Wann ist es eine „festliche Weihnachtsbeleuchtung“?

Ich bin verdutzt!
Verdutzt darüber, wie in meinem Stadtteil in der Haupteinkaufsstraße in diesem Jahr die festliche Weihnachtsbeleuchtung ausfällt. Ausfällt im Sinne von aussieht, nicht im Sinne von wegfallen und nicht stattfinden.
Was kommt einem als erstes in den Sinn, wenn man an festliche Adventsbeleuchtung denkt?
Tannenbäume, geschmückt mit Lichterketten?
Montierte Lichtersterne an den Geschäften?
Kerzen, Lichterspiele, beleuchtete Pyramiden, sich drehende Kunstwerke, wie man sie aus dem thüringischen Raum kennt?
Angestrahlte oder von innen leuchtende Weihnachtskugeln?
In einem Teil der Läden sieht man es noch, aber ansonsten gibt es das bei uns nicht mehr! Wir sind dieses Jahr modern.
Wie kommt’s?
Wir  haben hier seit einigen Jahren einen Verein von Geschäftsleuten, der sich für die Entwicklung des Stadtteils einsetzt. Ziel ist natürlich eine Steigerung der Kundschaft, des Absatzes, des Geschäfts.  Die Einkaufszentren in den Stadtteilen haben sich zur ernsthaften Konkurrenz für die Läden in der City von Hamburg entwickelt. Während man dort auf Parkplatzmangel trifft bzw. das Parken sehr teuer ist, gar nicht so selten Demonstrationen stattfinden und grundsätzlich ein ziemliches Gewühl herrscht, bietet ein EKZ im Süden, Westen, Osten oder Norden eine echte Alternative und ist einfach für den Kunden, der irgendwo außerhalb der Innenstadt  in einer dieser Himmelsrichtungen wohnt, schneller zu erreichen.
Zusätzlich zu diesem Verein entstand hier offiziell ein BID. Richtig vermutet, eine englische Abkürzung. Sie steht für Business Improvement District, soll heißen, hier geht es ganz allgemein  um die geschäftliche Förderung und Verbesserung des Bezirks.

BID selbst nennt es „zeitgemäße Stadtentwicklung, wie etwa die Positionierung im interkommunalen Wettbewerb, nachhaltige Förderung der Handelslandschaft oder Revitalisierung von Innenstädten und innenstadtnahen Standorten.“
Ich habe mich am Anfang gefragt, was denn der Unterschied sei zu allem, was man bis dato in dieser Richtung gemacht hat? Brauchte das Kind nur einen neuen Namen?
Nein, BID bedeutet „die gezielte Umsetzung konkreter Maßnahmen in einem definierten zeitlichen und räumlichen Rahmen.“
Bisher hatte es zur Folge, dass unsere Einkaufsstraße komplett umgebaut wurde, neuen hellen Plattenbelag bekam und sich jetzt Boulevard (!) nennt. Der neue Belag im Fußgängerbereich war anfangs  dermaßen hell, dass jeder bei Sonnenschein blind wie ein Maulwurf durch die Gegend tappte.
Vorab  mussten auch  – leider, leider – erst einmal einige große Bäume gefällt werden.  Aber es kamen ja neue. Die erreichen  zwar statt 20 m Höhe und entsprechender Krone nur etwa fünf Meter und haben ein Krönchen, aber – hey! – in zehn Jahren sieht es fast schon wieder ein bisschen grün aus.
Wir brauchten selbstverständlich auch neue Straßenlampen. Sie mussten ja zum Boulevard passen.
Natürlich waren auch die alten Ampeln unmöglich. Sie haben jetzt etwas grünere Männchen …
Nun, meine Begeisterung war anfangs leicht verhalten. Doch nachdem die Prachtallee im Sommer fertiggestellt war, die Baufahrzeuge und der Lärm verschwanden, einige  Fahrradständer montiert wurden und jetzt Ende November auch noch wieder ein paar Sitzbänke auftauchten, (rechtzeitig zum Saisonbeginn des draußen Sitzens), gewinne ich dem Ganzen auch etwas Positives ab.

Wie gesagt, wir bekamen neue Straßenlampen. Hohe, schmale, silbrigfarbene Leuchten mit Glaseinsatz im oberen Teil, zylinderförmig.
So, und jetzt haben wir den Salat! Nur dadurch wurde die diesjährige hypermoderne Weihnachtsbeleuchtung, die so überhaupt nichts Weihnachtliches hat, erst möglich! Tja, BID, gut hinbekommen zeitlich und räumlich … Das will ich gar nicht leugnen.
Und was sagte einer der Herren so nett:
„Wir sind abgekommen von Tannenbäumen und Lichtersternen.“ 
Aha, warum denn nicht auch gleich von Weihnachten? Ach so, stimmt, das gute Geschäft zu diesem Anlass hatte ich gerade kurzzeitig vergessen …

Was macht also ein innovativer Verein, ein Bezirk, der nunmehr BID ist?
Er lässt sich  66 ca. 1,60 m hohe Acrylglaszylinder anfertigen, stülpt diese, mit effizienten LED-Leuchten ausgestatteten und per Funk steuerbaren Aufsätze, über die bestehenden Straßenlampen und freut sich nun sehr darüber, in der Adventszeit hightechmäßig Lichtspiele veranstalten zu können.
66 Mal das freundliche Telekom-Magenta, eine Stunde später wechselt es ins Laubfrosch-Grün. Wer dann wunschgemäß  ca. sechs Stunden am Boulevard geshoppt und sein Geld dort gelassen hat, der sieht auch noch blau, gelb, orange, etc.
Verstehen Sie mich nicht falsch!  Die grundsätzliche Idee, die vorhandenen Lampen als Energielieferanten  und Träger zu nutzen, ist super. Die Idee, eine Illumination zu veranstalten, auch. Wenn es auch noch irgendwie finanziert wird – prima.
Doch bitte,  nennt es nicht stimmungsvolle Weihnachtsbeleuchtung. Das tut mir irgendwie weh …

Weihnachtsbeleuchtung_acrylglaszylinder

Das sind unsere „stimmungsvollen Weihnachtslichter“, die sich hier gerade darauf einstimmen, demächst im festiven Magenta zu erstrahlen.

Dsc02804

(Hier als kleiner Vergleich die Weihnachtsbeleuchtung des Weihnachtsmarktes – irgendwie stimmungsvoller …)

Ich möchte abends immer mit einer Klappleiter hingehen und oben in jeden Zylinder einen Tannenzweig stecken. Seine Konturen würden durchleuchten. Aber ich befürchte, damit nur schlafende Hunde zu wecken. Wahrscheinlich käme man dann auf die Idee, die Beleuchtung ganzjährig montiert zu lassen, mit einer Herzdeko zum Valentinstag, einem Osterei- und Hasenaufkleber im April, einem Totenschädel an Halloween, etc.  Ich bin sicher, Pfingsten würde man auslassen. Das ist kein Anlass zum shoppen.
Wobei – noch nicht …

©Dezember 2010 by Michèle Legrand

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