Zerstört mir nicht die Kaffeehausatmosphäre …!

Manchmal überkommt mich unterwegs die Lust auf eine Kaffee-/Sitz-/Guck-/Träum-/Schreibpause. Besonders bei Erledigungen oder Besorgungen direkt nach dem Niedrigtemperaturbüro, wenn es angenehm ist, wieder warm zu werden und den Kopf ein wenig frei zu bekommen.

Mein Coffee Shop bei den Rolltreppen,  in dem oder auch durch den die Geschichte vom Rolltreppen-Voyeurismus ( bei http://www.goodnewstoday.de (2010)  und auch nachträglich im Blog: ->https://michelelegrand.wordpress.com/2012/06/27/bloglesernachfrage-was-ist-bitte-rtv-heute-die-ganze-geschichte-dazu/ ) entstand, existiert leider nicht mehr.
Geschlossen – ohne Vorwarnung, von einem auf den anderen Tag …

Mittlerweile hat dort im Erdgeschoss ein Nachfolger dieses Quartier bezogen – doch erst nach ca. zehn Wochen Leerstand und dauerhaft verklebten Scheiben! Inzwischen war ich schon „fremdgegangen“ – in ein Eiscafé, das sich gut erreichbar genau ein Stockwerk darüber befindet.
Anfangs war ich enttäuscht. Natürlich war alles ganz anders. Ich fühlte mich nicht auf Anhieb heimisch, zumal der Cappuccino nicht besonders schmeckte, teurer war, der Service ewig dauerte, und die hunderttausend Kissen mit abwischbarem Krokodilleder-Imitat mich fertig machten.
Sie waren als Rückenkissen gedacht, benötigten jedoch fast die gesamte Sitztiefe, so dass ich immer nach vorne über die Kante rutschte. Irgendwann verbannte ich drei Kissen, formte damit einen Turm auf dem Nachbarsitz und überlebte auf diese Weise.
Dennoch gab ich dem Ganzen einen zweiten Versuch.
Und siehe, dieses Mal war eine andere Bedienung zuständig, der alternativ gewählte Caffè Latte schmeckte gut und war günstiger, und ich entdeckte einen anderen Sitzplatz ohne Kuschelzwang und Abrutschrisiko.
Eine Woche später folgte das dritte Mal.
Jetzt war es passiert!
Ich hatte mich eingewöhnt!
Geholfen hat dabei sicher auch Robert Redford  ( https://michelelegrand.wordpress.com/2012/12/11/rentier-mit-krokantbecher/ ) Seit dem Ereignis, werde ich dort wirklich sehr aufmerksam und freundlich begrüßt bzw. bedient.
Ich – meinerseits – kenne inzwischen die Namen und ein paar Eigenarten der verschiedenen Angestellten.

Am Anfang herrschte eine leichte Verunsicherung vor und auch ein gewisses Misstrauen, weil ich grundsätzlich mit Notizbuch unterwegs bin und einfach immer schreiben muss. Mag sein, dass ich dabei gelegentlich den Blick in der Gegend herumschweifen lasse.
Vielleicht hielt man mich für einen Eisdielen-Kritiker, eine Angestellte des Gewerbeaufsichtsamtes oder einen Kontrollfreak vom Security Management des Einkaufszentrums.
Wenn dem so war, sollte ich sie in dem Glauben lassen?
Nein.
Es ergab sich kurz nach dem „Rentier mit Krokantbecher“ die Möglichkeit,  mit Anna, einer der Angestellten, die Lage zu klären, während ich mir nebenher Stichworte zum Thema: „Der männliche Gast in der Eisdiele“ bzw. zu „Warum tragen manche Menschen nur einen Handschuh“ aufschrieb …
Nun erhalte ich anstelle eines einzigen Amarettini-Kekses seit einiger Zeit sehr oft zwei zum Cafè Latte auf die Untertasse gelegt! Es hat mich überrascht, denn es geschah definitiv nach meiner Klarstellung, dass es Ergüsse für rein private Zwecke sind, die ich notiere!  Ich bekomme sie also definitiv nicht deshalb, weil jemand annimmt, man müsse bei mir schleimen, um im nächsten Eisdielen-Äquivalent zum Guide Michelin gut wegzukommen, sondern wohl eher für die lebenserhaltende Maßnahmen beim Rentier.

Kommen wir zurück auf das Entspannen. Geht es Ihnen auch gelegentlich so, dass Sie es als angenehm empfinden, nur da zu sitzen und nebenher aufzusaugen, was um Sie herum so alles passiert?
Es ist kein Action-Kino. Es ist anders.
Manchmal stelle ich mir vor, dass es genau das war, was die sogenannten  Wiener Kaffeehausbesucher,  allen voran die schreibenden Menschen, gesucht haben. Sie wollten mittendrin sein, mitten im Leben, ohne den Zwang zu verspüren, sofort selbst aktiv werden zu müssen. Sie wollten ihrer Tätigkeit, z. B. dem  Schreiben und Sinnieren nachgehen, ohne das Gefühl zu haben, sie wären ein einsamer Eremit, zurückgezogen in der Höhle und ohne Kontakt zur Außenwelt.
Sozial unfähige Grufties.
Sie brauchten nicht die absolute Stille, um arbeiten zu können. Sie brauchten eine vertraute Umgebung, vertraute Geräusche, etwas für das leibliche Wohl, gewohnte und neue Gesichter, auf Wunsch sozialen Kontakt und Gespräche oder Austausch von Neuigkeiten.
Das war die ideale Arbeitsatmosphäre!
Anregung ohne Aufregung, gekoppelt mit Rückzugsmöglichkeiten, die das Niederbringen von Gedanken in Schriftform direkt an Ort und Stelle erlaubten. Ein weiteres Kapitel geschafft. Darauf noch ein Stück Apfelstrudel und einen Wiener Mokka.

In gewisser Weise – sozusagen im kleinen Rahmen –  ist es das, was ich dort genieße. Meine Ruhe,  mein Maß an Leben um mich herum, mein Notizbuch, meinen Caffè Latte.

Und dann kamen sie. Zwei Ehepaare, miteinander bekannt und allesamt um die 60 Jahre alt. Sie belagerten einen größeren Tisch mit Eckbank und Stühlen. Breiteten ihre Massen von Tüten und Taschen überall aus, blockierten den Weg und palaverten in einer Lautstärke, als säßen sie jeweils am entgegen gesetzten Ende des Cafés.  Dann klingelte eines ihrer Mobiltelefone. Stunden! Das Handy hätte Tote wecken können!
Sie fanden sich vor allem selbst enorm lustig!  Klar, dass nun Uraltwitze, -sprüche, und -zoten folgen mussten, gespickt mit nach Beifall heischendem Blick in die Runde. Na, bekamen auch alle mit, wie toll sie waren?

Das ist der Moment, in dem ich sonst spontan beschließe zu zahlen und zu gehen. Die Herrschaften bestellten jedoch jeweils nur einen Espresso. Das hieß, es bestand die berechtigte Hoffnung auf baldiges Verschwinden.
Quengeliges Verhalten der Herren beim Bestellen, der Damen beim Trinken. Zehn Minuten später das kernige Anfordern der Rechnung.  Schlecht kaschierte,  peinliche Anmache der Bedienung, säuerliche Blicke der Gattin.
Trinkgeld für die nette, alles geduldig ertragende Angestellte? Tja, war leider nicht drin…
Aber – sie brechen auf!! Hurra!
Sie sagt zu ihrer Freundin:
„Schiebst du  mir mal den alten Sack rüber…!“
Wahrscheinlich meinte sie ihren verblichenen, silbrigen Einkaufsbeutel, der noch auf der Eckbank lag.
Mir gefiel aber durchaus der Gedanke, dass hiermit ihr anzüglicher Ehemann gemeint war. Es passte zumindest wie die Faust aufs Auge.
Dann waren sie fort.

Ich trank genüsslich in aller Ruhe meinen Kaffee aus, und es folgten natürlich wieder ein paar Notizen …
Anna lächelte mir zu.

©Dezember 2010 by Michèle Legrand

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