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Zecke. Baby. Im Hafen. Und Parken spezial. Kurzum: die Woche

36° C im Schatten. In Hamburg! Bei eher kälteerprobten, frosttauglichen Norddeutschen! Und es gab tagelang ähnliche Werte! (Ich weiß, anderenorts war es noch heftiger!)
Bei solchen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit fehlt es mir etwas an Elan. Ich habe dann relativ wenig Durchhaltevermögen. Sie wissen, wie lange der Tropfen eines leckenden Küchenwasserhahnes braucht, um im Spülbecken zu landen? Geht fix, oder? Sehen Sie, ich bin bereits groggy, bevor er landet! Auch die Konzentrationsfähigkeit sah schon erheblich besser aus.
Selbst mein Laptop zeigt erste Schwächen! Er ist halt auch Norddeutscher.

Ich dachte mir, vielleicht bin ich nicht die einzige, die hitzebedingt ab und zu fast schlurft und anstrengende Sachen meidet. Vielleicht laufen auch Sie nur noch auf Sparflamme und schwere Kost zum Lesen ist momentan überhaupt nicht Ihr Ding.
Mein Vorschlag wäre daher, ich erzähle Ihnen einfach von ein paar Besonderheiten der letzten Tage. Unkompliziert für Sie, entspannend für beide. Sie und mich. Falls ich abschweife, schweifen Sie mit. Das fällt momentan überhaupt nicht auf.

Premieren. Sie sind meist eine feine Sache. Ich war jedoch Part einer Premiere, auf die ich sehr gut hätte verzichten können. Mich biss, stach, biss … ach, wie auch immer es korrekt lautet, mich piesakte eine Zecke. Eine Hamburger Zecke – oder ein Quiddje, ein zugewandertes Exemplar. So etwas hat in Hamburg noch Seltenheitswert, daher versetzten mich sowohl Anwesenheit als auch Verhalten in Erstaunen.
Ich hatte mich nicht außerhalb in ländlicher Umgebung aufgehalten, war in der Stadt auf keiner Wiese, in keinem Park, im Garten nicht im Gebüsch gewesen. Ich trug am Tag des Überfalls zudem robuste Kleidung, war nicht etwa halb nackt! All das hat nichts genützt.
Man wird mitten in Hamburg von einer dreisten Zecke erklettert, die sich unter der langen Jeans zunächst am Kniestrumpf empor und später im Hosenbein hinauf bis zum Oberschenkel vorkämpft, um sich dort letztendlich festzusaugen. Ich habe sie nach Entdeckung eliminiert.
Nun hoffe ich, dass sie keine Borreliose-Erreger hinterlassen hat … Ein Bluttest ist leider erst nach acht Wochen möglich, und letztendlich bringt auch der nicht allzu viel. Er zeigt lediglich, ob sich Antikörper entwickelt haben. Wie jegliche Insektenangriffe, sehen auch die Nebenerscheinungen der Zeckenverköstigung bei mir nach Gemetzel und mindestens einer Monsterattacke aus. Doch nach jetzt sieben Tagen zieht es merklich ab. Zumindest das ist ein gutes Zeichen.

Am Montag ergab sich eine weitere Premiere der etwas anderen Art, als ich auf meinem Rückweg einen Moment auf einer Bank im Schatten pausierte. Neben mir den Platz belegte eine junge Mutter. Sie hatte ein Baby dabei, ein kleines Mädchen von vier Monaten, und ihren Sohn, etwa zweieinhalb Jahre alt. Das Gespann war ohne Kinderwagen unterwegs (der wartete im Kofferraum des anderswo geparkten Autos); so trug sie die Kleine auf dem Arm.
Der Knirps saß Eis schleckend zwischen uns. Als er meine Einkaufstasche mit der schwarz-weißen Zeichnung des Hamburger Hafens unten an den Landungsbrücken und am Alten Elbtunnel interessant fand und mir dazu mittelgroße Löcher in den Bauch fragte, kamen die junge Frau und ich ebenfalls ins Gespräch.
Gleich darauf gab es diesen kleinen Unfall mit seinem Eis. Es war im Pappbecher und bei der Hitze im Nu komplett flüssig geworden. Der Lütte hatte unvermittelt die Idee gehabt nachzuschauen, was wohl auf der Unterseite des Bechers stand, da landete die Soße komplett auf seinem T-Shirt. Auf seiner Brust. Er brüllte, denn die Tunke war offenbar immer noch recht kalt. Obendrein war sein schönes Eis futsch. Außerdem schien er mir einer zu sein, der generell enorme Vorbehalte gegen das Tragen eingedrecktes Kleidungsteile hegt.
Und er musste auf einmal. Ganz dringend!
Seine Mutter geriet langsam ins Schwitzen. Sie hatte – wie die meisten Mamas, die mit Nachwuchs unterwegs sind – eine Umhängetasche beachtlicher Größe dabei, die den halben Hausstand beherbergte. Woran es dennoch haperte? An einer ausreichenden Anzahl vor allem freier Hände. Das Baby begann bereits mitzuheulen. Aus Solidarität. Das ist wahre Geschwisterliebe.
Die Mutter der beiden schien in Windeseile nach einer Lösung zu suchen, wie sie den Großen schnellstmöglich zu einer Toilette bekam. Sie entschied sich kurzerhand für das „Bar Celona“ ein Stückchen weiter. Sie würde einfach durchstürmen Richtung WC. Es gab nur eines, was die flotte Aktion und das anschließende Umkleiden des Knaben sehr erschwerte: das gleichzeitige Tragen des Babys.

„Können Sie bitte kurz mein Baby halten?“, fragte sie mich. „Ich bin gleich wieder da …“
Schwupps, da hatte ich die kleine Madame im Arm, während sie sich ihren Sohn schnappte und mit ihm davonhastete.
Irgendwie muss ich verdammt vertrauenswürdig gewirkt haben, denn wer gibt schon sein Kind in die Obhut einer fast Fremden und begibt sich außer Sicht! Sein Baby! Ich glaube nicht, dass ich es an ihrer Stelle fertiggebracht hätte.
Die Kleine war derart verblüfft gewesen, dass sie vorerst das Heulen vergaß. Das musste man nutzen und diesen trockenen Zustand möglichst lang erhalten. Große Augen schauten mich sehr prüfend an.
Die sieht anders aus als Mama. Die kenne ich nicht. Wer ist das? Kann man der trauen? Was will die?
Die will dich unterhalten, kleines Fräulein. Mit einem netten Plausch, einem griffigen Armreif, der klappernden TicTac-Box, mit kitzelnden Haarspitzen und Fingermalereien auf dem Arm und der kleinen Handinnenfläche.
Wo blieb denn die Mama? Minuten können ganz schön lang werden …
Ich überlegte, ob ich den Weg Richtung „Bar Celona“ einschlagen sollte, den beiden ein Stück entgegengehen. Doch womöglich verpassten wir uns dabei. Wenn sie auf anderem Weg zurückkehrte, ihr Töchterlein und mich nicht vorfand, würde sie vor Schreck einen Herzanfall bekommen. Nicht auszudenken. Baby und ich blieben also auf der Bank. Gerade, als die Laune der Lütten merklich sank, kamen sie zurück.
Großes Hallo, Lob von allen für die junge Dame, die so brav gewesen war. Die Jüngste deutete daraufhin ein zauberhaftes Lächeln an. Sie hätte es jetzt womöglich noch länger bei mir ausgehalten …
Der große Bruder meinte indes: „Mama, holen wir jetzt ein neues Eis?“

Apropos Hafenmotiv und Landungsbrücken!
Am letzten Wochenende fuhr ich in den Abendstunden mit einer Barkasse von der Überseebrücke zum Hansahafen und später zurück. Es war keine reguläre Tour, sondern ein Sonderzubringerdienst zu einer Theatervorstellung im Hafenmuseum. Der junge Barkassenführer steuert aber wohl sonst die üblichen Hafenrundfahrten und bot auf der Rückfahrt an, für das kurze Stück entlang der Hafencity bis zum Anleger ein bisschen den Tourführer zu spielen und nebenher zu erzählen.
Sie wissen, wie man diese „Hafenführer“ hier bezeichnet? Als „He lücht!“ („Er lügt!“) Sie machen sich einen Spaß daraus, neben ansonsten korrekten und nüchternen Fakten haarsträubende Behauptungen einzubauen. Es lässt sich aber in 98 % der Fälle sofort erkennen, wann es Flunkerei ist. Manchmal geht es um ziemlich gefährliche Riesenfische, die hier angeblich in der Elbe leben, gern wird auch der Bau der Elbphilharmonie durch den Kakao gezogen. Oder es kommt etwas ganz anderes, wie bei meinem Steuermann an diesem Abend, der sehr vertraulich mitteilte:
„Mein Großvater war Kapitän auf der Titanic!“
(Ein Raunen unter den Fahrgästen der Barkasse.)
„Und mein Vater, der war Kapitän der Gorch Fock.“
(Wow! … Echt? … Moment! …).
„Ich bin ja nur Barkassenführer in Hamburg, aber es ist nett, dass Sie trotzdem mit mir mitfahren …“
(Dem He lücht! auf die Schliche gekommen. Gelächter.)

Hafen Hamburg am Abend - Blick Richtung Unilever-Haus (dahinter Marco-Polo-Tower) und Elbphilharmonie (links)

Hafen Hamburg am Abend – Blick Richtung Unilever-Haus (rechts, dahinter Marco-Polo-Tower) und Elbphilharmonie (links)

Hafen Hamburg - Abenddämmerung und Regen ...

Hafen Hamburg – Abenddämmerung und Regen …

Hafen Hamburg - An den Landungsbrücken - In dem erleuchteten Kuppelbau rechts befindet sich der Eingang zum Alten Elbtunnel

Hafen Hamburg – An den Landungsbrücken – In dem erleuchteten Kuppelbau rechts befindet sich der Eingang zum Alten Elbtunnel

War’s das?
Oh, einen Moment! Einen merkwürdigen Vorfall hätte ich noch!

Der trug sich zu, als ich bei Edeka etwas besorgen wollte. Der Parkplatz des Marktes war bis auf einen schmalen Platz direkt an der Zufahrt voll belegt. Zum Glück passte mein kleiner Hüpfer jedoch gut in diese Lücke hinein. Ich besorgte schnell das Gewünschte, und während ich an der Kasse stand, betrat vom Parkplatz her ein Mann den Laden, der die Kassiererin ansprach:
„Ich möchte nur Bescheid sagen. Vielleicht können Sie mal was durchsagen. Da hat …“
Weiter kam er nicht, denn die Kassiererin reagierte etwas unwirsch.
„Könnten Sie nicht einen Moment warten? Ich kassiere gerade!“
Der Herr geduldete sich zunächst. Offenbar dauerte es ihm zu lang, denn plötzlich drehte er auf dem Absatz und ging wieder hinaus. Kaum hatte sich jedoch die Tür hinter ihm geschlossen, öffnete sie sich wieder und verärgert marschierte er erneut zur Kasse.
„Also wissen Sie! Sie werden mir noch dankbar sein! Ich kann hier allerdings nicht ewig warten, also hören Sie mir jetzt bitte mal zu!“
„Ich bin gleich soweit.“ Die Verkäuferin blieb hartnäckig. Schließlich richtete sie ihre Augen auf ihn. „Was gibt es denn?“, fragte sie.
„Draußen hat jemand die Handbremse nicht angezogen, und nun ist der Wagen rückwärts aus der Parklücke gerollt und blockiert den ganzen Parkplatz. Die Parker im hinteren Bereich kommen nicht mehr raus. Können Sie den mal ausrufen? Das Kennzeichen ist HH-SK-XXX.“
Die Kassiererin tat wie ihr aufgetragen und brachte in ihren Text gleich eine gewisse Dramatik:
„Achtung, Achtung, verehrte Kunden! Eine wichtige Durchsage! Der Halter des Fahrezeugs mit dem Kennzeichen HH-SK-XXX wird sofort zu seinem Auto gebeten! Der Wagen rollt herrenlos und völlig unkontrolliert auf dem Parkplatz!“
Bereits der Klang ihrer Stimme vermittelte den Eindruck, das Auto liefe Amok. Sie fuhr fort:
„Sie haben vergessen, die Handbremse zu ziehen! Sie behindern andere Kunden und riskieren, dass Fahrzeuge beschädigt werden!“

Während ich bezahlte, meldete sich kein Kunde. Jedenfalls kam niemand mit hochrotem Kopf herbeigeeilt. Wahrscheinlich war derjenige gar nicht bei Edeka einkaufen, sondern hatte noch eine Besorgung anderswo erledigt. Ich war spontan recht froh, dass ich den Parkplatz vorne ergattert hatte.
So sah die Lage draußen aus:

Edeka - Parken ohne Handbremse ... (Wagen rollt führerlos zurück)

Edeka – Parken ohne Handbremse ….

(Sie sehen, es gibt ein gewisses Gefälle für den Wasserablauf. Das Ansteigen zur anderen Seite verhindert ein Weiterrollen und Zusammenstoßen mit dem Heck des Parkers gegenüber.)

Während ich meinen Einkauf im Kofferraum verstaute, erschienen die ersten Kunden, die nicht wegfahren konnten. Es wurde erregt diskutiert, geschimpft und verkündet, was man nun alles nicht rechtzeitig schaffen würde, weil man nicht wegkäme.
Wegen dem da …!

Ich habe mich nicht eingemischt, wunderte mich aber ein wenig. Was meinen Sie dazu? Wenn die Handbremse nicht gezogen ist und der Wagen so leicht rollt – warum kann man ihn nicht einfach zu zweit oder zu dritt zurück in die Parklücke schieben und einen Stein hinter das Hinterrad legen. Oder sonst etwas, was stoppt? Das müsste doch ganz leicht erledigt sein …

So. Stopp! Aus! Man schwatzt sich hier immer so fest! Ewig! Mittlerweile ist sogar die Witterung kühler geworden! Vielleicht liegt es ja daran, dass die Lebensgeister mit Macht zurückgekehrt sind! Selbst der Laptop arbeitet wieder ohne Zwischenschnaufer.
Trotzdem. Keine Verlängerung. Feierabend.

Schöne Tage! Schnell tief Luft holen, bevor die nächste Hitze da ist!
Bis demnächst!

© by Michèle Legrand, Juli 2015
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Vorsicht Glatteis!

Vorsicht Glatteis!
28.05.2012. Pfingstmontag.
Ein Tag mit Sommer-Juli-Freibad-Temperaturen. Draußen und im Auto sowieso.
Ich bin unterwegs in den Westen Hamburgs und schwanke während der Fahrt etwas unschlüssig zwischen Fenster auf und Wind oder Fenster zu und Klimaanlage. Fenster auf gewinnt, die Sonne scheint auf die Arme, ein Lüftchen umweht mich, und alles ist immer genau so lange gut, bis eine Ampel auf Rot springt und ich länger stehen muss. Dann heizt sich der Wagen im Nu auf. Nur kurz vor Ende der Reise die Klimaanlage noch hochzufahren, ist Energieverschwendung bzw. es ist auch so sinnlos, denn was nützt es, wenn sie es noch knapp schafft, Kühlschrank-Gemüsefach-Temperaturen zu zaubern, ich aber beim Aussteigen einen Schlag bekomme …?
Nein, keine Klimaanlage – und eigentlich möchte ich damit auch nur andeuten, dass ich ziemlich köchelnd in Niendorf eintraf.

Ich bin auf dem Weg zum Neuen Friedhof Niendorf. Einen Menschen besuchen, der heute Geburtstag gehabt hätte. Ein bisschen Zwiesprache halten, ihn auf den neuesten Stand der Dinge bringen, Fragen stellen, schauen, ob alles in Ordnung ist,  horchen, was so los ist …
Da ich nicht wusste, ob irgendwo ein Blumenladen am Pfingstmontag geöffnet hat, habe ich meinen Garten geplündert und laufe mit buntem Blumenstrauß bei gleißendem Licht Richtung schmiedeeisernem Eingangstor. Das Auto musste ich etwas entfernt parken. Ich schiebe die Unterlippe vor und puste Luft nach oben unter die Ponyhaare. Mir ist warm.
Das große Tor ist erreicht. Ein Schild, an den senkrechten Gitterstäben befestigt, enthält in großen Lettern die Warnung:
VORSICHT GLATTEIS!
Ich vergesse weiter zu pusten. Glatteis! Glatteis? Heute? Hier?
Nein. Natürlich, mir ist schon klar, dass es ein Ganzjahresschild ist, das im Sommer eben nicht entfernt wird. Doch diese Einsicht hat nicht verhindern können, dass vorher erste, automatische Reaktionen auftraten, das Gedanken sich eigenständig formten …
Ich bekam etwas Gänsehaut an den Unterarmen.
Ich dachte Millisekunden über meine Schuhe nach, die nicht glatteistauglich sind.
Danach passierte Folgendes: Szenen und vor allem völlig neue Warnschilder tauchten vor dem inneren Auge auf!
Sahara. Die Sonne brennt. Das Licht flimmert. Ein Schild: Vorsicht Überschwemmung!
Herbst an der Elbe. Heftigster Regenguss, nahende Sturmflut. Ein Warnschild: Vorsicht Sonnenbrand!
Und zu guter Letzt grübelte ich darüber nach, ob das Schild schon die ganzen fünf Jahre, die ich hier immer wieder herkomme, dort hängt. Ich kann es nicht sagen …

Ich traute mich trotz der Warnung auf das Friedhofsgelände und erreichte bald mein Ziel. Während ich die Blumen versorgte, plauderte ich mit ihm:
„Wusstest du, dass es gefährlich war, hierher zu kommen?“
(Er antwortete natürlich nicht, doch ich  berichtete ihm trotzdem von dem Schild.)
„Ich musste tierisch mit dem Glatteis hier bei dir aufpassen!“, bemerkte ich, mir Luft zufächelnd.

Ich habe ihn lachen gehört …

©Mai 2012 by Michèle Legrand

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Wenn … Es ist dein Leben

Audioversion des Gedichts.
(Nachtrag: zurzeit nicht möglich, das Sugarsync als Dienst hier nicht mehr aktiv.)

-> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_16553

Wenn …

Wenn du von der Vergangenheit schwärmst,
Nennen sie dich einen Träumer –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles verklärst,
All deine Erinnerungen Zuckerträume sind,
Du in der Vergangenheit lebst…

Wenn du von der Zukunft schwärmst,
Nennen sie dich leicht spöttisch einen hoffnungslosen Idealisten –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles rosarot siehst,
Allein das bald, später, irgendwann Kommende glorifizierst…

Wenn du sagst: ich lebe im Heute und Jetzt,
Nennen sie dich ignorant,
Und erzählen dir, du müsstest dich für die Vergangenheit
Und die Zukunft interessieren.
Als würde das eine das andere ausschließen…

Du schriebst ihnen nie vor, was sie zu tun hätten.
Doch es gab dir zu denken…
Nur sag’ selbst:
Was ist das Leben, wenn es ein anderer für dich führt?
Wenn du lebst, dann so, dass du dich lebendig fühlst,
Mit all deinen Erinnerungen, mit all deinen Zukunftsvisionen,
Und vor allem mit deinem Sein im Jetzt – hier und heute.
Kein anderer kann dein Leben für dich führen,
In deinem Sinne führen,
Kein anderer sollte dir dein Leben vorschreiben,
Deinen Weg festlegen.

Lass sie reden,
Wenn sie versuchen dir einzureden,
Dein Tun sei höchst lächerlich, weltfremd, konservativ, naiv,
Dein Verhalten sei ignorant, borniert, engstirnig, albern, rückständig
oder gar egoistisch …
Allein das Kennen so vieler negativer Eigenschaften
Und das Auslassen jeglicher positiver Aspekte,
Der überdeutliche Mangel an Toleranz,
Die fehlende Differenzierung –
Sollte dir zu denken geben.

Wenn du für dich beschließt,
eine andere Position einzunehmen,
etwas in deinem Leben anders zu gewichten,
eine Sache zu ver-rücken,
macht es dich gleich zum Verrückten?
Bist nicht vielleicht du eher das Wesen,
Welches den Wirrungen des Lebens
Nicht nur ausgeliefert, entrüstet, resigniert entgegenstolpert,
Sondern das vielmehr erfährt,
Dass sein Schatz an Erfahrungen aus der Vergangenheit,
Sein Zutrauen in die Zukunft sowie
Sein Lebensmut, sein Glaube, seine Intuition
Ihm wertvolle Gefährten sind
Auf diesem aufregenden, aber auch unbekannten Weg,
Der sich Leben nennt.

Deine Gefährten, deine Tag- und Nachtbegleiter – wegweisend.
Etwas, wonach andere zeit ihres Lebens vergeblich suchen?
Die, die dich den Träumer, den Idealisten nennen…
Die, die dich belächeln, kritisieren oder gar bevormunden.
Die, die reden, aber nicht verstehen,
Die, die reden, aber nicht zuhören,
Die, die reden und verpassen.
Immer wieder.

Lächle zurück, lass sie reden
Denn zu guter Letzt:
Wer kann beurteilen, was richtig ist, was falsch?
Für dich.
Du.

© by Michèle Legrand, Mai 2011

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