Beiträge getaggt mit Wetter

„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto …“ und andere Lappalien

Michèle Legrand  @Wordpress.com

Wir sollten uns wieder einmal unterhalten. Einfach so.
Wer?
Wieso wer?   
Oh, Entschuldigung, wenn das nicht klar war.
Na, wir hier! Sie und ich!
Mit der Zeit sammeln sich doch immer kleine Dinge an, die geklärt werden sollten.
Wichtiges?  Was ist schon wichtig …
Wichtig ist subjektiv! Und letztendlich haben dadurch sogar Lappalien irgendwo ihre Berechtigung! Sonst gäbe es sie nicht. Was des einen Lappalie, ist des anderen Herzstillstand.
Eine Laufmasche zum Beispiel. Der Schweißfleck unterm Arm. Die geplatzte Bratwurst. Etwas Missverstandenes!
Lappalien sind in der Lage sich zu verändern. Sie können wachsen und schrumpfen. Nehmen an Bedeutung zu oder ab. Lappalien sind durchaus auch ätzend. Oder aber hochamüsant …

Es ist schon wieder mehr als eine Woche her, seit wir uns das letzte Mal gelesen haben. Die Ursache dafür war in nicht unerheblichem Maße das mittlerweile zur Riesenlappalie gewordene Wetter, über das zu schreiben ich partout keine Lust verspürte. Im Gegenteil, es legte mich zusätzlich langsam aber sicher lahm. Es fraß die für Blogposts reservierten Gehirnkapazitäten gnadenlos auf und beeinträchtigte die Kreativität erheblich.

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Wassertropfen am Kletterrosentrieb

Kennen Sie ihn auch?
Diesen Vorhang, der irgendwann schließlich auch in Ihnen zugezogen wird? Nicht mehr nur ein trostloser Dauergrauschleier draußen, sondern auch ein trübes, einschläferndes Grau drinnen?
Du hast den Farbfilm vergessen, mein Micha …
Vorbei. Am Mittwoch riss der Himmel endlich auf und nun geht es los!

Wolkenlos ...

Nach langen Wochen endlich einmal wieder wolkenlos …

Wir waren bei den Lappalien, und aus aktuellem Anlass picke ich mir heute – auch weil es sehr entspannend ist – eine weitere dieser relativ unwichtigen Angelegenheiten heraus.
Ich bin nämlich gerade wieder einmal, obwohl ich – rein theoretisch – vorgewarnt war, auf etwas hereingefallen und brauchte einen Moment, um die Situation richtig zu erfassen. Vielleicht sind Sie nicht so begriffsstutzig und schalten schneller.
Stellen Sie sich bitte vor, Sie befinden sich in einem der Geschäfte eines Einkaufzentrums, warten auf einen freien Verkäufer und das modische Pärchen in den Dreißigern vor Ihnen kommt nicht zu Pott.
Die Entscheidungsfindung ist das Problem. Er will was anderes als sie. Sie findet einen Haartrockner in der blauen Variante besser, er steht auf die schwarze Version. Im Gange ist eine etwas fruchtlose Diskussion.
Während ich versuche, geduldig zu bleiben und auf eine baldige Einigung hoffe, fällt folgender Satz aus seinem Mund:

„Du, denk dran, Gertrud ist allein im Auto, wir können hier jetzt nicht ewig …“

Ein Film spult ab. Das Einkaufszentrum. Sein Parkhaus. In diesem Fall eine Tiefgarage. Schwenk hinunter. Betonpfeiler, es ist kühl, dunkel, Benzingeruch dringt in die Nase, die Reste von Abgasen schwängern ebenfalls die Luft. Und dann links! Ein nicht mehr neuer dort abgestellter VW Passat mit einem aufrechten Schatten, der regungslos auf dem Beifahrersitz verharrt.
Gertrud!
Ich denke an eine ältere Dame, die man im Auto hat sitzen lassen. Der Einfachheit halber.
Komm, wir erledigen das schnell ohne Gertrud!
Ist nicht schön, ich weiß.
Vielleicht geht es schlecht mit dem Laufen. Möglicherweise kann sie die stickige Luft in den Geschäften nicht ab. Es kann auch sein, dass sie extrem anstrengend beim Shopping ist!
Drängelt vor. Droht mit dem Stock …
Man weiß es nicht.
Merkwürdig wäre es trotzdem.

Oder geht es um ein Kind?
Gertrud, wir wollen jetzt einkaufen. Steig aus!  – Nein, ich will nicht! – Komm jetzt! – Nein! (Gebrüll) –  So nicht, Fräulein, dann bleibst du halt hier!
Macht auch keiner. Das Kind im Auto deponieren.

Doch nicht etwa ein BABY?
Verwaist auf dem Rücksitz des Autos im Kindersitz angegurtet! Zurückgelassen, weil es gerade erst kurz vor dem Befahren der Tiefgarage eingeschlafen ist?
Lass Gertrud schlafen, wenn sie jetzt gleich wieder aufwacht, ist sie unausstehlich!
Nein, sehr unwahrscheinlich.
Und überhaupt! Gertrud!
Das klingt zu altmodisch für ein Baby. Andererseits … Namen wie Paul, Marie, Ferdinand, Pauline o. ä. würde auch niemand als modern bezeichnen und trotzdem sind sie en vogue und werden heutzutage gern an den Nachwuchs vergeben.

Die Angelegenheit klärt sich in diesem Moment.
„Ich hoffe, sie bellt nicht wieder die ganze Zeit“, stöhnt sie, einen der Haartrockner näher begutachtend. Sie stockt. „Oder beißt wie neulich ins Polster!“
Allein der bloße Gedanke daran, lässt die beiden zusammenzucken.
Ach, ein Hund!
Der Film reißt abrupt ab. Durchatmen. Die Aufregung war völlig überflüssig.
Menschenskind! Muss ein Hund unbedingt Gertrud heißen und einen völlig verwirren?

Sie merken, die heutige Lappalie und ihre Auswirkung ließe sich wie folgt zusammenfassen:
Wie Sie sehr schnell dumm dastehen, wenn Sie glauben, ein menschlicher Name gehöre zu einem menschlichen Wesen!
Oder Sie könnten mit etwas Wohlwollen auch noch etwas anderes darin sehen:
Wie Sie sich gelegentlich einfach über das Kuddelmuddel oder das Kopfkino amüsieren sollten, das entsteht, wenn Gegenstände  menschliche Namen tragen!
Als ich vorhin erwähnte, dass ich im Grunde vorgewarnt war, entsprach dies den Tatsachen. Erinnern Sie sich vielleicht noch an die Geschichte mit Herrn Piefke? Wenn Sie damals noch nicht dabei waren, schauen Sie doch einmal hier:
https://michelelegrand.wordpress.com/2011/07/26/heute-herrn-piefke-kennengelernt/

Mir passiert es von  Zeit zu Zeit, dass ich sehr erheitert reagiere, wenn menschliche (Vor-)namen nicht nur  im Zusammenhang mit Tieren, sondern auch mit Gebrauchsgegenständen, technischen Geräten, Möbeln oder sonstigen Artikeln meinen Weg kreuzen.Wie oft habe ich schon gegrinst, wenn ich im Baumarkt sah, dass Anke auf Dieter lag.
Fliesen, liebe Leser!
Anke ist kühl, aus Keramik. Dieter von der glatten Sorte. Gerne habe ich auch das Bild vor Augen, wenn es heißt, man könne Bert an die Wand tackern oder sich von Lilo Schatten spenden lassen (Sonnenschirm).
Es ist schön, wenn die Modellbezeichnungen nicht mehr wie früher nur aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen bestehen. Das kann sich eh keiner merken! Wie praktisch, wenn Möbelserien  und -produkte beispielsweise von IKEA, dem Vorreiter der Branche, nette, für uns oft auch lustig klingende, skandinavische Bezeichnungen erhalten. Auf diese Art war ich nämlich in Benno verknallt und schleppte ihn eigenhändig auf mein Zimmer. Ich habe ihn immer noch. Ohne Billy. Und auf Marius habe ich schon gesessen.
Selbstverständlich ließe sich das auch unter Verwendung der Bezeichnung CD-Regal 17 und Hocker 5a erzählen. Macht aber entschieden weniger Spaß.

Ich habe eine Hose, die heißt wie ich. Dieses spezielle Modell. Das habe ich erst nach dem Kauf bemerkt. Ich betrachte Michèle jetzt manchmal kritisch und ziehe ihr die Beine lang.
Blumen habe ich schon in Doris gestellt und mir an Desirée die Hände abgetrocknet.
Mit Henning habe ich jemandem komplett den Kopf verdreht. Henning ist ein Schraubenzieher.

Manche Menschen behalten die offiziell vom Hersteller verwandten Namen auch später bei. Das ist bei mir nicht der Fall. Bei mir werden Sie sehr schnell wieder zu Tisch, Gurkenreibe, WC-Reiniger oder Smartphone. Ich bin in der Hinsicht ein Langweiler. Wenn ich von meinem Auto nicht als Auto spreche, dann ist das höchste der Gefühle, dass ich alternativ seine Marke nenne.
Andere besitzen einen Wagen, eine Waschmaschine oder ein Handy und fühlen sich sehr viel wohler, wenn sie diesen Teilen von sich aus einen menschlichen Namen spendieren.
Warum?
Ich vermute, dass besonders die Gegenstände davon betroffen sind, auf die wir besonders angewiesen sind, die uns dienen, an denen wir sehr hängen, die aber oft auch sehr störanfällig sind und uns durchaus gern im unpassendsten  Moment im Stich lassen. Wenn sie dies tun, glauben viele Zeitgenossen, dass eine vertrauensvolle, persönliche Beziehung sich positiv auswirkt und dass reden helfen würde.
Unser Zureden!
Ich befürchte, dabei erleichtern wir nur uns die Situation. Wir können (ab-)reagieren, es vermittelt uns den beruhigenden Eindruck, dass wir wenigstens etwas versucht hätten.
Wir flehen sie an, wir motzen, wir versuchen sachlich zu überzeugen – und manch einer glaubt felsenfest, diese weitere Personifizierung steigere die Wirkung.
Ach, Leo, nun lass mich nicht hängen … Spring endlich an!
Die Unterhaltung mit dem alten Ford Fiesta nach einer klirrenden Frostnacht.
Hilde, was ist denn? Mach nicht so komische Geräusche!
Sie hören förmlich den sorgenvollen Unterton bei diesem Gespräch mit der Waschmaschine.
Da kriegst du doch die Krätze! Paul, du Blödmann, warum löscht du jetzt den ganzen Text!
Der Wutanfall nach einem sehr eigenmächtigen Verhalten des Rechners.

Manch Hilfeschrei wurde tatsächlich schon erhört. Meiner Erfahrung nach aber unabhängig vom Namen, der gewählt wurde. Sie hätten auch den Ford Fiesta Hilde, die Waschmaschine Paul oder den Rechner Leo nennen können. Die hören doch nicht zu.
In Wirklichkeit war es das gnädige Schicksal, das noch keine größeren Schäden vorsah bzw. bei tatsächlichen Problemen schaffte das Laden der Autobatterie, das Entfernen des Geldstücks aus der Trommel und das Deaktivieren des Touchpads eher Abhilfe als ein gesäuseltes Helmut, gib doch jetzt nicht auf!

Oh …!
Einen Moment bitte!
Nein, das kann doch jetzt nicht schon wieder … Doch!

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf ...

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Wolken ziehen auf …

 Ich sehe gerade, neue Wolken drängeln sich vor die Sonne. Tut mir leid, ich muss Schluss machen und vorher dringend noch einen Strahl erhaschen.
Susi ist sonst weg.

Bis zum nächsten Mal, und sehen Sie zu, dass Sie diese Lappalie von Freitag noch gut hinter sich lassen!

©Februar 2013 by Michèle Legrand

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Ich träume von Klatschmohnwiesen …

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Türkischer Mohn (Papaver orientale)

Er hatte immer Ende Mai Geburtstag, und ich kann mich tatsächlich nicht entsinnen, dass meine Kollegen und ich an diesem Tag jemals gefroren hätten!
Mein früherer Chef pflegte uns an seinem Ehrentag nachmittags etwas auszugeben, und jedes Mal war er wirklich lange am überlegen, ob er Kuchen oder Eis wählen sollte.
Er selbst war eindeutig und auch ganz offen ein Kuchenbevorzuger, der bei warmen, ofenfrischen Butterkuchen in Verzückung geriet und genüsslich Sahnetorte verzehrte. Nur angesichts der meist herrschenden Hitze, eishungriger Mitarbeiter und einer exzellenten Eisdiele in der Nähe, lief es doch mehrheitlich auf Gefrorenes hinaus.
Es ist leider zu früh verstorben, aber was würde er nur von dieser Veränderung halten, davon, dass man heutzutage an seinem Geburtstag eine völlig andere Wahl treffen muss.
Hühnersuppe oder Grog?
Winterjacke oder Daunenweste?
Schirm oder Regencape?
Ach, Leute, wer war das wieder? Wer hat den Teller nicht leergegessen? Wer war so miesepampig, dass die Sonne aus Protest nicht durchdringt? Wer hat sich wieder mit Petrus angelegt oder Wetten abgeschlossen, dass es kalt bleibt?
Die Eisheiligen sind schon vorbei. Der Winterschlaf der Tiere auch. Die Sommerreifen sind drauf. Die Gartenstühle stehen parat. Die Sommerkleidung liegt vorne an. Ich habe Sonnenschutzcreme im Schrank.
Die wird noch vergammeln!

Ich mag keine sich ewig hinziehenden Kälteperioden. Keine wiederkehrenden Sturzbäche von oben. Ich bin gegen Frühlingsgänsehaut. Ich kann im Mai keine Schals mehr sehen. Ich möchte Stiefeletten erst wieder im Herbst tragen. Selbst Kerzen können nicht ewig fehlendes, echtes Licht ausgleichen!
Stattdessen habe ich Lust auf das Aufblitzen der Sonne zwischen den Zweigen einer blühenden Hecke und Verlangen nach lauer Luft. Verspüre Sehnsucht nach dünnen, leichten Stoffen, die einen umhüllen. Ich möchte mit nackten Füßen über Gras laufen und die Sonne auf meiner Haut fühlen!
Regen ist gelegentlich schön, doch nicht ununterbrochen und dazu in Verbindung mit Kälte!

Manchmal schafft es ein Sonnenstrahl zwischen zwei Schauern, sich einen Weg durch die Wolkendecke zu bahnen. Von ihm lasse ich mich treffen. Am Terrassenfenster. Ich stehe drinnen wohlgemerkt! Dort ist es entschieden wärmer …
Diese Wärme dringt durch den Stoff, sie windet sich um dich herum, sie kitzelt freundlich. Das Schließen der Augen bewirkt das Wecken der (Wunsch-)Träume. Dann riecht es auf einmal nach Maiglöckchen und Waldmeister. Oder von weit her nach Damaszener Rose. Manchmal erscheinen strahlend weiße und tief purpur-blaue, manchmal bunte Blüten.
Und manchmal  träume ich … von Klatschmohnwiesen.

Mai. Los! Komm jetzt! Bitte! Der Mohn hat schon Verspätung!!

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

©Mai 2012 by Michèle Legrand

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