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Alter Schwede! – Der Findling im neuen Gewand …

Es ging vor einigen Tagen durch sämtliche Medien. Sie haben es sicher auf irgendeinem Kanal mitbekommen. Der „Alte Schwede“, ein beeindruckend großer Findling, zeigte sich urplötzlich im neuen Gewand!
In Hamburg hatten Unbekannte in der Nacht zum 2. Januar 2019 den Stein mit einer Art Goldbronze überzogen. So mutierte der ursprünglich graue Riese am Elbstrand bei Övelgönne zum Goldnugget, das es schaffte, in-
nerhalb kürzester Zeit zu einem Motivhit in den sozialen Netzwerken zu werden, wo Fotos seiner wundersamen Wandlung wieder und wieder verbreitet wurden.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - Andrang beim "Alten Schweden" im Goldgewand - Blick vom Strand aus flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Andrang beim „Alten Schweden“ im Goldgewand

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Mal lag der Fokus auf dem Stein, noch häufiger allerdings fungierte dieser als Selfie-Hotspot. In diesen Tagen des Goldrausches war der neue Look des Schweden als Hintergrund wohl noch begehrter als die sonst so angesagte Silhouette der Elbphilharmonie.

Vielleicht haben Sie auch gehört, dass aufgrund der Begeisterung über das Gold in kürzester Zeit die ersten Online-Petitionen auftauchten, die bewirken sollen, dass keine große Säuberungsaktion stattfindet, sondern
der neue Goldschatz bleibt, wie er ist.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

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Wenn Sie allein die aktuellen Fotos betrachten, d. h. nur das jetzt Offensichtliche, das Optische, für eine Ent-
scheidung heranziehen, könnten Sie aus dem Bauch heraus zu dem Überzug sagen: „Sieht toll aus, soll so bleiben.“ Und vielleicht sagen siebentausend Kommentatoren bei Facebook oder Twitter das ebenfalls. Ein unisono erklingendes „Ja!“
Sie kennen das Phänomen Herdentrieb, nur liegt der Leithammel mit seiner Ansicht nicht unbedingt automatisch richtig. Ich behaupte nicht, er hätte unrecht, aber ist es angemessen sich festzulegen oder gar etwas zu fordern, ohne sich überhaupt vorher näher mit dem Thema befasst zu haben?

Seinen Sie unbesorgt, ich werde nicht mit dem erhobenen Zeigefinger  herumfuchteln, doch eine Meinung zu etwas kann man sich – dies ist meine ureigene Auffassung – nicht ohne Hintergrundwissen bilden. Alles andere ist bestenfalls ein Schnellschuss nach Teilbetrachtung, meist aber blindes Nachreden ohne Ahnung.
Informationen sind – gerade vor Entscheidungen – nicht nur zweckdienlich, es geht einfach nicht ohne! Wie wollen Sie sonst Argumente sammeln, prüfen und bewerten? Verstehen Sie mich richtig: Es geht nicht darum, WIE die Entscheidung im Endeffekt ausfällt. Es geht darum, wie man zu einer Entscheidung gelangt!

Hätten Sie Lust, den „Alten Schweden“ etwas näher kennenzulernen? Wo kommt er her, was macht ihn aus? Wo trieb er sich herum, warum liegt er am Elbstrand …
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Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend ... (Zwei Hunde neben dem Alten Schweden)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – Auch sie finden den Ausflug zum Goldstein spannend …

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Lernen Sie den „Alten Schweden“ kennen

In diesem Herbst jährt sich der Jahrestag seiner Entdeckung zum zwanzigsten Mal. Im Herbst 1999 befand sich die „Titan“ zu Ausbaggerungsarbeiten auf der Elbe. Zwischen dem 15. und dem 17. September arbeitete sie am nördlichen Elbufer nahe Övelgönne. Ziel der Aktion: eine Elbvertiefung.
Sie wissen, dass die Elbe bei Hamburg zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur drei bis vier Meter tief war? Seit
der gerade erwähnten Elbvertiefung, die in den Jahren 1991-1999 stattfand, liegt die Sohle der Fahrrinne mindestens 14,9 Meter unter SKN (Seekartennull). Die seit Jahren geplante, zweitweise gerichtlich untersagte, zwischendurch unter Auflagen erlaubte, planungsmäßig nachgebesserte, neu diskutierte und äußerst um-
strittene, mehrmals herausgeschobene,  erneut angepeilte … usw. Vertiefung sieht eine neue Fahrrinnentiefe von 15,9 bis 17,1 m vor. Doch zurück zur „Titan“.

Die Spezialfirma ist an diesen Tagen mit ihrem Eimerkettenbagger im Einsatz, dessen 65 Schaufeln unermüdlich Schlick und Schlamm aus der Tiefe holen.
Nur plötzlich, man buddelt an der seinerzeitigen Flusssohle in einer Tiefe von 13,5 Metern, rumst es mächtig. Die Eimer stoßen auf Widerstand, der sich nicht aus dem Weg räumen lässt. Schluss mit Baggern und Prüfung der Situation.
Eine Bombe aus dem II. Weltkrieg scheidet als Möglichkeit aus, die hätte der Bagger in seinen großen Schaufeln mit nach oben befördert. Ein Wrack, Reste eines uralten Kutters? Auch dies scheint immer unwahrscheinlicher. Die Vermutung geht bald dahin, dass man es mit einem außergewöhnlich großen Felsbrocken zu tun haben müsste.
Was tun? Muss man überhaupt was tun?

Ein Laie denkt vielleicht spontan, war nicht eben von Ufernähe die Rede? Spielt ein widerspenstiger Hubbel am Elbgrund da überhaupt eine große Rolle? Die Fahrrinne ist doch schließlich mehr in der Flussmitte …
Doch der Brocken hatte sich einen denkbar ungünstigen Liegeplatz ausgesucht. Er befand sich genau im Drehkreis zwischen Parkhafen und Övelgönne. Zum Parkhafen führt ein Elbabzweiger schräg gegenüber von Övelgönne. Genau hier drehen viele Schiffe, die via Parkhafen Richtung Waltershof zu den Container-Terminals fahren wollen. Sie brauchen für ihre Abbiegemanöver Platz. So wie der Containerfrachter, den Sie auf dem folgenden Bild sehen.
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Hamburg - Elbstrand mit "Altem Schweden" bei Övelgönne - CMA CGM Bougainville dreht

Hamburg – Elbstrand mit „Altem Schweden“ bei Övelgönne – Containerfrachter CMA CGM Bougainville dreht auf der Elbe zur Einfahrt in den Parkhafen

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Die Containerschiffe des französischen Schifffahrts- und Logistikunternehmens CMA CGM gehören zu den größten der Welt! Die CMA CGM Mumbai auf dem Foto weiter unten fährt unter der Flagge von Hong Kong und ist ganz neu (Bj. 2018). Fast 336 m lang und gut 48 m breit …
Die drehende CMA CGM Bougainville auf dem Foto oben ist unter franz. Flagge unterwegs. Sie ist noch größer: 398 m lang und 54 m breit

Parkhafen nennt sich übrigens nur das erste Stück der Elbabzweigung. Gleich hinter dem Leuchtturm Waltershof geht es rechts ab zum Petroleumhafen. Direkt an dieser Abbiegung befinden sich die Containerbrücken am Bubendey-Ufer.
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Hambug - Elbe - Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)

Hambug – Elbe – Einfahrt zum Parkhafen (rechts Bubendeyufer)


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Fahren die Frachter hingegen weiter geradeaus, gelangen sie in den Waltershofer Hafen mit seinem großen HHLA Container Terminal Burchardkai und gegenüber dem Eurogate Container Terminal.

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Hamburg - Elbe - Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

Hamburg – Elbe – Containerfrachter CMA CGM Mumbai läuft in Hamburg ein

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Was immer am Grund der Elbe Widerstand leistete, es musste herausgeholt werden. Nun waren vor weiteren Planungen zunächst Taucher nötig, die die Lage vor Ort erkunden mussten.
Das Tauchschiff „Düker to“ erschien vor Övelgönne. Ein Taucher in Spezialausrüstung startete seinen ersten Sondierungstauchgang bei Niedrigwasser. Viel sehen konnte er auch mit Lampe nicht, also fühlte er die Form ab. Da er einen Spalt auszumachen glaubte (nur mit Mergel gefüllt), stand kurz die Frage im Raum, ob es evtl. zwei nebeneinander liegende Riesensteine sein könnten.
Am nächsten Tag stand jedoch fest, es ging um einen Findling, dessen Gewicht auf 200 bis 300 Tonnen geschätzt wurde. Und das Bemerkenswerteste an der ganzen Sache war, er war uralt! Ein geologischer Sensationsfund, der sage und schreibe 1,8 Milliarden Jahre auf dem Buckel hat und während der Elster-Eiszeit (auch: Elster-Kaltzeit bzw. Elster-Glacial) vor 400.000 bis 320.000 Jahren als Gletschertransport zu uns kam.

Bis er exakt vermessen werden konnte, verging noch etwas Zeit, denn zuerst musste er geborgen werden. Was im ersten Anlauf erst einmal schiefging. Der Schwimmkran „Taklift 4“ hatte ihn bereits mit dicken Stahlseilen aufgenommen, doch der Findling rutschte heraus und landete wieder im Fluss. Was bei einem Stein dieses Ausmaßes nicht nur ein bisschen platscht oder ploppt, sondern reichlich Wellengang und Spritzer verursacht. Denken Sie nur an die berühmten A…bomben im Schwimmbad. Und die sind wirklich nichts dagegen!

Der nächste Versuch, der fünf Tage später erfolgte, glückte. Am 18. Oktober 1999 wurde der Koloss genau um 17.14 Uhr am Strand abgesetzt. Dort wo er heute steht, egal, was zwischendurch für Pläne und Ideen hinsichtlich anderer Standorte aufkamen.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" - Der Goldschwede im Gegenlicht (Blick Richtung Wasser)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ – Der Goldschwede im Gegenlicht

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An Land ließen sich genauere Untersuchungen vornehmen. Die Vermessung ergab eine Höhe von 4,5 m, einen Umfang von ca. 20 m, sein Gewicht beläuft sich auf 217 Tonnen. (Als Gewichtsvergleich können Sie sich sechs große, vierachsige LKW vorstellen.)

Geologen entdeckten Schrammen und Furchen im Stein. Speziell recht markante, parallel zueinander ver-
laufende Schrammen auf dessen Nordseite, was sie als Bestätigung dafür sahen, dass andere Gesteins-
brocken direkt an seiner Oberfläche vorbeirutschten.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" (gold) - Aus der Nähe ...

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ (gold) – Aus der Nähe …

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Nach weiteren Prüfungen des Mineralbestands des Findlings, kam man zu dem Schluss, dass es sich bei dem Findling um einen schwedischen Burschen handelt, der per Gletschermitreisegelegenheit durch die Ostseesenke von Südschweden bis zu uns eine recht beachtliche Strecke zurückgelegt hat.
Die Gesteinsanalyse ergab, dass es sich um den Grauen VäxjöGranit (Granodiorit) handelt, eine Granitart, die in Schweden in der Region Ost-Småland vorkommt.

Stellen Sie sich gedanklich die Küste Südschwedens vor, peilen zwischen Kristianstad und Karlskrona etwa die Mitte an (Karlshamn) und streben von dort noch 100 km senkrecht nach Norden. Dort liegt Småland. Zwischen dem Ausgangspunkt der Findlingsreise und Hamburg liegen insgesamt gut 500 km Strecke! Wie lange es wohl gedauert hat, bis der Findling die Elbe erreichte?
Ich las in einem Bericht, dass man davon ausginge, der Stein hätte seit etwa 100.000 Jahren an seinem Platz auf dem Grund der Elbe gelegen. Eine Angabe, die ich mir gerade gar nicht vorstellen kann, denn zwischen der Elster-Kaltzeit und dieser Zeitangabe liegen 220.000-300.000 Jahre. Es hieße, der Findling wäre erst über 200.000 Jahre nach Ende der genannten Eiszeit an der Elbe eingetroffen. Wie soll das denn passiert sein, wenn die Gletscher schon längst abgeschmolzen waren und gar nicht mehr als Transportmittel fungierten?
Aber vielleicht unterliege ich einem gedanklichen Irrtum oder lasse irgendeine andere nötige Information dazu außer acht. Eventuell hat ja eine später stattgefundene Kaltzeit (Saale-Komplex) eine Rolle gespielt.

Der Einwanderer wurde am 6. Juni 2000 getauft. Nach einer Umfrage und nach Eingang zahlreicher Namensvorschläge entschied man sich für den mehrdeutigen Begriff „Alter Schwede“.
Kaum war er an Land, ging es auch schon los mit den Schmierereien. Schriftzüge, Kleckse. Graffiti der unattraktiven Art.
Sollte man ihn umplatzieren? Dort, wo man ihn besser im Blick (unter Kontrolle) hatte? Ole von Beust lieb-
äugelte mit Planten und Blomen, aus anderer Ecke kam der Vorschlag Spielbudenplatz (Reeperbahn) auf,
und der damalige Tourismuschef Dietrich von Albedyll hätte ihn gern am Museumshafen Övelgönne gesehen. Ein Landwirt und Künstler aus Büchen schlug vor, den Stein auf Betonstelzen stellen.
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Hamburg - Elbe - Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

Hamburg – Elbe – Blick elbaufwärts zum Museumshafen Övelgönne mit ehem. Union-Kühlhaus (heute Augustinum)

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Hamburg - Neumühlen - Museumshafen Oevelgönne e. V. - Im Vordergrund ankernde Segler (Holzboote

Hamburg – Neumühlen – Museumshafen Oevelgönne e. V.

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Nichts von alledem wurde in die Tat umgesetzt, doch etwas anderes passierte: Man deklarierte den Stein als „Naturdenkmal“ und verband damit die Hoffnung, auf diese Art weiteren Verschandelungen vorzubeugen. Ein Naturdenkmal darf nicht beschädigt, zerstört oder verändert werden. (Noch nicht einmal beklettert.) Ansonsten drohen Geldbuße und Freiheitsentzug. Der neue Status sollte für Abschreckung sorgen – was natürlich nicht immer klappte.
Um wenigstens das Eindringen von Farbe bis in die Poren zukünftig zu verhindern, bekam der Stein eine Spezialversiegelung. Graffiti können nun wesentlich einfacher entfernt werden. Sie sitzen lediglich auf der geschützten Granitoberfläche und lassen sich abwaschen.

Und das bringt uns zurück in die heutige Zeit.
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold - Blick von Landseite aufs Wasser und flussabwärts

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold – Blick flussabwärts

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Die Goldfarbe oder -bronze, die Anfang Januar verwendet wurde, hält auf der Versiegelung natürlich auch nicht dauerhaft. Schon nach zwei, drei Tagen blickte an vielen Stellen das Grau des Granits wieder durch, und wer über den Goldbezug wischte, glänzte hinterher selbst.

Während  sich nach Bekanntwerden der Nacht-und-Nebel-Aktion „Goldschwede“ alles in heller Aufregung befand und die zuständige HPA (Hamburg Port Authority) schon von Säuberungskosten im fünfstelligen Bereich und einer Strafanzeige sprach, scheint es mittlerweile so, dass sich die Angelegenheit – würde man nur lang genug warten – von ganz alleine regelt.
Andererseits ist man auf Behördenseite über Vandalismus und eigenmächtige Aktionen an Naturdenkmälern natürlich alles andere als begeistert und möchte so etwas auch nicht ungestraft durchgehen lassen.

Hier erleben wir nun den seltenen Fall, dass Vandalismus ein recht ansprechendes Objekt hervorgebracht hat und dass den unbekannten Tätern wohl auch sehr bewusst war, dass das Resultat ihrer unerbetenen Ver-
schönerungsaktion nur eine kurze Überlebensdauer haben würde.

Was denken Sie, wie die Sache ausgeht? Bis zum 8. Januar hätte ich gesagt, der Findling wird wieder grau,
und es legt sich ganz allmählich ein Mantel des Schweigens über das Ganze. Die Petitionen zum Erhalt des Goldgewands werden wirkungslos bleiben, der Enthusiasmus abebben und in ein paar Wochen werden nur noch gelegentlich Gespräche beim Kaffee so verlaufen: „Weißt du noch, als der Alte Schwede plötzlich gold war …?“
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Hamburg - Elbstrand bei Övelgönne - "Alter Schwede" in Gold (Blick Richtung Land)

Hamburg – Elbstrand bei Övelgönne – „Alter Schwede“ in Gold

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Am 9. Januar lese ich allerdings im Hamburger Abendblatt, die Hafenbehörde (HPA) sei plötzlich offen für den Vorschlag, dass der Findling neu vergoldet wird. Dauerhaft lackiert! Es läge alles nur an der Politik. Wenn es eine politische Entscheidung dafür gäbe, ja, dann würde man sich darum kümmern …

Was vom Ablauf her gar nicht anders geht. Die HPA muss sich an die Vorschriften für Naturdenkmäler halten. Aber sie hat es gleichzeitig recht gut. Obwohl grundsätzlich zuständig, wenn es um dieses Denkmal geht, ist sie nicht mehr der Buhmann, der eine Vergoldung kategorisch ablehnt und sich echauffiert, sondern sie gibt den Schwarzen Peter lässig weiter. Es bleibt spannend …

Liebe Leser, Sie sind nun im Besitz von Informationen über den Einwandererstein. Kennen die Bewandtnis, die es damit hat, wissen um sein sagenhaftes Alter, ermessen die Besonderheit des Granits, haben eine Vorstellung von dem langen Weg, den er auf ungewöhnliche Art zurücklegte. Alter Schwede – ein einmaliger Zeitzeuge.

Die Frage ist:
Ist er das mehr in seiner natürlichen Form? Nicht so prunkvoll, aber mit allen Zeichen dessen, was vor vielen Jahrtausenden stattfand bzw. auf seiner Reise passierte.
Oder ist er das (ebenso) als Traum in Gold? Als in der Sonne leuchtender Schatz am Elbstrand. Außen schön – das andere weiß man, sieht es aber nicht mehr so genau.

Die Entscheidung ist nicht ganz leicht. Was mir dabei durch den Kopf schießt: Wenn es lediglich um einen goldenen Eyecatcher am Strand geht, wäre es dann nicht ebenso gut möglich, ein anderes Objekt dafür auszuerwählen? Es müsste nicht notwendigerweise ein 1,8 Mrd. Jahre alter Granitbrocken mit einmaliger Geschichte zugekleistert werden …

Was hielten Sie zum Beispiel davon, eine neue Form (Hohlform, Guss, Betonkörper o. a.) zu erschaffen. Ich denke an etwas Nasenähnliches. Auffällig groß natürlich, wie es auch beim Alten Schweden der Fall ist. Das Ganze wird mit Gold überzogen und unterhalb von Süllberg und Treppenviertel am Elbstrand platziert. Der Name der auf Hochglanz polierten Attraktion: „Blanke Neese“.
Und mit einem Schlag hätten wir nicht nur ein Wahrzeichen für das noble Viertel* nebendran, sondern gleich zwei Anziehungspunkte als Beginn und Ende einer „Goldroute“ entlang des Elbstrands von Övelgönne nach Blankenese.

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*Blankenese (Stadtteil Hamburgs), Neese hamburgisch für Nase

Quellen bzw. weiterführende Berichte:
Hamburger Abendblatt – Druckausgaben
3.1.2019 – Alter Schwede glänzt jetzt in Gold (Edgar S. Hasse und Jonas Backhaus)
4.1.2019 – Bleibt der Alte Schweden golden? (Peter Ulrich Meyer und Matthias Popien
9.1.2019 – Wird der „Schwede“ neu vergoldet? (Louisa Rascher)

Hamburger Abendblatt, Geschichtswerkstatt (Jan Haarmeyer), 16.09.2009 –
„Alter Schwede“ – Der Koloss aus der Kälte (Bericht zehn Jahre nach seiner Entdeckung)
(Zugang zum Artikel möglicherweise kostenpflichtig. Hier lohnt der Versuch, den Titel so als Suchbegriff einzugeben, ohne Linknutzung!)

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©by Michèle Legrand, Januar 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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48 Kommentare

90 Jahre später …

Heute geht es um Kacheln. Sie kamen mir vor zwei Stunden über einen kleinen gedanklichen Umweg in den Sinn. Erwähnenswerte Kacheln und Fliesen. Und sonderbare Umstände. Das ganze Drumherum ist jedenfalls bemerkenswert.
Erstaunlich finde ich auch, wie so ein gedanklicher Umweg einen gelegentlich ganz schön weit außen herum leitet, bevor er urplötzlich das Ziel anzeigt. Ehe jedenfalls das Blinkzeichen „Kacheln!“ im Kopf auftauchte, floh ich vorhin zunächst vor sintflutartigen Regengüssen. Sonst säße ich jetzt gar nicht seelenruhig am Laptop, sondern würde weiter den sich entwickelnden Gartendschungel bändigen.
Was hier zwischendurch immer wieder in allerkürzester Zeit an Wassermassen herunterrauscht, ist schier unglaublich! Alles wächst, doch ganz gleich ob eher hoch oder niedrig, ob Baum, Strauch oder Staude –
Zweige und vor allem frische Triebe werden von diesen Niederschlägen komplett zu Boden gedrückt. Sind platt angesichts des Gewichts, das auf ihnen lastet. Man glaubt kaum, dass sich zarte Pflänzchen und Blüten davon erholen. Blumenstängel überhaupt noch einmal aufrichten! Doch erstaunlicherweise ist oft genau das der Fall. Hartgesotten, diese Blumen.

Blumen! Das Stichwort! Der Gedankenauslöser in der Kachelsache! Warum?
Blumen Petzoldt! Sie werden das gleich verstehen …

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt (Ansicht von außen)

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt

Nur einmal angenommen, Ihre (Ur-)Großeltern Lene und Paul wären im Jahr 1926 per Zug nach Hamburg gereist, um dort an der Hochzeit der Patentante Ihrer Oma teilzunehmen. Nach der Ankunft hätten Sie vermutlich beim Verlassen des Hauptbahnhofs schnell noch am Ausgang die gute Gelegenheit genutzt, einen aparten Gratulationsstrauß bei Blumen Petzoldt zu erstehen, denn ein direkt von daheim mitgebrachtes Blumengebinde hätte die lange Fahrt ohne Wasserversorgung mit Sicherheit nicht überstanden.
Wahrscheinlich entschieden sie sich für zart duftende Rosen mit Schleierkraut.
So wie sie sich daran später hätten erinnern können, so hätten Ihre Großeltern garantiert in einer Ecke ihres Gedächtnisses auch die Ladeneinrichtung abgespeichert, weil ihnen die Fliesen- und Kachelkombination auffiel, das gesamte Interieur sehr heimelig und besonders wirkte und daher spontan ihr Gefallen fand.
Besonders die Wand- und Deckendekoration. Diese ins Türkis gehenden, farblich changierenden, an vielen Stellen eher grünlich schimmernden, quadratischen Wandkacheln. Nicht versetzt gefliest, sondern gerade,
die Fugen exakt über- und nebeneinander angepasst. Immer wieder kleine Kachelkunstwerke mit expressio-
nistischen Ornamenten, mit einem etwas abgesetzten, farblich passenden Zierfries mit einer Art Zackenmuster als oberen Abschluss. Die türkisfarbenen Fliesen kommen auch für die Gestaltung der Einrichtung selbst zur Verwendung. Podeste für Vasen, Tresen etc. sind ebenfalls damit verkleidet.
Dazu finden sich auf einigen kleineren Wandstücken in Nischen sowie knapp unter der Decke und schließlich als gesamte Deckenverkleidung im Format etwas kleinere, ebenfalls quadratische, nicht völlig glatte, sondern leicht strukturierte Kacheln. Sie leuchten in verschiedenen braun-gold-ocker Tönen, vom dezenten und indirekten Licht mehrerer walzenförmiger Deckenlampen aus mattem, weißem Glas und mit feinen, gleich-
mäßigen, dunklen Streben in Längsrichtung verziert, zusätzlich effektvoll in Szene gesetzt. Solche Röhren finden sich nicht nur unter der Decke, sondern auch senkrecht ausgerichtet an den Wänden.
Keine strohhalmdünnen, kalt leuchtenden Neonröhren! Denken Sie eher an Bananen ohne Schale, dann stimmen die Proportionen und die Farbe besser. Auch bei diesen braun-goldenen Kacheln finden sich wieder farblich passende Zierelemente, die einzelne Stellen hervorheben, kleine Absätze betonen und ebenfalls einen Abschluss bilden. Die Decke ist nicht eine langweilige Fläche ohne Unterbrechungen, sie hat Versatz, hat kasettenähnliche Aussparungen und Vertiefungen.
Im Raum verteilt an den Wänden tauchen nahezu edel wirkend und geschickt platziert Spiegel auf, die den Raumeindruck bestimmen, ihn beeinflussen und obendrein grandios die üppige, bunte Blütenpracht in den Vasen optisch vervielfachen …

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt - Kacheln aus den 20er Jahren ...

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt – Kacheln aus den 20er Jahren …

Sie merken, ich bin ein wenig am schwelgen, obwohl dies in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ein nicht unbedingt sensationell außergewöhnlicher Stil war. Dennoch stand für diese Ladengestaltung ganz augenfällig ein aufwändigeres Konzept an, als es im Durchschnitt üblich war.
Die Einrichtung ist eine Sache, doch passen Sie auf, jetzt kommt das etwas Sonderbare:

Nehmen wir nun an, nach der ersten gemeinsamen Tour im Sommer 1926, fährt Ihr Großvater anno 1942 wegen einer ominösen Vorladung alleine nach Hamburg, kommt an der bekannten Stelle im Hauptbahnhof vorbei und erzählt Oma Lene später bei der Heimkehr, er hätte entdeckt, dass der Blumenladen so nicht mehr existiert. Die Kacheln sind nicht mehr da. Lampen weg, alles weg. Ihre Großmutter ist darüber sehr betrübt.

Die Jahre vergehen, mittlerweile haben wir 1960. Nun reist wiederum Oma Lene per Zug zum 70. Geburtstag der Patentante Richtung Norden. Sie entdeckt völlig verblüfft, dass es das schöne Blumengeschäft sehr wohl gibt! Im Hauptbahnhof und ganz so, wie sie es in Erinnerung hat. Mit seinen schönen Kacheln und der gesamten Einrichtung!
Wieder daheim stutzt sie daraufhin Opa Paul ein wenig zurecht, meint, er könne wohl nicht richtig gucken …
Ihr Großvater weist einen Irrtum weit von sich und so hängt der Haussegen kurzzeitig etwas schief.
Auch als Lene in den 70er Jahren nach Hamburg, diesmal leider zu einer Beerdigung, anreist, findet sie das Geschäft wie gewohnt vor. Sehr vorsichtig hat der Paul nachgefragt, als sie zurückkehrte.
„Und …, Lene?“
„Wenn ich’s dir doch sage, Paul! Der Laden ist da!“, erwiderte Lene recht energisch.

Die nächste Fahrt unternimmt daraufhin Ihr Großvater Paul. Ihn führt es im Jahr 1989 erneut in die Hansestadt, da sein Männergesangsverein Gründungsjubiläum hat und dies gebührend mit einem Hamburg-Besuch feiert. Selbstverständlich muss er sich am Hauptbahnhof vergewissern, dass das stimmt, was Lene felsenfest behauptet hat. So, und wo ist nun …? Von wegen, der Laden ist da!
Die Wandelhallenbrücke, an der sich das Geschäft von Blumen Petzoldt befand, ist abgerissen! Kein Laden, keine Kacheln! Brühwarm berichtet er zu Hause den Stand der Dinge und mit einem Hauch von Triumph in der Stimme beharrt er erneut auf einer Nichtexistenz von Kacheln und Co.  Lene tendiert sogar dazu, ihm zu glauben. Wenn da schließlich alles abgerissen wurde …

Ihre Großeltern, mittlerweile hochbetagt  – wundern Sie sich nicht, beide sind sehr alt geworden, sie gehören entfernt zum Clan der  Heesters’ aus den Niederlanden und habe gute Gene – fahren 1992 gemeinsam zur Taufe der Urgroßnichte nach Hamburg. Und nun raten Sie einmal, was sie vorfinden …
Genau, Blumen Petzoldt! Samt der für sie gewohnten Einrichtung und der typischen Verkachelung! Verdutzt geblinzelt, zweimal hingeschaut, doch der Laden ist immer noch da …

Eigenartig, oder? Wie passt das zusammen?
Es ist grundsätzlich vorstellbar, dass ein Geschäft irgendwo in einer kleinen Nebenstraße in einem Altstadtviertel oder vielleicht noch eher auf dem Land in einem Dorf durchgehend seit 1926 besteht und nie etwas an dessen Einrichtung verändert wurde. Aber hier? War der Laden samt ganz spezifischer Kacheln nun immer da oder nicht?
Wer von beiden hat  nach seiner jeweiligen Einzelreise Tüdelkram von sich gegeben. Wer hat nicht richtig hingesehen oder leidet unter Halluzinationen. Oder haben am Ende doch beide recht?

Des Rätsels Lösung sieht so aus:
Blumen Petzoldt eröffnete 1925/1926. Eindeutiges Erkennungsmerkmal und Besonderheit waren damals die farblich lasierten Tonwaren und die spezielle Nutzung und Verarbeitung der Kacheln an Wänden sowie Decke. Und natürlich die darauf abgestimmte Einrichtung mit ihren stilvollen Lampen etc.

Während der Zweite Weltkrieg tobte, musste in Hamburg immer mit der Bombardierung gerade des strategisch wichtigen Hauptbahnhofs gerechnet werden. Es wäre immer schlimm gewesen, doch es hätte auch leidgetan um die Kachelschönheiten … Also nahm man sie in dieser Zeit ab und lagerte sie während der Kriegsjahre außerhalb der Stadt. Wobei ich mir als Laie vorstelle, dass man nicht jede Kachel herunter-
klopfte, sondern dass ganze Wandteile, also inklusive Mauerwerk, herausgenommen wurden. Paul konnte
somit 1942 nichts vorfinden.
Später kam alles wieder an seinen Platz, der Laden erstrahlte im alten Glanz. Lene erwischte folglich in
den 60er und 70er Jahren stets Phasen, in denen alles bildschön hergerichtet war.

Mit der stetigen Zunahme des Zugverkehrs standen bauliche Veränderungen des Hauptbahnhofs an. Unter anderem wurde 1985 die Wandelhallenbrücke abgerissen. Und erneut traf man Vorsorge, dass die Ladeneinrichtung nicht etwa beim Bauschutt landete. Insgesamt 4500 einzelne Einrichtungsteile wurden abermals vorsichtig abgenommen und diesmal im Museum für Kunst und Gewerbe aufbewahrt. Das
war sicher und praktisch zugleich; das Museum befindet sich nämlich in Sichtweite des Hauptbahnhofs.
Der Weg war also denkbar kurz. Paul, der genau in diesen Umbauzeiten eintraf, konnte natürlich wieder
einmal keinen Laden entdecken.

Die Bauarbeiten im Bahnhof und am Südsteg nahmen geraume Zeit in Anspruch. Die neue Wandelhalle mit der Ladenzeile, wie sie in der heutigen Form existiert, feierte erst im Jahre 1991 Eröffnung. Ein weiteres – und vorläufig letztes – Mal fanden Kacheln und Einrichtung ihren Weg zurück an den alten Ort. Das Blumengeschäft feierte erneut seine Auferstehung.

Sie merken, die Großeltern Lene und Paul befanden sich bei ihren Alleinreisen jeweils in ganz unterschiedlichen Zustandsphasen in Hamburg. Beide konnten also ihren Augen durchaus trauen und erzählten stets absolut die Wahrheit.

Hamburg - Wandelhalle Hauptbahnhof - Blumen Petzoldt und eine der über 100 Hummel-Figuren von 2003

Hamburg – Wandelhalle Hauptbahnhof – Blumen Petzoldt und eine der über 100 Hummel-Figuren von 2003

Nun können Sie sich bestimmt vorstellen, dass diese Prozedur des Entfernens und neu Anbringens nicht gerade eine Kur für die Kacheln ist, dass es im Hauptbahnhof durch die Züge Erschütterungen gibt und dass
an ihnen ganz generell der Zahn der Zeit nagt, wie an allem und jedem. So ist es nicht verwunderlich, dass gebranntes Material porös wird, Risse bildet, bricht und irgendwann ein Austausch von Teilen nicht mehr zu vermeiden ist.
Nur das ist nicht so ohne!
Eben weil es eine der ganz wenigen noch erhaltenen Ladeneinrichtungen aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ist, steht das Interieur unter Denkmalschutz und das heißt, man kann nicht in den Baumarkt gehen und kurzerhand irgendwelche Ersatzfliesen anschleppen. Es werden originalgetreue, passende Kacheln benötigt, ein Ersatz, der dem alten Material entspricht und ebenfalls die besonderen Farben und Ornamente aufweist.
Es muss ein Profi für das Fehlende heran, der durch sein Fachwissen und Können in der Lage ist, derartige Keramiken nachzubilden und nachzubrennen. Vor etwa zwei Jahren war von 70 Fliesen die Rede, die auf Austausch warteten und von Kosten, die sich ganz schnell im Bereich hoher, fünfstelliger Beträge bewegten.

Gibt es so einen Fliesenkünstler? Falls Sie Stammleser hier sind, erinnern Sie sich möglicherweise noch an Hans Kuretzky. Das war jener Möllner Baukeramiker, der damals für die Restaurierung der Fassade des Kontorhauses Pinçon im Neuen Wall in Hamburg meisterhaft neue Fliesen im alten Stil herstellte. Ihn beauftragte man auch hier mit den Arbeiten. Bei ihm kann man absolut sicher sein, dass er es nicht nur kann, sondern obendrein so gut hinbekommt, dass später keinem der Unterschied zwischen alten und ergänzten, nachgebrannten Kacheln auffällt.

So würden Großmama Lene und Großpapa Paul (wären Sie nicht inzwischen doch aus Altersgründen verschieden) auch heute, 90 Jahre später, bei einer Anreise zur Verlobung der Urenkelin und anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Wandelhalle, wie 1926 wieder inmitten der altvertrauten Einrichtung ihre Blumen aussuchen. Zart duftende Rosen mit Schleierkraut …

Schauen Sie doch einmal herein, wenn Sie am Hamburger Hauptbahnhof vorbeikommen! Die Fotos zeigen lediglich den Eindruck von außen. Erst wenn Sie eintreten, sehen Sie natürlich alles richtig!
Denken Sie daran, eine Garantie dafür, dass die alte Einrichtung noch weitere 90 Jahre in dieser Form gehegt und gepflegt wird, gibt es trotz Denkmalschutz nicht. Lieber rechtzeitig schauen …
(Dabei könnten Sie natürlich auch gleich ein paar Blumen erstehen – das wird hin und wieder durch die ganze Kachelattraktion am Ende komplett vergessen.)
Es ist übrigens nicht die kleine Petzoldt-Dependance am Bahnhofsausgang zum Glockengießerwall und zur Spitaler Straße, sondern es handelt sich um das Geschäft auf der entgegengesetzen Seite Richtung Kirchenallee.

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© by Michèle Legrand, Juni 2016
Michèle Legrand - Freie Autorin

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33 Kommentare

Hamburg: Zwei Rohrstücke aus der frühen Zischzeit …

Warten Sie möglichst, bis der Bus durch ist. Sonst ergeht es Ihnen wie mir. Verstehen Sie mich nicht falsch, was sich ergab, war gar nicht so übel – nur vielleicht möchten Sie überhaupt nicht, dass an der Haltestelle wartende Menschen Ihr Treiben verfolgen und Ihnen spontan Hilfe anbieten, weil Sie irrtümlich der Ansicht sind, Sie seien auf der verzweifelten Suche nach einem Gegenstand, der Ihnen just durch die Gitterstäbe fiel und in der Tiefe verschwand. Können Sie mir folgen? Ist es zu mittendrin? Hätten Sie es lieber chronologisch? Das lässt sich auch einrichten.

Ich möchte Ihnen heute gerne ein weiteres Relikt aus vergangenen Zeiten zeigen. Mir fiel dessen Existenz am Sonnabend plötzlich wieder ein, als ich durch die noch etwas kahle Parkanlage Planten un Blomen spazierte und beim Blick über den alten Wallgraben auf der anderen Seite am Gorch-Fock-Wall das Gebäude der ehemaligen Oberpostdirektion entdeckte.

Hamburg - Blick von Planten un Blomen hinüber zur ehem. Oberpostdirektion (Gorch-Fock-Wall)

Hamburg – Blick von Planten un Blomen hinüber zur ehem. Oberpostdirektion (Gorch-Fock-Wall)

Im Sommer ist von ihr fast gar nichts zu sehen; das Laub der Bäume verdeckt alles bis auf den ein Stück über die Baumwipfel hinausragenden Turm und den goldenen, fliegenden Merkur, der auf seiner Spitze im Sonnenlicht funkelt.

Hamburg - Turm der ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz

Hamburg – Turm der ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz (Sommerfoto)

Bei Sonnenschein und blauem Himmel leuchtet die wilhelminische Prachtfassade sehr viel freundlicher und intensiver, nur gibt es für Sie heute leider lediglich die gedämpfte Ansicht. Als ich dort war, wollte die graue Wolkendecke partout nicht aufreißen.
Bei fehlendem Lärm- und Sichtschutz aufgrund unbelaubter Bäume offenbart sich ganz besonders, was für ein immenser Verkehr hier an der Kreuzung am Stephansplatz herrscht. Ein Taubenschlag ist nichts dagegen! Doch dieser Umstand ist absolut nicht neu. Bereits 1922 gab es in diesem Bereich ein derart hohes Verkehrsaufkommen, dass genau an dieser Kreuzung die erste Ampel Deutschlands aufgestellt wurde.
(Bevor Sie anmerken, so viel Autos seien gar nicht zu sehen, sei Ihnen verraten, dass ich einen der wenigen ruhigeren Momente zum Fotografieren abpasste.)

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall

 

Hamburg - Alte Oberpostdirektion (Dammtorstraßen-Seite)

Hamburg – Alte Oberpostdirektion (Dammtorstraßen-Seite)

Sie sehen auf dem oberen Foto, die alte Oberpostdirektion war in einem Eckgebäude untergebracht. Es ragt mit einem Flügel in die Dammtorstraße, mit dem anderen in den Gorch-Fock-Wall – und genau auf diese Seite würde ich Sie jetzt gern einmal ziehen. Laufen Sie von der Ecke aus entlang des Gebäudes und zählen dabei die Lichtschächte an den Kellerfenstern. Bei Nummer fünf stoppen Sie bitte.
In dem Moment befinden Sie sich außerdem auf Höhe einer Bushaltestelle, was mich wieder zu der am Beginn geschilderten Empfehlung führt …
Das, was es heute zu sehen gibt, verbirgt sich in Lichtschacht Nr. 5, der, wie alle anderen, zu einem Großteil von einem Gitter verdeckt ist.

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion - Lichtschacht Nr. 5 auf der Gorch-Fock-Wall Seite ...

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion – Lichtschacht Nr. 5 auf der Gorch-Fock-Wall Seite …

Sobald Sie sich länger oder tiefer über das Gitter beugen, womöglich obendrein in die Hocke gehen, um das Darunter besser erkennen zu können, wird automatisch der ein oder andere Buswartende aufmerksam. In meinem Fall tauchte mit einem Mal ein Herr neben mir auf. Er zeigte sich leicht besorgt und erkundigte sich äußerst hilfsbereit:
„Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie etwas verloren? Schlüssel …?“
Er reagierte verdutzt, als ich verneinte, und so verriet ich ihm, wonach ich schaute. Überrascht kauerte er sich prompt ebenfalls nieder, um es sich etwas genauer anzusehen.

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall - Die letzten sichtbaren Überbleibsel der Rohrpost ...

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall – Die letzten sichtbaren Überbleibsel der Rohrpost …

Wir spähten gemeinsam durch die Stäbe.
„Schauen Sie, sehen Sie diese beiden Rohrstücke, die dort unten quer durch die Öffnung verlaufen?“
„Ja, sehe ich“, meinte er.
„Das sind die letzten sichtbaren Beweise einer einst existierenden Rohrpost.
„Was? Die da?“ Er wirkte verblüfft. „Die sind ja so dünn! War so etwas nicht dicker? Passt da überhaupt was rein?“

„Aber sicher! Was Sie vielleicht in Erinnerung haben, ist die Großrohrpost, die später Teile Hamburgs unterirdisch miteinander verband. Die Rohre dieser ersten Rohrpost, der, die 1864 einführt wurde, waren aber nicht so üppig dimensioniert. Diese hier gehörten zu einer Strecke, die vom Jahr 1887 an die Börse hinterm Rathaus am Adolphsplatz mit dem Telegrafenamt hier am Stephansplatz verband. Die Schriftstücke mit Nachrichten wurden meist gerollt, in kleine Büchsen gelegt – und ab ging die Post.“
Mein hilfsbereiter Mitgucker schien interessiert bis moderat gefesselt, nur kam sein Bus, und so entschwand er mit einem: „Hab ich überhaupt nicht gewusst, und ich komme beinahe jeden Tag hier vorbei!“

Rohrpost in Hamburg

Rohrpost! Sie war seinerzeit enorm flott unterwegs! Vielleicht sind Sie auch erstaunt, wenn Sie hören, dass eine der kleinen zischenden Rohrsendungen von der Börse zum Telegrafenamt keine zweieinhalb Minuten brauchte.
Überlegen Sie doch nur, würden Sie heute aus dem Börsengebäude via Internet eine Mail zum Stephansplatz verschicken, käme die – angesichts notwendiger Spam- und Virenprüfung vorweg – kaum eher beim Empfänger an. Wäre stattdessen aber vermutlich auf dem Weg von A nach B von irgendwelchen Geheimdiensten angezapft, mitgelesen und gespeichert worden.
So etwas konnte bei der Rohrpost nicht passieren. Rein theoretisch hätte jemand irgendwo das Rohr ansägen, öffnen und versuchen können, eine durchflitzende Büchse herauszufischen. Aber die Rohre verliefen unterirdisch, die Sendungen hatten einen enormen Zacken drauf, und es gab sogar einen Alarm bei einigen Verbindungen, der ausgelöst wurde, sobald eine Kartusche nicht zur berechneten Zeit am Zielort ankam. Ein Punkt für die Rohrpost.

Was noch? Was sprach für diese Versandart?
Wenn man die Briefe damals mit Pferdewagen oder später – zunächst mit der Straßenbahn (sie hatte einen Eilpostbriefkasten!), nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr per Auto – via Straße beförderte, gingen dafür statt zweieinhalb mindestens zwanzig Minuten ins Land. (Angesichts der heutigen Laufzeit einiger Briefe dennoch eine Traumzeit, oder?) Meist benötigten sie jedoch auch etwas länger, denn der Innenstadtbereich war schon damals gern verstopft, was zur Folge hatte, dass die Post austeilenden Boten sich ständig verspäteten.
Wen störte es ganz besonders?
Sie erinnern sich, welchen Ausgangsort vorhin die Rohrpost mit Ziel Telegrafenamt hatte? Na …? Genau! Natürlich brachte es die Börsenmakler auf die Palme! Bei denen zählte jede Minute, sonst drohte der Verlust baren Geldes. Sie mussten ihre Nachrichten so schnell wie möglich weitergeleitet haben bzw. zugestellt bekommen.

Das ganze Streckennetz der Rohrpost kam im Stadtbereich bald auf eine Länge von ungefähr 43 Kilometern.
Wie sich die Büchsen bewegten?
Das Versenden funktionierte durch ein Druckluftsystem. Ansaugen und wegpusten und zwar mit erheblicher Power! Mit etwa 40 km/h zischten die Geschosse durch die Rohre.
Was der mitschauende Herr am Lichtschacht ganz richtig in Frage stellte, war die mangelnde Kapazität. Sie können sich vorstellen, so sehr viel passte nicht in die kleinen Kartuschen, doch das Brief- bzw. Postaufkommen insgesamt wuchs rapide. Aus diesem Grund und natürlich, weil der Verkehr auf den Straßen keinesfalls weniger wurde, ersann man nach der ersten Rohrpostversion mit den kleinen Rohrdurchmessern in späteren Jahren eine weitere Variante, die Großrohrpost. Deren Rohre hatten einen Durchmesser von 45 cm und die dort loskatapultierten Transportbehälter (diesmal auf Rollen) fassten ca. 2000 Briefe.

Nur was Ende des 19. Jahrhunderts noch verhältnismäßig einfach ging, nämlich das Verlegen von relativ dünnen Rohren in ein noch nicht so „überfülltes“ Erdreich in einer Tiefe von ca. einem bis maximal zwei Metern, bescherte später in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts beim Projekt Großrohrpost erhebliche Probleme. Nicht allein, dass nun viel dickere Rohre verlegt werden mussten, das gesamte Rohrsystem musste auch tiefer verlaufen. Zum einen geschützter, zum anderen deshalb, weil sich mittlerweile fast überall etwas im Weg befand. Es gab U- und S-Bahnlinien, es verliefen dicht verzweigt die Wasser- und Gasleitungen unter der Stadt und das Telefonnetz behinderte genauso wie viele in der Zwischenzeit entstandene Auto- und Fußgängertunnel.

Doch gestaltete sich nicht nur die Einrichtung mühsam, sondern bedauerlicherweise war das System Rohrpost von jeher trotz vieler unschlagbarer Vorteile auch mit erheblichen Nachteilen behaftet. Es war störanfällig.
Als die Rohrpost noch nicht so tief liegende Rohre hatte, erlitt sie durch Bombardierungen während des Krieges großen Schaden, und die Flickschusterei oder eine Umleitung in andere Rohre half nur kurzfristig. Wenn durch weitere Bombenschäden das angesteuerte Alternativpostamt bereits nicht mehr existierte, brachte es im Endeffekt gar nichts.
Erschütterungen durch die Straßenbahn lösten von Zeit zu Zeit ebenfalls Schäden aus.

Dabei hatten die dünnen Rohre noch den Vorteil, dass sie durchgängig verbunden waren. Die neueren Rohre mit dem großen Durchmesser wurden als einzelne Segmente verlegt. Sie brauchen nur an den Schwerlastverkehr oder auch die vielen Baustellen und Bautätigkeiten in Hamburg – auch schon in früheren Zeiten – denken und schon ist Ihnen klar: Bewegungen im Erdreich waren vorprogrammiert!
Ständig verrutschten die Anschlüsse der Rohrelemente und verschoben sich gegeneinander. Über die entstandenen Absätze im Rohr kamen die Rollen der Behälter nicht hinüber – schon gab es eine neue Störungsmeldung. Und die Suche nach der Blockadestelle begann. Finden Sie mal auf einer mehrere Kilometer langen Strecke unter Tage sofort den Punkt, an dem es hakt …
Irgendwann war man es leid, ständig Unterbrechungen zu haben und beklagte bitterlich die dabei regelmäßig entstehenden hohen Wartungskosten. Das Ende der Ära Rohrpost bahnte sich an. Nach immerhin 112 Jahren – mit leichten Unterbrechungen und Streckenbeschränkungen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Entstehung der Großrohrpost in den 60er Jahren – nahm Hamburg 1976 endgültig Abschied von dieser Versandart.

Reste der großen Rohre können Sie lange suchen. Entweder wurden sie entfernt, wenn sie bei neuen Bauvorhaben und Straßenanlagen bzw. -änderungen störten oder man verfüllte sie mit Erde. Soweit mir bekannt ist, gibt es nirgendwo vergleichbare Überbleibsel, welche wie die beiden Rohre am Stephansplatz im Lichtschacht der ehemaligen Oberpostdirektion noch direkt sichtbar wären.

Mein Großpapa hat mir einmal einen recht alten Briefumschlag gezeigt, auf dem ein Stempelvermerk zu sehen war, der verriet, dass er einen Teil der Strecke mit der Rohrpost befördert worden war. Vorbei die Zeit. Und vorbei auch die Zeit, in der sich jede Kartusche mit einem durch die Druckluft entstandenem Zischen ankündigte und mit einem eindeutigen Aufprallgeräusch an ihrem Zielort landete.
Die Zischzeit hat ihr Ende gefunden. Endgültig? Komplett? Oder …

Es gibt sie an einigen Stellen noch hausintern! So wie es ja auch immer noch Paternoster gibt. Rohrpostsysteme existieren in einigen Firmen, die ihren Sitz in großen Gebäudekomplexen haben, aber auch in mancher Hochschule oder in Krankenhäusern. Dort wird diese praktische und schnelle Versandart genutzt, um weite Wege zu vermeiden sowie Zeit zu sparen. An diesen Orten werden weiterhin Dokumente oder Wertgegenstände zwischen Kasse und Tresor bzw. Blutproben, Berichte etc. zwischen OP und Labor oder aber Material, Lieferscheine, Anordnungen und was nicht alles zwischen Lager, Werk und Büro hin- und hergesandt.
Zischhhhh – Rummms.
(Doch glauben Sie mir, auch diese Tage sind gezählt … Nur die ganz neu entwickelten, hochmodernen Rohrversandanlagen mögen davon ausgenommen sein.)

Nun haben Sie wieder ein Stückchen altes Hamburg kennengelernt.

Damit Ihnen die Stadt bei Betrachtung der Fotos diesmal nicht nur reichlich grau vorkommt, gibt es zur dezenten farblichen Aufmunterung zum Abschluss  die Blüten der Zaubernuss-Sträucher, die gerade ersatzweise in den Beeten von Planten und Blomen etwas Helligkeit und Sonnengefühl vermitteln.

Hamburg - Planten un Blomen - Die Zaubernuss (Hamamelis) ersetzt fehlenden Sonnenschein ...

Hamburg – Planten un Blomen – Die Zaubernuss (Hamamelis) ersetzt fehlenden Sonnenschein …

 

Hamburg - Planten un Blomen - Die zarten Blüten der Zaubernuss (Hamamelis) ...

Hamburg – Planten un Blomen – Die zarten Blüten der Zaubernuss (Hamamelis) …

 

Eine gute Woche für Sie!
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© by Michèle Legrand, Februar 2016

Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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