Durch Hamburgs City im Advent / Ein Streifzug über die Weihnachtsmärkte 2016

Vergangenen Montag (21. 11.) wurde vielerorts die Weihnachtsmarktsaison für eröffnet erklärt. Vor der eigentlichen Adventszeit, jedoch nach den Trauer- und Gedenktagen des Novembers. Schwupps, es weihnachtet über Nacht. Ich hoffe, Sie sind nun auch ordnungsgemäß und prompt adventlich gestimmt.
Falls nicht, sollten Sie gleich mit mir eine kleine Erkundungstour durch das vorweihnachtlich geschmückte Hamburg unternehmen und sich ein bisschen in Stimmung versetzen lassen. Falls Sie selbst bereits vor-
gearbeitet haben und nun sowieso schon ständig Weihnachtslieder singen, können Sie dennoch mitkom-
men und sozusagen im passenden Ambiente trällern.

Weihnachtsmärkte 2016

Ich war am Mittwoch in Hamburgs Innenstadt. Wie Sie richtig vermuten, gibt es dort nicht nur einen, sondern diverse Weihnachtsmärkte, die alle nicht weit entfernt voneinander liegen. Wer nicht nur an einem einzigen Glühweinstand anwachsen und seinen Promillegehalt hochtreiben möchte, kann sich eine kleine Rundtour zusammenstellen und auf diese Weise außer der Stimmung und Dekoration auf den Märkten zugleich die Adventsatmosphäre in den Straßen erleben.
Nach vielen Jahren des Bloggens überlege ich – speziell bei wiederkehrenden Ereignissen – natürlich mittlerweile häufiger, ob ich ein Thema überhaupt noch einmal im Blog aufnehme. Wiederholt sich alles nur? Optisch gesehen verändert sich zumindest nicht sehr viel von einem Jahr zum anderen … So habe ich es diesmal auf mich zukommen lassen, die Entscheidung auf hinterher vertagt. Nur unterwegs stellte ich fest,
jeder neue Streifzug ist doch immer noch gut für kleine Überraschungen. Es geht heute daher mehr um Feinheiten am Rande.
Außerdem bin ich diesmal bereits vor der Dunkelheit unterwegs gewesen; das Hauptaugenmerk liegt somit
nicht auf der Illumination. Wenn Sie gerade die jedoch gern sehen möchten, dann huschen Sie einfach hin-
über zu einem der Vorjahresposts, die Ihnen ganz unten angezeigt werden („Ähnliche Beiträge“).

Weihnachtsmarkt Spitaler Straße

Startpunkt ist in der Spitaler Straße auf der zum Hauptbahnhof gewandten Seite. Während beim Historischen Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz oft jahrelang dieselben Händler an meist gleicher Stelle aufzufinden sind, wechseln Angebot und Platz im Fall des Weihnachtsmarkts in der Spitaler Straße häufiger. Stände zur Verköstigung sind immer genügend vorhanden, dazu (Silber-)Schmuck, Gebrauchsgegenstände, Wöllernes, Nippes zum Hinstellen, die obligatorischen Sterne, die von innen beleuchtet werden können. Hier, wie auch auf weiteren Märkten, sind wie bereits im letzten Jahr Produkte aus Olivenholz angesagt. Schüsseln, Brettchen, Untersetzer, Löffel …
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Spitaler Straße - Artikel aus Olivenholz

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Spitaler Straße – Artikel aus Olivenholz

Am anderen Ende der Spitaler Straße, am Mönckebergbrunnen, befindet sich die altbekannte Weihnachts-
krippe, die Fassade des Barkhofs ist geschmückt. Doch hier herrscht immer noch Großbaustellenatmosphäre,
denn die ehemalige Landesbank-Galerie befindet sich weiterhin im Umbau und ist nur teilweise zugänglich.

Wussten Sie, dass es direkt am Mönckebergbrunnen etwas „Elbphiharmonisches“ gibt?  In dem Gebäude mit den tempelartigen Säulen (von Fritz Schumacher), in dem früher Burger King sein Domizil hatte und Whooper verkaufte, wurde 2009 das Elbphilharmonie Kulturcafé eröffnet.
Eine zugegebenermaßen zunächst gewöhnungsbedürftige Kooperation zwischen Starbucks als Cafébetreiber im Erdgeschoss (als hätten wir überhaupt keine hanseatischen Kaffeeröstereien, die es betreiben könnten) und einem Kulturbereich im Obergeschoss, der als Theaterkasse und Information fungiert und in dessen Räumen auch immer wieder (kostenlos) Konzerte, Vorträge oder Lesungen von Kulturschaffenden stattfinden. Ursprünglich war im Zuge der Entstehung des Cafés sogar die Rede davon, eine zentral gelegene, richtig große Touristeninformation zu integrieren, doch es ist nichts Offizielles daraus geworden. Der Rathausplatz ist dafür als Standort ebenfalls im Gespräch und aufgrund seiner zentralen Lage prädestiniert, doch auch dort gibt es diverse Probleme, es zu realisieren.
Elbphilharmonie … Ob ein Sponsor aus dem Bereich der klassischen Musik seinerzeit für die Namensvergabe verantwortlich war? Oder ob man im Jahr 2009 bereits geahnt hat, dass es mit der Fertigstellung der echten Elbphilharmonie noch ein geraumes Weilchen dauern wird (2007-2016) und dieses Café vorsichtshalber stellvertretend den Namen erhielt? Man weiß es nicht …
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Hamburg - Am Mönckebergbrunnen - Elbphilharmonie Kulturcafé

Hamburg – Am Mönckebergbrunnen – Elbphilharmonie Kulturcafé

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Weihnachtsmarkt am Gerhart-Hauptmann-Platz

Ein kleines Stück weiter am Gerhart-Hauptmann-Platz ist der nächste Weihnachtsmarkt. Kunsthand-
werkliches sowie Hunger und Durst Stillendes hat hier Priorität.

Es gibt „Hamburg-Armbänder“. Die sind aus fein gedrehten Kordeln (einreihig, doppelreihig, erhältlich in verschiedenen Farben) und haben am Ende jeweils einen kleinen Anker. Das Motto lautet: Ich wünsche dir
stets einen Anker, der dich hält.

Eine Steinschleiferei präsentiert u. a. Halbedelsteine. Aufgebrochen, so dass man nicht nur die unscheinbare graue Ummantelung sieht. Es erinnert mich an Amethystdrusen zum Hinstellen, die funkeln und glitzern. Die Stücke hier sind kleiner und präsentieren sich eher wie ein liegender Stein oder eine Schale. Ein kleines Mädchen bestaunte alles und fragte den Standbetreiber:
„Sind die selbst gezüchtet?“
„Nein, selbst aufgelesen“, lautete seine Antwort, und ich habe mich gewundert. Zum einen über so eine spezielle Frage eines höchstens sieben Jahre alten Kindes und ebenso über die Antwort. Die Steine liegen doch nicht so lose herum … Oder gibt es das etwa auch?

Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Gerhart-Hauptmann-Platz - Vor Einsetzen der Dunkelheit: Warten auf Kundschaft ... (beleuchtete Holzbuden)

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Gerhart-Hauptmann-Platz – Vor Einsetzen der Dunkelheit: Warten auf Kundschaft …

Was Sie dort außerdem erstehen können, sind Vogelvillen. Extrem bunte Holzhäuser, zudem beschriftet und mit  bewusst schiefen, geschwungenen Formen erstellt. Während der Begriff für die eigenwilligen Kreationen im Deutschen einfach „Vogelvilla“ und im Französischen entsprechend  „Villa des oiseaux“ ist, lautet die englische Bezeichnung „Crazy bird house“. Das trifft es offen gestanden wesentlich besser. Egal, ob gemeint ist, dass das Vogelhaus selbst verrückt ist oder ob es um einen verrückten Vogel ginge. Wahrscheinlich fliegt so einer am ehesten darauf … Neonschockfarben, gewagt kombiniert, dazu lose Sprüche.  Die eine Futtervilla nennt sich „Katzenkino“, die andere „Für deine Meise“ oder  „Schnatterstube“. Meine erste Reaktion ist durchaus amüsiert ausgefallen, doch wenn das bunte Etwas als Dauerbehausung im eigenen Garten hängt … So ein Witz hält nicht ewig vor …
Wem muss es eigentlich hauptsächlich gefallen? Dem Menschen, der es kauft oder dem Vogel, der es nutzt? Der wiederum kann den Spruch nicht lesen. Gut oder schlecht? Unter uns: Wäre ich ein Vogel, ich würde bei den Hausfarben vermutlich schon pikiert den Blick abwenden und im Busch sitzen bleiben.
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Weihnachtsmarkt rund um St. Petri

Schräg gegenüber beim Weihnachtsmarkt an der Petrikirche sind zusätzlich zu den diversen Buden für Kinder in Glasvitrinen Märchenszenen nachgestellt.

Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Petrikirche

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Petrikirche

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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Märchenszenen für Kinder an der Petrikirche

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Märchenszenen für Kinder an der Petrikirche

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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Märchenszenen für Kinder an der Petrikirche

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Märchenszenen für Kinder an der Petrikirche

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Wenn Sie auf etwas anderes als Glühwein zum Durchwärmen Appetit haben, gibt es an der Petrikirche einen guten Suppenstand. Den „Suppenheini“. Das Angebot wechselt, doch Kartoffelsuppe, Karotten-Mango-Suppe, Linsensuppe oder aus Käsecremesuppe mit Pfifferlingen sind häufig zu bekommen.
Wer Schaumküsse (politisch inkorrekt: Negerküsse) mag, kann auf diesem Weihnachtsmarkt ebenfalls schamlos zuschlagen. Eine unglaubliche Vielfalt wird angeboten. Verschiedene Schokoladenüberzüge von hell bis dunkel, mit und ohne Flocken oder Streusel  und zahlreiche Geschmacksrichtungen der Füllung wie z. B. Honig-Mandel, Rocher, Glühwein, Kokos Bounty, Whisky, Marzipan, Stracciatella etc.  stehen zur Auswahl.

Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus

Vom Markt an der Petrikirche aus ist die nächste Station der Historische Weihnachtsmarkt am Rathaus. Einer der schönsten aufgrund der Lage (Kulisse), seiner Gestaltung und der Vielfalt des Kunsthandwerks. Leider auch einer der immer übervollen Märkte. Vor Einsetzen der Dunkelheit haben Sie dort die besten Chancen in Ruhe zu schauen oder etwas zu erstehen, ohne ewig anstehen zu müssen. Die thematisch ge-
gliederten Gassen helfen bei der Suche nach bestimmten Ständen und Artikeln.
(In vorangegangenen Beiträgen finden Sie dazu mehr.)
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus - Der Andrang nimmt bei Dunkelheit schnell zu ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Historischer Weihnachtsmarkt am Rathaus – Der Andrang nimmt bei Dunkelheit schnell zu …

Bei den Spielzeugen treffen Sie in diesem Jahr auf Geduldsspiele, Holzartikel, Plüschtiere (ich hätte fast ein junges Wildschwein, einen zauberhaften Frischling, erstanden) und auf etwas, was ich noch gar nicht gehört hatte: auf Perlsacktiere. Der Begriff hört sich für meine Ohren im ersten Moment merkwürdig an, doch die Bezeichnung ist durchaus treffend. Es sind Wesen, deren textile Körper offenbar mit einer Art Granulat gefüllt sind. Perlen im Sack eben …
Doch mit den Tieren hat es wesentlich mehr auf sich. Sie werden vom Menschen „adoptiert“ und in der Folgezeit überall hin mitgeschleppt.  Erwachsene nehmen ihre Perlsackwesen mit auf Reisen und posten von unterwegs Fotos in den diversen sozialen Netzwerken. Es ranken sich Geschichten um sie und sie haben Namen wie z. B. Herbert Hasenbommel. Ich hatte ja keine Ahnung, und offen gestanden, so ganz schlau bin ich aus der Entstehung des Kults um die Perlsacktiere und hinsichtlich all der Zusammenhänge immer noch nicht geworden.
Wenn einer von Ihnen Ahnung oder Erfahrung damit hat – bitte immer her mit weiteren Informationen!

Die elektrische Eisenbahn schuffelt auch wieder über die Gleise und dreht über den Köpfen der Besucher ihre Runden …

Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Am Rathaus - Die elektrische Eisenbahn über den Köpfen der Besucher ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Am Rathaus – Die elektrische Eisenbahn über den Köpfen der Besucher …

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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Rathausmarkt mit elektr. Eisenbahn ....

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Rathausmarkt mit elektr. Eisenbahn …

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Blicken Sie durch das „Tor zur Welt“,  sehen Sie in diesem Jahr dahinter auf dem „Platz der Nationen“ Stände chinesischer Partner. Seit 30 Jahren besteht die Städtepartnerschaft zwischen Shanghai und Hamburg, und so können Sie 2016 auf dem Historischen Weihnachtsmarkt z. B. eine chinesische Massage genießen oder Peking-Ente speisen.
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Rathausmarkt - Das "Tor zur Welt" mit dem Chinabereich dahinter ....

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Rathausmarkt – Das „Tor zur Welt“ mit dem Chinabereich dahinter ….

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Vom Rathausmarkt aus geht es über die Schleusenbrücke
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amburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Dammerung an der Schleusenbrücke - Seifenblasen treiben in der Abendsonne ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Dammerung an der Schleusenbrücke – Seifenblasen treiben in der Abendsonne …

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Hamburg - Rathausschleuse - Blick von der Schleusenbrücke Richtung Adolphsbrücke

Hamburg – Rathausschleuse – Blick von der Schleusenbrücke Richtung Adolphsbrücke

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Hinter der Brücke nach rechts, entlang der Alsterarkaden mit Blick auf die Kleine Alster  …
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Hamburg im Advent - An der Kleinen Alster - Gedanken an Vogelgrippe? (Möwen)

Hamburg im Advent – An der Kleinen Alster – Gedanken an Vogelgrippe?

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… direkt zum
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Weihnachtsmarkt am Jungfernstieg (Weißer Zauber)

Der Jungfernstieg sorgt wieder umfassend für unterschiedlichstes kulinarisches Angebot (auch heiße Maronen!), hält Accessoires (feine Schals, Hüte, Tücher, textile Gamaschen) bereit und zeigt reichlich Kunsthandwerk (Lichterketten aus Pflanzen, Gefilztes, Dekorationsgegenstände, Lederwaren etc.).
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Weißer Zauber am Jungfernstieg - Sterne und andere Lichter ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Weißer Zauber am Jungfernstieg – Sterne und andere Lichter …

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Für Kinder finden sich freundlich aussehende, kuschlige Wärmtiere, die allerdings nicht mehr wie die Wärmflaschen früher mit Wasser befüllt werden, sondern in Backofen oder Mikrowelle vorzuwärmen sind.

Was sich am Mittwoch am Anleger Jungfernstieg noch getan hat, sehen Sie hier. Die große Weihnachts-
tanne
, die alljährlich in der Vorweihnachtszeit mitten auf der Binnenalster erstrahlt, traf in der Nacht zuvor in Hamburg ein, wurde bereits auf dem Ponton montiert und zu dem Zeitpunkt am Mittwochnachmittag gerade geschmückt.

Hamburg - Anleger Jungfernstieg - 23.11.2016 - Die Alstertanne 2016 wird geschmückt ...

Hamburg – Anleger Jungfernstieg – 23.11.2016 – Die Alstertanne 2016 wird geschmückt …

Es gehörte ein bisschen Glück und Improvisation dazu, ehe es dazu kam, denn kurzzeitig standen wir komplett ohne Tanne da. Die Alstertanne wird jedes Jahr gespendet. Meist von Privatbürgern, die einen zu groß gewordenen Nadelbaum im eigenen Garten stehen haben und sich mehr oder weniger schweren Herzens davon trennen möchten. Sie stiften den Baum, die Stadt organisiert das Fällen und den Abtransport. Die Genehmigung zum Fällen muss der Eigentümer natürlich vorher einholen. An der fehlenden Erteilung dieser Fällerlaubnis scheiterte in diesem Jahr die erwartete Spende aus Harburg. Die alle überraschende Absage traf erst vor drei Tagen ein. Es wurde fieberhaft herumgefragt und nach Ersatz gesucht. Mit Erfolg. Nun kommt die diesjährige Tanne aus Schleswig-Holstein, genauer gesagt aus Alt-Erfrade im Kreis Segeberg. Inzwischen ist sie präpariert, der Ponton wurde auf den See hinausgezogen, verankert, und seit Donnerstag strahlen ihre 1000 Lichter weithin sichtbar. Wenn die Weihnachtszeit vorbei ist, wird aus ihrem Holz etwas Nützliches geschreinert. Gut möglich, dass das Ergebnis am Ende die Kinder einer KITA erfreut.

Vom Jungfernstieg aus geht es weiter Richtung Gänsemarkt.
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Weihnachtsmarkt am Gänsemarkt
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Gänsemarkt - Teils noch Schotterfläche ....

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Gänsemarkt – Teils noch Schotterfläche ….

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Dieser Markt ist relativ klein, dennoch als Treff recht beliebt. Ob er dieses Jahr überhaupt an diesem Ort stattfinden kann, geriet gerade in den letzten Wochen noch einmal in die Diskussion.
Der Gänsemarkt wird bereits seit über fünf Monaten umgestaltet, und die Arbeiten, die bis Weihnachten bzw. zum Jahresende abgeschlossen sein sollten, konnten nicht rechtzeitig beendet werden. Es tauchten plötzlich unerwartete Schwierigkeiten auf. Zum einen kamen unter dem bis dato verlegten Pflaster an einigen Stellen ungeahnt dicke Betonschichten hervor, die mühevoll und zeitaufwändig abgetragen werden mussten, bevor überhaupt umgestaltet und neu verlegt werden konnte. Zum anderen entstand ein Hin und Her bei der Auswahl der Steine. Man benötigte Pflaster in Dunkelgelb und in Hellgelb, nur die hellgelbe Sorte traf nicht ein. Alternativ sollte hellgraues Material aus Portugal angeliefert werden, doch diese Farbkombination ist optisch weitaus weniger ansprechend.
Nun verzögert sich alles bis Mitte Februar. Für den Weihnachtsmarkt bedeutet es, dass er teilweise auf neuer Pflasterung und teilweise auf Schotter oder Holzschnitzeln stattfindet. An den zu erkennenden unfertigen Stellen sind Sitzbänke geplant, dort fehlen die Baumanpflanzungen und erst im Zuge dieser Arbeiten wird die restliche Pflasterung fertiggestellt.
Immerhin ist das Lessing-Denkmal, das während der Umbauzeit entfernt wurde, schon wieder an seinen Platz zurückgekehrt.
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Gänsemarkt - Die Pflasterung ist noch nicht komplett, aber Lessing ist zurück ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Gänsemarkt – Die Pflasterung ist noch nicht komplett, aber Lessing ist zurück …

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Vom Gänsemarkt können Sie durch Gerhof- und Poststraße, vorbei an der Einkaufspassage „Hanseviertel“
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Hamburg City - Das Hanseviertel in der Adventszeit

Hamburg City – Das Hanseviertel in der Adventszeit

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… zurück zum Rathausmarkt spazieren, den Weihnachtsmarkt noch einmal bei Dunkelheit überqueren …
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Rathausmarkt - Und jeder macht ein Foto vom Eingangsportal ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Rathausmarkt – Und jeder macht ein Foto vom Eingangsportal …

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… und über die Mönckebergstraße hinauf zum Hauptbahnhof  gelangen.
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Gerhart-Hauptmann-Platz - Auch der Mann mit dem Klavier ist wieder mit von der Partie ....

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Gerhart-Hauptmann-Platz – Auch der Mann mit dem Klavier ist wieder mit von der Partie …

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Die mit Lichterketten durchzogenen kahlen Laubbäume der Mönckebergstraße sehen hauptsächlich in der Dunkelheit attraktiv aus. Bei Tageslicht präsentiert sich eher ein heilloses Kettenwirrwarr.
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Hamburg City - Barkhof an der Mönckebergstraße im Advent - dahinter der Beginn der Spitaler Straße (mit Krippe)

Hamburg City – Barkhof an der Mönckebergstraße im Advent – dahinter der Beginn der Spitaler Straße (mit Krippe)

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Auf dem Weg Richtung Bahnhof stoppen Sie noch einmal kurz am Levantehaus mit seiner Einkaufspassage, die in der Weihnachtszeit immer besonders schön geschmückt ist. Mit Girlanden, einem großen Tannenbaum und Sternen am Glashimmel.
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Hamburg - City im Advent - Mönckebergstraße - Eingang zur Passage im Levantehaus ...

Hamburg – City im Advent – Mönckebergstraße – Eingang zur Passage im Levantehaus …

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Hamburg - City im Advent - Mönckebergstraße - Weihnachtlich geschmücktes Levantehaus

Hamburg – City im Advent – Mönckebergstraße – Weihnachtlich geschmücktes Levantehaus

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Hamburg - City im Advent - Mönckebergstraße - Levantehaus mit Sternenhimmel

Hamburg – City im Advent – Mönckebergstraße – Levantehaus mit Sternenhimmel

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Im Levantehaus (mit Eingang ebenfalls zur Mönckebergstraße hin) hat im November vergangenen Jahres das Roncalli Grand Café eröffnet. Auf zwei Ebenen. Ganz in Rot. Es wirkt sehr ansprechend, man bietet leckere hauseigene Torten an … Nur wenn Sie dort nicht einen Platz vorbestellt haben, ist die Lage schwierig bis aussichtslos. Ich habe es jedenfalls bisher noch nicht geschafft, spontan auf einen Kaffee einzukehren. Es ist sind immer alle Plätze besetzt.

Für Liebhaber weihnachtlicher Dekoration, Geschenkartikelsucher oder Tee- und Kakaofans, lohnt sich ein Blick hinein in die „Compagnie Coloniale“
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Hamburgs City im Advent - Compagnie Coloniale in der Mönckebergstraße - Ein Blick durch die geöffnete Tür ...

Hamburgs City im Advent – Compagnie Coloniale in der Mönckebergstraße – Ein Blick durch die geöffnete Tür …

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Apropos Tee. Mir wäre jetzt nach einer Teepause. Es sind immerhin schon über 12.000 Schritte zusammen-
gekommen, während Sie sich hier mit mir Hamburg angesehen haben. Lassen Sie uns Feierabend machen.
Feierabend mit einem Blick auf Peek & Cloppenburg in Hauptbahnhofnähe. Auch hier leuchtet es mächtig aus dekorierten Fenstern …
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Hamburg im Advent - Peek & Cloppenburg - Mönckebergstraße

Hamburg im Advent – Peek & Cloppenburg – Mönckebergstraße

 

Hamburg - City im Advent - An Peek & Cloppenburg scheint gerade ein Eilzug vorbeizurasen ....

Hamburg – City im Advent – An Peek & Cloppenburg scheint gerade ein Eilzug vorbeizurasen …

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Bevor ich Richtung U-Bahn verschwinde, weise ich noch schnell auf meinen (Heimat-)Weihnachtsmarkt in Wandsbek hin. Den Winterzauber im Winterdorf mit Feuerwerk am Abend des Nikolaustages, Kinderkarussell und einer künstlichen Schlittschuhbahn
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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Winterzauber im Wandsbeker Winterdorf ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Winterzauber im Wandsbeker Winterdorf …

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Hamburg - Weihnachtsmärkte 2016 - Winterzauber in Wandsbek - Künstliche Eisbahn ...

Hamburg – Weihnachtsmärkte 2016 – Winterzauber in Wandsbek – Künstliche Eisbahn …

 

Wenn Sie noch mehr Weihnachtsmärkte suchen, finden Sie in der City zusätzlich den Markt auf der Fleetinsel beim Steigenberger Hotel, weiterhin den Weihnachtsmarkt in der HafenCity am Überseeboulevard,, ebenfalls mit Eislaufbahn und den Santa Pauli auf St. Pauli. Er hält eine unkonventionelle Mischung aus klassischem Weihnachtsmarkt und Erotik parat.

Sollte Ihnen Hamburg im Advent jetzt zusagen, kommen Sie doch selbst einmal zum Weihnachtsmarktbummel in die City. Abends, wenn die Lichter strahlen oder am Nachmittag, wenn jeweils an den vier Sonnabenden vor Heiligabend die Weihnachtsparaden durch die gesamte Mönckebergstraße stattfinden!

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Ich wünsche Ihnen einen schönen ersten Advent und eine stimmungsvolle und entspannte Vorweihnachtszeit!

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© by Michèle Legrand, November 2016
Michèle Legrand

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41 Kommentare

Verblüffend! So entsteht Hamburgs Laubfärbung – Wahr oder unwahr?

Es gibt neue Erkenntnisse darüber, was grüne Blätter wirklich in dieses prächtig bunte Herbstlaub verwandelt. Wir gehen heute einer erstaunlichen These am konkreten Beispiel Herbst in Planten un Blomen nach.
Es gibt inzwischen Zeugenberichte und aufschlussreiche Fotos, die uns nicht länger zweifelnd mit bis dahin bloßen Annahmen stehen lassen, sondern endlich Fakten schaffen.
Nur … Stimmt das Folgende, oder werden Sie furchtbar hinters Licht geführt?
Urteilen Sie selbst.

Blenden Sie einen Moment die letzten beiden Tage mit all den eintrudelnden Schneefotos aus. Davor wurden Sie bestimmt zwei Wochen oder länger von sämtlichen Medien und speziell durch das Internet großzügig mit Fotos zur aktuellen Laubfärbung versorgt und fragten sich vielleicht angesichts der fantastischen Farben-
pracht, wie es angehen kann, dass mancherorts das Herbstlaub der Bäume so unverschämt gelb leuchtet
oder einige Baumarten fulminant zu Fackeln mutieren.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Laubfärbung (gelb)

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

Beim Anblick dermaßen intensiver Farben kommt automatisch der Gedanke, ob das alles natürlich und echt
ist. Wenn der Fotograf jedoch schwört, er hätte nichts bearbeitet oder wenn Sie die Pracht sogar mit eigenen Augen gesehen haben, stellt sich doch unweigerlich die Frage: Natur pur?

Kommen Sie, glauben Sie wirklich, das alles funktioniert allein deshalb, weil der Tag kürzer wird, die Tempera-
turen sinken und Proteine abgebaut werden? Sind Sie tatsächlich überzeugt, dass der bloße Chorophyllumbau und  -abbau ausreicht? Sicher, es wird dadurch der Blick auf die gelblich-roten Carotinoide frei. Und klar, für das Rot hält sich der Farbstoff Anthocyan parat. Das ist das ganze Geheimnis? So etwas sorgt in Deutschland für einen vielerorts derart grandiosen Indian Summer?
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Hamburg - Planten und Blomen im Herbst - Rote Laubfärbung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

Die Antwort lautet nein. Was kaum einem zu Ohren kommt und woran folglich niemand einen Gedanken verschwendet, ist die Tatsache, dass in allen Bundesländern unerkannt Laubdesigner am Werke sind.
Hier in Hamburg ist es die Aufgabe von Außerirdischen und ganz speziell in Planten un Blomen sind es
32 Beauftragte vom Asteroiden B611, die für die Laubfärbung sorgen. Publik wurde dies in Hamburg rein
zufällig im Herbst dieses Jahres.
Zuvor hatten es die eine maximale Körperhöhe von 96 cm erreichenden, drahtig-schlanken Wesen mit der auberginefarbenen Haut, dem zitronengelben Kopf und den recht großen Händen immer unbemerkt in die Hansestadt geschafft und konnten sogar ihr bemanntes Flugobjekt nachts ungesichtet in Planten un Blomen landen.

In diesem Jahr vernahm man auf B611 jedoch frühzeitig die Botschaft, dass aufgrund eines bevorstehenden Gipfeltreffens von Politikern in den angrenzenden Messehallen ein Teil der Parkanlage zur Sicherheitszone ernannt werden würde. Streng kontrolliert und mit eingeschränktem Zugang. Ungünstigerweise gerade der, in dem sich der übliche Landeplatz für das Raumschiff befindet. Sie verlegten ihr Kommen daraufhin verschreckt terminlich vor und riskierten wegen der Uneinschätzbarkeit der Lage vor Ort und zwecks besserer Sicht sogar eine Taglandung.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst. Im Hintergrund der Fernsehtum, Unterteil unsichtbar.

Hamburg – Planten un Blomen – Ufo im Anflug …

 

Normalerweise ist der Bereich, den Sie auf dem nächsten Foto sehen, der Ufo-Ankunftsplatz. Die außer-
irdischen Besucher peilen beim Anflug zunächst den weithin gut sichtbaren Fernsehturm an, um anschließend Richtung Parksee beizudrehen. Sie lassen einen Großteil des Seewassers ab und nutzen gern die dort neben den Wasserdüsen vorhandenen zahllosen Lichtstrahler zur Ausleuchtung des Flugfelds.
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Das Wasser des Sees ist teilweise abgelassen, Düsen und Strahler der Wasserspiele zu sehen

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Der Ufo-Landeplatz

Mit der Furcht vor Beeinträchtigungen ihres Flugverkehrs zur Laubeinsatzzeit auf dem gewohnten Terrain, fiel der Entschluss zu handeln. Anders als sonst wurde diesmal ein Trupp vorweg geschickt, dessen Aufgabe darin bestand, außerhalb der Sicherheitszone am Tropenschauhaus eine Alternativfläche für Start- und Landezwecke zu roden.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Umgestaltungen kündigen sich am Tropenschauhaus an - Rodung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Anlegen des neuen Landeplatzes …

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Die Wesen vom fernen Asteroiden besitzen bei Aufenthalt in der Erdatmosphäre zeitlich begrenzt (max. neun Stunden hintereinander) die Fähigkeit, sich auf ein Hundertstel ihrer eigentlichen Größe zu schrumpfen.
Die für die Vorbereitung der neuen Landefläche auserkorene Vierergruppe wurde am 21. Oktober mit dem Raumschiff am noch zugänglichen herkömmlichen Platz abgesetzt. Die Tage verlebten die Gesandten unbeachtet auf dem Gelände von Planten un Blomen – als Miniaturen in einem eigens dafür mitgebrachten Haus. Dessen Bauweise orientierte sich bewusst am menschlichen Vorbild. Am Abend jedoch, mit Wieder-
erlangung ihrer Originalgröße, arbeiteten sie nach Schließung des Parks in der Dunkelheit intensiv an der Fertigstellung der Ersatzfläche …
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Hamburg - Planten und Blomen - Ein kleines Modellhäuschen auf einem Felsen deponiert

Hamburg – Planten un Blomen – Haus für die geschrumpften Bewohner von Asteroid B611 in exponierter Lage …

Großflächige Erdarbeiten strengen an und machen durstig. Abhilfe schaffte in diesem Fall das Leertrinken der in Planten un Blomen angelegten Bäche bzw. das Abschlürfen allen restlichen Wassers von den vorhandenen Steintreppen …
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Ende Oktober fließt kein Wasser mehr die Treppe hinab

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Die Treppe ist leergetrunken …

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Lediglich das Wasser des Wallgrabens haben sie nicht angerührt, weil die resoluten Möwen dort lautstark ihr Terrain verteidigen. Was den Größenunterschied angeht zwischen einem Außerirdischen von B611 und einer ortsansässigen Möwe, so müssen Sie sich den in etwa so vorstellen, als käme Ihnen eine Deutsche Dogge entgegen. Obendrein knurrend.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Der Wallgraben mit Johan-van-Valckenburgh-Brücke

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Der Wallgraben wurde verteidigt …

 

Die mitgebrachte pulverisierte Trockennahrung in Kapseln ist relativ vitaminarm und eintönig. Für das bloße Laubfärben reicht diese Art der Verpflegung aus, der erhöhte Kraftaufwand in diesem Jahr erforderte hingegen die zusätzliche Aufnahme von Hagebutten
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Hamburg - Planten und Blomen im Herbst - Hagebutten an den Mittelmeerterrassen

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Vitaminreiche Hagebutten …

Früchten
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Über und über mit gelben Früchten behangener Baum

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – … Früchte!

 

… sowie den Verzehr von zarten Asternblütenblättern
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - u. a. lila Astern

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

 

… und Blüten des Oktobersteinbrechs
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Schöner Anblick spät im Jahr_Der weiße Oktobersteinbrech

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Oktobersteinbrech

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Der AUA (Alternative Ufo-Ankunftsbereich) wurde Ende Oktober fertig, woraufhin das komplette 32-köpfige Team der Laubfärber folgte und sich in der Parkanlage verteilte. Grundsätzlich wird mit den gelb zu färbenden Bäumen begonnen. Die zitronengelben Köpfe der Fremden sind in der Lage, einen farblich entsprechenden, intensiven Farbstoff abzugeben. Anstelle von Haaren sprießen auf den Häuptern der Asteroid-Bewohner stecknadelgroße, extrem feine Düsen, mit deren Hilfe sich der Farbstoff fein versprühen lässt.
Sie werden sagen: Ja, aber, die sind doch alle recht klein, wie kommen die denn so bis in die Baumkrone?
Um die Arbeit zu erleichtern, aber auch um den größtmöglichen Effekt zu erzielen, wird das Ufo nachts direkt über den betreffenden Baum dirigiert, die große, kreisrunde Bodenplatte öffnet sich hydraulisch, und die Außerirdischen hängen sich kopfüber aus der Luke heraus …
(Hiervon existiert leider kein Foto, es war zu dunkel.)
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Gelbe Laubfärbung direkt am Wallgraben

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Gelb versprüht …

 

Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Gelbe Laubfärbung täuscht Sonnenschein vor

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Nach Gelbeinsatz …

 

Das Vorgehen beim Rotfärben von Gehölzen unterscheidet sich ein wenig. Das notwendige Mittel wird produziert, indem sich die Wesen extrem anspannen, hoch konzentrieren und dabei den in der auberginefarbenen Haut befindlichen, sich kontinuierlich nachbildenden Farbstoff, in Richtung ihrer schaufelartigen, großformatigen Hände dirigieren. (Wer genau hinsieht, erkennt zudem zwischen den
Fingern feine Schwimmhäute.)
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Ausgetrocknetes Bachbett und wunderbar rotes Laub der Ahorngehölze

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Rotfärbung wurde vorgenommen, das Bachbett auch hier leergetrunken

 

Dieser Prozess des Farbabzugs aus Hautpartien aller Körperteile hin zu den Händen, hat eine leichte chemische Reaktion zur Folge. So schwächt sich der Blauanteil in der Farbe ab, und das vormals dunkle Lila wandelt sich nach und nach zu einem warmen Burgunderton.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Rotfärbung des Laubs bei den Gehölzen am See

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Einsatz bei den Gehölzen am See ….

 

Sobald sich genügend Farbpartikel auf den Handflächen gesammelt haben, wird dicht neben einem Busch in die Hände geklatscht, alternativ die Farbe weit nach oben bzw. in die Strauchmitte oder in Gehölzgruppen geschleudert. Um einen Orangeton zu erzielen, werden das Zitronengelb und der Burgunderton kurzerhand gemischt.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - rote Laubverfärbung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Bis zu dieser Strauchhöhe reicht das in die Hände klatschen und Wegschleudern aus ….

 

 

Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Orange- und Brauntöne ...

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Orange- und Brauntöne …

 

So läuft es laut den jetzt vorliegenden Aussagen der Außerirdischen bereits seit 319 Jahren. Nie hat ein Mensch etwas bemerkt. Wäre nicht diese unerfreuliche Sicherheitszone angekündigt worden, hätte obendrein der Bau des neuen Landeplatzes nicht die Aufmerksamkeit eines Gärtners erregt, und hätten nicht drei Jogger bei ihrer Runde das Ufo im Anflug gesehen, es wäre wohl weitere 319 Jahre ein Geheimnis geblieben.

Wie weiter zu vernehmen war, entschieden die ertappten Besucher aus dem All nach kurzem Zögern, dass
sie trotz des nicht beabsichtigten Bekanntwerdens ihrer Existenz und ihres Wirkens weiterhin ihre Arbeit im herbstlichen Planten un Blomen verrichten werden. Bei dieser Entscheidung dürfte auch das freundliche Verhalten eines Mitarbeiters des Gewächshauses eine Rolle gespielt haben, der beim Wintereinbruch vor
zwei Tagen kurzerhand beschloss, die durchgefrorenen Gäste zum Aufwärmen in die Tropenabteilung des Hauses einzuladen.

Ungeachtet dessen bittet die Laubdelegation des Asteroiden B611 allerdings darum, dass politische Treffen zukünftig nicht zu Sperrungen ihres gewohnten Landeplatzes führen oder den Aktionsradius einschränken. Sonst könnten sie für nichts garantieren.
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Der Ginkgo wird strahlendgelb ...

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Der Ginkgo wurde gelb ….

 

Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Ein lauschiges Plätzchen neben rotem Laub ... (Holzbank beim Ahorn)

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Ein lauschiges Plätzchen neben rotem Laub …

 

Nun sind Sie an der Reihe. Hand auf Herz: Funktioniert so die Laubfärbung? Die Beweise wirken doch recht eindeutig: Aufnahmen des Ufos, des Tagesrückzugshauses, dazu der Landeplatz, die Neufläche …
Sie wissen außerdem selbst, dass gerade am Morgen die Feststellung gemacht wird: Mensch, was haben die Blätter über Nacht für eine Farbe bekommen! Über Nacht, wohlgemerkt!
Sagt das nicht alles?

Also: Wahr oder unwahr?

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© by Michèle Legrand, November 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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James Rhodes in Hamburg!

Über den Pianisten James Rhodes und seinen Konzertabend auf Kampnagel am 25. Oktober 2016

 

James Rhodes in Hamburg

James Rhodes ist auf Konzerttour in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Anhänger des Pianisten mussten einige Jahre warten, bevor endlich auch deutsche Städte auf dem Tourplan des Briten standen.
Am 25. Oktober 2016 lud er in Hamburg auf Kampnagel (K2) zu einem musikalischen Abend ein.

Reine Konzertkritik?

Anstelle einer reinen Konzertkritik in Kurzform, lade ich Sie heute zu einer sehr persönlichen Betrachtung ein, die Ihnen den Menschen James Rhodes zunächst näher bringt. Seine Art der Präsentation, seine Ausdrucks-
form als Künstler, beides wird ganz entscheidend von seinen persönlichen Erfahrungen, seinem Werdegang, seinem ganzen bisherigen Leben beeinflusst.
Würde ich Ihnen lediglich knapp berichten, welche Klavierstücke auf dem Kampnagel-Programm standen, welche Stimmung vorherrschte oder ob und wie meisterlich er spielte  – Sie würden nicht annähernd nach-
vollziehen können, was an Rhodes selbst und an seinem Klavierspiel so packend, so ergreifend ist.
Was einen Konzertabend mit dem Briten so besonders macht!

Warum darüber hinaus mich das Hamburg-Ereignis zusätzlich mit großer Vorfreude erfüllte und weshalb ich
dem Abend mit Spannung entgegensah, werde ich Ihnen dabei gern mit verraten. Sie vermuten schon ganz richtig, es existiert eine Vorgeschichte, und die begann für mich bereits vor sieben Jahren.

Eines gleich vorweg! Falls Sie jemals die Gelegenheit haben, ihn spielen zu hören oder ihn bei einem Auftritt
zu erleben, nutzen Sie die Chance!

Eine Annäherung

Sollten Sie sich – ganz spontan – ein Klavierkonzert und den dazugehörigen Pianisten vorstellen, hätten Sie vermutlich das Bild eines in Anzug oder sogar Frack gekleideten Herrn vor sich. Akkurater Haarschnitt, Fliege, glänzende Lederschuhe. Einen eher wortlosen Typ Künstler, denn ein Pianist kommuniziert im Allgemeinen
nicht mit dem Publikum.
Bei den Damen sähe dieses Bild nicht anders aus. Lange Abendrobe, die Haare luftig-frisch gestylt, ein ein-
nehmendes, das zwischen den vorgetragenen Werken ans Publikum verschenkt wird. Einnehmend, aber still.

Sicher gibt es einzelne Künstler, die in heutiger Zeit andere Wege einschlagen. Extrovertierte mit einem kleinen Faible für Schauspiel, Show und Entertainment und der Neigung zu einer gewissen Selbstdarstellung. Die Motivation entspringt dem Wunsch nach zusätzlicher Aufmerksamkeit, ein Vortrag erfolgt nicht allein um der Musik oder der Darbietung willen, sondern zur Pflege des Kults um die eigene Person. Hart gesagt, oder?
Es wäre vermessen, grundsätzlich zu unterstellen, dass Künstler dieser Art während des Spielens bewusst Selbstinszenierung betreiben, denn wer ist schon in der Lage inmitten einer hochkonzentrierten Darbietung eines schwierigen Werkes penibel darauf achten, eine bestimmte Pose zu halten, fotogen zu wirken oder Effekthascherei zu betreiben.
Dennoch, vielleicht fallen auch Ihnen auf Anhieb Namen von Künstlern ein, bei denen der schmerzverzerrte Blick, die sekundenlang elegant in der Luft verharrende Hand oder das Zurückwerfen der Haarpracht zumindest auf den Zuhörer und Zuschauer exakt so wirken: künstlich und inszeniert.

Einerlei, ob es sich um den konservativen, zurückhaltenden oder den modernen, mehr aus sich heraus-
kommenden und sich selbst in Rampenlicht stellenden Typ  handelt – solange der Pianist ein musikalisches Genie, ein Virtuose am Flügel und ein Interpretationskünstler ist, einer, der den Werken Leben einhaucht, so lange wird es ein wunderbares Hörerlebnis sein!
(Wenn es Ihnen so wie mir ergeht, dass Ihnen das Zuhören und Zuschauen bei bestimmten Menschen schier unmöglich ist, dann schließen Sie wie ich einfach die Augen.)

Eine andere Erscheinung …

Sie fragen sich, wozu ich dies alles erwähne?
Weil es anders läuft, sobald Sie der Einladung James Rhodes’ folgen. Der Brite, Jahrgang 1975, mag weder
die ihm widerstrebende Selbstverkostümierung, noch die Unnahbarkeit und das absolute Stillschweigen des vortragenden Pianisten.
Je nach vorherrschender Temperatur bzw. Jahreszeit erscheint er zum Konzert in T- oder Sweatshirt (gern mit BACH-Aufschrift) sowie Turn- oder Freizeitschuhen. Sein Friseur sieht ihn schon von Zeit zu Zeit, den Wuschelkopf komplett zu bändigen, ist aber nicht sein Hauptziel. Ein Drei-meist-aber-mehr-Tage-Bart gehört zu Rhodes ebenso dazu wie das Rachmaninow-Tattoo am Unterarm und seine große, dunkel gerahmte Brille. Eine Nerdbrille könnte man es nennen, so ein kantiges Kassengestell früherer Zeiten, eine Form, die schwer angesagt ist. Was jedoch reiner Zufall ist, denn er legt weder Wert auf angesagte Accessoires noch auf sonstige typische Attribute eines Konzertpianisten.
Gewohnte Äußerlichkeiten? Die Einhaltung des üblichen Ablaufs? Ein Auftritt ausschließlich an einem altehrwürdigen, Klassikkonzerten vorbehaltenen Veranstaltungsort?
Nein, meint Rhodes. Wozu auch. Kleider machen auch heute vielleicht noch Leute, sie erhöhen aber nicht die Virtuosität.
Um zu verstehen, dass hier nicht jemand einfach nur plietsch eine neue Schiene fährt, um so die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um zu begreifen, dass er der Musik trotz weniger förmlichen Auftritts und trotz Brechen bestehender (ungeschriebener) Regeln mit dem höchsten Respekt und sehr viel Liebe begegnet, müssen Sie ihn und seinen Werdegang kennenlernen. Ein Werdegang, der so anders ist als der weitaus meisten seiner Klassik-Kollegen. Sein Weg als Pianist war überhaupt nicht vorgezeichnet!

Die Geschichte des James Rhodes …

Rhodes stammt nicht wie viele andere aus einer Familie, in der schon seit Generationen musiziert wurde. Er hat nicht bereits im Kindesalter Klavierunterricht genossen, hat keine ersten Erfolge bei Jugendwettbewerben eingeheimst oder Bekanntheit durch sie erlangt.
Vor allem aber hat er eines nicht: Er hat keine ungetrübte Kindheit genossen. Und das ist die Untertreibung schlechthin! Was er durchgemacht hat, muss die Hölle gewesen sein und wird ihn ohne Zweifel bis an sein Lebensende nicht loslassen.
Der Brite wurde das Opfer von schlimmstem Kindesmissbrauch, einem Missbrauch der über Jahre anhielt, und wer seine Autobiographie liest, der erfährt sehr viel über das Danach. Die Operationen, die nötig sind. Das anfängliche Verdrängen, das wieder Hochkommen aller Pein, gerade als er selbst Vater eines kleinen Jungen wird. Erst im Alter von 30 Jahres redet er das erste Mal über den Kindesmissbrauch!
Sein Buch, 2015 unter dem Titel Instrumental in England erschienen und seit Februar 2016 in der deutschen Fassung unter dem Titel „Der Klang der Wut“ erhältlich, beschreibt auch diese Zeit, offenbart genau jene unbändige Wut, die in dem jungen James Rhodes steckt.
Er nutzt harte, deftige, drastische Worte, zu drastische ist häufig der Eindruck, doch für die Schilderung solch traumatischer Erlebnisse und für ein Aufrütteln gelten definitiv andere Regeln als für eine der üblichen Autographien. Schonungslos offen und dennoch lässt er einiges aus. Es reicht auch so, dem Außenstehenden das Ausmaß des Martyriums zu vermitteln. Es lässt förmlich erstarren.

Die Auswirkungen bei ihm sind Scham, Selbsthass, Selbstverstümmelung, Depressionen, Drogen, Selbstmord-
gedanken, Selbstmordversuche. Er wird mehrmals in die Psychiatrie gebracht. Nicht die Tatsache, dass er dort ist, dass er Medikamente oder Therapie erhält, rettet ihn, sondern etwas anderes führt ihn aus der tiefsten Krise heraus: die klassische Musik.
Zugang zu einem Klavier hatte er schon früher in der Schulzeit, das Spielen und der Klang waren ihm als wohltuend bekannt. Doch Unterricht? Er bringt sich das Spielen selbst bei. Sein Talent wird ersichtlich. Seine Eltern erlauben allerdings nach der Schule kein Musikstudium, woraufhin er die nächsten zehn Jahre keine Taste mehr anrührt. Daher wird ihm erst zu einem relativ späten Zeitpunkt bewusst, dass es die Musik ist, die seinen Schutzraum darstellt und dass das Hören bestimmter Werke etwas Positives in ihm in Gang setzt.
Licht in Dunkelheit hineinlässt. Ihm wird irgendwann klar, dass die klassische Musik, dass das Spielen dieser Werke für ihn die Rettung bedeutet.
Er, der kurz vorher noch zu den harten Worten, der drastischen, gelegentlich bis hin zur provokanten Ausdrucksweise greift, schreibt in „Klang der Wut“ über das Gefühl, dass ihn beim Anhören des Adagios von Bach-Marcello aus dem Oboenkonzert in D-Moll, BWV 974 überkommt (und über Bach generell) in einer gänzlich anderen Art und Weise:

Es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
An anderer Stelle:
Wenn etwas so Starkes, so Schönes existieren kann, dann kann ja nicht alles schlecht sein. Da sagte ich mir: Okay, ich mach‘ noch ein bisschen weiter.“
Und weiter:
“Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“

James Rhodes hat in der folgenden Zeit Unterricht bei einem Lehrer in Verona, er übt Stunden um Stunden.
Tag für Tag. Monat um Monat.
Zwei, drei Jahre vergehen, und im November 2008 gibt er sein erstes öffentliches Konzert in der Steinway Hall
in London. Es folgen weitere Auftritte, im Mai 2009 findet im The Roundhouse in Camden sein Solokonzert statt.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal von James Rhodes höre. Hier in Deutschland ist er ein absolut Unbekannter, doch Stephen Fry, der britische Autor, Schauspieler und Moderator erwähnt einen außer-
gewöhnlichen Pianisten und leitet den Link zu einem kurzen Video weiter.
Ich habe seit Teenagerzeiten der Klaviermusik unterschiedlichster Interpreten gelauscht, verschiedene Fassungen ein und desselben Werks kennengelernt, bemerke die Unterschiede und empfinde naturgemäß die Darbietung einzelner Tastenkünstler als unterschiedlich „attraktiv“, doch als ich Rhodes das erste Mal zuhöre, packt es mich. Zu dieser Zeit weiß ich nichts über das bisherige Leben des Mannes aus England. Ich stelle nur fest, wenn er spielt, ist etwas anders. Seine Musik wird auf eine andere Art und intensiver weitergeleitet, Klänge, aber auch Gefühle scheinen unmittelbar in einen überzugehen. Wenn ich es beschreiben sollte, dann so: Er ist der Vermittler eines Werks, der virtuose Gestalter, doch raubt er sich das Werk dabei nicht. Er macht sich nicht zur Hauptperson, während er spielt. Bei ihm ist es bereichernd und faszinierend, ihm nicht nur zuzuhören, sondern auch, ihm dabei zuzusehen … Seine Versunkenheit, seine Ruhe, seine Authentizität, die natürliche Hingabe – das alles sucht seinesgleichen …

Rhodes’  Bekanntheit im eigenen Land wächst mit jedem Auftritt. Der Engländer nimmt an diversen Festivals teil und steht für BBC4 für eine Dokumentation zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin, die 2010 ausgestrahlt wird, vor der Kamera.  Es folgen weitere Auftritte nun auch im Ausland. 2011 gastiert er in Australien, 2012 geht es in die USA, u. a. nach Chicago, Hongkong lernt ihn 2013 kennen. Das englische Fernsehen sendet es in der Zwischenzeit die siebenteilige Serie James Rhodes: Piano Man.

Er engagiert sich für Projekte, bei denen es um die Belange von Menschen mit psychischen Problemen geht. Ebenso unterstützt er eine Aktion, deren Ziel die Verbesserung des Musikunterrichts überall im Vereinigten Königreich ist. Bei dem Projekt Don’t Stop the Music kommen 2014 im Zuge einer großen Sammelaktion mehr als 7 000 Instrumente zusammen, die an 150 Grundschulen verteilt werden und von denen im Jahr 10 000 Schüler profitieren.

Mittlerweile hat er mehrere Alben veröffentlicht, schreibt hin und wieder für Zeitungen einen Gastbeitrag. Die Medien widmen sich natürlich nicht nur seinem künstlerischen Schaffen, sondern beschäftigen sich ebenfalls mit seinem Vorleben und haben Kenntnis vom Kindesmissbrauch. Rhodes geht inzwischen offen damit um. Es geht es auch deshalb offensiv an, weil er davor warnen möchte. Er will Menschen sensibilisieren, möchte verhindern, dass es weitere Opfer gibt, nur weil Unkenntnis herrscht und sich mangelhaft für den Schutz eingesetzt wird. Andererseits ermutigt er mit seinem Vorgehen andere Leidtragende, sich zu wehren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und er sagt auch an Mitwissende gewandt: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Als Verlage an ihn herantreten und ihm die Autobiographie vorschlagen, willigt er ein.

Eine sicher insgesamt nicht einfache Entscheidung, doch was kann besser, sinnvoller und wirkungsvoller sein, als dass ein derart Betroffener selbst Fakten nennt, die Wahrheit aufschreibt und diese veröffentlicht, statt es den Medien indirekt freizustellen, sich mangels Information ihre Geschichten nach eigener Vorstellung und fern aller Realität zurechtzubasteln. Vielleicht befreit es auch und rückt einiges ins richtige Licht.

Sie sehen aus dieser Entwicklung jedoch, dass Rhodes’ Motivation zur Veröffentlichung eines solchen Buches nicht die ist, zunächst die Autobiographie auf den Markt zu bringen, um mit seiner dramatischen Vergangenheit seine Bekanntheit als Pianist zu steigern, sondern er schreibt zu einem Zeitpunkt, als seine bereits existierende Bekanntheit sich in seinen Augen für ein sinnvolles und ihm enorm wichtiges Ziel nutzen lässt.
Dass erst per Gerichtsbeschluss gestattet werden muss, dieses Buch überhaupt zu veröffentlichen, kann ihn nicht davon abhalten.

Als Publikum bei James Rhodes

Sie kennen James Rhodes nun bereits soweit, dass es Sie kaum mehr irritieren wird, dass ein Pianist es entgegen gängiger Praxis anders handhabt und sich zwischen seinen Werken direkt an seine Zuhörer wendet. Der Brite hält Kommunikation, gerade in heutigen Zeiten, für wichtig. Er hält es auch für wichtig, dass über das Stück, über den Komponisten und dessen Anliegen erzählt wird. Oder über dessen persönliche Verfassung, Umstände und Beweggründe, ein bestimmtes Werk in genau dieser Form zu Papier zu bringen.
Er setzt nicht voraus, dass jeder bereits alles im Vorfeld weiß oder vorab in Erfahrung bringt. Ein Austausch, bevor er sich an den Flügel setzt und startet, ist ihm viel lieber.
Nun werden Fachkritiker vermutlich gern anmerken, dass er ja gar nicht ernst, nicht lehrbuchhaft erklärt, nicht doziert. Muss er denn?
Was er betreibt, ist eine Situationsbeschreibung, er vermittelt eine Grundstimmung, ein Gefühl, und schon bevor er die Brille absetzt und sich zum Spielen niederlässt, haben Sie als Zuhörer Zugang. Eine Vorstellung. Bereits mit seinem ersten Ton holt er Sie genau dort ab.

Ihm liegt viel daran, dass nicht nur das herkömmliche Publikum „bedient“ wird, Menschen vom Fach, eine begrenzte Gruppe. Er möchte, dass Menschen herangeführt werden, die sich bisher an klassische Musik nicht herangetraut haben. Er will ihnen die Schönheit der Musik vermitteln. Die Energie dieser Musik und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Aus diesem Grund geht er gern einmal an ungewöhnliche Orte. Nutzt öffentliche Plätze. Stellt seinen Flügel zwischen Hochhausbauten auf und beginnt dort sein Spiel. Es hat die Wirkung, die oft auch ein Flashmob auslöst: Überraschung, nach der ersten Verblüffung Ergriffenheit, dann Begeisterung. Es schürt letztendlich nicht selten Neugier, entfacht Lust und macht Mut, sich bis dahin völlig Unbekanntem endlich zu nähern.
Er zieht damit auch Jüngere an. Eine britische Zeitung nannte ihn vor Jahren einmal den „Beethoven der iPhone-Generation“ …

Das Konzert auf Kampnagel

Saal K2 auf Kampnagel. Die von dunklen Vorhängen eingerahmte Bühne mit dem Flügel ist ebenerdig, die Zuschauerplätze befinden sich auf einer ansteigenden Tribüne, die jedem gute Sicht verschafft. Freie Platzwahl heißt es auf den Tickets. Was nichts anderes bedeutet, als nur frühes Anstehen sichert einen guten Platz im vorderen Bereich. Was die lange Schlange vor dem Einlass vermuten lässt, bewahrheitet sich: es wird voll. James Rhodes scheint nicht mehr nur ein Geheimtipp zu sein …
Pünktlich wird er angekündigt, tritt aus einem Spalt der dunklen Seitenvorhänge hervor, schaut kurz freundlich Richtung Publikum, steuert jedoch mit seinem leicht wippend-federnden Gang direkt den Flügel an. Er legt die Brille ab – ein immer wieder kehrendes Ritual, bevor die Finger über die Tasten fliegen – und beginnt. Mit Bach. Seinem bevorzugten Komponisten. Mit ihm startet und endet später sein Hamburg-Programm.

Rhodes mag nicht nur Bach, den nur besonders. Seine Goldberg Variationen, die Chaconne in D-Moll … Er bewundert ebenso Beethoven, Chopin, Prokofjew, Moszkowski, Mozart, Gluck, Puccini u. a.  Es faszinieren ihn einige Pianisten besonders. Glenn Gould ist u. a. sein Vorbild, – was man seinem Spiel mitunter anmerkt. Den russischen Pianisten Grigory Sokolov, den verehrt er ebenfalls.

Für den Abend auf Kampnagel hat er sich die Fantasie in F-Moll Op. 49 von Chopin herausgesucht. Darauffolgend vom selben Komponisten die Polonaise-Fantasie, Op. 61, As-Dur.
Beides spielt er ohne Notenblatt und … bewegend. Mitreißend. Gerade Chopin hat es in sich, ein Komponist, der die verbundenen Töne sehr liebte und in dessen Werken oft eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen zusammentrifft.
Zuvor holt Rhodes allerdings die Begrüßung nach und erzählt er in seiner natürlichen, unverkrampften Art über die gleich zu hörenden Werke. Fantasie. Sie soll auch das Thema des Abends sein. Fantasie sei wichtig, genauso wie Kreativität, die in unserer schnellen Zeit oft zu kurz zu kommen droht. In Gefahr ist. Er bringt eine Besonderheit der Kreativität in diesem kurzen Satz auf den Punkt: „Creativity is a form of meditation. Inside.“

Rhodes fährt fort mit der Klaviersonate 31, Opus 110, As-Dur von Beethoven. Ein Traum …
Konzertende? Offiziell schon und doch wieder nicht, denn danach reiht sich eine Zugabe an die nächste.
Er spielt aus Orpheus und Eurydike von Ch. W. Gluck. Die  nächste „encore“ entpuppt sich als das letzte Präludium von Rachmaninow in Des-Dur.
Immer noch ist nicht Schluss. Fast schüchtern kündigt er eine weitere Zugabe an, einen Titel, den er erst einmal zuvor öffentlich präsentiert hätte, brandneu sozusagen. Ein Stück aus einer Puccini-Oper, doch er verrät nicht, wie es heißt. Versichert allerdings, es würde einem nach spätestens 27 Sekunden bekannt vorkommen. Er sollte damit recht behalten. Es ist „O mio babbino caro“ aus der Oper Gianna Schicchi.

Jedes schöne Ereignis geht irgendwann einmal vorbei. Er lässt den Abend nach gut eineinhalb Stunden mit Bach ausklingen und hinterlässt ein stürmisch applaudierendes und wie es scheint allgemein begeistertes Publikum in Hamburg.
(Warum der Veranstalter dieses Konzert allerdings als eine „Musikalische Lesung“ ankündigte, bleibt rätselhaft.)

Für ihn ist an diesem Abend die Arbeit noch nicht getan. Seine Autobiographie liegt im Foyer in der englischen und deutschen Fassung aus und wird von ihm nach dem Konzert signiert.
Ich habe kein Buch mitgebracht, aber meine allererste CD von ihm aus dem Jahr 2009. Sie trägt nun seinen Unterschriftenkringel …

Nach dem ersten Gepacktsein vor sieben Jahren, nach der Beobachtung seiner weiteren Entwicklung und dem Verfolgen seines Schaffens über das Internet, durch Zeitungsartikel, durch Bücher etc., gab es an diesem Abend die Gelegenheit, den Pianisten James Rhodes live spielen zu hören und real zu erleben. Das Bild hat sich vervollständigt. Für mich. Für andere. Gut möglich, dass noch mehr Menschen eines Tages den Wunsch verspüren, von ihm zu hören. Von seinem Klavierspiel und von seiner ganz eigenen Art, die Kraft der Musik deutlich zu machen.

James Rhodes, der Mann, den die Musik auffing und rettete, er sagt, das Einzigartige an klassischer Musik sei, dass sie, selbst wenn es ein trauriges Stück ist, immer noch wunderschön sein.
 „Even the pain is beautiful in classical music.“
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke, das Geheimnis ihrer Wirkungskraft.

Was für ein Abend! Wenn dieser unkonventionelle, unverstellte Brite, dieser so authentische Mann und grandiose Pianist wieder einmal in Deutschland sein sollte und Sie Verlangen nach Echtem haben, nach etwas, das Sie mitten ins Herz trifft, dann …
Rechtzeitig Karten sichern!

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Quellen:
James Rhodes: Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
(Verlag Nagel & Kimche AG – ISBN-13: 978-3312006540)
Informationen aus Interviews in diversen engl. Zeitschriften aus den Jahren 2009-2016
Eine mittlerweile seit sieben Jahren bestehende Twitterverbindung

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

 

 

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35 Kommentare

Freddy mit der Mütze …

Ich weiß, ich fragte mich, ob er wohl immer noch das sehr volle, dunkle Haar hätte … Nur Freddy Quinn
trug eine dieser schwarzen, grobgestrickten, zipfellosen Wollmützen. Tief in die Stirn gezogen und bis
über eventuell vorhandene Koteletten. Kein Wunder, das Wetter präsentierte sich äußerst grottig;
kühl, nass und trüb.
Der Dunst hing tief über der Außenalster, doch wir saßen unverdrossen auf einer der Bänke am Ufer.
Er hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, die Beine weit von sich gestreckt, dabei
die Füße überkreuzt und erzählte schmunzelnd von einer Ruderregatta.
Ein Kind in bunten Gummistiefeln rannte auf dem angrenzenden Spazierweg durch eine Pfütze.
Immer wieder. Hin und her. Hin und her …
Aus einem der nahen Bäume drang der Lärm gleich mehrerer echauffierter Krähen und unterbrach Freddys Erzählfluss. Sein Blick ging hoch ins Geäst. Als er die Radaubrüder entdeckt hatte, krächzte er zurück, als spräche er ihre Sprache. Er kehrte wieder zu seinen Regattaerinnerungen zurück, während ich auf der gro-
ßen Wiese rechts das Dromedar wahrnahm, das feuchtes Gras kaute. Unentwegt.
Wir starrten uns ein Weilchen an, bis … Moment!

Ein Dromedar? Frei? In Hamburg …? Und wieso Freddy Quinn … mit mir …?
Mir kam das mehr als verdächtig vor. Aus gutem Grund!

Sie ahnen es vermutlich – alles nur geträumt. Mir selbst wird das meist in eben solchem Moment klar, in
dem sich komplett Unlogisches hineinmogelt. Mitten im Schlaf kommt die Erkenntnis! Nicht real! Traum!
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.
Ist der Traum absurd und völlig überflüssig, unterbreche ich das Geschehen, wofür oftmals nicht einmal komplettes Aufwachen nötig ist. Während des Schlafens verblasst das Bild oder die Handlung endet einfach. Schlagartig. Auch das kommt vor.
Sind die im Schlaf hochkommenden Bilder jedoch spannend und höchst willkommen, tauchen Personen in diesem nächtlichen Film auf, an denen mir liegt, die ich unbedingt sehen und hören möchte – im realen Leben sind sie womöglich bereits verstorben – und wird mir in dem Fall bewusst, dass nur ein Traum läuft (Klaus lebt doch gar nicht mehr …?), liegt mir unheimlich viel daran, dass er jetzt bloß nicht endet!
Nein! Nicht aufwachen! Lass die Bilder nicht verschwinden …
Nun ja, in dieser Hinsicht ist wohl kräftiges Üben angesagt, denn die Handlung zuverlässig fortlaufen zu lassen gelingt mir nicht, es lässt sich zumindest nicht lange durchhalten. Irgendwie scheint gerade dieser sehnliche Wunsch, die Dringlichkeit dahinter, den Plan regelrecht zu durchkreuzen.

Speziell diese sehr merkwürdigen Dinge – warum träumt der Mensch bloß derartige Ungereimtheiten?
Von Plätzen, an denen er nicht war, Menschen, die er gar nicht kennt …? Lassen Sie es uns nicht wissen-
schaftlich zu erklären versuchen oder professionelle Traumdeutung heranziehen – lassen Sie uns einfach nur herumunken und spekulieren.
Erinnern Sie sich noch an etwas, was ich Ihnen in ganz frühen Zeiten dieses Blogs anvertraut habe? Ich nahm damals an (ebenso munter-spekulativ gemeint), dass Träume offensichtlich hin und wieder schwer fehlgeleitet werden. Das bedeutet, Sie bekommen höchstwahrscheinlich gelegentlich Träume eingespeist, die eigentlich für jemand anderen gedacht sind. Genauso umgekehrt. Jemand erhält die für Sie gedachte Story.
Das Durcheinander bei den Inhalten und entsprechend mangelndes Verständnis können Sie sich vorstellen.

Einmal hatte ich nächtens das Vergnügen, in einer Oase zu sitzen. Dort war kein Dromedar, allerdings traf ich in der Wüste auf meine ehemalige Französischlehrerin, die ernst und mit Hingabe auf einer großen Harfe spielte. Wer sie kennt bzw. kannte, weiß, wie unwahrscheinlich dieses Szenario ist! Erklär mir einer so etwas …
Hatte ich die neun Ameisenhaufen am Strand schon erwähnt? In dem Traum spielten auch Richard von Weizsäcker und ein schwarzes Taxi eine wichtige Rolle. Oder die Sache mit dem russischen Briefträger und seiner Trillerpfeife?
War das etwa einer Ihrer Träume? Geklaut und zu mir umgeleitet? Können Sie vielleicht etwas damit anfangen?

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Sie mir einfach erzählen, was Ihnen traumbezogen bisher fehlt oder was nicht mehr vorkommt, schlicht abhanden gekommen zu sein scheint. Wenn ich merke, dass so etwas irrtümlich bei mir landet, dirigiere ich es selbstverständlich sofort zu Ihnen um.

Mehr wollte ich Ihnen gar nicht erzählen, ich habe noch zu tun.
Halt! Gerade fällt mir noch etwas ein!
Die merkwürdigen Träume haben hin und wieder so ihre kleinen Auswirkungen auf das nachfolgende Verhalten im Wachzustand. Seit dem Freddy-Traum gestern ertappe ich mich z. B. dabei, dass ich ständig „Hundert Mann und ein Befehl“ singe. Das legt sich hoffentlich in ein oder zwei Tagen wieder.
Mittlerweile habe ich sogar herausgefunden, wann und wodurch diese sonderbaren Träume ausgelöst werden. Es hat nichts mit gerade vorher Erlebtem zu tun.
Es passiert zuverlässig, wenn es mir im Schlafzimmer im Laufe der Nacht zu kalt wird, ich deshalb gegen Morgen doch den Thermostat der Heizung aufdrehe, das Frösteln nachlässt und ich zu dieser Zeit noch einmal einschlafe. Das ist der Startschuss für reichlich phantasievolle bis wirre Träume!
In meinen Augen ist die Ursache ein kräftig losbollernder Heizkörper, der während des Morgenschlafs für mollige Temperaturen sorgt. Und nur morgens funktioniert es!
Dadurch, dass Sie nach einem dieser Träume tageszeitbedingt meist endgültig aufwachen, bleibt der Inhalt sogar noch ein Weilchen im Gedächtnis haften, was ja sonst nicht immer der Fall ist.
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Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und träumen Sie etwas Nettes!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

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Hoch oben über der Stadt: Vogelperspektive! – Ausblick von St. Petri …

Morgen werde ich vermutlich Muskelkater haben. Ordentlichen! In den Waden, Oberschenkeln und wer weiß,
wo sonst noch. Schon wenn ich nach dem Schreiben nachher den Versuch unternehme, wieder vom Stuhl hochzukommen, wird das wohl nur unter dezentem Stöhnen vonstatten gehen.

Eingebrockt habe ich mir das Ganze durch einen Spontanentschluss während zweier Erledigungen in der Innenstadt von Hamburg. Ich kam in der Mönckebergstraße an der Hauptkirche St. Petri vorbei und konnte einfach nicht anders:
Ich musste plötzlich unbedingt auf den Turm! Ein unbezwinglicher Drang …
544 Stufen hinauf, 544 Stufen wieder hinunter. 1088 Stufen. Anders gelangen Sie nicht zum Aussichtspunkt
in der Turmspitze. Nach 544 Stufen befinden Sie sich auf einer Höhe von ca. 123 Metern. Könnten Sie sich
wie ein Vogel oben auf das äußerste Ende der Turmspitze setzen, so kämen noch einmal neun Meter hinzu.
Vögel haben es schon gut, oder? Ich meine nicht wegen der läppischen paar Meter, die sie höher säßen, ich
spreche davon, dass die sich diese mühselige Steigerei ersparen können.

Falls Sie einmal dort hinaufklettern, teilen Sie sich bloß Ihre Kräfte gut ein! Nicht forsch lospreschen und nach dem ersten Viertel heftig japsen … Die Zahl der Stufen ist nicht nur von der Summe her höher als z. B. die Stufenanzahl beim Michel (Hauptkirche St. Michaelis), sondern das Ersteigen ist nach meinem Gefühl gene-
rell anstrengender. Mein kleiner Schrittzähler empfand es sicher ebenso – er hatte ordentlich zu tun.

Die ersten gut 100 Stufen sind aus Stein. Eine sich kontinuierlich, recht eng windende Treppe, bei der Sie allmählich einen kleinen Drehwurm züchten, doch rechtzeitig, bevor es kritisch wird, haben Sie das Ende erreicht. Danach folgen Holzstufen in großzügigeren Radien und Wendungen, es geht tatsächlich auch hin
und wieder geradeaus hinauf. Nur – die Abstände bis zu einem Absatz bzw. Zwischenboden zwecks Unter-
brechung sind recht groß!

Hamburg - Eine der Glocken von St. Petri ...

Hamburg – Eine der Glocken von St. Petri …

Drei Böden in verschiedenen Höhen der Turms bieten dann doch die Möglichkeit zu stoppen und so zu tun, als würden Sie interessiert eine Glocke, Wände und Dielen begutachten und lediglich deshalb anhalten. In Wahrheit pfeifen Sie natürlich zu dem Zeitpunkt unauffällig auf dem vorletzten Loch und brauchen diesen Halt zwingend zum Überleben.
Mit unergründlicher Miene setzen Sie Fuß vor Fuß und aufrecht und stolz erreichen Sie so auch noch die auf dieser Ebene eingesetzten Aussichtsbullaugen …

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen .... (Turmaufstieg St. Petri, HH)

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen ….

Wenn Puls und Atmung sich beruhigt haben, geht es weiter. Ab Stufe 424 bis zur letzten, der Nummer 544, wird es noch einmal hart. Keine weitere Unterbrechung ist möglich, die Beine sind abwechselnd bleischwer oder wie Pudding.

Aber dann! Fünfhundertvierundvierzig.
Geschafft!
Und Sie werden für alles entschädigt!
Selbst bei Bewölkung und keiner allzu großen Fernsicht.

Oben erwartet Sie ein kleines Turmzimmerchen und jeder Ankömmling sinkt zunächst erhitzt auf einen der drei dort aufgestellten Stühle. Sie können zwar nicht (wie beim Michel) direkt nach draußen – der Turm ist spitz und schmal in dieser Höhe, hat keine umlaufende Galerie. Die rundherum eingelassenen großen Bullaugenfenster bieten Ihnen dennoch einen traumhaften Überblick über die gesamte Stadt!
(Panorama im Uhrzeigersinn angeordnet)

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Oben entwickelte sich noch ein sehr angeregtes Gespräch mit einem Touristenpaar, welches ebenfalls kurz nach mir hechelnd in der Luke auftauchte. Sie hatten schnell herausgefunden, dass ich aus Hamburg bin.
Wenn man schon eine Einheimische vor sich hat, muss man das zur Klärung einiger auf der Seele brennender Fragen nutzen …

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

 

Hamburg - Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

Hamburg – Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

 

Man kann sich irgendwie schwer trennen … Hamburg ist aus dieser Perspektive sehr reizvoll!

Der Abstieg stand noch aus. Anstrengend? Sie kennen es aus eigener Erfahrung; hinunter geht es immer wesentlich besser als hinauf. Ich hatte schon einiges geschafft, als mir auf der schmalen, steinernen Wendeltreppe zwei Personen entgegenkamen. Als ich die Schritte hörte, wich ich aus, indem ich mich in
eine Wandnische drückte.
Die beiden hatten mich ebenfalls zuvor schon akustisch wahrgenommen und registrierten erleichtert, dass
der Weg nun doch frei war.
„Ach, so geht das hier bei Gegenverkehr“, sagte die Dame, bereits schwer atmend, zu ihrer Begleitung.
„Ich habe mich schon gefragt, wie man bloß aneinander vorbeikommt!“
„Ich glaube, das ist die einzige Nische auf dem Weg hinauf“, erwiderte ich. „Ich habe keine andere wahrgenommen. Sie haben das gerade sehr gut abgepasst.“
„Die einzige …? Und sonst …? Na ja, ist ja nicht so schlimm, wir sind ja bald oben …“
Ich musste etwas schlucken, denn – kurz nachgerechnet – nach gerade im besten Fall 100 erklommenen
Stufen
folgen schon noch weitere 444 bis zum Ziel!
Nur was soll man die Leute verrückt machen, nicht wahr? Nachher wird gleich mutlos aufgegeben und umgedreht. Das will man ja auch nicht … ^^

Wieder am Fuß des Turmes angelangt, war ich zwar diesmal nach 544 Stufen entschieden fitter als zuvor
bei meiner Ankunft oben, aber mich quälte ein Mordsdurst! Die Schleimhäute fühlten sich an wie ein lang herumliegendes Fensterleder. Knochentrocken und knitterig. Derart ausgedörrt fragte ich im Kirchenshop,
der ein kleines Café betreibt, nach Wasser. Wollte es kaufen. Nur siehe da, Wasser gibt es gratis!
Die wissen offenbar ziemlich genau, wie St.-Petri-Turmbesteiger sich hinterher fühlen …

Soviel für heute. Ich hoffe, Sie haben einen kleinen Eindruck Hamburgs von oben erhalten.

Jetzt werde ich versuchen, mich zu erheben. Das wird vermutlich dauern. Deshalb verabschiede ich mich
lieber vorher und wünsche Ihnen noch eine schöne Woche!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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HafenCity / Hamburg: Wo ein Teppich kein Teppich und ein Pilz kein Pilz ist …

Falls Sie gerade Lust auf Elbluft verspüren und mitkommen möchten, würde ich Sie heute gern Richtung HafenCity Hamburg ziehen und Ihnen dort nebenbei etwas ganz speziell Herausgepicktes vorstellen.
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Hamburg - Hafen - Blick vom Baumwall Richtung Elbphilharmonie und Kehrwiederspitze

Hamburg – Hafen – Blick vom Baumwall Richtung Elbphilharmonie und Kehrwiederspitze

 

Lassen Sie sich nicht dazu verleiten, bei HafenCity allein an den sich neu entwickelnden Hamburger Stadtteil
zu denken, der an vielen Stellen nicht nur modern wirkt, sondern einen überaus futuristischen Charakter hat. Die alten Speichergebäude an den Fleeten zählen verwaltungstechnisch ebenfalls zur HafenCity! Vielleicht erinnern Sie sich noch an einen früheren Beitrag, in dem es um die Kontraste ging, die dort besonders zutage treten, wo die markanten roten Backsteinbauten Hamburgs denkmalgeschützter Speicherstadt direkt an die modernen Häuser der neuen HafenCity angrenzen. Auf der einen Seite die alten Bauten, die alte Zeit – gegenüber die gläserne, die neue Welt.

Hamburg - HafenCity - Wilhelminenbrücke und Kehrwiederspitze

Hamburg – HafenCity – Wilhelminenbrücke und Kehrwiederspitze

 

Könnten Sie sich etwas vorstellen, was – diese besondere Situation berücksichtigend – einen Anknüpfungs-
punkt darstellen würde? Was einen Übergang oder ein optisches Bindeglied bildete, eine Art Brücke von Alt zu Neu? Bedenken Sie dabei, dass Hamburg ein überaus bedeutender Handelsumschlagsplatz für Orientteppiche ist. Nun?
Eine Brücke bilden … Teppichbrücke? Läufer? Etwas Begehbares? Ein begehbares Bindeglied?
Aus einer solchen Grundidee entstand ein Kunstwerk im öffentlichen Raum. Die Körber-Stiftung, die ihren Sitz
in der Hafencity am Kehrwiederfleet hat, beauftragte den Steinmetz und Bildhauer Frank Raendchen, einen Orientteppich mehr oder weniger vor ihrer Haustür zu erstellen. Er schmückt seit 2005 auf der einen Seite der Wilhelminenbrücke deren Fußgängerweg, und passenderweise verbindet genau diese Brücke das Alte (City) mit dem Neuen (HafenCity).
Wenn Ihr Läufer zu Hause aus Wolle geknüpft ist und respektable zwei oder gar drei Meter Länge vorweisen kann, so ist das Grundmaterial des Brückenteppichs Stein, und er besitzt „unwesentlich“ größere Ausmaße: Diese Brücke misst 27,5 m in der Länge, ist 2,45 m breit und ca. 5 cm hoch.

Hamburg - HafenCity - Steinerner Orientteppich auf der Wilhelminenbrücke

Hamburg – HafenCity – Steinerner Orientteppich auf der Wilhelminenbrücke

Seine typisch orientalischen Ornamente wurden mit Hilfe eines farbigen Natursteingranulats (Quarz, Granit
und Marmor) geformt, das von Frank Raendchen und zwölf Helfern in wochenlanger Arbeit „krümelgenau“ ausgebracht und zum Schluss mit einem Kunstharz versiegelt wurde. Selbst Teppichfransen wurden nicht vergessen!

Hamburg - HafenCity - ... auch Fransen besitzt der Steinerne Orientteppich

Hamburg – HafenCity – … auch Fransen besitzt der Steinerne Orientteppich

Diese besondere Herstellungsweise sollte Langlebigkeit und Resistenz gegen die üblichen Einflüsse von außen garantieren. Hitze, Kälte, raue Sohlen, spitze Absätze … Nur stand dem Teppich gleich nach dem „Auslegen“ eine besonders harte Belastungsprobe bevor, als während der Umzugsarbeiten des Hanseatic Trade Centres (2005/2006) reichlich Betrieb und Rangiererei auch auf der Brücke herrschte und dort sogar mit Genehmigung eine Entladezone eingerichtet wurde.
Infolgedessen bröselte es bereits ein halbes Jahr nach Fertigstellung und Teile des Teppichs platzten ab. Die ersten Notausbesserungen standen an. So blieb es, und die Jahre vergingen. Wenn Sie daheim ihren Teppich nie ausklopfen, säubern oder auf sonstige Art pflegen, wissen Sie, wie er nach einigen Jahren aussieht. Der Flor ist platt, ein paar Fransen hat es erwischt, die Farben verblassen.
Dem steinernen Teppich erging es nicht anders. Man nahm ihn dadurch zuletzt relativ spät wahr, nämlich erst, wenn man unmittelbar vor der Brücke und somit direkt vor seinem Anfang oder Ende stand. Ich hatte seine Existenz dadurch fast vergessen, zumal bei Besuchsanlässen wie z. B. dem Hafengeburtstag, exakt dort häufig Buden und Stände aufgebaut wurden, die die Sicht auf ihn versperrten.
Im letzten August (2016), also zehn Jahre nach den Ausbesserungen, wurde er komplett restauriert. Nun sieht er wieder sehr präsentabel aus, und das Muster tritt kräftig hervor.
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Steinerner Orientteppich nach der Restaurierung

Hamburg – HafenCity – Steinerner Orientteppich nach der Restaurierung

 

Wenn Sie bitte einmal Ihren Blick auf das folgende Foto richten, so bemerken Sie ein Gebäude aus dem Jahre 1910. Neoromanischer Stil. Ein wenig burgähnlich, oder?
Das ist die historische Polizeiwache, in der heute das Revier 22 der Wasserschutzpolizei seinen Sitz hat und in dem auch die Mannschaft des Feuerlöschboots „Brandmeister Repsold“ anzutreffen ist. Wenn Ihnen selbst als Auswärtiger das Gebäude irgendwie bekannt vorkommt, dann vielleicht durch eine Vorabendserie im Fernsehen. Für den „Notruf Hafenkante“ und sein Filmpolizeikommissariat 21 werden die Außenaufnahmen hier gedreht.
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Hamburg - HafenCity - Kehrwiederspitze mit der Historischen Polizeiwache ...

Hamburg – HafenCity – Kehrwiederspitze mit der Historischen Polizeiwache

 

Seitdem der westliche Teil der neuen HafenCity fertiggestellt ist, dort keine Baukräne mehr stehen, Bauzäune verschwanden, etwas Grün aufblitzt und vor allem Leben eingezogen ist, macht es Vergnügen, am Dalmannkai direkt entlang des Grasbrookhafens
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Hamburg - HafenCity - Dalmannkai am Grasbrookhafen, im Hintergrund das Unilever-Haus

Hamburg – HafenCity – Dalmannkai am Grasbrookhafen, im Hintergrund das Unilever-Haus

 

… vorbei am Vasco-da-Gama-Platz  Richtung Marco-Polo-Terrassen am Unilever-Haus und weiter zum Überseequartier oder zum Kreuzfahrtterminal zu spazieren.
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Hamburg - HafenCity - Vasco-da-Gama-Platz

Hamburg – HafenCity – Vasco-da-Gama-Platz

 

Inzwischen gibt es viele Möglichkeiten, direkt am Wasser einzukehren und dabei draußen zu sitzen oder aber, man lässt sich am Unilever Haus einfach auf den flach auslaufenden Marco-Polo-Terrassen neben einer Sumpfzypresse nieder und schaut über das Wasser.
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Hamburg - HafenCity - Blick von den Marco-Polo-Terrassen am Unilever-Haus zurück Richtung Elbphilharmonie

Hamburg – HafenCity – Blick von den Marco-Polo-Terrassen am Unilever-Haus zurück Richtung Elbphilharmonie

 

Hamburg - HafenCity - Gesundes Elbwasser? Auf jeden Fall treibt hier frisches Grün aus ....

Hamburg – HafenCity – Gesundes Elbwasser? Auf jeden Fall treibt hier frisches Grün aus ….

 

Hamburg - HafenCity - Zentrum "Überseeboulevard"

Hamburg – HafenCity – Zentrum „Überseeboulevard“

 

Dringen Sie östlicher vor, landen Sie unweigerlich irgendwann im Baustellenbereich. Für sich gesehen durchaus interessant, allerdings nicht unbedingt als hübsch zu bezeichnen. Ich habe jedoch etwas durch einen Metallgitterzaun hindurch in der Entfernung an der Spitze des Baakenhöfts erspäht, und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten.
Sehen Sie das weiße, pilzähnliche Bauwerk etwas von der Mitte aus rechts?
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Hamburg - HafenCity - Das östliche Gebiet ist Baustellenbereich - Rechts zu erkennen der Wohnleuchtturm "Lighthouse Zero"

Hamburg – HafenCity – Das östliche Gebiet ist Baustellenbereich – Rechts zu erkennen der Wohnleuchtturm „Lighthouse Zero“

 

Das ist der Prototyp eines Wohnleuchtturms. Bauherr Arne Weber (vom Bauunternehmen HC HAGEMANN) entwickelte in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro BIWERMAU Architekten BDA sein „Lighthouse Zero“. Mitte letzten Jahres erfolgte der Baubeginn, für Dezember 2015 war die Einweihung avisiert.
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Hamburg - HafenCity - Baakenhöft - "Lighthouse Zero"

Hamburg – HafenCity – Baakenhöft – „Lighthouse Zero“

Was aus der Distanz etwas niedriger und eher verhalten imposant wirkt, ist in Wirklichkeit ein 20 m hoher Betonschaft, auf dem sich eine Plattform mit beachtlichen 230 qm Wohnfläche sowie darüber ein 150 qm
großer Dachgarten befinden.

Seit der Fertigstellung können Interessenten diesen ungewöhnlichen Wohnturm nun real begutachten, das Wohngefühl testen, und was die Suche nach geeigneten weiteren Standorten angeht, so kümmert man sich bereits von Unternehmerseite aus darum. Falls Sie sich fragen, wie Sie hinauf in Ihre Wohnung gelangen, so gibt es entweder die Möglichkeit, dass ein gläserner Aufzug Sie hochfährt oder – eher für den Typ sport-
licher Hausbesitzer, der auch keine ultraschweren Möbellieferungen oder Konzertflügel erwartet – die Treppenvariante, die sich dann in der Spannbetonröhre befindet.

Der Vorteil des Ganzen:
Sie benötigen extrem wenig Grundfläche, können Ihren robusten Pilzstiel unterpflanzen, haben oben ungestörten Ausblick in alle Himmelsrichtungen und ein lichtdurchflutetes Zuhause.
Der Nachteil:
Es wird teuer. Der Focus sprach in einem Artikel seinerzeit davon, dass die Errichtung eines Lighthouses
etwa zwei Millionen Euro kostet …

Sie können es sich ja noch ein bisschen überlegen. Sie sollten nur ein paar Euro Reserve einplanen, denn
a) ist das Grundstück wahrscheinlich noch nicht mit dabei und
b) wissen Sie, weißer Beton bleibt nicht weiß.
Der Witterung ausgesetzt, wirkt er bald schmuddelig – was dem Ganzen etwas Trostloses verleiht. Ich würde
mir also ebenfalls darüber Gedanken machen, wie Sie ihr neues Heim, speziell die Betonröhre, von außen persönlich gestalten und diesen „Used-Look“ vermeiden. Gönnen Sie Ihrem Leuchtturm doch die typischen, lebhaften rot-weißen Ringe, im Sockelbereich ergänzt durch einige Felsbrockenmotive und Wellengangszenen.

Was halten Sie denn von der Idee, die Sache mit dem optischen Bindeglied von vorhin auch hier aufzugreifen? Da Ihr zukünftiges Heim so überaus futuristisch daherkommt und massiv an Raumfahrt und Weltall erinnert, gäbe es einerseits die Möglichkeit, die Betonröhre vollkommen schwarz zu streichen. Schalteten Sie in diesem Fall abends oben rundherum in all den Räumen mit ihren Glasfronten großzügig Licht an, hätten Sie optisch anstelle einer Plattform plötzlich ein schwebendes Ufo. Das tragende Element schiene verschwunden …

Alternativ könnte der Schaft im ersten Drittel eine Startrampenillusion für Ihre fliegende Untertasse erhalten, während es nach oben hin überginge in eine Art Milchstraße. Sterne und leichte Andromedanebel auf dunklem Grund …
Als Trompelœil ließen sich natürlich genauso unechte Fenster und angebliche Durchblicke realisieren …
Oder etwas komplett anderes!
Eine aufgemalte Strickleiter! Ein sich öffnender Reißverschluss, ein Kettenkarussell! Wenn Sie sich spendabel zeigen, ließe sich sicher die Plattform gleich von vornherein als Drehbühne anlegen …

Wir sind ein wenig vom Thema HafenCity abgekommen, oder?  Der Part der Blogbezeichnung, der von Gedanken(sprüngen) handelt, macht seinem Namen heute wieder alle Ehre. Ein Gedankengehopse, als
wären Sprungfedern unter den Füßen … Lassen Sie uns zurückgehen. Es soll für heute auch reichen.

Ich verabschiede mich von Ihnen diesmal an der U-Bahn-Station Baumwall und lasse Sie mit Ihren ureigensten Assoziationen zu Steinteppichen, pilzähnlichen Leuchttürmen o. a. allein. Hecken Sie ruhig aus, wonach Ihnen der Sinn steht, und für gute Vorschläge habe ich natürlich ein weit geöffnetes Ohr!

Hamburg - U-Bahn-Station Baumwall am Hafen

Hamburg – U-Bahn-Station Baumwall am Hafen

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Machen Sie es gut und bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

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Zwischendurch hereingeschaut …

Die Zeit geht rasant ins Land. Ich muss mich einfach einmal zwischendurch bei Ihnen melden.

Sie haben es ja selbst gemerkt, die Vögel haben ihren Rucksack umgeschnallt und ziehen in Scharen in den Süden, man wird beim Spazieren ungeniert mit Kastanien beworfen, ALDI hat Laubsauger im Angebot der Woche (hoffentlich kaufen nicht so viele diese Lärmkisten), Frühnebel hängt zwischen den Bäumen … Herbst! Und meine Armbanduhr zeigt an, dass seit dem letzten Post hier mehr als zwei Wochen vergangen sind. Jaha, die kann das! Die hangelt sich von Beitrag zu Beitrag und zählt penibel mit. P+18 steht dort. P für Post, +18 für die verstrichenen Tage.
(Jetzt glauben Sie doch nicht alles! ^^)

Dieses Jahr verläuft bei mir einfach anders. Andere Umstände ziehen andere Abläufe und ein anderes Verhalten nach sich. Wollte ich warten, bis ich Ihnen durch Touren und Erkundungen wieder umfassend Neues präsentieren kann, würde der Stift zwischenzeitlich eintrocknen und Sie begännen mit den Füßen zu scharren. In den Fingern juckt es mich trotzdem, die Frage ist nur, wie schaut in einem solchen Fall der Alternativpost für Sie aus?
Bloggerkollegin Donna vom Blog Garden Walk Garden Talk sprach gerade in ihrem sehr interessanten Beitrag Why so trivial?  über das Phänomen, dass einem beim Bloggen – ganz speziell bei einem eng eingegrenzten Themenbereich und sich dadurch unweigerlich wiederholenden Anlässen und Fotomotiven – mitunter manches Selbstgeschriebene auf einmal so trivial erscheint.
Zu trivial, um es zu posten?
Meine Ansprüche an Beiträge sind prinzipiell auch anders, liegen höher, über der Trivialstufe. Diese Vorstellung vom fertigen Artikel wiederum katapultiert Ansammlungen von Trivialem automatisch hinaus in die Wüste.
Trotz oder gerade im Fall umfangreicher Texte, versucht ein Schreiber, nichts doppelt und dreifach und nur
in anderen Worten wiederzukäuen. Es liegt einem sehr daran, Unwichtiges zu eliminieren und „gefühlte“ Belanglosigkeiten sehr kritisch zu betrachten.
Ist es tatsächlich belanglos oder trägt es doch zum Verständnis bei?
Für wen erscheint es überhaupt trivial? Für den, der schreibt? Oder für den Leser?
Was ich selbst als trivialen Einwurf empfinde, weil mir die Details bereits bestens bekannt sind, muss am anderen Ende noch lange nicht als ein solcher Inhalt empfunden werden. Ich wage fast zu behaupten, dass mitunter ein bewusst platzierter trivialer (im Sinne von anspruchsloser) Einschub innerhalb einer die ganze Aufmerksamkeit erfordernden Abhandlung fast so etwas wie eine kurze Erholungsphase für den Geist darstellt, bevor er erneut ernsthaft bei der Sache ist und weiter aufnimmt. Ziel ist es, für den Leser so zu schreiben, dass er zwischendurch Entlastung hat. So, wie beim Sporttraining Lockerungsübungen für die Muskeln eingeplant sind. Dann läuft es unangestrengt und hinterlässt keinen abschreckenden Muskelkater.
Ich denke mir folglich, so unterschiedlich, wie die Themen hier stets sind, so verschieden darf auch die Form sein. Vielleicht dient ein Beitrag wie der heutige insgeheim eher meiner eigenen Entspannung, wer weiß das schon – nur Sie werden vermutlich nicht gleich zusammenbrechen, wenn es für Sie alternativ um völlig unspektakuläre Dinge geht.
Sie kennen außerdem die Taste und wissen um die Freiheit, einfach etwas wegzuklicken …

Es fiel das Wort Entspannung. Mir ist schon allein deshalb danach, weil die Stadt sich gerade sehr laut präsentiert. Geht es Ihnen auch so, dass Dauerlärm Sie mürbe macht? Manche können es gut ab, aber ich werde davon fix und foxi. Baustellen in der Nähe, meine Straße nebenan als Umleitungsstrecke mit ewig langem Rückstau und laufenden Motoren vor geschlossener Bahnschranke, eine Halbmarathon-Veranstaltung am vergangenen Wochenende fast vor der Tür, das Oktoberfest, das bis Anfang Oktober jeden Abend bis in die Puppen zu hören ist, der Verkehr auf der Bahnstrecke sowie für zwei Wochen zusätzlich Fluglärm, weil eine Start- bzw. Landebahn am Flughafen überholt wird und sämtliche  Flugzeuge nun meinen Stadtteil überfliegen.

Großveranstaltungen mit entsprechend weiträumigen Sperrungen sind auch im Innenstadtbereich Hamburgs mehr geworden. Bei meiner Hausbank wird das dazugehörige Parkdeck saniert, das Betongefräse tönt seit einer gefühlten Ewigkeit. Ebenso wird eine komplette Parkebene im Einkaufszentrum saniert. Fehlen die Abstellmöglichkeiten dort, wirkt sich das sofort auf die eh schon kritische Parksituation im Umfeld aus. Was ich zu Fuß oder mit dem Rad erledigen kann, mache ich daher lieber auf die Art, nur neulich ließ sich etwas nicht ohne Auto bewerkstelligen.
Es hatte sich endlich eine Parkmöglichkeit ergeben, als eine Frau in ein am Straßenrand abgestelltes Auto
stieg und Anstalten machte wegzufahren. Also Blinker an und dahinter gewartet. Nur leider setzte sich so ein dazukommender Oberrüpel dazwischen und klaute mir den Platz. Tat zunächst so, als hätte er mich nicht gesehen, hielt es aber selbst danach nicht für nötig, die Lücke wieder zu räumen oder sich zu entschuldigen.
Es nützt ja nichts sich anzulegen, denn es ändert meist nichts am Fakt des besetzten Platzes. Ich revanchiere mich eher in anderer Form, fahre gern das Seitenfenster herunter, warte bis derjenige aussteigt, schaue ihn sehr ernst und besorgt an und sage:
„Sie wissen schon, dass so etwas Pech bringt … Unglück anzieht?“
Ich versichere Ihnen, es hängt alles davon ab, wie überzeugend Sie dabei wirken. Man muss Ihnen abnehmen, dass Sie quasi der Abkömmling eines Voodoo-Meisters sind.
Wenn so etwas wie „Pffft!“ oder „Haha!“ zurückkommt, sollten Sie nachlegen.
„Es ist natürlich Ihre Sache, ob Sie heute vorsichtig sind oder nicht. Mein früherer Nachbar ist damals ein paar Stunden später von der Leiter gefallen. Komplizierter Bruch. Langwierige Sache. Der hatte übrigens auch MIR den Platz geklaut …“

Selbst wenn Ihr Gegenüber sehr cool und überlegen tut, Sie können sicher sein, dass ihn das den ganzen
Tag beschäftigen und leicht verunsichern wird. Wenn er sich abends am Herd die Finger verbrennt, schiebt
er das auf den Parkplatzklau, der Pechgedanke nistet sich ein und das nächste Mal lässt er es sein.
Ich kann so stets sehr gut mit dem Verlust der Lücke und meinem ersten Ärger fertig werden.

Hamburg - Straßenfest am Mühlenkamp (Winterhude) - 11.09.2016 (Stände und Luftballons)

Hamburg – Straßenfest am Mühlenkamp (Winterhude) – 11.09.2016

 

Ansonsten war ich kürzlich mit meiner Stepptanztruppe für einen Auftritt beim Straßenfest im Mühlenkamp (Hamburg-Winterhude) eingeladen. Bei uns ist die kleine Herausforderung, dass wir nicht in einer festen Gruppe auftreten, sondern uns anlassbezogen oder nach Terminmöglichkeiten unterschiedlich zusammen-
mischen. Uns allen ist gemein, dass wir die gleiche Trainerin haben, jedoch die einzelnen Kurse an völlig unterschiedlichen Standorten üben. Die Choreographie kennen alle, nur je nachdem, wer und wie viele bei einem Auftritt teilnehmen, variiert die Aufstellung und die Verteilung der einzelnen Parts. So treffen wir uns etwas eher vor Ort, besprechen letzte Details und gehen möglichst einmal alles praktisch durch.
Bei der letzten Probe war der Fußboden wahnsinnig glatt, worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war. Es war
ein gebohnerter Parketttanzboden, der für normale Tänze mit herkömmlichen Tanz- oder Turnschuhen taugt, aber nicht unbedingt gedacht ist für Schuhe mit Metallsohlen. Sie kommen sich vor, als liefen Sie mit Gleitschuhen auf einer vereisten Pfütze. Man muss sich sagenhaft konzentrieren, darf die Schritte nicht zu schwungvoll und ausladend machen, was einen im Ablauf natürlich irritiert. Es funktioniert nicht wie sonst …
Den anderen ging es nicht viel anders als mir. Wir trösteten uns damit, dass dafür der Bühnenboden bestimmt stumpf sein würde. Dort werden meist irgendwelche Platten zusammengesteckt, und dann ist mehr das Problem, dass gelegentlich zu breite Spalte gelassen werden.
Als wir hinkamen – Überraschung! Auch der Untergrund der Bühne entpuppte sich als spiegelglatt. Immerhin konnte es einen nicht mehr erschüttern. In dem Moment war ich ungemein froh, dass mich das kurze Training zuvor präpariert hatte. Dennoch gar nicht einfach, auf der Bühne nicht rückwärts in das dort stehende Schlagzeug zu flutschen.

Ich hätte Ihnen gern etwas von der Stepperei gezeigt, doch der USB-Stick mit einem Handyvideo, das ein Zu-
schauer aufnahm, kursiert noch in der Gruppe. (Und da wäre ebenfalls noch die Frage zu klären, ob alle ihre Zustimmung zur Veröffentlichung geben. Wir werden sehen …)

An dem Tag herrschte herrliches  Spätsommerwetter, so bin ich in der Wartezeit vor dem Auftritt ein wenig herumspaziert. Von einer Brücke am Beginn des Mühlenkamps kann man auf den Langen Zug schauen. Das ist keine Waggonansammlung auf einem Abstellgleis, sondern so nennt sich etwas, das wie ein schmaler Arm der Außenalster wirkt, der in Höhe Bellevue in östlicher Richtung abzweigt. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter jedoch die Osterbek, die zur Alster hinfließt und auf dem letzten Stück, bevor sie dort mündet, den Namen Langer Zug trägt. Wie dem auch sei, Sie werden vermutlich auch sagen, Wasser ist Wasser.

Hamburg - Blick vom Mühlenkamp (Brücke) auf den Langen Zug (Richtung Außenalster) mit Kanus

Hamburg – Blick vom Mühlenkamp (Brücke) auf den Langen Zug (Richtung Außenalster)

 

Hamburg - Blick von der Brücke im Mühlenkamp auf den Langen Zug (andere Seite)

Hamburg – Blick von der Brücke im Mühlenkamp auf den Langen Zug (andere Seite)

 

An warmen Tagen ist hier viel los, Spaziergänger biegen auf ihrem Weg um die Außenalster hier spontan ein, mit dem Alsterdampfer kommen Gäste zum gemütlichen Kaffeetrinken mit Blick aufs Wasser …

Hamburg - Langer Zug mit Alsterausflugsboot und Tretboot in Schwanenform

Hamburg – Langer Zug mit Alsterausflugsboot

 

… es wird gepaddelt, gerudert, Tretboot gefahren und direkt an der Ecke Mühlenkamp/Körnerstraße lassen sich sogar Bretter für das Stehpaddeln ergattern. Ein SUP-(Stand Up Paddling)Verleih hat dort seinen Sitz.

Hamburg - Blick vom Mühlenkamp auf den Langen Zug. Die Stehpaddler sind unterwegs ...

Hamburg – Blick vom Mühlenkamp auf den Langen Zug. Die Stehpaddler sind unterwegs …

 

Schon schön, solche anziehenden Punkte und Freizeitmöglichkeiten mitten in einer großen Stadt vorzufinden. Diese Ecken mit viel Grün und Wasser entschädigen immer für steigenden Straßenlärm, Baustellen oder Beton-ansammlungen anderenorts.

Mit diesen optischen Eindrücken verabschiede ich mich zunächst und wünsche Ihnen einen entspannten Ausklang des Wochenendes!
Haben Sie eine schöne Zeit!

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© by Michèle Legrand, September 2016
Michèle Legrand

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Prärie. Und eine Wüste mit „Kakteenen“ … Unterwegs im Loki-Schmidt-Garten, Hamburg

Als ich vor Jahren das allererste Mal den Botanischen Garten in Klein Flottbek (so hieß er zunächst)
besuchte, war ich reichlich verblüfft – und zwar über meine Reaktion! Enttäuschung! Völlig unerwartet.
Nanu, so soll …? DAS ist …? Dieser erste Eindruck … Soll man etwas darauf geben?
Sofort hurra, für immer klar oder unverzagt abgehakt? Durchgefallen, wird zukünftig links liegengelassen?
Die Frage ist: Woran liegt es? Was stört, was enttäuscht? Damals warf ich prüfende Blicke in alle Richtungen. Eine Art genaue Bestandsaufnahme, die dann die Entscheidung fürs Wiederkommen bewirkte. Mit jedem weiteren Besuch gefiel mir die Gartenanlage besser und besser. Eigenartig? Reine Gewöhnung? Nein!
Ich werde Ihnen die Auslöser für den nicht sehr positiven ersten Eindruck verraten, genauso die für den späteren Sinneswandel.

Das Gartengelände im westlichen Hamburg gibt es seit 1979. Damals wurde der alte Botanische Garten in den Wallanlagen der Stadt (Planten un Blomen) aufgelöst, denn der Platz dort war relativ begrenzt. So zog Garten samt Botanischem Institut mehr an den Stadtrand auf eine 24 ha große Fläche. Loki Schmidt, als erfahrene Hobby-Botanikerin, engagierte Naturschützerin, Expertin besonders der bedrohten Pflanzenarten und obendrein Hamburgerin, hegte zu Lebzeiten engen Kontakt, unterstützte lange Jahre die Botanischen Gärten, zeigte stets großes Interesse und unermüdlichen Einsatz, und so erhielt der Botanische Garten Klein Flottbek – zwar nicht zu ihren Lebzeiten – aber nach ihrem Tod (2010) im späten Oktober 2012 in Gedenken an sie einen neuen Namen: Loki-Schmidt-Garten. Wenn Sie den Park betreten, lächelt sie Sie verhalten an. Die Bronzebüste von Manfred Sihle-Wessel steht bereits seit 2005  inmitten von Blumen. So sieht Frau Schmidt, wer an ihr entlangflaniert, Sie wiederum können ihr einen Moment Gesellschaft leisten.

Natürlich gibt es das alte Planten un Blomen als Parkanlage weiterhin! Ein traumhaftes Gelände mit seinen Wasseranlagen und all der Blumenpracht! Aus der Ära des Alten Botanischen Gartens sind obendrein noch die Tropengewächshäuser erhalten. Als Hamburger oder als Stammleser des Blogs ist Ihnen dies nicht unbekannt. Wenn Sie heute neu hinzustoßen, finden Sie ansonsten über die eigens dafür eingerichtete Kategorie rechts auf der Startseite des Blogs den Weg zu diversen Artikeln mit zahlreichen Fotos.
Dort wo seit dem Jahr 2000 die Bucerius Law School ihren Sitz hat, befand sich vor dem Umzug nach Klein Flottbek das alte Botanische Institut.

Hamburg - Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Hamburg – Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Neuer Botanischer Garten
Vermeiden Sie es auch, wenn irgend möglich, mit bestimmten Erwartungen an einen noch unbekannten Ort
zu gehen? Mit einem schon vorgefertigten Bild? Man ist allerdings nicht ganz davor gefeit, Vorstellungen zu entwickeln, denn wenn das Gehirn Verbindungen zwischen alt und neu knüpft und Parallelen sieht, dann gaukelt es einem ungefragt etwas vor. Mir schwebte im Falle von Klein Flottbek offenbar ein zweites Planten un Blomen vor, üppiges Wachstum und bei aller Pracht und Anlage gleichzeitig diese Natürlichkeit. Harmonie. Dann kam es etwas anders …

Es war noch vor der Jahrtausendwende, als ich mich das allererste Mal auf den Weg machte. Ich erinnere mich
nicht mehr an das genaue Jahr, jedoch daran, dass es Ende Mai war. Die Kälte in dem vorangegangenen Winter hatte lang getobt, nichtsdestotrotz hatte mein Garten daheim mit Maibeginn lebhaften Austrieb gezeigt. Einige der frühen Zwiebelpflanzen hatten noch geblüht, die Stauden schon kräftig losgelegt, an Sträuchern und Bäumen spross das Laub. Ein frischer Anblick mit vielen Farbtupfern. Vor allem zeigte sich so gut wie keine nackte Erde mehr, welche im Winter gern gähnende Leere im Garten vortäuscht und unweigerlich für eine gewisse Tristesse sorgt.

Wie anders zu der Zeit das Erwachen der Natur in Klein Flottbek! Ganz offensichtlich bot sich den vielen freistehenden Pflanzen auf den großen Flächen relativ wenig Schutz vor Wind und Wetter. Dadurch herrschte dort ein anderes Mikroklima, ein raueres. Die Vegetation war eindeutig zurück, der Austrieb sehr spärlich und mehr zu erahnen als vorhanden.
So trat etwas hervor, was mich massiv störte. Überall eingesteckt, dicht an dicht, ragten weiße Plastikschilder auf halbhohen Plastikspießen aus dem Boden! Sie trugen Namensbezeichnungen, Informationen, über die ich im Prinzip froh bin, aber an dem Tag überkam mich das Gefühl, inmitten eines kahlen Schilderwalds zu stehen. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass die weitläufigen, öde wirkenden Flächen sich ein paar Wochen später in grüne Oasen und ein großes Blütenmeer verwandeln sollten. Damals schaute ich suchend in alle Himmelsrichtungen und dachte, was wirkt es doch noch unharmonisch, unfertig …
Ein ähnlicher Anblick wie der, der einen im Fall von Neubaugrundstücken erwartet. Gerade ist das Haus fertig, der Schutt fort, der Boden planiert. Grob werden erste Wege angelegt, zusätzlicher Mutterboden trifft ein, der Hauseigentümer beginnt mit der Gestaltung der Beete und der Bepflanzung. Drei Halme Rasen sprießen, ein Rankgitter reckt sich traurig allein in die Höhe, noch staksige Stecklinge sollen einmal eine Hecke bilden …
Zur anstehenden Einweihungsparty werden Sie eingeladen und mit stolz geschwellter Brust verkündet der Gastgeber: „Ich habe jetzt einen Garten! Mit Apfelbaum!“
Sie wissen, wie das dann aussieht. Gar nicht anders aussehen kann! So ein Garten entsteht nicht von heute auf morgen. Der Apfelbaum ploppt nicht fertig aus der Erde. Hat nicht sofort die endgültige Höhe, eine schattenspendende Krone und Sie ernten auch nicht gleich einen Zentner Cox Orange. Genauso wenig sieht die frische, zarte Pflanzenreihe wirklich schon nach Hecke oder Sichtschutz aus. Prinzipiell wirkt alles neu Gesetzte zunächst ziemlich verloren.
Ein weiterer Fakt ist, dass – selbst wenn der Gesamtplan für den Garten durchaus von Anfang an fertig ist, d. h. die grundsätzliche Anlage und Aufteilung feststeht – man in der Realität nie alles auf einmal erschafft, sondern sich nach und nach immer einen weiteren Teil der Anlage vornimmt, sich dabei oft erst die weiteren Gestaltungsideen für Detailarbeiten ergeben oder die Mittel dafür da sind.

Ich konnte mir damals im Botanischen Garten gerade so eben einreden, dass dort im angelegten, werdenden „Wald“ die noch zierlichen Sumpfzypressen bald grün werden würden, der Farn demnächst austreiben, in trockenen Bachläufen Wasser fließen würde und sich im aufgetragenen Geröll des Alpinums kleine Staudentriebe zeigen würden. Es half nichts, in dem Moment wirkten die Beete nichtssagend und das Gelände zwar großzügig, aber trotz leichter Höhenunterschiede in Form von Aufschüttungen eher fad. Die größte Aufmerksamkeit erregte damals bei mir neben den weißen Steckschildern das Unkraut im Alpinum. Das Kraut
ist robust und hatte sich breitgemacht. Das Zeug gedeiht bei kalten Temperaturen vielfach schon eher als der gewollte Rest …

So wie Ihnen die Umstände bezüglich Apfelbaum und Warten klar sind, so ließ sich für mich eindeutig festmachen, welche Umstände hinsichtlich Botanischer Garten und Missfallen anlagen. Es war ein rein temporäres Problem. Grund genug, später und vor allem zu einer anderen Jahreszeit wieder herzukommen.

Es hat tatsächlich gut vier Jahre gedauert, ehe ich den nächsten Versuch startete. Im Fall eines noch recht jungen Gartens verändern die zusätzlichen Wachstumsjahre das Gesamtbild merklich. Bäume legen in dieser Zeit nicht nur an Größe, sondern auch an Stammumfang zu, zunächst einzeln stehende Sträucher wachsen zu Gehölzgruppen zusammen, Lücken am Boden schließen sich langsam.
Für ein noch einmal komplett anderes Empfinden sorgt im Botanischen Garten das Einsetzen des Sommers.
Die Kahlheit der kalten Ruhesaison gerät in Vergessenheit. Wenn die Tage länger werden und die Sonne den Boden erwärmt, bricht es aus großen, dunklen Erdschollen unaufhaltsam hervor und plattes Land wird auf einmal zu einem 3D-Erlebnis. Alles drängt ungestüm ans Licht, will hoch hinaus …

Auf einmal lebt der Loki-Schmidt-Garten. Blütenmeer mit Farbenpracht, Blattvariationen, Düfte, Insekten, Wassergemurmel, das Spiel von Licht und Schatten … Futter für alle Sinne!
Und nun nimmt man sie wahr: Die belaubten Bäume, die vereinzelt zu sehr stattlichen Exemplaren heran-
wuchsen! Irgendwann ist es soweit, verstrichene Jahre haben dafür gesorgt, dass sich – besonders in der grünen Jahreszeit –  ein harmonisches Bild, zusammen mit all dem anderen neu Angepflanzten, ergibt. Die Gehölze verbinden, doch genauso gelingt es ihnen zu gliedern, und damit schaffen sie einzelne Bereiche innerhalb des Gartens. Sie lenken damit Ihren Blick! Früher schauten Sie stets ungebremst in die Ferne und hatten damit das meiste auf Anhieb überschaut. Etwas langweilig. Heute entdecken Sie hingegen Meter um Meter, tasten sich voran, das ist entschieden interessanter.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Szene am flachen Wasser)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Wasser, Moorbereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Am See

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Am See

Mittlerweile kann ich der Anlage sogar im Winter viel Positives abgewinnen, denn das, was einem Garten in dieser Zeit Struktur und ein Gerüst verleiht, ist 37 Jahre nach dem Start in Klein Flottbek nun in einem ganz anderen Ausmaß vorhanden als beispielsweise in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz. Selbst in der kahlen Saison locken zahlreiche Stellen, denn im Laufe der Jahre sind neue Themen aufgegriffen und umgesetzt worden.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Idyll in der Nachmittagssonne ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Idyll in der Nachmittagssonne …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Wenn Sie also in Hamburg einen Spaziergang im Grünen unternehmen möchten, dann sollte der Loki-Schmidt-Garten in Ihre engere Wahl kommen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wie ein Gemälde von Monet ...(Teichszene in typischen Farben)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wie ein Gemälde von Monet …

Übrigens: Es gibt dort zwar keinen Spielplatz, trotz allem ist es gerade für jüngere Kinder ein sehr interessantes Terrain! Ich bitte das nicht so zu verstehen, dass Sie als Eltern auf Biegen und Brechen botanische Früherziehung betreiben sollen, ich erwähne es, weil der  Aufenthalt ein großes Vergnügen und Abenteuer ist, für Bewegung sorgt und Kinder dabei ganz nebenbei etwas lernen können. (Es gibt sogar eigene Veranstaltungen für Kinder!)

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (violette Bepflanzung)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Wieso interessant?
Sie hätten eine völlig falsche Vorstellung vom Botanischen Garten, wenn Sie sich einfach einen Rundweg vorstellten, der irgendwann abgelaufen ist. Einen Weg, an dessen Seiten es keinen Abzweig gibt, wo sich links uns rechts nicht viel hinsichtlich der Art der Bepflanzung ändert. Das wäre ermüdend. Kinder würden mit Recht am Ende drei Kreuze machen, froh, es endlich hinter sich zu haben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Vielfältige Landschaftsformen ...(Heidebereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Vielfältige Landschaftsformen ….

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild ... (junges Rotkehlchen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild …

Tatsache ist jedoch, dass es unterschiedliche Themenbereiche gibt und dazu existiert ein großzügig angelegtes Areal, welches in seiner Gestaltung verschiedene Regionen der nördlichen Erdhälfte wiedergibt. Somit entsteht während eines Spaziergangs hier ein Moorgefühl, dort eine Vorstellung vom Dünenleben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Auf leichten Erhöhungen bietet das Alpinum einen Eindruck von der Pflanzenwelt im Hochgebirge bevor ein Stückchen weiter die vorderasiatische Steppe wartet. Und von dort geht es nach China und Japan.
Der Japanische Garten entstand gleich zu Beginn der Anlage des Botanischen Gartens und wurde von Yoshikuni Araki kreiert. Das ist der Gartenarchitekt, der danach auch die Japangärten in Planten um Blomen gestaltete.

Der andere sehr interessante Weg führt Richtung Alaska, von dort südwärts durch die Rocky Mountains und die Prärie bis hinunter nach Florida. Thematisch und pflanzlich gesehen.

Wunderschön die Blütenpracht der Prärie im Sommer …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ….

Ebenso so reizvoll und dabei einen vollkommen anderen Anblick bieten die Sumpfzypressen am Wasser (Florida, Everglades). Von ihren Zweigen hängt im Sommer häufig das Louisiana-Moos herab.
Araukarien fallen ins Auge, diese bizarr geformten, recht dunklen Koniferen, die typisch für Südamerika
(Chile)
sind und ihr Aussehen im Winter nicht ändern, womit wieder etwas gefunden wäre, wofür sich ein Entdeckungsgang auch in dieser Saison lohnt  …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Im Reich der Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Im Reich der Sumpfzypressen …

Die kleinen verschlungenen Wege und Pfade durch das Unterholz, entlang an Bachläufen oder hinauf auf kleine Erhebungen, sie sind es, die besonders Kinder faszinieren und den Besuch spannend machen. Wer Libellen entdeckt, dicke Hummeln auf Präriestauden, Schmetterlinge, Fische im See und Teichhühner am Uferrand oder auch ein Eichhörnchen über sich an einem Zapfen knuspeln hört, der denkt nicht an „Wann
sind wir endlich fertig …?“, sondern ist ständig am Erforschen und Erkunden.

Loki-Schmidt-Garten - Eichhörnchen am knuspeln ... (auf dem Zweig einer Sumpfzypresse)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eichhörnchen am knuspeln …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Parkidylle im Botanischen Garten - Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Parkidylle im Botanischen Garten – Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder …

Weitere Highlights für Kinder sind der geheimnisvolle Bambusgarten (gleich am Eingang links) und vor allem auch der Nutzpflanzenteil! Nutzpflanzen, das mag sich trocken anhören, ist es jedoch absolut nicht. Der Bereich stellt sich für den Besucher als „Anbaufelder in klein“ mit diversen Gemüse- und Kräuterarten dar. Wer keinen eigenen Garten hat, wessen Kinder bisher vielleicht nur TK-Packungen oder die Gemüseabteilungen im Supermarkt kennen, der kann dort vieles endlich einmal als komplette Pflanze erleben. Mit Grün, mit Blüte, mit Frucht. In luftige Höhe strebend (Dill) oder im Boden steckend (Zwiebeln).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich (hohe blühende Kräuterpflanzen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten …

Dicke Kürbisse in allen Farben und Formen liegen am Boden, räkeln sich, im Blätter- und Rankenwirrwarr halb versteckt.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich - Kürbis (gelb)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich – Kürbis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kürbis im Nutzgarten (orangerot)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kürbis im Nutzgarten

Es gedeihen unterschiedlichste Salatpflanzen und zahlreiche Kohlsorten, es gibt diverse Möhrenarten, Würzpflanzen u. v. m.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich …

 

Die Liebhaber von Mittelmeerpflanzen kommen ebenso auf ihre Kosten, wie Rhododendronanhänger. Stauden-
freunde und Heilpflanzenfans werden fündig, auch diejenigen, die sich speziell für Bibelpflanzen interessieren. Wer Lust hat, kann im Tast- und Duftgarten fühlen und schnuppern. Nicht immer funktioniert jede Duftquelle – oder aber, meine Nase hat zwischendurch schlapp gemacht.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- (gelb) an den Gewächshäusern

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Selbst ein farbenfroher und sehr fröhlich wirkender Bauerngarten inklusive eines kleinen Bauernhauses ist vorhanden. In ihm ein Shop, der hauptsächlich am Wochenende geöffnet wird. Mit Kindern sollte man unbedingt um das Häuschen herum gehen. Dort steht noch allerlei uraltes Gerät, das sicher Gefallen findet!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit kleiner Kate

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit kleiner Kate

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

In der Wüste …

Ich hatte auf meinem Spaziergang einen Vater mit seinem kleinen Sohn vor mir. Die Mutter samt kleiner Schwester im Tragesack hatten sie zeitweise abgehängt. Der junge Mann hatte ein bestimmtes Ziel: die Wüste. Der Wüstengarten der Loki-Schmidt-Anlage wurde 2005 eingeweiht, hat zwei große, inzwischen schon recht berühmte, leuchtendblaue Glaspyramiden, die der verstorbene Scheich und ehemalige Präsident der Ver-
einigten Arabischen Emirate spendete und erstreckt sich über eine Fläche von immerhin 3.000 m². In den Pyramiden findet sich Lesenswertes zum Thema.
Ein Teil des Wüstenbereichs beschäftigt sich mit der typischen Oasenlandwirtschaft, zeigt, wie der Mensch anbaut und begrünt, stellt jedoch ebenfalls Faktoren dar, die zur Wüstenbildung beitragen. Im restlichen
Bereich sind Pflanzen anzutreffen, die es im extrem Trockenen aushalten. Sukkulenten beispielsweise.
„Papa, wo geht das zur Wüste? Ist es noch weit?“
„Die ist dort drüben.“ Der Vater zeigte voraus und schwenkte die Hand leicht nach rechts. „Siehst du die Pyramiden?“, fragte er.
„Was ist das?“
Der Vater erklärte den Begriff, der Sohn entdeckte die beiden Glasspitzen.
„Neben den Pyramiden auf der rechten Seite. Da ist es.“
„Papa, müssen wir denn auf dem großen Weg gehen?“
„Nein, wir können auch hier den Pfad quer durch die Pflanzen hinauf nehmen und schauen dann vom kleinen Hügel auf die Wüste herunter.“
„Oh ja, so machen wir das!“ Der Nachwuchs war sofort einverstanden. „Papa, und in der Wüste, da sind dann die Kakteenen, nä?“
Ich gebe zu, ich horchte auf. Sind Sie auch so begeistert? Da kennt ein kleines Kind altersbedingt noch nicht die Bedeutung des Worts Pyramide, aber es weiß schon, dass das Wort Kaktus einen besonderen Plural hat. Weiß, das sind keine Kaktüsse oder Kaktüsser. Kann sich nur nicht mehr ganz entsinnen, wo das aufgeschnappte Wort genau endete. Ich finde, ein im Ansatz richtiger, nur noch einmal verlängerter Plural, ist gefühlt doch um Klassen besser als ein komplett falscher.

Die beiden pirschten sich durch die teilweise hohen Stauden eines großen Beets. Sie nahmen flott die leichte Steigung und warteten oben auf einer Bank auf die Restfamilie.
Als Mutter und Babyschwester die beiden erreicht hatten, fragte die Frau ihren Mann:
„Warum musstet ihr denn ausgerechnet hier entlang gehen?“
„Wieso?“, kam es erstaunt zurück.
„Na, ist seid mitten durch die Giftpflanzen …!“
„Echt? Hab ich gar nicht mitbekommen“, wand sich der Gemahl etwas unwohl heraus.
Bei Giftpflanzen wurde Sohnemann prompt hellhörig und ließ Kakteenen vorerst Kakteenen sein. Gift klang plötzlich interessanter.
So kam es, dass sich die Familie stattdessen das Beet erneut vornahm und diesmal ganz gezielt auf giftige Pflanzen aufmerksam machte und vor attraktiv aussehenden Früchten und Beeren warnte.

Es gibt so einige Pflanzen, die enorm verlockend aussehen!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Giftpflanzen - Ital. Aronstab (Arum italicum)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Giftpflanzen – Ital. Aronstab (Arum italicum)

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Kakteenen. Ich habe sie gerade immer noch im Kopf … Pluralformen sind schon ulkig, oder? Wie war das gleich beim Kürbis? Nach dem Kaktusprinzip hieße der Plural Kürben bzw. Kürbenen. Und die Giftpflanze von eben? Mehrere davon? Aronstabse – oder lieber Aronstäber? Was halten Sie von Eisenhütern, die im Garten sprießen? Man könnte im Edelrestaurant einmal unschuldig nach Artischöckern fragen und als Nachtisch für alle Ananässer und Papayen bestellen …

Besondere Pflanzen …

Apropos Artischocke! Ich habe mir beim Herumspazieren im Loki-Schmidt-Garten noch etwas für Sie herausgepickt, was mir diesmal – in der zweiten Augusthälfte –  besonders gefiel.
Kennen Sie diese Pflanze?
Das ist eine Wilde Artischocke, auch Karde genannt (Cynara cardunculus), die ursprüngliche Form der Gemüseartischocke. Hat sie nicht traumhafte Blüten? Mir gefallen sie in jedem Stadium.

Ob noch als Knospe …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

… voll erblüht ….

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus) in Blüte

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

 

… oder während des Welkens und Vertrocknens.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Die Früchte sind auch bei dieser Wildart essbar. Es heißt, unsere Geschmacksnerven werden von der Artischocke in einer Weise beeinflusst, dass danach getrunkenes Mineralwasser plötzlich süß schmeckt.
Schon ausprobiert? Tun Sie es ruhig, sie hat nur 17 Kalorien pro 100 g. Ihr Saft soll sich positiv auf die Cholesterinwerte auswirken und liefert einen kleinen Nachschub an Mineralien und Ballaststoffen sowie Eisen, Protein, Vitamin C und B6.

Wenn Sie Enzian und sein leuchtendes Blau mögen, werfen Sie einen Blick auf diese Variante. Es ist ein Schwalbenwurz-Enzian oder auch Schwalbenschwanz-Enzian (Gentiana asclepiadea), der auf engen Raum eine sehr ansehnliche Blütenanzahl produziert.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

 

Während bei einigen Blüten dieses besondere Blau bekannt ist, hatte ich es noch nie bei Beeren oder Früchten einer Pflanze gesehen. Hier entdeckte ich die perlenartigen blauen Schönheiten an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Die zierlichen Blüten, die früher im Jahr in Rispen angeordnet erscheinen, sind eher blau-violett.
Was mich interessieren würde, ist, wie die Staude aus „Down Under“ im Botanischen Garten die hiesigen Winter übersteht, denn offiziell kann sie Frost nur bis zu -7 °C vertragen. Sie schien neu gepflanzt. Ob Winterschutz an Ort und Stelle reicht – oder wird sie wieder hereingenommen bis zum Frühjahr?

Noch ein blauer Vertreter, der im Sommer lange blüht:

Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

 

Diese Lilie zeigt ihre verführerische Pracht zurzeit gleich im Eingangsbereich des Botanischen Gartens:

Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blüht gleich am Eingang in voller Pracht: Lilium-Orienpet-Hybride "Scheherazade" (rot-weiß-gelbe Lilienart)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade“

 

Man könnte noch so viel zeigen, doch für heute soll es genug sein. Vielleicht führt Ihr Weg Sie einmal dorthin. Es ist eine sehr schöne und entspannende Art, sich Luft, Bewegung und etwas für die Sinne zu gönnen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride "Bednall-Beauty*

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride „Bednall-Beauty*

 

Sie können Ihr Ziel per Auto ansteuern, es gibt einen Parkplatz. Ein Bus hält vor dem Eingang. Doch wenn Sie mit der S-Bahn hinfahren, werden Sie schon am Bahnhof Klein Flottbek auf den Garten eingestimmt …

Hamburg - Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden ...

Hamburg – Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden …

 

Der Loki-Schmidt-Garten hat sich ansprechend entwickelt. Die natürliche Veränderung durch Wachstum, die Erlangung einer gewissen Reife, das ist ein Punkt, doch dank der vielen Menschen, die im Botanischen Garten wirken, die forschen, die Ideen umsetzen, die ständig Hand anlegen (und hier gibt es zu den Hauptamtlichen eine große Anzahl an ehrenamtlichen Helfern), dank ihnen ist es möglich, einer solchen Anlage wirklich Gestalt zu geben, ihr Leben einzuhauchen und sie vor allem auch am Leben zu erhalten!
Ich bin immer wieder erstaunt, wie finanziell alles bewerkstelligt wird, ohne dass bisher Eintritt verlangt wird …
So ist er der Botanische Garten allen zugänglich, und das ist eine feine Sache.

Damit möchte ich mich für heute verabschieden. Ich hoffe, Sie haben sich ein Bild vom Garten in Klein Flottbek machen können und würde mich freuen, Sie bald wieder hier zu treffen.

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© by Michèle Legrand, Sept. 2016
Michèle Legrand - freie Autorin

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Sommer in der Stadt: Im Stadtpark und bei Trude

Ich nutze momentan das schöne Wetter und bin draußen, wann immer es geht. Wer weiß, wie lange es so noch anhält, und mein Reservoir an Sommer und Sonnenschein, ebenso der Vitamin-D-Speicher, sie sind beide noch nicht aufgefüllt. Auch heute kamen beim Spazieren wieder etliche Kilometer zusammen. Jules Pédo, mein kleiner Schrittzähler, Sie erinnern sich vielleicht, hatte ordentlich zu tun und geriet bei der Hitze dementsprechend ein bisschen ins Keuchen.

Es reizt angesichts des blauen Himmels gerade ausgesprochen wenig, sich lange vor den Computer zu setzen. Ein halbes Stündchen werde ich mich jetzt allerdings doch an meinen Laptop begeben, um Ihnen ein paar aktuelle Eindrücke hierzulassen. Ganz frisch von unterwegs.

Hamburg - Stadtpark - Im Hintergrund das "Landhaus Walter"

Hamburg – Stadtpark – Im Hintergrund das „Landhaus Walter“

Eines meiner Ziele war der Hamburger Stadtpark. Dort präsentierte sich im großen Garten des Restaurants „Landhaus Walter“ eine Ausstellung mit dem Namen „Hamburg zeigt Kunst – Das Kreativfestival“.
Mehr als 150 Künstler zeigten an Stellwänden ihre Werke. Bilder, gemalt unter Anwendung unterschiedlichster Techniken auf Leinwand, Papier, aber auch auf Holzplanken! Gewebte Motive, als Collage erstellte Bilder, Werke mit plastischen Elementen, Gedrucktes, realistische und abstrakte Darstellung, überwiegend eigene Motive, aber auch Anleihen bei Gemälden alter Meister …  Und Fotografien gab es.
Es waren einige sehenswerte Bilder dabei, denen Ideen zugrunde lagen, die gut und ausgefallen waren und deren Technik sich ebenso abhob!
Also eine interessante Veranstaltung unter freiem Himmel, die mir gefallen hat – nur Urheberrechte, Persön-
lichkeitsrechte, Hausrecht und all die ganzen Dinge verhindern wieder einmal, dass Fotomaterial dazu nutzbar wäre.  Hin und wieder zeigten schon entsprechende Sticker mit durchgestrichener Kamera an der Stellwand, dass Fotografieren bei zumindest diesen Künstlern unerwünscht war. Ich habe mich daraufhin für entspanntes Schauen und nicht für gezielte Kontaktaufnahme und Einzelgespräche entschieden. Somit belasse ich es einfach bei der Aussage, dass Sie sich das Kreativfestival für ein eventuell nächstes Mal durchaus vormerken können. Es lässt sich zudem sehr gut mit einem Besuch des Stadtparks und einem längeren Spaziergang verbinden.

Stadtpark

Ich habe das große Gelände, die grüne Lunge der Stadt, hinterher komplett durchstreift. Sie können sich kaum vorstellen, was für ein Betrieb dort bei schönem Wetter herrscht! Dann wird spaziert, geradelt, gejoggt. Man trifft sich in Gruppen zum Grillen, was auf einer großen Wiese erlaubt ist. Die Grills stehen an solchen Sommertagen dicht an dicht, und über Stunden ziehen Rauchschwaden und Essensgerüche durch große Teile des Parks …

Hamburg - Sommerwetter und Hochbetrieb am Stadtparksee ....(Sonnenbader)

Hamburg – Sommerwetter und Hochbetrieb am Stadtparksee ….

 

Es wird sich gesonnt, es wird Fußball oder mit der Frisbeescheibe gespielt, gelesen, geklönt und Kinder-
geburtstag gefeiert. Besonderer Andrang herrscht rund um den Stadtparksee, den Menschen und Hunde gleichermaßen lieben.
Bei diesem Sommerwetter ist natürlich das daneben liegende Naturfreibad der absolute Renner.

Hamburg - Sommer am Stadtparksee ... (Im Hintergrund das Freibad)

Hamburg – Sommer am Stadtparksee – Im Hintergrund das Freibad

 

Hamburg - Stadtparksee

Hamburg – Stadtparksee

 

Am See gibt es weiterhin die Möglichkeit, sich Boote auszuleihen. Auch die Stehpaddler sind dort unterwegs. Die Idee zu rudern oder zu paddeln haben naturgemäß ein paar mehr Menschen. So hätte der Bootsverleih heute eindeutig zusätzliche Boote gebrauchen können …

Hamburg - Bootsverleih am Stadtparksee - Alle Boote sind unterwegs ... (leere Bootsstege)

Hamburg – Bootsverleih am Stadtparksee – Alle Boote sind unterwegs …

Als ich mich auf den Heimweg machte und zur  S-Bahn-Station Alte Wöhr ging, kamen mir von dort weitere Menschenmassen entgegen, die Picknickkörbe, Schüsseln, Decken, Klappstühle und Kugelgrills mit sich trugen. Der Stadtpark hatte also noch ein paar Besucher mehr aufzunehmen und unterzubringen …

TRUDE

Ich legte noch einen Halt am Barmbeker Bahnhof ein, denn dort fand an diesem Sonnabend direkt am Museum für Arbeit ebenfalls eine Sonderveranstaltung statt. „Barmbek schwingt – Das Hofsommerfest auf dem Bert-Kaempfert-Platz“. (Es heißt wirklich schwingt und nicht swingt.)
Nette Atmosphäre, doch völlig unabhängig davon steht auf eben diesem Außengelände ständig TRUDE – und die möchte ich Ihnen abschließend gern noch vorstellen. TRUDE ist eine Schildvortriebsmaschine und war zum Zeitpunkt ihres Einsatzes die größte der Welt. Wenn Schildvortriebsmaschine nicht auf Anhieb eindeutig klingt, dann denken Sie an den (neuen) Elbtunnel, den, durch dessen Röhren die Autobahn A7 führt und an Tunnel-
bohrmaschinen.

TRUDE steht für Tief Runter Unter Die Elbe.

Hamburg - TRUDE - (Museum für Arbeit in Barmbek) - Schneidrad der Schildvortriebsmaschine

Hamburg – TRUDE – (Museum für Arbeit in Barmbek)

Was Sie auf dem Foto sehen, ist das Schneidrad für die Bohrmaschine, die für den Bau der vierten Elbtunnel-
röhre
eingesetzt wurde. Zusammen mit dem Part der Anlage, an deren Spitze dieses Schneidrad montiert war, ergab sich für die Schildvortriebsmaschine eine Gesamtlänge von immerhin 60 Metern!
Das Rad hier hat einen Durchmesser von 14,2 m und wiegt für sich bereits 380 Tonnen, die komplette Maschine brachte es auf insgesamt 2000 t. Von Oktober 1997 bis März 2000 ackerte sich TRUDE unermüdlich unter der Elbe hindurch und schaffte es so, eine Röhre mit einer Länge von 2560 m anzulegen. Wenn man die Aus- und Einfahrrampen für die vierte Röhre mitrechnet, kommt man sogar auf eine Gesamtlänge von 4400 m.
Das Schneidrad konnte später nicht anderswo für weitere Zwecke und neue Projekte genutzt werden, weil TRUDE speziell für ihre Aufgabe unter der Elbe konzipiert war, d. h. für die dort herrschenden geologischen Verhältnisse entwickelt wurde. Anderswo wären TRUDEs 111 Schälmesser für weiches Gestein und 31 Rollenmeißel für Hartgestein vermutlich unangebracht und ihr Einsatz uneffektiv gewesen.
Vor der drohenden Verschrottung wurde TRUDE jedoch glücklicherweise bewahrt. Das Schneidrad wurde demontiert, in Einzelteilen zum jetzigen Standort transportiert und anschließend in halbjähriger Arbeit wieder zusammengesetzt. Nun steht es seit September 2001 hier.

Ende der Laptopzeit! Die halbe Stunde ist herum. Leicht drüber …  Ich muss mich etwas sputen,  denn gleich startet eine Sendung über die französische Atlantikküste auf arte, die ich mir sehr gern ansehen möchte.
Machen Sie es gut und haben Sie einen schönen Sonntag!

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Quellen für das Zahlenmaterial zu TRUDE:
Museum für Arbeit, Infotafel
Wikipedia-Artikel über Tunnelbohrmaschinen

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Vom Fällen, Folgen und Fabulieren …

Ein bisschen ulkig ist das schon. Erst ist es im Norden ewig trüb und nass. Man spürt, das innerliche Dibbern geht allmählich los. Es fehlen Licht und Wärme, es drängt einen unheimlich, wieder einmal länger spazieren zu gehen. Was wäre es doch traumhaft, den Stadtlärm etwas auszublenden, Frischluft zu tanken und umwerfend, obendrein ein paar Aufnahmen an einem freundlichen Ort zu machen. Trocken. Im Grünen. Im Bunten! Nach Zeiten grauen Himmels.
Mittlerweile kamen Sonne und sommerliche Temperaturen Anfang der Woche tatsächlich zurück, es klappte auch mit dem Plan des Losziehens. Doch nun kommt der Haken: Ich habe jetzt zwar reichlich Bildmaterial und den Kopf voller Ideen – was definitiv nach einem Blogpost für Sie riecht! – allerdings fehlt mir nun die Zeit, die neue Ausbeute zu sichten, Fotos zu bearbeiten und zig lose Gedanken einzufangen und zu sortieren.
Was tun? Inhaltliche Zugeständnisse machen oder eher Blogenthaltsamkeit üben? Flexibilität zeigen?
Es läuft auf letzteres hinaus. Halbheiten wären nicht das Wahre, andererseits ist mir trotz allem nach Bloggen! So treffen wir uns heute hier völlig zwanglos, ich lasse das mitgebrachte „Grünmaterial“ noch ein bisschen vor sich hin garen, und wir werfen uns stattdessen auf das, was die nasse Woche davor ergeben hat. Sind trotzdem unterwegs – und am Ende wissen Sie sogar, weshalb die Überschrift so heißt, wie sie heißt.

Während der Regen noch Dauergast im Norden war, musste ich an einem dieser Tage zur Mundsburg. Stellen Sie sich als Auswärtiger keinen Ausflug zu einem trutzigen, alten Gemäuer mit Ritterrüstung im Foyer vor, das alles gab es dort nie. Wir sind auch nicht auf dem Land, sondern direkt in Hamburg, dort wo die Stadtteile Uhlenhorst und Barmbek-Süd aufeinandertreffen.
Gehen Sie am besten gedanklich knappe 300 Jahre zurück. Zu der Zeit lebte ein Herr Mund (Johann Hinrich) in dieser Gegend, erwarb das Gelände der ehemaligen Immenhöfe und errichtete auf einem Teil des Grunds für sich ein ziemlich beeindruckendes Gebäude. Schon hatte es den Namen Mundsburg weg. Klingt auch netter als Protzbau. Diese Mundsburg gibt es zwar seit 1813 nicht mehr, doch Anfang der Siebziger Jahre unseres letzten Jahrhunderts, entstanden genau in dem Bereich drei Hochhäuser. Das Haus vorne an der Kreuzung steht sogar direkt am Platz der früheren Mundsburg und hat aus diesem Grund den alten Namen erhalten.

Hamburg - Die Hochhäuser aus den Jahren 1973-1975 an der Mundsburg (Mundsburg Tower vorne)

Hamburg – Die Hochhäuser aus den Jahren 1973-1975 an der Mundsburg (Mundsburg Tower vorne)

Wie Sie sehen, handelt es sich um sich ähnelnde Hochhaustürme, und der Begriff Burg hierfür erinnert mich gerade kolossal an manch touristische Ballungszentren, in denen Riesenhotels in diesem Stil erbaut wurden,
die man ihrerseits gern als Bettenburgen bezeichnet.
Die Häuser hier prägen das Stadtbild ganz enorm – verstärkt natürlich noch durch ihr gehäuftes Auftreten. Jeder sieht sie bereits aus großer Entfernung. Sie befinden sich gar nicht unmittelbar an der Außenalster, bis dahin sind es Luftlinie noch einmal ungefähr 1,5 km. Doch selbst dann, wenn jemand nicht dort, sondern irgendwo am gegenüberliegenden Alsterufer spaziert und über die ganze Wasserfläche hinüberschauen muss, fallen sie ihm sofort ins Auge. Man spricht nicht umsonst sogar heute noch von einer der höchsten Wohnanlagen nicht nur Hamburgs, sondern Deutschlands.

Hamburg - Außenalster - Die Mundsburg Tower von überall her im Blick ...

Hamburg – Außenalster – Die Mundsburg Hochhäuser von überall her im Blick …

 

Hamburg - Außenalster, Anleger Rabenstraße - gegenüber die Hochhäuser an der Mundsburg

Hamburg – Außenalster, Anleger Rabenstraße – gegenüber die Hochhäuser an der Mundsburg

Im linken Turm (am Winterhuder Weg) aus dem Jahr 1975, befinden sich z. B. 26 Etagen, die Gesamthöhe beträgt 97 m. Das Gebäude mit dem Namen Mundsburg an der Ecke (Kreuzung Winterhuder Weg/Hamburger Straße) wurde bereits 1973 fertiggestellt. Es hat sogar 29 Etagen und ist 101 m hoch. Die Tatsache hat mich etwas irritiert, denn lediglich vier Meter Höhenunterschied ergeben trotzdem gleich ganze drei Etagen mehr.
Es muss also bauliche Unterschiede bei Deckenhöhe sowie Anlage der Geschosse geben.

Heute liegt entlang der Hamburger Straße die sogenannte Hamburger Meile, ein Einkaufszentrum mit einer sich über sage und schreibe 700 m erstreckenden Einkaufszeile – oder Shopping Mall, wie es neudeutsch so schön heißt. Als Kunde trifft man dort auf ca. 150 Läden und ein großes Angebot an Cafés und Restaurants. Ein Kino mit zahlreichen Sälen ist vorhanden, Firmen haben sich in der Gebäudeanlage (im Office Tower) niedergelassen, Wohnungen befinden sich im sogenannten Apartment Tower sowie kleinere Mietwohnungen im Haus im Winterhuder Weg. Auch die Hamburger Verwaltung ist mit der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration wie auch mit der für Schule und Bildung präsent. Selbst das für mich zuständige Finanzamt Barmbek-Uhlenhorst hat dort seinen Sitz, weshalb mich mein Weg (so wie heute) ab und zu dorthin führt.

Vom Dach der Hochhäuser aus hat man einen sagenhaften Panoramablick. Am schönsten ist die Aussicht Richtung Wasser und Innenstadt. Das Leben auf dem Wasser, die grünen Uferzonen, ansehnliche Gebäude zu beiden Seiten und dann das sich Abzeichnen der Silhouette von Rathaus- und Kirchtürmen. Ich war vor ewigen Jahren ganz oben auf einem der Türme. Damals kannte ich jemanden, der dort arbeitete. Wahrscheinlich kann man heutzutage als Besucher des Zentrums nicht einfach nach Lust und Laune hinauffahren. Inzwischen wurden auf den Hochhäusern auch Antennen für den Mobil- und den Richtfunk installiert, was noch einmal gegen den öffentlichen Zugang spricht.
Es gibt jedoch seit einigen Jahren einen Beach Club, nur nicht oben auf der Dachterrasse eines Turms, sondern auf dem Parkdeck der Hamburger Meile in etwa 40 m Höhe. Auch von dort lässt es sich schon relativ weit schauen.

Bei Regen ist das alles natürlich eine ziemlich trübe und verhangene Angelegenheit. Ich möchte Ihnen daher außer Hochhäusern und viel Beton vor grauem Himmel noch den gut 100 Jahre alten U-Bahnhof Mundsburg (1906-1912 erbaut) zeigen, der schon vom Gebäudestil her und zusätzlich durch seine roten Fassade interessanter und farbenfroher wirkt.

Hamburg - U-Bahnhof Mundsburg

Hamburg – U-Bahnhof Mundsburg

Die Linie der U3 führt hier entlang. Früher, bis in die 70er Jahre hinein, hielten am Bahnhof Mundsburg auch mehrere Straßenbahnlinien. Heute immerhin noch Busse, und außerdem entstand auf dem Vorplatz mittlerweile eine Ausleihstation für die Nutzer des Stadtrads.

Hamburg - Der Turm der St. Gertrud Kirche

Hamburg – Der Turm der St. Gertrud Kirche

Was rechts gerade noch neben dem Bahnhof hervorlugt, ist der Turm der St. Gertrud Kirche. Die Kirche
(erb. 1882-85) ist sogar noch etwas älter als der Bahnhof und hat ihren Platz idyllisch gelegen in der Straße Immenhof direkt am Kuhmühlenteich.

Hamburg - St. Gertrud Kirche am Kuhmühlenteich (Uhlenhorst)

Hamburg – St. Gertrud Kirche am Kuhmühlenteich (Uhlenhorst)

Sie wirkt hoch, nicht wahr? Dennoch ist sie mit 88 m Turmhöhe niedriger als die Hochhausbauten an der Mundsburg.

Auf dem Weg dorthin kommt man übrigens an einem Drachen vorbei. Der ist genauso echt wie die Mundsburg.

Unechte Drachen in der Nähe von unechten Burgen ....

Unechte Drachen in der Nähe von unechten Burgen …

 

Doch zurück zur St. Gertrud Kirche. Sehen Sie die acht im Kreis um einen Baum aufgestellten Steinsäulen? Auf der einen Seite sind Namen zu entdecken, auf der Rückseite jeweils ein Ausspruch, der Luther zuzuschreiben ist. Die dort eingemeißelten Namen stehen stellvertretend für acht Gemeinden, die sich überlegt hatten, Martin Luther zu Ehren anlässlich seines 400. Geburtstags im Jahr 1883 einen Baum zu pflanzen. Die Luthereiche.
So weit, so gut. Nur betrachten Sie doch bitte einmal den Stamm der Eiche. Ein mittlerweile über 130 Jahre alter Baum? Hält diese Aussage ihrem kritischen Blick stand? Müsste der nicht …

Hamburg - Die Luthereiche an der St. Gertrud Kirche

Hamburg – Die Luthereiche an der St. Gertrud Kirche

Erwischt! Diese Eiche hier ist wesentlich jünger. Sie wissen, dass die Nachkriegswinter extrem kalt ausfielen.
In den frostigen Monaten des Winters 1945/46 musste die erste Luthereiche als Brennholz herhalten. Die Menschen froren einfach zu sehr … Später hat man den jetzigen Baum als Ersatz gepflanzt.

Als ich von dort aufbrach, wurde ich von einer Graugans, die sich mit Artgenossen am Kuhmühlenteich herumtrieb, verfolgt. Sie watschelte hartnäckig hinter mir her, was mir allmählich Sorgen bereitete, denn die Hauptstraße rückte immer näher. Ich stoppte, machte ihr mit dem nötigen Ernst klar, dass ich zur U-Bahn
gehen würde, woraufhin sie kurz nachzudenken schien und danach tatsächlich umdrehte.

Dort wo die Straße Immenhof wieder auf die Straße Lerchenfeld trifft, ist der Sitz der Hochschule für Bildende Künste (HFBK), Hamburg.

Hamburg - Die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) am Lerchenfeld

Hamburg – Die Hochschule für Bildende Künste (HFBK) am Lerchenfeld

So, nachdem Sie mittlerweile wissen, wofür „Fällen“ (Eiche) und „Folgen“ (Gans) steht, fehlt nur noch der Begriff „Fabulieren“

Daheim angekommen, hatte es sich eingeregnet. Der Umstand brachte mich nach langer Zeit wieder einmal dazu, mich Twitter etwas ausgiebiger zu widmen. Seit 2009 bin ich mit von der Partie, doch im Vergleich zu den drei Anfangsjahren, werde ich heute vergleichsweise selten schreibaktiv und blende mich selbst zum Lesen nur kurz ein.
Ich kann dem Nachrichtendienst immer noch viel Positives abgewinnen, es gibt gelegentlich sogar wunderbare Gesten und sehr lobenswerte Aktionen! Zudem finde ich die Menschen, die ich damals mochte, immer noch genauso nett, freue mich über diverse weltweite Kontakte, schätze weiterhin schnelle Informationen, Neuigkeiten, erheiternde Tweets …
Doch für mich hat sich im Vergleich zur Anfangszeit eindeutig zu viel in eine Richtung verändert, die mir gar nicht behagt. Zu unkritisches Betrachten und ungeprüftes Verbreiten, zu viel Pöbelei, überzogene Selbstdarstellung und häufig sehr plumpe, äußerst aufdringliche Selbstvermarktung. Zu viel, was sich ewig wiederholt, zu viel Nachahmerei. Reichlich Häme, Respektlosigkeit, krankhaftes Heruntermachen. Dazu die mehrheitlich herablassenden Begleittweets zu diversen Fernsehsendungen, automatisches Mitgeschrei,  absolut Nichtssagendes, die immergleichen Sinnsprüche und Weisheiten, die als Eigenwerke herüberkommen sollen.
Wohlgemerkt, Twitter ist nicht nur so! Doch Ungemütlichkeit und Lärm haben massiv zugenommen.

In den ersten Jahren nach Twittereinführung und noch bis etwa 2011/2012 machten das beschriebene Verhalten und entsprechende Inhalte einen verschwindend geringen Anteil am Gesamtgeschehen aus. Das Hauptaugenmerk lag eindeutig auf anderen Dingen. Information, Spontaneität, Originalität, Authentizität, Austausch. Zurückblickend habe ich den Eindruck, die Likes für einen Tweet und seine Weiterverbreitung (Retweet) spielten zunächst absolut nicht die Rolle, die sie heute spielen. Starallüren, die Liebäugelei mit der Internetberühmtheit, das wilde und vor allem völlig wahllose Ansammeln von Folgern etc. waren nicht dermaßen verbreitet, Lorbeeren ernten keine Sucht, Wetteifern verlief lange nicht so verbissen. Aber auch dieses hin und zurück Gefälligkeitstweeten und das Fav-ich-dich-favst-du-mich-Verhalten (Inhalte unwichtig) kamen erst viel später auf.
Ich möchte fast behaupten, das persönliche Twitterverhalten, die Tweetinhalte etc. waren nahezu frei von Erwartungen und Hintergedanken. Vorbedingungen? Eine Strategie? Nicht vonnöten. Vorrang hatte der Spaß an der Sache. Und der ist – zumindest mir – in beträchlichem Maß abhanden gekommen.
Wenn ich heute Tweets aussende, dann sind es kleine Anmerkungen zu Alltagssituationen, zu persönlichen Erlebnissen – gern mit einem Hang zum Komischen. Es sind Fotos mit einem Kommentar. Oder es ist zwischendurch etwas über den bei mir aktuell veröffentlichten Blogpost dabei. Der Tweet mit Link kommt aber nur ein einziges Mal in die Timeline und wird nicht über Wochen alle paar Stunden erneut auf die Menschheit losgelassen.

Damals habe ich das interessierte und ernsthafte Kommunizieren miteinander genossen und ansonsten – außerhalb von Gesprächen – ganz bewusst und völlig ungeniert Unsinn getwittert. Wortspielereien. Das fließt mir in dieser Form heute nicht mehr so frei aus der Feder, was ein Zeichen dafür ist, dass mir das Brett, an das ich etwas heften soll, offensichtlich nicht mehr so zusagt. Die Distanz hat sich vergrößert. Es ist überhaupt sehr abhängig von der Tagesverfassung, ob ich Twitter aufrufe oder nicht. Ich bevorzuge für den Fall generell Listen, die ich dann gezielt durchgehen kann. Nach Personen, Sprachen oder Themen unterteilt. Ungefiltert ertrage ich das nicht mehr. Da wird man förmlich erschlagen …
Listen mit fixen Teilnehmern hingegen helfen mir, dass ich Kontakte nicht aus den Augen verliere, garantieren, dass ich Inhalte finde, die mich interessieren. Oder Twitterer und Tweets, über die ich herzlich lachen kann.

Vor kurzem kursierten zu meiner Überraschung Retweets einer Reihe von mir teilweise völlig entfallenen eigenen Uralttweets. Alle sechs oder sieben Jahre alt. Follower hatten sie irgendwo wieder hervorgekramt. Beispiel gefällig? Das verschafft Ihnen eine Vorstellung davon, was Ihnen heutzutage (sollten Sie bei Twitter aktiv sein) von meiner Seite erspart bleibt. ^^

Die alten Fabulierzeiten  /  @ ladyfromhamburg auf Twitter

  • Steht ein Stier am Strom und starrt auf den Stör. Sagt der Stör:
    „Stier nicht so, du störst!“

  • Bekommt ein Pudel eine neue Frisur verpasst, die danach Trend wird,
    wird der Pudel dann zum Setter?

  • „Er lag in den Wehen und stöhnte.“
    „Er …?“
    „Ja, sicher! Der Kerl fiel angetrunken in den Schnee. Bein gebrochen …“

  • Sprach die Scholle barsch zur Forelle: „Du sollst nicht immer so in den
    Karpfenteich hechten!“

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Und damit wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende! Schluss für heute. Das nächste Mal geht es via Blog auf blühendes Terrain. Vielleicht sind Sie wieder mit von der Partie.

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PS:
Sollten Sie weitere (sogar sonnige) Bilder sehen oder mehr zum Kuhmühlenteich nebst Kirche u. a. lesen wollen, so wäre dieser Beitrag von 2013 noch interessant für Sie:

Unterwegs entdeckt – Alle machen’s: Marienkäfer, Bulldoggen, Polizisten, Angler …

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)
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36 Kommentare

Deine Christine!

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