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„Kannst du auch keine Schleife binden?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comSie stiegen dazu und setzten sich mir gegenüber in der U-Bahn auf eine Zweierbank.
Zu dritt.
Großeltern plus ein in die Mitte verfrachteter kleiner Enkelsohn.
Clemens.
Ein bisschen gequetscht.

Es war früher Abend, und das leicht wirre Haar der Herrschaften, ihr etwas erschöpfter Ausdruck sowie das Stöhnen beim Hinsetzen, legten den Schluss nahe, dass Sie nicht im Aufbruch waren, sondern ihr Programm bereits absolviert hatten und nun heim wollten.
Sand an den Absätzen, ebenso an der Spitze des zusammengeklappten Stockschirms und gelb-grünliche Flecken an der Jeans des Kleinen, ließen zudem vermuten, dass sie im Park oder auf einem Spielplatz gewesen waren. Sicher hauptsächlich mit der Absicht, dem Enkel ein schönes gemeinsames und kindgerechtes Erlebnis zu bieten, aber vielleicht ebenfalls mit dem Hintergedanken: Dann ist er abends auch ordentlich müde!
Dieser Plan funktionierte definitiv nicht …!

Er hat nur zwei von drei Personen erledigt. Die Falschen. Clemens ist im Gegensatz zu Oma und Opa putzmunter.
„Kann ich stehen?“
„Nein, Clemens, bleib hier. Wir haben doch jetzt einen Platz.“
„Ja, aber ich will lieber da an der Stange stehen. Oder rumgehen!“
„Hier kann man viel besser aus dem Fenster gucken“, behauptet Opa überzeugend. Der Punkt geht an ihn. Clemens bleibt sitzen und schweigt. Zumindest einen Moment.
„Oma, das ist aber eng!“
Wie gesagt, Zweierbank …
Die Bahn rollt in die nächste Station ein. Neben mir der Platz wird frei. Der Großvater setzt sich zu mir, der Platz neben der Großmutter gehört nun dem Kleinen allein.
„Oma, jetzt habe ich ganz viel Platz. Ich mach es mir gemütlich!“
Spricht’s und zieht bereits die Beine hoch.
„Warte, dann musst du erst die Schuhe ausziehen …!“
Ihm wird kurz erklärt warum und wieso.
Opa findet die Entkleidungs-Aktion ein bisschen ungünstig und erinnert seine Frau:
„Anne, wir steigen bald aus!“
Während Clemens konzentriert mit dem Öffnen seiner himmelblauen Schuhe beschäftigt ist, raunt sie ihrem Gatten zwinkernd zu:
„Ohne Schuhe kann er schon mal nicht weglaufen …!“
„Was hast du gesagt, Oma?“
Clemens hat offenbar ein feines Gespür dafür, wann es um ihn geht.
Die Antwort bleibt aus …

Die U-Bahn fährt in Wandsbek-Gartenstadt ein. Zwei junge Mädchen, wohl gerade Teenies, beabsichtigen zuzusteigen und eilen den Bahnsteig entlang. Die eine hat einen kleinen Chiwawa an der Leine, der jedoch urplötzlich bremst und nicht mehr mit will.
Nichts zu machen!
Ein Esel könnte nicht hartnäckiger sein.
Sie hebt ihn schließlich hoch, trägt ihn eng an die Brust gedrückt, hechtet im letzten Moment in den Waggon und während die Türen hinter ihr schließen, ruft sie frustriert:
„So’n Sch…ß!“
„Was is’n?“, fragt die Freundin.
„Mein Schuh!“
Die Hundebesitzerin trägt Schlappen mit Pailletten, d. h. sie trägt einen. Der andere Fuß ist nackt.
„Der Schuh ist weg!“, antwortet sie klagend.
Der Chiwawa zappelt und will runter. Sie ist genervt.
„Mann, du …!“
Alles nur wegen dir …
Es stellt sich heraus, dass der andere Schuh in der Hetze beim in die Bahn Springen von ihrem Fuß geglitten und in den Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon geraten ist.
Gefressen wurde. Wie von einem Müllschlucker.
„Sollen wir noch einmal zurückfahren?“, fragt ihre Freundin.
Eine Dame, die neben ihnen steht und der Unterhaltung folgt, protestiert lautstark:
„Macht das nicht! Steigt bloß nicht in das Gleisbett, denn dort laufen Stromschienen! Das ist lebensgefährlich!“
„Ja, aber der Schuh …!“
„Das ist der Schuh nicht wert!“, lautet die Antwort.
Clemens verfolgt alles höchst interessiert …
Action!

Die Mädchen haben sich überzeugen lassen, kein Wagnis einzugehen.
Der Preis pro Schuh wird errechnet. Die Besitzerin muss 14 Euro abschreiben. Sagt sie.
Diese Rechnung finde ich unlogisch, denn auch den noch vorhandenen Schuh wird sie wohl nicht mehr einzeln tragen. Also sind es eher 28 Euro, die … Aber lassen wir das. Das ist Haarspalterei.
Fakt ist, auf einem Schlappen läuft es sich schlecht. Die junge Dame entledigt sich folglich auch des anderen Schuhs und steckt ihn in ihre Tasche.
Der abgesetzte Chiwawa hat indessen begonnen, seinem Frauchen begeistert die Zehen zu schlecken.
„Oma, guck mal, was der Hund macht!“
Oma schreckt hoch. Sie hat die ganze Vorgeschichte wegen akuter Müdigkeit und intensiven Dösens versäumt.
„Ja, Clemens, das Mädchen hat keine Schuhe an.“ Auf das Lecken geht sie nicht ein.
„Oma, die hat ihren Schuh verloren! Darf die jetzt mit nackte Füße gehen?“ (Die Grammatik eines etwa Vierjährigen)
Auf diese Frage reagiert der Großvater – wie er meint – beruhigend:
„Na ja, so kalt ist es ja zum Glück nicht …“
Das war unüberlegt! Das war eine nicht gut durchdachte Antwort! Denn …
„Opa, darf ich auch barfuß gehen?“
Bevor überhaupt die Chance war zu antworten, startet Clemens energisch mit dem Gezerre an seinen Strümpfen.
„Clemens!“ Oma ist hellwach. „Lass die Strümpfe an!“
„Ja, aber …!“
„Nichts aber! Wir steigen gleich aus! Wir müssen jetzt auch die Schuhe wieder anziehen.“
Ein etwas pikierter, leicht zurechtweisender Blick geht in Richtung des werten Gatten. Walter, heißt er.
Wie kannst du  nur …!
So, als hätte er Clemens mit seiner Bemerkung quasi einen Freibrief erteilt.
Da die Schuhe des Enkels beim ihm auf dem Schoß deponiert sind, folgt die Instruktion:
„Lass dir von Opa bei den Schuhen helfen.“
„Ich will aber auch mal barfuß laufen!“
„Ja, aber nicht heute.“
„Wann denn?“
„Wenn Sommer ist!“, sagt Walter und klingt entschieden.
„Und wann ist Sommer?“

Sie werden zugeben, das ist eine Frage, die sehr, sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich zu beantworten ist, und Sie werden weiterhin zustimmen, dass kleine Kinder Erwachsene – insbesondere mit der Erziehung Beauftragte – manchmal ein wenig fordern …

Sie haben alles wieder im Griff. Der Hinweis, dass sie ihm sofort Bescheid sagen, wenn es warm genug dafür ist (Sommer-Info) und ansonsten jetzt barfuß nicht aussteigen könnten und in der Bahn bleiben müssten, hat gezogen.
Clemens hat superschicke Klettverschlussschuhe.
Nur in den Schuh hineinrutschen, den Riegel überklappen. Fixieren. Fertig.
Die halten gut. Die kann man nicht so einfach verlieren.
Opa ist neidisch.
„Solche Schuhe hätte ich auch gern!“
„Warum denn, Opa?“
„Na, hör mal! Wegen der Verschlüsse! Sie gehen so schön leicht auf und zu.“
Es entsteht eine kleine Pause, in der Clemens diese Information verarbeitet.
„Ach, dann kannst du auch noch keine Schleife, Opa?“

Oma Anne grinst und wirkt zehn Jahre jünger …

Und dann steigen die drei aus.
Munter.
Alle.

@Mai 2013 by Michèle Legrand

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Das wird nie mein Hobby …!

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravHaben Sie auch manchmal den Verdacht, dass Sie Sachen tun, die Ihnen schaden könnten?
Ich rede nicht von Lastern wie Rauchen, Trinken, Fast Food verschlingen, Autowettrennen veranstalten, sich die Nächte um die Ohren schlagen, Kloppereien anzetteln, Orgien feiern etc.
Ich spreche von Tätigkeiten, die Sie als pflichtbewusster Mensch erledigen, weil Sie vermuten, dass es noch größeren Schaden verursachen würde, wenn Sie es ließen.
Tätigkeiten, die jedoch Ihrem Naturell und Ihrem Empfinden von Zeitvertreib zutiefst widersprechen. Solche, die Sie nie freiwillig oder gerne machen würden.
Ein Beispiel für eine überaus harmlose Sache wäre Bügeln.
Unnütz wie ein Kropf! Etwas, was definitiv nie mein Hobby wird!
Sie stehen sich die Beine in den Bauch, plätten wie ein Weltmeister die angeblich (haha!) bügelfreie Kleidung, ein paar Tage später ist das Zeug wieder in der Wäsche und alles beginnt von vorne. Immerhin können Sie bei diesen geistig wenig fordernden Aufgaben nebenher an anderes denken, können Pläne machen, laut Musik/Radio laufen lassen oder sogar dabei fernsehen. Der Finger, der mitgebügelt wird oder wie üblich den heißen Dampfstoß abbekommt, ist sowieso dran – selbst wenn Sie nichts ablenkt.
Und sollten Sie nicht bügeln, hat das im Grunde nur die Konsequenz, dass Sie entweder knüllig herumspazieren müssen oder die Sachen eben nicht anziehen können.
Gut, wenn Sie Familienbügler sind, droht unter Umständen noch eine Diskussion mit den Wäsche-Endabnehmern, die gern weiterhin weich gebügelte Unterhosen hätten.
Aber da stehen Sie doch drüber!

Nur gibt es leider auch die härteren Geschütze, die mit den weitreichenderen Konsequenzen. Eine dieser Tätigkeiten ist das Erledigen der Einkommensteuererklärung. Während Sie nicht unbedingt den Antrag auf Lohnsteuerjahresausgleich einreichen müssen (eigentlich die gleiche Prozedur, nur dass es freiwillig ist), sind Sie unter bestimmten Voraussetzungen jedoch gesetzlich dazu verpflichtet, einmal jährlich bis zum 31. Mai eine Einkommensteuererklärung abzugeben.
Wehe nicht!  (Sie erinnern sich, dass ich die Schadensabwägung erwähnte)

So sitzen jedes Jahr Ende Mai, dann, wenn es sich nicht mehr länger hinausschieben lässt und der Abgabetermin drohend näher und näher rückt, Leidensgenossen über das gesamte Bundesgebiet verteilt an ihren Schreibtischen. Raufen die Haare oder wischen die Glatze ab, jammern, stöhnen und fluchen über das, woran sie arbeiten. Beweinen ihre vergeudete, ihre verlorene Zeit!
Wegen STEUERSACHEN!
(Ich würde gerne diese wilden, unleserlichen, aber überaus kraftvollen Zeichen von Abneigung hinzufügen, die meist in Comics in einer Sprechblase auftauchen, sobald der Held frustgeschüttelt ist).

Werde ich mich je damit anfreunden?
Ich vermute, auch dies wird in diesem Leben kein Hobby mehr von mir werden.
Ich habe immer das Gefühl, Steuererklärungen schaden meinem Hirn.
Das ist natürlich nur eine These, aber vieles spricht dafür.
Seit Jahrzehnten kümmere ich mich als braver und ehrlicher Bürger selbstverständlich ungeachtet dessen weiter um diesen elenden Formularwust und halte mich über Änderungen auf dem Laufenden.
Und Änderungen gibt es laufend!
Doch würde ich streiken, wären die tatsächlichen, persönlichen Auswirkungen mit Sicherheit gravierender als die lediglich angenommenen Hirnschädigungen.
Ist es nicht erstaunlich? Es hieß immer, es wird alles vereinfacht, es wird weniger, es passt bald auf eine DIN A4 Seite.
Ach, was! Auf einen Bierdeckel!
Das war es doch, was diverse Damen und Herren (Friedrich Merz, Petra Perle, Paul Kirchhof und Herr Westerwelle) immer propagierten.
Komisch, mein Packen wird immer dicker, der Aufwand mehr nicht weniger …
Bierdeckel!
Wir sind weit davon entfernt!
Doch was soll’s. Wir arbeiten uns durch, bleiben ganz cool, wenn sich wieder die Voraussetzungen, Regeln und Grenzbeträge geändert haben, reagieren gelassen auf zusätzliche Wünsche, atmen nur kurz durch, wenn natürlich die Formularpunkte im Vergleich zum Vorjahresvordruck leicht abweichend angeordnet sind, versuchen in der Anlage so zu formulieren, dass alles glasklar ist und keine Missverständnisse entstehen oder Rückfragen kommen. Wobei die manchmal trotzdem kommen, weil das Glasklare gar nicht gelesen wurde.
Ansonsten klappt jedoch alles hervorragend, und ich bin bester Stimmung.
Warum?
Nun, erstens bekommt man es quasi bezahlt – in Form einer Rückzahlung später im Jahr.
Und zweitens – und das ist mir im Augenblick wichtiger – bin ich fertig damit!
Ja!
Finito! Ende! Aus!
Ruhe im Kasten.

Der Blog ist wieder dran!

Und jetzt kommt mein Hirnschaden …

Ich bekomme nichts auf die Reihe!
Ich habe zwar immer noch – recht grob – Ideen, was Themen angeht, aber meine „Schreibe“ ist blockiert. Ich formuliere bürokratisch! Ich habe Steuertermini im Kopf! Da rotieren so einige Begriffe, selbst nachts!
Das ist, als wäre dort oben ein Nest, und der Geier kreist und kreist und will auch noch brüten!
Es lässt mich irgendwie nicht los.
Das ist schockierend! Sie setzen sich hin, wollen beginnen und sehen im Geist nur die Anlage AV und  unzählige andere Formularbögen. Sie möchten  entspannt etwas erzählen (in diesem Fall Ihnen), Fotos zeigen, von Schönem berichten, bloß schreiben Sie so, als sei am anderen Ende das Finanzamt! Sie schreiben schwarz-weiß, nicht bunt. Genormt, nicht eigenwillig. Gehemmt. Angestrengt. Unspontan.
Hirnschaden halt.

Als ich bemerkte, dass sich nichts erzwingen lässt, habe ich zur Ablenkung erstmals wieder einen Blick nach draußen geworfen und bin fast umgefallen! In den Tagen, in denen ich mich in jeder freien Minute ins Kämmerchen zum Pflichtprogramm zurückgezogen hatte, wuchs im Garten ein Urwald heran!
Als Kurprogramm für mein Hirn habe ich Rasen gemäht, und dabei kam mir die durchaus nicht neue Erkenntnis, dass der Mensch immer erst loslassen muss! In meinem Fall alles aus dem Bereich Steuern. Er muss mit etwas abschließen, bevor er sich unbelastet neuen Dingen zuwenden kann. Manchmal muss er noch einmal abschließend darüber reden, Ballast abwerfen.
Das habe ich hiermit getan.
Sie verzeihen mir, dass Sie heute meine Gesprächsgruppe und die Reha-Abteilung sind, aber anders ist dieser Steuerfluch nicht zu überwinden.

Falls Sie momentan über Ihrer – womöglich ebenfalls hirngefährdenden – Steuererklärung hocken, biete ich Ihnen an, auch für Sie Fluchbekämpfung und Reha bereitzuhalten, wenn Sie so weit sind und es benötigen.
Melden Sie sich einfach zum Ballastabwurf!
Und sollte  bei Ihnen inmitten der Formulare und Belege gerade das große Heulen angesagt sein, habe ich für Sie als Retter den Taschentuchbaum. Zupfen Sie sich eins … Es ist genug Nachschub da!

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum,  Davidia involucrata) - Stadtpark - 23.05.2013

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum, Davidia involucrata) – Stadtpark – 23.05.2013

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum,  Davidia involucrata)

Taschentuchbaum (auch Taubenbaum, Davidia involucrata)

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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„Stellen Sie sich jetzt doof?“

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch fahre auf den Aldi-Parkplatz, zu dem es zwei Zufahrten aus unterschiedlichen Straßen gibt. Wie üblich gilt auf solchen Plätzen die Straßenverkehrsordnung.
Rechts vor links.

Man sieht ihn nicht kommen. Er fegt mit seinem Polo von links – aus der anderen Zufahrt – heran, hat mich durch ein Eckgebäude ebenso wenig im Blick, heizt ungeachtet dessen weiter. Aldi, ich komme!
Kreuzt meinen Weg. Zieht haarscharf an meiner Motorhaube vorbei.
Raubt mir die Vorfahrt!
Er stockt erst, als alles zu spät gewesen wäre, hält gut 20 m weiter.
Ich habe noch bremsen können.
Hole tief Luft.
Mann, Mann!
Die Hupe bringt hinterher auch nichts mehr, also habe ich’s gelassen.
Was soll’s, ist eh alles vorbei.
Nichts passiert …
Verdammt! Erschrocken habe ich mich!
Und mein Magen rebelliert gerade durch die eigene abrupte Bremsung. Ich fahre in die nächste Parklücke.
Er hat sich wohl auch verjagt, denn er sammelt sich noch einen Moment. Verharrt unschlüssig mit seinem Auto im Mittelgang und blockiert allen den Weg. Nicht lange, dann setzt er sich wieder in Bewegung, dreht und rollt – nun im Schneckentempo – auf den Platz direkt neben mir.
Och, nö …! Was wird das denn jetzt?
Nun, ich könnte ihm ein paar Takte erzählen …
Ach,vergiss es – ist doch vergebene Liebesmüh. Der Schreck reicht ihm vielleicht auch schon.

Als ich meine Tasche aus dem Kofferraum hole, steigt er langsam aus. Vor sich hinbrütend. Und dann spricht er dumpf diesen intelligenten Satz:
„Wenn Sie jetzt in mich hineingekarrt wären, hätten Sie ja auch noch Recht gehabt!“
Bitte wie?
„Oh, hat man das Recht zum Hineinkarren?“, frage ich ihn.
„Ja, nicht so….! Ich meine …“
Ich habe ihn schon verstanden, doch ich finde, dass ich nach dem Schrecken ein bisschen Triezen und vorgetäuschte Blödheit guthabe.
„Ich hätte gedurft?“
„Nein, nein!“, haspelt er eilig, „ich wollte sagen …“
„Sie meinten, Sie hätten es heute verdient?“
„Nein!“ Er ist genervt. „Ich wollte doch nur damit sagen …“
Dann endlich geht ihm ein Licht auf. Vielleicht hat er das minimale, amüsierte Blinzeln bei mir bemerkt. Ihm schwant, dass bei Blonden Dummheit manchmal auch nur gespielt sein könnte.
Nur – es ist halt lediglich eine vage Vermutung!
Er jedoch möchte Gewissheit.
Deshalb folgt in Form einer Frage eine weitere intelligente Glanzleistung:
„Stellen Sie sich jetzt doof?“
Oh, Gott!
(Mal ehrlich, müssten Sie das jetzt noch fragen?)
Das Teufelchen in mir hat mittlerweile genug gespielt. Irgendwie ist die Luft heraus. Ich beschließe, es zu beenden.
Ich beantworte seine Frage also mit ja und ergänze:
„Weil ich nicht in Sie hineingekarrt bin, bin ich im …, habe ich … Sie wissen schon … Das mit dem Recht. Dann ist Veräppeln und Dooftun rechtens.“
Er lässt es sich durch den Kopf gehen, und da das länger dauert, gehe ich.
Entschwinde mit dem Gefühl, dass wir irgendwie doch in Frieden geschieden sind.
Er lächelte zumindest etwas – wenn auch verunsichert.

Zwischendurch sah ich ihn im Laden beim Einkaufen wieder. Manchmal kreuzten sich unsere Wege in einem der Gänge. Er schaute jedes Mal zu mir hinüber. Erst verlegen, später verschwörerisch grinsend.
So, als hätten wir jetzt zusammen ein ganz großes Geheimnis …

©Mai 2013 by Michèle Legrand

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„Ich zahl’!“ – „Nein, ich!“ – Das anstrengende Leben eines Kellners

Wissen Sie, mitten im Alltag spielen sich manchmal seltsame Szenen ab.
Vor Ihren Augen!
Sie können es nicht ignorieren, und Sie kommen gar nicht umhin, in irgendeiner Form darauf zu reagieren, Anteil zu nehmen. Plötzlich ist der Moment da: In Ihnen kriecht ein gewisses Mitgefühl hoch. Für Menschen.
Oh, nicht für alle!
Nein, nur für diejenigen, die anderer Leute Gedöns ausbaden oder – zumindest kurzzeitig – ertragen und dulden müssen. Und denen es leider ihrerseits nicht immer möglich ist, so zu reagieren und zu kontern, wie sie es gerne würden …
Ein Beispiel vom Freitag:
Michèle. Gedanken(sprünge) - 06. Mai 2013 - Blog - Geschichte

Die beiden Frauen – etwa Anfang dreißig – sitzen bislang einträchtig beisammen und während sie relativ laut miteinander plaudern, löffeln sie genussvoll ihr Eis. Der Kinderwagen ist direkt neben dem Tisch abgestellt und das Baby, das in ihm liegt, beginnt netterweise erst in dem Augenblick mit seinem Gebrüll, als der Fruchtbecher der einen, der brünetten jungen Frau (offenbar seine Mutter) komplett geleert ist.
Beide, auch die auffällig hellblonde Freundin, richten ihre Aufmerksamkeit auf den Säugling.
Das noch recht „neue“, winzige, aber dafür schon ziemlich Rabatz veranstaltende Baby, wird aus seinem Gefährt gehoben. Es hört fast augenblicklich auf zu weinen und schmatzt nun trocken vor sich hin.
Ganz eindeutig: Es hat Hunger! Und zwar jetzt!
„Willst du hier …?“, fragt die Freundin skeptisch.
Es geht ums Stillen.
„Ja, klar, er lässt sich doch jetzt nicht mehr hinhalten!“
„Er“ sieht das auch so.
Das Baby sucht bereits intensiv nach der Nahrungsquelle und nimmt vorerst mit dem nackten Oberarm seiner Mutter vorlieb – wohl, weil er ihn gerade zufällig vor der Nase hat. Es wirkt, als würde er gierig hineinbeißen, zumindest irgendwie andocken und gleich darauf dringen Sauggeräusche herüber. Das Gesicht verzieht sich, als der Kleine merkt, dass Arm eben nicht Brust ist und es mit der Milch nicht klappt. Augenblicklich wird die Sirene wieder angestellt.
Inzwischen ist jedoch alles vorbereitet. Er wird in die richtige Richtung gelenkt, es kann losgehen.

Der Freundin ist es weiterhin ein bisschen unwohl. Sie schaut sich um, ob jemand vom Stillen Notiz nimmt. Oder daran Anstoß nimmt!
Warum sollte das jemand tun? Zumindest hier, in diesem Fall. Man sieht doch nichts!
Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen …
Es dauert weitere zwei Minuten, bis sie sich merklich entspannt und die unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen wird – solange, bis ihr nach nur drei Sätzen einfällt:
„Willst du nicht ein Glas Wasser dazu?“
„Ne, lass man …“, erwidert die Stillende.
„Warum denn nicht? Das kriegst du hier umsonst. Leitungswasser, meine ich.“
„Nein, nein, ich trink später etwas …“
Kurze Pause.
„Ich kann den Kellner wirklich fragen …!“
„Nein! Nicht nötig. Ich sagte doch: ich möchte nicht!“
Sie hat die Stimme etwas erhoben. Das Baby ist irritiert und hört auf zu saugen.
„Dann eben nicht!“
Die Blonde wirkt leicht beleidigt. „Ich dachte ja nur …“
Eine kurze, unangenehme Pause tritt ein. Man sortiert sich.
Ein neuer Anfang.
„Ich glaube, ich trinke aber noch einen Espresso“, verkündet die Freundin.
„Ja, mach doch“, sagt die Brünette beim Stillen, „das dauert hier eh noch ein Weilchen.“

Es wird dem Kellner gewunken. Er nähert sich, lächelt, möchte wissen:
„Hat es Ihnen geschmeckt? Darf es noch etwas sein?“
Sie geht jedoch auf seine erste Erkundigung nicht ein, sondern ordert nur den Espresso und mit besorgten Blick Richtung Mama und Baby folgt die Frage aller Fragen:
„Willst du nicht doch ein Wasser?“
Die junge Mutter schüttelt energisch den Kopf.
Ihre Freundin wendet sich wieder dem Kellner zu.
„Ein zusätzliches Glas Wasser, bitte. Leitungswasser.“
Der Kellner ist verwirrt, denn Kopf von links nach rechts bewegen, heißt bei ihm nein. Er hakt folglich nach:
„Möchten Sie selbst zum Espresso ein Glas Wasser?“
„Nein, das ist für meine Freundin.“
„Aber ich will doch gar nicht …!“, braust diese auf.
Der Kellner verzichtet auf die Fortsetzung der Unterhaltung und geht. Bringt kurz darauf mit dem Espresso vorsichtshalber doch ein Glas Wasser. Sein Blick ist betont nichtssagend. Er stellt das Glas genau in die Mitte zwischen die beiden.

Die Stimmung ist etwas abgekühlt. Das Gespräch will nicht mehr so recht in Gang kommen.
Während für das Baby Seitenwechsel ansteht und es an der anderen Brust angelegt wird, ist die Brünette dabei einen Moment abgelenkt. Die Blonde schiebt das Glas unauffällig näher zu ihr hin. Unbewusst greift die Freundin kurze Zeit später danach. Trinkt gedankenverloren einen kleinen Schluck.
„Siehst du!“, erklingt es triumphierend, „wusste ich’s doch, dass du eigentlich Durst hast! Ist auch besser – beim Stillen soll man trinken!“
„Stillst du oder still ich? Außerdem habe ich vorher genug getrunken!“
Nun geht es eine Weile ziemlich laut um die nötige Menge Flüssigkeit, die man zu sich nehmen sollte. Überhaupt und im speziellen Fall.

Der Kellner hat ihre Plätze im Auge. Die Leute an den Nachbartischen fühlen sich bereits leicht gestört.
Die Blonde ist der unumstößlichen Ansicht, dass die Freundin garantiert zu wenig getrunken hat. Die Diskussion geht weiter. Es folgt der Vorwurf an die junge Mama, dass sie unvernünftig wäre. Und undankbar. Sie, die Freundin, würde sich ja schließlich nur um sie sorgen.
„Das lass mal meine Sorge sein“, lautet die genervte Erwiderung. „Und ich will sowieso nicht dieses abgestandene Wasser, das hier vielleicht schon ewig offen in der Karaffe herumsteht. Nachher hat das Keime!“
„Das hat doch keine Keime!“
„Woher willst du das denn wissen? Ich WILL das Wasser nicht!“
„Sag das doch gleich!“, blafft die Blonde.
Die junge Mama ist einen Moment sprachlos.
Dunkle, drohende Wolken sind aufgezogen und hängen gerade tief über den Freundinnen. Es herrscht weiterhin gefährliche Stille, in die nur das Baby sorglos hineinschmatzt.

Fünf Minuten vergehen. Der Kleine ist nun satt, der Espresso mittlerweile ausgetrunken.
Das Glas Wasser rührt keiner mehr an. Aus Prinzip.
Es herrscht Aufbruchstimmung.
„Wir möchten zahlen!“, klingt die Stimme der Brünetten durch den Raum.
Der Kellner nickt – fast erleichtert – aus der Entfernung und trägt zunächst noch Bestellungen aus – schon vorbereitete Eisbecher, deren Inhalt sonst schmelzen würde. Seine Erleichterung kam leider eindeutig zu früh.
Es entsteht gerade eine gewisse Hektik am Tisch. Beide nesteln nach ihren Portemonnaies. Sie, mit dem Baby noch auf dem Arm, hat es einhändig eindeutig schwerer. Beide holen Geld hervor. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich, denn hier bezahlt häufig jeder für sich.
Der Ober ist eingetroffen und stellt die wichtige Frage:
„Zusammen oder getrennt?“
„Zusammen!“ Einstimmig ertönt dieses Wort aus den Kehlen der beiden Damen.
„14,30 Euro bekomme ich dann bitte von Ihnen!“
Zwei Hände werden ihm forsch entgegengereckt. Die Brünette und die Blonde fuchteln beide mit je einem 20-Euro-Schein vor seiner Nase herum.
„Ich zahl’!“
„Nein, ich!“
Die junge Mutter ist erbost. „Ich bin dran!“
Die blonde Freundin kontert resolut: „Kommt überhaupt nicht in Frage! Diesmal zahle ich!“

Wir erleben eine hitzige Debatte, das Revue passieren lassen diverser vorangegangener Cafébesuche, die mühsame Aufzählung wer wann bezahlt hat. Es ist ein leider vergeblicher Versuch, den aktuellen Zahlwunsch zu rechtfertigen – geschweige denn zu klären! Keine will nachgeben oder einsehen, dass – gehen wir vom Gerechtigkeitsprinzip aus – vielleicht tatsächlich die andere heute dran sein könnte.
Zwischendurch entsteht leichtes Geschubse, immer dann, wenn eine ihre Hand mit dem Geldschein wieder zwei Zentimeter näher beim Kellner platziert hat. Der Vorteil muss selbstverständlich sofort ausgeglichen werden.
Dem Kellner ist unbehaglich. Er weicht leicht zurück.
Das anfängliche Gezischel ums Bezahlen  ist mittlerweile wieder übergegangen in lautstarkes Meckern. Das Baby reagiert auf die gereizte Situation. War es eben noch satt, entspannt und angenehm ermüdet – so ist es jetzt alarmiert und stimmt  Geheul an, das schnell an Intensität zunimmt.
Die junge Mutter hält inne. Ihre Lippen sind zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Der Laune und Aufgebrachtheit entsprechend, wird das Baby relativ energisch über die Schulter „geworfen“.
„Da siehst du, was das alles bringt!“, giftet sie die andere an.
Die Freundin ist sauer.
„Ach, jetzt ist das meine Schuld!“
Der Kellner konnte immer noch nicht abkassieren.

In diesem Moment steuert eine Dame den Tisch an – vermutlich die Mutter einer der beiden jungen Frauen. Sie spricht sie namentlich an, schäkert mit dem weiterhin quakenden Baby. Sie beschließen,  dass sie jetzt alle zusammen heimfahren könnten.
Und der Kellner wartet immer noch …

Die Dame erkundigt sich  harmlos:
„Ihr seid hier grad fertig?“
„Wir haben noch nicht bezahlt“, kommt es etwas gepresst.
„Dann macht mal hin! Der Kleine scheint keine große Lust mehr zu haben.“
Von der Lust des Kellners ist nicht die Rede, auch nicht davon, dass er möglicherweise noch anderes zu tun hat.
Die Mädels kuschen. Warnende Blicke werden untereinander ausgetauscht.
Keine sagt einen Mucks.
Mit irgendeinem der beiden Geldscheine wird bezahlt. Die Blonde steckt sämtliches Restgeld ein, selbst den nicht genutzten Zwanziger der Freundin. Hat quasi bezahlt, aber das Geld erstattet bekommen …
Zündstoff für daheim! Mit Sicherheit geht der Streit dort weiter – oder startet spätestens beim nächsten Eiscafébesuch erneut.
Mir tut jetzt schon der jeweilige Kellner leid …

Kellner haben ein ziemlich anstrengendes Leben!
Das stelle ich immer wieder fest, denn ich habe schon reichlich merkwürdige Szenen in Lokalitäten unterschiedlichster Art miterlebt. (Ja, sicher, auch Kunden leiden gelegentlich – das ist ein anderes Thema).
An dem Ort des Geschehens vom Freitag gönne ich mir häufiger einen Kaffee und unterhalte mich ab und zu mit den Angestellten. Mich hat die Passivität des Kellners etwas verwundert. Ich spreche daher die Bedienung bei meinem nächsten Besuch auf die Situation vom Vortag an:
„Ich habe gestern Ihre Ruhe bewundert. Erst die Wasseraktion,  dann die anhaltenden, lautstarken Diskussionen,  letztendlich das Bezahldrama. Was machen Sie in so einem Fall?“
„Ich weiß es nicht“, sagt mir der junge Mann und schaut unglücklich. Ihm gingen tausend schlaue Sachen durch den Kopf, aber letztendlich halte er sich zurück.
Er verwendet mir gegenüber nicht diesen unsäglichen Begriff vom Kunden, der immer König sei. Er sagt es anders. Er traue sich nicht, weil „der Kunde schließlich mit Vorsicht zu behandeln ist – genau wie mein Job …“ Man wüsste ja nie, was daraus werde.
„Daraus?“
„Na ja, aus der Situation. Die, die hier so etwas veranstalten, sind leider häufig auch diejenigen, die sich schnell fürchterlich mit dem Angestellten anlegen, sobald er sich einmischt. Selbst, wenn er höflich ist und nur schlichten will! Recht machen kann man es dann sowieso nicht. Das ist extrem anstrengend! Sie werden ausfallend und nach so einer Auseinandersetzung beschweren sie sich dann obendrein noch beim Chef.“
Eine Kollegin wäre daraufhin schon einmal den Job losgewesen.
Aha, der Kunde randaliert und der Angestellte muss die Sachen packen …

Natürlich ist dem Kellner klar, dass er (theoretisch) bei einer Bezahlstreiterei anbieten könnte:
„Soll ich gleich noch einmal wiederkommen?“
Er könnte sogar einfach fordern:
„Entscheiden Sie sich jetzt bitte!“
Oder erklären:
„Da Sie sich nicht einigen können, werde ich bei Ihnen getrennt abrechnen.“
Doch er sagt nichts von alledem.
Er wartet einfach nur ab.
Schweigt.
Denkt an den Job.

Er hat er mein Mitgefühl!
Ich kann sein Verhalten nicht uneingeschränkt gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen. Schwierig wäre es geworden, hätten sich noch weitere  Gäste eingemischt und aufgeregt. Hätten gefordert, der Kellner möge doch endlich für Ruhe sorgen.
Passivität schützt nicht immer vor Eskalation, Aktivität kann etwas schon in andere Bahnen lenken.
Doch bin ich er? Bin ich in seiner Situation?
Nein.

Ach, ich habe beschlossen, er sollte im Grunde genommen in einem solchen Fall beide Geldscheine einsacken und aus erzieherischen Gründen zweimal kassieren!
Denn es ist neben dem Service und  allem anderen nicht auch noch sein Job, Schiedsrichter zu spielen oder Lösungen für kindische Erwachsene zu finden.

Und er sollte grundsätzlich einen Chef mit Menschenkenntnis haben.

©Mai 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand (WordPress)

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Torben und Lisa

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) - April 2013Stielaugen, Aufregung, Rotwerden … alles war dabei.
Ich möchte Ihnen heute von einer Szene erzählen, bei der ein männliches und ein weibliches Wesen das erste Mal und obendrein offenbar ungeplant aufeinandertrafen.
Und eine gewisse … Anziehung da war.
Kennen Sie, oder?
Wahrscheinlich haben Sie es auch schon einmal mitbekommen.
Ich habe es nach meinen Wochenend-Besorgungen im EKZ erlebt, als ich dort einen Kaffee in Eiscafé trank.

Zwei Tische weiter saß Torben (den ich der Einfachheit halber  hier so nenne). Torben hatte übrigens bereits eine ihm sehr zugewandte weibliche Begleitung dabei. Sie trank Latte Macchiato, er stocherte in einem Glaskelch, der vor ihm stand. Besser gesagt, er rührte in den Resten der Eiscreme, die bereits zu Soße geschmolzen war.
Seine Begleiterin war attraktiv, aber älter als er, reifer. Er schien sich nach dem zu richten, was sie ihm sagte, hielt sich zumindest meist an ihre Anweisungen. Viel zu Wort kam er nicht, doch es wirkte, als würde es ihn nicht besonders stören. Vielleicht war er sowieso nicht der Redseligste.

Auf einmal erklang von der Rolltreppe her ein glockenhelles Lachen. Ein lebhaftes weibliches Wesen, jung, blond, wirklich nett anzuschauen, steuerte das Eiscafé an. Sie in Begleitung eines ihr hinterher eilenden, beladenen Herrn.
Die entzückende Lisa (so heißt sie der Einfachheit halber) kümmerte sich herzlich wenig um den abgehängten Hünen. Sie hatte ganz offenbar Eisgelüste, und auf der Suche nach einem Sitzplatz,  schweifte Ihr Blick über die Tische, Sitzbänke und Stühle, bis er plötzlich an Torben hängenblieb.
Sie stoppte abrupt.
Schaute ihn an. Anfangs beinahe verblüfft, den Mund leicht geöffnet.
Einen Moment später musterte sie ihn intensiv und zeigte dabei ganz unverhohlen ihr Interesse.
Störte sich nicht im Geringsten an seiner Begleitung …

Er hatte sie ebenfalls bemerkt. Auch ihm fiel es schwer, sich wieder von ihr loszureißen. Torben wurde zudem zunehmend unruhig. Irgendwann schaute er prüfend auf seine Begleitperson und entschied, es darauf ankommen zu lassen.
Er lehnte sich weit vor und fixierte mit seinen immens blauen Augen ungeniert Lisas Gesicht, ihre Haare …
Sie beobachtete ihn mit ihren wachen Augen.
Beide schienen  nichts anderes mehr wahrzunehmen …

Nach geraumer Zeit des verzückt Anstarrens, lächelte sie leicht und begann mit dem Finger in eine ihrer goldenen Haarsträhnen Locken zu zwirbeln.
Es musste ihn wuschig gemacht haben, denn er errötete leicht. Offenbar hatte Torben sich auch verschluckt, denn es folgte ein kurzer, unvermuteter Hustenanfall. Das Rot der Gesichtshaut wurde intensiver.
Der Anfall war bald vorbei, doch fehlten ihm die Worte, weshalb er zur Ablenkung sein Hosenbein zurechtzupfte. Er zog es ein doch beachtliches Stück höher, woraufhin sein Faible für modische Outfits sichtbar wurde. Er trug farbenfrohe, gestreifte Strümpfe.
Sie beobachtete es fasziniert.
Sah ihn unverwandt an.
Lächelte ausgiebig. Steigerte das Lächeln noch in seiner Intensität!
Reagierte überhaupt nicht auf die Zurufe ihres Begleiters.
Mein Gott, sie strahlte ihn an!
Torben konnte es kaum fassen!
Sie meinte ihn!
Erneut beugte er sich so weit vor, wie es nur ging und fegte dabei beinahe sein Kelchglas vom Tisch.
Es war willenlos!
Er konnte seine Beine nicht mehr ruhig halten! Er hatte seine Arme nicht mehr unter Kontrolle!  Sie ruderten wild umher, die Frau an seiner Seite musste etwas in Deckung gehen.

Die aparte Lisa war inzwischen direkt am Tisch angekommen, stand unmittelbar neben ihm. Mittlerweile schien sie sein weit hochgezogenes Hosenbein zu irritieren. Vielleicht war sie auch kein Freund von kräftigen Farben und Ringelmustern.
Also zog sie es wieder herunter.
Er beobachtete sie dabei und ließ es geschehen.
Danach piekste sie ihn mit ihrem Zeigefinger ein wenig in seinen Oberschenkel.
Torben stutzte leicht. Er schien zu überlegen.
Plötzlich griff er zu und zog sie recht entschlossen an den Haaren etwas dichter zu sich heran.
„Torben, lass das! Du darfst das Mädchen nicht an den Haaren ziehen! Das tut ihr weh!
„Da-da-hadda, habba …?“
„Nein!“
Die aufgeregte Stimme seiner Begleitung duldete keine Diskussion. Mama hatte nein gesagt!
Die ganze Zeit hatte sie Torben auf dem Schoß gehalten, was einem kleinen Nahkampf nicht unähnlich gewesen war. Sie hatte einen Absturz vermeiden können, ebenso Glasbruch, aber nun wurden ihr die Zappelei ihres Sprösslings und sein glutvolles Begehren doch zu viel. Bezahlt hatten sie schon. Sie rüstete sich zum Aufbruch, stülpte ihm kurzerhand die Wollmütze über und griff entschlossen nach seinem bunten Anorak …

Die Gegenseite war auch der Ansicht, genug Kennenlernzeit gewährt zu haben. Der Hüne rief:
„Lisa, komm jetzt weiter, der kleine Junge geht gleich mit seiner Mutter nach Hause. Und wir wollen Eis bestellen!“
Ein letzter Blick von Torben zu Lisa.
Ein letztes Lächeln von Lisa.
Pieksen und an den Haaren ziehen waren vergeben und vergessen.
Trotz allem ging es nun um das Setzen von Prioritäten. Für Lisa hieß das mit Papa Eis aussuchen, für Torben mit Mama Rolltreppe fahren.

Vielleicht treffen Sie wieder einmal aufeinander.
Bald oder … Nehmen wir einmal an, sie träfen sich in 15-20 Jahren!
Wie es dann wohl ablaufen würde?

Anstarren, lächeln, rot werden, Haare zwirbeln, Hustenanfall?
Klingt realistisch. Es wird wohl gar nicht so viel anders.
Die Bewegungen wären weniger stürmisch.
Es würde ohne Eltern ablaufen.
Und sonst?

Das Eis wird irgendwann völlig uninteressant und auch die Rolltreppe verliert jegliche Attraktivität …
Sage ich.
Aus Erfahrung.
Kennen Sie auch, oder? ^^

©April 2013 by Michèle Legrand
Herzen

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Geruch, Geräusch oder auch das Ding … Zack! Zurückversetzt!

Kunst mit Hagebutte im Winter ...vergänglich

Kunst mit Hagebutte im Winter …vergänglich

Es gibt etwas, was uns Menschen recht zuverlässig und schnell in die Vergangenheit beamen kann.
Ein Gerät? Eine Neuerfindung?
Nein, an technischem Schnickschnack wird noch geforscht und gefeilt. Doch es geht auch wesentlich simpler.
Tomatensaft. Nelkenseife. Hagebutten. Bier. Schweiß. Gemähtes Gras … Das wären jetzt meine persönlichen Beam-Mittel. Zumindest einige davon.
Und Ihre?
Sie kennen die Situation mit Sicherheit auch: Von irgendwoher dringt unvermittelt ein Geruch, der bei Ihnen etwas auslöst. Sie bleiben stehen und schnuppern. Wollen mehr davon! Oder – ganz im Gegenteil – Sie beschleunigen und versuchen dabei krampfhaft, die Luft anzuhalten.
Da ist ein Gefühl!
Bilder kommen hoch!
Geräusche …, Empfindungen …, Erinnerungen!

Wenn Sie und dieser Geruch zusammentreffen, geht es nicht wie üblich darum, kurz und recht objektiv zu entscheiden, ob Sie dies im Moment als Duft oder eventuell als Gestank, sprich als angenehm oder abartig empfinden.
Sobald Sie ein solch spezieller Geruch erwischt und er offensichtlich bei Ihnen eine Erinnerung auszulösen vermag, läuft das weitere Programm automatisch ab. Ihre heutige, bewusste Beteiligung ist abgestellt – zumindest vorerst massiv unterdrückt.
Vielleicht kommt ein überaus starker Wille danach wieder durch, reißt das Ruder an sich, doch zuallererst, spontan, verknüpfen Sie – wie unter Zwang – diesen Geruchseindruck mit etwas, was Sie in früheren Zeiten erfahren haben.
Sie haben aufgrund der Sinnesreaktion eine Assoziation und rufen ein dazu passendes Erlebnis auf. In Bruchteilen von Sekunden ist alles da – bevor Sie nachdenken und rational reagieren können!
Vielleicht ist dieser Geruch zudem für heutige Zeiten auffällig, weil untypisch und wenig verbreitet. Ungewöhnliche Essensgerüche, der Duft einer altmodischen Blume, selten verwendete Inhaltsstoffe in Reinigungsmitteln oder etwas, das in Textilien haftet, eine besondere Seife mit Nelkenduft etc.  Zumindest kommt dieser Geruch Ihnen vermutlich relativ selten unter die Nase. Dadurch sind Sie besonders sensibilisiert und reagieren noch intensiver, wenn es denn einmal passiert.

Was ist los? Wieso ist das so?

Auch wenn wir es nicht so gern zugeben, wir haben von allem einen  ersten,  häufig stark prägenden Eindruck. Vielleicht ist es nicht schwer, sich das als Fakt einzugestehen, jedoch wir haben ja nicht nur den Eindruck, sondern wir bilden uns danach auch in den meisten Fällen ein Urteil. Was wir in Wahrheit nicht so gern eingestehen, ist, dass wir nicht besonders gut darin sind, ein derartiges Urteil zu revidieren. An der einmal gefassten Meinung oder Sichtweise ist kaum zu rütteln.
Wider besseres Wissen!
Aber das ist die menschliche Sturheit und Unbeweglichkeit. Sie kennen das.

„Michèle, schau mal, was wir dir aus Spanien mitgebracht haben!“ Meine Großmutter reichte mir vor ewigen Zeiten stolz eine ziemlich große Dose mit Tomatensaft. Die Großeltern gehörten der Generation an, welche als erste im Rentenalter Spanien, die Balearen und später auch die Kanaren als Flugreiseziel entdeckte. Ich bekam also echten spanischen Saft von sonnengereiften Tomaten – und reagierte etwas skeptisch. Dickflüssige, sämige Gemüsesäfte waren damals bei mir nicht der Hit. Frischgemüse (Tomaten inklusive), knackig und als solches noch erkennbar, hingegen schon.
„Oh, vielen Dank!“, erwiderte ich natürlich freundlich und stellte die Dose unauffällig zur Seite auf ein Tischchen.
„Probier doch mal!“, feuerte meine Oma mich an, „den haben wir extra mitgebracht!“ Anklagender Blick. „Der schmeckt sehr gut und ist gesund!“
Lange Rede, kurzer Sinn – meine Oma gab nicht eher Ruhe, bis ich mir eingeschenkt und davon getrunken hatte.
„Und? Schmeckt gut, nicht?“ Erwartungsvoll schauende Augen warteten auf die richtige Antwort.
Ich fand, das Zeug schmeckte merkwürdig. Eine Pampe, die dazu überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Geschmack von frischen Tomaten hatte. Leicht modrig. Nur – wie schmeckte Tomatensaft allgemein? Würzte man den anders? Ich wusste es damals nicht.
Keiner glaubte mir, als ich zaghaft bemerkte, er schmecke überaus eigenartig. Leider fühlte sich keiner dazu aufgerufen, selbst einmal zu probieren … Ich weiß, ich drückte mich zurückhaltend aus. Sagte nichts von widerlich, ekelhaft, machte noch nicht einmal Grimassen!  Dennoch hing der Haussegen schief. Ich solle mich nicht so anstellen, ich solle nicht undankbar sein, ich solle jetzt doch bitte ohne diese Zicken den Saft trinken. Wer hätte schon Großeltern, die extra sauschwere Dosen für ihre Enkelin aus Spanien mitbrächten …

Später sprach keiner mehr von Anstellerei. Das war zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass der Saft verdorben gewesen war. Stundenlanges Gewürge, tagelange Übelkeit, Fieber, und letztendlich sogar der Besuch des Notarztes entzündeten Diskussionen darüber, wie es dazu kommen konnte.
Für mich hat Tomatensaftgeruch bis heute eine fatale Wirkung. Ich muss mich sehr zusammenreißen und bin im Flugzeug immer froh, wenn neben mir keiner das rote Zeug ordert. Ich kann dort schlecht ausweichen.
Geruch. Für immer eingebrannt und obwohl ich inzwischen weiß, dass ein einziges Mal ein Saft verdorben war und nicht grundsätzlich alle Tomatensäfte zu Erbrechen führen – trotz allem bleibt die erste Reaktion unverändert.

Warum sind wir so empfindlich, was Gerüche angeht?
Unseren berühmten ersten Eindruck, den erhalten wir durch die Nase. Das, was wir riechen, geht den direkten Weg. Direkt auf unser limbisches System, den Ort, an dem Gefühlsregungen, Emotionen weiterverarbeitet werden.
Kommen wir irgendwohin, passiert es: Zack! Unser vorstehender Zinken erfasst die Lage und verschafft sich einen ersten Eindruck. Prägend!
Alle anderen Auffälligkeiten, die wir mit den Sinnen wahrnehmen – seien sie visueller, akustischer oder auch haptischer Art, all diese Nervenreize müssen hingegen erst in der Großhirnrinde unseres Gehirns aufgebröselt werden. Das dauert etwas länger, ist sehr wahrscheinlich auch komplizierter.
Dass wir uns via Geruchserlebnisse bis in die Kindheit zurück an Erlebnisse erinnern und Erfahrungen mit Gerüchen verknüpfen können, liegt für mich auch darin begründet, dass in den ersten drei Lebensjahren das Geruchsgedächtnis gebildet wird.
Die Eindrücke sind gespeichert!
Auch wenn vieles nicht bewusst ist und oftmals lange Jahre lang im Verborgenen schlummert – beim Zusammentreffen mit dem Geruch wird es hervorgeholt.
Der Nachteil an diesem direkten Weg ins Stammhirn und dem nicht steuerbaren, unbewussten Vorgang ist der, dass wir zwar nun das Erlebnis, den Ort oder einen Menschen passend zum Geruch aus dem Gedächtnis hervorkramen können, doch es funktioniert nicht, sich einen Geruch speziell aufzurufen. Eine vage Vorstellung ja, aber kein wirkliches Geruchserlebnis, nichts Echtes.

Wie ich auf das heutige Thema komme?
Es gibt nicht nur Gerüche allein. Oft ist es auch eine Kombination aus Geruch und Geräusch oder Gegenstand und Geruch/Geräusch, die Erinnerungen weckt.
Das Beamen in die Vergangenheit schafften bei mir vor ein paar Tagen ein Nilpferd (Gegenstand und Geräusch) und der Anblick und das Befingern einiger Hagebutten (Gegenstand plus Geruch)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Im Falle des Nilpferds, sehe ich immer einen meiner Englisch-Lehrer vor mir, der sehr auf seinen Doktortitel bedacht war. Wir mussten ihn immer komplett mit Herr Dr. XY anreden, sonst gab es gewaltig Ärger. Er war insgesamt etwas schwierig, oder wir waren es in dem Alter. Oder beide(s) …
Der Herr Doktor war weiterhin äußerst korpulent. So sehr, dass er gelegentlich in der Türöffnung hängenblieb, wenn die Tür nicht vollständig geöffnet war. Seitdem dies das erste Mal passiert war,  nannten wir ihn heimlich Doc Hippo (von Hippopotamus = Nilpferd) und mussten uns jedes Mal bei seinem Eintreten das Lachen verkneifen. Es klappte so lange, bis wir ein englisches Lied bei  ihm lernen sollten. In dem Song geht es um die Arche Noah und die in das Holzboot steigenden Tiere. Wir kamen damals bis zu genau dieser Strophe, dann war es mit der Contenance vorbei:

The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, the great hippopotamus stuck in the door
And they all went into the ark, for to get out of the rain.

Na bitte, die Türgeschichte wurde sogar im Lied festgehalten … Diese Strophe in Zusammenhang mit einer gefassten Miene erforderte schier unglaubliche Willenskraft. Ich denke, die Leistung war damals oscarverdächtig.
Ja, und nun singe ich sie äußerlich bierernst seit letzten Montag (trotz Hustenanfällen, der Infekt ist noch nicht ganz weg).

Die Hagebutten, die ich  gesehen und gerochen habe, möchte ich Ihnen gleich zumindest zeigen. Hagebutten erinnerten mich lange Zeit nur an den blöden Jörg, der mir daraus selbstgemachtes Juckpulver in den Kragen schob. Unschöner Geruch und ein ekelhaftes Gefühl!
Den doofen Jörg fand ich später dann netter …
Haben Sie das auch gemacht? Ich meine, nicht mir jetzt das Pulver … ich meine, ob Sie auch selbst Hagebutten ausgenommen haben, um aus den Körnern und behaarten Teilchen ihr Privatjuckzeug zu kreieren?
Beichten Sie mal! ^^

Kartoffelrose nach der Blüte ... Im August wuchsen diese  prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose nach der Blüte … Im August wuchsen diese prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose - Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin ...

Kartoffelrose – Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin …

Kartoffelrose im Winter - die Reste der Hagebutten.  Die kleinen, Nüsschen genannten Körner innen, sind mit einer Vielzahl von Widerhaken bestückt und mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Kartoffelrose im Winter – die aufgesprungenen Reste der Hagebutten. Die kleinen Nüsschen im Innern besitzen reichlich Widerhaken und sind mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Beim Vorbereiten der Fotos für diesen Blogpost entstand das schwarz-weiße Sonderbild, das Sie ganz oben am Beginn des Artikels sehen können.  Auf einmal hatten die verdorrten Hagebutten in ihrem Winterzustand  das Zeug zu einem Kunstwerk …

Außerdem vermitteln sie etwas sehr anschaulich:
Sie zeigen, dass Dinge veränderlich sind. Dass sie im Laufe der Zeit ihre Eigenschaften ändern können. Sie zeigen, dass die Möglichkeit besteht, Bekanntes durchaus auch anders zu sehen. Ungeachtet der Erfahrungen, die sie ursprünglich einmal mit sich gebracht oder der Erinnerungen, die damals hinterlegt wurden. Inzwischen sind im Leben tausend weitere Erfahrungen hinzugekommen. Vielleicht lässt sich dadurch manches relativieren und einseitige, negative Reaktionen und Gefühle wie Abscheu, Ekel oder gar Angst gehören der Vergangenheit an!
Ich wurde übrigens mittlerweile – was Hagebutten angeht – etwas umgepolt. Ich bekam vor einiger Zeit ein sehr liebevoll erschaffenes Werk aus Hagebutten, das hat mich geheilt. Es taucht zwar weiterhin auch die Juckpulver-Variante mit in der Erinnerung auf, nur nicht ausschließlich und zudem weitaus blasser. Selbstverständlich bleibe ich nun schneller und viel länger an dem Schönen hängen …

Nutzen Sie nur diese Chance, speziell über Gerüche, aber auch über Geräusche oder Gegenstände gelegentlich in die Vergangenheit einzutauchen. Oft ist das der einzige Weg! Denn Unbewusstes lässt sich ansonsten nicht gezielt ansteuern.
Dieses Zurückgehen hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die Gegenwart nicht gemocht oder die Zukunft gefürchtet wird!
Es geht nur darum, Verschüttetes zu finden, das uns unter Umständen bis heute in unserem Alltag beeinflusst …

Und nun zum guten Schluss:
Ich wünsche Ihnen Frohe Osterfeiertage! Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie gesund!

©März 2013 by Michèle Legrand

Michèle Legrand - WordPrss.com - ©Foto Andreas Grav

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Unnütz – tut aber nichts. Oder: Sonntag – und sie redet wirr.

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) - März 2013Wissen Sie, er kam einfach. Am letzten Wochenende. Eingeladen hätte ich ihn natürlich nie! Und gefragt hat er selbstverständlich auch nicht. Wohlweislich, denn – glauben Sie mir – ich hätte ihn sofort abgewiesen.
Hochkantig rausgeschmissen hätte ich ihn!
Doch jetzt habe ich diesen ungeliebten, überaus lästigen, mir die Luft raubenden Kerl, seit einer Woche am Hals!
Einen Infekt.
Wieso? Woran dachten Sie denn?
Nein, einen Infekt. Ja, nur den!
Die Kerle sonst in meiner Umgebung sind schon okay …
Infekt ist kein wirklich interessantes Blogthema. Es ist vielmehr ein miserables, langweiliges, herunterziehendes Thema!
Weg damit!
Ich fing nur damit an, damit Sie wissen, ich bin zurzeit nicht so klar im Kopf und infektbedingt nicht besonders lange konzentrationsfähig. Es kann somit etwas durcheinander gehen. Momentan komme ich nur mit sehr leichter Kost klar.
Und mir ist zu kalt, um mit Ihnen draußen auf Entdeckungstour zu gehen – was ich ursprünglich vorhatte. Wir verschieben es ein klein wenig.

(Wenn hier manchmal Pausen entstehen, dann deshalb, weil ich schließlich irgendwann auch einmal Nase putzen muss …!)

Nein, es ist definitiv nicht so, dass ich wegen dieser Infekt-Sache irgendwie Aufbauhilfe bräuchte.
Das ist halt so!
Sie kennen den Lauf der Dinge beim Anstecken. Eine Krankheit kursiert. Sie passen auf.  Essen vitaminreich, waschen sich häufig die Hände, vermeiden den direkten Kontakt wo es geht. Erst kommen Sie derart Wochen drum herum. Alle schniefen, sind krankgeschrieben, hüten das Bett  –  doch Ihnen geht es gut.
Sie können es selbst kaum glauben!
Und dann, wenn Sie schließlich nach fast vier Monaten annehmen, Sie seien eben ein Immunitätswunder und nun käme auch nichts mehr, dann, ja dann werden die Kreise plötzlich enger um Sie gezogen.
Die Familie!
Wenn die erst mit der Bazillenverteilung anfängt, dann haben Sie ganz schlechte Karten. Sie können nicht so tun, als gehörten Sie nicht dazu. Sie können nicht übergangsweise ausziehen, und Sie dürfen das infizierte Volk auch nicht aussperren.
Die würden es Ihnen dauerhaft verübeln!
Nein, Sie geben sich dem Schicksal hin, pflegen erst die Kranken und danach haut es Sie um. So läuft das.
Noch einmal, das ist kein Versuch, Mitleid zu erheischen!
Stopp! Schluss! Nein, nicht …! Aufhören! Sofort!

Apropos Mitleid …
Mitleid sollten Sie definitiv nie haben! Es bringt rein gar nichts!
Was macht es für einen Sinn, wenn noch einer leidet?
Hilft es irgendjemandem?
Nein!
Na, also …
Mitgefühl ist in Ordnung. Empathie ist hilfreich. Doch auch darum geht es nicht.

(Einen Augenblick bitte, ich möchte nur eben die Teebeutel herausnehmen, sonst schmeckt dieses Gesundungs-Teegebräu einfach eklig).

Wo waren wir?
Genau, es ist alles gut, geht halt momentan nur durcheinander.
Geht es Ihnen auch so?
Sobald sie angeschlagen sind, ist ein durchgehender, längerer, komplizierter, anspruchsvoller, SINNVOLLER Gedankengang fast unmöglich.
Sie schweifen ständig ab. Alles ist so mühselig, so kraftraubend. Das Denken wird verdammt anstrengend. Sie haben vielleicht gerade einmal die Konzentration einer … Miesmuschel.
Einerseits fallen Ihnen zwar tausend Sachen ein, erscheinen blitzartig, breiten sich aus. Andererseits ist superschnell der Moment erreicht, in dem dabei kein Muster, keine Struktur mehr zu erkennen ist, alles plötzlich nur noch herumwabbert, zerfließt, um sich relativ schnell ins Nirwana zu verflüchtigen.
Und Sie greifen noch hinterher …!
Nichts.
Irgendwie ist Ihr Hirn wie ein Sieb. Kein engmaschiges Teesieb! Mehr ein Durchschlag.
Oder kennen Sie diese Gewürzdöschen mit dem drehbaren Innendeckel, der unterschiedlich große Lochöffnungen möglich macht?
Wenn Sie gesund sind, dann schaffen Sie es locker, den Deckel so einzustellen, dass die Löcher nur einen feinen Schlitz bilden. Das Gewürz verbleibt so lange in der Dose, wie Sie es möchten und Sie streuen nach Bedarf. Was Sie nicht mehr brauchen oder was Sie abgeben wollen, darf hinaus. Alles andere bleibt sicher verstaut.
Mit so einem Kerl (Infekt), haben Sie beim Deckelverschieben irgendwie Fausthandschuhe an. Sie schaffen es nur so, dass ständig die größten Öffnungen erscheinen. Sie haben nur noch minimalen Einfluss auf den Inhalt. Das meiste rauscht wie eine Lawine heraus, der kleine verbliebene Rest ist grobes Zeug. Das, was nicht gleich durchrieselt. Das Salz für die Suppe entfleucht, die einzelnen unspektakulären, getrockneten Zwiebelstücke bleiben. Es ist zum Heulen.

Es kann mich tatsächlich leicht fuchsig machen, wenn ich arbeiten will! Wenn ich zu tun habe und vor allem auch weiterkommen möchte!
Endlich kommt ein Gedanke, eine Idee, eine Inspiration! Eine Lösung! Mühsam. Aber sie kommt.
Gott sei Dank!
Zwei Minuten später …
Ende!
Und wissen Sie, was haften bleibt – wenn überhaupt? Oder womit man sich letztendlich beschäftigt?
Mit unnützem Zeug!
Und das vergleichsweise intensiv.

(Wollen Sie den Tee auch einmal probieren? Vorsorglich? Jetzt, wo Sie hier sitzen, sind Sie ja auch den Bazillen ausgeliefert …)
Was meinen Sie bitte? Welches unnütze Zeug?

Nun, ich habe vorhin eine Biene nach draußen verfrachtet und stellte dabei wieder einmal fest, dass ich Insekten eher spanische Namen gebe. Ich finde, zu einer Biene, die auch noch derart früh im Jahr draußen unterwegs ist, passt der Name Esperanza, zu einer Spinne harmoniert Esmeralda oder zu einem Ohrenkneifer Jorge.
Man sollte annehmen, das würde zu dem Thema reichen.
Aber nein! Ich komme nicht davon los!
Wie nennen Sie denn den Brummer, der bei Ihnen in der Küche gegen die Scheibe donnert? Ich verbinde es augenblicklich mit einem Drama um Esteban oder Hector.
Die Sache ist nur die: Bei Vögeln klappt es mit spanischen Namen überhaupt nicht!
Gefühlt.  Also, nach meinem Empfinden!
Eine Amsel kann bei mir nicht Carmen heißen. Vögel sind irgendwie … britisch. Die Drossel ist Joanne, der Falke Henry.
Elchkuh, SmillaReptilien und Amphibien erscheinen mir hingegen französisch. Luc, der Frosch, Emanuelle, die Schlange. Und Fische? Fischen wiederum gebe ich holländische Namen. Willem, der Karpfen oder Maloutje, die Forelle.
Skandinavische Namen halte ich ideal für Säugetiere, besonders die größeren unter ihnen.  Håkan, der Wal, Elefant Tore oder Smilla, die Elchdame.
Und wo wir uns so ausgiebig daran festbeißen: Im Grunde ist es auch so, dass eine Vogelgeschichte logischerweise in Norwich oder Stratford-upon-Avon, ein Reptilienbeobachtung in Saint-Malo oder Biarritz und eine Fischstory eben in Utrecht oder Amersfoort spielen sollte.
Nun Schluss damit.

(Ich sagte Ihnen ja bereits … unnützes Zeug. Der Fieberwahn!)
Sie halten wirklich gut durch. Und das bei meinem Röcheln.

Apropos Röcheln …
Darf ich Ihnen etwas gestehen? Wissen Sie, manchmal muss ich in Parfümerie-Abteilungen röcheln.
Auch ohne Infekt!
Da werden Düfte bis zum Umfallen versprüht. Was zu viel ist, ist zu viel!
Gegen das Ausbringen von Insektiziden gibt es mittlerweile Gesetze und Vorschriften, nur wer schützt einen eigentlich vor diesem anderen Bepüstern? Inzwischen sprüht zwar niemand mehr ungefragt Kunden an – abgesehen von jenen merkwürdigen Luftmanipuliergeräten, die manche Geschäfte mittlerweile installiert haben und die sehr umstritten sind (Luftverbesserungssysteme in Kombination mit sog. Duftmarketing!) – aber es hängt schwer in der Luft, oder Sie kennen vermutlich auch den Fall, dass vor Ihrer Nase  unausweichlich ein getränkter Papierstreifen geschwenkt wird, solange, bis Sie halb ins Koma versinken.
Es gibt Kunden, die das durchaus schön finden.
Duft in Maßen ist auch schön!
Doch Empfinden ist so unterschiedlich. Was ist das Maß der Dinge? Wann ist genug?
Viele Parfumfreunde müssen offenbar wesentlich mehr auftragen, ehe sie es wahrnehmen bzw. als ausreichend empfinden.
Oder nehmen Sie die Menschen, die sich ganz ohne Parfüm nackt vorkommen. Ich habe einmal gehört, wie eine Dame zu ihrer Freundin/Schwester sagte:
„Komm, wir gehen zu Karstadt und sprühen Tester …!“
Ich bin mir nie sicher, ob es um das Testen geht, damit man eine Auswahl treffen kann oder eher um das Auflegen des Parfums, da man just an dem Tag keines benutzt hat oder lediglich darum, dass es dort etwas gratis gibt.
Manche Duftarten kann auch nicht jeder riechen. Können schon, nur eben mit dem Mögen hapert es. Manche verabscheut man zutiefst.

Apropos verabscheuen …
In meiner etwas weiteren Nachbarschaft wohnt eine Dame, die mir wirklich sehr unsympathisch ist. Auch noch nach mehr als zwanzig Jahren. Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich das sage. Es ist Ihr Verhalten. Ihre Art ein Gespräch zu führen. Ihre merkwürdigen Ansprüche. Das dominante Gehabe etc.
Sie verwendet – und zwar reichlich – ein Parfum, das mich lebhaft an den nicht sehr schönen Geruch von Mottenkugeln erinnert. Früher war es das Naphthalin, was so stank, heute ist es eher der Bestandteil Paradichlorbenzol, der offenbar sogar immer noch in einigen Parfums landet.
Und jetzt passen Sie auf:
Wenn nun jemand, dessen Wesen Ihnen eher fremd ist und dem Sie nicht besonders viel Sympathie entgegenbringen, auch noch ein derartiges Parfum trägt, dann passt das irgendwie und ist erstaunlicherweise sehr typisch! Es unterstreicht quasi noch einmal ihre Verschiedenheit. Und Sie stellen damit gleich doppelt fest: Sie können diesen Menschen einfach nicht riechen!
So oder so.

(Ich merke am Text, offenbar ist das Fieber gestiegen …)

Ist Ihnen auch so kalt? Nicht? Dann liegt das an dem Kerl …
Vielleicht sollte ich besser eine neue Kanne Tee aufsetzen. Lassen Sie uns doch für heute den leicht wirren Sonntags-Talk beenden.
Sie haben doch bestimmt auch Wichtigeres zu tun!
Jetzt sagen Sie nicht, das käme Ihnen zu abrupt!
Möchten Sie sich dann vielleicht noch einen anderen Blogpost ansehen?
Zum sanfteren Rausschmiss?
Einen, wo mir tatsächlich richtig kalt war und ich kurzzeitig dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen …?  So geschehen in Lenzerheide in Graubünden (CH) – nachstehender Link führt Sie dorthin.
-> https://michelelegrand.wordpress.com/2010/11/26/ins-richtige-verhaltnis-geruckt-ist-es-warm-beinahe/

Bis zum nächsten Mal!
Apropos abrupt …
Ich hoffe sehr, dass dieser Infekt recht abrupt endet. Mir reicht es langsam.

(Und damit zog sie wirr neue Teebeutel hervor und danach von dannen …)

©März 2013 by Michèle Legrand

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Zwischen den Jahren …

29. Dezember 2012.
Bald ist das Jahr zu Ende!
Gut, das wussten Sie jetzt auch ohne mich. (Offen gestanden hatte ich mehr mit mir selbst gesprochen)
Noch knapp drei Tage … dann … siehe Bild.
Zwischen den Jahren ... Feuerwerk -Blog Michèle. Gedanken(sprünge)

Wie geht es Ihnen? Hatten Sie schöne Weihnachtsfeiertage? Haben sich alle einmal wieder gesehen?
Ja, aber …
Ja, aber?
Nein, schon klar. Sie brauchen es mir nicht zu erklären.
Weihnachten ist gelegentlich eine etwas zweischneidige Sache. Es hat seine schönen Seiten, ohne Frage, denn es ist nett, Familie zu sehen, zusammenzusitzen und über dies und das zu klönen, Geschenke erst ein- und später auszupacken, leckere Dinge vorzubereiten, um sie danach in festlicher Atmosphäre zu verspeisen, Kerzenlichter auf dem Tisch.
Nur kann es auch im Laufe der Tage ziemlich  anstrengend sein!
Es ist ja alles so fürchterlich komprimiert!
Die Festtage folgen Schlag auf Schlag, das Essen genauso. Und so lang die Festtage zwischendurch gele-
gentlich erscheinen mögen, so kurz kommen sie daher, wenn es gilt, alles unter einen Hut zu kriegen.
Man will ja schließlich alle einmal sehen … (Will man?)
Leben Teile der Familie in einer anderen Region, womöglich einige Hundert Kilometer voneinander entfernt,
wird es eng mit der zur Verfügung stehenden Zeit und rechtzeitiges Planen erforderlich  (Fahrt, Unterkunft, Versorgung von Haustier, Blumen, Briefkasten, etc.)

Wenn Ihnen allerdings die Invasion droht, liegt der Schwerpunkt auf Einkaufen, Verpflegung produzieren,
alles hübsch herrichten – und sollte Ihre Wohnung auch noch Hotelfunktion haben, wird es nötig umzuräumen, Schlafstätten zu schaffen u. v. m.  Umgeräumte Wohnungen verlieren dabei häufig die persönlichen Erholungsecken, die Rückzugsgebiete.

Viele Menschen kennen jedes Jahr beide Programmpunkte. Sie empfangen Besuch, und sie werden irgendwo erwartet. Das Datum steht bombenfest, es sind folglich alle gleichzeitig unterwegs bzw. am feiern. Das Wetter zeigt sich nicht immer in Festtagslaune und erschwert gern An- und Abreise oder das Integrieren von Außenaktivitäten zwecks Abwechslung. Keine Bewegung in Form von Spaziergang und Spielen. Stattdessen hocken alle  aufeinander.  Vom Baby bis zum Uropa. Häufig beengt. Stunden über Stunden.

Und ganz leise möchte ich an dieser Stelle gern noch einen Punkt erwähnen, der Weihnachten feiern für die Menschheit immer wieder zu einem anstrengenden Unterfangen machen kann:
Die unumstößliche Gästeliste!
Sie wissen, an Weihnachten wird zusammengepackt, was laut Stammbaum zur Familie gehört!
Das kann – wenn Sie Glück haben – super funktionieren.
Es kann aber auch sein, dass es sich – um es einmal vorsichtig auszudrücken – nicht exakt um die Auswahl handelt, die Sie für eine sonstige private Feier zusammentrommeln würden.
Familie – das sind nicht zwangsläufig die Menschen, bei denen untereinander die Chemie stimmt! Doch selbst ohne große Feindschaften prallen häufig sehr unterschiedliche Temperamente aufeinander. Oder stellen Sie sich lediglich das Zusammenrasseln von extrovertierten und introvertierten Typen vor, die wirklich grund-
verschiedene Bedürfnisse haben. Immer interessant und anregend für ein kurzes gemeinsames Kaffeetrinken, nur kippt die Stimmung nach maximal zwei Stunden! Wenn die Party für den einen erst richtig beginnt, der Lärmpegel steigt – der andere hingegen die ersten ernsthaften Fluchtgedanken hat. Sobald es sich beruhigt, die Dezibel sinken, atmet dieser erleichtert auf, während beim Hallo-hier-komm-ich-Menschen  prompt die Langeweile startet.
Wer sich langweilt, kommt auf dumme Gedanken …
Sie haben folglich während des Fests der Familien die ganze Bandbreite von großer Zuneigung, Harmonie
und Freude bei lockeren Gesprächen bis hin zu unterschwelliger Apathie, Stänkergelüsten, Anspruchsdenken, seltsamen Erwartungen. Mehr oder weniger erfolgreich wird der aufkommende Frust und Ärger im Zaum ge-
halten.
Es ist ja schließlich Weihnachten …
Die Gespräche versiegen, doch kurz bevor der Schwenk in die Eiszeit starten kann, bevor richtige Dramen starten, Massaker beginnen … ist Weihnachten glücklicherweise sogar bei derart traumhaft zusammen-
gesetzten Familienclans wieder vorbei.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass das Schlimmste meist dadurch vermieden wird, dass es überall einen gibt, der anpassungsfähiger, geduldiger und milder gestimmt ist, d. h.  einen, der entgegenkommt, der mehr zu schlucken bereit ist, als sein Kontrahent?
Warten Sie!
Schlucken ist wieder zweideutig, oder?
Nicht mehr Alkohol! Dass wir uns hier nicht missverstehen …
Nein, mehr an Merkwürdigkeiten, Ärgernissen, überflüssigen Sprüchen.
Alles in allem geht es am Ende fast immer gut aus, nur für den friedliebenden und vermittelnden, diplo-
matischeren Typ, ist es enorm anstrengend, und so kommt das Ende der Weihnachtsfeiertage just in dem Moment, in dem auch seine Batteriereserven aufgebraucht sind.
Es wird allerhöchste Zeit für Rückzugsmöglichkeiten, Ruhe, gesünderes Essen in kleineren Mengen, mehr Bewegung, Entspannung.
Wer großes Glück hat, muss nicht sofort wieder arbeiten und hat diesen Ausgleich.

Falls Sie in Ihrer Familie ein Herz und eine Seele sind,  alle irgendwie vom gleichen Schlag,  so staunen Sie einfach nur über das eben Gelesene.
Doch das gibt es!
Vorhin hörte ich wieder eine derartige Geschichte, die damit endete, dass die zwei Personen, die dieses Jahr Gastgeber und Friedensstifter waren, sich geschworen haben, das nächste Jahr an Weihnachten zu verreisen, wenn nicht sogar auszuwandern.

Wissen Sie, was eigenartig ist?
Trotz allem klingt der Begriff Weihnachten zwei Monate später schon wieder recht anziehend. So grundsätzlich.
War doch gar nicht soo schlimm …
Gut, die Menschheit hat es erst einmal wieder hinbekommen. Die einen so, die anderen so.

Und jetzt sind diese besonderen Tage angebrochen, die Zeit zwischen den Jahren. Manche behaupten, das sei eine Zeit, in der gar nichts passiere. Höchstens Geschenke tauschen. Gutscheine einlösen. Die Feiertage wären vorbei, das Neue Jahr hätte noch nicht begonnen, viele hätten frei. Somit eine Zeit des Nichtstuns …
Im Grund überflüssig.
Ja?

Für mich ist es immer ein willkommener Zeitpunkt, um ein bisschen auf mein persönliches zurückliegendes Jahr zurückzuschauen.
Was hat sich getan? Wo gab es Veränderungen, was war auffällig?
Was glückte, was misslang?
War es ein gutes Jahr? Oder anders gesagt: Habe ich es gut genutzt?
Wer ist mir begegnet, was habe ich erlebt, was hat mich geprägt, woran habe ich zu nagen?

Und ich schaue ein bisschen voraus.
Wie wird es im Neuen Jahr weitergehen?
Ich halte nicht viel von diesen halbherzigen Silvester-/Neujahrsvorsätzen, die so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Meine Planung ist langfristiger. Meine – eher nicht materiellen – Wünsche halten länger an, sind äußerst beständig, ihr Umsetzen erfordert Zeit, Geduld, Disziplin …
Und ganz sicher auch ein Quäntchen Glück.
Vielleicht bedeutet 2013, der Erfüllung dieser Wünsche wieder ein Stückchen näher zu kommen. Veränderung ist selten eine Sache, die von heute auf morgen erfolgt, geschweige denn komplett erledigt wäre.
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Jahreswechsel 2012/2013 - Michèle Legrand auf WordPress.comIch wünsche Ihnen allen, dass auch Sie Ihre Träume haben, Ziele, die Sie im nächsten Jahr angehen möchten. Seien es persönliche Veränderungen oder vielleicht Ideen und Projekte, die Sie im Auge behalten und Stück für Stück realisieren möchten.
Wenn Sie sich nichts mehr als Gesundheit wünschen, dann hoffe ich, dass auch dieser Wunsch für Sie in Erfüllung geht.
Viel Glück bei allen Ihren Vorhaben!

Für Sie alle einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

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© by Michèle Legrand, Dezember 2012

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Kostbare Zeit … und das Thema Weltuntergang wird jetzt zu den Akten gelegt!

Michèle Legrand  ©Foto: Andreas Grav (Ausschnitt)Vorweihnachtszeit. Und prompt kommt man zu nichts mehr! Hier herrscht schon seit einer kompletten Woche Funkstille.
Eine Woche … gähnende Leere!
Und Sie! Sie melden sich natürlich auch nicht! Sagen keinen Ton! ^^
Wie darf ich denn das auslegen, hm?
Geben Sie es ruhig zu, Sie sind heilfroh, dass wenigstens einmal Ruhe ist.
Nicht?
Ach, Sie sind selbst auch am rotieren?
Klar, das adventliche Zeitknappheitsproblem ist Ihnen nicht neu …
Bitte?
Exakt! Sie haben natürlich völlig recht, es ist nicht nur die generell vorbereitungsintensive Zeit vor Weihnachten, es ist auch dieser zusätzliche Zeitdruck durch den unsäglichen Weltuntergang am 21. Dezember.
Wenn es danach geht, ist die aufkeimende Weihnachtshektik eigentlich völlig für die Katz …
Stopp!
Soll ich Ihnen einmal hier – so unter uns – etwas verraten?
Kommen Sie bitte etwas näher, ich muss es leiser sagen, denn einige werden mich jetzt sicher steinigen. Es ist nämlich so:
Ich kann dieses Weltuntergangs-Gedöns nicht mehr hören!
Alles, was jetzt daraus entsteht!

Haben Sie schon einmal beobachtet, welches Verhalten diese Ankündigung bei vielen Menschen auslöst?
1)
Es gibt den Typ 1, der plötzlich überhaupt nichts mehr anpackt, weil die Welt in ein paar Tagen sowieso am Ende ist. Er glaubt selbstverständlich nicht daran, aber er nutzt es für alles und jedes als Ausrede, um sich vor Dingen zu drücken oder sich etwas zu gestatten.
Was soll ich die Aufgabe jetzt erledigen/aufräumen/helfen, wo doch hier bald Schluss ist?
– Ich kann weiter (fr)essen – denn ich sterbe ja eh am 21. Dezember!
– Was soll ich diese Sache klären, „bis dahin“ geht es auch gut ohne Einigung.
– Ich rauche/trinke/ rase, etc. weiter. Auf die paar Tage kommt es wirklich nicht an.
Typ 1 ist klar, dass er schwafelt, doch eine gute Ausrede ist es allemal – aus seiner Sicht.
2)
Typ 2 glaubt zwar auch nicht an den Weltuntergang, aber seine Logik weicht leicht ab. Sie sieht so aus:
Weil es theoretisch doch passieren könnte, vertagt er alle Aktivitäten auf einen Termin nach dem 21.12.2012. Rein vorsichtshalber.
– Du, ich warte mal ab, wegen Weltuntergang und so …
Mit Menschen des Typs 2 ist zurzeit auch nichts anzufangen.
3)
Mensch Typ 3 erlebt momentan einen Ausbruch von Kreativität. Er malt sich diesen Tag des Weltuntergangs in bunten Farben aus und schreibt irrwitzige Szenarien. Er erfindet quasi Stundenpläne für den Ablauf. Wo es wann startet, wer sich mit wem versammelt, wie das Menü (Apokalypse-Brunch) aussieht, wer zur Eröffnung singt, wie lange alles dauert.
Natürlich ist der UN-Sicherheitsrat involviert! Alles wird ein einziges Happening! Eine große Weltuntergangsfeier, bei der Brasilien gegen eine Weltauswahl Fußball spielt – letzteres las ich bei Facebook.
4)
Mensch Typ 4 ist von der ernsthaften Sorte und stets bemüht, die Hintergründe um die These des kommenden Untergangs zu klären. Auch zu erklären. Er möchte sich damit auseinandersetzen und versucht, seriös Fachwissen zu vermitteln.

Es gibt sicher weitere Wesen anderer Art, doch dabei wollen wir es vorerst bewenden lassen und kommen stattdessen zu meinem Einwand, es nicht mehr hören zu können.
Warum diese Abneigung?
Mir könnte es im Grunde herzlich egal sein, was wer wie oder wann über den Weltuntergang zu sagen hat.
Zu schreiben hat. Oder welche Informationen es darüber gibt.
Wer welche Späße dazu erfindet. Wie abgedroschen, überholt oder  überhaupt nicht witzig sie teilweise auch sein mögen.
Ich könnte auch die zweihundertfünfzigste Wiederholung milde lächelnd hinnehmen.
Kann ich es?
Weiterhin habe ich durchaus die Hintergründe verfolgt, studierte die Geschichte vom Langzeit-Maya-Kalender, die Theorien bezüglich des Sonnensystems und der Sternenkonstellation. Dort ist nicht unbedingt von einem Untergang im eigentlichen, ganz wörtlichen Sinn die Rede! Kein Versinken wie bei Atlantis o. ä. Oft wird von einem Übergang geredet …
Wir wissen demnach gar nicht, was genau uns erwartet!
Dennoch lähmt es die Leute in ihrem Handeln. Nicht, weil es sich so entsetzlich darstellt, vorgestellt wird – nein, es ist zu abstrakt, zu schwer greifen und zu begreifen – daher ist die Reaktion irrational, eher kindisch.

Für mich wirft die derzeitige Weltuntergangs-Beschau jedoch eine andere Frage auf, die ich für viel naheliegender halte. Ein Szenario, das greifbarer ist und mit dem wir uns daher besser auseinandersetzen oder darauf geeigneter reagieren können:
Hat schon einmal jemand daran gedacht, dass jeden Tag irgendwo für irgendeinen Menschen gerade die Welt untergeht?
Seine Welt?
Dass es gar nicht so selten ist?
Dass es nicht derart vage oder abstrakt ist wie die Ankündigung, mit der wir uns gerade herumschlagen oder mit deren Berichten uns die Medien zupflastern?
Naturkatastrophen, Terrorakte, Amokläufe, Kriege, Unfälle, Krankheiten, familiäre Zerwürfnisse, Tod eines nahestehenden Menschen, Notsituationen aller Art … alles Auslöser, die eine (persönliche) Welt untergehen lassen.
Die Welt eines oder auch mehrerer Menschen.
Immer wieder!

Würden auch diese betroffenen Menschen immer nur davon reden, dass sie jetzt gerade nichts tun könnten, weil doch Weltuntergang sei oder sich nicht getrauten mit dem Hinweis auf ein vielleicht kommendes Ende ihrer Welt?
Nein, sie würden für sich überlegen, ob sie damit weiterleben könnten und dann handeln. Und das Wissen um die Möglichkeit des Verlustes, würde sie dazu bewegen, sich ihrer Zeit bewusst zu sein und Dinge noch vorher zu tun – weil manche Momente und Gelegenheiten unwiederbringlich sind!

Mich stört das sinnlose Vergeuden der Zeit.
Mich irritiert das Verhalten, als hätten wir grundsätzlich noch alle Zeit der Welt – nämlich nach dem Untergang, an den nicht geglaubt wird.
Wir wissen nie, wie viel Zeit noch ist!

Es wird kein Langzeit-Mayakalender sein, der uns persönlich darauf hinweist, wann unser Ende gekommen ist. Es wird auch nicht als Neuigkeit in der Zeitung zu finden sein. Überhaupt sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass es nicht unbedingt erst dann passiert, wenn er damit rechnet! Es wird nicht immer gewartet, bis wir unseren Kram endlich geregelt haben!
Und was bedeutet das?
Es bedeutet nicht, dass Sie jeden Tag Angst haben müssen, dass Sie dran sind.
Es heißt nicht, dass Sie nicht heute noch etwas beginnen können – selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Sie es nicht mehr lange fortführen könnten …
Es heißt nicht, dass Sie von nun an grundsätzlich vorpreschen müssen, panisch alles erledigen müssen …
Es heißt nur, dass Sie die Zeit nutzen sollen und bedeutet, dass sie wirklich kostbar ist!
Zu schade zum Vergeuden.
Schieben Sie nicht alles auf die lange Bank!
Und schieben Sie nicht diesen dämlichen Weltuntergang vor!

Wenn Sie noch irgendetwas Unerledigtes zu tun haben, irgendetwas, das Ihnen am Herzen liegt, dann tun Sie es jetzt!
Sie können es nicht vorher wissen – aber es könnte die letzte Chance sein!
Tun sie es deshalb.
Nicht, weil die Zeitung schon wieder reißerisch den 21. Dezember erwähnt.

Diese Art Weltuntergangs-Gedöns legen wir nun zu den Akten.

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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Gefühlt wie …

Wann sind Sie das erste Mal darüber gestolpert, haben bewusst diesen Ausdruck wahrgenommen?

Gefühlt echt ... (Bronze Mann auf Giraffe von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühlt echt … (Bronze „Mann auf Giraffe“ von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühltes Etwas. Gefühlt wie …
War es in einem Zeitungsartikel, der die gefühlte Inflation erwähnte?
War es beim Wetterbericht, der Ihnen verkündete, die Temperatur läge am Morgen bei 0°C, aber gefühlten -4° Celsius?
Geschah es im Frühjahr nach der Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit? Als Sie morgens aufstehen mussten bei gefühlter noch Nacht?
Oder fiel es Ihnen eher kürzlich Ende Oktober auf, als Ihnen die Stunde zurückerstattet wurde? Wie war das?
Gefühlt wie geschenkt?
Vielleicht erlebten Sie die Bekanntschaft mit diesem Begriff nach unheimlich anstrengenden Tagen, wenn der Kopf gefühlt wie leer war.
Nein! Ich tippe auf eine ausgiebige Party mit durchzechter Nacht, nach der Sie sich vorkamen wie gefühlt 100.
Oder gefühlt tot.
Ein Gefühl, welches häufig in derartigen Situationen erwähnt wird, dessen genauen Zustand jedoch die wenigsten wirklich kennen dürften.

Merkwürdig, merkwürdig …

Derartiges ist relativ häufig im täglichen Sprachgebrauch zu finden. Warum, dazu kommen wir gleich.
Es gibt Unterschiede.
Sie finden  zum einen Weniges, was gefühlt vom tatsächlichen Zustand, Wert, o. a. abweicht und  sich  physikalisch oder auf andere Art erklären lässt – oder  sich gelegentlich zumindest den Anschein gibt, etwas zu sein, was auf irgendeine Weise wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar wäre.
Die schon erwähnte gefühlte Inflation gehört dazu. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass Dinge Ihres täglichen Gebrauchs im sogenannten Warenkorb, der zur Berechnung der Inflationsrate herangezogen wird, nicht verteten sind. Diese – dummerweise gerade Ihre speziellen Einkäufe – sind im Schnitt teurer geworden als das errechnete Mittel, was Ihnen das Gefühl beschert, die Inflationsrate sei viel höher. Es trifft Sie im Grunde aber nur (zufällig) stärker.
Sie kaufen aber auch seltsame Artikel!
Was die gefühlten Temperaturen angeht, gibt es tatsächlich eine Formel, nach der kalkuliert wird, wie exakt (wahrscheinlich) der Mensch die tatsächliche (=gemessene) Gradzahl empfindet.
Sie ahnen es vermutlich, es gibt einen Zusammenhang zwischen Ihrem Empfinden, Ihrem Körperbau, der realen Gradzahl und vor allem den ansonsten noch vorherrschenden anderen Witterungseinflüssen.
Bei feuchter Kälte (Luftfeuchtigkeit spielt eine große Rolle), ungemütlichem Dauerniederschlag und gleichzeitigem Wind (entscheidend ist die Windgeschwindigkeit) sowie entsprechend trostlosem, grauem Himmel (auch die optische Wahrnehmung beeinflusst), kühlt Ihr Körper enorm schnell aus. Prompt sackt die Gefühlt-wie-Gradzahl rasant in den Keller, und der Bibbereffekt tritt schon ein, obwohl Sie sonst gerade erst in sich gehen, ob Sie Ihre Daunenjacke nun bis oben schließen sollen oder nicht.
Umgekehrt bringen ein bisschen Sonnenschein, eine aufgelockerte Wolkendecke, Trockenheit und Windstille eine reguläre Temperatur von 0°C locker auf gefühlte +5°C. Also Daunenjacke wieder auf …
Wenn Sie zufällig an solch einem Tag obendrein noch über ein intensiv hüpfendes Herz und in Wallung geratene warme Gedanken verfügen, wird für Sie aus November im Nu gefühlt Frühling.

Gefühlt gefährlich ... (Warnung vor dem Pinguin)

Gefühlt gefährlich …!

Was stellen wir fest?
Handelt es sich um Themen wie Zeit, Alter, Temperatur, Geschwindigkeit, Gewicht, Geschmack, Lautstärke, Geruch, etc., begegnet uns überall dieses gefühlt wie – allerdings dort in vergleichender und beschreibender Form.
Ohne jeglichen Anspruch auf wissenschaftlich korrekte Auslegung, Berechnungen oder Ergebnisse.
Es ist schlicht und einfach unsere Art der bildhaften Darstellung dessen, was wir empfinden. Ursprünglich unser Bedürfnis, dieses ganz persönliche Empfinden anderen mitzuteilen und vor allem verdeutlichen zu wollen. Plastisch darstellen. Und diese zweite Variante des Gefühlt wie-Ausdrucks, kommt ständig vor. Die meisten Menschen nutzen sie täglich im Gespräch mit anderen.

Diese Ansichten!
Gefühlt wie im Mittelalter!
Die Ausstattung ist ziemlich rückständig.
Gefühlt 60er Jahre.
Sind Sie bereits zur Tagesschau müde?
Ja, gefühlt wie um 23.00 Uhr.
Es ist so heiß und stickig hier!
Gefühlt wie in der Sauna.

Hamburg: Gefühlt asiatisch ...

Hamburg: Gefühlt asiatisch …

Wie benimmt sich denn der?
Gefühlt wie ein Fünfjähriger.
In dem Kleid komme ich mir steinalt/unscheinbar vor.
Gefühlt wie Uroma/Aschenputtel.
Brr, ist das kalt hier!
Gefühlter Kühlschrank.
Es geht überhaupt nicht voran mit der Schlange.
Gefühltes Schneckentempo.
So kriege ich das nicht hoch! Zu schwer!
Gefühlt wie Blei.
Die Haut ist spröde und rau.
Gefühlt wie Sandpapier.
Es schmeckt extrem sauer.
Gefühlt wie Essig.
Den Lärm hält doch keiner aus!
Gefühlte 100 Dezibel.
Mensch, das dauerte wieder!
Gefühlt ewig.
Zu der Vernissage kam kaum jemand.
Gefühlt allein.
Das kriege ich nicht auf die Reihe/Ich weiß es nicht.
Gefühlt doof.
u.s.w.

Es liefert uns eine Vorstellung. Eine nicht allgemeingültige, objektive Einschätzung, sondern ausschließlich die Wahrnehmung des Menschen, der sie verkündet.
Sie kann mit unserer übereinstimmen, muss es aber nicht automatisch! Sie muss überhaupt nicht stimmen!
Gefühlt wie ist nicht Tatsache, gefühlt wie ist es kommt mir so vor.

Alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen – und wie sollte man es auch sonst tun – ist immer und überall eine sehr subjektive Empfindung. Wir hören unterschiedlich, unser Geruchssinn arbeitet verschieden, uns fallen andere Dinge ins Auge, unser Reaktionsvermögen weicht kolossal voneinander ab!
Die logische Folge ist, so verschieden, wie Menschen auf alles und jedes reagieren, so unterschiedlich fällt selbstredend auch das Gefühlt wie aus.
Daher bringt es uns überhaupt nichts, auf dieses Gefühlt wie eines anderen zu pochen, darauf zu verweisen, es gar auf uns zu übertragen! Es muss sich bei uns überhaupt nicht so äußern, es kann für uns das pure Gegenteil bedeuten!

Kräftige Menschen werden lange brauchen, ehe sie etwas gefühlt als schwer wie Blei empfinden.
Wer nicht leicht friert, wundert sich über den Kühlschrankvergleich und würde an gleicher Stelle vielleicht von wie erfrischend – gefühlt wie Abendluft reden.
Ob etwas als lange andauernd empfunden wird, ist immer auch eine Frage des Mögens. Wenn kein Interesse vorhanden ist oder geweckt wird, zieht sich die Zeit endlos in die Länge. Für den einen gefühlt ewig, für den, der sich dafür begeistert, scheint sie zu rasen – gefühlt wie ein Lidschlag.
Krachresistente, lärmgewöhnte Menschen erleben die 100 Dezibel möglicherweise wie gefühltes Gemurmel, genauso wie diejenigen, die Enge und Menschenmassen um sich herum gewöhnt sind, eher von gefühlt belebt, aber kaum jemals gleich von gefühlt wie in der Sardinenbüchse oder wie fast totgetrampelt sprechen würden.

Gefühlt schlafend ...

Gefühlt schlafend …

Und was sagen Sie hierzu?
Ist der Zustand auf dem Schreibtisch ihres Chefs oder Kollegen eher  gefühlt kreativ oder gefühlt chaotisch?
Welches Gefühl überkommt jemanden, der ausnahmsweise einmal den Lift sausen lässt und die Treppe hochstiefelt?
Gefühlt sportlich? Gefühlt berstende Lunge?
Wie ist das, wenn man zum ersten Mal diese merkwürdigen Muscheln vertilgt?
Gefühlt mutig?
Und das Resultat?
Gefühlt wie Glitsche
?
Wie Ihr Beschluss danach?
Gefühlt nie wieder?
Was bewirkt eine Schönheits-OP?
Gefühlt wie neu? Gefühlt sexy? Gefühlt nun arm? Oder gefühlt künstlich?
Was noch?
Ach ja, die Einschätzung des Regenwetters:
Gefühlt leicht feucht oder eher gefühlter Weltuntergang?

Womit wir den Kreis schließen und wieder zum Anfang kommen. Nämlich zum Wetter und den Temperaturen!

Gestern am Morgen war es neblig und kalt.
Gefühlte Minusgrade!
Gefühlt Winter!
Genau das Gefühl suche ich gerade händeringend, denn ich beabsichtige, ein bisschen über den diesjährigen Wandsbeker Winterzauber zu schreiben. Vor einer Woche, am 09. November, war die Eröffnung, aufgebaut wurde alles schon Ende Oktober –  beginnend so um den Dreh, als gerade der wärmste Oktobertag seit Aufzeichnung der Daten seinen Auftritt hatte!
Gefühlt im Sommer!

Gefühlt Sommer ... (19. Oktober 2012 - Wärmster Oktobertag überhaupt)

Gefühlt Sommer … (19. Oktober 2012 – Wärmster Oktobertag überhaupt)

Es tut mir leid, aber da konnte ich einfach noch nicht über Eisbahn, Weihnachtsmann und Grog schreiben!
Gefühlt unfähig.
Aber jetzt könnte es klappen.
Gutes Gefühl.
Vielleicht lesen wir uns dann wieder?
Gefühlt möglich

Bis dahin Ihnen allen ein schönes Wochenende!
Ja, heute ist erst Freitag!
Gefühlt ist es aber schon so weit!

©November 2012 by Michèle Legrand

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