Beiträge getaggt mit Irrtum

Wieder aufgetaucht …

Es geht weiter. Ein herzliches Hallo an alle Leser, und speziell an die Stammleser gerichtet der Hinweis, ich verzichte zum Einstieg auf großartige Erklärungen zur Auszeit. Die vergangenen Monate und die Umstände allgemein waren für mich und das Blog schreiben wenig geeignet. Belassen wir es bitte dabei.

Aber wie sieht es bei Ihnen aus? Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut durch die Pandemie geschleust, konnten sich fürs Virus erfolgreich unsichtbar machen oder – wenn Ihnen dies nicht glückte – sind Sie inzwischen hoffentlich wieder gesundet.

Wieder aufgetaucht

… heißt es hier heute nicht nur aufgrund der Rückkehr zum Blog. Sie werden es gleich merken. Doch bevor ich starte, noch eines vorweg:
In Zukunft werde ich Ankündigungen für besondere Themen oder Projekte tunlichst vermeiden. Man sieht ja sehr schön, dass es mit der Ausführung der Vorhaben – zumindest in Pandemie-Zeiten – nicht so weit her ist. Ehe ich jemanden durch die Beschreibung oder Bilder von empfehlenswerten, mich begeisternden Plätzen dazu anrege, während Corona-Zeiten genau dorthin aufzubrechen, verzichte ich lieber und widme mich momentan in eher kleinen Beiträgen den alltäglichen Dingen.
Obgleich sich als Konsequenz auf die quasi auf Null zurückgeschraubten Kontakte und das Verweilen daheim die erwähnenswerten Anlässe zum Schreiben wohl eher sporadisch ergeben. Erbauliche Anlässe, wohlgemerkt. Für die bin ich einfach mehr zu haben. Sobald sich fortan etwas in dieser Richtung bietet, werde ich es nutzen.

Verschwunden

Es ist schon etwas her, als mir einer meiner Nachbarn beim Heimkommen auf der Straße begegnete. Es sah aus, als kehrte er von einer kleinen Radtour zurück. Ich winkte zum Gruß, da stieg überraschend ab und erzählte mir merklich erregt, er käme vom Polizeirevier. Man hätte nachts sein Auto gestohlen! Den Diebstahl hätte er gerade angezeigt, die Versicherung wüsste auch schon Bescheid.
Ich war sehr überrascht, wir hatten hier in all den Jahren kaum derlei Vorkommnisse. Ich erinnere mich nur an vier gestohlene Radkappen vor mindestens 20 Jahren. (Übrigens auch seine.) Doch er verriet mir, dass der Nebenanfamilie einst der Wagen geklaut wurde. Auch schon acht bis zehn Jahre her. Den hätte man Wochen später in Finnland wiederentdeckt!

Sich selbst machte er keine zu großen Hoffnungen, und was ihn ganz besonders ärgerte, war die Tatsache, dass er ausgerechnet dieses eine Mal bereits am Vorabend seine komplette Golfausrüstung in den Kofferraum gepackt hatte, um morgens möglichst schnell zu einer Veranstaltung aufbrechen zu können.
Auch alles weg. Schöner Mist!

Mich beschäftigte die Sache gedanklich noch etwas, weil die hier stehenden Mietgaragen abgerissen werden und sämtliche Mietverträge zum Oktoberende gekündigt wurden. Unser Auto befindet sich daher seitdem nicht mehr in der Garage, sondern auch an der Straße.
Wenn das jetzt hier mit Diebstahl losginge, na, dann gute Nacht.

Ein paar Tage später erspähte ich einen sich nähernden Kombi gleichen Modells und gleicher Farbe, mit dem besagter Nachbar vor dem Haus einparkte.
Oh, hatte er einen Leihwagen dieser Art ergattert? Leider ließ sich das Kennzeichen aus dem Blickwinkel nicht erkennen …

Wieder zwei Tage später spazierte ich am parkenden Auto vorbei. Tatsache, sogar das alte Kennzeichen!
PKW-Anmeldungen sind momentan nur mit viel Verzögerung möglich, daher konnte ich mir in der Kürze der Zeit keinen neu erstandenen Ersatzwagen samt Wunschkennzeichen vorstellen. Hatte man den gestohlenen so schnell aufgespürt? Dann hätte er aber wirklich Glück gehabt …

Zwei Wochen darauf liefen wir uns an der Einbiegung zur Sackgasse über den Weg. Nach dem „Guten Tag!“ sprach ich ihn kurzentschlossen an:
„Na, Herr X., sagen Sie bloß, die Polizei konnte Ihr gestohlenes Auto ausfindig machen!“
Er wand sich einen Moment. Zögernd, leicht errötend vertraute er mir an:
„Mir ist das so peinlich!“ (Stellen Sie sich das „so“ mit fünf „o“ vor.)
Fragender Blick meinerseits.
„Es war überhaupt nicht geklaut! Das ist mein altes Auto, es war überhaupt nicht weg!“

Es stellte sich heraus, er hatte einen dieser Abstellplätze gehabt, bei denen das Fahrzeug im 90-Grad-Winkel zum Gehweg bzw. zur Straße steht. Links davon hatte ein großer Transporter geparkt, rechts davon auch. Die hatten ihn dermaßen eingekeilt, dass sein um einiges kürzerer Wagen dazwischen komplett verschwunden war. Er hatte ihn jedenfalls am nächsten Morgen nicht gesehen. Von seinem Standpunkt aus hatte es den Eindruck vermittelt, als stünden die beiden Transporter unmittelbar nebeneinander.

„Herr Y. (sein direkter Nachbar) kam in dem Moment auch aus dem Haus“, erzählte er weiter, „merkte mir wohl meine Aufregung an, suchte sofort mit – doch er hat auch nichts gesehen! Was mich natürlich in meinem Irrglauben bestärkte, dass Ding wäre geklaut.“

Ich musste schmunzeln. Bemühte mich, es sehr diskret hinzubekommen und versuchte, etwas Mitgefühl mit einzubauen. Da er die schlimmste Beichte bereits hinter sich hat, sprudelte es nun nur so aus ihm heraus:

„Meine Güte, was habe ich für einen Aufstand gemacht und was für ein Heiopei bei der Versicherung! Und dann hinterher“, er musste selbst lachen, „als ich den Irrtum erkannte, was bin ich da hingeschlichen! Zur Polizei, zur Versicherung … So klein mit Hut!“
Er machte eine entsprechende Geste mit Daumen und Zeigefinger.
„Wann haben Sie Ihr Auto eigentlich wiederentdeckt?“, frage ich neugierig.
„Am übernächsten Morgen. Da waren die Transporter weg, und mein Auto dafür da. So peinlich!“ (So mit sechs „o“.)
„Ach, grämen Sie sich nicht“, tröstete ich ihn. „Seien Sie froh, dass Sie Ihr Auto wiederhaben. Inzwischen ist doch sicher alles geregelt. Haken Sie die Angelegenheit einfach ab und freuen sich! Auch über die Golfausrüstung, die nie weg war.“

Er sieht es mittlerweile ebenso, nur wird sicher bei zukünftigen Vorkommnissen ähnlicher Art wesentlich genauer nachschauen, ob sich sein Auto eventuell nur „kleingemacht“ hat.

Aber ist es nicht sympathisch, dass er sein temporäres Blindsein und seine Verlegenheit eingestand und sich nicht zur Ehrenrettung irgendwelche hanebüchenen Stories für die Mitmenschen ausdachte?

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© by Michèle Legrand, Januar 2021

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„Oh, Gott! Hat er sich was getan …?“

Planten un Blomen - Herbst - Die Laubfärbung hat eingesetzt, es raschelt auch bereits am Boden ...
Manchmal überlege ich, meinen Unterwegs-Kaffee woanders zu trinken. Nicht ständig wieder im gleichen Eiscafé. Meist auch noch am selben Platz! Doch Begebenheiten wie die des heutigen Tages bestärken mich in der Annahme, dass es keinen Ort gibt, an dem es entspannender und gleichzeitig unterhaltsamer ist als dort.

Vier Menschen sitzen am Nachbartisch. Zu meiner Verblüffung sind sie nicht nur alle miteinander verwandt, sondern jede dieser Personen vertritt auch eine Generation dieser Familie! Da wären ein sechs Monate altes Baby (ein Junge), seine Mutter, deren Mutter und wiederum deren Mama. Baby, Mutter, Oma und Uroma. Diese Tatsache erfahre ich aus ihrem Gespräch.
Ich wäre nie darauf gekommen!
Auf den ersten Blick passt es überhaupt nicht. Uroma? Sie scheint viel zu jung. Eine eventuelle Familienähnlichkeit muss man bei den vier Frauen mit der Lupe suchen. Körperbau, Größe, Gesichtszüge – völlig unterschiedlich. Die Mutter und die Oma des Kleinen tragen lediglich die exakt gleiche Haarfarbe. Während der Altersunterschied zwischen diesen beiden Wesen sehr groß scheint, wirkt die Uroma nur zehn Jahre älter als die Oma, ihre Tochter.
Wie soll denn so etwas gehen?

Man kann nicht ungeniert ewig hinstarren, aber man kann so tun, als ob man lediglich das Baby anhimmeln würde. Das gibt mildernde Umstände, und nach mehrmaligen Hinüberblinzeln komme ich zu folgendem Resultat: Es ist doch möglich.
Die junge Mutter könnte Mitte Zwanzig sein, die Oma hat zwar schon viele, tiefere Falten, wird jedoch nach zweiter Einschätzung nicht Anfang 60 sondern maximal Mitte 50 sein. Und die Uroma ist eben extrem gut erhalten, aber nicht knapp 70 sondern Mitte bis Ende Siebzig. Und vielleicht ist irgendwer aus der mütterlichen Linie, der andere aber aus der väterlichen. Das würde diese Körperbaudiskrepanzen erklären.
Klingt plausibel.

Sie unterhalten sich, während ihre Bestellung in Arbeit ist. Wo waren sie schon an diesem Tag, wo soll es später hingehen …
„Wir könnten ja noch zu Karstadt“, meint die Mittlere.
„Oder lass uns nach C&A!“, schlägt daraufhin die Älteste am Tisch vor.
„Da waren wir doch schon“, erwidert ihre Enkelin.
„Da waren wir schon?“, ertönt die verdutzte Rückfrage.
„Ja, das war dort, wo wir die Lätzchen geholt haben.“
„DAS war C&A?“
„Ach, Oma, du bist echt süß …“

Fallen Ihnen auch gelegentlich die Unterschiede bei der Wortwahl auf? Zumindest hier im Norden benutzen einige Menschen – gern auch welche der älteren Generation –  den Ausdruck „nach“. („Richard, ich fahre gleich nach Karstadt!“)
Die Mehrheit der Jüngeren sagt hingegen „zu“. („Kommst du mit zu Edeka?“)
Ähnlich verhält es sich mit „beim“ und „bei“. (Claudia arbeitet beim Saturn. Sie war vor der Arbeit beim Aldi einkaufen. Aber: Henning bestellt bei Neckermann und erledigt den Rest bei Lidl).
Das „bei“ bzw. erneut das „nach“ wird nun wiederum von einigen Mitmenschen gern dort benutzt, wo andere „zu“ wählen und klingt in meinen Ohren stets extrem merkwürdig. („Ich geh bei Willi.“ „Jonas will nach Herbert.“ vs. „Ich gehe zu Edith.“)
Schon seltsam, diese Sprache … Und so etwas muss nun ein Baby alles erst lernen und begreifen. Nicht nur das! Es muss das Richtige herausfiltern und den Rest möglichst schnell wieder vergessen!

Die Erwachsenen bekommen ihr Eis serviert, der Junior wird fortan von Schoß zu Schoß weitergereicht, so dass jeder einmal ohne Zappelfrosch ist und vernünftig zum Essen kommt. Bei seiner Uroma wird der Lütte besonders aktiv. Vor ihr steht Spaghetti-Eis mit leuchtend roter Erdbeersoße, die es ihm farblich offenbar schwer angetan hat. Erhitzte Wangen, Begeisterungsgestöhne, das klingt wie ein Hirsch in der Brunftzeit, Oberkörpergeschwanke, Füßegezappel und Armgefuchtel sind die Konsequenz. Er würde wohl gern etwas davon abhaben.
„Nein, nein, Oma“, winkt Juniors Mutter ab, „ich habe für Julius extra etwas dabei. Er bekommt sein eigenes Essen!“
Er wird in den Kinderwagen verfrachtet und dort von ihr mit Apfelmus aus einer Tupperdose gefüttert. Nach Pseudoprotest und drei eiligst hervorgequetschten Krokodilstränen hebt sich die Laune von einer Sekunde zu anderen wieder. Der Nachwuchs mampft nun durchaus mit Begeisterung seinen Fruchtbrei, doch lässt er die Soße weiterhin nicht aus den Augen. Sobald seine Urgroßmutter einen Löffel zum Mund führt – ihrem eigenen wohlgemerkt! – flippt er ein wenig aus.
„Adda, ba …(Quietschlaute) …oohoh …da!“
(Übersetzung: „Ich komme um, wenn ich jetzt nicht bald was von dem Zeug kriege!“)
Die drei Damen amüsieren sich. Eine Diskussion startet zum Thema Soße geben ja oder nein. Die Mutter gerät ins Schwanken, die Oma ist dagegen, die Uroma ist der Ansicht:
„Lass ihn ein ganz bisschen probieren.“ Ihr Argument: „Das ist im Grunde doch nur Soße aus Früchten. Zucker ist dem fertigen Gläschenobstbrei auch!“
Sie erhält das offizielle Okay, befüllt ihren Löffel mit Erdbeerflüssigkeit und füttert den gierigen Urenkel. Das Raubtier schnappt zu, schließt den Mund, reagiert verblüfft auf den neuen Geschmack, verzieht leicht das Gesicht, kneift die Augen ….
In dem Moment naht ein Herr. Der Opa. (Fragen Sie mich nicht, ob Opa oder Uropa, das war altersmäßig wieder alles andere als eindeutig!) Er wird von den Ladys frühzeitig entdeckt und dem Jüngsten überschwänglich angekündigt:
„Ja, Julius! Schau mal, wer da kommt! Der Opa! Ei, der O-PA!“
(Sie kennen diese Art, wie man einem Baby deutlich vorspricht und dabei eine gehörige Portion Begeisterung mimt, nicht wahr?)
Julius hat den Sinn der Worte begriffen, schaut in die richtige Richtung. Beim Anblick seines Großvaters, beginnt er breit zu lächeln. Rote Soße rinnt langsam aus dem Mundwinkel, da Junior leider völlig vergessen hat, den flüssigen Sabsch komplett herunterzuschlucken.
„Oh, Gott! Hat er sich was getan?“
Opa wird blass. Der Enkelsohn sieht aus, als hätte er gerade eine kleine Schlägerei hinter sich. Die Brühe läuft täuschend echt wie Blut über sein Kinn. Und seine Mama sitzt neben diesem Vampir und hat nur Apfelmus auf dem Löffel …
Da jedoch keine der Frauen hysterisch reagiert und die Aufklärung ziemlich prompt erfolgt, bekommt das Gesicht des Großvaters schnell wieder Farbe.
„Jung, Jung …!“, ist der einzige Kommentar, ergänzt vom einem erleichterten Auspusten, welchem herzerfrischendes Gelächter folgt. Der Kleine beteiligt sich daran – auch ohne den Grund zu kennen.
Wie es immer so ist: Fröhlichkeit steckt an.
Jeden.

Soll ich Ihnen etwas verraten? Nächstes Mal werde ich wieder in mein Eiscafé gehen.
Basta.

©Oktober 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand -  freie Autorin - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) - Foto ©Andreas Grav

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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
Sie werden auf die Seite von Audioboo geleitet. Es ist kein Download erforderlich, es verursacht Ihnen keinerlei Kosten!
Sie brauchen lediglich den Pfeil anzuklicken.
Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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