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Lebenszeichen …

Am Sonnabend saß ein Straßenmusiker am Rande des Wochenmarkts lässig auf einer Treppenstufe, hielt seine Akustikgitarre im Arm und zupfte mit Gefühl „The Girl from Ipanema“. Er hatte kaum begonnen, da brach die bis dahin graue Wolkendecke auf und Sonnenschein ließ auf einmal Blumen, Gemüse und Obst an den Ständen der Marktbeschicker aufleuchten. Und einige Gesichter.

Sie kennen das Lied, oder? Sehr melodisch und harmonisch, sehr relaxt. Die englische Fassung ist bekannt und nicht schlecht, doch am besten hört man es entweder instrumental (in der Version mit Akustikgitarre) oder wenn mit Gesang, dann im Original. Die Weichheit der portugiesischen (bras.) Sprache schafft das Gefühl der Entspanntheit noch intensiver zu erzeugen. Und überträgt diese leichte Melancholie …
Di-da-da / da-di-da-da-da / da-di-da-da / da-di-da-da-da  …

Dieser spezielle Moment auf dem Markt entpuppte sich irgendwie als Impulsgeber. Er ließ mich das erste Mal seit Langem wieder an die Möglichkeit des Bloggens denken. Genauer gesagt daran, dass endlich das Quäntchen Ruhe auftauchen würde, das man einfach braucht, um sich mit Lust zum Schreiben hinzusetzen.

Da sitze ich nun. Und zaudere … Die Krux ist, wenn man Wochen, Monate nichts geschrieben hat, kreisen
die Gedanken vorrangig um den Anschluss an die entstandene Lücke. Was ist nicht alles geschehen … Chronologisch angehen? Bunt mischen oder thematisch strikt getrennt? Komplett nachholen vs. Teile auslassen. Die Frage ist ja, muss man denn eine Lücke unbedingt füllen …

Wissen Sie was?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich Ihnen zunächst einfach ein Lebenszeichen schicke. Ihnen dabei, mit einem weiterhin dank der Melodie des Girls from Ipanema entspannten Grundgefühl erzähle, dass ich vorhabe, wieder etwas häufiger zu schreiben und mich sehr herzlich bei denen bedanke, die sich zwischendurch gemeldet und nach meinem und dem Befinden der Familie erkundigt haben. Alles soweit in Ordnung – bis auf die Tatsache, dass dieses Jahr hammerhart daherkommt und immer wieder extrem kräftezehrend ist.

Nach dem Tod des Stiefpapas gab es prinzipiell viel zu erledigen, und als sich nicht lang danach meine Mutter bei einem Sturz in der Wohnung das Handgelenk kompliziert brach, verbrachte ich den Großteil einer Nacht mit ihr in der Notaufnahme. Wegen diverser Risiken wurde nicht operiert, nur gerichtet, und meine Mutter wurde, mit Gips versehen, gegen 3 Uhr morgens entlassen. Litt unter Schwindel und Schmerzen, durfte nun bloß nichts falsch bewegen oder belasten – und ich hatte neben zwei hilfs-/pflegebedürftigen Familienangehörigen, vielen Terminen und Besorgungen, auf einmal auch zwei Haushalte und zwei Gärten, die auf mich warteten.

Der Sohn zog mit Familie um ins eigene Heim, die kleine Enkelin war in der Zeit des Renovierens und Packens häufiger hier, inklusive Übernachtung. Was einerseits wundervoll war, ich möchte diese Besuche auf keinen Fall missen, aber es lässt sich nicht leugnen, ein Kleinkind hält einen fix auf Trab und beschert reichlich kurze Nächte. Sei es, weil mitten in der Nacht plötzlich ein munteres, helles Stimmchen nach einem ruft oder – im günstigeren Fall – erst morgens um kurz vor sechs jemand neben dem Bett steht und wispert: „Oma, bist du wach?“

Die Auseinandersetzung mit gleich zwei Autoversicherungen zog sich von Anfang Mai bis Ende Oktober hin. Sechs Monate! Nach vier Monaten stand endlich das Auto repariert wieder zur Verfügung – allerdings mit zu-
nächst selbst beglichener, hoher Rechnung. Die Erstattung kam nun vor zwei Wochen … Ein unverschuldeter Autounfall, der aber aufgrund der bizarren Aussage des Unfallgegners strittig war (leider keine Zeugen, Polizei und Sachverständiger legten sich nicht fest) und deshalb mit einer 50:50 Regelung endete. Sehr bitter, auch
weil nun hochgestuft wurde …

Es gab und gibt zahlreiche Arzttermine bei meinen beiden Patienten und eine längere Zeit diverse Fahrten mit der Mama. Plötzlich standen ambulante OPs an, kritische Situationen entwickelten sich aus dem Nichts, schmerzvolle Zahnprobleme traten auch auf. Im letzten Monat dann erneut eine Beerdigung. Ich musste zu eigenen Untersuchungen, zudem schlauchten wiederkehrende Infekte. Es folgten zahlreiche Werkstatttermine, Handwerker kamen wegen der Dachrinne. Die Gartenarbeit rief, das ewige Laubrechen begann ebenfalls. Eine Zeit wurde überschattet durch ein mit einem Mal konfliktreiches Verhältnis, was sehr belastend war.
Seit einigen Wochen sind es jetzt die sich verschlechternden Werte beim Gemahl und die Unsicherheit über den Fortgang der Therapie. Innere Anspannung – wohl auch angesichts der Unberechenbarkeit. Es kann sich alles so schnell ändern. Von heute auf morgen.

Aber!

Jetzt kommt das große Aber. Es gibt stets auch Gutes!
Meine Tochter hat dieses Jahr geheiratet! Der Sport, den ich vor ziemlich genau einem Jahr begonnen habe, hat Positives bewirkt. Den besseren Abbau der erwähnten Anspannung zum Beispiel. Er hilft enorm dabei abzu-
schalten. Und, was mir sehr Auftrieb gibt, der aus heiterem Himmel entgleiste Blutdruck hat sich mit Hilfe des monatelangen Trainings wieder einfangen lassen. Ohne Medikamente.

Im Spätsommer gab es eine Phase, die bei meinem Mann gesundheitlich relativ stabil schien. So beschlossen wir mutig, eine Woche Ferien an der Nordsee zu wagen. Ein bisschen Vorplanung war natürlich nötig, die machte es aber möglich, dass er während des Aufenthalts als Gastpatient in Cuxhaven die dortige Dialyse-
station besuchen konnte. Für alles andere mussten wir einfach Daumen drücken, und davon ausgehen, dass
in den sieben Tagen keine Katastrophen passieren.

Eine Woche Nordsee hört sich für Gesunde nach keiner großen Sache an. Wenn man jedoch vor gut zwei Jahren beinahe nicht wieder aus dem Krankenhaus zurückkam und seitdem, weil das Ganze nicht heilbar ist, durchgehend in Behandlung und unter Beobachtung ist, dann sieht die Sache anders aus. Das erste Mal nicht nur für ein paar Stunden außer Haus zu sein, sondern für mehrere Tage wegzufahren, sich von seinen behan-
delnden Ärzten und schneller Hilfe zu entfernen, das ist ein eigenartiges Gefühl.
In dem Fall muss man sich erst wieder trauen. Als Patient, aber auch als Angehöriger. Anreise, Ortwechsel, andere Räumlichkeiten, Luftveränderung etc. sind mit einem Mal ein ziemliches Wagnis und Abenteuer. Doch es funktionierte, und es war schön dort. Ich werde sicher separat noch von Cuxhaven berichten.

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Cuxhaven (Nordsee) - Sonnenuntergang am Döser Strand - Blick auf die Insel Neuwerk am Horizont

Cuxhaven (Nordsee) – Sonnenuntergang am Döser Strand – Am Horizont die Insel Neuwerk

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Kürzlich waren wir sogar ein zweites Mal unterwegs. Diesmal für ein Wochenende in Stralsund. Mein Mann wollte gern an einer Jahreshauptversammlung teilnehmen. Sein Fachgebiet, seine langjährigen Bekannten und Hobbykollegen. Ich als Begleitung auf der Reise  – jedoch nicht bei der Zusammenkunft und somit mit einem Tag Freizeit und eigenem Programm vor Ort!
Sie glauben nicht, wie selten es geworden ist, dass man zum einen rauskommt und sich zum anderen als Angehöriger auch wirklich nicht zuständig und frei von Verantwortung fühlt. Sich für ein paar Stunden nach nichts richten muss, sich nicht den Gegebenheiten anpassen braucht. Es fällt fernab des sonstigen Auf-
enthaltsortes und des üblichen Ablaufs merklich leichter, vermutlich auch deshalb, weil das Unterbewusstsein dort automatisch von weniger Pflichten ausgeht und mit weniger Unterbrechungen rechnet.
Es ist rar geworden und diese Zeit für mich unschätzbar wertvoll! Ich habe sie genutzt, unheimlich genossen und würde Ihnen auch gern von dort später einmal einige Eindrücke zeigen.
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Blick vom Kirchturm in der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

Stralsund von oben – Blick vom Kirchturm der Altstadt Richtung Knieperteich und Weiße Brücken

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Was ich heute vorwegnehmen und Ihnen nun zum Schluss erzählen werde, ist die Episode: Bahnfahrt nach Stralsund. Ich kann Ihnen sagen, wir haben ziemlich verblüfft geschaut!

Sie können sich denken, gerade als Reisender mit Einschränkungen durch gesundheitliche Probleme überlegt man sehr genau, wie man am bequemsten und sichersten ans Ziel und wieder heimkommt. Autofahrten sind dabei nicht unbedingt immer erste Wahl. Ratsam sind folglich Orte, die nicht zu weit entfernt liegen und welche mit der Bahn – möglichst direkt! – zu erreichen sind. Kein Umsteigen. Platzreservierung! Das ist bereits die halbe Miete.

Wir trafen letzten Monat zur Abreise ins Stralsund-Wochenende am Hamburger Hauptbahnhof ein, doch unser Zug erschien überhaupt nicht auf der Anzeigetafel. Die Nachfrage bei einem sehr brummigen, wortkargen Herrn an der Information ergab, der IC wurde erst in einer knappen Stunde erwartet. Er hatte Verspätung  „wegen Bauarbeiten auf der Strecke“.
Der Zug kommt aus dem Koblenzer Raum, fährt via Hamburg über Schwerin Richtung Stralsund und letztendlich nach Binz auf Rügen. Wenn ein IC also mit Verspätung in Hamburg eintrifft, rechnet man – korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege – damit, dass die Bauarbeiten auf dem zurückliegenden Teil der Strecke waren oder weiterhin dort stattfinden. (Behalten Sie das gern im Hinterkopf.) Die aufgedrückte Stunde Wartezeit wurde mit einem Besuch beim Bäcker und einem Pott Kaffee überbrückt. Es gibt Schlimmeres.

Für die Rückfahrt am Sonntag hatten wir eine Zugverbindung am frühen Mittag, kurz vor zwölf Uhr ab Stralsund, gebucht. Wir unkten im Hotel noch, vielleicht blüht uns wieder eine Verspätung – einfach so, auch ohne Bauarbeiten auf unserem Streckenteil. Die elektronische Anzeigetafel kurz darauf am Bahnhof schien es zu bestätigen. Wir suchten jedenfalls vergeblich nach der Nummer unseres ICs. Zum Glück ist der dortige Info-Schalter am Sonntag besetzt. Die sehr freundliche Dame vom Dienst schaute uns zerknirscht an:
„Nein, dieser Zug ist leider schon lange weg. Der fuhr heute bereits um 10.17 Uhr. Wegen Bauarbeiten auf der Strecke …“

Haben Sie so einen Fall schon einmal gehabt? Dass ein Zug in die andere Richtung vom Plan abwich und eineinhalb Stunden vorverlegt wurde? Auf die Idee bin ich überhaupt nicht gekommen!

Es wurde noch ein bisschen umständlich, denn von der Info ging es zum Service, da die Zugbindung aufgehoben werden musste. Wir wollten die Sitzplätze mit umbuchen, nur es fuhr kein weiterer IC in absehbarer Zeit. Die nächsten Möglichkeiten waren Fahrten mit der Regionalbahn, was prinzipiell kein Drama ist – solange man gesund ist. So bedeutete es umsteigen in Rostock, und es ließen sich keine Plätze reservieren. Mittlerweile hatte sich in Stralsund im Bahnhof eine Menschentraube gebildet. Alles Reisende, die ebenfalls nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, dass die Abfahrt ihres gebuchten Zuges früher und ohne sie stattfinden würde.
In Rostock und an den darauffolgenden Haltepunkten entlang der Strecke nach Hamburg stießen immer wieder weitere Gestrandete hinzu. Kurz: Es wurde brechend voll!

Die Bahnangestellten in beiden Zügen wusste rein gar nichts von der Fahrplanänderung des ICs, waren völlig überrascht vom Andrang in der jeweiligen RB und verwiesen konsequent an die Service-Points in den größeren Bahnhöfen zur Lösung etwaiger Probleme oder Klärung von Ansprüchen. Und in lebhaften Diskussionen fielen solche Bemerkungen:
„Wir kriegen das hier doch gar nicht mit! Uns liegen keine Informationen darüber vor.“
Die Rede des Zugpersonals ging – an den Fahrgast gerichtet – weiter:
„Im Zeitalter des Internets können und müssen Sie sich als Bahnkunde doch selbst über Änderungen der Abfahrtszeiten informieren.“
Ist das nicht ein wenig merkwürdig? Da weiß bahnseitig sehr oft die linke Hand nicht, was die rechte tut, es gibt keine zentrale Info, die alle auf dem Laufenden hält, aber dem Reisenden wird zugetraut und zugemutet, dass er schlauer ist als das eigene Personal.
Ich bezweifle, dass die auffindbare Information für die Reisenden immer komplett und aktuell ist, aber ich lade mir jetzt zumindest die DB-App aufs Smartphone oder twittere den entsprechenden DB-Account im Zweifelsfall zusätzlich an. So etwas passiert mir jedenfalls nicht noch einmal.

An der eigenen Verspätung ist man – wer hätte es anders erwartet – selbst schuld, der Zug fuhr ja. Sogar eher. Also keine Entschädigung. Man kann sich allerdings die Sitzplatzreservierung anteilig erstatten lassen, weil sie auf dem Rückweg nicht in Anspruch genommen wurde. Doch dazu müsste man wieder zum Service-Point … Am Reisetag ging es nicht mehr. Fahre ich allerdings jetzt im Nachhinein separat hin, bleibt durch die dafür anfallenden Fahrtkosten nichts von der Erstattung übrig …

Nette Wiedersehen gab es dafür gratis! Die Hinfahrt von Hamburg bis Schwerin haben wir in Begleitung einer Herrentruppe verbracht. Wir hatten Plätze am Tisch und saßen mit sechs befreundeten Männern, die einmal im Jahr zusammen einen Wochenendausflug unternehmen. Jeder mit Smartphone ausgerüstet und gewiss nicht App-abstinent.
Nun, auf diesen Sechserclub trafen wir auf der Rückfahrt unvermittelt wieder. Wo? Genau, in der Regionalbahn! Dem Sammelbecken aller Liegengebliebenen. Gut, das hatten die so auch nicht vorgehabt, aber selbst sie waren uninformiert und von der viel früheren Abfahrt kalt erwischt worden.

Unter uns, ich vermute stark, dass der zeitlich vorgezogene IC an diesem Sonntagmorgen als Geisterzug durch die mecklenburg-vorpommersche Landschaft fuhr …

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Das war es für heute! Lesen wir uns demnächst wieder? Das Erscheinen weiterer Beiträge folgt momentan vielleicht noch einem ausgedünnten Blogsonderfahrplan (falls hier wieder einmal Hindernisse aufs Gleis geschmissen werden) – aber zu früh tauche ich garantiert nicht auf!

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©by Michèle Legrand, November 2019

Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

 

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Vielfalt … fremdgemischt

Es gibt Zeiten, in denen einem unheimlich viel durch den Kopf geht. Nüchtern ausgedrückt würde ein Mensch es vermutlich als eine natürliche Reaktion auf die Vielzahl von Ereignissen bezeichnen, die sein Leben gerade für ihn parat hält. Wenn Sie so wollen, ist es eine Verarbeitung der komprimierten Vielfalt, die ihm präsentiert wird. Präsentiert entweder als wilder Haufen in kürzester Zeit, als eine Mixtur, die einen über Wochen und Monate auf Trab hält oder als eine Kombination aus beidem.

Vielfalt dieser Art ist nicht ganz ohne. Nicht ohne? Moment, ist Vielfalt nicht wünschenswert? Die Würze im Leben. Etwas, das für Abwechslung im Alltag sorgt, Highlights hineinschummelt und so das Aufkommen von Langeweile verhindert?
Ein irgendwie interessantes Phänomen, dass der Begriff Vielfalt – von der ersten Empfindung her – positiv besetzt ist und sich doch im nächsten Moment zeigt, es handelt sich in dieser undifferenzierten Form nur um ein nachlässig entstandenes Vorurteil.
Hinzu kommt: Gerade das Beispiel Vielfalt demonstriert exzellent, dass das Vorhandensein eines Vorurteils keineswegs automatisch mit der negativen Betrachtung und dem abwertenden Urteil über etwas (Objekt, Situation, Person) einhergehen muss.
Obwohl wir Vorurteil gefühlt stets mit Negativem in Verbindung bringen, es gibt auch positive Vorurteile! Die sind allerdings nicht besser, nur anders. Ein positiv ausfallendes Vorurteil formt sich unter Umständen aufgrund des Aussehens oder der Kleidung eines Menschen, entsteht automatisch auch im Fall von verklärtem Wunschdenken … und eben bei der Einschätzung der ach so tollen Vielfalt, die – sobald sie nicht selbst geformt sondern fremdgemischt untergeschoben wird und zudem höchst unausgewogen ist – ganz schnell ihren blauäugig angenommenen, selbstverständlichen Liebreiz verliert.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich mich heute darüber auslasse. Ich eiere im Grunde herum. Nähere mich an … Ich möchte erzählen, was mich bewegt und beschäftigt, und gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich nicht alles im Detail mit der Öffentlichkeit teilen kann und werde.

Mich fordert das, was das Leben mir seit einiger Zeit an Vielfalt zusammenmischt, enorm. Ich sehe durchaus, dass es nicht nur Strapaziöses/Negatives ist, denn ich bin verdammt gut im Finden von Lichtblicken, freue mich schon über Winzigkeiten, weiß gegenzusteuern, und bereits fünf Minuten Ruhe geben mir viel. Abgesehen davon passierte zwischendurch auch Superschönes, so ist es ja nicht. Dennoch komme ich nicht umhin zu sagen: Ich habe eine derart fordernde Mixtur nicht bestellt und würde liebend gern ein Weilchen die Annahme verweigern.

Beispiel?
Saßen Sie schon einmal zwischen zwei Menschen, von denen der eine später umgebracht, der andere dessen Mörder wurde? Auch wenn Sie dem Opfer letztendlich gar nicht eng verbunden waren, ein brutaler Mord erschüttert, und wenn dieses Opfer – ein junger, freundlicher Mensch – einem Ihrer unmittelbaren Angehörigen nahestand, fühlen Sie mit.
Können Sie sich vorstellen, wie es ist, wenn Sie obendrein fürchten müssen (berechtigt oder nicht kann einem in dem Moment niemand sicher sagen), dass Ihre Familie womöglich selbst Ziel des offensichtlich kranken Täters werden könnte? Sie Schutzmaßnahmen ersinnen?
Würden Sie sich schämen, wenn Sie sich dabei ertappen, dass Sie erleichtert darüber sind, dass der Täter Selbstmord begeht (und somit keine Bedrohung mehr darstellt)?

Sind Sie womöglich auch mit viel Krankheit im familiären Umfeld konfrontiert? Sind Angehörige eventuell Pflegefälle? Scheinen manchmal die 24 Stunden des Tages einerseits hinten und vorne nicht auszureichen und andererseits hält die Energie manchmal nur noch für die Hälfte des Tages?
Der ewige Akt mit sämtlichen Beteiligten und (ungern) Zuständigen, damit alles irgendwie läuft. Behörden, Krankenkasse, Pflegekasse, Ärzte, ambulanter Pflegedienst. Auftreiben der Hilfsmittel, Verordnungen, Genehmigungen, der Formularwust … Unvorhergesehenes, das alles durcheinanderwirbelt. Die Stöcke, die einem zwischen die Beine fliegen, wenn man denkt, es hätte sich gerade eingespielt.

Ein unverschuldeter Autounfall mit Blechschaden. Der Gegner sieht die Sache aber anders. Es klärt und klärt sich nicht, das Auto kann seit Wochen nicht zur Werkstatt.

Der Rettungseinsatz in den heimischen vier Wänden, bei dem die Besatzung des Rettungswagens nicht ausreicht, die Feuerwehr dazugerufen wird und letztendlich acht Mann den verletzten Kranken aus der Not-
situation befreien. Krankenhausaufenthalt über Wochen, die plötzliche Ankündigung der Entlassung, jedoch keine Aussicht mehr, die Pflege in diesem Zustand wie bisher weiterhin zu Hause schaffen zu können. Unter extremen Zeitdruck die schwierige Suche nach einem möglichst nahe gelegenen, freien Kurzzeitpflegeplatz …
Zustandsverschlechterung, zweimalige Verschiebung der Entlassung, deren Ankündigung einem sowieso unbegreiflich erscheint. Weitere befremdliche Erlebnisse im Krankenhaus. Erneute, massive Verschlechterung, die Ärzte sehen keine Behandlungsmöglichkeiten mehr.
Am Dienstag hieß es Abschied nehmen von meinem Stiefpapa, der mir über vierzig Jahre mehr Papa war als der leibliche es jemals sein konnte. Sorge um die Mama …

Vielleicht verstehen Sie jetzt meine Vorbehalte gegen die Vielfalt. Gegen diese fremdgemischte, aufgezwungene Vielfalt, die so kolossal anstrengt, die müde und traurig macht.

Wenn ich also weiterhin hier im Blog nicht so präsent bin – ich muss ein wenig haushalten mit den Kräften, muss andere Prioritäten setzen, aber lese dennoch gern bei allen Bloggerkollegen mit. Ich bitte nur um Verständnis, dass es oft mit Verspätung erfolgt, mir nicht immer die Zeit bleibt, ausführlich zu kommentieren oder die Energie da ist, mich irgendwo in Diskussionen einzuschalten. Ich habe alles eher auf Sparflamme laufen.

Bevor ich mich nun für dieses Mal verabschiede, proste ich Ihnen noch schnell zu und zwar mit Kakao, einer guten Nervennahrung. Die kleine Enkelin (3,5 J.) meinte übrigens kürzlich beim Frühstück: „Kakao ist mein liebster Kaffee.“
Und ihren aus dem Brötchen gebrokelten Teigknödel untersuchend, entwickelte sich obendrein via das Thema Roggenmehl ein Gespräch über Getreide allgemein. Wir hatten am Wegrand am Vortag bereits Gerste entdeckt und auf einer Verpackung war eine Roggenähre zu sehen. Sie interessierte dich für das unterschiedliche Aussehen und wollte auf einmal Details wissen, um selbst zu erkennen, was was ist. Ja, da staunt man!
Gut, ich habe es ihr altersgemäß erklärt, meine eigene Eselsbrücke zum schnellen Bestimmen versteht sie erst später, wenn sie Lesen und Schreiben kann.

Doch ich frage bei der Gelegenheit einmal hier nach: Wenn man Sie zur Bestimmung an den Feldrand stellte, könnten Sie die Hauptgetreidearten auseinanderhalten?
Hafer ist speziell und gut zu bestimmen, nur wie ist es mit den anderen Getreidesorten? Welche Halme haben oben Grannen, diese borstenartigen Spitzen? Und bei welcher Art von Getreide sind sie kurz, wo lang? Was ist ohne? Falls Sie hin und wieder unsicher sind, ich merke es mir gern damit:
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Gerste fängt mit einem großen G an –>  hat große (lange) Grannen.
Roggen hat lediglich kleine Gs im Wort –> besitzt nur kleine Grannen.
Weizen hat überhaupt kein G –> hat gar keine Grannen.

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Wundern Sie sich bitte nicht über den Themenwechsel am Ende. Es ist einfach meine Art, zur Normalität zurückzukehren und auf sicherem Weg schnell zur alten Gelassenheit zurückzufinden.

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Schöne Pfingsten und bis zum nächsten Mal!

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©by Michèle Legrand, Juni 2019
Michèle Legrand, Blog ->Michèle. Gedanken(sprünge)

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65 Kommentare

In eigener Sache …

Sie haben es vielleicht bemerkt. Sie als Stammleser oder speziell ihr, Bloggerkolleginnen und -kollegen, denen ich seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Eine ungewöhnlich groß ausfallende Lücke beim Posten und ganz offenbar eine zu lang andauernde Pause, denn ich habe bereits etwas besorgt klingende Nachfragen erhalten. Nach einigem Zögern habe ich mich daher zu diesem Beitrag entschieden.

Mein Mann ist sehr schwer erkrankt. Bloggen in der herkömmlichen, lockeren Art und Weise ist mir momentan einfach unmöglich. Ich werde mich irgendwann zurückmelden. Möglicherweise wird es dauern oder – wer weiß – vielleicht taucht unvermutet auf einmal ein kleiner Beitrag auf. Weil das Schreiben auch oft hilft …

Ich möchte ansonsten nicht mehr Auskunft dazu geben, deshalb seid bitte nicht böse, wenn ich nicht auf Fragen eingehen werde. Die Natur des Blogs ist es nun einmal, dass alles ungefiltert in die gesamte, mir doch größten-
teils unbekannte Welt hinaustransportiert wird. Mehr Details für Unbekannte widerstreben mir jedoch zutiefst.
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Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht ...

Hält fast täglich direkt vor dem Patientenzimmer der Klinik Wacht …

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Wer mit mir lange bekannt ist und außer durch den Blog ebenfalls via Facebook, Twitter oder sogar per Mail mit mir in Kontakt steht, kann sich wie bisher gern mit Dingen, die unter den Nägeln brennen, an mich wenden. Seien es Fragen zu Fachthemen oder eher persönliche Anliegen. Geht dann bitte den direkten, privaten Weg.
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Ich wünsche euch und Ihnen allen alles erdenklich Gute und freue mich auf ein Wiederlesen zu gegebener Zeit.

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©by Michèle Legrand, Mai 2017
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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48 Kommentare

Und jedes Jahr das gleiche Resultat: Endmailadehemmung!

Hallo zusammen! Liebe Blogleser, ich grüße Sie! Wie sieht es aus? Glückte Ihnen auf Anhieb die Entzifferung der Überschrift? Was lasen Sie am Ende? Kamen Mails darin vor?
Fangen Sie notfalls von hinten an. Mit der Ladehemmung.

Es ist wieder soweit. Der Tag musste ja kommen. Sie kennen es bereits vom Vorjahr, vielleicht habe ich auch schon die drei Jahre davor – jeweils um diesen Zeitpunkt herum (Ende Mai) -geschwächelt und gestöhnt.
Es ist wirklich zum junge Hunde kriegen!
Irgendwann werde ich auch beantragen, dass man den Kram als außergewöhnliche Belastung absetzen kann. Als schwerwiegende Berufsbehinderung, grobe Hobbybeeinträchtigung, massiven Stimmungssenker.
Irgendetwas muss doch möglich sein und anerkannt werden!
Es ist gehirnschädigend, zeitraubend …
Genau! Arbeitsausfall!
Das Argument dürfte ziehen. Ich schreibe denen gleich jetzt! Aber wie …? Siezen, oder? Doch, ein Du finden die wahrscheinlich zu plump. Ich denke an einen Schrieb in dieser Art:

Liebes Finanzamt,

ich schicke Ihnen heute fristgerecht den obligatorischen Packen. Wie in den Vorjahren erstellte ich in den vergangenen Tagen brav und ehrlich meine von Ihnen offenbar immer wieder höchst begehrte Steuererklärung, bemerke aber betrübt, dass sich dabei Jahr für Jahr mein allgemeiner Zustand eklatant verschlechtert.
Ich altere währenddessen wesentlich schneller als üblich!
Auch nach Abschluss der Anlage dieser Akte, die Sie in Kürze in Sonntagsausgehschrift, mit Erläuterungen, fein sortiert und gebündelt als Einschreiben erhalten, geht es mir weiterhin miserabel, so dass ich nicht in der Lage bin, meinen sonstigen Verpflichtungen im gewohnten Maß und mit der üblichen Geschwindigkeit und Akkuratesse nachzukommen.

Ich halte daher fest, dass mein Hirn, auf dessen reibungsloses Funktionieren ich angewiesen bin, bei der umfangreichen und zeitaufwändigen Tätigkeit (unter uns: es ist dösige Papierwustproduktion!) großen Schaden genommen hat. Seine Denkfähigkeit und Belastbarkeit sind seitdem arg reduziert. Die intensive Beschäftigung mit der Steuermaterie, die schier nicht enden wollende Menge an Spalten, Zeilen und Lücken (inkl. der leider mal wieder umbenannten und veränderten Formularseiten), das Erstellen von Zahlenkolonnen sowie Sammeln und Sortieren von Belegen, verursachte wohl eine Überdosis schlechter Impulse und beeinträchtigt bislang die Gehirnaktivität. Verändert sie. Blockiert das Denken!
Vielleicht waren auch die vielen verqueren Formulierungen in Anlage KAP Schuld.

Da diese negativen Auswirkungen nicht das erste Mal auftreten, sich jährlich verschlimmern, zudem von Jahr zu Jahr länger anhalten und nicht unerheblichem Verdienstausfall sowie Anflüge von Depression zur Folge haben, beantrage ich hiermit, einen Betrag in Höhe von
€ ..… ,–  (ich überlege noch, ob ich im vier- oder gleich im fünfstelligen Bereich beginne),
als außerordentliche Belastung respektive Entschädigung für entgangenen Arbeitslohn einzusetzen.
Sie können sich natürlich auch dafür entscheiden, den genannten Betrag gleich steuermindernd von der zuvor errechneten Steuerschuld abzuziehen …

So in dem Stil hatte ich mir das vorgestellt. Feinarbeiten am Text sind natürlich noch drin.
Warum ich Ihnen das alles heute erzähle?
Verehrte Bloggäste, Sie sind schließlich auch davon betroffen!
Durch den momentanen Gehirnstreik fühle ich mich einfach noch nicht wieder in der Lage, völlig normal zu bloggen!
Nach diesem Steuerakt kommt regelmäßig die große Endmailadehemmung. Diese vertrackte Blockade im Gehirn. Sobald sie sich gelöst hat und dieser – salopp ausgedrückt – rammdösige Zustand sich gelegt hat, geht es hier wie üblich weiter.
Ich fand nur, ich sollte es Ihnen vorsorglich mitteilen. Die Alternative wäre ein sang- und klangloses Untertauchen gewesen. Das ist nun auch nicht die feine Art.

Also bis bald! Lassen Sie es sich mittlerweile gut gehen!

©Mai 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) Foto ©Andreas Grav

 

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