Beiträge getaggt mit Andenkondor Eifel

Von einem, der nicht fliegen will und einer, die ungefragt malt …

Ich konnte mich heute nicht beherrschen und habe auf Autoscheiben Bildchen gemalt. Ich sag’s Ihnen, der allererste richtige Schnee bei uns in diesem Winter macht was mit einem. Feinstes Zeug fieselte beständig vom Himmel und bildete perfekte Leinwände fürs Zeichnen mit den Fingern.

Schon im Begriff an einem Fahrzeug ein Herz auf dem Fenster der Beifahrerseite zu hinterlassen, kamen mir Dramen in den Sinn, die sich bei der Rückkehr abspielen könnten. Falls es sich um ein Pärchen handelte und einer der beiden misstrauisch-eifersüchtiger Natur wäre. Hinter einem Herz weiß Gott was vermutete …
Vielleicht hätte es das Ganze relativiert, wenn ich mehr als nur ein Auto mit Herzen verziert hätte. Ich habe mich letztendlich jedoch für lachende Schneemänner, schwankende Tannen, Sternschnuppen, stehende Hasen mit Möhre und springende Igel entschieden. Dass es an mehreren, in langer Reihe parkenden Autos geschah, lässt sich nur mit der endlosen Wartezeit vor der geschlossenen Bahnschranke entschuldigen.
Ehrlicherweise muss ich hinzufügen, ich bin dieser Schneemalsucht schon seit frühester Jugend verfallen. Einmal, da war ich allerdings schon erwachsen, hat sich unser Postbote hinterhältig von hinten angeschlichen und plötzlich laut: „Hab‘ ich Sie erwischt!“ gerufen. Er amüsierte sich natürlich köstlich über mein Zusammenzucken – hat mich aber nicht verpfiffen!

Was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte, ursprünglich, ist etwas komplett anderes. Nur auch dies hier passt zu einer Erkenntnis, zu der ich gerade gelangte: Es ist momentan einfach entspannend, Assoziationen zuzulassen, alte Erinnerungen hervorzukramen und Minizeitreisen zu unternehmen.
Durch die persönlichen Einschränkungen, die die Coronazeit erfordert, sieht es mit Unternehmungen, positiv stimmenden Vorkommnissen und Erlebnissen aufbauender Art etwas mager aus. Nun wird häufig und mit Nachdruck gemahnt, unbedingt in der Gegenwart zu leben. Bloß nicht zu sehr mit der Zukunft und ganz speziell nicht mit der Vergangenheit (pfui, bäh) herumzutechtelmechteln.
Ich sehe allerdings einen großen Unterschied, ob man sich permanent im Spagat befindet oder sich einfach die Fähigkeit erhält, hüpfen zu können. Während der Spagat eine Extremhaltung darstellt – bildlich gesehen ist ein Bein in der Vergangenheit, das andere in der Zukunft, die Gegenwart wird kaum touchiert – gestattet mir das flexible Hüpfen ein Switchen, aber ebenso eine kurzzeitige Verbindung zwischen Altem und Neuem. Hüpfer lassen sich besser einer imaginären Entfernung anpassen und erlauben schnelle Richtungswechsel. Sie sind sehr viel flexibler als dauergestreckte, überdehnte Beine, bei denen es zweifelhaft bleibt, ob man sie je wieder unbeschadet zusammenbekommt.

Ich finde es einfach schön, wenn ein Moment-Hüpfer zum früheren Postboten ein lebendiges Gefühl zurückholt, ein Wiederaufgreifen des alten „Lasters“ Schneemalerei einen wohltuenden Effekt auf die Stimmung beschert. Und falls Sie jetzt nicht beschließen, ach, das reicht mir schon für heute, erzähle ich Ihnen noch von einer anderen Begebenheit. Einer recht kuriosen Sache …

Kürzlich rief ein Bekannter meines Mannes an. Wie gerade das folgende Gespräch entstand, weiß keiner, Anlass des Anrufes und Ursprungsthema waren meilenweit davon entfernt, doch plötzlich ging es um Schneefall, Ski fahren, führte irgendwann Richtung Eifel und nach einer weiteren kleinen Wendung erzählte der Bekannte, was er dort beim Besuch einer Greifvogelstation erlebte.
Sie befindet sich am südöstlichen Rand des Naturparks Eifel nahe des Ortes Hellenthal und der Oleftalsperre. Eifel verrät Ihnen schon, es ist hügelig in der Gegend. Ich war selbst noch nicht dort, doch so wie der Bekannte berichtete, befindet sich der Standort der Station in höherer Lage am Berg, während der Ort – wie es der Name verrät – im Tal liegt. 
In dieser Station lebt ein Andenkondor. Manche nennen diese Vogelart auch Andengeier, weil sie zu den Neuweltgeiern gehört. Große, schwarze Vögel mit enormer Flügelspannweite! Bis zu 15 kg schwer! Weiße Halskrause, darüber schaut ein kahler, rotbrauner Kopf hervor. Sie haben bestimmt schon Fotos von ihnen gesehen.
Der Kondor lebt dort seitdem er zweieinhalb Monate alt ist, ist mittlerweile über 15 Jahre alt (so genau konnte sich unser Anrufer nicht erinnern) und wurde von Hand aufgezogen. Das hat zum einen zur Folge, dass er überaus anhänglich ist, zum anderen aber auch, dass er absolut keine Lust auf Ausflüge hat. Fliegen lehnt er rundweg ab! Was hat man nicht schon alles versucht, ihn dazu zu bewegen! Es wurde ihm der Mauersims der Oleftalsperre als Absprungort schmackhaft gemacht, man kletterte mit ihm auf einen Turm, es gab sogar das Angebot, von einem Heißluftballon aus zu starten! Aber nein, der Geier wollte lieber weiter zu Fuß gehen.
                                                                                                

Heißluftballon in Regenbogenfarben (quergestreift), am Himmel von der Abendsonne angestrahlt


Als er geschlechtsreif wurde, kümmerte man sich um Gesellschaft für ihn. Nach längerer, intensiver Suche siedelte eine unternehmungsfreudige Kondordame aus Frankreich zu ihm über. Als Partnerin, aber auch in der Hoffnung dazugesellt, dass sie bei ihm die Lust aufs Fliegen endlich wecken könnte.
Über den Erfolg wusste der Bekannte leider nichts Genaues zu sagen, allerdings hat er etwas anderes direkt miterlebt.
Der Geier startet mittlerweile wohl gelegentlich bei gutem Wetter von der Station aus, nutzt die Thermik und segelt ein paar Runden über dem Tal. Er landet dann an einer bestimmten Stellen an einer Straße, die Ort und Station verbindet. Grund ist die dortige Würstchenbude, in deren Nähe er sich demonstrativ niederlässt. Inzwischen hat er spitz gekriegt, dass er etwas Essbares abstauben kann. Lassen Sie sich nicht weismachen, dass Geier nur Aasfresser im Sinne von in der Landschaft herumliegenden oder ihnen sonstwie dargebrachten Rohkadavern seien! Der Andenkondor aus der Eifel zumindest mag definitiv Bratwurst.

Und jetzt dürfen Sie raten, was danach passiert. Richtig. Er bleibt sitzen. Es kann ihn nichts, aber auch gar nichts dazu bewegen, selbst wieder den Berg hinaufzufliegen. Folglich kommt jemand von der Station mit einem Wagen von oben herunter und holt den Ausflügler heim. Entweder, wenn er oben vermisst wird, ansonsten, sobald jemand von unten anruft, dass der Geier wieder auf den Bus wartet.

Ich musste lachen, als ich von dem eigensinnigen Vogel erfuhr. Gleichzeitig ließ die Erwähnung des Heißluftballons eine andere Erinnerung aufblitzen.
2003 bin ich in einem Ballon über Hamburg gefahren. Es ging von der Stadt aus in südöstlicher Richtung über die Norderelbe (Richtung Bergedorf und Vierlande). Ein spannendes Erlebnis, besonders als ein Wassersportflugzeug relativ nah an uns herankam.

Luftaufnahme 2003 Hamburg - Über der Norderelbe, Blick flussabwärts. Rechts Hafen mit Landungsbrücken, links Musical-Zelt (gelb) "König der Löwen". 
Bild wurde vom Heißluftballon aufgenommen, ein Wassersportflugzeug fliegt nahe vorbei

Blick auf die Norderelbe (flussabwärts) 2003 – Der Hamburger Hafen, etwa mittig die Landungsbrücken, links (gelb) das Musical-Theater „König der Löwen“. Rechts unten beginnt die HafenCity, der Stadtteil, dessen Bau erst später startete.

Es lässt sich nicht verhindern, ich stelle mir gerade vor, der Andenkondor wäre mit an Bord unseres Ballons gewesen. Ich persönlich hätte den Geier mit Sicherheit über dem Hafen vorsichtig und unter gutem Zureden vom Korbrand geschubst. Er hätte im Flug mit seiner sagenhaften Spannweite von fast drei Metern garantiert viele Blicke auf sich gezogen, wäre ein paarmal um den bis dahin nur existierenden Unterbau (Kaispeicher) der späteren Elbphilharmonie gekreist, hätte auf diesen Runden jedoch vermutlich ziemlich schnell an den Landungsbrücken die Fischbrötchenbuden entdeckt. Und man ahnt, wie es ausgegangen wäre:
Abruptes Ende des Segelfluges, zielsichere Landung, um Fischbrötchen zu ergattern und daran anschließend gelangweiltes Warten, auf einem Poller sitzend. Bis endlich die Abholung eintrifft …



©by Michèle Legrand, Januar 2021

Michèle Legrand 
Autorin





 

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