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Die Gerüchteküche – Von Raterei über Tratsch zur Verleumdung

Es ist nicht ganz klar, woran es vorrangig liegt. Vielleicht muss alles eine Begründung haben, muss eine scheinbare Ordnung geschaffen oder eine Orientierung gegeben werden. Irgendeine.
Und wenn sie erdacht ist!
Oder der Mensch bildet sich ernsthaft ein, er sei oberschlau, wüsste mehr. Nein, wüsste alles!
Was redet er doch gerne mit. Immer. Überall. Wenn er etwas nicht weiß, kein Problem! Er kann zumindest
so tun als ob. Kann wenigstens raten. Mutmaßen.
Gut, wenn sich eine Gelegenheit findet …

Vor längerer Zeit arbeitete ich mit einem Kollegen mittleren Alters zusammen, der erschien, nachdem er jahrelang in dunklem, relativ sackähnlichem Outfit sein Dasein fast gefristet hatte, am ersten Arbeitstag nach einem Urlaub sehr aufgeräumt in einem froschgrünen, die Figur betonenden Samtblazer.
Verblüffung und Stielaugen im Büro!

Und dann sagte der Lump von sich aus kein Wort dazu!
Er verriet den neugierigen Kollegen nicht, was den Ausschlag für diese eklatante Abweichung von der Norm gegeben hatte! Solch ein Verhalten forderte Vermutungen geradezu heraus!
Er hat im Urlaub bestimmt jemanden kennengelernt, hieß es. Genau, er hat eine Freundin …
Er hat sie geschenkt bekommen (die Jacke, nicht die Freundin).
Plötzlich einsetzende Farbenblindheit war im Gespräch oder die Vermutung, es könnte ein Schnäppchen gewesen sein. Aufgeschwatzt von einer attraktiven, ganz reizenden und überaus überzeugend wirkenden, jungen Verkäuferin.
Eine weitere Idee besagte, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein ganz spezieller Geschenkgutschein der Grund gewesen sei, einer, der in einem damals angesagten Modegeschäft galt, das einfach nichts anderes als hippe, bunte Sachen anbot.
Nein, verkündete sein Vorgesetzter, der Jugendwahn hätte ihn neuerdings ereilt. Der und/oder die Angst vor dem Alter.
Dieses Gerücht erschien plausibel und wurde so lange als Fakt übernommen, bis jemand die neue Theorie in den Raum warf, er hätte sich morgens im Dunkeln an der Garderobe vergriffen und eine Jacke seiner fast erwachsenen Kinder erwischt.

Der Grund war natürlich ein völlig anderer: Der Kollege hatte im Laufe der Monate kontinuierlich abgenommen. Der einstmals recht rundliche Mann war schlank geworden! Nur weil dieser Prozess langsam vor sich gegangen war, hatte es keiner richtig mitbekommen. Zudem hatte die weiterhin weite Kleidung es bisher kaschiert.
Eines Tages – in diesem Fall während seines Urlaubs – war für ihn der Zeitpunkt der Erkenntnis gekommen: Er bräuchte nicht länger ausschließlich dieses schlankmachende Schwarz oder ein den Menschen in den Hintergrund verfrachtendes, müdes Grau. Die Gewichtsabnahme hatte ein neues Körpergefühl mit sich gebracht und die Einstellung reifen lassen, das Auffallen fortan nicht mehr unter allen Umständen vermieden werden musste.
Also falsch getippt.

Immer wenn im Alltag irgendwo etwas Außergewöhnliches – im Sinne von anders als gewöhnlich, jedoch selten weltbewegend – passiert, brodelt die Gerüchteküche. Und die Vermutungen werden hinter vorgehaltener Hand weitergetragen – was miteinander zu verbinden scheint. Es liegt an der Mitwisserschaft. Sie fördert offenbar die Entstehung eines (heimlichen) Gemeinschaftsgefühls.
Obendrein ist wohl die Unsicherheit prickelnd, die Spannung, weil ein Gerücht nicht zwangsläufig unwahr sein muss! Es kann auch stimmen!
Nur wer weiß und entscheidet, was oder wie viel davon wahr oder falsch ist? Ob sich ein Gerücht als glaubhaft darstellt und hält (!) oder sofort als Hirngespinst abgetan wird, hängt natürlich auch von der eigenen Erwartungshaltung ab. Kann ich es mir vorstellen, klingt es wahr oder zumindest denkbar.

Irgendwie erinnert die ja typischerweise mündliche Übertragung eines Gerüchts an das Prinzip der Stillen Post: Das Ausgangsgerücht unterliegt laufenden Veränderungen bzw. Anpassungen. Unliebsames wird weggelassen, ein anderes Detail ergänzt, eine Variante entsteht.
Dafür, dass es im Grunde um gar nichts Großes geht, lösen einerseits die Situation an sich, andererseits das dazugehörige Gerücht enorme Aufmerksamkeit, in gewisser Weise auch Anteilnahme, aber vor allem menschliche Neugier und erstaunlichen Ideenreichtum aus. Hier kann eben jeder mitmischen. Hat die Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu drängeln und wichtig zu machen. Kann ungefragt seinen Senf dazugeben und uneingeschränkt herumorakeln.
Bis zu einem gewissen Punkt ist die Absicht eher unbekümmerte Raterei, und solange zumindest der andere Beteiligte, der, um den es im Gerücht geht, anwesend ist und sich selbst äußern oder Falschspekulationen resolut Einhalt gebieten kann, hat jeder die Situation im Griff.
Doch häufig ändert sich die recht harmlose Ausgangslage, und es entsteht allmählich eine Gratwanderung, bei der viele abrutschen. Plötzlich ist auch nicht mehr nur ein Einzelner (der auch schon genug anrichten kann!) auf dem Gerüchtepfad unterwegs, sondern mit ihm eine im Nu entstandene Gefolgschaft.
Dann zeigt sich die Kehrseite der Medaille: eine gewisse Unberechenbarkeit. Es wird schnell klar, dass bei Gerüchten zahlreiche Fehlschüsse garantiert sind, die im besten Fall nur für Unmut und Verwirrung sorgen, jedoch ebenfalls – die Gefahr ist nicht wegzureden – erheblichen Schaden anrichten können.

Es stehen hier mehrere Garagen, die nicht jeweils einem der umliegenden Hauseigentümer gehören, jedoch auf Wunsch von diesen angemietet werden können. Natürlich weiß jeder Anwohner, wer aus der Nachbarschaft sein Auto in einer Garage untergestellt hat und wer nicht.
Neulich stand der Wagen einer Mieterin draußen. Nicht nur am Tag, auch nachts. Und nicht nur einen Tag und eine Nacht, sondern mehrere. Die Rateküche wurde prompt eröffnet, und die Gerüchtebrutzelei in der (weiträumigen) Nachbarschaft ging los:
Warum hat die denn ihr Auto nicht in der Garage?
Hat sie wohl gekündigt. Die Miete ist ja auch happig auf Dauer. Ob sie Geldprobleme hat?
Nein, Frau X. hat sich sicher mit dem Eigentümer der Garagen überworfen –sie hat doch mit jedem Zoff! Der hat sie rausgeschmissen!
Wurde nicht neulich eine der Garagen aufgebrochen! Könnte ihre gewesen sein. Geschieht ihr übrigens recht. Wahrscheinlich darf sie noch gar nicht wieder hinein! Polizeianweisung …
Vielleicht hat sie ja auch nur den Schlüssel verloren …
Oder ihr Auto ist kaputt und springt nicht an. Sie kann es gar nicht wieder reinfahren.
Ach, was! Das macht die doch extra! Die braucht mal wieder zwei Plätze.
Oder sie will das Auto verkaufen! Steht wohl zur Besichtigung draußen … Ich sag ja, sie hat kein Geld!

Inzwischen parkt das Auto wieder in der Garage. Es hat sich auch herausgestellt, was die Ursache für das Parken unter freiem Himmel war: Die Mieterin benutzte die Garage für die Dauer einer guten Woche als Zwischenlager für aussortierte Möbelstücke. Solange, bis die Sperrmüllabfuhr erfolgte.
Ende des Rätselratens. Wieder einmal lagen die Gerüchteverbreiter falsch. Sie nagt keinesfalls am Hungertuch, benahm sich nicht daneben, wurde nicht ausquartiert.

Im Vergleich zur nicht sehr ernst gemeinten – und vor allem offenen – Raterei um das Jackett des Kollegen, hatten diese Spekulationen hinter dem Rücken schon ein anderes Kaliber.
Sie tun keinem gut. Weder der Person, über die spekuliert wird, noch denen, die Vermutungen unter das Volk bringen. Hier ist Sympathie oder Antipathie gegenüber der Zielperson ausschlaggebend für das weitere Verhalten und für die Art der Gerüchte. Das kann im Fall von Sympathie und dementsprechend wohlwollenden Theorien theoretisch auch einmal zum Vorteil gelangen, doch wesentlich öfter ist genau das Gegenteil der Fall, und es entstehen sehr schnell Stimmungsmache, ein verzerrtes Bild, üble Nachrede, Zoff, verhärtete Fronten.
Tratsch, der ausartet – mit all seinen negativen Folgen.
Blogartikel Gerüchte etc.
Bei meiner Oma im Haus wiederum kursierten einst wilde Verdächtigungen, weil vor Weihnachten die Amaryllis verschwunden war. Meine Großmutter zog im Treppenhaus am Fenster immer drei bis vier verschiedene Pflanzen in kleineren Kübeln, weil sie den gekachelten Flur dann als nicht so kahl und steril empfand.
Die Amaryllis hatte sie am Nikolaustag auf die Fensterbank dazugestellt. Fünf Tage später herrschte an diesem Platz allerdings gähnende Leere …
In dem Haus ohne Fahrstuhl wohnten zehn Mietparteien auf mehreren Etagen. An der Blume am Fenster im ersten Stock kamen daher die meisten vorbei. Sie hatten sie bewundert, denn bald würde sich eine tolle, recht große, in einem warmen Rot leuchtende Blüte zeigen. Die Amaryllis trieb kräftig aus ihrer Zwiebel und schob bereits einen langen, dicken Blütenstiel heraus, der jeden Tag deutlich sichtbar ein Stück wuchs und an dessen oberen Ende die Knospe dicker und dicker wurde.
Als die Pflanze verschwand, wurde vom Bewohner der Wohnung unten rechts als erstes der neue Zeitungsausträger des Entwendens verdächtigt. Weil der problemlos ins Haus konnte und bisher immer so mürrisch gewesen war. So etwas ist immer verdächtig!
Kurz darauf schmiss jemand aus dem dritten Stock einen leeren Blumentopf in den Müllcontainer, was eigentlich nur eines heißen konnte: er hatte die Blume gestohlen! Er hatte sie höchstwahrscheinlich gekappt, nur den Stiel ins Wasser gestellt und den Topf entsorgt. Man war sich zwar nicht mehr ganz so sicher, wie der Topf eigentlich ausgesehen hatte, aber das alles konnte doch kein Zufall sein! Nicht wahr?
Die aus dem Erdgeschoss links hatten den Hausmeister angerufen und gemeldet, dass im Haus geklaut worden sei. Beschuldigungen fielen. Der Hausmeister hielt sich klugerweise aus den haltlosen Verdächtigungen heraus, doch es wurde ein Zettel an der Eingangstür angebracht mit der Bitte, die Tür immer verschlossen zu halten. Von jetzt an auch tagsüber.
Auf die Idee, mit meiner Großmutter Kontakt aufzunehmen – alle wussten ja, dass es um ihre Pflanze ging – kam bis zu diesem Zeitpunkt keiner. Erst am dritten oder vierten Tag zeigte man ihr gegenüber tiefes Mitgefühl bezüglich des Verlustes und Entrüstung über das Verschwinden. Was für ein dreister Diebstahl!

Sie staunte nur Blauklötze, als man ihr all die bis dahin aufgetauchten Theorien vorstellte. Sie reagierte deshalb völlig perplex, weil sie den Topf selbst in die Wohnung zurückgenommen hatte! Sie hatte gemeint, dass der Flur für die Amaryllis im Dezember zu kalt und zugig wäre.
Das Thema Amaryllis-Klau wurde übrigens von den Mietern danach nie wieder erwähnt.

Haben Sie es bemerkt? Die weitere Steigerung bei dieser letzten Begebenheit? Aus der Luft gegriffene Vor-
würfe, Diebstahlsbezichtigung ohne jeglichen konkreten Anhaltspunkt, Verleumdung.
So etwas geht schlicht zu weit.
Ich wähle bewusst unspektakuläre, tagtäglich vorkommende Situationen, solche, die Sie selbst alle sicher schon hundertmal erlebt haben. Mir ist völlig klar, dass es viel dramatischere, das Leben verändernde, es umschmeißende Gerüchte gibt! Dass Unterstellungen ausgesprochen werden, die Menschen in die Verzweiflung treiben, Depressionen oder gar Selbstmord auslösen.
Ich habe solche Umstände selbst miterlebt!
Nur alles fängt immer im Kleinen an, wird unterschätzt, wird hingenommen, wird zur Gewohnheit und irgendwann fällt es nicht mehr auf, dass sich die „Qualität“ und das Ausmaß der Gerüchteverbreitung geändert haben und man inzwischen gar nicht mehr Herr der Sache ist. Keine Kontrolle garantieren kann.
Es beginnt also im Kleinen, im hundsnormalen Alltag – und genau dort sollte sich tunlichst jeder schon überlegen, wie die eigene Einstellung aussieht. Wie stehe ich dazu, und wie reagiere ich. Jetzt und zukünftig.
Jeweils abwägen und gebremst mitmischen oder lieber ganz die Finger davon lassen? Lassen sich die Grenzen zwischen neckender Raterei,  ein bisschen Klatsch und einer fragwürdigen Gerüchteverbreitung stets sicher erkennen? Wann ist Tratsch nicht mehr harmlos, sondern gefährdend und Menschen schädigend?

Wem an den Haaren herbeigezogene Verdächtigungen unsympathisch sind, wer wilde Mutmaßungen für verzichtbar hält, wer kein Gefallen am Verbreiten völlig ungesicherter und vermutlich unzutreffender Aussagen findet, seinem Gegenüber vor allem mit Respekt und Achtung begegnen möchte und wem klar ist, dass sogar ein Zurücknehmen einer Aussage nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit ungeschehen machen, dem bleiben zwei Lösungswege. Zwei ganz einfache Verhaltensweisen angesichts einer Situation, die man durch mangelnden Kenntnisstand nicht beurteilen kann:

Lösung 1: Klappe halten
Lösung 2: Nachfragen
(Sollte es keine Auskunft geben oder ist die Verbreitung der Information unerwünscht, kommt automatisch wieder Lösung 1 zur Anwendung.)

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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„Was klickt die so …?“

Die U-Bahn ist gut besetzt. Bei zwei sich gegenüberliegenden Bänken am Gang gibt es noch ein freies Sitzplatzeckchen. Eckchen ist nicht übertrieben, denn knapp 4/5 der restlichen Doppelbankfläche werden von einer – nennen wir es diplomatisch – für den Winter schon gut gepolsterten Dame samt ihrer Tasche bevölkert.
Ich quetsche mich neben sie auf die Sitzkante und strecke die Beine aus Platzmangel in den Gang. Eine formvollendete Haltung sieht definitiv anders aus. Beim Anfahren rutsche ich zudem fast vom Rand ab. Das Ganze ist eine höchst wackelige Angelegenheit.
Schade, dass meine Nachbarin so gar keine Anstalten macht, ein paar Zentimeter mehr Platz freizugeben.

Hamburg - U-Bahn Station Uberseequartier - U4

Hamburg – U4 – U-Bahn Station „Uberseequartier“

Uns beiden gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Der Steppke lässt die Beine baumeln und beobachtet seine Umgebung. Plötzlich geht es los:
Ping! Ping! …  Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! Ping! …
Das Baumeln der Beine stoppt.  Der Kleine schaut sehr skeptisch zu der Dame mit dem erhöhtem Platzbedarf, die mittlerweile überaus energisch ihr Handy beklopft.
„Mama, warum klickt die Frau so komisch?“
„Das macht das Handy, Lars. Das sind die Tastentöne.“
„Wo sind denn da die Tasten?“, fragt er.
„Na ja, das hat keine mehr, da drückt man auf den Bildschirm, aber die Töne nennt man trotzdem so.“
Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …

Haben Sie schon einmal ein Kind völlig ungeniert und unverstellt die Augenbrauen hochziehen und die Augen verdrehen sehen? So richtig genervt?
Der Lütte kann das gut. Diese Geräusche gehen wirklich auf den Geist. Nicht nur der Lärm, auch das rabiate Herumgehacke auf dem Display. Man hat irgendwie den Eindruck, die Dame versucht, beim Tippen auf der Rückseite des Handys wieder herauszukommen.

„Wie lange macht das noch „Ping“?“
„Bis die Frau fertig ist mit dem Schreiben.“
Ping! Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …
„Mama, dein Handy macht das aber nicht!“
„Nein, man kann die Töne auch ausstellen.“
„Warum macht die Frau das nicht?“
Ah,  ich habe mich schon gewundert … Bis dahin kam keine Reaktion, aber nun schaut unsere Ping-Produzentin doch einmal  auf.  Nein, sie ist geistesabwesend. Sie hat nichts mitbekommen – oder tut zumindest unbeteiligt. Es scheint, als wäre sie fertig mit ihren Klopfzeichen. Lars’ Mutter sucht weiterhin nach einer Erklärung, warum störende Tastentöne nicht von jedem vermieden werden.
„Weißt du, Lars, dieses Klick- oder Ping-Geräusch ist eine Art Kontrolle. Manche hören dann besser, ob sie richtig gedrückt haben.“
„Wieso das?“
„Wenn es pingt, dann ist das wie eine Bestätigung, dass man richtig getroffen hat. Genug gedrückt hat. Dann reagiert das Handy, und es ist auch wirklich ein Buchstabe oder eine Zahl gekommen. Oder eine neue Seite.“
„Aber das sieht man doch!“
„Ja, schon …“

Der schriftliche Part, der wurde wohl – was den reinen Text angeht – vollendet, nur hat die Dame am Schluss ganz offenbar eine Nummer eingegeben, denn sie hält mittlerweile ihr Telefon ans Ohr und wartet, dass sich am anderen Ende jemand meldet.
Oh, bitte, lass keinen da sein …
„HALLO! JA, ICH BIN’S. WAS? NEIN, ICH BIN JETZT IN DER U-BAHN …“
Leider vergebens gehofft …
Brüllend geht die im Grunde völlig nichtssagende Konversation weiter. In regelmäßigen Abständen wird ein „WAS?“ gebellt. Lars wendet sich seiner Mutter zu. Er hebt ebenfalls die Stimme:
„Du, Mama, die Frau hört aber ziemlich schlecht.“ Seine Beine beginnen wieder zu baumeln. Entspannt fährt er fort: „Sie sollte doch lieber hingucken. Beim Handy meine ich. Weil – ich glaube, sie kann diese Dingsbumstöne gar nicht hören …“
Lars’ Mutter errötet, die Umgebung grinst, die Betroffene bekommt nichts mit, und ich muss aussteigen. Mit mir zwei junge Männer, die weiter herumfeixen.
„Wetten, dass sie gar nicht weiß, wie man die Tastentöne deaktiviert?“
Sie wissen, dass solch miese Annahmen und Verdächtigungen, solch haltlose Gerüchte entstehen, sobald jemand Sie nervt. Sie können zwar grad nicht viel dagegen tun, aber es hilft Ihnen schon kolossal, wenn Sie postwendend  über denjenigen herziehen. Eine Form des Abreagierens. Das ist einfach so. Kommt automatisch.
„Sie traut ihrem Handy auch nicht. Brüllt lieber direkt“, legt der Freund nach und grient bei seiner Behauptung.

Sie hat ein beachtliches Organ! Ich würde sagen, es handelt sich heute um ein Auslandsgespräch. Ihre Stimme ist selbst auf dem Bahnsteig noch zu hören – zumindest bis sich die Türen des Zugs ganz geschlossen haben. Die armen Mitfahrenden, die das noch ein Weilchen ertragen müssen …
Sie haben auch schon erlebt, wie das abläuft, oder? Bestimmt!
Erst wird nur stumm registriert. Ist der Störfall kurzfristig oder unbeabsichtigt,  wird leicht gelächelt, eventuell minimal die Nase gerümpft, ein kleiner, harmloser Kommentar fliegt in die Runde, oder es wird sich etwas mokiert. Stört jemand jedoch ausdauernd und penetrant, bleibt es meist nicht lange ohne spürbare Gegenreaktion. Während die Reservierteren noch überlegen, in welcher Form sie um Einhalt bitten, reißt häufig irgendeinem Temperamentvolleren im Waggon nach spätestens drei Stationen die Hutschnur, und er lässt seinem Unmut freien Lauf. Dann brüllen zwei, und Sie sitzen womöglich in der Schusslinie … Übel.

So richtig unsensiblen, lauten Menschen können Sie es schwer klarmachen, dass Sie sich gestört fühlen. Ihr Gegenüber versteht Sie nicht und empfindet es als Anstellerei oder auch als Anmaßung, dass Sie sich beklagen. (Obwohl im umgekehrten Fall ebenfalls Protest käme!)
Sie werden in den meisten Fällen angepampt, egal, wie höflich Sie Ihr Anliegen formulieren.
Auch der Tipp, man sollte sich lebhaft am Telefongespräch beteiligen („Genau! Das finde ich auch!“- „Das kann er doch nicht tun! Das müssen Sie ihm ausreden!“) oder hinterher nachfragen („Wie geht es Jens denn nun nach der Prostata-Operation?“ – „War Nadine schon immer so eifersüchtig?“), auch dieser Tipp geht unter Umständen nach hinten los.

Ich denke, ich werde im Fall der Fälle etwas anderes probieren. Ich werde ernst schauen, mich mehrfach umdrehen, etwas ängstliche Schulterblicke werfen, dann den Zeigefinger vor die Lippen halten, mich der Remmi-Demmi-Person vertraulich nähern und flüstern:
„Pssst! Schauen Sie sich nicht um! Wir werden beobachtet! Passen Sie bloß auf, was Sie sagen! Es wird alles aufgezeichnet. Falls es zur Anklage kommt … Sämtliche Gespräche! Was wir hier sagen…, Ihr Telefonat … Na ja, wahrscheinlich ist Ihr Handy sowieso verwanzt.“

Mal schauen, was dann passiert.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende und pingfreie Zeiten!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin

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Kurze Betrachtung: Der Norden hat sich angesteckt …

Erwischt. Er hat sich tatsächlich angesteckt!
Vor Jahren bereits wurde der Norden von hartnäckigen Valentinstagsbazillen attackiert. Hanseaten und sonstige Nordlichter, ansonsten eher auf der Hut und resistent wirkend, verspürten nach Infizierung mit einem Mal einen unbezwingbaren Kaufdrang. Häufig lechzten die Befallenen im Februar nach überaus kitschigen Gegenständen,  solchen, die sie den Rest des Jahres nicht eines Blickes würdigen würden.
Mit einigem zeitlichen Abstand folgte der Überfall der Halloweenbazillen samt Gruselschminkzwang. Bei leichtem Verlauf fiel dieser gemäßigt aus, steigerte sich mit zunehmender Schwere der Infektion jedoch hin zu blutrünstigem Enthusiasmus und wahrer Euphorie bei der Erstellung von täuschend echten Narben und Wunden.
Ganz zum Schluss strecken uns nun ganz offensichtlich auch noch diese Erreger nieder: die Oktoberfestbazillen. Im ernsten Stadium dieser Krankheit kommt es unweigerlich zum Auftreten des DirndlLederhosentragzwangs.

Es ist zwei, drei Jahre her, als ich hier im Blog ein wenig über das nordisch aufbereitete Oktoberfest in meinem Stadtteil schrieb. Eine blau-weiße Kopie des Bayernoriginals. Kopie en miniature. Die Wandsbeker Wiesn hat man sie getauft. Die Veranstaltung hat sich erfolgreich etabliert, findet seither alljährlich statt. Ab 19. September 2014 sind die Pforten respektive der Zelteingang wieder geöffnet. Wir haben noch gut drei Wochen Zeit bis dahin.

Oktoberfestexport in den Norden. Klappt so etwas, oder ist es von vornherein zum Scheitern verurteilt?
In den Anfängen, der experimentellen Versuchsphase, ließ sich ein Norddeutscher zwar dort sehen, tauchte jedoch mehr aus Versehen oder spontan aufgrund von Durst auf. Oder er wurde abgeschleppt! Mit Freunden gemeinsam war das lustig. Er fand allmählich Gefallen an der Sache, doch nichts, aber auch gar nichts, hätte ihn dazu bewegen können, sich sozusagen zum Affen zu machen und seine Kleidung zu ändern. Sie dem Bayerischen anzupassen! Kurze Lederhosen, Hosenträger, Strickkniestrümpfe mit Herzchen …
Niemals!
Die Damen zeigten sich geringfügig williger und offener, was eher daran liegen mag, das anlassbezogenes Ankleiden ein femininer Grundwesenszug zu sein scheint. Jedenfalls sind neue Kleidungsstücke und ein typveränderndes Styling nie wirklich unwillkommen.
Zurück zu den Herren. Irgendwann entdeckte ein Häuflein wiederkehrender Gäste – vermutlich eine Mischung aus Zugereisten und einigen Individuen des Schlags Hamburger, der etwas extrovertierter, mutiger, modeaffiner und verrückter ist als der Rest – dass man mit einem passenden Wiesn-Outfit à la Bavaria einerseits wunderbar auffällt und Eindruck macht – aber offenkundig auch mehr Spaß hat.

Anfangs wurden sie natürlich bestaunt, diese Exoten. Der Umschwung im Denken der restlichen Besucher vollzog sich jedoch verblüffend schnell. Lichtzeitschnell! Plötzlich war es in, regelrecht ein Muss, stilecht gekleidet zu erscheinen! Mit einem Male werden nun die beguckt, die immer noch wie üblich erscheinen.
Schau nur, im Alltagslook! Wie langweilig!
Und die Reaktion der Langweiler?
„Mensch, du, ich brauche dringend was zum Anziehen!“
„Wo willst du denn hin? Oper?“
„Nein, Oktoberfest!“
Zack! Wieder welche infiziert!
Man kann sich heute immer noch in Zivilkleidung und unvorbereitet hinsichtlich des Aussehens dazwischenmischen, doch wer sich nicht nur tagsüber und spontan auf ein Bier dort trifft, sondern abends (womöglich als Teil einer  Gruppe),  der macht daraus ein stilechtes Event.

Den Handel hat es irgendwie verblüfft. Er blieb in den ersten Jahren zurückhaltend. Selbst 2012 versuchten nur vereinzelt Läden – meist unmittelbar vor dem Fassanstich – auf diesen Zug namens „Oktoberfest“ aufzuspringen. Etwas passender Schmuck (Brezn-Motiv) bei Bijou Brigitte, ein wenig Trachtenlook bei C&A. Ein Friseur, der Flechtfrisuren anpries … Karstadt warf sich auf das kulinarische Programm mit Weißwürsten, Löwensenf, Brezeln und Bier.
Und im Jahre 2014? Wochen bevor es richtig losgeht?
Der Handel ist heute gewappnet, die großen Ketten reagieren. Plakate, Auslagen, Ankündigungen. Die Botschaft lautet:
Pass auf, das Oktoberfest naht! Vergiss das nicht wieder! Du willst doch nicht als einziger blöd dastehen. So unvorbereitet. Ignorant, langweilig … Hast du dich schon darum gekümmert, hm?
Alles so ein bisschen wie damals in der Lenor-Werbung diese Stimme von hinten. Das schlechte Gewissen. Und – wie praktisch – danach kommen die rettenden Angebote. Dekorationsartikel, Rezepte, Schmuck, Bekleidung, Essen, Bettwäsche, Tischtücher, Servietten, Stimmungsmusik. Alles oktoberfestorientiert und –tauglich.
Tchibo offeriert zünftige Lederhosen und Karohemden für den feierwilligen Herrn, ein charmantesTrachtenkleid für die oktoberfestfreudige Dame. Alles gut sichtbar in der Ladenmitte ausgestellt.
Die Modekette S. Oliver, die sonst sorgsam alles vermeidet, was sie trutschig und bieder wirken lassen könnte, verkauft ebenfalls zwei verschiedene Dirndl-Modelle! Sie hängen auf dem Ständer gleich neben den (korrekt) löcherigen Jeans. In weiteren Bekleidungsgeschäften dieser Art wird man ebenso fündig. Es könnte ein Zeichen dafür sein, dass ein Imagewandel stattfand.
Nicht bei den Geschäften!
Dort wird verkauft, wofür Kaufaussichten bestehen. Dort wird aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus viel eher die bereits existierende Nachfrage befriedigt (oft mit Verspätung), als dass ein Angebot auf Verdacht produziert wird, welches im Endeffekt Verlust einfährt, weil sich kein Aas dafür interessiert.
Nein, der Imagewandel betrifft das Oktoberfest selbst. Seine nordischen Besucher sehen es nach der leicht misstrauisch beäugten Eingewöhnungsphase (und auch anfänglicher Ablehnung) heute aus anderer Sicht.
Mittlerweile kleidet man sich nicht nur aus reinem Pflichtgefühl heraus anders, dem Feiergrund angemessen, sondern Besucher sehen im Oktoberfest mittlerweile ein „cooles“ Event, einen angesagten Treffpunkt, für den bzw. das es hipp und unerlässlich ist, möglichst stilecht im Trachtenlook zu erscheinen und vielleicht auch noch ein paar Brocken im bayerischen Dialekt von sich geben zu können.
Um Spaß zu haben, um anzugeben, um dem Ganzen noch mehr (vermeintliche) Authentizität zu verleihen, um ganz einzutauchen.
Je echter, je schöner. Je trächtiger, je genüssiger. (Wehe, Sie schlagen das jetzt im Duden nach!)

So ändern sich Einstellungen. Nur weil Bazillen zuschlagen. Alles hartnäckige, erfolgreiche Erreger, gegen die unser Immunsystem offenbar machtlos ist.
Es gibt für Norddeutsche nur einen Bazillus, der es bisher nicht geschafft hat, sich durchzusetzen. Er nennt sich Karnevalsbazillus und versucht sich mittlerweile als Trittbrettfahrer, der aufgrund ähnlicher Symptome trickreich eine Kooperation mit dem Halloweenerreger eingeht und so die notwendige Gehirnwäsche in die Wege leiten möchte. Verkleiden und Schminken heißt der gemeinsame Nenner, Zeitpunkt und Anlass variieren ein wenig.

Irgendwann erwischt er uns schließlich auch hier im Norden: dieser Helauzwang – oder Alaafdrang.
Wie heißt es so schön? Steter Tropfen …

©August 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Und jedes Jahr das gleiche Resultat: Endmailadehemmung!

Hallo zusammen! Liebe Blogleser, ich grüße Sie! Wie sieht es aus? Glückte Ihnen auf Anhieb die Entzifferung der Überschrift? Was lasen Sie am Ende? Kamen Mails darin vor?
Fangen Sie notfalls von hinten an. Mit der Ladehemmung.

Es ist wieder soweit. Der Tag musste ja kommen. Sie kennen es bereits vom Vorjahr, vielleicht habe ich auch schon die drei Jahre davor – jeweils um diesen Zeitpunkt herum (Ende Mai) -geschwächelt und gestöhnt.
Es ist wirklich zum junge Hunde kriegen!
Irgendwann werde ich auch beantragen, dass man den Kram als außergewöhnliche Belastung absetzen kann. Als schwerwiegende Berufsbehinderung, grobe Hobbybeeinträchtigung, massiven Stimmungssenker.
Irgendetwas muss doch möglich sein und anerkannt werden!
Es ist gehirnschädigend, zeitraubend …
Genau! Arbeitsausfall!
Das Argument dürfte ziehen. Ich schreibe denen gleich jetzt! Aber wie …? Siezen, oder? Doch, ein Du finden die wahrscheinlich zu plump. Ich denke an einen Schrieb in dieser Art:

Liebes Finanzamt,

ich schicke Ihnen heute fristgerecht den obligatorischen Packen. Wie in den Vorjahren erstellte ich in den vergangenen Tagen brav und ehrlich meine von Ihnen offenbar immer wieder höchst begehrte Steuererklärung, bemerke aber betrübt, dass sich dabei Jahr für Jahr mein allgemeiner Zustand eklatant verschlechtert.
Ich altere währenddessen wesentlich schneller als üblich!
Auch nach Abschluss der Anlage dieser Akte, die Sie in Kürze in Sonntagsausgehschrift, mit Erläuterungen, fein sortiert und gebündelt als Einschreiben erhalten, geht es mir weiterhin miserabel, so dass ich nicht in der Lage bin, meinen sonstigen Verpflichtungen im gewohnten Maß und mit der üblichen Geschwindigkeit und Akkuratesse nachzukommen.

Ich halte daher fest, dass mein Hirn, auf dessen reibungsloses Funktionieren ich angewiesen bin, bei der umfangreichen und zeitaufwändigen Tätigkeit (unter uns: es ist dösige Papierwustproduktion!) großen Schaden genommen hat. Seine Denkfähigkeit und Belastbarkeit sind seitdem arg reduziert. Die intensive Beschäftigung mit der Steuermaterie, die schier nicht enden wollende Menge an Spalten, Zeilen und Lücken (inkl. der leider mal wieder umbenannten und veränderten Formularseiten), das Erstellen von Zahlenkolonnen sowie Sammeln und Sortieren von Belegen, verursachte wohl eine Überdosis schlechter Impulse und beeinträchtigt bislang die Gehirnaktivität. Verändert sie. Blockiert das Denken!
Vielleicht waren auch die vielen verqueren Formulierungen in Anlage KAP Schuld.

Da diese negativen Auswirkungen nicht das erste Mal auftreten, sich jährlich verschlimmern, zudem von Jahr zu Jahr länger anhalten und nicht unerheblichem Verdienstausfall sowie Anflüge von Depression zur Folge haben, beantrage ich hiermit, einen Betrag in Höhe von
€ ..… ,–  (ich überlege noch, ob ich im vier- oder gleich im fünfstelligen Bereich beginne),
als außerordentliche Belastung respektive Entschädigung für entgangenen Arbeitslohn einzusetzen.
Sie können sich natürlich auch dafür entscheiden, den genannten Betrag gleich steuermindernd von der zuvor errechneten Steuerschuld abzuziehen …

So in dem Stil hatte ich mir das vorgestellt. Feinarbeiten am Text sind natürlich noch drin.
Warum ich Ihnen das alles heute erzähle?
Verehrte Bloggäste, Sie sind schließlich auch davon betroffen!
Durch den momentanen Gehirnstreik fühle ich mich einfach noch nicht wieder in der Lage, völlig normal zu bloggen!
Nach diesem Steuerakt kommt regelmäßig die große Endmailadehemmung. Diese vertrackte Blockade im Gehirn. Sobald sie sich gelöst hat und dieser – salopp ausgedrückt – rammdösige Zustand sich gelegt hat, geht es hier wie üblich weiter.
Ich fand nur, ich sollte es Ihnen vorsorglich mitteilen. Die Alternative wäre ein sang- und klangloses Untertauchen gewesen. Das ist nun auch nicht die feine Art.

Also bis bald! Lassen Sie es sich mittlerweile gut gehen!

©Mai 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Blog Michèle. Gedanken(sprünge) Foto ©Andreas Grav

 

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Als Viktor Ostern schwarz sah …

„Ja, ja, du auch. Tschüs, mien Jung.“
Viktor steckte das mobile Telefonteil zurück in die Ladestation, seufzte und rieb sein heiß gewordenes Ohr. Bleibst du jetzt wohl still, du! Er starrte sein Telefon finster an. Langsam, aber sicher, ging es ihm doch etwas auf die Nerven. Weniger das Telefon selbst, als vielmehr sein hartnäckiger Neffe …

Wieder einmal – nun bereits das dritte Mal in zwei Tagen – hatte Henning bei ihm angerufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der Neffe hatte es natürlich unauffällig versucht, ihn jedes Mal zunächst über eine halbe Stunde im munteren Plauderton mit diversen Belanglosigkeiten berieselt. Er hatte förmlich gespürt, wie der Junge krampfhaft nach unverfänglichem Gesprächsstoff gesucht hatte. Erst als ihm die Erzählideen ausgegangen waren – was wenig verwunderlich war angesichts der Häufigkeit seiner Anrufe und der wenigen Ereignisse, die dazwischen neu hatten passieren können -, hatte er sich zögerlich verabschiedet. Nur im letzten Satz hatte es das Bürschchen dann doch nicht lassen können, erneut nachzufragen, ob bei seinem Onkel Viktor auch alles in Ordnung sei.
„Geht’s dir gut soweit?“
Der Knabe war wirklich herzensgut, doch sorgte er sich immer viel zu sehr um seinen alten Onkel. Alt mochte sein Neffe gar nicht hören. Früher hätte er Henning zugestimmt, dass 62 Jahre meilenweit entfernt von alt waren. Doch früher war auch alles anders gewesen. Da war leben noch erleben und weniger überleben gewesen. Er atmete tief durch.
Nein, nur weil er kürzlich diesen kleinen Durchhänger gehabt hatte, musste der Jung jetzt nicht ständig um ihn herumglucken. Mensch, Henning!
Es ging ihm doch schon wieder wesentlich besser! Zumindest hin und wieder.

Viktor und sein Neffe hatten ein besonders enges Verhältnis seit dessen Vater, Viktors Bruder, vor zehn Jahren verstorben war. Aus heiterem Himmel. Er hatte morgens friedlich an der Bushaltestelle auf seinen Bus gewartet, war einfach umgekippt und nicht wieder aufgestanden. Ende. Tod durch plötzlichen Herzstillstand hatte man bei der Obduktion festgestellt.
Henning, der damals kurz vor seinem Schulabschluss stand, hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Nach Anne, seiner Mutter, war nun auch Konstantin, sein Vater, nicht mehr da.
Und Viktor selbst hatte ebenfalls große Mühe gehabt, diesen Schlag zu verkraften, denn auch seine Beziehung zum nur ein Jahr älteren Bruder, war von jeher eine überaus innige gewesen. Nathalie, seine Frau, half ihm damals sehr. Sie hatte mit ihm getrauert, ihn gleichzeitig jedoch wieder aufgerichtet. Sie beide besaßen keine eigenen Kinder, wohl aber ein Patenkind. Henning. Ihr Neffe hatte zunächst – und sogar noch während des Studiums – bei ihnen gewohnt. Er kam auch, als er einen Job angetreten hatte und seine eigene Wohnung in der Nähe fand, weiterhin vorbei. Diese Gewohnheit hatte sich sogar intensiviert, als sechs Jahre darauf auch Nathalie gehen musste. Und wieder hatten sie sich gegenseitig geholfen …

Vier lange Jahre waren seit Nathalies Tod inzwischen vergangen. Grundsätzlich kam er gut mit allem klar. Er funktionierte zumindest. Er vermisste sie nach wie vor, es gab keinen einzigen Tag, an dem es ihm nicht so erging, jedoch schien er im Laufe der Zeit innerlich ein bisschen „abzustumpfen“, so dass die leere Bettseite in der Nacht und der unbenutzte Platz am Küchentisch am Morgen ihn nicht mehr so schockten wie zu Beginn. Er redete häufig mit ihr. Jemand, der ihn durch das Fenster beobachtete, würde denken, er führte Selbstgespräche.
Nein, er sprach mit ihr. Punkt.

Vor einem halben Jahr meinte er, eine Besserung festzustellen. Sein Befinden, seine Stimmung schien sich positiv zu ändern. Er fühlte sich manchmal gelöster. Irgendetwas schien die schweren, blickdichten Vorhänge aufzuziehen, die immer vor ihm hingen und alles grau erscheinen ließen.  Er registrierte  wieder viele Dinge um sich herum, bemerkte die Natur, achtete mehr auf sich. Auch auf sein Äußeres. Im Spätherbst war in dem Haus, in dem er im ersten Stockwerk eine Wohnung besaß, jemand Neues eingezogen. Direkt ihm gegenüber auf seiner Etage.

Ihm machten allerdings einige Daten im Jahr zu schaffen. Jahrestage. Der Hochzeitstag, Nathalies Geburtstag, das Datum, an dem sie starb, Weihnachten … Neulich erst war ihr vierter Todestag gewesen, und er war mit dem Fahrrad zum Friedhof gefahren. Hatte Blumen dabeigehabt und wollte mit ihr reden. Sie besuchen.
Es gab Menschen, die verstanden nicht, wenn er von einem Besuch sprach. Doch, man besuchte seine Vertrauten auf dem Friedhof! Sie wohnten ja schließlich jetzt dort!

Er fand es schön an diesem Ort, soweit ein Friedhof eben schön sein konnte. Er genoss die Ruhe, und sie hatte einen wunderbaren Platz unter einer großen, alten Buche. Die spendete ihr auch im Sommer Schatten. Nathalie musste doch immer aufpassen mit der Sonne. Wegen der hellen Haut …
An dem Tag hatte er bemerkt, dass jemand die Gießkanne geklaut hatte, die immer hinter ihrem Grabstein deponiert war. Er hatte sich geärgert über Diebe, die selbst auf Friedhöfen keine Skrupel zeigten und Dinge mitgehen ließen. Manchmal sogar Pflanzen ausbuddelten oder Lichter und Engel stahlen. Er ging den Weg zurück bis zum Wasserbecken, um nachzusehen, ob dort Kannen standen, die man gegen Pfand entleihen konnte. Zu seiner Verwunderung entdeckte er seine eigene unter ihnen. Offenbar war nur jemand zu faul gewesen, sie nach dem „Ausborgen“ wieder zum Grab zurückzubringen.
Er hatte sie gefüllt und den langen Weg zurückgetragen, hatte nicht auf den Boden geachtet und war bei einer Unebenheit der Platten gestürzt. Die Kanne fiel mit, das Wasser schoss im hohen Bogen hinaus und traf natürlich ihn. Komplett! Er hatte geflucht, dann aber versucht, vorsichtig aufzustehen. Die Hose war kaputt, das Schienbein aufgeschlagen, blutig und es schmerzte. Er war mit dem Handgelenk umgeknickt, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Wahrscheinlich verstaucht. Er hatte sich erhoben, war humpelnd bis zum Grab gelangt, hatte die blöde Kanne wieder hinter den Stein gepackt, wo sie hingehörte und Nathalie versprochen, er würde bald wiederkommen. Ihm sei nur sehr kalt in den nassen Sachen. Kein Wunder Mitte März. Die Rückfahrt auf dem Rad ging langsam vonstatten und kühlte ihn weiter aus.

Kurz und gut, die Folge war, er hatte sich gehörig einen aufgesackt. Eine dicke Erkältung plagte ihn. Die Wunde am Schienbein hatte sich zudem entzündet, eiterte und weil er, bockig, wie er nun manchmal war, nicht gleich zum Arzt wollte, mussten ihn erst Fieber und vor allem Henning überzeugen, dass jetzt Schluss mit lustig sei.
In dieser Zeit nach dem Missgeschick draußen, waren die Anrufe von Henning häufiger geworden.
Ihm selbst waren diese hässliche Wunde oder das steigende Fieber anfangs völlig egal gewesen. Angst hatte ihm aber gemacht, dass er dieses Gefühl von Verlassenheit, Einsamkeit, diese wachsende Teilnahmslosigkeit wieder an sich bemerkte, kaum dass er gedacht hatte, es würde alles besser.
Hennings Antennen mussten voll ausgefahren gewesen sein, dachte Viktor, denn sein Neffe hatte ihn am achten Tag nach dem Vorfall bei seinem Besuch nur einmal intensiv angeschaut,  jegliches Spektakel und jeglichen Protest seinerseits ignoriert, ihn ohne Diskussion zum Doktor geschleift und von dort aus ins Krankenhaus. Die Wunde war verarztet worden, er hatte Medikamente gegen die Entzündung bekommen. Komplikationen tauchten auf. Zwölf Tage hatte er letztendlich bleiben müssen. Die Tage der Umsorgtheit hatten ihm geholfen. Er war ruhiger geworden, schlief viel.

Als er endlich heim durfte, hatte sein Neffe ihn mit dem Auto abgeholt.
„Wie fühlst du dich?“, fragte Henning und schaute besorgt zu seinem Onkel auf dem Beifahrersitz.
„Mir geht’s gut!“, grummelte Viktor. Im nächsten Moment tat ihm sein Verhalten leid, und er entschuldigte sich. „Es geht mir besser, Henning, die Entzündung bildet sich gut zurück. Danke, dass du mich zum Arzt gebracht hast. Und danke auch jetzt fürs Abholen.“
Sie fuhren auf eine Kreuzung zu. Viktor wunderte sich, dass Henning nicht die linke Abbiegespur wählte.
„Wo fahren wir denn hin? Wir müssen doch hier nach links!“
„Nein, wir setzen uns jetzt noch auf einen Kaffee zusammen und danach bringe ich dich heim“, entgegnete Henning in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
Viktors Mund, der sich schon halb zum Sprechen geöffnet hatte, klappte überrascht zu.
Fünf Minuten später hielt der Wagen vor einem kleinen Café, in dem sie auch früher mit Nathalie oft gewesen waren. Viktor stöhnte. Hier hatten immer wichtige Gespräche, Ankündigungen, Aussprachen stattgefunden …

Henning lotste ihn an einen Platz am Fenster, fragte, ob er genügend Platz hätte, das Bein auszustrecken oder ob er es vielleicht hochlegen wollte. Viktor bremste Henning, erklärte, alles sei bestens und er solle zur Sache kommen, was dieser auch tat.
„Viktor, sag mir eins“, begann er,  „es schien mir, als wenn es dir Anfang des Jahres wesentlich besser ging, als all die Zeit zuvor. Ich überlegte wirklich, ob du vielleicht jemanden kennengelernt hast, neue Kontakte geknüpft hast, die dir guttun – aber dann kam der Vorfall auf dem Friedhof. Plötzlich war all deine Energie und Zuversicht weg, und es war als würdest du dich wieder in dein Schneckenhaus zurückziehen.“ Henning machte eine kleine Pause. „Du hast mir damals geholfen. Wir haben UNS immer geholfen! Jetzt reagiere nicht mit Schweigen, sondern bitte erzähl mir, was anders, was mit dir los ist.“

Viktor wartete, bis die Bedienung den Kaffee abgestellt hatte und wieder gegangen war.
„Ich vermisse Nathalie. Ständig. Das ist das eine. Doch dann passierte etwas, was ich nicht einzuordnen wusste.“ Es entstand eine längere Pause und Henning wartete.

„Im Oktober zog bei mir gegenüber jemand Neues ein. Eine Dame“, erklärte Viktor und registrierte wachsendes Interesse bei seinem Neffen. „Ich habe sie immer mal gesehen, wenn sie kam oder ging. Irgendetwas an ihr zieht mich an.“ Wieder herrschte einen Moment Stille.
„Vielleicht ist es, seitdem ich sie lächeln gesehen habe, als ich ihr unten die Tür aufhielt. Du glaubst nicht, wie schön ihr Lächeln ist. Oder ihr Duft! Es ist kein Parfum. Es ist einfach sie. Und wie sie geht, sich bewegt … Vielleicht ist es aber auch, seitdem ich ihre Stimme gehört habe. Sie hatte sich fürs Türaufhalten bedankt …“

Sein Onkel schien in Gedanken weit weg zu sein. Henning wurde die Pause zu lang.
„Ja, und dann? Habt ihr euch mal getroffen, miteinander mehr gesprochen? Wie heißt sie denn?“
„Gesprochen? Ha!“ Viktors Stimme klang resigniert. „Ich glaube, Sie beachtet mich gar nicht. Und wie sie heißt? Gut, ihr Nachname steht auf dem Klingelschild, aber ich weiß nicht, wie sie sonst heißt!“
Viktor wurde beinahe wütend.
„Irgendetwas mit H vorne“, stieß er hervor. „Es steht jedenfalls H. Johansson an Türklingel und Briefkasten.“
Er stockte, schaute seinen Neffen an und gestand: „Ich stehe manchmal eine halbe Stunde am Küchenfenster, nur weil ich hoffe, dass sie gerade kommt oder geht und ich sie dann sehe …“

Henning erkannte, dass sein Onkel sichtlich unter der Situation litt. Er schwenkte erst einmal zum zweiten Gesprächspunkt der geplanten Unterhaltung über.
„Mir fällt natürlich auf, dass du speziell seit deinem Sturz besonders niedergeschlagen bist. Klar, Unfall, Schrecken, Verletzung  – doch, rein körperlich gesehen, warst du hart im Nehmen. Von jeher! Dir machen doch Schmerzen dieser Art sonst nichts! Du bist derjenige, der beim Zahnarzt keine Betäubung will, Schmerztabletten überflüssig findet, möglichst alles so heilen lässt und der mit verstauchtem Handgelenk noch Schlagsahne schlägt. Mit dem Schneebesen!
Trotz allem geht es dir mies. Ich sehe das doch! Wenn nicht die Nachwirkungen des Unfalls, was ist die Ursache? Was macht dir wirklich so zu schaffen?“

„Henning, du bist echt penetrant …“, seufzte Viktor. „Das war Nathalie auch. Die hat auch nie lockergelassen. Auch wenn ich gar nicht wusste, wie mir war, wenn mein Kopf noch völlig durcheinander war – sie hat dafür gesorgt, dass sich alles wieder ordnet.“
Viktor schaute seinen Neffen an.
„Henning, meine Unsicherheit – und dann der Unfall obendrauf, das hat mich zurückgeworfen. Ich fing danach prompt wieder an, mich einzuigeln, traute mir gar nichts mehr zu, war zunehmend damit beschäftigt, mich selbst zu bemitleiden. Ich konnte nicht nach draußen, fühlte mich abgekapselt und allein. Wollte aber andererseits auch keinen um mich haben! Es tut mir leid, selbst deine Anrufe wurden mir zu viel!
Ich wollte keinem zur Last fallen! Ich wollte selbst mit mir vorankommen, konnte es aber nicht, und es ist so verdammt schwer, wenn jeder kleine Fortschritt gleichzeitig immer auch zwei Schritte zurück nach sich zu ziehen scheint.“
Viktor schluckte merklich und fuhr dann fort:
„Ich bin so hin- und hergerissen! Ich habe es so satt, allein zu leben und will trotzdem nicht, dass Nathalie meint, ich hätte sie vergessen. Ich möchte mehr raus, aber traue mich nicht. Ich weiß, da wohnt eine wunderbare Frau gegenüber, die offenbar auch alleine lebt, aber bringe es nicht übers Herz zu klingeln. Weißt du, es ist mir so wichtig mit ihr, dass ich panische Angst davor habe, mir einen Korb zu holen. Und den werde ich mir wohl holen, so wie die Lage aussieht. Was sollte sie an einem Jammerlappen wie mir mit aufgeschlagenem Schienbein und alberner Kontaktangst gut finden? Sag selbst, was hätte ich denn schon zu bieten!
Henning, so lange ich nicht versucht habe, bei ihr zu klingeln, kann ich mir wenigstens noch einbilden, sie würde mir aufmachen, mich freundlich anlächeln und zuhören.“

Der Ausbruch hatte Henning völlig überrascht. Mit seiner Vermutung, dass sein Onkel vor dem Unfall jemanden kennengelernt hatte, hatte er also ins Schwarze getroffen, aber dabei nicht die leiseste Ahnung gehabt, in welch komplizierter Situation sich Viktor befand. Sich nach eigener Auffassung zu befinden glaubte! Er musste ihm unbedingt etwas klarmachen.

„Viktor, Nathalie war nie ein Mensch, der gewollt hätte, dass du einsam bist. Und du hättest umgekehrt auch nicht gewollt, dass Nathalie ewig allein geblieben wäre. Sie kann nicht mehr bei dir sein, nicht leibhaftig, aber sie ist es in deiner Erinnerung. Das wird sie doch auch bleiben! Du weißt, wie schwer es ist, Erinnerungen loszuwerden. Bei schlechten, die kein Mensch braucht, ist es schon fast unmöglich! Die Guten wirst du überhaupt nicht los, wenn du es nicht selbst unter Aufbietung aller erdenklichen Kräfte versuchst! Und wer würde das jemals tun …
Mein Vater Konstantin ist jetzt über zehn Jahre nicht mehr bei uns, du hast damals seine Stelle eingenommen. Habe ich ihn deshalb vergessen, oder ist er deshalb nicht mehr mein Papa? Nein! Meinst du, darüber, dass sein Bruder mich wie einen Sohn behandelt, wäre er jemals böse gewesen und hätte es missbilligt? Nein! Und genauso ist das mit Nathalie. Sie wäre an deinem Wohlergehen interessiert und würde dich glücklich sehen wollen.“
Henning fuhr fort: „Das ist das eine. Das andere ist, dir fällt nach Jahren ein Mensch auf, zu dem es dich hinzieht. Ein Wesen, das ganz offensichtlich auch allein lebt. Viktor, du kannst aber nicht davon ausgehen, dass deine Nachbarin von allein weiß, dass du sie magst! Wenn du herummuffelst, dich in deiner Wohnung verkriechst – wie soll sie dich dann wahrnehmen und näher kennenlernen? Du gibst ihr doch gar keine Chance!
Du sagst, sie hat dich angelächelt, als du ihr die Tür aufgehalten hast. Sicher, das ist kein Liebesbeweis, doch wenn sie dich ätzend gefunden hätte, wäre sie ohne jegliche Reaktion weitergegangen. Lade sie doch einmal – so von Nachbar zu Nachbar und weil sie neu im Haus ist – auf einen Kaffee ein! Oder mehrere Nachbarn, und dann widmest du dich halt nur ihr!“

Viktor starrte seinen Neffen an. Seine Gesichtszüge entgleisten, und er lachte schallend los.
„Du Spinner, stell dir vor, ich würde die Geskens von unten rechts beim Kaffee komplett links liegen lassen und sagen, sie sollen sich gut amüsieren, während ich mich der Schmetterlinge im Bauch verursachenden H. Johansson widme.“

Henning stimmte in das Lachen mit ein. Er kannte die Nachbarn aus dem Erdgeschoss und ihre klammernde, besitzergreifende Art.
„Dann lad mich mit ein“, erwiderte Henning, „ich kümmere mich um die Herrschaften von unten, und du hast freie Bahn.“
Viktor sah Henning verschwörerisch an.
„Du, das überlege ich mir wirklich. Ich muss mich dazu erst noch durchringen, das ist schon eine große Überwindung für mich, aber ich überlege es mir.“ Etwas abwesend fügte er hinzu: „Ich glaube, das muss gut geplant werden.“

Ihre Kaffeetassen waren inzwischen ausgetrunken. Sie zahlten und Henning fuhr Viktor heim. Dieser war sehr still geworden, doch die Stimmung war eine andere, bessere, als zuvor auf der Hinfahrt zum Café. Sein Onkel schien nun eher damit beschäftigt, Pläne zu schmieden.

Eine Woche später hatte Henning eine Einladung im Briefkasten. Einen Briefumschlag mit einem wilden, struppigen Küken vorne neben seiner Anschrift. Handgezeichnet.
Ein gutes Zeichen! Sein Onkel malte nur, wenn es ihm gut ging.
Viktor lud ihn zum Osterkaffeetrinken bei sich zu Hause ein. Am Ostersonntag um 15.30 Uhr. Henning musste grinsen, als er eine Textstelle las: … und überlege dir schon mal, wie du die Geskens von unten ablenkst!
Er bestätigte seinem Onkel schnell sein Kommen in einer Nachricht.

Am Ostersonntagmorgen saß Henning im Räuberlook und mit noch ungekämmten Haaren am Frühstückstisch, als sein Handy klingelte. Die Nummer seines Onkels leuchtete im Display auf. Er fluchte innerlich. Hoffentlich hatte Viktor nicht im letzten Moment der Mut verlassen. Nicht, dass er alles wieder abblies!
Er meldete sich mit den Worten: „Also ich komme auf jeden Fall!“
Eine warme Frauenstimme erklang aus dem Hörer: „Spreche ich mit Henning Hegermann?“
Henning war bass erstaunt, doch antwortete automatisch: „Ja …, wer ist denn da bitte?“
Inzwischen wich die Verblüffung und Angst machte sich breit. Wieso war sein Onkel nicht am Handy, warum hatte eine fremde Person Zugang zu seinem Telefon?
„Hier spricht Helen Johansson. Ich bin eine Nachbarin ihres Onkels. Ich wollte Sie fragen, ob es Ihnen möglich ist, etwas eher zu ihrem Onkel zu kommen, wir haben da ein kleines Problem.“
Problem? Oh, Gott, er hatte es gewusst! Irgendetwas war passiert!
Nach und nach kam der gesamte Satzinhalt bei ihm an und wurde verarbeitet. Moment, wer war am anderen Ende? Helen Johannsson, eine Nachbarin. DIE Nachbarin!?

„Hallo“, erklang verunsichert die weibliche Stimme aus dem Hörer an sein Ohr, „sind Sie noch dran?“
Er nickte. Verdammt, die Stimme konnte einen einlullen. Aber Helen Johansson konnte ihn nicht sehen, er musste ihr schon antworten.
„Ja, ich bin noch dran. Bitte, was ist denn los? Ist etwas passiert? Wie geht es meinem Onkel?“

„Machen Sie sich bitte keine Sorgen. Ich erkläre Ihnen alles. Ihr Onkel hat gestern erschreckend blass ausgesehen, als wir uns im Hausflur trafen, da habe ich ihn erst einmal zu mir hereingebeten, ihn in einen Sessel verfrachtet und habe uns Kaffee gekocht. Seine Farbe kehrte zwar bald zurück, doch wir haben noch lange zusammengesessen. Er hat von Ihnen erzählt, und wir sprachen davon, dass wir uns heute alle treffen würden. Ihr Onkel erzählte mir, er müsste noch ein paar Vorkehrungen treffen.
Heute früh nun, als ich vorhin von einem kleinen Spaziergang heimkam, hörte ich merkwürdige Geräusche aus seiner Wohnung. Es knallte heftig und ab und zu stöhnte jemand. Das Stöhnen speziell bereitete mir Sorge, also klingelte ich bei ihm. Ich war sehr erleichtert, als er öffnete, aber es war wieder so blass! Und kurzatmig! Das ist er sogar jetzt noch. Darum gab er mir das Telefon, um Sie anzurufen und quasi in seinem Namen zu sprechen.“

„Aber warum …? Blass … wieso …?“ Henning konnte keinen klaren Satz hinbekommen.
Helen schien ihn auch so zu wissen, was er meinte.

„Sie werden es gleich verstehen. Henning, er wollte Sie überraschen! Er sagte, Sie wären kein großer Ostereierfreund, weil Ihnen ständig die mühsam ausgeblasenen und sorgsam angemalten Kunstwerke kaputtgegangen wären, die Sie aufhängen wollten. Er erzählte, Sie fanden es früher daher immer so wunderschön, wenn er zusammen mit Ihnen und Ihrer verstorbenen Tante stattdessen an Ostern ersatzweise unzählige bunte Luftballons aufgehängt hätte. Er meinte, Sie hätten es seit Nathalies Tod nicht mehr getan. Er wollte Ihnen eine Freude bereiten und betonte, dass Sie etwas bei ihm guthätten.
Als ich klingelte, war er gerade dabei, den zwanzigsten Luftballon aufzupusten. Zu pusten! Nicht zu pumpen. Wohlgemerkt den zwanzigsten, der noch da und noch ganz war! Das Knallen hatten die erzeugt, die – kaum fertig – platzten. Bei denen hatte er sich natürlich auch schon die Lunge aus dem Leib geblasen.
Ihm sei schwindlig, verriet er, er würde schwarz sehen … Ich habe ihm erklärt, wenn er so weitermache, würde er kollabieren, Ostern im Krankenhaus verbringen und habe ihm gedroht, dass ich mich mit so einem Typen auch nicht weiter treffen würde, was ich sonst vorgehabt hätte. Das hat gesessen. Nur, jetzt möchte er, dass Sie die restlichen fünfzehn selbst aufpusten …“
Sie zögerte einen kleinen Moment, bevor Sie mit der Bitte herausrückte.
„Wäre das möglich? Könnten Sie bitte schon um 15 Uhr kommen?“

Viktor staunte. Nicht nur über die Geschichte mit den Luftballons, auch darüber, was sich seit gestern in Bezug auf Viktor Hegermann und Helen Johansson offenbar getan hatte. Es sah eindeutig nicht so aus, als hätte sie vor, seinem Onkel einen Korb zu geben.
Ihm fiel wieder siedend heiß ein, dass man am Telefon nicht schweigen sollte, wenn jemand am anderen Ende auf Antwort wartete. Er räusperte sich:
„Frau Johansson, Sie sind eine Wucht. Ich komme selbstverständlich eher! Sagen Sie meinem Onkel, er sei auch eine Wucht, aber soll die Finger von den Ballons lassen!“
„Ihr Onkel winkt mir gerade zu. Er kann wieder sprechen. Ich gebe ihn einmal an Sie weiter. Ich freue mich darauf, Sie nachher kennenzulernen, Henning! Und ich bin Helen, ja?“
Sie gab Viktor den Hörer. Zuerst war da nur Stille im Wechsel mit einem leichten Keuchen. Auf einmal erklangen zwei Worte:
„Henning …, danke.“ Klick.
Viktor hatte aufgelegt. Einfach so.

Da Henning nur noch das Freizeichen in der Leitung hörte, stellte er sein Handy aus. Er holte Luft, fuhr sich mit den Händen durch die verwuschelten Haare, und einen kleinen, wirklich nur einen klitzekleinen Moment sann er darüber nach, ob die Sache mit den Luftballons vielleicht bewusst geplant war. Ob sein Onkel die Erschöpfung nach dem Aufpusten bewusst herausgefordert hatte … Nein, sicher nicht …
Obwohl – wenn Viktor bewusst war, wie hinreißend hilfebedürftig, rührend und unwiderstehlich er so blass wirkte, dann war ihm auch klar, welchen Vorteil es für ihn hatte, wenn er an Ostern schwarz sah …

Henning schmunzelte noch, als er schon längst auf dem Weg hinüber zum Osterkaffee war.
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©by Michèle Legrand, April 2014 (Neufassung 2021)
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Vorsicht! Bissiger Hund

Das erste Mal fiel es mir auf, als ich gerade hergezogen war. Es blieb gar nicht aus, denn der Weg heim führte immer an diesem Gartenzaun vorbei. Ein Hinweisschild war auf dem oberen Querholz der kleinen Eingangspforte befestigt: Vorsicht! Bissiger Hund.
Soso.
Kein Hund in Sicht …
Ein paar Tage später lief ich zu einer anderen Tageszeit an besagtem Grundstück vorbei, und diesmal kam ein recht großes, stürmisches Ungetüm bellend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Ich war ein bisschen eingeschüchtert von seinem Auftritt. Er demonstrierte eindeutig, dass hier sein Revier war und er der Wachposten. Der ernstzunehmende, jeden abwehrende Oberaufpasser. Kein Schwanzwedeln als Ausgleich für das drohende Warngebell, der meinte es wirklich ernst.
Bei manchen Passanten richtete er sich sogar am Zaun auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell und auch Knurren erklang dann fast in Ohrhöhe der Vorbeigehenden. Imposant.
Und wirkungsvoll!
Als ich ihm das vierte oder fünfte Mal begegnete, hatte er diese Bleib-weg-hier-hast-du-nichts-zu-suchen-Haltung komplett abgelegt. Er schoss weiterhin an den Zaun, blieb aber ruhig. Ein Wiedererkennungs-Wuff, das war alles. Danach schien er sich eher über die Gesellschaft und das Auftauchen eines inzwischen bekannten Gesichts zu freuen. Der lange, buschige Schwanz wedelte begeistert von rechts nach links.
Dieser große Wachhund wurde real nicht kleiner, doch schien auf einmal wesentlich weniger bedrohlich. Weitere ein oder zwei Sehgelegenheiten später, hielt ich ihn für freundlich. Er hätte mich auch auf sein Terrain gelassen.
Bissiger Hund?
Pah! Scheinbissig.
Das Schild war nur für … ja, wozu eigentlich?

Kurz danach lernte ich „seine Leute“ kennen. Ein älteres Ehepaar wohnte in dem Haus. Den beiden gehörte der Prachtkerl. Das Grundstück liegt nahe einer Bahnschranke, die häufig länger geschlossen ist, und so ergab sich beim Warten manchmal ein Gespräch, wenn die beiden gerade draußen mit Gartenarbeit beschäftigt waren.
„Bissig? Er?“, fragte sein Besitzer mich erstaunt, als ich mich vergewissern wollte. „Verraten Sie es nicht weiter, aber er findet beißen eher doof. Der will ja schon sein Fressen vorgeschnitten! Er mag aber keine Fremden, die vertreibt er meistens oder hält sie zumindest auf Abstand. Das Problem ist, dass er keinen mehr als fremd betrachtet, den er mehr als zwei oder drei Male vorbeispazieren sah und denjenigen folglich völlig unbekümmert auf das Grundstück lassen würde.“
(Aha, genau meine Erfahrung.)
„Dann ist das Schild also mehr zur Abschreckung für Nichtwissende?“
„Ja, so etwas in der Art. Zu unserer Absicherung auch. Niemand, der hier ungefragt auf das Grundstück stolpert, kann hinterher behaupten, wir hätten ihn nicht gewarnt.“
„Und was macht er, wenn tatsächlich mal jemand Fremdes zu Ihnen bis an die Haustür will?“
„Er regt sich auf. Bellt. Wenn derjenige trotzdem weiterläuft, rennt er ihn um.“ Es folgte eine ganz kleine Pause, nach der er ergänzte: „Aber den Briefträger, den lässt er wirklich nicht durch die Pforte!“
„Nein? Den müsste er doch wiedererkennen. Mag er ihn denn nicht?“
„Nun, sagen wir es so: Wir mochten ihn nicht. Das reicht ihm im Grunde. Doch wir haben dem Hund mühsam antrainiert, dass er ordentlich anschlägt und mit seinem Machogehabe die Pöstler deutlich daran erinnert, dass unser Briefkasten hier an der Grundstücksgrenze am gemauerten Zaunpfeiler ist und nicht am Haus direkt an der Haustür.
Wir hatten lange einen Austräger, der hat hinterher ständig die Pforte offen stehen lassen, und dann ging der Hund fröhlich auf Wanderschaft. Und noch mehr haben wir uns darüber geärgert, dass der Postbote immer über die Beete lief, weil es für ihn eine Abkürzung war. Glaubt man so etwas? Unser Hund benutzte den Weg, aber der Briefträger latschte quer durch die Tulpen. Nee, nee –  dazu hatten wir keine Lust mehr. Der kommt jetzt also nicht mehr weiter als bis zur Gartentür.“ Der ältere Herr grinste etwas verschlagen. „Der Gute glaubt auch fest daran, dass unser Burschi beißt.“

Ein paar Jahre vergingen, der Hund war inzwischen sehr alt geworden und kam in den Hundehimmel. Die beiden wollten keinen neuen tierischen Hausgenossen, aber das Schild blieb.

Vorsicht!  Bissiger Hund - Blog: Michèle Gedanken(sprünge) - März 2014

Vorsicht! Bissiger Hund

„Das nehme ich nicht weg, braucht ja keiner zu wissen, dass hier kein Hund mehr ist. Und außerdem, da ist ja immer noch die Sache mit dem Briefträger …“ So äußerste sich der Mann.

Nach weiteren drei Jahren verstarb der Herr sehr plötzlich. Seine Frau blieb alleine in dem Haus wohnen. Es kam auch kein neuer Hund.
Das Schild jedoch blieb.
„Nein, nein, das lasse ich auf jeden Fall dort, jetzt, wo ich hier ganz alleine im Haus bin! Das schreckt Einbrecher ab“, erklärte mir die Witwe bei einer Unterhaltung am Zaun.
Mehrere Jahre verbrachte sie noch dort. Im letzten Herbst zog sie aus. Haus, Garten, Reparaturen, das Alter, Treppen steigen … es wurde ihr alles zu viel. Sie ging, das Schild blieb. Es ist heute noch da!
Hat es nun gar keinen Sinn mehr?

Eine Weile stand das Gebäude leer, dann schien jemand sämtliche Räume komplett auszuräumen. Ein Container, der in der Abfahrt zur Tiefgarage abgestellt war, füllte sich zusehends. Seit Jahresbeginn parkten ab und zu Handwerkerautos auf dem Randstreifen direkt vor dem Haus. Offenbar ist alles in neuen Händen.

Vor ein paar Tagen kam ich an dem Grundstück vorbei. Wieder einmal war die Bahnschranke verschlossen. Wartezeit …
Zwei Passanten lehnten sich etwas gegen den Zaunpfeiler und begutachteten über den Zaun gebeugt die bereits abgeschlossene Arbeit eines Handwerkers. In dem Moment trat der neue Eigentümer aus der Haustür und bemerkte die neugierigen Zaunsteher.
Die Fremden!
Und so kam ein recht großes, stürmisches Wesen laut schimpfend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Das aufgeregte menschliche Wesen beschwerte sich über das ungenehmigte Abstützen auf seinem Pfeiler und sonstige Übergriffe auf persönliches Eigentum. Das war schließlich sein Revier. Es richtete sich am Zaun zu voller Größe auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell erklang jetzt in Ohrhöhe der Vorbeigehenden.
Imposant. Und wirkungsvoll!
Man zog verschüchtert davon …

So kam es, dass das alte Schild endlich wieder einen Sinn bekam. Zutreffend warnt es Vorbeikommende vor zu viel Übermut und unbedachten Schritten.
Vorsicht! Bissiger Hund.
Nun, ich werde öfter dort entlanggehen müssen.
Wer weiß, vielleicht ist dieser Hund in Wirklichkeit auch nur so ein Scheinbeißer …

©März 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Heute schon geduscht?

Er holt das Auto schon aus der Garage und fährt es auf die Straße. Wartet mit laufendem Motor auf die Gattin. Sie naht.
Ihm missfällt derweil die verschmutzte Windschutzscheibe, und so drückt er kurzentschlossen, kräftig und vor allem ausdauernd den Knopf der Scheibenwischanlage.
Fontänen! Wassermassen!
Selbst ich spüre die Gischt einige Meter weiter auf dem Gehweg!
Die Angetraute erwischt’s direkt an der Beifahrertür entsprechend heftiger.
„Kannst du nicht warten, bis ich drin bin?“, meckert sie, ordnet die Haare und spuckt Seifenwasser aus.
Knallrot ist er geworden …

Aus der Reihe: das Kurze, was sonst nur als Statusmeldung bei Facebook erscheint.
https://www.facebook.com/ladyfromhamburg

©Februar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

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Anders als erwartet …

Zarah Leander auf einer Autogrammkarte, die sie in den 70er Jahren am Hamburger Flughafen unterschrieb

Zarah Leander auf „meiner“ Autogrammkarte / Foto: Inge Hallburg

Das waren merkwürdige Momente … Kennen Sie so etwas auch?
Verblüffend!
Oh, Sie waren ja nicht dabei! Wo fange ich an …

Die Dame auf dem Foto hat ganz am Rande eine Rolle gespielt, Sie werden später mehr erfahren. Nur in diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich eine Autogrammkarte besitze, die sie Mitte der Siebziger Jahre am Hamburger Flughafen überreichte. Voilà!
War Ihre Erwartung jetzt eine andere?
Nahmen Sie an, das Folgende würde ausschließlich von ihr handeln? Nun, Sie liegen knapp daneben. Tatsächlich geht es aktuell um eben diese Erwartungen …
Sie wissen, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Typen von Erwartungen gibt? Sogar weitere, aber bleiben wir bei zwei Varianten. Es geht heute nicht vorrangig um die großen oder gar die bewussten! Nein, viel eher um den unspektakulären Erwartungskleinkram und vor allem unbewusstes Zeugs.
Und um Überraschungen!
Es scheiden sich oftmals die Geister daran, ob Menschen überhaupt Erwartungen haben sollten. Die einen sagen ja – weil es anspornen würde. Das tun sie hauptsächlich in dem Fall, in dem sie positiver Art sind und auf einen selbst gerichtet werden. Erwartungen – auch im Sinne von Ansprüchen – an die eigene Person können tatsächlich antreiben und voranbringen. Die Gefahr ist dort lediglich, dass sie zu hoch gesetzt werden. Vor allem dauerhaft übertrieben hohe Erwartungen blockieren eher. Auch negative Erwartungen zeigen häufig diese Auswirkung.

Die Menschen tun mehrheitlich allerdings sowieso etwas anderes: Statt von sich selbst, erwarten sie mit Vorliebe viel von anderen. Und in dem Fall sind Enttäuschungen vorprogrammiert, denn sie werden selten in diesem Maße erfüllt werden können. Eine ziemlich unnötige, vermeidbare Frustration. Andere sind nun einmal nicht die eigenen Glückszustandhersteller oder Erfolgsgaranten, die einem möglichst viel eigenen Aufwand abnehmen.
Auf der anderen Seite, als Alternative nun gar keine Erwartungen an andere zu haben, ist das nicht auch schlecht? Ganz bös und schlimm? Heißt das nicht fast  – auf die eigene Person bezogen – man hätte keinen Ehrgeiz? Und erst im Hinblick auf andere …. Uiuiui!
Nein! Warum?
Keine hohen Erwartungen an eine andere Person zu haben, bedeutet nicht automatisch, jemandem nichts zuzutrauen! Es bedeutet nur, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass der andere sie kennt oder es als genauso wichtig und als seine Pflicht erachtet, sie zu erfüllen.

Alle Erwartungen dieser Art haben etwas gemein: Sie werden irgendwo bewusst gesteuert, sie sind durchdacht, an ihnen wird noch akribisch herumgefeilt oder sie werden ausgebaut, erweitert. Ein ganz erheblicher Anteil kommt übrigens deshalb zustande, weil man Dinge oder Taten als Gegengabe für etwas erwartet. Ich habe dir doch …, also musst du jetzt auch mir …!

Und?
Nun, diese Variante zur Einstimmung vorweg. Es ist zum einen sinnvoll, sich das Prinzip manchmal zu verdeutlichen. Es schützt davor, sich in etwas Merkwürdiges zu verrennen. Doch im Moment dient es vor allem dazu, den Unterschied zu einem anderen Typ von Erwartungen zu zeigen: Dem oben genannten, dem Typ der lediglich irgendwo im Unterbewusstsein verankerten Exemplare. Nicht konstruiert, nicht geplant. Sie sind einfach da, ohne dass Sie darüber nachdenken.
Wieso?
Aus dem, was Sie ständig erleben und was Ihnen widerfährt, sammelt, hortet und bastelt Ihr Gehirn etwas zusammen. Danach grabscht es eigenständig, nimmt auf, was passiert, speichert alle Angaben zu Ursache, Ablauf, Auswirkung und selbstverständlich auch Ihre Reaktion darauf!
Kommt Ihnen später etwas Ähnliches unter, zapfen Sie ganz intuitiv Ihr Gedächtnis an. Sie rufen flugs und automatisch die Ihrer Meinung nach passenden Erfahrungswerte ab. Sie haben in Millisekunden ein Bild vor Augen, einen Ton im Ohr  etc., und aus den Ihnen zur Verfügung stehenden Speicherdaten entsteht Ihre Erwartung hinsichtlich des Kommenden, dessen, was nun  – Ihrer Meinung nach – passieren müsste. Und? Passiert’s?
Pustekuchen!
Es kommt manchmal ganz anders! Beispiel?

Ich stehe am Sonnabend in meinem Wohnviertel an einer Straßeneinmündung (Claudiusstr./Schloßstraße) und warte an der Ampel  auf Grün für die Fußgänger. Plötzlich nähert sich auf der Hauptstraße lautlos, aber mit wild zuckendem Blaulicht, ein Streifenwagen. Die anderen Autos bremsen ab. Er kommt auf der Gegenspur heran, fährt plötzlich diagonal über die Kreuzung direkt auf mich zu, schleicht dann über die Bordsteinkante, entert so den Gehweg und stoppt knapp neben mir. Motor aus. Stille. Blicke aus dem Fahrzeug.
Ehe ich mich versehe, kommt ein zweites Einsatzfahrzeug auf dieselbe Art heran und hält ebenfalls eine Armlänge vor mir entfernt, nur eben auf der anderen Seite. Mitten auf dem Gehweg! Links Polizei, rechts Polizei. Sie schneiden mir den Weg ab. Die Wagentüren gehen auf …
Wie wäre Ihnen zumute? Was tut sich da?
Alles läuft irgendwie anders als erwartet. Alles ist so verdammt leise. Wieso jaulen keine Sirenen, wieso jagen die Gesetzeshüter nicht die Straße entlang, wieso preschen sie nicht mit quietschenden Reifen vor, wieso brüllt keiner Anweisungen? Wieso stehen außer mir alle anderen Passanten mit ihren Einkaufstüten völlig unbehelligt auf der anderen Straßenseite – ohne Polizei um sich herum?
Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts verbrochen, doch seien Sie versichert, in einem solchen Moment huschen ganz viele wüste Phantasien durch Ihren Kopf! Dann fällt Ihnen ein, dass manchmal harmlose Bürger verwechselt werden, irgendwer jemanden fälschlich einer Tat bezichtigt usw.
Mir war mulmig! Wirklich!
Das Wahrnehmen der Waffen macht es auch nicht besser.

Dann blendet sich Ihr toller Verstand ein und raunt Ihnen zu, dass kein Polizist einfach so mit der Waffe herumfuchteln wird, solange Sie still auf dem Bürgersteig stehen. Das alles sind nur Sekundenbruchteile, in denen Ihnen trotzdem tausend Dinge und eben auch Ängste durch den Kopf gehen. Was nun? Ihr Gehirn morst ans Gedächtnis, welches verzweifelt versucht, Ihnen Erfahrungswerte zuzuspeisen.
Nur, da gibt es keine! Der Fall kam nämlich noch nicht vor!
Folglich können Sie auf die Schnelle ersatzweise nur auf das zurückgreifen, was Sie in Büchern und der Zeitung gelesen oder im Fernsehen bei Krimis gesehen haben. Dort kommt die Polizei ausschließlich, um Verbrecher zu jagen. Die Konsequenz? Herzbubbern.
Oh Gott, ich bin ein Verbrecher!
Inzwischen sind die vier Beamten ausgestiegen. Und schon bekommt das Hirn Neues zu verarbeiten. Es sind drei Polizistinnen und nur ein männlicher Kollege. Das Schöne daran, Sie driften gleich von der Sorge, man könnte Sie für einen Verbrecher halten, ab und beschäftigen sich stattdessen mit der Frage, ob es inzwischen mehr weibliche als männliche Polizisten gibt, warum die dritte Frau im Gegensatz zu Ihren Kolleginnen keinen Zopf geflochten hat und warum kein einziger von Ihnen eine Mütze zur Uniform trägt.
Überhaupt keiner!
Meine Erwartung diesbezüglich muss uralt sein, vor Urzeiten abgespeichert, völlig antiquiert. Sie sagt nämlich noch, ein Polizist hat gefälligst eine Mütze auf dem Kopf zu haben. Bei Kälte sowieso. Im Sommer kann man ja darüber reden.

Durch die Ablenkung ist das beklemmende Gefühl also mittlerweile verflogen. Die Beamten wirken inzwischen harmlos, es ist außerdem helllichter Tag. Das schließt kein Massaker aus und auch nicht meine Verhaftung, aber nein, sie haben es nicht auf mich abgesehen, sondern auf das Eckgebäude hinter mir. Sie nähern sich langsam dem Eingang, erklimmen – sich aufmerksam umschauend – die wenigen Stufen bis zur Glastür, versuchen trotz Spiegelungen durch die Scheibe hindurch den dahinterliegenden Vorraum zu inspizieren und verschwinden schließlich im Haus.
Irgendein Alarm wird ausgelöst worden sein. Die leise Anfahrt deshalb, um Täter/Einbrecher – falls Sie sich noch im Haus aufhalten – nicht vorzeitig zu verjagen.

Ich bin erleichtert. Die Ampel zeigt bereits zum zweiten Mal Grün für mich. Beim ersten Mal habe ich mich gar nicht getraut, mich vom Fleck zu bewegen! Nun sehe ich zu, dass ich wegkomme, wer weiß, was sich hier noch entwickelt.
Drüben auf der anderen Straßenseite steht eine zierliche, junge Frau. Typ Engel, feines, blondes Haar in leichten Kringeln fallend. Rein vom Aussehen und ihrer Statur her, vermuteten Sie bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine glockenhelle, mädchenhafte Stimme. Als ich mich ihr nähere, ruft sie mir entgegen:
„Was ist denn dort los? Ist eingebrochen worden?“
Glauben Sie mir, gegen sie war Zarah Leanders Stimme (da haben wir sie nun) ein Sopran! Ich habe selten eine Frau – schon gar nicht ein so zartes Wesen! – mit einer derart tiefen Stimmlage gehört. Wäre ein Mann neben ihr gewesen, hätte ich gedacht, da sei ein Bauchrednerteam. Er spricht, sie macht die Mundbewegungen …

Sie sehen, Erwartungen dieser zweiten Gattung taugen auch nicht viel. Nicht alle sog. Erfahrungswerte sind auf sämtliche neuen Situationen übertragbar. Sie leiten gern fehl. Sie verleiten zu Annahmen. zu Schubladendenken. Bleiben Sie lieber offen, durchkämmen Sie von Zeit zu Zeit auch Ihre interne Speicherplatte! Überprüfen Sie sie kritisch, misten Sie Ihr Gedächtnis gelegentlich aus, wenn sich Komisches eingeschlichen hat oder aber ergänzen Sie diesen wichtigen Punkt:
Es ist nicht immer so, wie es scheint!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch habe mir für heute ein Phänomen herausgepickt, über das ich just erneut gestolpert bin.
Auf dem Heimweg überquerte ich an einem Bahnübergang zu Fuß die Gleise. Ein Stück von mir entfernt standen mitten auf der Strecke zwischen den Schienen drei Mädchen im Teenageralter. Eine der jungen Damen war mit einer schon recht professionell wirkenden Kamera ausgerüstet, die zweite hielt einen Rucksack, ein Paar Turnschuhe, eine Art Federboa und eine Bürste, die dritte im Bunde wurde abgelichtet. Posierte mit High Heels im Gleisbett, wachspuppengleich geschminkt. Dramatische Wimpern. Derart dicht mit Mascara beschwert oder durch künstliche zusätzlich ergänzt, dass ein komplettes Aufklappen der Augenlider aufgrund des überschrittenen zulässigen Wimperngesamtgewichts nicht mehr möglich war.
Es zog die Deckel schier herunter!
Folglich wirkte es, als ließe sie kontinuierlich einen überzogen trägen Schlafzimmerblick in die Ferne schweifen, einen sehnsüchtigen Blick in Richtung bisher nicht erscheinender Regionalbahnen – während der Kameraverschluss neben ihr fortwährend klickte.
Sie trug viel zu dünne Sachen angesichts der herrschenden Temperaturen.
„Wie viele Aufnahmen willst du denn noch machen? Ich friere langsam!“
Für einen Moment wich der laszive Blick, die Wimpern wurden mühevoll angehoben, die Lider krampfhaft geöffnet gehalten. Sie langte entschlossen nach der Federboa und schmiss sie sich um den Hals. Ein paar Flusen stoben auf.
„Nur noch ein paar … Dreh dich mal! … Nein, so!“
Energischer Griff an den Ellenbogen gefolgt von weiteren Anweisungen wie: Arm nach hinten, Bein einknicken, Schulter zurück, Kinn vor, die Boa langziehen etc.
Das Läuten, das ein Schließen der Bahnschranken ankündigt, ertönte.
„Scheiße, schon wieder ein Zug!“
Mitten im Shooting. Allseits genervtes Räumen der Gleise …
Ein Fototermin der besonderen Art.

Schwenk. Vor wenigen Tagen gingen zwei junge Männer vor mir in Richtung einer Rolltreppe. Recht nett anzusehen die beiden, aber nicht außergewöhnlich. Der eine erzählte seinem Kumpel, was er noch vorhatte am Nachmittag und fragte nach:
Kommscht auch?“
„Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting!“
„Schuting? Kannsch mich midnäme?“
Offenbar jemand aus dem badischen Raum.
„Muss ich erst den Fotografen fragen.“
Ein Anruf per Handy klärte die Lage. Der andere durfte mit. Ein Außentermin an der Alster. Kam auf einen mehr oder weniger auch nicht an. Die Gegend ist geräumig dort …

Kennen Sie das? Ist es Ihnen auch schon aufgefallen?
Scheinbar alle Welt redet plötzlich von Shootings! Hat solche Shootings!
Und Models wachsen wie Kraut aus dem Boden!

Shooting. Ein Anglizismus! Shocking!
Er ist nicht neu, allerdings hat seine Verwendung enorm zugenommen! Sein Verbreitungsraum ist gewachsen und die Häufigkeit seines Einsatzes signifikant gestiegen. Trotz aller Vorbehalte, die gegen fremdsprachliche, sich bei uns klammheimlich einschleichende Begriffe, existieren. Trotz aller Aufschreie, der Furcht vor dem Aussterben der deutschen Sprache und dem eiskalten Hauch – quasi ihrem schon fühlbaren, herannahenden, mindestens partiellen Tod! – der bereits in den Nacken bläst.
Vorbei die Zeit, in der das Volk davon sprach, es hätte einen schnöden Termin beim Fotografen des Vertrauens.
Vorbei die Zeit, in der die Menschheit ohne großen Ehrgeiz oder Eitelkeit entspannt auf einem Stuhl Platz nahm und lediglich vorhatte, freundlich in die Kamera zu blicken (… und es ihr mit mehr oder minder großem Erfolg auch gelang).
Vorbei die Zeit, in der Menschen unterschiedlichen Alters Fotos vom Fotografen lediglich für Ausweise, Visa, Bewerbungsunterlagen und zum Erfreuen der Großeltern benötigte und sie sonst niemand genauer anschaute. Denn jene Fotos waren persönlich eher nebensächlich. Von wirklicher Bedeutung waren die Schnappschüsse von Familien- und Lebensereignissen, Bilder von gemeinsam verbrachten Veranstaltungen mit Freunden, Erinnerungsstücke.
Vorbei auch die Zeit, als Fotografen noch wirkliche Fotografen – sprich allesamt Profis – waren!
Vorbei …
Now it’s shooting time!

Ahnen Sie, wie ein Wandel generell abläuft? Überlegen Sie mal …
Ein Wandel und auch die Umbenennung einer Sache erfolgen schleichend. Ehe ein neuer Begriff wahrgenommen wird, ehe diese Vokabel im Gedächtnis als Alternative zum bisher Üblichen gespeichert, ehe sie erstmals selbst genutzt wird, braucht es Zeit. Ehe sie schließlich nicht nur zufällig bzw. einmalig etwas ersetzt, sondern letztendlich als Dauerbrenner für alles und jedes gebraucht wird – bis dahin muss der Mensch erst einmal oft genug mit ihr in Kontakt gekommen sein. Sie muss aus ihrer anfänglichen Nischenexistenz hervorkommen. Sich an- und einschleichen. Ihr Schattendasein beenden und ins Scheinwerferlicht treten. Der Begriff muss begriffen werden. Von allen Seiten betastet.
Wie fühlt er sich an, wie griffig ist er? Ist er passend und zeitgemäß, d. h. ist die Zeit reif für ihn? Was sagt er aus?  Ist er eine Universallösung, die vieles abdeckt? Langes Reden erspart? Das erhöht seine Chancen, sich durchzusetzen.
Wird eine Person oft genug mit einem Neuling dieser Art konfrontiert, kommt es nur in relativ seltenen Fällen zu einer Aversion (Das geht mir dermaßen auf den Zeiger, hör mir bloß auf damit!). Generell erwärmt sich der Mensch im Laufe der Zeit für das neue Wort. Der Einnistungserfolg. Danach kommt der Weichklopftrick. Immer wieder vorsetzen. So gesellen sich in Nullkommanichts ein Gewohnheitseffekt und die Nachplappertendenz hinzu. Das Hirn ist eingenebelt. Der Begriff wabbert herum, dockt an.
Rumms!
Shooting! Shoo-ting.  Shoo … shoo… shoo … ting! Shooootinnnngg!
Er verharrt abrufbereit in Warteposition, bekommt gefühlt Klang, wird per Zungenbewegung unbewusst vorgeformt bis … ja, bis das Wort irgendwann das erste Mal benutzt und laut ausgesprochen wird.
Eher aus Versehen! Huch!
Doch – es ist nichts passiert. Keiner hat sich beschwert. Eigentlich klingt es sogar recht international, imposant – geht dafür jedoch erstaunlich leicht und flüssig über die Lippen. Und obendrein hat die Umgebung recht interessiert reagiert! Aufgehorcht!
Zack! Passiert!

Es hat sich unwiderruflich durchgesetzt, die Hemmschwelle wurde überwunden! Die Barriere niedergerissen! Fremdeln war einmal.

Der nächste Schritt: Mittlerweile glaubt der Mensch, nur dieses neue Wort trifft tatsächlich den Kern. Und nicht nur den. Es sagt mehr, ach was, es sagt alles! Und gleichzeitig irgendwie … nichts! Erstaunlich.
Es lässt gewissen Spielraum für eigene Vorstellungen. Allein dieser Begriff hat das gewisse zusätzliche Etwas, das jenes ursprünglich verwendete Wort Foto(grafen)termin – unser Beispiel – eben nicht hat. Angeblich. Das Neue sagt – nüchtern betrachtet – nichts anderes, doch hört es sich more important an. Diesem Ausdruck haftet offenbar irgendwie etwas Glitzerndes an und das vorrangig durch seinen öffentlichen Gebrauch in Medien verschiedenster Art. Im Fernsehen! Nicht zu vergessen die Tatsache, dass es zur Sprache der von einigen sehr umschwärmten Prominenten gehört!
„Mein Shooting mit XY war grandios.“  Zahnpastalächeln. Dauerpose.
„Dass ich mit ABC shooten durfte … ! 
Alle waren so zauberhaft!“  Rührung. Glorienschein.
„Ich wollte auch noch Ä, Ü und Ö wahnsinnig danken, ihr seid ein tolles Shooting-Team!“ etc.

Fühlt man sich bei der Verwendung des Wortes Shooting nicht auch sofort als Mitglied dieser schönen bunten Scheinwelt? Ist man nicht gleich ein bisschen wichtiger, gehört einem besonderen Kreis an?
Einem Kreis der dummerweise nur sehr schnell so groß wird, dass er gar nichts Besonderes mehr ist! War dieser imaginäre Kreis, als er noch klein, fein und illuster war, im Bereich der Werbefotografie (Mode und andere Sparten) oder der Öffentlichkeitsarbeit anzutreffen, so lässt er sich heute nicht mehr begrenzen. Der Ausdruck Fotoshooting wird uneingeschränkt genutzt und ist scheinbar überall tauglich und vor allem dort beliebt, wo jemand versucht, seiner Person und seinen Aktivitäten mehr Gewicht und seinen Fotos mehr Beachtung zukommen zu lassen. Jedenfalls mehr, als bisher üblich waren.
Und warum versuchen alle, mehr Beachtung zu finden?
Weil die eine Hälfte der Welt plötzlich Model werden will oder annimmt, das Zeug dazu zu haben!
Und weil die andere Hälfte sich, sobald sie eine Kamera auch nur halten kann, für einen Starfotografen hält.
Ein Shooting in der Biografie erwähnen zu können, ist schon die halbe Miete. Ein Anfang. Je mehr, umso besser natürlich. Die Bilder sind schließlich alle für die Setcard. Stopp! Fehler! Ein gern und häufig vorkommender auf Seiten der neuen Shooting-Generation, die eben nicht mehr nur aus Profis besteht. Also bitte merken: der korrekte Ausdruck ist Sedcard, auch wenn die Fotos am Set entstehen.

2006 lief in Deutschland die erste Staffel von Germany’s next Top Model an. Der Startschuss einer neuen Entwicklung, die sich in den Jahren danach mehr und mehr breitmachte. Mode und Models als Thema und Anliegen der Allgemeinheit. Breit diskutiert. Natürlich auch die Anforderungen an das Aussehen! Stichwort Schönheitsideal!
Das Model Business ließ sich in die Karten schauen. Die Ansprüche an junge Models wurden verdeutlicht, ihre Arbeit präsentiert – und die der Fotografen! Aus dieser Ecke tauchte es vermehrt auf. Das Shooting. Das Wort wurde salonfähig. Erst im Fernsehen, dann auf der Straße. Anfangs wurde es gierig von der Generation der mitfiebernden Teenies und Twens aufgesogen, wenig später schlich es sich fast unmerklich auch in den Wortschatz der Eltern und sogar Großeltern! (Gespräch neulich am Rande des Model Contest Finales: Meine Enkelin macht das ja jetzt auch. Sie hatte so ein Shooting neulich …)

Als im Laufe der Jahre mancherorts zusätzlich die Ausrichtung von ähnlich konzipierten Wettbewerben (außerhalb des Fernsehens) startete, welche vielen ohne besondere Geldmittel, Bekanntheit, Kontakte oder Promistatus einen Zugang ermöglichten, die Herren endlich auch mit einbezog und das Internet eine Präsentationsplattform für jedermann darstellte – da war es zu spät, um etwas aufzuhalten. Es schien auf einmal irgendwie jedem möglich, seinen Traum von einer Modelkarriere zu träumen und ihn – wenigstens für eine Weile – mehr oder weniger intensiv zu verfolgen.
Die hinsichtlich des Gewichts, der Statur, der Größe, der Maße etc. gelegentlich schon skurrilen Vorgaben vieler großer Modehäuser und ihrer Designer sowie – daraus folgend – der Agenturen, können natürlich von den weitaus meisten nicht erfüllt werden, doch vielleicht muss man auch nur hartnäckig genug sein und genügend auf sich aufmerksam machen. Auffallen, herausstechen aus der Masse, sich selbst darum kümmern …Ein Shooting vorweisen! Was für eins? Ach, Shooting ist Shooting.

Mittlerweile scheinen diese Regeln zu gelten:
1) Jeder/jede, von dem/der ein Foto geknipst wird, ist ein Model.
2) Jeder/jede, der/die knipst, ist ein Fotograf.
3) Alles was Bilder macht, ist zum Fotografieren geeignet.
4) Jeder der Fotograf ist, hängt „Photography“ hinter seinen Namen, bastelt sich eine Homepage oder Facebook-Seite und postet grundsätzlich alles. Möglichst mehrfach.
5) Jedes Treffen zum Zwecke des Fotoknipsens ist ein Shooting.
6) Jedes Shooting macht einen berühmter. Zumindest bei den Freunden. Die schenken einem dann bei Facebook Likes. Wenn nicht von selbst, dann wenn man genügend bettelt.
7) Jeder/jede, der/die ein Shooting hatte, ist im Grunde schon Topmodel. Dass die großen Agenturen einen immer noch nicht auf der Liste haben, ist nur der Beweis, dass die doch keine Ahnung haben … Oder dass man Sedcard mit „t“ geschrieben hat.

Ich bin heute ziemlich böse, gell? ^^

Ehe „meine“ Talente und vor allem die Finalisten vom Nachwuchs-Modelwettbewerb QUARREE GESICHTER, die heute vielleicht mitlesen, sich ärgern, möchte ich hervorheben, dass ich nicht von ihnen spreche! Sie sind nach den fast acht Monaten Training wirklich keine stümperhaften Laien und Möchtegernmodels mehr. Viele von ihnen wurden schon von namhaften Profifotografen abgelichtet, sind bei aufwändigen Shows außerhalb des Contests gelaufen, verfügen über aussagekäftige, vielversprechende Sedcards, und einige von ihnen sind sogar inzwischen bei Agenturen unter Vertrag!
Ich spreche vielmehr von all jenen, die auf den Zug aufspringen und denen ein  angedeuteter, real aber nicht existierender Profistatus dazu verhelfen soll, erfolgreich mitzumischen. Denjenigen, die vielleicht annehmen, es braucht nicht mehr als die Kenntnis der richtigen Wortwahl, um erfolgreich in einer Branche zu bestehen. Ich sehe es kritisch, wenn mit Begriffen um sich geschmissen und mit allem irgendwie Schindluder getrieben wird.
Alles nur Show. Eine einzige große Show.
Ja?
Oder doch nicht?

Wie ist das nun mit dem Begriff Shooting?  Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, wie sein explosionsartig angestiegener Gebrauch einzuschätzen ist. Und bleibt er? Hat er Überlebenschancen?
Dabei kommt mir möglicherweise ein weiteres Erlebnis vom heutigen Tag zur Hilfe.
Zwei kleine Mädchen stehen bei Karstadt am Mützentisch. Sie sind nicht älter als acht Jahre.
„Hier, setz mal auf!“, sagt die eine und reicht ihrer Freundin eine bunte Strickkappe mit Schirm. Dann zückt sie ihr Handy und ergänzt: „Ich werde dich jetzt shooten.“

Wissen Sie was? Mir wird gerade bewusst, dass ich höchstwahrscheinlich völlig falsch lag. Es hat wohl doch nichts mit Größenwahn, Eitelkeit, Scheinwelten, übersteigertem Selbstbewusstsein, Selbstdarstellung, Wunschdenken, Träumereien oder Wichtigtuerei und Selbstbeweihräucherung zu tun!
Es gibt auch gar keinen Grund, über den Siegeszug des Begriffs Shooting überhaupt verblüfft zu sein! Shooting ist gar nicht mehr das Synonym für etwas, was in einem ganz bestimmten Bereich und unter ganz bestimmten Voraussetzungen stattzufinden hat. Vielleicht soll gar nichts vorgetäuscht werden …
Es ist nur noch ein Wort, dass den Jüngsten schon mit in die Wiege gelegt wurde. Ein Universalwort, dass sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Sie erinnern sich noch an die Aussage, dass es 2006 die erste Staffel GNTM gab? Kinder haben das neue Wort seitdem wesentlich öfter als den alten Begriff vom Fotografieren vernommen. Und rein vom Klang her – ganz ehrlich – passt Shooting nicht wesentlich besser zu all den anderen gängigen Ausdrücken dieser Zeit wie Handy, Outfit, Fashion, Download, Conditioner, Push-up-BH, Learning by Doing, Moonboots etc. ?
Keine Sorge also um die Lebensdauer des Ausdrucks Shooting – er hat sich etabliert. Viel eher können wir langsam nach einem Taschentuch greifen, um für das Begräbnis der Begriffe fotografieren, Foto(grafen)termin u. ä. gerüstet zu sein. Ich vermeide es, sie Begriffe der deutschen Sprache zu nennen. Man kann ja auch aussterbenden Worten, die aus dem Griechischen abgeleitet sind, nachweinen. Es bläst schon ein gewaltig kalter Hauch in der Nackengegend …

Wie werden Sie es denn halten?
Übernehmen Sie den Anglizismus? Oder ist bei Ihnen Old Fashion angesagt?
Nun, falls Sie jemand für ein Shooting haben will, wissen sie jetzt zumindest, was es damit auf sich hat und blamieren sich nicht damit, dass sie entweder zurückschießen wollen oder zumindest ziemlich gebauchpinselt denken, Sie wären nun entdeckt worden für eine große Weltkarriere.
Gehen SIe auf Nummer sicher!
Fragen Sie lieber immer nach, wie man Sedcard schreibt. Und vergewissern Sie sich, dass nicht nur das Handy zum Fotografieren genommen wird. Verzeihung, zum Shooten …!

©November 2013 by Michèle Legrand

 

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Wie wird man sie bloß wieder los? – Risiko Zwischenlösung …

Gestern fiel es. In einer Gruppe bei Facebook.
Dieses relativ harmlos erscheinende Wörtchen Zwischenlösung.
Wenn Sie es definieren sollten, dann kämen Ihnen mit Sicherheit massenhaft Synonyme in den Sinn, die allesamt dafür stehen, dass es sich stets um eine Übergangslösung, den zeitlich begrenzten Einsatz eines Ersatzmittels, einen Notbehelf, je nach Situation auch um einen Zwischenzustand handelt.

Zwischenlösung ... hoffentlich!

Zwischenlösung … hoffentlich!

Die Bahnfahrerei, weil das Auto in der Werkstatt ist. Oder der Führerschein perdu.
Das Wohnen bei Bekannten, bis die Renovierung durch ist. Oder die Scheidung.
Das Einkaufen in einem anderen Geschäft, weil der übliche Supermarkt umgebaut wird.
Das Spannen von Tüchern vor dem Fenster, weil noch keine passenden Vorhänge gefunden wurden.
Das zum Pferdeschwanz zusammengeraffte Haar, bis es so weit gewachsen ist, dass endlich der ersehnte, andersartige Neuschnitt möglich ist.
Der Klebestreifen um den Wecker, damit die hintere Abdeckung nicht abfällt.
Der kleine Vorleger, mitten im Raum drapiert, um den Fliederbeersaftfleck auf der Auslegeware zu kaschieren.
Der Kauf größerer Kleidung, weil die Diät, die „morgen“ beginnt, momentan noch keinen Gewichtsverlust zeigt.
Zwischenlösungen.
Ein Übergangsstadium.
Und? Ist es so?
Seien Sie vorsichtig! Lassen Sie sich nichts vormachen!
Machen Sie sich nichts vor!
Gar nicht so selten ist es eben keine Interimslösung, die zu einem zuvor fixierten Zeitpunkt beendet und dann durch eine grandiose, dauerhafte Endlösung ersetzt wird.
Die meisten Zwischenlösungen sind durchaus als vorläufig geplant, doch dann scheitert alles irgendwie kläglich am eigentümlichen Weitergang der Dinge. Oder am persönlichen Schwächeln. Ganz schlimm, wenn sie erst einsetzt: die Gewöhnung!

Auf einmal ist nichts so beständig wie ein Provisorium!

Dieser Begriff klingt nach Zahnarzt. Provisorische Brücke.
Wenn sie von vornherein so einfach und billig gemacht ist, dass sie planmäßig nach fünf Tagen zerfällt und durch ein eben fertiggestelltes, permanentes „Viadukt“ ersetzt wird, ist alles geregelt und bestens.
Keine Gefahr, dass aus der Übergangssituation ein Dauerzustand wird.
In dem Fall liegt das Risiko viel eher darin, dass das Provisorium vielleicht noch nicht einmal die fünf Muss-Tage durchhält. Das wäre bitter.
Kommen Sie hingegen als unerwarteter Notfall mit ramponiertem, leicht gesplittertem Gebiss – vielleicht mit fehlender Schneidezahnecke – zum Doktor, kreiert er Ihnen spontan sehr hilfsbereit als Erste-Hilfe-Maßnahme mit seinem elefantengrauen Universal-Dentisten-Zement eine künstliche Ersatzecke. Sie schauen kritisch angesichts der auffälligen Farbdifferenz zu Ihrem Restzahn, doch er verkündet beruhigend:
Keine Bange, das ist jetzt nur provisorisch! Wir schauen mal, wie lange es hält …
Sie können Wetten darauf abschließen, dass gerade dieses optisch nicht so Anziehende die Fähigkeit und den Willen – den Überlebenswillen! – hat, sich auch noch Ihren zukünftigen Urenkeln zu präsentieren!
All diese Dinge, die Sie liebend gern wieder loswerden würden, haben fatalerweise eine enorme Haltbarkeitsdauer! Es scheint, als wüssten sie um Ihre Abneigung und hielten aus Trotz ewig!

Natürlich sind Sie nicht dazu verdammt, es hinzunehmen und auszuharren!
Sie haben es in der Hand und könnten allem vorzeitig ein Ende bereiten. Wegschmeißen, entfernen, verbannen. Theoretisch.
Provisorium raus – blütenweiße Krone rein.
Aber nein, das wäre ja Verschwendung!
Noch ein klein bisschen warten. Das Provisorium müsste bald kaputt sein …
Irrtum! Muss es nicht!

Notanschaffungen und Ersatzteilbeschaffungen sind …
Stopp! Ich fange anders an.
Was meinen Sie, wie viele Notkleider, vorläufige Ersatzschuhe und Übergangshandtaschen gekauft werden? Als Zwischenlösung, bis das optimale, das einzigartige Objekt der Begierde aufgetrieben ist. So werden – erstaunlich logisch klingend – oft diverse Neukäufe begründet:
Du, das andere war jetzt im Grunde nur so eine Zwischenlösung … Notgedrungen. Irgendetwas muss ich schließlich anziehen, nicht wahr? Doch nun habe ich ja endlich …
Von wegen!
Der Neukauf entpuppt sich dann und wann im Nachhinein überraschenderweise auch als nur vorläufiges Ende der Ersatzbeschaffungsphase. Er ist lediglich eine weitere Zwischenlösung vor dem Vor-Vor-Endaustausch. Doch ich komme vom Thema ab …
Männer machen das übrigens auch!
Deren Übergangsanschaffungen vollziehen sich mehr im technischen Bereich. Smartphones, Computergedöns, Autozubehör, Fotoausrüstung. Technischer Schnickschnack. Da sind sie in ihrem Metier und kaufen provisorisch! Horten oder verteidigen Zwischenlösungen. 

Notanschaffungen werden – ganz grundsätzlich gesehen – offensichtlich dann getätigt, wenn Menschen das Richtige gerade nicht finden, aber zu ungeduldig sind, um zu warten. Oder wenn sie nicht wissen, wie sie komplett ohne auskommen sollten.
So nimmt alles seinen Gang. Er kommt zu Ihnen. Der Zwischenlösungstisch, -vorhang, -bettbezug o. ä. Eigentlich wollten sie andere Hersteller, Farben, Maße, Qualitäten. Ist das Zeug erst einmal bei Ihnen im Haus, ist alles zu spät! Es wird abgewohnt. Seufzend. Erst einmal.
Ist ja nicht für lange …
Denken Sie!
Das bleibt nun ewig!
Im günstigsten Fall tritt eine gewisse Gewöhnung ein, so dass Sie damit dauerhaft klarkommen oder sogar die meiste Zeit völlig vergessen, dass Sie ursprünglich etwas ganz anderes wollten. Wenn es allerdings schlecht läuft, grämen Sie sich jedes Mal, sobald Sie an Ihrem Notnagel vorbeikommen. Diesem ungeliebten Lückenbüßer.
Doch Sie, Sie bleiben standhaft!
Sieht ja noch gut aus … Ist auch noch heil …
Ja! Immer noch!
Wahrscheinlich, weil Sie es/ihn zu gut gepflegt, zu gewieft repariert, zu sorgfältig geschützt haben!
Sie haben bei der Zwischenlösung einfach zu gut improvisiert!

Also Vorsicht bei Ihren Übergangsideen, wenn daraus nichts Dauerndes werden soll. Betrachten Sie es wie einen Infekt, bei dem Sie schließlich auch nicht wollen, dass sich die Chose chronisch entwickelt. Da suchen Sie jedenfalls nach Abhilfe und schicken ihn nach maximal zwei Wochen in die Wüste.
Warum nicht genauso mit den Zwischenlösungen verfahren?

Nur in den ganz seltenen Fällen, in denen sich die ausbaldowerte Notlösung unerwartet als überaus gelungen erweist, als erhaltenswert, sollten Sie sie durchgehen lassen und sie offiziell und endgültig als Endlösung deklarieren.
Wenn Sie hingegen von Langzeit-Notlösungen genervt sind und das ungeliebte Provisorium zum Providurium wird, dann hilft es manchmal:
a) sich dessen bewusst zu werden und sich wieder ganz gezielt auf die Suche nach einer erstrebenswerten Endlösung zu machen oder
b) unauffällig dabei zu helfen, dass das ungeliebte Ersatzteil einen kleineren oder wahlweise auch größeren Schaden erleidet …
Zufällig selbstverständlich.
Ehe Sie sich weiter jeden Tag über Teppich und Fleckversteckvorleger ärgern, schwappen Sie irgendwann halt auch Fliederbeersaft auf den Vorleger.
Aus Versehen.
Erwerben Sie endlich die blickdichten Vorhänge, damit Sie vernünftig schlafen können und schmeißen Sie die ergrauten und verschlissenen Fenstervorspanntücher in den Müll!

Zwischenlösungen sind so gut wie nie vollwertig. Sie ähneln eher einem Flickwerk und sind bestenfalls ein temporärer Kompromiss. Ihre prinzipiell angenommene und vorgesehene Vorläufigkeit hat wirklich ihren Sinn!
Lückenbüßer erhalten nie die Wertschätzung und Achtung, die ihnen gebührt. Sachen nehmen Ihnen das nicht weiter übel. Sie haben keine Seele. Es sind vielmehr Sie, die mit allem klarkommen müssen.
Na ja, ist doch nicht so dramatisch, eher lästig …
Es liegt in Ihrem Ermessen, ob Sie etwas an dem unbefriedigenden Zustand ändern möchten.
Möglich ist es immer.

Wissen Sie, wo (für mich) definitiv nie Lückenbüßer benutzt werden sollten und wo absolut keine Zwischenlösungen angebracht sind?
Im Umgang mit anderen Lebewesen. Ganz generell. Hauptsächlich jedoch im menschlichen Bereich und dort ganz speziell, wenn es um menschliche Beziehungen geht.
Und um Liebe.
Kein Übergang, kein Notnagel, kein Kompromiss, kein Behelf.

©August 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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