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Von wegen nur platt und nichts los! Ostfriesland – heel wat besünners! Heute: Typisch, Tee und Teelke (1)

Ich war im Süden. Vor mir aus gesehen zumindest. Für Sie ist das südliche Ostfriesland vielleicht der ganz hohe Norden, aber das ändert nichts am Ergebnis, das ich Ihnen vorweg verraten möchte: es ist obercool dort!
Ein paar (im Grunde zu wenige) Tage auf dem Land sind vorüber, und wem ich vorher verriet, wohin ich fahre, der zog leicht amüsiert eine Augenbraue hoch. Was mir völlig unverständlich ist! ^^ Doch ich ahne, woher der Anflug von Spott im Blick kommt.
Klischees, Herrschaften!
Die Inseln (Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog) werden ja noch akzeptiert. Die sind mittlerweile ein Synonym für feinen Sandstrand, Nordsee, Watt und gesunde Luft. Ein Urlaubsparadies.
Doch was taucht im Kopf auf, wenn Sie spontan Begriffe nennen sollten, die Sie mit Ostfriesland verbinden?
Ostfriesenwitze! Schafe! Plattes Land. Man sieht bereits am Donnerstag, wer am Sonntag zu Besuch kommt.
Haha!
Der Spruch ist so ausgenaddelt, den können Sie getrost in den Ordner „Todbringende Gähnanfälle“ abheften und diesen am besten danach gleich ganz entsorgen.
Welches Bild wird uns von dieser Region und seinen Menschen gern durch die Medien transportiert?
Ostfriesland. Unendliche Weiten. Ein gewisser Baummangel nebst Hügelnot, bewohnt von einem etwas anderen Menschenschlag. Ostfriesen sind danach kauzige Gesellen, die immer und überall entweder im Friesennerz oder im Fischerhemd erscheinen. Dauergummistiefelträger, die damit sogar zu Bett gehen. Sie sind tendenziell eher langsam – beim Bewegungsablauf, beim Denken, beim Antworten. Extrem skurrile Typen, die wortkarg am Tag hin und wieder immerhin ein „Moin!“ herausbekommen. In verschiedenen Stimmlagen, um es abwechslungsreicher zu gestalten.
Apropos „Moin!“.
Sie wissen schon, dass man das nur einmal sagt? Also durchaus mehrmals am Tag, aber immer nur ein einzelnes „Moin!“ pro Anwendung! Nicht „Moin, moin!“ Das ist doppelt gemoppelt. Da zieht der Ostfriese nicht nur eine Augenbraue hoch, sondern beide! Wie Gewitterwolken verdunkeln sie sein ostfriesisches Antlitz! Notieren Sie sich also bitte die Moin-Regel, und schreiben Sie gleich dazu, dass jeder jeden grüßt, auch ihm Fremde!

Was noch? Kennen wir Ostfriesen? So als Paradebeispiel?
Da wären der Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen (Das Boot, Troja etc.) oder Heiko Engelkes, der Journalist und ARD-Korrespondent. H. P. Baxxter, der Frontmann von Scooter ist gebürtiger Ostfriese. Karl Dall, Otto Waalkes
Otto Waalkes! Der Ostfriesenjung ist mir vor Jahren in Hamburg am U-Bahnausgang Jungfernstieg/Ballindamm förmlich in die Arme gehüpft. In seiner Freizeit bewegt er sich gelegentlich genauso wie auf der Bühne.
Ist das ein Ostfriesenmerkmal?
Wenn alle Ostfriesen so hibbelig herumhüpfen würden, hätte ich es mir noch einmal überlegt, ob ich nach Leer und Umgebung fahre, aber andererseits war der quirlige Elefantenrüsselzeichner damals ausgesprochen freundlich und harmlos, was wiederum für einen Besuch Ostfrieslands und seiner Menschen spricht.

Und sonst … ? Tee! Die Teegeschichten, die verbreitet werden, stimmen tatsächlich! Der echte Ostfriese ist ein Teetrinker vor dem Herrn! Er verkonsumiert im Jahr ca. 2,5 kg seines „Echten Ostfriesentees“. Man sagt, damit verbraucht er ungefähr das Zehnfache dessen, was ein Durchschnittsdeutscher an Tee zu sich nimmt. Wenn ich allerdings von meinem Teeverbrauch ausgehe, bin ich eine verkappte Ostfriesin, die lediglich die falsche Sorte Tee im Schrank lagert.
Ein bekannter ostfriesischer Teehersteller ist die Firma Bünting, die in Leer auch nebenher ein Teemuseum (mit angegliedertem großen Geschäft) betreibt.

Das Coloniale-Haus der Teehandelsgesellschaft Bünting in Leer (Ostfriesland)

Das Coloniale-Haus der Teehandelsgesellschaft Bünting in Leer (Ostfriesland)

Das Stammhaus der Firma Bünting mit Teemuseum - angrenzend an das Coloniale-Haus in der Brunnenstraße in Leer

Das Stammhaus der Firma Bünting mit Teemuseum – angrenzend an das Coloniale-Haus in der Brunnenstraße in Leer

Wenn Sie in Ostfriesland Tee bestellen – dort im Museum, im Café, Hotel etc. – bekommen Sie diesen sehr häufig in dem ganz speziellen Geschirr „Ostfriesenrose“ serviert. Ich muss gestehen, dass ich die Rose gar nicht auf Anhieb als solche erkannt habe. Es scheint irgendwie eine Mischung aus Blume und Hagebutte darzustellen. Oder was erkennen Sie daraus?

Das spezielle Teeporzellan mit dem Namen Ostfriesenrose ...

Das spezielle Teeporzellan mit dem Namen Ostfriesenrose …

Sie sehen, zur Teekanne auf dem Stövchen gibt es ein kleines Kännchen mit ganz besonderer Teesahne inkl. kleinem Schöpflöffel sowie ein Schälchen mit unregelmäßig geformten Kandisstücken, die man hier als Kluntjes bezeichnet. Tee trinken in Ostfriesland bedeutet nicht, achtlos Flüssigkeit herunterzustürzen, sondern zum Tee trinken gehört eine Zeremonie.
Sie beginnen mit dem Einfüllen der Kluntjes. Dann erst kommt der Tee.
Aber nicht zu voll gießen! Das tut man nicht!

Ostfriesland - Die Kluntjes (Kandis) zum Ostfriesentee ...

Ostfriesland – Die Kluntjes (Kandis) zum Ostfriesentee …

Achten Sie einmal darauf, der Kandis macht Geräusche, knistert, sobald die heiße Flüssigkeit mit ihm in Berührung kommt! Nun nehmen Sie mit der Miniaturkelle eine kleine Menge Sahne auf und geben sie in den Tee. Die meisten gießen sie vorsichtig gegen den Uhrzeigersinn hinein.
Warum?
Um die Zeit anzuhalten … So sind die Ostfriesen eben.
Die Sahne sinkt erst hinab, steigt dann langsam wieder auf und verteilt bzw. entfaltet sich zu sagenhaften Mustern! Zu Bildern. Kunstwerken! Die Sahnewölkchen, auch Wulkjes genannt, werden zu Seepferdchen, Häusern, Tintenklecksen, Quadraten mit Riffelmuster, Strahlen … Ihrer Phantasie sind bei der Deutung keine Grenzen gesetzt.

Kunstwerk Ostfriesentee ....

Kunstwerk Ostfriesentee ….

Sie trinken den Tee letztendlich auch schichtweise. Erst oben die Sahne, dann den kräftigen Tee und zum Schluss den Teil, der vom Kluntje ganz süß wurde.
Achten Sie stets darauf, wie Sie ihren Löffel platzieren! Daneben gelegt bedeutet es, Sie möchten noch mehr, in die Tasse gestellt signalisiert er, dass Sie nichts mehr nachgeschenkt haben möchten. Drei Tassen oder auch drei Koppkes Tee stehen Ihnen nach „Ostfriesenrecht“ zu …

Teelke mit der Tasse Tee ... Eine Skulptur von Karl-Ludwig Böke für das Teehandelshaus Bünting. Teelke befindet sich direkt gegenüber dem Coloniale-Hause in Leer

Teelke mit der Tasse Tee … Eine Skulptur von Karl-Ludwig Böke für das Teehandelshaus Bünting. Teelke, die Teebotschafterin, befindet sich direkt gegenüber dem Coloniale-Hause in Leer

Sie sehen, es geht stilvoll zu. Und es gibt sehr viel Überraschendes, Spannendes, Unerwartetes in Ostfriesland. Schöne Ortschaften, Städte wie z. B. Leer mit einem überaus sehenswerten alten Viertel und seinem Hafen.  Ostfriesland hat viel Wasser, viel Grün, viele Tiere – mit anderen Worten: viel Natur!

In den nächsten beiden Teilen der kleinen Ostfriesland-Blogserie wird es weiter um die Stadt Leer, die Umgebung mit Burgen, Wallhecken, Schafen etc., vor allem aber um Windmühlen gehen! Sie sind faszinierend, und es gibt viele hier! Wir werden auch in das Innere schauen und vielleicht bei dieser Gelegenheit gleich mehr über das Wesen der Ostfriesen erfahren. Die Klischeevorstellungen überprüfen.
Kommen Sie doch mit!
Sagen Sie nicht, Leer – pffft! Das Städtchen ist begehrt als Ziel! Nicht nur Fahrradtouristen machen hier halt. Nein, an dem Tag, als ich eintraf, statteten ihm keine Geringeren als König Willem-Alexander und Königin Máxima der Niederlande einen Besuch ab! Bei meiner Ankunft brachen sie allerdings gerade wieder auf, sodass ich bestenfalls noch die königlichen Limousinenrücklichter gesehen hätte – hätte ich mich wild entschlossen im Blitztempo durch den Ort zum Maritimen Kompetenzzentrum bewegt.
Ich wollte damit eigentlich auch nur sagen, wenn sogar die beiden vorbeischauen, dann müssen Sie schon eine sehr gute Ausrede haben, um sich hier auszuklinken. ^^

Ich lasse Ihnen auch Zeit bis zum Teil (2).  Das liegt allerdings mehr daran, dass ich leider ein weiteres Mal unterwegs bin und keine Gelegenheit zum früheren Schreiben haben werde.

Lesen wir uns? Ich wünsche Ihnen bis dahin eine angenehme Woche und werde Sie demnächst – so Sie denn erscheinen – mit einem „Moin!“ zur Fortsetzung begrüßen.

©Juni 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com -  Foto: Andreas Grav

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