Beiträge getaggt mit Hamburg

Blick von oben …

Es ist soweit: Zumindest ab und zu werde ich wieder bei Ihnen hereinschneien und Sie behelligen. Die
Wochen seit Mai sind gefühlt schnell vergangen, waren und sind aber alles andere als einfach. Ich möchte
das Thema Erkrankung nicht völlig umgehen, die Lage allerdings nur kurz und schnodderig so umreißen:
Es ist alles Grütze. Weiterhin große, ernste, unbarmherzige, verdammte Grütze.

Einen kleinen Lichtblick gab es allerdings am Sonntag. Der Gemahl hatte Freigang! Oder wie heißt das korrekt, wenn man tagsüber raus darf aus dem Bau? Warten Sie … Bin ich gerade auf dem richtigen Dampfer? Nicht, dass wir uns missverstehen, es geht ums Krankenhaus …
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Asklepiosklinik Altona - Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne (20stöckiges Hochhaus, Nordansicht mit Haupteingang)

Asklepiosklinik Altona – Am freundlichsten wirkt das Hochhaus in der Abendsonne …

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Mein Mann muss seit geraumer Zeit erneut stationär behandelt werden. So bin ich seit nunmehr fünf Wochen täglich quer durch Hamburg von Ost nach West bzw. umgekehrt unterwegs und verbringe viele Stunden bei ihm am Krankenbett. Ich werde Sie nicht mit privaten Krankenhausgeschichten zuschütten. Nein, nein. Doch stellen Sie sich darauf ein, dass ich Ihnen momentan logischerweise ausschließlich von Ereignissen, Eindrücken und Menschen erzählen kann, die mir auf dem Weg zum Krankenhaus unterkamen.

Ist Ihnen auch aufgefallen, wie außergewöhnlich oft Hamburg in den Wochen meiner Blogabstinenz aus den unterschiedlichsten, dabei nicht immer schönen, Anlässen bundesweit in den Medien erwähnt wurde? Auf der einen Seite bot der G20-Gipfel mit seinen Ausschreitungen ausreichend Gelegenheit. Dazu Themen wie Bürgermeister Scholz in Nöten, dauerhaft innerstädtische Staus, Wasserrohrbruch mit anschließendem Riesenkrater auf der Amsinckstraße, wochenlange Sperrungen wegen immer neuer Langzeitbaustellen und Bauarbeiten entlang der Autobahn, Brückenerneuerung selbst bei der Bahn mit umfangreichem Schienen-
ersatzverkehr über die gesamten Sommerferien.
Dazu Ereignisse wie die kürzliche Messerstecherei im Supermarkt, Funde von Leichenteilen in Rissen, ein Erschlagener an der Alster oder auch Berichte über die Müllzunahme auf den Straßen, die vielen zu späten
und lauten An- oder Abflüge am Flughafen, das nicht endende Chaos bei der Gepäckabfertigung.
Klar, es gab glücklicherweise auch Positives. Den Gegenpol bildeten ansprechende Fotos einer grünen und wasserreichen Stadt, gute Taten und Aktionen, der friedliche Ablauf zahlloser Events. Bei den Großveran-
staltungen fielen die Triathlon-Tage sowie der jährliche Schlagermove als positiv verlaufen auf. Sogar Kate und William waren bei uns zu Besuch! Nicht bei mir direkt, aber beim Bürgermeister und u. a. in der Elbphilharmonie.
Ja, die jungen Vertreter des Hauses Windsor samt ihrer beiden Kinder … Die Presse hatte wieder einmal aufgepasst und mitgezählt, wie viele unterschiedliche Kleider die Herzogin auf der Reise wo und zu welchem Anlass trug. Man staunt, dass das immer noch Leser hinter dem Ofen hervorlockt … Unter uns: Ich persönlich stehe eher auf Berichte über beispielsweise den Gummistiefelweitwurf bei Veranstaltungen wie der „British Flair“, die am vergangenen Wochenende wieder zum Besuch einlud. Ich habe Ihnen vor zwei Jahren davon erzählt, erinnern Sie sich noch? (Welly throwing – Einmal im Jahr fliegen die Stiefel …)

Nirgends aktiv teilgenommen, habe ich von all dem dennoch eine Sache wirklich intensiv miterlebt: die Auswirkungen des G20-Gipfels. Plötzlich ist eine Stadt tagelang mehr oder weniger lahmgelegt und dabei gleichzeitig in Aufruhr. Straßensperrungen machen jegliches Durchkommen unmöglich, die Umleitungen sind im Nu ebenso verstopft oder funktionieren aufgrund chaotischer Zustände von vornherein nicht. Selbst Taxis geben auf und stellen die Fahrten ein, die Notfallpläne für den oberirdisch verlaufenden öffentlichen Verkehr können nicht umgesetzt werden. Kaufhäuser verbarrikadieren vorab vorsorglich ihre großen Fensterflächen aus Angst vor Randale mit Holzplatten, und in kritischen Ecken bleiben Läden, Betriebe und Praxen geschlossen.
Das Aufeinandertreffen von gewaltbereiten Demonstranten und der Polizei artet teilweise aus, Steine fliegen, Autos brennen, Vandalismus findet statt, Plünderungen passieren, an denen sich erstaunlich viele beteiligen! Und überall sind Menschen im Handumdrehen in Gefahr! Die Polizei, die in einen Hinterhalt gelockt wird, aber selbst Außenstehende, Passanten, Anwohner, die gar nicht aktiv an etwas teilnehmen. Ihre Unversehrtheit, ihr Leben. Ihr Hab und Gut dazu, wenn sie das Pech haben, am „falschen“ Ort zu wohnen, bzw. bereits dann, wenn sie lediglich ihr Auto oder sonstiges Eigentum dort abgestellt haben.

Ich muss Ihnen gestehen, ich habe Hamburg noch nie so erlebt. Ich war wirklich erschüttert! Es mag Anwohner aus anderen Stadtteilen und speziell den Außenbezirken geben, die abwiegeln. Ach, komm, so schlimm war’s nun auch nicht! Vielleicht hat es dann nicht so eindrücklich berührt, wenn vieles nur im Nachhinein verwundert den Medien entnommen wurde, der Mensch jedoch zu weit ab vom Geschehen war. Distanz bewahren konnte.
Wer einmal erlebte, wie völlig egal offenbar einigen gewaltbereiten Demonstranten Menschenleben sind, wie viel Hass auf jeden und alles, wie viel blinde Zerstörungswut sich zeigt, wer sich dem immensen Polizeiaufgebot gegenüber sah mit den schier endlosen Fahrzeugkolonnen, den Wasserwerfern, wer die stundenlang über einem kreisenden Hubschrauber hörte, sehr schwer einzuschätzende Vermummte oder sogar Randalierende plötzlich in seiner Nähe entdeckte, neben wem es knallte, wer mit demolierten Fahrzeugen, eingeschlagenen Fenstern oder verkohlten Resten einer Barrikade unmittelbar konfrontiert wurde, dem war alles andere als wohl zumute.

Ich selbst hätte unter anderen Umständen konsequent einen Riesenbogen um die Innenstadt und die Areale gemacht, die als Korridore für die Fahrten der Delegierten des Gipfels herhalten mussten. Unter normalen Umständen hätten mich keine zehn Pferde aus meinem Viertel im Osten Hamburgs bekommen. Durch den Klinikaufenthalt gab es erzwungenermaßen eine Planänderung: Ich wollte – allen Sperrungen zum Trotz – zum Krankenhaus am anderen Ende der Stadt kommen!
Als sicherste Variante entpuppte sich die in den kritischen Gebieten unterirdisch verkehrende S-Bahn. Sie werden in solch einer Situation ja trickreich. Sie lassen den während der Gipfeltage als unsicher geltenden Bahnhof Altona aus, suchen sich nicht ab dort die empfohlene, praktische Anschlussverbindung, sondern fahren unterirdisch über das eigentliche Ziel hinaus und schleichen sich dann von hinten per Bus wieder an. Wenn jedoch selbst im feinen und vermeintlich sicheren Othmarschen, in Bahrenfeld, in den schmalen Straßen Ottensens, an der noblen Elbchaussee und an weiteren Stellen unerwartet ebenfalls herumrandaliert wird, Scheiben zertrümmert sowie Geldautomaten demoliert werden und Busse sich zum Halten zwischen den Touren auf einmal in Nebenstraßen verdünnisieren, jeglichen Fahrplan über den Haufen werfend … dann hat das Chaos gefühlt allmählich die ganze Stadt erreicht.

Dies alles ist nun einen Monat her, doch erstaunlicherweise ist es präsent, als wäre es gestern passiert. Es beschäftigt gedanklich wieder und wieder.

Bahn- und Busfahren habe ich seitdem beibehalten, denn es ist tatsächlich die schnellste Variante, um auf die andere Seite der Stadt zu kommen. Und die nervenschonendste! Außerdem, das wissen Sie vermutlich aus eigener Erfahrung, sind Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus lehrreich. Manche Linienbusse hier bei uns haben eine sogenannte „Buchhaltestelle“. Das ist eine Art Leihbücherei für Mitfahrende. Ein Buchregal, aus dem sich während der Fahrt bedient wird und aus dem Bücher auch leihweise entführt werden können. Bis man sie durch hat. Bei einer der nächsten Fahrten stellt man sie einfach ins Bord zurück.
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Hamburg - Die Busbibliothek "Buchhaltestelle" ... (Bücherregal im Fahrgastraum)

Hamburg – Die Busbibliothek „Buchhaltestelle“ …

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Weiterhin lernte ich kürzlich zwischen Othmarschen und Altona, dass die Chance, von einem Hai angegriffen zu werden, geringer ist, als die Chance auf einen Sechser im Lotto. Und ich habe mir sagen lassen, die sei schon extrem winzig. Der Mensch seinerseits  – das hat mich angesichts der Menge sehr erstaunt – murkst jährlich die schier unvorstellbare Zahl von 100 Millionen Haien ab!

Mich verblüffen häufig auch die Gespräche meiner Mitfahrer. Manchmal aufgrund der unerwarteten Wendung, die sie nehmen.
Zwei erhitzte, junge Männer stiegen zu, nahmen mir gegenüber Platz. Der eine meinte mit sehnsuchtsvollem Blick, jedoch akustisch eher resolutem Einschlag:
„Jetzt ´nen Energydrink! Mann, was habe ich grad Bock auf  ‘nen Energydrink!“
Einen Moment herrschte Ruhe.
„Hätte noch Wasser“, sagte der andere. „Willste?“
„Ja, geht auch.“

Oder die Schulklasse auf Ausflug. Davon waren in Hamburg in der zweiten Julihälfte vor der Zeugnisvergabe und dem Beginn der Sommerferien einige unterwegs.
Vier Jungen, zehn, elf Jahre alt, drängten auf zwei einander gegenüberliegende Zweiersitzbänke zu. Die beiden Fixesten belegten die Fensterplätze. Einer der Nachkömmlinge wandte sich schwer empört an den am Fenster:
„Da sitze ich!“
„Nö.“
„Los, mach Platz!“
„Nö.“
„Mir wird aber immer schwindlig am Gang!“
(Man kann es ja wenigstens versuchen.)
„Spinner.“
(Versuch erfolglos, Schwindelkandidat gibt auf.)

Die vier erwähnten im lebhaften Gespräch einige Male den Ausdruck „OP machen“, das Wort „steril“ und weitere Begriffe, die ich in den Bereich Medizin packen würde. Ich vermutete kurzzeitig, vielleicht weil ich momentan etwas vorgeschädigt bin, sie hätten gerade eine Krankenhausbesichtigung hinter sich, aber nein, sie redeten über ein Handyspiel. Einiges klang für mich wie böhmische Dörfer. Zum Beispiel entwickelte sich eine heiße Debatte über einen Stick mit Verbrennung. (Keine Ahnung, ich grüble heute noch darüber nach.) Die Wortwahl anschließend fiel nicht minder kurios aus.
„Du kannst Coins im Shop kaufen.“
„Da bist du ja instant tot!“
(Was?)

Kennen Sie noch das Spiel „Papier, Schere, Stein“ und den dazugehörigen Spruch: „Ching, Chang, Chong“?
Von den Jungen habe ich eine neue Variante kennengelernt. Bei dieser Abart führen Sie die gleichen Hand-
bewegungen aus, die Sie von Papier, Schere, Stein kennen, sagen dabei jedoch laut und vernehmlich: „Ching, Chang, Schmerz.“ Wer verliert, kriegt eine Backpfeife. Keine saftige Ohrfeige, mehr ein gezieltes, jedoch labberiges Tätscheln. Bei den jungen Herren gab es großes Gelächter gratis dazu.
Ich vermute, wenn sich Mädchen etwas Alternatives ausdächten, hieße es „Ching, Chang, Schmatz.“ Und die Verlierer müssten den Gewinner küssen.

Zu erzählen wäre noch einiges, nur meine Zeit für heute ist um. Ihre sicher auch. Ich komme demnächst wieder. Ich hätte Ihnen zum Abschluss jedoch gern noch einen Blick von oben gezeigt.
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Aussicht aus dem 18. Stock des Klinikums Altona (Blickrichtung Süd, Elbe)

Elbblick vom Klinikum Altona …

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Das ist die Aussicht, die Sie aus dem 18. Stock des Klinikums in Altona haben. Ich bin extra einmal hoch-
gefahren. Nur in diesen Höhen kommt selten eine Fensterputzkolonne vorbei. Die Scheibe hat sicher schon einmal sauberere Zeiten erlebt; erkennen können Sie trotzdem ein bisschen.
Der Blick geht Richtung Süden, Richtung Elbe. Da das Gelände am Flussufer schnell ansteigt und Baum-
bestand auf den Anhöhen zusätzlich die Sicht auf den Strom nimmt, können Sie am besten mit Hilfe der Kräne am gegenüberliegenden Ufer erkennen, wo die Elbe verläuft.
Etwa in Bildmitte (Klick aufs obere Foto vergrößert die Aufnahme) lässt sich im Hintergrund sogar die langgezogene, geschwungene Köhlbrandbrücke ausmachen …
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Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Aussicht vom Klinikum Altona (Blickrichtung Elbe)

Wenn Sie sich von unserem Aussichtspunkt eine senkrechte Linie Richtung Elbfluss denken, würde sie etwa in Höhe der recht bekannten „Strandperle“ auf das Ufer stoßen. Die liegt zwischen dem Museumshafen Oevelgönne und dem großen Findling, den man „Alter Schwede“ getauft hat. Gegenüber am Elbufer befindet sich Waltershof mit den erwähnten Kränen, ein Areal, das nahezu ausschließlich aus Hafen- und Industrie-
anlagen besteht. Rechts davon (flussabwärts) liegt Finkenwerder. Dort schließt sich auch das Gelände von Airbus an. Die dicken Transportmaschinen („Beluga“) kommen hier beim Ansetzen zur Landung im Tiefflug vorbei, und sie röhren speziell beim Starten mächtig.

Feierabend. Vorerst. Machen Sie sich bitte darauf gefasst, dass ich Sie gelegentlich mit einem neuen Beitrag behelligen werde. Ich habe es jedenfalls vor. Je nach Lage – und wenn ich die beschreiben sollte, dann am ehesten so: Der Blick schweift in diesen Wochen eher nicht in die Ferne, sondern vorsichtig voraus, immer nur bis zur nächsten Ecke …

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Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit noch einmal recht herzlich für den vielen Zuspruch, die fürsorglichen Nachrichten und überhaupt ihre persönliche Anteilnahme via Kommentar und Mail nach dem letzten Post bedanken!

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© by Michèle Legrand, August 2017
Michèle Legrand

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Glückstadt: Elbluft und ein Test …

Zeit für einen kleinen Plausch? Ich habe nichts Weltbewegendes, völlig Umwerfendes für Sie aus dem Ärmel
zu schütteln, aber ich hätte gerade welche. Zeit, meine ich. Und Lust auf eine nette Unterhaltung. Sollte das
bei Ihnen auch der Fall sein, rutschen Sie gern näher.

Sind Sie bei Facebook aktiv? Ja? Haben Sie auch schon festgestellt, dass man sich dort von Betreiberseite
her große Mühe gibt, mit Ihnen zu kommunizieren, dabei mehr und mehr dazu übergeht, Sie sehr persönlich anzusprechen, um dadurch eine Art Beziehung – oder nennen wir es eher Bindung – aufzubauen?
„Guten Tag, Michèle“, heißt es zum Beispiel, sobald ich mich einloggt habe, „wie geht es dir?“ „Hallo Michèle, was machst du gerade?“ Immer mit namentlicher Ansprache. Vergleichbar mit der Serienbrieffunktion bei herkömmlicher Briefmassenpost. Gleicher Text an alle, jedoch geänderter Name. Des Empfängers im Adressfeld, der Anspracheform im gesamten Text. Personifizierung. Vertraulichkeit. Ankuscheln …
Facebook bezeichnet sich selbst immer als „wir“.
„Wir haben uns gedacht, du würdest dich und deine Freunde vielleicht gern an Ereignis XYZ von vor vier
Jahren erinnern. (Ein Uraltpost ist bereits herausgekramt.) Teile mit deinen Freunden … “
„Uns ist aufgefallen, dass du dein Profilfoto seit Langem nicht geändert hast. Michèle, willst du nicht deinen Freunden …?“ Anschmeicheln. Neues herauskitzeln …
Oder man hat Tipps, die mir das Leben und den Alltag erleichtern sollen.
„Hallo Michèle, morgen soll es in Hamburg regnen. Packe lieber deinen Regenschirm ein.“

Ist das nicht rührend? (Sekunde … mein Taschentuch …) Wie für einen gesorgt wird? Der Mensch benötigt in Zukunft bald wirklich keine realen Freunde mehr. Die sind völlig überflüssig. (Die Ironie kommt durch, oder?)
Bei mir können die Wir-Poster lange auf eine Reaktion warten, ich schreibe, wann ich lustig bin und teile nach eigenem Ermessen. Und wenn mein Foto fünf Jahre alt ist, dann ist das eben so.

Um auf die Wettervorhersage zurückzukommen, die ist bekanntlich nicht immer das Gelbe vom Ei. Am Montag herrschte wider Erwarten richtig Sonnenschein – angekündigt waren Regen und vereinzelte Schneeregen-
schauer. Auf diese Vorhersage vertraute auch mein fürsorgliches soziales Netzwerk. Ging ihr auf den Leim!
Tja, liebe WirPoster, und nun? Was mache ich jetzt mit dem Schirm? Für diesen Fall wäre irgendwo ein per-
sönliches Schließfach zwecks Ablage gar nicht schlecht.

Letzten Sonnabend wiederum fuhr ich mit einer Dauersonnenscheinankündigung der Wetterfrösche im Gepäck Richtung Glückstadt. Und die angepriesene Sonne? Untergetaucht. Oder sie hatte sich heillos verirrt. Blinzelte jedenfalls bis zum späten Nachmittag lediglich dreimal versuchsweise jeweils für knapp fünf Minuten uninspiriert durch ein Miniaturwolkenloch, und das war’s dann gewesen.
Nichtsdestotrotz empfand ich es als feine Sache, Elbluft zu schnuppern! Graue Wolken hin oder her.
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Elbe bei Glückstadt mit Deichvorland (Niedrigwasser)

Elbe bei Glückstadt

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Sie werden sich vielleicht wundern. Warum fährt sie dafür nach Glückstadt? Elbluft gibt es doch in Hamburg auch! Der Fluss fließt doch quasi vor der eigenen Haustür …
Ja, schon, das ist aber anders!

Hamburg bedeutet Großstadt. Um die 1,8 Mio. Einwohner. Großstadt mit Hafenbetrieb, mit Gewerbe und Industrie, mit Verkehr nahezu rund um die Uhr und einem dementsprechend hohen Lärmpegel. Hamburg hat Stadtluft. So gern ich meine Stadt generell habe, im Winter fehlt das Grün. Als Farbklecks, als Luftfilter, als Lärmschutz. Bei Kahlheit und dazu permanent grauem Wetter wie in diesem Winter, verliert jede Großstadt enorm von ihrem Charme. Draußen zumindest.
Zudem herrscht hier – völlig wetterunabhängig – immer Trubel, am Wochenende speziell an Elbe und Alster. Einheimische, Besucher und Touristen machen sich alle gleichzeitig auf den Weg. Die einen zum Entdecken und Besichtigen, die anderen zum Spazieren, zum Joggen, Radeln, Hund ausführen etc.

Glückstadt hingegen ist selbst im Winter ein hübsches, kleines, exakt 400 Jahre altes Städtchen mit nur etwa 12.000 Einwohnern sowie einer charmanten Altstadt. Viele historische Gebäude, alles sehr gepflegt. Extrem gut geeignet für kurzzeitiges Stadtflüchten, ebenso geschätzt mittlerweile allerdings auch als Wohnsitz von Pendlern, die den Wert der Ruhe kennen. Ich erzähle Ihnen ein anderes Mal mehr davon. Heute nur soviel:

Glückstadt liegt ca. 60 km (nord)westlich von Hamburg direkt an der Elbe. Es gibt einen Außenhafen, zusätz-
lich einen durch ein Sperrwerk abgetrennten Binnenhafen, und der Tourismus hält sich im Winter sehr in Grenzen.
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Glückstadt an der Elbe - Hafenbereich

Glückstadt an der Elbe – Hafenbereich

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Die Luft ist spürbar besser, man merkt es sofort bei der Ankunft. Ganz besonders fällt es jedoch bei der Rückkehr in die Großstadt auf! Der Fluss hat hier draußen inzwischen immerhin eine Breite von fast drei Kilometern, Elbmündung und Nordsee liegen nur noch 50 km entfernt, und landschaftlich ist das alles natürlich ebenfalls ein ganz anderes Ding.
Drumherum weite Flächen mit Ackerland und Wiesen, Begriffe wie Engelbrechtsche Wildnis oder Blomesche Wildnis deuten schon an, dass man mit Riesenandrang eher nicht rechnen muss. Das Flüsschen Herzhorner Rhin, das später als Rhin mit dem Schwarzwasser zusammen den Glückstädter Binnenhafen bildet und dort in die Elbe mündet, schlängelt sich durch die Region.
Grasbewachsene Deiche und etwas Vorland schützen Stadt und Einwohner vor Elbhochwasser und Über-
schwemmungen. Von Frühjahr bis Herbst ziehen Schafe über diese Grünflächen. Lebende Rasenmäher …
Hinter dem Deich die Elbe, ruhig, gelassen wirkend, denn eine schmale, parallel zum Ufer liegende, langge-
streckte Insel, die Rhinplate, befindet sich direkt vor der Stadt mitten im Strom. Sie unterteilt den Fluss optisch, trennt gleichzeitig Glückstadt von der tiefen Fahrrinne. Das Fahrwasser der großen Pötte, die Hamburg an-
laufen oder den Hafen Richtung Nordsee verlassen, liegt nämlich zur anderen Seite, im Bereich zwischen der Insel und dem niedersächsischen Ufer.
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Glückstadt - Elbe - Gut zu erkennen, dass die Fahrrinne hinter der Insel verläuft ... (Frachter durch Lücke zu erkennen)n?

Glückstadt – Elbe – Gut zu erkennen, dass die Fahrrinne hinter der Insel verläuft … Sie sehen den Frachter durchblitzen?

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Diese spezielle Lage Glückstadts ist übrigens mit ein Grund dafür, dass es nie so recht geklappt hat mit dem Vorhaben, eine Art Konkurrenzhandelsplatz zu Hamburg zu werden. Mit einem konkurrierenden Hafen an der Unterelbe. Der ließ sich einfach nicht so ideal und vor allem tief genug ausbauen.
Dennoch können hier heute immerhin Frachter bis 130 m Länge, 16 m Breite und mit bis zu 5,80 m Tiefgang den Außenhafen anlaufen. So kann doch einiges vor Ort umgeschlagen werden.
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Glückstadt an der Elbe - Leitfeuer Nordmole

Glückstadt an der Elbe – Leitfeuer Nordmole

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Vielleicht ist Ihnen auch die Fährverbindung von Glückstadt (Schleswig-Holstein) nach Wischhafen (Niedersachsen) ein Begriff. Schon selbst genutzt? Oder in den Verkehrsnachrichten davon gehört?
Die Anlegestelle liegt von Glückstadt aus gesehen bereits ein Stück elbabwärts, doch muss die Fähre beim Übersetzen nach Wischhafen immer noch in einem Bogen um die Inselspitze (links im Bild) herum fahren …
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Glückstadt (Elbe) - Hinten rechts der Anleger der Fähre Glückstadt-Wischhafen mit gerade ablegender Fähre, links die Insel Rhinplate und Frachtverkehr

Glückstadt (Elbe) – Hinten rechts der Anleger der Fähre Glückstadt-Wischhafen mit gerade ablegender Fähre

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Wenn Sie ganz genau hinschauen, erkennen Sie trotz Dunst sogar die zwei sich begegnenden Frachter im Elbfahrwasser. (Ein Klick aufs Bild vergrößert die Ansicht.)

In Planung ist eine Autobahn als Nord-Süd-Verbindung. Ihr würde als Elbquerung natürlich die kleine Fähre nie reichen. Die Neubaustrecke wird einen Tunnel zur Unterquerung der Elbe erhalten.

Mich führen seit Spätherbst letzten Jahres familiäre Gründe nach Glückstadt, was mich sehr freut, und am Sonnabend hatte ich die Gelegenheit, einen für mich interessanten Test zu starten. Ich fuhr am selben Tag die Hinstrecke mit dem Zug, legte jedoch den Rückweg am Steuer meines Autos zurück. So hatte ich die Chance, unmittelbar zu vergleichen:
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.                   .Wie gelangt man besser ans Ziel? Per Auto oder per Bahn?

Eine Frage, die sich derart allgemein gehalten mit Sicherheit nie beantworten lässt. Es hängt von so vielen Faktoren ab. Hier wird es jedoch interessant, weil eine Strecke zur Verfügung steht, die einen Vergleich zulässt, während sonst meist schon Gründe wie schlechte Verbindung, häufiges Umsteigen, lange Fahrtdauer, mühsamer Gepäcktransport, keine Möglichkeit vom Endbahnhof zum eigentlichen Ziel zu gelangen etc. schnell die Bahnreise von vornherein als den Testverlierer darstellen.
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Glückstadt - Elbe - Leitfeuer Südmole

Glückstadt – Elbe – Leitfeuer Südmole

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Hamburg und Glückstadt bieten sich deshalb als Versuchsstrecke an, weil sich – ob per Zug oder Auto – zunächst zeitmäßig kein allzu großer Unterschied ergibt. Außer, sie leben bereits im Westen Hamburgs
und sind daher sofort an der Autobahnauffahrt.
Ansonsten müssen sie jedes Mal erst durch Hamburgs dichten Stadtverkehr, um auf die Autobahn (A23)
zu gelangen. Später hinter Elmshorn geht es von der Autobahn ab. Für die restliche Strecke Richtung Elbe
stehen Land-/Bundesstraße zur Verfügung.
Per Zug gibt es ab Hamburg eine Direktverbindung und genügend Regionalbahnen, die täglich via Glückstadt Richtung Itzehoe aufbrechen bzw. die Gegenrichtung bedienen. Selbst am Wochenende.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was heißt eigentlich „besser“ ans Ziel kommen. Ich definiere es für mich einfach als ruhiger, entspannter. Und unter dem Aspekt geht für mich die Bahn als klarer Sieger dieses Wettbewerbs hervor!
Was habe ich es genossen, nicht überall im Stau zu stecken! Stattdessen abschalten, Beine ausstrecken, Gedanken freien Lauf lassen, hinaussehen. Keine Kuppelei, kein Stop and Go, keine mühsame Schlängelei durch einspurige Autobahnbaustellenbereiche.
Und vor allem, was kann man alles während der Bahnfahrt stattdessen machen oder einfach von außen aufnehmen. Was entdeckt man nicht alles unterwegs! Dinge, die einem konzentriert fahrenden, gestressten Autofahrer verborgen bleiben – ganz abgesehen davon, dass er genau dort gar nicht lang käme.
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Glückstadt - Hafen - Wandverschönerung am Fischpark (Wandmalerei mit Wal und Taucher)

Glückstadt – Hafen – Wandverschönerung am Fischpark

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Fazit: Mit Ausnahme der Landstraßenabschnitte in Schleswig-Holstein, die für Autofahrer recht entspanntes Fahren bedeuten, würde ich für diese Strecke jederzeit wieder die Bahn bevorzugen. Autofahren im Hamburger Stadtbereich oder der Peripherie ist eben absolut kein Vergnügen und das Argument Zeitvorteil kommt hier nicht zum Tragen.

Wissen Sie, was von der Zugfahrt besonders hängengeblieben ist? Der unabgelenkte Blick ins Weite!
Dunst, der über Feldern und Äckern liegt und langsam aufsteigt. Der aufreißt und sich verflüchtigt.
Die Ausschau auf Wiesen mit hunderten von Maulwurfshügeln. Einer neben dem anderen. Ich frage mich ernsthaft, wie viele Maulwürfe dort aktiv waren oder anders herum gesagt, wie viele Haufen ein einzelner Maulwurf wohl üblicherweise aufwirft. Wo sein Revier endet und der Kollege am buddeln ist.
Faszinierend auch der Anblick des Bussards, der von einem Zaunpfosten abhob, aufstieg und nach ein paar Flügelschlägen bereits in den Gleitflug verfiel …

Auf Hamburger Gebiet war es eher der ungewohnt geballte Anblick von Malereien an Gebäuden und Wänden entlang der Strecke. Oft wirklich keine Schönheit, nur Tags oder wilde Kritzeleien. Manchmal dazwischen plötzlich fantasievolle Fassadenmalerei, lebhafte, farbenfrohe Graffiti und zwischendurch Aussagen wie diese:
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.              Och, nö …

.              Du bist. Bist du? Du bist du!

.            .Wir wollen die Freiheit der Welt und Straßen aus Zucker.
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Hinter Hamburg-Eidelstedt bzw. -Stellingen enden die vielen Kurven und Gleiswechsel und mit ihnen das ge-
fühlte Schleichen. Nun kann die Regionalbahn richtig Gas geben. Die Autobahn des Bahnreisenden beginnt, hier werden Kilometer geschafft. Und das Schöne im Zug, ich muss selbst nichts dafür tun …

In Elmshorn hält der Zug regelmäßig etwas länger im Bahnhof, wartet auf andere Züge und Umsteiger. Mich beschlich irgendwann das Gefühl, wir kämen gar nicht wieder los, was offenbar an etwas unschlüssigen Menschen auf dem Bahnsteig lag. Kurz darauf erklang die freundlich-mahnende Durchsage des Zugführers:

„Bitte entscheiden Sie jetzt: Entweder rein in den Zug oder im schönen Elmshorn bleiben!“

Gerumpel, sich schließende Türen, Abfahrt. Der trotz Freundlichkeit offenbar genügend energisch herüberkommende verbale Anstupser hatte Wirkung gezeigt.

In Glückstadt riss übrigens tatsächlich der Himmel später etwas auf! Bei diesem Stadtnamen vielleicht kein Wunder, sondern Programm? Geht es Ihnen auch so, dass es sich für Sie netter, positiver und wünschens-
werter anhört, wenn Sie verkünden, Sie fahren nach Glückstadt, als – beispielsweise – nach Kummerfeld oder Elend?
Nichts gegen Kummerfeld und Elend! Ich spreche nur vom Namen und vom Gefühl!
Ich würde mich magisch von Glückstadt angezogen fühlen …
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Glückstadt - Die Elbe bei Niedrigwasser ...

Glückstadt – Die Elbe bei Niedrigwasser …

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Jetzt habe ich Ihnen tatsächlich schon wieder viel mehr erzählt, als ich ursprünglich vorhatte. Wie die Zeit vergeht! Lassen wir es für heute gut sein. Genügend Glückstädter Elbluft inhaliert. Für den Moment zumindest.

Nur eines noch: Haben Sie schon einmal einen Erpel landen sehen? Auf Eis? Auf nur einem, genauer gesagt dem linken Bein? Den rechten Patschfuß in die Luft und wie ein Stechpaddel elegant nach hinten rechts weggestreckt? Nicht?
Im Stadtpark von Glückstadt mit seinen Wasserläufen gibt es einen Artisten, der nach durchaus stürmischer Landung nicht etwa einbricht, sondern nach dem Aufsetzen mit lässiger Eleganz über hauchdünne Eisflächen glitscht. Ein Bild für die Götter!
Aller Aufwand nur, um danach Spaziergänger an Land zu Fuß zu begleiten …
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Glückstadt - Stadtpark - Als Spaziergänger fühlt man sich etwas verfolgt .... (Rechts vorne übrigens der Artistenerpel)

Glückstadt – Stadtpark – Als Spaziergänger fühlt man sich etwas verfolgt …. (Rechts vorne übrigens der Artistenerpel)

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Feierabend! Wenn Sie mögen, lesen wir uns demnächst wieder. Ich habe nur momentan einige Abendtermine und komme nicht so häufig an den Laptop wie gedacht.
Was nehmen Sie heute an Gelerntem mit? Genau: Aufpassen bei Facebook, Glückstadt ist schön, Elbluft ist nicht gleich Elbluft, Bahn fahren kann sehr entspannend sein, und es lohnt sich, auf landende Erpel zu achten.

Bis zum Wiederlesen! Lassen Sie es sich bis dahin gutgehen!

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© by Michèle Legrand, Februar 2017
Michèle Legrand

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„Das liegt an den Pferden …“

Kürzlich kullerten mir ein paar weiße Zuchtpilze vor die Füße. Sie und ein Verteilerkasten sind die Auslöser für den Beitrag, der heute auf Sie zukommt.
Verwundert? Nun, dieser Blog trägt nicht grundlos die Bezeichnung Gedankensprünge als Teil seines Namens. Die gibt es hier halt. Ein Erlebnis, die vor einem ablaufenden Bilder, ein auftauchendes Geräusch, ein Duft … So etwas ruft sehr häufig Assoziationen hervor und lenkt Gedanken im Nu um. In eine gänzlich neue Richtung. Bei mir ist es jedenfalls so. Sie führt ein solcher Gedankensprung heute in meine Wohngegend und nebenbei zeitlich zurück.

Wieso mir die Pilze überhaupt …? Das auslösende Moment gehört gar nicht zum Endthema, doch wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gern davon gleich mit.
Ich fuhr eine Rolltreppe hinauf. Direkt vor mir stand eine Frau mit einem proppevollen Einkaufsbeutel. Oben angekommen, erfolgte der obligatorische Schritt auf festen Boden – und da blieb sie stehen. Mitten im Auslauf! Dort, wo es noch zu eng ist, um auszuweichen und seitlich an ihr vorbeizuhuschen. Hinter mir folgten weitere Leute, eine Rolltreppe stoppt prinzipiell nicht, und so stieß ich von hinten an sie an. Es ließ sich absolut nicht verhindern.

Sie reagierte entrüstet. Verblüfft hielt ich mich zunächst zurück, denn – wäre ich an ihrer Stelle gewesen – ich hätte mich wohl eher entschuldigt. Sie begann erstaunlicherweise, sich lautstark zu beschweren und erklärte, dass alle Auflaufenden (ich, aber auch die danach Kommenden) besser hätten aufpassen müssen. Das wäre
so wie beim Autofahren: der, der auffährt, hätte Schuld.

Dem Herrn, der auf der Treppe direkt hinter mir gestanden hatte und der genauso in die Bredouille geraten war (er klebte nun noch halb an mir), platzte fast der Kragen, als er das vernahm. „Wir hätten alle stürzen können!“, war noch das Mildeste, was er von sich gab. Danach wurde es inhaltlich etwas ausfallend, was natürlich in keiner Form zu einem gütlichen oder halbwegs einvernehmlichen Ende führte.
Ich stand dazwischen und kam nicht weg. Natürlich ärgerte es mich auch! Was hatte das mit Aufpassen zu tun! Es gab doch keinerlei Anzeichen für einen kommenden Blitzstopp! Und wohin hätte man ausweichen sollen?
Überhaupt dieser Vergleich mit dem Straßenverkehr … Was wäre denn eine in etwa vergleichbare Situation? Vielleicht ein in einem engen, einspurigen Tunnel unvermittelt bremsender Autofahrer, der den Motor von jetzt auf gleich abschaltet und sein Fahrzeug grundlos stehen lässt? Wobei sich dort wenigstens nicht noch die Fahrbahn hinter ihm wie ein Transportband weiterbewegen würde.
Ich wandte mich ihr zu:
„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wir werden die Fahrt wiederholen. Es scheint, Sie können sich nicht vorstellen, dass Ihr Hintermann keine Chance hat, einen solchen Aufprall zu vermeiden. Also probieren wir es aus. Diesmal fahre ich vor Ihnen, Sie stellen sich hinter mich. Oben werde ich mich genauso verhalten wie Sie vorhin. Und Sie haben jetzt sogar noch den Riesenvorteil, dass Sie wissen, was kommt. Wir werden sehen, wie Sie die Lage meistern.“
Oooh! Das war gar nicht ihr Ding. Sie bezeichnete es als „bekloppte“ Idee und weigerte sich vehement. Vor lauter Empörung geriet der Einkaufsbeutel ins Schwanken, die obenauf liegende Papiertüte vom Gemüse-
händler fiel heraus, riss, und eine Ladung weißer Kullerpilze verteilte sich auf dem Boden. Vor meinen Füßen …

Ansonsten hat sich der kleine Menschenauflauf danach auseinanderdividiert. Es hatte keiner mehr Lust auf den Zirkus. Einsammeln musste sie ihre Pilze alleine.

Direkt nach diesem Theater stieß ich auf dem Heimweg auf besagten Verteilerkasten, der seit Kurzem über-
haupt nicht mehr grau und trostlos aussieht, sondern sehr positiv auffällt, nachdem er farblich gestaltet wurde. Es ist nicht der erste Stromkasten, der in meinem Bezirk (Wandsbek) durch das kunstvolle Bemalen und Aufsprühen von farbigen Motiven eine solche Schönheitskur erfährt – und wieder ist es ein Werk von Vincent Schulze!
Können Sie sich noch dunkel entsinnen? Bereits vor fünf Jahren (2012) habe ich den Hamburger Künstler
ein erstes Mal im Blog erwähnt. Inzwischen hat er in vielen Stadtteilen seine Spuren hinterlassen. Außer in Wandsbek wird man u. a. in Eimsbüttel, Curslack, Neugraben, Lohbrügge sowie Niendorf oder auch an der Alster fündig. Seine Werke entstehen jedoch nicht nur draußen, als Kunst im öffentlichen Raum (Fassaden, Verteilerkästen etc.) für alle sichtbar, sondern natürlich vermehrt auch als Innengestaltung in Wohn- und
Nutzräumen (z. B. Badgestaltung) oder nicht allgemein zugänglich als Wandmalerei auf Privatgrund (Innenhöfe). Auftraggeber sind sowohl Privatpersonen als auch Vereine sowie Firmen unterschiedlichster Branchen, die ihren Traum vom geschäftsbezogenen Motiv oder von Skylines, Dünenlandschaften, Tieren, Gebäuden etc. verwirklicht haben möchten.
Was mir – abgesehen von seiner Arbeit ganz generell – besonders gefällt, ist, dass die Außenmotive in der Mehrheit der Fälle einen unmittelbaren, meist geschichtlichen, Bezug zur Umgebung haben.

Der recht breite Verteilerkasten, um den es zunächst geht, steht auf dem Wandsbeker Marktplatz. Er besitzt auf Vorder- und Rückseite unterschiedliche Motive.
Die der Straße abgewandte Ansicht verschafft einen Eindruck davon, wie der Marktplatz im Jahre 1866 ausgesehen hat. Zu der Zeit gab es dort tatsächlich noch eine Art Wald.
Erkennen Sie die Freifläche rechts neben der Kirche? 22 Jahre später (1888) startete dort der Bau des Matthias-Claudius-Gymnasiums, das es heute noch gibt, wenngleich auch die Schäden am ursprünglichen Gebäude im Krieg enorm waren und es inzwischen einige Neu- und Erweiterungsbauten gibt.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) - Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Verteilerkasten mit alter Ansicht (Blick stadtauswärts) – Gestaltung: Vincent Schulze,, HH

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Auf dem zur Straßenseite ausgerichteten Bild, ist als größter Bau das Karstadt-Haus zu erkennen und zwar um das Jahr 1900 herum. (Für Nichthamburger zur Information. Karstadt gibt es bis heute dort, eines der wenigen Gebäude, die sogar den Krieg überstanden haben.) Wer ein bisschen in diese Zeit zurückgeht, findet heraus, dass es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht Rudolph Karstadt, dem bekannten Begründer der Dynastie, gehörte, sondern seinem Bruder Ernst, der es ihm jedoch nicht lange danach verkaufte.
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Hamburg - Wandsbeker Marktplatz - Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus - Gestaltung: Vincent Schulze, HH

Hamburg – Wandsbeker Marktplatz – Alte Ansicht der Wandbeker Marktstraße mit Karstadt-Haus – Gestaltung: Vincent Schulze, HH

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Auf zwei weiteren, nebeneinander stehenden, kleineren Kästen, die ebenfalls durch Vincent Schulze ein neues Gesicht erhielten, sind Matthias Claudius, der hier in Wandsbek lebte, sowie seine Frau Rebecca (Rebekka) porträtiert (Ecke Claudiusstraße/Schloßstraße).
Und noch ein sehr schöner und vom selben Künstler enorm aufgewerteter Verteilerkasten mit Wandsbek-Bezug hat seinen Platz Ecke Neumann-Reichardt-Straße/Schädlerstraße. Auf ihm ist das ehemalige Wandsbeker Schloss zu sehen, das einst nah des Wandsbeker Marktes stand. Leider existiert es nicht mehr. Dabei würde es sich sehr gut machen …

An seinem Platz entstand zunächst die Wandesburg, eine Wasserburg, die Heinrich Rantzau ab 1564 er-
bauen ließ. Nach diversen Eigentümerwechseln gelangte 200 Jahre später Heinrich Carl von Schimmelmann in ihren Besitz. Wir Wandsbeker (und noch ein paar andere, z. B. die Altonaer) gehörten früher lange zum Königreich von Dänemark. So erklärt sich die zunächst erstaunlich klingende Aussage, dass der neue Eigen-
türmer 1764 gleichzeitig Finanzminister von Dänemark war. So wie übrigens auch schon zuvor Rantzau die Funktion eines dänischen Statthalters ausübte.
Von Schimmelmann ließ die Burg bald danach abreißen, um auf ihr sein Wandsbeker Schloss (1772 bis 1778) zu errichten – inklusive eines Barockparks und eines Landschaftsgartens. Und natürlich entstanden Gebäude für die Bediensteten sowie Stallungen. Große Teile des heutigen Stadtteils Marienthal zählten früher zum Gebiet des ausgedehnten Guts.
Ungünstig war nur, dass bereits die Nachfahren Schimmelmanns im 19. Jahrhundert Geldprobleme hatten und das Anwesen verkaufen mussten. Ein Herr von Carstenn (tatsächlich mit Doppel-n) übernahm es, teilte flink das Land in Parzellen auf, verkaufte diese und ließ das schöne Schloss 1861 abreißen.
Achtzig oder knapp neunzig Jahre sind in meinen Augen keine sonderlich lange „Lebenszeit“ für ein Barockschloss.
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Hamburg - Wandsbek - Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss (Vorderseite) - Gestaltung: Vincent Schulze

Hamburg – Wandsbek – Verteilerkasten mit Wandsbeker Schloss – Gestaltung: Vincent Schulze

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Vor zehn Jahren – bevor ein Neubauvorhaben mit umfangreichen Bodenbewegungen gestartet wurde – führte man vor Ort Ausgrabungen durch. Dabei wurden Ziegelmauerreste entdeckt, die auf Felssteinfundamenten errichtet waren. Außerdem kamen  hölzerne Zu- und Abwasserleitungen zum Vorschein.

Auf alten Ansichten ist zu erkennen, dass einst zwei steinerne Löwen links und rechts der Auffahrt zum Schloss Wache hielten. Die Originale gibt es noch, sie stehen heute im WBZ (Zentrum für Wirtschaftsförderung, Bauen und Umwelt, Schlossgarten 9), also fast an ihrem ursprünglichen Platz, nur drinnen, damit der Sandstein nicht der Witterung ausgesetzt sind. Es sind Abgüsse der beiden Skulpturen, die seit 2004 den Wandsbeker Marktplatz bewachen.
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Hamburg - Wandsbek - Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

Hamburg – Wandsbek – Einer der Löwen (Abguss) des ehemaligen Wandsbeker Schlosses

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Und bis heute existieren zwei Exemplare der Sandsteinvasen, die ebenfalls die Außenanlage des Schlosses zierten …
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Hamburg - Wandsbek - Eine der existierenden Sandsteinvasen, die einst am alten Wandsbeker Schloss standen

Sandsteinvase, die einst am alten Wandsbeker Schloss stand …

Dass mich die Malereien auf dem Verteilerkasten zu Vincent Schulze und dessen Wandsbek-Motive wiederum zum Thema Schloss führten, können Sie leicht nachvollziehen. Doch warum auch die Pilze?

Als ich vor recht langer Zeit hierher in eine Parallelstraße zum „Schloßgarten“, eben jener Straße zog, in der sich in früheren Zeiten das Schloss befand, hatte ich nur eine sehr vage Idee davon gehabt. Und die eher vom Bauwerk als von den Ausmaßen der Ländereien!
Während ich südwestlich vom ehemaligen Standort des Schlosses lebe, zogen sich die angelegten Gärten
mehr in östlicher Richtung, dort, wo heute die Überreste des alten Baumbestandes das Gehölz bilden.
Gab es auch eine Ausdehnung in die andere Richtung, mehr zu meiner Seite hin?

Als ich in den Anfangsjahren einmal im Garten werkelte, spazierte eines Spätsommernachmittags eine betagte Dame vorbei, die in der Nachbarschaft, nur ein paar Häuser weiter, wohnte. Wir kamen ins Gespräch, und ich verriet ihr, dass ich erstaunt darüber sei, schon das dritte Jahr in Folge haufenweise Champignons auf meinem Rasen zu entdecken. Echte Wiesenchampignons!
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Wiesenchampignon im Garten ...

Wiesenchampignon im Garten …

Sie schaute verschwörerisch drein und verkündete mir dann:
„Das liegt an den Pferden.“
„Ich habe keine Pferde.“
„Nein, die von früher …“
Ich verstand immer noch nicht, worauf sie hinaus wollte. So erklärte sie die Umstände etwas genauer:
„Schauen Sie, ich spreche von dem alten Schloss. Hier waren früher Pferdekoppeln, die Weiden der herrschaftlichen Pferde. Die haben damals natürlich überall ihre Pferdeäppel abgelegt. Den Mist aus den Ställen verteilte man in den Nutzgartenbereichen. Beste Voraussetzung dafür, dass auf dem Boden Champignons gedeihen. Selbst heute hat das Erdreich immer noch etwas davon in sich. Von diesem Pferdedung, meine ich. Ich habe auch Champignons im Garten!“

Ich weiß bis heute nicht, ob ich dem Glauben schenken soll oder nicht … Was meinen Sie?
Als nach dem Abriss des Wandsbeker Schlosses die Grundstücke verkauft wurden, also auch die Weide- und Anbauflächen, errichtete man dort nach und nach Villen und zog neue Straßen durch das Gebiet. Später, im Krieg, war diese Gegend u.  a. während der Operation Gomorrha Ziel zahlreicher Bombenabwürfe. Ein ganz erheblicher Teil der Villen lag danach in Trümmern oder hatte den Feuersturm nicht überstanden.
Man ließ damals den Schutt an Ort und Stelle, verteilte ihn großflächig, planierte alles und baute so bald es ging direkt darauf neue Häuser. Aus eigener Erfahrung weiß ich, nur eine dünne Lage Erde bedeckt die Ziegelgeröllschicht von damals.
Schauen Sie einmal, was ich vor Jahren bei jedem Stück Garten, das ich neu anlegen und gestalten wollte, zuvor alles auszugraben hatte …
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Hamburg - Wandsbek/Marienthal - Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden ...

Hamburg – Wandsbek/Marienthal – Schuttreste aus Kriegszeiten sind immer noch im Boden …

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Selbst wenn einige Stellen im Umkreis des Schlosses tatsächlich noch „original“ sein sollten, d. h. der Boden ohne Schuttschicht … Kann es sein, dass sich der damals reichlich ausgebrachte Pferdedung in Form von Weideäpfeln und Stallmist noch nach 100 bis 150 Jahren auf die Erdbeschaffenheit auswirkt? Sie eine champignontaugliche Zusammensetzung besitzt? Zumindest, wenn weitere Gegebenheiten ebenfalls passen, wie beispielsweise ein Stück vorhandene, natürliche Rasenfläche/Wiese, möglicherweise Gehölze als Anrainer, neutraler bis leicht basischer Untergrund, keine mineralischen Dünger, überhaupt wenig Nährstoffe bei gleichzeitig genügend hohem Stickstoffanteil. Ideal dazu wäre eindeutig halb verrottetes, fermentiertes Material (wie eben Pferdemist).

Vielleicht ist das, was mir die alte Dame erzählte, lediglich ein schönes Märchen. Allerdings mag ich solche Geschichten!
Wann immer bei mir Champignons vorwitzig aus der Erde oder zwischen Gräsern des Rasens hervorlugen,
sich strecken und ihre erstaunlich großen Hüte ausbreiten, denke ich automatisch an die Rösser des Herrn Schimmelmann, die womöglich ausgerechnet in meinem Garten den Drang verspürten, Äppeldung mit Langzeitwirkung zu hinterlassen.
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Schluss machen für heute? Ja, es ist schon wieder dunkel draußen. Nur noch ein kleiner Schlenker und gedanklicher Sprung zurück zur Wandmalerei und Verteilerkastengestaltung.
Wenn Sie neugierig geworden sind und Lust auf weitere Motive bekommen haben, dann finden Sie auf der Website des Künstlers Vincent Schulze im Blogbereich vielfältige und wirklich sehenswerte Fotobeispiele.

Hier geht’s zur Homepage, hier direkt zum Blog.
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Und nun ist endgültig Feierabend!  Denn, um es mit den Worten von Matthias Claudius zu sagen, „Der Mond ist aufgegangen“.

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Hamburg - Wandsbek/Christuskirche - Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze "Der Mond ist aufgegangen" von Waldemar Otto.

Hamburg – Wandsbek/Christuskirche – Zur Erinnerung an Matthias Claudius die Bronze „Der Mond ist aufgegangen“ von Waldemar Otto.

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Vielleicht schauen Sie gelegentlich wieder vorbei, es würde mich freuen.  Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Januar 2017
Michèle Legrand

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30 Kommentare

„Büschen Wind“

Haben Sie das Weihnachtsfest gut verlebt? Ich hoffe, Sie hatten schöne Feiertage, solche entspannter Natur, so dass Ihnen Stress oder andere Unannehmlichkeiten weitestgehend erspart blieben.

Nachdem der Trubel vorbei und das Essen etwas gesackt ist, spräche doch nichts dagegen, sich hier erneut zusammenzufinden. Ich hätte Sie nach der vermehrten Sitzerei natürlich gern wieder zu einem Spaziergang abgeholt, doch glauben Sie mir, das Hamburger Wetter war bisher alles andere als empfehlenswert für einen Aufenthalt im Freien. Sturm, Regen und Hochwasser wurden uns um Weihnachten herum kredenzt.
Obwohl Hamburger – mit ihrem leichten Faible fürs Understatement – eher von einem büschen (bisschen) Wind und erhöhter Feuchtigkeit sprechen. Ich sage, es hat ordentlich gebrist, dazu gab es ausgiebig Sprühregen, am zweiten Feiertag abends örtlich obendrein Hagel, der Blitzeis auslöste. Nicht so fein. Genauso wenig wie umge-
stürzte Bäume und herumfliegende Gegenstände. Und dann die Elbe!
Dazu fällt mir gerade etwas ein …

Ein ehemaliger Kollege war Leiter der Speditionsabteilung meiner damaligen Firma. Er war einer dieser wetterfesten Althamburger. Jobbedingt musste er recht häufig vom Büro an der Außenalster hinüber in den Hafen zu Speditionen und anderen Betrieben, zu Lagerhallen und Schuppen oder, wenn wir Ware erwarteten bzw. verluden, auch direkt bis an die Pier zu den Containerschiffen. Ein alter Fuchs wie er war natürlich mit den Gezeiten vertraut und wusste, was Sturm an der Elbe, einem mit der rauen Nordsee verbundenen Fluss, bedeutet. So einem war klar, dass man bei Hochwasser fix aufpassen musste, wo im Hafenareal noch ein Durchkommen war und vor allem, wo man bei angesetzten Terminen vor Ort zwischenzeitlich sein Auto ab-
stellen konnte und wo tunlichst nicht.
Wer nicht gerade ein Amphibienfahrzeug besitzt, hat nämlich sonst ganz schnell das Nachsehen.

Es ging auch alles gut bis zu dem Tag, an dem er nach einem Vertragsabschluss zum Feiern mit Geschäfts-
partnern am Hafenrand, unten in Altona an der Fischauktionshalle, unterwegs war und seinen ziemlich neuen BMW dort parkte. Völlig sorglos, da sich kaum ein Lüftchen regte, geschweige denn eine Sturmflutwarnung verbreitet worden wäre.
Man feierte bei einem Essen auf Partnerseite die zu erwartenden großen Ladungsmengen bzw. auf unserer Seite vorteilhafte Sonderkonditionen für alle Frachtraten, zog spätabends zu Fuß weiter, versackte in einer Kneipe auf St. Pauli und becherte ganz erheblich – wie das seinerzeit branchenüblich war. Der Morgen dämmerte bereits, als der Kollege sich von einem Taxi nach Hause chauffieren ließ. Vernünftig nach all dem Alkoholkonsum, und das eigene Auto lässt sich schließlich auch im Tagesverlauf noch einsammeln.

Nicht so reaktionsschnell wie sonst, fiel ihm im angeduselten Zustand überhaupt nicht auf, dass über Nacht ein frisches Windchen aufgekommen war. Eines, das der Sturmflutwarndienst des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie so nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Später hieß es, man hätte es schwächer und wesentlich weiter nordöstlich vorbeiziehend erwartet. Dieses „büschen Wind“ erreichte jedoch selbst in Stadtnähe in Böen Orkanstärke, was wiederum zur Folge hatte, dass das auflaufende Hochwasser mit Macht hereingedrückt wurde und in Altona an der Fischauktionshalle Land unter herrschte. Die Elbe trat im Schwall über die Kaimauer, noch bevor überhaupt der Höchststand der Flut erreicht worden war.

Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie sich Wasser seinen Weg sucht, wie schnell es sich durchfrisst, ausbreitet und dabei der Wasserspiegel innerhalb weniger Minuten massiv steigt …
Für die Fischauktionshalle selbst ist das Hochwasser kein Drama. Dort ist es bereits eingeplant. Man öffnet sogar die Tore, damit das Wasser gut wieder ablaufen kann. Aber für alles drum herum bedeutet es heute genauso wie früher: Was nicht niet- und nagelfest ist, wird getunkt, getränkt und mitgeschleift, und nicht rechtzeitig entfernte Autos in Kainähe gehen nach kurzer Zeit auf leichte Tauchstation. Heute wie damals.

Wie es mit dem Kollegen weiterging? Am nächsten Morgen vermissten die Mitarbeiter der Speditionsabteilung zunächst ihren Chef, nahmen angesichts des Vertragsabschlusses und des intensiven „Anstoßens“ jedoch an, er wäre verkatert und käme deshalb etwas später. Mittags hielt ein weißer R4 vor der Firma. Sein Sohn lieferte ihn am Büro ab.
Es stellte sich heraus, dass der Nachtschwärmer daheim im Halbschlaf das Heulen des Windes und das Rütteln an den Fenstern mitbekommen und kurz darauf im Radio von der Sturmflut bzw. der Situation im Hafen gehört hatte. In böser Vorahnung war er mit seinem Sohn als Chauffeur zur Fischauktionshalle geeilt. Wasser stand dort nicht. Nicht mehr. So schnell wie es aufläuft, läuft es häufig auch wieder ab. Allerdings stand dort auch kein Auto mehr. Kostenpflichtig abtransportiert, wie er kurz darauf von der Polizei erfuhr. Es hatte nachts eigenmächtig seine Position verändert und gefährdete den Verkehr. Die Spuren am Auto zeigten, dass das Wasser bis mindestens Oberkante Radkasten gestanden hatte und teilweise hineingelaufen war – an Stellen, die besser kein Wasser abbekommen hätten.
Inzwischen befand sich der BMW erneut auf einem Abschleppwagen und auf dem Weg zu einer Werkstatt. Die Laune seines Besitzers fiel eine ganze Weile entsprechend grottig aus. Die Stimmung besserte sich erst, als das Auto aus der Reparatur zurückkam, wieder einsatzfähig war und langsam Gras über die Sache wuchs.
Nur von Zeit zu Zeit, wenn der Abteilungschef wieder zu Terminen Richtung Hafen aufbrach, konnte es sich mancher nicht verkneifen, mit unschuldigem Blick und den Worten „Büschen windig, oder?“ alte Wunden wieder aufzureißen.

Sturmflut in Hamburg. Überflutete Bereiche im Hafengebiet. Verschwundene Straßen, einsam aus dem Wasser ragende Laternenpfähle oder die Oberkanten von Sitzbanklehnen als einzige noch herausragende Teile und sichtbare Beweise ihrer Existenz. Umgekippte Mülltonnen, herumfliegende Gegenstände, im Wasser treibende Teile. Sprühregen, den der Wind waagerecht heranpeitschen lässt. Sie haben vielleicht entsprechende Aufnahmen gesehen. Alles büschen feucht …

Im Moment wird gerade wieder diskutiert, ob zu spät vor dem Hochwasser am zweiten Feiertag gewarnt wurde, denn die Sturmflutwarnung kam erst in der Nacht, als die meisten bereits schliefen, also nichts mehr hätten in Sicherheit bringen oder eventuell zusätzlich hätten schützen können. Auf der anderen Seite kam es selbst für Spätheimkehrer nicht mehr rechtzeitig genug; sie wurden von der Heftigkeit der Sturmflut und den überfluteten Straßen größtenteils überrascht.
Zum Zeitpunkt der Nachricht und Warnung war der Höchststand jedenfalls schon fast erreicht, und der Fischmarkt optisch bereits ein Swimmingpool.

Es ist offenbar gar nicht so leicht, den richtigen Zeitpunkt für die Verbreitung einer Warnmeldung zu finden. Vor einiger Zeit wurde massiv und mit überreichlichem Vorlauf vor einer erwarteten, schweren Sturmflut gewarnt, nur trat sie später in dieser Form nicht ein. Die angekündigten Pegelstände wurden bei weitem nicht erreicht. Schon wurde gemeckert. Was die Aufregung und unnütze Panikmacherei solle.
Zu Weihnachten hingegen hatte man stürmische Winde an der Küste erwähnt und auf dadurch etwas höher ausfallendes Hochwasser hingewiesen. Nun entpuppte sich das „büschen Wind“ als mächtiger als vermutet. Sie werden es ahnen – nun wird gemosert, dass „nie“ jemand was sagt.
Und die Fachleute selbst äußern dazu, sie wollten vermeiden, zu oft und zu früh zu warnen, weil sie dadurch im Fall der Fälle keiner mehr ernst nehmen würde …
Stimmt alles, doch lieber einmal zu oft oder letztendlich unnötig gewarnt, als gar nicht und es passiert durch Unwissenheit ein Unglück. Oder wie sehen Sie die Sache?

Bei Sturm und Regen war mir nicht so sehr danach ins Hochwassergebiet zu marschieren, nur um Fotos mitzubringen. Ich habe in meinem Archiv gekramt und zeige Ihnen stattdessen, wie es an der Fischauktionshalle aussieht, wenn es trocken und sturmfrei ist. Die 120 Jahre alte Halle ist nämlich ein sehr schöner Bau, der nach der Restaurierung 1984 zu Recht unter Denkmalschutz gestellt wurde.
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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle in der Abenddämmerung

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle in der Abenddämmerung

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Haben Sie gesehen? Draußen vor der Halle macht gerade eine Gruppe von weißbemützten Köchen Pause, bevor die Verköstigung der Gäste drinnen weitergeht …
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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle mit Stil an der Großen Elbstraße (Details Ziegelwand und Wandlampen)

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle mit Stil an der Großen Elbstraße

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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle (Detail Fenster Eingang)

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle

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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle - Auch von innen interessant anzusehen ...

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle – Auch von innen interessant anzusehen …

Sie können auf den nächsten Aufnahmen erkennen, wo Autos üblicherweise geparkt werden. Hinter der Fischauktionshalle verläuft die Große Elbstraße …
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Hamburg - Altona - Große Elbstraße (Im Hintergrund die Fischauktionshalle)

Hamburg – Altona – Große Elbstraße (Im Hintergrund die Fischauktionshalle)

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… und etwas weiter rechts (Foto unten), von der Halle aus gesehen, findet am Sonntag in der Früh stets der traditionelle Altonaer Fischmarkt statt.
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Hamburg - Elbe - Anleger Altona (Fischmarkt) mit Fischauktionshalle

Hamburg – Elbe – Anleger Altona (Fischmarkt) mit Fischauktionshalle

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All diese Bereiche stehen bei Sturmflut komplett unter Wasser …

Der erwähnte Kollege hat natürlich nie wieder dort unten geparkt. Einmal Überflutung, nasser BMW und Reparaturkosten haben ihm gereicht. Geben auch Sie acht, wo Sie ihre Habseligkeiten abstellen, falls Sie einmal in Hamburg an der Elbe unterwegs sind und so ein büschen Wind weht. Auch am Elbstrand!
So wie die Flut an der Nordsee nach der Ebbe enorm schnell große und eben noch trockene Wattbereiche wieder für sich einnimmt, so macht sich hier der Fluss notfalls breit und erobert sich das Land dazu. Wasser
ist unberechenbar …

Ich schaue gerade aus dem Fenster … Ich möchte nicht euphorisch wirken, schon gar nicht zu früh, doch es scheint tatsächlich so, als würde sich das Wetter endlich bessern. Ein Spaziergang rückt somit in greifbare Nähe. Sie werden schon sehen, das wird hier alles penibel nachgeholt …

Haben Sie jedoch erst einmal eine schöne Zeit zwischen den Jahren und kommen Sie gut in das neue Jahr hinein. Wäre es nicht traumhaft, wenn 2017 positiver und friedlicher ausfallen würde als 2016?
Ach, kommen Sie, träumen und hoffen darf man doch …

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© by Michèle Legrand, Dezember 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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39 Kommentare

Dicke Wände, Schleimspuren und anderes …

Mögen Sie ein Stück mitspazieren? Es geht um nichts … Spektakuläres. Frische Luft, ein bisschen schauen, dazu ein kleiner Plausch, der unterwegs das graue Wetter hier im Norden ignorieren hilft. Und ich bin gerade ziemlich froh, dass es mit dem Spazieren wieder funktioniert, denn neulich habe ich doch glatt getestet, ob
mein Knie oder die Straße härter ist, ob gedehnte Bänder im Fuß Schmerzen verursachen und ob eine Asphaltoberfläche Platz- und Schürfwunden über der Augenbraue verursacht. (Ja, tut sie.) Nun ist alles wie-
der picobello, also könnten wir von mir aus starten.

Der OSZE-Gipfel ist mittlerweile geschafft, insofern sind keine Streckenbehinderungen zu erwarten. Ich wohne
in Hamburg sowieso in einem anderen Bezirk, einem, der letzte Woche zumindest von Sperrungen nicht direkt betroffen war, doch die Helikopter hörte man auch hier ständig. Die kreisten pausenlos über der ganzen Stadt.

Am Mittwoch, bevor der Gipfel startete und die Politiker bereits eintrafen, näherte sich nachmittags eine Passagiermaschine auf einem völlig anderen Kurs als üblich, vollzog über unserem Haus in Schräglage
eine Kurve und flog in extremem Schneckentempo weiter Richtung Flughafen. Ich munkele gern herum,
dass Außenminister John Kerry gerade einflog und ihm auf diese Weise noch ein wenig Sightseeing von
oben beschert wurde.
„Yes, Mr. Kerry, bird’s eye view of the awesome city of Hamburg. Sir, wenn Sie jetzt nach unten schauen,
you can see the Eisbahn of the Wandsbeker Winterzauber. Yes, Winterzauber. No, keine Zauberei! It’s
a Christmas Market. And look here, more on the left, standing in front of the house! Die Frau an der Tür,
sie schaut gerade hoch! …This is Michèle, you know?“
„Oh, really? I see …Wait, the one blogging about the Olivenholz?“

Das ist ein Ding mit ’nem Pfiff, oder? Ich schreibe über Hamburger Weihnachtsmärkte und erwähne gewisse Olivenholzschalen etwas näher. Was macht Mr. Kerry? Rennt vom Hotel als erstes hinüber zum Jungfernstieg und kauft sich eine! Ich habe ja beim Blog einen Abonnenten mit dem Namen John … Wahrscheinlich liest
der Gipfelgast aus den USA mit.
Oh, warten Sie, dabei fällt mir gerade etwas anderes ein!

Passiert es Ihnen auch manchmal, dass etwas Sie abrupt an schon ewig aus den Augen verlorene Menschen aus Ihrem Bekannten- oder einstigem Kollegenkreis erinnert? Ich erlebe das hin und wieder.
Irgendjemand vor mir hat einen vertrauten Gang, nimmt eine Haltung ein, die mir bekannt vorkommt. Manch-
mal erklingt eine Stimme, die mich aufhorchen lässt. Ein Singsang, ein Dialekt … Oder ein Verhalten weckt Erinnerungen!
Mir fiel daher eben spontan ein ehemaliger Kollege ein, der immer wunderbar ernst bleiben konnte, selbst wenn er anderen den größten Blödsinn erzählte. Ihm bereitete es diebische Freude, sein Gegenüber auf die Schippe zu nehmen. Doch jedes Mal, bevor es wirklich brenzlig wurde, wurde fix ein entwaffnendes „Späßle g’macht“ hinterhergeschoben. Dabei blickte er dermaßen zerknirscht drein (so echt, wie er vorher ernst geschaut hatte), dass man ihm unmöglich lange böse sein konnte.
Sie wissen, an welcher Stelle die Erinnerung an ihn bei mir aufblitzte? Genau. Außenminister Kerry hat mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit nicht vorher bei mir im Blog gestöbert. Späßle g’macht.

Und sie blitzte ein weiteres Mal auf, als ich gestern einen Vater mit seiner noch kleinen Tochter im Eiscafé sah. Der war vom gleichen Schlag wie Gernot Küppers* damals. Die beiden, Vater und Tochter, haben Espresso für ihn und ein Kindereis für die Lütte bestellt. Schneckeneis. Das kennen Sie, oder? Auf einem Teller kriecht eine freundlich wirkende Schnecke entlang. Der Leib wird aus einer Kugel Erdbeereis geformt, Hals und Kopf sind aus Vanilleeis und dementsprechend hell. Die Augen entstehen durch Schokostückchen, die Fühler sind in den Eiskopf versenkte Kekssticks, das Haus wird durch eine runde, flache Waffel, die zusammen mit einer Fruchtgummischnecke (wie Lakritzschnecke, nur rot) hochkant im Erdbeereis klemmt, nachgebildet. Sieht verdammt schick aus.
Die Schnecke wird gebracht.
„Papa, was ist das da auf dem Teller?“
„Eine Schnecke, Häschen.“
„Nein, das andere.“
Die Schnecke kriecht durch Vanillesoße.
„Das ist Schneckenschleim.“
„Iiiiehh!“
Ein weiterer Fall von „Späßle g’macht“. Ebenfalls bierernst, bestenfalls in den Augen funkelte es etwas verdächtig. Es dauerte übrigens einige Zeit, die kleine Dame wieder vom Gegenteil zu überzeugen und
zum Essen zu bewegen.

Wir kommen völlig vom Thema ab, doch auch das erinnert mich in gewisser Weise an den Kollegen Küppers. Der steckte gelegentlich den Kopf durch die Tür in mein Büro und fragte vorsichtig: „Kleines Schwätzchen?“
Sie können sicher sein, dass er selten beim ursprünglichen Thema blieb und dass es „viele kleine Schwätzchen“ wurden, falls man ihn nicht diplomatisch wieder hinausbugsierte.

Schwätzchen? Sie … und ich? Ich frag nur … Ich möchte Ihnen doch noch von den dicken Wänden erzählen.

In Hamburg gibt es auch heutzutage noch viele Bunkerbauten aus Zeiten des Krieges. So um die 700 sollen es sein, heißt es, wobei einige mittlerweile  komplett abgerissen bzw. abgetragen wurden und sich diese Gesamt-
zahl verteilt auf Hochbunker, Rundtürme, Flaktürme, Sonderbauten und einen großen Teil an unterirdischen Anlagen.
Rundtürme finden Sie z. B. noch am Baumwall oder Bahnhof Hasselbrook, an der Sternschanze oder auch dem Wiesendamm. Was am meisten, oft auch störend, ins Auge fällt, sind natürlich die großen, kantigen, grauen Stahlklötze, die Hochbunker.
Noch bis in die Zeit des Kalten Krieges hat man immer gedacht, man bräuchte sie vielleicht noch einmal als sichere Unterbringungsmöglichkeiten, als Schutzraum, für die Bevölkerung. Man hat sie erhalten, sich aber nicht sonderlich um sie gekümmert. Dann herrschte für ein Weilchen – politisch gesehen – Tauwetter, so dass sich aufgrund (vermeintlich) friedlicher Zukunftsaussichten Gedanken um eine anderweitige Nutzung gemacht wurde.

Sie haben überregional sicher verfolgen können, dass der große Bunker am Heiligengeistfeld (dort wo der Hamburger Dom stattfindet, Public Viewing während Fußball-WMs veranstaltet wird und sich ganz nah das Millerntorstadion (FC St. Pauli) befindet), umgestaltet werden soll. Auf ihm könnte ein großer Dachgarten entstehen (zugestimmt ist dem bereits), doch wie die Bunkerbegrünung  etc. im Detail aussehen soll und am Ende realisiert wird, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Ob es wirklich fünf zusätzliche Stockwerke sind, die genehmigt werden und wie so eine Baumanpflanzung in luftiger Höhe funktioniert und auf Dauer auch überlebt … Warten wir es einfach ab.
Dieser ehemalige Bunker (Flakturm) an der U-Bahn Feldstraße ist heute als Medienbunker bekannt, mit vielen Firmen, die sich mit Film, Musik oder Unterhaltung beschäftigen. Auch der Club Uebel & Gefährlich ist dort. Die Nutzung hier also: medienlastig.
Werden andere Bunker in heutiger Zeit ohne größere vorherige Umbauten genutzt, geschieht das ebenfalls häufig durch gewerbliche Mieter, und es wird durchaus von lärmintensiven Gewerbezweigen geschätzt, denn
der Schallschutz ist schließlich hervorragend.

Oder es sind Lagerräume eingerichtet. Hier im Stadtteil Eilbek in der Schellingstraße wird er im unteren Bereich so genutzt, oben wird gewohnt.
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Hamburg - Hochbunker - Eilbek, Schellingstraße

Hamburg – Hochbunker – Eilbek, Schellingstraße

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Werden sie richtig verändert, sind natürlich der Nutzung, der inneren und sogar der äußeren Gestaltung keine Grenzen gesetzt. In Altona gehört ein Bunkergebäude zum Krankenhaus, die Außenhaut mit schönen Motiven verziert, auf dem Allendeplatz steht ein umgebauter Hochbunker, in dem ein Bereich der Universität eingezogen ist. Dem Gebäude sieht man seinen Ursprung gar nicht mehr an. Weiße Fassade, viele Fenster, gerundeter Eingangstorbogen.

In meinem Bezirk gibt es recht viele Hochbunker, die bis vor ein paar Jahren noch in einem ziemlich desolaten Zustand waren. Manchmal kaschiert die Natur ein wenig hässliche, beschädigte Betonfassaden. Hier in diesem Bunker in der Von-Hein-Straße, wurden (werden wahrscheinlich immer noch) Probenräume für Musiker/Bands vermietet. Von der Von-Hein-Straße aus wurden (werden) die insgesamt sieben Hamburger Musikbunker verwaltet.
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Hamburg - Hochbunker in Wandsbek - Der Musikbunker in der Von-Hein-Straße

Hamburg – Hochbunker in Wandsbek – Der Musikbunker in der Von-Hein-Straße

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In Zeiten des erhöhten Wohnraumbedarfs bis hin zum akuten Wohnungsmangel, wird jedoch mehr und mehr der Komplettumbau der noch vorhandenen Hochbunker ins Auge gefasst, und so entsteht vielerorts neuer Wohnraum. Das ist jedes Mal ein sehr umfangreiches, mühevolles Projekt, denn das alte Bauwerk zeigt sich widerspenstig und steht zudem stets inmitten bewohnter Häuser.

Ein Umbau zieht sich locker über drei Jahre und mehr hin und ist in dieser Zeit auch nur dann erledigt, wenn wirklich den ganzen Tag über gearbeitet werden kann und darf. Denken Sie nur an den damit verbundenen Lärm! Pressluft-/Stemmhämmer kann man nicht oder kaum einsetzen, Sprengungen sind im Grunde ausge-
schlossen. Bevor die Nachbarschaft ausnahmslos reif fürs Krankenhaus oder die Insel ist, ist folglich gute Vorplanung der Arbeiten zwingend notwendig und die Lärmreduzierung oberstes Ziel.
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Hamburg - Hochbunker - Üblicherweise inmitten anderer Wohngebäude .... Hier: Von-Hein-Straße

Hamburg – Hochbunker – Üblicherweise inmitten anderer Wohngebäude …

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Wenn Sie den nachfolgenden ehemaligen Bunker in der Wielandstraße betrachten, ahnen Sie vermutlich gar nicht, welche Wände sich z. B. vor Umbaubeginn hier befunden haben. Man sah von außen nur einen zum Teil beschädigten, recht schäbig wirkenden, monströsen Block, der aus 30.000 Tonnen Stahlbeton bestand. Maße: 42 m lang, 17,5 m tief und 22 m hoch.
Haben Sie eine Vorstellung im Hinblick auf die Stärke von Bunkerwänden? Die Mauern dieses Gebäudes hatten ursprünglich eine Dicke von zweieinhalb Metern! Da hätte man Sie mit hochgestreckten Armen quer einmauern können. Selbst wenn in diese Wände großzügig verteilt Fenster eingebaut würden, käme das Licht von außen trotzdem kaum bis in den Wohnraum; es müsste ja zunächst durch eine Art lange Schachtöffnung dringen. Ein Großteil des Lichts würde dabei geschluckt …
Können unter solchen Umständen daraus jemals helle Wohnungen werden?

Wenn zudem keine leistungsstarken Hämmer eingesetzt werden und keine Explosionen zugemutet werden können, wie bekommt man dennoch einen Bunker – salopp gesagt – zerlegt und Betonmassen reduziert?
Man nimmt einen großen Bagger, setzt ihn mit einem Kran erst auf das, später ins Gebäude hinein und ar-
beitet sich Stockwerk für Stockwerk durch das Innere.
Hier, im Falle des Bunkers in der Wielandstraße, wurden auf diese Art fast zwei Drittel des Stahlbetons ab-
getragen. Nur noch 11.500 t sind übrig geblieben und dort, wo bereits zu Kriegszeiten durch einen Bomben-
einschlag Schäden entstanden waren, wird am Ende Fehlendes – zur vorhandenen Optik passend – wieder ergänzt.
Die Wandstärke hat sich jetzt enorm reduziert. Die Mauertiefe beträgt nur noch 1,10 m, und das hat im posi-
tiven Sinn zur Folge, dass nicht nur die verfügbare Innenraumfläche zunimmt, sondern nun endlich auch der zukünftige Lichteinfall stimmt. Ein einstiger Hochbunker wird auf diese Art zum Wohnhaus mit sieben Etagen und 32 neuen Wohnungen unterschiedlicher Größe und Raumanzahl. So langsam ist das Haus bezugsfertig (2017) – nach ungefähr drei Jahren des Umbaus.

In Erinnerung an den geschätzten Kollegen Küppers das folgende Foto mit dieser Bildbeschreibung:
„Nach Umbau inklusive einer hauseigenen Landebahn … “
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Hamburg - Hochbunker in Eilbek - Umbau in der Wielandstraße/Ecke Schellingstraße

Hamburg – Hochbunker in Eilbek – Umbau in der Wielandstraße/Ecke Schellingstraße

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Ein anderes Projekt entsteht ebenfalls in Eilbek in der Börnestraße. Dort finden von einem ehemaligen Hochbunker außer der Sohlplatte lediglich die beiden Seitenwände weitere Verwendung. Hier werden es zukünftig 14 Wohnungen in sechs Etagen sein, und ganz oben entsteht ein Penthouse als Staffelgeschoss
mit Ausblick in alle Himmelsrichtungen.
Die ehemaligen Bunkerseitenwände werden nach Fertigstellung weiterhin nach Bunker aussehen. Sie sollen
nur gereinigt werden. Auch hier vergehen immerhin knapp zwei Jahre (plus fünf Monate für Abbrucharbeiten
im Vorfeld), bis aus dem ehemaligen Hochbunker ein Wohngebäude entstanden sein wird.
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Hamburg - Hochbunker in Eilbek - Umbau in der Börnestraße

Hamburg – Hochbunker in Eilbek – Umbau in der Börnestraße

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So, Herrschaften. Feierabend? Feierabend. Heute haben Sie und ich uns passend zum grauen Wetter graue Bauten angesehen und wissen nun, wo es dickwandige Gebäude gibt. Für alle Fälle. Man weiß ja nie …

Sie wissen, wie Sie heimkommen? Fein. Dann lasse ich Sie nun alleine und verabschiede mich bis zum nächsten Mal. Ich denke, Mr. Kerry müsste mit seiner Olivenholzschüssel inzwischen auch wieder zurück sein.
Haben Sie weiterhin eine schöne Adventszeit! Eventuell lesen wir uns noch einmal vor Weihnachten.

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(*Name geändert)

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© by Michèle Legrand, Dezember 2016
Michèle Legrand

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51 Kommentare

Verblüffend! So entsteht Hamburgs Laubfärbung – Wahr oder unwahr?

Es gibt neue Erkenntnisse darüber, was grüne Blätter wirklich in dieses prächtig bunte Herbstlaub verwandelt. Wir gehen heute einer erstaunlichen These am konkreten Beispiel Herbst in Planten un Blomen nach.
Es gibt inzwischen Zeugenberichte und aufschlussreiche Fotos, die uns nicht länger zweifelnd mit bis dahin bloßen Annahmen stehen lassen, sondern endlich Fakten schaffen.
Nur … Stimmt das Folgende, oder werden Sie furchtbar hinters Licht geführt?
Urteilen Sie selbst.

Blenden Sie einen Moment die letzten beiden Tage mit all den eintrudelnden Schneefotos aus. Davor wurden Sie bestimmt zwei Wochen oder länger von sämtlichen Medien und speziell durch das Internet großzügig mit Fotos zur aktuellen Laubfärbung versorgt und fragten sich vielleicht angesichts der fantastischen Farben-
pracht, wie es angehen kann, dass mancherorts das Herbstlaub der Bäume so unverschämt gelb leuchtet
oder einige Baumarten fulminant zu Fackeln mutieren.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Laubfärbung (gelb)

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

Beim Anblick dermaßen intensiver Farben kommt automatisch der Gedanke, ob das alles natürlich und echt
ist. Wenn der Fotograf jedoch schwört, er hätte nichts bearbeitet oder wenn Sie die Pracht sogar mit eigenen Augen gesehen haben, stellt sich doch unweigerlich die Frage: Natur pur?

Kommen Sie, glauben Sie wirklich, das alles funktioniert allein deshalb, weil der Tag kürzer wird, die Tempera-
turen sinken und Proteine abgebaut werden? Sind Sie tatsächlich überzeugt, dass der bloße Chorophyllumbau und  -abbau ausreicht? Sicher, es wird dadurch der Blick auf die gelblich-roten Carotinoide frei. Und klar, für das Rot hält sich der Farbstoff Anthocyan parat. Das ist das ganze Geheimnis? So etwas sorgt in Deutschland für einen vielerorts derart grandiosen Indian Summer?
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Hamburg - Planten und Blomen im Herbst - Rote Laubfärbung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

Die Antwort lautet nein. Was kaum einem zu Ohren kommt und woran folglich niemand einen Gedanken verschwendet, ist die Tatsache, dass in allen Bundesländern unerkannt Laubdesigner am Werke sind.
Hier in Hamburg ist es die Aufgabe von Außerirdischen und ganz speziell in Planten un Blomen sind es
32 Beauftragte vom Asteroiden B611, die für die Laubfärbung sorgen. Publik wurde dies in Hamburg rein
zufällig im Herbst dieses Jahres.
Zuvor hatten es die eine maximale Körperhöhe von 96 cm erreichenden, drahtig-schlanken Wesen mit der auberginefarbenen Haut, dem zitronengelben Kopf und den recht großen Händen immer unbemerkt in die Hansestadt geschafft und konnten sogar ihr bemanntes Flugobjekt nachts ungesichtet in Planten un Blomen landen.

In diesem Jahr vernahm man auf B611 jedoch frühzeitig die Botschaft, dass aufgrund eines bevorstehenden Gipfeltreffens von Politikern in den angrenzenden Messehallen ein Teil der Parkanlage zur Sicherheitszone ernannt werden würde. Streng kontrolliert und mit eingeschränktem Zugang. Ungünstigerweise gerade der, in dem sich der übliche Landeplatz für das Raumschiff befindet. Sie verlegten ihr Kommen daraufhin verschreckt terminlich vor und riskierten wegen der Uneinschätzbarkeit der Lage vor Ort und zwecks besserer Sicht sogar eine Taglandung.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst. Im Hintergrund der Fernsehtum, Unterteil unsichtbar.

Hamburg – Planten un Blomen – Ufo im Anflug …

 

Normalerweise ist der Bereich, den Sie auf dem nächsten Foto sehen, der Ufo-Ankunftsplatz. Die außer-
irdischen Besucher peilen beim Anflug zunächst den weithin gut sichtbaren Fernsehturm an, um anschließend Richtung Parksee beizudrehen. Sie lassen einen Großteil des Seewassers ab und nutzen gern die dort neben den Wasserdüsen vorhandenen zahllosen Lichtstrahler zur Ausleuchtung des Flugfelds.
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Das Wasser des Sees ist teilweise abgelassen, Düsen und Strahler der Wasserspiele zu sehen

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Der Ufo-Landeplatz

Mit der Furcht vor Beeinträchtigungen ihres Flugverkehrs zur Laubeinsatzzeit auf dem gewohnten Terrain, fiel der Entschluss zu handeln. Anders als sonst wurde diesmal ein Trupp vorweg geschickt, dessen Aufgabe darin bestand, außerhalb der Sicherheitszone am Tropenschauhaus eine Alternativfläche für Start- und Landezwecke zu roden.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Umgestaltungen kündigen sich am Tropenschauhaus an - Rodung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Anlegen des neuen Landeplatzes …

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Die Wesen vom fernen Asteroiden besitzen bei Aufenthalt in der Erdatmosphäre zeitlich begrenzt (max. neun Stunden hintereinander) die Fähigkeit, sich auf ein Hundertstel ihrer eigentlichen Größe zu schrumpfen.
Die für die Vorbereitung der neuen Landefläche auserkorene Vierergruppe wurde am 21. Oktober mit dem Raumschiff am noch zugänglichen herkömmlichen Platz abgesetzt. Die Tage verlebten die Gesandten unbeachtet auf dem Gelände von Planten un Blomen – als Miniaturen in einem eigens dafür mitgebrachten Haus. Dessen Bauweise orientierte sich bewusst am menschlichen Vorbild. Am Abend jedoch, mit Wieder-
erlangung ihrer Originalgröße, arbeiteten sie nach Schließung des Parks in der Dunkelheit intensiv an der Fertigstellung der Ersatzfläche …
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Hamburg - Planten und Blomen - Ein kleines Modellhäuschen auf einem Felsen deponiert

Hamburg – Planten un Blomen – Haus für die geschrumpften Bewohner von Asteroid B611 in exponierter Lage …

Großflächige Erdarbeiten strengen an und machen durstig. Abhilfe schaffte in diesem Fall das Leertrinken der in Planten un Blomen angelegten Bäche bzw. das Abschlürfen allen restlichen Wassers von den vorhandenen Steintreppen …
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Ende Oktober fließt kein Wasser mehr die Treppe hinab

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Die Treppe ist leergetrunken …

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Lediglich das Wasser des Wallgrabens haben sie nicht angerührt, weil die resoluten Möwen dort lautstark ihr Terrain verteidigen. Was den Größenunterschied angeht zwischen einem Außerirdischen von B611 und einer ortsansässigen Möwe, so müssen Sie sich den in etwa so vorstellen, als käme Ihnen eine Deutsche Dogge entgegen. Obendrein knurrend.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Der Wallgraben mit Johan-van-Valckenburgh-Brücke

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Der Wallgraben wurde verteidigt …

 

Die mitgebrachte pulverisierte Trockennahrung in Kapseln ist relativ vitaminarm und eintönig. Für das bloße Laubfärben reicht diese Art der Verpflegung aus, der erhöhte Kraftaufwand in diesem Jahr erforderte hingegen die zusätzliche Aufnahme von Hagebutten
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Hamburg - Planten und Blomen im Herbst - Hagebutten an den Mittelmeerterrassen

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Vitaminreiche Hagebutten …

Früchten
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Über und über mit gelben Früchten behangener Baum

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – … Früchte!

 

… sowie den Verzehr von zarten Asternblütenblättern
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - u. a. lila Astern

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst

 

… und Blüten des Oktobersteinbrechs
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Schöner Anblick spät im Jahr_Der weiße Oktobersteinbrech

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Oktobersteinbrech

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Der AUA (Alternative Ufo-Ankunftsbereich) wurde Ende Oktober fertig, woraufhin das komplette 32-köpfige Team der Laubfärber folgte und sich in der Parkanlage verteilte. Grundsätzlich wird mit den gelb zu färbenden Bäumen begonnen. Die zitronengelben Köpfe der Fremden sind in der Lage, einen farblich entsprechenden, intensiven Farbstoff abzugeben. Anstelle von Haaren sprießen auf den Häuptern der Asteroid-Bewohner stecknadelgroße, extrem feine Düsen, mit deren Hilfe sich der Farbstoff fein versprühen lässt.
Sie werden sagen: Ja, aber, die sind doch alle recht klein, wie kommen die denn so bis in die Baumkrone?
Um die Arbeit zu erleichtern, aber auch um den größtmöglichen Effekt zu erzielen, wird das Ufo nachts direkt über den betreffenden Baum dirigiert, die große, kreisrunde Bodenplatte öffnet sich hydraulisch, und die Außerirdischen hängen sich kopfüber aus der Luke heraus …
(Hiervon existiert leider kein Foto, es war zu dunkel.)
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Gelbe Laubfärbung direkt am Wallgraben

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Gelb versprüht …

 

Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Gelbe Laubfärbung täuscht Sonnenschein vor

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Nach Gelbeinsatz …

 

Das Vorgehen beim Rotfärben von Gehölzen unterscheidet sich ein wenig. Das notwendige Mittel wird produziert, indem sich die Wesen extrem anspannen, hoch konzentrieren und dabei den in der auberginefarbenen Haut befindlichen, sich kontinuierlich nachbildenden Farbstoff, in Richtung ihrer schaufelartigen, großformatigen Hände dirigieren. (Wer genau hinsieht, erkennt zudem zwischen den
Fingern feine Schwimmhäute.)
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Ausgetrocknetes Bachbett und wunderbar rotes Laub der Ahorngehölze

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Rotfärbung wurde vorgenommen, das Bachbett auch hier leergetrunken

 

Dieser Prozess des Farbabzugs aus Hautpartien aller Körperteile hin zu den Händen, hat eine leichte chemische Reaktion zur Folge. So schwächt sich der Blauanteil in der Farbe ab, und das vormals dunkle Lila wandelt sich nach und nach zu einem warmen Burgunderton.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Rotfärbung des Laubs bei den Gehölzen am See

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Einsatz bei den Gehölzen am See ….

 

Sobald sich genügend Farbpartikel auf den Handflächen gesammelt haben, wird dicht neben einem Busch in die Hände geklatscht, alternativ die Farbe weit nach oben bzw. in die Strauchmitte oder in Gehölzgruppen geschleudert. Um einen Orangeton zu erzielen, werden das Zitronengelb und der Burgunderton kurzerhand gemischt.
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Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - rote Laubverfärbung

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Bis zu dieser Strauchhöhe reicht das in die Hände klatschen und Wegschleudern aus ….

 

 

Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Orange- und Brauntöne ...

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Orange- und Brauntöne …

 

So läuft es laut den jetzt vorliegenden Aussagen der Außerirdischen bereits seit 319 Jahren. Nie hat ein Mensch etwas bemerkt. Wäre nicht diese unerfreuliche Sicherheitszone angekündigt worden, hätte obendrein der Bau des neuen Landeplatzes nicht die Aufmerksamkeit eines Gärtners erregt, und hätten nicht drei Jogger bei ihrer Runde das Ufo im Anflug gesehen, es wäre wohl weitere 319 Jahre ein Geheimnis geblieben.

Wie weiter zu vernehmen war, entschieden die ertappten Besucher aus dem All nach kurzem Zögern, dass
sie trotz des nicht beabsichtigten Bekanntwerdens ihrer Existenz und ihres Wirkens weiterhin ihre Arbeit im herbstlichen Planten un Blomen verrichten werden. Bei dieser Entscheidung dürfte auch das freundliche Verhalten eines Mitarbeiters des Gewächshauses eine Rolle gespielt haben, der beim Wintereinbruch vor
zwei Tagen kurzerhand beschloss, die durchgefrorenen Gäste zum Aufwärmen in die Tropenabteilung des Hauses einzuladen.

Ungeachtet dessen bittet die Laubdelegation des Asteroiden B611 allerdings darum, dass politische Treffen zukünftig nicht zu Sperrungen ihres gewohnten Landeplatzes führen oder den Aktionsradius einschränken. Sonst könnten sie für nichts garantieren.
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Hamburg - Herbst in Planten un Blomen - Der Ginkgo wird strahlendgelb ...

Hamburg – Herbst in Planten un Blomen – Der Ginkgo wurde gelb ….

 

Hamburg - Planten un Blomen im Herbst - Ein lauschiges Plätzchen neben rotem Laub ... (Holzbank beim Ahorn)

Hamburg – Planten un Blomen im Herbst – Ein lauschiges Plätzchen neben rotem Laub …

 

Nun sind Sie an der Reihe. Hand auf Herz: Funktioniert so die Laubfärbung? Die Beweise wirken doch recht eindeutig: Aufnahmen des Ufos, des Tagesrückzugshauses, dazu der Landeplatz, die Neufläche …
Sie wissen außerdem selbst, dass gerade am Morgen die Feststellung gemacht wird: Mensch, was haben die Blätter über Nacht für eine Farbe bekommen! Über Nacht, wohlgemerkt!
Sagt das nicht alles?

Also: Wahr oder unwahr?

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© by Michèle Legrand, November 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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James Rhodes in Hamburg!

Über den Pianisten James Rhodes und seinen Konzertabend auf Kampnagel am 25. Oktober 2016

 

James Rhodes in Hamburg

James Rhodes ist auf Konzerttour in Deutschland, Österreich und der Schweiz! Die Anhänger des Pianisten mussten einige Jahre warten, bevor endlich auch deutsche Städte auf dem Tourplan des Briten standen.
Am 25. Oktober 2016 lud er in Hamburg auf Kampnagel (K2) zu einem musikalischen Abend ein.

Reine Konzertkritik?

Anstelle einer reinen Konzertkritik in Kurzform, lade ich Sie heute zu einer sehr persönlichen Betrachtung ein, die Ihnen den Menschen James Rhodes zunächst näher bringt. Seine Art der Präsentation, seine Ausdrucks-
form als Künstler, beides wird ganz entscheidend von seinen persönlichen Erfahrungen, seinem Werdegang, seinem ganzen bisherigen Leben beeinflusst.
Würde ich Ihnen lediglich knapp berichten, welche Klavierstücke auf dem Kampnagel-Programm standen, welche Stimmung vorherrschte oder ob und wie meisterlich er spielte  – Sie würden nicht annähernd nach-
vollziehen können, was an Rhodes selbst und an seinem Klavierspiel so packend, so ergreifend ist.
Was einen Konzertabend mit dem Briten so besonders macht!

Warum darüber hinaus mich das Hamburg-Ereignis zusätzlich mit großer Vorfreude erfüllte und weshalb ich
dem Abend mit Spannung entgegensah, werde ich Ihnen dabei gern mit verraten. Sie vermuten schon ganz richtig, es existiert eine Vorgeschichte, und die begann für mich bereits vor sieben Jahren.

Eines gleich vorweg! Falls Sie jemals die Gelegenheit haben, ihn spielen zu hören oder ihn bei einem Auftritt
zu erleben, nutzen Sie die Chance!

Eine Annäherung

Sollten Sie sich – ganz spontan – ein Klavierkonzert und den dazugehörigen Pianisten vorstellen, hätten Sie vermutlich das Bild eines in Anzug oder sogar Frack gekleideten Herrn vor sich. Akkurater Haarschnitt, Fliege, glänzende Lederschuhe. Einen eher wortlosen Typ Künstler, denn ein Pianist kommuniziert im Allgemeinen
nicht mit dem Publikum.
Bei den Damen sähe dieses Bild nicht anders aus. Lange Abendrobe, die Haare luftig-frisch gestylt, ein ein-
nehmendes, das zwischen den vorgetragenen Werken ans Publikum verschenkt wird. Einnehmend, aber still.

Sicher gibt es einzelne Künstler, die in heutiger Zeit andere Wege einschlagen. Extrovertierte mit einem kleinen Faible für Schauspiel, Show und Entertainment und der Neigung zu einer gewissen Selbstdarstellung. Die Motivation entspringt dem Wunsch nach zusätzlicher Aufmerksamkeit, ein Vortrag erfolgt nicht allein um der Musik oder der Darbietung willen, sondern zur Pflege des Kults um die eigene Person. Hart gesagt, oder?
Es wäre vermessen, grundsätzlich zu unterstellen, dass Künstler dieser Art während des Spielens bewusst Selbstinszenierung betreiben, denn wer ist schon in der Lage inmitten einer hochkonzentrierten Darbietung eines schwierigen Werkes penibel darauf achten, eine bestimmte Pose zu halten, fotogen zu wirken oder Effekthascherei zu betreiben.
Dennoch, vielleicht fallen auch Ihnen auf Anhieb Namen von Künstlern ein, bei denen der schmerzverzerrte Blick, die sekundenlang elegant in der Luft verharrende Hand oder das Zurückwerfen der Haarpracht zumindest auf den Zuhörer und Zuschauer exakt so wirken: künstlich und inszeniert.

Einerlei, ob es sich um den konservativen, zurückhaltenden oder den modernen, mehr aus sich heraus-
kommenden und sich selbst in Rampenlicht stellenden Typ  handelt – solange der Pianist ein musikalisches Genie, ein Virtuose am Flügel und ein Interpretationskünstler ist, einer, der den Werken Leben einhaucht, so lange wird es ein wunderbares Hörerlebnis sein!
(Wenn es Ihnen so wie mir ergeht, dass Ihnen das Zuhören und Zuschauen bei bestimmten Menschen schier unmöglich ist, dann schließen Sie wie ich einfach die Augen.)

Eine andere Erscheinung …

Sie fragen sich, wozu ich dies alles erwähne?
Weil es anders läuft, sobald Sie der Einladung James Rhodes’ folgen. Der Brite, Jahrgang 1975, mag weder
die ihm widerstrebende Selbstverkostümierung, noch die Unnahbarkeit und das absolute Stillschweigen des vortragenden Pianisten.
Je nach vorherrschender Temperatur bzw. Jahreszeit erscheint er zum Konzert in T- oder Sweatshirt (gern mit BACH-Aufschrift) sowie Turn- oder Freizeitschuhen. Sein Friseur sieht ihn schon von Zeit zu Zeit, den Wuschelkopf komplett zu bändigen, ist aber nicht sein Hauptziel. Ein Drei-meist-aber-mehr-Tage-Bart gehört zu Rhodes ebenso dazu wie das Rachmaninow-Tattoo am Unterarm und seine große, dunkel gerahmte Brille. Eine Nerdbrille könnte man es nennen, so ein kantiges Kassengestell früherer Zeiten, eine Form, die schwer angesagt ist. Was jedoch reiner Zufall ist, denn er legt weder Wert auf angesagte Accessoires noch auf sonstige typische Attribute eines Konzertpianisten.
Gewohnte Äußerlichkeiten? Die Einhaltung des üblichen Ablaufs? Ein Auftritt ausschließlich an einem altehrwürdigen, Klassikkonzerten vorbehaltenen Veranstaltungsort?
Nein, meint Rhodes. Wozu auch. Kleider machen auch heute vielleicht noch Leute, sie erhöhen aber nicht die Virtuosität.
Um zu verstehen, dass hier nicht jemand einfach nur plietsch eine neue Schiene fährt, um so die meiste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und um zu begreifen, dass er der Musik trotz weniger förmlichen Auftritts und trotz Brechen bestehender (ungeschriebener) Regeln mit dem höchsten Respekt und sehr viel Liebe begegnet, müssen Sie ihn und seinen Werdegang kennenlernen. Ein Werdegang, der so anders ist als der weitaus meisten seiner Klassik-Kollegen. Sein Weg als Pianist war überhaupt nicht vorgezeichnet!

Die Geschichte des James Rhodes …

Rhodes stammt nicht wie viele andere aus einer Familie, in der schon seit Generationen musiziert wurde. Er hat nicht bereits im Kindesalter Klavierunterricht genossen, hat keine ersten Erfolge bei Jugendwettbewerben eingeheimst oder Bekanntheit durch sie erlangt.
Vor allem aber hat er eines nicht: Er hat keine ungetrübte Kindheit genossen. Und das ist die Untertreibung schlechthin! Was er durchgemacht hat, muss die Hölle gewesen sein und wird ihn ohne Zweifel bis an sein Lebensende nicht loslassen.
Der Brite wurde das Opfer von schlimmstem Kindesmissbrauch, einem Missbrauch der über Jahre anhielt, und wer seine Autobiographie liest, der erfährt sehr viel über das Danach. Die Operationen, die nötig sind. Das anfängliche Verdrängen, das wieder Hochkommen aller Pein, gerade als er selbst Vater eines kleinen Jungen wird. Erst im Alter von 30 Jahres redet er das erste Mal über den Kindesmissbrauch!
Sein Buch, 2015 unter dem Titel Instrumental in England erschienen und seit Februar 2016 in der deutschen Fassung unter dem Titel „Der Klang der Wut“ erhältlich, beschreibt auch diese Zeit, offenbart genau jene unbändige Wut, die in dem jungen James Rhodes steckt.
Er nutzt harte, deftige, drastische Worte, zu drastische ist häufig der Eindruck, doch für die Schilderung solch traumatischer Erlebnisse und für ein Aufrütteln gelten definitiv andere Regeln als für eine der üblichen Autographien. Schonungslos offen und dennoch lässt er einiges aus. Es reicht auch so, dem Außenstehenden das Ausmaß des Martyriums zu vermitteln. Es lässt förmlich erstarren.

Die Auswirkungen bei ihm sind Scham, Selbsthass, Selbstverstümmelung, Depressionen, Drogen, Selbstmord-
gedanken, Selbstmordversuche. Er wird mehrmals in die Psychiatrie gebracht. Nicht die Tatsache, dass er dort ist, dass er Medikamente oder Therapie erhält, rettet ihn, sondern etwas anderes führt ihn aus der tiefsten Krise heraus: die klassische Musik.
Zugang zu einem Klavier hatte er schon früher in der Schulzeit, das Spielen und der Klang waren ihm als wohltuend bekannt. Doch Unterricht? Er bringt sich das Spielen selbst bei. Sein Talent wird ersichtlich. Seine Eltern erlauben allerdings nach der Schule kein Musikstudium, woraufhin er die nächsten zehn Jahre keine Taste mehr anrührt. Daher wird ihm erst zu einem relativ späten Zeitpunkt bewusst, dass es die Musik ist, die seinen Schutzraum darstellt und dass das Hören bestimmter Werke etwas Positives in ihm in Gang setzt.
Licht in Dunkelheit hineinlässt. Ihm wird irgendwann klar, dass die klassische Musik, dass das Spielen dieser Werke für ihn die Rettung bedeutet.
Er, der kurz vorher noch zu den harten Worten, der drastischen, gelegentlich bis hin zur provokanten Ausdrucksweise greift, schreibt in „Klang der Wut“ über das Gefühl, dass ihn beim Anhören des Adagios von Bach-Marcello aus dem Oboenkonzert in D-Moll, BWV 974 überkommt (und über Bach generell) in einer gänzlich anderen Art und Weise:

Es versetzte mich an einen Ort solcher Herrlichkeit, solcher Ergebung, Hoffnung, Schönheit, unendlichen Weite, dass es so war, als berührte man das Angesicht Gottes.“
An anderer Stelle:
Wenn etwas so Starkes, so Schönes existieren kann, dann kann ja nicht alles schlecht sein. Da sagte ich mir: Okay, ich mach‘ noch ein bisschen weiter.“
Und weiter:
“Und jetzt war ich fest entschlossen. Ich wusste, dass dieser Ort nicht der richtige Ort für mich war. Hier konnte ich nicht gesund werden. Nicht mit so vielen Pillen, so viel Irrsinn, so viel Trash-TV und Langeweile. Ich musste auf die korrekte Weise raus, ein für alle Mal.“

James Rhodes hat in der folgenden Zeit Unterricht bei einem Lehrer in Verona, er übt Stunden um Stunden.
Tag für Tag. Monat um Monat.
Zwei, drei Jahre vergehen, und im November 2008 gibt er sein erstes öffentliches Konzert in der Steinway Hall
in London. Es folgen weitere Auftritte, im Mai 2009 findet im The Roundhouse in Camden sein Solokonzert statt.

Dies ist der Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal von James Rhodes höre. Hier in Deutschland ist er ein absolut Unbekannter, doch Stephen Fry, der britische Autor, Schauspieler und Moderator erwähnt einen außer-
gewöhnlichen Pianisten und leitet den Link zu einem kurzen Video weiter.
Ich habe seit Teenagerzeiten der Klaviermusik unterschiedlichster Interpreten gelauscht, verschiedene Fassungen ein und desselben Werks kennengelernt, bemerke die Unterschiede und empfinde naturgemäß die Darbietung einzelner Tastenkünstler als unterschiedlich „attraktiv“, doch als ich Rhodes das erste Mal zuhöre, packt es mich. Zu dieser Zeit weiß ich nichts über das bisherige Leben des Mannes aus England. Ich stelle nur fest, wenn er spielt, ist etwas anders. Seine Musik wird auf eine andere Art und intensiver weitergeleitet, Klänge, aber auch Gefühle scheinen unmittelbar in einen überzugehen. Wenn ich es beschreiben sollte, dann so: Er ist der Vermittler eines Werks, der virtuose Gestalter, doch raubt er sich das Werk dabei nicht. Er macht sich nicht zur Hauptperson, während er spielt. Bei ihm ist es bereichernd und faszinierend, ihm nicht nur zuzuhören, sondern auch, ihm dabei zuzusehen … Seine Versunkenheit, seine Ruhe, seine Authentizität, die natürliche Hingabe – das alles sucht seinesgleichen …

Rhodes’  Bekanntheit im eigenen Land wächst mit jedem Auftritt. Der Engländer nimmt an diversen Festivals teil und steht für BBC4 für eine Dokumentation zum 200. Geburtstag von Frédéric Chopin, die 2010 ausgestrahlt wird, vor der Kamera.  Es folgen weitere Auftritte nun auch im Ausland. 2011 gastiert er in Australien, 2012 geht es in die USA, u. a. nach Chicago, Hongkong lernt ihn 2013 kennen. Das englische Fernsehen sendet es in der Zwischenzeit die siebenteilige Serie James Rhodes: Piano Man.

Er engagiert sich für Projekte, bei denen es um die Belange von Menschen mit psychischen Problemen geht. Ebenso unterstützt er eine Aktion, deren Ziel die Verbesserung des Musikunterrichts überall im Vereinigten Königreich ist. Bei dem Projekt Don’t Stop the Music kommen 2014 im Zuge einer großen Sammelaktion mehr als 7 000 Instrumente zusammen, die an 150 Grundschulen verteilt werden und von denen im Jahr 10 000 Schüler profitieren.

Mittlerweile hat er mehrere Alben veröffentlicht, schreibt hin und wieder für Zeitungen einen Gastbeitrag. Die Medien widmen sich natürlich nicht nur seinem künstlerischen Schaffen, sondern beschäftigen sich ebenfalls mit seinem Vorleben und haben Kenntnis vom Kindesmissbrauch. Rhodes geht inzwischen offen damit um. Es geht es auch deshalb offensiv an, weil er davor warnen möchte. Er will Menschen sensibilisieren, möchte verhindern, dass es weitere Opfer gibt, nur weil Unkenntnis herrscht und sich mangelhaft für den Schutz eingesetzt wird. Andererseits ermutigt er mit seinem Vorgehen andere Leidtragende, sich zu wehren, an die Öffentlichkeit zu gehen. Und er sagt auch an Mitwissende gewandt: Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Als Verlage an ihn herantreten und ihm die Autobiographie vorschlagen, willigt er ein.

Eine sicher insgesamt nicht einfache Entscheidung, doch was kann besser, sinnvoller und wirkungsvoller sein, als dass ein derart Betroffener selbst Fakten nennt, die Wahrheit aufschreibt und diese veröffentlicht, statt es den Medien indirekt freizustellen, sich mangels Information ihre Geschichten nach eigener Vorstellung und fern aller Realität zurechtzubasteln. Vielleicht befreit es auch und rückt einiges ins richtige Licht.

Sie sehen aus dieser Entwicklung jedoch, dass Rhodes’ Motivation zur Veröffentlichung eines solchen Buches nicht die ist, zunächst die Autobiographie auf den Markt zu bringen, um mit seiner dramatischen Vergangenheit seine Bekanntheit als Pianist zu steigern, sondern er schreibt zu einem Zeitpunkt, als seine bereits existierende Bekanntheit sich in seinen Augen für ein sinnvolles und ihm enorm wichtiges Ziel nutzen lässt.
Dass erst per Gerichtsbeschluss gestattet werden muss, dieses Buch überhaupt zu veröffentlichen, kann ihn nicht davon abhalten.

Als Publikum bei James Rhodes

Sie kennen James Rhodes nun bereits soweit, dass es Sie kaum mehr irritieren wird, dass ein Pianist es entgegen gängiger Praxis anders handhabt und sich zwischen seinen Werken direkt an seine Zuhörer wendet. Der Brite hält Kommunikation, gerade in heutigen Zeiten, für wichtig. Er hält es auch für wichtig, dass über das Stück, über den Komponisten und dessen Anliegen erzählt wird. Oder über dessen persönliche Verfassung, Umstände und Beweggründe, ein bestimmtes Werk in genau dieser Form zu Papier zu bringen.
Er setzt nicht voraus, dass jeder bereits alles im Vorfeld weiß oder vorab in Erfahrung bringt. Ein Austausch, bevor er sich an den Flügel setzt und startet, ist ihm viel lieber.
Nun werden Fachkritiker vermutlich gern anmerken, dass er ja gar nicht ernst, nicht lehrbuchhaft erklärt, nicht doziert. Muss er denn?
Was er betreibt, ist eine Situationsbeschreibung, er vermittelt eine Grundstimmung, ein Gefühl, und schon bevor er die Brille absetzt und sich zum Spielen niederlässt, haben Sie als Zuhörer Zugang. Eine Vorstellung. Bereits mit seinem ersten Ton holt er Sie genau dort ab.

Ihm liegt viel daran, dass nicht nur das herkömmliche Publikum „bedient“ wird, Menschen vom Fach, eine begrenzte Gruppe. Er möchte, dass Menschen herangeführt werden, die sich bisher an klassische Musik nicht herangetraut haben. Er will ihnen die Schönheit der Musik vermitteln. Die Energie dieser Musik und die Kraft, die von ihr ausgeht.

Aus diesem Grund geht er gern einmal an ungewöhnliche Orte. Nutzt öffentliche Plätze. Stellt seinen Flügel zwischen Hochhausbauten auf und beginnt dort sein Spiel. Es hat die Wirkung, die oft auch ein Flashmob auslöst: Überraschung, nach der ersten Verblüffung Ergriffenheit, dann Begeisterung. Es schürt letztendlich nicht selten Neugier, entfacht Lust und macht Mut, sich bis dahin völlig Unbekanntem endlich zu nähern.
Er zieht damit auch Jüngere an. Eine britische Zeitung nannte ihn vor Jahren einmal den „Beethoven der iPhone-Generation“ …

Das Konzert auf Kampnagel

Saal K2 auf Kampnagel. Die von dunklen Vorhängen eingerahmte Bühne mit dem Flügel ist ebenerdig, die Zuschauerplätze befinden sich auf einer ansteigenden Tribüne, die jedem gute Sicht verschafft. Freie Platzwahl heißt es auf den Tickets. Was nichts anderes bedeutet, als nur frühes Anstehen sichert einen guten Platz im vorderen Bereich. Was die lange Schlange vor dem Einlass vermuten lässt, bewahrheitet sich: es wird voll. James Rhodes scheint nicht mehr nur ein Geheimtipp zu sein …
Pünktlich wird er angekündigt, tritt aus einem Spalt der dunklen Seitenvorhänge hervor, schaut kurz freundlich Richtung Publikum, steuert jedoch mit seinem leicht wippend-federnden Gang direkt den Flügel an. Er legt die Brille ab – ein immer wieder kehrendes Ritual, bevor die Finger über die Tasten fliegen – und beginnt. Mit Bach. Seinem bevorzugten Komponisten. Mit ihm startet und endet später sein Hamburg-Programm.

Rhodes mag nicht nur Bach, den nur besonders. Seine Goldberg Variationen, die Chaconne in D-Moll … Er bewundert ebenso Beethoven, Chopin, Prokofjew, Moszkowski, Mozart, Gluck, Puccini u. a.  Es faszinieren ihn einige Pianisten besonders. Glenn Gould ist u. a. sein Vorbild, – was man seinem Spiel mitunter anmerkt. Den russischen Pianisten Grigory Sokolov, den verehrt er ebenfalls.

Für den Abend auf Kampnagel hat er sich die Fantasie in F-Moll Op. 49 von Chopin herausgesucht. Darauffolgend vom selben Komponisten die Polonaise-Fantasie, Op. 61, As-Dur.
Beides spielt er ohne Notenblatt und … bewegend. Mitreißend. Gerade Chopin hat es in sich, ein Komponist, der die verbundenen Töne sehr liebte und in dessen Werken oft eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungen zusammentrifft.
Zuvor holt Rhodes allerdings die Begrüßung nach und erzählt er in seiner natürlichen, unverkrampften Art über die gleich zu hörenden Werke. Fantasie. Sie soll auch das Thema des Abends sein. Fantasie sei wichtig, genauso wie Kreativität, die in unserer schnellen Zeit oft zu kurz zu kommen droht. In Gefahr ist. Er bringt eine Besonderheit der Kreativität in diesem kurzen Satz auf den Punkt: „Creativity is a form of meditation. Inside.“

Rhodes fährt fort mit der Klaviersonate 31, Opus 110, As-Dur von Beethoven. Ein Traum …
Konzertende? Offiziell schon und doch wieder nicht, denn danach reiht sich eine Zugabe an die nächste.
Er spielt aus Orpheus und Eurydike von Ch. W. Gluck. Die  nächste „encore“ entpuppt sich als das letzte Präludium von Rachmaninow in Des-Dur.
Immer noch ist nicht Schluss. Fast schüchtern kündigt er eine weitere Zugabe an, einen Titel, den er erst einmal zuvor öffentlich präsentiert hätte, brandneu sozusagen. Ein Stück aus einer Puccini-Oper, doch er verrät nicht, wie es heißt. Versichert allerdings, es würde einem nach spätestens 27 Sekunden bekannt vorkommen. Er sollte damit recht behalten. Es ist „O mio babbino caro“ aus der Oper Gianna Schicchi.

Jedes schöne Ereignis geht irgendwann einmal vorbei. Er lässt den Abend nach gut eineinhalb Stunden mit Bach ausklingen und hinterlässt ein stürmisch applaudierendes und wie es scheint allgemein begeistertes Publikum in Hamburg.
(Warum der Veranstalter dieses Konzert allerdings als eine „Musikalische Lesung“ ankündigte, bleibt rätselhaft.)

Für ihn ist an diesem Abend die Arbeit noch nicht getan. Seine Autobiographie liegt im Foyer in der englischen und deutschen Fassung aus und wird von ihm nach dem Konzert signiert.
Ich habe kein Buch mitgebracht, aber meine allererste CD von ihm aus dem Jahr 2009. Sie trägt nun seinen Unterschriftenkringel …

Nach dem ersten Gepacktsein vor sieben Jahren, nach der Beobachtung seiner weiteren Entwicklung und dem Verfolgen seines Schaffens über das Internet, durch Zeitungsartikel, durch Bücher etc., gab es an diesem Abend die Gelegenheit, den Pianisten James Rhodes live spielen zu hören und real zu erleben. Das Bild hat sich vervollständigt. Für mich. Für andere. Gut möglich, dass noch mehr Menschen eines Tages den Wunsch verspüren, von ihm zu hören. Von seinem Klavierspiel und von seiner ganz eigenen Art, die Kraft der Musik deutlich zu machen.

James Rhodes, der Mann, den die Musik auffing und rettete, er sagt, das Einzigartige an klassischer Musik sei, dass sie, selbst wenn es ein trauriges Stück ist, immer noch wunderschön sein.
 „Even the pain is beautiful in classical music.“
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke, das Geheimnis ihrer Wirkungskraft.

Was für ein Abend! Wenn dieser unkonventionelle, unverstellte Brite, dieser so authentische Mann und grandiose Pianist wieder einmal in Deutschland sein sollte und Sie Verlangen nach Echtem haben, nach etwas, das Sie mitten ins Herz trifft, dann …
Rechtzeitig Karten sichern!

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Quellen:
James Rhodes: Der Klang der Wut: Wie die Musik mich am Leben hielt
(Verlag Nagel & Kimche AG – ISBN-13: 978-3312006540)
Informationen aus Interviews in diversen engl. Zeitschriften aus den Jahren 2009-2016
Eine mittlerweile seit sieben Jahren bestehende Twitterverbindung

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

 

 

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Hoch oben über der Stadt: Vogelperspektive! – Ausblick von St. Petri …

Morgen werde ich vermutlich Muskelkater haben. Ordentlichen! In den Waden, Oberschenkeln und wer weiß,
wo sonst noch. Schon wenn ich nach dem Schreiben nachher den Versuch unternehme, wieder vom Stuhl hochzukommen, wird das wohl nur unter dezentem Stöhnen vonstatten gehen.

Eingebrockt habe ich mir das Ganze durch einen Spontanentschluss während zweier Erledigungen in der Innenstadt von Hamburg. Ich kam in der Mönckebergstraße an der Hauptkirche St. Petri vorbei und konnte einfach nicht anders:
Ich musste plötzlich unbedingt auf den Turm! Ein unbezwinglicher Drang …
544 Stufen hinauf, 544 Stufen wieder hinunter. 1088 Stufen. Anders gelangen Sie nicht zum Aussichtspunkt
in der Turmspitze. Nach 544 Stufen befinden Sie sich auf einer Höhe von ca. 123 Metern. Könnten Sie sich
wie ein Vogel oben auf das äußerste Ende der Turmspitze setzen, so kämen noch einmal neun Meter hinzu.
Vögel haben es schon gut, oder? Ich meine nicht wegen der läppischen paar Meter, die sie höher säßen, ich
spreche davon, dass die sich diese mühselige Steigerei ersparen können.

Falls Sie einmal dort hinaufklettern, teilen Sie sich bloß Ihre Kräfte gut ein! Nicht forsch lospreschen und nach dem ersten Viertel heftig japsen … Die Zahl der Stufen ist nicht nur von der Summe her höher als z. B. die Stufenanzahl beim Michel (Hauptkirche St. Michaelis), sondern das Ersteigen ist nach meinem Gefühl gene-
rell anstrengender. Mein kleiner Schrittzähler empfand es sicher ebenso – er hatte ordentlich zu tun.

Die ersten gut 100 Stufen sind aus Stein. Eine sich kontinuierlich, recht eng windende Treppe, bei der Sie allmählich einen kleinen Drehwurm züchten, doch rechtzeitig, bevor es kritisch wird, haben Sie das Ende erreicht. Danach folgen Holzstufen in großzügigeren Radien und Wendungen, es geht tatsächlich auch hin
und wieder geradeaus hinauf. Nur – die Abstände bis zu einem Absatz bzw. Zwischenboden zwecks Unter-
brechung sind recht groß!

Hamburg - Eine der Glocken von St. Petri ...

Hamburg – Eine der Glocken von St. Petri …

Drei Böden in verschiedenen Höhen der Turms bieten dann doch die Möglichkeit zu stoppen und so zu tun, als würden Sie interessiert eine Glocke, Wände und Dielen begutachten und lediglich deshalb anhalten. In Wahrheit pfeifen Sie natürlich zu dem Zeitpunkt unauffällig auf dem vorletzten Loch und brauchen diesen Halt zwingend zum Überleben.
Mit unergründlicher Miene setzen Sie Fuß vor Fuß und aufrecht und stolz erreichen Sie so auch noch die auf dieser Ebene eingesetzten Aussichtsbullaugen …

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen .... (Turmaufstieg St. Petri, HH)

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen ….

Wenn Puls und Atmung sich beruhigt haben, geht es weiter. Ab Stufe 424 bis zur letzten, der Nummer 544, wird es noch einmal hart. Keine weitere Unterbrechung ist möglich, die Beine sind abwechselnd bleischwer oder wie Pudding.

Aber dann! Fünfhundertvierundvierzig.
Geschafft!
Und Sie werden für alles entschädigt!
Selbst bei Bewölkung und keiner allzu großen Fernsicht.

Oben erwartet Sie ein kleines Turmzimmerchen und jeder Ankömmling sinkt zunächst erhitzt auf einen der drei dort aufgestellten Stühle. Sie können zwar nicht (wie beim Michel) direkt nach draußen – der Turm ist spitz und schmal in dieser Höhe, hat keine umlaufende Galerie. Die rundherum eingelassenen großen Bullaugenfenster bieten Ihnen dennoch einen traumhaften Überblick über die gesamte Stadt!
(Panorama im Uhrzeigersinn angeordnet)

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Oben entwickelte sich noch ein sehr angeregtes Gespräch mit einem Touristenpaar, welches ebenfalls kurz nach mir hechelnd in der Luke auftauchte. Sie hatten schnell herausgefunden, dass ich aus Hamburg bin.
Wenn man schon eine Einheimische vor sich hat, muss man das zur Klärung einiger auf der Seele brennender Fragen nutzen …

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

 

Hamburg - Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

Hamburg – Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

 

Man kann sich irgendwie schwer trennen … Hamburg ist aus dieser Perspektive sehr reizvoll!

Der Abstieg stand noch aus. Anstrengend? Sie kennen es aus eigener Erfahrung; hinunter geht es immer wesentlich besser als hinauf. Ich hatte schon einiges geschafft, als mir auf der schmalen, steinernen Wendeltreppe zwei Personen entgegenkamen. Als ich die Schritte hörte, wich ich aus, indem ich mich in
eine Wandnische drückte.
Die beiden hatten mich ebenfalls zuvor schon akustisch wahrgenommen und registrierten erleichtert, dass
der Weg nun doch frei war.
„Ach, so geht das hier bei Gegenverkehr“, sagte die Dame, bereits schwer atmend, zu ihrer Begleitung.
„Ich habe mich schon gefragt, wie man bloß aneinander vorbeikommt!“
„Ich glaube, das ist die einzige Nische auf dem Weg hinauf“, erwiderte ich. „Ich habe keine andere wahrgenommen. Sie haben das gerade sehr gut abgepasst.“
„Die einzige …? Und sonst …? Na ja, ist ja nicht so schlimm, wir sind ja bald oben …“
Ich musste etwas schlucken, denn – kurz nachgerechnet – nach gerade im besten Fall 100 erklommenen
Stufen
folgen schon noch weitere 444 bis zum Ziel!
Nur was soll man die Leute verrückt machen, nicht wahr? Nachher wird gleich mutlos aufgegeben und umgedreht. Das will man ja auch nicht … ^^

Wieder am Fuß des Turmes angelangt, war ich zwar diesmal nach 544 Stufen entschieden fitter als zuvor
bei meiner Ankunft oben, aber mich quälte ein Mordsdurst! Die Schleimhäute fühlten sich an wie ein lang herumliegendes Fensterleder. Knochentrocken und knitterig. Derart ausgedörrt fragte ich im Kirchenshop,
der ein kleines Café betreibt, nach Wasser. Wollte es kaufen. Nur siehe da, Wasser gibt es gratis!
Die wissen offenbar ziemlich genau, wie St.-Petri-Turmbesteiger sich hinterher fühlen …

Soviel für heute. Ich hoffe, Sie haben einen kleinen Eindruck Hamburgs von oben erhalten.

Jetzt werde ich versuchen, mich zu erheben. Das wird vermutlich dauern. Deshalb verabschiede ich mich
lieber vorher und wünsche Ihnen noch eine schöne Woche!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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Zwischendurch hereingeschaut …

Die Zeit geht rasant ins Land. Ich muss mich einfach einmal zwischendurch bei Ihnen melden.

Sie haben es ja selbst gemerkt, die Vögel haben ihren Rucksack umgeschnallt und ziehen in Scharen in den Süden, man wird beim Spazieren ungeniert mit Kastanien beworfen, ALDI hat Laubsauger im Angebot der Woche (hoffentlich kaufen nicht so viele diese Lärmkisten), Frühnebel hängt zwischen den Bäumen … Herbst! Und meine Armbanduhr zeigt an, dass seit dem letzten Post hier mehr als zwei Wochen vergangen sind. Jaha, die kann das! Die hangelt sich von Beitrag zu Beitrag und zählt penibel mit. P+18 steht dort. P für Post, +18 für die verstrichenen Tage.
(Jetzt glauben Sie doch nicht alles! ^^)

Dieses Jahr verläuft bei mir einfach anders. Andere Umstände ziehen andere Abläufe und ein anderes Verhalten nach sich. Wollte ich warten, bis ich Ihnen durch Touren und Erkundungen wieder umfassend Neues präsentieren kann, würde der Stift zwischenzeitlich eintrocknen und Sie begännen mit den Füßen zu scharren. In den Fingern juckt es mich trotzdem, die Frage ist nur, wie schaut in einem solchen Fall der Alternativpost für Sie aus?
Bloggerkollegin Donna vom Blog Garden Walk Garden Talk sprach gerade in ihrem sehr interessanten Beitrag Why so trivial?  über das Phänomen, dass einem beim Bloggen – ganz speziell bei einem eng eingegrenzten Themenbereich und sich dadurch unweigerlich wiederholenden Anlässen und Fotomotiven – mitunter manches Selbstgeschriebene auf einmal so trivial erscheint.
Zu trivial, um es zu posten?
Meine Ansprüche an Beiträge sind prinzipiell auch anders, liegen höher, über der Trivialstufe. Diese Vorstellung vom fertigen Artikel wiederum katapultiert Ansammlungen von Trivialem automatisch hinaus in die Wüste.
Trotz oder gerade im Fall umfangreicher Texte, versucht ein Schreiber, nichts doppelt und dreifach und nur
in anderen Worten wiederzukäuen. Es liegt einem sehr daran, Unwichtiges zu eliminieren und „gefühlte“ Belanglosigkeiten sehr kritisch zu betrachten.
Ist es tatsächlich belanglos oder trägt es doch zum Verständnis bei?
Für wen erscheint es überhaupt trivial? Für den, der schreibt? Oder für den Leser?
Was ich selbst als trivialen Einwurf empfinde, weil mir die Details bereits bestens bekannt sind, muss am anderen Ende noch lange nicht als ein solcher Inhalt empfunden werden. Ich wage fast zu behaupten, dass mitunter ein bewusst platzierter trivialer (im Sinne von anspruchsloser) Einschub innerhalb einer die ganze Aufmerksamkeit erfordernden Abhandlung fast so etwas wie eine kurze Erholungsphase für den Geist darstellt, bevor er erneut ernsthaft bei der Sache ist und weiter aufnimmt. Ziel ist es, für den Leser so zu schreiben, dass er zwischendurch Entlastung hat. So, wie beim Sporttraining Lockerungsübungen für die Muskeln eingeplant sind. Dann läuft es unangestrengt und hinterlässt keinen abschreckenden Muskelkater.
Ich denke mir folglich, so unterschiedlich, wie die Themen hier stets sind, so verschieden darf auch die Form sein. Vielleicht dient ein Beitrag wie der heutige insgeheim eher meiner eigenen Entspannung, wer weiß das schon – nur Sie werden vermutlich nicht gleich zusammenbrechen, wenn es für Sie alternativ um völlig unspektakuläre Dinge geht.
Sie kennen außerdem die Taste und wissen um die Freiheit, einfach etwas wegzuklicken …

Es fiel das Wort Entspannung. Mir ist schon allein deshalb danach, weil die Stadt sich gerade sehr laut präsentiert. Geht es Ihnen auch so, dass Dauerlärm Sie mürbe macht? Manche können es gut ab, aber ich werde davon fix und foxi. Baustellen in der Nähe, meine Straße nebenan als Umleitungsstrecke mit ewig langem Rückstau und laufenden Motoren vor geschlossener Bahnschranke, eine Halbmarathon-Veranstaltung am vergangenen Wochenende fast vor der Tür, das Oktoberfest, das bis Anfang Oktober jeden Abend bis in die Puppen zu hören ist, der Verkehr auf der Bahnstrecke sowie für zwei Wochen zusätzlich Fluglärm, weil eine Start- bzw. Landebahn am Flughafen überholt wird und sämtliche  Flugzeuge nun meinen Stadtteil überfliegen.

Großveranstaltungen mit entsprechend weiträumigen Sperrungen sind auch im Innenstadtbereich Hamburgs mehr geworden. Bei meiner Hausbank wird das dazugehörige Parkdeck saniert, das Betongefräse tönt seit einer gefühlten Ewigkeit. Ebenso wird eine komplette Parkebene im Einkaufszentrum saniert. Fehlen die Abstellmöglichkeiten dort, wirkt sich das sofort auf die eh schon kritische Parksituation im Umfeld aus. Was ich zu Fuß oder mit dem Rad erledigen kann, mache ich daher lieber auf die Art, nur neulich ließ sich etwas nicht ohne Auto bewerkstelligen.
Es hatte sich endlich eine Parkmöglichkeit ergeben, als eine Frau in ein am Straßenrand abgestelltes Auto
stieg und Anstalten machte wegzufahren. Also Blinker an und dahinter gewartet. Nur leider setzte sich so ein dazukommender Oberrüpel dazwischen und klaute mir den Platz. Tat zunächst so, als hätte er mich nicht gesehen, hielt es aber selbst danach nicht für nötig, die Lücke wieder zu räumen oder sich zu entschuldigen.
Es nützt ja nichts sich anzulegen, denn es ändert meist nichts am Fakt des besetzten Platzes. Ich revanchiere mich eher in anderer Form, fahre gern das Seitenfenster herunter, warte bis derjenige aussteigt, schaue ihn sehr ernst und besorgt an und sage:
„Sie wissen schon, dass so etwas Pech bringt … Unglück anzieht?“
Ich versichere Ihnen, es hängt alles davon ab, wie überzeugend Sie dabei wirken. Man muss Ihnen abnehmen, dass Sie quasi der Abkömmling eines Voodoo-Meisters sind.
Wenn so etwas wie „Pffft!“ oder „Haha!“ zurückkommt, sollten Sie nachlegen.
„Es ist natürlich Ihre Sache, ob Sie heute vorsichtig sind oder nicht. Mein früherer Nachbar ist damals ein paar Stunden später von der Leiter gefallen. Komplizierter Bruch. Langwierige Sache. Der hatte übrigens auch MIR den Platz geklaut …“

Selbst wenn Ihr Gegenüber sehr cool und überlegen tut, Sie können sicher sein, dass ihn das den ganzen
Tag beschäftigen und leicht verunsichern wird. Wenn er sich abends am Herd die Finger verbrennt, schiebt
er das auf den Parkplatzklau, der Pechgedanke nistet sich ein und das nächste Mal lässt er es sein.
Ich kann so stets sehr gut mit dem Verlust der Lücke und meinem ersten Ärger fertig werden.

Hamburg - Straßenfest am Mühlenkamp (Winterhude) - 11.09.2016 (Stände und Luftballons)

Hamburg – Straßenfest am Mühlenkamp (Winterhude) – 11.09.2016

 

Ansonsten war ich kürzlich mit meiner Stepptanztruppe für einen Auftritt beim Straßenfest im Mühlenkamp (Hamburg-Winterhude) eingeladen. Bei uns ist die kleine Herausforderung, dass wir nicht in einer festen Gruppe auftreten, sondern uns anlassbezogen oder nach Terminmöglichkeiten unterschiedlich zusammen-
mischen. Uns allen ist gemein, dass wir die gleiche Trainerin haben, jedoch die einzelnen Kurse an völlig unterschiedlichen Standorten üben. Die Choreographie kennen alle, nur je nachdem, wer und wie viele bei einem Auftritt teilnehmen, variiert die Aufstellung und die Verteilung der einzelnen Parts. So treffen wir uns etwas eher vor Ort, besprechen letzte Details und gehen möglichst einmal alles praktisch durch.
Bei der letzten Probe war der Fußboden wahnsinnig glatt, worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war. Es war
ein gebohnerter Parketttanzboden, der für normale Tänze mit herkömmlichen Tanz- oder Turnschuhen taugt, aber nicht unbedingt gedacht ist für Schuhe mit Metallsohlen. Sie kommen sich vor, als liefen Sie mit Gleitschuhen auf einer vereisten Pfütze. Man muss sich sagenhaft konzentrieren, darf die Schritte nicht zu schwungvoll und ausladend machen, was einen im Ablauf natürlich irritiert. Es funktioniert nicht wie sonst …
Den anderen ging es nicht viel anders als mir. Wir trösteten uns damit, dass dafür der Bühnenboden bestimmt stumpf sein würde. Dort werden meist irgendwelche Platten zusammengesteckt, und dann ist mehr das Problem, dass gelegentlich zu breite Spalte gelassen werden.
Als wir hinkamen – Überraschung! Auch der Untergrund der Bühne entpuppte sich als spiegelglatt. Immerhin konnte es einen nicht mehr erschüttern. In dem Moment war ich ungemein froh, dass mich das kurze Training zuvor präpariert hatte. Dennoch gar nicht einfach, auf der Bühne nicht rückwärts in das dort stehende Schlagzeug zu flutschen.

Ich hätte Ihnen gern etwas von der Stepperei gezeigt, doch der USB-Stick mit einem Handyvideo, das ein Zu-
schauer aufnahm, kursiert noch in der Gruppe. (Und da wäre ebenfalls noch die Frage zu klären, ob alle ihre Zustimmung zur Veröffentlichung geben. Wir werden sehen …)

An dem Tag herrschte herrliches  Spätsommerwetter, so bin ich in der Wartezeit vor dem Auftritt ein wenig herumspaziert. Von einer Brücke am Beginn des Mühlenkamps kann man auf den Langen Zug schauen. Das ist keine Waggonansammlung auf einem Abstellgleis, sondern so nennt sich etwas, das wie ein schmaler Arm der Außenalster wirkt, der in Höhe Bellevue in östlicher Richtung abzweigt. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter jedoch die Osterbek, die zur Alster hinfließt und auf dem letzten Stück, bevor sie dort mündet, den Namen Langer Zug trägt. Wie dem auch sei, Sie werden vermutlich auch sagen, Wasser ist Wasser.

Hamburg - Blick vom Mühlenkamp (Brücke) auf den Langen Zug (Richtung Außenalster) mit Kanus

Hamburg – Blick vom Mühlenkamp (Brücke) auf den Langen Zug (Richtung Außenalster)

 

Hamburg - Blick von der Brücke im Mühlenkamp auf den Langen Zug (andere Seite)

Hamburg – Blick von der Brücke im Mühlenkamp auf den Langen Zug (andere Seite)

 

An warmen Tagen ist hier viel los, Spaziergänger biegen auf ihrem Weg um die Außenalster hier spontan ein, mit dem Alsterdampfer kommen Gäste zum gemütlichen Kaffeetrinken mit Blick aufs Wasser …

Hamburg - Langer Zug mit Alsterausflugsboot und Tretboot in Schwanenform

Hamburg – Langer Zug mit Alsterausflugsboot

 

… es wird gepaddelt, gerudert, Tretboot gefahren und direkt an der Ecke Mühlenkamp/Körnerstraße lassen sich sogar Bretter für das Stehpaddeln ergattern. Ein SUP-(Stand Up Paddling)Verleih hat dort seinen Sitz.

Hamburg - Blick vom Mühlenkamp auf den Langen Zug. Die Stehpaddler sind unterwegs ...

Hamburg – Blick vom Mühlenkamp auf den Langen Zug. Die Stehpaddler sind unterwegs …

 

Schon schön, solche anziehenden Punkte und Freizeitmöglichkeiten mitten in einer großen Stadt vorzufinden. Diese Ecken mit viel Grün und Wasser entschädigen immer für steigenden Straßenlärm, Baustellen oder Beton-ansammlungen anderenorts.

Mit diesen optischen Eindrücken verabschiede ich mich zunächst und wünsche Ihnen einen entspannten Ausklang des Wochenendes!
Haben Sie eine schöne Zeit!

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© by Michèle Legrand, September 2016
Michèle Legrand

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Prärie. Und eine Wüste mit „Kakteenen“ … Unterwegs im Loki-Schmidt-Garten, Hamburg

Als ich vor Jahren das allererste Mal den Botanischen Garten in Klein Flottbek (so hieß er zunächst)
besuchte, war ich reichlich verblüfft – und zwar über meine Reaktion! Enttäuschung! Völlig unerwartet.
Nanu, so soll …? DAS ist …? Dieser erste Eindruck … Soll man etwas darauf geben?
Sofort hurra, für immer klar oder unverzagt abgehakt? Durchgefallen, wird zukünftig links liegengelassen?
Die Frage ist: Woran liegt es? Was stört, was enttäuscht? Damals warf ich prüfende Blicke in alle Richtungen. Eine Art genaue Bestandsaufnahme, die dann die Entscheidung fürs Wiederkommen bewirkte. Mit jedem weiteren Besuch gefiel mir die Gartenanlage besser und besser. Eigenartig? Reine Gewöhnung? Nein!
Ich werde Ihnen die Auslöser für den nicht sehr positiven ersten Eindruck verraten, genauso die für den späteren Sinneswandel.

Das Gartengelände im westlichen Hamburg gibt es seit 1979. Damals wurde der alte Botanische Garten in den Wallanlagen der Stadt (Planten un Blomen) aufgelöst, denn der Platz dort war relativ begrenzt. So zog Garten samt Botanischem Institut mehr an den Stadtrand auf eine 24 ha große Fläche. Loki Schmidt, als erfahrene Hobby-Botanikerin, engagierte Naturschützerin, Expertin besonders der bedrohten Pflanzenarten und obendrein Hamburgerin, hegte zu Lebzeiten engen Kontakt, unterstützte lange Jahre die Botanischen Gärten, zeigte stets großes Interesse und unermüdlichen Einsatz, und so erhielt der Botanische Garten Klein Flottbek – zwar nicht zu ihren Lebzeiten – aber nach ihrem Tod (2010) im späten Oktober 2012 in Gedenken an sie einen neuen Namen: Loki-Schmidt-Garten. Wenn Sie den Park betreten, lächelt sie Sie verhalten an. Die Bronzebüste von Manfred Sihle-Wessel steht bereits seit 2005  inmitten von Blumen. So sieht Frau Schmidt, wer an ihr entlangflaniert, Sie wiederum können ihr einen Moment Gesellschaft leisten.

Natürlich gibt es das alte Planten un Blomen als Parkanlage weiterhin! Ein traumhaftes Gelände mit seinen Wasseranlagen und all der Blumenpracht! Aus der Ära des Alten Botanischen Gartens sind obendrein noch die Tropengewächshäuser erhalten. Als Hamburger oder als Stammleser des Blogs ist Ihnen dies nicht unbekannt. Wenn Sie heute neu hinzustoßen, finden Sie ansonsten über die eigens dafür eingerichtete Kategorie rechts auf der Startseite des Blogs den Weg zu diversen Artikeln mit zahlreichen Fotos.
Dort wo seit dem Jahr 2000 die Bucerius Law School ihren Sitz hat, befand sich vor dem Umzug nach Klein Flottbek das alte Botanische Institut.

Hamburg - Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Hamburg – Das markante Gebäude der Bucerius Law School am Platz des ehemaligen Botanischen Instituts (Planten un Blomen)

Neuer Botanischer Garten
Vermeiden Sie es auch, wenn irgend möglich, mit bestimmten Erwartungen an einen noch unbekannten Ort
zu gehen? Mit einem schon vorgefertigten Bild? Man ist allerdings nicht ganz davor gefeit, Vorstellungen zu entwickeln, denn wenn das Gehirn Verbindungen zwischen alt und neu knüpft und Parallelen sieht, dann gaukelt es einem ungefragt etwas vor. Mir schwebte im Falle von Klein Flottbek offenbar ein zweites Planten un Blomen vor, üppiges Wachstum und bei aller Pracht und Anlage gleichzeitig diese Natürlichkeit. Harmonie. Dann kam es etwas anders …

Es war noch vor der Jahrtausendwende, als ich mich das allererste Mal auf den Weg machte. Ich erinnere mich
nicht mehr an das genaue Jahr, jedoch daran, dass es Ende Mai war. Die Kälte in dem vorangegangenen Winter hatte lang getobt, nichtsdestotrotz hatte mein Garten daheim mit Maibeginn lebhaften Austrieb gezeigt. Einige der frühen Zwiebelpflanzen hatten noch geblüht, die Stauden schon kräftig losgelegt, an Sträuchern und Bäumen spross das Laub. Ein frischer Anblick mit vielen Farbtupfern. Vor allem zeigte sich so gut wie keine nackte Erde mehr, welche im Winter gern gähnende Leere im Garten vortäuscht und unweigerlich für eine gewisse Tristesse sorgt.

Wie anders zu der Zeit das Erwachen der Natur in Klein Flottbek! Ganz offensichtlich bot sich den vielen freistehenden Pflanzen auf den großen Flächen relativ wenig Schutz vor Wind und Wetter. Dadurch herrschte dort ein anderes Mikroklima, ein raueres. Die Vegetation war eindeutig zurück, der Austrieb sehr spärlich und mehr zu erahnen als vorhanden.
So trat etwas hervor, was mich massiv störte. Überall eingesteckt, dicht an dicht, ragten weiße Plastikschilder auf halbhohen Plastikspießen aus dem Boden! Sie trugen Namensbezeichnungen, Informationen, über die ich im Prinzip froh bin, aber an dem Tag überkam mich das Gefühl, inmitten eines kahlen Schilderwalds zu stehen. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass die weitläufigen, öde wirkenden Flächen sich ein paar Wochen später in grüne Oasen und ein großes Blütenmeer verwandeln sollten. Damals schaute ich suchend in alle Himmelsrichtungen und dachte, was wirkt es doch noch unharmonisch, unfertig …
Ein ähnlicher Anblick wie der, der einen im Fall von Neubaugrundstücken erwartet. Gerade ist das Haus fertig, der Schutt fort, der Boden planiert. Grob werden erste Wege angelegt, zusätzlicher Mutterboden trifft ein, der Hauseigentümer beginnt mit der Gestaltung der Beete und der Bepflanzung. Drei Halme Rasen sprießen, ein Rankgitter reckt sich traurig allein in die Höhe, noch staksige Stecklinge sollen einmal eine Hecke bilden …
Zur anstehenden Einweihungsparty werden Sie eingeladen und mit stolz geschwellter Brust verkündet der Gastgeber: „Ich habe jetzt einen Garten! Mit Apfelbaum!“
Sie wissen, wie das dann aussieht. Gar nicht anders aussehen kann! So ein Garten entsteht nicht von heute auf morgen. Der Apfelbaum ploppt nicht fertig aus der Erde. Hat nicht sofort die endgültige Höhe, eine schattenspendende Krone und Sie ernten auch nicht gleich einen Zentner Cox Orange. Genauso wenig sieht die frische, zarte Pflanzenreihe wirklich schon nach Hecke oder Sichtschutz aus. Prinzipiell wirkt alles neu Gesetzte zunächst ziemlich verloren.
Ein weiterer Fakt ist, dass – selbst wenn der Gesamtplan für den Garten durchaus von Anfang an fertig ist, d. h. die grundsätzliche Anlage und Aufteilung feststeht – man in der Realität nie alles auf einmal erschafft, sondern sich nach und nach immer einen weiteren Teil der Anlage vornimmt, sich dabei oft erst die weiteren Gestaltungsideen für Detailarbeiten ergeben oder die Mittel dafür da sind.

Ich konnte mir damals im Botanischen Garten gerade so eben einreden, dass dort im angelegten, werdenden „Wald“ die noch zierlichen Sumpfzypressen bald grün werden würden, der Farn demnächst austreiben, in trockenen Bachläufen Wasser fließen würde und sich im aufgetragenen Geröll des Alpinums kleine Staudentriebe zeigen würden. Es half nichts, in dem Moment wirkten die Beete nichtssagend und das Gelände zwar großzügig, aber trotz leichter Höhenunterschiede in Form von Aufschüttungen eher fad. Die größte Aufmerksamkeit erregte damals bei mir neben den weißen Steckschildern das Unkraut im Alpinum. Das Kraut
ist robust und hatte sich breitgemacht. Das Zeug gedeiht bei kalten Temperaturen vielfach schon eher als der gewollte Rest …

So wie Ihnen die Umstände bezüglich Apfelbaum und Warten klar sind, so ließ sich für mich eindeutig festmachen, welche Umstände hinsichtlich Botanischer Garten und Missfallen anlagen. Es war ein rein temporäres Problem. Grund genug, später und vor allem zu einer anderen Jahreszeit wieder herzukommen.

Es hat tatsächlich gut vier Jahre gedauert, ehe ich den nächsten Versuch startete. Im Fall eines noch recht jungen Gartens verändern die zusätzlichen Wachstumsjahre das Gesamtbild merklich. Bäume legen in dieser Zeit nicht nur an Größe, sondern auch an Stammumfang zu, zunächst einzeln stehende Sträucher wachsen zu Gehölzgruppen zusammen, Lücken am Boden schließen sich langsam.
Für ein noch einmal komplett anderes Empfinden sorgt im Botanischen Garten das Einsetzen des Sommers.
Die Kahlheit der kalten Ruhesaison gerät in Vergessenheit. Wenn die Tage länger werden und die Sonne den Boden erwärmt, bricht es aus großen, dunklen Erdschollen unaufhaltsam hervor und plattes Land wird auf einmal zu einem 3D-Erlebnis. Alles drängt ungestüm ans Licht, will hoch hinaus …

Auf einmal lebt der Loki-Schmidt-Garten. Blütenmeer mit Farbenpracht, Blattvariationen, Düfte, Insekten, Wassergemurmel, das Spiel von Licht und Schatten … Futter für alle Sinne!
Und nun nimmt man sie wahr: Die belaubten Bäume, die vereinzelt zu sehr stattlichen Exemplaren heran-
wuchsen! Irgendwann ist es soweit, verstrichene Jahre haben dafür gesorgt, dass sich – besonders in der grünen Jahreszeit –  ein harmonisches Bild, zusammen mit all dem anderen neu Angepflanzten, ergibt. Die Gehölze verbinden, doch genauso gelingt es ihnen zu gliedern, und damit schaffen sie einzelne Bereiche innerhalb des Gartens. Sie lenken damit Ihren Blick! Früher schauten Sie stets ungebremst in die Ferne und hatten damit das meiste auf Anhieb überschaut. Etwas langweilig. Heute entdecken Sie hingegen Meter um Meter, tasten sich voran, das ist entschieden interessanter.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Szene am flachen Wasser)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (Wasser, Moorbereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Am See

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Am See

Mittlerweile kann ich der Anlage sogar im Winter viel Positives abgewinnen, denn das, was einem Garten in dieser Zeit Struktur und ein Gerüst verleiht, ist 37 Jahre nach dem Start in Klein Flottbek nun in einem ganz anderen Ausmaß vorhanden als beispielsweise in den ersten beiden Jahrzehnten seiner Existenz. Selbst in der kahlen Saison locken zahlreiche Stellen, denn im Laufe der Jahre sind neue Themen aufgegriffen und umgesetzt worden.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Idyll in der Nachmittagssonne ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Idyll in der Nachmittagssonne …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

 

Wenn Sie also in Hamburg einen Spaziergang im Grünen unternehmen möchten, dann sollte der Loki-Schmidt-Garten in Ihre engere Wahl kommen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wie ein Gemälde von Monet ...(Teichszene in typischen Farben)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wie ein Gemälde von Monet …

Übrigens: Es gibt dort zwar keinen Spielplatz, trotz allem ist es gerade für jüngere Kinder ein sehr interessantes Terrain! Ich bitte das nicht so zu verstehen, dass Sie als Eltern auf Biegen und Brechen botanische Früherziehung betreiben sollen, ich erwähne es, weil der  Aufenthalt ein großes Vergnügen und Abenteuer ist, für Bewegung sorgt und Kinder dabei ganz nebenbei etwas lernen können. (Es gibt sogar eigene Veranstaltungen für Kinder!)

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten (violette Bepflanzung)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Wieso interessant?
Sie hätten eine völlig falsche Vorstellung vom Botanischen Garten, wenn Sie sich einfach einen Rundweg vorstellten, der irgendwann abgelaufen ist. Einen Weg, an dessen Seiten es keinen Abzweig gibt, wo sich links uns rechts nicht viel hinsichtlich der Art der Bepflanzung ändert. Das wäre ermüdend. Kinder würden mit Recht am Ende drei Kreuze machen, froh, es endlich hinter sich zu haben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Vielfältige Landschaftsformen ...(Heidebereich)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Vielfältige Landschaftsformen ….

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild ... (junges Rotkehlchen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten- Der kleine Kerl auf dem Topfrand wollte mit aufs Bild …

Tatsache ist jedoch, dass es unterschiedliche Themenbereiche gibt und dazu existiert ein großzügig angelegtes Areal, welches in seiner Gestaltung verschiedene Regionen der nördlichen Erdhälfte wiedergibt. Somit entsteht während eines Spaziergangs hier ein Moorgefühl, dort eine Vorstellung vom Dünenleben.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Auf leichten Erhöhungen bietet das Alpinum einen Eindruck von der Pflanzenwelt im Hochgebirge bevor ein Stückchen weiter die vorderasiatische Steppe wartet. Und von dort geht es nach China und Japan.
Der Japanische Garten entstand gleich zu Beginn der Anlage des Botanischen Gartens und wurde von Yoshikuni Araki kreiert. Das ist der Gartenarchitekt, der danach auch die Japangärten in Planten um Blomen gestaltete.

Der andere sehr interessante Weg führt Richtung Alaska, von dort südwärts durch die Rocky Mountains und die Prärie bis hinunter nach Florida. Thematisch und pflanzlich gesehen.

Wunderschön die Blütenpracht der Prärie im Sommer …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Der fruchtbaren nordamerikanischen Langgrasprärie (mit Stauden!) nachempfunden …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch der Gelbe Sonnenhut (Rudbeckia fulgida) gehört in die Prärie …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ....

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sommerliche Blütenpracht (Juli-Sept.) in der Prärie ….

Ebenso so reizvoll und dabei einen vollkommen anderen Anblick bieten die Sumpfzypressen am Wasser (Florida, Everglades). Von ihren Zweigen hängt im Sommer häufig das Louisiana-Moos herab.
Araukarien fallen ins Auge, diese bizarr geformten, recht dunklen Koniferen, die typisch für Südamerika
(Chile)
sind und ihr Aussehen im Winter nicht ändern, womit wieder etwas gefunden wäre, wofür sich ein Entdeckungsgang auch in dieser Saison lohnt  …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Farne und ein Wasserlauf unter den Sumpfzypressen …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Im Reich der Sumpfzypressen ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Im Reich der Sumpfzypressen …

Die kleinen verschlungenen Wege und Pfade durch das Unterholz, entlang an Bachläufen oder hinauf auf kleine Erhebungen, sie sind es, die besonders Kinder faszinieren und den Besuch spannend machen. Wer Libellen entdeckt, dicke Hummeln auf Präriestauden, Schmetterlinge, Fische im See und Teichhühner am Uferrand oder auch ein Eichhörnchen über sich an einem Zapfen knuspeln hört, der denkt nicht an „Wann
sind wir endlich fertig …?“, sondern ist ständig am Erforschen und Erkunden.

Loki-Schmidt-Garten - Eichhörnchen am knuspeln ... (auf dem Zweig einer Sumpfzypresse)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eichhörnchen am knuspeln …

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Parkidylle im Botanischen Garten - Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Parkidylle im Botanischen Garten – Wer genau hinschaut, entdeckt das Eichhörnchen wieder …

Weitere Highlights für Kinder sind der geheimnisvolle Bambusgarten (gleich am Eingang links) und vor allem auch der Nutzpflanzenteil! Nutzpflanzen, das mag sich trocken anhören, ist es jedoch absolut nicht. Der Bereich stellt sich für den Besucher als „Anbaufelder in klein“ mit diversen Gemüse- und Kräuterarten dar. Wer keinen eigenen Garten hat, wessen Kinder bisher vielleicht nur TK-Packungen oder die Gemüseabteilungen im Supermarkt kennen, der kann dort vieles endlich einmal als komplette Pflanze erleben. Mit Grün, mit Blüte, mit Frucht. In luftige Höhe strebend (Dill) oder im Boden steckend (Zwiebeln).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich (hohe blühende Kräuterpflanzen)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzgarten mit Zwiebeln und Konsorten …

Dicke Kürbisse in allen Farben und Formen liegen am Boden, räkeln sich, im Blätter- und Rankenwirrwarr halb versteckt.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich - Kürbis (gelb)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich – Kürbis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Nutzpflanzenbereich mit Kürbissen und Zucchinis

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kürbis im Nutzgarten (orangerot)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kürbis im Nutzgarten

Es gedeihen unterschiedlichste Salatpflanzen und zahlreiche Kohlsorten, es gibt diverse Möhrenarten, Würzpflanzen u. v. m.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich ...

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Kohlsorten,, Salate, Gemüse und Kräuter im Nutzgartenbereich …

 

Die Liebhaber von Mittelmeerpflanzen kommen ebenso auf ihre Kosten, wie Rhododendronanhänger. Stauden-
freunde und Heilpflanzenfans werden fündig, auch diejenigen, die sich speziell für Bibelpflanzen interessieren. Wer Lust hat, kann im Tast- und Duftgarten fühlen und schnuppern. Nicht immer funktioniert jede Duftquelle – oder aber, meine Nase hat zwischendurch schlapp gemacht.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten- (gelb) an den Gewächshäusern

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten

Selbst ein farbenfroher und sehr fröhlich wirkender Bauerngarten inklusive eines kleinen Bauernhauses ist vorhanden. In ihm ein Shop, der hauptsächlich am Wochenende geöffnet wird. Mit Kindern sollte man unbedingt um das Häuschen herum gehen. Dort steht noch allerlei uraltes Gerät, das sicher Gefallen findet!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit kleiner Kate

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit kleiner Kate

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Bauerngarten mit typischen Stauden wie Phlox, Cosmea, Schafgarbe (Achillea) etc.

In der Wüste …

Ich hatte auf meinem Spaziergang einen Vater mit seinem kleinen Sohn vor mir. Die Mutter samt kleiner Schwester im Tragesack hatten sie zeitweise abgehängt. Der junge Mann hatte ein bestimmtes Ziel: die Wüste. Der Wüstengarten der Loki-Schmidt-Anlage wurde 2005 eingeweiht, hat zwei große, inzwischen schon recht berühmte, leuchtendblaue Glaspyramiden, die der verstorbene Scheich und ehemalige Präsident der Ver-
einigten Arabischen Emirate spendete und erstreckt sich über eine Fläche von immerhin 3.000 m². In den Pyramiden findet sich Lesenswertes zum Thema.
Ein Teil des Wüstenbereichs beschäftigt sich mit der typischen Oasenlandwirtschaft, zeigt, wie der Mensch anbaut und begrünt, stellt jedoch ebenfalls Faktoren dar, die zur Wüstenbildung beitragen. Im restlichen
Bereich sind Pflanzen anzutreffen, die es im extrem Trockenen aushalten. Sukkulenten beispielsweise.
„Papa, wo geht das zur Wüste? Ist es noch weit?“
„Die ist dort drüben.“ Der Vater zeigte voraus und schwenkte die Hand leicht nach rechts. „Siehst du die Pyramiden?“, fragte er.
„Was ist das?“
Der Vater erklärte den Begriff, der Sohn entdeckte die beiden Glasspitzen.
„Neben den Pyramiden auf der rechten Seite. Da ist es.“
„Papa, müssen wir denn auf dem großen Weg gehen?“
„Nein, wir können auch hier den Pfad quer durch die Pflanzen hinauf nehmen und schauen dann vom kleinen Hügel auf die Wüste herunter.“
„Oh ja, so machen wir das!“ Der Nachwuchs war sofort einverstanden. „Papa, und in der Wüste, da sind dann die Kakteenen, nä?“
Ich gebe zu, ich horchte auf. Sind Sie auch so begeistert? Da kennt ein kleines Kind altersbedingt noch nicht die Bedeutung des Worts Pyramide, aber es weiß schon, dass das Wort Kaktus einen besonderen Plural hat. Weiß, das sind keine Kaktüsse oder Kaktüsser. Kann sich nur nicht mehr ganz entsinnen, wo das aufgeschnappte Wort genau endete. Ich finde, ein im Ansatz richtiger, nur noch einmal verlängerter Plural, ist gefühlt doch um Klassen besser als ein komplett falscher.

Die beiden pirschten sich durch die teilweise hohen Stauden eines großen Beets. Sie nahmen flott die leichte Steigung und warteten oben auf einer Bank auf die Restfamilie.
Als Mutter und Babyschwester die beiden erreicht hatten, fragte die Frau ihren Mann:
„Warum musstet ihr denn ausgerechnet hier entlang gehen?“
„Wieso?“, kam es erstaunt zurück.
„Na, ist seid mitten durch die Giftpflanzen …!“
„Echt? Hab ich gar nicht mitbekommen“, wand sich der Gemahl etwas unwohl heraus.
Bei Giftpflanzen wurde Sohnemann prompt hellhörig und ließ Kakteenen vorerst Kakteenen sein. Gift klang plötzlich interessanter.
So kam es, dass sich die Familie stattdessen das Beet erneut vornahm und diesmal ganz gezielt auf giftige Pflanzen aufmerksam machte und vor attraktiv aussehenden Früchten und Beeren warnte.

Es gibt so einige Pflanzen, die enorm verlockend aussehen!

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Giftpflanzen - Ital. Aronstab (Arum italicum)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Giftpflanzen – Ital. Aronstab (Arum italicum)

 

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Herbstanemonen (zählen ebenfalls zu den Giftpflanzen, ihr Pflanzensaft ist schwach giftig)

Kakteenen. Ich habe sie gerade immer noch im Kopf … Pluralformen sind schon ulkig, oder? Wie war das gleich beim Kürbis? Nach dem Kaktusprinzip hieße der Plural Kürben bzw. Kürbenen. Und die Giftpflanze von eben? Mehrere davon? Aronstabse – oder lieber Aronstäber? Was halten Sie von Eisenhütern, die im Garten sprießen? Man könnte im Edelrestaurant einmal unschuldig nach Artischöckern fragen und als Nachtisch für alle Ananässer und Papayen bestellen …

Besondere Pflanzen …

Apropos Artischocke! Ich habe mir beim Herumspazieren im Loki-Schmidt-Garten noch etwas für Sie herausgepickt, was mir diesmal – in der zweiten Augusthälfte –  besonders gefiel.
Kennen Sie diese Pflanze?
Das ist eine Wilde Artischocke, auch Karde genannt (Cynara cardunculus), die ursprüngliche Form der Gemüseartischocke. Hat sie nicht traumhafte Blüten? Mir gefallen sie in jedem Stadium.

Ob noch als Knospe …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Sich entwickelnde Blüte einer Wilden Artischocke (Cynara cardunculus)

… voll erblüht ….

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus) in Blüte

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

 

… oder während des Welkens und Vertrocknens.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Auch beim Verblühen schön: Wilde Artischocke, Karde (Cynara cardunculus)

Die Früchte sind auch bei dieser Wildart essbar. Es heißt, unsere Geschmacksnerven werden von der Artischocke in einer Weise beeinflusst, dass danach getrunkenes Mineralwasser plötzlich süß schmeckt.
Schon ausprobiert? Tun Sie es ruhig, sie hat nur 17 Kalorien pro 100 g. Ihr Saft soll sich positiv auf die Cholesterinwerte auswirken und liefert einen kleinen Nachschub an Mineralien und Ballaststoffen sowie Eisen, Protein, Vitamin C und B6.

Wenn Sie Enzian und sein leuchtendes Blau mögen, werfen Sie einen Blick auf diese Variante. Es ist ein Schwalbenwurz-Enzian oder auch Schwalbenschwanz-Enzian (Gentiana asclepiadea), der auf engen Raum eine sehr ansehnliche Blütenanzahl produziert.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Enorm blau und voller Blüten: Der Schwalbenwurz-Enzian (Gentiana asclepiadea)

 

Während bei einigen Blüten dieses besondere Blau bekannt ist, hatte ich es noch nie bei Beeren oder Früchten einer Pflanze gesehen. Hier entdeckte ich die perlenartigen blauen Schönheiten an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica).

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blaue Perlen an der Tasmanischen Flachslilie (Dianella tasmanica)

Die zierlichen Blüten, die früher im Jahr in Rispen angeordnet erscheinen, sind eher blau-violett.
Was mich interessieren würde, ist, wie die Staude aus „Down Under“ im Botanischen Garten die hiesigen Winter übersteht, denn offiziell kann sie Frost nur bis zu -7 °C vertragen. Sie schien neu gepflanzt. Ob Winterschutz an Ort und Stelle reicht – oder wird sie wieder hereingenommen bis zum Frühjahr?

Noch ein blauer Vertreter, der im Sommer lange blüht:

Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu …

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Eine weitere blaue Zierde im Garten: Eryngium amethystinum, der Stahlblaue Mannstreu

 

Diese Lilie zeigt ihre verführerische Pracht zurzeit gleich im Eingangsbereich des Botanischen Gartens:

Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blüht gleich am Eingang in voller Pracht: Lilium-Orienpet-Hybride "Scheherazade" (rot-weiß-gelbe Lilienart)

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Lilium-Orienpet-Hybride „Scheherazade“

 

Man könnte noch so viel zeigen, doch für heute soll es genug sein. Vielleicht führt Ihr Weg Sie einmal dorthin. Es ist eine sehr schöne und entspannende Art, sich Luft, Bewegung und etwas für die Sinne zu gönnen.

Hamburg - Loki-Schmidt-Garten - Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride "Bednall-Beauty*

Hamburg – Loki-Schmidt-Garten – Blumenrabatte mit Dahlia-Hybride „Bednall-Beauty*

 

Sie können Ihr Ziel per Auto ansteuern, es gibt einen Parkplatz. Ein Bus hält vor dem Eingang. Doch wenn Sie mit der S-Bahn hinfahren, werden Sie schon am Bahnhof Klein Flottbek auf den Garten eingestimmt …

Hamburg - Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden ...

Hamburg – Der Zugang zur S-Bahn-Station Klein Flottbek mit Pflanzenmotiven an den Wänden …

 

Der Loki-Schmidt-Garten hat sich ansprechend entwickelt. Die natürliche Veränderung durch Wachstum, die Erlangung einer gewissen Reife, das ist ein Punkt, doch dank der vielen Menschen, die im Botanischen Garten wirken, die forschen, die Ideen umsetzen, die ständig Hand anlegen (und hier gibt es zu den Hauptamtlichen eine große Anzahl an ehrenamtlichen Helfern), dank ihnen ist es möglich, einer solchen Anlage wirklich Gestalt zu geben, ihr Leben einzuhauchen und sie vor allem auch am Leben zu erhalten!
Ich bin immer wieder erstaunt, wie finanziell alles bewerkstelligt wird, ohne dass bisher Eintritt verlangt wird …
So ist er der Botanische Garten allen zugänglich, und das ist eine feine Sache.

Damit möchte ich mich für heute verabschieden. Ich hoffe, Sie haben sich ein Bild vom Garten in Klein Flottbek machen können und würde mich freuen, Sie bald wieder hier zu treffen.

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© by Michèle Legrand, Sept. 2016
Michèle Legrand - freie Autorin

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