fährhaus“ als beliebtes Ausflugsziel zu etablieren. Wieder ein paar Jahre später wurde eine Tanzerlaubnis erteilt. Doch ebenso lokal gesehen, war Jacobs’ Haus von besonderer Bedeutung. Es diente als Ort für Versammlungen – selbst die Bürgervereinsgründung fand genau hier im „Fährhaus“ an der Alster statt.
Es gab bauliche Veränderungen. Die Ansicht, die ich aus den Siebzigern noch vor Augen habe, entstand 1895. Das Haus besaß richtige Tanzsäle, und es hingen große Kronleuchter von den Decken! Selbst als es bereits baufällig wirkte, hatte man immer das Gefühl, die Tanzkapellen wären noch vor Ort und es könnte jeden Moment Musik aus dem Gebäude erklingen …

Es gab Höhen und Tiefen im Laufe der Zeit. Ein Auslöser war zum Beispiel die Alsterregulierung mit dabei vollzogener Verbreiterung und Erhöhung der Straße. Diese Umgestaltung ließ einen großen Teil des Vorgartens verschwinden, und die neue Höhe bewirkte, dass aus dem einstigen Erdgeschoss auf einmal der Keller wurde.
Dann die beiden Kriege! Sie hatten ohne Frage ihre Auswirkungen, aber dazwischen und danach herrschte reichlich Leben im Fährhaus. Über Jahrzehnte. Kein Wunder, dass bei der Bevölkerung Verfall und geplanter Abriss auf starkes Missfallen stießen.

Nur, Sie sehen, ungeachtet seiner vielseitig ausfallenden Nutzung, zu einem echten Winterhuder Fährhaus
hat dieses Haus es nie gebracht. Stattdessen war es Kohlenhandlung, Tanzlokal, Restaurant, Theater, Gefangenenlager, Kulissenmalatelier und Tagungsort.
.

Alsterschiffe und Hochbahn

Hier am Anleger auf der Leinpfad-Seite halten bis zum heutigen Tage die Boote der Alsterschiffflotte. Sollten Sie auf einem Spaziergang wider Erwarten auf einmal schlapp machen, können Sie sich per Schiff Richtung Außenalster und weiter zur Binnenalster bis an den Jungfernstieg fahren lassen. Oder umgekehrt, Sie starten in der Stadt.
Rundfahrtschiffe drehen in der Regel im Norden der Außenalster an der Krugkoppelbrücke, die Linienschiff-
fahrt hingegen kreuzt auf dem großen See und fährt anschließend die Alster weiter hinauf bis zum Anleger Winterhuder Fährhaus. Dort ist Endpunkt und Umkehr.

Wenn Sie sich für Linie statt Rundfahrt entscheiden, bleiben Ihnen alle Möglichkeiten, was den Zu- oder Ausstieg angeht. (Es wird nur nicht so viel erzählt während der Fahrt.) Ab April fahren die Schiffe wieder kreuzend, winterliche Fahrten gibt es nur auf der Außenalster als Rundtour. Zusätzlich sind in der Saison Kanalfahrten und Dämmertörns im Angebot.
.

Hamburg - Anleger "Winterhuder Fährhaus" im Winterschlaf. In der Saison ab April hat das Café Leinpfad wieder geöffnet - Verlassener Anleger, Mit Folien geschützte Sonnenschirme.

Hamburg – Anleger „Winterhuder Fährhaus“ im Winterschlaf. In der Saison ab April hat das Café Leinpfad wieder geöffnet

.

Hamburg - Alster - Blick von der Brücke Hudtwalcker Straße flussabwärts. Hochbahnbrücke Linie U1

Hamburg – Alster – Blick von der Brücke Hudtwalcker Straße flussabwärts

.

Schauen Sie einmal den Fluss hinab. Gleich rechts ist der Seelemannpark. Aber sehen Sie die Brücke und was darauf fährt? Richtig, das ist keine Straßenbrücke, dort fährt die Hochbahn. Es gibt ein Foto von 1913,
welches aus dieser Perspektive aufgenommen worden ist, und seitdem hat sich optisch nicht viel verändert.
Das Gebäude jüngeren Datums am Leinpfad links müssten Sie nur kurz ignorieren.

Der Hamburger Senat genehmigte im Jahr 1905 Hochbahnpläne für gleich zwei Strecken und erteilte in dem Zuge den Auftrag zum Bau einer neuen Zweiglinie Richtung Norden. Startpunkt sollte der Bahnhof Kellinghusenstraße sein, ihr Endpunkt Ohlsdorf, eine Strecke mit insgesamt vier neuen Stationen: Hudtwalcker Straße (wo wir gerade sind und auf der Straßenbrücke stehen), Lattenkamp (wo wir starteten), Alsterdorf und die Endstation Ohlsdorf.
Dafür musste die Bahn nur irgendwie über die Alster kommen, also wurden insgesamt zwei Brücken errichtet. Auf der vorderen, die Sie hier sehen, fährt seit 1914 und bis heute die U-Bahn-Linie U1 auf eben genannter Strecke. Auf einer dahinter entstandenen Brücke überqueren Züge der Linie U3 den Fluss. Auch sie startet an der Kellinghusenstraße und endete damals (Einweihung Mai 1912) zunächst in Barmbek.
.

Hamburg - Leinpfad - Hochbahnbrücke Linie U1

Hamburg – Leinpfad – Hochbahnbrücke Linie U1

.

Leinpfad (Winterhude)

Ab jetzt sind wir in Winterhude, zumindest auf dieser Uferseite, drüben ist weiterhin Eppendorf. Der Leinpfad, auf dem wir weiterlaufen werden, führt 1,6 km stets am Wasser entlang, ist mit eine der schönsten Wohnstraßen – und eine enorm geeignete Spazierstrecke! Seit nämlich der Umbau zur Fahrradstraße erfolgte, ist nur noch Anliegern die Zufahrt mit dem Auto erlaubt, was es für Spaziergänger sehr viel ruhiger und attraktiver macht. Eineinhalb Jahre dauerte der Umbau, brachte Kosten in Höhe von 1,4 Millionen Euro mit sich, doch nach der Einweihung 2017 wurde die Radstrecke als Teil der Veloroute 4 schnell gut angenommen.
.

Hamburg - Leinpfad - Entspannt geht es zu seit dem Umbau zur Fahrradstraße ...

Hamburg – Leinpfad – Entspannt geht es zu seit dem Umbau zur Fahrradstraße …

.

Hamburg - Leinpfad - Ältere Villa mit Sprossenfenstern und Giebeln (Fachwerk) zur Straße hin

Hamburg – Leinpfad

.

Hamburg - Leinpfad - Nicht nur Altbauvillen ...

Hamburg – Leinpfad – Nicht nur Altbauvillen …

.

Hamburg - Leinpfad

Hamburg – Leinpfad

.

 

Was vermuten Sie, wie der Name Leinpfad entstand? Besteht eine Verbindung zur Pflanze Lein? Jein – also eher um die Ecke herum. Als Lein– oder Treidelpfad bezeichnet man einen Weg, der aus einem ganz bestimmten Grund direkt am Ufer von Flüssen und Kanälen angelegt wurde: Er ermöglichte es, dass Menschen oder auch Zugtiere Boote, Schuten oder Frachtschiffe flussaufwärts ziehen konnten.
Die sog. Treidler am Ufer waren über ein Tauwerk mit dem zu ziehenden Objekt auf dem Wasser verbunden.

Wenn Sie heutzutage hier aufs Wasser sehen, entdecken Sie häufig Wassersportler oder Ruderboot und Kajak in einem der Gärten, die drüben direkt Zugang zum Fluss besitzen. Nur als 1866 der Leinpfad seinen Namen erhielt, war die Alster nebenan nicht das Terrain von Wassersportlern und Ort für Freizeitaktivitäten, der Fluss war ein Verkehrsweg.
Sie dürfen nie vergessen: Es gab zu Lande nicht die Infrastruktur, wie wir sie heute oder aus den letzten Jahrzehnten kennen. Wasserwege waren wichtige Transportwege, die rege und bestmöglich genutzt wurden. Hier auf der Alster wurden Schuten und Kähne durch Treidler sogar hinauf bis nach Poppenbüttel zur Schleuse gezogen. Nageln Sie mich nicht fest, aber es dürften ab Ende Außenalster gerechnet so um die 16 km Flussstrecke zusammenkommen. Und was Sie vielleicht nicht vermuten würden: Bereits im 15. Jahrhundert war Treideln eine Tätigkeit, die hauptsächlich Frauen ausführten. Richtig voll beladen wurden die Schuten allerdings mehrheitlich von Pferden gezogen.
.

Hamburg - Alsterufer (Leinpfad) - Stand Up Paddling ... (SUP)

Hamburg – Alsterufer (Leinpfad) – Stand Up Paddling … (SUP)

.

 

Winterhude – Alsterniederungen / Aus Sumpf wird Bauland …

Wie schon das Gebiet am Eppendorfer Mühlenteich, stellte sich auch die Gegend hier als sehr sumpfige Niederung heraus. Selbst heute noch steht an bestimmten Stellen – speziell auf den breiten Alsterwiesen an der Außenalster – nach Regen das Wasser oft sehr lange in Riesenpfützen …
Da fragt man sich schon, wie auf einem dermaßen matschigen Untergrund gebaut werden konnte, und wie in aller Welt gerade hier eines der teuersten Wohngebiete entstand.

Jemand, der erkannte, dass Wohnraumbedarf und Nachfrage im damaligen Randgebiet an der Außenalster, aber auch nordöstlich von ihr entstand, war ein Herr Sierich. Der, nachdem heute eine viel befahrene Straße benannt ist, die – völlig unüblich – eine Einbahnstraße mit Wechselbetrieb ist. Bis 12 Uhr mittags geht es
dort nur stadteinwärts, danach bis 4 Uhr morgens nur stadtauswärts. Das funktioniert, weil an sämtlichen einbiegenden Straßen Verkehrschilder mit Wechselanzeige stehen, die der Tageszeit entsprechend umgeschaltet werden.
Doch zurück zur Alster. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es in der Innenstadt zunehmend eng. Zuerst lockte das Terrain auf beiden Seiten der Außenalster, besser Betuchte zogen am Ostufer ans Rondeel (mit Teich) oder an die Bellevue, die Straße mit der schönen Aussicht aufs Wasser im nördlichen Abschnitt des Alstersees. Doch irgendwann schien Winterhude ganz generell eine probate Wohnalternative zur Stadt – wenn man in Ufernähe nur nicht so einsinken würde …
.

Hamburg - Alster - Schöne Ausblicke vom Leinpfad hinüber zum Westufer

Hamburg – Alster – Schöne Ausblicke vom Leinpfad hinüber zum Westufer

.

Adolph Sierich war erstaunlicherweise überhaupt kein Mann aus der „Baubranche“, kein Ingenieur oder sonstwie auf Anhieb prädestiniert für das Vorhaben, das im Jahr 1861 anstand. Er war Sohn eines Goldschmieds und erlernte selbst diesen Beruf. Er erbte anfangs Ländereien von seinem Vater in Winterhude, was damals gar nicht zu Hamburg gehörte, sondern noch ein separates Dorf war. Mit den Goldmark, die durch seinen Großgrundbesitz zusätzlich vorhanden waren, kaufte er die sumpfige Niederung am Alsterufer auf. Er baute dort Dämme, Brücken und Straßen und überlegte sich noch eine effektive Entwässerungsmaßnahme dazu: den Leinpfadkanal. Dieser fließt etwa ab nördlichem Beginn der Straße Leinpfad eine ganze Strecke rechts parallel zur Alster und hat in regelmäßigem Abstand eine Querverbindung zum Fluss. (Er mündet letztendlich im Rondeelteich.)
Nach diesen Vorabmaßnahmen begann der Bau eines ganzen Villenviertels, von dem Sie heute noch sehr viel sehen können. Das Baumaterial wurde übrigens auch in Schuten herbeigeschafft und oft von den Treidlern den Alsterlauf weiter hochgezogen …

Wenn Sie Zeit haben, dann machen Sie hier kleine Umwege in die Nachbarstraßen und erhaschen hin und wieder einen Blick auf die Grundstücke direkt am Kanal. Es ist alles sehr idyllisch gelegen!
.

Hamburg - Leinpfad - Achtung! Brücke! Hier gibt es eine Verbindung zum parallel verlaufenden Leinpfadkanal (Brücke mit hübschem, alten, schmiedeisernen Geländer)

Hamburg – Leinpfad – Achtung! Brücke! Hier gibt es eine Verbindung zum parallel verlaufenden Leinpfadkanal

.

Hamburg - Leinpfad - Blick von der Werftbrücke auf eine der Wasserverbindungen zum Leinpfadkanal

Hamburg – Leinpfad – Blick von der Werftbrücke auf eine der Wasserverbindungen zum Leinpfadkanal

.

Beim Spaziergang lockt natürlich stets auch der Blick über die Alster hinüber zum anderen Ufer, wo die Grundstücke mit ihren Gärten direkt bis ans Wasser reichen. Wer allerdings Zugang zum Fluss hat, muss in regelmäßigen Abständen nach seiner Uferbefestigung schauen und sie instandhalten …
.

Hamburg - Am Alsterlauf - Eppendorfer Ufer (Westseite) - Uferbefestigung .... Zahlreiche Bauschuttsäcke am Ufer warten auf Abholung

Hamburg – Am Alsterlauf – Eppendorfer Ufer (Westseite) – Uferbefestigung ….

.

Kloster St. Johannis

.

Hamburg - Alster - Eppendorf - Kloster St. Johannis (vom Leinpfad-Ufer aus gesehen)

Hamburg – Alster – Eppendorf – Kloster St. Johannis (vom Leinpfad-Ufer aus gesehen)

.

Sieht der Gebäudekomplex nicht schick aus? Falls Sie darin würden wohnen wollen, müssten sie zumindest weiblich sein. Der große Backsteinbau, den Sie am anderen Ufer erspähen, ist das Kloster St. Johannis. Über hundert Jahre alt (1912-1914 erbaut). In der Vorgeschichte spielte vor Jahrhunderten das Zisterzienserinnen-Kloster eine Rolle, doch hier nur soviel: Nach der Erbauung war es ein Damenstift, heute ist es ein Wohnheim für Seniorinnen.
.

Hamburg - Alster - Eppendorfer Ufer mit Klostergrundstück - Blick flussaufwärts (Blick auf die Hochbahnbrücke (u1) und die Brücke Hudtwalckerstraße

Hamburg – Alster – Eppendorfer Ufer mit Klostergrundstück – Blick flussaufwärts

.

Wenn Sie vom Klosterbau nordwärts durch den angrenzenden Seelemannpark streifen, stoßen sie von der Rückseite kommend an die recht bekannte Kirche St. Johannis von Eppendorf. Sie wird gern als Hochzeits-
kirche genutzt, auch von der Hamburger Prominenz.

Wir hingegen bewegen uns weiter in südlicher Richtung auf die Außenalster zu und passieren die Stelle, an der die Goernebrücke über den Fluss führt und die Goernestraße in die Klärchenstraße übergeht. Das ist zum Beispiel eine der Querstraßen, die ich empfehle hinsichtlich eines Blicks auf den Leinpfadkanal!
.

Ludwig Erhard-Haus / Begegnung der seltsamen Art …

Auf einem Eckgrundstück genau an dieser Kreuzung steht das Ludwig-Erhard-Haus mit der Landes-
geschäftsstelle der CDU. Ein schön gelegener Sitz … Dazu fällt mir ein Erlebnis ein …
Ich arbeitete Anfang der 80er Jahre in einer Firma an der Außenalster, wohnte sogar in Winterhude. In der Mittagspause oder bei schönem Wetter auf Spaziergängen kam ich dann und wann auch durch den Leinpfad. Es gibt Dinge, die sich bei einem früh zeigen und wenig ändern: Schon damals lief ich viel mit Notizblock und Stift in der Hand umher, blieb gelegentlich stehen, um etwas aufzuschreiben oder Dinge zu skizzieren, die mir in irgendeiner Form auffielen.
Ich stand zufällig an besagter Kreuzung auf dem Gehweg fast am Zugang zum Ludwig-Erhard-Haus, notierte noch, blickte jedoch automatisch auf, als drei Herren in dunklen Anzügen den CDU-Sitz verließen. Einer von ihnen war Walther Leisler Kiep, bundesweit bekannter CDU-Politiker, zu dieser Zeit in Hamburg Kandidat für die Bürgerschaftswahl. Sein Gesicht erschien seit Wochen fast täglich in der Presse.
Er und seine Begleiter liefen übers Grundstück auf eine am Straßenrand wartende schwarze Limousine zu.
Als der Politiker wahrnahm, dass ich dort stand, einen Notizblock in der Hand hielt und auch die Kamera registrierte, die ich bei mir trug, fuhr er mich recht schroff an:
„Ich habe jetzt keine Zeit für Interviews.“
Eine Sekunde war ich perplex. Dann antwortete ich ihm:
„Ich auch nicht.“
Woraufhin er sehr verblüfft schaute und wortlos im Auto verschwand.
Was soll ich sagen; nächster Bürgermeister wurde Klaus von Dohnanyi (SPD), dem er bei der Wahl unterlag. Irgendwie war der CDU-Kandidat bei den Hamburgern nicht angekommen.
.

Wir gelangen an die nächste Alsterquerung, die Streekbrücke. Sie sehen den Abzweig? Das ist der Isebekkanal. Wenn Sie dem weiter folgen würden, kämen Sie u. a. zum sehr beliebten Isemarkt unter der Hochbahnbrücke.
.

Hamburg - Alster - Vor der Streekbrücke der Abzweig in den Isebekkanal - Rechts Eppendorf, links nun Harvestehude

Hamburg – Alster – Vor der Streekbrücke der Abzweig in den Isebekkanal – Rechts Eppendorf, links nun Harvestehude

.

Linker Hand liegt der kleine Heilwigpark – und auch dort gibt es einen Anleger der Alsterschiffe.
.

Hamburg - Alster - Leinpfad - Anleger Streekbrücke gegenüber am Ufer (Kajakfahrer auf der Alster flussabwärts unterwegs)

Hamburg – Alster – Leinpfad – Anleger Streekbrücke gegenüber am Ufer

.

Drüben am anderen Ufer wechselt nun auch der Stadtteil. Eppendorf endet am Isebekkanal, Harvestehude beginnt.
.

Hamburg - Alster - Leiinpfad - Blicke zum Westufer ....

Hamburg – Alster – Leiinpfad – Blicke zum Westufer ….

.

Immer noch führt der Weg auf dem Leinpfad entlang, doch wir nähern uns seinem Ende. Ganz vorne können Sie bereits die Krugkoppelbrücke ausmachen. Dahinter wartet die Außenalster.

Wenn Sie in diesem Abschnitt auf die Villen am Leinpfad achten, fällt auf, dass es auch hier eine gibt, die verwahrlost. Ein Phänomen in Winterhude, das mittlerweile mehrere Villen betrifft. Sie stehen unbewohnt, verkommen langsam aber sicher. Man würde es nicht annehmen angesichts der guten, sehr gesuchten Lage, solventer Interessenten und generellem Wohnungsbedarf, oder? Hier im Leinpfad ist es ein Anwesen, welches dem Reeder Bertram Rickmers gehört. Wie Sie vielleicht gelesen haben, hatte Herr Rickmers vor etwa zwei Jahren für seine Reederei Insolvenz angemeldet, sich aber gerade kürzlich wieder mit neuem Unternehmen
(Sitz an der Außenalster) geschäftlich zurückgemeldet und in dem Zuge gleich zahlreiche Schiffe bei einer chinesischen Werft geordert. Nur für die Villa reicht’s halt nicht …
.

Hamburg - Alster - Das Ende des Leinpfads ist fast erreicht. Voraus die Krugkoppelbrücke ...

Hamburg – Alster – Das Ende des Leinpfads ist fast erreicht. Voraus die Krugkoppelbrücke …

.

Was man so nicht ahnt und tatsächlich erst sieht, wenn die Brücke direkt vor einem liegt, ist der Umstand, dass hier alles eine einzige Baustelle ist. Es wird umfangreich saniert.
Bereits seit Monaten ist die Krugkoppelbrücke für den Autoverkehr gesperrt. Fußgänger und auch Radfahrer können immerhin noch an das jeweils andere Ufer gelangen.
.

Hamburg - Alster - Baustelle Krugkoppelbrücke

Hamburg – Alster – Baustelle Krugkoppelbrücke

.
Den Zustand des Baus aus den 20er Jahren konnte man getrost als marode bezeichnen. Die aufwendigen Arbeiten sollten eigentlich im März fertig sein, nur da sich weitere Straßenbauarbeiten dahinter in Harvestehude anschließen, bleibt alles gemäß letzter Planung wohl noch bis in den Oktober hinein unbefahrbar.
Sehen Sie, gut, dass wir diesen Bereich um die Außenalster gleich gemieden haben und die Ausweichstrecke wählten …

Nichtsdestotrotz, ist man einmal in Brückennähe auf der Straße Fernsicht, so sollte man sich genau diese (Fernsicht) auf keinen Fall entgehen lassen. Falls gerade im Lokal „Bobby Reich“ ein freies Plätzchen zu finden ist, setzen Sie sich auf die Holzterrasse direkt am Wasser, gönnen sich einen Kaffee und genießen den Blick über das weite Blau …
.

Hamburg - Außenalster - Krugkoppelbrücke - Kaffee mit Aussicht bei Bobby Reich (Blick auf Außenalster und hinüber zur Straße Bellevue)

Hamburg – Außenalster – Krugkoppelbrücke – Kaffee mit Aussicht bei Bobby Reich

.

Hamburg - Außenalsterblick - Krugkoppelbrücke/Straße Fernsicht - Bei "Bobby Reich"

Hamburg – Außenalsterblick – Krugkoppelbrücke/Straße Fernsicht – Bei „Bobby Reich“

.

Das war’s für heute! Vielen Dank für Ihre Begleitung! Ich denke, wenn es um diesen Abschnitt der Alster geht, können Sie von nun an mitreden.
Vielleicht sind Sie wieder einmal mit von der Partie. Ab Teil (2) der Ausweichrouten werden die Touren dann auch ohne weitere Erklärungen zur speziellen Lage in Hamburg sofort starten (und dementsprechend kürzer ausfallen).

.

Quellen
Winterhuder Fährhaus:
„Das Winterhuder Fährhaus“,  Hamburger Abendblatt, 08. August 2009, Autor: Dierk Strothmann
und dieser entnimmt/verweist auf Details aus dem Buch „Eppendorf“ von Helmut Alter

Sämtliche Fotos wurden im Februar 2019 aufgenommen.
.

.

©by Michèle Legrand, März 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

 

, , , , , , , , , ,

62 Kommentare

Alter Schwede! – Der Findling im neuen Gewand …

Es ging vor einigen Tagen durch sämtliche Medien. Sie haben es sicher auf irgendeinem Kanal mitbekommen. Der „Alte Schwede“, ein beeindruckend großer Findling, zeigte sich urplötzlich im neuen Gewand!
In Hamburg hatten Unbekannte in der Nacht zum 2. Januar 2019 den Stein mit einer Art Goldbronze überzogen. So mutierte der ursprünglich graue Riese am Elbstrand bei Övelgönne zum Goldnugget, das es schaffte, in-
nerhalb kürzester Zeit zu einem Motivhit in den sozialen Netzwerken zu werden, wo Fotos seiner wundersamen Wandlung wieder und wieder verbreitet wurden.
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - Andrang beim "Alten Schweden" im Goldgewand - Blick vom Strand aus flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Andrang beim „Alten Schweden“ im Goldgewand

.
Mal lag der Fokus auf dem Stein, noch häufiger allerdings fungierte dieser als Selfie-Hotspot. In diesen Tagen des Goldrausches war der neue Look des Schweden als Hintergrund wohl noch begehrter als die sonst so angesagte Silhouette der Elbphilharmonie.

Vielleicht haben Sie auch gehört, dass aufgrund der Begeisterung über das Gold in kürzester Zeit die ersten Online-Petitionen auftauchten, die bewirken sollen, dass keine große Säuberungsaktion stattfindet, sondern
der neue Goldschatz bleibt, wie er ist.
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

.
Wenn Sie allein die aktuellen Fotos betrachten, d. h. nur das jetzt Offensichtliche, das Optische, für eine Ent-
scheidung heranziehen, könnten Sie aus dem Bauch heraus zu dem Überzug sagen: „Sieht toll aus, soll so bleiben.“ Und vielleicht sagen siebentausend Kommentatoren bei Facebook oder Twitter das ebenfalls. Ein unisono erklingendes „Ja!“
Sie kennen das Phänomen Herdentrieb, nur liegt der Leithammel mit seiner Ansicht nicht unbedingt automatisch richtig. Ich behaupte nicht, er hätte unrecht, aber ist es angemessen sich festzulegen oder gar etwas zu fordern, ohne sich überhaupt vorher näher mit dem Thema befasst zu haben?

Seinen Sie unbesorgt, ich werde nicht mit dem erhobenen Zeigefinger  herumfuchteln, doch eine Meinung zu etwas kann man sich – dies ist meine ureigene Auffassung – nicht ohne Hintergrundwissen bilden. Alles andere ist bestenfalls ein Schnellschuss nach Teilbetrachtung, meist aber blindes Nachreden ohne Ahnung.
Informationen sind – gerade vor Entscheidungen – nicht nur zweckdienlich, es geht einfach nicht ohne! Wie wollen Sie sonst Argumente sammeln, prüfen und bewerten? Verstehen Sie mich richtig: Es geht nicht darum, WIE die Entscheidung im Endeffekt ausfällt. Es geht darum, wie man zu einer Entscheidung gelangt!

Hätten Sie Lust, den „Alten Schweden“ etwas näher kennenzulernen? Wo kommt er her, was macht ihn aus? Wo trieb er sich herum, warum liegt er am Elbstrand …
.

Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend ... (Zwei Hunde neben dem Alten Schweden)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend …

.

Lernen Sie den „Alten Schweden“ kennen

In diesem Herbst jährt sich der Jahrestag seiner Entdeckung zum zwanzigsten Mal. Im Herbst 1999 befand sich die „Titan“ zu Ausbaggerungsarbeiten auf der Elbe. Zwischen dem 15. und dem 17. September arbeitete sie am nördlichen Elbufer nahe Övelgönne. Ziel der Aktion: eine Elbvertiefung.
Sie wissen, dass die Elbe bei Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur drei bis vier Meter tief war? Seit
der gerade erwähnten Elbvertiefung, die in den Jahren 1991-1999 stattfand, liegt die Sohle der Fahrrinne mindestens 14,9 Meter unter SKN (Seekartennull). Die seit Jahren geplante, zweitweise gerichtlich untersagte, zwischendurch unter Auflagen erlaubte, planungsmäßig nachgebesserte, neu diskutierte und äußerst um-
strittene, mehrmals herausgeschobene,  erneut angepeilte … usw. Vertiefung sieht eine neue Fahrrinnentiefe von 15,9 bis 17,1 m vor. Doch zurück zur „Titan“.

Die Spezialfirma ist an diesen Tagen mit ihrem Eimerkettenbagger im Einsatz, dessen 65 Schaufeln unermüdlich Schlick und Schlamm aus der Tiefe holen.
Nur plötzlich, man buddelt an der seinerzeitigen Flusssohle in einer Tiefe von 13,5 Metern, rumst es mächtig. Die Eimer stoßen auf Widerstand, der sich nicht aus dem Weg räumen lässt. Schluss mit Baggern und Prüfung der Situation.
Eine Bombe aus dem II. Weltkrieg scheidet als Möglichkeit aus, die hätte der Bagger in seinen großen Schaufeln mit nach oben befördert. Ein Wrack, Reste eines uralten Kutters? Auch dies scheint immer unwahrscheinlicher. Die Vermutung geht bald dahin, dass man es mit einem außergewöhnlich großen Felsbrocken zu tun haben müsste.
Was tun? Muss man überhaupt was tun?

Ein Laie denkt vielleicht spontan, war nicht eben von Ufernähe die Rede? Spielt ein widerspenstiger Hubbel am Elbgrund da überhaupt eine große Rolle? Die Fahrrinne ist doch schließlich mehr in der Flussmitte …
Doch der Brocken hatte sich einen denkbar ungünstigen Liegeplatz ausgesucht. Er befand sich genau im Drehkreis zwischen Parkhafen und Övelgönne. Zum Parkhafen führt ein Elbabzweiger schräg gegenüber von Övelgönne. Genau hier drehen viele Schiffe, die via Parkhafen Richtung Waltershof zu den Container-Terminals fahren wollen. Sie brauchen für ihre Abbiegemanöver Platz. So wie der Containerfrachter, den Sie auf dem folgenden Bild sehen.
.

Hamburg - Elbstrand mit "Altem Schweden" bei Övelgönne - CMA CGM Bougainville dreht

Hamburg – Elbstrand mit „Altem Schweden“ bei Övelgönne – Containerfrachter CMA CGM Bougainville dreht auf der Elbe zur Einfahrt in den Parkhafen

.
Die Containerschiffe des französischen Schifffahrts- und Logistikunternehmens CMA CGM gehören zu den größten der Welt! Die CMA CGM Mumbai auf dem Foto weiter unten fährt unter der Flagge von Hong Kong und ist ganz neu (Bj. 2018). Fast 336 m lang und gut 48 m breit …
Die drehende CMA CGM Bougainville auf dem Foto oben ist unter franz. Flagge unterwegs. Sie ist noch größer: 398 m lang und 54 m breit

Parkhafen nennt sich übrigens nur das erste Stück der Elbabzweigung. Gleich hinter dem Leuchtturm Waltershof geht es rechts ab zum Petroleumhafen. Direkt an dieser Abbiegung befinden sich die Containerbrücken am Bubendey-Ufer.
.

Hambug - Elbe - Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)

Hambug – Elbe – Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)


.
Fahren die Frachter hingegen weiter geradeaus, gelangen sie in den Waltershofer Hafen mit seinem großen HHLA Container Terminal Burchardkai und gegenüber dem Eurogate Container Terminal.

.

Hamburg - Elbe - Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

Hamburg – Elbe – Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

.

Was immer am Grund der Elbe Widerstand leistete, es musste herausgeholt werden. Nun waren vor weiteren Planungen zunächst Taucher nötig, die die Lage vor Ort erkunden mussten.
Das Tauchschiff „Düker to“ erschien vor Övelgönne. Ein Taucher in Spezialausrüstung startete seinen ersten Sondierungstauchgang bei Niedrigwasser. Viel sehen konnte er auch mit Lampe nicht, also fühlte er die Form ab. Da er einen Spalt auszumachen glaubte (nur mit Mergel gefüllt), stand kurz die Frage im Raum, ob es evtl. zwei nebeneinander liegende Riesensteine sein könnten.
Am nächsten Tag stand jedoch fest, es ging um einen Findling, dessen Gewicht auf 200 bis 300 Tonnen geschätzt wurde. Und das Bemerkenswerteste an der ganzen Sache war, er war uralt! Ein geologischer Sensationsfund, der sage und schreibe 1,8 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat und während der Elster-Eiszeit (auch: Elster-Kaltzeit bzw. Elster-Glacial) vor 400.000 bis 320.000 Jahren als Gletschertransport zu uns kam.

Bis er exakt vermessen werden konnte, verging noch etwas Zeit, denn zuerst musste er geborgen werden. Was im ersten Anlauf erst einmal schiefging. Der Schwimmkran „Taklift 4“ hatte ihn bereits mit dicken Stahlseilen aufgenommen, doch der Findling rutschte heraus und landete wieder im Fluss. Was bei einem Stein dieses Ausmaßes nicht nur ein bisschen platscht oder ploppt, sondern reichlich Wellengang und Spritzer verursacht. Denken Sie nur an die berühmten A…bomben im Schwimmbad. Und die sind wirklich nichts dagegen!

Der nächste Versuch, der fünf Tage später erfolgte, glückte. Am 18. Oktober 1999 wurde der Koloss genau um 17.14 Uhr am Strand abgesetzt. Dort wo er heute steht, egal, was zwischendurch für Pläne und Ideen hinsichtlich anderer Standorte aufkamen.
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" - Der Goldschwede im Gegenlicht (Blick Richtung Wasser)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ – Der Goldschwede im Gegenlicht

.
An Land ließen sich genauere Untersuchungen vornehmen. Die Vermessung ergab eine Höhe von 4,5 m, einen Umfang von ca. 20 m, sein Gewicht beläuft sich auf 217 Tonnen. (Als Gewichtsvergleich können Sie sich sechs große, vierachsige LKW vorstellen.)

Geologen entdeckten Schrammen und Furchen im Stein. Speziell recht markante, parallel zueinander ver-
laufende Schrammen auf dessen Nordseite, was sie als Bestätigung dafür sahen, dass andere Gesteins-
brocken direkt an seiner Oberfläche vorbeirutschten.
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" (gold) - Aus der Nähe ...

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ (gold) – Aus der Nähe …

.
Nach weiteren Prüfungen des Mineralbestands des Findlings, kam man zu dem Schluss, dass es sich bei dem Findling um einen schwedischen Burschen handelt, der per Gletschermitreisegelegenheit durch die Ostseesenke von Südschweden bis zu uns eine recht beachtliche Strecke zurückgelegt hat.
Die Gesteinsanalyse ergab, dass es sich um den Grauen VäxjöGranit (Granodiorit) handelt, eine Granitart, die in Schweden in der Region Ost-Småland vorkommt.

Stellen Sie sich gedanklich die Küste Südschwedens vor, peilen zwischen Kristianstad und Karlskrona etwa die Mitte an (Karlshamn) und streben von dort noch 100 km senkrecht nach Norden. Dort liegt Småland. Zwischen dem Ausgangspunkt der Findlingsreise und Hamburg liegen insgesamt gut 500 km Strecke! Wie lange es wohl gedauert hat, bis der Findling die Elbe erreichte?
Ich las in einem Bericht, dass man davon ausginge, der Stein hätte seit etwa 100.000 Jahren an seinem Platz auf dem Grund der Elbe gelegen. Eine Angabe, die ich mir gerade gar nicht vorstellen kann, denn zwischen der Elster-Kaltzeit und dieser Zeitangabe liegen 220.000-300.000 Jahre. Es hieße, der Findling wäre erst über 200.000 Jahre nach Ende der genannten Eiszeit an der Elbe eingetroffen. Wie soll das denn passiert sein, wenn die Gletscher schon längst abgeschmolzen waren und gar nicht mehr als Transportmittel fungierten?
Aber vielleicht unterliege ich einem gedanklichen Irrtum oder lasse irgendeine andere nötige Information dazu außer acht. Eventuell hat ja eine später stattgefundene Kaltzeit (Saale-Komplex) eine Rolle gespielt.

Der Einwanderer wurde am 6. Juni 2000 getauft. Nach einer Umfrage und nach Eingang zahlreicher Namensvorschläge entschied man sich für den mehrdeutigen Begriff „Alter Schwede“.
Kaum war er an Land, ging es auch schon los mit den Schmierereien. Schriftzüge, Kleckse. Graffiti der unattraktiven Art.
Sollte man ihn umplatzieren? Dort, wo man ihn besser im Blick (unter Kontrolle) hatte? Ole von Beust lieb-
äugelte mit Planten und Blomen, aus anderer Ecke kam der Vorschlag Spielbudenplatz (Reeperbahn) auf,
und der damalige Tourismuschef Dietrich von Albedyll hätte ihn gern am Museumshafen Övelgönne gesehen. Ein Landwirt und Künstler aus Büchen schlug vor, den Stein auf Betonstelzen stellen.
.

Hamburg - Elbe - Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

Hamburg – Elbe – Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

.

Hamburg - Neumühlen - Museumshafen Oevelgönne e. V. - Im Vordergrund ankernde Segler (Holzboote

Hamburg – Neumühlen – Museumshafen Oevelgönne e. V.

.

Nichts von alledem wurde in die Tat umgesetzt, doch etwas anderes passierte: Man deklarierte den Stein als „Naturdenkmal“ und verband damit die Hoffnung, auf diese Art weiteren Verschandelungen vorzubeugen. Ein Naturdenkmal darf nicht beschädigt, zerstört oder verändert werden. (Noch nicht einmal beklettert.) Ansonsten drohen Geldbuße und Freiheitsentzug. Der neue Status sollte für Abschreckung sorgen – was natürlich nicht immer klappte.
Um wenigstens das Eindringen von Farbe bis in die Poren zukünftig zu verhindern, bekam der Stein eine Spezialversiegelung. Graffiti können nun wesentlich einfacher entfernt werden. Sie sitzen lediglich auf der geschützten Granitoberfläche und lassen sich abwaschen.

Und das bringt uns zurück in die heutige Zeit.
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold - Blick von Landseite aufs Wasser und flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold – Blick flussabwärts

.
Die Goldfarbe oder -bronze, die Anfang Januar verwendet wurde, hält auf der Versiegelung natürlich auch nicht dauerhaft. Schon nach zwei, drei Tagen blickte an vielen Stellen das Grau des Granits wieder durch, und wer über den Goldbezug wischte, glänzte hinterher selbst.

Während  sich nach Bekanntwerden der Nacht-und-Nebel-Aktion „Goldschwede“ alles in heller Aufregung befand und die zuständige HPA (Hamburg Port Authority) schon von Säuberungskosten im fünfstelligen Bereich und einer Strafanzeige sprach, scheint es mittlerweile so, dass sich die Angelegenheit – würde man nur lang genug warten – von ganz alleine regelt.
Andererseits ist man auf Behördenseite über Vandalismus und eigenmächtige Aktionen an Naturdenkmälern natürlich alles andere als begeistert und möchte so etwas auch nicht ungestraft durchgehen lassen.

Hier erleben wir nun den seltenen Fall, dass Vandalismus ein recht ansprechendes Objekt hervorgebracht hat und dass den unbekannten Tätern wohl auch sehr bewusst war, dass das Resultat ihrer unerbetenen Ver-
schönerungsaktion nur eine kurze Überlebensdauer haben würde.

Was denken Sie, wie die Sache ausgeht? Bis zum 8. Januar hätte ich gesagt, der Findling wird wieder grau,
und es legt sich ganz allmählich ein Mantel des Schweigens über das Ganze. Die Petitionen zum Erhalt des Goldgewands werden wirkungslos bleiben, der Enthusiasmus abebben und in ein paar Wochen werden nur noch gelegentlich Gespräche beim Kaffee so verlaufen: „Weißt du noch, als der Alte Schwede plötzlich gold war …?“
.

Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold (Blick Richtung Land)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

.

Am 9. Januar lese ich allerdings im Hamburger Abendblatt, die Hafenbehörde (HPA) sei plötzlich offen für den Vorschlag, dass der Findling neu vergoldet wird. Dauerhaft lackiert! Es läge alles nur an der Politik. Wenn es eine politische Entscheidung dafür gäbe, ja, dann würde man sich darum kümmern …

Was vom Ablauf her gar nicht anders geht. Die HPA muss sich an die Vorschriften für Naturdenkmäler halten. Aber sie hat es gleichzeitig recht gut. Obwohl grundsätzlich zuständig, wenn es um dieses Denkmal geht, ist sie nicht mehr der Buhmann, der eine Vergoldung kategorisch ablehnt und sich echauffiert, sondern sie gibt den Schwarzen Peter lässig weiter. Es bleibt spannend …

Liebe Leser, Sie sind nun im Besitz von Informationen über den Einwandererstein. Kennen die Bewandtnis, die es damit hat, wissen um sein sagenhaftes Alter, ermessen die Besonderheit des Granits, haben eine Vorstellung von dem langen Weg, den er auf ungewöhnliche Art zurücklegte. Alter Schwede – ein einmaliger Zeitzeuge.

Die Frage ist:
Ist er das mehr in seiner natürlichen Form? Nicht so prunkvoll, aber mit allen Zeichen dessen, was vor vielen Jahrtausenden stattfand bzw. auf seiner Reise passierte.
Oder ist er das (ebenso) als Traum in Gold? Als in der Sonne leuchtender Schatz am Elbstrand. Außen schön – das andere weiß man, sieht es aber nicht mehr so genau.

Die Entscheidung ist nicht ganz leicht. Was mir dabei durch den Kopf schießt: Wenn es lediglich um einen goldenen Eyecatcher am Strand geht, wäre es dann nicht ebenso gut möglich, ein anderes Objekt dafür auszuerwählen? Es müsste nicht notwendigerweise ein 1,8 Mrd. Jahre alter Granitbrocken mit einmaliger Geschichte zugekleistert werden …

Was hielten Sie zum Beispiel davon, eine neue Form (Hohlform, Guss, Betonkörper o. a.) zu erschaffen. Ich denke an etwas Nasenähnliches. Auffällig groß natürlich, wie es auch beim Alten Schweden der Fall ist. Das Ganze wird mit Gold überzogen und unterhalb von Süllberg und Treppenviertel am Elbstrand platziert. Der Name der auf Hochglanz polierten Attraktion: „Blanke Neese“.
Und mit einem Schlag hätten wir nicht nur ein Wahrzeichen für das noble Viertel* nebendran, sondern gleich zwei Anziehungspunkte als Beginn und Ende einer „Goldroute“ entlang des Elbstrands von Övelgönne nach Blankenese.

.

.
*Blankenese (Stadtteil Hamburgs), Neese hamburgisch für Nase

Quellen bzw. weiterführende Berichte:
Hamburger Abendblatt – Druckausgaben
3.1.2019 – Alter Schwede glänzt jetzt in Gold (Edgar S. Hasse und Jonas Backhaus)
4.1.2019 – Bleibt der Alte Schweden golden? (Peter Ulrich Meyer und Matthias Popien
9.1.2019 – Wird der „Schwede“ neu vergoldet? (Louisa Rascher)

Hamburger Abendblatt, Geschichtswerkstatt (Jan Haarmeyer), 16.09.2009 –
„Alter Schwede“ – Der Koloss aus der Kälte (Bericht zehn Jahre nach seiner Entdeckung)
(Zugang zum Artikel möglicherweise kostenpflichtig. Hier lohnt der Versuch, den Titel so als Suchbegriff einzugeben, ohne Linknutzung!)

.

.
Alter Schwede – Nachtrag

Ein kleines Update am 31. Januar 2019

Vier Wochen sind mittlerweile vergangen. Der Goldglanz ließ unter Einfluss der Witterung nach. Wahrscheinlich wäre es dabei geblieben, hätten nicht am Dienstag (29.01.2019) Vandalen den Findling aus der Eiszeit erneut als Ziel ausgesucht und ihn diesmal für – wie man vermutet – politische Parolen missbraucht und verschandelt.
In seiner unteren Hälfte wurden in der Art einer Banderole in gleichmäßigem Abstand zueinander auf der Spitze stehende gelbe Dreiecke mit grünem Rand aufgetragen. In den Lücken dazwischen erscheint jeweils ein schwarzes Sternchen. Man liest die ebenfalls schwarz geschriebenen Wörter: WAR STARTS

Welcher  Krieg da beginnt oder angekündigt wird überlegen nun die Behörden und voraussichtlich auch der Staatsschutz, da man meint, die Gestaltung erinnere an die Bewegung „Freiheits- und Demokratiekongress Kurdistan (Kadek), eine Nachfolgeorganisation der PKK.
Die nächste, bereits heute (Donnerstag 31.01.19) erfolgende Aktion seitens der HPA (Hamburg Port Authority) wird sein, den „Alten Schweden“ sandzustrahlen. Eine Generalreinigung wiederum hat zur Folge, dass damit auch jeglicher Goldrest verschwinden wird …

n

.

 

©by Michèle Legrand, Januar 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , ,

84 Kommentare

Ruhe nach dem Sturm …

28. Dezember. Und so etwas wie Ruhe nach dem Sturm …
Ich möchte nicht mit so Offensichtlichem beginnen wie: Das Jahr ist fast vorbei.
Genauso verzichte ich auf ausufernde Erklärungen, warum es länger keinen Beitrag gab.
Nur so viel: Sie hätten absolut nichts davon gehabt. Selbst, wenn Sie zu denjenigen gehören, deren Interesse sich sogar bei Kranken- bzw. Krankenhausgeschichten und Krankenkassenmerkwürdigkeiten laut mit: Hier! Hier! meldet, glauben Sie mir, Sie sind entschieden besser ohne das alles dran. Der Stoff taugt nicht viel.

Stattdessen werde ich nun schnurstracks Freundlicheres, Positives zusammenklauben. Ich beschwor zudem, bevor ich mich überhaupt an den Laptop setzte, die Vorstellung herauf, dass man Erinnerungsfetzen belastender Art wie die Luftbläschen einer Noppenfolie behandeln muss. Man sortiert sich, schaut welcher Ballast aus dem Kopf schleunigst entlassen werden muss und lässt den Kram wie Bläschen platzen. Eine
Blase nach der anderen. Plopp, plopp, plopp …
Sie wissen, wie befreiend dieses Plattdrücken der Knubbel sein kann. Plopp! Hinfort mit dem Zeug!

Plopp ist worttechnisch nicht weit entfernt von peng. Genau dieses Wort las ich in einem eigenartigen Zu-
sammenhang auf einem Werbeschild: „Kinder-Peng“
Ist Ihnen dieser Begriff schon untergekommen? Er war mir bisher fremd. Er bezieht sich nicht auf platzende Kinder oder das Abschießen Minderjähriger, sondern auf harmloses Silvesterfeuerzeug für die Jüngeren. Knallerbsen, Knallplättchen & Co.. Ich kann mich noch nicht so mit dieser Wortschöpfung anfreunden.
Als was würden Sie – folgerichtig gedacht – Böller für Volljährige bezeichnen, die leider nicht so richtig zünden? Richtig, Erwachsenen-Puff. Was sich erstaunlich schnell nach ganz anderem Milieu anhört …

Peng klingt reichlich comicartig, oder? Ritsch! Tapp-tapp! Knister, pffft-zisch! Blitz-blink-blink! PENG! … Plopp! Die Kurzversion von Streichholz (und Lunte) wird angezündet, Mensch rennt weg, Zündschnur brennt ab, Rakete wird gestartet, steigt auf, Feuerwerk leuchtet, Beiwerk knallt … und mit etwas Verzögerung landet der Raketenstab im Vorgarten.

Ehe ich davon abkomme, hatten Sie eigentlich schöne Weihnachtstage? Ich hoffe, es lief für Sie entspannt und harmonisch oder Sie können sich nach viel Trubel zumindest jetzt im Nachhinein noch ein bisschen ausruhen und erholen.
Kommt es Ihnen auch so vor, als sei das Jahr wieder extrem schnell vergangen?

Je schneller die Zeit gefühlt für alle vergeht, umso hektischer verhalten sich Menschen. Auch an den Ampeln. Ob es Autofahrer oder Fußgänger sind, die auf Grün warten, es spielt keine große Rolle. Stets scheint es viel zu lange zu dauern, ehe sich etwas tut. Ich hege den Verdacht, wenn Menschen Hufe hätten, würden sie mit ihnen scharren.
Im Fall von Passanten können Sie tendenziell hibbelige Zeitgenossen gut erkennen, denn der Grad der Un-
geduld und Nervosität zeigt sich hervorragend an der Art und Weise, wie der Druckknopf einer Ampelanlage bedient wird.

Ein Oberhektiker haut drauf – und zwar nicht einmal, sondern mehrfach. Sagt nach fünf Versuchen, die im halbsekündlichen Abstand erfolgten: „Das Scheißding ist kaputt.“
Der Supergründliche hingegen drückt intensiv, presst, presst weiter und zuckelt zur Sicherheit zusätzlich noch ausgiebig am Nüpsel an der Unterseite des Kastens. Für alle Fälle.
Beiden könnte man einen Eid auf die Aussage schwören, dass durch keine ihrer Aktionen irgendetwas beschleunigt wird, sie würden es bei nächsten Mal wieder so versuchen. Darunter geht es einfach nicht.

Der Verpeilte – oftmals mit versunkenem Blick aufs Handydisplay – wartet ohne zu drücken und geht davon aus, alles läuft automatisch. Dass es an vielen Ampeln zumindest am Wochenende nie ohne Drücken funktioniert, lernt er nicht. Er ist dadurch – beim zufälligen Aufblicken vom Handy – immer wieder völlig überrascht, wie lange das dauert. Wird ihm diese Tatsache bewusst, bricht auch bei ihm die Hektik aus.

Ich liebe Menschen, die nicht glauben, dass mein leichtes Auflegen der Hand vollkommen ausreicht. Die An-
zeige kann schon rot leuchten, dennoch wird der Kasten danach energisch bearbeitet. Permanent mit dem Handballen behämmert! Gern mit der etwas jovialen Anmerkung in meine Richtung:
„Lassen Sie mich mal ran. So leicht, wie Sie da eben gedrückt haben, kann das ja nichts werden.“
Oder kennen Sie die, die erst angehetzt kommen, es knapp nicht mehr schaffen, genervt fluchen, die Wartezeit mit dem Handy überbrücken und es beim nächsten Grün verpassen loszugehen? Das sind dieselben, die dann entgeistert schauen und entrüstet hinterherschicken: „Viel zu kurz, die Grünphase!“

Gestern liefen ein Vater und sein kleiner Sohn im Galopp auf eine Ampel zu. Eigentlich war reichlich Zeit, denn die Autos hatten eben erst Grün bekommen. Der Wettlauf fand offensichtlich mehr mit dem Ergeiz statt, derjenige zu sein, der den Knopf drückt. Vadder kannte keine Zurückhaltung. Er erreichte keuchend den Druckkasten, patschte drauf und brüllte:
„Erster!“
Zwei Schritte hinter ihm der maximal fünf Jahre alte Filius, der kurzzeitig losknatschen wollte, dann jedoch mustergültig Fassung bewahrte und triumphierend rief:
„Zweiterster!“

Genauso muss man das Leben nehmen! Grundsätzlich ist sinnloses Hetzen vergeudete Energie. Auf die Ampel bezogen kommt hinzu: Irgendjemand drückt sowieso. Aber ganz generell, wenn Sie nicht überall Erster sind – meine Güte, dann sind Sie eben Zweiterster. Davon geht die Welt nicht unter … Und Sie schonen Ihre Nerven und Kraftreserven für Wichtigeres.

Wo ich auf erstaunlich wenig hektische, drängelnde Menschen stieß, wird den ein oder anderen unter Ihnen vielleicht auch überraschen: Ausgerechnet im Gewühl auf dem großen Historischen Weihnachtsmarkt, der traditionell auf dem Hamburger Rathausplatz stattfindet!
.

Rathausmarkt – Historischer Weihnachtsmarkt 2018
.
Ich hatte in diesem Jahr gar nicht damit gerechnet, es überhaupt dorthin zu schaffen, doch kurz vor Weih-
nachten bot sich eine Gelegenheit. Sogar im Dunkeln! Ein Besuch inmitten des Lichtermeers aus bunten Lampen, Kerzen und Sternen macht die ganze Angelegenheit sehr stimmungsvoll.
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Weihnachtsmann im Schlitten

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Der fliegende Weihnachtsmann ….

.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick auf Lichterpyramide, Adventskranz und Portal, das Richtung Kleine Alster führt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt

.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Blick von der Mönckebergstraße auf Portal und Rathaus im Hintergrund

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Blick von der Mönckebergstraße Richtung Eingangsportal und Rathaus

.

Ungeachtet der Kürze der Zeit stieß ich auf ein paar Neuigkeiten.

Wer mit Glücksbringern aus Metall liebäugelte, der hatte in diesem Jahr die Möglichkeit, sich den eigenen oder den Namen seiner Lieben z. B. in ein Hufeisen einstanzen/-gravieren zu lassen.
(Bei Interesse: Glücksschmiede von Thomas Hammer)

Oder Sie konnten mit einer Fotodatei von Ihrem Handy bzw. der Kamera zu einem Stand gehen und sich dort in Münzform Schlüsselanhänger anfertigen lassen, auf denen Ihr Wunschfoto auftaucht. Wisch- und wetterfest. Personalisierte Schlüssel oder spezielle Anhänger für  z. B. Taschen und Koffer. Wobei es wirklich jedes Motiv sein kann, es muss nicht das Konterfei des Besitzers herumgetragen werden.

Neu auch in diesem Jahr für Puzzlefreunde mechanische 3D-Puzzle aus 100 % Holz, sehr raffiniert gesteckt! Sie brauchen keinerlei Kleber oder irgendwelche Chemikalien, damit es zusammenhält.
(Bei Interesse: Fa. My3DModel)
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - My3DModel - 3D-Puzzle, z. B. Globus, Windmühle, Riesenrad, diverse Fahrzeuge etc.

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – 3D-Puzzle

.
Glasbläserkunst …
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Glasbläserkunst auf dem Rathausmarkt

.

Es grüßt Sie alljährlich die Affenbande ….
.
Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathaus - Plüschtiere (Orang-Utans, Schimpansen, Pavian,, Löwe, Löwin, Elefant etc. )
.
Heimeliges Licht in den einzelnen Gassen …
.
Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus - Stand mit Kerzen, Salzlichten und Sternen
.
Was mir ausnehmend gut gefallen hat, sind die kunstvollen Bretter, die von zwei Künstlern in einer Werkstatt in den Cevennen in Südfrankreich unter Verarbeitung unterschiedlicher (Stirn-)hölzer hergestellt werden.
(Bei Interesse: Augenweide, Cevennen)
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Holzbretter von Augenweide (aus mehreren, unterschiedlich farbigen Hölzern kunstvoll gearbeitete Schneidebretter)

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Holzbretter von Augenweide

.
Unter „Augenweide“ werden Sie im Netz schnell auf die Webseite stoßen. Schauen Sie sich die Bilder dort an. Auch die Elbphilharmonie gibt es als Holzarbeit!
.

Hamburg - Historischer Weihnachtsmarkt - Rathausmarkt - Modelleisenbahn fährt auf Strecke über den Ständen

Hamburg – Historischer Weihnachtsmarkt – Rathausmarkt – Die Modelleisenbahn fährt auf einer Strecke oberhalb der Stände

.

Jungfernstieg – Weißer Zauber 2018

Der Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg („Weißer Zauber“, direkt an der Binnenalster) hat sogar jetzt nach Weihnachten noch bis zum 30. Dezember geöffnet.
.

Hamburg - "Weißer Zauber" am Jungfernstieg - Weihnachtsmarkt mit weißen Pavillonzelten (beleuchteter Stern auf der Spitze) sowie blauen Lichtergirlanden in den Bäumen

Hamburg – „Weißer Zauber“ am Jungfernstieg

.
Blick in den Neuen Wall …
.

Hamburg - Weihnachtszeit - Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall - In der Weihnachtszeit erscheint der Straßenname als Leuchtgirlande über der Straße)

Hamburg – Weihnachtszeit – Blick vom Jungfernstieg in den Neuen Wall

.

Immer wieder schön der Anblick der Alsterdampfer am Anleger, die zu Märchenschiffen umgestaltet werden …
.

Hamburg - Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

Hamburg – Märchenschiffe am Anleger Jungfernstieg

.
Blick hinüber Richtung Ballindamm und Hapag Lloyd. Im Dunkeln sitzen die Möwen auf den Dächern der ankernden Alsterboote …
.
Hamburg - Blick Richtung Ballindamm und Hapag LLoyd - Möwen lieben die Dächer der Alsterboote ...
.
Beim „Weißen Zauber“ eine Auswahl an Tüchern aus Wolle und Cashmere. Ein sehr angenehmes Gefühl, über die weichen Stoffe zu streichen …
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tücher und Schals aus Wolle und Cashmere

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tücher und Schals

.
Merkwürdige Wesen finden sich hier …
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - Tonfiguren (u. a. als Räucherkerzenhalter)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – Tonfiguren

Falls Sie nach einem auffälligen Einkaufsroller suchen, es gibt Modelle mit farblich sehr intensiven und lebhaften geometrischen Mustern, mit Stadtansichten, Wahrzeichen, Tieren (Eule u. a.), Bambusdesign, Gummibärchen, Fußbällen u. a.  Die Trolleys sind optisch das komplette Gegenteil zu den herkömmlichen Einkaufsrollern, die in den dezent-matten Unifarben Grau, Dunkelblau, Burgunder oder Anthrazit daherkommen. Als Gestänge dient ein Standardmodell, Sie aber suchen sich den Rest dazu nach eigenem Geschmack aus.
(Bei Interesse:James, der kultige Einkaufsbutler“)
.

Hamburg - Weißer Zauber - Jungfernstieg - James, der kultige Einkaufsbutler (sehr farbenfrohe Einkaufsroller in diversen Designs)

Hamburg – Weißer Zauber – Jungfernstieg – James, der kultige Einkaufsbutler

.

Mein – im Vergleich zu den in der City stattfindenden – sehr überschaubarer Bezirks-Weihnachtsmarkt mit kleiner Eislauffläche („Wandsbeker Winterzauber“) hat ebenfalls weiterhin geöffnet. Der Umstand passte meiner Familie und mir ausgezeichnet, denn so konnten wir – Premiere! – zusammen mit dem jüngsten Spross während der Festtage zwischendurch zum Schlittschuhlaufen gehen. Es klappte sehr gut, denn zum einen gibt es für kleine Kinder Schlittschuhe, die zwei Kufen haben, damit lässt es sich recht gut üben. Zum anderen ist
die kleine Miss extrem robust und sehr hartnäckig, wenn es um das Erlernen neuer Fähigkeiten geht.
(Wandbeker Winterzauber: noch geöffnet bis 6. Jan. 2019.)

Ich stelle gerade fest, meine Schreibzeit ist für heute um! Es verblüfft mich jedes Mal, wie schnell die Zeit vergeht!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen. Es war diesmal nur ein Hereinsehen zwischendurch mit einigen Eindrücken aus dem laufenden Monat und speziell der Vorweihnachtszeit in Hamburg.
Es kann erneut etwas dauern, denn es stehen Termine an. Außerdem habe ich vor einigen Wochen mit Fitnesstraining begonnen, das ich zeitlich unbedingt irgendwie eingebaut bekommen muss.
Wenn sich allerdings irgendwo eine Lücke fürs Bloggen auftut, werde ich sie nutzen.

Ihnen allen geruhsame Tage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

.
.

©by Michèle Legrand, Dezember 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , ,

59 Kommentare

Umzug im November: Hamburgs Alsterschwäne fahren ins Winterquartier …

Am 20. November war Einsammeltag! Und damit auch Termin für die traditionelle Bootsfahrt im November. Ein Dienstagvormittag, trüb-grau der Himmel, die Temperatur stieg selbst zu fortgeschrittener Tageszeit nicht über lumpige 4 °C. Hinzu gesellte sich ein unangenehmer Wind, der den Eindruck aufkommen ließ, es herrschten bereits Minusgrade.
Höchste Eisenbahn – oder hamburgisch ausgedrückt „bannig Zeit“–,  die Alsterschwäne aus ihrem Sommer-
reich ins Winterquartier, den Mühlenteich in Hamburg-Eppendorf, zu bringen.
Während Wildschwäne in freier Natur früher in den Wintermonaten stets die Reise südwärts in wärmere Re-
gionen antraten, passiert dies heute standortabhängig nur noch halbherzig. Nähere Ziele sind angesagt und tatsächlich bleiben viele gleich ganz vor Ort. So auch die Hamburger Schwäne, die ihre Reviere und Brut-
gebiete in der Sommerzeit auf und rund um die Alsterseen mit ihren Nebenarmen haben.
Es sind im Grunde nicht so die hiesigen, verhältnismäßig moderaten Wintertemperaturen, die den Vögeln vorrangig zu schaffen machen, sondern vielmehr die Tatsache, dass ihnen zugefrorene Wasserflächen das Leben und Überleben sehr erschweren. Nahrung zu finden wird nahezu unmöglich.

Hier in Hamburg wartet alljährlich von November bis etwa Ende März ein eigenes, ein hanseatisches Winterquartier auf sie. Und das hat eindeutig seine Vorteile!
Der Mühlenteich wird (partiell) eisfrei gehalten. Ein weiterer Pluspunkt: Es wird artgerecht gefüttert. Wenn extremer Frost drohen sollte, lässt sich zusätzlich mit Zeltplanen noch etwas zum Schutz machen, und falls einmal ein Tier schwach wirkt und kränkelt, können sich Schwanenvater oder Tierarzt gleich direkt darum kümmern.

Ein richtig großes, weißes Zelt wurde bereits mehrmals aus einem anderen Grund nötig: Es diente zur Abschottung und sollte verhindern, dass sich die Schwäne womöglich mit dem mehrfach grassierenden Vogelgrippevirus (Geflügelpest, 2014/2017) infizierten. Gerade Wildvögel sind extrem gefährdet.

Die älteren Schwäne kennen und erinnern das Winterquartier genauso wie die Prozedur des Einfangens mit anschließendem Gratisseetörn. Da die Vögel über 20 Jahre alt werden können, haben einige die Aktion schon so oft mitgemacht, dass es sie nicht groß in Aufregung versetzt. Etwas mehr verunsichert sind die Jungschwäne, für die es das erste Mal ist, und genauso verdutzt reagieren auch die neuen „Migranten“.

Wir haben hier in Hamburg über die Jahre durchschnittlich etwa 120 Alsterschwäne, die auf Binnen- und Außenalster sowie den angrenzenden Kanälen/Fleeten leben und dort ihre Reviere haben. Normalerweise hält sich diese Zahl, denn der Verlust durch Tiere, die aus Altersgründen, nach Krankheit oder Unfall sterben, wird ausgeglichen durch die Zahl der neu geborenen Schwäne eines Jahres.

Das letzte Jahr bildete in dieser Hinsicht eine traurige Ausnahme. Als es ab Spätfrühling über Monate extrem heiß war, setzte auf der Alster eine Algenplage ein. Durch die langanhaltende Hitze zersetzten sie sich und setzten dabei Giftstoffe frei, die bei den Schwänen Darmentzündungen auslösten. Die Clostridium-Bakterien bedrohten besonders die sehr jungen Schwäne. Es verstarben neben sechs Nestlingen und fünf Jungtieren allerdings auch vier bereits ausgewachsene Schwäne. Ohne weitere „normale“ Todesfälle bereits ein Minus von 15 Tieren …

Doch in Hamburg leben nun seit Oktober 2018 zusätzlich die vorhin erwähnten Migranten. Es handelt sich in dem Fall nicht um zufällig dazugestoßene Tiere, die beschlossen, hier sesshaft zu werden, sondern es sind 13 Artgenossen, die aus dem Saarland zu uns umgesiedelt wurden. Sie stocken den Bestand wieder auf. Für die saarländischen Vögel war in der Heimat kein geeigneter Platz mehr. Ausgewildert werden konnten sie aufgrund von Flügelamputationen oder erlittenen Flügelverletzungen jedoch auch nicht …

Fragen Sie sich auch manchmal, ob Vögel einen Dialekt „sprechen“? Es heißt häufig, dass Ornithologen ortsabhängig Unterschiede im Klang der abgegebenen Laute bei z. B. einigen Singvögeln ausgemacht haben. Tonhöhe, Tonlänge, Art der Wiederholung, dazu das Kopieren von Gehörtem etc. Die Vögel scheinen Lokal-
spezifisches in ihr Repertoire aufnehmen.

Wenn nun einer der alten hiesigen Schwäne, Sie wissen schon, einer der bestimmt noch Hamburger Platt spricht, auf einen saarländischen Kumpel stößt … Ob die sich lautmäßig auf Anhieb verstehen? Und wenn ja, merken die trotzdem sofort, dass sie jeweils anderer Herkunft sind?

Ich hoffe sehr, dass die Althamburger Schwäne sich über die neuen Anrainer freuen und sich nicht etwa auf-
spielen. Den Lokalmatador heraushängen. Auf Privilegien pochen. Die menschlichen Hanseaten hier in der Stadt unterscheiden nämlich sogar zwischen gebürtigem und geborenem Hamburger! Tatsache. Wenn Sie denken, da gebe es keinen Unterschied – oh, doch!
Normalerweise spricht man von gebürtig, wenn man in Stadt A geboren wurde, aber heute woanders (Stadt B) lebt. Der Mann ist gebürtiger Berliner, lebt jedoch jetzt in Dortmund. Ein geborener Berliner, der weiterhin in der Hauptstadt wohnt, bleibt einfach geborener Berliner.
In Hamburg sollte es theoretisch genauso sein. Ist es aber nicht. Hier zählen Sie erst dann als geborener Hamburger, wenn  nicht nur Sie selbst, sondern vor Ihnen auch schon beide Elternteile in der Hansestadt zur Welt kamen. Und wenn es ganz fies kommt, dann ist das in Hamburg geborene Kind, dessen eines Elternteil
von auswärts stammt, ein „Geworfenes“. Dieser rotzfreche Ausdruck wird damit gerechtfertigt, dass der fremde Elternpart eben „nur“ Quiddje (Zugezogener) ist.
Hoffen wir, die umgezogenen Schwäne haben nicht so pingelige Schnösel vor sich gehabt, als sie sich nach einer Quarantänezeit von zwei Wochen ganz allmählich dazugesellten. Sie wurden nach und nach integriert, nicht alle auf einen Schlag auf die Alteingesessenen losgelassen.

Zwei Eindrücke noch vom Sommer …
.

Hamburg - Kleine Alster mit gemischter Wasservogelpopulation

Hamburg – Kleine Alster mit gemischter Wasservogelpopulation

.
Schwäne am Ballindammufer.

Alle übrigen, die Stammschwäne, waren 2018 bereits seit dem 10. April auf den Gewässern unterwegs. Rund sieben Monate hat eine Saison außerhalb des Winterquartiers, diesmal nur unterbrochen von vier Wochen im heißen August, in denen knapp 40 Schwäne von der Binnenalster evakuiert wurden, um weitere Todesfälle zu vermeiden. Der Mühlenteich präsentierte sich als der sicherere Platz. Es gab einerseits nicht diesen extremen Algenteppich, andererseits ließen sich Patienten dort sehr viel effektiver behandeln und aufpäppeln.

Nun naht der Winter. Zeit für alle, nach Eppendorf zurückzukehren. Es wurde ausnahmsweise eine kleine Galgenfrist von zwei Wochen gewährt, weil die milden Temperaturen im Herbst erstaunlich lange anhielten.

Und so sieht es aus, wenn im trüben November Schwanenvater Olaf Nieß mit seinem Team ausrückt, um seine Schützlinge einzufangen.
.

Hamburg - Kleine Alster mit Reesendammbrücke im Hintergrund - Schwanenvater Olaf Nieß rückt mit seinem Team an

Hamburg – Kleine Alster mit Reesendammbrücke im Hintergrund – Schwanenvater Olaf Nieß rückt mit seinem Team an

.

Speziell im Herbst halten sich viele Schwäne gern im Bereich der „Kleinen Alster“ direkt vor den Alster-
arkaden
auf. Dort am Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege führen steinerne Treppenstufen fast hinunter bis ans Wasser. Eine Art parallel zum Ufer verlaufender Steg teilt den Wasserbereich vor der Treppe von der Zuführung zur Schleuse ab. Hier pausieren sie in Gruppen, hocken auf dem Steg, putzen sich, schauen dabei umher, ob nicht jemand Essbares mitgebracht hat. Denn trotz Fütterverbot fällt natürlich immer einmal etwas für die Bande ab. Sie teilen sich Terrain und Häppchen mit Möwen, Graugänsen, Enten und Rallen.
.

Hamburg - Kleine Alster - Der Bereich vor den Treppen und am Denkmal ist beliebt bei den Wasservögeln

Hamburg – Kleine Alster – Der Bereich vor den Treppen und am Denkmal ist beliebt bei den Wasservögeln

.

Schwanenvater Nieß nähert sich mit seinen Kollegen in mehreren kleinen, flachen, offenen Booten von der Binnenalster unter der Reesendammbrücke hindurch der Kleinen Alster.
Die Boote bilden bald parallel zur Brücke von Ufer zu Ufer eine Art Barrikade. Die geschlossene Kette rückt ganz langsam auf gesamter Breite vor Richtung Denkmal und Rathausschleuse.
.

Hamburg - Kleine Alster - Man nähert sich den Schwänen ganz langsam ....

Hamburg – Kleine Alster – Man nähert sich den Schwänen ganz langsam ….

.

Wird die Distanz geringer, beginnen die Schwäne irgendwann, das Treiben genauer zu beobachten, sehen jedoch keinen Anlass, sich fortzubewegen.
.

Hamburg - Kleine Alster - Aktion Schwäne ins Winterquartier - Ab jetzt wird gezielt dirigiert ...

Hamburg – Kleine Alster – Aktion Schwäne ins Winterquartier – Ab jetzt wird gezielt dirigiert …

.

Sobald die Boote die Vögel erreicht haben und erste Manöver starten, um die Tiere in eine bestimmte Richtung zu dirigieren, bricht unter den Vögeln leichte Hektik aus. Man klettert über knapp aus dem Wasser ragende Trennwände bzw. Stege, manch einer flattert echauffiert und meint zunächst, mit einem Satz ins Becken daneben, sei die Sache gedeichselt.
.

Hamburg - Kleine Alster - Die Schwanentruppe an der Treppe direkt am Denkmal muss noch überzeugt werden, sich zu den anderen zu begeben ...

Hamburg – Kleine Alster – Die Schwanentruppe an der Treppe direkt am Denkmal muss noch überzeugt werden, sich zu den anderen zu begeben …

.

Hamburg - Kleine Alster - Alsterschwäne einsammeln - Ein bisschen drängeln mit dem Boot ...

Hamburg – Kleine Alster – Ein bisschen drängeln mit dem Boot ….

.

Hamburg - Kleine Alster, vor der Rathausschleuse - Das Manöver glückt, die Schwäne schließen zu den anderen auf ...

Hamburg – Kleine Alster, vor der Rathausschleuse – Das Manöver glückt, die Schwäne schließen zu den anderen auf …

.

Das Team trickst erneut mit Hilfe der Boote, lenkt und schafft es in relativ kurzer Zeit, dass die gesamte Gruppe der Tiere wie gewünscht in die linke Schleuse paddelt.
.

Hamburg - Kleine Alster, Rathausschleuse - Jetzt müssen allerdings alle (Schwäne) noch vor den Eingang der linken Schleusenkammer ...

Hamburg – Kleine Alster, Rathausschleuse – Jetzt müssen allerdings alle noch vor den Eingang der linken Schleusenkammer …

.

Hamburg - Kleine Alster - Noch einmal etwas Drängeln mit Wellengang, dann sind alle zusammen und erobern wunschgemäß die Schleuse

Hamburg – Kleine Alster – Noch einmal etwas drängeln mit Wellengang, dann sind alle zusammen und erobern wunschgemäß die Schleuse

.

Eine Sackgasse, denn die Schleusenausfahrt am anderen Ende ist bereits geschlossen.

Die Zuschauer wechseln jetzt flink ihren Platz und ziehen von der Kleinen Alster (Arkaden oder gegenüber an auf den Treppen) um auf die Schleusenbrücke.
.

Hamburg - Schleusenbrücke an der Rathausschleuse - Der erste Schwanbeobachter (ein großer schwarzer, langfelliger Hund mit Herrchen) ist schon da ....

Hamburg – Schleusenbrücke an der Rathausschleuse – Der erste Schwanbeobachter ist schon da ….

.

Sobald nicht nur die Schwäne, sondern dazu sämtliche Boote in der Schleusenkammer verstaut sind, schließt sich ebenfalls das Eingangstor.
.

Hamburg - Rathausschleuse - Alle Schwäne sind in der linken Schleusenkammer, noch ist der Wasserstand hoch ...

Hamburg – Rathausschleuse – Alle Schwäne sind in der linken Schleusenkammer, noch ist der Wasserstand hoch …

.

Hamburg - Rathausschleuse - Auch die Boote sind in der Kammer und rücken auf ...

Hamburg – Rathausschleuse – Auch die Boote sind in der Kammer und rücken auf …

.

In der Schleuse wird nun der Wasserspiegel gesenkt. Dies macht es für die Schwäne schwierig, aus ihrer ungünstigen Position, womöglich aus den Tiefen des Trogs heraus, noch einen erfolgreichen Abflugversuch
zu unternehmen. Die schweren Vögel benötigen eine wesentlich längere Startbahn.
.

Hamburg - Rathausschleuse - Schleusenkammer proppevoll, und immer weniger Platz für die Schwäne ...

Hamburg – Rathausschleuse – Schleusenkammer proppevoll, und immer weniger Platz für die Schwäne …

.

Die Boote schieben sich zentimeterweise vor, bis lediglich noch ein schmaler Spalt zwischen Boot und Tor freibleibt, und letztendlich das weiße Volk nur eine einzige Ecke als Ausweichpunkt übrigbehält.

Wer glaubt, dass die Tiere derart in die Enge gelotst in wilde Panik geraten würden, täuscht sich. Hippelig sind sie, ja. Die Jungschwäne empfinden mehr Stress. Hin und wieder hört man ihre aufgeregten Rufe.
Doch insgesamt kennen die Tiere den Schwanenvater inzwischen zu gut und die weitaus meisten wohl auch den Sinn und Zweck dieser Aktion.
Dass ihnen die nicht ganz behagt, ist nachzuvollziehen, denn A) wird es gleich ein bisschen handgreiflich zugehen und B) verlassen sie die Alster höchst ungern.
.

Hamburg - Rathausschleuse - Die Aktion "Schwäne einsammeln" läuft an. Vorher wurde das Stroh noch in den Booten ausgebreitet

Hamburg – Rathausschleuse – Die Aktion „Schwäne einsammeln“ läuft an. Vorher wurde das Stroh noch in den Booten ausgebreitet.

.

Hamburg - Rathausschleuse - Schwanenvater Olaf Nieß und sein Team bereiten die Schützlinge für den Transport vor ...

Hamburg – Rathausschleuse – Schwanenvater Olaf Nieß und sein Team bereiten die Schützlinge für den Transport vor …

.

Sie haben sicher auf einigen Fotos entdeckt, direkt am Rand der Schleusenkammer haben sich Presse und Fernsehen versammelt. Dicht am Geschehen, aber auch nah am Wasser. Ihnen allen wurde zur Sicherheit eine Schwimmweste gereicht …
Dass dieser Aufmarsch und die auffällig leuchtenden Westen die Schwäne nicht verschrecken, hat mich verwundert.
.

Schwanenvater Nieß und ein weiterer Mitarbeiter im Boot daneben greifen beherzt über Bord und schnappen sich jeweils einen Schwan. Der wird geschwind über die Bordwand gehievt, mit sicherer Hand am Boden des mit Stroh ausgelegten Bootes gehalten, wo seine Füße und Flügel leicht mit Klettband fixiert werden. Anders ginge der Transport nicht, denn ansonsten würden sich beim Schwanentrupp die Kollegen vor Entrüstung (die zeitweilig doch herrscht) womöglich auf engem Raum gegenseitig verletzten oder unter Protest gleich wieder aussteigen.
.

Hamburg - Rathausschleuse - Und wieder wird ein Schwan vorsichtig zu den anderen gebracht. Das Boot füllt sich ...

Hamburg – Rathausschleuse – Und wieder wird ein Schwan vorsichtig zu den anderen gebracht. Das Boot füllt sich …

.
So wird manchmal beruhigend auf sie eingeredet, einige bekommen ein paar Streicheleinheiten, und so nach und nach werden sie alle zart nebeneinander „aufgereiht“. Bereits nach kurzer Zeit an Bord recken sie die Hälse und schauen recht entspannt in der Gegend umher. Warten darauf, dass die Belegschaft komplett ist.

Gut zwei Stunden dauert das Lotsen in die Schleuse plus Verfrachten ins Boot. Ca. 40 Schwäne sind zu verstauen. Anfangs zählte ich 42 Schwäne auf der Kleinen Alster, doch es gab Schwund. Irgendeinem gelang es anscheinend, vorher noch auszubüxen.

.

Es gibt viele Zuschauer, die von der Schleusenbrücke aus zusehen und trotz höchst ungemütlicher Tempe-
ratur, beißendem Windzug am Wasser und brückenbedingt besonderer Kälte an den Füßen, dennoch die ganze Zeit leise vor sich hinbibbernd ausharren; es ist eben enorm spannend.

Touristen, zufällig vorbeikommend, sprechen Umstehende und auch mich neugierig an. Haben Fragen. Auf Deutsch, auf Englisch. Lebhafte Unterhaltungen entwickeln sich daraus. Daneben gibt es Kommentare zum Geschehen, Einwürfe. Unter anderem den folgenden, den  ein reiferer Herr äußert, nachdem er die Schwäne
im Boot erblickt hat:
„Ach, werden die jetzt geschlachtet?“

Die Reaktionen reichen von Belustigung über Empörung bis hin zu schierem Entsetzen. Den Alsterschwänen an die Gurgel! Mein Gott! Zwei anwesende Damen können sich vor Entrüstung nur sehr schwer wieder einkriegen. Der Begriff Schnappatmung wird hier gerade aufs Feinste demonstriert.

Der Herr wird von allen Seiten hilfsbereit und wortreich aufgeklärt – doch ich bin mir gar nicht so sicher, dass er wirklich so ahnungslos war …
.

Hamburg - Rathausschleuse - Es sind alle Passagiere an Bord, der Wasserstand ist wieder gestiegen, ein Teil der Boote hat die Kammer bereits verlassen. Die nicht mehr benötigten Westen werden verstaut ...

Hamburg – Rathausschleuse – Es sind alle Passagiere an Bord, der Wasserstand ist wieder gestiegen, ein Teil der Boote hat die Kammer bereits verlassen. Die nicht mehr benötigten Westen werden verstaut …

.

Der letzte Schwan sitzt im Boot, Aktion Einsammeln beendet, der Wasserstand in der Schleuse kann wieder angehoben werden. Sobald er das Alsterniveau erreicht hat, öffnet sich das Tor auf entsprechender Seite, und in der Kammer wird das Kuddelmuddel aus querliegenden Booten aufgelöst.
Eines nach dem anderen verlässt die Schleuse. Am Ende zieht ein motorisiertes Fahrzeug die beiden mit Schwänen belegten Boote hinaus und hinter sich her. Richtung Kleine Alster, weiter zur Binnenalster, auf die Außenalster und letztendlich zum Mühlenteich.
.

Hamburg - Rathausschleuse - Nur noch die beiden Boote mit den Schwänen ins Schlepptau nehmen ....

Hamburg – Rathausschleuse – Nur noch die beiden Boote mit den Schwänen ins Schlepptau nehmen ….

.

Hamburg - Und da tauchen die Alsterschwäne wieder aus der Schleusenkammer auf. Diesmal als Bootspassagiere mit ihrem Schwanenvater ...

Hamburg – Und da tauchen die Alsterschwäne wieder aus der Schleusenkammer auf. Diesmal als Bootspassagiere mit ihrem Schwanenvater …

.

Auf ein Wiedersehen auf der Alster im nächsten Frühjahr, Ende März/Anfang April!
.

Hamburg - Kleine Alster - Schwanentransport - Auf geht die Reise zum Mühlenteich, ihrem Winterquartier ...

Hamburg – Kleine Alster – Schwanentransport – Auf geht die Reise zum Mühlenteich, ihrem Winterquartier …

.

Die restliche Schwanenbevölkerung, die sich an diesem Tag gerade nicht im Bereich der Kleinen Alster aufhält, wird üblicherweise in den zwei folgenden Tagen nach und nach eingesammelt. Manch Alsterschwan kennt von sich aus die Strecke zwischen Alster und Mühlenteich, doch freiwillig nutzen die Vögel den „Selbstschwimmer-
status“ eher im Frühjahr, wenn es mit deutlich mehr innerem Antrieb hinausgeht.

Vielleicht zeigt im nächsten April ein weißgefiederter Urhamburger seinem Schwankollegen aus dem Saarland den richtigen Weg. Ich kann mir das gut vorstellen …
„Moin“, winkt Fiete einem der Neuhamburger zu, „hier geiht dat lang.“
Die seltsame Sproch hat der Heinz aus Saarbrücken jedoch über Winter schon ganz gut erlernt.
„Dooiwwe?“, fragt er knapp.
Natürlich mit saarländischem Zungenschlag, denn man hat sich – das weltoffene Hamburg lässt grüßen – für Zweisprachigkeit bzw. die Erhaltung von womöglich sonst aussterbenden Dialekten und Mundarten entschieden.
.
.

.

©by Michèle Legrand, November 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , ,

61 Kommentare

Hamburg: Zwischen Altstadt und Neustadt (3) Althamburger Bürgerhäuser und ihr „brutaler“ Nachbar – Ein Streifzug durch die Deichstraße

Nach herrlichem Altweibersommer mit vielen warmen Septembertagen ist gerade stürmisch-feuchter Herbst eingezogen. Ein entspannter virtueller – und vor allem trockener – neuer Hamburger Streifzug bietet sich daher an! Die Altstadt ruft zum inzwischen dritten Mal, und wenn Sie mögen, schließen Sie sich gerne wieder bei einem weiteren Erkundungsgang an.

Es wird Sie verwundern, doch dass es heute wieder etwas ausführlicher wird, liegt diesmal  an der Bundeswehr. Hätte die Truppe nicht bei ihren Schießübungen den Schwelbrand im Moor bei Meppen ausgelöst und zunächst eine Woche alleine eine mögliche Lösung ausgebrütet, würde jetzt nicht ein Großteil Norddeutschlands – es zog am Freitagmorgen bis nach Hamburg  und weiter hoch nach Schleswig-Holstein! – angeschmort riechen. Und ohne den Dauergeruch in der Nase, hätte ich  den feurigen Part (Sie werden bald merken, worum es sich handelt) unserer heutigen Erkundungstour möglicherweise gar nicht erwähnt.

Es geht diesmal in die ganz in der Nähe des Binnenhafens gelegene, nur einen Katzensprung von der Spei-
cherstadt
und dem Miniatur-Wunderland entfernte Deichstraße mit ihren Althamburger Bürgerhäusern. In deren unmittelbarer Nachbarschaft steht ein – im gewissen Sinne „brutaler“ – Nachbar, den ich Ihnen auch ein wenig vorstellen werde.
Wir nehmen – am Rande – eine Feier in der Deichstraße mit, das Fest am Fleett. Ich gedenke, mit Ihnen einen Blick auf den Anleger im Nikolaifleet zu werfen. Sowohl Fleet als auch Ponton befinden sich auf der Rückseite der Deichstraßenhäuser. Aus Anlass des Festes haben einige relativ kleine und flache, schon recht betagte Boote, u. a. eine Kastenschute, dort festgemacht. Alles Schiffe der Art, wie sie hier früher üblicherweise auf den Fleeten verkehrten, Waren transportierten und diese direkt am Haus anlieferten.
Eine kleine Zeitreise könnten wir auch einschieben.
Wie wäre es, zum heutigen Abschluss Gold zu schnuppern?
Auch das wird möglich sein, hat mit den Traditionsschiffen jedoch nichts zu tun. Neugierig? Sind Sie mit von der Partie? Dann lassen Sie uns starten.

Deichstraße

Die Deichstraße in Hamburgs Altstadt ist bei den Touristen als Ziel recht beliebt, doch nicht nur bei denen.
Die Ortsansässigen streben ebenfalls dorthin, wenn auch meist aus einem anderen Grund.
Während die Gäste aus der Ferne gern zunächst von außen alte, geschichtsträchtige Häuser ansehen möchten, zieht es die Einheimischen meist in diese hinein. Die Fassaden sind für sie ja nichts Neues, den Anblick kennen sie bereits.
In den prächtig restaurierten Gebäuden und in dieser schönen Lage direkt am Fleet haben sich zahlreiche Lokale, Cafés und Restaurants niedergelassen. Restaurants im alten Stil und mit teilweise langer Tradition, solche, die im Laufe der Jahrzehnte so einige Veränderungen in ihrer Umgebung selbst miterlebt haben.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße 21 und 23 - Restaurants "Kartoffelkeller" und "Deichgraf" - Straßenfront

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Restaurants „Kartoffelkeller“ (Haus Nr. 21) und „Deichgraf“(Nr. 23)

.
Eine bisschen Extraberühmtheit hat das alles durch eine Besonderheit erlangt: Hier in der Deichstraße ist das letzte erhaltene Ensemble althamburgischer Bürgerhäuser unterschiedlichen Stils zu finden. Ein ganzer Straßenzug, der einen Eindruck davon vermittelt, wie Hamburg in der Zeit zwischen dem 17. Jahrhundert und dem Großen Brand im Jahr 1842 aussah. Zusätzlich geschichtsträchtig ist der Ort dadurch, dass dieser ver-
heerende Brand damals genau in dieser Straße ausbrach!
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße - Haus Nr. 25 (Zum Brandanfang) und Nr. 27

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Haus Nr. 25 (Zum Brandanfang) und Nr. 27

.
Überall sonst wurden die allmählich leider etwas heruntergekommenen Zeugen dieser Zeit nach und nach abgerissen, spätestens nach weiterer Beschädigung oder kompletter Zerstörung durch die Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg. Die wohl letzten Überreste verschwanden im Zuge der nach Kriegsende einsetzenden Neubebauung sowie infolge der Einrichtung neuer Verkehrswege, für deren Verlauf die Planung häufig eine komplett neue Straßenführung vorsah.
In diesem Zusammenhang wurden damals mit dem vielen herumliegenden Geröll und Bauschutt gleich einige Fleete zugeschüttet. Sie erinnern Sie vielleicht, dass ich in vorherigen Teilen zu diesem Punkt schon einmal von Hamburger Straßen erzählte, deren aktuelle Namen durch das Anhängsel -fleet zwar noch „fleethaltig“ klingen, in denen Sie aber verdammt lange nach Wasser suchen können.

Die Deichstraße heißt nicht aus einer Laune heraus einfach nur so, die Häuser wurden tatsächlich auf einem Deich gebaut. In der frühen Neuzeit, einer Zeit, in der sich in Hamburg der Handel mächtig intensivierte, herrschte auf Stadtgebiet (innerhalb der Wallanlagen) bald enorme Platzknappheit. Gebäude entstanden – wie hier auch – nicht mehr nur auf der Landseite der Straße, sondern direkt auf den Grundstücken an den Fleeten. Da diese Wasserwege mit der Norderelbe in Verbindung stehen und ihr Wasserpegel von der Tide beeinflusst wird, hatte man dort bereits – zu jener Zeit waren es noch – Außendeiche errichtet, die nun bei Bebauung gleich einen höheren und sichereren Standort boten und davor schützten, dass einem während des Hochwassers die Fluten ins Haus liefen.

Was Sie bei einem Besuch vor Ort vielleicht auch für sich feststellen werden, ist, dass Sie, abhängig davon, zu welcher Jahreszeit oder bei welchem Wetter Sie der Deichstraße und dem Nikolaifleet dahinter einen Besuch abstatten, Sie entweder einen freundlichen, jedoch eher oberflächlichen Eindruck der Gesamtszenerie auf-
schnappen, oder aber sich erstaunlich echt in alte Zeiten zurückversetzt fühlen.

Im Sommer, wenn die Straßenbäume grün sind, die Lokale ihr Platzangebot auch vorne nach draußen auf die Trottoirs der Deichstraße, die größtenteils Fußgängerzone ist, ausgeweitet haben und die Menschenmassen sich drängen, bleibt meist das Empfinden: Ach ja, hübsch. Ganz nette Gegend.
Man blickt kurz hoch an den restaurierten Häuserfassaden, schaut in Schaufensterauslagen, aber der Hintermann sorgt schon dafür, dass man nicht ewig stehenbleibt. Während also das Laub der Bäume den Blick leicht bremst und ein wenig die Sicht aufs Ganze hemmt, lenkt gleichzeitig das Gewusel der Menschen ab. Und Sie sind dann leider auch nicht der Einzige, der die Idee hat, sich die Häuserzeile alternativ von der Fleetseite anzusehen.
.

Hamburg - Altstadt - Fest am Fleet in der Deichstraße - 08.09.2018

Hamburg – Altstadt – Fest am Fleet in der Deichstraße – 08.09.2018

.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße - Fest am Fleet, es ist viel los ...

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Fest am Fleet, es ist viel los …

.

Ein Tag im zeitigen Frühjahr, im Spätherbst oder sogar Winter, bei eventuell sogar unvorteilhaftem Wetter, wenn es kaum jemanden dorthin zieht, birgt den unschätzbaren Vorteil, dass sich versunken betrachten lässt und dass man die Gedanken schweifen lassen kann. Sich vorstellen kann, wie es damals aussah und zuging! Sie erkennen verblüfft, dass es ein ganz beträchtlicher Unterschied ist, ob Sie die Frontseite mit barocken, farben-
frohen Fassaden inkl. Beschriftung durch die Gastronomie bzw. Auslagen in den Läden betrachten, oder ob Sie sich die eher schlichten Rückfronten, teilweise mit altem Fachwerk, hinten ansehen.

Hätten Sie Lust auf eine kleine Zeitreise zurück ins – sagen wir – 19. Jahrhundert? Ich habe Ihnen dazu einzelne Ansichten in einer s/w-Version angefertigt und ergänze aktuelle Bilder vom September 2018 mit einigen Archiv-
fotos von Anfang und Ende 2017, um eine „kahlere“ Jahreszeit sowie Aufnahmen ohne Gerüstteile (wie sie momentan gerade auf der Cremon-Seite aufgebaut sind) zur Verfügung zu haben.

Wenn Sie auf der Hohen Brücke stehen, also vom Hafenbereich aus ins Nikolaifleet schauen und von dort die Häuserrückseiten mit ihrem Fachwerk betrachten, ist der Eindruck vergangener Zeiten fast perfekt.
.

Hamburg - Altstadt - Blick von der Hohen Brücke am Hafen auf Nikolaifleet und die Rückfronten der Deichstraßenhäuser

Hamburg – Altstadt – Blick von der Hohen Brücke am Hafen auf Nikolaifleet und die Rückfronten der Deichstraßenhäuser

.

Die Bürgerhäuser stammen alle aus einer Zeit, in der es üblich war, Leben und Arbeit gleichzeitig in den recht engstehenden, mehrgeschossigen Fachwerkhäusern stattfinden zu lassen. Ein einziger Ort, an dem das Kontor eingerichtet und das Handwerk betrieben wurde, an dem bunt gemischt gelagert, aber auch mit vielköpfiger Familie gewohnt wurde. Dazwischen standen Waren, es liefen Maschinen, es wurde mit Feuer hantiert, das Wasser für die Produktion, aber auch für den Verzehr, wurde dem Fleet entnommen, Abwässer allesamt hineingeleitet. Entwässerung/Kanalisation, Hygiene … das waren noch Fremdwörter.

Die Straßen waren schmal und oft uneben, so dass sich Waren mit Karren oder dem Pferdewagen recht mühsam an- und abtransportieren ließen. Sie wurden stattdessen von Schuten und Ewern vom Hafen aus via Fleet an die Rückfronten der Gebäude gebracht. Sie können auch heute noch erkennen, dass die Häuser Ladeluken besitzen. Mittels Flaschenzug wurde sämtliche Ladung zu den weiter oben im Haus befindlichen Speichern befördert.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße (Rückseite) - Speicherräume im Haus, Flaschenzug zum Hieven ...

Hamburg – Altstadt – Deichstraße (Rückseite) – Speicherräume im Haus, Flaschenzug zum Hieven …

.

Hamburg - Altstadt - Auf dem Ponton im Nikolaifleet ...

Hamburg – Altstadt – Auf dem Ponton im Nikolaifleet …

.

Drüben auf der anderen Fleetseite liegt der Cremon. In dieser Straße (früher war Cremon eine ganze Marschinsel!), gibt es eine erhaltene Speichergruppe in den Außendeichshäusern Cremon 33 bis 36.
Der Rest der ursprünglichen Bebauung wurde leider im Krieg zerstört.
.

Hamburg - Altstadt - Fleetgang, die Verbindung zwischen Straße und Fleet (schmaler Gang zwischen hohen Häusern)

Hamburg – Altstadt – Fleetgang, die schmale Verbindung zwischen Straße und Fleet

.

Zwischen einigen Häusern der Deichstraße verlaufen sehr schmale Wege, die an das Fleet hinunterführen. Von jeher der Zugang von der Straße zum Wasser – und zwar nicht nur für die Bewohner der Häuser auf dem Deich, sondern auch für die auf der gegenüberliegenden Seite der Straße Wohnenden.
Sie als Besucher können diese Gänge heute nutzen, um auf den vor einigen Jahren installierten Ponton im Nikolaifleet zu gelangen.
.

Hamburg - Altstadt - Verbindungsgang zum Fleet zwischen den Häusern der Deichstraße

Hamburg – Altstadt – Ein weiterer Verbindungsgang – Dieser hier führt zwischen den Häusern vom Ponton im Nikolaifleet zur Deichstraße

.
Wenn Sie von der anderen Seite, von der Holzbrücke aus, Richtung Hafen in das Fleet schauen, wirkt es ähnlich historisch …
.

Hamburg - Nikolaifleet - Blick auf die Rückfronten der Deichstraßenhäuser (rechts, links Cremon)

Hamburg – Nikolaifleet – Blick auf die Rückfronten der Deichstraßenhäuser (rechts, links Cremon)

.
… bis Ihr Blick zu weit vorprescht und er die noch – nun, ja – nicht ganz so alte Elbphilharmonie erfasst.
.

Hamburg - Nikolaifleet - Der Anblick von eben, nur ein wenig farbiger und mit der Elbphilharmonie ganz am Ende ...

Hamburg – Nikolaifleet – Der Anblick von eben, nur ein wenig farbiger und mit der Elbphilharmonie ganz am Ende …

.
Wie wohl ein Mensch des 17., 18. und selbst des frühen 19. Jahrhunderts, vertraut mit einem komplett anderen Baustil, beim Anblick hypermoderner Bauten unserer Zeit reagieren würde? Selbst die von uns schon als alt empfundene Speicherstadt mit ihren roten Backsteingebäuden kannte er nicht. Sie wurde erst später in den Jahren zwischen 1883 und 1927 errichtet …
.

Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Rückfronten der Deichstraßenhäuser -s/w

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – Rückfronten der Deichstraßenhäuser

.
Beamen wir uns beim Blick auf alte Gemäuer und Fachwerk gedanklich zurück ins Jahr 1842.

Es ist Frühjahr, der Monat Mai hat eben begonnen. Himmelfahrt steht vor der Tür. Am festen Anleger an der Holzbrücke rüstet sich gerade der Kapitän eines Ewers zum Ablegen. Er fährt ein Segelschiff kleineren Typs mit einem Flachkiel, d. h. es hat geringen Tiefgang und kommt mit der nicht so üppigen Wasserhöhe im Fleet aus. Jedenfalls bei Hochwasser …
.

Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Anleger an der Holzbrücke - Ungenutzt mit viel Wildwuchs (Unkraut)

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – Anleger an der Holzbrücke

.
Dass der Anleger seit langem ein Schattendasein führt und keiner mehr hier anlegt, erkennen Sie leicht am Wildwuchs … Auf der anderen Seite der Holzbrücke befindet sich heutzutage der Dauerliegeplatz des „Theaterschiffs“.
.

Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Anleger an der Holzbrücke, Blick (unter dem Brückenbogen hindurch) hinüber zum Theaterschiff

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – Anleger an der Holzbrücke, Blick hinüber zum Theaterschiff

.

Für den Ewer unseres Kapitäns ist nicht nur die Tauglichkeit in Bezug auf zur Verfügung stehende Wasser-
stände wichtig. Um überhaupt von Elbe und Hafen ins Fleet zu gelangen, sollte auch die Höhe stimmen, denn das Schiff muss unter den niedrigen Brücken hindurchpassen. Für unseren Ewerführer heißt das, er muss jedes Mal den Mast einklappen, sonst wird das nichts.

Auch heute haben die Rundfahrten anbietenden Hafenbarkassen – so flach sie sind – darauf zu achten, dass sie zwischen Ebbe und Flut nur während eines kleinen Zeitfensters Zugang zu den Fleeten haben. Außerhalb dieser Zeit reicht entweder die Durchfahrtshöhe kaum noch aus, oder aber sie sitzen auf dem Trockenen.
.

Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Barkasse "Birgit Ehlers" steuert auf die Hohe Brücke zu ...

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – Barkasse „Birgit Ehlers“ steuert auf die Hohe Brücke zu …

.
Im Mai 1842 herrscht reger Betrieb. Schuten drängeln sich aneinander vorbei. Entweder von Hand mit Peekhaken fortbewegt oder aber per Barkasse geschleppt. Sie haben Waren geladen, die per Seeschiff nach Hamburg kamen und nun auf dem Weg zum Kunden ins Lager oder in seinen Betrieb sind. Oder sie bringen umgekehrt Ladungen zu in Kürze aus Hamburg auslaufenden Schiffen. Werkmaterialien, Verbrauchsgüter, Lebensmittel, es gibt kaum etwas, was nicht gehandelt oder verarbeitet wird.
.

Hamburg - Altstadt - Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

Hamburg – Altstadt – Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

.

Ins Haus Nr. 27 wird Gemüse geliefert. Dort ist der Bardowicker Speicher. Die Gemüsebauern aus dem gleichnamigen Ort nahe Lüneburg lagern hier ihre Waren ein. Eine andere Schute transportiert importierten Tabak. Später im Jahr werden auch wieder etliche Hopfenladungen für die Brauerei Gröninger bei den Lieferungen dabei sein …
.

Hamburg - Altstadt - Pferdefuhrwerk auf der Holzbrücke (im Hintergrund St. Katharinen)

Hamburg – Altstadt – Pferdefuhrwerk auf der Holzbrücke (im Hintergrund St. Katharinen)

.

Hamburg - Altstadt - Fest am Fleet 2018 - Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

Hamburg – Altstadt – Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

.

Feuer! Der Große Brand

Wie bei uns der Sommer 2018, ist das Frühjahr 1842 extrem trocken. Seit Wochen hat es nicht geregnet. Es hält hier am Fleet jedoch niemanden von seiner Arbeit ab. Strom gibt es noch nicht. Man arbeitet mit Feuer, zur Beleuchtung dienen Kerzen.
Die Lager sind proppevoll, Entzündliches steht offen herum, weitere heikle, weil leicht brennbare Sachen, befinden sich gleich daneben. Brandschutzmauern zwischen den Häusern – wie damals schon in Lübeck – gibt es in Hamburg noch nicht.
Am 5. Mai, die Nacht ist noch gar nicht so weit fortgeschritten, ertönt Alarm. Nachtwächter haben bemerkt, dass im Haus Nr. 42 (hin und wieder auch die Nr. 44 genannt) bei einem Tabakhändler Feuer ausgebrochen ist. Die genaue Brandursache wird sich nie herausstellen …

Das betroffene Haus liegt an dem Ende der Deichstraße, das zum Hafen zeigt, jedoch auf der fleetabgewandten Seite der Straße. Ungefähr gegenüber vom Alt Hamburger Aalspeicher.

Haus Nr. 25 wiederum, welches den Schriftzug „Zum Brandanfang“ trägt, zeigt, wo das Feuer auf die Häuser der Ostseite der Straße übersprang.

Es werden Signalschüsse abgegeben, um die Feuerwehr herbeizurufen. Die Sturmglocken läuten. Die Flammen breiten sich sagenhaft schnell aus. Nebenan lagern hochbrennbarer Schnaps genauso wie Gummi und Lacke. Die Gebäude selbst geben durch ihren hohen Holzanteil  ideales Brennmaterial ab. Schon fliegende Funken reichen nach der Trockenheit aus, immerzu Neues in Brand zu setzen. Die Flammen lodern wild, dunkle Rauchwolken steigen hoch und weithin sichtbar auf. Kleine Explosionen ertönen, es entwickeln sich Dämpfe, verbranntes Gummi stinkt zum Himmel …
.

Hamburg - Altstadt - Ponton im Nikolaifleet mit Rückfronten der Deichstraßenhäuser - sw

Hamburg – Altstadt – Ponton im Nikolaifleet mit Rückfronten der Deichstraßenhäuser

.

Auch wenn auf obigem Foto der Himmel hell ist, können Sie sich vorstellen, wie es damals hier qualmte, wie der Altstadtteil schwarz verhangen war, die Flammen sich gierig durchfraßen, die Hitzeentwicklung unerträglich wurde …?

Alles brennt wie Zunder, unaufhörlich. Die vom Feuer betroffenen Gebiete weiten sich immer weiter aus. Der Große Brand zieht durch die Altstadt Richtung Neustadt, und trotz Großeinsatz aller Kräfte, gibt es so gut wie keine Chance, dem Vorankommen Einhalt zu bieten.
Selbst die Sprengung des altes Rathauses an der Trostbrücke und weiterer Gebäude, die in der Hoffnung erfolgt, eine Art Schneise zu schlagen, die Flammen damit aufzuhalten und alles unter Kontrolle zu bekommen, nützt nicht …

Die Flammen dringen  letztendlich bis zu den Wallanlagen vor. In der Neustadt und hier in der Straße, die deshalb heute noch den Namen Brandsende“ trägt, bekommt man das Feuer endlich – drei, fast vier Tage nach Ausbruch – am 8. Mai 1842 in den Griff.
Von den etwa 120.000 Einwohnern, die Hamburg zu dieser Zeit hat, verlieren 20.000 Menschen ihre Wohnung, zahlreiche sterben, noch mehr werden verletzt. 100 Speicher mit Waren fallen ebenfalls dem Brand zum Opfer.

Sie und ich wissen, wie heute ein Feuerwehrgroßeinsatz aussieht, doch wie lief es damals ab? Was stand überhaupt zur Brandbekämpfung zur Verfügung?

Eine begrenzte Anzahl an Feuerwehrleuten, Leiterwagen, von Pferden gezogene Karren, Spritzenwagen, dazu Handspritzen und die Möglichkeit des zusätzlichen Einsatzes vom Fleet aus …
Seinerzeit hatte Hamburg 1 150 Feuerwehrleute, die man „Wittkittel“ nannte, da sie weiße Kleidung aus Leinen trugen. Weiße Kleidung? Eigenartig, oder? Noch trugen sie sie, muss man dazu sagen, denn inzwischen war natürlich jedem klar geworden, dass Weiß als Farbe beim Kontakt mit Ruß und Asche alles andere als ideal war. Es gab daher bereits die ersten blauen Uniformen, nur die große Mehrheit trug tatsächlich immer noch den Schutz aus hellem Material.

Unsere Feuerwehr heute hat eine ausgefeilte Ganzkörpermontur. Einen Helm mit Sichtschutz. Dazu wird – abhängig vom Einsatz – unter schwerem Atemschutz gearbeitet. Und die „Wittkittel“ 1842 während des Großen Brands?

Als Feuerwehrmann hatte man lange Zeit zum Schutz des Kopfes Filzhüte aufgehabt, ging jedoch seit 1820 langsam zum Tragen eines Lederhelms über. Der wurde aus den Abfällen der Lederschläuche gefertigt. Sie müssen sich das einmal vorstellen: Im 16. Jahrhundert wurde der Schlauch erfunden und war aus Leder genäht, wurde später genietet! Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die Hanfschläuche auf, die aber auch erst ein Jahr-
hundert später vernünftig genutzt werden konnten, als man sie nämlich – und das war so um die Zeit des Großen Brands herum – mit einer Gummieinlage versah. Und nun also Lederschlauchreste zur Fabrikation von Schutzhelmen …

Nicht leicht, mit den vorhandenen Mitteln und dem eher kümmerlichen Schutz des eigenen Lebens ein Feuer dieser Größenordnung zu bewältigen. Es kam immerhin noch Verstärkung von außerhalb hinzu. Feuerwehr-
männer aus Lübeck, aus Kiel …

Manche Anwohner der Häuser am Wasser, die beim Brand um ihr Hab und Gut bangten, entschlossen sich, einen Teil der Waren oder Haushaltsgegenstände einfach ins Fleet zu werfen mit dem Plan, das Versenkte später wieder herauszuholen.
Es gab auch Situationen, in denen die Eigner aus Vernunft beschlossen, speziell im Fall von kritischen Stoffen, die eh nicht mehr zu retten waren, diese ins Fleet zu werfen, damit sie nicht als weiteres Brennmaterial für das gierige Feuer dienten. Dieses lobenswerte Vorhaben ging in einem Fall ein wenig nach hinten los …

Es gab einen ansässigen Herrn, der genau aus diesem Grund seine 350 Fässer mit Arrak (Schnaps) ins Fleet auskippte. Es herrschte allerdings gerade Ebbe. Das Zeug floss nicht ab. Die Feuerwehr wiederum versuchte unverdrossen, aus dem Fleet Spritzwasser zum Löschen zu pumpen.
Sie können sich das Resultat denken: Man spritzte über lange Zeit anstelle von Wasser den hochprozentigen Schnaps in die Flammen. Kräftiger Wind aus Südwest blies und trieb das frisch angeheizte Feuer weiter Richtung Stadtmitte.

Nach dem Großen Brand

Und nachdem das Feuer endlich erloschen war – lag anschließend alles ewig in Schutt und Asche? Blickte man auch noch nach Jahren auf Brandruinen?

Nein, im Gegenteil. Nach Ende des Brandes starteten sofort die Aufräumarbeiten, und es begann der Wieder-
aufbau von zerstörten Gebäuden bzw. die Wiederherrichtung beschädigter Häuser. Es gab Spenden aus dem In- und sogar aus dem Ausland! Ein regelrechter Bauboom wurde ausgelöst. Auch die Häuser hier in der Deichstraße wurden schnellstens wieder hochgezogen, obwohl wirklich kaum mehr als einige Grundmauern übriggeblieben waren.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße Nr. 19

Hamburg – Altstadt – Deichstraße Nr. 19

.

Wenn der Große Brand irgendetwas Gutes gehabt hat, dann ist es die Tatsache, dass man sich nach dem verheerenden Feuer Gedanken machte, wie man so etwas in Zukunft vermeiden konnte, aber auch darüber,
wie sich die Feuerbekämpfung verbessern ließe.

Sie haben bestimmt von dem englischen Ingenieur William Lindley gehört. Er entwarf damals u. a. eine zentrale Wasserversorgung für Hamburg, was letztendlich auch Löscheinsätze einfacher gestaltete. Und man gründete 30 Jahre nach dem Brand eine Berufsfeuerwehr.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße 47 - Mit Volutengiebel und dem Portal der abgebrochenen Nr. 29

Hamburg – Altstadt – Deichstraße 47 – Mit Volutengiebel und dem Portal der abgebrochenen Nr. 29

.

Ganz wichtig war jedoch auch, dass sich die Menschen – obwohl sich die eigentliche, die genaue Brandursache nie ausmachen ließ – klarmachten, dass Umstände wie enorme Enge, fehlende Brandschutzmauern und besonders das Leben und gleichzeitige Arbeiten mit gefährlichen und leichtentzündlichen Materialen an einem Ort, zu den Hauptrisikofaktoren für einen Feuerausbruch zählten. Abgesehen davon, dass es prinzipiell Leben gefährdete.
Der Große Brand löste ein Umdenken aus mit der Folge, dass sich danach eine strikte Trennung von Arbeitsstätte und Heim durchsetzte. Die Menschen zogen nach außerhalb, der Arbeitsplatz blieb aufgrund der günstigeren Lage am bisherigen Ort.
.

Hamburg - Altstadt - Haus der Seefahrt - Ecke Deichstraße_Hohe Brücke - Kontorhaus von 1910

Hamburg – Altstadt – Haus der Seefahrt – Ecke Deichstraße/Hohe Brücke – 1910 neu errichtetes Kontorhaus

.
Kontorhäuser (s. Hinweis am Ende des Beitrags) entstanden, die ganz anders gestaltet und eingerichtet wurden. Holz als Baumaterial war auf dem Rückmarsch, die Gebäude entstanden aus Sandstein oder Backsteinen, Treppen aus Stein und Marmor. Der Einsatz von Metall verstärkte sich, und aus Brandschutz-
gründen stand in den Foyers und Treppenhäusern von da an nichts Brennbares mehr herum, was einem Feuer als Nahrung dienen konnte.
Nach einzelnen Häusern in der Neustadt zum Ende des 19. Jahrhunderts, entstand zum Beginn des 20. Jahrhunderts in der Altstadt nach und nach ein ganzes Kontorhausviertel!

So viel, was damals durchs Feuer zerstört wurde … – und doch auch so viel, was aus Ruinen wieder zum Leben erweckt wurde! Schön, dass nach alledem das Ensemble der althamburgischen Bürgerhäuser in der Deichstraße – welchem,  ganz ohne weiteres Feuer, aber bedingt durch Alter und Kriegsschäden, der Abriss drohte – durch einen Volksentscheid 1972 und die Spendenaktion „Rettet die Deichstraße“ nicht nur erhalten, sondern auch restauriert werden konnte.
.
Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - Die Häuser der Deichstraße von der Rückseite
.

Die Häuser stehen heute alle unter Denkmalschutz und sind nicht nur von außen, sondern auch von innen sehr sehenswert. Wenn Sie einmal schick essen gehen möchten, schauen Sie in den Alt Hamburger Aalspeicher, den „Deichgraf“ oder eines der anderen Restaurants.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße - Haus Nr. 43 mit dem (in Grün) Alt Hamburger Aalspeicher

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Haus Nr. 43 mit dem (in Grün) Alt Hamburger Aalspeicher

.
Das „Kontor“ ist beliebt, im „Kartoffelkeller“ gibt es leckere Gerichte, und wer eher auf Crêpes und Galettes Appetit hat, der ist im „Ti Breizh“, einer bretonischen Crêperie genau richtig.
.

Hamburg - Altstadt - Ti Breizh in der Deichstraße (Sept. 2018)

Hamburg – Altstadt – Ti Breizh in der Deichstraße

.

Hamburg - Altstadt - Seiteneingang im Fleetgang - Ti Breizh, die Bretagne lockt ... Geöffnete Tür mit einem bunten Werbeplakat der Bretagne auf der Innenseite

Hamburg – Altstadt – Seiteneingang im Fleetgang – Ti Breizh, die Bretagne lockt …

.

Im Haus Nr. 37, dem „Alt Hamburgischen Bürgerhaus“ kann man heute noch eine authentische, zwei-
geschossige Diele aus dem Barock vorfinden, dazu besonderes und wertvolles Mobiliar, das aus während des Kriegs zerstörten Bürgerhäusern stammt.
.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße - Alt Hamburger Bürgerhaus

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Alt Hamburger Bürgerhaus

.

So geschichtsträchtig, so alt, so farbenfroh und lebhaft, ja, so homogen sich das Leben im weitaus größten Teil der Deichstraße präsentiert, ich muss Ihnen zum Schluss unbedingt noch den „brutalen“ Nachbarn zeigen. Aus Anlass des Fests am Fleet  und da obendrein Tag des offenen Denkmals war, bestand die Chance, sich ein weiteres denkmalgeschütztes, jedoch völlig anderes Gebäude anzusehen, das sonst nur Geschäftsleute und -kunden  oder Angestellte betreten.

Es geht um diesen Bau  ….

Deutsche Bundesbank – Zentrale Hamburg
.

Hamburg - Altstadt - Zentrale Hamburg der Deutschen Bundesbank Ecke Deichstraße_Willy-Brandt-Straße

Hamburg – Altstadt – Zentrale Hamburg der Deutschen Bundesbank – Ecke Deichstraße/Willy-Brandt-Straße

.

Darf ich vorstellen, dies ist die Hamburger Zentrale der Deutschen Bundesbank, die ihren Sitz in einem Betonbau an der Ecke Deichstraße/Willy-Brandt-Straße hat. Fünf Jahre wurde daran gebaut, 1981 wurde er bezogen.
Ein ziemlicher Gegensatz zu den eben kennengelernten Bürgerhäusern. Abgesehen davon, dass man die Ansicht eines derartigen Gebäudes durchaus als etwas brutal bezeichnen kann, gibt es jedoch erstaun-
licherweise in der Architektur tatsächlich den Fachbegriff Brutalismus.
Es ist ein Stil der Moderne, der sich – in unserem Fall – auf die Zeit zwischen 1960 und dem Beginn der
1980er Jahre bezieht. Es geht dabei um die Verwendung von Sichtbeton, eine betonte Konstruktion sowie
eine sogenannte skulpturale Ausarbeitung und Gliederung der Gebäude.
So weit, so gut. Aber wieso „brutal“…?

Die Sprache der Franzosen hilft uns weiter. Bei ihnen heißt roher Beton „béton brut“. Wer sich ein wenig genauer mit diesem französischen Wort auseinandersetzt, weiß natürlich, dass brut eben nicht nur roh, sondern auch grob, rau und herb, ja sogar ehrlich bedeutet. Es geht irgendwie um eine Art von kraftvoller Kunst, durchaus auch in Kombination mit Stahl und Glas, und oft findet sich streng Geometrisches.
Man kann natürlich wie immer über Schönheit streiten, doch etwas Gutes dabei gedacht hat sich der Architekt schon bei seinem speziellen Entwurf. Dass der Baustil insgesamt später ganz offiziell in Verruf geriet, liegt auch daran, dass unverputzte Betonbauwerke nach einer Weile etwas ungepflegt ausstehen. Sie nehmen Schmutz sehr leicht an, es wachsen Algen darauf, und der Baustoff ist vor Zerfall eben auch nicht gefeit.

Hier bei der Bundesbank, wirkt es durch das relativ dunkle Material relativ „ordentlich“, und wie Sie sehen, versucht man im Sommer, mit den Geranien zusätzlich ein bisschen Farbe und Leben hineinzubringen …
.

Hamburg - Tag des Offenen Denkmals 2018 - Betonbrutalismus - Deutsche Bundesbank Hamburg - Blick an der Fassade hinauf

Hamburg – Tag des Offenen Denkmals 2018 – Betonbrutalismus – Deutsche Bundesbank Hamburg

.
Hier haben wir im Grunde das umgekehrte Phänomen: Habe ich Ihnen vorhin geraten, die Deichstraßen-Häuser bei schlechterem Wetter und laublosen Bäumen zu betrachten, so kann ich Ihnen hier nur empfehlen, den Bundesbank-Bau bei Sonnenschein und mit Grün drumherum zu betrachten. Ich war schon häufiger dort, und es ist bei Kahlheit und Regenwetter einfach ein lebloser Klotz. Wenn Sie unten davor stehen, sehen Sie nur Grau und es zieht wie Hechtsuppe.
.

Hamburg - Altstadt - Deutsche Bundesbank - An einem trüben Tag im Winterhalbjahr ....

Hamburg – Altstadt – Deutsche Bundesbank – An einem trüben Tag im Winterhalbjahr ….

.

Bei schönem Wetter hingegen, fallen die doch unterschiedlichen Materialien auf, alles wirkt wärmer, das Klotzhafte schwindet, neue Formen fallen auf, alles wirkt gefälliger.
.

Hamburg - Tag des Offenen Denkmals 2018 - Betonbrutalismus - Deutsche Bundesbank Hamburg

Hamburg – Tag des Offenen Denkmals 2018 – Betonbrutalismus – Deutsche Bundesbank Hamburg

.

Wer aus der Distanz einen längeren Blick riskiert, entdeckt, dass sich die Außenfassade in versetzten Stufen anordert. Horizontal gliedert sich das Ganze in neun terrassenförmig angeordnete Ebenen. Es gibt dort nicht nur Beton. Es wurden farblich zum an den vertikalen, fensterlosen Bauteilen verwendeten Granit passende Aluminiumplatten an den Putzbalkonen zu deren Verkleidung verwendet. (Was mich jetzt wieder im Zusammen-
hang mit dem Begriff Brutalismus verwundert, denn dort heißt es eigentlich, es wird nichts verkleidet und verputzt.) Sobald Sie drinnen sind, finden Sie dieses Material von außen wieder, nur etwas aufwendiger bearbeitet, nämlich mit Feinschliff und hochglanzpoliert.

Der Grundriss der Bundesbank ähnelt einem gleichseitigen Dreieck und auch diese Form wird wieder im Innenraum aufgegriffen und betont.

Wenn die Bank ein nächstes Mal einlädt, schauen Sie sich den „brutalen“ Kasten ruhig einmal an. Es gibt nämlich interessante Haus- und Kunstführungen, die doch ein bisschen mehr Einblick erlauben.

Wer Gemälde mag, den zieht es vielleicht ins dritte Obergeschoss. Im weiträumigen Foyer hängen Werke von Emil Nolde („Schiff im Hafen“, „Schiff im Dock“), Rolf Nesch (der sich von Edvard Munchs Holzschnitten inspirieren ließ) oder auch Eduard Bargheer („Wattlandschaft“, „Città morta“, „Ankunft der Harmonie“).
.

Hamburg - Altstadt - Deutsche Bundesbank - Bronze von Georg Engst

Hamburg – Altstadt – Deutsche Bundesbank – Bronze von Georg Engst

.

Im Außenbereich findet sich ebenfalls Kunst. Kunst am Bau in Form von Bronzeplastiken des Bildhauers Georg Engst  („Knoten“ (1984) und „Haken, Ösen, Knoten und Schlingen“).
.

Hamburg - Altstadt - Fest am Fleet 2018 - Deutsche Bundesbank - Bronze von Georg Engst

Hamburg – Altstadt – Fest am Fleet 2018 – Deutsche Bundesbank – Bronze von Georg Engst

.
Und werfen Sie unbedingt einen Blick auf die links vom Haupteingang an der Ecke Deichstraße/Steintwiete installierte und durch denselben Künstler entstandene Brunnenanlage von 1981!
.

Hamburg - Altstadt - Deutsche Bundesbank - Brunnenanlage von Georg Engst

Hamburg – Altstadt – Deutsche Bundesbank – Brunnenanlage von Georg Engst

.
Sie hat fünf große, bronzene Pumpenzylinder und dazu fünf kleinere gläserne Wassertöpfe gleichen Durchmessers, die versetzt angeordnet sind. Das Wasser wird hydraulisch durch Schaumdüsen in Plexiglaszylinder gepumpt.
Alles ist ständig in Bewegung, da durch den Rückfluss in ein unterirdisch angelegtes Wasserbassin ein geschlossener Wasserkreislauf besteht.
.

Hamburg - Altstadt - Deutsche Bundesbank - Teil der Brunnenanlage von Georg Engst

Hamburg – Altstadt – Deutsche Bundesbank – Teil der Brunnenanlage von Georg Engst

.

Genug für heute. Ausreichend Denkmalgeschütztes kennengelernt. Feuerthematisch sind wir ebenfalls durch.
Ich hatte Ihnen allerdings zu Beginn Gold schnuppern versprochen. Das machen wir noch.

Die Bundesbank hatte einen Goldbarren ausgestellt. Ziemlicher Andrang, lange Schlange im Gang vor dem Raum, in dem sich das kostbare Edelmetall im Wert von ca. 450.000 Euro befand. Drei Polizisten, in diesem Gang postiert, sicherten zusätzlich. Passten auf, dass keiner auf die Idee kam, das Ding zu klauen und damit wegzurennen.
Wegrennen? Aus dem 5. Stock und durch enge Gänge? Via Fahrstuhl oder Treppenhaus und das alles mit einem 12,5 kg schweren Metallriegel vor dem Bauch und Bediensteten, die einen abfangen würden?
Nun ja, er wurde nicht geklaut. Aber schauen Sie, wie verlockend er blitzt und blinkt …
.

Hamburg - Altstadt - Tag des Offenen Denkmals 2018 - Goldbarren in der Bundesbank

Hamburg – Altstadt – Tag des Offenen Denkmals 2018 – Goldbarren in der Bundesbank

.

Das hier blinkt deutlich weniger, stellte jedoch pro Doppelpack einmal den Gegenwert von 50.000 Euro dar.  Vor dem Schreddern wohlgemerkt, als es noch komplette Banknoten waren. Die Päckchen waren merklich leichter als der Barren mit einem Feingoldgehalt von mindestens 995/1000 Einheiten – und durften im Gegensatz zu diesem sogar mitgenommen werden.
.

Hamburg - Tag des Offenen Denkmals 2018 - Deutsche Bundesbank Hamburg - Banknoten geschreddert ....

Hamburg – Tag des Offenen Denkmals 2018 – Deutsche Bundesbank Hamburg – Banknotenkonfetti …

.

Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende, freue mich, wenn ich Sie hier irgendwann wieder lesend vorfinde und hoffe sehr, die Schredderei am Ende war für Sie jetzt kein „adieu brut“.
Vielleicht schiebe ich doch lieber noch zwei versöhnliche Aufnahmen hinterher … ^^

..
.

Hamburg - Altstadt-- Zollbarkasse Prasident Schäfer von 1925 am Ponton im Nikolaifleet

Hamburg – Altstadt– Zollbarkasse „Prasident Schäfer“ von 1925 am Ponton im Nikolaifleet

.

Hamburg - Altstadt - Deichstraße - Fest am Fleet 2018 - Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

Hamburg – Altstadt – Deichstraße – Fest am Fleet 2018 – Traditionsschiffe am Ponton im Nikolaifleet

.
.

Bis zum nächsten Mal!
.
.

Wer die vorherigen Teile zur Altstadt-Serie noch nicht kennt, findet nachstehend die Links zu den ersten beiden Streifzügen:

Zwischen Altstadt und Neustadt, Teil 1
Zwischen Altstadt und Neustadt, Teil 2

In einem weiteren Beitrag geht es  u. a. um Fleete und das Bierbrauen:

Hamburg: Fleete, Bier und die Mahnung an der Tür

Die Beiträge zum Thema Kontorhäuser finden Sie unter der entsprechenden Rubrik (Kategorie) rechts auf der Startseite des Blogs.

.
.

©by Michèle Legrand, September 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , ,

70 Kommentare

Ein bisschen Paradies, ein bisschen Arbeitslager … Der Natur- und Gartenpost

Soll ich Ihnen etwas verraten? Wenn ich während der ganz extrem heißen Wochen zum Fenster hinaussah und die Dürre zuletzt durch immer mehr und größere braune Flächen oder in Form von viel zu früh vertrocknetem und herabrieselndem Laub zutage trat, dachte ich ein ums andere Mal:
Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden hier Pflanzen wie Palmen, Kakteen oder Agaven die heutige Vegetation erst ergänzen, in der Folge sogar mehr und mehr ersetzen. Dass es bisher nur mit recht wenigen Exotenarten gelang, sie hier erfolgreich ganzjährig zu kultivieren, lag meist an unzureichender Anpassung an anhaltende winterliche Staunässe sowie an fehlender Frost- und ganz speziell Winterhärte. Zwischen diesen beiden Bezeichnungen besteht tatsächlich ein Unterschied. Einige Kameraden aus dem Süden können gewisse Minusgrade durchaus noch tolerieren, doch das viele Hin und Her zwischen Frost, milden Phasen mit Starkregen und wieder knackigem Frost – meist ohne schützenden Schnee – , das killt. Was bei uns in den Wintermonaten nicht den Erfrierungstod stirbt, verfault meist.

Brennt zukünftig die Sonne nicht nur in den Sommermonaten wochenlang, sondern steigt zusätzlich die Durchschnittstemperatur im Winterhalbjahr und fallen in unseren Breiten harte Frostperioden komplett aus, dann haben mediterrane und subtropische Gewächse alle Chancen, hier heimisch zu werden und ganz entscheidend das Bild zu prägen.
Es ist gut vorstellbar, dass in einigen Jahren in den Gärten statt Malven, Phlox, Margheriten, Sonnenhut und vielen anderen Stauden, Sukkulenten ihren Platz finden, weil alles andere die Trockenheit nicht überleben würde. Genauso erginge es bisher heimischen Baumarten.

Eine Palme im Vorgarten, Feigenkakteen unter dem Küchenfenster, Agaven, die sogar blühfreudig wären und teilweise meterhohe Blütenstängel ausbildeten, an der Terrasse. Drumherum ein paar niedrige Sukkulenten, ansonsten Schotterwege, weil keine Grünfläche das Klima durchhielte.
Was das für gravierende Auswirkungen hätte! Mit allen Konsequenzen für Natur und Mensch, denn die ganze europäische Insekten-, Vogel und sonstige Tierwelt würde in kürzester Zeit drastisch an Arten verlieren. Andere würden ihren Platz einnehmen …

Wussten Sie, dass es eine Fledermausart gibt, die genau die Agavenart bestäubt, aus der Tequila gemacht wird? Gäbe es diesen fleißigen Bestäuber nicht, kein Mensch hätte je Agavenschnaps kennengelernt. (Was mich jetzt nicht treffen würde.).
Auch die Erfindung und Verfeinerung von Schokolade wäre ohne gewisse Flattermänner vielleicht anders verlaufen. (Halte ich persönlich für tragischer als die Sache mit dem Tequila.) Tatsächlich bestäuben einige Fledermausarten ganz gezielt Kakaopflanzen.

Sind Sie den kleinen Nachtgeistern schon begegnet? Ich habe die ersten und bis vor Kurzem einzigen bei einem Besuch der Kalkberghöhlen in Bad Segeberg kennengelernt. Bad Segeberg in Schleswig-Holstein ist Ihnen sicher ein Begriff durch die Karl-May-Festspiele, die dort jeden Sommer direkt an den Kalkfelsen stattfinden. Doch erstaunlicherweise bietet auch eine Großstadt wie Hamburg viele Plätze, an denen Fledermauskolonien entstehen können.
Man sagt, dass es in Deutschland etwa 25 Fledermausarten gibt, in Hamburg sind immerhin 14 davon vertreten, die natürlich etwas voneinander abweichende Nistgewohnheiten haben. Die einen hausen lieber unterirdisch in Kellern, Bunkern oder Hohlräumen, die anderen ziehen in Baumhöhlen oder unters Dach. Und einige freuen sich über extra aufgestellte Fledermausnistkästen.
Neulich, als die Mondfinsternis angekündigt war und sich dieser sagenhafte Blutmond am Himmel präsentieren sollte, war ich am Abend draußen, um das Ereignis hautnah mitzubekommen. In der Hoffnung auf bessere Sicht stand ich in der Dunkelheit auch auf dem Balkon. Wer weiß, was ein drei Meter höherer Stand ausmacht. Zumindest überragt man so einige Büsche, die sonst im Blickfeld sind.
Der Mond ließ auf sich warten, doch plötzlich sausten Fledermäuse umher! Ich habe nie gewusst, dass sie auch hier aktiv sind!

Der Grund könnte zum einen die günstige Witterung sein, aber auch, dass in diesem Jahr ihr gedeckter Tisch zugenommen hat. Es heißt, Fledermäuse leiden gar nicht so unter mangelnden Nistmöglichkeiten, sondern sind gefährdet durch ein zu geringes Nahrungsangebot, sprich: es gibt wenig Insekten. Und die gewünschten – und davor ihre Raupen – zeigen sich natürlich erst, wenn auch sie das entsprechende Futter für sich finden.

Mittlerweile gehen zum Glück schon viele Gartenbesitzer dazu über, bewusst Futterpflanzen zu setzen – vorrangig für die farbenprächtigen Tagfalter unter den Schmetterlingen, für Hummeln und Bienen. Das ist schön fürs eigene Auge, hilft die Bestäubungstruppe zu stärken und zu vermehren, und es freuen sich die Vögel.
.

Tagpfauenauge auf Eisenkraut (Verbene bonariensis „Lollipop“)

Tagpfauenauge auf Eisenkraut (Verbene bonariensis „Lollipop“)

.

Bläuling im Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

Bläuling im Fingerstrauch (Potentilla fruticosa)

.

Nur wenn auch noch die nachtaktiven Fledermäuse etwas davon haben sollen, dann braucht es Pflanzen, die Nachtfalter locken können. Sobald das ganze „Mottenzeugs“ mit von der Partie ist (Gammaeule, diverse Schwärmer etc.), lassen sich irgendwann auch die kleinen Draculas im Garten blicken.

Während lauer Abende ohne Regen öffneten sich seit Anfang Juni bis jetzt in den August mehr Blüten von Nachtgewächsen als üblicherweise, Schwärmer kurvten von der gelben Nachtkerzenblüte zum Jasmin, zum Phlox, der durch seine weiße Strahlkraft auch in der Dunkelheit noch anziehend wirkt, zu Lichtnelken, Wegwarten, zum Schnittlauch und Borretsch und vielem mehr.
.

Taubenschwänzchen auf Phlox

Das erste Mal im Garten erwischt: Taubenschwänzchen auf Phlox

.

Beliebt und begehrt sind ebenfalls Gewächse wie Haselnuss, Schneeball, Wildrosen oder Birken, Schlehen, Holunder und Weiden. Falls Sie mehr Getier anlocken möchten, achten Sie zudem im Garten auf weiche Übergänge! Viele der kleinen Lebewesen draußen mögen es einerseits nicht, ungeschützt „Lücken“ zu überwinden, andererseits verleitet ein Aneinanderreihen und Spicken mit attraktiven Nährpflanzen dazu, durch den gesamten Garten zu ziehen und sich ausgiebig dort zu versorgen, statt nach dem Besuch einer Pflanze davonzuflattern.
Und „gewohnt“ wird selbstverständlicher ebenfalls lieber dort, wo die Nahrung nicht zu knapp ist.
.

Lockt im Dunkeln: Weißer Phlox (Flammenblume, Phlox paniculata)

Lockt im Dunkeln: Weißer Phlox (Flammenblume, Phlox paniculata)

.

Ich erzählte im Frühjahr hier im Blog, dass ich eine arbeitsreiche Gartensaison vor mir hätte. Geschädigte Pflanzen einer durch Pilzbefall wie verdorrt aussehenden Wildhecke entfernen, vieles an Stauden teilen oder umsetzen, weil es durch größer gewordene Gehölze daneben mittlerweile im Schatten darbte.
.

Durch Pilzbefall verdorrte Hecke lichten ...

Durch Pilzbefall verdorrte Hecke lichten …

.

Es ging darum, ein abschüssiges Stück Pflanzfläche neu zu gestalten (terrassieren und bepflanzen) und darum, eine Heckenlücke an der anderen Grundstücksgrenze, die durch einen – nennen wir es wohlwollend nur über-
eifrigen – Anrainer verursacht wurde, als Sofortlösung zunächst mit mehreren Pflanzkübeln und Vorgezogenem zu schließen.
.

Abschüssiges Staudenbeet, die Morgensonne erreicht die Schattenbereiche (Kugeldisteln, Fingerstrauch, Salbei, Sonnenhut u. a. )

Abschüssiges Staudenbeet, die Morgensonne erreicht die Schattenbereiche

.

Ich hatte hohe Gehölze einzukürzen, was nicht nur einmalig, sondern generell anfällt …
.

Stutzen der Büsche zum Nachbarn links - Terrasse. Arbeitsgeräte zum Schneiden und Aussägen, Schnittgut etc.

Stutzen der Büsche zum Nachbarn links

.
Als weiteres plante ich, Rabatten in den Rasen hinein in ihrer Tiefe erweitern, um weitere Pflanzfläche für insektenfreundliche Stauden zu schaffen und musste dazu mehr als 500 würfelartige Einfassungssteine aus Granit auszugraben und neu setzen.Teilweise waren sie durch unermüdliche Grabeaktionen und Hügelbauten des Maulwurfs sowie unterirdische Tobereien einer Wühlmausrotte gesackt und halb verschüttet. Oder sie
waren überwachsen, und ich musste sie erst einmal wiederfinden! Die Waldmarbel hatte sie verschluckt.

Die Waldmarbel, manche sagen auch Wald-Hainsimse (Luzula sylvatica), ist eine Waldgrasart mit relativ breiten, etwas dunkleren Blättern. Die Marbel blüht sogar im Mai und Juni, ganz zart und bräunlich auf langen Stielen. Das Gras macht sich gut unter Gehölzen, die es kalkarm mögen, passt prima zu Farn, Funkien oder Bergenien und bleibt im Winter grün. Doch das Zeug hat einen Ausbreitungsdrang, es ist nicht zu fassen! Es sät sich nicht nur gern aus, es treibt auch Ausläufer. So etwas also nur dort hinsetzen, wo genau das – nämlich ein Teppicheffekt – erwünscht ist! Nicht als Füllsel zwischen Stauden! Ich habe allein von der Waldmarbel einen Sack mit Herausgerissenem gefüllt, weil sie den Nachbarpflanzen inzwischen zu sehr auf die Pelle gerückt war.
.

In der Gehölzecke: Waldmarbel (Luzula sylvatica) mit Bergenien im Frühjahr

In der Gehölzecke: Waldmarbel (Luzula sylvatica) mit Bergenien im Frühjahr

.

Aktion Schattenrabatte erweitern, Waldmarbelanteil reduzieren, Steine ausgraben und neu setzen

Aktion Schattenrabatte erweitern, Waldmarbelanteil reduzieren, Steine ausgraben und neu setzen

.

Fast alle Vorhaben vom Frühjahr habe ich tatsächlich umsetzen können. Es fehlt noch ein kleines Stückchen Rabattenerweiterung mit entsprechend zu versetzenden Granitsteinen. Nur dazu bräuchte ich zusätzliche, stoße mit dem Bestand an die Grenze des Machbaren. Ich bekomme die Steine in kleiner Zahl leider gerade nirgends nach. Kommt Zeit, kommt Rat. Oder Granitstein.
Ich habe mich zwischenzeitlich eben dem umfangreichen Heckenschnitt gewidmet und bin nun gerade dabei, erneut die Rank- und Kletterpflanzen in Schach zu halten, eine Arbeit die wohl nie endet. Wenn ich hinten gerade fertig bin, geht es vorne wieder los!
.

Wo sich die Insekten gern herumtreiben ... Blick auf en Stück Blütenwiese und Lavendel in Pflanzgefäßen, Holzhütte im Hintergrund

Wo sich die Insekten gern herumtreiben …

.

Ein Stück Rasenfläche mittendrin musste dieses Jahr dran glauben! Ich habe das Gras entfernt, den Bereich umgegraben, geschaut, dass der Boden etwas magerer wurde und dort probeweise einen Flecken bunte Blumenwiese integriert. Vorerst einjährig, da es für den Fall der mehrjährigen Lösung besser ist, mit der An-
pflanzung bzw. Aussaat im Herbst zu starten. Vielleicht lasse ich es aber auch noch ein Weilchen dabei, denn die Blütenvielfalt der jetzigen Mischung gefällt mir durchaus.
.

Kleiner Ausschnitt der Blütenwiese im frühen Blühstadium

Kleiner Ausschnitt der Blütenwiese im frühen Blühstadium

.

Kohlweißling unterwegs

Kohlweißling unterwegs …

.

So ungefähr können Sie sich vielleicht jetzt vorstellen, dass ich selten aus der Erde herausgekommen bin. Die Stunden und Tage verflogen, der anfängliche Muskelkater verschwand bald durch das ständige Training. Oberarmmuskeln zeigten sich wie nach regelmäßigem Besuch eines Fitnessstudios. Täglich sägen, schneiden, graben, Gewichte heben … Ich habe Abfall (Geäst, Ranken und anderen Schnitt, Wurzelreste, Unkraut, Staudenabfälle, aber auch Steine, Ziegel etc.)  angehäuft, dass sich die Säcke nur so stapelten. Irgendwann können Sie – auch noch so zerkleinert – derartige Massen an Bioabfall nicht mehr auf eigenem Grund unterbringen, und durch Pilz befallene Pflanzenteile müssen sowieso komplett eliminiert werden, ansonsten werden Sie den elenden Kram nie wieder los.
.

Der Ziersalbei (Salvia nemorosa) blüht ...

Der Ziersalbei (Salvia nemorosa) blüht …

.

Juni: Rambler "Lykkefund" und Waldgeißbart in Blüte

Juni: Rambler „Lykkefund“ und Waldgeißbart in Blüte

.

Wenn man Blumenrabatten neu anlegt oder auch lediglich aufwendiger umgestaltet, sind oft in den ersten beiden Jahren die Abstände zwischen den frisch gesetzten, kleinen Stauden recht auffällig. Enger zu setzen wäre jedoch ungünstig, weil sich in den Folgejahren alles gegenseitig in der Entfaltung behinderte.
Ich hatte deshalb geplant, die noch kahlen Stellen mit einjährigen, bienen- und insektenfreundlichen Blüh-
pflanzen zu füllen. Auszusäen. In meinen Beständen befanden sich u. a. zwei Saattütchen, deren aufgedruckte Fotos sehr ähnlich ausfielen. Im Garten griff ich – unbebrillt – statt zu der beabsichtigten niedrigen „Jungfer im Grünen“ (Nigella damascena) zur Tüte mit dem „Bienenfreund“ (Phacelia tanacetifolia) und wunderte mich bereits ein wenig, als nach der Keimung das erste Grün spross … Da beide zunächst sehr luftig, fein gefiedert daherkommen, dauerte es jedoch weitere Tage, bis ich definitiv erkannte, die „Jungfer“ war ganz offensichtlich weiterhin in der Samentüte.

Die Aussaat des „Bienenfreunds“ fanden ein paar Wochen später bei Blüte die Hummeln zwar extrem klasse, doch Phacelia ist zu hoch, zu ausladend, um als Füller kleiner Freistellen zu taugen. Die Folge: Die Stauden daneben begannen zunehmend unter Licht- und Nährstoffmangel zu leiden und traten im Wachstum auf die Bremse. Mein „Bienenfreund“ hatte drei, vier Wochen später ausgeblüht hat, und da er im weiteren Verlauf bei der Hitze nur braune, brüchige und wegkippende Strünke hinterließ, habe ich die Reste bald entfernt. Prompt hatte das pikierte Mickern der Nachbarn ein Ende. Die Stauden legten los.
An anderer Stelle werde ich Phacelia auf jeden Fall wieder verwenden. Am geeigneten Ort entfaltet sich großflächig eine Pracht, und die Pflanze ist der Insektentreffpunkt schlechthin!
.

Hummeln auf der Phacelia (Büschelschön, Bienenfreund)

Hummeln lieben Phacelia (Büschelschön, Bienenfreund) …

.
Erinnern Sie sich noch an den kalten Start des Jahres? Den Frosteinbruch Anfang März mit Minusgraden im zweistelligen Bereich? Selbst Anfang April war das Wetter keinesfalls frühlingshaft. Es erforderte jedes Mal eine Portion Überwindung, im kalten und nassen Boden zu arbeiten oder noch dick vermummt Äste auszusägen. Daher freute ich mich zunächst sehr, als es beständiger und milder wurde und ich endlich meine Umgestaltung richtig anpacken konnte.
Hätte ich allerdings geahnt, dass uns allen diese wochenlange Trockenheit und Hitze bevorsteht, hätte ich mich mit diversen Pflanzaktionen doch etwas zurückgehalten und zumindest einen Teil davon in den Herbst verscho-
ben. Neuanpflanzungen sind nun einmal wesentlich empfindlicher gegen Trockenheit als Alteingewachsenes. Aber wem sage ich das. Sie kennen die Chose …
.

Salbei, Buschmalve blau und Schleierkraut (im Hintergrund beschnittener Buchsbaum)

Salbei, Buschmalve blau und Schleierkraut

.

Mir blieb nur teilweise gar nichts anderes übrig, als weiterzumachen, denn wenn Sie Pflanzen aufgrund von Krankheit herausnehmen müssen und sich beträchtliche Lücken auftun, oder wie bei meinem Japanischen Ahorn (Acer japonicum aconitifolium) meterhohe abgestorbene Stämme entfernt werden müssen, um vielleicht auf diese Art wenigstens den Rest des Baumes zu retten, dann wirkt der Restbestand in dem Bereich plötzlich fürchterlich unharmonisch. Die Proportionen sind auf einmal unpassend. Alles daneben wirkt zu hoch, die entstandene Lücke zu breit, der Übergang der Farben und Strukturen merkwürdig, die Staffelung ungünstig: Passt man seitlich etwas an, tanzt prompt der darauffolgende Nachbar aus der Reihe.
Das ist wie bei der Renovierung in der Wohnung: Wenn Sie irgendwo anfangen, dann zieht es einen Rattenschwanz nach sich!
.

Den Jap. Ahorn (Acer aconitifolium) hat es auch erwischt. Entfernen der abgestorbenen Triebe ..

Den Japanischen Ahorn (Acer aconitifolium) hat es auch erwischt. Entfernen der abgestorbenen Triebe am Morgen, solange noch Schatten dort ist …

.
Man könnte sich schönreden, dass sich bei der Dürre Zeit und Geld durch z. B. weniger Rasen mähen oder seltener Hecke schneiden sparten lässt, nur dieser Effekt wird sofort durch den dafür erheblichen Zeitaufwand fürs Gießen und die Kosten für den erhöhten Wasserverbrauch aufgehoben.
.

Goldfelberich (Lysimachia punctata) kommt zum Glück mit Trockenheit klar ...

Goldfelberich (Lysimachia punctata) kommt zum Glück mit Trockenheit klar …

.

Staudenbeet in der Sonne (vorne rote Cosmea im Bild)

Staudenbeet in der Sonne

.

Rasselblume (Catananche caerulea) ), dahinter Blutweiderich (Lythrum)

Rasselblume (Catananche caerulea) ), dahinter Blutweiderich (Lythrum)

.

Es sah wirklich wunderschön aus im Juni und Juli. Nun ist vieles verblüht, der Rest aufgrund der Dauerhitze mitgenommen und nicht willig, unnötig Energie zu verbrauchen. Die Tage werden wieder kürzer, der Blühwille geht generell zurück. Selbst Gießen ist kein Jungbrunnen und verhindert nicht das Ausklingen der Hochsaison im Garten. Es hilft allen Pflanzen momentan nur beim Durchhalten.
.

Kohlweißling an der Katzenminze

Kohlweißling an der Katzenminze

.

Kugeldistel (Echinops bannaticus)

Kugeldistel (Echinops bannaticus)

.
Kaum tröpfelten immerhin drei kleine Regenschauer, wer kommt schon wieder aus der Ecke gekrochen? Das Nacktschneckenvolk! Wochen nicht gesehen. Wie haben die bloß überlebt! Ich treffe sie kaum persönlich an, doch ich sehe es an den typischen Schleimspuren, am radikal weggeraspelten „Mädchenauge“ (Coreopsis lanceolata, Coreopsis verticillata  hingegen wird nicht angerührt!) und an vielen Fraßspuren an meinen neu gepflanzten Stauden im lichten Schattenbereich. Kein Wunder! Dort ist es kühler und gegossen habe ich natürlich auch, damit alles gut anwächst. Und wofür? Um mir jetzt die traurigen Reste einer einst üppigen Glockenblume anzusehen, die nackten Strünke der Sterndolde (Astrantia major), die Schäden an den Funkien (Hosta), die nur noch zur Hälfte da sind … Oh, diese schleimigen Vielfraße!
Ich bin dennoch froher Hoffnung, dass die Stauden es überleben und spätestens im nächsten Jahr, wieder austreiben. Hauptsache, der Wurzelstock schafft es durchzuhalten.
.

Große Sterndolde (Astrantia major)

Große Sterndolde (Astrantia major) vor dem Schneckenfraß …

.
Irgendwann kam allerdings der Zeitpunkt, da konnte ich es bei der Hitze im Garten nicht mehr länger aushalten, geschweige denn körperliche Anstrengungen über Stunden wegstecken. So kehrte Mitte Juli etwas Ruhe ein.
Doch die beschauliche Zeit ist vorbei! Ich habe jetzt zum zehnten Mal in diesem Jahr – neuer Rekord! – den Blauregen (Wisteria) am Balkon gebändigt.
.

Blauregen (Wisteria, Glyzinie) hat ständig Ausbreitungsdrang ... Es bilden sich im Nu neue meterlange Triebe, die sich um alles wickeln, was ihnen in den Weg kommt.

Blauregen (Wisteria, Glyzinie) hat ständig Ausbreitungsdrang …

.
Dazu die vorwitzigen Ranken vom Wilden Wein (Parthenocissus tricuspidata) an der Wand, der wieder beschlossen hat, die Rolllädenkästen zu heiraten. Auch hier ist es erstaunlich: Kaum gibt es minimal Regen, schießt bei sommerlichen Temperaturen sofort alles wieder ins Kraut. Norddeutscher Dschungel.
Nur was wäre die Alternative, um weniger tun zu müssen? Alles herausreißen und den Garten zupflastern?
Nein, da könnte man mich dann gleich drunter begraben. Alles steril? Fürchterlich!
.

Nach dem ersten Regen neulich .... Hortensie mit rosa Blütenbällen, davor Bergenien

Nach dem ersten Regen neulich ….

.

Meine Aralie (Aralia elata) blüht jetzt im August und bis in den September hinein.
.

Aralie (Aralia elata) - Mitte August öffnen sich immer mehr cremefarbene fünfzählige Einzelblüten an den Blütenrispen der Trugdolden

Aralie (Aralia elata) – Mitte August öffnen sich immer mehr fünfzählige Einzelblüten an den Blütenrispen der Trugdolden

.
Wenn es ginge, würde ich Ihnen die Geräusche übermitteln, die hier momentan im Umkreis des Baumes zu hören sind. Mit Beginn der Blüte fiel der Startschuss für wochenlange Besuche und begeisterte Fressorgien von Bienen, Schwebfliegen, Hummeln und Konsorten.
Wenn Sie die Augen geschlossen halten, empfinden Sie das tiefe Brummen über sich entweder als Motoren-
geräusche und wähnen sich an einer vielbefahrenen Straße oder aber meinen, Sie ständen wirklich direkt neben einem Bienenstock und der Imker hätte eben ein Riesenvolk freigelassen. Dezibelmäßig sollte es locker an den Geräuschpegel eines startenden Sportflugzeugs heranreichen.
.

Gut besucht von Insekten: Die Blüten der Aralie (Aralia elata)

Stets gut besucht: Die Blüten der Aralie (Aralia elata) – Hummeln fliegen sogar bei Regen!

.
Und wissen Sie was? Diese Insektenhorden haben nicht nur Hunger! In diesem heißen Sommer hängen die Truppen auch manchmal wie ein Schluck Wasser in der Kurve, und jede gebotene Trinkmöglichkeit wird genutzt. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich tatsächlich über Wochen gleich mehrere kleine Tränken im Garten verteilt habe, die auch immer wieder angesteuert werden. Sowohl von den Insekten, als auch von Vögeln und dem Eichhörnchen. Obwohl ich täglich frisch einfülle, wirkt das Wasser bei der Hitze im Nu gammelig. Es fliegen Staub und Blütenreste herum, die sich auf der Wasseroberfläche absetzen. Ein Teil schwimmt, ein Teil versinkt und bildet am Boden einen Schmierfilm. Die Hälfte des Wassers verdunstet, der Rest heizt sich in den flachen Schalen ruckzuck auf. Bereits nach kurzer Zeit bilden sich obenauf erste grüne Schlieren, die zwei Stunden später wie die Tentakel eines Tintenfisches im Schälchen herumwabern. Man kann sich gut vorstellen, wie das im Großen funktioniert und wie schnell das Wasser in Flüssen und besonders in stehenden Gewässern diese Entwicklung durchmacht (Blaualgen und Bakterien).
.

Auch das Eichhörnchen hat Durst ... Eichhörnchen beugt sich gierig über eine flache Wasserschale

Auch das Eichhörnchen hat Durst …

.
Hoffen wir, dass die Extremhitze hinter uns liegt.  Es muss nicht gleich nahtlos in trüben Herbst mit wochen-
langen Nebelzeiten und ununterbrochen fallenden Regen ausarten, doch so ein wenig Nass, das den Boden tränkt und bis in tiefere Schichten vordringt, wäre wunderbar.
.

Die sonnenliebenden Stauden legen los .... Verbenen, Mädchenauge, Katzenminze, Spornblume und Goldrute

Die sonnenliebenden Stauden legen los …. Verbenen, Mädchenauge, Katzenminze, Spornblume und Goldrute

.

Ich werde jetzt mit der Gießkanne herummarschieren, denn selbst bei fast moderaten 22-25 °C, die aktuell herrschen, ist alles staubtrocken, und was bis jetzt nicht eingegangen ist, hängt äußerst traurig herunter.

Ich sehe eben, dass die Efeuranken hier auch schon wieder zum Fenster herein wollen. Die muss ich etwas in ihre Schranken weisen. Hatte ich das nicht gerade erst? Mich überkommt ein Déjà-vu-Gefühl.
.

Gartenparadies trotz langer Trockenheit ...

Gartenparadies trotz langer Trockenheit …

.

Garten ist schon Paradies und Arbeitslager zugleich, oder?
.

Tagpfauenauge auf der Goldrute (Solidago)

Tagpfauenauge auf der Goldrute (Solidago)

.
Doch der Anblick entschädigt oft für manche Anstrengung im Vorfeld. Und was ist schon ein weiterer kleiner Arbeitseinsatz, wenn es um den Paradieserhalt geht …
.
.

.

© by Michèle Legrand, August 2018
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

, , , , , , , , , , ,

42 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: