Vorsicht! Bissiger Hund

Das erste Mal fiel es mir auf, als ich gerade hergezogen war. Es blieb gar nicht aus, denn der Weg heim führte immer an diesem Gartenzaun vorbei. Ein Hinweisschild war auf dem oberen Querholz der kleinen Eingangspforte befestigt: Vorsicht! Bissiger Hund.
Soso.
Kein Hund in Sicht …
Ein paar Tage später lief ich zu einer anderen Tageszeit an besagtem Grundstück vorbei, und diesmal kam ein recht großes, stürmisches Ungetüm bellend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Ich war ein bisschen eingeschüchtert von seinem Auftritt. Er demonstrierte eindeutig, dass hier sein Revier war und er der Wachposten. Der ernstzunehmende, jeden abwehrende Oberaufpasser. Kein Schwanzwedeln als Ausgleich für das drohende Warngebell, der meinte es wirklich ernst.
Bei manchen Passanten richtete er sich sogar am Zaun auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell und auch Knurren erklang dann fast in Ohrhöhe der Vorbeigehenden. Imposant.
Und wirkungsvoll!
Als ich ihm das vierte oder fünfte Mal begegnete, hatte er diese Bleib-weg-hier-hast-du-nichts-zu-suchen-Haltung komplett abgelegt. Er schoss weiterhin an den Zaun, blieb aber ruhig. Ein Wiedererkennungs-Wuff, das war alles. Danach schien er sich eher über die Gesellschaft und das Auftauchen eines inzwischen bekannten Gesichts zu freuen. Der lange, buschige Schwanz wedelte begeistert von rechts nach links.
Dieser große Wachhund wurde real nicht kleiner, doch schien auf einmal wesentlich weniger bedrohlich. Weitere ein oder zwei Sehgelegenheiten später, hielt ich ihn für freundlich. Er hätte mich auch auf sein Terrain gelassen.
Bissiger Hund?
Pah! Scheinbissig.
Das Schild war nur für … ja, wozu eigentlich?

Kurz danach lernte ich „seine Leute“ kennen. Ein älteres Ehepaar wohnte in dem Haus. Den beiden gehörte der Prachtkerl. Das Grundstück liegt nahe einer Bahnschranke, die häufig länger geschlossen ist, und so ergab sich beim Warten manchmal ein Gespräch, wenn die beiden gerade draußen mit Gartenarbeit beschäftigt waren.
„Bissig? Er?“, fragte sein Besitzer mich erstaunt, als ich mich vergewissern wollte. „Verraten Sie es nicht weiter, aber er findet beißen eher doof. Der will ja schon sein Fressen vorgeschnitten! Er mag aber keine Fremden, die vertreibt er meistens oder hält sie zumindest auf Abstand. Das Problem ist, dass er keinen mehr als fremd betrachtet, den er mehr als zwei oder drei Male vorbeispazieren sah und denjenigen folglich völlig unbekümmert auf das Grundstück lassen würde.“
(Aha, genau meine Erfahrung.)
„Dann ist das Schild also mehr zur Abschreckung für Nichtwissende?“
„Ja, so etwas in der Art. Zu unserer Absicherung auch. Niemand, der hier ungefragt auf das Grundstück stolpert, kann hinterher behaupten, wir hätten ihn nicht gewarnt.“
„Und was macht er, wenn tatsächlich mal jemand Fremdes zu Ihnen bis an die Haustür will?“
„Er regt sich auf. Bellt. Wenn derjenige trotzdem weiterläuft, rennt er ihn um.“ Es folgte eine ganz kleine Pause, nach der er ergänzte: „Aber den Briefträger, den lässt er wirklich nicht durch die Pforte!“
„Nein? Den müsste er doch wiedererkennen. Mag er ihn denn nicht?“
„Nun, sagen wir es so: Wir mochten ihn nicht. Das reicht ihm im Grunde. Doch wir haben dem Hund mühsam antrainiert, dass er ordentlich anschlägt und mit seinem Machogehabe die Pöstler deutlich daran erinnert, dass unser Briefkasten hier an der Grundstücksgrenze am gemauerten Zaunpfeiler ist und nicht am Haus direkt an der Haustür.
Wir hatten lange einen Austräger, der hat hinterher ständig die Pforte offen stehen lassen, und dann ging der Hund fröhlich auf Wanderschaft. Und noch mehr haben wir uns darüber geärgert, dass der Postbote immer über die Beete lief, weil es für ihn eine Abkürzung war. Glaubt man so etwas? Unser Hund benutzte den Weg, aber der Briefträger latschte quer durch die Tulpen. Nee, nee –  dazu hatten wir keine Lust mehr. Der kommt jetzt also nicht mehr weiter als bis zur Gartentür.“ Der ältere Herr grinste etwas verschlagen. „Der Gute glaubt auch fest daran, dass unser Burschi beißt.“

Ein paar Jahre vergingen, der Hund war inzwischen sehr alt geworden und kam in den Hundehimmel. Die beiden wollten keinen neuen tierischen Hausgenossen, aber das Schild blieb.

Vorsicht!  Bissiger Hund - Blog: Michèle Gedanken(sprünge) - März 2014

Vorsicht! Bissiger Hund

„Das nehme ich nicht weg, braucht ja keiner zu wissen, dass hier kein Hund mehr ist. Und außerdem, da ist ja immer noch die Sache mit dem Briefträger …“ So äußerste sich der Mann.

Nach weiteren drei Jahren verstarb der Herr sehr plötzlich. Seine Frau blieb alleine in dem Haus wohnen. Es kam auch kein neuer Hund.
Das Schild jedoch blieb.
„Nein, nein, das lasse ich auf jeden Fall dort, jetzt, wo ich hier ganz alleine im Haus bin! Das schreckt Einbrecher ab“, erklärte mir die Witwe bei einer Unterhaltung am Zaun.
Mehrere Jahre verbrachte sie noch dort. Im letzten Herbst zog sie aus. Haus, Garten, Reparaturen, das Alter, Treppen steigen … es wurde ihr alles zu viel. Sie ging, das Schild blieb. Es ist heute noch da!
Hat es nun gar keinen Sinn mehr?

Eine Weile stand das Gebäude leer, dann schien jemand sämtliche Räume komplett auszuräumen. Ein Container, der in der Abfahrt zur Tiefgarage abgestellt war, füllte sich zusehends. Seit Jahresbeginn parkten ab und zu Handwerkerautos auf dem Randstreifen direkt vor dem Haus. Offenbar ist alles in neuen Händen.

Vor ein paar Tagen kam ich an dem Grundstück vorbei. Wieder einmal war die Bahnschranke verschlossen. Wartezeit …
Zwei Passanten lehnten sich etwas gegen den Zaunpfeiler und begutachteten über den Zaun gebeugt die bereits abgeschlossene Arbeit eines Handwerkers. In dem Moment trat der neue Eigentümer aus der Haustür und bemerkte die neugierigen Zaunsteher.
Die Fremden!
Und so kam ein recht großes, stürmisches Wesen laut schimpfend vom Haus an den Gartenzaun geschossen. Seine Stimmlage war kein kellertiefer Bass, jedoch ein äußerst dunkler, kehliger Bariton. Beeindruckend.
Das aufgeregte menschliche Wesen beschwerte sich über das ungenehmigte Abstützen auf seinem Pfeiler und sonstige Übergriffe auf persönliches Eigentum. Das war schließlich sein Revier. Es richtete sich am Zaun zu voller Größe auf und ließ die dicken Pranken überhängen. Sein Gebell erklang jetzt in Ohrhöhe der Vorbeigehenden.
Imposant. Und wirkungsvoll!
Man zog verschüchtert davon …

So kam es, dass das alte Schild endlich wieder einen Sinn bekam. Zutreffend warnt es Vorbeikommende vor zu viel Übermut und unbedachten Schritten.
Vorsicht! Bissiger Hund.
Nun, ich werde öfter dort entlanggehen müssen.
Wer weiß, vielleicht ist dieser Hund in Wirklichkeit auch nur so ein Scheinbeißer …

©März 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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  1. #1 von twilight am 18/03/2014 - 20:05

    „Scheinbeißer“ habe ich ja noch nie gehört. Aber ich bin eher ein Schisser, was Hunde betrifft und würde mich darauf nicht verlassen.
    LG
    Rainer

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    • #2 von ladyfromhamburg am 18/03/2014 - 23:19

      Vorsicht ist doch immer die bessere Art, mit einer nicht ganz so eindeutigen Situation umzugehen. Doch wenn du mehrfach dort entlanggekommen wärst, und dich der Hund später sichtlich erfreut schwanzwedelnd begrüßt hätte, wäre dein Schiss sicher auch nicht mehr so ausgeprägt gewesen Rainer. ^^

      LG Michèle

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  2. #3 von regenbogenlichter am 18/03/2014 - 22:08

    Lach, ja Menschen sind dann oft keine Scheinbeißer… und hin-und wieder, beißen Hunde dann auch wirklich… ;-)
    Meiner Meinung nach, haftet man aber trotzdem. Als Halter hat man dafür zu sorgen, dass er eben nicht beißt. Also höchstens zur Abschreckung oder als Alibi für die Versicherung.
    So ein Exemplar wie deines, haben wir letztes Jahr bei meiner Mutter getroffen… auf dem Hinweg.. wuff, wuff, wuff… und zurück wuff, ahhh, die mit dem schwarzen Wuschel… *wedel* ;-)

    Liebe Grüße
    Ute

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    • #4 von ladyfromhamburg am 18/03/2014 - 23:25

      Liebe Ute, da kennst du dich als Hundehalterin natürlich gleich sehr viel besser aus. Ich bzw. meine Kinder hatten hier zu Hause nur solch harmlose Hausgenossen wie Meerschweinchen und Kaninchen, da brauchte man sich nicht sorgen, ob Besucher heil bleiben oder nicht. Versicherung? Pffft. ^^
      Du hast gewiss recht, man muss schon selbst aufpassen und haftet natürlich auch (via Versicherung). Das werden die Halter „meines“ Wachhundes sicher auch gemacht bzw. gewusst haben. So ein Schild zeigt nur gleich auf Anhieb: Obacht! Da könnte einer um die Ecke düsen und der hat Zähne.
      Soso, ihr (und euer Hund) habt also auch gleich mit einem Freundschaft geschlossen, der erstmal den großen Macker markiert hat. Das sind mir so Heinis, oder? :-)

      LG Michèle

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      • #5 von regenbogenlichter am 18/03/2014 - 23:57

        Genau, das ist wohl auch der Zweck des Schildes und gut so.

        Lach ja, Heinis trifft es… ;-)

        Liebe Grüße und eine Gute Nacht
        Ute

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  3. #6 von kowkla123 am 19/03/2014 - 13:08

    Scheinbeißer finde ich cool, KLaus

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    • #7 von ladyfromhamburg am 20/03/2014 - 23:42

      Ich find sie auch cooler. Freundlich präsent, aufmerksam, etwas Respekt einflößend, Klaus, aber die scharfen Beißerchen werden bitte schön nur beim Pedigree vertilgen eingesetzt.

      LG Michèle

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  4. #9 von Zeitreisender am 19/03/2014 - 18:13

    Eine sehr schöne Geschichte! Den süßen Hund von damals hätte ich gerne mal gesehen, den neuen Eigentümer aber nicht :-)

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    • #10 von ladyfromhamburg am 20/03/2014 - 23:31

      Den süßen Hund? Volker, ich stelle mir dann immer ein kleines, schnuckeliges Hündlein vor, doch „Burschi“ war ein ziemlicher Riese!^^ Aber nach heutigem Stand hast du schon recht, er war liebenswert und irgendwann fast süß, während man das bisher vom neuen Bewohner nicht sagen kann. Ich beobachte es weiter. :-)

      LG Michèle

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  5. #11 von marliesgierls am 21/03/2014 - 10:06

    Wieder so eine schöne Geschichte aus dem Leben. Ich habe ja mein ganzes Leben mit Hunden verbracht und auch viele verschiedene Rassen, Mix kennengelernt, und kann deinen Bericht gut nachvollziehen, hinter dem Zaun wirken viele aggressiver, als sie es eigentlich sind, vor allem die, die selber Angst haben und da gibt es einige von. lg Marlies

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    • #12 von ladyfromhamburg am 22/03/2014 - 21:04

      Es wirkte immer so, als würde er sehr viel lieber Kontakt knüpfen als Leute vertreiben. Insofern wirkte er nicht so verängstigt oder war auch nicht wirklich ein kaschiert ängstlicher Typ. Ihm war jedoch eindeutig eingetrichtert worden, dass er zu wachen hatte. Er schien sich immer wieder daran zu erinnern, aber es entsprach irgendwie nicht seinem Wesen. Das meiste Getöse verzapfte er, wenn „seine Leute“ mit ihm draußen waren.

      LG Michèle

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  6. #14 von ernstblumenstein am 25/03/2014 - 18:02

    Eine sehr schöne Geschichte, Michèle, sie hat mir sehr gut gefallen. Auch die Wortschöpfung Scheinbesser ist Klasse. Tja, es ist bei den Hunden gleich wie bei den Menschen, manchmal ist das Kennenlernen einfach und manchmal dauert es eben oder wird gar nix. Ich sende dir Grüsse nach Hamburg, lass es dir gut gehen. Ernst

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    • #15 von ladyfromhamburg am 26/03/2014 - 17:02

      Das hast du sehr klug miteinander verglichen, lieber Ernst. Ich glaube, es trifft den Kern. Dazu kommt immer das, was auch Marlies in ihren Kommentaren erwähnte: die Tatsache, dass vieles nur Show ist aus Gründen wie Angst, Angeberei etc. Da soll nun einer gleich wissen, was Sache ist … ^^

      Liebe Grüße zurück!
      Michèle

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