Beiträge getaggt mit Xavier

Kolosskippen …

Ich war eben im T-Shirt draußen. Im Norden! Mitte Oktober! „Ophelia“ über dem Atlantik sorgt tatsächlich gerade  dafür, dass ungewöhnlich laue Mittelmeerluft selbst bis hinauf zu mir und weiter nach Schleswig-Holstein vordringt. Während der Hurrikan heranzieht, die Iren sorgenvoll besonders den Süden ihrer Insel im Auge be-
halten und das, was da näher rückt, speziell auch an der portugiesischen Küste Unruhe aufkommen lässt, genießen wir diesmal den vorteilhaften Nebeneffekt der frühlingshaften Temperaturen. Sogar die Sonne, die sich zuletzt reichlich rar gemacht hatte, lässt sich wieder sehen.

„Xavier“, vor etwa zehn Tagen, hat sich dafür ordentlich ausgetobt. Kurz, kräftig, krawallig. Seine Attacken erfolgten statt flächendeckend eher punktuell, nur dort richtig massiv. Er hat Schneisen geschlagen. Seine Windhosen vorgeführt. Orkanböen in Nullkommanichts aus dem Ärmel geschüttelt. Hossa! Hier bin ich! – Zack! Nein, hier! – Wende. Zwusssssch!
Sie habe es sicher mitbekommen, in Norddeutschland kam der Bahnverkehr komplett zum Erliegen. Obwohl der Sturm nicht mehr als zwei Stunden randalierte! Es ging – was außergewöhnlich und selten ist – aufgrund seiner Unberechenbarkeit die ernste Warnung heraus, sein Haus nicht zu verlassen.
Ich hoffe, es ist bei Ihnen glimpflich verlaufen. Alle unversehrt? Die Bäume noch an ihrem Platz?

Als ich am nächsten Tag durch mein Wohnviertel ging, sah es stellenweise wüst aus. Wären die Bäume schon laubfrei gewesen, hätte „Xavier“ wesentlich weniger Angriffsfläche gehabt. Die Folgen seines Wütens wären sicher geringer ausgefallen. So hat er jedoch einige alte, große Bäume mühelos flachgelegt. Was nicht Tief- oder vielleicht noch Herzwurzler war, hatte ganz schlechte Karten. Fichten, Douglasien, Birken, Grauerlen, Hainbuchen oder auch z. B. Apfelbäume wurden als Flachwurzler mühelos angehoben und entwurzelt. Wo-
anders brachen beachtliche Teile aus Baumkronenmitten heraus, was manchmal sogar die Spaltung eines Stammes nach sich zog.
Auf allen Straßen, sämtlichen Gehwegen und in Einfahrten lag Geäst. Dicht an dicht. Von klein bis mittelgroß, mit oder ohne Laub. Auf dem Boden Blättermassen. Teilweise kompakte Schichten, wo Nässe den zunächst losen Teppich verklebte. Viele Siele waren kurzzeitig verstopft, die entstandenen Pfützen auf den Straßen beachtlich.

Inzwischen wurde fast alles geräumt und entsorgt. Gerade die Deutsche Bahn hatte natürlich sofort Trupps losgeschickt, damit die Gleisstrecken wieder befahrbar wurden. Angesichts der vielen Streckenkilometer und diversen Einsatzorte eine nicht ganz einfache Sache. Irgendwann fehlen einem schlichtweg die Leute. Für die Straßen beschloss die Hamburger Stadtreinigung kurzerhand, zusätzlich zum Sturmeinsatz die jährlich fix geplante Herbstlaubentfernung terminlich eine Woche vorzuverlegen, um so der ganzen Sache schneller Herr zu werden.

Die Behörden warnen immer davor, direkt nach einem solchen Sturm Parks aufzusuchen oder in den Wald
zu gehen. Der Grund ist klar, es kann immer noch etwas von oben heruntergerasselt kommen. Herausge-
brochenes, das sich anfangs im Geäst verfangen hat – oder es kann ein Baum in seiner Standfestigkeit erschüttert sein, der nun beim nächsten kleinen Lüftchen doch noch kippt. Etwas ganz Ähnliches ist bei uns im Garten vor einer Reihe von Jahren passiert!

In einer Ecke an der Grundstücksgrenze wuchs auf unserer Seite eine Traubenkirsche (Prunus padus).
Ein Gehölz mit recht dunklem Stamm und Geäst und mit schönem, kräftig grünem Laub, das erfreulich früh austreibt. Obendrein blüht die Traubenkirsche traumhaft! Ende April bis in den Mai hinein zeigt sie sich in Weiß. Dann stehen Millionen kleiner Einzelblüten dicht an dicht, bilden immer in gewisser Zahl eine Art Traube und diese kleinen Einzelwölkchen lassen wiederum trotz Masse alles sehr luftig und zart wirken. Es duftet dezent und ungemein angenehm. Gleichzeitig sind die Blüten beliebt bei Insekten. Auch im weiteren Verlauf des Jahres sind ständig Vögel, Schmetterlinge und Insekten in der Traubenkirsche unterwegs.
Wenn Sie einen Zweig schneiden oder überhaupt die Rinde anritzen, riecht es auf einmal nach Bittermandel. So als hätten Sie einen Marzipanbaum im Garten. Im Herbst trägt er kleine, kugelartige, schwarze Früchte – quasi die Marzipankartoffeln. Vögel sind ganz gierig hinter diesen Leckerbissen her.

Das Gehölz stand schon bei unserem Einzug dort, hatte sich mittlerweile zu einem riesigen, überhaushohen Baum entwickelt. Ein Merkmal dieser Baumart ist, dass sie oft gleich mehrstämmig austreibt. Diese Trauben-
kirsche war dreistämmig. Jeder Stamm mit einem Durchmesser von ca. 40 cm, was einem Umfang von jeweils etwa 1,25 m entspricht. Insgesamt ein ordentlicher Koloss.

Natürlich entsteht Schatten durch einen solchen Baum, was den Nachbarn am hinteren Ende des Grundstücks störte. Der Schattenwurf betraf ihn zwar gar nicht wirklich, aber alles was größer ist als ein Meter, hat bei ihm generell wenig Überlebenschance. Um ihm entgegenzukommen, ließ ich regelmäßig im unteren Bereich den einen oder anderen dicken Ast herausnehmen. Bis in vier Meter Höhe war alles frei. Wie bei einem teilweise entasteten Baum am Straßenrand, unter dem LKW durchpassen sollen.
Man darf natürlich nicht einfach drauflos säbeln. Der Durchmesser der Stämme verlangt, dass die Behörden auch für das Aussägen eines einzelnen Astes eine (kostenpflichtige) Genehmigung ausstellen. Dazu kommt vorab ein Mitarbeiter persönlich vorbei, begutachtet alles, auch den Gesamtzustand des Baumes, und wenn man Glück hat, erhält man die Erlaubnis. Schriftlich. Nach einiger Zeit. Ausgelichtet wird später in den Wintermonaten.

Wir hatten im Frühjahr den Herrn vom Naturschutzreferat da gehabt. Die Genehmigung zum Entfernen zweier Äste lag für den Spätherbst vor. Wir wurden darauf hingewiesen, dass Traubenkirschen keine übermäßig lange Lebensdauer hätten, im Alter bei Sturm gelegentlich kippten, daher vorher gefällt werden sollten. Aber, dieser Baum hier sehe ja noch „extrem vital“ aus.
Im Spätsommer gab es einen Sturm mit Orkanböen. Mit der neuen Information bezüglich der Lebensdauer, schauten wir diesmal etwas sorgenvoll auf mächtig schwankende Zweige und Stämme, die sich in der oberen Baumhälfte schwer hin- und herwogen. Doch es ging alles gut. Vitaler Baum eben …

Zwei Tage darauf komme ich nachmittags nach Hause, und die Feuerwehr steht in unserer Straße. Ein Teleskopkran ist ausgefahren. Männer in Uniform flitzen durch die Gegend. Nachbarn stehen draußen. Ein Polizeiwagen parkt weiter hinten. Mir stockt der Atem, als ich sehe, dass der Kran hinüber zu unserem Grundstück geschwenkt wurde.
Die sind bei uns!

Den ach so vitalen Baum hat es erwischt. Der dickste der drei Stämme ist umgestürzt. Er liegt schräg nach hinten gefallen zum größten Teil auf dem Grundstück des Nachbarn, der den Schattenwurf beklagte. Bisher habe ich glücklicherweise keinen Rettungswagen entdeckt, und im Gespräch kurz danach wird bestätigt, dass es keine Verletzten gab. Es war allerdings verdammt knapp!
Die Nachbarin hatte sich im Garten aufgehalten und ihre Wäschespinne mit nasser Kleidung behängt. Sie hatte sich gerade wieder abgewandt und war maximal zehn Meter zurück Richtung Haustür gegangen, als es – wie sie später sagte – „einen Knacks und ein seltsames Sirren in der Luft“ gegeben hätte. Dem folgte ein Vibrieren der Erde. Danach hätte eine nahezu gespenstische Ruhe geherrscht.
Der Stamm war umgefallen. Er begrub die Wäschespinne unter sich und kam dort auf, wo sie kurz zuvor gestanden hatte. Ein Schock!

Ansonsten gab es Sachschäden auf beiden Seiten und auch noch Auswirkungen bei unseren direkten Nach-
barn. Das Anheben bzw. Herausreißen von Baumwurzeln hier, hatte auf ihrer Seite ebenfalls die Wurzeln von zwei großen Sumpfzypressen gelockert, die es aber wohl überleben würden.

Sie können sich vorstellen, dass der Vorfall für Aufregung sorgte. Dass kein Mensch zu Schaden kam war die Hauptsache, doch regeln musste man schon noch einiges – was erhebliche Kosten verursachte und ein paar unliebsame Überraschungen bereithielt!
Zumindest die Feuerwehr übernahm letztendlich die Kosten für ihren Einsatz selbst, weil sie sich darauf beschränkte, die Seite, die an einen öffentlichen Gehweg grenzte, freizuräumen und die noch stehenden beiden Stämme mit Stahlseilen übergangsweise zu sichern. Diese Entwicklung war eine enorme Erleichterung, denn das wäre doch sehr ins Geld gegangen. Sie berechneten uns auch deshalb nichts, weil uns keine Fahrlässigkeit zu unterstellen war. Im Gegenteil, ein „Fachmann“ hatte ja erst den Baum begutachtet und nichts Verdächtiges entdeckt.

Tatsache allerdings war, dass der Baum von innen her morsch geworden war. Regenwasser sammelte sich regelmäßig im unteren Bereich, dort, wo die drei Stämme eng zusammenstanden und mit zunehmendem Umfang regelrecht zusammengewachsen waren. An dieser Stelle konnte es nie ausreichend abtrocknen und fing irgendwann an zu gammeln. Von außen sah weiterhin alles tipptopp aus. Üppiges Laub deutete ebenfalls nicht auf  Schwachstellen oder Krankheit hin.
Das Ausmaß der Schäden, das jetzt sichtbar wurde, zeigte, dass die anderen beiden Stämme keineswegs besser dran waren und umgehend gefällt werden mussten. Das übernahm die Feuerwehr natürlich nicht.
Nun finden Sie einmal in der Gartenhochsaison von jetzt auf gleich einen Gartenbaubetrieb, der Zeit hat, Bäume zu fällen. Und zwar an einer für schwere Maschinen und Hubwagen unzugänglichen Stelle. Sie brauchen je-
manden, der mit der Klettertechnik vertraut ist und dafür die Ausführerlaubnis besitzt. Der Arbeitsschutz ist in dem Fall sehr streng.
Wir haben es nach unzähligen Telefonaten geschafft, dass am nächsten Tag ein Unternehmen die Arbeit aufnahm. Riesige Mengen Astwerk und Laub mussten zunächst heruntergeholt werden. Ein ganzer LKW war allein dafür für den Abtransport nötig. Dann das Abtragen der Stämme. Stückchenweise von oben nach unten. Alle paar Minuten rumste es, und ein weiterer schwerer Block landete auf dem Boden. Die Erschütterung war noch in mehreren Metern Entfernung zu spüren.
Hatte der umfallende Baum vom Vortag schon viel kaputtgedrückt und mit sich gerissen, so war es jetzt der Umkreis, der durch die Fällarbeiten litt.

Die Kosten, die diese Fällaktion verursachte, waren hoch. Die Versicherung war nicht bereit, irgendetwas zu zahlen. Der Haken an der Sache war, dass der Baum nicht während des Sturms umgekippt war, sondern erst danach. Versicherungen springen nur ein, wenn beim Sturz nachweislich eine bestimmte Mindeststurmstärke herrschte.
Die Schäden des Nachbarn sollte eigentlich unsere Haftpflichtversicherung übernehmen, was sie aber nicht tat, weil sie der Ansicht war, dass der Nachbar keine Ansprüche geltend machen konnte. Wir hätten den Schaden nicht verhindern können und haben ihn nicht verursacht. Höhere Gewalt. Das mag zwar richtig sein, aber für das Verhältnis unter Nachbarn ist das nicht gerade die günstigste Entscheidung. Wir haben uns dann u. a. an einer neuen Wäschespinne beteiligt und natürlich alles aus seinem Garten entfernt, was nicht dorthin gehörte.
Unsere Hausratversicherung wiederum sträubte sich vehement, unsere eigenen Schäden an Gartenmobiliar, Zaun  etc. zu übernehmen.
Sie sehen, Versicherungen haben bedeutet nicht, dass man im Schadensfall auch etwas bekommt.

Meinen Nachbarn nebenan mit den Sumpfzypressen war nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt. Beim nächsten Sturm hat es die beiden Bäume doch umgerissen. Dadurch, dass unsere Traubenkirsche fehlte, hatte sich eine Art neue Windeinfallschneise gebildet, an deren Ende die Zypressen standen und zur Zielscheibe wurden.

Selbst wenn alle Schäden beseitigt sind und keine Gefahr mehr droht, Sie haben danach im Garten eine Baustelle und bekommen gleichzeitig von der Behörde die Auflage, für den gefällten Baum Ersatz zu pflanzen. Einen neuen Baum. Grundsätzlich richtig, nur auf so kleinen Reihenhausgrundstücken in der Stadt sind riesige Bäume völlig ungeeignet. Sie können sich in freundlicher Diskussion auf mehrere Gehölze kleinerer Natur einigen, was ich auch gemacht habe.
Was spricht dagegen, sofort mit der Pflanzaktion loszulegen?
Die Tatsache, dass der Untergrund im besagten Bereich komplett durchwurzelt ist und dass die Fällaktion den Boden zusätzlich verdichtet hat. Mein Grundstück besteht zudem unterirdisch überwiegend aus aufgeschütteten Ziegelresten, die von im zweiten Weltkrieg zerbombten Villen stammen. Damals hat man die Schuttberge der Einfachheit halber einfach plangeschoben und als Untergrund für die Neubebauung verwendet. Ein paar Zentimeter Mutterboden obenauf, fertig.
Immer wenn ich im Laufe der Jahre irgendwo ein Beet oder eine Rabatte neu angelegt habe, musste ich mich durch Steinschichten hacken und zig Kubikmeter Ziegel herausbrokeln.
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Nach Umsturz eines Baumes Ausgraben der Wurzeln und vieler im Boden vorhandener Ziegel

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Ich erinnere mich noch lebhaft an die Aktion damals und was mich das für Tage, nein Wochen der Ackerei gekostet hat. Beindicke Wurzeln im Erdreich freilegen und zersägen, sonstigen Wurzelfilz durchdringen, Ziegel mit der Spitzhacke lösen oder sogar ganze, noch zusammenhängende Mauerreste ans Tageslicht befördern. Boden lockern, Boden organisch verbessern, sacken lassen, nachfüllen … Hätte man für all das auch einen Fachbetrieb beauftragt, wäre ich arm geworden.
Heute ahnt man nichts mehr von alledem. Die Neupflanzungen sind eingewachsen und müssen inzwischen ständig in ihrem Ausbreitungsdrang bzw. Höhenwuchs gebändigt werden.

Seit damals habe ich mächtig Respekt speziell vor Frühherbststürmen, vor sich biegenden Bäumen, knirschenden Zweigen, wildem Laubrauschen und vor sogenannten Spätfolgen. Sie werden mich daher auch
in den nächsten Tagen noch nicht in einem Wald antreffen. Ein Kolosskippen zu erleben hat mir gereicht.

Durch die Straßen streife ich natürlich. Und ich habe von unterwegs etwas mitgebracht. Kämpferisch. Enorm schuppenbehaftet. An einem Ding, das gut einen Meter lang ist. Hört sich verdächtig nach Schlange oder sonstigem Reptil an. Schuppen? Auch das Bild eines fliegenden Fisches taucht auf. Ungewollt gestrandet während des Orkans, weil es ihn im Flug in die falsche Richtung trieb. „Xavier“ und der verendete Flugbarsch?
Unsinn. Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Ich nutze bestimmte Begriffe manchmal lediglich für mich, um mir z. B. den botanisch korrekten Namen einer Pflanze merken zu können. Sprachliche Merkwürdigkeiten und haften bleibende Bilder als Gedächtnisstütze. So fällt das Erinnern entschieden leichter.
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Zweig einer Jap. Lärche (Larix kaempferi) mit sehr vielen reifen Zapfen

Reife Zapfen an der Larix kaempferi …

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Ich habe diesen Zweig einer Lärche gefunden (auch so ein Sturmopfer), der über und über mit Zapfen bestückt ist. Am Anfang sind sie laubfroschgrün und fest geschlossen, werden jedoch mit zunehmender Reife braun und öffnen sich oben ein wenig. Auf dem Foto können Sie erkennen, dass sich der obere Rand der Schuppen leicht nach außen rollt. Das zeigt, dass es sich nicht um eine Europäische Lärche handelt, denn deren Zapfen bleiben geschlossen. Diese hier sind von einer Japanischen Lärche, deren lateinische Bezeichnung Larix kaempferi  lautet.  Larix ist kurz und simpel. Das lässt sich so merken. Über das Bild eines kämpferisch veranlagten Schuppenwesens prägt sich mir jedoch ebenfalls der Namenszusatz dauerhaft ein …

Mit diesem Zapfengruß möchte ich mich für heute von Ihnen verabschieden und Sie in das sonnige Herbstwetter entlassen. Ich werde es ganz sicher auch noch etwas genießen.
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Bis demnächst!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2017
Michèle Legrand

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