Beiträge getaggt mit Möwen Hamburg Mühlenteich

Am Tag, als das Meer verschwand …

Dort, wo ich lebe, existiert ein sonderbarer Ort. Er ist eigenartig, jedoch im positiven Sinn. Besonders eben.
Die Stelle liegt nicht weit entfernt, ich komme jedes Mal ganz automatisch auf dem Weg zum Sport daran vorbei. Eine Art Glückstreffer, denn es motiviert zusätzlich, dorthin aufzubrechen.

Kurz vor meinem Ziel biege ich in eine relativ schmale Nebenstraße ein, und dann passiert etwas Merkwürdiges: Von jetzt auf gleich übermannt mich das Gefühl, am Meer zu sein. Direkt am Strand!
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Am Meer (Ansteigender Weg zwischen bewachsenen Dünen hindurch)
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Würde ich Ihnen allerdings Aufnahmen der unmittelbaren Umgebung zeigen, könnten Sie sich vermutlich überhaupt nicht vorstellen, was zu diesem Eindruck führt. Ich selbst könnte es nicht!
Eine kurze Überlegung: Wenn Sie beschreiben sollten, was für Sie gedanklich mit „Meer“ einhergeht, welche Eindrücke Sie damit verbinden – wäre es vorrangig oder gar ausschließlich etwas, was Sie sehen können?

Ich bin mir ziemlich sicher, es tauchten auch Begriffe wie Wind, Rufe von Seevögeln, das Knattern und Flattern von Fahnen oder Segeln etc. auf – also Umstände bzw. Zustände, die durch Fühlen, Hören, vielleicht auch mittels Riechen erfasst werden.

Mein Fitnessstudio liegt in dieser Straße, die bis vor etwa drei Jahren noch durch ein älteres Gewerbegebiet mit vielen Kleinbetrieben führte. Dies ist mittlerweile abgerissen, nun entsteht hier ein Wohnviertel mit mehrge-
schossigen Häusern. Auf der einen Seite, dort, wo auch das Studio ebenerdig einzog, befindet sich entlang der Straße und weiter in die Tiefe gebaut ein erster Neubaukomplex mit bereits bezogenen Wohnungen, auf der gegenüberliegenden Seite wartet eine seit dem Abriss brachliegende Fläche darauf, dass es ihr an den Kragen geht. Dahinter wiederum ragen riesige Baukräne auf, zwischen denen bereits die Rohbauten des nächsten Bauabschnitts täglich ein Stück wachsen.

Bisher findet sich noch kein ausgesprochener Auslöser für Strandgefühle, oder …?

Nicht zu erkennen ist allerdings, dass außerhalb dieses Areals, nämlich hinter den fertiggestellten Neubauten – und zwar parallel dazu und nur einen Straßenzug weiter – der Mühlenteich liegt. Ein von einem Park eingerahmtes, größeres Gewässer, auf dem Wasservögel anzutreffen sind. Unter anderem wird er regelmäßig von Möwen besucht, und genau diese lieben ganz offensichtlich dieses von Baustellen eingerahmte Brachgelände.

Aus Sicht der Vögel ist das gut nachvollziehbar. Zum einen gibt es direkt daran angrenzend noch einen Flachdachbau aus dem Gebäudealtbestand mit ASIA-Lebensmittelmarkt und der gar nicht mal geringen Chance, Lebensmittelreste abzustauben. Nebenher lässt sich das Flachdach sogar als Brutplatz nutzen.
Zum anderen lockt auf dem leerstehenden, etwas sandigen Grundstück inzwischen durch Wildwuchs (Unkräuter, diverse Wildstauden) reges Insektentreiben, der Boden erwärmt sich schnell, ist aber dank des vorherrschenden Windes selten überhitzt. Es herrscht gute Sicht im Bodenbereich, allerdings hat eine Möwe dank hoher Ausguckmöglichkeiten (umstehende Neubauten und Kräne) dort ebenfalls einen exzellenten Über- und Weitblick. Die Thermik scheint genehm – ja, und das eigene Geschrei klingt hier besonders imposant und durchdringend!
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Verblühte Kratzdistel, wirkt wie eine verschrubbelte Frisur (strohfarben)

Auf der brachliegenden Fläche wachsen auch Kratzdisteln, die mit ihren lila Blüten, aber auch im verwelkt-verwuschelten Zustand sehr attraktiv wirken.

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Sobald ich den Beginn des Brachgeländes erreicht habe, verspüre ich immer den Drang, ab jetzt langsam mit geschlossenen Augen weiterzugehen. Es ist nicht viel los, der Zustand des Gehwegs ist mir mittlerweile wirklich vertraut. Insofern kann man es für einige Meter blind riskieren. Und es ist es wert! Denn es erhöht die Wirkung des Kommenden …

Die lokalen Umstände bringen es mit sich, dass sich Windschneisen entwickelt haben. Die Kombination aus längerer Häuserfront und Freifläche, der Wechsel zwischen einzelner höherer Bebauung und Baulücken, beides löst immer wieder verlässlich mittlere Turbulenzen aus.
Mit anderen Worten, es pustet, und wenn Sie dort entlanggehen, werden Sie garantiert von einer Windböe erfasst, während Ihnen gleichzeitig die Sonne auf die Haut brennt. Auf dem Gehweg, überhaupt in dieser Straße, gibt es keinen Schatten. Bäume wurden hier noch nicht wieder gepflanzt, das passiert – wenn überhaupt – wohl erst, wenn auch das Brachgelände verschwunden und bebaut ist und irgendwann sämtliche Arbeiten abgeschlossen sind.
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Möwen am Himmel (Blauer Himmel, wenige weiße Wölkchen und mehrere kreisende Möwen)

Die Möwen kreisen ….

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Sie brauchen keine zwei Sekunden zu warten, dann ertönt Möwengeschrei. Manchmal sind es die lang-
gezogenen Rufe eines einzelnen Vogels, der über einem seine Kreise zieht, manchmal diskutieren mehrere lautstark. Dann verteidigt eine Möwe mit Nachdruck ihren Lieblingsplatz auf dem Flachdach, das zweite Tier kreischt irgendwo empört vom Baukran herunter. Die jeweiligen Aufenthaltsorte lassen sich meist auch ohne Hinsehen ganz gut orten.

Wind, Sonne, Möwen  … Das Gefühl, sich am Meer zu befinden stellt sich prompt ein. Zuverlässig.

Mittlerweile ist auch das Fitnessstudio erreicht. Auf dem Vorplatz steht ein Werbebanner, festgemacht an
einer leicht flexiblen Metallstange, die senkrecht ausgerichtet ist und in einem Standfuß steckt. Der vertikal gespannte, hauchdünne Textilstreifen mit Aufdruck hat Flatterspielraum und knattert heftig im Wind.

Wie oft kam es mir in dem Moment vor, als befände ich mich auf einer jener Strandpromenaden an der Küste, die von hohen Masten mit wehenden, bunten Fahnen flankiert werden. Das Knattern des Werbebanners erinnerte an in unmittelbarer Nähe über den Wattboden bretternde Strandsegler, wenn es windstiller war und das Flattern entspannter ausfiel, sah man stattdessen vor dem inneren Auge Kite-Surfer vorbeigleiten.

Speziell wenn mehrere Möwen am Himmel flogen und intensiv krakeelten, fühlte ich mich hinübergebeamt auf eine der langen Seebrücken, die in manchen Ostsee-Seebädern zu finden sind. So hört es sich an, wenn man über die Holzplanken Richtung Meer hinausspaziert, die gefiederten Schreihälse entweder auf Brückenpfeilern oder Laternenpfählen oder fliegend  in entsprechender Höhe schräg über sich …

Ich liebe dieses Gefühl von Meer und Strand in der Nähe sehr.
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Möwen an der Seebrücke (eine landet auf hoch angebrachten gläsernen Lampenkugel, ein fliegt in ihrer Nähe)
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Stellen Sie sich vor, mir kamen die Möwen nun tatsächlich noch näher! An heißen Tagen steht – zumindest während der Anwesenheit der Sporttrainer – häufig die Eingangstür zum Studio weit auf, damit ein bisschen Luftzirkulation herrscht. In der vorletzten Woche erhielten wir völlig überraschend Besuch von einer erwachsenen Silbermöwe.
Das Tier war klammheimlich hineinmarschiert, hatte sich neben einer Trainierenden an deren Übungsstation aufgebaut und fand offenbar alles hochinteressant. Sie ließ sich nur mit Geduld und unter erheblichem Protest wieder hinauskomplimentieren.

Der nächste Zwischenfall ereignete sich vor ein paar Tagen. Diesmal hüpfte eine sehr junge Möwe herein. Erheblich auffälliger, da mit einigem Getöse. Sie krächzte heiser, und als sie merkte, sie findet nicht wieder hinaus, flatterte sie hektisch. Schimpfte dabei wie ein Rohrspatz.
In einem solchen Fall ist das Verhalten von Möwen nicht wesentlich anders als das von Bienen und anderen Fluginsekten, die in die Wohnung geraten sind. Sie fliegen immer wieder gegen die Scheibe und nehmen ein eingeklapptes Fenster (Spalt) daneben oder auch geöffnete Türen kaum wahr.
Genau so schien die Möwe in ihrer Aufregung keinen Blick für Fluchtalternativen zu haben, geschweige denn, sich daran zu erinnern, an welcher Stelle sie eingetreten war. Sie hatte eines der bis zum Boden reichenden Fenster auserwählt, hüpfte davor auf und ab und pochte wie ein Specht aufgebracht mit dem Schnabel ans Glas. Da musste man doch irgendwie rauskommen …

Es war absehbar, dass sie es nicht allein hinausschafften würde. So habe ich mir ein Handtuch genommen und sie entlang der Scheibe langsam in eine Ecke dirigiert. Sie stutzte, als es nicht weiterging, und in diesem Moment, in dem sie mit ihren noch gar nicht komplett ausgebildeten Flügeln einmal nicht so wild zappelte, legte ich ihr das Tuch übers Gefieder und griff vorsichtig mit beiden Händen zu.
Sie hat es mit sich machen lassen, blieb auch weitehin ruhig. Als ich sie vor mir auf Brusthöhe hielt, schaute sie mich nur sehr forschend an.
Machen Sie das eigentlich auch, dass Sie bei derartigen Aktionen (Rettung, Verarztung, Medikamente verabreichen etc.) zur Beruhigung mit gedämpfter Stimme einlullend etwas erzählen?  Ich glaube, ich sagte so etwas wie: „Ja, Kleine, alles gut …. Ich weiß, die Mama sieht anders aus …“
Gemeinsam marschierten wir hinüber zum Brachgelände, wo es wesentlich erträglicher war, als auf den heißen Platten vor dem Studio.
Sie wirkte unschlüssig, nachdem ich sie abgesetzt und das Handtuch entfernt hatte. Krächzte und rief. Ich hoffe, die Eltern kümmern sich noch ein bisschen um ihr Jungtier, das aber generell einen fitten und kräftigen Eindruck machte.
Ich setzte mein Training fort. Als ich danach das Studio verließ, war sie verschwunden.

Ein wenig wunderte ich mich, was die Möwen auf einmal anlockte, denn hohe Außentemperaturen bzw. offenstehende Türen hatten wir auch schon davor gehabt. Zuhause fiel mir plötzlich das aufblasbare Planschbecken ein, das seit Kurzem im Studio an einem Fenster in Eingangsnähe steht. Ein pinkfarbener Mini-Swimming-Pool in Flamingoform. Haben sich die Möwen von dem Plastikvogel täuschen und anziehen lassen?
Beim nächsten Training habe ich jedoch festgestellt, das Bassin steht so, dass von draußen nur minimal etwas vom unteren Rand erkennbar ist. Dort, wo die Flamingo-Attrappe aufragt, verhindert eine Milchglasscheibe den Einblick ins Studio.

Tja, nun … Wir werden wohl ohnehin keine weiteren Besuche beim Training erwarten können.  Als ich diese Woche in die Straße einbog, gab es kein Möwengeschrei mehr. Der Tag, an dem das Meer verschwand, war gekommen.

Die Baufahrzeuge sind angerückt, und mit ihrer Ankunft hat das letzte Stündlein des Brachgeländes geschlagen.
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Die Arbeiten auf dem Grundstück starten ... (Mühlenstieg).

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Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet .... (Brachfläche wird ausgehoben. Alte Kellermauern vom Vorgebäude entfernt.)e

Das letzte Stück Baugrund wird vorbereitet …. Oberirdisch war bereits geräumt, nun sind alte Fundamente und Mauerreste dran …)

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Die Möwen haben Reißaus genommen …
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Möwe nimmt Reißaus (tappst geduckt nach links)
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… und ich werde meine kleinen Aufenthalte am Meer vermissen.
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Sonnenuntergang am Strand von Graal-Müritz (mit Seebrücke)

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©by Michèle Legrand, August 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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