Archiv für die Kategorie Auf Entdeckung … am Bodensee (CH, A, D)

Neues vom Bodensee (3) – Hanglage mit Aussicht: Meersburg

Nur einmal angenommen, Ihnen würde jemand ein Grundstück aufdrängen. Einschließlich Wohnung oder Haus. Befindlich in der Bodenseeregion, in unmittelbarer Wassernähe. Geschenkt! Und Sie sollten obendrein auswählen, wo Sie es denn gern hätten!

Nach der ersten Euphorie werden Sie vermutlich ziemlich ins Schwitzen geraten bei Ihren Überlegungen.
Diese Auswahl! Es gibt so viele schöne Lagen – wo ist es am Bodensee schon hässlich!
Je länger Sie allerdings nachdenken, desto mehr Dinge fallen Ihnen ein, die aus einer schönen, eine optimale Lage machen würden. Es nimmt Formen an, bis sich plötzlich seltsamerweise Vorstellungen hinzugesellen, die sich zunächst zu widersprechen scheinen.

Meersburg - Oktober am Bodensee - Die Vegetation täuscht eine Mittelmeerkulisse vor ...

Direkt am Wasser?

Direkt am Wasser, war vielleicht Ihr erster Gedanke. Aber was, wenn Hochwasser herrscht oder dieser Nebel wieder direkt über dem See festhängt? Oder wenn jeden Tag Massen von Touristen an ihrem Gartenzaun entlangflanieren, weil Sie ja nun unmittelbar an der beliebten Uferpromenade wohnen?
Der Standort ist etwas heikel.

Außerdem möchten Sie auf gar keinen Fall komplett auf Weitblick verzichten! Das andere Ufer und vor allem das Alpenpanorama, … das reizt!
Für die Fernsicht wäre eher ein Plätzchen oben auf einem Hügel zu empfehlen. Nur wenn von dort das Ufer gar nicht zugänglich ist …? Oder Sie es sehr weit hätten, um endlich zu einem Ort mit einem Anleger der Bodenseeschiffe und -fähren zu gelangen?
Das ließe wieder neue Überlegungen aufkommen. Was wäre noch ein Auswahlkriterium?

Am Schwäbischen Meer - Bodenseeschiff läuft Meersburg an ...

Schwäbisches Meer – Ein Plätzchen am Bodensee mit Aussicht ….

Sie mögen Wein. Weinanbau vor Ort würden Sie begrüßen. Weinstuben natürlich auch. Sie essen gern gut. Und so hypermodern brauchen Sie es nicht. Ein gemütlicher, gepflegter Altstadtbereich, das wäre doch ideal!

Meersburg am Bodensee - Hafen - Oberhalb des Weinhangs das Verwaltungsgebäude des Staatsweinguts Meersburg (gelb) und das Neue Schloss

Meersburg am Bodensee – Hafen – Oberhalb des Weinhangs das Verwaltungsgebäude des Staatsweinguts Meersburg (gelb) und das Neue Schloss

Heimlich stehen Sie sogar auf etwas Rustikales wie eine Burg. Und vor Ihrem Auge taucht automatisch gleich ein großer Marktplatz mit auf, auf dem Sie unkompliziert Bekannte treffen oder Touristen beobachten.
Genau! Was Sie – abgesehen von Wassernähe und gleichzeitiger Fernblickmöglichkeit – brauchen, ist eine gepflegte Auswahl an Gastronomie, die Möglichkeit zur Geselligkeit! So in der Art wäre es goldrichtig. Alles in der Größe überschaubar und ohne Hektik.

Meersburg am Bodensee - Schlossplatz

Meersburg am Bodensee – Schlossplatz

 

Bodensee - Alte Bauten ...

Bodensee – Alte Bauten …

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt

Meersburg am Bodensee – Unterstadt

 

Meersburg am Bodensee

Meersburg am Bodensee

 

Meersburg am Bodensee - Schlossmühle mit oberschlächtigem Wasserrad (noch funktionsfähig) unterhalb der Burg ...

Meersburg am Bodensee – Schlossmühle (noch funktionsfähig) unterhalb der Burg …

 

Das oberschlächtige Wasserrad der Schlossmühle Meersburg ...

Das oberschlächtige Wasserrad der Schlossmühle Meersburg …

Moment! Es sollte natürlich auch nicht total in der Pampa liegen! Eine gute Verkehrsanbindung muss gegeben sein – nur bloß nicht die Riesenstraße direkt vor der Nase!
Vielleicht noch ein bisschen südliche Gefühle, ein leicht mediterranes Flair – sehr erbaulich, während Sie irgendwo Ihren täglichen Cappuccino trinken.

Meersburg am Bodensee - Überbordende Blütenpracht auch noch im Oktober ....

Meersburg am Bodensee – Überbordende Blütenpracht auch noch im Oktober ….

 

Meersburg am Bodensee - Café Zierat (mit nur einem 'r')

Meersburg am Bodensee – Café Zierat (mit nur einem ‚r‘)

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt

Meersburg am Bodensee – Unterstadt

Ein Kulturbanause sind sie ebenfalls nicht, es wäre also nett, würde Kulturelles nicht unter den Tisch fallen. Und Sport! Sportmöglichkeiten wären ebenfalls nicht zu verachten.
Kurzum, anspruchsvoll sind Sie ja so gut wie überhaupt nicht, und einem geschenkten Gaul schaut man schließlich nicht ins Maul, aber im Prinzip suchen Sie schon einen Standort mit sowohl Erholungs- als auch Unterhaltungswert in exzellenter und zugleich vielseitiger Lage.

Farbenfrohe Häuserfassaden in der Unterstadt von Meersburg ...

Farbenfrohe Häuserfassaden in der Unterstadt von Meersburg …

Geschafft! Die Wunschvorstellungen wären geklärt.
Die Frage ist nur: Existiert ein solcher Ort überhaupt?
Sie werden vielleicht staunen, aber Meersburg entspricht tatsächlich all den genannten Kriterien!

Meersburg am Bodensee - Uferpromenade und Blick auf die Meersburg

Meersburg am Bodensee – Uferpromenade und Blick auf die Meersburg

Das Städtchen führt ganz offiziell die Bezeichnung „Erholungsort“, hat sogar vor einiger Zeit eine eigene Therme erhalten.
Auf der Karte finden Sie Meersburg, wenn Sie mit dem Finger am nördlichen Bodenseeufer bis zu dem Punkt entlangfahren, an dem der Obersee in den Überlinger See übergeht.
Was Meersburg von zahlreichen anderen Orten am See abhebt und so enorm vielseitig macht, ist seine Hanglage. Der Ort ist nämlich nicht nur unten am Wasser oder allein oben angesiedelt, sondern Meersburg besteht aus einer Unter- und einer Oberstadt. Insgesamt auf einer Höhe von etwa 400 bis 500 Metern gelegen, wobei allein dieser Unterschied zwischen Meersburg oben und Meersburg unten gut 40 Meter ausmacht.
Der Hang ist natürlich optimal nach Süden ausgerichtet, so dass Sie sich lange die wärmende Sonne auf ihre Nasenspitze scheinen lassen können, und durch das milde Klima und die Sonnenreflexion des Seewassers klappt auch der Weinanbau so vorzüglich; die Trauben schmecken sehr aromatisch. Verdursten können Sie in Meersburg sowieso nicht. Nach einer Auskunft von 2011 gibt es dort zwanzig (!) Kleinbrenner, die ihre Produkte herstellen.

Meersburg am Bodensee - Weinhang mit Staatsweingut Meersburg (gelbes Gebäude) und Neuem Schloss (rechts)

Meersburg am Bodensee – Weinhang mit Staatsweingut Meersburg

 

Meersburg am Bodensee - Häuser mit Geschichte - Hotel "Wilder Mann" (seit 1623)

Meersburg am Bodensee – Häuser mit Geschichte – Hotel „Wilder Mann“ (seit 1623)

Die Verkehrsanbindung ist gut und trotzdem müssen Sie nicht unter Stau vor der Haustür leiden. Der Altstadtbereich ist nämlich Fußgängerzone. Der Autoverkehr wird außen herum über eine Serpentinenstrecke, die B33, geleitet und landet erst ein Stück entfernt auf der gut ausgebauten und viel befahrenen B31. Von der hört und sieht man jedoch in Meersburg nichts.

Meersburg am Bodensee - Unterstadtstraße mit Stadttor

Meersburg am Bodensee – Unterstadtstraße mit Stadttor

Wer lieber mit dem Fahrrad unterwegs ist, ist hier praktischerweise direkt auf dem Bodenseeradweg
bzw. dem Bodenseerundweg.
Busverbindungen existieren in die umliegenden Städte, selbst nach Ravensburg gelangt man auf diese
Art.
Was viele sehr gern nutzen, ist außerdem die Möglichkeit, Strecken auf dem Wasserweg zu bewältigen. Bodenseeschiffe legen in Meersburg an und verkehren zu diversen andere Uferstädtchen sowie der Insel Mainau. Darüber hinaus gibt die Autofähre, die alle 15 Minuten ablegt und zwischen Meersburg und
Konstanz pendelt. Selbst nachts verkehrt die Fähre stündlich.

Eine der zwischen Meersburg und Konstanz verkehrenden Autofähren (hier_ MF TABOR, 2004 in Dienst gestellt)

Eine der zwischen Meersburg und Konstanz verkehrenden Autofähren (hier „MF TABOR“, 2004 in Dienst gestellt)

 

Meersburg am Bodensee - Die Anlegestelle der Autofähren etwas westlich vom allg. Hafen

Meersburg am Bodensee – Die Anlegestelle der Autofähren etwas westlich vom allg. Hafen

Wie vielseitig die Geschichte und Einflüsse, wie sehenswert die Bebauung ist, das erkennen Sie vorab –
bevor Sie jegliche eigene Erkundungen vor Ort gestartet haben – schon an folgender Tatsache:
Meersburg ist Teil aller möglichen Ferienstraßen!
Die Stadt ist sowohl ein Punkt an der Oberschwäbischen Barockstraße als auch ein Endpunkt der Schwäbischen Dichterstraße. Dann gehört sie mit zum weit verzweigten Netz der Deutschen Fachwerkstraße genauso wie sie an der sogenannten Route Verte, der Grünen Straße, liegt, die in den Vogesen startet und hinter Meersburg noch weiter bis Lindau geht, wo sie auf dieser Route endet.

Meersburg am Bodensee - Fachwerkbauten

Meersburg am Bodensee – Fachwerkbauten

Wie Sie die Erkundung von Meersburg vielleicht einmal real starten, ob in der Oberstadt oder eher unten am Wasser, ist – salopp ausgedrückt – eigentlich gehopst wie gesprungen. Sehen werden Sie ja so oder so alles.
Was allerdings für einen Beginn in der Unterstadt spricht, ist die Tatsache, dass es wesentlich angenehmer ist, den Höhenanstieg auf der schmalen, autofreien Altstadtstraße zu bewältigen und zum Ende die Rieschentreppe für den Abstieg hinunter zur Schiffsanlegestelle zu wählen. Das gemächliche Erklimmen entlang interessanter Bauten, entlang des Burggrabens, vorbei an vielen Blumenarrangements, Brunnen und kleinen Läden, ist wesentlich entspannter und führt durch das Schauen, Stehenbleiben, Fotografieren etc. zu einem Tempo, das Sie nicht aus der Puste geraten lässt. Wohingegen 171 Stufen ohne Ablenkung und non-stop hinauf schon spürbar sind!

Meersburg am Bodensee - Schloss und Schlossgarten

Meersburg am Bodensee – Schloss und Schlossgarten

 

Meersburg am Bodensee - Schlossgarten - Blick auf die Meersburg und den Bodensee

Meersburg am Bodensee – Schlossgarten – Blick auf die Meersburg und den Bodensee

Die vielen Stufen sind wesentlich besser für den Abstieg geeignet. Dabei haben Sie auch die Möglichkeit, in verschiedenen Höhen auf der Treppe einen Halt einzulegen, um immer wieder den Ausblick auf den See oder den Weinhang des Staatsweinguts zu genießen. Ohne ständiges Umdrehen, wie es beim Aufstieg nötig wäre. Denn jetzt ist Laufrichtung gleich Seh- bzw. Seerichtung.

Meersburg am Bodensee - Hanglage mit Aussicht ...

Meersburg am Bodensee – Treppenabstieg – Hanglage mit Aussicht …

Ich frage mich manchmal bei solch kleinen Gassen und gewundenen Wegen, wie denn dort so profane Dinge wie die Müllabfuhr funktionieren. Zumindest was die Gelben Säcke angeht, kann ich Ihnen berichten, dass kein Spezial-Liliput-Müllfahrzeug auftaucht, um gelbe Miniaturmülltonnen zu leeren, sondern dass die Anwohner all ihre Säcke hinunter zur Uferstraße bringen. Dort wird zentral gesammelt und zur Abholung ein riesiger Haufen aufgeschichtet. (Ich hoffe, dieser Extraaufwand beeinflusst ihre Entscheidung für ein geschenktes Grundstück in Meersburg jetzt nicht negativ …)

Meersburg am Bodensee

Meersburg am Bodensee – … die schmale Straße hinauf. Müllsäcke werden unten deponiert und von der Müllabfuhr abtransportiert.

 

Meersburg am Bodensee - Schmale Gassen, die zur Oberstadt und zur Burg hinauf führen...

Meersburg am Bodensee – Schmale Gassen, die zur Oberstadt und zur Burg hinauf führen…

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Entlang alter Mauern und durch kleine Gassen ...

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Entlang alter Mauern und durch kleine Gassen …

 

Meersburg am Bodensee - Der Name Alemannen-Torkel für eine Weinstube ist auch nett gewählt ...

Meersburg am Bodensee – Der Name Alemannen-Torkel für eine Weinstube ist auch nett gewählt …

 

Verhungern kann man in Meersburg nicht .... (Restaurants in der Unterstadt)

Verhungern kann man in Meersburg nicht ….

Wo sie auch einmal hineinschauen könnten – neben dem Burgmuseum, dem Schloss, der Mühle etc. – ist Omas Kaufhaus. Dort finden Sie so unheimlich viele Dinge aus alten Zeiten. Puppenstuben, Bären, Blechspielzeug, Dampfmaschinen, Hummel-Figuren, altes Emailgeschirr, Kunsthandwerk. Kinder mögen es auch sehr, weil dort eine Modelleisenbahn aufgebaut ist. Sie dreht auch tatsächlich ihre Runden!
Und es zieht sich ein Wasserkanal durchs Kaufhaus.  Auf ihm fahren relativ große handgefertigte Sammlerblechschiffe  – und es gibt die „Reise der Titanic“, die natürlich nicht sinkt, sondern ankommt!

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Omas Kaufhaus

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Omas Kaufhaus

 

Meersburg am Bodensee - Unterstadt - Eingang zu Omas Kaufhaus - Der Pustefix-Bär bläst Seifenblasen ...

Meersburg am Bodensee – Unterstadt – Eingang zu Omas Kaufhaus – Der Pustefix-Bär bläst Seifenblasen …

Wofür ist Meersburg eigentlich überregional bekannt? Mit wem verbindet man Meersburg? Jede Stadt hat doch gerne Ihre „Kinder“, ihre Künstler, ihre Prominenten, mit denen sie punkten kann.
Geboren, gelebt, gestorben … Wenigstens eins davon!
Haben Sie einmal darauf geachtet?
Es wird manchmal ein wenig getürkt dabei! Da wird sich bewusst bei der Verbundenheit der betroffenen Person zum Ort etwas diffus und schwammig ausdrückt, und manchmal reicht es, dass ein namhafter Mensch eine einzige Nacht in einem Hotel übernachtet oder in der Bar einen Drink genommen hat, um dazu zu führen, dass dieses Hotel umbenannt wird und jetzt seinen Namen trägt, er als Sohn oder Tochter der Stadt gehandelt und zum Ehrenbürger geadelt wird oder nach seinem Tod ein Denkmal erhält.

Für Meersburg steht Annette von Droste-Hülshoff  („Die Judenbuche“, „Der Knabe im Moor“), und ich behaupte nicht, dass es bei ihr so war! Ihr Leben lässt sich mit Meersburg schon verknüpfen. Ihr Werk ist hier daher überall präsent, Bilder, aber auch Zitate der Dichterin, die nebenher Musikerin und Komponistin war, begegnen einem vielerorts.
Sie lebte in der Burg, sagt man. Und das lässt Raum für eigene Gedanken. Macht sie im Geist vielleicht sogar zur Meersburgerin, wenigstens zu jemandem, der schon immer da war. Dass sie in Münster geboren wurde, fast ihr ganzes Leben anderswo verbrachte und erst in den letzten Jahren vor ihrem Tod zeitweise in einem Zimmerchen auf der Meersburg weilte, weil ihre Schwester mit dem Burgherrn verheiratet war, ist zweitrangig. Aber sie hat dort gewirkt, hat sich von ihren Aufenthalten am Bodensee für ihre (Meersburg-)Gedichte und ihr lyrisches Schaffen inspirieren lassen. Letztendlich starb sie sogar auf der Burg, und ihr Grab befindet sich auf dem Meersburger Friedhof.
Dass die Stadt Münster natürlich auch sagt, Annette von Droste-Hülshoff wäre eine Tochter ihrer Stadt gewesen, gehörte zweifellos dorthin, ist klar …
Sie wissen, wie die Dame aussah? Erinnern Sie sich noch an den alten Zwanziger aus vor-Euro-Zeiten? An die 20-DM-Banknote und deren Porträtbild auf der einen Seite? Dort war Annette zu sehen, und als Vorlage diente eine Zeichnung, die ihre Schwester Jenny von ihr gemacht hatte, die Burgherrin von Meersburg.

Die Meersburg

Die Meersburg

Annette von Droste-Hülshoff taucht sogar an Meersburgs Magischer Säule, einer Skulptur an der Hafeneinfahrt von Meersburg, ganz oben auf dem Pfosten in Gestalt einer Möwe auf. Der Bildhauer Peter Lenk hat sich eine Zeile ihres sehr bekannten Gedichts „Am Thurme“ herausgegriffen und die Dichterin in dieser Form symbolisiert. Dort schrieb sie nämlich, sie würde gern „zischend über das brandende Riff wie eine Seemöve streifen“.

Meersburg am Bodensee - Hafen mit "Magischer Säule" von Peter Lenk

Meersburg am Bodensee – Hafen mit „Magischer Säule“ von Peter Lenk

Diese Magische Säule ist generell eine sehr interessante, filigrane Skulptur. Peter Lenk ist bekannt dafür, dass er sehr gern karikaturhaft darstellt. Er zeigt auch mit Vorliebe gesellschaftliche Missstände auf – natürlich aus seiner Sicht als solche empfundene – was gelegentlich provokant ausfällt, weil es obendrein auf eine satirische Art und Weise geschieht.
Wenn Sie seine Skulpturen (die Magische Säule, die Imperia-Figur in Konstanz oder z. B. der Bodenseereiter in Überlingen) interessieren, weil sie so besonders sind und Sie mehr zu den jeweils dargestellten Figuren erfahren möchten, dann schauen Sie einmal auf die Website des Künstlers.

Blick vom Wasser bzw. Boot zurück auf Meersburg, rechts die "Magische Säule" von Peter Lenk

Blick vom Wasser bzw. Boot zurück auf Meersburg, rechts die „Magische Säule“ von Peter Lenk

Wir sind mittlerweile wieder unten am Hafen angelangt und müssten uns jetzt übrigens ein bisschen sputen, falls Sie nach der Erkundung Meersburgs noch vorhaben, mit auf das Schiff Richtung Konstanz zu kommen. Das Boot legt gleich ab. Auch eine ulkige Sache, die einem häufiger passiert:
Wenn Sie länger am See sind, die Orte ringsherum aufsuchen und die Uferpromenaden mit den Anlegestellen entlanggehen, haben Sie häufig den Eindruck, Sie werden von gewissen Schiffen verfolgt! Überall tauchen sie wieder auf. Sind vor Ihnen dort. Oder treffen irgendwann während Ihres Aufenthaltes ein.
Die „Austria“ ist auch so ein Kandidat!

Meersburg am Bodensee - Uferpromenade mit Anlegestellen für Bodenseeschiffe - Die AUSTRIA nimmt direkten Kurs ...

Meersburg am Bodensee – Uferpromenade mit Anlegestellen für Bodenseeschiffe – Die „Austria“ nimmt direkten Kurs …

Aber davon vielleicht beim nächsten Mal mehr. Für heute soll es wieder reichen.

Meersburg am Bodensee - ... alles gutgegangen, die "Austria" hat rechtzeitig gedreht.

Meersburg am Bodensee – … alles gutgegangen, sie hat rechtzeitig gedreht.

Sie wissen nun, wohin es Sie verschlagen könnte, sollte Sie jemals ein Grundstücksverschenker nötigen, sich für einen Ort am Bodensee zu entscheiden.
Nach Meersburg!
Unten Wasser, oben Ausblick. Und auch dazwischen, einfach überall schön!

Vielleicht lesen wir uns bald wieder? Dann bis demnächst!

Meersburg am Bodensee - Die attraktive Lady (Metallene Silhouette einer Dame mit Hut) steht in der Unterstadtstraße ...

Gruß aus Meersburg!

.
© by Michèle Legrand, November 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

Advertisements

, , , , , , , , , ,

55 Kommentare

Neues vom Bodensee (2) – Herbst am See, Friedrichshafen und der Ausblick der Mme Punaise

Es ist tatsächlich heller geworden! Und etwas trockener. (Ich bilde es mir jedenfalls gern ein.)
Lassen Sie den Schnorchel vorerst wieder daheim und heften die Bauanleitung für Ihre Arche erst einmal ab.

Sehr schön! Endlich bequemt sich dieser Stefan abzuziehen! Der hielt sich mit seinem nasskalten Tiefdruckgebiet wie festgetackert über Deutschland! Mittlerweile hängt zwar wieder etwas über Norwegen, was wohl zu seiner Verwandtschaft zählt, doch warten wir ab …
Zum Glück startete dieses graue Dauerelend erst nach meiner Rückkehr. Vorher herrschten speziell am Bodensee noch milde Tagestemperaturen und nach leicht verhangenen Morgenstunden brach ab Mittag sogar meist die Sonne durch!

Bodensee - Friedrichshafen

Bodensee – Friedrichshafen

 

Bodensee bei Friedrichshafen (steiniger Uferbereich und Blick auf den See)

… die Sonne bahnt sich ihren Weg.

Eindrücke von dort – so schrieb ich im Flughafen- und Zeppelinpart (1) – wollte ich via Blog in weiteren Beiträgen einstreuen. Das Streuen ist tatsächlich so gemeint. Es wird weniger um eine komplette Stadtführung gehen, als vielmehr um Herausgepicktes, was ich Ihnen – der Jahreszeit angemessen – so wie bunte Herbstblätter auf den Tisch zu wehen gedenke. Oder es wie kleine Laubhaufen vor Ihnen ausschütten, sollte es thematisch mehr als drei Sätze benötigen.
Beim diesjährigen Aufenthalt habe ich mich von Friedrichshafen ausgehend zwischen Lindau und Meersburg bzw. Konstanz bewegt, d. h. das Gepickte für die Blogreihe stammt aus dieser Region. Den Schwerpunkt bildet heute bei den Fotos die Zeppelinstadt.

Friedrichshafen am Bodensee - Hafen (startender Zeppelin im Hintergrund)

Friedrichshafen, die Zeppelinstadt am Bodensee – Hafen

Wissen Sie, was mich immer wieder überrascht, wenn ich innerhalb Deutschlands unterwegs bin?
Das abweichende Erscheinungsbild der Jahreszeiten! Der jeweils aktuelle Stand draußen in der Natur. Das Staunen entsteht zunächst aufgrund des recht schlichten Gedankengangs, dass man doch im gleichen Land bleibt. Ganz offensichtlich gehe ich unwillkürlich davon aus, es würden sich draußen saisonal nicht besonders viele Unterschiede auftun.
Klar, es ist bekannt, die Süddeutschen haben im Sommer meist die höheren Temperaturen, im Winter mehr Frost und Schnee. Es gelten halt andere Faktoren, die für das Wetter eine Rolle spielen. Für uns sind diese nicht immer in gleichem Maße relevant – dafür fehlt im Süden der bei uns im Norden vorherrschende Atlantik- und Golfstromeinfluss. Aber ist der Rest nicht recht einheitlich, zumindest vergleichbar? Die Zeitzone ist schließlich identisch …

Ich verdränge zeitweilig einfach großzügig die Tatsache, speziell, wenn es nonstop und ohne seichten Übergang per Flugzeug von einem Punkt zum anderen geht, dass Deutschlands Nordzipfel und sein Südende doch ein ganzes Stück voneinander entfernt sind.
Nur diese Lage ist eben ausschlaggebend dafür, dass der Herbst am Bodensee stets ein wenig früher Einzug hält. So, wie sie dieser Region üblicherweise ebenfalls einen zeitigeren Start des Frühlings beschert.
Früher Herbst am See ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit großer Kälte und früherem Bibbern, sondern ist – für ein Nordlicht wie mich – vorrangig optisch wahrnehmbar. Die Tage sind deutlich kürzer. Es wird später hell. Es wird spürbar eher dunkel und – vor allem – es passiert gefühlt von einem zum anderen Moment! Da gibt es keinen Dimmer; es ist als würde jemand den Lichtschalter ausknipsen.
Die Phase der Dämmerung im Norden ist länger, denn wenn die Sonne hier untergeht, macht sie das – bezogen auf den Horizont – weitaus schräger, als einige Hundert Kilometer südlicher.

Die Bäume im Norden hatten vor meiner Abreise am Monatsbeginn noch nicht so extrem viele Blätter gelassen, geschweige denn eine Herbstfärbung angenommen. Wie bunt hingegen präsentierte sich im ersten Oktoberdrittel die Landschaft entlang des Sees!

Herbst am Bodensee ... (Laubfärbung)

Herbst am Bodensee …

Farbenfroh vielerorts – an einigen Stellen entlang der Uferpromenade wirkten bestimmte Baumarten allerdings mittlerweile fast schon ein wenig kahl. Die Vegetation hat also auch bemerkt, dass die Lichtausbeute rapide nachlässt und auf Sparflamme, d. h. Vorbereitung auf den Winter, umgestellt.
53,55° (Hamburg) zu 47,55° (Lindau am Bodensee) – Die Breitengrade der Städte in Zahlen. Knapp drei Wochen Vorsprung, so würde ich schätzen, machen also sechs Grade Differenz (à 111,12 km = Abstand zwischen zwei Graden) in Süd-Nord-Richtung aus.

Friedrichshafen - Bodensee - Laubfall - Der Herbst ist schon etwas näher als im Norden ....

Friedrichshafen – Uferpromenade – Der Herbst ist schon etwas näher als im Norden ….

 

Das Klima ist dennoch mild, die Sonne am Tag hat durchaus noch Kraft, der See hat Wärme gespeichert. Die Umgebung kühlt nicht so schnell aus – nur es entwickeln sich jetzt oft Frühdunst und Nebel, die sich momentan zum Glück noch relativ schnell auflösen.

Ausblick auf den Bodensee - Friedrichshafen

Der Bodensee bei Friedrichshafen – Der Morgendunst ist noch nicht ganz verzogen …

 

Kormoran im Bodensee mit Alpenpanorama - Die Sonne braucht noch etwas ...

… der Kormoran ist noch mit seiner Morgentoilette beschäftigt.

 

Einheimische wissen jedoch, dass dies später im Herbst anders ist: manchmal herrscht tagelang dicke, undurchdringliche Suppe, und die klamme Kälte, sie will nicht weichen. Die grauen Massen hängen dann über dem Wasser und in den angrenzenden Niederungen fest. Die Alpen auf deutschem, österreichischem und Schweizer Terrain verhindern gern einen schnellen Abzug. In der westlichen Bodenseeregion sind es auf deutscher Seite noch die Ausläufer des Schwarzwalds, die als Blocker wirken.
Wenn ersichtlich ist, dass es ein hartnäckiger, aber eher bodennaher Nebel ist, der die höheren Lagen gar nicht erreicht, flüchten deprimierte Anrainer oft als letzte Rettung kurzzeitig auf einen der Alpengipfel, um durchzuatmen, blauen Himmel und Sonnenschein zu sehen. Der Pfänder bei Begrenz oder auch der etwas weiter im Landesinneren gelegene Säntis auf Schweizer Seite, sind zwei dieser „Rettungsberge“.

Doch von derartigem Nebel ist jetzt glücklicherweise noch nichts zu spüren. Nur eine leise Andeutung dessen … Nebensaison ist noch keine echte Nebelsaison.
Die Nebensaison am Bodensee beginnt im Oktober. Im Frühjahr ist es die Zeit zwischen Ostern und Anfang Mai. Die Zahl der Veranstaltungen für Touristen geht merklich zurück, die Schifffahrt auf dem Bodensee begnügt sich mit einem etwas reduzierten Angebot an Fahrten und Verbindungen, die Öffnungsdauer der Geschäfte und Lokale an Land ist verkürzt.

Nebensaison am Bodensee - Der Andrang auf der Fähre Friedrichshafen hält sich in Grenzen

Nebensaison am Bodensee – Der Andrang auf der Fähre „Friedrichshafen“ hält sich in Grenzen …

 

Der sehr angenehme Effekt ist, dass der Touristenstrom in den beliebten hübschen Altstadtbereichen zahlreicher Städtchen merklich nachlässt. Die Wirtschaft passt sich entsprechend an. Sobald jedoch gegen Mittag mehr Andrang herrscht und aus ankommenden Reisebussen die Tagesgäste ausschwärmen, erwacht alles wieder zum Leben. Radler sind auch noch zahlreich unterwegs. Für sie scheint die Nachsaison gerade richtig.

Anfang Oktober hängen in den halbhohen Apfelbäumchen der riesigen Obstanbaugebiete immer noch jede Menge sehr appetitlich anzusehende, rote, knackige Äpfel, und rund um den See in den weiten, geschwungenen Hängen wird weiterhin Wein gelesen. In dem milden Klima wächst und gedeiht er natürlich exzellent.

Weinhänge am Bodensee bei Hagnau, einige Kilometer westlich von Friedrichshafen

Weinhänge am Bodensee bei Hagnau, einige Kilometer westlich von Friedrichshafen

 

Bei mir im Norden wird das nicht so richtig was mit wohlschmeckenden, aromatischen Trauben. Geschützte Hanglagen finden Sie im platten Land naturgemäß selten, und es fehlt der beständige Sonnenschein. Kühler, feuchter, windiger – alles Umstände, die der Wein nicht so prickelnd findet. Letztes Jahr jedoch, als es diesen norddeutschen Traumsommer gab, wurde sogar in Hamburg geerntet. Im Hafen an den Landungsbrücken gedeihen seit vielen Jahren an einem Elbhang Weinstöcke. In guten Weinjahren entsteht aus den Trauben der „Hamburger Stintfang Cuvée“.
Sie ahnen es, die Abfüllung ergibt eine sehr überschaubare Anzahl an Flaschen …

Haben Sie so ein kleines Gefühl für den Herbst am See bekommen? Auf jeden Fall hatten Sie viel zu lesen … Zur Entspannung hätte ich einen Vorschlag:
Kommen Sie doch virtuell mit auf den Aussichtsturm von Friedrichshafen!
Sie haben von dort oben einen sehr schönen Panoramablick, sehen mehr von der Stadt, der Uferpromenade, vom Hafen mit seinen Fähren und Fahrgastschiffen, blicken wesentlich weiter hinaus auf den See, erspähen sogar die Alpen und kommen den von Zeit zu Zeit über Sie dahinziehenden Zeppelinen immerhin 22 m entgegen.

Friedrichshafen am Bodensee - Aussichtsturm mit Plattform in 22 m Höhe

Friedrichshafen am Bodensee – Aussichtsturm mit Plattform in 22 m Höhe

Es gibt außer der offenen noch eine zusätzliche Plattform darunter. Falls schlechtes Wetter herrscht, hat der Besucher etwas Schutz und ein Dach über dem Kopf.

Was an Brücken inzwischen fast zur Normalität geworden ist, hat auch am Gitter auf der Plattform seinen Platz gefunden: Das gravierte Vorhängeschloss in diversen Ausfertigungen. Interessant zu beobachten: Kleine Kinder sämtlicher Nationen, die oben mit ihren Eltern ankommen, vergessen die Aussicht und sind damit beschäftigt, nahezu jedes Schloss umzudrehen und anzuschauen …

Friedrichshafen am Bodensee - Aussichtsturm - Schloss an Schloss (Gitter mit Vorhängeschlössern)

Friedrichshafen am Bodensee – Aussichtsturm – Schloss an Schloss …

 

Aussichtsturm Friedrichshafen - Seeblick mit Alpenpanorama in der Ferne ...

Aussichtsturm Friedrichshafen – Seeblick mit Alpenpanorama in der Ferne …

 

Friedrichshafen am Bodensee - Blick hinab vom Aussichtsturm

Ausblick auf Friedrichshafen

In dem weißen Gebäude, das Sie auf dem nächsten Foto am Hafen sehen können, befindet sich das Zeppelin-Museum.

Friedrichshafen im Oktober - Zugeklappte Sonnenschirme und im Hafen ist es ruhig - Vorne die Schnellfähre nach Konstanz

Friedrichshafen im Oktober – Zugeklappte Sonnenschirme und im Hafen ist es ruhig – Vorne die Schnellfähre nach Konstanz

Auf der Seestrecke zwischen Friedrichshafen und Konstanz werden Katamarane als Schnellverbindung eingesetzt. Das Schiff auf dem obigen Bild ist die „Ferdinand“. Es gibt auch – in Anlehnung an den Namens des Zielhafens – eine „Constanze“.  Dieser Katamaran trägt auf dem Rumpf den doppelsinnigen Slogan:  „Mehr Konstanz im Leben“

Bekommen Sie beim nächsten Foto bitte keinen Drehwurm! Ich möchte Ihnen nur zeigen, wie steil ein Zeppelin aufsteigt. Es hat mich überrascht, denn ich dachte, er würde wesentlich flacher an Höhe gewinnen. Legen Sie den Kopf einmal schief, so dass sie in der richtigen Position zum Wasser und zum Land sind …

Friedrichshafen am Bodensee - Zeppelin gewinnt an Höhe (schräges Bild)

Friedrichshafen am Bodensee – Zeppelin gewinnt an Höhe …

Darf ich Ihnen jetzt Madame Punaise, die Beerenwanze vorstellen? Sie flog mich in 22 m Höhe – sozusagen aus heiterem Himmel – auf dem Turm an, beobachtete mein Tun und beschloss, im Einklang mit meiner Blickrichtung, ebenfalls den Ausblick auf die Stadt zu genießen.

Friedrichshafen - Die Beerenwanze möchte den Panoramablick mit genießen

Mme Punaise, die Beerenwanze, befindet sich ebenfalls auf dem Panoramaturm …

 

Und damit Sie nicht nur die Wanze scharf sehen, sondern auch die Häuser, hier Variante 2:

Blick auf Friedrichshafen vom Aussichtsturm - Ein Gast (Beerenwanze) hat sich dazugesellt ...

Friedrichshafen

Lassen Sie uns wieder hinabsteigen, denn einen klitzekleinen Nachteil hat dieser Turm: Wenn viele Menschen am Treppensteigen sind und sich bewegen, dann schwankt das Ganze ein bisschen …

Friedrichshafen - Medienhaus am See k42 (Karlstraße 42)

Friedrichshafen – Medienhaus am See k42 (Karlstraße 42)

Sehen Sie auf dem nächsten Bild die eiförmigen Gebilde in verschiedenen Farben?
Das sind aufklappbare Sitze. Die angrenzende Fläche hat kleine Wasserfontänen, ein beliebter Spielplatz bei Kindern. Das Wasser schießt von Zeit zu Zeit aus dem Boden oder blubbert auf halber Höhe vor sich hin. Die Klappsitze sind bei den Eltern sehr beliebt, denn so schnell kommen sie nicht wieder weg …

Friedrichshafen am Bodensee

Friedrichshafen am Bodensee

 

Friedrichshafen - Uferpromenade mit Yachthafen - Hinten die Kuppeltürme der Schlosskirche

Friedrichshafen – Uferpromenade mit Yachthafen – Hinten die Kuppeltürme der Schlosskirche

Im Schlossgarten steht dieser Pavillon, der den schönen Namen Monplaisir trägt. Von der Uferpromenade aus erhaschen Sie einen Blick auf ihn – durch ein Gitter hindurch. Da das Schloss in heutiger Zeit der Wohnsitz von Friedrich Herzog von Württemberg ist, ist es innen nicht zu besichtigen und das Grundstück nicht grundsätzlich frei zugängig. Wenn der Pavillon ein wenig Rostansatz zeigt, ist das kein Wunder, denn so über den Daumen 140 Jahre ist es her, dass er errichtet wurde. Wer sich dort wohl schon alles getroffen hat …?

Friedrichshafen am Bodensee - Pavillon Monplaisir (1872-1878) im Schlossgarten

Friedrichshafen am Bodensee – Pavillon Monplaisir (1872-1878) im Schlossgarten

 

Ein Brunnen der besonderen Art wurde seit seiner Einweihung 2001 zum neueren Wahrzeichen von Friedrichshafen. Der Gernot und Barbara Rumpf, einem Bildhauer-Ehepaar geschaffene Buchhornbrunnen.

Friedrichshafen - Buchhornbrunnen am Adenauerplatz , links das Haus des Südkuriers (Buchstabenfassade)

Friedrichshafen – Buchhornbrunnen am Adenauerplatz , links das Haus des Südkuriers (Buchstabenfassade)

Die Skulptur in der Mitte ist eine Buche, im Wasser liegt u. a. ein Horn. Friedrichshafen hieß ursprünglich Buchhorn, bevor es zusammen mit dem Dorf und Kloster Hofen zusammengelegt wurde und seinen jetzigen Namen erhielt. Und so hat der Brunnen viele weitere Elemente, die mit der Stadt direkt zu tun haben. Zum Beispiel mit der ortsansässigen Industrie! Wenn Sie auf den Fotos einen Motorblock im Wasserbecken erkennen, sehen Sie richtig. Er weist auf die MTU (inzwischen Tognum) hin. Ein Füllhorn voller Zahnräder steht für die ZF, die Zahnradfabrik. Derart gibt noch einiges zu entdecken …

Friedrichshafen am Bodensee - Der Buchhornbrunnen mit ungewöhnlichen Elementen ... (Motor - Hinweis auf MTU)

Friedrichshafen am Bodensee – Der Buchhornbrunnen mit ungewöhnlichen Elementen …

 

Friedrichshafen - Buchhornbrunnen, im Hintergrund (Mitte) das Rathaus)

Friedrichshafen – Buchhornbrunnen, im Hintergrund (Mitte) das Rathaus)

 

Friedrichshafen am Bodensee - Das Klangschiff "Im Augenblick" von Helmut Lutz

Friedrichshafen am Bodensee – Das Klangschiff „Im Augenblick“ von Helmut Lutz

 

Friedrichshafen am Bodensee - Schulausflug ...

Friedrichshafen am Bodensee – Schulausflug …

Ich würde Ihnen durchaus die Nebensaison für einen Ausflug oder eine Reise an den Bodensee ans Herz legen.
Den Norddeutschen ganz besonders!
Denn wenn Sie im April am Schwäbischen Meer aufkreuzen, ist die Natur schon weiter als bei Ihnen daheim, Sie haben erste laue Frühlingstage; im Herbst wiederum erscheint Ihnen die Atmosphäre lange südlich, mediterran. Palmen lachen Sie auch dann noch an und neben dem bunten Laub der Bäume blühen trotzdem weiterhin die Sommerblumen in voller Pracht. Der vernichtende Frost lässt sich noch nicht so früh blicken.

Friedrichshafen am Bodensee - Uferpromenade - Kaiser-Wilhelm-Denkmal - Trotz Herbstanzeichen weiterhin Blütenpracht und südliches Flair durch Palmen ...

Friedrichshafen am Bodensee – Uferpromenade – Kaiser-Wilhelm-Denkmal – Trotz Herbstanzeichen weiterhin Blütenpracht …

Mögen im Oktober auch die Sonnenschirme zugeklappt sein, man kann immer noch gemütlich im Freien sitzen und seinen Kaffee genießen.

Herbst am Bodensee heißt Laubfall und trotzdem draußen sitzen ...

Herbst am Bodensee heißt Laubfall und trotzdem draußen sitzen …

 

Einige Städtchen entlang des Bodenseeufers sind besonders malerisch. In einem weiteren Teil werde ich Ihnen Meersburg etwas genauer zeigen. Ebenso Lindau.

Es ist übrigens doch nass draußen. Aber der Blick hinaus zeigt mir außerdem, dass im Norden die Laubfärbung auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Auch bei mir im Garten geht es los …

Herbst im eigenen Garten - Die Laubfärbung hat begonnen ...
Verehrte Blogleser, für heute lassen Sie uns auseinandergehen.
Vielleicht schauen Sie demnächst wieder vorbei.

Ich wünsche Ihnen ein vergnügliches Wochenende!

Mehr Bodensee-Beiträge finden Sie im Archiv unter folgender Kategorie:
Auf Entdeckung … am Bodensee (CH, A und D)

.
© by Michèle Legrand, Oktober 2015
Michèle Legrand

, , , , , , , , , , ,

21 Kommentare

Neues vom Bodensee (1) – Flughafen Friedrichhafen, Luftschiffe und eine Erstfliegerin

Ich war weg. Geben Sie es ruhig zu, Sie haben bisher gar nichts davon gemerkt. Die Lückenlänge beim Posten gilt noch als unauffällig.
Einige Tage verbrachte ich in der Bodenseeregion etwa zwischen Konstanz und Lindau, und es könnte gut sein, dass ich Ihnen davon im Laufe der Zeit wieder ein paar Eindrücke hinterlasse. Aus Friedrichshafen, Lindau, Meersburg, Konstanz
Letztes Jahr waren Sie weiter westlich am See bei den Pfahlbauten mit von der Partie, bei der Storchenkolonie und den Berberaffen von Salem, der Insel Mainau, der Rheinfahrt nach Schaffhausen und vielem mehr. Diesmal nun ist das östliche deutsche Ufer Schwerpunkt.

Für mich ging es von Hamburg auf dem Luftweg nach Friedrichshafen und retour. Intersky, eine österreichische Regionalluftfahrtgesellschaft, bietet diese Direktverbindung an. Sie fliegt mit Turboprop-Maschinen (Typ Bombardier Dash 8 Q300 für 50 Personen). Alternativ im Einsatz ist bei dieser Linie noch das leiseste Turboprop-Flugzeug, das gebaut wurde – der Typ ATR 72-600, welcher sogar zwanzig Passagiere mehr aufnehmen kann.

Mit Intersky von Hamburg nach Friedrichshafen ... (Turboprop-Maschine auf dem Rollfeld)

Mit Intersky von Hamburg nach Friedrichshafen …

Sind Sie schon einmal mit einer Propellermaschine geflogen? Nicht?
Ich vorher auch nicht. Selbst mein lang zurückliegender erster Flug im Jahre 1977 fand mit einer de Havilland Comet statt, einem Flugzeug mit Düsentriebwerk, und bei dieser Antriebsform blieb es. Im Laufe der Jahre sind lediglich die Maschinen immer größer geworden. Stehen Sie nun mit einem Mal vor einem Hüpfer von nur knapp 26 m Länge, ist das reichlich ungewohnt, und auch der Anblick von Propellern versetzt ein wenig zurück in vergangene Zeiten.

Diese kleinen Luftfahrtgesellschaften haben nicht das Riesenaufgebot an Personal, das Lufthansa, KLM oder Air France für die Abfertigung ihrer Flugzeuge besitzen. Sie brauchen es auch nicht. Während Sie bei den „Großen“ auf Ihrem Weg vom Einchecken bis zum Platznehmen in der Maschine diverse Angestellte kennenlernen, ist das bei den „Kleinen“ anders. Sie treffen beim Einchecken – nennen wir ihn – David Mantoff, und er erklärt Ihnen, dass Ihr Gepäck vorläufig auf „stand by“ bleibt.
Nicht, dass man sich sorgen müsste, womöglich nicht mitzukommen! Nein, nein. Es wäre ja alles gebucht und die Maschine sei von der Passagieranzahl her auch noch gar nicht ausgelastet. Es ginge vielmehr um die Trimmung.
Bei den kleinen Maschinen muss alles ordentlich gestaut, die Passagiere müssen korrekt verteilt werden. Wenn der Ballast nur auf einer Seite ist, entsteht womöglich Schlagseite. Nicht auszudenken, dass der Vogel bereits auf dem Rollfeld umkippt …
Sie bekommen deshalb zu diesem Zeitpunkt unter Umständen auch noch keinen Sitzplatz zugeteilt. Sie verstehen, man muss ja erst einmal schauen, wo Ihre persönlichen Körperkilos noch benötigt werden! Rechts hinten, links vorne … Vielleicht müssen Sie auch Ihr Bein während des gesamten Fluges in den Gang ragen lassen – wegen der Balance.
David sagt Ihnen also während der Gepäckaufgabe, dass Sie sich, sobald das Boarding beginnt, beim Personal melden sollen, damit Sie Ihre endgültige Sitzplatznummer erhalten. Gut, wird gemacht.
Wer kommt nach Schließung des Check-In-Schalters oben herbeigeeilt, um im Abflugbereich unten das Boarding zu erledigen? David Mantoff. Er regelt auch die Sache mit der Busanforderung. Der muss heute offenbar ausnahmsweise eingesetzt werden, da die Maschine wohl weiter weg parkt als gewöhnlich und nicht zu Fuß erreicht werden kann. Und wer taucht obendrein draußen am Bus auf, um noch etwas vor Abfahrt zu klären? David Mantoff. Soll ich Ihnen etwas verraten?
Es hätte mich überhaupt nicht gewundert, wenn in der Maschine folgende Durchsage über Lautsprecher erklungen wäre:
„Guten Morgen, verehrte Fluggäste, hier spricht Ihr Kapitän. Ich begrüße Sie recht herzlich an Bord zu unserem heutigen Flug von Hamburg nach Friedrichshafen. Mein Name ist David Mantoff, und ich …“
Der fliegt doch garantiert auch noch selbst!

Die Maschine ist nicht ganz voll. Einen Sitzplatz habe ich mittlerweile, einen neuen Nachbarn dazu. Beim engagierten Trimmen hat man mich kurzerhand vom Gemahl getrennt. Der sitzt nun zwei Reihen weiter vorne auf der anderen Seite und hat ebenfalls einen fremden Sitznachbarn. Gewogen hat man uns vorher nicht. Menschengewicht unbekannt, demnach irrelevant. Warum wir trotzdem anders zusammengewürfelt wurden, dürfen Sie mich nicht fragen. Ich habe keine Ahnung!
Ansonsten läuft alles reibungslos. Der Grundton, dieses beständige Brummen während des Fliegens, wirkt beruhigend. Jedenfalls solange es gleichmäßig bleibt. Sobald es irgendwie hakelt, schauen Sie automatisch hinaus zum Propeller … Nein, alles okay, und die Entfernung zum Schwäbischen Meer schrumpft schnell.
Praktisch – so eine Direktverbindung an den Bodensee.

Der Flughafen Friedrichshafen ist klein, aber fein. Er hat jetzt gerade am Sonnabend (10. Oktober 2015) sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Das Dornier Museum für Luft- und Raumfahrtgeschichte befindet sich gleich nebenan. Bei der Anfahrt zum Flughafen sehen Sie bereits zwischen dem eigentlichen Museumsgebäude und dem Rollfeld des Flughafens einige der dort ausgestellten Flugzeuge.
Nicht diese Flugzeuge, aber die unmittelbare Umgebung und das Geschehen am Flugplatz hat man im Blick, wenn man die Aussichtsterrasse des Airports besucht. Da vor dem Rückflug etwas Wartezeit entstand, nutzte ich diese Gelegenheit. Die Dachterrasse hat der Flughafengröße entsprechende Abmessungen und befindet sich in der schwindelerregenden Höhe eines ungefähr zweiten Geschosses. Ich frotzele etwas herum, aber in Wirklichkeit finde ich sie schön und Sie sind dort sehr nah dran am Geschehen!

Der enorme Andrang auf dem Rollfeld von Friedrichshafen ... Blick von der Dachterrasse - und in der Ferne erklingt Eselgeschrei.

Der enorme Andrang auf dem Rollfeld von Friedrichshafen … Blick von der Dachterrasse – und in der Ferne erklingt Eselgeschrei.

 

Dachterrassenatmosphäre ... Metall trifft auf Dachbegrünung

Dachterrassenatmosphäre … Metall trifft auf Dachbegrünung

Sportflugzeuge und kleine Privatmaschinen nutzen einen Teil des Geländes, starten und landen dort. Die Zahl der sonstigen Abflüge ist verhältnismäßig überschaubar, doch neben einigen innerdeutschen Kurzstreckenverbindungen mit den erwähnten kleineren Propellermaschinen, gibt es durchaus auch große Maschinen, die Richtung Istanbul oder Las Palmas starten. Wenn Sie in Friedrichshafen in der Stadt oder an der Uferpromerande flanieren, fällt es richtig auf, wenn eines dieser Düsenflugzeuge startet oder landet. Der Lärm ist so selten und in geringer Höhe direkt über Ihnen so herausragend, dass Sie es wahrnehmen müssen! (Und froh sind, wenn der Flieger Höhe erreicht hat bzw. gelandet ist und das Röhren der Triebwerke nachlässt.)

Dachterrasse Flughafen Friedrichshafen - Schatten-Selfie auf der Dachterrasse ...

Dachterrasse Flughafen Friedrichshafen – Schatten-Selfie auf der Dachterrasse …

Ein kleiner Flughafen wie dieser bietet den Vorteil, dass im Terminal keine langen Wege anfallen, Sie überall an den Schaltern schnell fertig sind, Ihr Gepäck bei Ankunft im Nu bereitsteht – und Sie ansonsten alles aus nächster Nähe mitbekommen. Kein kilometerlanges Rollfeld, dessen Ende Sie nicht mehr erblicken. Keine angrenzenden Areale mit interessanten Aktivitäten, die Sie nur bedauerlicherweise aus Entfernungsgründen kaum erkennen.
Und das mit der Nähe trifft sich gut!
Sie wissen, dass Friedrichshafen die Zeppelinstadt ist. Ferdinand Graf von Zeppelin gründete hier 1908 seine Luftschiffbau Zeppelin GmbH.

Ferdinand Graf von Zeppelin - Friedrichshafen (F. Muller-Belecke, Hemmoor , 2000)

Ferdinand Graf von Zeppelin – Friedrichshafen (F. Muller-Belecke, Hemmoor , 2000)

In heutigen Zeiten fliegen über dem See Zeppeline vom Typ Zeppelin NT, die in den 1990er Jahren entwickelt wurden. Es sind halbstarre Luftschiffe, die Passagierflüge unternehmen. In ihren Gondeln bzw. der Kabine ist Platz für zwei Piloten und bis zu 14 Mitreisende. (Falls Sie keine zahlenmäßig zu große Verwandtschaft haben, die unbedingt mit dabei sein und in der Gondel Platz finden muss, können Sie mit Ihrer Gesellschaft sogar während eines Zeppelinflugs heiraten!)
Diese modernen Luftschiffe starten und landen am Flughafen, was Sie durch Ihren Logenplatz auf der Dachterrasse prima mitverfolgen können!

Friedrichshafen Flughafen - Start- und Landeplatz der Zeppeline

Friedrichshafen Flughafen – Start- und Landeplatz der Zeppeline

 

Startender und landender Zeppelin in Friedrichshafen

Startender und landender Zeppelin in Friedrichshafen

Zeppelin aus Friedrichshafen (über dem Bodensee fliegend)

Zeppelin aus Friedrichshafen

 

Auch er verlässt den Flughafen zu einem neuen Rundflug ... (Zeppelin NT in Friedrichshafen)

Auch er verlässt den Flughafen zu einem neuen Rundflug …

 

Am Flughafen startender Zeppelin vom Hafen aus betrachtet ... (Friedrichshafen)

Am Flughafen startender Zeppelin vom Hafen aus betrachtet …

 

Mein Rückflug verlief technisch gesehen genauso ruhig und unspektakulär wie der Hinflug. Nur hatte ich auf der Heimreise hinter mir eine siebenjährige Erstfliegerin. Eine Stunde und vierzig Minuten Action pur mit Dauerton! Anstrengend, doch ich mochte nichts dagegen unternehmen, denn die Lütte war einfach nur extrem aufgeregt und wohl generell ein Kind der recht lebhaften Sorte. Start und Landung wurden jedenfalls von panikfreiem Kreischen begleitet, einem Kreischjuchzen. Dauergeplapper im Wechsel mit Gesängen folgte während des Flugs.
Anfangs – sie war halt in froher Erwartung – ging es ihr nicht schnell genug mit dem Start.
„Mama, wann hebt das Flugzeug ab?“
„Gleich. Wir rollen erst einmal zur Startbahn.“
Diskussion über die Funktion einer Startbahn. Die Maschine setzt sich in Bewegung.
„Mama, fliegt der jetzt los?“
„Nein, noch nicht. Wir sind noch zu langsam. Der muss erst noch viel schneller werden.“
Drei Sekunden später:
Jetzt?“
„Nein, noch nicht.“
Das Flugzeug verliert stattdessen an Geschwindigkeit und biegt in eine Kurve.
„Mama, der wird aber langsamer!“
„Ja, der muss jetzt diese Kurve nehmen. Dann steht er am Anfang der Startbahn und kann durchstarten.“
Die Kurve ist geschafft, das Kind fiebert. Stillstand. Nichts passiert.
„Der steht aber immer noch!“
„Der Pilot muss warten, bis er starten darf.“
„Warum?“
„Weil die Bahn frei sein muss, sonst stößt er noch mit einer anderen Maschine zusammen.“
Kreisch.
Beruhigung. Sekundenstille. Kritischer Blick hinaus.
„Mama, aber da ist doch keine andere Maschine!“
Glücklicherweise rollt das Flugzeug an. Der Pilot gibt Gas …
Kreisch.
„Mama“, brüllt sie gegen den Startlärm an, „fliegen wir schon?“
„Noch nicht, aber gleich. Du merkst das, wenn das Flugzeug vorne hochgeht.“
„Nur vorne? Hinten nicht?“
„Doch, auch!“
Das Flugzeug ist in der Luft.
„Wie hoch fliegt das denn noch?“
„Bis über die Wolken.“
Pause. Gesang.
„Mama, der ist aber schon hoch. Kommt der auch wirklich wieder runter?“
„Ja, kommt er.“
„Guck mal, wie klein alles ist!“
„Ja, wie Spielzeug, nicht wahr?“
„Mama, haben wir was zum Spielen mit?“
Assoziationen.
Wir haben die ersten Wolkenpakete erreicht, und es wird etwas ruppig beim Durchfliegen. Ein kleiner Zwischenkreischer, der aber nach einer Erklärung der Mutter sofort stoppt.
Und dann startet mit unverminderter Wucht ein kaum endender Begeisterungsausbruch, als wir aus der Wolkendecke auftauchen, die Sonne strahlt und sich eine weiße Pracht unter uns wie ein flauschiger Teppich ausbreitet. (Ich möchte den sehen, der dann einem kleinen Mädchen sagt, es solle jetzt bitte schön leiser sein und seine Begeisterung bremsen …)

Wolkenmeer ... Wolkengebirge ... (Blick aus dem Flugzeug bei langsam sinkender Sonne)

Wolkenmeer … Wolkengebirge …

Wir sitzen in Tragflächennähe und haben Blick auf einen der Propeller. Das Mädchen hat ihn zuletzt im Stillstand auf dem Rollfeld beachtet.
„Mama! Wir haben keine Propeller mehr!“
Kreisch.
„Joana, die drehen sich nur zu schnell. Du kannst sie nicht sehen.“
„Nein, die sind weg!!“
„Nein, sind sie nicht!“
Es geht über in Gesänge. Englischsprachig. Jedenfalls hört sich ein Teil danach an. Ich würde auf Slang eigener Kreation tippen. Die Flugbegleiterin hat eben Kekse und einen Apfel verteilt. Für eine kurze Zeit ist es stiller. Dafür rüttelt die junge Dame leidenschaftlich an meiner Rückenlehne. Übt wohl auf ihrer Seite, das Tischchen auf- und zuzuklappen. Jetzt wird es mir und vor allem meinem Rücken doch etwas zu anstrengend. Doch als ich mich umdrehe und mich mit ihr darüber verständigen will, hat die Mutter gerade selbst eingegriffen.
„Mama, kann man auf den Wolken laufen?“
„Nein, da fällst du durch.“
„Ich bin doch leicht!“
„Trotzdem.“
„Das ist aber doof …“

Ich habe den Spätflug nach Hamburg gewählt und genieße den Sonnenuntergang. Ich kreische zwar nie so los wie Joana hinter mir, aber jedes Mal bin ich innerlich, still begeistert von dem, was ich sehe. Sind Sie auch so hin und weg beim Hinausblicken aus dem Flugzeugfenster? Für Aufnahmen müsste man natürlich kurz das Bullauge öffnen können … Ach, leben wir einfach mit dem leichten Schleier auf dem Foto, oder?

Blick hinaus bei untergehender Sonne ... (Sonnenübergang aus dem Flugzeug gesehen)

Blick hinaus bei untergehender Sonne …

Mit Gesang von hinten erreichen wir Hamburg, das schon in tiefer Dunkelheit liegt. Noch einmal ertönen Juchzer und zahlreiche Begeisterungsrufe von meiner Mitfliegerin, die die vielen Lichter der Stadt unter sich voll cool findet. Und vor allem gefällt ihr ein grün leuchtendes, hell angestrahltes Fußballfeld. Sie hat tausend Fragen zu dem, was sie entdeckt.
„Wir kommen vom Land …“, erklärt die Mutter anderen Passagieren, als die Aufregung nicht abebben will.
Die Piste ist erreicht, das Flugzeug fliegt dicht über dem Boden. Die Erregung hinter mir steigert sich erneut spürbar. Sie verschluckt sich, ein Hustenanfall behindert leicht ihre folgende Frage:
„Mama, stürzen wir jetzt ab?“
„Nein, wir landen.“
Das Aufsetzen fällt recht hart aus und wird dementsprechend von einem hohen weiblichen Quietschen begleitet. Die nachfolgende Vollbremsung löst das bereits bekannte Kreischen aus. Die Bremsen kreischen auch.
„Sind wir jetzt da?“
„Ja, wir sind da.“
Die Mutter klingt erleichtert, doch ihre letzte Antwort war nicht mehr durchdacht. Sie löst bei Joana augenblicklich Hektik aus. Sie will sich viel zu früh abschnallen, hat Sorge, nicht rechtzeitig aus dem Flieger zu kommen. Gedanklich erfolgte bereits eine Umschaltung. Der Flug ist abgehakt. Es beschäftigt sie nun Onkel Horst, der sie abholen wird. Alles ist eilig, eilig, eilig …
Ich lasse sie vor mir hinaus, hole tief Luft und genieße die Ruhe. Wundere mich über den Hamburger Großflughafen, der mir plötzlich still vorkommt.

Hamburg. Daheim! Das eigene Bett wird es heute auch wieder sein.
So schön es unterwegs ist, ich freue mich immer wieder enorm auf Zuhause.
(Denken Sie sich hier bitte ein leises Begeisterungskreischen.)

 

© by Michèle Legrand, Oktober 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , ,

35 Kommentare

Am Bodensee: Die Mainau – und warum ein Touristenmagnet zu sein auch Nachteile mit sich bringt (4)

Heute geht es zur Mainau. Erinnern Sie sich an Lummerland, Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer? Haben Sie das berühmte Insellied noch im Ohr?
Eine Insel mit zwei Bergen und dem tiefen, weiten Meer,
mit vier Tunnels und Geleisen und dem Eisenbahnverkehr …

Sobald Sie am Bodensee, an dem Teil im Nordwesten, den man als den Überlinger See bezeichnet, die tropfenförmige „Blumeninsel“ der gräflichen Familie Bernadotte entdecken, idyllisch und durchaus südländisch anmutend, grün bewachsen, leicht ansteigend, von Wellen umplätschert … kann es Ihnen ergehen wie mir:
Sie summen das Lummerlandlied, und möglicherweise texten Sie dabei ebenfalls um:
Eine Insel mit viel Blumen und dem großen Bodensee
Mit Terrassen, Bäumen, Tieren und dem Schloss in luft’ger Höh’
Nun, wie mag die Insel heißen, ringsherum ist’s grün und blau.
Jeder sollte einmal reisen auf die herrliche Mainau …

Insel Mainau - Schöne Aussicht auf den See ...

Insel Mainau – Schöne Aussicht auf den See …

 

45 Hektar misst die Blumeninsel, die ihrem Namen wirklich alle Ehre macht. Eine Größe, die in etwa der Fläche von 63 Fußballfeldern entspricht, und nahezu das gesamte Areal ist gärtnerisch gestaltet. Im Süden ist die Insel über eine Fußgängerbrücke mit dem Festland verbunden, im Norden, im tieferen Seewasser, befinden sich die Schiffsanlegeplätze. Fähren erreichen die Mainau z. B. von Überlingen, Konstanz und Meersburg. Wer per Auto, Bus oder Rad anreist, für den ist vor dem Verbindungssteg Schluss. Für die, die nicht so weit laufen möchten bzw. können, pendelt jedoch regelmäßig der Inselbus zwischen Festland (Parkplätzen) und Blumeninsel.

Blumeninsel Mainau - Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Blumeninsel Mainau – Über eine Fußgängerbrücke geht es auf die Insel (oder Sie legen mit dem Schiff an).

Mainau - Der Weg auf die Blumeninsel - Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Mainau – Der Weg auf die Blumeninsel – Urban knitting bzw. crocheting hier (umhäkelte Bäume)

Ich werde mich heute darauf beschränken Ihnen Garteneindrücke zu zeigen, Stellen, die mir gut gefallen haben und Ihnen gleichzeitig jedoch verraten, warum ich bei Touristenattraktionen – wie es auch die Insel eine ist – häufig etwas zwiespältige Gefühle habe. Egal, wie kritisch es sich anhört, ich mag das Eiland! Mir dient es heute lediglich als Beispiel für eine ganz bestimmte Entwicklung.
Wenn Sie an der Insel Mainau, jedoch eher an ihrer Geschichte, Entwicklung oder den geologischen Einzelheiten interessiert sind, bitte ich Sie daher, hinüber zu Herrn Wiki oder der Homepage der Mainau zu wandern.

Blumeninsel Mainau - Der Pfau

Blumeninsel Mainau – Der Pfau

Es muss ungefähr zwanzig Jahre her sein, dass ich – zwei kleinere Kinder dabei – das erste Mal die Blumeninsel besucht habe. Zu sehr kühler Jahreszeit, denn ich entsinne mich, dass wir damals sehr froh über die Orchideen waren, die im warmen Gewächshaus standen. Auf diese Art bot sich eine Gelegenheit, sich zwischendurch aufzuwärmen. Da diese Sonderausstellung immer im Zeitraum von März bis Anfang Mai stattfindet, wird es wohl ziemlich zum Ende des Winters, noch im März, gewesen sein.
Das, was haften blieb vom Besuch der Mainau, war ein Gefühl von Weite auf der eigentlich kleinen Insel, war die Erinnerung an den Anblick von großen Flächen auf denen schon Zwiebelblüher ihre Blütenpracht entfaltet hatten. Ein Meer von Krokussen, die ersten Narzissen und andere Frühblüher. Es war das Bild von mächtigen, alten, ehrwürdigen Bäumen. Es war die Erinnerung an das Schloss, die feuchtwarme Glashausatmosphäre bei den vielen Orchideen – und vor allem im Gedächtnis blieb das abenteuerliche Erkunden der Schatzinsel, wie meine Kinder sie genannt hatten.

Blumeninsel Mainau - Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan ...

Blumeninsel Mainau – Das Deutschordensschloss der Gräflichen Familie Bernadotte mit der Schlosskirche nebenan …

Blumeninsel Mainau - Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes ...

Blumeninsel Mainau – Links der Gärtnerturm (Wehrturm), rechts noch Teile des Torbogengebäudes …

Es gab Platz, viel Platz. Es gab sehr natürlich wirkende Ecken. Es gab räumlichen Abstand zwischen den Menschen, die auf der Insel unterwegs waren. Die Insel war lebendig, was sie jedoch keinesfalls automatisch zu einer lauten Insel machte.

Der Besucherandrang, der Konsum, das Programmangebot, die Vermarktung etc. hielten sich in Grenzen. Für die Kinder war zwar schon ein extra Spielbereich da, zog sie aber nicht sonderlich an. Es störte nicht. Es zählten das bergauf und bergab Insel erkunden, die neugierigen und beinahe zutraulichen Wasservögel, der Turm am Schloss, der Ausblick aufs weite Wasser und das Gefühl von noch viel vorhandener Natur.
Letztendlich hatten wir nicht übermäßig viel Zeit zur Verfügung, weil wir zum Familienbesuch im Süden waren und uns nur kurz weggeschlichen hatten.
Damals hatte ich mir immer gewünscht, irgendwann einmal wiederzukommen. Möglichst in einem der Sommermonate, wenn die Stauden ihre Hochzeit hatten  (mit langem „o“ –  sie haben nicht geheiratet) und all die wärmeliebenden Pflanzen im milden Klima am See so richtig losgelegten …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Es mag damals an der Jahreszeit gelegen haben, daran, dass nicht Hochsaison herrschte. Es mag aber auch noch vor der Phase gewesen sein, in der man Umstrukturierungen einführen musste, weil langsam aber sicher nicht mehr kostendeckend gewirtschaftet werden konnte und durch Besucherrückgang Verluste entstanden. Im Vergleich zu den 90er Jahren, halbierten sich die Gästezahlen bis etwa zum Jahre 2005.
Heute nun ist die Insel ganzjährig ein Touristenmagnet. Perfekt vermarktet. Eine eigene GmbH kümmert sich um das gesamte Management, die Stiftung ist höchst aktiv.

Blumeninsel Mainau - Der Paradiesvogel-Brunnen

Blumeninsel Mainau – Der Paradiesvogel-Brunnen

Die Mainau von heute bietet wechselnde Bepflanzung, Blütenhöhepunkte, Aktionswochen, Sonderausstellungen, Kunstprojekte, Märkte, Wahl zur Rosenkönigin, Schulungen, Seminare, Feste und noch mehr.
Die Räumlichkeiten des Schlosses können für Veranstaltungen, Feiern oder Tagungen gemietet werden. Hochzeiten (jetzt wirklich das Heiraten) finden im Schloss bzw. der daneben befindlichen Kirche statt. Die Gärten sind makellos. In der Hochsaison werden die Anlagen von ca. 300 Kräften gehegt und gepflegt, außerhalb der Saison ist immerhin noch die Hälfte (ca. 150 Mann) im Einsatz.

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – Staudenbeete

Blumeninsel Mainau - Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz' vorn gerade entdeckt ...

Blumeninsel Mainau – Oberhalb der Staudenbeete grasen Ziegen. Und irgendetwas hat die Katz‘ vorn gerade entdeckt …

Und hier ist der Punkt, an dem jedes Unternehmen, vor allem aber jeder, der anstrebt, ein Touristenmagnet zu sein oder zu bleiben, ganz fürchterlich in die Zwickmühle gerät. Ein merkwürdiger Kreislauf startet, Kettenreaktionen werden in Gang gesetzt.
Um etwas am laufen zu halten, den Unterhalt zu finanzieren, müssen weiterhin viele kommen, besser sogar, es zieht noch mehr an als bisher, denn:
Mehr Gäste, mehr Einnahmen.
Mehr Gäste aber auch nur, wenn mehr geboten wird, denn:
Mehr Leistung, höhere Attraktivität, steigende Besucherzahl.

Blumeninsel Mainau - Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Blumeninsel Mainau – Die berühmte Wassertreppe von 1982, die 2007 im Rahmen eines Kunstprojekts noch einmal verlängert wurde.

Mehr leisten steigert jedoch ebenfalls die Kosten – mehr Gäste bringen allerdings das Plus auf der Einnahmenseite.
Wer mehr bietet, kann zudem eher den Eintrittspreis anheben. Durchsetzen! Wenn es gerechtfertigt erscheint!

Blumeninsel Mainau -  ... hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Blumeninsel Mainau – … hier noch einmal nur der obere Teil der Wassertreppe.

Was rechtfertigt denn höhere Eintrittspreise? Und wann und wie kommen mehr Menschen als vorher?

Nehmen wir wieder die Mainau als Beispiel:
Man verbessert die Infrastruktur. Erneuert und vergrößert Parkplätze in beträchtlichem Ausmaß (plus Parkleitsystem, inkl. neuer, großzügiger Busbereiche). Man optimiert das Wegesystem auf der Insel. Breiter, besser begehbar, Rundgang, Querverbindungen, weiter führend als bisher oder sogar großteils barrierefrei. Man entkommt der Saisonfalle und bietet ganzjährig Programm. Kreiert im Jahresverlauf wechselnde Attraktionen, um Besucher zum Wiederkommen zu animieren. Zeigt ausgefallene Pflanzen. Pflanzt üppig und ungewöhnlich. Hebt auch den besonderen Baumbestand mehr hervor (Arboretum)
Man kümmert sich um das Wohl der jüngsten Gäste, stellt einen interessanteren, neuen, zusätzlich mit Wasser gestalteten Spielbereich zur Verfügung. Denkt sogar an das Vermieten von Handtüchern. Man sorgt für das leibliche Wohl. Baut nicht nur ein Restaurant, sondern bietet an verschiedenen Punkten quer über die Insel verteilt ein gastronomisches Angebot. Informationen zu Veranstaltungen, Pflanzen, Rundgängen, Geschichte etc. werden leichter zugänglich gemacht.
Man erhöht die Zahl der Anlegeplätze (inzwischen mind. fünf!), welche von den Fährschiffen genutzt werden, die die (begehrten) Touristen befördern. Mehr Schiffe, mehr Gäste … Gerade erst wurde im Bereich der Schiffsanlegestelle ein weiterer, sehr großer, modern erscheinender Gastronomiebereich erstellt.

Blumeninsel Mainau - Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen ...

Blumeninsel Mainau – Die Zahl der Anlegestellen hat im Laufe der Jahre mächtig zugenommen …

Was zusätzlich ein sehr einträgliches Geschäft ist und Geld in die Kassen schwemmt, ist der Souvenirverkauf. Folglich wird der Bau von Läden intensiviert. Die Shops werden strategisch geschickt platziert, nämlich so,  dass keiner so einfach daran vorbeikommt.
Was schließlich auch immer hervorragend läuft, sind Tiere. Bauernhoftiere machen sich gut und ziehen an.
Waren kalte Jahreszeit, Vegetationspause oder einfach schlechtes Wetter bisher das Problem und ließen Besucher fortbleiben, werden nun Attraktionen entwickelt, die vom Wetter unabhängig machen. Ein riesiges Schmetterlingshaus unter Glas lädt ein, mit je nach Saison bis zu 1000 Schmetterlingen!

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – Tropische Tagfalter

Blumeninsel Mainau - Im Schmetterlingshaus ...

Blumeninsel Mainau – Im Schmetterlingshaus …

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Schmetterlingshaus - ... an der Tränke

Blumeninsel Mainau – Schmetterlingshaus – … an der Tränke

Ich betone, die Mainau dient nur als Beispiel für etwas, was in dieser Form überall auftritt, wo geballt vermarktet wird, wo etwas Attraktivität erlangen bzw. behalten soll und es darum geht Besucher anzulocken, weil das Projekt – was immer es auch sei – sonst nicht tragbar wäre.
Die Ideen sind gut, die einzelnen Angebote gelungen, das Ziel scheint somit erreicht – doch alles zusammen erzeugt gleichzeitig leider auch etwas Unerwünschtes:
Massenandrang und Massenabfertigung mit all seinen negativen Nebenerscheinungen, und zusätzlich entfernt man sich mit der Zeit immer mehr vom ursprünglich Existierenden!
Manchmal auch von dem, was es einst ausmachte …
Ganz hart ausgedrückt, setzt die Entwicklung zudem eine Spirale der Eskalation in Gang mit Folgen, die so keiner möchte. Je mehr Leute tatsächlich wie gewünscht reagieren, d. h. anbeißen und hinströmen, umso mehr wird notgedrungen wieder angepasst respektive verändert. Um so in der Position zu sein, noch mehr Menschen aufzunehmen, sie abzufertigen und durchzuschleusen. Um erneut zusätzliche Eintrittsgelder zur Deckung der ein weiteres Mal gestiegenen Aufwendungen einzustreichen …

Blumeninsel Mainau - Brunnenarena

Blumeninsel Mainau – Brunnenarena

Blumeninsel Mainau - An der Brunnenarena - Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen ...

Blumeninsel Mainau – An der Brunnenarena – Dahlien, Hochstammrosen, ergänzt durch Stauden und Sommerblumen …

Blumeninsel Mainau - Üppige Blütenpracht - Engelstrompete (Brugmansia)

Blumeninsel Mainau – Üppige Blütenpracht – Engelstrompete (Brugmansia)

Weitere Fähranlandungen oder Busladungen von Besuchern erfordern natürlich weitere Gastronomie, sanitäre Anlagen, zusätzliche Souvenirstände, noch mehr und immer buntere Beete, weitere Pflanzenarten, noch häufiger wechselndes Angebot, ständig neue Pläne und Ideen. Auf Seiten der Gäste steigt nämlich mittlerweile die Erwartungshaltung.
Und immer noch mehr … mehr … mehr.
Weiterer Kostenanstieg – denn der Erhalt und Unterhalt alles Neuen kommt hinzu. Die logische Konsequenz: Der Eintritt wird weiter erhöht. Gelegentlich werden in dem Zuge auch gleich bisher beibehaltene Vergünstigungen abgeschafft. Die Stimmung kann jetzt leicht kippen. Die Insel wird nicht größer, nur voller. Die Gärten werden nicht schöner, nur gefühlt bombastischer, erschlagender.
Gut so? – Okay? – Oder keine schöne Entwicklung?
Nur was wäre jetzt die Alternative?

Blumeninsel Mainau - Bitterorange  (Poncirus trifoliata)

Blumeninsel Mainau – Bitterorange (Poncirus trifoliata)

Zurückdrehen geht nicht mehr. Ein simpler Garten allein ist heute zu altbacken und uninteressant, bzw. wäre lediglich einer unter vielen. Kein Touristenmagnet. Er würde tatsächlich nur die reinen Gartenfreunde, die Pflanzenliebhaber und -kenner entzücken. Damit ließen sich nicht die Massen anlocken, und selbst die Liebhaber würden nicht fortwährend Wiederholungsbesuche einplanen, wenn sich tatsächlich nie etwas veränderte oder für Überraschungen sorgte.
Man kann also weder zurück, noch lässt sich einfach Stillstand bewahren. Nichts zu unternehmen bedeutete, keine Neugier mehr zu wecken, den (selbst anerzogenen) Besuchererwartungen nicht mehr zu genügen und in vermutlich kürzester Zeit an Anziehungskraft zu verlieren.
Dem Nichtstun folgte das Einfahren von Verlusten,  der Garten in der bestehenden Form könnte nicht erhalten werden. Er würde allmählich verkommen. Die Blumeninsel langsam aber sicher in Vergessenheit geraten …

Die Mainau hat sich verändert. Teilweise wohl zu ihrem Vorteil (vielseitiger, profitabler), teilweise eindeutig auch zum Nachteil. Die Begleitumstände sind es, die zu denken geben.
Es finden sich immer noch viele wunderschöne Stellen auf der Insel. Das sind für mich die weniger grellen, die ungekünstelten, an denen gar nicht versucht wurde, auf kleinstem Raum unheimlich viel Verschiedenes zusammenzupferchen.  Das ist dort, wo einen die Masse nicht erschlägt. Es gibt reizvolle Ideen wie die saisonalen Gärten, wo sich der Andrang in Grenzen hält. Anziehend ist mit Sicherheit das Schmetterlingshaus – würde man sich dort nur nicht wie eine Sardine in der Büchse fühlen.

Tropischer Tagfalter - Insel Mainau - Schmetterlingshaus

Tropischer Tagfalter – Insel Mainau – Schmetterlingshaus

Blumeninsel Mainau - Saisonale Gärten: "Welten"

Blumeninsel Mainau – Saisonale Gärten: „Welten“

Blumeninsel Mainau - Schön ist's, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt ...

Blumeninsel Mainau – Schön ist’s, wenn die Wege am Wasser verlaufen und dazu noch südländisches Flair aufkommt …

Blumeninsel Mainau - Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst_ Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau – Rankpflanzen mit tollen Blüten von Juli bis Herbst:  Die Sternwinde (Ipomea quamoclit)

Blumeninsel Mainau - Fleischfresser ...

Blumeninsel Mainau – Fleischfresser …

Ich wäre insgesamt mit wesentlich weniger zufrieden. Für mich müsste es tatsächlich nicht immer mehr, immer bunter, immer aufwändiger, immer anders, ständig neu sein.
Mich faszinieren Farbharmonien, Natürlichkeit und z. B. auch wesentlich mehr der Moment, in dem ich eine kleine Eidechse auf einem Stein entdecke …

Blumeninsel Mainau - Ein ganz kleiner ...

Blumeninsel Mainau – Ein ganz kleiner …

Blumeninsel Mainau -  ... wendet gerade

Blumeninsel Mainau – … wendet gerade

… oder Enten am Ufer bei ihren Dehnübungen beobachten kann. (Und mir überlege, ob ich das mit dem Bein wegstrecken auch hinbekommen würde.)

Blumeninsel Mainau -  ... hier betreiben auch die Enten ihre Dehnungsübungen

Blumeninsel Mainau – … hier betreiben auch die Enten ihre Dehnübungen

Trotz gemischter Gefühle würde ich gern wieder dorthin. Dem ganzen noch einmal eine Chance geben. Denn mit einem kann die Mainau immer punkten –  daran wird sich glücklicherweise nichts ändern: Sie hat diese traumhafte Lage im milden, so pflanzenfreundlichen Seeklima und den wirklich atemberaubenden Ausblick von der Anhöhe oben in Schlossnähe hinunter auf den Bodensee und Richtung Alpen.

Blumeninsel Mainau - Zimmer mit Aussicht ...

Blumeninsel Mainau – Zimmer mit Aussicht …

Blumeninsel Mainau - Staudenbeete

Blumeninsel Mainau – höher gelegene Staudenbeete an den Treppen nahe des Schlosses

Als ich die Mainau am frühen Nachmittag verließ – mit dem Gefühl, es sei bereits mehr als gut gefüllt!  – strömten gerade neue Menschenmassen aus Bussen und PKW über die Fußgängerbrücke zur Insel.
Wirkliche Massen! Die Tageshauptbesuchszeit hatte eingesetzt.
Summend entfernte ich mich …

Eine Insel mit viel Blumen und mit Menschen dicht an dicht
Mit Gedränge und Anstehen und nicht immer freier Sicht
Nun wie mag die Insel heißen, hin und wieder herrscht Radau
trotzdem sollte jeder reisen auf die herrliche Mainau …

Vielleicht sind Andrang und Lärm Anfang Mai oder im Spätherbst nicht ganz so groß … Einen Versuch wäre es wert.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

, , , , , , , , , ,

32 Kommentare

Am Bodensee: Pfahlbauten …! (3)

„Ach, die sind gar nicht echt?“ Ich erhielt zu meinem Erstaunen auch diese Reaktion, als ich erzählte, ich hätte mir während des Urlaubs am Bodensee Pfahlbauten angeschaut. Die Unterhaltung lief sinngemäß so ab:
„Wo warst du da? Unterwas? Noch nie gehört. Was gibt’s da?“
Unteruhldingen. Der Ort liegt am Überlinger See, einem nordwestlichen Teil vom Bodensee. Dort gibt es die Pfahlbauten.
„Und warum?“
„Warum was? Warum ich sie ansehe oder warum sie da sind?“
„Warum alles überhaupt.“
„Dort und in der Umgebung standen in der Stein- und Bronzezeit Häuser, die am Wasser auf Pfählen gebaut wurden. Ganze Dörfer sogar!
„Die kann man angucken?“
„Nicht die Originale, aber Rekonstruktionen.“
Und dann folgte dieser Eingangssatz, aus dem leichte Enttäuschung und sogar ein minimaler Vorwurf herauszuhören war:
„Ach, die sind gar nicht echt?“ Die Miene verriet milde Entrüstung.
Ich weiß, dass mein Fragesteller ein Holzgerätehäuschen im Garten besitzt und versuchte es so:
„Wenn du von der Hütte auf eurem Grundstück ausgehst, was denkst du, wie lange die bei Nässe, Sonne, Frost, Sommer, Winter, Sturm und Hagel noch halten wird?“
Ratloser, fragender Blick.
„Sie müsste um das Jahr 8000 n. Chr. immer noch stehen – falls irgendjemand partout das Original besichtigen wollte“, fuhr ich fort. „Dann hätten wir einen vergleichbaren Zeitabstand.“
„Was, so lange ist das her? Oder hin …?“
„Ja, Stein- und Bronzezeit waren von etwa 4000 bis 850 v. Chr. und selbst wenn die Menschen damals ihre Häuser sorgfältig gebaut haben, einen noch bestehenden, derart „gut erhaltenen Altbau“ gibt es nach 6.000 Jahren nicht. Den findet man selbst nach 3.000 Jahren nirgends.“
„Und woher weiß man dann, wie das alles aussah?“
„Von zahlreichen Ausgrabungen und Fundstücken. Die Bauten versanken im See und Taucher haben einiges entdeckt. Es blieb unter Wasser, abgeschlossen von der Luft, erstaunlich gut erhalten. Die wissenschaftlichen Untersuchungen brachten umfangreiche Erkenntnisse. Mit diesen Funden und dem gewonnenen Wissen konnte man einiges rekonstruieren. So entstand bereits vor langer Zeit das Pfahlbau-Museum von Unteruhldingen.“

Bodensee (Überlinger See) - Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee (Überlinger See) – Unteruhldingen – Pfahlbauten

Klinken wir uns hier aus dem Gespräch aus. Ich erzähle Ihnen direkt weiter.

Ich hatte gern dorthin gewollt. An einem Tag, der morgens recht diesig und mit Regenvoraussage startete, ging es entlang des Sees Richtung Freilichtmuseum. Man sollte sich nie ewig ärgern, wenn das Wetter sich bockig zeigt. Dann eben ohne Sonne!
Ich konnte mir sogar vorstellen, dass Pfahlbauten, die am Wasser diffus aus dem Nebel ragen, besonders eindrucksvoll wirken. Gleichzeitig erinnert allein der Gedanke an eine solche Atmosphäre spontan ein bisschen an die alten Edgar-Wallace-Krimis, die an der neblig verhangenen Themse angesiedelt sind. Wasser, das an Pfähle prallt, Glucksen, knartschendes Holz, aufsteigende Luftblasen, Schritte, ein hoher Schrei …
Bitte, ganz ruhig bleiben!
Am Bodensee schreien prinzipiell nur die Wasservögel.
Fast war es ärgerlich, dass der Dunst sich vormittags schnell lichtete, doch einen ersten Blick erhascht man dadurch schon aus sehr großer Entfernung auf diese eigentümlichen Bauten. Wenn Sie auf dem Weg nach Unteruhldingen auf einer Anhöhe an der sehenswerten Klosterkirche Birnau vorbeikommen, dann halten Sie an. Besuchen Sie die innen reich verzierte Kirche und vor allem, genießen Sie den Ausblick auf und weit über den See! Wenn Sie in die Ferne und auf die linke Seite schauen, dort wo die einzelnen Bäume auf einer Landzunge in den See hineinragen … dort sind die Pfahlbauten.

Bodensee (Bereich Überlinger See) - Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See ...

Bodensee (Bereich Überlinger See) – Blick vom Standort der Klosterkirche Birnau aus über den See …

Sie sehen nichts? Ich kann Ihnen viel erzählen?
Sie haben recht. Wissen Sie was? Ich werde etwas heranzoomen … Jetzt können Sie es erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) - ... die Bäume etwas herangeholt ... So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Bodensee (am Überlinger See) – … die Bäume etwas herangeholt … So lassen sich auch die Pfahlbauten erkennen.

Pfahlbauten ansehen … Es ist eine kleine Zeitreise, die man unternimmt, und das Museum unterstützt den Einstieg in die Stein- und Bronzezeit tatkräftig, indem der Besucher zu Beginn zu einem virtuellen Tauchgang geladen wird. Sie verweilen in Gruppen einige Minuten in einer Art Rundkino (Archäeorama), welches Ihnen den Eindruck vermittelt, Sie befänden sich in der Unterwasserwelt und seien mit Tauchern zwischen den Pfählen in den Tiefen des Bodensees auf Erkundungstour. Sie saugen die ersten Informationen auf, und wenn Sie nach einigen Minuten aufsteigen (gefühlt), öffnet sich ein Tor nach draußen. Was Sie als erstes und zwar ausschließlich – sehen, sind die stein- und bronzezeitlichen Häuser auf den Pfählen über dem Wasser …
Ein ganz eigenartiges Empfinden. Es katapultiert Sie kurzzeitig tatsächlich zurück – solange, bis Sie auf die Verbindungsstege getreten sind, Ihren Blick wieder in alle Richtungen wenden können und von da an die Beweise der modernen Zeit wieder mit erfassen.
Trotz allem, sehr geschickt und gekonnt inszeniert!

Das Freilichtmuseum gibt es schon sehr lang. Die ersten Häuser entstanden 1922. Es kamen später in den dreißiger Jahren weitere hinzu, danach noch einmal in den Jahren zwischen 1996 und 2007. Es handelt sich – wie oben kurz erwähnt – um originalgetreue Rekonstruktionen, die aufgrund der Auswertungsergebnisse der Ausgrabungen möglich waren.
In den Häusern selbst sind darüber hinaus Gebrauchsgegenstände und Werkzeuge verschiedener Berufsgruppen als Nachbildungen zu sehen, die man – was ich sehr schön finde! – in diesem Fall in die Hand nehmen darf. So bekommen Sie ein Gefühl für die Handhabung und auch für die Schwere oder Bauweise eines Werkzeugs. Die echten Fundstücke sind separat in einer Sonderausstellung zu sehen.

Nach Ihrem Ausstieg aus der „Tauchglocke“ erhalten Sie durch einen Mitarbeiter des Museums weitere Informationen vor dem Erkunden der Häuser, und selbst dort stehen Fachleute im Innern der Gebäude parat und verraten Details zu handwerklichen Tätigkeiten, unterschiedlichen Arbeitsweisen und Besonderheiten der Lebensweise der Menschen in der Stein- und Bronzezeit! Das empfand ich als eine sehr gelungene Kombination von auf eigene Faust sowie mit dem eigenen Tempo ansehen und der Möglichkeit, Fragen zu stellen oder einfach stehenzubleiben und zuzuhören.

Bodensee  -  Unteruhldingen - Pfahlbauten - Eines der Steinzeithäuser "Riedschachen"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Eines der Steinzeithäuser „Riedschachen“

Bodensee  - Pfahlbauten am Überlinger See - Das bronzezeitliche Dorf "Unteruhldingen"

Bodensee – Pfahlbauten am Überlinger See – Das bronzezeitliche Dorf „Unteruhldingen“

Manchmal wundert sich der Mensch von heute über Dinge aus vergangener Zeit oder über die Existenz eines Objekts an einem bestimmten Ort. Er sucht nach einer Begründung, ist neugierig. Speziell dann, wenn das Existierende die kompliziertere Lösung von mehreren Möglichkeiten zu sein scheint. Wie und warum, warum so und nicht anders. So ergeht es mir jedenfalls häufig. Wenn Sie Lust haben, gehen wir einigen Dingen im Zusammenhang mit den Pfahlbauten nach.

Warum hat man eigentlich damals Pfahlbauten errichtet? Sie normalen, einfacher zu bauenden,  eventuell vom Wasser etwas entfernter liegenden Häusern vorgezogen? Warum zog es die Leute gerade in die Gegend der Voralpenseen (Bodensee u. weitere Gewässer)?

Die unmittelbare Nähe zum Wasser war höchst praktisch! Es war dort sicherer, und es lag verkehrsgünstig. Die Menschen damals handelten bereits mit einzelnen Gütern, so war es hochwillkommen und wurde angestrebt, dass die großen Handelswege (europäischer Fernhandel!) nicht fern lagen. Die Kommunikation war einfacher wie auch die Frage der Abfallentsorgung
Am Haus stand recht fruchtbares Land für Anbau oder Viehzucht zur Verfügung, und es gab ausreichend Fläche für den Fischfang. Der Wasserweg als Verbindung von einem zum anderen Ort wurde zudem damals (mangels gleichwertiger Verbindungen über Land) rege genutzt.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten  - Einbaum (kleinerer Art, 5,50 m)

Bodensee – Unteruhldingen am Überlinger See – Pfahlbauten – Einbaum kleinerer Art, 5,50 m Länge. (Was heute das Auto vor der Tür, war damals der Einbaum am Pfahlhaus)

Einziger Wermutstropfen: ein ständig wechselnder, teilweise bedrohlich hoher Seewasserspiegel.
So etwas war riskant, gefährlich!
Es bedeutete nicht nur gelegentlich nasse Füße oder war damit erledigt, dass zwischendurch schnell durchgefeudelt wurde!

Bereits in der Jungsteinzeit entstanden daher erste nach Pfahlbauweise errichtete Dörfer, die vor diesem gefürchteten Hochwasser und generell dem sehr feuchten, nachgebenden Untergrund schützen konnten.
Auch heute noch schwankt der Wasserspiegel des Bodensees während des Jahres beträchtlich. Wenn die Schneeschmelze ab März einsetzt, steigt der Spiegel durch enorme Zuflüsse manchmal innerhalb von drei Monaten um bis zu drei Meter an! Dieses Phänomen kannten natürlich auch damals die Steinzeitbewohner, es trat für sie ganz ähnlich in Erscheinung. Ihm musste in irgendeiner Form wirkungsvoll begegnet werden, und hinzu kam, dass der ständige Wechsel zwischen Überflutung und Trockenlegung, zwischen Sedimentation und Erosion einem „normalen Haus“ ebenfalls arg zusetzte.
Wer also nicht riskieren wollte, ständig ein überflutetes oder unterspültes, danach schwer wieder trocknendes, ja, ein in kurzer Zeit komplett zerstörtes Haus zu haben und zusätzlich auf einen generell sicheren Stand bedacht war, der suchte sich geeignete Stämme zur Konstruktion eines aus dem Wasser herausragenden Wohnsitzes.
Jeweils im Winterhalbjahr, bei Wasserniedrigstand und teilweise trockenen Uferzonen, wurden die neuen Pfähle in den Boden getrieben, auf ihnen eine Plattform und auf ihr das Haus errichtet.

Wie lange „überlebte“ denn so ein Pfahlhaus tatsächlich?

Die Pfahlbauten hielten unter den gegebenen Bedingungen natürlich nicht ewig. Die verwendeten Holzpfähle waren nach zehn bis fünfzehn Jahren, ganz selten auch einmal dreißig Jahren verrottet und somit untauglich. Eichenpfähle überdauerten unter Umständen bis zu 50 Jahre, standen jedoch nicht immer zur Verfügung. Das leichter aufzutreibende Nadelholz oder auch Esche besaß leider nur eine kürzere Haltbarkeit. So wurde damals ständig repariert, um einen Neubau solange wie möglich herauszuzögern.
Das wirft bei mir die zusätzliche Frage auf, wie denn die ersten rekonstruierten Häuser, die bereits 1922 entstanden und mittlerweile über 90 Jahre alt sind, diese lange Zeit überstanden.
Vermutlich wird viel zum Erhalt der Häuser beigetragen wird und eventuell mit heutigen, modernen Mitteln ihrer Verrottung entgegengewirkt.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl.  Dorfs "Bad Buchau"

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Dachdetail eines Hauses des bronzezeitl. Dorfs „Bad Buchau“

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Auf den Stegen außen entlang ...

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbauten – Auf den Stegen außen entlang …

Wie war das beim Bauen? Dauerte es sehr lang? War es sehr beschwerlich?

Ich hatte so still für mich angenommen, dass es unheimlich mühsam und sehr langwierig gewesen sein muss, neue Pfahlbauten zu erstellen.
Unter den gegebenen Umständen und mit den vorhandenen Steinzeitutensilien! Allein das Suchen, Finden, Vorbereiten und Bearbeiten von Baumaterial!
Massenhaft möglichst gerade, ähnlich dicke Bäume auswählen, von denen zumindest ein Teil in einer bestimmten Höhe vorzugsweise eine Astgabel besitzen sollte, damit beim Hausbau später dort tragende Hölzer aufgelegt werden können.
Unzählige Bäume fällen, die Last ans Ufer transportieren, Pfähle anpassen, richten, einrammen, ausrichten, Material (Äste, Lehm) für die Wände heranschaffen, Flechtwände oder Wände anderer Art erstellen. Gras, Schilf schneiden, bündeln, Rinde von Bäumen schälen, einweichen, in schmale Streifen teilen, um daraus „Schnüre“ zu produzieren, mit denen einzelne Bauteile eng und fest verbunden wurden, eine Dachkonstruktion erstellen …
Alle Arbeiten am Haus zudem nicht ebenerdig, sondern irgendwo in luftiger Höhe!

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbau-Museum - Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden..

Bodensee – Überlinger See, Unteruhldingen – Pfahlbau-Museum – Vorne links erkennt man an der Dachkonstruktion, dass nicht genagelt, sondern umwickelt wurde, um Teile zu verbinden.

So viele Arbeitsschritte, so viel Mühe – und dabei keine helfenden Maschinen, keine elektrischen Geräte! Lediglich reine Handarbeit. Anfangs mit Hilfe simpler Steinäxte, später in der Bronzezeit unter Einsatz von Werkzeugen, die bereits Metallklingen besaßen oder unter Verwendung neuer bzw. zusätzlicher hilfreicher, meist stabilerer Gegenstände.
Wissen Sie, was der Klebstoff der Vorzeit war? Mit dem man teilweise auch die Klingen in die Holzschäfte einsetzte? Man nahm Birkenpech, das durch Destillation aus der Rinde der Birken gewonnen wurde. Doch das nur nebenbei.

Also, wie viel Zeit muss man rechnen? Wie viel Zeit brauchte es zum Fällen eines einzigen Baumes, wie viele Monate ein Haus fertigzustellen?
Es gibt in Unteruhldingen einen sehr anschaulichen Film dazu, der in Zusammenarbeit mit der Sendung mit der Maus entstand, als 1996 das steinzeitliche Hornstaadhaus originalgetreu nachgebaut wurde. Mit Werkzeugen, die vor tausenden von Jahren üblich waren!
Der Film zeigt die Vorgehensweise und verrät Details zur Bautechnik. Er zeigt mir auch endlich, dass ein Baum nicht wie ein Brot durchgeschnitten wird. Nicht ein „Schnitt“ waagerecht, quer durch den Stamm, sondern stattdessen wird mit einer Axt in der gewünschten Höhe durch einen schräg-senkrechten Einschlag Holz abgespalten. Nachdem anfangs die Rinde rundherum abgespalten ist und wie eine Ziermanschette absteht, wird im nächsten Arbeitsgang die Axt entsprechend tiefer, weiter im Stammesinneren, angesetzt und somit rundherum die nächste Lage gespalten. Keilförmig. Vorteil: es geht enorm schnell, und der Pfahl ist automatisch schon zugespitzt! Fertig zum Aufstellen!
Für mich die verblüffende Erkenntnis, dass ein zukünftiger Pfahl von einem Könner in drei, vier Minuten (!) abgeholzt ist. Für den Hausbau insgesamt bedeutet es: Wenn drei bis vier Helfer mit anfassen, beträgt die reine Bauzeit etwa drei Wochen. Hinzu kommt die Vorbereitungszeit, die für die Materialbeschaffung und dessen Einsatzbereitschaft einkalkuliert werden muss. Sie schlägt noch einmal mit ca. zwei Monaten zu Buche. Bevor das nächste Hochwasser im zeitigen Frühjahr anstand, war das neue Pfahlhaus fertig!

Bodensee  - Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links steinzeitl. Dorf "Sipplingen", rechts  Haus " Hornstaad"

Bodensee – Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links steinzeitliches Dorf „Sipplingen“, rechts Haus “ Hornstaad“

Was müssen die Menschen begeistert gewesen sein, als sie zum Ende der Steinzeit merkten, dass ein Zusatz von Zinn das (bisher zu weiche) Kupfer zu einer sehr harten Legierung verwandelte. Bronze hieß die Neuerfindung, die sie fortan für effektivere Werkzeuge oder Waffen (Jagd) nutzen konnten.
Vielleicht waren sie in diesem Moment damals euphorisch und in dem festen Glauben, sie wären – was Erfindungen angeht – am Ziel. Etwas Besseres, Moderneres könnte nicht mehr kommen. Stellen Sie sich doch einmal vor, wie es den Steinzeitmenschen wohl von den um die Füße gewickelten Zeugstreifen (Socken gab es noch nicht) gerissen hätte, hätte er geahnt, welche weiteren Entwicklungen es bis zum Jahr 2014 n. Chr. geben würde!
Oder wir!
Wir glauben doch eigentlich ebenso, dass es langsam nichts wirklich Neues mehr zu erfinden gibt, bzw. dass es nun vielleicht mehr um das Erforschen von z. B. Krankheiten und deren Bekämpfung geht als um noch mehr neue, durchgreifende, total anders geartete technische Errungenschaften.
Ob wir da richtig liegen?
Es wäre interessant zu wissen, was in tausend oder zweitausend Jahren der zu diesem Zeitpunkt lebende Mensch von dem Schnickschnack des Jahres 2014 hält.
Vielleicht geht er 4.014 n. Chr. in ein Museum, das sich in einer Ausstellung unserer Jahre, unserer Epoche annimmt. Sieht dort rekonstruierte Glasbauten, einen Nachbau der Elbphilharmonie, lässt sich Laubbläser und Jahrhunderte alte Hochleistungswäschetrockner, antike Smartphones und merkwürdige Dinger mit dem Namen iPad erklären. Erkennt daran den Fortschritt von Schiefertafel stromfrei zu elektronischen Devices und grinst breit, weil mittlerweile das Schreiben schon seit 875 Jahren abgeschafft ist und alles nur noch per Gedanken übertragen wird. Er kennt eine völlig neue Energiequelle, Laub zum Wegpusten gibt es in Ermangelung von Bäumen leider nicht mehr und Wäschetrockner braucht seit 2692 n. Chr. kein Mensch, weil sich die Einwegkleidung durchgesetzt hat. Ein Sprühverfahren, mit dem der Körper täglich beflockt wird.
Wer weiß …

Sie können nicht in die Zukunft reisen, aber am Bodensee haben Sie dafür die einmalige Gelegenheit zurückzureisen und der Stein- und Bronzezeit näherzukommen. Falls Sie das Thema der Pfahlbauten jetzt noch weitergehend interessiert und Sie mit einem Besuch des Museums in Unteruhldingen liebäugeln, empfehle ich Ihnen wärmstens das Aufrufen der Website, die sehr gut und übersichtlich aufgebaut ist und zahlreiche Informationen bereithält.
Abgesehen von den persönlichen Eindrücken und allem Gelernten während des Besuchs, diente diese Homepage auch für mich als Quelle für einige der genannten Daten bzw. zu ihrem Gegencheck.
Schauen Sie bitte hier:
Pfahlbaumuseum Unteruhldingen (Danach „Ihr Besuch“ oder z.  B. auch den „Virtuellen Rundgang“ auswählen)
Dort finden Sie auch Hinweise auf Veranstaltungen und Einzelheiten zum Steinzeitparcours, der besonders mit Kindern empfehlenswert ist!

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen - Pfahlbauten - Links Haus "Hornstaad", rechts Haus "Arbon" (aus Holz gebaut)

Bodensee (Überlinger See), Unteruhldingen – Pfahlbauten – Links Haus „Hornstaad“ (1996 – Pfosten, Lehmflechtwände, Grasdach), rechts Haus „Arbon“ (1998 – Pfosten, Bretterwände, Schindeldach)- Diese beiden Häuser sind für experimentelle Langzeitbeobachtungen, daher nicht zugänglich.

Bodensee  - Überlinger See, Unteruhldingen - Pfahlbauten - Bereich Steinzeitdorf (TV, 2006)

Im Jahre 2006 wurde in Oberschwaben an einem Weiher eine ARD-Dokumentationsserie gedreht, bei der 13 Menschen in einem Experiment über acht Wochen lang versuchten, sich unter Bedingungen durchzuschlagen, wie sie die ersten Bauer und eben auch die Pfahlbauer der Jungsteinzeit vorgefunden haben. Nach dem Experiment wurden die Häuser hier nachgebaut und dienen Schülern im Rahmen von Projekten zur Veranschaulichung des Lebens in der Steinzeit.

Pfahlbauten in dieser Form, als angelegtes Dorf, gab es nach der Bronzezeit vorerst nicht mehr, denn die Menschen zog es aufgrund einer erheblichen Klimaveränderung (auch damals schon!) inzwischen doch mehr in das Landesinnere bzw. in höher gelegene Gebiete. Nach über 3.000 Jahren war in dieser Hinsicht das Ende des Pfahlbaus gekommen.

Gibt es den Pfahlbau gar nicht mehr? Hat man danach nie wieder …?
Doch, heutzutage sind Stelzenbauten, wie sie auch genannt werden, noch an den Küsten in Südostasien verbreitet. Oder denken Sie näher. Denken Sie an die Bauten (z. B. Anlegebrücken) an Ost- bzw. Nordsee, die ins Meer (oder Watt) hineinragen. Auch sie stehen auf Pfählen.
Und all die Bauten, bei denen gar nicht sichtbar ist, dass Ihre Errichtung auf Pfählen erfolgte! Gebäude auf feuchtem, sumpfigem, nachgebendem Grund! Ganz Amsterdam ist auf Pfählen errichtet! Allein für den Hauptbahnhof (Centraal Station, Bj. 1922) benötigte man 8.657 Erdstützen. Das Rathaus meiner Heimatstadt Hamburg (1897 fertiggestellt) wird von über 4.000 Eichenpfählen getragen …

 

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen - Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre ...

Bodensee (Überlinger See) , Unteruhldingen – Hier treffen auf einem Bild Erzeugnisse verschiedener Epochen aufeinander: Pfahlbauten, Zeppelin und Fähre …

Die Zeitreise endet allmählich – was nicht unvorteilhaft ist, da es demnächst u. a. auf die Insel Mainau gehen wird! Und dieser Besuch auf der bekannten Blumeninsel soll eindeutig wieder in der jetzigen Zeit stattfinden.

Ihnen vielen Dank fürs Pfahlbauten anschauen!
Haben Sie ein schönes, entspanntes Wochenende!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Foto Andreas Grav

, , , , , , , , , , ,

23 Kommentare

Am Bodensee: Der Affenberg von Salem … (2)

Es kann gut sein, dass Sie jemanden ziemlich aufs Glatteis führen, wenn Sie ihm zum Erraten eines Ortes hilfreich folgende Stichworte nennen: Wasser / Meer, südlich gelegen, Felsen / Berg, viele Berberaffen.
„Gibraltar!“
Messerscharf geschlossen, die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen – und ist dennoch verkehrt! Ich spreche heute nämlich vom Süden Deutschlands. Der tatsächlich gemeinte Ort liegt nicht an der Bucht von Algeciras, sondern am Schwäbischen Meer, genauer an einem Ausläufer des Bodensees, dem Überlinger See. Zwischen Überlingen und Meersburg, ein Stückchen ins Landesinnere hinein gelegen, befinden sich Salem und sein Affenberg, auf dem jede Menge Berberaffen (Macaca sylvanus) leben.
Salem? Gibt es dort nicht ein Schloss? Und ein Internat?
Richtig. Das ist auch Salem, außerhalb jedoch, mitten im Grünen, befindet sich ein 20 ha großes Waldgebiet. Ein besonderes! Wenn Sie sich auf einer schmalen Straße, die sich anfangs zwischen Feldern hindurchschlängelt, diesem Waldbereich nähern, fällt Ihnen an einigen Stellen ein durch die Bäume blitzender, recht hoher Zaun auf, der oben mit einem schräg gestellten, glatten Metallblech endet. Ein Zeichen, dass sich hinter dieser Absperrung etwas befindet, was nicht ausbüxen soll.
Es ist keine Strafanstalt! Beileibe nicht!
Im Gegenteil! Nirgendwo sonst können über 200 Berberaffen derart frei leben wie gerade hier. Das riesige Affenbergareal ist ihr Reich. Großzügig, abwechslungsreich, artgerecht, klimatisch günstig. Umstände beinahe wie in freier Wildbahn. Sie leben hier auf drei Gruppen mit jeweils zwischen 50 und 80 Tieren verteilt. Die ursprüngliche Heimat dieser Makakenart ist Marokko und Algerien, dort fühlen sie sich in bergigen Regionen sogar bis hinauf in Höhen um die 2.000 Meter wohl!
Wer bei Nordafrika nur an Wüste und Hitze denkt, sollte sich schnell erinnern, dass es in den Bergen und generell nachts recht kühl werden kann. Für die Affen ist das Bodenseeklima also gerade richtig. Mild genug, dass sie sogar im Winter draußen bleiben können. Eine natürliche Umgebung und eine natürliche Haltung erlauben ein recht naturgemäßes Leben, welches wiederum von den Menschen in Salem recht genau studiert wird. Die Erkenntnisse daraus können für eine optimale Haltung berücksichtigt werden.  Das Beobachten lässt häufig Rückschlüsse auf ganz artspezifisches Verhalten zu und deckt Besonderheiten auf.
In den einzelnen Gruppen leben Tiere aller Altersstufen zusammen. Jedes Jahr ab Mai gibt es Nachwuchs bei den Berberaffen.
Und das ist gut!
Denn sie stehen auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten und gelten somit als stark gefährdet. Ein Reservebestand, der unter diesen natürlichen Bedingungen heranwuchs, konnte im Jahr 1986 sogar wieder ausgesiedelt werden. Damals kehrte eine komplette Gruppe ins nordafrikanische Freiland zurück.

Heute können Sie sich am Affenberg von Salem auf eine sehr schöne Art und Weise vom Wohlbefinden der Primaten überzeugen. Sie haben nämlich die Möglichkeit, direkt das große umzäunte (was Sie schnell völlig vergessen) Areal zu betreten und auf Tuchfühlung mit den Berberaffen zu gehen. Ein Erlebnis für Groß und Klein, denn Sie dürfen die Affenbergbewohner sogar mit speziellem, Ihnen extra zur Verfügung gestelltem Futter, füttern!
Es gibt allerdings für beide Seite Regeln.
Sie – als Besucher – fassen die Affen nicht an und bleiben ausschließlich auf den Wegen, das andere Gebiet ist für Sie tabu. Entlang dieser Wege führt ein halbhoher hölzerner Geländerlauf. Sitzen auf ihm Affen, so dürfen Sie sich ihnen bis auf einen Meter nähern, die Hand ausstrecken und auf Ihrer Handfläche Futter anbieten. Der Affe nimmt es sich selbst.

Salem - Affenberg - Berberaffen füttern ...

Salem – Affenberg – Berberaffen füttern …

Salem - Affenberg  - Die kleine Hand des Berberaffen nähert sich vorsichtig

Salem – Affenberg – Die kleine Hand des Berberaffen nähert sich vorsichtig …

Für die Affen und Sie gleichermaßen gilt die Regel, dass sie ausschließlich auf diesem Geländer Futter erhalten. Auf diese Art wird verhindert, dass die felligen Gesellen hinter Ihnen herhechten und Sie quasi wegen des Futters überfallen. Sie erhalten beim Betreten des Geländes sowieso nur eine kleine Menge, die in eine Hand gerade hineinpasst – und die halten Sie tunlichst geschlossen.
Treffen Sie auf Muttertiere mit Jungen, bleiben Sie auf zwei Meter Abstand.

Salem, Affenberg - Auch dieser Berberaffe wartet bereits auf Futter ...

Salem, Affenberg – Auch dieser Berberaffe wartet bereits auf Futter …

Klare Verhältnisse. Vom Weg aus lässt sich jedoch viel beobachten. Zusätzlich erklären von Zeit zu Zeit Mitarbeiter weitere interessante Details.  Sie entdecken kleine Gruppen von Affen, die gelegentlich auch mit ihrem Nachwuchs unterwegs sind. Die zarten, noch sehr dunklen Affen, sind übrigens die Babys dieses Jahres.

Salem, Affenberg - Berberaffen

Salem, Affenberg – Berberaffen

Salem - Im Wald der Affen ...

Salem – Im Wald der Affen …

Salem, Affenberg - Berberaffe

Salem, Affenberg – Berberaffe

Salem, Affenberg - Leben in der Gruppe, mit Jungtieren ...

Salem, Affenberg – Leben in der Gruppe, mit Jungtieren …

Salem, Affenberg - ... und sogar Babys!

Salem, Affenberg – … und sogar Babys!

 

Eine wirklich besondere Gelegenheit, diesen Tieren näherzukommen. Wesentlich schöner, als sie hinter einem engmaschigen Zaun in einem kleinen Zoogehege oder -käfig vorzufinden. Gelangweilt, ohne viel Auslauf oder Beschäftigung und meist mit nur wenigen Artgenossen.

An diesem Tag habe ich weitere Lebewesen entdeckt, die sich noch freier bewegen konnten. Da der Ausflug zum Affenberg recht spontan beim Anblick eines Hinweisschildes an der Straße erfolgte, fiel die Gelegenheit fort, sich vorab darüber zu informieren – was manchmal das Beste ist, denn so kommt es zu grandiosen Überraschungen.
Wenn Sie von dem auf der gegenüberliegenden Straßenseite gelegenen Parkplatz zum Gelände des Affenbergs hinüberwandern, kann es Ihnen gehen wie mir: Sie vernehmen mit einem Mal mächtiges Klappern, ohne dass sich vorerst der Auslöser entdecken ließe. Sie haben eine Vermutung.
Ein Storch? Hier?
Dem Klappern nach zu urteilen mehr als einer … Sie spazieren weiter, haben nur wenige Meter später zu Ihrer Linken freie Sicht auf mehrere ältere Häuser und trauen Ihren Augen kaum! Auf allen Dächern befinden sich Storchennester! Unzählige!  Und überall, in jedem Horst, auf jedem Dachfirst stehen Störche! Wie auf Kommando entscheiden sich plötzlich mehrere von ihnen zu starten und kreisen hoch über Ihrem Kopf.
Der Rest veranstaltet Wettklappern. Das, was Sie kurz zuvor schon vernommen haben.

Storchenkolonie in Salem am Affenberg

Storchenkolonie in Salem am Affenberg

Storchenkolonie in Salem am Affenberg - Nest auf dem Dach, gelandet wird aber auch im Baum ...

Storchenkolonie in Salem am Affenberg – Nest auf dem Dach, gelandet wird aber auch im Baum …

Storchenkolonie in Salem am Affenberg - Steht ein Storch auf dem Baum ...

Storchenkolonie in Salem am Affenberg – Steht ein Storch auf dem Baum …

Storchenkolonie in Salem am Affenberg - Action auf dem Dach ...

Storchenkolonie in Salem am Affenberg – Action auf dem Dach …

Ich habe Störche in dieser Anzahl und Nester in dieser Vielzahl auf solch recht begrenztem Raum noch nie gesehen! Hier am  Affenberg in Salem gibt es eine große, freilebende Storchenkolonie mit etwa 20 Brutpaaren. Gerade im Juli und August, wenn die Jungstörche flügge sind, rauschen unter Umständen bis zu 100 Störche durch die Gegend!
Jetzt erschloss sich mir auch der Sinn eines Schildes am Straßenrand, das ich –  lediglich aus den Augenwinkeln heraus – während der Anfahrt gesehen und angenommen hatte, es zeige einen fliegenden Reiher. Diese Vögel hatte ich bisher schon einige Male  am Bodensee erblickt.
Von wegen Reiher! Es war ein Hinweis auf all die Störche!
Speziell den Jungstörchen fehlt es anfangs bei ihren Flugversuchen an Erfahrung und dem korrekten Einschätzungsvermögen der tatsächlichen Geschwindigkeit eines herannahenden Fahrzeugs. Wenn Sie nicht mit aufpassen und notfalls rechtzeitig reagieren, kommt es womöglich zur Kollision mit einem der jungen Tiefflieger!

Warum gibt es in Salem so viele Störche? Was zieht sie gerade hierher bzw. hält sie hier?
Vielleicht sollte man eher andersherum fragen: Woran scheitert es oft, dass sich Störche in einer Gegend niederlassen, wiederkehren, sich vermehren, dass eine Brut Chancen hat, komplett, ohne Ausfall, aufgezogen zu werden etc.
Es fehlt oft die passende Umgebung, der geeignete Lebensraum – sowohl für die Nahrungssuche als auch für Nistzwecke. Oder vorhandener Lebensraum wird vernichtet. Wiesen, die beackert, Feuchtgebiete, die trockengelegt werden.
Manch Storch käme vielleicht auch wieder, wäre ihm nicht zuvor ein ungesicherter Strommast oder ein Wasserturm zum Verhängnis geworden.
Und am Bodensee, hier in Salem?
In dieser Region wird verstärkt renaturiert („Biotopverbund Bodensee“). Es geht um die Schaffung und die Vernetzung von Biotopen, die Erhaltung von Feuchtgebieten, um zusätzliches Grünland für das Nahrungsangebot. Es geht ebenfalls um die Reduzierung des Pestizideinsatzes, um die Vermeidung von Gefahren, um Aufklärung schlechthin.
Direkt am Affenberg kümmert man sich zudem um Nistgelegenheiten, montiert Plattformen. Nicht nur auf den Häusern! Es existieren zusätzlich diverse weitere Einzelnester auf Pfählen.
Damit ist es allerdings nicht getan, denn ein Horst muss auch gepflegt werden, um sicherzustellen, dass möglichst viele, wenn nicht sogar alle Jungtiere einer Brut, überleben. Störche haben die (leider dumme) Angewohnheit, beim Nestbau Plastikmaterial mitzuverwenden. Was im ersten Moment nicht so dramatisch klingt (Hauptsache, er verschlingt es nicht!), hat jedoch ernste Auswirkungen. Plastik dichtet den Horst ab, Regen und Feuchtigkeit können nicht abziehen, Wasser staut sich. Der Jungvogel sitzt – besonders bei länger andauernden Regenwettertagen – lange im nassen Kalten und kühlt folglich aus. Verendet häufig!
Also werden jedes Jahr die Horste gereinigt und ihre oberste Schicht abgetragen.

Salem - Zu fünft im Nest ...

Salem – Zu fünft im Nest …

Storchenkolonie in Salem am Affenberg - Offenbar gibt es im Nest etwas Interessantes zu begucken ...

Storchenkolonie in Salem am Affenberg – Offenbar gibt es im Nest etwas Interessantes zu begucken …

Wir sprachen vorhin bereits das Nahrungsangebot an. In freier Natur  – und speziell bei widrigen Wetterverhältnissen – ist es häufig viel zu wenig, was ein Elternpaar für seinen Nachwuchs findet und heranschaffen kann.
Was schätzen Sie, wie viel Futter für vier halbwüchsige Störche notwendig ist?
Es sind vier bis fünf Kilo, die ein Storchenelternpaar heranträgt! Ein gutes Kilo pro Jungtier. Pro Tag! Wenn Sie jetzt noch überlegen, wie viel bzw. wenig Insekten, Frösche, Fische und anderes Getier wiegen, dann können Sie sich vorstellen, welche Unmengen nötig sind und wie oft die Eltern unterwegs sind. In der freien Natur bedeutet es, dass ein Storchenpaar im Endeffekt im Schnitt nur ein oder zwei Junge durchbringen kann. Der Rest des Nachwuchses schafft es nicht.
Bleibt rein rechnerisch immer noch ein Zuwachs, doch der Bestand an Störchen erhöht sich so trotzdem nicht automatisch, denn beim Flug in den Süden verenden noch einmal überdurchschnittlich viele Jungtiere.
Zufütterung
In Salem wird daher zugefüttert. Das erfreuliche Resultat: Im Durchschnitt fliegen hier drei Jungstörche pro Nest aus! Zusätzlich nimmt man verwaiste Jungstörche auf, die meist von den anderen ohne Probleme mit aufgezogen werden. Ebenso wird sich um verletzte Tiere gekümmert.
Schon eine beeindruckende Sache!

Wenn Sie ihr Weg einmal in diese Region führt, dann schauen Sie vorbei! Es lohnt sich! Zusätzlich befindet sich auf dem Gelände ein großer Teich mit vielen Wasservögeln und ein Bereich mit Damwild. Zu diesen Tieren haben Sie genauso freien Zugang wie zu den Berberaffen. Das Gelände ist  barrierefrei, hat allerdings einige Steigungen.

Dass auch manch anderer Besucher nicht unbedingt vorab von der Existenz der Storchenkolonie wusste, zeigte sich später am Parkplatz. Dort entdeckten Neuankömmlinge einen einzelnen Storch und waren hellauf entzückt. Knipsten sofort Fotos und stießen laute Aaahs! und Ooooohs! der Begeisterung aus.
Ein Storch! Betonung auf ein
Ich hätte sie gern beobachtet, wenn sie Minuten später all die anderen entdeckten …

Liebe Leser, das war’s mal wieder. Feierabend für heute.
Beim nächsten Mal geht es zu den Pfahlbauten. Vielleicht sind Sie wieder mit dabei, es würde mich freuen.

Anmerkung zu den heutigen Fotos:
Eine vermeintlich besonders günstige Einstellung an der Kamera entpuppte sich als die falsche Wahl. An einem recht trüben Tag wurde dadurch die Belichtungszeit extrem verlängert – zulasten der Schärfe.
Ich wollte Ihnen jedoch unheimlich gern vom Affenberg berichten und hatte leider nur die Wahl zwischen unscharfen oder gar keinen Fotos. Sie wissen nun, wie die Entscheidung ausfiel …

©August 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

, , , , , , , , , , ,

27 Kommentare

Am Bodensee: Wenn es blinkt, wird’s höchste Zeit … (1)

Stellen Sie sich vor, Sie dürften dort Urlaub machen. Am – wenn man das Wasservolumen betrachtet – zweitgrößten, ansonsten – auf die Fläche bezogen – drittgrößten See Mitteleuropas, dem Bodensee.
Irgendwo an einem der schönen Uferplätzchen, die sich auf 273 km Uferlänge reichlich finden. Es ist Sommer, Wasserfläche gibt es trotz vieler Touristen glücklicherweise genug für jeden. 536 km² sollten für alle reichen.
Sie träfen an einem Tag ein, an dem sich z. B. der im Westen gelegene Untersee so präsentierte:

Bodensee - An einem klaren, sonnigen Tag sieht der Ausblick so aus. Spiegelglatt ruht der See ...

Bodensee – Untersee bei Wangen

Ein Idyll. Alles wirkt einladend. Die Landschaft ist herrlich, der See ruhig, friedlich, spiegelglatt. Sie sind begeistert, und die dort vertäuten Boote bringen Sie auf eine Idee:
Sie werden selbst eine kleine Tour zu Wasser unternehmen!
Vielleicht rudern, vielleicht auch segeln. Heute bei dem schönen Wetter reicht die Zeit allerdings nicht mehr, doch gleich am nächsten Tag. Genau, morgen geht es auf den See hinaus. Sonst trauen Sie sich so etwas nicht unbedingt zu, aber der Bodensee ist doch harmlos. Sieht man ja! Überhaupt: Ein See ist nicht das wilde Meer! Denken Sie …

Der folgende Morgen präsentiert sich etwas verhangen und diesig.

Bodensee - im Morgendunst - Untersee bei Wangen

Bodensee – im Morgendunst – Untersee bei Wangen

Sie hatten bereits Sorge, dass das Wetter ausgerechnet jetzt – wo Sie da sind! –  schlecht wird. Aber die Einheimischen haben Ihnen soeben während des Frühstücks recht glaubhaft beteuert, solch ein Frühdunst über dem See verziehe sich schnell. Also alles in Ordnung. Die sorgenvollen Stirnfalten können schwinden.

Traumhaft die Gegend! Manche sind bereits mit dem Segel- und Ruderboot unterwegs, andere schwimmen. Ohne Hilfsmittel …

Bodensee - Man rudert, segelt, schwimmt ...

Bodensee – Man rudert, segelt, schwimmt …

… oder sie paddeln bzw. schwimmen und führen dabei ihre Poolnoodle aus.

Bodensee (hier am Untersee bei Hemmenhofen)

Bodensee (hier am Untersee bei Hemmenhofen)

Diese biegsamen, farblich stets sehr gewagten Ungetüme aus einem leichten, wassertauglichen und schwimmfähigen Material (Polyethylenschaum) erinnern mich immer an den morgendlichen Wasseraerobic-Kurs während eines Urlaubs auf Fuerteventura. Die Stäbe wurden verteilt und heftigst für diverse Übungen genutzt. Irgendwann hieß es, man hätte sich draufzuhocken – wozu sie natürlich unter Wasser gedrückt werden mussten.
Meine Nachbarin im Becken focht erhebliche Ringkämpfe mit ihrer pinken Nudel aus. Das Ding ploppte ständig vorzeitig wieder hoch und schmiss sie um. Sie tauchte dann prustend  auf, der Grad der Entrüstung stieg, und sie schob die Schuld auf ihr blödes, völlig untaugliches Fehlexemplar, woraufhin ich den Stab mit ihr tauschte. Grüne Nudel gegen pinke Nudel. Es ploppte weiter. Fortan schmiss meine Stange sie herunter. Meine Poolnoodle, die vorher so brav gehorcht hatte! Ihr Exemplar, welches ich nun benutzte, zeigte sich hingegen zahm. Sie hatte gemeint, das läge nur daran, dass ich leichter wäre … Ich hatte selten etwas so Unlogisches gehört. Ich weiß noch, dass ich ihr deshalb zuraunte, es sei wie beim Rodeo. Man müsste diese Stangen immer erst zureiten.
Am nächsten Tag hatte ich dann komischerweise einen anderen Aerobicnachbarn im Pool …
Doch wir waren beim See und beim Dunst.

Sie stellen fest, der Dunst verzieht sich tatsächlich, der Himmel bleibt etwas bedeckt weißlich. Ansonsten ist es sommerlich warm, bildschön, kaum ein Lüftchen weht. Dadurch ist es zwar nicht gerade segeltaugliches Wetter, doch zumindest ist es perfekt für einen Ausflug im Ruderboot. Diese Windstille, die glatte Wasseroberfläche, all das bestätigt Sie in Ihrer Annahme, dass der Bodensee im Grunde auch nichts anderes als eine etwas größere Badewanne sei. Vom Risiko her betrachtet. Kurzer Blick zum Himmel zur Kontrolle.
Sieht doch passabel aus! Der Zeppelin ist heute auch über dem Untersee unterwegs …

Bodensee - Auch er ist unterwegs im leichten Dunst: Zeppelin über dem Untersee

Bodensee – Auch er ist unterwegs im leichten Dunst: Zeppelin über dem Untersee

An einem der Anlegestege haben Sie ein passendes, zu mietendes Boot entdeckt. Viel steht Ihrem Vorhaben nicht mehr im Wege.
HALT!
Wussten Sie, dass selbst bei ernsthaften, geübten Wassersportlern dieser See als doch recht forderndes und nicht ungefährliches Binnenrevier gilt?
Doch, es ist tatsächlich so! Zum einen taucht gelegentlich überraschend dieser warme Fallwind aus den Alpen, der Föhn, auf. Er bringt durchaus orkanartige Windböen mit sich. Den dazugehörigen Wellengang können Sie sich vorstellen.
Und für Sie als Urlauber, den Ortsunkundigen, sind es besonders die wirklich komplett aus heiterem Himmel und gar nicht so selten auftretenden Sommergewitter mit Sturmböen, die Sie in Gefahr bringen können. Ich habe es gerade wieder erlebt, als ich eine Woche unten am See war. Nicht auf dem Wasser, aber von Land aus.
Weil dieses Gebiet in solchen Situationen schon seine Opfer unter Freizeit- und selbst Profiwassersportlern gefordert hat, existiert länderübergreifend (Deutschland, Österreich, Schweiz) ein Sturmwarnsystem. Der See ist in die Warnregionen West, Mitte und Ost unterteilt, und an den Anlegestegen entlang des Ufers stehen Masten mit orangefarbigen Blinkscheinwerfern. Ist Vorsicht geboten, droht Starkwind (Windstärke 6-8), so blinken sie mit einer Frequenz von 40 Blitzen pro Minute, drohen Sturm und unmittelbare Gefahr (ab Windstärke 8), leuchtet es 90 Mal in der Minute.

Bodensee - Die Warnblinkleuchte am Anlegesteg (hinten) in Wangen (Untersee)

Bodensee – Die Warnblinkleuchte am Anlegesteg (hinten) in Wangen (Untersee)

Bodensee - Sturmwarnschild
Es muss nicht immer überall gleichzeitig der Alarm ausgelöst sein. Manchmal haben die Schweizer schon ihr Blinklicht aktiviert, während auf deutscher Seite noch nichts eingeschaltet ist. Oder umgekehrt. Also immer beide Ufer im Blick behalten! Die Bodenseefährschiffe signalisieren übrigens zusätzlich Sturmwarnungen per am Mast aufgezogenen Sturmballon.

Was Sie als Gast und Neuling am See in Erstaunen versetzt, ist, dass an diesem leicht diesigen Nachmittag, mit etwas grellem Licht, aber Windstille und ohne Gewitterschwüle, ohne wirklich graue Wolken etc., wenn in dieser Situation auf einmal das Warnblinklicht aufzuckt. Es wirkt derart unpassend, dass der erste Gedanke in Richtung Fehl- oder Testalarm geht.

Bodensee - Der Blinklichtalarm hat vor einiger Zeit begonnen ... Noch wirkt alles ruhig.

Bodensee – Der Blinklichtalarm hat vor einiger Zeit begonnen … Noch wirkt alles ruhig.

Nichts los …  Wo soll denn der Sturm herkommen? Kann das sein? Sollten die Boote tatsächlich den Hafen anlaufen oder zumindest Ufernähe suchen?
Das Licht blinkt weiter. Vorerst noch mit der Frequenz 40, doch kurz darauf werden es 90 Blitze pro Minute. Der Himmel zieht sich zu.

Bodensee - Es bläst zunehmend ...

Bodensee – Es bläst zunehmend …

Bodensee - Sturmböen bei einem plötzlichen Sommergewitter. Die Fahne flattert, die Wellen schlagen an Land, Schaum ...

Bodensee –  Es geht los! Sturmböen bei einem plötzlichen Sommergewitter. Die Fahne flattert, die Wellen schlagen an Land …

Bodensee - Sommergewitter hat Sturmböen mit sich gebracht ... Auf einmal brodelt der See.

Bodensee – Ein Sommergewitter hat Sturmböen mit sich gebracht, und der See ist auf einmal höchst lebendig …

Eine knappe halbe Stunde später passiert es. Innerhalb von ein, zwei Minuten brist es plötzlich massiv auf. Die Fahne des Hotels, die vorher schlaff herunterhing, flattert auf einmal waagerecht im Wind. Die Böen zerren hart am Stoff. Es knallt richtig! Die in der Bucht an Bojen verankerten Boote beginnen sich zu drehen und schief zu legen. Die Boote am Anleger selbst, die alle im rechten Winkel zum Steg liegen, tanzen auf ihren schmalen Liegeplätzen wild auf und ab.

Bodensee - .... und der Himmel hat sich gewaltig verändert ...

Bodensee – …. und der Himmel hat sich gewaltig verändert!

Der Himmel wird in kürzester Zeit dunkel. Die Wolken sehen bedrohlich aus. Das Wasser des Sees, eben noch spiegelglatt, blau-grün-klar, still, macht binnen Sekunden eine Veränderung durch. Es wird undurchsichtig. Es wird stahlgrau. Es kräuselt sich. Es wird laut! Es bilden sich lange Wellen, Wellen, die an Höhe gewinnen. Es herrscht bei ihnen keine einheitliche Richtung vor. Viele laufen am Ufer aus, doch manches scheint kreuz und quer aufeinanderzutreffen, dann schlagen sie aneinander, brechen sich gegenseitig.
Jetzt mit dem Boot da draußen … Mittendrin …
Es ist an diesem Tag nur ein kurzes, nicht so schweres Sommergewitter, kein ausdauernder Sturm, wie der, der 2006  bis zu 3,50 m hohe Wellen hervorbrachte. Doch es reicht.
Das Wasser stupst schon lange nicht mehr glucksend an das Ufer wie sonst. Mittlerweile rollt und kracht es heran. Die Wellen bilden Schaumkronen. Das brodelnde Wasser tost um die Pfähle am Anleger.  Manch ortsansässiger Bootsbesitzer rennt noch einmal zu seinem Eigentum und zieht die Taue nach, kontrolliert die Planen. Die, die draußen entlanglaufen, stemmen sich angestrengt gegen den Sturm.
Es wütet zwanzig Minuten. Und dann ist auf einmal alles vorbei. So plötzlich, wie es startete, kehrt nun wieder Stille ein. Der See glättet sich. Und als der Abend anbricht, leuchtet zwar immer noch das Blinklicht, das zur Vorsicht mahnt (40 Mal/min.), doch um diese Zeit fährt vermutlich keiner mehr hinaus.

Bodensee - Es hat sich beruhigt, doch immer noch keine Entwarnung ....

Bodensee – Es hat sich beruhigt, doch immer noch keine Entwarnung ….

So ein Naturphänomen ist schon gewaltig! Respekteinflößend! Wer dort am Bodensee lebt, ist häufig damit konfrontiert, hat sich daran gewöhnt. Doch für ein Nordlicht wie mich, das zwar das Meer kennt und dessen Sturmgebraus und Wellengang nicht verwunderlich findet, Gefahr erwartet, für mich sind die Auswirkungen an einem See überraschend. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Sollten Sie also einmal Ihren Urlaub am Bodensee verbringen, dann genießen Sie es, denn es ist eine herrliche Gegend! Nur halten Sie die Augen offen. Gerade wenn Sie aufs Wasser möchten. Man kann ihn ein bisschen trainieren, diesen Blick fürs Wetter und vor allem für anstehende Wetterwechsel. Doch zur Sicherheit gibt es das Warnsystem. Und das ist gut so. Wenn’s blinkt, wird’s höchste Zeit …

Liebe Leser, das war es für heute! Es geht im Blog weiter mit Besonderheiten aus der Bodenseeregion. Teil (2) wird allerdings wasserlos ausfallen. Doch auch im diesem Part geht um Unerwartetes.
Lassen Sie sich überraschen oder wie der Engländer in dem Fall auch gern rät: Stay tuned.

Bis demnächst!

©August 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

 

 

Hinweis:
Sollten Sie an dieser (Grenz-)Region generell interessiert sein, rufen Sie
doch gern auf der Startseite rechts im Blog bei den Kategorien
Auf Entdeckung … Unterwegs am Bodensee (CH, A, D) auf.
Dort sind einige Berichte vom Vorjahr mit vielen Fotos unter dem Motto „Grenzhüpferei“.

, , , , , , , , , , ,

14 Kommentare

Zwischen Deutschland und der Schweiz: Grenzhüpferei Teil III – Schon allein des Ausblicks wegen: Burg Hohenklingen (CH) und die Kleine von Riedheim (D)

Dicke Mauern. Felsgestein. Schwere Balken. Und ein Turm! Der Bergfried.
Enge Stiegen. Schmale Nischen. Fensteröffnungen, keine Scheiben.
Ein unebener Steinfußboden. Ein Feuerplatz. Vom Ruß schwarz gefärbte Wände.
Ein Verlies? Eventuell …
Hufgetrappel, laute Rufe, Klirren von Metall. Das Quietschen eines heruntergelassenen Tores … oder einer Zugbrücke.
Kälte. Dunkelheit. Und leicht verkokelte Luft durch die offene Feuerstelle.
Ein Posten auf dem Turm. Der Klang einer Trompete, in die heftig hineingeblasen wird.
Burgen!
Dem Wind und Wetter seit Jahrhunderten ausgesetzt. Generationen von Burgherren, Eignern, Besitzern, Bestimmern kamen und gingen. Die Burg hat sie überlebt. Oder zumindest Burgreste zeugen heute noch von ihrer oft wechselvollen Geschichte.
Das alles verbinde ich irgendwie damit.
Heute wird es hier im Blog um Burgen gehen. Zwei sehr unterschiedliche Exemplare.

Wie ist denn Ihre Vorstellung von diesen Gemäuern? Groß, klein? Trutzig? Mehr elegant-verspielt? Ein bisschen wie Neuschwanstein? Das Schloss, das ursprünglich als die idealisierte Vorstellung einer mittelalterlichen Ritterburg errichtet wurde. Hier ein Türmchen, dort ein Erker …?
Oder doch eher die plumpe Form, ein wenig schroff und abweisend?
Hoch droben auf einer Anhöhe oder im Gegenteil – irgendwo mittendrin?
Eine reine Ruine oder aber gut erhalten/restauriert und vielleicht zum Teil auch heutzutage genutzt, belebt?

Die Burgen, die ich heute im Gepäck habe, decken mehrere Punkte ab. Vielleicht erinnern Sie sich noch an das letzte Foto in Teil II der Grenzhüpferei. Den quasi Vorschaublick von Stein am Rhein hinauf auf den Schiener Berg zu einer Burganlage, die sich hoch oben auf dessen schmalem Grat befindet.

Stein am Rhein (CH) - Blick hinauf zur Burg Hohenklingen

Stein am Rhein (CH) – Blick hinauf zur Burg Hohenklingen

Der Höhenunterschied zur Stadt beträgt fast 200 m! Wenn Sie nicht zwischen den Häusern stehen, sondern außerhalb der Altstadt hinaufschauen, sieht es so aus:

Blick hinauf von Stein am Rhein (Rheinufer außerhalb der Altstadt) zur Burg Hohenklingen (CH)

Blick hinauf von Stein am Rhein (Rheinufer außerhalb der Altstadt) zur Burg Hohenklingen (CH) –
Der quadratische Turm von ca. 1250 ist mehrheitlich aus Findlingen und Bruchsteinen gefügt.

Die Burg stammt aus dem Mittelalter, wurde nie im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen zerstört und hat daher noch heute das Aussehen, das sie bereits in der Zeit um 1200 bis 1400 hatte. Sie war Wohn- und Verwaltungssitz von zahlreichen Vögten, bevor sie 1457 in den Stadtbesitz überging. Sie ist beinahe vollständig erhalten und besteht aus einem doppelten Torzwinger, der ummauerten Kernburg mit Wohnturm und weiteren Nebengebäuden (Kapelle, Wächterhaus).
Hohenklingen verfügt im westlichen Teil der Anlage über einen schönen Palas. Dieser Begriff entspricht dem heutigen Wort Palast, und es geht dabei um den repräsentativen Wohnbereich des Burgherrn, oftmals einen Saal.
Dass die Burg nicht zerstört wurde, heißt nicht, dass nicht der Zahn der Zeit mächtig an ihr nagte und als obendrein im Jahr 1838 die Hochwacht aufgehoben wurde (dazu komme ich gleich noch), machte man sich schon ernsthafte Gedanken, wie sich ein solches Bauwerk erhalten ließe.

Stein am Rhein - Burg Hohenklingen - Im Bereich des (Wohn-)Turms

Stein am Rhein – Burg Hohenklingen – Im Bereich des (Wohn-)Turms

Es wurde folglich über Arten der Nutzung und über damit verbundene mögliche Einnahmequellen nachgesonnen. Eine Kureinrichtung eröffnete, der jedoch kein sonderlicher Erfolg beschieden war.
1863 entstand auf Hohenklingen eine Gastwirtschaft, und das Prinzip der Bewirtschaftung erwies sich als sehr viel einträglicher. Die Burg wurde danach Ende des 19. Jh. bereits einmal restauriert und nun zuletzt in den Jahren 2005-2007 (finanziert durch generöse Spender) komplett saniert.

Burg Hohenklingen - Stein am Rhein  - Alt und neu trifft aufeinander ...

Burg Hohenklingen – Stein am Rhein – Alt und neu trifft aufeinander …

Seitdem lockt sie zum einen Wanderer und Ausflügler mit reinem Burg- oder Geschichtsinteresse, zum anderen jedoch auch weitere Besucher – die aber mit kulinarischen Köstlichkeiten, die sie stilvoll in verschiedenen Räumlichkeiten der Burg verzehren zu können. Neben dem Restaurant stehen eine Burgstube, der Rittersaal und der Obergaden, ein rustikaler Raum, in dem Veranstaltungen ausgerichtet werden, zur Verfügung. Inzwischen hat nämlich überall die Technik in der Burg Einzug gehalten, und so schauen einem zwischen alten Speeren, grobem Mauerputz oder dicken Eichenbalken auf einmal Rohre, Kabel, Leitungen, Steckdosen oder Lautsprecher entgegen.
Und Plastikstühle!
Überall, wo mehr Menschen Platz finden können, gibt es zahlreiche, stapelbare Plastikstühle und entsprechende Tische. Es ist anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig und schmälert ein bisschen die Illusion und auch den Genuss, in einer wirklich alten Burg zu wandeln. Plastik fällt leider eher ins Auge und lenkt von allem anderen ab.
Diese kleine Mäkelei betrifft nicht die Räume, in denen wirklich stilvoll gespeist wird, sondern mehr zusätzlich genutzte Flächen, bei denen die Verbindung zwischen Alt und Neu – vielleicht aus Kostengründen – nicht sonderlich beherzigt wird.

Burg Hohenklingen - ... und auch hier treffen wieder alte Speere und Schilde auf moderne Plastiktische.

Burg Hohenklingen – … und auch hier treffen wieder alte Speere und Schilde auf moderne Plastiktische, die auf dem Foto wesentlich mehr Holzähnlichkeit haben, als dies in Wirklichkeit der Fall ist.  Ein modernes Kunstwerk an der hinteren Wand  ergänzt die heutige Dekoration des Saals.

Doch ohne Kompromiss geht es wohl nicht. Man darf nicht vergessen, dass der Unterhalt und die gesamte weitere Erhaltung der Burg auch nach ihrer Sanierung weiterhin Geld verschlingt. Und dennoch wird dankenswerterweise keine Eintrittsgebühr verlangt!
Schauen wir also etwas weniger kritisch auf die Plastikmöbel.

Die Treppenstufen wurden ebenfalls mit in die Sanierung einbezogen. Vielleicht aus Sicherheitsgründen wurden sie an einigen Stellen ersetzt. Sie sind nun aus einem völlig anderen, modernen Material und zudem in einem sehr auffälligen Grün illuminiert.

Burg Hohenklingen - ... wieder eine der modernen Stellen innerhalb der Burg. Froschgrün illuminierte Stufen ...

Burg Hohenklingen – … wieder eine der modernen Stellen innerhalb der Burg. Die illuminierten Stufen …

Und es gibt die Laube!
Die existierte früher zu Zeiten der Vögte natürlich noch nicht. Es handelt sich um eine Art hölzernen, verglasten Balkon oder vielleicht eher eine hervorstehende Loggia, in der Sie ebenfalls speisen können und gleichzeitig einen grandiosen Ausblick haben. Ihr Blick geht nicht nur hinunter zum Städtchen, sondern auch den Rhein flussauf- und flussabwärts, zu Inseln, Hügeln, Wäldern …

Burg Hohenklingen - Stein am Rhein  - Der moderne Balkon rechts ist die sogenannte Laube mit 40 Sitzplätzen und einmaligem Ausblick auf Stein und den Rhein.

Burg Hohenklingen – Stein am Rhein – Der moderne Balkon rechts ist die sogenannte Laube mit 40 Sitzplätzen und einmaligem Ausblick auf Stein und den Rhein.

Wenn Sie nicht dort einkehren möchten (es hat seinen Preis!), dann bleibt Ihnen die kostenfreie Besichtigung der Burganlage und die Besteigung des (Wohn-)Turms, von dem aus Sie – was von der Laube aus nicht möglich ist – sogar in alle Richtungen sehen können. Dieser Ausblick entschädigt wirklich für jedes nicht stilgerechte Mobiliar.

Geht Ihnen nicht auch das Herz auf, wenn Sie hier heruntersehen?

Burg Hohenklingen - Grandioser Ausblick auf Stein und den Rhein. Links im Fluss die Werd-Inseln.

Burg Hohenklingen – Grandioser Ausblick auf Stein und den Rhein. Links im Fluss die Werd-Inseln.

Die kleinen Landfetzen links im Rhein sind die sogenannten Werd-Inseln – was so viel heißt wie Flussinseln. Auf einer der Inseln wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Bronzesiedlung ausgegraben. Dort stehen auch die Propstei Wagenhausen und die Wallfahrtskirche St. Othmar, die aus dem 15. Jahrhundert stammt. Man hat sie nach dem ersten Abt des Klosters St. Gallen benannt, der 759 auf der Insel starb, nachdem ihn die Franken, dessen Sträfling er war, auf die Insel verbannt hatten. Er taucht gelegentlich als „der Eremit von den Werd-Inseln“ auf.

Die Werd-Inseln ein wenig dichter herangeholt ... In der Mitte die Kapelle St. Othmar

Die Werd-Inseln ein wenig dichter herangeholt … In der Mitte die Kapelle St. Othmar

Auf dieser Inselgruppe gibt es einen imposanten Granitfelsen – der übrigens als Namensgeber für die Stadt Stein am Rhein fungiert, und es existiert eine hölzerne Fußgängerbrücke (200 m) als Verbindung zum Festland (auf dem Foto gut zu erkennen).

Hochwachten
Vorhin fiel bereits einmal der Begriff Hochwacht. Die Burg Hohenklingen war eine sogenannte Hochwacht. Die nördlichste von insgesamt 23, über die Zürich (wozu Stein am Rhein seit dem Ende des 15. Jahrhundert zählte, heute gehört die Stadt zum Kanton Schaffhausen) verfügte. Eine Hochwacht (etwa ab dem 17. Jahrhundert) diente der Sicherheit und stellte einen Signalpunkt dar. Hohenklingen war optisch mit vier anderen Hochwachten verbunden, und so konnte man sich gegenseitig bzw. fortlaufend bei Feindesgefahr alarmieren und waffenfähige Männer aufbieten. Am Tag wurde der Alarm mittels Rauchzeichen weitergeleitet, bei Nacht per Feuer und bei sehr schlechten Wetterverhältnissen mit armseliger Sicht, wurden Mörserschüsse abgegeben. Deshalb hatte auch jede Hochwacht ein Visierinstrument, einen Mörser und dürres Holz.

Stein am Rhein - Burg Hohenklingen - Ausblick vom Turm Richtung Westen ...

Stein am Rhein – Burg Hohenklingen – Ausblick vom Turm Richtung Westen …

Am gegenüberliegenden Ufer sind die Stellen, an denen weitere Hochwachten errichtet wurden. Oberhalb Oberschlatts, weiterhin zwei auf dem Stammerberg und eine Hochwacht auf dem Schauenberg. Theoretisch konnte man von Hohenklingen noch weitere sehen, die aber zum Thurgau gehörten und dem Züricher Netz nicht angeschlossen waren.

Stein am Rhein - Burg Hohenklingen - Blick aus einem der Turmfenster Richtung Osten. Hier ist die Verbindung zwischen Hochrhein und Untersee des Bodensees.

Stein am Rhein – Burg Hohenklingen – Blick aus einem der Turmfenster Richtung Osten. Hier ist die Verbindung zwischen Hochrhein und Untersee des Bodensees

So eine Burganlage und ihre Aussicht sind schon beeindruckend. Die Besucher kommen in der Tat oftmals von sehr weit her, wie man anhand der in Balken eingeritzten Hinterlassenschaften erkennen kann.

Stein am Rhein - Burg Hohenklingen - Ganz oben im Turm - Ja, Gäste aus Paraguay waren auch schon dort ...

Stein am Rhein – Burg Hohenklingen – Ganz oben im Turm – Gäste aus Paraguay waren auch schon dort …

Nur soll ich Ihnen etwas anvertrauen?
Es ist aufwändig saniert und dies – sowie die Erhaltung einer derartigen Anlage – verdient in der Tat ein großes Lob! Allerdings geht auf einmal unheimlich viel Altes völlig unter. Die Anlage hat heute einige Kompromisse hinzunehmen. Es wirkt gelegentlich so, als wäre manches Ursprüngliche nur noch geduldet und pro forma hingehängt. Oder an anderer Stelle gewollt konzentriert. Neben Lautsprecher, Plastikstuhl oder auch grünen Stufen. Als Ausgleich. Mir scheint es stattdessen sinnvoller, das sichtbare Moderne auf ein Minimum zu reduzieren. Dem Verbergen technisch notwendiger, aber optisch unvorteilhafter Gegenstände mehr Sorgfalt und Beachtung zu schenken, ohne dafür ein Vermögen einsetzen zu müssen. Dazu vielleicht noch eine gewisse Zurückhaltung, wenn es um die Kombination von alt und neu bei der Ausstattung geht. Weniger gewagt erhielte mehr den typischen Burgcharakter. Doch das ist persönliche Ansichtssache, was ich in diesem Zusammenhang gern noch einmal hervorheben möchte.
Für mich ist es beruhigend zu wissen, dass sich an der Aussicht nicht herumbasteln und an der Geschichte nicht herumradieren lässt.

Burg Hohenklingen - Stein am Rhein

Burg Hohenklingen – Stein am Rhein – Torzwinger

Sie haben nun eine recht große Schweizer Anlage gesehen. Jetzt ist es wieder an der Zeit für eine Grenzhüpferei.
Fahren wir ein Stück auf dieser Rheinseite, halten uns Richtung Singen am Hohentwiel – auch dort gibt es eine Burg (allerdings eine Ruine) dieser Größenordnung – und fahren noch ein kleines Stück weiter, um einen Blick auf einen Burgfloh zu werfen: Die Burganlage von Riedheim! Sie hat momentan Bewohner sozusagen

Burganlage Riedheim
Sie wurde 1050-1070 erbaut. Immerhin auch gut 20 Jahre Bauzeit für ein relativ überschaubares Projekt! Wenn Sie eine Größenvorstellung haben möchten, weil Fotos oft etwas täuschen:
Die Außenanlage ist nur 27 m x 38 m groß. Der Turm hat eine Höhe von 23,80 m, doch die Wände sind immerhin 1,20 m dick!

Burganlage Riedheim - Klein, aber fein ...

Burganlage Riedheim – Klein, aber fein …  Und haben Sie es gesehen? Bewohner! Auf dem Dach …

Ihre sonstige Geschichte?
Wie auch Hohenklingen, wechselte die Riedheimer Burg im Laufe der Zeit immer wieder ihren Besitzer und diverse Burgvögte hatten das Sagen. Damals nannten sie sich von oder de Riethaim. Klingt gleicht viel imposanter.
In den Jahrhunderten wurde die Burg wiederholt verkauft, aber auch dem Schwager übertragen oder für neue Nutzungszwecke anderen überschrieben. Es ging in der Tat ganz schön hin und her!
Da war sie mal im Besitz der Herren von Randegg, dann derer von Schellenberg, ein Herrn von Pätsch nannte sie sein Eigen, ebenso von 1621-1735 das Haus Habsburg-Österreich. Interessant ist, dass gerade in dieser Periode sowohl Ort als auch Burg mehrfach verpfändet wurden!
Nach dieser Zeit wurde sie Kloster Petershausen bis 1803, gehörte ein paar Jahre dem Markgrafen von Baden und irgendwann für 100 Jahre der Gemeinde Riedheim, die den Turm abreißen wollte, was der Staat aber verbot.
Mit seiner Hilfe wurde das Gemäuer 1902 instandgesetzt – nur stürzte trotz allem 1951 das Turmdach ein! Also wieder Reparaturen! 1957 wurde das Dachgeschoss wiederhergestellt.
Seit 1974 ist die Burganlage im Besitz der Gemeinde Hilzingen (Riedheim ist jetzt ein OT von Hilzingen) und wurde in den darauffolgenden Jahren erneut restauriert.
Ganz schön was los für so eine kleine Burg!
Und besonders ist sie ebenfalls in der Hinsicht, als dass sie eine der wenigen Burgen ist, die überhaupt nicht auf einer Anhöhe steht!
Und nicht nur das!
Sie befindet sich zudem mitten im Ort! Der Turm ist natürlich höher als die umliegenden Wohnhäuser. Insofern fungierte auch dieser Turm als Ausguck. Nur sah man von dort halt nicht so weit … Es war definitiv keine Hochwacht. Hier konnte der Turmposten eher die Nachbarschaft im Auge behalten.
Feind in Sicht oder vielmehr der erwartete Bote aus Hilzingen?
Heute schauen die Tauben, was sich der Burganlage nähert …

Burganlage Riedheim - Es scheint so, als wäre es auch eine Behausung für die Tauben, doch beim Vergrößern erkennt man, dass in den Fensteröffnungen Maschendraht gespannt ist.

Burganlage Riedheim – Es scheint so, als wäre es auch eine Behausung für die Tauben, doch beim Vergrößern lässt sich erkennen, dass in den Fensteröffnungen Maschendraht gespannt ist.

Und den Storch? Ihn interessiert kein Eigentümer oder das fehlende Bergpanorama. Für ihn ist relevant, ob es ein guter Platz für sein Nest ist und ob sich die Umgebung für die Futtersuche und Aufzucht seiner Jungen eignet …

Burganlage Riedheim - Ein bewohntes Storchennest auf dem Turm ...

Burganlage Riedheim – Ein bewohntes Storchennest auf dem Turm …

Burganlage Riedheim - ... Storch Nr. 2 sitzt hinten und putzt sich.

Burganlage Riedheim – … Storch Nr. 2 sitzt hinten und putzt sich.

Die Burganlage wird heute gern für Festivitäten und Gemeindeaktivitäten genutzt, wie man auf diesem Plakat erkennen kann:

Riedheim (D) - Burganlage - Ankündigungsplakat für ein Event im Burggarten ...

Riedheim (D) – Burganlage – Ankündigungsplakat für ein Event im Burggarten …

Eine solche Burg … bei mir zu Hause … gleich um die Ecke? Das hätte was. Natürlich mit Storchennest!
Wenn schon, denn schon!

Und nun?
Viel gesehen, viel gelesen. Gönnen wir uns eine Pause, liebe Blogleser.
Riedheim ist zwar lediglich einen Katzensprung von Hilzingen entfernt, doch was ich Ihnen dort zeigen wollte, entdecken Sie ein bisschen später im Part IV der Grenzhüpferei. Es wird auch der vorerst letzte Teil dieser Serie mit Eindrücken aus dem deutsch-schweizerischen Grenzgebiet sein.
Vielleicht haben Sie schon etwas entdeckt, was Sie anzuschauen reizen könnte – falls Sie selbst einmal in diese Region reisen.

Sollten Sie die ersten Beiträge der Serie verpasst haben, finden Sie bei Interesse nachstehend noch einmal die entsprechenden Links zu diesen Blogposts.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Bis zum nächsten Mal!

Links:
Hinweis auf die kommende Blogserie:
https://michelelegrand.wordpress.com/2013/07/02/abgetaucht/
Teil 1:
https://michelelegrand.wordpress.com/2013/07/05/zwischen-deutschland-und-der-schweiz-grenzhupferei-teil-i-wo-denn-genau-merkt-man-eigentlich-wo-man-ist-die-holzbrucke-von-diessenhofen/
Teil 2:
https://michelelegrand.wordpress.com/2013/07/15/zwischen-deutschland-und-der-schweiz-grenzhupferei-teil-ii-mentalitatsgedanken-und-stein-am-rhein-ch/

©August 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  auf WordPress.com

, , , , , , , , , ,

4 Kommentare

Zwischen Deutschland und der Schweiz: Grenzhüpferei Teil II – Mentalitätsgedanken und Stein am Rhein (CH)

Stein am Rhein (CH) - Altstadt mit Rathaus

Stein am Rhein (CH) – Altstadt mit Rathaus

Man kann keine Nation irgendeiner einzelnen, bestimmten Kategorie Mensch zuordnen, wasserdichte Beweise für immer wiederkehrendes, typisches, identisches Verhalten liefern oder – ganz fürchterlich – ein ganzes Land in eine Schublade packen! Doch heute möchte ich mich außer dem Städtchen Stein am Rhein (CH) nebenher ein wenig der Schweizer und auch unserer, der deutschen Mentalität widmen. So wie ich sie bisher kennengelernt habe, gerade wenn sie aufeinanderprallten!
Ihnen ist klar, dass solche persönlichen Eindrücke immer subjektiv sind – so gern man auch objektiv wäre.
Und Sie werden automatisch auch wieder ein bisschen mehr meiner Mentalität kennenlernen. Der Grund, weshalb ich drei vorherige Fassungen dieses Blogposts in den virtuellen Papierkorb geworfen habe. Ich hatte das dumpfe Gefühl, Sie kennen mich bald ein bisschen zu genau. ^^

Wenn Sie mehr auf die Fotos aus der Altstadt von Stein am Rhein warten, dann scrollen Sie gern nach unten, ansonsten beginnen wir jetzt mit dem Text und – örtlich gesehen bedeutet dies – der Start ist im schweizerischen Diessenhofen, dem am Rhein gelegenen Ort mit der besonderen Holzbrücke, an dem ich das letzte Mal unterbrach.
(Mehr über die Region, aus der ich auch heute berichte, finden Sie im Archiv Juli 2013„Abgetaucht“ und die „Grenzhüpferei Teil I“, alle – auch die noch folgenden Teile – ebenfalls in der Kategorie Auf Entdeckung – unterwegs im In- und Ausland)

Diessenhofen hat nicht die einzige Brückenverbindung über den Rhein, einige Kilometer östlicher queren Autos und Eisenbahn den Fluss bei Hemishofen (CH). Danach erneut in Stein am Rhein. Und genau auf diesem Weg, über die Brücke Richtung Norden, fallen wir in das Städtchen ein.

ie Brücke über den Rhein, die beide Teile von Stein miteinander verbindet. Keine Holzbrücke wie in Diessenhofen ... Es gab schon vorher eine Brücke, doch diese wurde 1972-74 gebaut.

Die Brücke über den Rhein, die beide Teile von Stein miteinander verbindet. Keine Holzbrücke wie in Diessenhofen … Es gab schon vorher eine Brücke, doch diese wurde 1972-74 gebaut.

die Rheinbrücke nach Stein wollen, wird es nach der Überquerung eng. Eine Ampel regelt den Verkehr.  Selbst lange Gelenkbusse fahren hier entlang

Wenn Sie über die Rheinbrücke in die Alstadt von Stein wollen, wird es nach der Überquerung eng. Eine Ampel regelt den Verkehr. Selbst lange Gelenkbusse fahren hier entlang und durch die engen Kurven!

Das nicht kriegerisch gemeinte Wörtchen einfallen wähle ich aus folgendem Grund:

Ich habe bei dieser Kurzreise festgestellt, wie ungewohnt es für mich war, Orte fast nur vom Auto aus zu „erfahren“, immer wieder lediglich kurz herauszuhüpfen, um schnell einen Eindruck von etwas zu erhaschen. Ungewohnt war es vor allem auch deshalb, weil es mir behagt, mich zu Beginn des Kennenlernens eines neuen Terrains einfach irgendwo hinzustellen und nur zu schauen.
Ich bin ein Einsauger! Mit Ohren, Augen und Nase!
Was passiert? Welche Geräusche, Gerüche, Farben gibt es? Welchen Eindruck hinterlassen Gebäude, wie verhalten sich Menschen? Wie ist die augenblickliche Stimmung? Was fällt sofort auf? Lebt ein Ort?! Vor allem: ist etwas komplett anders?

Es folgt das Laufen. Das Erlaufen. Lange. Ohne Stadtplan. Abbiegen, wohin es mich zieht. Ich versuche lediglich, mir zu merken, wie ich wieder zurückfinde.
Dabei kommen die Beobachtungen, das Miterleben kleiner Szenen, das Eigenarten und Bräuche erkennen, das Warmwerden und – wenn man sehr viel Glück hat – plötzlich das Dazugehören. Durch ein Gespräch beispielsweise. Und wenn ich heimkomme, erinnere ich mich vorrangig an Menschen, verbinde sie mit einem Ort – weniger als dies Statuen, Brunnen, Kunstwerke generell und die typischen touristischen Anziehungspunkte vermögen.

Dieses Mal jedoch gab es Vorgaben. Zeitvorgaben. Kleine, bescheidene Zeitfenster.
Also kein Herantasten, dafür gezieltes Einfallen.
Was lässt sich in der kurzen Zeit erfassen?
Ich versuchte, bereits im Auto während der gesamten Wegstrecke ein Gefühl für die Umgebung zu entwickeln. Wenn Sie – besonders als Stadtmensch! – in der Schweiz nicht gerade in den ganz großen Ballungszentren unterwegs sind, merken Sie bald, dass allgemein das Tempo nachlässt, was nicht an den niedriger angesetzten Höchstgeschwindigkeiten auf Landstraßen oder Autobahnen liegt.
Es werden oft Witze darüber gemacht, dass Schweizer etwas langsamer seien. Nicht immer die feine Art, denn oft bezieht es sich in äußerst flachen Bemerkungen etwas herablassend auf das Denkvermögen – was absolut blödsinnig ist!
Doch Tatsache ist, in der Schweiz findet eine Verlangsamung statt, die ich – für alltägliche Gegebenheiten, den privaten Teil und selbst für den geschäftlichen Bereich – als äußerst positiv empfinde. Das langsamere Agieren hat nichts mit Intelligenz zu tun. Es ist körperlich spürbar. Es erlaubt Ihnen, einen Gang zurückschalten. Sie fühlen sich nicht gehetzt. Können kurz innehalten.
Was Sie nicht versuchen sollten, ist, ihr bisheriges Tempo, ihre Forschheit beizubehalten oder womöglich krampfhaft durchsetzen zu wollen!
Erstens sind Sie dort Gast, und ein Gast drängelt nicht herum oder schreibt seinem Gastgeber vor, dass er gefälligst auf die Tube drücken soll!
Zweitens würden Sie auf Granit beißen, denn der Schweizer wird sich wegen Ihres Tamtams nicht verbiegen oder ändern – dazu müsste er Ihre wilde Hast einsehen können! Ich würde nicht sagen, dass die Eidgenossen generell ruhiger oder geduldiger sind als Deutsche, doch sie leben wirklich nervenschonender.
Sie scheinen keinen zu mögen, der auf den Putz haut bzw. jemanden, der den schwer beschäftigten Manager, den Wichtigtuer, den Drängler oder die leicht hochnäsige Schlaue mimt.
Aber wer mag das alles schon …
Wir Deutschen lehnen es im Grunde – zumindest bei anderen – ebenso ab, verkennen allerdings, dass wir schnell so wirken können. Ich habe in der Schweiz (mehrfach im Kanton Graubünden, aber auch in Städten wie Luzern,  Zürich etc.) Situationen erlebt, in denen das vermeintlich schnellere Wesen (trügerisches Selbstbild!) und der Handlungseifer des Deutschen zu merkwürdigem Gebaren führten und dabei das Gefühl vermittelt wurde, man sei besser oder plietscher. Wollte alles selbst in die Hand nehmen …
Kommen Sie irgendwo ohne Gruß dazu und führen sich derart auf, dann fällt die Klappe und zwar schnell!
Es herrscht eisiges Schweigen und Sie werden fortan ignoriert. Sie ernten bestenfalls noch einen sehr kritischen Blick und gut möglich, dass Ihr Gegenüber beim nächsten „Hock“ mit Freunden etwas über die stressigen Deutschen herzieht.
Was man verstehen kann!
Was schaffen wir gelegentlich für eine Unruhe, und was haben wir (natürlich neben sehr vielen netten Menschen) von Zeit zu Zeit für selbstherrliche Artgenossen!

Ich habe über die Jahre in Graubünden einige sehr angenehme Schweizer kennengelernt, die lediglich dann erstaunlich fuchsig wurden, wenn etwas präzise Geplantes nicht funktionierte oder wenn der Postbus nicht pünktlich fuhr.
Sie ahnen den Zusammenhang?
Wer einwandfrei laufende Uhren herstellt und dafür weltweit bekannt ist, der kann es halt schlecht verknusen, wenn sich der Bus dann nicht an den Zeitplan hält. Unpräzise ist.
Aber sonst?
Sie mögen nicht nur das Dominante nicht so gern, sie scheinen generell lieber alles eine Nummer kleiner haben zu wollen. Man merkt es einerseits an ihrer Sprache, an der Endung -li, mit der sie vieles in seiner Größe (und auch Wichtigkeit) reduzieren. Wenn Sie wiederum über Land fahren, sehen Sie es real an der Größe der Häuser, Ortschaften, Läden, der Art der neuen Industrie-/Gewerbegebiete etc. Es wird auf moderne Technik geachtet und Wert gelegt, aber immer auch darauf, dass Neues nicht alles erschlägt, sondern sich einpasst und idealerweise der Natur eher unterordnet.
Ordnung. Überschaubarkeit. Die Größenverhältnisse müssen stimmen. Vielleicht wirkt diese Balance so beruhigend.

In vielen Gegenden unseres Landes wird hingegen gerade der Kontrast geliebt. Das Große, Bombastische muss her. Ein auffälliges Prestige-Objekt. Direkt neben das Alte. An der Verbindung hapert es manchmal. Wir stellen meist erst hinterher fest, dass uns das neue (Angeber-)Hochhaus die für die Stadt typische Silhouette wieder ein bisschen mehr zerstört, da es die Sicht auf markante Gebäude versperrt und zudem fortan als häufig seelenloser Kasten die Stadt verhunzt.
Natürlich hat auch die Schweiz Hochhäuser, hat ihre Fabriken mit Geräuschentwicklung und zeitweise qualmenden Schornsteinen, doch sie werden eher etwas abseits konzentriert bzw. dahinverlegt. Der Gedanke an Natur und Umwelt ist präsent. Präsenter als in vielen Gegenden unseres Landes. Mag sein, dass es für ein relativ kleines Land leichter ist, den Überblick zu behalten und relativ einheitlich zu agieren.

Getreidefeld bei Hemishofen (CH)

Getreidefeld bei Hemishofen (CH)

Bevor Sie darüber stolpern, möchte ich anmerken, dass es natürlich auch in der Schweiz besagte unangenehme Zeitgenossen gibt – wie überall auf der Welt, doch insgesamt wirken die Schweizer auf mich einfach entspannter, scheinen mehr eins nach dem anderen zu machen.
Deutsche, insbesondere Städter, werden einerseits mehr gescheucht (die Unruhe existiert eben durch alle Hierarchien und wird nach unten weitergegeben) und verwechseln andererseits dabei oft gesunde Geschäftigkeit mit wirrem, unproduktivem Hin- und Hergehechel. Machen Wirbel und erzeugen Stress, wo er gar nicht nötig ist. Preisen ihre ach so wünschenswerte und angeblich vorhandene Mutitasking-Fähigkeit.
Schaffen wir dadurch wirklich so viel mehr?
Selbst wenn – um welchen Preis!
Oft verzetteln wir uns, und das eine Mal, bei dem wir vielleicht wirklich flotter sind, effektiver arbeiten und die gleiche Entspanntheit dabei empfinden wie ein Großteil der Schweizer generell, dieses lumpige eine Mal ist zu vernachlässigen.

Fragen Sie sich auch gelegentlich, ob wir eigentlich in der Lage wären, bei Bedarf, Wunsch oder Einsicht wieder zurückschalten?
Angenommen, der Druck von außen wäre uns egal, und wir müssten nur etwas finden, womit wir persönlich Verlangsamung üben könnten …
Fahren Sie in die Schweiz! Das beste Trainingsziel!

In der Schweiz wird selbst für kleinere Straßenarbeiten  eine Baustellenampel aufgestellt, die den Verkehr regelt, der abwechselnd einspurig an dem Hindernis vorbeigeführt wird. Die Wartezeit an der Ampel ist wesentlich länger als die in Deutschland!
Ich sah einen Deutschen, den das richtig fertig machte!
Gar nicht der generelle Anfall von extra Wartesekunden, aber die Untätigkeit und das Erkennen, dass die Gegenseite offenbar ebenfalls schon länger Rot hat und es hier immer noch einen großzügigen Sicherheitspuffer gibt, bis tatsächlich auch das letzte Fahrzeug die Baustellenstrecke verlassen hat.
Momente, in denen sich scheinbar überhaupt nichts tut!
Das ist nichts für eilige Multituer! Zeitverlust! Bei unserer Mentalität ist die Reaktion meist: puterrot anlaufen, sich aufregen und renitent werden.

Ich behaupte, eine Schweizer Baustellenampel ist eine exzellente Übung, um zur Ruhe zu kommen, um durchzuatmen. Ein einfaches Mittel Geduld zu üben oder wieder zu erlernen.
Sie werden feststellen, dass es viel entspannter läuft, wenn die innere, oft selbst erschaffene Hetze nachlässt. Wenn alles geregelt ist und sicher wie ein Uhrwerk läuft, wenn sich alle einfach daran halten und wenn sie – weil sie wissen, dass es so oder so dauert – diese Unterbrechung als willkommene (Atem-)Pause nutzen.
Das ist wie mit dem Schlangestehen der Engländer. Was haben wir uns anfangs an den Kopf gefasst! Bis wir gemerkt haben, so läuft es besser. Stressfreier.
Es dauert gar nicht wirklich länger!
So langsam lernen wir es auch, dass manchmal langsamer schneller ist.

Wir haben Stein am Rhein erreicht!

Ich hoffe, Sie haben den langen Text überstanden und es eher als Unterhaltung während der Fahrt betrachtet … Oder wie das Warten an der Baustellenampel. Das könnte Ihr erstes Training gewesen sein!

Das Schweizer Städtchen liegt auf beiden Seiten des Rheins, der gut erhaltene Altstadtkern befindet sich auf der nördlichen Rheinseite. Er zieht viele Besucher an, denn rund um den Rathausplatz (ehemals Marktplatz) gibt es zahlreiche, wunderschöne mittelalterliche Bauten. Viel Fachwerk, sehenswerte Wandmalereien, ansprechende Erker und Giebel und schmale Gassen mit Kopfsteinpflaster lassen alles sehr altertümlich und gleichzeitig enorm gemütlich wirken.
Von Stein am Rhein westwärts gesehen, erstreckt sich bis Mammern (sogar auf beiden Seiten des Rheins) das Wasser- und Zugvogelreservat Untersee und Rhein. Dort können Schell-, Reiher- und Tafelenten überwintern.

Dadurch dass so viele Gäste kommen, um die Altstadt zu erkunden, ist man bereits vor Langem dazu übergegangen, den Verkehr außen herum zu führen. Es gibt eine Transitstrecke und vor dem Stadttor einen Riesenparkplatz, auf dem vorrangig die Busse halten und Reisegruppen ausspucken, die entweder in die Stadt oder aber zum Schiffsanleger möchten, um eine Fahrt auf dem Rhein (Linie Kreuzlingen-Schaffhausen) zu unternehmen. Die Boote verkehren von April bis Oktober und sind – besonders bei schönem Wetter – eine nette Alternative, um die Landschaft und die in Ufernähe gelegenen Ortschaften diesseits und jenseits des Flusses zu erkunden. Auch viele private kleine Boote haben in Stein am Rhein ihren Platz oder legen zeitweise dort an.

Die Rheinschiffe legen auch in  Stein am Rhein an - Hier die "Schaffhausen".

Die Rheinschiffe legen auch in Stein am Rhein an – Hier die „Schaffhausen“.

Stein am Rhein (CH) - Nicht nur die Kursschiffe, auch kleine Privatboote halten hier.  Sie erinnern sich noch an den tauchenden Schwan? ^^

Stein am Rhein (CH) – Nicht nur die Kursschiffe, auch kleine Privatboote halten hier. Sie erinnern sich noch an den tauchenden Schwan? ^^

Stein am Rhein (CH) - Der Rhein führt immer noch reichlich Wasser ...

Stein am Rhein (CH) – Der Rhein führt immer noch reichlich Wasser …

Speziell am Wochenende brummt es in Stein und die Parkplätze sind schnell belegt. Dann kommen außer den Bussen auch die Motorräder (ich habe schöne Harley Davidsons gesehen) und abgesehen von schlichten Autos auch die Fahrzeuge von Menschen, die stilvoll gekleidet im Oldtimer anreisen. Und es gibt viele Fahrradtouristen, die manchmal den langen Rheinradweg erforschen oder als „Velofahrer“ einfach zu einer Tagestour Richtung Stein gestartet sind.

Stein am Rhein (CH) - Zünftig gekleidet im Oldtimer unterwegs ... ein Skoda mit tschechischem Kennzeichen

Stein am Rhein (CH) – Zünftig gekleidet im Oldtimer unterwegs … ein Skoda mit tschechischem Kennzeichen

Bei Sommerwetter zieht es zudem viele Schwimm- und Sonnenbadfreunde – auch Einheimische – in das Strandbad. In seiner unmittelbaren Nähe fährt auch diese kleine Dampfeisenbahn, auf der Passagiere aufsteigen können.

Stein am Rhein (CH) - Miniatur-Dampfzug mit Passagieren fährt in den Bahnhof ein

Stein am Rhein (CH) – Miniatur-Dampfzug mit Passagieren fährt in den Bahnhof ein

Stein am Rhein (CH) -  Dampfeisenbahn - ... ankuppeln!

Stein am Rhein (CH) – Dampfeisenbahn – … ankuppeln!

Es quillt in der Altstadt (Fußgängerzone), denn die Gassen sind eng und selbst der Rathausplatz hat nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit.

Es wird ununterbrochen heftigst fotografiert, und ich vermute, es gibt Motive, die wohl jeder knipst, die schon millionenfach festgehalten wurden! Manche Besucher haben den Ehrgeiz, eine Fassade, einen Erker oder eine Brunnenfigur ohne einen Pulk von Menschen drum herum zu erwischen. Das kann dauern, und so gibt es gar nicht so selten Fotografierstaus vor einem beliebten Motiv. Busreisende, denen die genehmigte Zeit davonläuft, müssen irgendwann entscheiden, ob sie ein Foto mit Menschen oder gar keines haben wollen.

Stein am Rhein (CH) - Altstadt  mit dem Untertor (Stadttor)

Stein am Rhein (CH) – Altstadt mit dem Untertor (Stadttor)

Stein am Rhein (CH) - Fassadenmalerei an vielen Häusern der Altstadt ...

Stein am Rhein (CH) – Fassadenmalerei an vielen Häusern der Altstadt …

Stein am Rhein (CH) - Die Häuser am Marktplatz ...

Stein am Rhein (CH) – Die Häuser am Marktplatz …

Stein am Rhein (CH) - Altstadt

Stein am Rhein (CH) – Altstadt

Stein am Rhein (CH) - Das Hotel und Restaurant (Weißer) Adler, dessen Wandmalerei aus der Renaissance stammt, rechts daneben das Bürger-Asyl

Stein am Rhein (CH) – Das Hotel und Restaurant (Weißer) Adler, dessen Wandmalerei aus der Renaissance stammt, rechts daneben das Bürger-Asyl

Stein am Rhein (CH) - Die Brunnenfigur zeigt einen alten Krieger der Eidgenossenschaft

Stein am Rhein (CH) – Die Brunnenfigur zeigt einen alten Krieger der Eidgenossenschaft

Stein am Rhein (CH) - Auch hier am Rathaus sind es außer dem Fachwerk und der Wandmalerei wieder die Details, die entzücken ...

Stein am Rhein (CH) – Auch hier am Rathaus sind es außer dem Fachwerk und der Wandmalerei wieder die Details, die entzücken …

In diesem Gebäude befindet sich das Städtische Asyl, das Bürger-Asyl, wie es auf der Fassade steht. Es handelt sich um ein Bauensemble, dass schon im 14. Jh. erwähnt wurde – damals als Klosterspital.

Stein am Rhein (CH) - Teil der Fassade des Bürger-Asyls

Stein am Rhein (CH) – Teil der Fassade des Bürger-Asyls

Im Laufe der Zeit war es Pflegeheim, Armen- und Waisenhaus und während seiner Funktion als städtisches Asyl, wurden Delinquenten dort untergebracht.

Stein am Rhein (CH) - Bürger-Asyl

Stein am Rhein (CH) – Bürger-Asyl

Stein am Rhein (CH) - Pagodenförmiges Türmchen auf dem Dach des Bürger-Asyls

Stein am Rhein (CH) – Pagodenförmiges Türmchen auf dem Dach des Bürger-Asyls

Stein am Rhein (CH) - Blick in das Gebäude des Bürger-Asyls ...

Stein am Rhein (CH) – Blick in das Gebäude des Bürger-Asyls

Im Erdgeschoss gab es ein Gefängnis für die härteren Burschen, die Bettlerstube nahm harmlosere Personen unter Arrest (Landstreicher, Bettler, Handwerksburschen ohne Geld oder Personen, die in die Ausnüchterungszelle kamen).

Stein am Rhein (CH) - Die Bettlerstube im Bürger-Asyl

Stein am Rhein (CH) – Die Bettlerstube im Bürger-Asyl

Von 1999-2002 hat man es umgestaltet und restauriert, und heute wird es als Kultur-, Verwaltungs-, Wohn- und Begegnungszentrum genutzt.

Das Haus Pelikan stammt aus dem 14. Jahrhundert, doch erst 1611 wurde der Fachwerkteil aufgestockt. Das lässt sich in Stein am Rhein bei vielen Bürgerhäusern feststellen. Damals nahmen Wohlstand und mit ihr auch die Bevölkerung stark zu – jedoch nicht die Grundfläche im Zentrum. So wurde zusätzlicher Wohnraum eben nach oben erschaffen.
Die Fassadenmalerei an diesem Haus entstand um 1900 durch den aus Zürich stammenden Künstler Christian Schmidt.

Stein am Rhein (CH) - Altstadt - Metzgerei zum Pelikan

Stein am Rhein (CH) – Altstadt – Metzgerei zum Pelikan

So etwas findet sich ebenfalls in der Altstadt …

Stein am Rhein (CH) - Außerirdische?

Stein am Rhein (CH) – Außerirdische?

Auch Schweizer Spatzen genießen einen bequemen Sitzplatz und Blumen vor dem Schnabel …

Stein am Rhein (CH) - Spatzensitzplatz ...

Stein am Rhein (CH) – Spatzensitzplatz …

Wissen Sie, dass die am Schiffsanleger gelegene Spaghetteria Wasserfels einen Rekord hält? Nun, er ist zwar schon älter – stammt aus dem Jahr 1984 – doch er schaffte es in das Guinness Buch der Rekorde!
Man hat hier 182,42 m lange Spaghetti hergestellt. Oder einen einzigen Spaghetto. Ich bin nicht sicher völlig sicher. Ich wüsste schon gern, wie man es geschafft hat und auch, wohin man ihn oder sie zum Messen legte! Selbst als schmale Brücke über den Rhein gespannt, wären die Rekordnudeln immer noch zu lang gewesen.

Stein am Rhein (CH) - Direkt am Anleger gibt es die Spaghetteria Wasserfels, die Spaghetti-Längen-Rekordhalter ist. Mit Eintrag im Guinness Buch!

Stein am Rhein (CH) – Direkt am Anleger gibt es die Spaghetteria Wasserfels, die Spaghetti-Längen-Rekordhalter ist. Mit Eintrag im Guinness Buch!

Wenn Sie die Gassen nutzen, die sich entlang der Rückfronten der Häuser befinden, stoßen Sie auf abgemagerte Dinos …

in am Rhein (CH) - Abgemagerter Dino in der Undergass ...

Stein am Rhein (CH) – Abgemagerter Dino in der Undergass …

… oder Sie entdecken schöne Holztüren!

Stein am Rhein (CH) - Eingangstür

Stein am Rhein (CH) – Stilvolle Eingangstür

Und wenn Sie am Ende des Erkundungsganges aus der Altstadt zum Berg hinaufschauen, dann haben Sie dieses Bauwerk auf dem Gipfel im Blick.

Stein am Rhein (CH) - Blick hinauf zur Burg Hohenklingen

Stein am Rhein (CH) – Blick hinauf zur Burg Hohenklingen

Dieses Gemäuer können Sie – falls Sie Lust haben – im nächsten Part, dem Teil III der Grenzhüpferei zwischen Deutschland und der Schweiz, kennenlernen. Es ist die Burg Hohenklingen – genau die mit den grünen Stufen …

Und dazu eine Burg, die im Vergleich dazu ein Floh ist, aber eine Besonderheit hat …

Bis demnächst!

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand auf WordPress

, , , , , , , , , ,

6 Kommentare

Zwischen Deutschland und der Schweiz – Grenzhüpferei Teil I – Wo denn genau? – Merkt man eigentlich, wo man ist? – Die Holzbrücke von Diessenhofen

Sie wissen es aus dem letzten Blogpost: ich war einige Tage im Hegau und der Bodenseeregion unterwegs. Genauer genommen am Rhein und einem Ausläufer des Bodensees, dem sogenannten Untersee.
Auf deutscher Seite etwa in dem Gebiet des vom Hochrhein gut 20 km entfernten Tengen über Singen am Hohentwiel in Richtung Gailingen am Rhein und von dort weiter bis Wangen (am Untersee, nicht im Allgäu).
Auf Schweizer Terrain nahe Schaffhausen startend direkt am Ufer entlang via Diessenhofen und Stein am Rhein bis Berlingen.

Mal eine Frage am Rande: Fahren Sie – wenn Sie den äußersten Süden und Südwesten der Republik ansteuern – eigentlich mit dem Auto oder der Bundesbahn quer durchs ganze Land? (Vorausgesetzt natürlich, Sie kommen wie ich aus dem Norden)
Falls Sie Ihre Termine zeitig kennen, dann sollten Sie definitiv überlegen, ob sich nicht ein Flug nach Zürich anbietet mit anschließender „Wiedereinreise“ nach Deutschland. Ich habe die Feststellung gemacht, dass es günstiger (nicht nur zeitlich, sondern auch preislich!) ist, als z. B. Bahntickets oder eine Alleinfahrt im PKW – wenn Sie frühzeitig buchen!

Flughafen Zürich

Flughafen Zürich

Flughafen Zürich - Sie werden gleich mit Glocken begrüßt (Der Sound der Alpen ...)

Flughafen Zürich – Sie werden gleich mit Glocken begrüßt (Der Sound der Alpen …)

Was man auch nicht verachten sollte, ist die Tatsache, dass die Schweizer Züge und Busse, mit denen Sie dann ab Airport weiterreisen, komfortabel (und farbenfroh) ausgestattet sind, pünktlich fahren, sehr leise sind und an Stellen vorbeikommen, an denen sich der Blick aus dem Fenster wirklich lohnt.
Und stellen Sie sich vor: Der Busfahrer heißt seine Fahrgäste bei Fahrtbeginn über Lautsprecher mit einem freundlichen Grüezi mitenand willkommen und verabschiedet Sie auch am Endhaltepunkt!

Auf der Strecke Bülach-Singen - Fliederfarbene Kopfstützen gibt es auch noch ...

Auf der Strecke Bülach-Singen – Fliederfarbene Kopfstützen gibt es auch noch …

Auf der Zugstrecke von Bülach (CH) nach Singen (D) passieren Sie Schaffhausen und bekommen den Rheinfall präsentiert.

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Auf diese Art reisend, sehen Sie auch gleich, was die Region ausmacht und warum so viele Touristen von ihr angezogen werden.
Eine idyllische, hügelige, überaus grüne Landschaft, viele Felder und Wiesen, schmale Landstraßen, überschaubarer Verkehr, vereinzelt kleine Städtchen. Ansonsten eher altertümlich anmutende, herausgeputzte Orte und Gemeinden mit fachmännisch restaurierten Fachwerkbauten, sorgfältig gepflegten Gärten und bunt bepflanzten Blumenkästen oder ebenso gestalteten Blumeninseln mitten im Dorf.
Selbst die Kreisel für den Autoverkehr sind oft kunstvoll gärtnerisch angelegt.
Und dann das Wasser!
Der Rhein und der größte See Deutschlands, der Bodensee, legen sich Ihnen zu Füßen und erfreuen das Auge!
Wo findet man das alles schon zusammen?
Bodensee. See hört sich gar nicht so groß an. In Niedersachsen gibt es das Steinhuder Meer. Von dem würde man doch die größere Fläche annehmen.
Nix da!
536 km² Maxisee gegenüber lumpigen 29,1 km² Minimeer.

Neben den üblichen Urlaubern fühlen sich besonders Radrennfahrer und Radwanderer rund um den Bodensee und weit ins Landesinnere gehend zu Hause und werden mittlerweile als Touristen gern gesehen.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die ersten Urlauber beschlossen, per Fahrrad die Gegend zu durchstreifen? Von Ort zu Ort zu radeln? Eine Nacht hier, die nächste dort?
Die Pensionswirte und Hoteliers rümpften die Nase angesichts dieser Rucksacktouristen oder vielleicht sollte man eher sagen Satteltaschenreisenden. Da war der Missmut über die kurze Verweildauer, aber noch mehr dieser leicht an der Solvenz des Touristen zweifelnde Blick, der Versuch der Risikoeinschätzung angesichts eines schlappen Rucksacks und einer Invasion von Hosenklammern. Doch inzwischen wissen wir alle aus der Werbung, dass eine VISA-Card immer noch irgendwo hinpasst und ahnen, dass manchmal der Bus mit dem sonstigen Gepäck der Herrschaften separat kommt …

Bodensee (Untersee) bei Wangen

Bodensee (Untersee) bei Wangen

Wassersportler zieht es an. Wasserski-Fahrer, Ruderer, Besitzer kleinerer Motorboote, Segler. Es werden Regatten gefahren,  und wer selbst nicht aktiv sein möchte, lässt sich mit einem der Ausflugsschiffe chauffieren. Die Kursschifffahrt bedient den gesamten See und kreuzt zwischen Deutschland, der Schweiz und Österreich munter hin und her.

Freizeitrevier Bodensee ...

Freizeitrevier Bodensee …

Bodensee-Dampfer Thurgau auf der Route Kreuzlingen-Schaffhausen ...

Bodensee-Dampfer Thurgau auf der Route Kreuzlingen-Schaffhausen …

Auf dem Untersee verkehrt die Linie von Kreuzlingen (nahe Konstanz) bis Schaffhausen. Dort ist Schluss. Sie erinnern sich an das Foto des Rheinfalls weiter oben?
Nun, würde der Dampfer nicht rechtzeitig anlegen und weiterfahren in Schaffhausen

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Rheinfall von Schaffhausen (aus dem Zug heraus gesehen)

Wie sagt man so schön? Man hörte reichlich Holterdipolter …

Soviel allgemein zur Region.
Kommen wir doch zur Frage, ob Sie merken, in welchem Land Sie sich befinden. Angenommen jemand würde Sie in einer der Ortschaften diesseits oder jenseits des Rheins aussetzen und Sie müssten herausfinden, ob Sie in Deutschland oder der Schweiz sind.
Woran würden Sie sich zur Orientierung halten?
Genau, Sie würden auf den Dialekt der Bewohner, auf Autokennzeichen, die Art der Straßenschilder, die Form der Hydranten, die Schriftzüge an den Läden etc. achten.
Sie sind ja auch plietsch!
Das geht also …
Doch nun! Die Grenze zwischen den Nachbarländern verläuft nicht immer im Rhein oder mitten im Bodensee, sondern geht auch ins Landesinnere und hat dort einige Zungen, Schlenker, Nischen und Ecken. Wenn Sie von Singen Richtung Wangen unterwegs sind und wollen schnurstracks dorthin – ohne Umwege – dann ist zwar alles auf der gleichen Rheinseite, doch Sie sind mitnichten immer in Deutschland! Nein, Sie schneiden dauernd die Grenze. Zwei Minuten auf Schweizer Gebiet, zurück nach Deutschland, um die nächsten Kurve, Wiedereinreise in die Schweiz usw. Seit nicht mehr kontrolliert wird und die Zollstationen meist unbesetzt sind, läuft das zügig ohne Unterbrechungen und Wartezeiten.

Und nun komme ich und behaupte: Setzen Sie mich in ein Auto, verbinden Sie mir die Augen, setzen Sie mir Ohrenschützer auf und fahren Sie von mir aus vorher noch ein paar Mal im Kreis. Dann starten wir Richtung Wangen und ich sage Ihnen haargenau, wann wir in Deutschland und wann in der Schweiz sind.
Nein, ich zähle keine Kurven, rechne nicht mit Sekunden o. ä.
Es ist ganz einfach:
Wenn Sie auf wunderbar glattem Asphalt fahren, sind Sie in der Schweiz. Werden Sie durchgerüttelt und fallen von einem ins nächste Schlagloch, sind Sie in Deutschland.

Lassen Sie uns heute in Teil I der Grenzhüpferei noch einen Abstecher nach Diessenhofen in der Schweiz machen. Dem Ort am Hochrhein direkt gegenüber liegt das deutsche Gailingen. Als Verbindung über den Fluss gibt es die Rheinbrücke. Die einzige Holzbrücke am Hochrhein, die vollständig erhalten und die eine der seltenen Pfahljochbrücken ist.

Rheinbrücke Diessenhofen (CH, links) - Gailingen (D, rechts) Länge 86,7 m, Breite insg. 6,1 m, gedeckte Holzkonstruktion, einspurig befahrbar

Rheinbrücke Diessenhofen (CH, links) – Gailingen (D, rechts) – Länge 86,7 m, Breite insg. 6,1 m, gedeckte Holzkonstruktion, einspurig befahrbar

Informationen zu Abmessungen, Konstruktion und Geschichte finden Sie zum einen hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinbr%C3%BCcke_Diessenhofen%E2%80%93Gailingen

…und einige Daten kurz und übersichtlich auch auf dem Foto hier:

Rheinbrücke  Diessenhofen-Gailingen - Geschichtsdaten

Rheinbrücke Diessenhofen-Gailingen – Geschichtsdaten

Ich wiederhole nicht die Daten, die Sie gerade auf dem Schild sahen, das ist ein bisschen öde. Mir kam auch eben ein anderer Gedanke …
Natürlich wird allgemein angenommen, dass die erste Brücke im 13. Jahrhundert errichtet wurde, weil Handel und (Waren-)Verkehr über den Rhein zugenommen hatten. Das ist der übliche, etwas dröge Anlass, aus dem man meistens eine feste Flussquerung ersinnt.
Ich stelle mir allerdings gern andere Gründe dafür vor. Denn – sagen Sie selbst – es hätte doch ebenso gut in einem der Nachbarorte sein können – wenn es rein um die Transportmöglichkeiten und irgendeine Rheinquerung gegangen wäre!
Nein, nein! Das hat meistens völlig andere Gründe.
Manchmal ist es ein Prestigeobjekt. Da möchte der Bürgermeister des einen Ortes sich ein persönliches Denkmal setzen. Und wenn nicht sich, dann dem phantastischen Ort. (Wir sind die Größten, Schnellsten, Reichsten, Besten!)
Gelegentlich wohnt eine einflussreiche Person am Ort und plädiert entweder machtvoll dafür oder – wenn es nicht genehm ist – vehement dagegen. (Was der sagt, wird gemacht)
Es wird auch erpresst. (Baut ihr keine Brücke, schließe ich meine Brauerei. Basta.)
Es könnte in Diessenhofen natürlich auch lediglich mehr und besonders geeignete Zimmerleute zur Errichtung eines solchen Bauwerks gegeben haben.
Oder der Forst hinter dem Dorf wurde gerade gerodet (Mensch, was machen wir mit dem ganzen Holz? Wollen wir nicht eine Brücke bauen?)
Oder aber – das ist meine persönliche Lieblingsversion – es ist das Menschliche. Urs Knäppeli aus Diessenhofen hatte eine Liebschaft mit Lina Bilger aus Gailingen und war es schlichtweg satt, bei jedem Mistwetter hinüberrudern zu müssen. Wahrscheinlich hat sie auch ständig gemäkelt, dass das feuchte, windige Wetter ihr bei der Überfahrt jedes Mal die Frisur ruiniert, ihr sowieso immer schlecht wird bei dem Seegang und sie sich im Winter ständig etwas abfriert im Boot.
Bei Eisgang sahen Sie sich gar nicht! Was wiederum ihm mächtig stank.
Die Schwierigkeiten sorgten generell mehr und mehr für Zoff. Eine Trennung drohte und Urs musste sich etwas überlegen. Er schnappte sich Reto, seines Zeichens Bürgermeister von Diessenhofen, machte ihn (der listige Hund!) mit Unmengen Selbstgebranntem gefügig, versprach ihm auch noch zwei Kühe samt Glocken, und die Entscheidung für die Brücke war durch!

Sie behalten bitte im Auge, dass es sich dabei um Vermutungen handelt, ja?

So sieht die Rheinbrücke heutzutage aus, wenn Sie etwas näher kommen:

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - recht das ehemalige Zollabfertigungsgebäude

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – rechts das ehemalige Zollabfertigungsgebäude

Gedeckte Holzbrückenkonstruktion über den Rhein bei Diessenhofen/Gailingen

Gedeckte Holzbrückenkonstruktion über den Rhein bei Diessenhofen/Gailingen

Ausblick aus einem der Brückenfenster ...

Ausblick aus einem der Brückenfenster …

(Ich denke mir immer, hier hat Urs wahrscheinlich schnell noch die Zigarette zu Ende geraucht und die Kippe in den Rhein geworfen, bevor er den Restweg zurücklegte. Oder sie hat drüben in einem der Häuser gewohnt und hat vom Dachfenster aus ein Taschentuch geschwenkt … ^^)

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - Ein Blick ins Balkengewirr ...

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – Ein Blick ins Balkengewirr …

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) - Gailingen (D) - Holztore, die heute allerdings nicht mehr verschlossen werden.

Rheinbrücke Diessenhofen (CH) – Gailingen (D) – Gut sichtbar die schweren Holztore, die heute allerdings nicht mehr verschlossen werden.

Etwas was sich hingegen wirklich zugetragen hat, ist Folgendes: Im Jahr 1944 wurde die Brücke von den Amerikanern bombardiert. Manchmal trafen die Bomber in diesen Tagen andere Ziele als geplant. Stein am Rhein  und Schaffhausen in der Schweiz litten darunter, aus Versehen getroffen worden zu sein und beklagten neben Sachschäden auch Todesopfer.
Man lag halt zu dicht an der Grenze. Da kann das halt passieren …
Im November wurden Gailingen und der deutsche Part der Brücke getroffen, aber durch die Wucht der Explosion flogen Teile (Steine und Splitter) bis nach Diessenhofen und beschädigten dort einige Häuser ganz erheblich.
Während die Amerikaner nach dem Krieg für den Schaden auf deutschem Boden aufkamen und zum Wiederaufbau der Brücke beitrugen, verweigerten sie die Zahlung für die Reparaturen in Diessenhofen. Die Begründung lautete: das ist auf Schweizer Boden, den haben wir nicht bombardiert. Dafür können wir nix. Die Bomben fielen schließlich auf deutschem Grund …
Es geht wirklich nicht gegen die Amerikaner. Es hätte jede Nation sein können, die so reagiert.
Krieg macht aus allen Wirrköpfe.

Ich glaube, wir kommen für heute zum Schluss. Wenn Sie möchten, schauen Sie sich noch einige Fotos aus dem Ort selbst an.

Diessenhofen (CH) - Siegelturm - 1545 erbaut v. Martin Heunsler - Zeitglockenturm und  Aufbewahrung von Urkunden und Siegeln

Diessenhofen (CH) – Siegelturm – 1545 erbaut v. Martin Heunsler – Zeitglockenturm und Aufbewahrung von Urkunden und Siegeln

Diessenhofen (CH)

Diessenhofen (CH)

Diessenhofen (CH) - Bronze IKARUS (Ikariden-Paar) von Ursula Fehr - Im Hintergrund das Rathaus

Diessenhofen (CH) – Bronze IKARUS (Ikariden-Paar) von Ursula Fehr – Im Hintergrund das Rathaus

Diessenhofen (CH) - Es ist alles gesagt ... Schäbig aber schigg - das andere Lädeli

Diessenhofen (CH) – Es ist alles gesagt … Schäbig aber schigg – das andere Lädeli

Wenn Sie einmal auf der Suche nach Schwalben sind – gehen Sie nach Diessenhofen. Da schwirrt es nur so über Ihren Köpfen. Überall unter den Dachüberständen sind Nester und zum Schutz der Vögel und auch der Fenster darunter, werden unterhalb Holzbretter quer  montiert. So können die brütenden Schwalben besser anfliegen und landen, die Jungen hingegen können nicht tief fallen und der Vogelkot trifft nicht gleich die Scheiben.

Diessenhofen (CH) - Überall Schwalbennester unter den Dachüberständen ...

Diessenhofen (CH) – Überall Schwalbennester unter den Dachüberständen …

Diessenhofen (CH) - Es gibt in der Schweiz richtig ausgefallene Wasserspeier - Und schauen Sie einmal nach rechts: eine Schwalbe ist mit auf das Bild gekommen.

Diessenhofen (CH) – Es gibt in der Schweiz richtig ausgefallene Wasserspeier – Und schauen Sie einmal nach rechts: eine Schwalbe ist mit auf das Bild gekommen.

Diessenhofen (CH) - Hänkisturm direkt am Rhein  -  Ehemalige Geschützstellung und Armbrusterturm. Bis 1800 auch Gefängnis. 1828-1880 Sitz einer Stofffärberei.

Diessenhofen (CH) – Hänkisturm direkt am Rhein – Ehemalige Geschützstellung und Armbrusterturm. Bis 1800 auch Gefängnis. 1828-1880 Sitz einer Stofffärberei.

... Zunft zum Grimmen Löwen

… Zunft zum Grimmen Löwen

Es geht demnächst weiter mit der Grenzhüpferei, Teil II. Dort sehen Sie die Altstadt von Stein am Rhein und ein wenig von der Burg Hohenklingen, die sich über diesem Plätzchen auf einem Berg erhebt.
Wissen Sie, wer in Stein am Rhein einen Spaghetti-Längenrekord aufgestellt hat?
Nicht?
Tja, dann sollten Sie wieder hereinschauen beim nächsten Mal.

Bis dahin viele Grüße und ein schönes Wochenende!

©Juli 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

, , , , , , , , , ,

7 Kommentare

Herz & Verstand

Ein Gemeinschaftsprojekt aus dem Blog für den Blog - ein Mitmach-Projekt

Meine Art

Meine Werke, sowie die Ausstellungen an denen ich Teilnehme sind in diesen Blog zu sehen.

Gesellschaft, Politik, Schule, Reisen und mehr

ideas, thoughts, innovations, visions, fears ....

törichtes Weib --- das Leben geht weiter

PRIVATES Tagebuch /// Geschriebenes & Geknipseltes & mehr... so ein 365 Tage Dings von Follygirl

%d Bloggern gefällt das: