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He’s walking … Herr Individual geht / „wandsbek 1 – Kunst am Markt“

Bei mir findet Kunst zurzeit quasi direkt vor der Haustür statt. Falls Sie eventuell schauen wollen? So via offener Bloghaustür …? Mögen Sie eigentlich Kunst?
Kommt drauf an, lautet vermutlich Ihre Antwort. Es hängt schon einmal davon ab, was überhaupt Kunst ist.
An der Definition haben sich bereits viele versucht und dabei häufig gehörig in die Wolle bekommen.

Wenn Sie mich fragen, wann etwas den Namen Kunst verdient oder was es für mich sei, ich würde es
so formulieren:
Für mich ist Kunst nicht unbedingt das, was Kritiker in den Himmel heben, als besonders wertvoll bezeichnen oder lediglich die sogenannte Fachwelt akzeptiert.
Auch nicht das, was eine Mehrheit als Kunst deklariert.
Noch nicht einmal automatisch all das, worin der Künstler selbst voll aufging und sein Herzblut ließ. Inbrunst hin oder her. Das kann vorkommen, dass sein Enthusiasmus auch mein Enthusiasmus ist – schön, wenn alles zusammentrifft – doch es ist absolut kein Muss für meine eigene Einschätzung von Kunst.
Als Kunst empfinde ich zum einen etwas, was von jemandem hergestellt wurde, der sein spezielles Handwerk bewundernswert beherrscht und auf diese Art ganz außerordentliche Dinge schafft, die oftmals auch noch durch die besondere Idee dahinter von allem Herkömmlichen abweichen. Es kommen also besondere Ausführung und Einmaligkeit hier zusammen.
Zum anderen reizt mich gelegentlich auch allein die Idee, die jemand hat und umsetzt. In dem Fall ist es nicht unbedingt seine Kunstfertigkeit und die damit verbundene herausragende Anfertigung eines Teils, sondern eine Absicht, ein genialer Einfall, vielleicht etwas, das durch gewagte Kombination oder enormen Kontrast, unter Umständen sogar durch grenzenlose Absurdität besticht. Eine Idee, deren Umsetzung gelungen ist und deren anschließende Wirkung vor allem völlig aus der Reihe tanzt.

Wirkliche Kunst ist es somit in meinen Augen stets dann, wenn der Schaffende es erreicht, mich mit seinem Werk zu fangen. Meine Aufmerksamkeit zu erregen, sie zu fesseln. Eine Reaktion hervorzurufen. Mich wie auch immer zu berühren. Vorzugsweise löst es eine positive Reaktion aus – doch auch Skepsis oder Distanz meinerseits zu einer Sache macht sie nicht weniger kunstvoll.
Menschen und Geschmäcker sind so verschieden, wie Kunstwerke es sind. Empfinden ist nun einmal unterschiedlich, Einschätzung variiert ebenfalls, ist subjektiv. Es bleibt einfach nicht aus, dass ein und derselbe Gegenstand vom einen gelobt, vom anderen eher ignoriert oder äußerst kritisch gesehen wird. Es ist nur sehr eigenartig, wenn jegliche Regung ausbleibt, überhaupt keine Reaktion erfolgt …
Vielleicht sollte man es daher so formulieren: Das Erschaffene muss nicht nur für sich allein als bloßes Kunstobjekt (Teil) überzeugen, sondern es ist auch stets eine Kunst für sich, eine damit verbundene Absicht wirklich zu vermitteln oder überhaupt Empfindungen herauszukitzeln …

Ich lasse mich gern auf Kunstwerke ein, stelle – so möchte ich es auch hier und für das heute Gezeigte betonen – nicht das Künstlerische (Erschaffung) selbst in Frage, behalte mir aber die Freiheit vor, etwas als auf mich wirkungslos zu bezeichnen.

Mein aktueller Anlass, hier heute im Blog Kunst in den Vordergrund zu rücken, ist das Pilotprojekt „wandsbek 1 – Kunst am Markt“ – gleich bei mir um die Ecke.

Mein Stadtteil (der Bezirk), eine Vereinigung von ansässigen Geschäftsleuten und weiteren Personen aus Kultur und Politik, Sponsoren und unterstützende Firmen, der Einstellungsraum e. V., die Kulturbehörde etc. – sie haben sich darum bemüht, dass Kunst im öffentlichen Raum nicht nur – wie sonst meist – im Zentrum zu finden ist, sondern ausnahmsweise im Bezirk und zwar in einem, der damit bisher nicht sonderlich viel am Hut hatte.
Mal ein Denkmal hier, eine Büste dort, weil gerade Jubiläumsjahr ist, aber keine umfangreicheren Projekte und Ausstellungen. Wie es so ist: Kunst scheitert häufig an den Kosten oder auch an mangelnder Unterstützung bei der Durchführung und Umsetzung.
Nun hat es im Zuge des Hamburger Architektursommers, der manches möglich macht und uns Hamburgern bereits den Steinbock auf dem Kopf des Bismarck-Denkmals bescherte (siehe dazu „Sofathemen“ hier im Blog), geklappt.

Vier Installationen können während der „wandsbek 1 – Kunst am Markt“, die seit dem 8. dieses Monats und noch bis zum 31. Mai 2015 läuft, bestaunt werden. Das freut mich als in diesem Bezirk lebenden Bürger natürlich, und sobald ich das erste Mal eine Andeutung davon hörte, war die Neugier geweckt.
Ließ sich mehr in Erfahrung bringen?
Klar, ein solches Kunstprojekt hat eine Absicht, ein Thema. Dieses verständlich zu formulieren, ist komischerweise auch nach mehrfachem Lesen der dazu aufgefundenen Details nicht gerade einfach. Es geht um Spuren der (Wandsbeker) Geschichte, um die Suche sowohl Fremder als auch Einheimischer nach sinnstiftenden Orten, um die Identifikation mit einem Ort, der sich verwandelte. Um die Neuentdeckung ebenfalls. Man will sich mit der „Tiefe, Weite und der Perspektive“ eines (im Krieg) verletzten Ortes auseinanderzusetzen.
Alles klar?
Ich selbst kann es nicht richtig greifen, habe Schwierigkeiten, Konkretes zu benennen und die Worte mit Leben zu füllen. Vielleicht können es die Werke der Künstler.
Es wird weiterhin erwähnt, dass Dinge, die im alltäglichen Ablauf kaum zu fassen sind, dennoch Seelen berühren. Ob sich das auf den allgemeinen Ist-Zustand ohne Kunstwerke bezieht oder ob die Installationen das Berühren der Seelen erreichen möchten – auch das ist nicht so eindeutig.
Im Vorfeld las ich in der Regionalzeitung, dass man durchaus damit rechnet, dass die Ausstellung – oder Teile davon – eine „Provokation“ darstellen. Provokation? Augenblicklich erschien mir wieder dieser Steinbock auf Bismarcks Haupt …
Gab es noch irgendeine Information?
Als die Aktion bereits gestartet war, entdeckte ich eine – wie ich finde – klarere Aussage: Man möchte die Kommunikation in Gang bringen. Es soll zum miteinander Reden anregen.

Nun habe ich mir bewusst ausreichend Zeit genommen und die Eindrücke seit Projektbeginn zwei Wochen sacken lassen. Habe die Installationen mehrfach betrachtet, auch das Umfeld.
Nicht alles schafft es, mich zu fesseln. Sie können gern selbst einmal prüfen, ob Sie die Installationen in irgendeiner Form „bewegen“.

1) Shining Void

Es gibt eine Baugrube der etwas anderen Art. Shining Void (Glänzende Leere), so lautet der offizielle Titel des Werks der renommierten Künstlerin Christine Biehler aus Frankfurt. Zwei Meter tief, drei mal drei Meter in den Ausmaßen. Sie ist komplett mit einer Schicht Silberchrom ausgekleidet. Es heißt, ein bestrahlter Spiegel (dargestellt durch die Chromschicht von einer Straßenlaterne beschienen) wirft seine Umwelt verzerrt zurück.

wandsbek 1 - Kunst am Markt _Christine Biehler, Frankfurt a. M. - Titel_Shining Void

wandsbek 1 – Kunst am Markt / Christine Biehler, Frankfurt a. M. / Titel „Shining Void“

Nun, ich nehme die Auskleidung wahr, sehe die ebenfalls ummantelten, glänzenden Rohre und Leitungen – aber mir fehlt eindeutig die beschriebene Wirkung. Die des Spiegels (Spiegelung, Verzerrung) und die auf mich. Dass die Verchromung zudem den Aufbruch des Stadtteils symbolisieren, aber auch hinterfragen soll, ist gut zu wissen. Ebenso, dass die Wirkung des Edlen dieser Chromschicht einen Teil des neuen Wandsbeks widerspiegeln soll. Natürlich kann man es so beabsichtigen, kreieren, interpretieren und selbstverständlich, kunstvoll ist die Ausgestaltung allemal!
Nur allein – es löst nichts bei mir aus …

Die hier in Wandsbek gezeigten Installationen sollen von Passanten mehr oder weniger zufällig im Vorbeigehen entdeckt werden. Als etwas, was plötzlich von der Norm abweicht.
Bei dieser Baugrube muss man allerdings schon ziemlich hoffnungsfroh sein, dass sie jemand als außergewöhnlich wahrnimmt und als Besonderheit entdeckt. Zu gut ist sie als normale Baustelle getarnt. Rot-weiße Baustellenabsperrgitter unmittelbar am Grubenrand sichern das Loch, der Standort liegt leicht abseits der direkten Gehroute, es gibt auch nach dem Auffinden des Werks keinen Hinweis oder eine nähere Erklärung für Interessierte. Für sie bleibt es ein silbriges Loch, eine Edelbaustelle. Lediglich einige Meter weiter am Geländer zur U-Bahn, von kaum jemanden beachtet, hängt ein kleines Quadrat mit einem QR-Code zum Einscannen ins Smartphone.

Was hätte es wohl für eine Wirkung, wenn etwas auf dem Weg die Aufmerksamkeit weckte und einen zur Grube hinleiten würde? Ein Pfeil oder Fragezeichen auf dem Boden würde ausreichen.
Was, wenn das Gitter nicht rundherum gleich hoch wäre, etwas den Baustellencharakter verlöre, weniger bremste, mehr lockte?
Was, wenn die Absicht der Spiegelung vielleicht nicht nur beim Einschalten der Straßenbeleuchtung in kompletter Dunkelheit erreicht würde (wenn keiner mehr dort langkommt)?
Und wie würde sich das Erleben ändern, wenn jedem eine „Auflösung“ geboten würde, eine Erklärung , die dem Betrachter nach Entdeckung einen Aha-Effekt erlaubte …

2) 1A Wandsbek

Als zweite Installation befindet sich das Kunstwerk 1A Wandsbek von Sabine Mohr, einer Hamburger Künstlerin, etwas leichter auffindbar auf einem breiten, von ihr umgestalteten Stück Geh- und Fahrradweg an einer Straßeneinmündung. Sonst eher langweilig und starr wirkende graue Gehwegplatten erhielten ein neues Design. Eine Art versetzt platzierte Halbkreise in roter Farbe verändern die sonst herrschenden geraden Linien und rechten Winkel und schaffen lebhafte Wellenbewegungen.
Der Bezug zu Wandsbek?
„Wandsbek, nach dem Krieg in schlichter Bauweise aufgebaut, soll plötzlich durch so ein Kunstwerk interessant werden.“

wandsbek 1 - Kunst am Markt _ Sabine Mohr, Hamburg _ Titel_ 1A Wandsbek

wandsbek 1 – Kunst am Markt / Sabine Mohr, Hamburg /Titel: „1A Wandsbek“

3) Rad der Poesie

Eine weitere Installation, an der er selbst sogar persönlich mitwirkt, ist das Rad der Poesie des Hamburger Künstlers Johannes Lothar Schröder.
Er verleimt Manuskriptseiten zu einem zylindrischen Rad mit einem Durchmesser von 1,90 m. Mit diesem Rad rollt er über Plätze, Gehwege oder bei schlechtem Wetter auch im geschützten Einkaufszentrum. Er sammelt „Material“ in Form von Buchstaben und Wörtern, die sich idealerweise unter Mitwirkung vieler Menschen oder aber durch eher zufällige Umstände zu einem poetischem Text zusammenfügen. Das Rad wird nach und nach immer weiter beschriftet, jeden Tag wird aus- und vorgestellt und auch deklamiert.

wandsbek 1 - Kunst am Markt _ Johannes Lothar Schröder, Hamburg - Das Rad der Poesie

wandsbek 1 – Kunst am Markt / Johannes Lothar Schröder, Hamburg / Titel: „Das Rad der Poesie“


4) Herr Individual geht …

Was mir am besten gefällt – ich vermute, weil einfach die Reaktionen der Menschen am vielfältigsten sind und der Effekt am reizvollsten – ist eine Installation des Berliners Christian Hasucha. Der Künstler schickt seinen Herrn Individual täglich einige Zeit auf einen Spaziergang. Die Besonderheit dabei: Herr Individual, ein echtes menschliches Wesen (Carsten Weber), befindet sich währenddessen auf einem 2,40 m hohen Betonsockel. Geschätzt knappe zwei Meter Länge hat dieser maximal und ist gerade breit genug, dass oben ein kurzes, mit einem Elektromotor betriebenes Laufband eingebaut werden konnte, um dem Spaziergänger ein Wandern auf der Stelle zu ermöglichen.
Ein ungewöhnlicher Anblick! Es wirkt besonders skurril, da sich der Standort dieses Sockels mitten in einer kleinen Rabatte zwischen zwei stark befahrenen Straßen befindet. Dort macht sonst keiner Spaziergänge – und ganz sicher nicht in luftiger Höhe und auf diese Weise!

wandsbek 1 - Kunst am Markt _Christian Hasucha - Herr Individual geht ...

wandsbek 1 – Kunst am Markt / Christian Hasucha / Titel: „Herr Individual geht …“

Die Installation Herr Individual geht ist nicht neu. Seite 1987 lief (nicht immer derselbe Herr) in sieben Städten u. a. Berlin, Bochum, Bonn und Dublin! Dass jetzt hier Carsten Weber inzwischen bereits zum dritten Mal den Part des Herrn Individual übernimmt, hat er offensichtlich dem Fakt zu verdanken, dass er „so normal“ aussieht. Ein Auswahlkriterium für Christian Hasucha. Eigentlich ein krasser Widerspruch zur Individualität … – oder doch nicht?
Und die Absicht dieser Installation?
Vielleicht sagt ein Satz, der damals in Dublin fiel, etwas darüber aus:
„ …the work serves to defamiliarize the activity of urban walking and the space in which it is presented.”
Aha, sinngemäß geht es also darum zu verfremden. Sowohl die Aktivität des Spazierens als auch das Umfeld, in dem es stattfindet.

Wer die Menschen beobachtet, die an den diversen Straßenübergängen in Sockelnähe darauf warten, dass die Fußgängerampeln Grün zeigen und ihre Reaktionen mitbekommt, stellt schnell fest, dass es genau diese Installation ist, die tatsächlich Wildfremde dazu bringt, sich plötzlich miteinander zu unterhalten. Unter den vier Installationen ist sie zweifellos der Kommunikationsankurbler. Es ist inzwischen schon so weit, dass es denen, die öfter hier vorbeikommen, auffällt, wenn Herr Individual nicht läuft. Dann wird sich darüber unterhalten, wann er wohl wieder seinen Sockel erklimmt.
Es lässt sich nicht verhehlen, oft taucht natürlich auch diese Frage auf:
Und was soll das jetzt?
Die Sinnfrage sollte man bei Kunst nie stellen. Was sagt Herr Hasucha denn selbst dazu? Im regionalen Wochenblatt äußert er sich so:
„Auf jeden Fall sorgt das laufende Objekt für Irritationen im normalen Alltag. Es ist einfach schön, wenn es nicht für alles eine Erklärung hat.“

wandsbek 1 - Kunst am Markt _Christian Hasucha - Herr Individual geht ...

wandsbek 1 – Kunst am Markt / Christian Hasucha – Titel: „Herr Individual geht …“

Was halten Sie denn von alledem? Was würden Sie sich aussuchen, wenn jemand für Sie ein Kunstwerk in Ihrer Nähe installieren wollte?
Gehwegverzierung, ein edles Loch, die Poesie auf dem Rad oder das raumsparende Wandern?

Schreiben Sie es mir gern, ich sehe dann, was sich machen lässt … ^^

Sollte jemand für ein zukünftiges Projekt wandsbek 2 – Kunst am Markt  – von dem ich hoffe, dass es stattfindet! – partout griffige, auf Wandsbek bezogene Themen benötigen, hätte ich Vorschläge.
Es wäre z. B.:
… eine Zusammenkunft und ein gemeinsames Schaffen von Straßenmalkünstlern auf dem Wandsbeker Marktplatz am ZOB. Diese große, zusammenhängende Fläche – voll mit Motiven oder auch (3D-)Illusionen, die Wandsbek-Bezug haben!
… die kulissenartige Auferstehung des alten Wandsbeker Schlosses
… die Einrichtung eines Wandsbek-Kunst-Parcours
… die malerische Verschönerung der allmählich etwas angegriffen wirkenden Sitzbänke auf dem Marktplatz mit ungewöhnlichen Motiven und Farben! Eine Regenbogen-Sitzbankreihe, eine Reihe im Dominostein-Design, mit Klaviertasten oder gestreift in den Farben des Wandsbeker Wappens. Es entstünde in diesem Fall sogar ein dauerhafter Kunstgenuss! (Man sieht ja bereits jetzt bei wandsbek 1 – Kunst am Markt durch die Arbeit von Sabine Mohr, was aufgrund einer einzigen weiteren Farbe und eines Musters für eine veränderte Optik und Wirkung selbst auf simplen Gehwegplatten möglich ist.)

Wie auch immer – Hauptsache, Kunst im öffentlichen Raum findet überhaupt erneut ihren Platz. Talentierte Künstler mit Ideen, die ihre kreativen Projekte und Werke präsentieren möchten, gibt es mit Sicherheit genügend. Kunstgenießer auch.

Und wissen Sie, was wir jetzt machen? Eine kleine Kunstpause …
… die ich hiermit wieder beende, um Ihnen schöne Pfingsten zu wünschen!
Genießen Sie die freien Tage bei hoffentlich viel Sonnenschein!

© by Michèle Legrand, Mai 2015
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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