Beiträge getaggt mit Foto

In eigener Sache …

Sie haben es vielleicht bemerkt. Sie als Stammleser oder speziell ihr, Bloggerkolleginnen und -kollegen, denen ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Eine ungewöhnlich groß ausfallende Lücke beim Posten und ganz offenbar eine zu lang andauernde Pause, denn ich habe bereits etwas besorgt klingende Nachfragen erhalten. Nach einigem Zögern habe ich mich daher zu diesem Beitrag entschieden.

Mein Mann ist sehr schwer erkrankt. Bloggen in der herkömmlichen, lockeren Art und Weise ist mir momentan einfach unmöglich. Ich werde mich irgendwann zurückmelden. Möglicherweise wird es dauern oder – wer weiß – vielleicht taucht unvermutet auf einmal ein kleiner Beitrag auf. Weil das Schreiben auch oft hilft …

Ich möchte ansonsten nicht mehr Auskunft dazu geben, deshalb seid bitte nicht böse, wenn ich nicht auf Fragen eingehen werde. Die Natur des Blogs ist es nun einmal, dass alles ungefiltert in die gesamte, mir doch größten-
teils unbekannte Welt hinaustransportiert wird. Mehr Details für Unbekannte widerstreben mir jedoch zutiefst.
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Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht ...

Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht …

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Wer mit mir lange bekannt ist und außer durch den Blog ebenfalls via Facebook, Twitter oder sogar per Mail mit mir in Kontakt steht, kann sich wie bisher gern mit Dingen, die unter den Nägeln brennen, an mich wenden. Seien es Fragen zu Fachthemen oder eher persönliche Anliegen. Geht dann bitte den direkten, privaten Weg.
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Ich wünsche euch und Ihnen allen alles erdenklich Gute und freue mich auf ein Wiederlesen zu gegebener Zeit.

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©by Michèle Legrand, Mai 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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48 Kommentare

James Rhodes in Hamburg!

Über den Pianisten James Rhodes und seinen Konzertabend auf Kampnagel am 25. Oktober 2016

 

James Rhodes in Hamburg

James Rhodes ist auf Konzerttour in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Anhänger des Pianisten mussten einige Jahre warten, bevor endlich auch deutsche Städte auf dem Tourplan des Briten standen.
Am 25. Oktober 2016 lud er in Hamburg auf Kampnagel (K2) zu einem musikalischen Abend ein.

Reine Konzertkritik?

Anstelle einer reinen Konzertkritik in Kurzform, lade ich Sie heute zu einer sehr persönlichen Betrachtung ein, die Ihnen den Menschen James Rhodes zunächst näher bringt. Seine Art der Präsentation, seine Ausdrucks-
form als Künstler, beides wird ganz entscheidend von seinen persönlichen Erfahrungen, seinem Werdegang, seinem ganzen bisherigen Leben beeinflusst.
Würde ich Ihnen lediglich knapp berichten, welche Klavierstücke auf dem Kampnagel-Programm standen, welche Stimmung vorherrschte oder ob und wie meisterlich er spielte  – Sie würden nicht annähernd nach-
vollziehen können, was an Rhodes selbst und an seinem Klavierspiel so packend, so ergreifend ist.
Was einen Konzertabend mit dem Briten so besonders macht!

Warum darüber hinaus mich das Hamburg-Ereignis zusätzlich mit großer Vorfreude erfüllte und weshalb ich
dem Abend mit Spannung entgegensah, werde ich Ihnen dabei gern mit verraten. Sie vermuten schon ganz richtig, es existiert eine Vorgeschichte, und die begann für mich bereits vor sieben Jahren.

Eines gleich vorweg! Falls Sie jemals die Gelegenheit haben, ihn spielen zu hören oder ihn bei einem Auftritt
zu erleben, nutzen Sie die Chance!

Eine Annäherung

Sollten Sie sich – ganz spontan – ein Klavierkonzert und den dazugehörigen Pianisten vorstellen, hätten Sie vermutlich das Bild eines in Anzug oder sogar Frack gekleideten Herrn vor sich. Akkurater Haarschnitt, Fliege, glänzende Lederschuhe. Einen eher wortlosen Typ Künstler, denn ein Pianist kommuniziert im Allgemeinen
nicht mit dem Publikum.
Bei den Damen sähe dieses Bild nicht anders aus. Lange Abendrobe, die Haare luftig-frisch gestylt, ein ein-
nehmendes, das zwischen den vorgetragenen Werken ans Publikum verschenkt wird. Einnehmend, aber still.

Sicher gibt es einzelne Künstler, die in heutiger Zeit andere Wege einschlagen. Extrovertierte mit einem kleinen Faible für Schauspiel, Show und Entertainment und der Neigung zu einer gewissen Selbstdarstellung. Die Motivation entspringt dem Wunsch nach zusätzlicher Aufmerksamkeit, ein Vortrag erfolgt nicht allein um der Musik oder der Darbietung willen, sondern zur Pflege des Kults um die eigene Person. Hart gesagt, oder?
Es wäre vermessen, grundsätzlich zu unterstellen, dass Künstler dieser Art während des Spielens bewusst Selbstinszenierung betreiben, denn wer ist schon in der Lage inmitten einer hochkonzentrierten Darbietung eines schwierigen Werkes penibel darauf achten, eine bestimmte Pose zu halten, fotogen zu wirken oder Effekthascherei zu betreiben.
Dennoch, vielleicht fallen auch Ihnen auf Anhieb Namen von Künstlern ein, bei denen der schmerzverzerrte Blick, die sekundenlang elegant in der Luft verharrende Hand oder das Zurückwerfen der Haarpracht zumindest auf den Zuhörer und Zuschauer exakt so wirken: künstlich und inszeniert.

Einerlei, ob es sich um den konservativen, zurückhaltenden oder den modernen, mehr aus sich heraus-
kommenden und sich selbst in Rampenlicht stellenden Typ  handelt – solange der Pianist ein musikalisches Genie, ein Virtuose am Flügel und ein Interpretationskünstler ist, einer, der den Werken Leben einhaucht, so lange wird es ein wunderbares Hörerlebnis sein!
(Wenn es Ihnen so wie mir ergeht, dass Ihnen das Zuhören und Zuschauen bei bestimmten Menschen schier unmöglich ist, dann schließen Sie wie ich einfach die Augen.)

Eine andere Erscheinung …

Sie fragen sich, wozu ich dies alles erwähne?
Weil es anders läuft, sobald Sie der Einladung James Rhodes’ folgen. Der Brite, Jahrgang 1975, mag weder
die ihm widerstrebende Selbstverkostümierung, noch die Unnahbarkeit und das absolute Stillschweigen des vortragenden Pianisten.
Je nach vorherrschender Temperatur bzw. Jahreszeit erscheint er zum Konzert in T- oder Sweatshirt (gern mit BACH-Aufschrift) sowie Turn- oder Freizeitschuhen. Sein Friseur sieht ihn schon von Zeit zu Zeit, den Wuschelkopf komplett zu bändigen, ist aber nicht sein Hauptziel. Ein Drei-meist-aber-mehr-Tage-Bart gehört zu Rhodes ebenso dazu wie das Rachmaninow-Tattoo am Unterarm und seine große, dunkel gerahmte Brille. Eine Nerdbrille könnte man es nennen, so ein kantiges Kassengestell früherer Zeiten, eine Form, die schwer angesagt ist. Was jedoch reiner Zufall ist, denn er legt weder Wert auf angesagte Accessoires noch auf sonstige typische Attribute eines Konzertpianisten.
Gewohnte Äußerlichkeiten? Die Einhaltung des üblichen Ablaufs? Ein Auftritt ausschließlich an einem altehrwürdigen, Klassikkonzerten vorbehaltenen Veranstaltungsort?
Nein, meint Rhodes. Wozu auch. Kleider machen auch heute vielleicht noch Leute, sie erhöhen aber nicht die Virtuosität.
Um zu verstehen, dass hier nicht jemand einfach nur plietsch eine neue Schiene fährt, um so die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um zu begreifen, dass er der Musik trotz weniger förmlichen Auftritts und trotz Brechen bestehender (ungeschriebener) Regeln mit dem höchsten Respekt und sehr viel Liebe begegnet, müssen Sie ihn und seinen Werdegang kennenlernen. Ein Werdegang, der so anders ist als der weitaus meisten seiner Klassik-Kollegen. Sein Weg als Pianist war überhaupt nicht vorgezeichnet!

Die Geschichte des James Rhodes …

Rhodes stammt nicht wie viele andere aus einer Familie, in der schon seit Generationen musiziert wurde. Er hat nicht bereits im Kindesalter Klavierunterricht genossen, hat keine ersten Erfolge bei Jugendwettbewerben eingeheimst oder Bekanntheit durch sie erlangt.
Vor allem aber hat er eines nicht: Er hat keine ungetrübte Kindheit genossen. Und das ist die Untertreibung schlechthin! Was er durchgemacht hat, muss die Hölle gewesen sein und wird ihn ohne Zweifel bis an sein Lebensende nicht loslassen.
Der Brite wurde das Opfer von schlimmstem Kindesmissbrauch, einem Missbrauch der über Jahre anhielt, und wer seine Autobiographie liest, der erfährt sehr viel über das Danach. Die Operationen, die nötig sind. Das anfängliche Verdrängen, das wieder Hochkommen aller Pein, gerade als er selbst Vater eines kleinen Jungen wird. Erst im Alter von 30 Jahres redet er das erste Mal über den Kindesmissbrauch!
Sein Buch, 2015 unter dem Titel Instrumental in England erschienen und seit Februar 2016 in der deutschen Fassung unter dem Titel „Der Klang der Wut“ erhältlich, beschreibt auch diese Zeit, offenbart genau jene unbändige Wut, die in dem jungen James Rhodes steckt.
Er nutzt harte, deftige, drastische Worte, zu drastische ist häufig der Eindruck, doch für die Schilderung solch traumatischer Erlebnisse und für ein Aufrütteln gelten definitiv andere Regeln als für eine der üblichen Autographien. Schonungslos offen und dennoch lässt er einiges aus. Es reicht auch so, dem Außenstehenden das Ausmaß des Martyriums zu vermitteln. Es lässt förmlich erstarren.

Die Auswirkungen bei ihm sind Scham, Selbsthass, Selbstverstümmelung, Depressionen, Drogen, Selbstmord-
gedanken, Selbstmordversuche. Er wird mehrmals in die Psychiatrie gebracht. Nicht die Tatsache, dass er dort ist, dass er Medikamente oder Therapie erhält, rettet ihn, sondern etwas anderes führt ihn aus der tiefsten Krise heraus: die klassische Musik.
Zugang zu einem Klavier hatte er schon früher in der Schulzeit, das Spielen und der Klang waren ihm als wohltuend bekannt. Doch Unterricht? Er bringt sich das Spielen selbst bei. Sein Talent wird ersichtlich. Seine Eltern erlauben allerdings nach der Schule kein Musikstudium, woraufhin er die nächsten zehn Jahre keine Taste mehr anrührt. Daher wird ihm erst zu einem relativ späten Zeitpunkt bewusst, dass es die Musik ist, die seinen Schutzraum darstellt und dass das Hören bestimmter Werke etwas Positives in ihm in Gang setzt.
Licht in Dunkelheit hineinlässt. Ihm wird irgendwann klar, dass die klassische Musik, dass das Spielen dieser Werke für ihn die Rettung bedeutet.
Er, der kurz vorher noch zu den harten Worten, der drastischen, gelegentlich bis hin zur provokanten Ausdrucksweise greift, schreibt in „Klang der Wut“ über das Gefühl, dass ihn beim Anhören des Adagios von Bach-Marcello aus dem Oboenkonzert in D-Moll, BWV 974 überkommt (und über Bach generell) in einer gänzlich anderen Art und Weise:

Es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
An anderer Stelle:
Wenn etwas so Starkes, so Schönes existieren kann, dann kann ja nicht alles schlecht sein. Da sagte ich mir: Okay, ich mach‘ noch ein bisschen weiter.“
Und weiter:
“Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“

James Rhodes hat in der folgenden Zeit Unterricht bei einem Lehrer in Verona, er übt Stunden um Stunden.
Tag für Tag. Monat um Monat.
Zwei, drei Jahre vergehen, und im November 2008 gibt er sein erstes öffentliches Konzert in der Steinway Hall
in London. Es folgen weitere Auftritte, im Mai 2009 findet im The Roundhouse in Camden sein Solokonzert statt.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal von James Rhodes höre. Hier in Deutschland ist er ein absolut Unbekannter, doch Stephen Fry, der britische Autor, Schauspieler und Moderator erwähnt einen außer-
gewöhnlichen Pianisten und leitet den Link zu einem kurzen Video weiter.
Ich habe seit Teenagerzeiten der Klaviermusik unterschiedlichster Interpreten gelauscht, verschiedene Fassungen ein und desselben Werks kennengelernt, bemerke die Unterschiede und empfinde naturgemäß die Darbietung einzelner Tastenkünstler als unterschiedlich „attraktiv“, doch als ich Rhodes das erste Mal zuhöre, packt es mich. Zu dieser Zeit weiß ich nichts über das bisherige Leben des Mannes aus England. Ich stelle nur fest, wenn er spielt, ist etwas anders. Seine Musik wird auf eine andere Art und intensiver weitergeleitet, Klänge, aber auch Gefühle scheinen unmittelbar in einen überzugehen. Wenn ich es beschreiben sollte, dann so: Er ist der Vermittler eines Werks, der virtuose Gestalter, doch raubt er sich das Werk dabei nicht. Er macht sich nicht zur Hauptperson, während er spielt. Bei ihm ist es bereichernd und faszinierend, ihm nicht nur zuzuhören, sondern auch, ihm dabei zuzusehen … Seine Versunkenheit, seine Ruhe, seine Authentizität, die natürliche Hingabe – das alles sucht seinesgleichen …

Rhodes’  Bekanntheit im eigenen Land wächst mit jedem Auftritt. Der Engländer nimmt an diversen Festivals teil und steht für BBC4 für eine Dokumentation zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin, die 2010 ausgestrahlt wird, vor der Kamera.  Es folgen weitere Auftritte nun auch im Ausland. 2011 gastiert er in Australien, 2012 geht es in die USA, u. a. nach Chicago, Hongkong lernt ihn 2013 kennen. Das englische Fernsehen sendet es in der Zwischenzeit die siebenteilige Serie James Rhodes: Piano Man.

Er engagiert sich für Projekte, bei denen es um die Belange von Menschen mit psychischen Problemen geht. Ebenso unterstützt er eine Aktion, deren Ziel die Verbesserung des Musikunterrichts überall im Vereinigten Königreich ist. Bei dem Projekt Don’t Stop the Music kommen 2014 im Zuge einer großen Sammelaktion mehr als 7 000 Instrumente zusammen, die an 150 Grundschulen verteilt werden und von denen im Jahr 10 000 Schüler profitieren.

Mittlerweile hat er mehrere Alben veröffentlicht, schreibt hin und wieder für Zeitungen einen Gastbeitrag. Die Medien widmen sich natürlich nicht nur seinem künstlerischen Schaffen, sondern beschäftigen sich ebenfalls mit seinem Vorleben und haben Kenntnis vom Kindesmissbrauch. Rhodes geht inzwischen offen damit um. Es geht es auch deshalb offensiv an, weil er davor warnen möchte. Er will Menschen sensibilisieren, möchte verhindern, dass es weitere Opfer gibt, nur weil Unkenntnis herrscht und sich mangelhaft für den Schutz eingesetzt wird. Andererseits ermutigt er mit seinem Vorgehen andere Leidtragende, sich zu wehren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und er sagt auch an Mitwissende gewandt: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Als Verlage an ihn herantreten und ihm die Autobiographie vorschlagen, willigt er ein.

Eine sicher insgesamt nicht einfache Entscheidung, doch was kann besser, sinnvoller und wirkungsvoller sein, als dass ein derart Betroffener selbst Fakten nennt, die Wahrheit aufschreibt und diese veröffentlicht, statt es den Medien indirekt freizustellen, sich mangels Information ihre Geschichten nach eigener Vorstellung und fern aller Realität zurechtzubasteln. Vielleicht befreit es auch und rückt einiges ins richtige Licht.

Sie sehen aus dieser Entwicklung jedoch, dass Rhodes’ Motivation zur Veröffentlichung eines solchen Buches nicht die ist, zunächst die Autobiographie auf den Markt zu bringen, um mit seiner dramatischen Vergangenheit seine Bekanntheit als Pianist zu steigern, sondern er schreibt zu einem Zeitpunkt, als seine bereits existierende Bekanntheit sich in seinen Augen für ein sinnvolles und ihm enorm wichtiges Ziel nutzen lässt.
Dass erst per Gerichtsbeschluss gestattet werden muss, dieses Buch überhaupt zu veröffentlichen, kann ihn nicht davon abhalten.

Als Publikum bei James Rhodes

Sie kennen James Rhodes nun bereits soweit, dass es Sie kaum mehr irritieren wird, dass ein Pianist es entgegen gängiger Praxis anders handhabt und sich zwischen seinen Werken direkt an seine Zuhörer wendet. Der Brite hält Kommunikation, gerade in heutigen Zeiten, für wichtig. Er hält es auch für wichtig, dass über das Stück, über den Komponisten und dessen Anliegen erzählt wird. Oder über dessen persönliche Verfassung, Umstände und Beweggründe, ein bestimmtes Werk in genau dieser Form zu Papier zu bringen.
Er setzt nicht voraus, dass jeder bereits alles im Vorfeld weiß oder vorab in Erfahrung bringt. Ein Austausch, bevor er sich an den Flügel setzt und startet, ist ihm viel lieber.
Nun werden Fachkritiker vermutlich gern anmerken, dass er ja gar nicht ernst, nicht lehrbuchhaft erklärt, nicht doziert. Muss er denn?
Was er betreibt, ist eine Situationsbeschreibung, er vermittelt eine Grundstimmung, ein Gefühl, und schon bevor er die Brille absetzt und sich zum Spielen niederlässt, haben Sie als Zuhörer Zugang. Eine Vorstellung. Bereits mit seinem ersten Ton holt er Sie genau dort ab.

Ihm liegt viel daran, dass nicht nur das herkömmliche Publikum „bedient“ wird, Menschen vom Fach, eine begrenzte Gruppe. Er möchte, dass Menschen herangeführt werden, die sich bisher an klassische Musik nicht herangetraut haben. Er will ihnen die Schönheit der Musik vermitteln. Die Energie dieser Musik und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Aus diesem Grund geht er gern einmal an ungewöhnliche Orte. Nutzt öffentliche Plätze. Stellt seinen Flügel zwischen Hochhausbauten auf und beginnt dort sein Spiel. Es hat die Wirkung, die oft auch ein Flashmob auslöst: Überraschung, nach der ersten Verblüffung Ergriffenheit, dann Begeisterung. Es schürt letztendlich nicht selten Neugier, entfacht Lust und macht Mut, sich bis dahin völlig Unbekanntem endlich zu nähern.
Er zieht damit auch Jüngere an. Eine britische Zeitung nannte ihn vor Jahren einmal den „Beethoven der iPhone-Generation“ …

Das Konzert auf Kampnagel

Saal K2 auf Kampnagel. Die von dunklen Vorhängen eingerahmte Bühne mit dem Flügel ist ebenerdig, die Zuschauerplätze befinden sich auf einer ansteigenden Tribüne, die jedem gute Sicht verschafft. Freie Platzwahl heißt es auf den Tickets. Was nichts anderes bedeutet, als nur frühes Anstehen sichert einen guten Platz im vorderen Bereich. Was die lange Schlange vor dem Einlass vermuten lässt, bewahrheitet sich: es wird voll. James Rhodes scheint nicht mehr nur ein Geheimtipp zu sein …
Pünktlich wird er angekündigt, tritt aus einem Spalt der dunklen Seitenvorhänge hervor, schaut kurz freundlich Richtung Publikum, steuert jedoch mit seinem leicht wippend-federnden Gang direkt den Flügel an. Er legt die Brille ab – ein immer wieder kehrendes Ritual, bevor die Finger über die Tasten fliegen – und beginnt. Mit Bach. Seinem bevorzugten Komponisten. Mit ihm startet und endet später sein Hamburg-Programm.

Rhodes mag nicht nur Bach, den nur besonders. Seine Goldberg Variationen, die Chaconne in D-Moll … Er bewundert ebenso Beethoven, Chopin, Prokofjew, Moszkowski, Mozart, Gluck, Puccini u. a.  Es faszinieren ihn einige Pianisten besonders. Glenn Gould ist u. a. sein Vorbild, – was man seinem Spiel mitunter anmerkt. Den russischen Pianisten Grigory Sokolov, den verehrt er ebenfalls.

Für den Abend auf Kampnagel hat er sich die Fantasie in F-Moll Op. 49 von Chopin herausgesucht. Darauffolgend vom selben Komponisten die Polonaise-Fantasie, Op. 61, As-Dur.
Beides spielt er ohne Notenblatt und … bewegend. Mitreißend. Gerade Chopin hat es in sich, ein Komponist, der die verbundenen Töne sehr liebte und in dessen Werken oft eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen zusammentrifft.
Zuvor holt Rhodes allerdings die Begrüßung nach und erzählt er in seiner natürlichen, unverkrampften Art über die gleich zu hörenden Werke. Fantasie. Sie soll auch das Thema des Abends sein. Fantasie sei wichtig, genauso wie Kreativität, die in unserer schnellen Zeit oft zu kurz zu kommen droht. In Gefahr ist. Er bringt eine Besonderheit der Kreativität in diesem kurzen Satz auf den Punkt: „Creativity is a form of meditation. Inside.“

Rhodes fährt fort mit der Klaviersonate 31, Opus 110, As-Dur von Beethoven. Ein Traum …
Konzertende? Offiziell schon und doch wieder nicht, denn danach reiht sich eine Zugabe an die nächste.
Er spielt aus Orpheus und Eurydike von Ch. W. Gluck. Die  nächste „encore“ entpuppt sich als das letzte Präludium von Rachmaninow in Des-Dur.
Immer noch ist nicht Schluss. Fast schüchtern kündigt er eine weitere Zugabe an, einen Titel, den er erst einmal zuvor öffentlich präsentiert hätte, brandneu sozusagen. Ein Stück aus einer Puccini-Oper, doch er verrät nicht, wie es heißt. Versichert allerdings, es würde einem nach spätestens 27 Sekunden bekannt vorkommen. Er sollte damit recht behalten. Es ist „O mio babbino caro“ aus der Oper Gianna Schicchi.

Jedes schöne Ereignis geht irgendwann einmal vorbei. Er lässt den Abend nach gut eineinhalb Stunden mit Bach ausklingen und hinterlässt ein stürmisch applaudierendes und wie es scheint allgemein begeistertes Publikum in Hamburg.
(Warum der Veranstalter dieses Konzert allerdings als eine „Musikalische Lesung“ ankündigte, bleibt rätselhaft.)

Für ihn ist an diesem Abend die Arbeit noch nicht getan. Seine Autobiographie liegt im Foyer in der englischen und deutschen Fassung aus und wird von ihm nach dem Konzert signiert.
Ich habe kein Buch mitgebracht, aber meine allererste CD von ihm aus dem Jahr 2009. Sie trägt nun seinen Unterschriftenkringel …

Nach dem ersten Gepacktsein vor sieben Jahren, nach der Beobachtung seiner weiteren Entwicklung und dem Verfolgen seines Schaffens über das Internet, durch Zeitungsartikel, durch Bücher etc., gab es an diesem Abend die Gelegenheit, den Pianisten James Rhodes live spielen zu hören und real zu erleben. Das Bild hat sich vervollständigt. Für mich. Für andere. Gut möglich, dass noch mehr Menschen eines Tages den Wunsch verspüren, von ihm zu hören. Von seinem Klavierspiel und von seiner ganz eigenen Art, die Kraft der Musik deutlich zu machen.

James Rhodes, der Mann, den die Musik auffing und rettete, er sagt, das Einzigartige an klassischer Musik sei, dass sie, selbst wenn es ein trauriges Stück ist, immer noch wunderschön sein.
 „Even the pain is beautiful in classical music.“
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke, das Geheimnis ihrer Wirkungskraft.

Was für ein Abend! Wenn dieser unkonventionelle, unverstellte Brite, dieser so authentische Mann und grandiose Pianist wieder einmal in Deutschland sein sollte und Sie Verlangen nach Echtem haben, nach etwas, das Sie mitten ins Herz trifft, dann …
Rechtzeitig Karten sichern!

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Quellen:
James Rhodes: Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
(Verlag Nagel & Kimche AG – ISBN-13: 978-3312006540)
Informationen aus Interviews in diversen engl. Zeitschriften aus den Jahren 2009-2016
Eine mittlerweile seit sieben Jahren bestehende Twitterverbindung

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

 

 

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35 Kommentare

Freddy mit der Mütze …

Ich weiß, ich fragte mich, ob er wohl immer noch das sehr volle, dunkle Haar hätte … Nur Freddy Quinn
trug eine dieser schwarzen, grobgestrickten, zipfellosen Wollmützen. Tief in die Stirn gezogen und bis
über eventuell vorhandene Koteletten. Kein Wunder, das Wetter präsentierte sich äußerst grottig;
kühl, nass und trüb.
Der Dunst hing tief über der Außenalster, doch wir saßen unverdrossen auf einer der Bänke am Ufer.
Er hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, die Beine weit von sich gestreckt, dabei
die Füße überkreuzt und erzählte schmunzelnd von einer Ruderregatta.
Ein Kind in bunten Gummistiefeln rannte auf dem angrenzenden Spazierweg durch eine Pfütze.
Immer wieder. Hin und her. Hin und her …
Aus einem der nahen Bäume drang der Lärm gleich mehrerer echauffierter Krähen und unterbrach Freddys Erzählfluss. Sein Blick ging hoch ins Geäst. Als er die Radaubrüder entdeckt hatte, krächzte er zurück, als spräche er ihre Sprache. Er kehrte wieder zu seinen Regattaerinnerungen zurück, während ich auf der gro-
ßen Wiese rechts das Dromedar wahrnahm, das feuchtes Gras kaute. Unentwegt.
Wir starrten uns ein Weilchen an, bis … Moment!

Ein Dromedar? Frei? In Hamburg …? Und wieso Freddy Quinn … mit mir …?
Mir kam das mehr als verdächtig vor. Aus gutem Grund!

Sie ahnen es vermutlich – alles nur geträumt. Mir selbst wird das meist in eben solchem Moment klar, in
dem sich komplett Unlogisches hineinmogelt. Mitten im Schlaf kommt die Erkenntnis! Nicht real! Traum!
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.
Ist der Traum absurd und völlig überflüssig, unterbreche ich das Geschehen, wofür oftmals nicht einmal komplettes Aufwachen nötig ist. Während des Schlafens verblasst das Bild oder die Handlung endet einfach. Schlagartig. Auch das kommt vor.
Sind die im Schlaf hochkommenden Bilder jedoch spannend und höchst willkommen, tauchen Personen in diesem nächtlichen Film auf, an denen mir liegt, die ich unbedingt sehen und hören möchte – im realen Leben sind sie womöglich bereits verstorben – und wird mir in dem Fall bewusst, dass nur ein Traum läuft (Klaus lebt doch gar nicht mehr …?), liegt mir unheimlich viel daran, dass er jetzt bloß nicht endet!
Nein! Nicht aufwachen! Lass die Bilder nicht verschwinden …
Nun ja, in dieser Hinsicht ist wohl kräftiges Üben angesagt, denn die Handlung zuverlässig fortlaufen zu lassen gelingt mir nicht, es lässt sich zumindest nicht lange durchhalten. Irgendwie scheint gerade dieser sehnliche Wunsch, die Dringlichkeit dahinter, den Plan regelrecht zu durchkreuzen.

Speziell diese sehr merkwürdigen Dinge – warum träumt der Mensch bloß derartige Ungereimtheiten?
Von Plätzen, an denen er nicht war, Menschen, die er gar nicht kennt …? Lassen Sie es uns nicht wissen-
schaftlich zu erklären versuchen oder professionelle Traumdeutung heranziehen – lassen Sie uns einfach nur herumunken und spekulieren.
Erinnern Sie sich noch an etwas, was ich Ihnen in ganz frühen Zeiten dieses Blogs anvertraut habe? Ich nahm damals an (ebenso munter-spekulativ gemeint), dass Träume offensichtlich hin und wieder schwer fehlgeleitet werden. Das bedeutet, Sie bekommen höchstwahrscheinlich gelegentlich Träume eingespeist, die eigentlich für jemand anderen gedacht sind. Genauso umgekehrt. Jemand erhält die für Sie gedachte Story.
Das Durcheinander bei den Inhalten und entsprechend mangelndes Verständnis können Sie sich vorstellen.

Einmal hatte ich nächtens das Vergnügen, in einer Oase zu sitzen. Dort war kein Dromedar, allerdings traf ich in der Wüste auf meine ehemalige Französischlehrerin, die ernst und mit Hingabe auf einer großen Harfe spielte. Wer sie kennt bzw. kannte, weiß, wie unwahrscheinlich dieses Szenario ist! Erklär mir einer so etwas …
Hatte ich die neun Ameisenhaufen am Strand schon erwähnt? In dem Traum spielten auch Richard von Weizsäcker und ein schwarzes Taxi eine wichtige Rolle. Oder die Sache mit dem russischen Briefträger und seiner Trillerpfeife?
War das etwa einer Ihrer Träume? Geklaut und zu mir umgeleitet? Können Sie vielleicht etwas damit anfangen?

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Sie mir einfach erzählen, was Ihnen traumbezogen bisher fehlt oder was nicht mehr vorkommt, schlicht abhanden gekommen zu sein scheint. Wenn ich merke, dass so etwas irrtümlich bei mir landet, dirigiere ich es selbstverständlich sofort zu Ihnen um.

Mehr wollte ich Ihnen gar nicht erzählen, ich habe noch zu tun.
Halt! Gerade fällt mir noch etwas ein!
Die merkwürdigen Träume haben hin und wieder so ihre kleinen Auswirkungen auf das nachfolgende Verhalten im Wachzustand. Seit dem Freddy-Traum gestern ertappe ich mich z. B. dabei, dass ich ständig „Hundert Mann und ein Befehl“ singe. Das legt sich hoffentlich in ein oder zwei Tagen wieder.
Mittlerweile habe ich sogar herausgefunden, wann und wodurch diese sonderbaren Träume ausgelöst werden. Es hat nichts mit gerade vorher Erlebtem zu tun.
Es passiert zuverlässig, wenn es mir im Schlafzimmer im Laufe der Nacht zu kalt wird, ich deshalb gegen Morgen doch den Thermostat der Heizung aufdrehe, das Frösteln nachlässt und ich zu dieser Zeit noch einmal einschlafe. Das ist der Startschuss für reichlich phantasievolle bis wirre Träume!
In meinen Augen ist die Ursache ein kräftig losbollernder Heizkörper, der während des Morgenschlafs für mollige Temperaturen sorgt. Und nur morgens funktioniert es!
Dadurch, dass Sie nach einem dieser Träume tageszeitbedingt meist endgültig aufwachen, bleibt der Inhalt sogar noch ein Weilchen im Gedächtnis haften, was ja sonst nicht immer der Fall ist.
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Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und träumen Sie etwas Nettes!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

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17 Kommentare

Der Verband …

Sind Sie eigentlich mehr ein mitfühlender Mensch oder eher der etwas schadenfrohe Typ?
Tatsächlich? Immer lieb und verständnisvoll?
Wie sieht es aus mit gelegentlich nur schwer unterdrücktem Grinsen?
So ein klein wenig? Nein? Nie …?
Falls Sie sich und Ihr Verhalten nicht genau einschätzen können und Unsicherheit bezüglich des Typs
herrscht, dürfen Sie Ihre spontane Reaktion auf eine Begebenheit gleich hier testen.

Sie saßen gestern mit mir in der U-Bahn. Eine jüngere Mutter neben mir auf der Zweiersitzbank,
gegenüber auf den beiden Plätzen hatten die Tochter und der Vater des Kindes Platz genommen.

„Kann ich mal die Tüte haben?“, fragte die ca. Sechsjährige.
„Welche denn?“, wollte meine Sitznachbarin wissen.
Die, wo die Pferde drin sind“, sagte die Kleine.
Ihre Mutter suchte in den diversen Taschen, nahm schließlich aus einem der Beutel eine noch original
verpackte Bettwäschegarnitur und reichte sie hinüber. Leuchtende Augen! Pferdebettwäsche! Der Traum
vieler weiblicher Wesen – zumindest in einem bestimmten Alter. Sie strich liebevoll mit den Fingern über
die durchsichtige Plastikfolie und schmachtete den darunter zu sehenden Pferdekopf an. Rundlich und freundlich wirkte er. Ein sehr sanfter Blick gehörte dazu. Die wuschelige Mähne hing in langen Fransen bis
über die dunklen Kulleraugen. Ein Pferdefan findet das ja ungemein attraktiv.
„Mama, kann ich das aufmachen?“
„Warte doch bis wir zu Hause sind, Jasmin.“
„Och, nöö … Kann ich nicht ein bisschen …? Ich will nur das Pferd fühlen.“
Das Pferd? Nun, ein Pferd auf Stoff schien auf jeden Fall „echter“ und somit fühlbarer zu sein als eines unter Plastikfolie.
„Also gut“, gab ihre Mutter nach, „du kannst zum Reingreifen die Packung oben öffnen. Siehst du, hier …
Aber nichts rausziehen!“

„Okay.“
Das Kind war beschäftigt, die Eltern bald in eine rege Unterhaltung verwickelt. Die Packung hatte oben als Verschluss eine überlappende und an der Packungsrückseite anhaftende Plastiklasche, die zusätzlich über die gesamte Breite noch mit einem Tesafilmstreifen gesichert war. Die Kleine hielt das nicht auf. Sie pulte geduldig den Anfang des Streifens los und zog ihn danach komplett ab, ohne dass sich das Ding verzwirbelte oder an ihr haften blieb. Sie nahm rechtzeitig die zweite Hand zur Hilfe und hielt den Streifen nun – straff gespannt – links und rechts jeweils an den Enden fest.
„Mama …?“
Loswerden wollte sie den Klebestreifen natürlich schon irgendwie. So konnte sie ihr Pferd nämlich nicht befühlen. Mama war jedoch in ihr eigenes Gespräch vertieft und bekam nichts mit. Hörte der Vater vielleicht besser?
„Papa, du …?“
Der war offensichtlich ebenso gefangen von der gemeinsamen Unterhaltung mit seiner Frau.
„Papa …, soll ich dir einen Verband machen?“
Es schien sich mehr um einen Automatismus zu handeln, dass sein Kopf sich bewegte und er zustimmend nickte. Seine Tochter wickelte daraufhin das klebrige Ding mit Geschick und Hingabe rund um seinen Arm, irgendwo auf halber Höhe zwischen Ellenbogen und der Armbanduhr. Der neue Verband lag eng an. Sie
drückte den Streifen ringsherum noch zusätzlich ein bisschen fest. Bildschön war es geworden …
„Mama, Papa, guckt mal …!“
„Toll, Jasmin“, erwiderte Mama. Nur schaute sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst hin.

Die Kleine widmete sich nun zufrieden dem Pferd auf dem Stoff und wieherte ab und zu fröhlich vor sich hin.
Drei Stationen später ging es für die Familie ans Aussteigen.
„Jasmin, gibst du mir bitte die Bettwäsche wieder. Ich muss sie jetzt wegstecken.“
Beim Versuch, die Verpackung zu verschließen, fluppte die Lasche prompt wieder hoch.
„War da nicht noch etwas zum Zukleben?“, erkundigte sich Jasmins Mama.
„Das hat Papa doch jetzt als Verband!“, meinte Töchterlein daraufhin sehr stolz.
Zwei Elternaugenpaare richteten sich auf besagten Verband.

Und dann hätten Sie das Entsetzen sehen sollen, als der Vater bemerkte, dass sein stark behaarter Unterarm äußerst sorgsam umklebt worden war! Offenbar kamen alte Erinnerungen an schmerzvolle Pflasterent-
fernungen oder eventuell sogar an tatsächlich erlittene Enthaarungsdramen unvermittelt wieder hoch …
Er fluchte los, bekam sich wieder unter Kontrolle und zupfte schließlich äußerst zaghaft an einem Ende des Klebestreifens. Ihm fehlte der Mut, diese Fummelaktion fortzusetzen – ganz zu schweigen vom Mumm, den Streifen einfach beherzt herunterzureißen!
Jasmin verstand die ganze Aufregung natürlich überhaupt nicht, die Mutter wiederum verkniff sich krampfhaft ein Lachen. Sie kämpfte vorbildlich um ihre Beherrschung, was ihr auch auf bewundernswerte Weise bereits nach Sekunden gelang.  Sie schaffte es daraufhin sogar, ihren Mann mit der Aussicht auf ein daheim durch vorheriges Einweichen schmerzfreies Abnehmen seines Verbandes“ zu beruhigen.
Ja, ja, die kleine Dramen des Alltags …

Wie fiel denn nun Ihre spontane Reaktion aus? Kam Mitleid mit dem Manne auf? Nein, oder? Mitleid bringt auch nichts. Aber vielleicht ein Quäntchen Mitgefühl? Und trotzdem dieser Anflug eines leichten Grinsens? Nebst einer Prise Erleichterung, dass es jemand anderen traf? Na, nun rücken Sie schon damit heraus …

Was der Test bei mir ergab? In dieser Situation zumindest war ich eindeutig ein Mischtyp …

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© by Michèle Legrand, August 2016
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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32 Kommentare

Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …

Garten im Mai mit Glyzinie, Clematis, Spanischem Hasenglöckchen etc.

Ganz kurz heute nur! Ein kleines Lebenszeichen mit einem Gruß aus dem Garten!

Dazu die Ankündigung, dass es vermutlich morgen bereits einen neuen, umfangreicheren Blogbeitrag gibt,
für den Sie dann wieder etwas mehr Zeit und ein wenig Muße gebrauchen könnten.
Es wird etwas zum in Ruhe Schmökern, zum Anschauen, zum nebenher Gedanken spielen lassen.

Dabei wird es um Kesselfallen, um Stapeltiere, um Menschen auf Brettern, um Pflicht und Kür und um den
alten Manet in der Hamburger Kunsthalle gehen.
Vielleicht haben Sie Lust, wieder mit von der Partie zu sein.
Bis bald!

Ich bin leider noch eingespannt und muss wieder ran. Wie Monsieur Bécaud bereits sang:
Und die Zeit, und die Zeit, und die Zeit …

Ihnen ein schönes Wochenende!

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© by Michèle Legrand, Juni 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Telefonate der Woche: Das Prinzip der Hotline, Fehlversuche und ein Falschanrufer

Wundern Sie sich auch über manche Telefonate? Darüber, wie sich einzelne Unterhaltungen entwickeln? Welche Anlaufschwierigkeiten sich ergeben, mit wem ein Gespräch zustande kommt, welchen Verlauf es nimmt, was Ungeahntes passiert?
Ich schon, denn allein in der letzten Woche gab es für mich wieder ein kleines Wechselbad der Gefühle durch einen bunten Mix an Entwicklungen zwischen Höreraufnahme und dem finalen Klick beim Auflegen.
Als erstaunlich empfinde ich besonders aus einem Grund dieses ganz persönliche Potpourri: Ich telefoniere relativ wenig! Man sollte meinen, in dem Fall wären die Chancen auf Vielfalt oder Überraschung am Hörer eher gering …

Vergessen Sie solche Wahrscheinlichkeiten! Das ist wie mit den statistischen Werten. Ein errechneter Durchschnitt ist eben nur der Mittelwert. Wenn von 100 Gesprächen zehn Telefonate zur Kategorie von der Norm abweichend bis leicht kurios, Inhalt Blutdruck steigernd zählen, spricht die Statistik von einem Anteil
von zehn Prozent. Vielleicht interpretiert sie gleich hinzu, somit würde jeder zehnte Anrufer ein irgendwie unorthodoxes Telefonat führen oder erhalten.
Das ist eine sehr gewagte Aussage! Dass es jeden Zehnten trifft, meine ich. Denken Sie nur an den Sektverbrauch der Deutschen. Den insgesamt und die daraus ermittelte Flaschenanzahl pro Kopf pro Jahr.
Sie wissen, worauf ich hinaus will?
Exakt! Die Ihnen rein rechnerisch zustehenden zehn Flaschen haben Sie nie gesehen, dafür trinkt ein anderer zwanzig leer. Genauso läuft es mit den Telefongesprächen. Unberechenbar. Während manche Menschen fast ausschließlich unspektakuläre, fast eintönige (da durchweg erwartungsgemäß verlaufende bzw. sich inhaltlich wiederholende) Unterhaltungen führen, erleben andere die von der Norm abweichenden Telefonate quasi im Übermaß. Vermutlich, damit insgesamt die Statistik wieder stimmt …

Hotlines  – Warum hapert es mit dem Service?

Ich hatte Anfang der Woche wieder einmal ein Telefonat bezüglich meines Zeitungsabonnements. Eine Reklamation bei der Kundenhotline, deren Nummer ich mittlerweile auswendig kenne. Mich beschäftigt seitdem dieses Prinzip nach dem Hotlines arbeiten. Das System, wie es funktionieren soll und genauso die Ursache für das stattdessen oftmals vorprogrammierte „Scheitern“, das damit verbunden ist.

Gespräche mit Hotlines verlaufen streng genommen – wenn Sie rein den Wortlaut der Unterhaltung betrachten – nicht unbedingt kurios, im Gegenteil, ihr Ablauf ist nach einigen Kontakten sogar fast exakt vorhersehbar. Doch je öfter Sie Verbindung aufnehmen müssen, desto zuverlässiger sind diese Telefonate bei Ihnen Auslöser für heftige Stimmungsschwankungen. Schließlich haben Sie inzwischen viel erlebt, sind mittlerweile reich an Erfahrungen. Nicht immer positiven …
Kennen Sie dieses Glücksgefühl, wenn Sie endlich einen lebendigen Menschen am Hörer haben? Traumhaft, nicht wahr? Allerdings müssen Sie vorher fast überall erst einmal mit Hilfe des überaus beliebten Zahlenspiels ein automatisiertes Filtern über sich ergehen lassen.
„Wenn Sie in den Urlaub fahren oder Ihre Zeitung nicht erhalten haben, wählen Sie die 1. Wenn Sie Fragen zum Online-Abonnement haben, wählen Sie die 2 …
Nach dieser Erstauswahl wird natürlich weiter gefiltert. Was jetzt – Urlaub? Oder doch die vermisste Zeitung? Letzteres, die Tageszeitung fehlt wieder einmal.
Wählen Sie die 1 …
Sobald ich bis dahin gelangt bin, fliege ich gern genau an diesem Punkt komplett aus der Leitung. Falls wider Erwarten nicht, startet dieses Zwangsgedudel zur Überbrückung der Wartezeit, denn noch „sind alle Mitarbeiter im Gespräch“. Was mich eher fertigmacht als beruhigt, ist dabei das wiederholte Einspielen einer Stimme, die mir permanent und unerträglich gut gelaunt vorschlägt (Sie kennen bestimmt dieses fürchterlich aufgekratzte Sprechen mit dem künstlichen Singsang und den eingestreuten kleinen Lachglucksern), doch „auch gern einmal unseren Online-Service zu testen“. Nein, danke, der ist zwar ruhiger, nur leider zu still. Von dort kam bei einem früheren Versuch überhaupt keine Reaktion.

Je nachdem, wie sich der in dem Moment zuständige telefonische Servicemitarbeiter anschließend präsentiert und (re)agiert, entsteht bei Ihnen entweder ein Gefühl von aufkeimender Hoffnung, sogar Begeisterung und Dankbarkeit oder aber – das andere Extrem – Sie sind frustgeschüttelt. Gerade wenn Sie schon öfter erfolglos in der gleichen Angelegenheit vorstellig waren.
Kundenservice … Ich brauche Ihnen noch nicht einmal den Dialog meines letzten Telefonats im Detail zu erzählen. Details sind völlig belanglos, es ist einfach das Prinzip! Kontaktaufnahme und vor allem der Versuch einer Problemlösung via Callcenter ist immer ein Erlebnis für sich, oder?
Dabei macht erstaunlicherweise jeder Mitarbeiter tatsächlich das, was er in dieser Funktion zu tun hat und gibt somit sein Bestes! Bemüht sich! Warum reicht das nicht?

Das Dilemma ist doch Folgendes:
Solange es üblich ist, zur Lösung eines Problems einen dafür zu kontrollierenden Ablauf – der nun einmal zusammenhängt und deshalb auch als Ganzes betrachtet werden muss! – zu zerhacken und dann anzufangen, mit einem Miniteil loszulegen oder aus dieser zerteilten Kette die zig kleinen Einzelglieder in diverse Hände zu geben, kann es in meinen Augen nichts werden mit der Lösungsfindung. Wie soll so Abhilfe geschaffen oder die Situation im Sinne und zum Vorteil des Kunden gerettet werden?
Genau nach diesem Prinzip wird aber gearbeitet!
Vorgeschaltetes, möglichst kostengünstiges Callcenter als Auffangstelle, gleichzeitig das unüberwindbare Fort Knox, das die Funktion hat abzublocken, damit nicht zu viel in den Fachabteilungen aufläuft. Mag sich praktisch und vorteilhaft anhören, ist aber langfristig ein Grabschaufler.
Eine Kommunikation untereinander, zwischen dem Callcenter (Hotline) und den Fachabteilungen (firmeneigene Kundenbetreuung, Versandabteilung, Abwicklung, Reklamation oder was auch immer), ist gar nicht geplant bzw. zeitlich unmöglich. Die kennen sich zum einen oft überhaupt nicht und sind vielfach sogar an unterschiedlichen Orten (ausgegliedert, Subunternehmen), zum anderen hindert der erforderliche Aufwand den einzelnen Mitarbeiter daran, sein Stundensoll an Kontakten und Aktivitäten zu erfüllen. Es zählt ja nahezu ausschließlich Kontakt nach „außen“ d. h. mit dem Kunden, fast nie die Rücksprache oder eine Klärung mit den Kollegen intern.

Beim Callcenter bleibt es also hängen. Beim nicht am! Nicht die meiste Arbeit bleibt dort hängen, sondern der Kunde mitsamt seinem Anliegen.
Ein Callcenter funktioniert gut bei reiner Bestellannahme, bei Ticketverkauf oder Terminvergabe, auch bei kurzen Auskünften der allgemeinen Art. Bei im Grunde völlig unkomplizierten Dingen. Solange es dem Kunden lediglich der Bequemlichkeit und Vereinfachung dient. Läuft für den Kunden etwas zufallsbedingt (einmalig) schief, ist auch noch alles gut. Keine Wiederholung – kein besonderes Eingreifen notwendig. Der Fall ist erledigt.
Für alles andere gilt: Hotline nach dem obigen Prinzip? Nein! Auf keinen Fall! Was ein wirkliches Problem darstellt, ist mit ein bisschen Teilchenpickerei und unverbindlicher Beruhigungsplauderei nie behoben. Es hält sich hartnäckig, bleibt ungelöst.
Wenn Sie als in welcher Form auch immer betroffener Kunde deshalb ein ums andere Mal anrufen, wird bei Vorschaltung eines Callcenters bzw. einer Hotline natürlich nie derselbe Mitarbeiter für Sie zuständig und im Thema drin sein. Stets fangen Sie bei Null wieder an. Und jeder verspricht Ihnen erneut freundlich das Blaue vom Himmel! Das geht flott und ohne Skrupel. Erstens ist es die eingetrichterte Aufgabe (bis hin zur Art der Formulierung), und zweitens bleibt der Kontakt zwischen dem Kunden und dem Callcenter durch das ständige Wechseln der Zuständigkeit, durch nur eine zentrale Rufnummer (keine Durchwahl) etc. relativ anonym.
Besteht der Missstand weiterhin, hat es einfach keine persönlichen Konsequenzen.
Und wieder ganz realistisch betrachtet kann tatsächlich der einzelne Callcenter-Mitarbeiter meist absolut nichts für diese desolate Entwicklung, denn für die wirkliche Behebung der Sache, die Umsetzung, ist er gar nicht mehr zuständig. Er nimmt nur zuvorkommend entgegen, besänftigt und protokolliert. Ob sich das je einer (der nächsten Stufe) anschaut und sich des Problems weiter annimmt, steht in den Sternen. Entzieht sich auch seiner Kenntnis.

Als Kunde haben Sie häufig den Eindruck, man hofft und zählt darauf, dass sich der Großteil der eingehenden Beschwerden in Wohlgefallen auflöst und sich Missstände von alleine regeln. Was natürlich nicht passiert, aber erst, wenn Sie als geduldiger Mensch zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt und nach einem Dutzend freundlicher Kontaktversuche den Koller kriegen und massive Geschütze auffahren, wird die nächste Stufe (Fachabteilung, Vorgesetzter) mit eingebunden bzw. Sie dürfen endlich direkt dort Ihr Leid klagen. Vom Inhalt dieses Gesprächs wird wiederum der Mitarbeiter des Callcenters nie etwas erfahren. Auch nichts über den Ausgang, über die gefundene Lösung – obwohl es mehr als hilfreich für ähnlich gelagerte zukünftige Anliegen wäre.
Nur – spinnen Sie den Gedanken ruhig einmal weiter – wäre es so, könnte er theoretisch fortan mehr erledigen, hätte er ein umfangreicheres, anspruchsvolleres Arbeitsfeld und müsste folglich mehr Stundenlohn erhalten … Ganz schlecht – zumindest wohl nicht im Sinne des auf Kosteneinsparung bedachten Unternehmens.

Fazit:
Betreibt bei auftauchenden Problemen keiner eine wirkliche Ursachenforschung, begleitet keiner einen Prozess bis zum Ende, kann auch niemand für sich nachvollziehen, ob seine Aktion ausreichend für einen erfolgreichen Ausgang war und den Fehler letztendlich behoben hat. Und solange dies nicht gegeben ist, wird sich weiterhin nie wirklich jemand verantwortlich fühlen, bzw. immer annehmen, der nächste in der Kette würde es schon hinbiegen.
Dass den Kunden Süßholz raspeln leider irgendwann nicht mehr bei Laune hält, ist nachvollziehbar. Ebenfalls, dass er die gebetsmühlenartig heruntergeleierten Versprechungen von Level 1 nicht mehr glaubt.
Und dass ein Weiterverbinden zwecks Kontakt mit der Fachabteilung (Level 2) nur im Zusammenhang mit einem mehrfachen Zusammenbruch der Leitungen erhältlich ist und mehrere Neuanrufe des Kunden erfordert, weil diese von Firmenseite her keiner auch nur in Erwägung zieht, löst ebenso wenig Zuversicht beim Kunden aus …

Es klingt eigentlich unvorstellbar, dennoch scheinen einige Firmen gern das Risiko einzugehen, ihre Kunden zu verlieren. Zumindest stellen Sie deren Geduld ganz schön auf die Probe!

Nicht erreicht …

Doch ich habe nicht allein mit Hotlines telefoniert. Ich wollte seit fast zwei Wochen jemanden privat erreichen. Es klappte nur nie. Es nahm einfach keiner ab, egal wann ich es versucht habe. Vor zwei Tagen meldete sich die Person ganz überraschend selbst. Am anderen Ende klang es leicht vorwurfsvoll:
„Na, von dir hört man ja gar nichts mehr. Ich dachte, ich horch’ mal, was so los ist, wenn du dich schon nicht meldest.“
„Hallo! Das trifft sich aber gut! Du, ich habe es schon ganz oft bei euch probiert!“, erwiderte ich.
„Ach, ja?“, war die ungläubige Reaktion am anderen Ende.
„Ja, sicher!“
„Das kann doch gar nicht sein!“ Misstrauen pur. „Wann soll denn das gewesen sein?“
„Warte mal“, entgegnete ich und überlegte kurz, „vergangene Woche mehrmals …“
„Da waren wir immer da!“
„… dann jetzt am Montag – und zuletzt gestern Nachmittag.“
„Das gibt’s doch nicht! Also wir waren zu Hause …!“
„Tja, ich habe es extra lange klingeln lassen.“
„Das hätten wir gehört! Nein, das kann nicht sein!“ Kurze Pause. „Wahrscheinlich ist dein Telefon kaputt! Also, hier kam nichts an!“

Ich war erstaunt, dass man mir erstens ganz offensichtlich nicht abnahm, dass ich versucht hatte anzurufen und dass zweitens sofort und unumstößlich festlegt wurde, dass es mein Telefon sein musste, das kaputt war.
Soll ich Ihnen etwas anvertrauen? So etwas löst ebenfalls einige Gefühlsschwankungen bei mir aus – ganz ohne dass eine Hotline mit im Spiel ist. Ein mehr privat verursachtes inneres Grummeln.
Warum sollte ich spinnen und vorgeben, ich hätte es probiert? Habe ich das nötig? Außerdem kennen die mich doch! Ich habe es versucht! Ich würde nie … Ärgerlich, dass sie noch so ein altes Telefon ohne Display haben, bei dem man nicht sieht, dass versucht wurde, sie zu erreichen. …  Und überhaupt! Kann nicht auch deren Telefon eine Störung haben?
Das weitere Gespräch ergab, dass die nicht Erreichten doch einige Termine außer Haus gehabt hatten. Es stellte sich ebenso heraus, dass sie am Nachmittag des Vortags hinten im Garten aktiv waren und das Telefon über die Entfernung wohl nicht zu hören gewesen war. War mein Apparat also doch nicht defekt!
Doch schon ertönte der Nachsatz:
„Aber vielleicht hängt es ja doch mit deinem Telefon zusammen. Du musst das mal prüfen lassen! Wer weiß, ob das überhaupt richtig und auch die ganze Zeit geklingelt hat!“

Ruhig. Ruhig Blut.
Das hatten wir alles schon einmal. Mein Telefon, das immer bei Anrufversuchen dorthin (und nur dorthin!) kaputt sein soll. Ich habe es getestet. Es funktioniert einwandfrei.
Nein, nächstes Mal werde ich die Chose erheblich abkürzen. Etwa so:
„ … Kann gar nicht sein, wir waren da!“ (Kommt bestimmt wieder!)
„Und warum nehmt ihr dann nicht ab?“ Sag ich. Fertig. Ende.

Falsch gelandet …

Anders mein Telefonat am Freitagmorgen. Es entpuppte sich als eines vom Typ „überraschende Entwicklung“. Es klingelte nach dem Frühstück, und nach ungewöhnlich langer Zeit meldete sich wieder einmal ein Falschanrufer, der eigentlich den Kundendienst der Firma Miele im Visier hatte.
Falls Sie die Arie mit der Nummer von Miele, meinem Anschluss und meinem Dauereinsatz für Miele noch nicht kennen, dann schauen Sie gern hinüber in den Blogpost von 2011. Damals hatte ich Silberjubiläum. 25 Jahre Falschanruferbetreuung.
Der Herr am Freitag startete das Gespräch ungestüm mit den Worten:
„Mein Trockner geht nicht!“
Und hier beginnt meist schon die erste Schwierigkeit bei solchen Anrufen. Für die Leute ist nach diesem Einleitungssatz der Bann gebrochen. Von da an reden sie ohne Punkt und Komma weiter. Hören nicht zu. Führen einen reinen Monolog. Wahrscheinlich stehen sie unter diesem Einfluss, diesem Glücksgefühl, das ich von den Hotline-Kontakten her nur zu gut kenne. Dieser Moment, wenn endlich eine Person am anderen Ende zum Greifen nah ist …
Der Haken an der Sache ist halt nur, ich bin nicht Miele und würde das natürlich liebend gern auch umgehend so herüberbringen. Ich brauchte vier Anläufe, der Besitzer des kranken Wäschetrockners war nicht zu bremsen. Glauben Sie bloß nicht, dass es dann damit getan wäre, lediglich sein Sprüchlein mit der Klarstellung aufzusagen. Oh, nein! Die Anrufer glauben einem zunächst einfach nicht! Wollen es nicht wahrhaben.
(Nee, nee, jetzt bist du endlich dran, nun bist du gefälligst auch Miele!)
Als ich nach den ersten vergeblichen Versuchen endlich zu ihm durchdrang, lief es so ab:
„Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie unterbreche. Sie möchten vermutlich die Firma Miele. Sie sind hier leider falsch, ich habe nur einen Privatanschluss und mit Miele nichts zu tun.“
„Ja, aber Sie haben doch abgenommen!“
„Nun, dies ist mein Anschluss. Sie haben meine Nummer gewählt.“
„Nein, ich habe die Nummer von Miele gewählt.“
„Dann ist es ein Verbindungsfehler oder Sie haben die falsche Nummer. Ich bin nicht Miele.“
„Ich verstehe das nicht. Man hat mir die Nummer doch gegeben! Und Sie sind wirklich nicht Miele?“
(Ich sagte ja schon, man glaubt es nicht.)
„Nein. Ehrenwort.“
„Aber wieso wussten Sie denn, dass ich Miele will?“
„Weil Ihr Trockner kaputt ist.“
„Ja, aber …“
„Und weil ich eine ähnliche Nummer habe und Sie nicht der erste sind, der hier anruft.“
„Ach so. Aber können Sie mich verbinden?“
„Nein, das ist technisch nicht möglich.“
„Schade … na gut. Nein, nicht gut! Was mache ich jetzt mit der Wäsche?“
„Versuchen Sie noch einmal, den Miele Kundendienst zu erreichen.“
Wir kontrollierten gemeinsam die ihm vorliegende Nummer, ich gab wie gewohnt die hilfreichen Tipps für ein erfolgreiches Anrufen bei der Hausgerätefirma (s. alten Beitrag).
Dem Herrn ging jedoch unverändert das Problem mit der nassen Wäsche durch den Kopf.
„Haben Sie einen Balkon oder einen Garten?“, hakte ich nach. „Dann könnten Sie sie nach draußen hängen.“
„Ja, habe ich. Aber bei dem Wetter …?“
„Wieso, regnet es bei Ihnen?“
Er erzählte mir, wo er wohnt. Nicht weit weg, so stellte sich heraus, das Wetter dürfte also vergleichbar gewesen sein.
„Ach, kommen Sie. Es sieht doch momentan ganz beständig aus. Die Hummeln fliegen schließlich auch“, beruhigte ich ihn.
„Die Hummeln …?“, fragte er unsicher.
„Ja, das zeigt, dass es erst einmal trocken bleibt“, behauptete ich. Strahlte Zuversicht aus. Es war geflunkert. Keine Ahnung, ob Hummeln kommenden Regen riechen können und schon verschwunden wären, wäre er im Anmarsch gewesen. Ich sehe allerdings häufig Exemplare, die sogar noch bei leichtem Nieselregen unterwegs sind und sich nur zwischendurch regelmäßig ein Schutzdach in Form von Blättern suchen.
Gut, eine Hummel draußen sagt wohl eher nichts Hieb- und Stichfestes über Sonnenverweildauer oder Niederschlagswahrscheinlichkeit aus, doch irgendwie musste man dem Mann doch Mut zum Aufhängen machen.
Er biss an. Wollte sich samt Wäschekorb hinauswagen. Ich frohlockte, denn ich sah mich bereits den Hörer auflegen. Pflicht erfüllt, Werk vollbracht. Abschluss der Falschanruferbetreuung. Doch ihm fiel noch eine Frage ein:
„Das ist bei den Bienen bestimmt auch so, oder?“
„Dass sie anzeigen, ob es trocken bleibt?“, erkundigte ich mich. „Bei denen können Sie davon ausgehen, dass es zumindest schön ist, solange sie draußen aktiv sind.“

Trockner, Wäsche, Wetter, Garten, Bienen. Wir kamen von den Bienen im Allgemeinen auf insektenfreundlich angelegte Gärten. Auf Pflanzen, die als Bienenweide gelten. Das Thema wurde erweitert. Das Gespräch handelte nun vom vielerorts auftretenden Bienensterben und drehte sich kurz darauf um den katastrophalen Rückgang der Zahl der Bienenvölker. Wir redeten über ihre Wichtigkeit für die Natur und für den Menschen und irgendwann sehr angeregt und kritisch über genmanipuliertes Saatgut für Mais, Soja, Raps u. a.  Die Firma Monsanto fand Erwähnung …
Es wurde ein höchst interessantes Telefonat. Als ich nach geraumer Zeit endlich auflege, stand mein Gemahl im Türrahmen. Ihm brannte nun die verständliche Frage auf der Zunge:
„Sag mal, mit wem hast du denn grad die ganze Zeit gesprochen?“
„Keine Ahnung. Kannte ich nicht.“
„Wie …? Du kanntest den nicht?“
„Nein, Falschanrufer. Miele.“
„Ach so“, war die einzige Erwiderung. Damit war das Thema abgehakt.

Das Stichwort Miele erklärt hier bei uns alles. Selbst auf den ersten Blick Abwegiges wird dadurch sofort plausibel.
Diese vom ursprünglichen Thema Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler oder Kaffeeautomat sowie Rufnummernklärung abschweifenden längeren Gespräche mit komplett Fremden kamen in mittlerweile 30 Jahren Einsatz für Miele und im Zuge der Falschanruferbetreuung schon relativ häufig vor.
Wie sagt man gleich? Miele – Nichts ist unmöglich.

Kurzer Blick auf die Uhr. Ach …, schon wieder so spät?
Feierabend für heute!

Ihnen noch einen netten Sonntag und guten Start in die neue Woche – inklusive einiger interessanter Telefonate!

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© by Michèle Legrand, April 2016
Michèle Legrand - Freie Autorin

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Die Minute Zeit, die es braucht …

Heute kam die Meldung vom Tod Roger Ciceros. Haben Sie auch zweimal hingesehen und gedacht, Sie
hätten sich verlesen? Das kann doch gar nicht sein!  
Hat es Sie auch geschockt? War es das völlig Unerwartete? Was verursacht dieses Erschrecken und Innehalten?

Es ist nicht zwingend wichtig, ein Jazzfan zu sein, Swing zu mögen oder dem Big Band Sound verfallen zu sein. Man muss noch nicht einmal ein ausgesprochener Fan der Musik des Künstlers Cicero gewesen sein, ein Konzertgänger, einer, der all seine Alben im Schrank hat. Nein, man musste auch den Menschen Roger nicht zwangsläufig persönlich gekannt haben.
Es reicht, von ihm – dadurch, dass er in der Öffentlichkeit stand –  ein persönliches Bild zu haben. Ein talentierter Mann. Bodenständig. Sympathisch wirkend. Das vor dem inneren Auge auftauchende Bild zeigt ein Gesicht, das noch fast faltenfrei ist, das Lächeln wirkt beinahe jungenhaft. Etwas vorwitzig und meist leicht nach hinten gekippt der obligatorische Hut. Das Bild eines Mannes, der noch jung ist, gefühlsmäßig erst die Hälfte seines Lebens hinter sich hat.
Es genügt anscheinend völlig zu wissen, dass dieser Mann Familie hinterlässt, Vater eines siebenjährigen Sohnes ist, eine Mutter hat, die ihr eigenes Kind nun überlebt und zahlreiche Menschen zurückbleiben, die einen guten Freund verloren haben. Was muss es für ein Schock für sie gewesen sein! So plötzlich …!
Es reicht aus zu wissen, dass es diesem Menschen gerade erst gelungen war, erfolgreich aus einer Phase der Erschöpfung wieder herauszufinden, der sich daher durchaus seines Körpers und des Werts seiner Gesundheit bewusst war und offenbar den richtigen Weg gefunden hatte, auf dem es jetzt weitergehen sollte. Ein Mensch, der sich erholt hatte, der wieder voller Pläne steckte und vor dem Start seiner verschobenen Tournee stand. Gerade heute ist in meiner Tageszeitung ein Bild von Roger Cicero. Es ist die Anzeige für das anstehende Hamburg-Konzert. Geplant am 12. April …
Und dann wird so ein Mensch, dem es überhaupt nichts nützt, erst 45 Jahre alt zu sein, mitten aus dem Leben gerissen. Ohne Vorwarnung. Innerhalb von Sekunden ist alles aus. Er mag nicht sofort verstorben sein, doch ab dem Moment, als der Infarkt im Hirn entstand, ließ sich nichts mehr aufhalten.

Roger Cicero, eine im Grund fremde Person für mich, doch es hat mich getroffen. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie. Gilt all denen, denen er etwas bedeutete und die mit ihm verbunden waren. Ich wünsche ihnen viel Kraft.

Mich hat es außerdem, als ich die Nachricht heute realisierte, in der Zeit zurückgeschleudert. Hin zu dem Tag, als meine beste Freundin starb. Im Alter von 33 Jahren. Bei ihr war es nicht aus heiterem Himmel, doch hat ihr früher Tod damals – neben Trauer – Gedanken in mir ausgelöst, Gedanken, die jetzt beim Tod von Roger Cicero erneut hochkamen.
Als junger Mensch ist man lange Zeit überzeugt davon, dass Sterben nur etwas für alte Menschen ist. Dass man vorher einfach nicht dran ist! Genauso verhält es sich mit schwerwiegenden Krankheiten. Man kann sich zunächst überhaupt nicht vorstellen, dass es einen auch jung erwischen könnte. Schon gar nicht, wenn man nie viel Kontakt zur Arztpraxis hatte, nie mit einem Bruch im Krankenhaus war, es zuletzt bei der Geburt erlebte.
Nein, nein, unverwundbar. Unbesiegbar …
Wenn sie eines Tages das erste Mal geschieht, die unmittelbare Konfrontation mit sehr ernster Erkrankung und vor allem dem Tod einer jungen Person, eines Familienangehörigen, eines Freundes, eines Arbeitskollegen etc. eintrifft, ist auf einmal alles anders. Man hat das Gefühl, seine eigene körperliche Unversehrtheit ebenfalls verloren zu haben. Von gestern auf heute ist nichts mehr wie es war. Nichts ist eindeutig, nichts ist vorhersehbar und nichts mehr garantiert.

Es gibt Menschen, die daraufhin in Panik und wilden Aktionismus verfallen. Hektisch das umsetzen, was ihnen ein Spruch aufträgt: Lebe jeden Tag so, als würde es keinen nächsten geben.
Es gibt Menschen, die sich als Reaktion darauf unheimlich unter Druck setzen, weil sie nun stets alles sofort erledigen wollen. Gemäß einer anderen Weisheit: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Es gibt Menschen, die sofort ihre persönliche Bucket List anlegen, ihre Aufstellung von Dingen, die sie alle noch vor ihrem Tod erledigt, erlebt und abgehakt haben wollen. (Hier geht es im Gegensatz zum im Akkord abarbeiten von Alltäglichem und Notwendigkeiten mehr um die Erfüllung von Wunschträumen und Sehnsüchten.)
Es gibt Menschen, die sich auf einmal gar nichts mehr trauen. Sie fangen überhaupt nichts mehr an, weil „es sich ja doch nicht lohnt. Wozu? Vielleicht bin ich morgen schon tot.“
Und es gibt Menschen, die zum Hypochonder werden. Jedes Zucken und Reißen ist nun das Symptom einer unheilbaren Krankheit oder ein Zeichen des nahenden Todes.

Mich hat das alles nicht in dieser Form berührt. Ich könnte mich in keine dieser Gruppen einsortieren. Ich musste lernen, mit dem Fortsein eines wertvollen Menschen fertig zu werden. Ansonsten schien es mir nur wichtig, Prioritäten noch besser zu setzen. Außerdem verspürte ich plötzlich einen anderen dringenden Wunsch: Ich wollte eine bestimmte Sache geregelt haben. Für mich. Für andere. Dieses leidige Wegschieben, das sorglose Verfrachten in irgendeine ferne Zukunft oder auch das Einstufen als Petitesse, als Unwichtigkeit, hörte auf. Ich spreche vom Letzten Willen und den damit verbundenen Dingen.
Es geschah nicht aus Furcht, dass es mich morgen träfe, es geschah mit der Einsicht, dass es nicht in meiner Macht steht, den Zeitpunkt des Endes zu bestimmen oder zu erahnen.

Das wäre heute auch meine Anregung oder einfache Bitte an Sie, wenn Sie dies lesen:
Nehmen Sie sich eine Minute Zeit zu überlegen, ob – sollte Sie plötzlich und unerwartet etwas aus diesem Leben reißen – ob alles Wichtige geregelt ist. Ob ihre Familie von dem, was Sie bewegt, Ahnung hat.
Ob Sie weiß, was Sie gewollt hätten! Wie Sie Regelungen arrangiert hätten. Für deren Zukunft.
Ob Sie etwas Persönliches aufschreiben, für den Fall, dass Sie völlig unplanmäßig nicht selbst mit Worten und Gesten Abschied nehmen können. Ob Sie etwas hinterlassen, was Ihren Hinterbliebenen helfen würde in der Extremsituation und der ersten Zeit danach …

Es muss Ihnen einfach bewusst sein:
Sie haben manchmal keine Chance mehr, es auf den letzten Drücker zu tun!
Das Leben nimmt vielleicht Rücksicht, der Tod aber nicht.

Was ist das schon, die Minute Zeit, die es braucht ….

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© by Michèle Legrand, März 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Griseldis

Sie sind flexibel, oder? Für große Touren, neue Fotos oder auch Recherche war die letzte Woche nicht gemacht. Ja, ja, die Zeit. Ewig das Dilemma mit ihrer häufig knappen Verfügbarkeit.
Ich hätte allerdings heute alternativ Griseldis für Sie.

Bus, U-Bahn, Zug. Grundsätzlich bin ich für Lesestoff zur Überbrückung der Fahrzeit überaus empfänglich, doch hin und wieder verleiten reizvolle Gespräche der anderen Fahrgäste zum Aufhorchen. Dann bleibt das Buch in der Tasche, bestenfalls zücke ich irgendwann kurz meinen Notizblock und hinterlasse eine Handvoll Stenokürzel. Als Gedankenstütze, weil mir klar ist, irgendwann erzähle ich Ihnen sicherlich davon.

Letzten Monat während einer U-Bahn-Fahrt geschah es. Ausgesprochen ins Detail gehen die vorhandenen Notizen nicht, und so muss ich diesmal recht frei erzählen, mir ist nicht mehr jede Einzelheit des Dialogs im Gedächtnis.
An dem Tag saßen mit mir im Waggon in Blicknähe bzw. Hörweite eine kleine, alte Dame und eine junge, schwangere Frau. Wenn es nicht so blöd klingen würde, hätte ich fast gesagt, sie befanden sich eine Armlänge entfernt, doch diesen Begriff vermeide ich seit einiger Zeit wie die Pest …

Die werdende Mutter strich sich mit der Hand sanft über den schon deutlich gerundeten Bauch. Plötzlich zuckte sie heftig zusammen und verzog ihr Gesicht:
„Autsch! Jetzt geht das wieder los!“
Sie massierte seitlich eine Stelle unterhalb des Rippenbogens, im Bereich zwischen Niere und Milz.
„Tritt sie wieder?“, fragte die grauhaarige Dame an ihrer Seite.
„Und wie!“, stöhnte die junge Frau, „wüsste ich nicht, dass es ein Mädchen wird, würde ich sagen, ich brüte einen Fußballer aus.“ Sie behielt ihre Hand vorsorglich weiterhin an der bewussten Stelle. „Obwohl – Mädchen spielen ja auch …“
„Na, bald hast du es geschafft. Dann ist wieder mehr Platz im Bauch.“
„Hoffentlich kommt sie pünktlich und nicht erst nach dem Termin!“ Eine kleine Pause entstand. „Ach, Oma, Mama meint ja, so pflegeleicht wie im Bauch wird’s mit dem Baby nie wieder.“
Die Oma nickte. „Stimmt. Es wird auch nie wieder so leise.“
„Du machst mir ja echt Mut!“, erwiderte ihre Enkelin.
„Sag mal, habt ihr euch denn nun schon für einen Namen entschieden?“
„Gerrit findet Josie schön. Ich aber nicht so.“
„Und was ist dein Favorit, Kind?“
„Ich würde sie Stine nennen.“
Stine?“
„Ja, Oma, gefällt es dir nicht?“
„Doch …, schon … So rundherum begeistert wirkte sie nicht.
„Jetzt sag nicht, du würdest Josie nehmen!“
„Na ja, ob jetzt Stine oder Josie …, ach, ihr müsst selbst wissen, welcher Name zu eurer Tochter passt.“
„Das sieht man vielleicht erst, wenn sie da ist, Oma, oder?“
„Könnte sein, ich stelle mir jedenfalls ein hellblondes Kind mit dem Namen Carmen eigenartig vor. Ist aber nur meine Meinung! Ein Gefühl! Carmen verbinde ich mit Flamenco, Spanien, dunkleren Typen.“
„Sie soll ja nicht Carmen heißen.“
„Das weiß ich doch, Liebes, es war doch nur ein Beispiel!“
Eine Minute herrschte Schweigen, dann hakte die Enkelin nach:
„Welchen Namen würdest du denn vorschlagen?“
„Ich?
„Ja, du.“
„Griseldis.“
„Griseldis? Oma! Das ist so was von alt und unmodern!“
Stine nicht?“
„Stine heißt man heute doch auch! Wo hast du denn den Namen Griseldis überhaupt her?“
Die alte Dame stockte einen kurzen Moment, doch dann verriet sie:
„Ach, so hieß die Heldin eines Romans, den ich in jungen Jahren gelesen habe.“
„Und was hat die Heldin gemacht?“, erkundigte sich die Schwangere, „Kissen bestickt?“
Die Großmutter lachte herzerfrischend auf.
„Ja, das auch! Nein, ich weiß es gar nicht mehr so ganz genau, ich meine, sie war in einem hochherrschaftlichen Haus als Gouvernante eines kleinen Mädchens angestellt. Griseldis – bildhübsch, intelligent, adlig, aber total verarmt. Sie musste also arbeiten. Und damit das alles nicht so tutig rüberkam, gab es noch etwas Krimihandlung dazu.
Die junge, rechtschaffene Gouvernante verliebt sich in den attraktiven, aber traurigen Schlossherrn. Der steht dummerweise unter Mordverdacht. Der Graf soll seine Frau umgebracht haben. Weil man ihm das allerdings nicht beweisen kann, ist er weiterhin frei! Aber diese Schmach! Du verstehst? Zweifel, Ungewissheit! Schwere Schuld! Aber seine? Dem Glück sind jedenfalls viele Steine in den Weg gelegt.
Obendrein gab es eine weitere Verwandte, die schwer hinter ihm her war, nur die war natürlich die Ultraböse. Sie war eine Gefahr für alle, doch ehe die das mal gemerkt haben! Das dauerte eine Weile! Die kleine Tochter des Witwers mag natürlich nur die nette Griseldis und nicht diese gern auch schleimende Hexe, die um die Gunst ihres Vaters buhlt. Die Zuneigung der Kleinen zu ihrer jungen Betreuerin schürt bei der Rivalin zusätzlich Hass und steigert die Eifersucht.
Zu guter Letzt findet Griseldis heraus, dass die andere Frau und nicht etwa der edle Graf für den Tod der ersten Gräfin zuständig war. Selbstverständlich gerät sie durch ihre Nachforschungen noch einmal in allerhöchste Not! Im letzten Moment wird sie gerettet! Ende gut, alles gut.
Frag mich nicht, was mit der Bösen passierte. Knast, Selbstmord, Exil … Ich habe keine Ahnung mehr!“

Die Enkelin hatte sehr gefesselt gelauscht. Doch dann brach es aus ihr heraus:
„Oma! Eine adlige Gouvernante! Gou-ver-nan-te! Auch die sind ausgestorben!“
„Ja, und?
„Ich meine ja nur. Also ein Baby von heute, mit dem Hang zum Fußball und dann …Griseldis? Ich weiß nicht. Wenn ich den Namen höre, stelle ich mir jetzt automatisch immer die zarte, verarmte Gouvernante vor.“
„Ich finde den Namen sehr schön. Fand ich schon immer. Und so heißt nicht jeder.“, beharrte die alte Dame.
„Oma, wenn dir der Name schon damals so gefiel, warum hast du denn dann Mama nicht Griseldis genannt?“
„Ach, Kind, du weißt, dein Opa ist ein sehr durchsetzungsfreudiger Mensch …“
„Er mochte ihn also nicht?“
„Nicht genug. Und wir haben uns ja auf einen anderen einigen können – nach einigem Hin und Her.“ Sie schaute der jungen Frau auf einmal betont harmlos ins Gesicht und säuselte: „Na ja, ich hatte ja immer die Hoffnung, dass wenigstens mal meine Enkelin …“
„Hör auf, Oma! Du kriegst mich nicht weich.“
Und von da an wurde um das heikle Thema Namensgebung ein großer Bogen gemacht …

Nun bin ich gespannt, ob ich die Damen vielleicht einmal wiedertreffe, wenn der Nachwuchs auf der Welt ist. Dann hake ich nach und frage, wie das Baby heißt.
(„Sie heißt Griseldis? – Bitte? – Sogar mehrere Namen? Nein, tatsächlich? Und welche …?
Ah, Griseldis Josie Stine …“)

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Haben Sie ein sonniges Wochenende! Bis demnächst!
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© by Michèle Legrand, März 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Jules Pedo, mein neuer Begleiter

Seit einigen Tagen begleitet mich Jules. Ständig! Normalerweise bin ich kein Freund von oberanhänglichen, ununterbrochen Anwesenden. Einen Dauermitläufer? Einen hartnäckigen Schatten? Bloß nicht! „Le Pedo“ stellt die Ausnahme dar. Tja, nun klebt er förmlich an mir – mal schauen, wie wir langfristig miteinander klarkommen.
Warum ich ihn freiwillig akzeptiere, ihn mir sogar gewünscht habe? Das werde ich Ihnen gerne verraten. Es hat ein wenig mit eigener Überlistung zu tun.

Man redet sich sehr häufig etwas schön. Das Verhalten, Pflichten, Aufgaben und Tätigkeiten zum Beispiel. Kennen Sie, oder? Hausarbeit erledigen, Steuererklärung machen, Diät durchziehen, Rauchen aufgeben, Sport treiben, auf Alkohol verzichten, mehr Obst und Gemüse essen … „Ach, geht schon.“ – „Ist doch … toll!“ – „Der/die hat’s auch geschafft.“ – „Wird schon nicht so lange dauern.“ – „Und es ist ja so gesund!“

Das Ulkige ist, es ist dennoch relativ selten das anstehende Ungeliebte, das auf diese Art erträglicher werden soll und damit leichter zu wuppen wäre. Nein, man schönt häufig eher das bisherige, das etwas unzulängliche eigene Verhalten. Auf diese Art verbessert sich sofort – zumindest verbal und gefühlt – sowohl die aktuelle Situation als auch jegliches Tun, das anstelle des doch wohl besser angepeilten Erforderlichen weiterhin erfolgt!
Psychologie vermutlich. So herum wirkt es gefälliger, harmloser. Anders, als würden Sie protestieren und gegen im Grunde Gutes (nur eben Ihnen etwas Abforderndes) aufmucken und es lautstark miesmachen.
Das funktioniert nicht sonderlich gut, weil es von der Logik her nicht zusammenpasst. Auf etwas, das in aller Augen erstrebenswert scheint, dürfen Sie einfach nicht herumknüppeln. Es löst augenblicklich Proteste und Diskussionen aus.

Mit dem Schönreden nur des Gegenwärtigen, aber nicht des Zukünftigen, nähern sich gutes und schlechtes Tun oder vorteilhaftes und unvorteilhaftes Verhalten in der Wahrnehmung einfach ein wenig an. Schlecht mutiert zu halb gut, gut hingegen verliert Punkte und ist nur noch mittel berauschend.
Das eine Verhalten wirkt nun nicht mehr wie Unvernunft, Unterlassung oder gar Blödheit, sondern es bekommt den Charakter einer akzeptablen kleinen Schwäche, die ohnehin (so gibt man es vor) nur temporär auftritt.
Und das andere, das eigentlich erstrebenswerte Handeln? Geht es völlig unter?
Nein, die Dringlichkeit wird vorerst zurückgestuft. Es hat absolut keine Priorität. Mit anderen Worten: Die eigene Schwachheit wird toleriert, doch durch ein bisschen Dekoration kaschiert. Durch das Schönreden.
Sich zu bessern wird selbstverständlich nicht komplett in Frage gestellt, aber der Mensch muss ja jetzt nicht mit Siebenmeilenstiefeln darauf zustürmen. Sonst soll man doch auch immer noch einmal eine Nacht darüber schlafen … (Schon wieder Ausreden. Die nächste Schönrederei.)

Wie Schönreden konkret vonstatten geht, macht das Beispiel Stubenhockerdasein respektive Bewegungs- muffeligkeit deutlich. Ich gestehe, davon war ich zuletzt betroffen. Nehmen Sie bitte folgende Beschreibung nicht komplett wörtlich, es geht mir mehr um das Prinzip. Ich überziehe bewusst, damit die Masche besser hervortritt.
Schauen Sie, ehrlich und ohne Verschönerung hieße es: „Ich bewege mich zu wenig. Jedenfalls im Winterhalbjahr. Das ist ungesund. Ich bin zu lang drinnen. Ich sitze durch die Arbeit zu lang am Laptop und brauche Ausgleich. Ich muss hinausgehen! Häufiger und länger!“
Das ist klar und nicht misszudeuten. Doch was läuft ab?

Couchhockerei und fehlende Bewegung an frischer Luft werden zunächst mit dem Hinweis auf ungünstige Jahreszeit, denkbar schlechtes Wetter, Ausrutschrisiko und frühe Dunkelheit erklärt, dann folgt die Erwähnung der wirklich dummen, dummen Erkältungsgefahr, im nächsten Schritt wird Zeitmangel beklagt und überhaupt das ganze Ausmaß des aktuellen Bewegungsmangels drastisch verharmlost. Die beschwichtigende Ergänzung lautet, dass sich das ja alles sowieso demnächst wieder ändert. Zum Besseren wendet. Wenn es erst einmal Frühling ist, d. h. natürlich nur, wenn es dann auch wärmer wird. Und trocken müsste es sein. Aber dann. Sobald …
Egal, jedenfalls demnächst. Demnächst?
„Morgen ist der Tag, an dem die meisten Diäten beginnen“. Sie kennen den weisen Spruch? Sie können ihn getrost ebenso auf den Vorsatz sich mehr zu bewegen anwenden. Der Mensch ist Meister im Herausschieben von ihm unangenehmen, lästigen, ihn anstrengenden Dingen. Einmal eingefahrene, bequeme Gewohnheiten gibt er nur ganz schlecht wieder auf. Dazu muss – je nach Naturell – erhebliches Geschütz aufgefahren werden!

Doch kehren wir einen kleinen Schritt zurück. Der Punkt zur Umstellungsbereitschaft ist noch nicht erreicht, der Änderungswille nicht ausgeprägt genug. Das bisherige Arrangement, Taktik, Verschleierung und auch die Rechtfertigung, funktionieren schließlich eine Weile relativ gut. Und wenn die mehrfach heruntergeleierten Phrasen tatsächlich eines Tages weder auf andere noch auf einen selbst mehr überzeugend wirken, setzt der Mensch, das schwache, aber findige Wesen, halt eins drauf. Variiert seine Begründungen, baut phantasievoll aus. Bastelt keine Standard- sondern Luxusausreden.
Aufpassen muss man eigentlich nur, dass gemachte Aussagen vage bleiben. Warum? Sie wollen doch wohl nicht festgenagelt werden! Bloß keine verbindlichen Zusagen! Keine Zahlen, keine Daten!
Gummibandangaben. Dehnbar …
Eine richtiggehende Untermauerungs- und Verteidigungsstrategie kommt dann zur Anwendung, wenn Sie – sofern Sie ein Bewegungsmuffel sind – von Zeit zu Zeit mitleidheischend einwerfen, dass Sie heute doch gerade so viel zu tun hatten und immer etwas dazwischen kam. Das enthebt Sie jeder Schuld und Eigenverantwortung. Sonst hätten Sie selbstverständlich schon längst begonnen …!
Sie können auch beleidigte Leberwurst spielen, sobald Sie jemand auf das Thema Bewegung anspricht und mindestens ebenso eingeschnappt betonen, Sie hätten heute die Treppe genommen. Die Treppe!
Oder Sie humpeln demonstrativ ein paar Schritte und verleihen Ihrem Gesicht eine schmerzverzerrte Note. (Mit dem Knie können Sie jetzt echt nicht …)

Meinen Sie, ich hätte das volle Programm durchgezogen, um mich vor Bewegung zu drücken? Nein, denn dreiviertel dieses ganzen Theaters wäre mir viel zu blöd und zu peinlich. Aber mir ist das alles schon oft begegnet, und so befürchtete ich einfach, es käme vielleicht irgendwann auch bei mir dazu.
Vielleicht würde ich auch so abgebrüht! Im Erfinden, im Vermeiden.
Es muss nicht so passieren, es ist typabhängig. Doch selbst wenn man die einzige Person ist, der man etwas vorspielt – das geht alles nur eine Weile. Sie kennen sich ja und riechen den Braten. Es geht genau so lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem Ihre Unzufriedenheit mit sich selbst über ein erträgliches Maß hinauswächst. Irgendwann kommt der Moment, da gehen Sie sich selbst so massiv auf den Zeiger, dass Sie Ihre Ausreden nicht mehr ertragen können. Inzwischen – meist zeitgleich – fühlen Sie sich durch den Bewegungsmangel wirklich unwohl. Die Konsequenzen machen Sie mürbe. Konditionsdefizite, schnelleres Frieren, höhere Tendenz zu Kopfschmerzen, schrumpfende Muskeln, schlaffere Glieder, schwere Beine, schlechterer Schlaf, gesunkener Antrieb. Das einzige, was langsam aber sicher wächst, ist das Gewicht. Sitzpölsterchern. Speckröllchenansatz.
Schluss! Ende! Aus!
Mehr Bewegung!
Selbstverständlich sind am Anfang immer die besten Vorsätze da. Nach der Überwindung gilt es allerdings, die Motivation aufrecht zu erhalten, den nötigen Durchhaltewillen zu zeigen! Das Bewegungsprogramm klaut Ihnen Zeit. Täglich ein bestimmtes Pensum zu absolvieren, gestaltet sich schwieriger als gedacht. Was die Leistung angeht, verschätzen Sie sich großzügig. Klar, zu Ihren Gunsten.
Unversehens schleicht sich das Schönreden wieder ein. Sie haben noch gar nicht viel gemacht, meinen aber, dass es heute „doch mal reicht“.  Am nächsten Tag gehen Sie unbekümmert vom abgesackten Bewegungslevel des Vortages aus, so dass der Einsatz kontinuierlich wieder abnimmt. Am darauffolgenden Tag fällt der Entschluss, alles auf das Wochenende zu verschieben, aber da stehen – leider, leider, kann man echt nichts machen  – auf einmal andere Sachen an. Der Elan verfliegt, der Effekt ist gleich Null.

Wenn ich wieder einen Blick zurück auf meine Ausgangslage werfe, so stellte ich fest, dass ich irgendwie keinen vertrauenswürdigen Überblick über das Ausmaß der zustande gekommenen täglichen Bewegung hatte, aber es mir immer schien, als wäre es zu wenig an körperlicher Betätigung.
Gleichzeitig habe ich mich damit beruhigt, dass im Sommer wieder die Gartenarbeit wartet, momentan mein Stepptanz (nur an einem Abend pro Woche) etwas dazu beitragen würde und zusätzlich doch immer einiges an Fußwegen zusammenkäme. Aber in einem ausreichenden Maße?
Wer sollte darüber neutral urteilen, und wer würde antreiben, wenn es zu wenig war?

Das war und ist doch generell der große Haken an der ganzen Sache!
Man braucht feste Vorgaben und eine Kontrolle, aber auch einen Anreiz und eine Art Belohnung! So wie ein Fixtermin (eine ablaufende Frist) oft hilfreich ist, dass Artikel, Angebotserstellungen oder sonst etwas endlich vollendet werden, so wie einzuhaltende Werte und anstehende Labortests beim Arzt einen Patienten dazu veranlassen, sich gesünder und bewusster zu ernähren.

Und hier kommt Jules Pedo ins Spiel!
Er übernimmt die Funktion, die früher das schlechte Gewissen in der Lenor-Werbung hatte. Er ist diese geisterhafte Erscheinung, die sich immer von der Seite heranschleicht. Jules spricht zwar nicht, scheint jedoch permanent über die Schulter zu blicken. Es ist ein kleines, am Körper getragenes Gerät, das kontrolliert. Es zählt sämtliche Schritte, die ich am Tag mache. (Mir ist so ein separater Minizähler lieber als eine Handy-App, bei der ich womöglich online persönliche Werte eingeben muss.)
Jules ist unbestechlich und das, was er im Display anzeigt, gibt Aufschluss darüber, ob mein heutiges Pensum, mein Soll, erfüllt ist oder nicht. Keine Diskussion, keine Ausreden.
Es reicht nicht immer! Mehrmals musste ich dafür am Abend noch zusätzlich durchs Haus hechten, Treppen auf- und absteigen oder auf meinem Stepper trainieren.
Es gibt andererseits ebenso kleine Glücksmomente! Gelegentlich erscheint plötzlich eine unerwartet hohe Zahl. Da Jules sich nicht zu meinen Gunsten verzählt, muss es stimmen. Dann waren Aufwand und Anstrengung zuvor völlig unbemerkt geblieben, was natürlich klasse ist.
Mir macht die Bewegung so definitiv mehr Spaß, es geht mir bereits jetzt schon besser, und es spornt natürlich an, seinen Bestwert immer mal wieder ein bisschen zu steigern. Ich werde also meine Erkundungstouren fortsetzen, ihn mit Vorliebe dort anstecken, denn dabei hat mein „pedomètre“ ordentlich zu tun! Wenn Sie irgendwann einmal eine ominöse fünfstellige Zahl am Ende eines Blogtexts finden, dann könnte es sich um das Schrittergebnis der vorangegangenen Tour handeln.

Ich habe gerade einen Seitenblick auf Jules geworfen. Mir fehlen heute nur noch 200 Schritte. Das ist ein Klacks. Die spaziere ich nebenher beim Geschirr abtrocknen, oder ich übe Steppschritte während des Zähneputzens.

Aber wissen Sie, so schön diese Kontrollanzeige für Schritte ist, über eines bin ich erleichtert: Ich bin sehr froh, dass Jules lediglich die Bewegung über die Schrittanzahl erfasst und nicht synchron permanent auch noch Kalorien zählt. Gestern erhielt ich zum Kaffee netterweise völlig unaufgefordert Gratisproben dreier Eissorten. Saisonale Spezialitäten. Rhabarberquark mit Waldfrüchten, Mokka-Feige und Mandel-Zimt! Sehr lecker!
Was hätte es mich genervt, wenn so ein Toni Controletti mir dann durch in den Mund Zählerei den Genuss vermiest hätte!

Eisproben bei Giovanni L. - Spezialitäten der Saison

Ich wünsche Ihnen einen schönen und sonnigen Sonntag!

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© by Michèle Legrand, Februar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Neid, reife Mütter, Heino, Lärmschutz und die #53

Es führt kein Weg daran vorbei, ich muss Ihnen diese Woche das kredenzen, was sich nebenher ergeben hat. Dazu, Größeres zu unternehmen, bin ich nämlich gar nicht gekommen. Tragisch würde ich diesen Umstand jetzt nicht nennen. Plaudern wir heute eben lediglich kurz, und Sie haben auf diese Art endlich einmal mehr Zeit vom Sonntag übrig als sonst nach der Bloglektüre.
Der Titel enthält übrigens so ziemlich sämtliche Ingredienzien des heutigen Eintrags, die Sie beim Lesen – falls der kleine Kontrollfreak in Ihnen durchkommt – checken und abhaken dürfen.

Verraten Sie es mir auf keinen – hören Sie, keinen! – Fall, falls bei Ihnen schon wieder oder immer noch die Sonne scheint und der Himmel vor Blau nur so strotzt! Das ist alles sehr schön für Sie, aber bei mir kommt so langsam Neid auf. Ich laufe schon grünlich an. Was auch durch Moosansatz verursacht sein könnte.
Feuchtigkeit aus allen Richtungen. Der Norden ist dermaßen gebeutelt!
Seit gefühlt ewigen Zeiten wird es im Grunde maximal an einem Tag der Woche für zwei, drei Stunden etwas heller, ansonsten herrscht absolutes Einheitsgrau. Gestern gab es zur Krönung stundenlang Regen und heftige Windböen gratis dazu.
Der Gedanke an Umzug oder Auswanderung liegt mir inzwischen gar nicht mehr fern, was allerdings absolut dagegen spricht, ist die Tatsache, dass meine echt sympathische Familie samt meiner fast noch nagelneuen, äußerst umwerfenden Enkelin hier wunderbar nah wohnt. Das zählt dann doch vier- bis neunfach in der Wertung und entschädigt für Tiefs en masse, die vom Atlantik kommend mal wieder Hamburg anpeilen.

In der vergangenen Woche hatte ich die Kleine bei mir, war mit ihr in ihrem fahrbaren Untersatz draußen unterwegs und dabei auch kurz im Einkaufszentrum.
Zweifeln Sie auch hin und wieder ein wenig an der Sehkraft bzw. der Wahrnehmung Ihrer Mitmenschen? Ich hatte diesmal diesen Moment, als ich hörte, wie eine ältere Dame mit kritischem Blick auf mich und das Baby missbilligend zu ihrer Freundin oder vielleicht auch Schwester sprach:
„Der Anteil der (hier folgte eine kleine Pause zum Anlauf nehmen) … reifen Mütter hat wirklich ganz schön zugenommen!“
Da beide weiter herüberstarrten, überlegte ich kurz, ob ich sagen sollte, dass ich mindestens noch die Niederkunft dreier weiterer Kinder plante, aber ich entschied mich letztendlich dagegen. Ich wippte die Enkelin, die sich mittlerweile auf meinem Arm befand und sagte stattdessen lächelnd zu ihr gewandt und betont langsam
„So, Mademoiselle. Wir beide – OMA (überdeutlich) und Milou – gehen jetzt nach Hause. Die Mama wartet bestimmt schon auf dich.“
Wie heißt es so schön? Ruhe im Karton. Fortan herrschte Funkstille.

An einem anderen Tag stand ich bei Karstadt an der Kasse an. Ebenso ein junger Mann mit seiner Freundin, der aus der Karnevalsecke hochbeglückt mit einer blonden Heino-Perücke nebst schwarzer Brille herbeistolziert kam und diese nun bezahlen wollte. Er hielt die recht gelb ausfallende Haarpracht schon einmal provisorisch an den Kopf, alberte herum und rief dabei mehrfach:
„Hossa! Hossa!“
Gelegentlich kommt auch in mir der Klugscheißer hoch und so fragte ich ihn beiläufig:
„War das nicht Rex Gildo mit dem Hossa?“
„Wer is’n das?“, wollte er wissen.
(In dem Moment kam ich mir doch sehr alt vor.)
„Ist der wenigstens auch blond?“, erkundigte er sich noch hoffnungsfroh.
„Nein, er hatte dunkelbraune Haare. Teint stark gebräunt, keine Brille …“
„Schiet …!“

Lassen Sie mich kurz nachdenken. War sonst noch etwas …?
Stimmt! Am Donnerstag klingelte es an der Haustür. Vor mir standen zwei Herren. Sie trugen rote Warnwesten mit der Aufschrift „Lärmschutz“.  Seitdem sie dort waren, überlege ich doch wieder die Sache mit der Auswanderung. Nein, wirklich!
Ich wohne nahe der Bahnlinie nach Lübeck, die man auszubauen plant. Ein weiteres Gleis für die S-Bahn soll hinzukommen.
Nicht nur, dass seit gut zwei Jahren und noch für zwei weitere Jahre Baulärm durch umfangreiche Umbauten an einem nahe gelegenen Bahnübergang (Aufhebung durch zukünftige Untertunnelung) sowie zusätzlicher Verkehr durch deshalb in meine Straße umgeleitete Fahrzeuge zur Tagesordnung gehören und mir irgendwann mit dem neuen Gleis auch noch ein Extrabahnhof fast vor der Haustür droht – nein, jetzt kündigten die beiden Besucher für Mitte Februar obendrein Baumfällarbeiten an.
Ich weiß nicht, ob ich eher heulen oder mich stattdessen freuen sollte. Eine große Anzahl Bäume, die zu nah entlang der Gleise wächst, muss weichen, weil dort eine Lärmschutzwand errichtet wird, eine etwas über drei Meter hohe Barriere.
Die Bäume, auf die man jetzt noch blicken kann und die im Sommer eine grüne Wand bilden, die selbst eine Lärmschutzfunktion übernehmen, für bessere Luft sorgen und vielen Tiere bisher ein Heim bieten oder zumindest eine Nahrungsquelle darstellen, sie hingegen sind ausgewachsen, um die 20 bis 25 m groß, breit, imposant, schön …
Ich tendiere doch zum Heulen. Für sie wird nie Ersatz kommen.

Diese Fällaktion steht fest, was alle weiteren Planungen angeht, so sage ich: Gemach, gemach !
Das gesamte Projekt des Streckenausbaus Richtung Bad Oldesloe, um den es letzendlich geht, ist immerhin eine erhebliche Geldangelegenheit – und jede Hinauszögerung … Ich meine, billiger wird es schließlich nicht mit der Zeit.

Auch die Aufgabe des Bahnübergangs bei mir – ich habe hier noch einen fast direkt vor der Tür – ist schon ein alter Bart. Seit ewigen Zeiten geplant, bisher aber nie realisiert!
Ich entsinne mich, als ich im Jahre 1986 herzog, stand ich eines Mittags mit einem sehr alten Mann und Ureinwohner dieser Gegend vor der geschlossenen Schranke. Gerade kurz zuvor hatte ich in der Zeitung einen Bericht über eine „demnächst“ geplante Aufhebung der Schranken zugunsten einer Unterführung gelesen.
Er schmunzelte damals weise und verriet mir, dass schon der Kaiser diese Pläne gehabt hätte und dass ganz sicher noch Jahrzehnte bis dahin vergehen würden. Er musste es wissen, er stammte schließlich aus Kaiserzeiten. Das Gespräch wiederum ist im Sommer 30 Jahre her. Die Schranken gibt es immer noch.
Daher – ruhig Blut.
Wissen Sie, was ich egenartig finde? Hier bereits eine Lärmschutzwand entlang der Schienen zu setzen, obwohl man doch offenbar vorhat, genau an dieser Stelle in absehbarer Zeit ein weiteres Gleis zu verlegen …

Da ich mich jetzt von dem bevorstehenden ätzenden Kahlschlag ablenken möchte, werde ich mich an die #53 von Leon Collins machen. Die #53 ist eine spezielle Stepptanzübung. Macht bewegliche Füße – und ist gleichzeitig eine nette Choreographie, die sich zu ganz unterschiedlichen Musiktiteln und somit in unterschiedlichem Tempo ausführen lässt. Ich versichere Ihnen, die dafür erforderliche Konzentration lässt einfach keinen Platz für Gedanken an Kettensägen und kippende Baumriesen.

Die Fußarbeit können Sie zum Beispiel in diesem Video sehen. Und ja, ich finde Anzug oder lange Hose à la Fred Astaire oder Gene Kelly auch weitaus attraktiver  … ^^

Ich bin also jetzt metallbeschlagen am klackern und verabschiede mich daher.

Ihnen wünsche ich einen schönen Sonntag!

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©by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand (WordPress) - freie Autorin

 

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Herz & Verstand

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