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Eine merkwürdige Begegnung

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Sie war klein und zierlich, ging mir gerade bis zur Brust. Mokkafarbene Augen, ein straff zurückgenommener Pferdeschwanz mit einem perlenbesetzten Band gehalten.
Inmitten eines Pulks von Menschen war ich an ihr vorbeigelaufen, als sie auf der Bank am Gehwegrand gesessen hatte. Vorbeigegangen, den mit mir und mir entgegenkommenden Menschen ausweichend. Irgendwann hatte ich etwas vernommen:
„Warten Sie bitte einen Augenblick!“
Ich hatte kurz gestutzt, dann für zwei Sekunden angenommen, wohl nicht gemeint zu sein und hatte mich doch plötzlich mitten im Gewühl umgedreht mit der absoluten inneren Gewissheit, dass die Stimme mich gemeint hatte. Woher dieses Wissen kam, weiß ich nicht.
Ihre Schritte näherten sich, sie stoppte unmittelbar vor mir. Gerade noch so, dass ich es, was die Nähe anging, erträglich fand. Da war sie. Klein, still und mich fixierend. Auf meinen um Aufklärung bittenden Blick hin kam eine Frage:
„Möchten Sie etwas über Ihre Zukunft wissen?“
Ach nein, nicht so was!
Die erste Reaktion ist ablehnend, abwehrend, und das äußert sich auch darin, dass ich automatisch zwei Schritte zurücktrete. Im Kopf wird fieberhaft nach einer freundlichen, aber bestimmten Absage, Ablehnung, Entschuldigung – was auch immer – gesucht.
Sie scheint das einkalkuliert zu haben. Sie hört sich in aller Ruhe meine Worte an, nickt sogar bestätigend, und doch dient es wohl nur meiner Beschwichtigung. Als ich ende, beginnt sie zu reden.
Kein Bohren in Form von Fragen nach dem Warum? oder Warum nicht?
Keine Überzeugungsarbeit, indem sie mir einzureden versucht, ich müsste es unbedingt, zu meinem eigenen Wohl, über mich ergehen lassen, müsste es einfach erfahren.
Stattdessen sagt sie mir Dinge über mich. Über Vergangenes. Über die momentane Situation. So speziell, dass ich es nicht abtun kann mit einem: Na, super, das trifft auf jeden zu. Toll reingelegt! Und was mich völlig überrascht: es stimmt absolut!
Sie merkt, dass ich perplex bin. Viele Dinge schwirren mir zeitgleich durch den Kopf.
Da ist Misstrauen, Unglaube, Zweifel, der Wunsch wegzukommen.
Da ist das Wissen, dass es Menschen gibt, die mehr sehen können. Ich habe es selbst schon erlebt (in der Form, dass ich etwas vorher wusste).
Da ist eine eigenartige Starre und das Gefühl, förmlich am Boden festzukleben.
„Es stimmt was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr?“
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern fährt fort:
„Denken Sie nicht, dass ich jeden anspreche. Ich sehe nicht überall etwas. Doch wenn es so ist, dann suche ich den Kontakt.“
Ich kann es weder bestätigen, noch als Lüge abtun. Ich habe sie weder davor noch danach, noch lange genug auf der Bank gesehen, als dass ich ihr Verhalten hätte  beobachten können.
Sie redet weiter zu mir, und ich merke, dass sie jetzt ihr Wissen hinsichtlich der Zukunft preisgeben will. Ich stoppe sie.
Die ganze Zeit geht mir noch etwas Anderes im Kopf herum: Sie redet nie von Geld für ihre ‚Leistung’. Ist es nicht so, dass diese Menschen auf der Straße es eben genau deshalb machen? Um Geld damit zu verdienen? Ihren Lebensunterhalt? Die einen, weil sie tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die anderen, weil sie gewitzt genug sind, dass es zumindest so wirkt, als hätten sie ein seherisches Talent.
Ich frage sie geradeheraus, doch sie schüttelt den Kopf.
Diese ernsten Augen …
„Wenn mir jemand dafür etwas geben will, werde ich es nehmen, aber ich verlange nichts.“
Ich bin erstaunt, gleichzeitig ein wenig beschämt. Ihr folgender Satz beginnt mit:
„In den nächsten beiden Jahren …“
Nein! Ich halte meinen Zeigefinger vor die Lippen. Sie hält inne.
„Ich möchte es nicht wissen“,  sage ich bestimmt.
„Aber warum denn nicht? Es würde Ihnen helfen!!“
Warum? Warum will ich es nicht wissen?
Und wieder ist da eine verwirrende Mischung aus Unglaube, Zweifel und … Angst! Ja, Angst und ein wenig Trotz.
Mein Leben ist mein Leben!
Ich möchte es allein entdecken und damit zurechtkommen.
Wir trennen uns, ich wende mich um, bin drei, vier Schritte entfernt, als ich deutlich etwas höre. Sie hat noch etwas gesagt. Über die Zukunft …
Ich drehe mich um, aber sie sitzt schon wieder auf der Bank und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Minuten später finde ich mich vor einem Schaufenster stehend wieder. Ich war dorthin gelaufen, ohne es zu bemerken, stand dort seit Minuten, ohne es wahrzunehmen und war erst nach weiteren Momenten des Sammelns und in gewisser Weise auch Abschüttelns wieder in der Lage, die Zeit weiterlaufen zu lassen.

Es passieren manchmal merkwürdige Dinge. Und in meinem Leben gibt es keine Zufälle.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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Wenn … Es ist dein Leben

Audioversion des Gedichts.
(Nachtrag: zurzeit nicht möglich, das Sugarsync als Dienst hier nicht mehr aktiv.)

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Wenn …

Wenn du von der Vergangenheit schwärmst,
Nennen sie dich einen Träumer –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles verklärst,
All deine Erinnerungen Zuckerträume sind,
Du in der Vergangenheit lebst…

Wenn du von der Zukunft schwärmst,
Nennen sie dich leicht spöttisch einen hoffnungslosen Idealisten –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles rosarot siehst,
Allein das bald, später, irgendwann Kommende glorifizierst…

Wenn du sagst: ich lebe im Heute und Jetzt,
Nennen sie dich ignorant,
Und erzählen dir, du müsstest dich für die Vergangenheit
Und die Zukunft interessieren.
Als würde das eine das andere ausschließen…

Du schriebst ihnen nie vor, was sie zu tun hätten.
Doch es gab dir zu denken…
Nur sag’ selbst:
Was ist das Leben, wenn es ein anderer für dich führt?
Wenn du lebst, dann so, dass du dich lebendig fühlst,
Mit all deinen Erinnerungen, mit all deinen Zukunftsvisionen,
Und vor allem mit deinem Sein im Jetzt – hier und heute.
Kein anderer kann dein Leben für dich führen,
In deinem Sinne führen,
Kein anderer sollte dir dein Leben vorschreiben,
Deinen Weg festlegen.

Lass sie reden,
Wenn sie versuchen dir einzureden,
Dein Tun sei höchst lächerlich, weltfremd, konservativ, naiv,
Dein Verhalten sei ignorant, borniert, engstirnig, albern, rückständig
oder gar egoistisch …
Allein das Kennen so vieler negativer Eigenschaften
Und das Auslassen jeglicher positiver Aspekte,
Der überdeutliche Mangel an Toleranz,
Die fehlende Differenzierung –
Sollte dir zu denken geben.

Wenn du für dich beschließt,
eine andere Position einzunehmen,
etwas in deinem Leben anders zu gewichten,
eine Sache zu ver-rücken,
macht es dich gleich zum Verrückten?
Bist nicht vielleicht du eher das Wesen,
Welches den Wirrungen des Lebens
Nicht nur ausgeliefert, entrüstet, resigniert entgegenstolpert,
Sondern das vielmehr erfährt,
Dass sein Schatz an Erfahrungen aus der Vergangenheit,
Sein Zutrauen in die Zukunft sowie
Sein Lebensmut, sein Glaube, seine Intuition
Ihm wertvolle Gefährten sind
Auf diesem aufregenden, aber auch unbekannten Weg,
Der sich Leben nennt.

Deine Gefährten, deine Tag- und Nachtbegleiter – wegweisend.
Etwas, wonach andere zeit ihres Lebens vergeblich suchen?
Die, die dich den Träumer, den Idealisten nennen…
Die, die dich belächeln, kritisieren oder gar bevormunden.
Die, die reden, aber nicht verstehen,
Die, die reden, aber nicht zuhören,
Die, die reden und verpassen.
Immer wieder.

Lächle zurück, lass sie reden
Denn zu guter Letzt:
Wer kann beurteilen, was richtig ist, was falsch?
Für dich.
Du.

© by Michèle Legrand, Mai 2011

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