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Dicke Wände, Schleimspuren und anderes …

Mögen Sie ein Stück mitspazieren? Es geht um nichts … Spektakuläres. Frische Luft, ein bisschen schauen, dazu ein kleiner Plausch, der unterwegs das graue Wetter hier im Norden ignorieren hilft. Und ich bin gerade ziemlich froh, dass es mit dem Spazieren wieder funktioniert, denn neulich habe ich doch glatt getestet, ob
mein Knie oder die Straße härter ist, ob gedehnte Bänder im Fuß Schmerzen verursachen und ob eine Asphaltoberfläche Platz- und Schürfwunden über der Augenbraue verursacht. (Ja, tut sie.) Nun ist alles wie-
der picobello, also könnten wir von mir aus starten.

Der OSZE-Gipfel ist mittlerweile geschafft, insofern sind keine Streckenbehinderungen zu erwarten. Ich wohne
in Hamburg sowieso in einem anderen Bezirk, einem, der letzte Woche zumindest von Sperrungen nicht direkt betroffen war, doch die Helikopter hörte man auch hier ständig. Die kreisten pausenlos über der ganzen Stadt.

Am Mittwoch, bevor der Gipfel startete und die Politiker bereits eintrafen, näherte sich nachmittags eine Passagiermaschine auf einem völlig anderen Kurs als üblich, vollzog über unserem Haus in Schräglage
eine Kurve und flog in extremem Schneckentempo weiter Richtung Flughafen. Ich munkele gern herum,
dass Außenminister John Kerry gerade einflog und ihm auf diese Weise noch ein wenig Sightseeing von
oben beschert wurde.
„Yes, Mr. Kerry, bird’s eye view of the awesome city of Hamburg. Sir, wenn Sie jetzt nach unten schauen,
you can see the Eisbahn of the Wandsbeker Winterzauber. Yes, Winterzauber. No, keine Zauberei! It’s
a Christmas Market. And look here, more on the left, standing in front of the house! Die Frau an der Tür,
sie schaut gerade hoch! …This is Michèle, you know?“
„Oh, really? I see …Wait, the one blogging about the Olivenholz?“

Das ist ein Ding mit ’nem Pfiff, oder? Ich schreibe über Hamburger Weihnachtsmärkte und erwähne gewisse Olivenholzschalen etwas näher. Was macht Mr. Kerry? Rennt vom Hotel als erstes hinüber zum Jungfernstieg und kauft sich eine! Ich habe ja beim Blog einen Abonnenten mit dem Namen John … Wahrscheinlich liest
der Gipfelgast aus den USA mit.
Oh, warten Sie, dabei fällt mir gerade etwas anderes ein!

Passiert es Ihnen auch manchmal, dass etwas Sie abrupt an schon ewig aus den Augen verlorene Menschen aus Ihrem Bekannten- oder einstigem Kollegenkreis erinnert? Ich erlebe das hin und wieder.
Irgendjemand vor mir hat einen vertrauten Gang, nimmt eine Haltung ein, die mir bekannt vorkommt. Manch-
mal erklingt eine Stimme, die mich aufhorchen lässt. Ein Singsang, ein Dialekt … Oder ein Verhalten weckt Erinnerungen!
Mir fiel daher eben spontan ein ehemaliger Kollege ein, der immer wunderbar ernst bleiben konnte, selbst wenn er anderen den größten Blödsinn erzählte. Ihm bereitete es diebische Freude, sein Gegenüber auf die Schippe zu nehmen. Doch jedes Mal, bevor es wirklich brenzlig wurde, wurde fix ein entwaffnendes „Späßle g’macht“ hinterhergeschoben. Dabei blickte er dermaßen zerknirscht drein (so echt, wie er vorher ernst geschaut hatte), dass man ihm unmöglich lange böse sein konnte.
Sie wissen, an welcher Stelle die Erinnerung an ihn bei mir aufblitzte? Genau. Außenminister Kerry hat mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit nicht vorher bei mir im Blog gestöbert. Späßle g’macht.

Und sie blitzte ein weiteres Mal auf, als ich gestern einen Vater mit seiner noch kleinen Tochter im Eiscafé sah. Der war vom gleichen Schlag wie Gernot Küppers* damals. Die beiden, Vater und Tochter, haben Espresso für ihn und ein Kindereis für die Lütte bestellt. Schneckeneis. Das kennen Sie, oder? Auf einem Teller kriecht eine freundlich wirkende Schnecke entlang. Der Leib wird aus einer Kugel Erdbeereis geformt, Hals und Kopf sind aus Vanilleeis und dementsprechend hell. Die Augen entstehen durch Schokostückchen, die Fühler sind in den Eiskopf versenkte Kekssticks, das Haus wird durch eine runde, flache Waffel, die zusammen mit einer Fruchtgummischnecke (wie Lakritzschnecke, nur rot) hochkant im Erdbeereis klemmt, nachgebildet. Sieht verdammt schick aus.
Die Schnecke wird gebracht.
„Papa, was ist das da auf dem Teller?“
„Eine Schnecke, Häschen.“
„Nein, das andere.“
Die Schnecke kriecht durch Vanillesoße.
„Das ist Schneckenschleim.“
„Iiiiehh!“
Ein weiterer Fall von „Späßle g’macht“. Ebenfalls bierernst, bestenfalls in den Augen funkelte es etwas verdächtig. Es dauerte übrigens einige Zeit, die kleine Dame wieder vom Gegenteil zu überzeugen und
zum Essen zu bewegen.

Wir kommen völlig vom Thema ab, doch auch das erinnert mich in gewisser Weise an den Kollegen Küppers. Der steckte gelegentlich den Kopf durch die Tür in mein Büro und fragte vorsichtig: „Kleines Schwätzchen?“
Sie können sicher sein, dass er selten beim ursprünglichen Thema blieb und dass es „viele kleine Schwätzchen“ wurden, falls man ihn nicht diplomatisch wieder hinausbugsierte.

Schwätzchen? Sie … und ich? Ich frag nur … Ich möchte Ihnen doch noch von den dicken Wänden erzählen.

In Hamburg gibt es auch heutzutage noch viele Bunkerbauten aus Zeiten des Krieges. So um die 700 sollen es sein, heißt es, wobei einige mittlerweile  komplett abgerissen bzw. abgetragen wurden und sich diese Gesamt-
zahl verteilt auf Hochbunker, Rundtürme, Flaktürme, Sonderbauten und einen großen Teil an unterirdischen Anlagen.
Rundtürme finden Sie z. B. noch am Baumwall oder Bahnhof Hasselbrook, an der Sternschanze oder auch dem Wiesendamm. Was am meisten, oft auch störend, ins Auge fällt, sind natürlich die großen, kantigen, grauen Stahlklötze, die Hochbunker.
Noch bis in die Zeit des Kalten Krieges hat man immer gedacht, man bräuchte sie vielleicht noch einmal als sichere Unterbringungsmöglichkeiten, als Schutzraum, für die Bevölkerung. Man hat sie erhalten, sich aber nicht sonderlich um sie gekümmert. Dann herrschte für ein Weilchen – politisch gesehen – Tauwetter, so dass sich aufgrund (vermeintlich) friedlicher Zukunftsaussichten Gedanken um eine anderweitige Nutzung gemacht wurde.

Sie haben überregional sicher verfolgen können, dass der große Bunker am Heiligengeistfeld (dort wo der Hamburger Dom stattfindet, Public Viewing während Fußball-WMs veranstaltet wird und sich ganz nah das Millerntorstadion (FC St. Pauli) befindet), umgestaltet werden soll. Auf ihm könnte ein großer Dachgarten entstehen (zugestimmt ist dem bereits), doch wie die Bunkerbegrünung  etc. im Detail aussehen soll und am Ende realisiert wird, ist immer noch nicht abschließend geklärt. Ob es wirklich fünf zusätzliche Stockwerke sind, die genehmigt werden und wie so eine Baumanpflanzung in luftiger Höhe funktioniert und auf Dauer auch überlebt … Warten wir es einfach ab.
Dieser ehemalige Bunker (Flakturm) an der U-Bahn Feldstraße ist heute als Medienbunker bekannt, mit vielen Firmen, die sich mit Film, Musik oder Unterhaltung beschäftigen. Auch der Club Uebel & Gefährlich ist dort. Die Nutzung hier also: medienlastig.
Werden andere Bunker in heutiger Zeit ohne größere vorherige Umbauten genutzt, geschieht das ebenfalls häufig durch gewerbliche Mieter, und es wird durchaus von lärmintensiven Gewerbezweigen geschätzt, denn
der Schallschutz ist schließlich hervorragend.

Oder es sind Lagerräume eingerichtet. Hier im Stadtteil Eilbek in der Schellingstraße wird er im unteren Bereich so genutzt, oben wird gewohnt.
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Hamburg - Hochbunker - Eilbek, Schellingstraße

Hamburg – Hochbunker – Eilbek, Schellingstraße

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Werden sie richtig verändert, sind natürlich der Nutzung, der inneren und sogar der äußeren Gestaltung keine Grenzen gesetzt. In Altona gehört ein Bunkergebäude zum Krankenhaus, die Außenhaut mit schönen Motiven verziert, auf dem Allendeplatz steht ein umgebauter Hochbunker, in dem ein Bereich der Universität eingezogen ist. Dem Gebäude sieht man seinen Ursprung gar nicht mehr an. Weiße Fassade, viele Fenster, gerundeter Eingangstorbogen.

In meinem Bezirk gibt es recht viele Hochbunker, die bis vor ein paar Jahren noch in einem ziemlich desolaten Zustand waren. Manchmal kaschiert die Natur ein wenig hässliche, beschädigte Betonfassaden. Hier in diesem Bunker in der Von-Hein-Straße, wurden (werden wahrscheinlich immer noch) Probenräume für Musiker/Bands vermietet. Von der Von-Hein-Straße aus wurden (werden) die insgesamt sieben Hamburger Musikbunker verwaltet.
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Hamburg - Hochbunker in Wandsbek - Der Musikbunker in der Von-Hein-Straße

Hamburg – Hochbunker in Wandsbek – Der Musikbunker in der Von-Hein-Straße

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In Zeiten des erhöhten Wohnraumbedarfs bis hin zum akuten Wohnungsmangel, wird jedoch mehr und mehr der Komplettumbau der noch vorhandenen Hochbunker ins Auge gefasst, und so entsteht vielerorts neuer Wohnraum. Das ist jedes Mal ein sehr umfangreiches, mühevolles Projekt, denn das alte Bauwerk zeigt sich widerspenstig und steht zudem stets inmitten bewohnter Häuser.

Ein Umbau zieht sich locker über drei Jahre und mehr hin und ist in dieser Zeit auch nur dann erledigt, wenn wirklich den ganzen Tag über gearbeitet werden kann und darf. Denken Sie nur an den damit verbundenen Lärm! Pressluft-/Stemmhämmer kann man nicht oder kaum einsetzen, Sprengungen sind im Grunde ausge-
schlossen. Bevor die Nachbarschaft ausnahmslos reif fürs Krankenhaus oder die Insel ist, ist folglich gute Vorplanung der Arbeiten zwingend notwendig und die Lärmreduzierung oberstes Ziel.
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Hamburg - Hochbunker - Üblicherweise inmitten anderer Wohngebäude .... Hier: Von-Hein-Straße

Hamburg – Hochbunker – Üblicherweise inmitten anderer Wohngebäude …

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Wenn Sie den nachfolgenden ehemaligen Bunker in der Wielandstraße betrachten, ahnen Sie vermutlich gar nicht, welche Wände sich z. B. vor Umbaubeginn hier befunden haben. Man sah von außen nur einen zum Teil beschädigten, recht schäbig wirkenden, monströsen Block, der aus 30.000 Tonnen Stahlbeton bestand. Maße: 42 m lang, 17,5 m tief und 22 m hoch.
Haben Sie eine Vorstellung im Hinblick auf die Stärke von Bunkerwänden? Die Mauern dieses Gebäudes hatten ursprünglich eine Dicke von zweieinhalb Metern! Da hätte man Sie mit hochgestreckten Armen quer einmauern können. Selbst wenn in diese Wände großzügig verteilt Fenster eingebaut würden, käme das Licht von außen trotzdem kaum bis in den Wohnraum; es müsste ja zunächst durch eine Art lange Schachtöffnung dringen. Ein Großteil des Lichts würde dabei geschluckt …
Können unter solchen Umständen daraus jemals helle Wohnungen werden?

Wenn zudem keine leistungsstarken Hämmer eingesetzt werden und keine Explosionen zugemutet werden können, wie bekommt man dennoch einen Bunker – salopp gesagt – zerlegt und Betonmassen reduziert?
Man nimmt einen großen Bagger, setzt ihn mit einem Kran erst auf das, später ins Gebäude hinein und ar-
beitet sich Stockwerk für Stockwerk durch das Innere.
Hier, im Falle des Bunkers in der Wielandstraße, wurden auf diese Art fast zwei Drittel des Stahlbetons ab-
getragen. Nur noch 11.500 t sind übrig geblieben und dort, wo bereits zu Kriegszeiten durch einen Bomben-
einschlag Schäden entstanden waren, wird am Ende Fehlendes – zur vorhandenen Optik passend – wieder ergänzt.
Die Wandstärke hat sich jetzt enorm reduziert. Die Mauertiefe beträgt nur noch 1,10 m, und das hat im posi-
tiven Sinn zur Folge, dass nicht nur die verfügbare Innenraumfläche zunimmt, sondern nun endlich auch der zukünftige Lichteinfall stimmt. Ein einstiger Hochbunker wird auf diese Art zum Wohnhaus mit sieben Etagen und 32 neuen Wohnungen unterschiedlicher Größe und Raumanzahl. So langsam ist das Haus bezugsfertig (2017) – nach ungefähr drei Jahren des Umbaus.

In Erinnerung an den geschätzten Kollegen Küppers das folgende Foto mit dieser Bildbeschreibung:
„Nach Umbau inklusive einer hauseigenen Landebahn … “
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Hamburg - Hochbunker in Eilbek - Umbau in der Wielandstraße/Ecke Schellingstraße

Hamburg – Hochbunker in Eilbek – Umbau in der Wielandstraße/Ecke Schellingstraße

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Ein anderes Projekt entsteht ebenfalls in Eilbek in der Börnestraße. Dort finden von einem ehemaligen Hochbunker außer der Sohlplatte lediglich die beiden Seitenwände weitere Verwendung. Hier werden es zukünftig 14 Wohnungen in sechs Etagen sein, und ganz oben entsteht ein Penthouse als Staffelgeschoss
mit Ausblick in alle Himmelsrichtungen.
Die ehemaligen Bunkerseitenwände werden nach Fertigstellung weiterhin nach Bunker aussehen. Sie sollen
nur gereinigt werden. Auch hier vergehen immerhin knapp zwei Jahre (plus fünf Monate für Abbrucharbeiten
im Vorfeld), bis aus dem ehemaligen Hochbunker ein Wohngebäude entstanden sein wird.
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Hamburg - Hochbunker in Eilbek - Umbau in der Börnestraße

Hamburg – Hochbunker in Eilbek – Umbau in der Börnestraße

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So, Herrschaften. Feierabend? Feierabend. Heute haben Sie und ich uns passend zum grauen Wetter graue Bauten angesehen und wissen nun, wo es dickwandige Gebäude gibt. Für alle Fälle. Man weiß ja nie …

Sie wissen, wie Sie heimkommen? Fein. Dann lasse ich Sie nun alleine und verabschiede mich bis zum nächsten Mal. Ich denke, Mr. Kerry müsste mit seiner Olivenholzschüssel inzwischen auch wieder zurück sein.
Haben Sie weiterhin eine schöne Adventszeit! Eventuell lesen wir uns noch einmal vor Weihnachten.

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(*Name geändert)

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© by Michèle Legrand, Dezember 2016
Michèle Legrand

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Freddy mit der Mütze …

Ich weiß, ich fragte mich, ob er wohl immer noch das sehr volle, dunkle Haar hätte … Nur Freddy Quinn
trug eine dieser schwarzen, grobgestrickten, zipfellosen Wollmützen. Tief in die Stirn gezogen und bis
über eventuell vorhandene Koteletten. Kein Wunder, das Wetter präsentierte sich äußerst grottig;
kühl, nass und trüb.
Der Dunst hing tief über der Außenalster, doch wir saßen unverdrossen auf einer der Bänke am Ufer.
Er hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben, die Beine weit von sich gestreckt, dabei
die Füße überkreuzt und erzählte schmunzelnd von einer Ruderregatta.
Ein Kind in bunten Gummistiefeln rannte auf dem angrenzenden Spazierweg durch eine Pfütze.
Immer wieder. Hin und her. Hin und her …
Aus einem der nahen Bäume drang der Lärm gleich mehrerer echauffierter Krähen und unterbrach Freddys Erzählfluss. Sein Blick ging hoch ins Geäst. Als er die Radaubrüder entdeckt hatte, krächzte er zurück, als spräche er ihre Sprache. Er kehrte wieder zu seinen Regattaerinnerungen zurück, während ich auf der gro-
ßen Wiese rechts das Dromedar wahrnahm, das feuchtes Gras kaute. Unentwegt.
Wir starrten uns ein Weilchen an, bis … Moment!

Ein Dromedar? Frei? In Hamburg …? Und wieso Freddy Quinn … mit mir …?
Mir kam das mehr als verdächtig vor. Aus gutem Grund!

Sie ahnen es vermutlich – alles nur geträumt. Mir selbst wird das meist in eben solchem Moment klar, in
dem sich komplett Unlogisches hineinmogelt. Mitten im Schlaf kommt die Erkenntnis! Nicht real! Traum!
Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten.
Ist der Traum absurd und völlig überflüssig, unterbreche ich das Geschehen, wofür oftmals nicht einmal komplettes Aufwachen nötig ist. Während des Schlafens verblasst das Bild oder die Handlung endet einfach. Schlagartig. Auch das kommt vor.
Sind die im Schlaf hochkommenden Bilder jedoch spannend und höchst willkommen, tauchen Personen in diesem nächtlichen Film auf, an denen mir liegt, die ich unbedingt sehen und hören möchte – im realen Leben sind sie womöglich bereits verstorben – und wird mir in dem Fall bewusst, dass nur ein Traum läuft (Klaus lebt doch gar nicht mehr …?), liegt mir unheimlich viel daran, dass er jetzt bloß nicht endet!
Nein! Nicht aufwachen! Lass die Bilder nicht verschwinden …
Nun ja, in dieser Hinsicht ist wohl kräftiges Üben angesagt, denn die Handlung zuverlässig fortlaufen zu lassen gelingt mir nicht, es lässt sich zumindest nicht lange durchhalten. Irgendwie scheint gerade dieser sehnliche Wunsch, die Dringlichkeit dahinter, den Plan regelrecht zu durchkreuzen.

Speziell diese sehr merkwürdigen Dinge – warum träumt der Mensch bloß derartige Ungereimtheiten?
Von Plätzen, an denen er nicht war, Menschen, die er gar nicht kennt …? Lassen Sie es uns nicht wissen-
schaftlich zu erklären versuchen oder professionelle Traumdeutung heranziehen – lassen Sie uns einfach nur herumunken und spekulieren.
Erinnern Sie sich noch an etwas, was ich Ihnen in ganz frühen Zeiten dieses Blogs anvertraut habe? Ich nahm damals an (ebenso munter-spekulativ gemeint), dass Träume offensichtlich hin und wieder schwer fehlgeleitet werden. Das bedeutet, Sie bekommen höchstwahrscheinlich gelegentlich Träume eingespeist, die eigentlich für jemand anderen gedacht sind. Genauso umgekehrt. Jemand erhält die für Sie gedachte Story.
Das Durcheinander bei den Inhalten und entsprechend mangelndes Verständnis können Sie sich vorstellen.

Einmal hatte ich nächtens das Vergnügen, in einer Oase zu sitzen. Dort war kein Dromedar, allerdings traf ich in der Wüste auf meine ehemalige Französischlehrerin, die ernst und mit Hingabe auf einer großen Harfe spielte. Wer sie kennt bzw. kannte, weiß, wie unwahrscheinlich dieses Szenario ist! Erklär mir einer so etwas …
Hatte ich die neun Ameisenhaufen am Strand schon erwähnt? In dem Traum spielten auch Richard von Weizsäcker und ein schwarzes Taxi eine wichtige Rolle. Oder die Sache mit dem russischen Briefträger und seiner Trillerpfeife?
War das etwa einer Ihrer Träume? Geklaut und zu mir umgeleitet? Können Sie vielleicht etwas damit anfangen?

Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Sie mir einfach erzählen, was Ihnen traumbezogen bisher fehlt oder was nicht mehr vorkommt, schlicht abhanden gekommen zu sein scheint. Wenn ich merke, dass so etwas irrtümlich bei mir landet, dirigiere ich es selbstverständlich sofort zu Ihnen um.

Mehr wollte ich Ihnen gar nicht erzählen, ich habe noch zu tun.
Halt! Gerade fällt mir noch etwas ein!
Die merkwürdigen Träume haben hin und wieder so ihre kleinen Auswirkungen auf das nachfolgende Verhalten im Wachzustand. Seit dem Freddy-Traum gestern ertappe ich mich z. B. dabei, dass ich ständig „Hundert Mann und ein Befehl“ singe. Das legt sich hoffentlich in ein oder zwei Tagen wieder.
Mittlerweile habe ich sogar herausgefunden, wann und wodurch diese sonderbaren Träume ausgelöst werden. Es hat nichts mit gerade vorher Erlebtem zu tun.
Es passiert zuverlässig, wenn es mir im Schlafzimmer im Laufe der Nacht zu kalt wird, ich deshalb gegen Morgen doch den Thermostat der Heizung aufdrehe, das Frösteln nachlässt und ich zu dieser Zeit noch einmal einschlafe. Das ist der Startschuss für reichlich phantasievolle bis wirre Träume!
In meinen Augen ist die Ursache ein kräftig losbollernder Heizkörper, der während des Morgenschlafs für mollige Temperaturen sorgt. Und nur morgens funktioniert es!
Dadurch, dass Sie nach einem dieser Träume tageszeitbedingt meist endgültig aufwachen, bleibt der Inhalt sogar noch ein Weilchen im Gedächtnis haften, was ja sonst nicht immer der Fall ist.
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Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Und träumen Sie etwas Nettes!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand

 

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Geburtstagsbesuch …

Das Schild mit der Glättewarnung gibt es immer noch. Das hängt dort ganzjährig.
Ein merkwürdiger Anblick im Sommer.
Die Parkplätze sind rar, auch wie immer.
Das Wetter zeigt sich seit einigen Jahren an seinem Geburtstag sehr durchwachsen, kalt und ungemütlich. Früher einmal war das Datum Garant für Wärme und Sonnenschein gewesen. In der Zeit, als er noch im Büro tätig war, gab es an seinem Ehrentag immer Eis. Jedes Jahr stellte er ebenfalls Kuchen zur Abstimmung, doch die Wahl fiel genauso sicher wieder auf Eisbecher. Eben weil hochsommerliche Temperaturen herrschten.

Der einzige freie Parkplatz liegt in einer Nebenstraße. Ein etwas längerer Spaziergang ist diesmal nötig, um zu ihm zu kommen und zu gratulieren. Der letzte heftige Regenguss, bei dem die Scheibenwischer kaum hinterherkamen, endete vor ein paar Minuten. Pfützen gibt es reichlich, doch am Himmel sieht es im Moment relativ gut aus. Vielleicht bleibt es vorerst ein Weilchen trocken von oben.
Die Strecke ist schneller geschafft als gedacht, inzwischen kennt man die Gegend und kann ein paar Abkürzungen über kleine Wege quer durch zum Ziel nehmen.

„Hallo! Na, hast du etwa gedacht, ich komme nicht?“, frage ich ihn lächelnd während ich herantrete und dabei die Blumen auswickle. „Nix da, Geburtstag ist Geburtstag!“
Die übliche Konversation startet.
„Noch so ein Schüttschauer wie eben, und ich hätte bald mit dem Boot zu dir kommen können. Oder schwimmend! Das Glätte-Schild bei euch könnten sie mal ersetzen gegen eine Aquaplaning-Warnung … Mensch, der Busch dort links ist aber ganz schön gewachsen seit dem vorigen Mal!“
Er wird auf den neuesten Stand gebracht. Der Geburtstagsjung, nicht der Busch. Obwohl ich stets auch Fragen an ihn habe, wirkt die Unterhaltung häufig ein wenig einseitig. Jedenfalls für Außenstehende.
„Doch, alles soweit gut … Sie war zwischendurch in Frankreich studieren, ist aber jetzt wieder hier. … Wo? In der Gegend, in der du damals mit der Ente unterwegs gewesen bist! …
Ach, dem geht’s auch gut. Er hat inzwischen geheiratet! Doch! Ja, ich weiß, dass es im Prinzip – zumindest gefühlt – noch gar nicht so lange her ist, dass er geboren wurde … Und weißt du, was das Größte ist? Ich werde Oma! … Nein, ehrlich! Jetzt sag’ bloß nicht, du kannst dir das nicht vorstellen!“
Er sagt zwar nicht richtig deutlich etwas dazu, aber man weiß auch so, was kommen würde, kennt die Reaktion genau. Ihn interessieren Details.
„Ich verrate es dir, sobald ich mehr weiß.“

Der Himmel bedeckt sich erneut in rasantem Tempo. Von Westen her zieht eine riesige, enorm schwarze Front heran. Heftige Böen entwickeln sich plötzlich, wie aus dem Nichts. Deutlich kündigt sich ein weiterer mächtiger Platzregen an. Vielleicht sogar mit Gewitter, Hagel und allem Drum und Dran. Ich mache den Anfang, obwohl er mich wahrscheinlich sowieso gleich nach Hause schicken würde in einem solchen Fall:
„Es sieht nicht gut aus, was sich da zusammenbraut. Sag, wo ist bloß das schöne Geburtstagswetter von früher hin? Du hast immer gesagt, du seist ein Sonntagskind und deine Mama hätte dich ihren Sonnenschein genannt. Darum sei gutes Wetter …“
Ich spüre zwei erste Tropfen. Auf den Händen. Alles andere ist ja – Ende Mai hin oder her – von der warmen Jacke verdeckt.
„Ich werde für heute gehen. Vielleicht schaffe ich es noch zurück zum Auto, bevor sich die Sintfluttore öffnen. ich komme bald wieder.
Was meinst du?
Ich soll mich jetzt beeilen, aber dich selbst schert ein Wolkenbruch nicht?
Ah, ich weiß, ich kenne dich! Du meinst, weil du hier trocken liegst …!“

Seine Art von Humor fehlt schon ein bisschen. Wie so vieles andere auch.
Es ist und bleibt einfach unzureichend, eine armselige Alternative, seinen Geburtstag seit acht Jahren nur noch auf dem Friedhof begehen zu können …

Doch in einer Hinsicht erkenne ich mittlerweile die Logik:
Es kann das strahlende Geburtstagswetter an diesem Tag überhaupt nicht mehr geben; weil der, weil sein Sonnenschein fehlt.

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) - Ende Mai 2015

Sich entwickelnde Blüte beim Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) – Ende Mai 2015

 

© by Michèle Legrand, Juni 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Vom Zebra überholt …

Ich bin heute von einem Zebra überholt worden! Das heißt, davor wollte noch jemand wissen, wo Zimbabwe liegt. Aus diesem Anlass melde ich mich ausnahmsweise kurz zwischendurch.
Diese Sache mit der Geografiefrage ereignete sich draußen, das afrikanische Wildpferd ist hingegen plötzlich mitten im Einkaufszentrum an mir vorbeigezogen.

Zuerst spricht mich auf dem Gehweg, während ich gerade etwas in meiner Handtasche verstaue, eine junge und durchaus sympathisch klingende Frauenstimme von hinten an:
„Können Sie mir sagen, wo Zimbabwe liegt?“
Wären Sie nicht auch verdutzt?
Es ist eine sehr junge, freundlich wirkende Frau, die in meinem Blickfeld auftaucht, als ich den Kopf wende. Sie streckt mir einen Miniglobus, nicht größer als eine anständige, wohlgenährte Clementine, entgegen und schaut mich fragend, fast bittend an.
(Ich muss gestehen, ich war anfangs auf der völlig falschen Fährte. Sie wirkte wie eine Schülerin, so dass ich annahm, sie hätte in der Oberstufe ein Projekt mit Umfrage – oder aber, sie wüsste es tatsächlich nicht.)
Ich kann auf dem kleinen bunten Erdball ohne Brille die Schrift nicht erkennen, und das sage ich ihr auch. Daraufhin meint sie, dass die meisten Menschen eben nicht wüssten, wo Zimbabwe zu finden sei. Es klingt, als hielte sie meinen Hinweis auf die gerade fehlende Brille für eine Ausrede, weil ich in Wirklichkeit nicht zugeben möchte, dass ich keine Ahnung habe.
Das mag ich so nicht auf mir sitzen lassen, also nehme ich die Kugel in die Hand, erkenne die Kontinente und somit grob auch Afrika. Ich konzentriere mich auf den Süden, bemerke zum Glück sogar unbebrillt die Insel Madagaskar, so dass ich weiß, ich welcher Höhe ich im Süden des Kontinents mit dem Zeigefinger ungefähr mittig hineinstupsen muss.
(Bei dem kleinen Globus ist da eh nicht so viel Fläche, um mit dem Finger noch genauer zu landen.)
„Hier“, sage ich, „ungefähr hier liegt Zimbabwe.“
Sie wirkt überrascht.
„Ja, stimmt!“
Ach, sie weiß es also doch! Für mich ist damit der Fall erledigt, zumal sie stumm bleibt. Ich verabschiede mich und gehe weiter. Und?
Ich hab’s nicht mitbekommen! Habe nicht verstanden, dass sie eigentlich für Oxfam werben wollte und mit Sicherheit mit mir noch gar nicht fertig war! Ich entdeckte im Weitergehen den Oxfam-Stand und noch eine weitere Person, die im Gespräch mit einem Passanten war und einen ebensolchen Globus in der Hand hielt. Aus Zeitgründen bin ich nicht noch einmal umgedreht.
Ein bisschen dumm gelaufen. Ich finde die Organisation nämlich richtig gut und deren Projekte und Aktionen lobenswert, das möchte ich betonen – doch wenn sie nicht sagt, was sie tatsächlich möchte, dann ist das nicht ganz so günstig. So gehetzt habe ich sie wirklich nicht …

Noch etwas in Gedanken betrete ich das Einkaufszentrum, nehme die Treppe nach oben, laufe dort den Gang entlang. Zack, zieht es an mir vorbei! Das Zebra.
Kleiner, als ich das Steppenpferd aus dem Zoo in Erinnerung habe. Mit Reiter! Und kaum habe ich mich von meinem Erstaunen erholt, taucht zusätzlich ein Einhorn auf.
Ein Einhorn!
Es ist Action im Einkaufszentrum. Ein halbes Gestüt scheint sich hier im Obergeschoss zu befinden. Die Zebras in unterschiedlichen Größen und das Einhorn sind natürlich die Exoten, ansonsten gibt es durchaus auch braune und schwarze Hauspferde unterschiedlicher Größe.
Plüschreittiere - Pferde, Zebras, Einhorn
Sie haben es erkannt: Die Attraktion im EKZ sind zurzeit pflegeleichte, echt wirkende, aber keine lebendigen Wesen – was der Begeisterung der galoppierenden Kinder keinesfalls Abbruch tut. Die Reittiere sind erstaunlich. Sie haben keine Batterien oder Motoren! Sie müssen andererseits aber auch nicht ständig durch einen Erwachsenen angeschoben werden, was für den Schieber und auch für das Kind ziemlich langweilig wäre.
Es sind recht ansehnliche Plüschtiere für unterschiedliche Altersgruppen, die sich auf Rollen bewegen und durch eine Reitbewegung in Schwung gebracht werden können. Beim Auf und Ab im Sattel (man steht in dem Moment im Steigbügel bzw. auf einer Art von Pedal) wird irgendeine Mechanik im Inneren in Gang gesetzt. Es ziehen sich wohl (untechnisch ausgedrückt) Teile zusammen, die sich kurz darauf wieder entspannen – was für das Vorwärtskommen sorgt. Eine feine Sache, denn hier muss man selbst etwas tun, muss Gleichgewicht halten, auf die Koordination achten …
Die jungen Reiter sind konzentriert bei der Sache. Die Kleinsten werden von den Eltern auf Schritt und Tritt begleitet, damit sich kein Zebra zur Rolltreppe verläuft. Notfalls können Kind und Tier angeschoben werden, wenn die Kraft nachlassen sollte.

Zebra unterwegs ... (Plüschtier zum Reiten)

Zebra unterwegs …

Die etwas größeren Mädchen behandeln ihr Reittier wie ein echtes Pferd und ahmen eine vorbildliche Reitposition nach. Sie möchten es „richtig“ machen. Zwei Jungen, die mir auf braunen Pferden begegnen, liefern sich hingegen eine rasante Verfolgungsjagd. Bei ihnen ist es mehr ein Western, der abläuft. Und ganz kleine Mädchen sitzen unendlich verzückt auf dem Einhorn …

Reiter im EKZ (Plüschpferde zum Reiten)

Reiter im EKZ …

Ich wurde noch weitere Male von Pferden, Zebras und dem Einhorn überholt oder bin ihnen gelegentlich beim Verlassen eines Ladens vor die Hufe geraten. Ein Mädchen rief ihrem Ross daraufhin tatsächlich ein „Brrr“ zu.

Was der Spaß kostet? Die Reitgebühr beträgt je nach Pferdgröße zwei bis drei Euro pro zehn Minuten Ausleihzeit. Die sind immer sehr schnell herum! Ein wenig günstiger als der Kauf eines solchen Tieres ist es dennoch.

Liebe Leser, wissen Sie, wie meine heutigen Empfehlungen für Sie lauten?
1) Falls Sie jemand ansprechen sollte, dem daran liegt zu erfahren, wo sich Zimbabwe befindet, warten Sie, nachdem Sie es gezeigt haben, ein bisschen länger als ich. Derjenige hat vielleicht doch noch ein separates Anliegen.
2) Interessieren Sie sich jetzt – weil Kinder in der Familie sind – spontan für Pferd, Zebra oder Einhorn, dann googeln Sie doch einfach einmal und schauen unter Pony Cycle.

 

© by Michèle Legrand, April 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Sofathemen …

Sofathemen? Stellen Sie es sich bitte so vor, dass entweder Sie bei mir auf die Couch rutschen oder ich ein Eckchen Ihres Sofas kurzzeitig mit belagere und wir – egal, wer nun bei wem hockt – einen zwanglosen Plausch abhalten. Diverses anschneiden, was gerade in den Sinn kommt oder ins Auge springt.
Sofagespräche verlaufen in den meisten Fällen in einer sehr entspannt-privaten Atmosphäre. Die Vermischung einzelner Themen, Verwunderung, minimale Süffisanz … das ist erlaubt.
Im Grunde alles außer Sofakissen knüllen.

Die Woche verging wieder einmal wie im Flug. Bei Ihnen auch?
Zu besonderen Dingen, die ich heute hier präsentieren könnte, kam ich gar nicht. Es sei denn, Sie fänden jetzt Gefallen daran, wenn ich Ihnen erzählte, dass mir reichlich Moos um die Ohren geflogen ist. Richtiges! Ich spreche nicht etwa symbolhaft von Geld! Oh, nein!
Ich habe nebenher vertikutiert. Dummerweise haben wir die Tage recht frischen Wind. Alles, was an Moos und Unkrautresten aus der Rasenfläche herausgeholt und sorgsam zu einem Haufen zusammenkehrt wird, zischt bei der nächsten Windböe schon wieder durch die Gegend. Hin und wieder entstehen obendrein diese hinterhältigen Hochlupfer. Der Wind schiebt sich dabei erst wie eine Kehrschaufel unter das watteleichte, lose, feine Moos und wirbelt es anschließend mit einer Kraft auf, als würde ein isländischer Geysir seine Fontäne hochschießen. Schon hängt Ihnen das Grünzeug im erhitzten Gesicht. Heimtückisch!
Doch davon wollten Sie bestimmt gar nichts wissen.

Gestern früh, als ich die Tageszeitung hereinholte, blickte mich von einem Foto auf der Titelseite ein gehörntes Klettervieh auf einer Riesengranitstatue an. Nach näherem Hinsehen – und vor allem Lesen des Begleittextes – stellte sich heraus, es war eine Fotomontage. Man hatte einen täuschend echt wirkenden Steinbock auf das 34,3 m hohe Denkmal des Altkanzlers von Bismarck gebastelt. Das steht hier in Hamburg im Alten Elbpark, und der samt seiner Hörner drei Meter große Bock trampelt Fürst Otto direkt auf dem Kopf herum.
Im Mai soll es Realität werden.
Im Zuge des Hamburger Architektur Sommers beabsichtigt das Wiener Künstlerkollektiv Steinbrener/Dempf & Huber diese „parasitäre Intervention“. Dieser Ausdruck stammt nicht von mir, der ist offiziell. (In der Hauptkirche St. Katharinen wird dann übrigens auch ein riesiger Felsbrocken (8 m hoch, 5 m breit, 4 m tief) im Kirchenschiff direkt über den Bänken schweben …).
Das werden natürlich Hingucker! So etwas wird angesteuert und mit Sicherheit hunderttausendmal fotografiert. Künstlerisches Statement, Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, Staunen, Diskussion … Zweck mehr als erfüllt.

Man kann dazu jetzt stehen wie man will, es als hinreißend originelle oder aber alberne Idee, als innovativ-mutiges oder kitschiges Vorpreschen ansehen; worauf ich hinaus möchte, ist etwas ganz anderes:
Was passiert, wenn ein Normalbürger – ein Privatmensch – derartige Pläne hat?
Nicht übermäßig kreative, gehen wir eher davon aus, dass er mit einem ganz alltäglichen Anliegen, mit einer durchdachten Anfrage, einer angemessenen und äußerst risikoarmen Bitte um eine Genehmigung für ein Vorhaben (stilvolle Umgestaltung, unkritischen, kleineren Anbau, maßvolles Stutzen eines Baumes) an eine Behörde herantritt?
Er muss bis zur Durchführung Extrazeit einplanen, reichlich Zusatzkosten einkalkulieren und viel Geduld zeigen. Und bangen, ob seinem Antrag überhaupt stattgegeben wird!
Selbst wenn es um Änderungen auf seinem eigenen Grund geht, die wirklich keinen Nachbarn stören, kann er ohne das offizielle Okay der Ämter rein gar nichts machen. Unser Privatmensch muss zunächst Papiere gefühlt 50-fach einreichen und hierfür bereits diverse – teils sinnvolle, teils komplett unsinnige – Regularien beachten. Er muss Gebühren entrichten, einen riesigen Fragenkatalog beantworten und sich auf Einwände, Auflagen oder negative Bescheide gefasst machen.
Man hat gern „erhebliche Bedenken“, ob alles rechtens ist, ob es nicht einer erneuten Untersuchung oder eines weiteren Gutachtens bedarf, ob es nicht jemanden gefährden, beeinträchtigen oder gar diskreditieren könnte. Manchmal ist zwar theoretisch durchaus alles in Ordnung – doch komischerweise hört der Antragsteller trotzdem nichts mehr! Dann liegt der eingereichte Papierwust irgendwo herum, wurde vergessen und altert still vor sich hin.

Doch hier – ist ja schließlich Kunst – darf ruckdizuck sogar einem Altkanzler, einem offiziellen Denkmal (!), ein Bock aufs Haupt gesetzt werden. Wenn sich Otto da nicht doch heimlich in seinem Grab umdreht.
Stellen Sie sich einmal vor, unser imaginärer Privatmensch würde so etwas vorhaben. Streichen Sie den öffentlichen Raum. Nehmen Sie an, er würde lediglich anfragen, ob er einen drei Meter hohen Steinbock auf den Schornstein seines eigenen Hauses montieren dürfte.
Was müsste er sich wohl anhören?
Erfordert das Einverständnis sämtlicher umliegender Nachbarn. Geht nicht, weil es vom Bebauungsplan abweicht. Ein Kran kann dafür nicht korrekt platziert werden. Ist sowieso nicht sicher, Gefährdung der Allgemeinheit. Behindert den Abzug der Abgase. Könnte herunterplumpsen und den Briefträger treffen. Bräuchte eine rote Positionslampe. Wegen eventuell im Landeanflug befindlicher Flugzeuge …
Sie sehen, keine Chance.
Und wäre der Mensch lediglich sporadisch kreativ und würde dabei ertappt, wie er spontan ein Denkmal mit einem Schal oder einer Brille „verschönerte“?
Drama! Respektlos! Erregung öffentlichen Ärgernisses! Sachbeschädigung! Anzeige!
Was sagen eigentlich die adeligen Nachfahren im Sachsenwald zu dieser Aktion mit dem Gehörnten? Sie werden wahrscheinlich damit beschwichtigt, dass es ja nur zeitlich begrenzt ist und der Herr von Bismarck seinen Kopf wieder freibekommt, sobald der Bock im Juli oder spätestens August absteigt.
Widmen wir uns weiteren Sofathemen.

Ein ganz junges Giraffenkind sprang in Hagenbecks Tierpark bei seinem ersten Ausflug ins Freie furchtlos in den Wassergraben und drohte zu ertrinken. Weil ein Team von Tierpflegern sofort hinterhersprang und das Kleine herausholte, konnte es gerettet werden. Teamwork. Alle für einen.
Irgendwie denke ich gerade an einen bestimmten Fußballverein. Stellen Sie sich so etwas einmal für den HSV vor. Ohne Wasser. Aber Teamwork und Aktionen mit Herz und vollem Einsatz als Rettung vor dem Untergang. Ungeahnte Möglichkeiten …

Sind Sie eigentlich gut durchgekommen? Bei der Blitzaktion am Donnerstag, diesem Wir-kriegen-dich-vielleicht-Marathon? Betonung auf vielleicht. Es ist schon recht zweckkillend, das Blitzen anzukündigen und dazu auch noch sämtliche betroffenen Straßen zu veröffentlichen. Genau einen Tag lang und genau in diesen Straßen zeigt man sich artig, doch ab Freitag wird wieder gerast wie eh und je. Das lehrt notorische Regelübertreter und Verkehrsgefährder doch rein gar nichts!
Mich wundert es immer wieder, dass trotz der massiven Vorwarnungsphase an einem solchen Achtung-du-weißt’s-heute-ist’s-Tag immer noch welche ein Foto von sich bekommen …

Vermutlich haben Sie es auch gelesen: Schleswig-Holstein konnte sich nicht am Blitzmarathon beteiligen, weil sämtliche Polizisten in Lübeck zur Sicherung des G7-Gipfels benötigt wurden. Schließlich kam u. a. Herr Kerry. (Konnte doch keiner vorher ahnen, dass er nicht beide Tage komplett, sondern nur vier Stunden anwesend sein würde. Da waren die Scharfschützen auf den Dächern schon fest eingeplant und konnten nicht plötzlich doch blitzen gehen …)

Lübeck - Blick auf die St.-Marien-Kirche von der Aussichtsplattform der Petrikirche

Lübeck – Blick auf die St.-Marien-Kirche von der Aussichtsplattform der Petrikirche

Ich habe seitdem eine Theorie. Eine heimliche, ganz vage …
In Hamburg ist oft das Geschrei groß, wenn die Polizei – unerhört! – unangekündigt blitzt. Es könnte doch sein, dass Hamburg sich nur deshalb als Olympiastadt beworben hat, weil im Fall des Stattfindens der Spiele in der Hansestadt, sämtliche vorhandenen Polizisten für diesen Sondereinsatz gebraucht würden. In der Zeit würden weder Raser geblitzt werden, noch hätte man Personal, das Knöllchen schreiben könnte …
Eine Theorie. Aber denkbar wär’s! Man müsste halt einmal herausfinden, wer da ursprünglich so kräftig für die Spiele geworben hat. Punktestand abgleichen und so.

Sie möchten jetzt als Abschluss etwas weniger Lästerei? Etwas Versöhnliches, Friedliches? Verzicht auf Ironie, milden Sarkasmus etc.? Gut. Letztes Sofathema für heute: ein Eichhörnchen.

Ich ertappte es morgens auf der Terrasse dabei, wie es in aller Seelenruhe Erdnüsse aus der für die Vögel gedachten Futterschale klaute. Ertappen kommt grundsätzlich überraschend. Ein Fotoapparat ist dann nicht zur Hand – allerdings das Handy. Ich halte den Nussdiebstahl kurz fest, öffne langsam die Terrassentür und bezeichne das rote Etwas als Gauner. Ich sage dem Tischbesetzer, er habe doch sowieso schon alle Nüsse vom Haselstrauch allein vertilgt, solle daher bitte schön etwas vom Futter für das fliegende Volk übriglassen. Und ich bemängele das schlechte Timing. Keine Kamera in der Nähe etc.
Das Hörnchen horcht gebannt. Die Ohren drehen sich leicht. Plötzlich huscht es davon.
Eichhörnchen beim Vogelfutter ...
Am späten Nachmittag komme ich von meinem Termin zurück, spaziere entlang der Hecke Richtung Haustür, und wer begrüßt mich fröhlich herumscheckernd? Das rote Wesen vom Morgen. Es wetzt oberhalb des Ligusters auf der Holzpergola hin und her, verschwindet kurz, kommt mit einer Nuss (?) zwischen den Zähnen zurück und posiert. In aller Seelenruhe. Als würde es mir nach der Gardinenpredigt vom Morgen nun einen extra Shooting-Termin gewähren. Es lässt mich die Kamera aus der Handtasche ziehen …

Eichhörnchen mit Nuss auf Pergola

Da ich damit rechne, dass es weiterhin hier auftauchen wird, suche ich momentan nach einem Namen für den Kleinen. Oder ist er eine sie? Ich kann es nicht unterscheiden. Vielleicht wäre ein geschlechtsneutraler Name eine gute Idee.
Kim. Oder Bo?
Nur Vorname oder auch Familienname?
Rotschwanz-Luca? Nicky Red? Puschel Nutthief?
Haben Sie nicht einen Vorschlag?

Bevor der Sofaplatz völlig durchgesessen ist, sollten jetzt alle wieder aufstehen. Wir haben die heutigen Themen auch durch.
Ihnen ein schönes Wochenende und gute Entspannung!

© by Michèle Legrand, April 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com__

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Wenn es nichts wird … wird’s etwas anderes

Letzte Woche wollte ich … Nein, lassen Sie mich anders anfangen!

Es gibt relativ unwichtige Ideen, die einem gelegentlich durch den Kopf geistern. Spezielle Vorhaben, die in Erwägung gezogen, jedoch letztendlich nicht ausgeführt werden. Was glücklicherweise aufgrund der Unwichtigkeit der Sache nicht weiter tragisch ist und daher keine sonderlich nachteiligen Folgen hat oder unliebsame Konsequenzen nach sich zieht. Der feste Ausdruck, dass man mit einem Gedanken schließlich lediglich spielt, spiegelt die Situation recht gut wider.
Bei meiner heutigen Variante handelt es sich allerdings um eine besondere Form. Es geht um Pläne, ganz eventuelle Vorhaben, deren Durchführung von anderen Gegebenheiten abhängig ist. Es sind – wie ich sie nenne – die Vielleicht-mach-ich-das-wenn-Sachen.
Wenn …, dann …
Kennen Sie von Excel.

Wenn du am Dienstag in der Innenstadt vorbeikommen solltest, schaust du nach den Schwänen. Sagst Hallo und machst ein Foto. Für den Blog.
So dachte ich zu Beginn der vergangenen Woche.
Sie wissen vielleicht, dass die berühmten Alsterschwäne in Hamburg jeden Winter für vier Monate die Binnenalster verlassen und ein gesondertes Winterquartier im Stadtteil Eppendorf beziehen. Dort wird der Mühlenteich bewusst eisfrei gehalten, und für Futter ist auch gesorgt. Nennen wir es kurz: UfSmV.
Unterkunft für Schwäne mit Vollpension.
In der Zeit von November bis März fehlen sie einem ganz gehörig! Ihr Anblick gehört einfach zur Innenstadt und zur Alster dazu. Außerdem gilt ja bis heute die Legende, dass Hamburg seinen Status als Freie und Hansestadt nur so lange hält, wie es die Alsterschwäne gibt … Am letzten Dienstag sind sie zurückgekehrt.
Und wer war nicht dort? Ich.

Zur Wochenmitte sollten wiederum königliche Gäste aus den Niederlanden eintreffen. Besuch des Rathauses, des Bürgermeisters, Wahrnehmung weiterer Termine. Schon spielte ich mit neuen Gedanken:
Wenn du am Donnerstag in der Innenstadt vorbeikommen solltest, schaust du nach Máxima und Willem-Alexander. Sagst Hallo und machst ein Foto. Für den Blog.
Nur dann erinnerte ich mich, dass ich die beiden beim Besuch der Stadt Leer im letzten Mai bereits knapp verpasst hatte. Weil ich gar nicht gewusst hatte, wann sie genau wo erwartet wurden. Ohne exakte Terminkenntnisse hätte mir das hier wieder geblüht. Zudem kam ich am Donnerstag gar nicht Richtung Innenstadt.
Wer war also nicht dort? Ich.
Bis zum Wochenende geisterten noch zwei oder drei andere Ideen in meinem Kopf herum. Alle angedachten Vorhaben entpuppten sich leider eher als Kandidaten der Sorte: Wenn nicht …, dann nicht …
Wenn du weiter nur etwas ausbaldowerst, was als Es-wäre-nur-gegangen-wenn-Sache endet, sieht es übel aus mit einem Foto. Im Blog.

Gestern am Abend fiel mir schließlich auf der Suche nach einem aufbewahrten Kassenbeleg etwas in die Hände. Garantieunterlagen, Bons und andere derartige Sachen befinden sich nämlich im gleichen Schrankteil wie zwei recht unscheinbare kleine Alben mit einigen Fotos.
Da ich Ihnen weder Aufnahmen von Máxima und Willem-Alexander noch ein ganz aktuelles Foto eines Alsterschwans anbieten kann, gibt es etwas anderes …

Erinnern Sie sich noch an diesen Herrn und seine Sendung?

März 1975

Ihr heutiger (quasi) Ersatzkönig Ilja, der Erste. Die Ausstrahlung seiner Sendung Disco endete 1982 nach zwölf Jahren, doch Ilja Richter ist bis heute in Theater und Fernsehen präsent, immer noch höchst schlagfertig, unverändert schlank und mit 62 Jahren unverschämt gutaussehend.
(Schauen Sie einmal auf das Datum: ein fast auf den Tag genau 40 Jahre alter Gruß …)

Zu Beginn sprach ich gezielt die relativ unwichtigen Vorhaben an. Lockere Pläne, banale Wünsche, deren Nichtzustandekommen oder deren Nichterfüllung kein wirklich großes Herzeleid verursachen. Bloße Gedankenspielerei. Nicht so wichtig …
Es gibt jedoch genauso die anderen Vorhaben und Träume. Die, die einem viel bedeuten, auf deren Zustandekommen man intensiv hofft. Wenn diese Träume platzen …
Schade. Niederschmetternd! Zum Verzweifeln?
Irgendwie natürlich schon. Nur – was bringt es? Soll ich Ihnen etwas verraten? Sie leben wesentlich entspannter, wenn auch dort die Devise gilt:
Wenn es nichts wird, wenn es dies nicht wird … wird’s etwas anderes!
Wer weiß denn schon heute so genau, ob es dadurch nicht – im Endeffekt – viel besser wird?
Um Ilja Richters Disco noch einmal heranzuziehen:
Das Licht ging zwar irgendwo aus. Doch stets ging kurz darauf anderswo ein heller Spot an!

Vielleicht sollten wir bei unerwarteter Dunkelheit einfach ein bisschen abwarten. Womöglich stellen wir später verdutzt fest, dass uns der darauf folgende gezielte Spot viel besser steht, als die einstmals geplante Rundumillumination!

© by Michèle Legrand, März 2015
Michèle Legrand  - freie Autorin  - Foto:©Andreas Grav

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Lottozahlen, Orientierungsschwächen und sonstige Dinge der Woche …

Spielen Sie Lotto? – Bitte? Ob ich? Nein, ich spiele nicht.
Damit wäre die Geschichte im ungünstigsten Fall bereits zu Ende …
Ich habe mir jedoch, ungeachtet meiner eigenen Lottoabstinenz, erlaubt, stattdessen an Sie zu denken – sofern Sie Lotto spielen.

Manchem Tipper fällt es schwer, die Zahlen zu bestimmen. Ich rede von den vermeintlichen Glückszahlen der Woche. Wer nicht immer die Geburtstage der Familie inklusive seines eigenen wählen möchte, gerät schnell in die Bredouille. Was soll man nehmen, wonach auswählen, wie entscheiden?
Es gibt Spieler, die lieber für jede Wochenziehung unterschiedliche Zahlen verwenden möchten, damit sie sich – sollten sie aus irgendeinem Grund vergessen, den Schein abzugeben – nicht tierisch ärgern. Sie wissen es ja selbst, wenn Sie persönliche, feststehende Daten wählen, kennen Sie die Zahlen in- und auswendig und beißen sich in den Hintern, wenn genau diese Gewinnzahlen gerade dann gezogen werden, wenn Sie einmal nicht dabei sind. Sie wüssten haargenau, was Ihnen durch die Lappen gegangen ist. Auf Heller und Pfennig.
Welche Zahlenauswahl also sonst?
Es muss etwas sein, was Sie sich nicht dauerhaft merken können. Sie könnten einfach willkürlich irgendwo auf dem Schein Ihre Kreuze machen, das Blatt sofort umdrehen, nur … Das wirkt so furchtbar lieblos und undurchdacht! So, als hätten Sie sich überhaupt keine Mühe bei der Wahl gegeben.
Kann so ein Schein je gewinnen?

Sie sehen, Hilfe von außen wäre nicht schlecht, und just da komme ich ins Spiel. Während ich in der Erde wühlte und allgemein viele Stunden im Grünen schuftete, kamen mir einig lottoschöne, lotteriekonforme Zahlen unter.

Frühlingserwachen - Krokusse

Frühlingserwachen – Krokusse

Die im letzten Blogpost erwähnte Grauwetterperiode endete am darauffolgenden Wochenende. Von da an herrschte fast eine ganze Woche lang Sonnenschein bei milderen Temperaturen. Ideal, um einen Teil der allmählich pressierenden Gartenarbeiten zu erledigen. Leider war der Februar ungenutzt ins Land gegangen. Zu kalt, zu viel Graupel und Konsorten. Für die verbliebenen Aussäge- und Auslichtungsarbeiten wurde es fast schon zu spät in dieser Saison – allerdings hatte die penible Kontrolle der betroffenen Büsche und Sträucher ergeben, dass sich dort keine Vogelnester im Bau befanden.
So konnte es losgehen – jedenfalls fast. Lediglich die Stolperfallen in Form von Maulwurfshügeln mussten zuvor noch eingeebnet werden.
42. Nicht die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (Douglas Adams – „Per Anhalter durch die Galaxis“), sondern in diesem Fall die Anzahl der von einem arbeitswütigen Mauli aufgeworfenen Erdberge. Stolze 30 davon auf der Rasenfläche, 12 in den Rabatten.
Was hat der Lump nicht alles erfolgreich hochgedrückt und ausgebuddelt!

Und hier haben Sie bereits Ihre ersten Lottozahlen, 12, 30 und 42.
(Doch, doch, ich bin sicher. Die sind so etwas von energiegeladen!)

Einkürzen, auslichten, sägen ...

Einkürzen, auslichten, sägen …

Gartenarbeit. Es fällt immer mehr an, als man denkt. Ein Stadtgarten kleineren Ausmaßes, jedoch ein Eckgrundstück mit viel Heckenanteil. Dazu zahlreiche Rankgewächse, Kletterrosen, eine Sammlung Sträucher als Ausgleich für einst beim Sturm entwurzelte Bäume …
Aufgrund der Ecklage haben Sie automatisch auch mehrere Grundstücksnachbarn – oder solche, die es meinen zu sein, selbst wenn zwischen den Grundstücken öffentliche Wege verlaufen und zusätzlich trennende Randstreifen existieren, die Areale somit also nicht wirklich aneinanderstoßen.
Egal, wie es im Feinen oder Groben ausgelegt wird, es sind irgendwie Anrainer und Mitreder, und schon sind Sie entlang der Grenzen ständig am einkürzen und in Schach halten. Ich mag es vom Stil her natürlich, nur habe ich in besagter umliegender Nachbarschaft zwei Menschen, die jedes Gewächs, das die Größe von 50 cm überschritten hat, gnadenlos eliminieren. Oder wenn sie ausnahmsweise tatsächlich etwas Größeres als Sichtschutz bzw. Schattenspender besitzen, stutzen Sie es so zurück, dass es potthässlich aussieht. Sägen es derart ab, dass das Ergebnis einer Amputation gleicht. Nur noch traurige Stümpfe ragen in die Höhe. Furchtbar!

Was ich dagegen unternehme? Nichts. Es ist ihr Garten. Es ist ihre Sache. Ich lasse sie auf ihren Grundstücken machen, wonach ihnen der Sinn steht, nehme auch hin, dass mich einige Gewohnheiten ärgern oder ein Anblick stört. Leider ist diese Toleranz nicht gegenseitig.
Es besteht das unbezwingbare Verlangen, mich immer dann, wenn ich entlang der Außenhecken aktiv bin und (wie blödsinnig, allein schon deshalb!) gerade sowieso wieder für den akkuraten Rückschnitt sorge, mich prinzipiell stets dann anzusprechen und mir im Befehlston oder alternativ quengelnd vorzuschreiben, wie tief das Zurückschneiden auszufallen hat. Im gleichen Atemzug wird die Forderung herausgehauen, was prinzipiell bei der Gelegenheit noch alles verschwinden könnte und wie es bei mir bitte schön möglichst überhaupt auszuschauen hätte. Jedes Mal!
Das Murmeltier lässt grüßen …

Nun erlebte ich eine persönliche Überraschung. Wahrscheinlich folgt jetzt nicht das, was Sie denken. Sie tippen vermutlich auf plötzliche Zurückhaltung des Gegners. Ach, wo denken Sie hin. Eher das Gegenteil.
Nein, stellen Sie sich vor, ich habe es seit 29 Jahren hingenommen, habe vorbeugend gehandelt (prophylaktisch mehr abgeholzt), war beim persönlichen Aufeinandertreffen diplomatisch, kompromissbereit, harmoniebestrebt – doch am 9. März 2015 wurde es mir zu blöd. An diesem Montag ist mir doch sage und schreibe die Hutschnur gerissen!
Dieser Tag wird im Kalender angestrichen!
Stolz bin ich nicht darauf, denn es wird neue Konflikte nach sich ziehen. Momentan herrscht eine etwas frostige Atmosphäre, obwohl am Ende die Wogen geglättet werden konnten. Alarm? Entwarnung? Wer weiß schon, welche neuen, entzückenden Ideen bereits in fremden Köpfchen vor sich hinbrutzeln …

Merken Sie sich als weitere Lottozahlen bitte die 9 sowie die 29 vor.
(Doch, doch, auch das sind Glückszahlen! Sie zeugen von Durchsetzungswillen.)

Aussägearbeiten am  Haselnussstrauch - Der Haufen wächst ...

Aussägearbeiten am Haselnussstrauch – Der Haufen wächst …

Ich habe viel aussägen müssen. Besonders an einem sehr groß und breit geratenen Haselnussstrauch, einer Bluthasel mit rötlichem Laub. Sie ist nun wiederum der Lieblingsort der Eichhörnchen, die hier oft zu Gast sind. Ich habe in all den Jahren noch nie auch nur eine Nuss geerntet. Das liegt nicht am fehlenden Fruchtansatz! Oh, nein! Es liegt an den rotbraunen Nussknackern, die vorher schon alles wegtragen, manchmal auch gleich aufschnabulieren oder flink vergraben.
Jeden Morgen kommen ein bis zwei Hörnchen auf einem ganz speziellen Weg in den Garten. Sie hangeln sich an der Grundstücksgrenze immer entlang derselben Gewächse. Von Baum zu Busch, von Busch zu waagerecht verlaufenden Rankhölzern, hinauf in die Birke, herunter aufs Dach des Gartenhäuschens, und letztendlich entern sie zielsicher den großen Haselstrauch. Wippen, schaukeln und zischen enthusiastisch von oben nach unten und umgekehrt. Die mehrjährigen Triebe sind bis zum Auslichten teilweise oberarmdick gewesen. Perfekte Balancierstangen, Abspring- und Landezonen.

Tja, und nun habe ich etwa 2/3 der Alttriebe entfernen müssen, und die zwar zahlreich nachwachsenden, jedoch nur fingerdicken, labberigen, noch unverzweigten Neutriebe biegen sich beim Anflug der Akrobaten recht flott nach unten. Die Folge: Flughörnchen sackt durch und hängt unverhofft ziemlich bodennah! Dass es damit definitiv nicht gerechnet hat, erkennt man an dem anschließenden Blick, den ich durchaus als perplex bezeichnen würde.
Im Moment weichen A-Hörnchen und B-Hörnchen demonstrativ auf den etwas stabileren Hartriegel daneben aus. Was auffällt, ist ein gewisser ratloser Blick, mit dem sie den Boden absuchen. Ich habe fast das Gefühl, das durch das Aussägen doch verändert wirkende, nun ungewohnte Umfeld, hat ihnen ihre Orientierungspunkte genommen, und ohne diese Hilfe finden sie nicht auf Anhieb die Plätze wieder, an denen sie etwas vergraben haben.
Ich habe fast ein schlechtes Gewissen …

Eichhörnchen spürt seine Verstecke auf - die Suche nach vergrabenen Nüssen ist intensiv ...

Eichhörnchen spürt seine Verstecke auf – die Suche nach vergrabenen Nüssen ist intensiv …

Eichhörnchen sucht nach eventuell noch vorhandenen, einst verbuddelten Haselnüssen ...

Eichhörnchen – Die Suche geht weiter …

Eichhörnchen am Boden - wirkt etwas verwirrt ...

Eichhörnchen am Boden wirkt etwas verwirrt. – Die Frage, die es beschäftigt: Wo hatte ich doch gleich meine Nuss vergraben …?

Der Blick ist schon herzzerreißend, oder?
Liebe Freunde mit den buschigen Schwänzen, es tut mir echt leid! Beschwert euch doch bitte auch bei den angrenzend lebenden Quakbüdeln, den Herrschaften mit den ewigen Sonderwünschen. Macht gehörig Rabatz oder sonst etwas …

Zurück zu Ihnen und den Lottozahlen.
Es fielen bisher sieben Müllsäcke an kleingehäckseltem Bioabfall plus zwei komplette Mülltonnenfüllungen an. Die dicken, schweren, inzwischen in handliche Teile zersägten Stammstücke (36) sind gar nicht mitgerechnet. Die liegen hier immer noch gestapelt.
Folgende weitere Glückszahlen stehen zur Verfügung.  2, 7 und 36
(Doch, doch, auch die gehören dazu. Ich fühle es.)

Wenn es mittlerweile mehr Zahlen sind als erforderlich, nehmen Sie die zwei Überzähligen als Reserve. Wählen Sie die schönsten aus! 6 aus 8. Losen Sie, welche rausfliegt! Was auch immer, Sie finden schon einen Weg.
Ihre empfohlenen Glückszahlen zur besseren Übersicht hier nun auf einen Blick:

Lottozahlen (zum Blogpost)
Ich versichere Ihnen, dass ich mich vor der Auswahl von meinem ordnungsgemäßen Zustand überzeugt habe. Dennoch sind die Zahlen wie immer ohne Gewähr. Vergessen Sie bitte nicht, den Schein abzugeben! Zu guter Letzt ein Hinweis das Ausfüllen betreffend: Stoppen Sie rechtzeitig nach sechs Kreuzen! Viel Glück!

Der Kontrollblick auf die Uhr verrät mir gerade, dass meine Zeit für heute um ist. Ich muss Sie jetzt alleine lassen. Falls noch Fragen auftauchen sollten, finden Sie mich im Garten. Oder Sie hinterlassen einen Kommentar.

Einen nicht zu hektischen zweiten Teil der Woche mit möglichst viel Sonnenschein wünsche ich Ihnen!
Bis zum nächsten Mal!

© by Michèle Legrand, März 2015
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Klau keinem Worte! Und zieh dir etwas anderes an!

Ich mache mir langsam Gedanken, ob die Zeit gekommen ist, meinen Kleidungsstil zu wechseln und die Sprechweise zu ändern. Was halten Sie von der Idee, auch gleich etwas langsamer und leicht gebeugt zu gehen?
Vermutlich bin ich momentan etwas sensibilisiert für die Sache mit den ewig jungen Alten im Lande, die sich irgendwie nicht adäquat benehmen. Sich zumindest nach althergebrachtem Verständnis nicht altersgemäß verhalten und damit – so hat es den Anschein – Probleme verursachen. Langsam steigt in mir die Sorge auf, dass ich zu diesen lästigen Querulanten gehöre, die jungen Menschen übel mitspielen. Ach was, so wie sich das mehrheitlich liest, gefährde ich deren Seelenleben und ruiniere demnach höchstwahrscheinlich die Zukunft einer ganzen nachwachsenden Generation!

Wollen Sie eigentlich tatsächlich weiterhin mitlesen? Hier im Blog?
Entschuldigen Sie die Frage, doch dieses ganze Gedöns um das Thema, was darf ein reiferer Mensch im fortgeschrittenen Alter ohne bittere Konsequenzen oder Schuldkomplexe, verunsichert mich in der Tat. Nicht nur das! Es macht mich ganz wuschig!
Kann ich z. B. überhaupt noch unbehelligt und ohne schiefe Blicke zu ernten bloggen oder sollte es komplett den Jüngeren vorbehalten bleiben? Sie wissen, der Knackpunkt ist der, dass sich das Jungvolk schließlich noch irgendwomit gegenüber der Eltern- oder Großelterngeneration abgrenzen können oder lassen muss.
Mein momentanes Aufhorchen und die heutige Aufmüpfigkeit mögen darin begründet sein, dass ich seit kurzem – rein nominal, versteht sich – wieder ein Jahr älter bin. Nach Ansicht des Werbevolks und gemäß der Einstellung vieler Firmen bewege ich mich mittlerweile komplett außerhalb jeder interessanten oder wirtschaftlich relevanten Altersklasse. Bin jenseits von Gut und Böse. Da kann man nichts machen. C’est la vie. Ich hatte damit bisher kein Problem.
Falls Sie allerdings jünger sind …? Es lässt mir gerade keine Ruhe!
Es könnte doch durchaus der Fall sein, dass Sie auch Artikel zur tragischen Lage der Jungen gelesen haben und sich inzwischen irgendeine Bloggeraltersakzeptanzgrenze (Schluss bei 45, 55, 75, 90 Jahren etc.) gesetzt haben, die Sie nicht überschreiten möchten.
Ich möchte Sie lediglich darauf hinweisen, dass ich unter Umständen darüberliege!
Wenn Sie also die Meinung vertreten, Reifere sollten sich irgendwann aufs Altenteil zurückziehen und vor allem die Finger von Dingen lassen, die die nachfolgende Generation ebenfalls gern tut bzw. hat oder bei denen diese womöglich sogar einst Vorreiter war und Vorrechte besäße, dann sollten Sie besser an dieser Stelle schnell und unauffällig den Rückzug antreten.

Sie bleiben? (Moment, ich muss mich kurz schnäuzen. Die Rührung, Sie verstehen.)
Lassen Sie uns fortfahren …

„Ältere erschweren jungen Menschen deren Abgrenzungsmöglichkeiten und nehmen ihnen ihre Identifikationsmerkmale.“
„Silbergeneration kleidet sich unbekümmert wie Teens und Twens.“
„Fast-Senioren nutzen vermehrt ursprünglich verpönte oder unbekannte Begriffe aus dem Sprachschatz Jugendlicher.“
„Internet wird zum Treffpunkt für alle. Senioren entdecken die sozialen Netzwerke.“
„Jugendliche haben es immer schwerer, sich von vorangehenden Generationen zu unterscheiden.“

Lesen Sie in den letzten Wochen auch so häufig über die dreisten Alten, die sich einfach nicht in Hauskittel und mausgraue Jerseyhose mit Dehnbund pressen wollen?
Über die Mittfünfziger bis Mittsechziger, die bei H&M den jungen Leuten die letzte Krumpellook-Zipfelbluse oder hautenge Leggings wegschnappen? Die Fastrentner, die sich die Haare ungeniert asymmetrisch schneiden lassen und ihre neue, weithin leuchtende Haarfarbe auch noch lautstark geil finden? Die Faltengeneration, die täglich, Sporttasche schwenkend und mit Schweißband ausgerüstet, zum Workout ins Fitnessstudio verschwindet? Hypermoderne Brillengestelle, hautenge Jeans, Haarverlängerungen und Bauchnabelpiercings ihr Eigen nennt?
Mit anderen Worten, haben Sie auch von den Leuten vernommen, die keine Lust auf vermeintlich altersgerechte Ausstaffierung, reine Seniorenhobbys oder auf vielleicht früher einmal diesem Alter entsprechendes Verhalten verspüren?

Die Jungen hätten es heutzutage nicht leicht, so der Tenor in vielen Artikeln. Wie sollen sie sich bloß von ihrer Eltern- und Großelterngeneration abheben? Womit können sie noch demonstrieren, dass sie die nächste Truppe und völlig anders sind, wo doch Alt und Jung die gleiche Kleidung bevorzugen, sich generell ein ähnliches Styling zulegen, keine übermäßig großen Abweichungen bei Hobbys und sonstigen Interessen bestehen und sogar eine gewisse Sprachanpassung zur Regel zu werden scheint?
Gibt es denn rein gar nichts, was sich zur Unterscheidung oder auch Abgrenzung eignen könnte? Selbst mit Tattoos kommen die Jungen nicht zum Zug. Mit etwas Pech hat sich Opa bereits vor ihnen ein Motiv in den dank eifrigen Hanteltrainings weiterhin muskulösen Oberarm stechen lassen.

Was ist los? Warum sind wohl die Älteren so, wie sie sind? Warum verweigern sie heutzutage das Tragen der Einheitsschnitt-Plünnen von früher? Warum sehen sie partout nicht ein, warum sie sich auf einmal aus allem ausklinken sollen? Warum lehnen sie es ab, dass ihr Leben fortan aus Kaffeefahrten, Musikantenstadl schauen, Boulevardpresse lesen, Kreuzworträtsel lösen und Häkeln bestehen soll? Nichts gegen die letztgenannten Dinge, nur das Leben kann sich nicht allen Ernstes allein darauf beschränken. Es kann einem doch nicht aufgezwungen werden, nur weil just eine ominöse, willkürlich festgelegte Altersgrenze überschritten wurde!
Glaubt denn allen Ernstes jemand, das bei ihrem Erreichen sich selbstredend augenblicklich das Gehirn verändert, das Wesen mutiert, die Mumienentwicklung startet? Wenn nicht das, dann die Person zumindest jeglichen Schwung verliert, Farben fortan Kreischanfälle verursachen, Fitness zum Fremdwort und Attraktivität über Nacht ausgeknipst wird?
Klack! Schalter umgelegt. Steht jetzt in der Kippposition ALT. Grau, braun, dezent ist angesagt. (Halt dich gefälligst daran! Oder willst du die Jungen auf dem Gewissen haben?)

Sie merken, ich mokiere mich ein wenig. Übertreibe bewusst. Nein, ich bin wirklich nicht ganz überzeugt von der These der Vereitelung der Generationenabgrenzung durch falsche Seniorenkleiderwahl.
Für andere kann ich nicht sprechen, aber für mich. Beleuchten wir doch meine Situation, in der sich andere vielleicht wiederfinden:
Ich werde rein zufällig und ungefragt jedes Jahr ein Jahr älter. Klar, es kommen Falten dazu, die eine oder andere Körperzone hat auch schon straffere Zeiten gesehen. Mal merke ich das zusätzliche Jahr, mal scheint sich nicht groß etwas getan zu haben.
Was sich in all den Jahren keinesfalls grundlegend geändert hat, sind persönlicher Geschmack mit Vorlieben und Abneigungen, Lebenseinstellung, Ausdrucksweise, Interessen etc. Selbst solche Dinge wie Gewicht, Haarfarbe – ja, selbst Frisur! – weisen keine großen Abweichungen zu früher auf.
Kleidung, die ich als Teenager trug, passt mir theoretisch heute noch. Farben, die mir früher standen, stehen mir weiterhin. Formen und Schnitte, die ich damals nicht mochte, kann ich auch heute noch nicht ausstehen. Eben weil sie an mir unverändert unvorteilhaft oder lahm wirken.
Modische Neuerscheinungen nehme ich daher zwar zur Kenntnis, entscheide jedoch ganz allein, ob sie etwas für mich sind oder nicht. Ich mache mich jedenfalls nicht zum Affen, nur weil etwas gerade im Trend liegt und angesagt ist, mich jedoch wie eine Wurstpelle umwickelt oder alternativ wie ein kragenloser Raumfahrtanzug schmückt.
Ich unterliege absolut nicht dem Modediktat, was logischerweise ebenfalls bedeutet, dass mich auch keiner dazu bringt, mich in gefühlt völlig ungeeignete Klamotten zu zwängen, nur weil ein Mensch oder eine Gruppe behauptet, dass sie für die Frau ab 40, 50 oder 60+ Jahren modisch korrekt, kleid- und ratsam und im Hinblick auf nachfolgende Generationen komplikationsfrei und daher empfehlenswert wären!

Mal ganz unter uns: Ist das nicht gelinde gesagt alles überhaupt ein ziemlicher Beschiss? Verzeihen Sie die drastische Ausdrucksweise, doch mich würde wirklich interessieren, wie Sie die Entwicklung beurteilen!
Über Jahre, nein, jahrzehntelang versuchte die Wirtschaft, allen voran die Modeindustrie – an Umsatz- und Gewinnsteigerung interessiert – die Älteren zu überzeugen, dass sie modebewusster sein sollten und ebenfalls flotte Jeans, Farbenfrohes, Figurbetontes, Ausgeschnittenes, kürzere Rocklängen etc. tragen könnten. Man produzierte Konfektionsware zusätzlich in größeren Größen, so dass selbst Menschen jenseits der Teenagerjahre und ohne dünne Spargelbeine hineinpassten. Man schaffte es, frauliche Merkmale wie Handtaschenliebe und Schuhfaible auszunutzen und allen einzureden, dass Zufriedenheit mit steigender Stückzahl und großer persönlicher Auswahl steigen würde. Man umcircte die durchaus solvente Generation und schaffte einen Bedarf, der bis dahin gar nicht existierte!
Die Kosmetikindustrie schmiss sich bereits an die Frauen heran, wenn sich deren Alter noch im Twen-Bereich bewegte. Malte Horrorszenarien aus, was passieren würde, wenn sie nicht schon ab 25 starteten, böse Falten im Zaum zu halten und die Straffheit ihrer Haut mittels dauerhaften Einsatzes von Cremes, Gels und Lotionen zu sichern. Immer wurde eingeimpft: Oder willst du etwa alt aussehen? So gefällt es dir doch auch besser!
Sie wissen, wohin das führte. Die Gesellschaft verjüngte sich optisch schon – nur Äußerlichkeiten gewannen auch immer mehr an Wichtigkeit. Gutes Aussehen, Jugendlichkeit und Frische wurden mit Erfolg, Glück und Zufriedenheit gleichgesetzt.
Nach Mode und Kosmetik gesellten sich die Fitnessbranche sowie der Wellnessbereich unterstützend hinzu. Neues offizielles, ehrenwertes Ziel (neben der schnöden Konsumankurbelung und der Schaffung gewisser Abhängigkeiten): Fitness herstellen und erhalten, Gesundheit fördern.
Stopp! Wir haben die Diäten vergessen!
Der Mensch mittleren Alters sollte Gewicht verlieren, Fett verbrennen, die Figur formen. Wenn eine Diät nicht ausreichte notfalls mithilfe von Schönheitsoperationen. Dort, wo all das ausartete, entstanden Jugend- und Schlankheitswahn. Irgendwo hier befand sich auch die erste Keimzelle für die Magersucht. Denn als Nebeneffekt schnappten immer mehr jüngere Mädchen diese fragwürdigen Avancen auf und gerieten ebenfalls in den Sog.
Jede Branche schlug in die gleiche Kerbe. Zielgruppe umgarnen und weichklopfen. Alle wollten sie ja nur das Beste. Mit uns geht es dir gut, mit uns wirst du schön. Willig war das anvisierte Individuum – denn jede Form von gefühltem Attraktivitätszuwachs steigerte das Selbstbewusstsein. Wer will das nicht? Die Fische zappelten freiwillig an der Angel, als sie nach den ausgelegten Ködern schnappten.

Der Rest passierte im Grunde von ganz alleine. Sobald ein genügend großer Prozentsatz einer Generation bereit war, sich auf Veränderung einzulassen und diese lebte, wurde das Neue zum normalen Bild im Alltag. Nach und nach infizierte sich auch der Rest. Die, die sich zuerst nicht trauten, die, die stets länger für alles brauchen, selbst die, die es zu Beginn ablehnten und schlichtweg unmöglich fanden.
In der Folge kam es zur Abkehr von der Tradition, zur Auflösung bisheriger Normen. Oma heute sah nicht mehr aus wie Oma gestern. Das ondulierte Haar im altersgerechten Grau mit leichtem Lilastich wurde seltener und seltener, nahezu ausgerottet auf einmal die formlose Kittelschürze und der Blockabsatz. Stattdessen Modebewusstsein, das Verfolgen neuester Trends, das Heraustreten aus der Unscheinbarkeit. Nach all den Mühen, die man sich mit der eigenen Person und ihrer Erscheinung gegeben hatte, nach all den Verlockungen, die der Handel vor einem ausgebreitet hielt, strebte man nach anderem. Unterstrich seinen Typ, betonte seine Reize, fühlte sich noch nicht zum alten Eisen gehörend.

Gleichzeitig passierte noch etwas anderes: Die Gesellschaft befand sich im Wandel! Und zwar nicht nur äußerlich! Die Zahl der Geburten ging zurück, die Berufstätigkeit der Frau stieg rasant, Emanzipation, Gleichberechtigung … Sie kennen das. Funktionen, Rollen- und Aufgabenverteilung – alles erfuhr eine Veränderung. Gesellschaftliche Umbrüche traten ein, neue Strukturen entwickelten sich, ein andersgearteter Lebensstil entstand.

Und heute werden nun Stimmen laut, die so klingen, als hätten sie es am liebsten, wenn wieder etwas zurückgeschraubt würde, damit jede Generation durch das, was sie anzieht, bitte wieder eindeutig zugeordnet werden kann?
Stimmen der Mahner, die fürchten, eine Kleidung ähnlichen Stils bei den Eltern brächte die Jugend in Identifikationsnot? Solche Äußerlichkeiten?

Entschuldigung, aber ich glaube, die Jungen wurschteln sich gerade durch ganz andere Probleme! Fehlende Unterstützung, Bildungsmisere, Schulstress, Konkurrenzkampf, Notendruck, Schwierigkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche, fehlende Studienplätze, Behördentrouble, finanzielle Not bereits im Elternhaus, Scheidung der Eltern, Auswirkungen der Wirtschaftssituation und sonstiger Weltkrisen, Arbeitsplatzsorgen, Zeitverträge, Stellenabbau, Wohnungsknappheit, hohe Mieten, Umweltprobleme … und dann noch obendrein dieses fürchterliche Unwohlsein wegen der Kleiderfrage! Meine Güte!

Identifikation ist wichtig, doch bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass junge Leute andere Wege entdecken und ihnen weitere Möglichkeiten zur Verfügung stehen, sich und ihre Generation zu repräsentieren. Sie sind mit Sicherheit nicht darauf angewiesen, zur Kenntlichmachung ein Exklusivrecht auf bestimmte Konfektionsteile zu erhalten! Wenn sie es sogar mit links schaffen, sich selbst innerhalb ihrer eigenen Generation über die wohl doch nicht so gleiche Kleidung und das Tragen anderer Marken bestens voneinander abzugrenzen, dürften sich gegenüber einem dreißig oder vierzig Jahre älteren Menschen nicht unbedingt mehr Probleme auftun.

Lassen wir die Kleidung einen Moment außer Acht. Wodurch unterscheiden sich Jung und Alt und die Umstände denn sonst noch?
Ein junger Mensch bewegt sich anders, ist im Allgemeinen neugieriger, häufig spontaner, flexibler, körperlich belastbarer. Handhabt als Digital Native (unbewusst) vieles anders, als die Generationen vor ihm.
Während seiner Entwicklung dominieren andere Themen die Schlagzeilen als bei seinen Eltern oder Großeltern und wirken auf sein Tagesgeschehen. Schule und Arbeitswelt haben sich verändert. Das, was ihn bewegt und prägt, wird nicht selten etwas anderes sein, als das, was seine Eltern in Wallung brachte, in Entzücken versetzte oder in irgendeiner Form nachhaltig beeinflusste und mit Gleichaltrigen verband.
Das, wofür oder wogegen er kämpft, existierte in der Generation davor eventuell noch gar nicht. Im Guten wie im Schlechten. Seine Prioritäten wird er folglich anders setzen. Vielleicht stellt er nach Informationen über fragwürdige Tierhaltung und bedenklichen Medikamenteneinsatz die Ernährung auf vegetarisch oder sogar vegan um, richtet sich aus welchen Gründen auch immer völlig anders ein. Die Zeiten bringen für ihn andere berufliche Tätigkeiten, bedeuten andere Arbeitszeiten und dadurch möglicherweise einen anderen Wach- und Schlafrhythmus.
Wenn solche Zeichen der Zeit und deren Einflüsse viele Menschen einer Altersgruppe betreffen, werden die sichtbaren Auswirkungen zum Erkennungszeichen einer gesamten Generation. Es drückt sich sowohl im Verhalten als auch in der gesamten körperlichen Haltung dieser Menschen aus.
Mir scheint immer mehr, dass all diese Dinge hinreichend zur Abgrenzung und Identifikation einer Generation ausreichen dürften.

Wie sehen Sie es: Wirkt so ein junger Mensch in einer Jeans und einem Shirt, in Kleidung, die auch sein Vater oder seine Mutter zu tragen pflegen, nicht dennoch völlig anders? Bleibt eine andere, die nächste Generation? Und nicht nur dann, wenn er andere Accessoires dazu verwendet und verwegener kombiniert?
Mensch und Kleidung zusammen ergeben doch erst das komplette Bild.

War es mit den Jungen und den Alten nicht eigentlich schon immer so, dass der Nachwuchs eine ganze Weile gut fand, was die Eltern machten, sagten oder trugen und sich den Stil entweder im Kindesalter klaglos verordnen ließ oder sogar bewusst nachahmte? Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sich der eigene Geschmack mit Macht herauskristallisierte und einfach altersbedingt Protest auf dem Tagesplan stand? Es von heute auf morgen enorm auf Kontrast und Anderssein ankam?
Da war alles erlaubt! Und seien Sie sicher: Gefunden hat bisher noch jeder sein Kontrastprogramm!
Bei der herrschenden Vielfalt der Formen, Schnitte, Längen, Farben und Materialien in der Mode, ist das auch heute kein wirkliches Problem! Für mich ist es sowieso der große Vorteil der jetzigen Zeit, dass es nicht mehr nur jeweils eine einzige Stilrichtung gibt. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, weiß ich ziemlich genau, dass zu der Zeit Hochwasserhosen Stress verursachten und ein Drama waren, genauso wie Röhrenjeans, wenn mittlerweile ein weiter Schlag modern geworden war. Heute ist das egal. Zu kurz ist eben 7/8-Länge und fertig. Ob von vornherein oder irgendwann geworden spielt keine Rolle. Die Wahl der Hosenbeinform richtet sich mittlerweile auch eher nach dem Beinformat des Trägers. Das alles erzeugt so viele Variationsmöglichkeiten, dass sowieso keiner völlig gleich herumläuft. Auch nicht innerhalb eine Generation!

Nein, nein, ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass mehr als alle äußerlichen Erkennungsmerkmale einer neuen Generation, es die Veränderungen im Denken und Handeln sind, die zu Unterschieden und Abgrenzung voneinander führen. Bereits innerhalb einer einzigen Generation (in dieser Zeitspanne) entsteht heute eine Art neues Modell, eine neue Zeit, die neue Fähigkeiten erfordert, neue Erkenntnisse bringt, andere Reaktionen hervorruft, Anpassung an neue Gegebenheiten vorsieht.
Denken Sie nur an die ständige Erreichbarkeit! Oder die überall geforderte Mobilität! Was wurden dadurch nicht schon Familienleben durcheinandergeschüttelt und ganz nebenher entstand dabei ein neuer Typ Mensch! Wir werden ein Nomadenvolk, das Wurzeln schlägt und ebenso kappt, in der Weltgeschichte herumgurkt und von dort wieder neue Inspirationen, Trends, Sitten und Gebräuche mitbringt. Und andere Kleidung …
Globalisierung, Wandel, die so unterschiedlichen Umstände und Voraussetzungen bringen ganz neue Angebote, Aufgaben, Herausforderungen und Ziele mit sich. Neue Wünsche. Sie lassen Ideen entstehen, die komplett abweichen können von allem, was die Generation vorher im Sinn hatte!
Wieder etwas, was für überaus deutliche Abgrenzung zur Eltern- oder Großelterngeneration sorgt.

Trotzdem glauben einige fest an Schwierigkeiten und psychische Schäden durch Verzicht auf strikte Outfittrennung …
Warten Sie! Es kann natürlich sein, dass … Vielleicht meinen die die schwarzen Schafe!
Ich muss der guten Ordnung halber anmerken, dass es sie selbstverständlich gibt. Die Kandidaten unter den Älteren, die es eindeutig übertreiben mit dem nicht älter werden wollen und dem unerträglichem, jugendlichem Gehabe. Geht es darum, dass die sich einfach zur jungen Generation herübermauscheln und eine Abgrenzung vereiteln?
Ist das nicht eher die Ausnahme?
Im Grunde ist es doch so, dass alle als Eltern immer noch die gleichen Personen bleiben und die Art Kleidung weitertragen, die sie bereits vorher wählten (lediglich pflegeleichte Materialen werden jetzt bevorzugt). Sie beginnen nicht erst nachträglich und aufgrund von Jugendneid und abrupt auftretender Panik vor dem Alter damit, den blutjungen Nachbarn aus dem Nachbarhaus oder das eigene Kind in Kleidungsfragen zu kopieren.

Wissen Sie, wenn nicht gerade ein Elternteil wie ein Klon seines Nachwuchses auftritt, gegen den Willen der Kinder im Partnerlook auftaucht oder in einen offenen, kindischen oder – noch schlimmer – verbissenen Konkurrenzkampf zu Tochter bzw. Sohn tritt – was soll denn groß Schlimmes aus der Tatsache, dass beide sich ähnlich kleiden und eine beiden verständliche Sprache sprechen, resultieren?
Was kann es schaden, aktuelle Begriffe nicht nur zu kennen, sondern – wenn sie sich als praktisch und treffend erweisen – auch zu verwenden?
Wenn die Jungen ihre Ruhe haben oder sich generell distanzieren und unterscheiden wollen, werden sie es schon sagen bzw. einen Weg für sich finden. Abkürzungen und Sonderzeichen beim digitalen Schriftverkehr, Anwesenheit in mehreren bzw. Abwanderung in andere Netzwerke, wenn die ursprünglichen von den Älteren bevölkert werden, Schaffung neuer Trends, Bevorzugung anderer Idole aus Musik- oder Filmszene, Entdeckung neuer Sportarten, Spezialisierung, Engagement für Dinge, die allein ihnen am Herzen liegen, Rückzug in den Freundeskreis der Gleichaltrigen … und, und, und.

Was heißt das nun im Endeffekt für mich? Wozu ringe ich mich durch?

Ich gelobe feierlich, dass ich keinen Stil Jüngerer kopiere und schwöre, dass ich schon immer so war und nicht auf jung mache.
Ich versichere, dass ich mir nicht haargenau die gleichen Modelle und ganz speziell nie ebenfalls das besondere Lieblingsteil meiner Tochter/meines Sohnes anschaffen und tragen werde!
Ich gebe mein Ehrenwort, dass ich – sobald ein gewisser Faltenwurf (der Haut, nicht des Stoffes!) zu erkennen ist – auf das leicht bauchfreie Top im Hochsommer freiwillig verzichte und Orangenhaut nur im Dunkeln freilege.
Ich bitte um Nachsicht, wenn relativ hohe Absätze mein Leben weiterhin begleiten. Ich verzichte hingegen freiwillig auf Märchen- und Disneyfigurenaufdrucke.
Ich klaue auch keine „jungen“ Worte. Ich leihe sie mir höchstens von Fall zu Fall, spucke dafür aber auch ganz viele andere „alte“ zur uneingeschränkten allgemeinen Verwendung aus.

Ich vertraue ansonsten darauf, dass die Jugend ihrer Phantasie freien Lauf lässt. Diese Generation ist kreativ! Sie wird etwas finden, was stilmäßig haargenau passt. Zu jedem einzelnen wohlgemerkt! Was seine einzigartige Persönlichkeit unterstreicht, sie unverwechselbar macht!
Darauf kommt es hauptsächlich an, nicht darauf, eine Schublade zu finden, in die man die nächste Generation zwecks Unterscheidung hineinpacken kann. Damit ist überhaupt keinem gedient. Den Jungen schon gar nicht! In dem Fall machte man sie lediglich zu einer zusammengepferchten, völlig gesichtslosen Menge von Menschen zufällig eines Alters. Im anderen Fall jedoch wird jede dieser Personen sich unterscheiden, sowohl unter denen der eigenen Generation, als auch inmitten einer Horde sturer, älterer Herrschaften, die von Jeans, Spaghetti-Top, Cowboystiefeln, Stretchkleid oder Korsage auch zukünftig vermutlich nicht ablassen werden.

PS:
Mich hat übrigens noch nicht ein einziger junger Mensch selbst darauf angesprochen und jammernd erklärt, dass er sich unbehaglich fühle, weil ich mich so kleide wie ich mich kleide. Und er nicht wüsste, wer er sei … oder was er jetzt bloß tun solle …
Noch nie!

©Februar 2015 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Die Stretchlimousine

Sonnabend wurde ich überrascht. Keinesfalls gezielt. Nicht geplant von jemandem, der mich kennt. Nein, ich und auch andere reagierten vielmehr verblüfft aufgrund einer abweichenden Erwartung.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen bei einer Tasse Kaffee im Café, schauen aus dem Fenster und entdecken eine sich nähernde Stretchlimousine. Weiß. Nicht endend. Sie rollt langsam auf Sie zu und kommt schließlich schräg gegenüber am Beginn einer abzweigenden Straße zum Stehen.
Stretch-Limousine mit Blumenschmuck
Nicht nur Sie werfen einen zweiten Blick darauf – auch die Tischnachbarn werden aufmerksam. Neben mir das jüngere Pärchen zum Beispiel. Er stupst sie an:
„Hey, schau mal! Langes Auto! ’ne Stretchlimousine! Cool!“
Sie hat sofort erspäht, dass auf der Motorhaube Blumenschmuck befestigt ist. Ihre verzückte Reaktion:
„Ooooh, eine Hochzeit!“
Angesichts dieser Tatsache interessiert sie die weiße Karosse nur sekundär.
Ihren Ausruf hören die Leute bis ungefähr vier Tische weiter und recken die Hälse. Zwei Freundinnen stehen sogar auf und spazieren zum besseren Verfolgen direkt an die Scheibe. Die anwesenden Herren konzentrieren sich unabgesprochen weiterhin auf das Auto, die weiblichen Wesen – romantischer veranlagt – auf das damit verbundene Ereignis.
Die Bedienung spitzt ebenfalls die Ohren, kann jedoch nicht stehenbleiben und länger zusehen. Sie zögert merklich, verteilt dennoch pflichtbewusst Bestellungen und wirft sehnsüchtige Blicke hinüber – aus der Ferne.
Bisher ist nicht viel passiert. Dort, wo der Wagen seit einiger Zeit steht, befindet sich das Traditionshaus Lackemann, das seit einiger Zeit wieder geöffnet hat. Offenbar geladene Gäste warten draußen am Eingang … Die Limousine nimmt die Fahrbahn einer Einbahnstraße in Beschlag. Bislang ohne den Verkehr zu beeinträchtigen. Ob überhaupt Fahrgäste transportiert werden, lässt sich gar nicht mit Gewissheit sagen, die Autoscheiben sind getönt.
Die Tassen des Pärchens vom Nachbartisch sind geleert, ebenso die Eisbecher. Bezahlt haben sie vorhin schon. Der junge Mann will aufbrechen, wendet sich seiner Partnerin zu:
„Kommst du?“
„Warte noch! Ich möchte die Braut sehen!“
Er seufzt und setzt sich wieder.
Geduld ist vorteilhaft, denn geschlagene drei weitere Minuten Warten sind angesagt. Endlich öffnet sich hinten links die Wagentür. Sie bleibt in weit geöffnetem Zustand, ohne dass sich jemand zeigt. Die Hälse werden wieder lang.
„Ist sie schon ausgestiegen?“, fragt die Bedienung neugierig vom anderen Ende des Ganges.
„Nein, noch nicht, aber die Tür ist auf!“, wird ihr gleich von zwei Tischen Bericht erstattet.
„Und?“
„Nichts …“
„Jetzt!“
Ein Herr windet sich mühsam heraus. Kein älterer, nein, ein kleiner, wirklich alter Mann.
„Wahrscheinlich der Brautvater …“, meint sie, die weibliche Hälfte des Pärchens.
„Oder der Bräutigam?“, schlägt er vor, grient allerdings dabei.
„Ach, hör auf!“ Sie findet es völlig abwegig.
„Nee, echt jetzt!“, echauffiert er sich gespielt, nur mittlerweile hat sie sein Grinsen bemerkt.
Der Wir-wissen-nicht-genau-was-er-ist-Herr schlurft langsam um das Heck der Limousine herum zur anderen Seite und öffnet dort die hintere Tür. Die geladenen Gäste zücken mittlerweile alle ihre Kameras und Handys, um Fotos zu schießen.
„Jetzt kommt sie, glaube ich!“, ruft jemand im Raum der Bedienung zu.
Zig Augenpaare starren hinaus.
Eine ebenso betagte Dame mit silbrig-weißem Haar, nicht viel größer, als der Wagen hoch ist, entsteigt der weißen Limousine, wird von dem Herrn eingehakt und unter Applaus der Umstehenden Richtung Eingang des Hauses Lackemann geführt. Die Limousine entfernt sich.
Stretchlimousine mit Blumenschmuck entfernt sich ...
„Das war’s“, stellt der junge Mann fest, der vorhin schon gehen wollte. „Können wir jetzt?“
Was? Keine junge Braut? Kein weißes Hochzeitskleid?

Verdutzte Gesichter – und wilde Spekulationen beginnen! Man tendiert zu der Variante, dass es sich um die Goldene Hochzeit oder eventuell sogar die Diamantene (60 Jahre Ehe) handeln müsste und dass es doch „echt süß“ sei, „sowas“.
Fetzen einer Diskussion dringen an mein Ohr, deren Inhalt auf Pläne hindeutet, ebenfalls im Fall der eigenen Goldenen Hochzeit eine Stretchlimousine zu ordern.

Die Versammlung am Fenster im Café löst sich auf. Als ich mich kurz danach allein auf dem Heimweg befinde, haben die Gedanken Gelegenheit, noch einmal zurückzuwandern …
Wissen Sie, was ich mich nach reiflicher Überdenkung der Angelegenheit frage?
Ob wir nicht doch falsch liegen!
Vielleicht waren es tatsächlich Braut und Bräutigam. Frischgetraut! In dem Alter – und im Fall der wahrscheinlich nicht ersten Hochzeit ihres Lebens – verzichtet die Braut auf ein weißes Brautkleid. Das wäre doch plausibel.
Ich stelle mir das so vor:
Sie ist 90, er 92 Jahre alt. Kennengelernt haben sie sich im letzten Jahr bei Edeka in der Schlange an der Kasse. Irgendjemand lag wegen des Wechselgelds im Clinch mit der Kassiererin und das dauerte. Elisabeth hatte befürchtet, dass ihr Eis schmilzt bei der langen Wartezeit. Daraufhin hatte ihr Friedrich angeboten, es mit in seinen Thermobeutel zu packen bis es weiterginge. Letztendlich hatte er ihr das Eis bis zur Haustür getragen …
Oder sie trafen sich das erste Mal anlässlich des (Ur-)Großelterntages im Kindergarten der Enkel. Er fluchte, weil er dazu verdonnert wurde, Laternen zu basteln, und die Situation hatte sich erst entspannt, als Friedrich und Elisabeth festgestellt hatten, dass ihm der Cutter und die Schneidearbeiten, ihr aber mehr das Kleben und Malen lag. Zusammen klappte es prima, Teamwork funktionierte. Seitdem waren sie ein Dreamteam.
Nicht?
Dann war es im Wartezimmer beim Augenarzt. Er hatte von den Tropfen weitgestellte Pupillen, konnte nichts sehen und wollte mit ihrem Mantel nach Hause. Sie stellte sich ihm – mit dem Regenschirm drohend – in den Weg. Beim anschließenden Gerangel haben sie sich wider Erwarten Hals über Kopf verliebt. Er hatte so weiche Hände …
Wenn Ihnen das auch nicht zusagen sollte und Sie glauben, die beiden seien moderne Alte mit PC und Internet, dann waren sie eben in der gleichen Facebookgruppe! Kamen sich über die  „Freunde der Orchideen“ oder „Excel für Senioren“ näher.  Leon, Friedrichs Urenkel, war übrigens der erste, der eingeweiht war. Aber auch nur, weil er hartnäckig fragte, warum sein Uropa von ihm auf einmal unbedingt Skype installiert haben wollte. So oder ähnlich.
Was weiß ich!
Spinnen Sie doch ihre eigene Story!
Hören Sie, ich habe nun wirklich keine Zeit mehr! Die Bretagne schmort schließlich auch noch …

Bis zum nächsten Mal! Machen Sie es gut bis dahin!

©November 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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„Was klickt die so …?“

Die U-Bahn ist gut besetzt. Bei zwei sich gegenüberliegenden Bänken am Gang gibt es noch ein freies Sitzplatzeckchen. Eckchen ist nicht übertrieben, denn knapp 4/5 der restlichen Doppelbankfläche werden von einer – nennen wir es diplomatisch – für den Winter schon gut gepolsterten Dame samt ihrer Tasche bevölkert.
Ich quetsche mich neben sie auf die Sitzkante und strecke die Beine aus Platzmangel in den Gang. Eine formvollendete Haltung sieht definitiv anders aus. Beim Anfahren rutsche ich zudem fast vom Rand ab. Das Ganze ist eine höchst wackelige Angelegenheit.
Schade, dass meine Nachbarin so gar keine Anstalten macht, ein paar Zentimeter mehr Platz freizugeben.

Hamburg - U-Bahn Station Uberseequartier - U4

Hamburg – U4 – U-Bahn Station „Uberseequartier“

Uns beiden gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Der Steppke lässt die Beine baumeln und beobachtet seine Umgebung. Plötzlich geht es los:
Ping! Ping! …  Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! Ping! …
Das Baumeln der Beine stoppt.  Der Kleine schaut sehr skeptisch zu der Dame mit dem erhöhtem Platzbedarf, die mittlerweile überaus energisch ihr Handy beklopft.
„Mama, warum klickt die Frau so komisch?“
„Das macht das Handy, Lars. Das sind die Tastentöne.“
„Wo sind denn da die Tasten?“, fragt er.
„Na ja, das hat keine mehr, da drückt man auf den Bildschirm, aber die Töne nennt man trotzdem so.“
Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …

Haben Sie schon einmal ein Kind völlig ungeniert und unverstellt die Augenbrauen hochziehen und die Augen verdrehen sehen? So richtig genervt?
Der Lütte kann das gut. Diese Geräusche gehen wirklich auf den Geist. Nicht nur der Lärm, auch das rabiate Herumgehacke auf dem Display. Man hat irgendwie den Eindruck, die Dame versucht, beim Tippen auf der Rückseite des Handys wieder herauszukommen.

„Wie lange macht das noch „Ping“?“
„Bis die Frau fertig ist mit dem Schreiben.“
Ping! Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …
„Mama, dein Handy macht das aber nicht!“
„Nein, man kann die Töne auch ausstellen.“
„Warum macht die Frau das nicht?“
Ah,  ich habe mich schon gewundert … Bis dahin kam keine Reaktion, aber nun schaut unsere Ping-Produzentin doch einmal  auf.  Nein, sie ist geistesabwesend. Sie hat nichts mitbekommen – oder tut zumindest unbeteiligt. Es scheint, als wäre sie fertig mit ihren Klopfzeichen. Lars’ Mutter sucht weiterhin nach einer Erklärung, warum störende Tastentöne nicht von jedem vermieden werden.
„Weißt du, Lars, dieses Klick- oder Ping-Geräusch ist eine Art Kontrolle. Manche hören dann besser, ob sie richtig gedrückt haben.“
„Wieso das?“
„Wenn es pingt, dann ist das wie eine Bestätigung, dass man richtig getroffen hat. Genug gedrückt hat. Dann reagiert das Handy, und es ist auch wirklich ein Buchstabe oder eine Zahl gekommen. Oder eine neue Seite.“
„Aber das sieht man doch!“
„Ja, schon …“

Der schriftliche Part, der wurde wohl – was den reinen Text angeht – vollendet, nur hat die Dame am Schluss ganz offenbar eine Nummer eingegeben, denn sie hält mittlerweile ihr Telefon ans Ohr und wartet, dass sich am anderen Ende jemand meldet.
Oh, bitte, lass keinen da sein …
„HALLO! JA, ICH BIN’S. WAS? NEIN, ICH BIN JETZT IN DER U-BAHN …“
Leider vergebens gehofft …
Brüllend geht die im Grunde völlig nichtssagende Konversation weiter. In regelmäßigen Abständen wird ein „WAS?“ gebellt. Lars wendet sich seiner Mutter zu. Er hebt ebenfalls die Stimme:
„Du, Mama, die Frau hört aber ziemlich schlecht.“ Seine Beine beginnen wieder zu baumeln. Entspannt fährt er fort: „Sie sollte doch lieber hingucken. Beim Handy meine ich. Weil – ich glaube, sie kann diese Dingsbumstöne gar nicht hören …“
Lars’ Mutter errötet, die Umgebung grinst, die Betroffene bekommt nichts mit, und ich muss aussteigen. Mit mir zwei junge Männer, die weiter herumfeixen.
„Wetten, dass sie gar nicht weiß, wie man die Tastentöne deaktiviert?“
Sie wissen, dass solch miese Annahmen und Verdächtigungen, solch haltlose Gerüchte entstehen, sobald jemand Sie nervt. Sie können zwar grad nicht viel dagegen tun, aber es hilft Ihnen schon kolossal, wenn Sie postwendend  über denjenigen herziehen. Eine Form des Abreagierens. Das ist einfach so. Kommt automatisch.
„Sie traut ihrem Handy auch nicht. Brüllt lieber direkt“, legt der Freund nach und grient bei seiner Behauptung.

Sie hat ein beachtliches Organ! Ich würde sagen, es handelt sich heute um ein Auslandsgespräch. Ihre Stimme ist selbst auf dem Bahnsteig noch zu hören – zumindest bis sich die Türen des Zugs ganz geschlossen haben. Die armen Mitfahrenden, die das noch ein Weilchen ertragen müssen …
Sie haben auch schon erlebt, wie das abläuft, oder? Bestimmt!
Erst wird nur stumm registriert. Ist der Störfall kurzfristig oder unbeabsichtigt,  wird leicht gelächelt, eventuell minimal die Nase gerümpft, ein kleiner, harmloser Kommentar fliegt in die Runde, oder es wird sich etwas mokiert. Stört jemand jedoch ausdauernd und penetrant, bleibt es meist nicht lange ohne spürbare Gegenreaktion. Während die Reservierteren noch überlegen, in welcher Form sie um Einhalt bitten, reißt häufig irgendeinem Temperamentvolleren im Waggon nach spätestens drei Stationen die Hutschnur, und er lässt seinem Unmut freien Lauf. Dann brüllen zwei, und Sie sitzen womöglich in der Schusslinie … Übel.

So richtig unsensiblen, lauten Menschen können Sie es schwer klarmachen, dass Sie sich gestört fühlen. Ihr Gegenüber versteht Sie nicht und empfindet es als Anstellerei oder auch als Anmaßung, dass Sie sich beklagen. (Obwohl im umgekehrten Fall ebenfalls Protest käme!)
Sie werden in den meisten Fällen angepampt, egal, wie höflich Sie Ihr Anliegen formulieren.
Auch der Tipp, man sollte sich lebhaft am Telefongespräch beteiligen („Genau! Das finde ich auch!“- „Das kann er doch nicht tun! Das müssen Sie ihm ausreden!“) oder hinterher nachfragen („Wie geht es Jens denn nun nach der Prostata-Operation?“ – „War Nadine schon immer so eifersüchtig?“), auch dieser Tipp geht unter Umständen nach hinten los.

Ich denke, ich werde im Fall der Fälle etwas anderes probieren. Ich werde ernst schauen, mich mehrfach umdrehen, etwas ängstliche Schulterblicke werfen, dann den Zeigefinger vor die Lippen halten, mich der Remmi-Demmi-Person vertraulich nähern und flüstern:
„Pssst! Schauen Sie sich nicht um! Wir werden beobachtet! Passen Sie bloß auf, was Sie sagen! Es wird alles aufgezeichnet. Falls es zur Anklage kommt … Sämtliche Gespräche! Was wir hier sagen…, Ihr Telefonat … Na ja, wahrscheinlich ist Ihr Handy sowieso verwanzt.“

Mal schauen, was dann passiert.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende und pingfreie Zeiten!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin

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