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Der Gloria-Rufer und andere Ereignisse …

Das interne Tauziehen um den Blogpost dieser Woche endete gestern mit einem Sieg für den Gloria-Rufer über den dritten Bodensee-Teil. Meersburg wäre es diesmal gewesen. Es kann rein gar nichts für seine Niederlage!  Zeitaufwand und Ruheerfordernis beim Fertigstellen sind für einen See-Serienteil höher – und genau an der verfügbaren Zeit hapert es im Moment. So erwartet Sie stattdessen im Verlauf einer kleinen, entspannten Sonntagnachmittagskaffeeplauderei ein Einblick in Vorkommnisse der zurückliegenden Tage.

Wissen Sie, es gibt immer wieder einmal so gar nicht recht zusammenpassen wollende Dinge. Aktionen, Bilder, Eindrücke, die gefühlt in der präsentierten Kombination irgendwie misslungen wirken. Falsch erscheinen.
In anderen Momenten entstehen unter Menschen komische bis leicht bizarre Situationen. Auf ihre Art ebenfalls leicht daneben … Nur falsch erscheinen sie deshalb nicht automatisch.
Und es gibt selbstverständlich im Leben die ganz besonderen Augenblicke! Die wirken dann wiederum vollkommen und goldrichtig.  Keine Spur von daneben …
Die letzte Woche hatte von allem etwas parat.

Sollen wir loslegen? Stichwort Handel und Weihnachten.
Verzichten wir einfach auf eine grundsätzliche Diskussion über den frühen Verkauf von Schokoweihnachts-männern, das Augustangebot an Lebkuchen, schmelzenden Dominosteinen und Konsorten, das enorm zeitige Dekorieren von Lichterketten, Weihnachtsgirlanden, Tannenbäumen etc. Das Ergebnis einer solchen Debatte ist nämlich sowieso von vornherein klar: Alle beklagen die Vorgehensweise des Handels, aber an dessen Verhalten ändert sich darum noch lange nichts.
Wo Profit lockt …
Sich nur aufzuregen bringt also nicht weiter. Der Ärger macht nur hässliche Falten. Ehrlicherweise müssten wir uns eingestehen, dass wir als Kunden nicht konsequent genug im eigenen Handeln sind. Wir ziehen nicht an einem Strang. Wir werden weich vorm Regal. Wir akzeptieren die Umstände zwar noch nicht, aber wir tolerieren sie. Wir meckern doch im Vergleich zu früheren Jahren mittlerweile bereits deutlich weniger, murren immer leiser, und irgendwann werden sie uns vermutlich komplett ruhig bekommen.
Die Gewöhnung macht’s. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.
Ihre Urenkel werden später überhaupt nicht mehr nachvollziehen können, was Ihren Puls beim Thema Adventszeit und Septemberstollen einmal hat losrattern lassen.

Was mich allerdings erstaunt, ist, dass bisher kein Ende in Sicht scheint mit der immer weiteren Vorverlegung der früher auf die echten Adventswochen beschränkten Vorweihnachtszeit. Stattdessen wird Jahr um Jahr immer noch ein bisschen eher mit Lichtern, Folie, Glitzerzeugs und erschlagenden Mengen an Weihnachtsmännern und anderen Süßigkeiten die Lieblingssaison des Handels eingeläutet.
Glauben Sie mir, nur die Tatsache, dass inzwischen Halloween zum Glücksfall für die Wirtschaft geworden ist und bis zum Gehtnichtmehr als weitere Einnahmequelle ausgeschlachtet wird, beschert uns bis zum
1. November noch ein wenig Ruhe vor weihnachtlicher Dekoration. Dass liebreizende Engel, Weihnachtskugeln und Goldhaar mit Gerippen, fies grinsenden Kürbissen und Kunstblut nicht so harmonieren, ist wohl für hartgesottene Verkaufsstrategen eine bittere Erkenntnis.

Wenn ich von Dingen spreche, die für mich nicht zusammenpassen wollen, dann ist z. B. dieses Weihnachten
im Spätsommer gemeint. In meinem Stadtteil gibt es von jeher Weihnachtsbuden sowie eine besondere Beleuchtung entlang der Straße. Vor zehn Jahren entstand aus diversen ursprünglich an der Straße platzierten Buden ein richtiger, ein kompakter Weihnachtsmarkt an einem zentralen Platz.
Als man damals zunächst damit begann, klammheimlich an der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung etwas zu verändern, gab es Proteste. Wegen des früheren Zeitpunkts, aber auch deshalb, weil es Verzicht bedeutete. Es war eine Abkehr von der Tradition! Es gab nämlich plötzlich keine herkömmliche Beleuchtung mit Stern- und Tannenzweigmotiv oder sonst einem weihnachtlichem Bezug, stattdessen bekamen sämtliche Straßenlampen große Acrylzylinder übergestülpt, in deren Säulen LED-Leuchten ein Licht in wechselnden Farben produzierten.
Was tat man, um die leidige Diskussion zu stoppen?
Man nannte es nicht mehr Weihnachtsbeleuchtung sondern Winterlicht.
Wen wundert es, im Laufe der Jahre setzte die Gewöhnung auch hier ein und ja, es sieht in der Dunkelheit attraktiv aus! Wesentlich schöner und freundlicher an einem kalten Abend als ohne bunte Beleuchtung!
Nur  – es verströmt keine weihnachtliche Atmosphäre mehr.

Der Weihnachtsmarkt mit seinen durch viele Lämpchen beleuchteten Holzhütten und der (unechten) Eisbahn, ist am Abend stimmungsvoll, nur machte auch er eine seltsame Entwicklung durch.
Gab es in den Anfangszeiten noch diese besonderen Tage, Volkstrauertag und Totensonntag, jene Tage, die man abwartete, bevor buntes Licht, Trubel und das große Geschäft im Advent begann, erfolgte der Startschuss für diese Aktionen immer früher im November. Natürlich wurde Protest laut!
Kann man doch nicht machen! Geht gar nicht! Vorweihnachtszeit ist erst im Advent!
Was tat man, um diese neue Diskussion zu ersticken?
Sie ahnen es. Man nannte es eben nicht mehr Weihnachtsmarkt, sondern Winterzauber. Der darf nun ohne Skrupel eher beginnen. Man gibt sich auf Organisatorenseite nun jeden November der leisen Hoffnung hin, dass es winterlich wird …

Der diesjährige Winterzauber wurde am 6. November, am Freitagmittag, eröffnet.  Keine Ahnung, warum am Mittag. Wesentlich mehr Atmosphäre würde am Abend bei Beleuchtung herrschen. Es hätten auch mehr Menschen Zeit und Gelegenheit teilzunehmen. Der Zulauf wäre entsprechend höher.
Wie auch immer, man kann sich nun stolz rühmen, den ersten Weihnachtsmarkt in ganz Hamburg zu haben, der in dieser Saison seine Tore öffnet. Moment! Weihnachtsmarkt?
Ertappt! Es ist doch nur pro forma ein Winterzauber! Reine Verschleierungstaktik.

Das Wetter fällt gerade wieder gnadenlos in den Rücken. Das Thermometer zeigte am Freitag +16 °C an. Ein milder, sehr feiner Sprühregen benetzte die Haare der Ice Girls. Die Cheerleader-Truppe der Freezers tanzte aus Anlass der Winterzauber-Eröffnung in ihren bauchfreien Trikots auf der Like-Ice-Fläche. Spätsommergefühle machten sich breit, und die wenigen Gäste, die dort außer geladener Presse (Fotografen) sowie prominenten und eher unbekannten Eröffnungsmitwirkenden erschienen waren, wären mit einem kühlen Cocktail anstelle des Glühweins vermutlich glücklicher gewesen. Bei Vogelgezwitscher zeigte sich der Herbst von seiner milden Seite.
Winterzauber! Pustekuchen! Tja, so läuft es halt, wenn man kurz nach dem Abbau des Oktoberfestzelts schon wieder die Weihnachtsbuden errichtet!
Nichtsdestotrotz ist die Existenz des Weihnachtsmarkts grundsätzlich absolut begrüßenswert, und natürlich ist es eine schöne Einrichtung für Wandsbek – sobald die richtige Zeit gekommen ist!

Worüber sprachen wir noch? Komische, bizarre Situationen erwähnte ich anfangs!
Ich empfand eine als solche.
Irgendwann in diesen Tagen befand ich mich auf einem belebten Gehweg in meinem Viertel. Lief dort nichtsahnend. Nach einer Weile hörte ich ein Stück weit hinter mir jemanden rufen.
„Gloria!“
Was macht man, wenn man einen fremden Namen hört? Richtig, gar nichts. Man geht weiter und achtet nicht näher darauf. Das Rufen wiederholte sich allerdings mehrfach.
„Gloria!“
Mensch, hoffentlich hat er sie bald eingeholt! Oder sie bemerkt ihn endlich und bleibt stehen!
So oder ähnlich ging es mir durch den Kopf. Die männliche Stimme klang inzwischen durchdringend laut und zunehmend ungeduldig. Es fiel mir schwer, das Gebrüll weiter zu ignorieren.
„Gloria! Jetzt warte doch mal!“
Die energische Stimme ertönte diesmal direkt hinter mir, und einen kleinen Moment später tippten mir zwei Finger auf die Schulter. Ich drehte mich erstaunt um.
Der Gloria-Rufer in den Vierzigern schaute verdutzt.
„Oh, du … Sie sind es ja gar nicht!“
„Nein.“
„Sie sehen aber von hinten wirklich genauso aus!“
„Aha …“
„Überhaupt sind Sie sich ähnlich. Sie sind verwandt, oder?“
„Nein, bin ich nicht.“
„Nicht? Sie kennen Gloria gar nicht?“
„Nein!“
„Ach, das ist aber schade!“
Ich war verblüfft über diese fast schon wehmütige Feststellung. So fragte ich zurück:
„Kennen Sie Jonas?“
Welchen Jonas denn?“
(Ach, kannte er zwei?)
„Den anderen …“, erwiderte ich ernsthaft.
„Also ich kenne gar keinen Jonas …“, stammelte er.
Ich hatte den Mann heillos verwirrt. Mein Mitgefühl erwachte, ein minimal schlechtes Gewissen meldete sich kurz darauf. Außerdem musste ich lachen, was eine weiterhin ernste Miene und ein Fortsetzen der kleinen Veräppelei verhinderte.
„Schauen Sie, ich kenne keine Gloria, Sie keinen Jonas. Es schadet uns jetzt aber nicht so dermaßen, oder?“
Keine Antwort. Die Überlegung dazu war offenbar noch nicht abgeschlossen.
„Tja, ich muss weiter. Sie sehen übrigens ein bisschen aus wie Peter.
Peter?“
„Ja. Von hinten. Kennen Sie Peter nicht?“
Er begriff und grinste nun ebenfalls.
(Reitet Sie auch manchmal so ein kleines Teufelchen?)

Ich bin weitergegangen und musste spontan an eine andere Begebenheit denken. Damals hatte sich in einer Schlange ein etwas älterer Herr zu mir gesellt, der nicht aufschaute, mir dafür aber eine ganze Weile etwas erzählte, weil er dachte, er stünde neben seiner Frau. Ich ließ ihn gewähren. Seine Gemahlin befand sich inzwischen drei Leute weiter vorne, was mir klar wurde, als sie sich irgendwann suchend nach ihrem Angetrauten umdrehte. Sie entdeckte ihn, wirkte irritiert und unterzog mich anschließend mittels kritischem Blick einer sehr genauen Prüfung.
Ich zog leicht die Schultern hoch, was meine Unschuld und leichte Hilflosigkeit demonstrieren sollte.
„Bernd, mit wem unterhältst du dich denn …?“, schallte es pikiert hinüber.
Beim Klang ihrer Stimme schaute er endlich auf. Blickte zunächst sie an. Dann mich. Mit der Erkenntnis kam postwendend eine überaus frische Gesichtsfarbe …
Das soll Männern und selbst Frauen gar nicht so selten passieren, wenn sie pärchenweise unterwegs sind! Der eine schaut hier, der andere hält dort, einer läuft unbeirrt weiter, der andere jedoch bremst oder biegt ab und irgendwann läuft man einem Fremden nach oder steht unbemerkt neben einem neuen Partner und unterhält sich angelegentlich – zumindest, bis der Irrtum auffliegt.
Ich sag’s Ihnen: Sie können unterwegs echt was erleben!

Eines möchte ich Ihnen heute am Schluss gern noch in eigener Sache mitteilen. Am Montag habe ich nichts Verrücktes, nichts Bizarres, aber dafür etwas Unvergleichliches erlebt. An dem Tag kam meine kleine Enkelin zur Welt. Eine wundervolles Menschenkind …
Im Gegensatz zu Gloria kenne ich sie. Darüber hinaus ist sie tatsächlich mit mir verwandt! Vielleicht ist sie mir sogar in irgendeinem Punkt ähnlich?
Jetzt. Später. Innerlich? Äußerlich?
Also von hinten ganz bestimmt!

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© by Michèle Legrand, November 2015
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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Heute Herrn Piefke kennengelernt…

Kleine Frage vorweg: Wie heißt Ihr Hund? Oder, falls Sie keinen Hund haben,  die Katze, der Vogel, etc. (Sollten Sie  gar kein Haustier haben, stellen Sie es sich jetzt bitte einfach nur vor).
Bello? Schnupsi? Arco?  Oder Jürgen, Moses, Möp? Marilyn, Zicke, Knutschi?
Es gibt vieles, was ich schon gehört habe. Heute kam etwas neues hinzu.

Auf dem Nachhauseweg nähere ich mich zu Fuß einer Kreuzung. Mit mir gleichzeitig tritt eine Mutter mit Kind – der Junge ist etwa fünf Jahre alt – sowie einem kleinen Hund hinzu. Aus der anderen Richtung erscheint ein Herr, dieser – geschätzt –  im Alter der jungen Mutter. Wir bleiben stehen, die Ampel ist für Fußgänger rot.
Angehechtet – und das ist bei ihrem recht fortgeschrittenen Alter nicht selbstverständlich – kommt eine weitere Dame. Sie schaut sich ungeduldig um und blafft schließlich ziemlich ruppig folgende Frage in die Runde:
„Hat denn eigentlich schon mal jemand auf den Knopf gedrückt?“
Wir schauen uns alle an. Keiner ist sicher, jeder hatte vielleicht angenommen, es sei schon gedrückt worden. Die Sonne steht so, dass auf Anhieb auch gar nicht zu erkennen ist, ob die Schrift rot aufleuchtet oder es sich nur um eine Reflexion des einstrahlenden Lichtes handelt.
„Und?“ wird von ihr hinterhergeschickt.
Der kleine Junge wendet sich an seine Mama:
„Darf Herr Piefke drücken?“
Die Angesprochene zögert einen kleinen Augenblick.
Unserer es eilig habenden Lady dauert dieser Moment schon wieder viel zu lange. Sie schautet erwartungsvoll den Herrn daneben an und schleudert ein: „Na, nun machen Sie schon! Es wäre schön, wenn Sie heute noch drückten!“ in seine Richtung.
Sein Blick ist zunächst völlig verständnislos. Dann klickt es bei ihm, und er lacht schallend los. Kriegt sich kaum wieder ein. Bei der Dame sind die Zahnrädchen noch nicht weiter gesprungen.
Die junge Mutter grient ebenfalls, hebt den Hund hoch, und mittels der Hilfe ihres kleinen Sohnes, wird Herrn Piefkes Pfote auf den zu drückenden Bereich gelenkt. Das Fellwesen löst erfolgreich das Lichtzeichen ‚Signal kommt’ aus und fordert kläffend, dass man ihn nun gefälligst wieder auf den Boden setzt.
Ich bin wieder einmal fasziniert und versuche vergeblich, mein aufsteigendes Grinsen unter Kontrolle zu halten. Die Reaktion der Lady, als sie letztendlich versteht, wer hier der Herr Piefke ist und dass sie gerinfügig danebenlag, ist erbärmlich. Statt über sich zu lachen oder zumindest gute Miene zum Spiel zu machen, verharrt sie ausdruckslos bis leicht verbissen und startet wortlos als erste durch, sobald das grüne Männchen erscheint. Chance verpasst, sich an diesem Tag an etwas zu erfreuen.
Der junge Mann hingegen verabschiedet sich formvollendet von Herrn Piefke und uns anderen und gluckst noch leise im Weggehen. Ich könnte mir vorstellen, dass auch er heute noch einige andere an seinem Spaß teilhaben lässt.

Herr Piefke. An dieser Stelle grüße ich einfach mal den Herrn Cooper, dessen Herrchen Jens Schönlau den www.fiftyfiftyblog betreibt. Es fiel mir gerade ein, dass mir doch schon ein anderer Hunde-„Herr“ über den Weg lief ….

©Juli 2011 by Michèle Legrand

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Unfreiwilliger Kundenservice – 25 Jahre mit Falschanrufern

Ich werde demnächst an die Firma schreiben.
Ich denke spätestens im März, dann sind 25 Jahre herum. Eine Art Silberjubiläum.
Jawohl, sie sollten jetzt davon erfahren.
Inzwischen sind sie nämlich wirklich alt genug, sich einmal um diese Angelegenheit zu kümmern. Und eigentlich wissen sie auch davon …!
Kennen dieses leidige Thema.
Entweder sie schaffen Abhilfe oder nehmen mich als externen Mitarbeiter auf – auf Honorarbasis. Pro Fall, versteht sich. Bisher wurde ich eher unfreiwillig ehrenamtlich im Bereich Service, Auskunft, Kundenbeglückung eingesetzt. Ich, das sanfte Lamm vom Dienst mit ständiger Wochenendbereitschaft.

Es begann 1986. Es war März, die Tage wurden länger, die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings brachen durch, es wurde wärmer. Ich war umgezogen und erhielt eine neue Telefonnummer. Heute würde man die alte mitnehmen, wenn man in der gleichen Stadt bleibt. Damals nicht. Und damit fing alles an.
An einem Morgen der ersten Woche klingelte gegen sieben Uhr in der Früh durchdringend das Telefon. Ich war schon fast auf dem Weg zur Firma, nahm aber noch ab, und ein Schwall brach über mich herein.
Unvorbereitet verstand ich anfangs überhaupt nicht, worum es ging, nur dass ich gerade beschimpft wurde. Irgendwann war von einem Waschautomaten die Rede, von einem Techniker, der nie erschien, dann fiel noch das Wort Garantie.
Es gelang mir herauszufinden, dass die Anruferin glaubte, den Kundendienst der Firma Miele angerufen zu haben. Mittendrin nutzte ich eine Atempause, um ihren Monolog zu stoppen, um aufzuklären, dass sie offensichtlich die falsche Nummer gewählt hatte und um mich zu verabschieden. Schließlich wartete der Bus nicht auf mich. Damit war der Fall für mich erledigt.
Niemals hätte ich gedacht, dass hier der Beginn einer jahrzehntelangen ‚Freundschaft’ mit Kunden dieser Firma beginnen würde!
Kurze Zeit darauf wurde ich unsanft am Morgen eines Sonnabends durch das Telefon geweckt. Ein Herr, der seinen defekten Kaffeefilterautomaten melden wollte und um einen Techniker vom Notdienst bat. Er hatte ein Restaurant, es war also eilig.
Ich hätte nicht unbedarft fragen sollen, ob er denn vielleicht die Firma Miele erreichen wollte.
„Natürlich!“ Erbost fuhr er fort: „Wenn ich bei Miele anrufe, werde ich ja wohl auch Miele haben wollen, oder?“
Das klang logisch, nur der kleine Fehler war, er hatte eben nicht dort angerufen. Die Klarstellung nahm er grummelnd auf, muffelte noch ein bisschen, und das war’s. Ich war wieder zurück ins Bett geklettert und hatte mich gewundert. Den Herrn hatte ich vorsichtig gefragt, welche Nummer er denn hatte wählen wollen. Konnte ja sein, dass er durchaus die Richtige war, er aber einfach einen Zahlendreher beim Wählscheibe drehen (damals!!) produziert hatte.
„Nein, ICH habe richtig gewählt!“
Na, prima, dann lag der Fehler halt woanders.
Nun bin ich keine, die nach zwei Vorkommnissen dieser Art immer noch annimmt, die Sache sei ausgestanden. An diesem Wochenende schnappte ich mir das Telefonbuch und suchte den Eintrag des Kundendiensts der Firma Miele.  Aha, da hatten wir’s! Vor der ganzen Nummer kam zusätzlich noch eine „7“…
Mensch, warum wählt ihr die denn dann nicht mit? So ging es mir durch den Kopf. Rätsel über Rätsel, aber ich merkte es mir.

Es ging munter weiter. Vor allem montags. Nach dem Wochenende riefen alle an, die davon ausgingen, nicht schon am Wochenende jemanden unter dieser Nummer erreichen zu können. All diese Menschen waren dann schon ziemlich weichgeklopft vom Ausfall ihrer Geräte und Maschinen, die oftmals bereits seit Freitag nicht mehr funktionierten. Mütter mit großer Familie, die in ungewaschener Wäsche versanken, Firmen, deren Kaffeemaschinen nichts mehr ausspuckten,  Haushalte, die nicht mehr saugen konnten u. v. m.
Langsam war ich firm. Ich reagierte schnell, filterte die Miele-Falschlander heraus, fragte nach der ihnen vorliegenden Nummer, und  siehe da, oftmals fehlte  wirklich die berühmte „7“. Manche waren selig, dass sie nun gleich jemanden erreichen würden, andere waren wütend, weil ihnen Fachhändler vor Ort auf ihren Wunsch hin die Kundendienstnummer mitgeteilt hatten, aber offensichtlich falsch!
Es dauerte ungefähr ein Jahr mit gefühlt etwa 150 Anrufen, bis mir ein Kunde erzählte, dass auf den Briefbögen der Firma Miele die Nummer so komisch abgedruckt ist, dass man meint, die Zahl „7“ sei ein Schrägstrich zur Unterteilung. Wieder hatte ich etwas dazugelernt.

Nach zwei bis drei Jahren hatte ich inzwischen mehrere Anrufer erlebt, die mich richtiggehend bemitleideten.
„Ach, Sie Arme, passiert Ihnen das häufiger? Sie kennen das wohl schon.“
Und es gab welche, die mir von sich aus sagten, sie würden Miele bei ihrem kommenden Anruf gleich mitteilen, dass sie die Briefbögen besser drucken sollen, und dass es da eine Dame in Hamburg gebe, die immer alle Anrufe annähme, Auskunft erteile und dass das doch so wohl nicht bis in alle Ewigkeit ginge.
Manchmal musste ich über die Entrüstung der Anrufer lächeln, aber irgendwie war es auch nett.
Ich spielte mit dem Gedanken, selbst Kontakt aufzunehmen, weil es zunehmend nervte, nur ich dachte mir Folgendes:
Ach, Mädchen, dann landest du in der Zentrale, wo eine nette Person alles aufnimmt – aber passieren wird gar nichts.

Nach ungefähr acht Jahren geschah dies: Ich erhielt einen Anruf am Nachmittag, nahm an, es sei ein Miele-Wähler und unterbrach (aus Zeitmangel) relativ kurz angebunden das Gespräch.
„Wenn Sie Miele möchten, wählen sie bitte folgende Nummer …“
Schweigen im Walde. Huch?
„Sind Sie noch dran?“
„Ja, … aber ich will doch gar nicht Miele!“
Hatte ich jetzt etwa jemanden, den ich kenne, abgewiesen? Das wäre peinlich. Dieser Fall stellte sich jedoch anders dar. Das Finanzamt Blankenese hatte zu jener Zeit eine ähnliche Nummer, die zwei Anfangsziffern lediglich in umgekehrter Reihenfolge. Bei dem Herrn nun handelte es sich um einen Oberamtsrat, der sich einfach vertan hatte. Er blieb dummerweise nicht der Einzige, der sich bei dieser Nummer verwählte.
Die Entwicklung war eindeutig nicht gut …
Das Finanzamt entpuppte sich zum Glück als kurzes Zwischenspiel, als Affäre, Mini-Liaison. Die Behördennummern in Hamburg  wurden komplett umgestellt. Alle bekamen bald darauf einheitlich im ganzen Stadtgebiet vier gleiche Ziffern vorweg und dazu unendlich viele neue Durchwahlendungen. Zum Glück unterschied sich jetzt alles erheblich von meiner Nummer.

Miele blieb mir treu. Einige Jahre später trat allerdings auf einmal eine gewaltige Verbesserung der Situation ein. Nicht, dass Miele jetzt die besagte Nummer deutlicher schrieb, die Fachhändler sie richtig vorliegen hatten o. ä.
Nein, die Zeit der Gratis-Servicenummern hatte begonnen. Alles, was mit 0800 vorweg startete, kostete keine Gebühren. Auch Miele entzog sich dem nicht, richtete eine derartige Nummer zusätzlich zur bisherigen als Hotline ein, und prompt hatte ich nur noch zwei bis drei Mal pro Woche Falschwähler. Das waren dann die, die bei der Hotline in der Warteschleife fast vermodert waren, irgendwann aufgegeben hatten und trotz Kostenpflicht die andere Nummer versuchten.
Sie landeten wie zuvor bei mir. Sobald ich abnahm, konnte ich ein tiefes Luftholen vernehmen, und dann ging es auch schon los. Frust ablassen. Über das Verrecken am Telefon, das kaputte Gerät, die schlechte Welt ganz allgemein.

Ich hatte mir abgewöhnt, meine Tätigkeit fürs Telefonieren zu unterbrechen. Mit zwischen Kinn und Hals eingeklemmten Hörer rührte ich in der Küche weiter in den Töpfen, putzte meinen Kindern die Nase, arbeitete an der Steuererklärung, zupfte Unkraut oder versuchte, mich bei Übersetzungen nicht zu sehr herausbringen zu lassen.
Auf diese Art verging Jahr um Jahr, Kunden kamen, Kunden gingen, neue Gerätemodelle eroberten den Markt  –  und wurden bei mir als reparaturbedürftig gemeldet. Mit einem netten Franzosen parlierte ich geraume Zeit über seinen séchoir à linge, seinen Wäschetrockner.
Ich verriet manchmal Freunden von meiner Undercover-Miele-Tätigkeit, einige von Ihnen bekamen es auch mit, wenn sie zu Besuch waren. Die ganz Fixen rufen mich gelegentlich an und melden sich genüsslich mit:
„Bei mir läuft alles raus, ich brauch’ nen Techniker! – Bitte? Ach, Sie sind nicht Miele?“
Ja, das Leben ist merkwürdig.

Nun, Miele, jetzt sind wir an dem Punkt, an dem fast 25 Jahre unentgeltlich vergangen sind, ich euch Hunderte von Kunden besänftigt habe, malade Geschäftsbeziehungen repariert und Druck genommen habe, bevor die Kunden dann wirklich bei euch anriefen. Ich kenne inzwischen einige eurer Sachbearbeiter namentlich (nur nie persönlich), ich bin einer eurer am längsten tätigen ‚Mitarbeiter’, war stets loyal und allzeit bereit.
Wie wär’s, ich fände es gar nicht so übel, wenn jetzt von eurer Seite einmal eine Aktion käme! Neue Briefbögen beispielsweise, neue Visitenkarten des Kundendienstes, richtige Informationen an eure angeschlossenen Fachhändler …

Ich brauche keine silberne Ehrennadel, aber ich glaube ich würde vom Hocker fallen, wenn von „meiner“ Firma einmal jemand bei mir anriefe und beispielsweise sagen würde:
„Also, das fand ich richtig nett von Ihnen, so all die Jahre.“

Träumerei …

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© by Michèle Legrand, Januar 2011
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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