Beiträge getaggt mit Alltag

Wieder aufgetaucht …

Es geht weiter. Ein herzliches Hallo an alle Leser, und speziell an die Stammleser gerichtet der Hinweis, ich verzichte zum Einstieg auf großartige Erklärungen zur Auszeit. Die vergangenen Monate und die Umstände allgemein waren für mich und das Blog schreiben wenig geeignet. Belassen wir es bitte dabei.

Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut durch die Pandemie geschleust, konnten sich fürs Virus erfolgreich unsichtbar machen oder – wenn Ihnen dies nicht glückte – sind Sie inzwischen hoffentlich wieder gesundet.

Wieder aufgetaucht

… heißt es hier heute nicht nur aufgrund der Rückkehr zum Blog. Sie werden es gleich merken. Doch bevor ich starte, noch eines vorweg:
In Zukunft werde ich Ankündigungen für besondere Themen oder Projekte tunlichst vermeiden. Man sieht ja sehr schön, dass es mit der Ausführung der Vorhaben – zumindest in Pandemie-Zeiten – nicht so weit her ist. Ehe ich jemanden durch die Beschreibung oder Bilder von empfehlenswerten, mich begeisternden Plätzen dazu anrege, während Corona-Zeiten genau dorthin aufzubrechen, verzichte ich lieber und widme mich momentan in eher kleinen Beiträgen den alltäglichen Dingen.
Obgleich sich als Konsequenz auf die quasi auf Null zurückgeschraubten Kontakte und das Verweilen daheim die erwähnenswerten Anlässe zum Schreiben wohl eher sporadisch ergeben. Erbauliche Anlässe, wohlgemerkt. Für die bin ich einfach mehr zu haben. Sobald sich fortan etwas in dieser Richtung bietet, werde ich es nutzen.

Verschwunden

Es ist schon etwas her, als mir einer meiner Nachbarn beim Heimkommen auf der Straße begegnete. Es sah aus, als kehrte er von einer kleinen Radtour zurück. Ich winkte zum Gruß, da stieg überraschend ab und erzählte mir merklich erregt, er käme vom Polizeirevier. Man hätte nachts sein Auto gestohlen! Den Diebstahl hätte er gerade angezeigt, die Versicherung wüsste auch schon Bescheid.
Ich war sehr überrascht, wir hatten hier in all den Jahren kaum derlei Vorkommnisse. Ich erinnere mich nur an vier gestohlene Radkappen vor mindestens 20 Jahren. (Übrigens auch seine.) Doch er verriet mir, dass der Nebenanfamilie einst der Wagen geklaut wurde. Auch schon acht bis zehn Jahre her. Den hätte man Wochen später in Finnland wiederentdeckt!

Sich selbst machte er keine zu großen Hoffnungen, und was ihn ganz besonders ärgerte, war die Tatsache, dass er ausgerechnet dieses eine Mal bereits am Vorabend seine komplette Golfausrüstung in den Kofferraum gepackt hatte, um morgens möglichst schnell zu einer Veranstaltung aufbrechen zu können.
Auch alles weg. Schöner Mist!

Mich beschäftigte die Sache gedanklich noch etwas, weil die hier stehenden Mietgaragen abgerissen werden und sämtliche Mietverträge zum Oktoberende gekündigt wurden. Unser Auto befindet sich daher seitdem nicht mehr in der Garage, sondern auch an der Straße.
Wenn das jetzt hier mit Diebstahl losginge, na, dann gute Nacht.

Ein paar Tage später erspähte ich einen sich nähernden Kombi gleichen Modells und gleicher Farbe, mit dem besagter Nachbar vor dem Haus einparkte.
Oh, hatte er einen Leihwagen dieser Art ergattert? Leider ließ sich das Kennzeichen aus dem Blickwinkel nicht erkennen …

Wieder zwei Tage später spazierte ich am parkenden Auto vorbei. Tatsache, sogar das alte Kennzeichen!
PKW-Anmeldungen sind momentan nur mit viel Verzögerung möglich, daher konnte ich mir in der Kürze der Zeit keinen neu erstandenen Ersatzwagen samt Wunschkennzeichen vorstellen. Hatte man den gestohlenen so schnell aufgespürt? Dann hätte er aber wirklich Glück gehabt …

Zwei Wochen darauf liefen wir uns an der Einbiegung zur Sackgasse über den Weg. Nach dem „Guten Tag!“ sprach ich ihn kurzentschlossen an:
„Na, Herr X., sagen Sie bloß, die Polizei konnte Ihr gestohlenes Auto ausfindig machen!“
Er wand sich einen Moment. Zögernd, leicht errötend vertraute er mir an:
„Mir ist das so peinlich!“ (Stellen Sie sich das „so“ mit fünf „o“ vor.)
Fragender Blick meinerseits.
„Es war überhaupt nicht geklaut! Das ist mein altes Auto, es war überhaupt nicht weg!“

Es stellte sich heraus, er hatte einen dieser Abstellplätze gehabt, bei denen das Fahrzeug im 90-Grad-Winkel zum Gehweg bzw. zur Straße steht. Links davon hatte ein großer Transporter geparkt, rechts davon auch. Die hatten ihn dermaßen eingekeilt, dass sein um einiges kürzerer Wagen dazwischen komplett verschwunden war. Er hatte ihn jedenfalls am nächsten Morgen nicht gesehen. Von seinem Standpunkt aus hatte es den Eindruck vermittelt, als stünden die beiden Transporter unmittelbar nebeneinander.

„Herr Y. (sein direkter Nachbar) kam in dem Moment auch aus dem Haus“, erzählte er weiter, „merkte mir wohl meine Aufregung an, suchte sofort mit – doch er hat auch nichts gesehen! Was mich natürlich in meinem Irrglauben bestärkte, dass Ding wäre geklaut.“

Ich musste schmunzeln. Bemühte mich, es sehr diskret hinzubekommen und versuchte, etwas Mitgefühl mit einzubauen. Da er die schlimmste Beichte bereits hinter sich hat, sprudelte es nun nur so aus ihm heraus:

„Meine Güte, was habe ich für einen Aufstand gemacht und was für ein Heiopei bei der Versicherung! Und dann hinterher“, er musste selbst lachen, „als ich den Irrtum erkannte, was bin ich da hingeschlichen! Zur Polizei, zur Versicherung … So klein mit Hut!“
Er machte eine entsprechende Geste mit Daumen und Zeigefinger.
„Wann haben Sie Ihr Auto eigentlich wiederentdeckt?“, frage ich neugierig.
„Am übernächsten Morgen. Da waren die Transporter weg, und mein Auto dafür da. So peinlich!“ (So mit sechs „o“.)
„Ach, grämen Sie sich nicht“, tröstete ich ihn. „Seien Sie froh, dass Sie Ihr Auto wiederhaben. Inzwischen ist doch sicher alles geregelt. Haken Sie die Angelegenheit einfach ab und freuen sich! Auch über die Golfausrüstung, die nie weg war.“

Er sieht es mittlerweile ebenso, nur wird sicher bei zukünftigen Vorkommnissen ähnlicher Art wesentlich genauer nachschauen, ob sich sein Auto eventuell nur „kleingemacht“ hat.

Aber ist es nicht sympathisch, dass er sein temporäres Blindsein und seine Verlegenheit eingestand und sich nicht zur Ehrenrettung irgendwelche hanebüchenen Stories für die Mitmenschen ausdachte?

.

© by Michèle Legrand, Januar 2021

, , , , , ,

49 Kommentare

Wenn es nichts wird … wird’s etwas anderes

Letzte Woche wollte ich … Nein, lassen Sie mich anders anfangen!

Es gibt relativ unwichtige Ideen, die einem gelegentlich durch den Kopf geistern. Spezielle Vorhaben, die in Erwägung gezogen, jedoch letztendlich nicht ausgeführt werden. Was glücklicherweise aufgrund der Unwichtigkeit der Sache nicht weiter tragisch ist und daher keine sonderlich nachteiligen Folgen hat oder unliebsame Konsequenzen nach sich zieht. Der feste Ausdruck, dass man mit einem Gedanken schließlich lediglich spielt, spiegelt die Situation recht gut wider.
Bei meiner heutigen Variante handelt es sich allerdings um eine besondere Form. Es geht um Pläne, ganz eventuelle Vorhaben, deren Durchführung von anderen Gegebenheiten abhängig ist. Es sind – wie ich sie nenne – die Vielleicht-mach-ich-das-wenn-Sachen.
Wenn …, dann …
Kennen Sie von Excel.

Wenn du am Dienstag in der Innenstadt vorbeikommen solltest, schaust du nach den Schwänen. Sagst Hallo und machst ein Foto. Für den Blog.
So dachte ich zu Beginn der vergangenen Woche.
Sie wissen vielleicht, dass die berühmten Alsterschwäne in Hamburg jeden Winter für vier Monate die Binnenalster verlassen und ein gesondertes Winterquartier im Stadtteil Eppendorf beziehen. Dort wird der Mühlenteich bewusst eisfrei gehalten, und für Futter ist auch gesorgt. Nennen wir es kurz: UfSmV.
Unterkunft für Schwäne mit Vollpension.
In der Zeit von November bis März fehlen sie einem ganz gehörig! Ihr Anblick gehört einfach zur Innenstadt und zur Alster dazu. Außerdem gilt ja bis heute die Legende, dass Hamburg seinen Status als Freie und Hansestadt nur so lange hält, wie es die Alsterschwäne gibt … Am letzten Dienstag sind sie zurückgekehrt.
Und wer war nicht dort? Ich.

Zur Wochenmitte sollten wiederum königliche Gäste aus den Niederlanden eintreffen. Besuch des Rathauses, des Bürgermeisters, Wahrnehmung weiterer Termine. Schon spielte ich mit neuen Gedanken:
Wenn du am Donnerstag in der Innenstadt vorbeikommen solltest, schaust du nach Máxima und Willem-Alexander. Sagst Hallo und machst ein Foto. Für den Blog.
Nur dann erinnerte ich mich, dass ich die beiden beim Besuch der Stadt Leer im letzten Mai bereits knapp verpasst hatte. Weil ich gar nicht gewusst hatte, wann sie genau wo erwartet wurden. Ohne exakte Terminkenntnisse hätte mir das hier wieder geblüht. Zudem kam ich am Donnerstag gar nicht Richtung Innenstadt.
Wer war also nicht dort? Ich.
Bis zum Wochenende geisterten noch zwei oder drei andere Ideen in meinem Kopf herum. Alle angedachten Vorhaben entpuppten sich leider eher als Kandidaten der Sorte: Wenn nicht …, dann nicht …
Wenn du weiter nur etwas ausbaldowerst, was als Es-wäre-nur-gegangen-wenn-Sache endet, sieht es übel aus mit einem Foto. Im Blog.

Gestern am Abend fiel mir schließlich auf der Suche nach einem aufbewahrten Kassenbeleg etwas in die Hände. Garantieunterlagen, Bons und andere derartige Sachen befinden sich nämlich im gleichen Schrankteil wie zwei recht unscheinbare kleine Alben mit einigen Fotos.
Da ich Ihnen weder Aufnahmen von Máxima und Willem-Alexander noch ein ganz aktuelles Foto eines Alsterschwans anbieten kann, gibt es etwas anderes …

Erinnern Sie sich noch an diesen Herrn und seine Sendung?

März 1975

Ihr heutiger (quasi) Ersatzkönig Ilja, der Erste. Die Ausstrahlung seiner Sendung Disco endete 1982 nach zwölf Jahren, doch Ilja Richter ist bis heute in Theater und Fernsehen präsent, immer noch höchst schlagfertig, unverändert schlank und mit 62 Jahren unverschämt gutaussehend.
(Schauen Sie einmal auf das Datum: ein fast auf den Tag genau 40 Jahre alter Gruß …)

Zu Beginn sprach ich gezielt die relativ unwichtigen Vorhaben an. Lockere Pläne, banale Wünsche, deren Nichtzustandekommen oder deren Nichterfüllung kein wirklich großes Herzeleid verursachen. Bloße Gedankenspielerei. Nicht so wichtig …
Es gibt jedoch genauso die anderen Vorhaben und Träume. Die, die einem viel bedeuten, auf deren Zustandekommen man intensiv hofft. Wenn diese Träume platzen …
Schade. Niederschmetternd! Zum Verzweifeln?
Irgendwie natürlich schon. Nur – was bringt es? Soll ich Ihnen etwas verraten? Sie leben wesentlich entspannter, wenn auch dort die Devise gilt:
Wenn es nichts wird, wenn es dies nicht wird … wird’s etwas anderes!
Wer weiß denn schon heute so genau, ob es dadurch nicht – im Endeffekt – viel besser wird?
Um Ilja Richters Disco noch einmal heranzuziehen:
Das Licht ging zwar irgendwo aus. Doch stets ging kurz darauf anderswo ein heller Spot an!

Vielleicht sollten wir bei unerwarteter Dunkelheit einfach ein bisschen abwarten. Womöglich stellen wir später verdutzt fest, dass uns der darauf folgende gezielte Spot viel besser steht, als die einstmals geplante Rundumillumination!

© by Michèle Legrand, März 2015
Michèle Legrand  - freie Autorin  - Foto:©Andreas Grav

, , , , , , , , ,

27 Kommentare

Gwen … Flip-Flops und Meisenknödel

Herbst und die Nachmittagssonne am Mühlenteich - Oktober 2013
Heute Morgen schrieb sie, bei ihr daheim wären 55 Grad. Draußen! Nicht im Backofen. Da hatte sie wohl wider besseres Wissen angenommen, es gäbe auf der Welt nur die Messung in Fahrenheit und das F hinter dem Gradzeichen sei überflüssig.
Allerdings – schreiben wir eigentlich wirklich immer ganz penibel ein C dahinter?
Nun, wie dem auch sei, Gwen nimmt gern an, ich würde schon wissen, würde bestimmt amerikanisch reagieren.
Habe ich frühmorgens aber nicht!
Früh am Tag arbeitet lediglich ein Minimal-Warmlauf-Programm. Ich muss erst langsam auf Touren kommen! Da vergesse ich einfach die Entfernung, die zwischen uns liegt und auch etwaige Unterschiede bei den Maßeinheiten. Immer diese Feinheiten …
Bei mir hatte die Temperaturangabe eine kleine Atemstockung verursacht, gefolgt von einem ungläubigen Blick – anfangs aus dem Fenster und kurz danach auf das eigene Thermometer. Erst dann kamen die Erkenntnis (die amerikanische Reaktion in Form eines großen F, neonorange und blinkend) und das geräuschvolle Ausatmen.
Bei Gwen herrschen also um die 13 Grad Celsius – fast wie hier. Vielleicht drei oder vier zusätzliche Grade im Laufe des Tages – ebenfalls vergleichbar. Eben herbstlich.
Gwen hat immer innere Hitze. Diese Gradzahl wird bewirken, dass sie weiterhin ihre Flip-Flops für adäquat hält. Sie schwenkt eventuell langsam vom Spaghetti-Top auf ein T-Shirt um. Wollsachen sind bei ihr nur bei Minusgraden angesagt, Mützen sowieso verpönt. Sie könnte wahrscheinlich gut in der Arktis klarkommen. Gwen mit leichtem Anorak am Polarkreis. Gwen ohne Handschuhe. Gwendolyn schwitzend, wenn die Quecksilbersäule wieder aus der Minuszone herausschaut.
Warum ich es erwähne?
Gwen empfindet Kälte nicht am Körper, doch sie hat trotzdem das Gefühl für unterschiedliche Jahreszeiten. Welche Jahreszeit wann beginnt – dieses Gefühl, ihres (!), weicht wiederum von meinem ab. Wenn Sie meint, es sei Winter, friere ich – im Gegensatz zu ihr – zwar schon gelegentlich, nur ist bei mir im September trotz allem noch Herbst. Sie jedoch hat in diesem Monat bereits – ungeachtet ihrer aufsteigenden Hitze und der Flip-Flops – das Gefühl, der Winter käme nun über Nacht. Zack! Der Winter mit seinen Folgen.
Daher auch ihre Nachricht. Als Erinnerung.
Nur noch 55 Grad!
Oh, Gott! Es wird Zeit!
Ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch unsere Vorstellung von dem, was angesichts der aktuellen Wetterlage in Kürze zu tun sei, sehr unterschiedlich ausfällt. Und hatte ich schon erzählt, dass Gwen mir bereits das erste Mal vor gut einer Woche schrieb? Sie meinte am vergangenen Montag, sie bräuchte jetzt dringend Meisenknödel für ihre Terrassenvogelschar sowieso sämtliche sonstigen herumfliegenden Gartenbesucher. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch entspannt und wollte selbst welche kaufen.
Knödel. Nicht Vögel.
Eine weitere Nachricht kam vor vier Tagen. Gwen war am schwitzen. Diesmal vor Aufregung. Der Oktober hatte begonnen, und bei ihr gab es immer noch keine Fettfutterklöße zum Aufhängen!
Ich weiß nicht, was die sich hier dabei denken, doch offenbar sind denen die Vögel total egal …!
So hatte sie sich entrüstet geäußert. Ich hatte versucht, sie zu beschwichtigen.
Es sei noch sehr mild, und die Knödel träfen sicher bald ein …
Sie hörte gar nicht hin.
Die Vögel fänden garantiert weiterhin reichlich in der Natur …
Sie zweifelte das an.
Dann verriet ich ihr, dass Vögel bei mir so früh noch nie Fettfutter bekommen hätten. Überhaupt keine Zufütterung! Ich würde höchstens einmal kleine Obstfitzel auf der Terrasse vergessen oder verlieren, wenn ich draußen genussvoll einen Apfel kaute und aus dem Gebüsch nebenan neidvolle und vor allem penetrante  (Vogel-)Blicke wahrnehmen würde.
Gwen reagierte entgeistert. Ungläubig. Keine Knödel!
Sie sagte nicht direkt, ich sei geizig und grausam, aber es fehlte nicht viel. Gedacht hat sie es bestimmt, während sie einen Augenblick schwieg.
Im nächsten Moment erklang erneut ihr trauriges Stimmchen, dass sie gar nichts zu verfüttern hätte. Sie versuchte mir die Thematik und auch das Drama zu verdeutlichen. Ich müsste das doch verstehen. Der harte Winter in ihrer Region. Ihre „Kleinen“ würden verhungern!
Gwen lebt übrigens in Georgia. Einem der Südstaaten der USA. Deep South.
Nur in den Appalachen im Norden gibt es überhaupt Minusgrade oder Niederschläge, die als Schnee fallen!
Allerdings stammt sie ursprünglich aus einer kälteren Ecke der Staaten. Vielleicht verwechselt sie nun etwas.
Ich versuchte sie also zu verstehen.
Und sagen Sie selbst: Wer kann schon mit Sicherheit wissen oder es gar festlegen, wann für jemand anderen der richtige Zeitpunkt für dessen Tun oder Lassen gekommen ist?
Und kennen Sie etwa die Vögel in Georgia? Genauer, persönlich? Vielleicht kommen die tatsächlich ab Oktober ohne Unterstützung nicht mehr alleine klar!
Was ließ sich machen?
Sie meinte, die Knödel alternativ selbst herzustellen ginge auch nicht, weil das richtige Mischfutter dazu ebenfalls noch nicht erhältlich sei. Es klang verärgert, aber auch mitleiderregend kläglich.
Um den Elend ein Ende zu bereiten, erklärte ich mich bereit, hier in Deutschland nach Meisenknödeln zu schauen und ihr ggf. welche zu schicken. Als Notvorrat, falls in den nächsten Tagen im Süden Georgias Schneeverwehungen und Vereisungen einsetzten und sie – natürlich kurzärmelig wie immer – hinaus zum Füttern müsste.
Gwen schien erleichtert.

Mittlerweile war ich in den hiesigen Geschäften auf der Suche und wurde fündig. Zwischen den letzten Sommer-Sale-Angeboten und den ersten Tischen mit Lebkuchenherzen, Frostschutzmitteln und Streusalz, befand sich ein Ständer mit Vogelfutter aller Art – inklusive der begehrten Knödel im grünen Netz.
Ich schnappte mir einige Packungen und reihte mich in die Kassenschlange ein. Es dauerte ein bisschen. Hinter mir hörte ich irgendwann eine Stimme:
„Du, schau mal, es gibt schon Meisenknödel! Wir sollten auch welche mitnehmen. Jetzt ist bald Winter. Die Vögel brauchen doch was …!“
Ich schaute mich um. Ein Pärchen. Sie schickte ihn gerade los Richtung Futterständer. Sie trug ein Spaghetti-Top und hatte nackte Füße – in Sandalen zwar, aber ich möchte wetten, Flip-Flops hat sie auch.
„Kennen Sie Gwen?“, fragte ich.

Ich habe das Päckchen mittlerweile abgeschickt. Gwen hakte auch schon nach und schob etwas panisch hinterher, dass es in Wyoming geschneit hätte. Hätte Leah geschrieben.
Stimmt, ich habe es auch gelesen.
Doch Wyoming liegt – rein Richtung Norden gesehen – mehr als 800 Meilen (bzw. über 1300 km) oberhalb ihres Staates (es liegt natürlicher auch westlicher). Und Leah wohnt in den Bergen. Das ist jetzt etwa so, als würden Sie in Norddeutschland in Panik geraten und den Schneeschieber vor die Tür stellen, weil hoch in den Alpen ein weißer Zuckerteppich gesichtet wurde.

Ach, ich bin sicher, die Meisenknödel werden noch rechtzeitig ankommen.

Gwen ihrerseits findet übrigens, dass ich viel zu früh im Jahr Kerzen anzünde.
Ende September! Also wirklich! Das sei doch fast noch Sommer …

Ich mag Gwen.

©Oktober 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , , , , , , , ,

11 Kommentare

Kurzlebiges …

Als ich gestern am Abend auf einmal Grönland vor mir liegen sah, habe ich kurzerhand eine Brücke von dort über Island nach Norwegen geschaffen. Doch, genügend Material war vorhanden. Zumindest, nachdem ich dafür einen grönländischen Berg etwas abgetragen hatte.
Es herrschte Bewegung im Wasser während der Bauphase, und so brach mittendrin leider ein Teil von Islands Süden ab. Dafür gibt es jetzt dort einige zusätzliche kleine Inseln.
Die Arbeit schritt zügig voran. Irgendwie war ich auch leicht im Zeitdruck, denn mein Baustoff schien weniger zu werden. Zum Glück kam ich noch bis zur Westküste Norwegens! Nur beim Anknüpfen der Brücke ans Festland entstand ungeschickterweise eine dicke Beule. Jetzt sieht die Küstenlinie merkwürdig aus.
Sah merkwürdig aus.
Inzwischen ist alles wieder verschwunden. Komplett!

Schon sehr kurzlebig – diese Sachen, die man in der Badewanne aus Schaum konstruiert …

©September 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

, , , , , ,

6 Kommentare

„Ich zahl’!“ – „Nein, ich!“ – Das anstrengende Leben eines Kellners

Wissen Sie, mitten im Alltag spielen sich manchmal seltsame Szenen ab.
Vor Ihren Augen!
Sie können es nicht ignorieren, und Sie kommen gar nicht umhin, in irgendeiner Form darauf zu reagieren, Anteil zu nehmen. Plötzlich ist der Moment da: In Ihnen kriecht ein gewisses Mitgefühl hoch. Für Menschen.
Oh, nicht für alle!
Nein, nur für diejenigen, die anderer Leute Gedöns ausbaden oder – zumindest kurzzeitig – ertragen und dulden müssen. Und denen es leider ihrerseits nicht immer möglich ist, so zu reagieren und zu kontern, wie sie es gerne würden …
Ein Beispiel vom Freitag:
Michèle. Gedanken(sprünge) - 06. Mai 2013 - Blog - Geschichte

Die beiden Frauen – etwa Anfang dreißig – sitzen bislang einträchtig beisammen und während sie relativ laut miteinander plaudern, löffeln sie genussvoll ihr Eis. Der Kinderwagen ist direkt neben dem Tisch abgestellt und das Baby, das in ihm liegt, beginnt netterweise erst in dem Augenblick mit seinem Gebrüll, als der Fruchtbecher der einen, der brünetten jungen Frau (offenbar seine Mutter) komplett geleert ist.
Beide, auch die auffällig hellblonde Freundin, richten ihre Aufmerksamkeit auf den Säugling.
Das noch recht „neue“, winzige, aber dafür schon ziemlich Rabatz veranstaltende Baby, wird aus seinem Gefährt gehoben. Es hört fast augenblicklich auf zu weinen und schmatzt nun trocken vor sich hin.
Ganz eindeutig: Es hat Hunger! Und zwar jetzt!
„Willst du hier …?“, fragt die Freundin skeptisch.
Es geht ums Stillen.
„Ja, klar, er lässt sich doch jetzt nicht mehr hinhalten!“
„Er“ sieht das auch so.
Das Baby sucht bereits intensiv nach der Nahrungsquelle und nimmt vorerst mit dem nackten Oberarm seiner Mutter vorlieb – wohl, weil er ihn gerade zufällig vor der Nase hat. Es wirkt, als würde er gierig hineinbeißen, zumindest irgendwie andocken und gleich darauf dringen Sauggeräusche herüber. Das Gesicht verzieht sich, als der Kleine merkt, dass Arm eben nicht Brust ist und es mit der Milch nicht klappt. Augenblicklich wird die Sirene wieder angestellt.
Inzwischen ist jedoch alles vorbereitet. Er wird in die richtige Richtung gelenkt, es kann losgehen.

Der Freundin ist es weiterhin ein bisschen unwohl. Sie schaut sich um, ob jemand vom Stillen Notiz nimmt. Oder daran Anstoß nimmt!
Warum sollte das jemand tun? Zumindest hier, in diesem Fall. Man sieht doch nichts!
Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen …
Es dauert weitere zwei Minuten, bis sie sich merklich entspannt und die unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen wird – solange, bis ihr nach nur drei Sätzen einfällt:
„Willst du nicht ein Glas Wasser dazu?“
„Ne, lass man …“, erwidert die Stillende.
„Warum denn nicht? Das kriegst du hier umsonst. Leitungswasser, meine ich.“
„Nein, nein, ich trink später etwas …“
Kurze Pause.
„Ich kann den Kellner wirklich fragen …!“
„Nein! Nicht nötig. Ich sagte doch: ich möchte nicht!“
Sie hat die Stimme etwas erhoben. Das Baby ist irritiert und hört auf zu saugen.
„Dann eben nicht!“
Die Blonde wirkt leicht beleidigt. „Ich dachte ja nur …“
Eine kurze, unangenehme Pause tritt ein. Man sortiert sich.
Ein neuer Anfang.
„Ich glaube, ich trinke aber noch einen Espresso“, verkündet die Freundin.
„Ja, mach doch“, sagt die Brünette beim Stillen, „das dauert hier eh noch ein Weilchen.“

Es wird dem Kellner gewunken. Er nähert sich, lächelt, möchte wissen:
„Hat es Ihnen geschmeckt? Darf es noch etwas sein?“
Sie geht jedoch auf seine erste Erkundigung nicht ein, sondern ordert nur den Espresso und mit besorgten Blick Richtung Mama und Baby folgt die Frage aller Fragen:
„Willst du nicht doch ein Wasser?“
Die junge Mutter schüttelt energisch den Kopf.
Ihre Freundin wendet sich wieder dem Kellner zu.
„Ein zusätzliches Glas Wasser, bitte. Leitungswasser.“
Der Kellner ist verwirrt, denn Kopf von links nach rechts bewegen, heißt bei ihm nein. Er hakt folglich nach:
„Möchten Sie selbst zum Espresso ein Glas Wasser?“
„Nein, das ist für meine Freundin.“
„Aber ich will doch gar nicht …!“, braust diese auf.
Der Kellner verzichtet auf die Fortsetzung der Unterhaltung und geht. Bringt kurz darauf mit dem Espresso vorsichtshalber doch ein Glas Wasser. Sein Blick ist betont nichtssagend. Er stellt das Glas genau in die Mitte zwischen die beiden.

Die Stimmung ist etwas abgekühlt. Das Gespräch will nicht mehr so recht in Gang kommen.
Während für das Baby Seitenwechsel ansteht und es an der anderen Brust angelegt wird, ist die Brünette dabei einen Moment abgelenkt. Die Blonde schiebt das Glas unauffällig näher zu ihr hin. Unbewusst greift die Freundin kurze Zeit später danach. Trinkt gedankenverloren einen kleinen Schluck.
„Siehst du!“, erklingt es triumphierend, „wusste ich’s doch, dass du eigentlich Durst hast! Ist auch besser – beim Stillen soll man trinken!“
„Stillst du oder still ich? Außerdem habe ich vorher genug getrunken!“
Nun geht es eine Weile ziemlich laut um die nötige Menge Flüssigkeit, die man zu sich nehmen sollte. Überhaupt und im speziellen Fall.

Der Kellner hat ihre Plätze im Auge. Die Leute an den Nachbartischen fühlen sich bereits leicht gestört.
Die Blonde ist der unumstößlichen Ansicht, dass die Freundin garantiert zu wenig getrunken hat. Die Diskussion geht weiter. Es folgt der Vorwurf an die junge Mama, dass sie unvernünftig wäre. Und undankbar. Sie, die Freundin, würde sich ja schließlich nur um sie sorgen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, lautet die genervte Erwiderung. „Und ich will sowieso nicht dieses abgestandene Wasser, das hier vielleicht schon ewig offen in der Karaffe herumsteht. Nachher hat das Keime!“
„Das hat doch keine Keime!“
„Woher willst du das denn wissen? Ich WILL das Wasser nicht!“
„Sag das doch gleich!“, blafft die Blonde.
Die junge Mama ist einen Moment sprachlos.
Dunkle, drohende Wolken sind aufgezogen und hängen gerade tief über den Freundinnen. Es herrscht weiterhin gefährliche Stille, in die nur das Baby sorglos hineinschmatzt.

Fünf Minuten vergehen. Der Kleine ist nun satt, der Espresso mittlerweile ausgetrunken.
Das Glas Wasser rührt keiner mehr an. Aus Prinzip.
Es herrscht Aufbruchstimmung.
„Wir möchten zahlen!“, klingt die Stimme der Brünetten durch den Raum.
Der Kellner nickt – fast erleichtert – aus der Entfernung und trägt zunächst noch Bestellungen aus – schon vorbereitete Eisbecher, deren Inhalt sonst schmelzen würde. Seine Erleichterung kam leider eindeutig zu früh.
Es entsteht gerade eine gewisse Hektik am Tisch. Beide nesteln nach ihren Portemonnaies. Sie, mit dem Baby noch auf dem Arm, hat es einhändig eindeutig schwerer. Beide holen Geld hervor. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich, denn hier bezahlt häufig jeder für sich.
Der Ober ist eingetroffen und stellt die wichtige Frage:
„Zusammen oder getrennt?“
„Zusammen!“ Einstimmig ertönt dieses Wort aus den Kehlen der beiden Damen.
„14,30 Euro bekomme ich dann bitte von Ihnen!“
Zwei Hände werden ihm forsch entgegengereckt. Die Brünette und die Blonde fuchteln beide mit je einem 20-Euro-Schein vor seiner Nase herum.
„Ich zahl’!“
„Nein, ich!“
Die junge Mutter ist erbost. „Ich bin dran!“
Die blonde Freundin kontert resolut: „Kommt überhaupt nicht in Frage! Diesmal zahle ich!“

Wir erleben eine hitzige Debatte, das Revue passieren lassen diverser vorangegangener Cafébesuche, die mühsame Aufzählung wer wann bezahlt hat. Es ist ein leider vergeblicher Versuch, den aktuellen Zahlwunsch zu rechtfertigen – geschweige denn zu klären! Keine will nachgeben oder einsehen, dass – gehen wir vom Gerechtigkeitsprinzip aus – vielleicht tatsächlich die andere heute dran sein könnte.
Zwischendurch entsteht leichtes Geschubse, immer dann, wenn eine ihre Hand mit dem Geldschein wieder zwei Zentimeter näher beim Kellner platziert hat. Der Vorteil muss selbstverständlich sofort ausgeglichen werden.
Dem Kellner ist unbehaglich. Er weicht leicht zurück.
Das anfängliche Gezischel ums Bezahlen  ist mittlerweile wieder übergegangen in lautstarkes Meckern. Das Baby reagiert auf die gereizte Situation. War es eben noch satt, entspannt und angenehm ermüdet – so ist es jetzt alarmiert und stimmt  Geheul an, das schnell an Intensität zunimmt.
Die junge Mutter hält inne. Ihre Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Der Laune und Aufgebrachtheit entsprechend, wird das Baby relativ energisch über die Schulter „geworfen“.
„Da siehst du, was das alles bringt!“, giftet sie die andere an.
Die Freundin ist sauer.
„Ach, jetzt ist das meine Schuld!“
Der Kellner konnte immer noch nicht abkassieren.

In diesem Moment steuert eine Dame den Tisch an – vermutlich die Mutter einer der beiden jungen Frauen. Sie spricht sie namentlich an, schäkert mit dem weiterhin quakenden Baby. Sie beschließen,  dass sie jetzt alle zusammen heimfahren könnten.
Und der Kellner wartet immer noch …

Die Dame erkundigt sich  harmlos:
„Ihr seid hier grad fertig?“
„Wir haben noch nicht bezahlt“, kommt es etwas gepresst.
„Dann macht mal hin! Der Kleine scheint keine große Lust mehr zu haben.“
Von der Lust des Kellners ist nicht die Rede, auch nicht davon, dass er möglicherweise noch anderes zu tun hat.
Die Mädels kuschen. Warnende Blicke werden untereinander ausgetauscht.
Keine sagt einen Mucks.
Mit irgendeinem der beiden Geldscheine wird bezahlt. Die Blonde steckt sämtliches Restgeld ein, selbst den nicht genutzten Zwanziger der Freundin. Hat quasi bezahlt, aber das Geld erstattet bekommen …
Zündstoff für daheim! Mit Sicherheit geht der Streit dort weiter – oder startet spätestens beim nächsten Eiscafébesuch erneut.
Mir tut jetzt schon der jeweilige Kellner leid …

Kellner haben ein ziemlich anstrengendes Leben!
Das stelle ich immer wieder fest, denn ich habe schon reichlich merkwürdige Szenen in Lokalitäten unterschiedlichster Art miterlebt. (Ja, sicher, auch Kunden leiden gelegentlich – das ist ein anderes Thema).
An dem Ort des Geschehens vom Freitag gönne ich mir häufiger einen Kaffee und unterhalte mich ab und zu mit den Angestellten. Mich hat die Passivität des Kellners etwas verwundert. Ich spreche daher die Bedienung bei meinem nächsten Besuch auf die Situation vom Vortag an:
„Ich habe gestern Ihre Ruhe bewundert. Erst die Wasseraktion,  dann die anhaltenden, lautstarken Diskussionen,  letztendlich das Bezahldrama. Was machen Sie in so einem Fall?“
„Ich weiß es nicht“, sagt mir der junge Mann und schaut unglücklich. Ihm gingen tausend schlaue Sachen durch den Kopf, aber letztendlich halte er sich zurück.
Er verwendet mir gegenüber nicht diesen unsäglichen Begriff vom Kunden, der immer König sei. Er sagt es anders. Er traue sich nicht, weil „der Kunde schließlich mit Vorsicht zu behandeln ist – genau wie mein Job …“ Man wüsste ja nie, was daraus werde.
„Daraus?“
„Na ja, aus der Situation. Die, die hier so etwas veranstalten, sind leider häufig auch diejenigen, die sich schnell fürchterlich mit dem Angestellten anlegen, sobald er sich einmischt. Selbst, wenn er höflich ist und nur schlichten will! Recht machen kann man es dann sowieso nicht. Das ist extrem anstrengend! Sie werden ausfallend und nach so einer Auseinandersetzung beschweren sie sich dann obendrein noch beim Chef.“
Eine Kollegin wäre daraufhin schon einmal den Job losgewesen.
Aha, der Kunde randaliert und der Angestellte muss die Sachen packen …

Natürlich ist dem Kellner klar, dass er (theoretisch) bei einer Bezahlstreiterei anbieten könnte:
„Soll ich gleich noch einmal wiederkommen?“
Er könnte sogar einfach fordern:
„Entscheiden Sie sich jetzt bitte!“
Oder erklären:
„Da Sie sich nicht einigen können, werde ich bei Ihnen getrennt abrechnen.“
Doch er sagt nichts von alledem.
Er wartet einfach nur ab.
Schweigt.
Denkt an den Job.

Er hat er mein Mitgefühl!
Ich kann sein Verhalten nicht uneingeschränkt gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen. Schwierig wäre es geworden, hätten sich noch weitere  Gäste eingemischt und aufgeregt. Hätten gefordert, der Kellner möge doch endlich für Ruhe sorgen.
Passivität schützt nicht immer vor Eskalation, Aktivität kann etwas schon in andere Bahnen lenken.
Doch bin ich er? Bin ich in seiner Situation?
Nein.

Ach, ich habe beschlossen, er sollte im Grunde genommen in einem solchen Fall beide Geldscheine einsacken und aus erzieherischen Gründen zweimal kassieren!
Denn es ist neben dem Service und  allem anderen nicht auch noch sein Job, Schiedsrichter zu spielen oder Lösungen für kindische Erwachsene zu finden.

Und er sollte grundsätzlich einen Chef mit Menschenkenntnis haben.

©Mai 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand (WordPress)

, , , , , , , , , , ,

8 Kommentare

Es war nicht das Brusthaar!

Es war nicht das Brusthaar (Titelfoto Kurzgeschichte im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge)

Heute auch wieder einmal mit einer Hörversion!
Bitte hier entlang:
-> Es war nicht das Brusthaar! http://audioboo.fm/boos/832285

Sie schaute skeptisch, als er sich nach gründlichem Umsehen genau für den Tisch ihr gegenüber entschied. Natürlich setzte er sich auch so, dass er sich beim Herüberschauen nicht anstrengen oder gar verrenken musste. Sie gab ihm fünf Minuten – dann würde es ihm hoffentlich zu langweilig werden.
Es war ihr unangenehm, wie anmaßend und ungeniert er sie ständig anstarrte.
Eben erst, kurz vor seinem Erscheinen, war ihr Kaffee gekommen. Sie konnte ihn jetzt nicht in Rekordzeit heiß herunterstürzen und sah zudem auch gar nicht ein, sich von ihm vertreiben zu lassen!
Sie überlegte sich umzusetzen. Oder sollte sie ihn in seine Schranken weisen …?
Wenn sie ihn wenigstens hätte ernst nehmen können. Wenn er nur etwas, ETWAS Anziehendes, Angenehmes gehabt hätte.
Generell vermied sie, ausgehend von Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf Charakter oder Verhalten zu ziehen. Nur hier wurde das Verhalten gleich mitgeliefert. Innerlich stöhnte sie. Wer sich so anzog und dermaßen selbstüberzeugt Anmache betrieb, der löste bei ihr fast ein wenig Mitleid aus. Aber nur fast.
Er hatte ein Hemd in schrillen Farben gewählt, die ersten vier oder fünf Knöpfe waren geöffnet. Eine Goldkette mit Gliedern, die stark genug wirkten, um daran den Anker der Queen Mary 2 zu befestigen, zierte den Hals. Sein Brusthaar quoll fröhlich heraus.
Sie bräuchte sich nur etwas weiter vorzubeugen, dann könnte sie bis zu seinem Bauchnabel sehen …
Eine weiße Jeans, insgesamt ein bis zwei Nummern zu klein. Sie war so eng, dass er vorsichtshalber sein Smartphone aus der Tasche genommen und auf den Tisch gelegt hatte. Die Sonnenbrille war lässig ins gegelte Haar hinaufgeschoben.
Und die Schuhe! Sie waren gewagt. Auberginenfarben, vorne spitz zulaufend und ein bisschen hochgebogen. Früher nannte man das im Extremfall Schnabelschuhe.
Sie musste einfach auf die Füße blicken. Die engen Hosenbeine ließen die Schuhe noch länger wirken. Er selbst war doch gar nicht so groß …
So große Füße hat der nie und nimmer! Wie viel Luft wohl vorne zwischen großem Zeh und Schuhspitze noch ist?
Er hatte ihr kurz aufflammendes Interesse offenbar missgedeutet, denn er zwinkerte ihr gerade vertraulich zu und beugte sich etwas vor, über den Tisch, so, als wollte er gleich eine Konversation starten.
Sie hatte nichts gegen Brusthaar! Das war es nicht. Wenn der Mann stimmte, war es ihr völlig egal, ob den Brustkorb eine glatte Babyhaut überzog oder sie dort Zöpfe flechten konnte. Sie hatte nur keine Lust auf ihn.
Er begann, dumme Sprüche zu klopfen. Schöne Frau – so alleine, man könnte doch …
Sie winkte die Bedienung heran und zahlte. Die Angestellte schien das Rasierwasser des Mannes als etwas aufdringlich zu empfinden und klappte das Fenster nahe seinem Tisch ein.

Sie nahm ihre Tasche. Er beobachtete sie und versuchte, die „Konversation“ aufrecht zu erhalten. Sie versteifte, schien plötzlich entschlossen und ging direkt an seinen Tisch. Er wirkte siegesgewiss.
Sie schaute ihn an, ging vor ihm in die Hocke und raunte:
„Darf ich mal fühlen …?“
Er wirkte etwas überrumpelt und lief ein wenig an.
Sie drückte mit ihrem Daumen auf seine Schuhspitze. Zwischen Zeh und Schuhende waren mindestens drei Zentimeter Luft.
Sie richtete sich ruhig wieder auf, strich ihre Kleidung glatt und bemerkte:
„Die Schuhe eine Nummer kleiner, die Jeans eine größer. Und wenn Ihnen jetzt bei offenem Fenster kühl wird, haben Sie auch noch die Möglichkeit, ein oder mehrere Knöpfe ihres Hemdes zu schließen.“

Und damit ging sie.
Sie war manchmal böse.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , , ,

2 Kommentare

Vorsicht Glatteis!

Vorsicht Glatteis!
28.05.2012. Pfingstmontag.
Ein Tag mit Sommer-Juli-Freibad-Temperaturen. Draußen und im Auto sowieso.
Ich bin unterwegs in den Westen Hamburgs und schwanke während der Fahrt etwas unschlüssig zwischen Fenster auf und Wind oder Fenster zu und Klimaanlage. Fenster auf gewinnt, die Sonne scheint auf die Arme, ein Lüftchen umweht mich, und alles ist immer genau so lange gut, bis eine Ampel auf Rot springt und ich länger stehen muss. Dann heizt sich der Wagen im Nu auf. Nur kurz vor Ende der Reise die Klimaanlage noch hochzufahren, ist Energieverschwendung bzw. es ist auch so sinnlos, denn was nützt es, wenn sie es noch knapp schafft, Kühlschrank-Gemüsefach-Temperaturen zu zaubern, ich aber beim Aussteigen einen Schlag bekomme …?
Nein, keine Klimaanlage – und eigentlich möchte ich damit auch nur andeuten, dass ich ziemlich köchelnd in Niendorf eintraf.

Ich bin auf dem Weg zum Neuen Friedhof Niendorf. Einen Menschen besuchen, der heute Geburtstag gehabt hätte. Ein bisschen Zwiesprache halten, ihn auf den neuesten Stand der Dinge bringen, Fragen stellen, schauen, ob alles in Ordnung ist,  horchen, was so los ist …
Da ich nicht wusste, ob irgendwo ein Blumenladen am Pfingstmontag geöffnet hat, habe ich meinen Garten geplündert und laufe mit buntem Blumenstrauß bei gleißendem Licht Richtung schmiedeeisernem Eingangstor. Das Auto musste ich etwas entfernt parken. Ich schiebe die Unterlippe vor und puste Luft nach oben unter die Ponyhaare. Mir ist warm.
Das große Tor ist erreicht. Ein Schild, an den senkrechten Gitterstäben befestigt, enthält in großen Lettern die Warnung:
VORSICHT GLATTEIS!
Ich vergesse weiter zu pusten. Glatteis! Glatteis? Heute? Hier?
Nein. Natürlich, mir ist schon klar, dass es ein Ganzjahresschild ist, das im Sommer eben nicht entfernt wird. Doch diese Einsicht hat nicht verhindern können, dass vorher erste, automatische Reaktionen auftraten, das Gedanken sich eigenständig formten …
Ich bekam etwas Gänsehaut an den Unterarmen.
Ich dachte Millisekunden über meine Schuhe nach, die nicht glatteistauglich sind.
Danach passierte Folgendes: Szenen und vor allem völlig neue Warnschilder tauchten vor dem inneren Auge auf!
Sahara. Die Sonne brennt. Das Licht flimmert. Ein Schild: Vorsicht Überschwemmung!
Herbst an der Elbe. Heftigster Regenguss, nahende Sturmflut. Ein Warnschild: Vorsicht Sonnenbrand!
Und zu guter Letzt grübelte ich darüber nach, ob das Schild schon die ganzen fünf Jahre, die ich hier immer wieder herkomme, dort hängt. Ich kann es nicht sagen …

Ich traute mich trotz der Warnung auf das Friedhofsgelände und erreichte bald mein Ziel. Während ich die Blumen versorgte, plauderte ich mit ihm:
„Wusstest du, dass es gefährlich war, hierher zu kommen?“
(Er antwortete natürlich nicht, doch ich  berichtete ihm trotzdem von dem Schild.)
„Ich musste tierisch mit dem Glatteis hier bei dir aufpassen!“, bemerkte ich, mir Luft zufächelnd.

Ich habe ihn lachen gehört …

©Mai 2012 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , , ,

Hinterlasse einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: