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Salut! (2) – La Bretagne! Die kleinen Tücken auf dem Weg dorthin …

Himmel, wo bitte muss man jetzt hin? Da fahren Sie gerade erst ein Stückchen auf einer französischen Autobahn und werden schon durch das Schild „péage“ darauf hingewiesen, dass Sie gleich an eine Mautzahlstelle gelangen. Gleich ist gut!
Ehe man sich versieht, ist sie direkt vor einem; das Bild der Straße hat sich rasant verändert!
Mon Dieu! Und nun …?

Darf ich kurz unterbrechen?
Ich werde Ihnen wie versprochen im weiteren Verlauf dieser Artikelserie noch zahlreiche sehenswerte Stellen der beeindruckenden Bretagne zeigen, wie zum Beispiel die Granitküste

Bretagne - 01. Nov. 2014 - Granitküste bei Ploumanac'h

Bretagne – 01. Nov. 2014 – Granitküste bei Ploumanac’h

… jedoch heute vorab von Unterschieden erzählen. Zwischen Frankreich und Deutschland. Denn
das, was wir gewohnt sind, ist nicht unbedingt bei unseren Nachbarn gang und gäbe. Umgekehrt genauso.
Sicher, in vielerlei Hinsicht haben wir uns mittlerweile angenähert, bis zu einem gewissen Punkt sogar einander angeglichen, doch manche Eigenart oder länderspezifische Gegebenheit ist eben anders und dementsprechend anfangs fremd.
Dann kommt er, dieser Moment, in dem der Nichtlandsmann die Premiere erlebt. Da müssen alle irgendwie durch. Die Franzosen hier, die Deutschen drüben.
Dass es auch mich traf (davor schützten weder die seit frühester Jugend frankophile Haltung noch meine französischen Vorfahren väterlicherseits) ergab sich aus der Tatsache, dass vor einer Ankunft in der Bretagne zunächst eine recht lange Fahrt aus Norddeutschland via Belgien und Nordfrankreich unumgänglich ist. Die Entscheidung für eine Reise per Auto wiederum fiel, als sowohl Deutschlands Piloten als auch seine Lokführer immer wieder Streiks ausriefen, der Gemahl und ich jedoch gern sicher zu einem bestimmten Zeitpunkt ankommen wollten. So warteten gut 1200 Kilometer Strecke, davon ein gar nicht so geringer Teil in Frankreich mit seinen besagten kleinen Eigenheiten und Ungewohntem – wie z. B. diesen Mautstellen

Die bisher zweispurige Fahrbahn verbreitert sich unvermittelt dramatisch wie ein Flussdelta. Sie stehen mit einem Mal zwölf Schaltereinfahrten gegenüber, in deren weiterem Verlauf sich zwölf geschlossene Schranken befinden. Es erinnert ein bisschen an diese Boxen, in die man Hochleistungszuchtpferde vor einem Rennen hineinpfercht. Bis der Startschuss ertönt und sich vorne das Gitter öffnet.
Sie, als Ankömmling, schauen zunächst perplex, kurz danach hochkonzentriert, was Ihnen die Leuchtanzeigen über den zahlreichen Einlässen so zu bieten haben!
Oha! Es variiert.
Haben Sie schon den Überblick? Überlegen Sie flott, wohin Sie wollen, denn Sie können hier absolut nicht länger im Schneckentempo herumkrauchen oder noch drei- bis sechsmal unschlüssig umschwenken.
Zack! Entscheidung bitte! Wo müssen Sie sich jetzt einordnen?
Bei einer der Symbolanzeigen scheint es, als könnte nur mit Münze bezahlt werden, bei einem anderen Leuchtbildchen wirkt es eher, als sei dort Kartenzahlung vorgesehen. Oh, es gibt sogar beides in einem!
Bei zwei Schaltern erscheint gar keine Anzeige! Geschlossen scheinen sie dennoch nicht zu sein … Darf man die überhaupt anfahren? Wie ist das zu deuten?
Bei manchen Durchlässen leuchtet ein auffälliges „t“. Einzeln oder zusätzlich mit anderen Symbolen. „t“ wie Ticket? Bekommt man nur dort sein Streckenbillet? Und das andere sind reine Kassen? Vielleicht fürs Bezahlen schon hinter sich gebrachter Strecken, also nur für diejenigen, die gleich von der Autobahn abfahren?
Moment! Da gibt es offenbar kleine Angestelltenhäuschen an den Schranken. (Hörten Sie gerade, wie der Stein vom Herzen plumpste?) Wenn dort jemand sitzt, kann man wenigstens fragen.
Und falls das Kabuff leer ist …? (Es ist tatsächlich meist unbesetzt.)

Mir gefällt absolut nicht der Gedanke, am falschen Schalter vor einer Schranke zu halten, einer, die sich niemals öffnen wird – und über den Rückspiegel eine sich am Autoheck in Windeseile kilometerlang aufbauende Schlange wahrzunehmen. Nie, nie kommen Sie rückwärts wieder heraus!
Sie blockieren, sind allerdings selbst gefangen und alle müssen warten … Ruhig atmen. Franzosen sollen recht charmant sein. Sein können zumindest! Allerdings auch recht temperamentvoll. Es ließe sich bei der Gelegenheit herausfinden …
Diejenigen unter Ihnen, die schon oft in Frankreich unterwegs waren, vielleicht sogar nahe der Grenze leben und ständig hinüberhuschen, lachen. Maut zahlen. Nichts leichter als das! Ja, ja, so langsam kann ich es auch! Übung macht den Meister. Aber als Neuling?
Ich kannte lediglich die praktischen Jahres-Vignetten aus anderen Ländern. Kaufen, an die Windschutzscheibe kleben, fertig. Die vorherigen Autofahrten in Frankreich liegen ewig zurück. Ich entsinne mich überhaupt nicht, damals gezahlt zu haben. Da die Nachbarn ihren Wegzoll aber schon 1955 beschlossen haben, muss es eher an meinem löcherigen Gedächtnis liegen.
Nach mehreren Mautstellen und kleineren Zitterpartien, bin ich mir nach meiner Rückkehr in die Heimat immer noch nicht ganz sicher, ob ich das Prinzip verstanden habe oder nicht. Bei immerhin elf unterschiedlichen Betreibergesellschaften in Frankreich und abweichender Optik an den Zahlstellen, darf man zwischendurch kurz ins Schleudern kommen. Man wurschtelt sich eben bestmöglich durch.
Entweder Sie ziehen nur ein Ticket, das es in diesem Fall offenbar an jedem der Schalter gibt und bezahlen zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts, oder Sie bezahlen einen einheitlich festgesetzten Betrag vorab – und falls kein Geldschlitz dort ist, funktioniert es immerhin mit der EC-Karte. (Obwohl im Internet vielfach mitgeteilt wird, dass keine EC-Karten sondern Kreditkarten nötig sind, hat es damit bestens geklappt.)
Alternativ bringen Sie bereits ein Ticket von der vorherigen Mautstelle mit und treffen diesmal auf eine reine Bezahlstelle. Der Automat liest das Ticket aus, sieht, wie viele Kilometer Sie schon auf Frankreichs Autobahn zubrachten, rechnet ab und zeigt Ihnen sehr eindeutig, was und womit Sie blechen müssen. Falls Sie beim Einfahren einen Zugang mit reinem Kartensymbol erwischten, können Sie eben nur mit Karte zahlen, ansonsten halten Sie Bargeld bereit.
Was mich verblüfft hat, ist, dass Sie beim bargeldlosen Verfahren Ihre Karte lediglich einstecken und die Abbuchung läuft. Sofort! Von wegen PIN eingeben! Ich bitte Sie! Wer braucht denn so etwas …
Tja, Sie können nur mitmachen, sich wundern und hoffen, dass alles hinterher seine Richtigkeit hat oder Sie kommen dort nicht weiter. Versauern an der Schranke.
Fahrstreifen mit dieser ominösen „t“-Anzeige sollten Sie eher meiden, außer Sie verfügen über so etwas wie ein Abonnement bzw. ein Gerät, das die automatische Mauterhebung möglich macht und alles elektronisch erfasst.

Gefühlt ist man ständig am bezahlen. Gerade fielen wieder zusätzlich 5,40 Euro für die Nutzung der „Pont de Normandie“ an …

Bretagne - Maut auch für die Überquerung der Seine-Mündung zwischen Le Havre und Honfleur (Pont de Normandie)

Bretagne – Maut auch für die Überquerung der Seine-Mündung zwischen Le Havre und Honfleur (Pont de Normandie)

Doch so langsam rückte die Bretagne näher und das Schöne ist – eine absolute Seltenheit in Frankreich! – dort ist die Fahrt auf den Straßen bzw. über Brücken und durch Tunnel mautfrei!

Der nächste Knackpunkt – für Norddeutsche und Hamburger sicher ganz speziell – ist Frankreichs Kreiselliebe.
Meine Güte, in Süddeutschland und in ländlichen Gebieten haben sich Kreisel etabliert und vermehrt wie die Kaninchen, aber wir haben hier in der Stadt kaum welche und wenn, dann solche mit einer einzigen Fahrspur innerhalb des Kreisels. Und wenn sie tatsächlich mehrere Spuren haben (Horner Kreisel, Hamburg), erhalten sie zusätzlich Ampeln. Die sollen zwar gerade durch den Kreisel vermieden werden – doch so sind wir Deutschen.

Die Franzosen haben kaum überhaupt noch irgendwo eine Ampel. Überall sind die „rond-points“ und französische Autofahrer können etwas, worüber ich nur staunen kann: Sie kommen bei dreispurigen Kreiseln nebst sechs Zu- und Abfahrten mit traumwandlerischer Sicherheit hindurch! Ihnen gelingt es blendend und filmreif, mit diagonalem Fahren durch alle Spuren von innen nach außen zur Wunschabbiegung zu gelangen – temporeich und vor allem schadlos durch den dicksten Verkehr! Das funktioniert ebenso beim Spurwechsel von außen nach innen. Nur wie?

Woher wissen die Fahrer auf der Mittel- und Außenspur, die sich auch erst sortieren, wann wieder einer von innen in einem Winkel von 45 bis 70 Grad spontan Richtung Ausfahrt will und quer durchschießt? Ungeniert die eigene Spur respektive den Kühler schneidet?
Woher ahnt der Mittelspurfahrer, ob die neu in den Kreisel einfahrenden Wagen auf die Außen-, Mittel- oder Innenspur möchten? Der Blinker zeigt bestenfalls links und rechts, aber nichts linkser und rechtser.
Wo wird bei dem Gewusel nun vorsichtshalber eher gebremst, wo tritt man hingegen aufs Gas? Ich konnte keine Regel erkennen. Die Einfahrt in den Kreisel ist machbar, klar – die Lösung für ein lebendiges wieder Hinausgelangen bereitet mir allerdings weiterhin Sorgenfalten.

Und wenn Sie endlich alles geschafft haben, die Anreise hinter Ihnen liegt, begegnen Ihnen im Hotel Gegebenheiten, die – zumindest in sehr vielen Fällen – in Frankreich anders sind als bei uns daheim.
Attention s.v.p.! Prudence est de mise.
Vorsicht ist tatsächlich angesagt, denn französische Toiletten sind wesentlich niedriger als deutsche! In der ersten Zeit sackt man beim Platz  nehmen durch, hängt zuerst immer irgendwie einen Moment in der Luft, um letztendlich die letzten Zentimeter Richtung WC-Sitz eigentlich mehr zu fallen. Der Mensch ist schon so ein Gewohnheitstier. Seine innere Umstellung auf die geringere Höhe dauert!
Ich z. B. hatte mich exakt am Tag der Abreise damit arrangiert und zu Hause prompt Schwierigkeiten bei der Rückgewöhnung. Was meinen Sie, was ich anfangs hier mit Schwung auf die Brille krachte! Der französische Abstand war weiterhin einprogrammiert. Ich bin halt davon ausgegangen, es sei noch massig Platz bis es ernst würde.
Noch eine Sache: Sie werden vergeblich nach Stöpseln für den Auslauf des Waschbeckens suchen.

Sekunde, lassen Sie mich einmal kurz auf die Uhr schauen …
Oh, là, là!
Wissen Sie was?
Genug für den Moment. Machen wir Schluss für heute. Wir werden uns beim nächsten Mal in Rennes umsehen. Die Hauptstadt der Bretagne ist überaus schön! Anziehend! Es wird also entsprechend bildreich zugehen!

Bretagne - Rennes - Altstadt mit Fachwerkbauten

Bretagne – Rennes – Altstadt mit Fachwerkbauten

Kennen Sie den Unterschied zwischen Crèpes und Galettes? Dazu kommen wir im dritten Teil ebenfalls.
Vielleicht sind Sie wieder mit dabei! Es würde mich freuen!

Salut et à bientôt!

©November 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)

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21 Kommentare

Salut! (1) – Zurück aus der Bretagne …

Michele Legrand - freie Autorin - Blog Michele. Gedanken(spruenge)Salut! Zurück aus der Bretagne!
Schnell die Reste vom letzten Crèpe vertilgt, und schon können wir beginnen.
Wie geht es Ihnen?
Hatten Sie in Ihrer Region auch diesen sagenhaften Sommernovemberbeginn? Zum Monatswechsel spazierte ich bei ca. 22 Grad und strahlendem Sonnenschein am bretonischen Cap Fréhel entlang und konnte gar nicht fassen, wie mild die Luft auf der Haut entlangstrich, wie weit die Sicht über das Meer war und in welchen Blau- und Grüntönen der Atlantik schimmerte!
Frankreich hat enorm schöne Ecken. Die Franzosen können sich schon glücklich schätzen. Die Bretonen ganz besonders! Was für eine herrliche Küste! Welch malerische Städtchen!
Sie ahnen, dass Ihnen in naher Zukunft im Blog etwas davon begegnen wird.
Doch heute starten wir sehr locker und halten es auch kurz.

Salut. Sie kennen dieses Grußwort, verwenden es vielleicht selbst hin und wieder. Es ist praktisch, denn es lässt sich sowohl bei der Begrüßung als auch bei der Verabschiedung nutzen. Die Schreibweise kommt uns Deutschen zudem vertraut vor, da wir Wortkreationen mit „Salut-“ kennen. Salutschüsse. Ist etwas anders, doch wen stört’s …
Macht nix?
Ich möchte Sie warnen! Wenn uns ein Wort in einer Sprache begegnet, die wir nicht beherrschen, es uns jedoch irgendwie bekannt vorkommt durch seine Schreibweise (meist eher als durch Aussprache), dann deuten wir es gern selbst. Grübeln, raten ein bisschen, mutmaßen sehr gewagt, beschließen irgendetwas und sind fortan felsenfest überzeugt, bezüglich des Sinns recht zu haben. Vielleicht kennen wir bei zusammengesetzten Begriffen sogar lediglich einen kleinen Teil, doch wir sind Meister im Interpretieren und basteln uns daraus unsere komplette Übersetzung.
Dass so etwas in die Hose gehen kann, werden Sie gleich anhand einiger Fotos sehen.

Was haben wir denn hier? La Porte de France.
Porte? Pforte? Tür, oder? Tor, Tür … Egal.
Die Tür nach Frankreich!
Dort geht es rein ins Land! Barzahlung vor Einlass. Klar, kennt man ja. Die Franzosen fordern schließlich fast überall Maut. Doch dies ist der Weg. Der Zugang! Hinter dieser Tür beginnt la Grande Nation … Oder doch nicht?

Bretagne - Morlaix - La porte de France ...

Bretagne – Morlaix – La Porte de France …

Und hier! Foto zwei zeigt ein überaus wichtiges Schild! Sollte Ihr Fahrrad ein Alkoholproblem haben, dürfen Sie hier nicht fahren! Sogenannte „Saufmodelle“ sind in dieser Straße unerwünscht …

Bretagne - Sauf bicyclettes ...

Bretagne – Sauf bicyclettes … Saufräder?

(Sind Sie zum ersten Mal mein Bloggast?  Als Wiederkehrer wissen Sie später, dass Sie sich von mir bitte nicht veräppeln lassen! „Sauf“ steht für außer, ausgenommen von … d. h. Fahrräder dürfen hier im Gegensatz zu Autos sehr wohl die Straße benutzen. Gesteuert von einem möglichst nüchternen Fahrer.)

Was haben wir denn da? Einen Schuhmacher. Er macht es Sprachunkundigen leicht, denn er hat netterweise dieses stiefelförmige Werbeschild an der Wand. Doch schauen Sie einmal auf den Begriff, der dort etwa in der Mitte auftaucht. Tampons.
Das Wort kennen Sie. Alles klar. In Frankreich kauft man Tampons nicht im Drogeriemarkt, sondern beim Schuster …

Bretagne - Cordonnerie

Bretagne – Cordonnerie … Der Schuster mit den Tampons?

Wundern Sie sich nur nicht, wenn Ihnen der Mann am Tresen daraufhin einen Stempel in die Hand drückt. Sein „tampon“ ist halt kein „o.b.“

In die nächste Straße eingebogen – und gleich Herzklopfen!
Mord L’Express!
Bringt man Sie hier schnell um die Ecke?
Restauration rapide …
Wird der vorher unbeschadete Zustand des Opfers womöglich doch schnell wiederhergestellt?

Bretagne - Mord l'Express ...

Bretagne –  Mord l’Express – Die Sache mit dem Expressmord und dem Restaurieren  …?

Oder ist es eher ein Schnellrestaurant, welches Ihnen in Windeseile etwas zu beißen verschafft (mordre = (an)beißen)? Ich würde sagen, Sie können sich wieder beruhigen …

Auf der Suche nach einer Unterkunft sollten Sie daran denken, dass in Frankreich auch nicht alles, was den Begriff „Hôtel“  in sich birgt, Zimmer bereitstellt.

Bretagne - Morlaix - Hôtel de Ville

Bretagne – Morlaix – Hôtel de Ville …

Das Hôtel de Ville ist leider nicht das größte Hotel der Stadt, sondern schlicht und einfach sein Rathaus.

Und noch etwas möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Hier haben Sie es schwarz auf weiß:
In einer 30-km-Zone kriegen auch die Franzosen ihren Rappel (und teilen es allen gleich schriftlich mit).

Bretagne - 30 km Rappel

Bretagne – Der 30-km-Zone-Rappel …?

Komisch nur, dass dieses Rappel-Geständnis, diese Durchdreh-Warnung unter allen Tempozeichen auftaucht, selbst bei 130 km/h … Möglicherweise doch eher eine Erinnerung oder Ermahnung, dass Sie sich gefälligst stets an die ausgewiesene Geschwindigkeit zu halten haben?
Wie auch der Besitzer dieses schönen alten Renault R4 GTL …

Bretagne - Oldtimer (Renault 4 GTL)

Bretagne – Oldtimer (Renault 4 GTL)

Die Franzosen haben manchmal urige Öffnungszeiten. Das Foto ist sehr verspiegelt, doch Sie können die Uhren sicher erkennen. Sie meinen zu wissen, dass matin etwas mit morgens bedeutet und après-midi am Nachmittag anzusiedeln ist.
Doch werden Sie daraus so richtig schlau?

Bretagne - Recht eigenwillige und etwas "krumme" Öffnungszeiten ...

Bretagne – Recht eigenwillige und etwas „krumme“ Öffnungszeiten …

Ziemlich krumme Zeitangaben und überhaupt … Andere Länder, neue Entdeckungen, Erstaunliches.
Doch für heute soll es reichen. Fini! Ende.
Sie und ich müssen uns erst wieder eingewöhnen. Mein Internet geht übrigens hervorragend nach der Umstellung! Der Monteur hat Mittwoch sehr kompetent und fix alles neu gestöpselt und geregelt. Ihnen bleibt somit nichts erspart, und für mich gibt es keine Ausflüchte mehr …^^

In lockerer Folge erscheinen in nächster Zeit im Blog Berichte aus der Bretagne. Aus Rennes, von der beeindruckenden Granitküste, kleineren Küstenorten, vom Cap Fréhel, der Île de Bréhat, der mittelalterlichen Stadt Vitré sowie aus Morlaix. Es geht dabei ebenfalls um Unterschiede bzw. französische Besonderheiten, die einem Nichtfranzosen eben auffallen.
Aktuelles wird sich sicher dazwischenmogeln – auch damit es abwechslungsreich bleibt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Wochenausklang, ein nettes Wochenende und hoffe, Sie haben keinen Stress durch nicht fahrende Züge.
Salut! Bis demnächst!

©November 2014 by Michèle Legrand

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Lebenszeichen – und ein mordsmäßig wichtiger Test!

Grüemoi! Mein heutiger Gruß an Sie. Sie wissen aus dem letzten Ostfriesland-Blogpost, ich musste kurz noch ein weiteres Mal reisen. Nun, da bin ich wieder.
Falls Sie inzwischen auf die Fortsetzung der Serie über die sympathischen Ostfriesen und das nicht nur platte Land warten, so gibt es heute für Sie vorab eine kleine Hürde zu wuppen. Nach dem Koffer auspacken und Luft holen habe ich nämlich spontan beschlossen, Sie erhalten heute von mir:
a) ein Lebenszeichen und
b) einen – wie ich denke – lösbaren Test
Die Sache ist nämlich die: Nach Teil 1 muss im Grunde geprüft werden, wie fit Sie mittlerweile überhaupt sind. Wie fortgeschritten Ihr Kenntnisstand über Ostfriesland ist. Ob Sie im ersten Teil aufgepasst haben.
Sonst können Sie leider nicht für Teil 2 zugelassen werden!
(Glauben Sie nicht alles …! ^^)
Um Ihr Wissen zu überprüfen, schauen Sie sich bitte die folgenden Fotos an und entscheiden bei den jeweils zwei Auswahlmöglichkeiten, welche Sie für die richtige Aussage halten. Bei mehr als zwei falschen Antworten sind Sie leider durchgefallen …

Die Aufnahmen habe ich von meiner gerade beendeten Reise mitgebracht. Die Frage lautet:

Ostfriesland oder nicht?

Foto 1
a) Zentrallager der Bünting Teehandelsgesellschaft in Leer. Soeben ist eine neue Lieferung des Darjeeling Flugtees eingetroffen
b) Die Terminals des Hamburger Flughafens vom Rollfeld aus gesehen
Flughafen Hamburg - Blick vom Rollfeld auf die Terminals

Foto 2
a) Blick auf Leer und Nachbargemeinden. Vorne gut zu erkennen sind das Spielfeld des VfL Germania Leer und die Tennisplätze des TC Grün-Weiß von 1909, umsäumt von den berühmten „Wallhecken“.
b) Blick auf Hamburg mit seinem Fernsehturm (Heinrich-Hertz-Turm)
Anflug auf Hamburg - Blick auf die Stadt mit Fernsehturm (Heinrich-Hertz-Turm)

Foto 3
a) Airport Leer. Sämtliche Maschinen sind Zubringer zu den beliebten Ostfriesischen Inseln. Die Abkürzung SWISS steht für: Strand+Wellen im Sauseschritt … Das Weiß der Lackierung symbolisiert den hellen Sandstrand an der Küste.
b) Flughafen Zürich (früher Zürich-Kloten) mit Flugzeugen der Schweizer Gesellschaft SWISS
Flughafen Zürich - Rollfeld und Maschinen der Fluggesellschaft SWISS

Foto 4
a) Leeraner Flughafenmitarbeiter, der bei Sonnenschein stets den Ostfriesennerz mit den abknöpfbaren Ärmeln bevorzugt …
b) Angestellter des Bodenpersonals am Flughafen Zürich bei der Arbeit
Flughafen Zürich (früher Zürich-Kloten) - Auf dem Rollfeld

Foto 5
a) Blick auf die Ems, im Hintergrund die Dünen von Spiekeroog
b) Blick aus dem Flugzeug kurz nach dem Abheben in Zürich. Blick auf die schneebedeckten Alpen.
Aussicht aus dem Flugzeug nach Abflug aus Zürich  (schneebedeckte Alpen)

Ende des Tests.
Und? Ist es Ihnen sehr schwergefallen?
Falls Sie sich nicht völlig sicher sind, schauen Sie sich zum einen den ersten Ostfriesen-Blogpost noch einmal an und vergessen zum anderen bitte nicht, beim zweiten Teil wieder dabeizusein!
Ich werde mich jetzt ein wenig daheim akklimatisieren und erneut auf den Norden Deutschlands konzentrieren. Auf die Friesen. Nix mit Grüemoi! (Sie wissen jetzt bestimmt, wie sich das zusammensetzt.)
Nur „Moin!“ ist dann angesagt!

Frohe Pfingsten wünsche ich Ihnen allen!

©Juni 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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Lärm im Städtchen: Verdens Radaubrüder von der Krähenkolonie

Mich führte kürzlich mein Weg nach Verden an der Aller, einem Städtchen mit knapp 27.000 Einwohnern, südöstlich von Bremen gelegen, dort wo die Aller schon fast in die Weser mündet (ganz grob zur Orientierung). Ein beschauliches Plätzchen, gepflegt, dessen Stadtkern recht ruhig ist, wozu sicher auch die breit angelegte Fußgängerzone einen Teil beiträgt. Links und rechts des Flanierbereichs hübsche, eher kleine, zumeist aufwändig restaurierte ältere Bauten in unterschiedlichen Farben, aus unterschiedlichen Materialien und mit Giebeln in von einander abweichenden Formen und Größen.

Verden an der Aller - März 2014 - Fußgängerzone (Große Straße)

Verden an der Aller – März 2014 – Fußgängerzone (Große Straße)

Die Nebengassen schmal, auch dort stehen sie, die betagten Häuser – manchmal vor- oder zur Seite geneigt.

Verden an der Aller - März 2014 - Seitengasse - Manch altes Fachwerkhaus lehnt sicht schon ein wenig nach vorne ...

Verden an der Aller – März 2014 – Seitengasse – Manch altes Fachwerkhaus lehnt sicht schon ein wenig nach vorne …

Bevor Sie, mit dem Auto kommend, den Altstadtbereich erreichen, ist zurzeit ein bisschen Baustelle zu meistern. Ein neuer Kreisel ist noch nicht ganz vollendet und auch der Verkehr über die Aller wird provisorisch und mittels Baustellenampel einspurig im Wechsel über eine Brücke geleitet.
Vertrauen Sie Ihrem Navigationsassistenten?
Meine vermeintlich allwissende und häufig viel zu viel plappernde Ansagelady ist immer ziemlich irritiert angesichts plötzlich neu entstandener Kreisel, die man ihr hinterhältig verheimlicht hat. Ihre Unwissenheit gibt sie aber nicht zu! Statt dass sie lieber gar nichts sagt, behauptet sie steif und fest: „Hier rechts abbiegen!“. Weiß ich, dass ich grundsätzlich demnächst nach rechts muss, komme ich – nun ebenfalls leicht verunsichert – Ihrer Aufforderung natürlich pflichtschuldigst nach. Die nächste Ausfahrt des Kreisels ist meine.
Und sie?
Sie hüstelt kurz danach, fordert schroff: „Bitte wenden!“ Oder alternativ ertönt: „Neuberechnung.“ Was mir sagt, dass wir nicht so recht harmonieren.
Und wissen Sie was?
Das stört mich auch bei Menschen. Wenn sie absolut keine Ahnung haben, jedoch wissend tun und dadurch den größten Mist verzapfen. Aber man gibt sich ja nicht gern die Blöße …

Verden an der Aller - St. Johanniskirche (um 1150 erbaut)

Verden an der Aller – St. Johanniskirche (um 1150 erbaut)

Doch zurück zu Verden, der Reiterstadt. Wer sich immer noch fragt, ob Verden nun wegen der Rösser so heißt und ob es jemanden gab, der bei der Stadtbenennung eine neue Rechtschreibung einführte – nein, es hat mit dem Wort Pferd nichts zu tun. Es leitet sich eher von Furt oder Fähre ab.
Es gibt einiges, was bei einem Erkundungsspaziergang daran erinnert, dass Pferde hier eine große Rolle spielen. Beispielsweise sind in einem bestimmten Straßenbereich im Boden ganz geballt Hufeisen eingelassen („500 Hufeisen“ mit eingravierten Namen berühmter Pferdesportler). Man sieht hier und dort Pferdemotive (an Fahrradständern), Pferdesilhouetten und -skulpturen. Verden hat sein eigenes Pferdemuseum, und natürlich finden während des Jahres immer wieder Pferdeauktionen, Turniere, Rennen oder ein Festival zu diesem Thema statt.

Verden an der Aller - März 2014 - Das Thema Pferd ist präsent. Auch schön: Vor Rossmann die Rösser ...

Verden an der Aller – März 2014 – Das Thema Pferd ist präsent. Auch schön: Vor Rossmann die Rösser …

Solange diese oder auch Feste wie die Verdener Domweih, die Domfestspiele, die Jazz- und Bluestage o. ä. nicht gerade stattfinden, ist Verden allerdings ruhig.

Verden an der Aller - März 2014 - Ein Stückchen vom Dom St. Maria und Cäcilia (1490 fertiggestellt, aber bereits 1290 begonnen. Ein Päuschen von 150 Jahren erklärt die Dauer.)

Verden an der Aller – März 2014 – Ein Stückchen vom Dom St. Maria und Cäcilia (1490 fertiggestellt, aber bereits 1290 begonnen. Ein Päuschen von 150 Jahren erklärt die Dauer.)

Verden an der Aller - März 2014 - Einblick in den Dom St. Maria und Cäcilia

Verden an der Aller – März 2014 – Einblick in den Dom St. Maria und Cäcilia

Verden an der Aller - März 2014 -  Dom St. Maria und Cäcilia - Das Fenster im Altarraum

Verden an der Aller – März 2014 – Dom St. Maria und Cäcilia – Das Fenster im Altarraum

Verden an der Aller - März 2014 -  Dom St. Maria und Cäcilia - Es heißt der Seeräuber Claus Störtebeker habe zur Abbüßung seiner sieben Todsünden sieben Fenster für den Dom gestiftet ... (Den Kopf musste er trotzdem lassen).

Verden an der Aller – März 2014 – Dom St. Maria und Cäcilia – Es heißt der Seeräuber Claus Störtebeker habe zur Abbüßung seiner sieben Todsünden sieben Fenster für den Dom gestiftet … (Den Kopf musste er trotzdem lassen).

Auf dem Domvorplatz herrscht Stille …

Verden an der Aller - März 2014 - Gegenlicht beim Halt auf dem Domvorplatz - Verden per Pferdefuhrwerk erkunden ...

Verden an der Aller – März 2014 – Gegenlicht beim Halt auf dem Domvorplatz – Verden per Pferdefuhrwerk erkunden …

… wie auch am Rathaus

Verden an der Aller - März 2014 - Das Rathaus - Links dahinter ist die St. Johanniskirche noch zu erkennen

Verden an der Aller – März 2014 – Das Rathaus – Links dahinter ist die St. Johanniskirche noch zu erkennen

… und in den Seitengassen ebenso.

Verden an der Aller - März 2014 - Wenn Sie direkt von vorn auf den Giebel schauen, neigt er sich enorm nach rechts und die Fenster in der Efeuummantelung sind kaum erkennbar.

Verden an der Aller – März 2014 – Wenn Sie direkt von vorn auf den Giebel schauen, neigt er sich enorm nach rechts und die Fenster in der Efeuummantelung sind kaum erkennbar.

Nur wenn Sie weiter zum Flussufer spazieren und sich Richtung Mündung bewegen, dann geht der Radau los!
Sobald Sie den Uferparkplatz nahe der Straße Blumenwisch erreicht haben, sehen Sie auch, wer für die Lärmerei verantwortlich ist. In einer hochgewachsenen Platane hat sich eine Krähenkolonie gebildet. Eine große Anzahl von Nestern mit mehreren brutwilligen Pärchen findet sich unter dieser Adresse, und ständig sind Bewohner des Baumes am motzen und palavern. Das Krächzen ist durchdringend und es scheint, jede Saatkrähe hat den Ehrgeiz, die andere zu übertönen.
Unter dem Baum entlang zu gehen wäre wesentlich sicherer bzw. trockener, wenn Sie einen aufgespannten Regenschirm mit sich führten. Die Gehwegplatten sind dicht an dicht bekleckert mit den Hinterlassenschaften der schwarzen Baumbesetzer. Offenbar tropft es mehr oder weniger ständig von oben.

Verden an der Aller - März 2014 - Platane mit Krähenkolonie an der Straße Blumenwisch

Verden an der Aller – März 2014 – Platane mit Krähenkolonie an der Straße Blumenwisch

Wir haben März. Mitte Februar ziehen die Krähen üblicherweise ein. Bauen die Nester, gründen die Kolonie und kehren dabei mit Vorliebe an die Orte des Vorjahres zurück. Mit jedem neuen Jahr werden es gern mehr Nester. Die WG spricht sich in Krähenkreisen herum und lockt Nachzügler an. Es wird gebrütet, und nach dem Schlüpfen schreien zusätzlich zu den gefühlt ständig erregten Eltern zahlreiche hungrige Jungvögel lauthals nach Futter.
Rechnen Sie doch bitte einmal mit: Zurzeit sind etwa acht Nester zu erkennen. Mit jeweils einem Paar belegt, ergibt das bereits 16 Krächzer. Ab etwa Mitte Mai bis Anfang Juni verlassen die Jungvögel das Nest, was aber nicht heißt, dass zu diesem Zeitpunkt immer Schluss mit der Aufzucht oder Ruhe ist. Oft gibt es noch bis in den Juli hinein Bruten. Rechnen wir pro Gelege nur drei Jungvögel dazu, sind wir bei insgesamt bei 40 lärmenden Gesellen!
In einem einzigen Baum!
Sobald die Jungvögel soweit gereift sind, dass sie die ersten Flugversuche unternehmen, wird es hin und wieder heikel. Die Kleinen hüpfen zwischendurch durchaus auch auf dem Boden oder pausieren bodennah, währenddessen die Vogeleltern argwöhnisch die Umgebung beäugen. Sie sind erbost über nahende menschliche Wesen, welche sie als Gefahr für ihre Nachkommenschaft ansehen. So gab es vielerorts schon etwas unliebsame Zusammenstöße, Spaziergänger fühlten sich ernsthaft bedroht oder wurden sogar aus heiterem Himmel von Krähen angegriffen. Völlig verblüfft, denn sie selbst hatten gar nicht bemerkt, dass irgendwo ein Jungvogel in ihrer Nähe im Gebüsch hockte.

Verden an der Aller - ... nicht viel Abstand zwischen den Nestern der Saatkrähen.

Verden an der Aller – … nicht viel Abstand zwischen den Nestern der Saatkrähen.

Gut nachvollziehbar, dass eine solche Krähenkolonie im Wohngebiet mit Attacken wie im Hitchcock-Film den Anwohnern nicht behagt und ihnen sowie jeglichen Passanten obendrein geräuschmäßig ziemlich auf den Geist geht. Vogelgesang ist etwas anderes.
Die Tiere sind allerdings geschützt. An ihre Gelege darf man auch nicht, umsiedeln kommt so ohne Weiteres ebenfalls nicht in Frage. So wird häufig versucht, von vornherein zu verhindern, dass sich das Vogelvieh im Februar wieder im selben Baum niederlässt. Man sägt die Äste aus, auf oder in denen sich Nester befanden, was die schwarzen Heinis allerdings nicht wirklich stört – nisten sie halt auf dem Nachbarast! Auf diese Weise entstehen mancherorts durch wiederholte, recht radikale Verzweiflungsaussägearbeiten ziemlich verstümmelte Bäume.
Potthässlich!
Das Schlimmste oder Ärgerlichste ist, die Krone ist völlig verunstaltet, doch aus luftiger Höhe krächzt weiter höhnisch die schwarze Meute.
Manche geplagten Anrainer kommen auf die Idee zu schießen. Mit Platzpatronen. Es geht nur um den Lärm und die Abschreckung. Das wiederum nervt nicht nur – wie angepeilt – die Krähen, sondern insbesondere auch die Nachbarn. Der Nachbar bockt und das Verhältnis leidet langfristig, die Krähe hingegen gewöhnt sich bald an das neue Geräusch, plustert sich kurz, krächzt entrüstet gegenan und – zack! – baut schon wieder ein Nest in ihrem Lieblingsbaum! Genauso wie Krähe zwei und drei. Immer nach dem Kolonienmotto: Zusammen sind wir stark!

Verden an der Aller - Die Radaubrüder der Krähenkolonie

Verden an der Aller – Die Radaubrüder der Krähenkolonie

Radaubrüder. Brüder und Schwestern natürlich. Ein Naturschützer sagte einmal, die Krähen hätten gar keine andere Möglichkeit, als sich in den dörflich-städtischen Bereich zurückzuziehen. Man hätte so viele Bäume in der Feldmark entfernt, dort seien kaum noch Nistgelegenheiten.
Also neue Bäume pflanzen … Auf Bauers Feld?
Das liefert – wenn überhaupt – allenfalls langfristig gesehen wieder einen Ersatz für die Verdener Krähen.
Nur was macht man auf die Schnelle?
Falls Sie eine humane, möglicherweise auch originelle Idee haben, wie die Kolonie überzeugt werden kann, sich zu verkrümeln, melden Sie sich gern in Verden. Man ist Ihnen sicher dankbar für jeden erfolgversprechenden Tipp.

Ansonsten lohnt es sich, dem Städtchen einen Besuch abzustatten und wenn Sie beim Nachmittagsrundgang Appetit (Gelüste!) verspüren, dann kehren Sie unbedingt im Café Erasmie ein, das sich etwa in der Mitte der Fußgängerzone (Große Straße 102) befindet. Dort gibt es sehr ungewöhnliche Torten und Kuchen. Wirklich außergewöhnliche Rezepturen und Kompositionen. Und die schmecken sagenhaft! Man hat schon Preise dafür abgestaubt – verdientermaßen!

Verden an der Aller -  Hübsche Fachwerkbauten auch in der Ritterstraße ...

Verden an der Aller – Hübsche Fachwerkbauten auch in der Ritterstraße …

Verden an der Aller - März 2014 - Angezogener Felsen am Domvorplatz. Kein Urban Knitting, aber Urban Crochet (gehäkelt statt gestrickt)

Verden an der Aller – März 2014 – Angezogener Felsen am Domvorplatz. Kein Urban Knitting, aber Urban Crochet (gehäkelt statt gestrickt)

Ich möchte Sie auch gern ermuntern, von Ihrem eventuell erfolgten oder auch erst zukünftigen Besuch in Verden zu erzählen. Hier in den Kommentaren!
Tortenempfehlungen, Krähenvergrämungsvorschläge, Ausflugstipps u. v. m. nehme ich sehr gern entgegen.

©März 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

 

 

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Spontane Schoßgäste, Jagd auf Aliens, gekappte Daumen und Glitzerziegen: Bahnfahrterkenntnisse (2)

Neulich habe ich mich richtiggehend erschrocken!
Karlsruhe Hauptbahnhof. Ich wartete auf den Zug, der mich heimbringen sollte. Der Bahnsteig füllte sich und eine knackende, rauschende Lautsprecherstimme verkündete, dass ICE 74 in Kürze einlaufen würde.
In Kürze!
Das ist relativ. Oft dient diese Ansage gefühlt nur der Besänftigung der Wartenden. Doch ich wollte zuversichtlich sein.
Nun, immerhin sagt sie ihn schon an, dachte ich.
Ich hatte den Gedanken noch nicht einmal zu Ende gedacht, da fuhr der Zug auch schon ein!
Vor der Fahrplanzeit!
Haben Sie das schon einmal erlebt?
Vorher?
Und der Schock war noch nicht vorbei!
Der Zug hatte auch alle Waggons dabei! Sogar meinen, in dem ich reserviert hatte!

In der letzten Zeit hatte ich anderes erlebt. Nicht immer die Schuld der Bahn, möchte ich betonen, denn häufig waren die Verspätungen und Ausfälle eine Folge von Unfällen an der Strecke, entstanden durch mutwillige Beschädigungen an Gleisen und Weichen sowie durch Vandalismus im Zug in einer Form, dass Waggons nicht mehr benutzbar waren und Ersatzzüge fuhren (die, bei denen dann die ursprünglich genannten Waggons nicht immer alle dabei sind).
Bei mir kam jedoch das Original. Superpünktlich! Ein gutes Zeichen?
Es fing zumindest vielversprechend an. Dementsprechend war ich nun überaus neugierig auf meine Sitznachbarn. Sie wissen aus Teil (1), man kann auch neben verdrießlichen Steinen landen, die man erst neutralisieren muss, um angenehm zu reisen. (Neutralisieren sagte ich, nicht eliminieren.)
An diesem Tag stellte ich fest, dass ich wieder einmal unerhörtes Glück mit den Reisegefährten hatte. Es begann so:

Frankfurt - vom Zug aus gesehen

Frankfurt – vom Zug aus gesehen

Der Großraumwagen ist schon dicht belegt, der Nachweihnachtsreiseverkehr ungebrochen. Gedrängel im Zug, Staus im Gang, und es dauert ein Weilchen, bis ich am Zielort ankomme. Meinen Platz am Vierertisch kann ich anfangs nicht einnehmen, denn mein Sitznachbar hat sich ein bisschen ausgebreitet, solange keiner neben ihm saß. Bücher liegen kreuz und quer auf dem Tisch, ein MP3-Player auf seinen Beinen, die Winterjacke auf dem freien Platz. Die Zwischenarmlehne ist hochgeklappt, er hängt bequem leicht quer und ist gerade beschäftigt. Hört auch nichts, weil die Ohrhörer drin sind. Sein Gegenüber macht ihn darauf aufmerksam, dass ich da bin, noch ehe ich dazu komme, mich selbst direkt an ihn zu werden.
Mein zukünftiger Nachbar wird etwas hektisch, springt hoch, schiebt alles wild zusammen, bleibt im Kabel hängen, das vom Ohr zum MP3-Player führt und sucht nebenher seinen rechten Schuh.
Wir einigen uns darauf, dass er den Tisch vorerst belegt lassen kann und nur sich sortiert.
(Das war der Anfang einer Freundschaft, die bis Hannover andauerte und nur endete, weil er mich dort verließ.)

Ich habe in ihm einen sehr intelligenten und freundlichen Schweizer als Sitznachbarn, der aus der Nähe von Luzern kommt, thailändischer Herkunft ist und mit Schweizer Dialekt spricht. Das ist ein wenig so, wie wenn Yared Dibaba auftaucht und plattdeutsch lossnackt.
Bald hockt er recht dicht neben mir, und ich werde regelrecht gelöchert, woher ich komme, wohin ich will, ob ich seine Stadt kenne etc. Ich stehe Rede und Antwort, was ich bei mir noch fremden männlichen Wesen sonst nicht sofort mache, doch sein Vater ist dabei. Der Herr gegenüber. Der wird den Sohn schon im Auge behalten …
Mein Nachbar Simon verrät mir nach der ersten Kennenlernphase vertraulich, dass er „schon“ zehn Jahre alt sei. Die Bücher auf dem Tisch sind u. a. einige Drei-Fragezeichen-Bände. Über Justus, Peter und Bob kann man sehr gut Unterhaltungen führen. Und über Luzern. Denn ich kenne das Verkehrshaus dort, was ihn freut, weil er es mag. Und über Thailand. Und Hannover. Dahin ist er unterwegs und will die Oma besuchen.
Sie sind schon eine Weile auf Reisen. Sein Vater hatte es sich so schön gedacht: Ganz viele Bücher und Musik im Ohr sollten den Filius leicht ein paar Stunden beschäftigen, doch er verrät, dass der Kerl schon kurz hinter Basel Hummeln im Hintern hatte und sich nicht auf Bücher konzentrieren konnte. Es gab zu viel im Zug, was ablenkte. Leider immer nur kurzzeitig. Danach kamen jedes Mal die obligatorischen Fragen: Wann sind wir da? bzw.  Was kann ich jetzt machen? Es ist ganz offensichtlich, dass er über die lockeren Unterhaltungen zwischen seinem Sohn und mir sehr erfreut ist, kommt er doch nun selbst zum Lesen und Verschnaufen.
Nach zehn Minuten plagen ihn jedoch offenbar genau deshalb Skrupel, denn er sagt dem Sohn:
„Nun lass die Dame mal wieder ein bisschen in Ruhe.“
„Okay … Was kann ich machen?“

Der Vater erinnert sich an Käsekästchen. Kennen Sie dieses Striche zeichnen – auf möglichst kariertem Papier – und dabei Kästchen bilden?  Immer wenn ein Kästchen alle vier Seiten hat, darf der, der es mit dem letzten Strich geschlossen hat, es als seins betrachten und sein Zeichen (Kreis oder Kreuz) hineinmalen. Wer am Ende die meisten hat … Sie kennen das.
Ich habe es ewig nicht gemacht.
Der Vater findet den mitgenommenen Stift nicht.
„Ich weiß genau, ich habe einen in deinen Rucksack getan“, verkündet er und wälzt den Inhalt des Gepäckstücks um.
„Du musst das immer ordentlich einsortieren, Papa, dann findet man das auch“, vermeldet Simon weise.
„Wir wär’s, wenn du es das nächste Mal selbst machst?“ Touché. Der Vater lässt die leichte Kritik nicht so auf sich sitzen.
„Ja, mal schauen …“, meint Simon.
Immer vage halten, gell? Fast wäre der Schuss nach hinten losgegangen. Ich helfe mit einem meiner Stifte aus, woraufhin der Knabe das Spiel nicht mit dem Herrn Papa sondern mit mir spielen möchte.
„Ja, Simon, aber …!“ Die Skrupel kommen wieder durch.
„Ist ja ihr Stift, Papa!“
Überzeugt?

Bahnfahrt Karlsruhe - Hamburg / Käsekästchen malen mit Simon ...

Bahnfahrt Karlsruhe – Hamburg / Käsekästchen malen mit Simon …

Es hält uns solange beschäftigt, bis es immer schwieriger wird, keine weiteren Kästchen zu bilden bzw. es schwerfällt, nicht Vorlagen für den Gegner zu produzieren. Ihm unterlaufen Fehler, und er befürchtet, ich könnte am Ende besser abschneiden. Gewinnen …
„Du, wir machen später weiter …“, informiert er mich ganz nebenbei.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Später war dann nie. Ein schlaues Bürschchen, wie gesagt …
„Ja, klar“, antworte ich.

So verging die Zeit. Der Abstand bis zur erneuten Frage nach der  Restdauer der Reise hatte sich verlängert. Ganz einfach wäre die Beantwortung auch nicht gewesen, denn der Zug fuhr seit einiger Zeit etwas langsamer …

In Frankfurt treffen wir bereits mit Verspätung ein. Im Zug wird informiert, dass es einen Notarzteinsatz bzw. einen Unfall an der Strecke gab und wir daher nun ab Frankfurt eine Umgehungsstrecke fahren würden. Ankunft in Kassel mit vermutlich 40 Minuten Verspätung. Mein junger Freund zeigt Anzeichen von Verzweiflung, daher hoffe ich auf Verstärkung bei der Unterhaltung in Form von in Frankfurt neu zusteigenden, freundlichen Lebewesen.
Wir betrachten gemeinsam, wer sich durch die Gänge schiebt. Eine Frau trägt ein Bärenjunges vor dem Bauch mit sich herum.
Wie? Bärenjunges?
Der zweite Blick klärt auf, es ist ein Baby im Bärenoutfit. Es steckt in einem Overall mit angenähten Fäustlingen/Füßlingen, inkl. Kapuze mit sehr markanten Bärenohren. Alles aus braunem Teddyplüsch. Und die Mutter hat ihr Baby darüber hinaus nicht „hochkant“ vor sich sondern quer, Arme und Beine schlaff herabhängend lassend. Täuschend ähnlich, dieser Bär.
Simon findet das sehr lustig. Aber er selbst möchte nicht so einen Anzug tragen. Die Ablehnung als Antwort auf meine Frage kommt schnell und klingt absolut sicher.

Frankfurt/Main - Hauptbahnhof

Frankfurt/Main – Hauptbahnhof

Mittlerweile findet ein Platzgetausche  statt. Am Vierertisch nebenan wird umarrangiert. Das vorhin fast eingeschlafene junge Mädchen, das bisher am Gang saß, wechselt auf einen freien Einzelplatz einige Reihen weiter, während zwei junge Herren dadurch nun zusammen sitzen können und fortan sich gegenübersitzend die beiden Gangplätze neben uns belegen. Anfangs schätze ich die zwei auf 16-18, doch später stellt sich heraus, dass der Ältere der beiden schon 21 ist, der andere und nur unwesentlich jünger.

Der Zug befindet sich nun auf einer kurvenreichen, nicht für die Geschwindigkeit eines ICEs ausgelegten Strecke. Da man seitens der DB jedoch offenbar gern Zeit einholen möchte, wird ziemlich gebrettert. Bei Weichenpassierung mit Gleiswechsel werden Zuggäste und auch Personal stark durchgerüttelt. Ich drücke den armen Simon einmal fast ein bisschen platt. Als Konsequenz hält er mich danach mannhaft eine Weile fest und stützt mich ritterlich. Vielleicht ist es auch ein Selbsterhaltungstrieb.
Für ihn ist die Strecke wesentlich interessanter als die ursprünglich geplante. Man lernt auf dieser Tour nämlich das Hessische kennen. Es geht über Land. Friedberg, Wetterau, Marburg, Borken … und nebenher huscht der Zug durch haufenweise kleine Bahnhöfe, deren Namen an Leutheusser-Schnarrenberger erinnern. Nicht an die Dame direkt, doch diese Namenskonstruktionen klingen genauso und sind vermutlich auch auf die gleiche Art entstanden: durch Heirat. In dem Fall von Gemeinden.

Eine junge Frau torkelt durch den Zug. Stocknüchtern, alles Gewanke ist nur eine Auswirkung der Kurvenstrecke. Wieder eine Weiche. Und – schwups – hat es sie auf den nächsten Schoß geschmissen. Er gehört einem Herrn, der sich zunächst verschrickt, Anstalten macht aufzubegehren, danach sieht, was auf ihm gelandet ist, es sich anders überlegt und stattdessen freundlich zum Verweilen einlädt.
„Ach, bleiben Sie doch …!“
Es klingt gar nicht nach billiger Anmache, einfach nur humorvoll. Sie verzichtet, lehnt dankend ab und rappelt sich auf. Sie steht noch gar nicht wieder ganz senkrecht, da schießt der Zug rasant in eine engere Kurve. Sie fällt zur anderen Seite – auf Schoß Numero 2.
„Von mir aus können Sie auch hier bleiben“, grinst der Schoßbesitzer und äfft hinüber zu dem vorherigen Auffänger: „Ich gebe Sie Ihnen nicht zurück!“
In einem Ton, bei dem Sie sich das Ätschibätsch dazudenken dürfen. Ihr wird es langsam peinlich.
„Ich wollte mir einen Kaffee aus dem Bistrowagen holen, aber ich glaube, den werde ich zurück nicht mit an den Platz nehmen, sondern lieber dort trinken. Heißer Kaffee im Schoß wird von Ihnen sicher nicht so freundlich begrüßt.“
„Nun, das stimmt!“

Es beruhigt sich wieder und Simon fragt, wann wir denn nun ankommen. Es ist höchste Zeit für neue Attraktionen.

Die beiden jungen Herren, die neben uns sitzen, sind Brüder. Sie vertreiben sich die Zeit mit lesen und einem Spiel auf dem Handy. Der jüngere liest anspruchsvolle Lektüre, der ältere hat irgendein Fachheft zugunsten des Spiels weggelegt. Simon steht auf, stoppt bei dem Spieler und stellt sich vor.
„Ich bin Simon. Ich bin aus der Schweiz. Komme aber aus Thailand. Und wie heißt du?“
„Ich?“ Sein Gegenüber wirkt noch leicht überrumpelt. „Julius.“
„Wie Cäsar?“
„Hey, den kennst du?“ Julius ist überrascht, denn Simon wirkt jünger als zehn.
„Ja, kenne ich. Einer von den Römern. Ist aber schon lange tot.“
Julius’ Bruder grient über den Rand seines Buches.
„Was spielst du denn da?“ Simon hat die Förmlichkeiten erledigt. Ihm brennen nun Fragen unter den Nägeln.
Julius erklärt ihm das Spiel bereitwillig, Simon steht weiter im Gang, schaut ein Weilchen über die Schulter zu, bis der junge Mann innehält und ihm das Handy reicht.
„Hast du gesehen, wie es geht? Willst du selber mal? Nimm’s doch mit auf deinen Platz. Hier wollen ja dauernd welche durch. Kannst es mir später wiedergeben – wenn der Akku leer ist.“
Das ist sehr generös. Doch Julius hat natürlich ein weiteres Handy, das für die wirkliche Kommunikation gedacht ist. Das andere ist lediglich sein Zweithandy, fungiert als reines Spielegerät.
Der Schweizer ist begeistert. Sein Vater auch. Es bedeutet für ihn, die nächste Viertelstunde ist zumindest gerettet.
Von meinem Nebenplatz kommen jetzt komische Geräusche. Das Spiel hat er auf lautlos gestellt, doch er selbst kann nicht völlig still bleiben. Er schwenkt das Handy, mit beiden Händen quer haltend, wild durch die Gegend, macht merkwürdige Verrenkungen, zischt genervt, hält die Luft an und wird stocksteif, jubelt zwischendurch und verkündet nach einer Weile:
„Ich habe ein Alien gefangen!“ Und mit Blick hinüber zu Julius: „Und was jetzt?“
„Ein Alien?“ Julius wirkt irritiert.
„Ja!“
„Zeig mal!“

Simon stellt sich mit dem Handy neben Julius und zeigt auf das Display.
„Das ist kein Alien, das ist eine Schildkröte.“
„Aha. Sieht aber aus wie ein Alien. Ist ja auch egal. Was kommt jetzt?“

Ihm wird geholfen, doch offenbar war das Schildkröte einfangen der Höhepunkt in diesem Level. Simon beschließt daher, eine Pause einzulegen.
„Papa, wann sind wir da?“

Wir erreichen Kassel. Am Vierertisch nebenan ändert sich die Fensterbesetzung. Eine Mutter mit einer achtjährigen Tochter gesellt sich dazu. Die Kleine ist anfangs enorm schüchtern angesichts der großen Jungs. Auch sie hat u. a. elektronisches Spielzeug dabei, eine Art Konsole speziell für jüngere Kinder. Bunt mit großen Knöpfen. Die großen Jungs und auch Simon sind fasziniert von der Einfachheit des Spiels und den gar reizenden, lieblichen Figuren, die darin vorkommen. Auch sie wollen nun Prinzessinnen retten.
„Die müsst ihr nicht retten, die sollt ihr ankleiden!“, erklärt die Jüngste der Runde. Sichtlich stolz, dass sie mehr weiß.
Julius fällt etwas ein. Er stößt seinen Bruder leicht mit dem Fuß am Schienbein an.
„Gib mal bitte die Sachen von Oma raus.“
Die beiden haben ihrer Großmutter nach Weihnachten einen Besuch abgestattet und haben dort etwas abgesahnt. Sie haben eine besondere Oma, denn ihre holt regelmäßig beim Einkaufen Sticker für ihre Enkel. Immer noch! Julius erzählt, dass sie damit vor vielen Jahren angefangen hat und nun nicht mehr damit aufhört.
Und was sagen die jungen Männer dazu?
„Wir finden das cool, wir sind noch nicht zu alt für Sticker!“, beteuert Julius und zeigt  auf seinen Bruder. „Er hier, er war sogar noch auf einer Tauschbörse vorhin!“
Auf dem Tisch landet eine große Tüte. Darin befinden sich Unmengen von teilweise noch ungeöffneten Stickersammeltüten. Es muss sich um mehrere Serien handeln, denn die Verpackung ist höchst unterschiedlich.
Die Kleine bekommt Stielaugen. Sticker! Und eine Serie scheint sie zu erkennen. Die Tiersticker. Aber es erscheinen auch Motive aus Deutschland, Bilder zu Sportthemen, Sticker zu Filmen und vieles mehr.

In der nächsten Stunde sitzen Alt und Jung einträchtig beieinander und sortieren Sticker, kleben sie sogar in Sammelalben ein.
Ja! Die großen Jungs haben auch bunte Alben!
Und überzählige Exemplare landen bei dem Mädchen, das sein Glück gar nicht fassen kann. Julius hält ihr einen Sticker hin.
„Kennst du das, was da drauf ist?“
„Nein …“
Sie schaut verlegen.
„Das ist die Frauenkirche in Dresden.“
„Aha …“

„Sieht doch schön aus, oder …?“
„Ja, schon … und was ist das?“
Die Frauenkirche konnte sie nicht ganz so fesseln, sie hat daher ein weiteres Motiv aus dem Stapel gepickt. Julius schaut es sich an, dreht es, runzelt die Stirn und hält es dem Bruder hin.
„Was ist denn das für ein Tier?“
Der Angesprochene schaut es sich an und lacht:
„Das Tier gibt es doch gar nicht!“
Julius hat den Sticker umgedreht und entziffert ein Wort.
„Da steht, das ist ein Wolpertinger. Siehst du, das Tier gibt es doch!“
„Mann, das ist ein Fantasietier, ein Wolpertinger ist ein Fabelwesen! Das gibt es nicht! Habe ich dir doch gesagt.“
Julius grübelt und tippt auf das Bild.
„Sag mal, stammt der von Werner? Der hat doch mal so was gemacht, oder nicht?“
„Der hat zwar so etwas entworfen, aber aus anderen und auch noch mehr Tieren zusammengesetzt. Der Wolpertinger auf dem Sticker ist der aus Bayern, dieses alte, bayerische Fabelwesen.“
„Mensch, du bist echt ein wandelndes Lexikon
“, staunt Julius anerkennend.
Er nimmt den nächsten Sticker.
„Und wer ist bitteschön Aurora?“ Es klingt ein wenig herausfordernd.
Sein Er-erspart-mir-das-Nachschlagewerk-Bruder zieht nur leicht die Augenbraue nach oben.
„So nennt Disney sein Dornröschen …!“
Spricht’s, fischt nach einem anderen Album und klebt Aurora auf die entsprechend dafür vorgesehene Seite.
„Blättere noch einmal eine Seite zurück!“, bittet Julius.
Die Vorseite ist für Arielle und ihre Freunde reserviert. Einige Sticker fehlen noch.
„Was wolltest du denn gucken?“
„Schade, die Riesenmuschel fehlt immer noch“, bedauert Julius.
Alle filzen die restlichen Tüten und suchen im Stickerberg auf dem Tisch nach der Muschel. Vergebens. Dafür tauchen andere Schätze auf.
„Oh, die Glitzerziege!“ Die Brüder jubeln und sind außer sich vor Begeisterung.
Sie erklären dem Mädchen, dass sie diese Ziege leider unbedingt behalten müssten, die sei derbe cool. Als Alternative schnappt sich der Allwissende ein anderes funkelndes Motiv.
„Hier, du kannst aber Beethoven in Glitzer haben.“
Ah, wir haben jetzt offenbar die Musiker/Komponisten-Serie erwischt. Oder ist das eine einzige, thematisch breit gefächerte Glitzerserie? Ziegen und Beethoven …
Simon sortiert und macht Häufchen. Die Konzentration bei der Kleinen lässt langsam nach. Um ihren Hals baumelt ein Gurtband, an dessen Ende sich ein silberner Karabinerhaken befindet. Sie spielt mit den Fingern daran herum und steckt irgendwann den Haken in den Mund. Auf einmal fließen Tränen. Die Lütte hat sich mit dem Karabinerhaken die Lippe verklemmt! Während ihre verschreckte Mama sie befreit, entpuppt sich Julius als Retter der Situation und sorgt für Ablenkung.
Er kennt einen Trick mit seinen Händen, bzw. mit den Fingern. Er schafft es, es so aussehen zu lassen, als würde er mit der einen Hand die Daumenkuppe des einen Daumens abtrennen und beiseite schieben. Dazu knickt er den Daumen der einen Hand nach hinten, so dass nur noch das Stück bis zum Gelenk zu sehen ist, und setzt die Kuppe vom Daumen der anderen Hand daneben. Dazwischen verdeckt sein Zeigefinger den Ansatz. Er „fährt“ die Finger auseinander, was auf eine Art kolossale Heiterkeit hervorruft, aber im selben Moment ein beachtliches Schaudern sowie Gänsehaut hinterlässt. Das Mädchen hat jedenfalls ihre Lippenblessur völlig vergessen.
Das stürmische Gelächter veranlasst weitere Mitreisende hinüber- und dabei zuzusehen. Im Endeffekt lernen in den nächsten Minuten zehn Leute diesen neuen Trick und verbreiten ihn vermutlich in nächster Zeit weiter. Es wird Kreise ziehen, und es wäre interessant zu wissen, welche Reichweite Julius’ Demonstration erzielt.
Wenn Ihnen in nächster Zeit jemand damit kommt, dann reiste er vielleicht kürzlich im ICE Richtung Hamburg …

Moment, ich muss kurz einmal auf die Uhr schauen…. Oh, schon so spät!
Nun, Sie kennen das inzwischen, ich muss weg. Und wenn unser Treff hier länger ausfiel, dann kennen Sie das mittlerweile auch. Ich bin halt kein Freund davon, ein für mich durchgehendes Erlebnis in tausend Einzelposts aufzusplitten. Gönnen Sie sich gegebenenfalls doch einfach ein Päuschen beim Lesen. Es läuft Ihnen ja nicht weg.

Und wieder daheim ... Hamburg Hauptbahnhof am 28.12.2013, noch mit der Weihnachtsdekoration

Und wieder daheim … Hamburg Hauptbahnhof am 28.12.2013, noch mit der Weihnachtsdekoration

Die Reise endete mit am Ende 47 Minuten Verspätung. Für Simon und seinen Vater in Hannover, wobei Simon jetzt auf einmal gern weitergefahren wäre.
„Sind wir schon da?“, fragte er erstaunt, und es klang ein wenig enttäuscht.
Der Rest der Gesellschaft fuhr bis Hamburg. Dort war dann das kleine Mädchen untröstlich, die neuen, großen Ersatzbrüder zu verlieren. Immerhin versüßten all die geschenkten Sticker den Abschied.
„Mama, darf ich die bei mir an die Wand kleben …!“
„An die Wand?? Oh, Liebes, die gehen da gar nicht wieder ab!“
„Die sollen ja auch nicht abgehen!“
„Ja, aber irgendwann willst du sie vielleicht nicht mehr haben, wenn sie dir nicht mehr gefallen …“
„Ich finde die immer schön!“
„Ja, ich meine doch, wenn du dann älter bist!“
„Dann mag ich die immer noch ganz doll. Die großen Jungens fanden die ja auch immer noch schön!“
Dagegen soll erstmal einer etwas sagen …

Schluss.
Endgültig.
Bis zum nächsten Mal!

PS Denken Sie auch manchmal, dass Freundlichkeit ansteckt?

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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„Wissen Sie, ich bin ja ständig auf Achse …“ – Bahnfahrterkenntnisse (1)

Und? Hatten Sie schöne Weihnachtsfeiertage? Ich hoffe, es geht Ihnen gut und Sie haben Lust, sich in diesem Jahr noch einmal mit mir zusammenzusetzen. Unsere letzte Chance in 2013!

Ich komme hier zu nichts Vernünftigem, sprich es hapert grad zeitlich an der Ausarbeitung von inhaltlich anspruchsvollem und hochwertigem Stoff.
Nur hält mich das vom Bloggen ab?
Nein, denn ich denke, wir können uns zum Jahreswechsel ebenso gut entspannt unterhalten, und ich verrate Ihnen dabei ein wenig über meine neugewonnenen Bahnfahrterkenntnisse. Denken Sie nicht, es wird ein Deutsche-Bahn-Lamentiereintrag! Das wäre ein verdammt alter Hut, und nach der Paketstory (s. letzter Blogbeitrag) habe ich auch kein Verlangen nach weiteren Dramen und engstirnigen Servicebetrachtungen.
Ach, übrigens – ich habe gestern, am 30.12.2013, das drei Wochen vorher vom Absender aufgegebene und verschollene Paket nach zahlreichen weiteren Geduldsproben und einigen recht verblüffenden und sich vor allem komplett widersprechenden (Fehl-)Informationen erhalten!
Hurra!
Zu spät als Weihnachtsgeschenk, doch selbstverständlich auch jetzt noch willkommen. Ich pinsele nun einen dicken, fetten Schlusspunkt hinter dieses leidige Thema.

Widmen wir uns stattdessen der Bahn bzw. den Bahnfahrten. Wie in jedem Jahr, war ich am zweiten Weihnachtsfeiertag unterwegs gen Süden, um mit dem im Raum Karlsruhe ansässigen Teil der Familie zu feiern.
Nicht nur Weihnachten! Obendrein stand ein 90. Geburtstag an!
(PS: Vergessen Sie heute nicht das Dinner for One und den 90. Geburtstag von Miss Sophie!)

Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden ...

Ein Blick aus dem Fenster: Mit dem ICE ab Hamburg Hauptbahnhof über die alten Elbbrücken gen Süden …

Mögen Sie Zug fahren? Ich schon. Wenn Sie die letzten Jahre hier Blog gelesen haben, erinnern Sie sich vielleicht an „Marvin und die Big Five“ oder andere Geschichten. Im Zug erlebt man häufig hochinteressante Dinge, erfährt Neuigkeiten,  lernt unnütze und nützliche Sachen sowie neue Menschen kennen. Nicht so eng kennen, dass Sie Adressen austauschen und sich irgendwann wiedersehen – nein, aber Sie verbringen einige Stunden mit bestimmten Menschen dicht neben sich.
Gut, manchmal ist es so, als säßen Sie neben einem Stein. Einem verdrießlichen Stein. Starten Sie immer einen kleinen Versuch, ihn relativ unauffällig und zurückhaltend aufzumuntern und zu erweichen. Bleibt es erfolglos, war’s das. In dem Fall passt halt absolut nichts zusammen. Nehmen Sie Ihr Buch. Damit sind Sie dann definitiv besser bedient.
Wenn Sie es hingegen schaffen, den Stein von verdrießlich auf neutral bis halb lächelnd umzupolen, haben Sie schon viel erreicht (auch für Ihr weiteres Wohlergehen). Ein nunmehr freundlicher, wenn auch weiterhin absolute Ruhe liebender, etwas eigenbrödlerischer Stein, muffelt aber wenigstens nicht mehr herum.

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Nebel! Er hat aber auch seinen ganz eigenen Charme ...

Bereits kurz hinter Hamburg geht es los: Keine komplett verschleierten Scheiben sondern Nebel! Er hat allerdings seinen ganz eigenen Charme … Vor Uelzen stehen zwei weiße, große Silos von „Nordzucker“ direkt am Gleis. Sie tauchen wie von Geisterhand gemalt ganz plötzlich riesig unmittelbar vor einem aus dem Nebel auf!

Doch sehr häufig ergeben sich nette Stunden, in denen Sie sich zwischendurch nett und angeregt unterhalten oder kleine Szenen mitbekommen und sich – mir passiert das gar nicht so selten – köstlich amüsieren. Wenn Sie wesensähnliche Personen um sich herum haben, die für Freundlichkeit empfänglich sind bzw. sie selbst verbreiten und Humor zu schätzen wissen, dann bedauern Sie fast, wenn Sie an „Ihrem“ Zielbahnhof angekommen sind und aussteigen müssen. Auf der Rückfahrt hatte ich im ICE sehr großes Glück, davon erzähle ich allerdings etwas später im (über-)nächsten Blogpost. Heute geht es um die Hinfahrt.
Neben mir im Gang an einem Tisch – und sich gegenübersitzend – befanden sich ältere Herrschaften. Zwei Ehepaare, deren Alter ich auf Mitte bis Ende siebzig schätze. Die beiden Damen kamen bald ins Gespräch. Sie starteten mit dem Thema Jacke aufhängen, schwenkten um zum jeweiligen Fahrtziel, kurz danach ging es um die Herkunft. Von dort war es nicht mehr weit bis zum Anlass der Reise, und da beide ihre erwachsenen Kinder mit deren Familien besuchen wollten, verlief der Fortgang des Gesprächs so:
„Sie fahren auch zu Ihren Kindern?“
„Ja, oder besser gesagt zu unserem Sohn, einem unserer Kinder.“
„Dann haben Sie mehrere? Ich auch!“
„Sie auch? Wie viele haben Sie denn? Sind es Jungs? Oder auch Mädchen?“
„Nun, wir haben ja beides. Töchter und Söhne.“
Sie beginnt die Namen der Kinder zu nennen. Ich komme auf die Zahl fünf. Die andere Dame hat ebenfalls dieses Ergebnis errechnet und spricht eifrig:
„Sie haben fünf Kinder? Wir haben sechs!“
Es klingt ein ganz kleines bisschen triumphierend. Ha, wir haben ein Kind mehr!
Eine stolze Zahl ist es bei beiden auf jeden Fall. Alsdann nennt die „mit einem mehr“ alle Namen ihrer Sprösslinge und ergänzt:
„Im Moment komme ich grad aus Kiel von meiner Tochter Regine, und wir müssen jetzt weiter zu unserem Sohn Jörg nach Wetzlar.“
Die Dame gegenüber war bei Michael und hat die Absicht, auf dem Heimweg noch einen Zwischenhalt bei Uwe einzulegen. Es stellt sich heraus, dass bei beiden der Nachwuchs völlig wild verteilt im gesamten Bundesgebiet lebt. Die Mutter von Regine und Jörg stammt zudem ursprünglich aus dem Süden. Sie hat es nur irgendwann durch Heirat nach Bremen verschlagen. Folglich ist zusätzlich Ihre eigene Familie großteils im süddeutschen Raum ansässig.
Da haben sich welche gesucht und gefunden! Gleiches Schicksal verbindet. Man fühlt sich verstanden, und irgendwann stöhnt Uwes Mama vertraulich:
„Wissen Sie, im Grunde ist es Stress! Ich bin ja ständig auf Achse!  Seit zwanzig Jahren geht das schon so!“
„Bei mir auch! Immer unterwegs.  Also, wir haben ja inzwischen wenigstens eine Bahncard!“
Die hat das andere Ehepaar selbstverständlich auch, was aber die Anstrengung der Reiserei nicht minimiert.
„Sollen ich Ihnen was sagen? Ich glaube, das war jetzt das letzte Weihnachtsfest, an dem ich das mache. Mir wird das zu viel!“
„Ja, stimmt, es ist anstrengend. Und das zieht ja auch immer so auf den Bahnhöfen!“
„Genau, und außerdem muss man immer so schleppen! Erst die schweren Tüten mit den Geschenken hin und dann die eigenen Geschenke wieder mit zurück.“
„Also wir kriegen das Gepäck ja gar nicht mehr hoch auf die Ablage.“
„Nein, wir auch  nicht. Ist das nicht auch blöd gemacht? Und viel zu wenig Platz!“
Allein bei dem Gedanken an die Gepäckverstausituation und -aktion werden beide kurzatmig.
„Und ständig ändern sich die Fahrpläne! Ich kann jetzt auch gar nicht mehr in Offenburg umsteigen! Also generell, meine ich. Nicht wegen Jörg. Überhaupt.“
Ein Seufzen aus beider Munde. Synchronseufzen, gefolgt von einer kurzen Pause des Nachdenkens.
„Und wissen Sie, was ich auch hasse?“
„Nein, was denn?“
„Wenn man sich endlich an eine Route gewöhnt hat und alles kennt – dann ziehen die Kinder um!“

Ich konnte es so gut verstehen, sie hatten mein vollstes Mitgefühl, dennoch entbehrte es nicht einer gewissen Komik.
Die Gespräche gingen in diesem Stil weiter, und ich glaube, es hat beide Seiten enorm erleichtert. Die Männer hielten sich aus der Unterhaltung heraus, brummelten nur bei Aufforderung pflichtgemäß. Sie wurden untereinander erst etwas warm, als es um technisches Gedöns ging. Der Fotoapparat des einen wurde schließlich kurz vor Ende der Reise ihr Aufhänger.
Intensiv im Gespräch, versäumte es das eine Ehepaar beinahe, die Ankunft in Frankfurt wahrzunehmen und auszusteigen. Das Ankleiden musste auf einmal sehr hurtig vonstatten gehen.

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht ...

Frankfurt Hauptbahnhof in Sicht … mit Spiegelungen

„Oh, das wäre jetzt aber was geworden!“, sagt die Weiterfahrende aufgeregt.
„Ach was“, winkt die Bremerin ab,  „dann wären wir eben in Mannheim raus. Dort wohnt mein Bruder.“
„Sie haben noch Geschwister?“ Die Augen der anderen Dame beginnen zu leuchten.
„Ja, vier“, gibt die Bremerin Auskunft.
„Ich auch!“, ertönt es begeistert.
Die letzten zwei Minuten widmete man den Geschwistern. Eine Präsentation der Brüder und Schwestern im Schnelldurchlauf …

Danach wurde es merklich ruhiger, und gut eine Stunde später war auch für mich die Reise zu Ende. Ankunft in Karlsruhe, Hauptbahnhof.

Karlsruhe Hauptbahnhof - Teilansicht der Skulptur "Zugabteil" (Gudrun Schreiner, 1984)

Karlsruhe Hauptbahnhof – Teilansicht der Skulptur „Zugabteil“ (Gudrun Schreiner, 1984)

Liebe Bloggäste, schauen Sie doch in den nächsten Tagen wieder herein! Auf der Rückreise geht es u. a. um Glitzerziegen, im Schoß landende Wesen auf kurvenreichen Umgehungsstrecken sowie meinen Schweizer Sitznachbarn thailändischer Abstammung. Und zwischendurch zeige ich Ihnen nahe Karlsruhe – in Rheinstetten – ein Schulzentrum, in dem man recht öde Betonstützsäulen enorm interessant verschönert hat.
Vielleicht habe ich noch mehr …

Kommen Sie nun erst einmal gut ins Neue Jahr und bleiben Sie gesund und munter!
Wir lesen uns wieder, wenn Sie mögen.

©Dezember 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.com

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14 Kommentare

Een beetje van Amsterdam (2) – Psst! Geheim …!

Amsterdam!

Amsterdam!

Laut Beschluss (meinem) nehmen wir das Thema Amsterdam (inklusive einiger Gedankensprünge, Sie wissen Bescheid) einfach gleich wieder auf. Kommt jenes in Teil (1) etwas nebulös angekündigte „später einmal, irgendwann“ eben „früher einmal, jetzt“.
Een beetje eher.
Sie haben sich unseren vielseitigen Begriff hoffentlich gemerkt.
Möchten Sie eventuell in Geheimnisse eingeweiht werden?
Etwas über einst sehr verschwiegene, versteckte Orte erfahren?

Falls ja, wäre es gar nicht schlecht, wenn Sie und ich uns een beetje auf das heutige Thema einstimmen. Wie ist das bei Ihnen:
Angenommen, Sie hätten etwas, woran Ihnen liegt, und eine Tätigkeit, die Sie in diesem Zusammenhang regelmäßig ausüben, liegt Ihnen enorm am Herzen.
Sie brauchen das einfach!
Sie fühlen sich unvollständig ohne diese – sagen wir – Zeremonie. Ihr Seelenheil hängt nämlich davon ab.
Nehmen wir weiter an, aus heiterem Himmel tauchte plötzlich jemand auf, stellte sich vor Sie hin und würde Ihnen das verbieten, was Ihnen doch so viel bedeutet.
Halt! Nein, ab heute gibt es das hier nicht mehr! Strengstens untersagt!
Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Und dieser jemand drohte Ihnen im Fall der Fälle mit Strafe, nähme Ihnen Ihr was auch immer sogar weg!
Gehört jetzt mir! Basta. Meins! Schluck es!
Worum könnte es gehen?
Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit so profanen Dingen wie Zigarettenritual im Freien, stundenlangen Freibad- oder Wellness-Orgien, auch nicht mit öffentlichen Tête-à-têtes resp. Dates oder der Jogagruppe im Park! Es geht um etwas anderes.
Doch ganz gleich, worum es sich handelt, wie würden Sie generell reagieren?
Würden Sie ein Verbot hinnehmen? Seufzend auf alles verzichten?
Oh, ich darf nicht! Die haben es ja verboten! Ist halt so … Ach, geht’s mir jetzt schlecht!
Oder würden Sie versuchen, einen Ausweg zu finden? Eine Kompromisslösung? Für sich? Oder gar mit dem anderen?
Wer weiß, vielleicht ist es ja sowieso alles nur vorübergehender Natur.
Wie könnte die Alternative aussehen?
Spinnen Sie den Gedanken ein wenig weiter: Wenn Sie es nun auch gar nicht alleine wären, der betroffen wäre. Wenn es um viele ginge. Familie, Freunde, Bekannte, Unbekannte …
Um eins der Beispiele von vorhin zu benutzen: Wären Sie der einzige, der nicht mehr öffentlich baden dürfte, dann würden Sie wahrscheinlich fortan in Ihre Badewanne hüpfen. Etwas beleidigt zwar, doch Sie würden vorerst damit vorliebnehmen. Wenn Sie sich hingegen bisher mit hundert gleichgesinnten Personen immer zu einer Badezeremonie trafen, was machen Sie dann? Ihre Badewanne schafft das nicht …
Sie müssen folglich größer denken.
Aber halt! Vergessen Sie es nicht! Es ist streng verboten. Es darf nicht auffallen!
Bitte?
Richtig, Sie müssen einen grandiosen Plan entwickeln, wie Sie es versteckt und heimlich tun könnten. Einen Ersatz schaffen, den keiner erahnt. Einen Ort finden, an dem Sie ab jetzt ihre Treffen abhalten. Der ist natürlich nicht fertig ausgestattet vorhanden! Sie müssten – um beim Baden zu bleiben – heimlich einen großen Pool anlegen. Unauffällige Zugänge schaffen. Per Mundpropaganda Informationen weitertragen.
Psst! Dienstag ist Badeorgientag …

Amsterdam - Geradezu die Oude Kerk

Amsterdam – Geradezu die Oude Kerk

Und jetzt kommen wir zu Amsterdam. Nichts anderes ist dort geschehen. Nein, keine Geheimpools! Es gibt in dieser Stadt jedoch geheime Kirchen. An Orten, an denen sie absolut kein Mensch vermutet! Quasi unsichtbar.
Warum?
Erinnern Sie sich noch dunkel an den Geschichtsunterricht in der Schule?
Gehen Sie zurück zum Beginn des 16. Jahrhunderts. Martin Luther. Das Zeitalter der Reformation war durch ihn angebrochen. Die Niederlande und somit auch Amsterdam, waren bis zu diesem Zeitpunkt katholisch, Karl V. und auch sein Sohn und Nachfolger Philipp II. von Spanien beide strenggläubige Katholiken.
Plötzlich konvertierten in den „Niederen Landen“ Teile des Volks zum Protestantismus!
Entrüstung, Verfolgung der Andersgläubigen!
Die Calvinisten bildeten seinerzeit eine dominierende protestantische Kraft, und obwohl ihre Zahl überschaubar war, verfolgte die Regierung (das katholische Besatzungsregime der Spanier) sie recht unnachgiebig.
Der Adel lehnte das ab, und auch viele Städte waren nicht bereit, Ketzer aufzuspüren, sie zu jagen, zu bestrafen. Kurzzeitig schien sich die Lage zu entspannen, es sah aus, als signalisierte die andere Seite Entgegenkommen. Doch bereits unmittelbar darauf kam neuer, noch massiverer Druck aus Spanien, es gab blutige Verfolgungen.
Trotz allem nahm der Einfluss der Protestanten weiterhin zu!
Unruhen, kriegerische Auseinandersetzungen, Rebellion waren lange Jahre an der Tagesordnung. Im Januar 1579 schlossen die wallonischen Provinzen einen Sonderfrieden mit dem spanischen König. Etwa zur selben Zeit vereinigten sich die sieben niederländischen Provinzen zur Utrechter Union. Wenige Jahre später gründeten sie die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen. Der (katholische) spanische König wurde abgesetzt, und das Land war von da an gespalten.
Nun waren es auf einmal die Katholiken, die zwar nicht auf die gleiche Weise verfolgt wurden, denen jedoch zwischen 1578 und 1795 untersagt war, ihrer Religion öffentlich nachzugehen. Die Protestanten konfiszierten ihre Kirchen.

Einige dieser betroffenen, gläubigen Katholiken, ersannen im Laufe der langen Zeit an mehreren Stellen in Amsterdam Notlösungen in Form von Versteckkirchen, sogenannten Schuilkerken. Die im Land verbliebenen Katholiken hatten es aufgrund der noch folgenden Kriege zwischen Niederländern und Spanien immer schwerer, und es ist nicht so, dass ihre Geheimkirchen im Laufe der Jahrzehnte tatsächlich alle völlig unentdeckt blieben, nur sobald sie als Händler eine bedeutende Rolle spielten (wie z. B. in Amsterdam oder auch in Utrecht), sah man manchmal darüber hinweg, dass sie im Versteckten ihren Glauben lebten.
Auch nicht ganz konsequent, oder? Doch wo der Profit winkt …

Das ist alles lange her, dennoch können SIe vier dieser geheimen Orte heute noch finden. Um zwei dieser Plätze geht es nun hier.
Ihnen gemein ist, dass Sie – wenn Sie durch Amsterdams Straßen gehen und an den nahtlos aneinandergesetzten Häusern vorbeistreifen – nie ahnen würden, was sich vielleicht dahinter oder in diesen Gebäuden befindet. Es sieht alles ganz normal aus. Unverdächtige, schöne Wohnhäuser.

msterdam -Häuserfassade zur Straße hin - Durchgang zum Begjin-Hof.

msterdam – Häuserfassade zur Straße hin – Durchgang zum Begjin-Hof.

Gut, zugegeben, bei dieser Tür haben Sie einen dezenten Hinweis …

Amsterdam - Durchgangstür zum Begijn-Hof

Amsterdam – Durchgangstür zum Begijn-Hof

Es könnte etwas mit Kirche zu tun haben. Sie öffnen die Tür, befinden sich in einem Durchgang, der Sie zu einem Innenhof leitet.

Durchgang zum Innenhof - Begijn-Hof, Amsterdam

Durchgang zum Innenhof – Begijn-Hof, Amsterdam

Im Innenhof selbst sind Fotoaufnahmen leider nicht gestattet. Deshalb beschreibe ich es Ihnen:
Sie treten hinaus auf einen ruhigen Platz, um dessen sorgsam eingefasste Rasenfläche sich im Oval viele Häuser anordnen. Schmale Bauten aus roten Steinen, weiße Sprossenfenster, viele der typischen holländischen Giebel (glockenförmig oder wie ein A geformt, dessen Spitze gekappt wurde). Gepflegte Vorgärten, die länglichen Steine des Weges sind sorgfältig im Fischgrätmuster verlegt. Es herrscht Stille, eine Ruhe, die Sie aufgrund der naheliegenden Hauptstraßen und Straßenbahnen mit ihrem Geläut überhaupt nicht erwarten. In diesem Hof steht eine Kirche.
Wenn Sie vermuten, dass es sich hierbei schon um die geheime Kirche handelt, komplett den Blicken entzogen, von der Straße aus überhaupt nicht zu sehen – dann haben Sie sich getäuscht.
Die Engelsekerk war den Protestanten durchaus bekannt. Sie wussten, dass sie von einer katholischen Frauengemeinschaft, den Begijn-Frauen, genutzt wurde, die alle in den Anrainerhäusern ihre Wohnungen hatten.
Und zwar ausschließlich diese Frauen lebten dort!
Was eine Zeitlang wirklich geheim blieb, und später zumindest als nicht öffentlich zählte, war hingegen eine Hauskapelle, die sich in zwei verbundenen Häusern (Nr. 31) befand. In dieser Kapelle sieht man Szenen, die die Geschichte des Wunders von Amsterdam darstellen.

Ein wenig verblichen in all den Jahren ...

Ein wenig verblichen in all den Jahren …

Kapelle mit Altar

Kapelle mit Altar

Blick in die Kapelle

Blick in die Kapelle

Altar

Altar

Wenn Sie von dort weiter ein wenig durch Amsterdam spazieren und dabei irgendwann die Straße Oudezijds Voorburgwal durchqueren, dann wird Ihnen wieder nichts Ungewöhnliches auffallen. Abgesehen vielleicht von etwas merkwürdigen Fensterherausblickern …

Amsterdam - Am Oudezijds Voorburgwal - Blick hinüber ...

Amsterdam – Am Oudezijds Voorburgwal – Blick hinüber …

Amsterdam ... wer schaut denn dort aus dem Fenster?

Amsterdam … wer schaut denn dort aus dem Fenster?

Doch wenn Sie – in Richtung Hauptbahnhof laufend – diese Bank erreicht haben … ja, dann sind Sie leider schon ein Stückchen vorbeigelaufen!

Amsterdam - Oudezijds Voorburgwal 14

Amsterdam – Oudezijds Voorburgwal 14

Entlang dieser Straße, die an einem Kanal verläuft, befinden sich Grachtenhäuser. Die typischen, hohen, schmalen Bauwerke, die hier auch gar nicht anders möglich sind, da es in Amsterdam eine Regel bezüglich der maximal erlaubten Gebäudebreite gibt. Reiche Amsterdamer Bürger haben diese Vorschrift manchmal umgangen, indem sie zwei oder drei nebeneinander liegende Häuser bauten, sie im hinteren Bereich miteinander mittels Durchbruch verbanden, Ihnen vorne jedoch völlig unterschiedliche Fassaden gaben, so dass sie wie regelkonforme Einzelhäuser wirkten.

Gehen Sie nun bitte gedanklich wieder zurück. Diesmal ins 17. Jahrhundert.
Im Jahr 1663 baute der katholische Kaufmann Jan Hartmann im Oudezijds Voorburgwal das Haus mit der Nr. 40.

Amsterdam - Oudezijds Voorburgwal 40

Amsterdam – Oudezijds Voorburgwal 40

Wenn Sie das Haus unten über einige Eingangsstufen betreten und im Flur bzw. Wohnbereich landen, würden Sie nie denken, was Sie einige Geschosse darüber erwartet!
Jan Hartman erschuf über den gesamten Dachgeschossbereich hinweg eine geheime Kirche! Ons‘ Lieve Heer op Solder – soviel wie Unser lieber Herr vom Dachboden wurde sie genannt.
Und da auch dort im Haus das Aufnehmen von Fotos leider nicht gestattet war, verweise ich auf nachfolgenden Link, der zur entsprechenden op-Solder-Website führt. Allerdings ist man auch hier, was Bilder angeht, sehr zurückhaltend.
http://www.opsolder.nl/eng/home.php

Die Kirche wirkt prunkvoll, besitzt viele vergoldete Elemente. Momentan haben Wände und Galerie/Geländer einen Anstrich in Altrosa, was einer Rekonstruktion eines älteren Farbanstrichs entspricht. (Man hatte bei Restaurierungsarbeiten mehrere Schichten Farbe unterschiedlicher Tönung entdeckt.) Sie hat einen Altar im barocken Stil, der erst ein wenig später, im Jahre 1715 eingefügt wurde. Die Dachgeschosskirche verfügt über eine Empore, eine Orgel, Statuen, Heiligbilder und natürlich ausreichend Gestühl sowie hölzerne Sitzbänke entlang der Seitenwände bzw. auf der Galerie!

Beim Blick aus dem Dachfenster, konnten die Gläubigen die echten Kirchen zumindest sehen ...

Beim Blick aus dem Dachfenster, konnten die Gläubigen die echten Kirchen zumindest sehen …

Aus der Bürgerwohnung in den unteren Etagen führen an einer Seite des Hauses extrem enge Wendelholzstiegen von Stockwerk zu Stockwerk. Unwahrscheinlich für Sie anzunehmen, dass hier je Menschenmassen hinaufstiegen, um an der Messe teilzunehmen.
Doch genauso fand es statt!
Ich versuche mir vorzustellen, wie es damals ablief und kann ich mir kaum denken, dass in Zeiten, in denen diese Messe in aller Heimlichkeit abgehalten werden musste, sich draußen auf der Straße vor der Tür katholische Gläubige in Massen versammelten und herumstanden, bis unmittelbar vor Messebeginn die Tür geöffnet wurde.
Das wäre viel zu auffällig gewesen!
Sie müssen versetzt über einen längeren Zeitraum angekommen und auch wieder gegangen sein. Es heißt, im Notfall (bei Gefahr) konnten die Messeteilnehmer durch Dachluken entschwinden.
Doch wohin?
Hinüber zum Dach des Nachbarhauses und von dort wieder hinunter und hinaus?
Es muss schwierig gewesen sein in dieser Zeit, und unwillkürlich taucht die Frage auf, ob all diese Risiken und Aufwendungen überhaupt gerechtfertigt und notwendig waren.
Mit Gott kann doch jeder allein und an jedem Ort der Welt Kontakt aufnehmen …
Es waren jedoch die Gemeinschaft, die Messen, das Beichten – alle gemeinsamen Rituale, die mit der Glaubensausübung zusammenhingen – die zählten und die vermisst bzw. ersehnt wurden.
Und vielleicht war es auch Protest. Ein Protest gegen ein nicht einzusehendes Verbot.

Seit 1988 ist Ons‘ Lieve Heer op Solder ein Museum. Die Holzverstrebungen, die Sie auf dem Bild weiter oben (auf der rechten Seite im oberen Bereich des Fotos) gerade noch sehen können, dienen zurzeit als Abstützung zwischen den Häusern Nr. 40 und Nr. 38. Man plant einen Tunnel und gräbt momentan an dieser unterirdischen Verbindung. Es ist beabsichtigt, das Museum zu erweitern und den Empfangsbereich in Haus 38 einzurichten.

Nach einem solchen Besuch und der Kenntnisnahme der damaligen Zustände und Reaktionen, gehen mir natürlich einige Gedanken durch den Kopf. Über Anmaßung. Über das Verhängen von unsinnigen Verboten, auch über das Hinnehmen von willkürlichen Verboten …
Beschäftigt Sie das auch?
Wenn Sie es bitte einmal nicht allein auf Glaubensfragen (Religion) beziehen, sondern eher ganz generell sehen. Was zeigt es, lehrt es? Wie könnte ein ganz persönliches Résumé aussehen?
Vielleicht sagt es hauptsächlich, dass sinnlose Verbote eben sinnlos sind. Nicht nur ihr Inhalt, sondern auch ihr Aussprechen!
Sinnlos verhängt.
Es stellt sich die Frage nach der Pflicht zur Einhaltung.
Müssen wir immer alles stillschweigend hinnehmen?
Verbote einzuhalten, Regeln zu achten ist wichtig, aber macht nur dann Sinn, wenn sie dazu dienen, allen zu nutzen. Wenn ohne die Einhaltung jemand im Nachteil wäre. Wenn die Nichteinhaltung die Freiheit eines anderen einschränken oder ihn gefährden würde. Regeln dürfen nicht zu einer bloßen Machtdemonstration werden. Verbote sollten nicht ausgesprochen werden, um lediglich zu bestrafen oder es mit gleicher Münze heimzuzahlen, sich zu rächen.
Ein miteinander umgehen auf gleicher Augenhöhe, Respekt, auch Gleichberechtigung … wie soll es das dann je geben?

Nun, wir sind aber auch nicht dazu verdammt, in jedem Fall untätig danebenzustehen und abzuwarten oder zu leiden. Vielleicht sollten wir uns stattdessen lieber öfter für etwas einsetzen, sollten sinnlose Verbote publik machen, ihren Irrsinn verdeutlichen.
Sie ein wenig der Lächerlichkeit preisgeben …
Und wenn das aus gewichtigem Grund zu Beginn nicht immer in aller Öffentlichkeit möglich ist, dann eben anfangs im Stillen. In kleinem, begrenztem Ausmaß. Überschaubar. Den Möglichkeiten entsprechend.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Kleinvieh macht auch Mist …
Vielleicht stellt sich dabei heraus, dass wir gar nicht immer alleine dastehen. Es gibt mehr Gleichgesinnte, als man denkt!
Es muss nur einmal einer anfangen.
Mit was auch immer.

Das war der zweite Teil aus der holländischen Hauptstadt. Vielleicht lesen wir uns irgendwann wieder, wenn es heißt: Een beetje van Amsterdam – Teil (3)

©Oktober 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

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Een beetje van Amsterdam (1) – Klappbrücken …!

Amsterdam liegt bereits wieder hinter mir. Schon ein bisschen schade …
Soll ich Ihnen etwas verraten?
Amsterdam ist eine wunderschöne Stadt! Waren Sie auch schon einmal dort?
Die Niederländer – alle, mit denen ich bisher in meinem Leben beruflich oder privat zu tun hatte – sind obendrein ein äußerst freundliches, lockeres, irgendwie entspanntes Völkchen. Generell. Ausnahmen mag es geben. Die gibt es immer und überall.
Leider nutze ich meine Holländisch-Kenntnisse seit Jahren kaum noch. Es ergibt sich einfach nicht mehr, und dadurch ist alles etwas verkümmert. Vokabular im Nebel, Grammatik verbuddelt. Nur umso genauer hört man hin, versteht immerhin weiterhin relativ gut und reagiert zumindest gelegentlich – vor allem mit den Höflichkeitsbegriffen (Floskeln hört sich negativ an).
Man grüßt, sagte danke, und wenn jemand wissen will, ob man „wat eten“ (essen) möchte, dann lichtet sich der Vokabelnebel und immerhin zwei Worte schauen hervor. Es reicht für „een beetje“ als Antwort. Ein bisschen. Das passt praktischerweise für viele Sachen.
Ist Ihnen kalt? Een beetje. Haben Sie noch Durst? Een beetje. Warten Sie schon lange? Een beetje.  Ganz schön laut hier, oder? Een beetje. Sprechen Sie holländisch? Een beetje.
Wenn Ihnen die Tür aufgehalten wird, heißt es natürlich nicht „een beetje“. In dem Fall kommen Sie mit „Ik dank U zeer“ gut weiter. Bei tausend anderen Gelegenheiten hilft das ebenfalls.
Und grüßen Sie immer in Landessprache! Lächeln Sie dabei!
Dann haben Sie den ersten Schritt gemacht. Man sieht Ihre Bemühungen, das Entgegenkommen und hilft wiederum Ihnen, wenn etwas für Sie „niet zo eenvoudig“ (nicht so einfach) ist.

So gut diese Tipps sein mögen, die Sache hat einen Haken. Bei mir jedenfalls. Ich bin nach ein paar Tagen so in die neue, die andere Sprachwelt eingetaucht, dass ich bei der Rückkehr nie sofort ab- bzw. umschalten kann. Bei Dialekten behalte ich den Singsang bei, bei Fremdsprachen … nun, vorgestern zum Beispiel, am Sonntag.
Vorgestern bin ich zu meinem Wahllokal ein paar Straßen weiter marschiert. So weit, so gut. Kaum drinnen, habe ich fröhlich „Goedenmiddag“ gewünscht, und als ich den Wahlzettel ausgehändigt bekam, schickte ich auch noch ein „bedankt“ hinterher. Amsterdamsche Nachwirkungen. Daraufhin wurde natürlich noch einmal ganz genau kontrolliert, ob ich überhaupt bei der Bundestagswahl mitmachen darf …

Doch zurück zu Amsterdam.
Ich möchte Ihnen im Laufe der Zeit immer wieder einmal etwas von dieser Stadt zeigen. Eben hin und wieder – um Sie nicht mit allem zu überfrachten.
Heute geht es um Brücken. Um eine Brücke.
Sie wissen, Amsterdam hat unendlich viele Grachten, diese Wasserkanäle, die sich wie ein Netz durch die gesamte Stadt ziehen. Es sind mehr als in Venedig und die Zahl der Brücken, die diese Wasserwege überspannen, überschreitet die von Paris. Man spricht von 1.281!
Dieses Wasserwegenetz wird nicht nur für den Ausflugsverkehr von äußerst flachen Booten (auf denTiefgang, aber auch die Aufbauten bezogen) genutzt, dort liegen nicht nur zusätzlich noch zahllose, äußerst unterschiedliche Hausboote fest vertäut, sondern diese Fleete dienen genauso dem Warentransport. Zum Beispiel per DHL.

Amsterdam -  DHL nutzt die Grachten zum Transport  - "Hollands Glorie" fährt aus

Amsterdam – DHL nutzt die Grachten zum Transport – „Hollands Glorie“ fährt aus

Die Beförderung der Güter erfolgt aber durchaus auch in Schuten und anderen Gefährten. Manche ragen weit nach oben hinaus – haben z. B. einen eigenen Kran an Bord –  so dass eine feste Brücke mit einer bestenfalls mittelmäßig hohen Durchlassöffnung hier das Ende der Tour bedeuten würde.
Auf einigen wichtigen Strecken ist es daher möglich, Brücken zu öffnen. Entweder funktioniert es so, dass bei einem mittleren Brückensegment per Zugmechanismus jeweils ein Part dieses Abschnitts nach links, der andere Teil nach rechts in die Höhe gezogen wird. Das Schiff passiert, die Brückenteile werden wieder heruntergelassen

Amsterdam - Blick von der Blauen Brücke - rechts eine der "Zugbrücken"

Amsterdam – Blick von der Blauen Brücke – rechts eine der „Zugbrücken“

Oder es gibt die Variante, dass eine Brücke samt Straße mit allen Spuren, Schienen, Radwegen und dem Brückengeländer komplett einseitig hochgeschwenkt werden kann. Wie eine liegende Tür, die weit geöffnet wird. Ein Scharnier, das klappt.
Auf dem Weg zum Hortus Botanicus, dem Botanischen Garten, liegt direkt vor dessen Zugang die Hortusbrug, die genau nach diesem Prinzip des Klappens funktioniert. Ein Stück zuvor kommen Sie am Gebäude der Filmakademie vorbei. Vielleicht ist dies der Grund weshalb Sie, wenn Sie nun Zeuge des folgenden Geschehens werden, sofort an wildeste Verfolgungsjagden denken. Man hat schließlich entsprechende Filme gesehen.
Das ist fast wie dieser Pawlowsche Reflex!
Sobald das Bimmeln erklingt, welches die Schließung der Schranken ankündigt, spielen bzw. spulen sich vor Ihrem inneren Auge rasante Szenen ab! Bei Ihnen ist plötzlich Nacht, Lichter blitzen auf regennasser Fahrbahn. Sie sehen eine sich öffnende Brücke, das Aufklaffen der Fahrbahn und den immer größer werdenden, nun schon dramatisch breiten Spalt! Sie fühlen Spannung aufkommen! Sie vernehmen das Geräusch aufdrehender Motoren! Sie riechen Benzin!
Der Bösewicht (Auftragskiller oder so) jagt mit quietschenden Reifen dem Guten hinterher. Ohne Zweifel ein Rennen auf Leben und Tod! Er (der Böse) würde aus ihm (dem Guten) Hackfleisch machen, falls er ihn erwischte.
Doch Sie wissen natürlich, wie es ausgeht.
Der Gute (Weltretter oder so und selbstverständlich ein begnadeter Fahrer) nimmt bei seiner Flucht die Klappbrücke als Rampe, rast innerorts mit 140 km/h heran, hebt ab, fliegt … und landet – selbstredend ohne Achsenbruch – auf der gegenüberliegenden Uferseite. Sein Verfolger (nicht halb so talentiert am Steuer), kann in seriöseren, gehaltvolleren Filmen (dort ist er immerhin vorausschauend und halbwegs vernünftig) meist gerade noch rechtzeitig bremsen und blickt dem Flüchtenden lediglich extrem frustriert hinterher, während er bei der seichteren Filmvariante mit leicht überhöhtem Action-Anteil auf Kosten der sonstigen Handlung (hier ist er ein hitziger, unüberlegt handelnder, fieser Möpp) mit Karacho in die Lücke rauscht und kläglich versinkt.
Eventuell explodiert der Wagen noch. Über Wasser. Unter Wasser. Ach, egal. Jedenfalls Action und Totalschaden. Des Fahrzeugs. Und der Fahrer ist auch meist hin.

Wo waren wir?
Amsterdam. Hortusbrug. Hellichter Tag.
Oh, es ist wohl doch nicht so dramatisch …
Doch was passiert tatsächlich?
Die kleine Anzahl Fußgänger, die in diesem Augenblick vorbeikommt, bleibt stehen und schaut gemeinsam recht gebannt zu. Autos sammeln sich in den drei Minuten fast gar keine an. Amsterdam ist nämlich nicht unbedingt die Stadt der Autos, sondern eher die der Straßenbahnen (Trams) und Fahrräder. Bei Letzterem munkelt man etwas von 600.000 Exemplaren!
Infolgedessen entwickelt sich auch innerhalb kürzester Zeit eine beachtliche Warteschlange von fietsers (Fahrradfahrern) an der Schranke.

Amsterdam - Hortusbrug  am Botanischen Garten

Amsterdam – Hortusbrug am Botanischen Garten

Amsterdam - Hortusbrug - .... im geschlossenen Zustand. Autos, Straßenbahn, Motorräder, Fahrräder und Fußgänger queren hier die Gracht.

Amsterdam – Hortusbrug – …. im geschlossenen Zustand. Autos, Straßenbahn, Motorräder, Fahrräder und Fußgänger queren hier die Gracht.

Amsterdam - Hortusbrug  - ... es geht los!  Achten Sie auch auf die Leitungsmasten der Tram!

Amsterdam – Hortusbrug – … es geht los! Achten Sie auch auf die Leitungsmasten der Tram!

Amsterdam - Hortusbrug  - ... fast senkrecht. Der Durchlass ist frei für das nahende Boot.

Amsterdam – Hortusbrug – … fast senkrecht. Der Durchlass ist frei für das nahende Boot.

Amsterdam - Hortusbrug - Stimmt, es hätte nicht durchgepasst ...

Amsterdam – Hortusbrug – Stimmt, es hätte nicht durchgepasst …

Und es gibt doch weitere Zuschauer! Mehrere sogar. Eine Klasse mit noch sehr jungen Schülern, die auf dem Weg zum Zoo sind, sieht dem Schauspiel ebenfalls erwartungsvoll entgegen. Sie haben sich nur nicht an die Straße, sondern am Ufer entlang der Gracht aufgestellt, schweigen beeindruckt während des Hochklappens, reden danach aufgekratzt durcheinander und winken dem passierenden Boot enthusiastisch zu.

Amsterdam - Zuschauer an der Gracht - Klappbrücke in Aktion ansehen ...

Amsterdam – Zuschauer an der Gracht – Klappbrücke in Aktion ansehen …

Amsterdam - Hortusbrug - Das Boot ist durch. Links der Arbeitsplatz des Brückenwärters, der nun die Hortusbrug wieder herunterklappt.

Amsterdam – Hortusbrug – Das Boot ist durch. Links der Arbeitsplatz des Brückenwärters, der nun die Hortusbrug wieder herunterklappt.

Amsterdam - Hortusbrug - Langsam senkt sie sich wieder ...

Amsterdam – Hortusbrug – Langsam senkt sie sich wieder …

Amsterdam - Hortusbrug - Es fehlt nicht mehr viel ...

Amsterdam – Hortusbrug – Es fehlt nicht mehr viel …

Es ist schon ein besonderes Spektakel!
Es wirkt mächtig, dieses massive Teil, das sich plötzlich wie von Geisterhand bewegt aufrichtet, etwas drohend eine Riesenwand bildet und unter sich ein gewaltiges Loch hinterlässt. Es ist ein bisschen gespenstisch, weil fast kein Geräusch dabei entsteht.
Kaum hat ein durchgelassenes Boot die andere Seite erreicht, schließt sich die Brücke ebenso leise wieder, und so erscheint es Minuten später, als wäre nie etwas geschehen – als sei es überhaupt nicht möglich, dass diese massive Betonbrücke sich auch nur einen Millimeter bewegt hat!

Amsterdam - Hortusbrug - Als sei nichts geschehen ...

Amsterdam – Hortusbrug – Als sei nichts geschehen …

 

Amsterdam - Hortusbrug - Die Schranken öffnen sich wieder - und wie man sieht, haben es die Fahrradfahrer hinten sehr eilig.

Amsterdam – Hortusbrug – Die Schranken öffnen sich wieder – und wie man sieht, haben es die Fahrradfahrer hinten sehr eilig.

Geträumt?
Nein, die Fotos liefern den Beweis.
Klappbrücken …
Faszinierend. Wie vieles in Amsterdam!

Von dort herzliche Grüße und später einmal een beetje mehr.
Schön, dass Sie vorbeigeschaut haben! Ik dank U zeer!

Amsterdam - Michèle Legrand - WordPress - Michèle. Gedanken(sprünge)

Grüße aus Amsterdam!

©September 2013 by Michèle Legrand

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Emil von Elite oder wo es hingeht …

Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas GravWas sagen Ihnen die folgenden Begriffe?
Flach, Windmühlen.
Um welche Gegend geht es? Von welchem Land ist die Rede?
Möchten Sie weitere Hilfe?
Wohnwagen, Fahrräder, Tulpen, Rudi Carrell, Frau Antje, Käse, Genever, Hermann van Veen, orange Trikots …
Also, wer jetzt nicht …!
Sehr richtig! Es geht um Holland, die Niederlande. Nun weiter.
Wo genau dort? Ich hätte wieder Hinweise …
Hafen, Grachten, Coffee Shops, Rijksmuseum, ein Chanson von Jaques Brel …
Bitte? Exakt. Amsterdam!

Einen Teil der kommenden Woche werde ich in Amsterdam sein und hoffe, Ihnen dort nebenbei ein paar Eindrücke einsammeln und mitbringen zu können. Ich bin selbst sehr gespannt, wie es heute aussieht! Einmal war ich bereits dort, doch der Aufenthalt ist urlange her und war zudem extrem kurz.
Mir ist die Reise allerdings in Erinnerung geblieben, denn meine Großeltern spendierten diese Bustour nach Holland als ich Teenager und 14 oder 15 Jahre alt war. Ich war mir nie ganz sicher, ob sie mir selbstlos eine Freude machen wollten oder …
Wissen Sie, sie selbst buchten nämlich ebenfalls, und so fungierte ich vier Tage als ihre Begleitung und saß inmitten einer aufgekratzten Busladung *hüstel* etwas älterer Herrschaften mit der Aufgabe, als jugendlich-bewegliche, nicht knackende und knirschende, zudem mit intakter Sehkraft ausgestattete, helfende Hand einzuspringen und obendrein an Bord die Funktion eines Altersdurchschnittsreduzierer zu übernehmen. Er betrug danach wahrscheinlich nur noch 74 Jahre.
Es ging an verschiedene Orte. Der Tulpenpark Keukenhof wurde angesteuert, Madurodam – jener Park, der Holland in Miniatur zeigt, es ging nach Scheveningen, nach Alkmaar, um dort den besonderen Käsemarkt (an jedem Freitag) zu erleben, weiterhin zu einer Porzellanmanufaktur und an einem der Reisetage standen eben auch Amsterdam und eine Grachtenfahrt auf dem Programm. Ich glaube fast, für mehr hat die Zeit gar nicht gereicht. Jedenfalls ist mir kaum sonst etwas haften geblieben, während die anderen Stationen noch recht klar erscheinen.

Elite-Busreisen, so hieß das Unternehmen, das die Hollandtour veranstaltete, sein Fahrer Emil. Emil und sonst nichts. So wollte der Herr mittleren Alters genannt werden. Ein Mann für alle Fälle. Er fuhr nicht nur den Bus, er erzählte auch unterunterbrochen, war somit Reiseleiter, Bei-Laune-Halter und Fahrer in Personalunion. Er staute Unmengen von Gepäck, kümmerte sich um Tickets vor Ort, sah zu, dass alle ihr Essen bekamen, brachte abends die Herrschaften zu ihren festen, immergleichen Privatquartieren und ließ sich – ungeachtet seiner eigenen Quirligkeit – selbst durch nichts aus der Ruhe bringen. Sollte sich von Ihnen noch jemand an den Berliner Kabarettisten Wolfgang Gruner erinnern – Emil von Elite hätte sein Bruder sein können.

Ich glaube, er sorgte – neben den holländischen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten, die mich natürlich schon interessierten! – damals dafür, dass ich die Tage als einzige Jugendliche unter ausschließlich Senioren nicht als pure Katastrophe (das denkt man in dem Alter manchmal), sondern durch ihn tatsächlich recht unterhaltsam fand – und dafür sage ich ihm heute verspätet vielen Dank! Er müsste mittlerweile wohl um die Achtzig sein, und ich hoffe sehr, dass er noch unter uns ist.

Dieses Mal wird die Anreise mit der Bahn erfolgen. Ohne einen Emil. Aber auch ohne Großeltern. Sie sind schon lange gegangen. Also keine Seniorenreise. Oder …
Warten Sie!
Wenn man es ganz genau nimmt vielleicht doch! Die Seniorenreise, meine ich. Denn zumindest in Sportlerkreisen oder bei der Einteilung in diese werberelevanten Altersgruppen, würde ich selbst schon als Seniorin zählen!
Unglaublich! Bodenlose Frechheit!  (Unter uns: mich kratzt das überhaupt nicht …^^)
Im Übrigen werde ich diesmal selbst eine junge Begleitung haben, die den Altersschnitt gehörig senkt. Wir befinden uns dann flugs wieder im flotten Mittdreißigerbereich.

Falls Sie in den nächsten Tagen nichts von mir hören, dann bin ich mit den holländischen Nachbarn beschäftigt und habe zu tun.
Doch ich komme wieder! Machen Sie sich da bitte nichts vor!
Met een beetje geluk ben ik vrijdag weer thuis.

Tot gauw! Bis bald!

©September 2013 by Michèle Legrand

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Meer, Sonne, Strand … (4) – High Noon in Wustrow: Qualmende Schränke und eine Boddenfahrt

Die Blogserie Meer, Sonne, Strand … führte Sie in bisher drei Teilen zuletzt nach Wustrow auf Fischland. Im letzten Part ging es durch den Ort und hinauf auf den Kirchturm mit seinem grandiosem Ausblick. Sie erinnern sich noch an den fröstelnden, ausgesperrten Herrn?
Heute lade ich Sie aufs Wasser ein und zeige Ihnen Schränke, die auf den ersten Blick  etwas seltsam anmuten.  Schauen Sie allerdings vorsichtshalber genauer hin, bevor Sie voreilig die Feuerwehr alarmieren …

Fortsetzung!

Die ev.-luth. Kirche von Wustrow aus Teil 3 hat ihren Platz nahe des beschaulichen Hafens. Das Gewässer in dieser Region wird als Saaler Bodden bezeichnet. Der gesamte Hafenbereich ist ein überaus hübscher Flecken in diesem Ort, der früher einmal ein  Seefahrerdorf war. Sie merken diese Tatsache natürlich  ganz besonders in Hafennähe, denn dort befinden sich viele der ehemaligen Kapitänshäuser. Reetgedeckt!

Ostseebad Wustrow - Am Hafen

Ostseebad Wustrow – Am Hafen

Ostseebad Wustrow - Der Hafen am Saaler Bodden ...

Ostseebad Wustrow – Der Hafen am Saaler Bodden …

Von hier aus verkehren Linienschiffe Richtung Dierhagen und Ribnitz-Damgarten (Fahrradmitnahme ist möglich!) und auch Boddenrundfahrten starten dort. Wenn Sie vorhaben, diese Transportmöglichkeit zu nutzen, dann ist es ratsam, sich vorher den Fahrplan zu organisieren. Gehen Sie nicht auf gut Glück los! So oft sind die Abfahrten am Tag nicht angesetzt. Es wäre einfach schade, wenn Sie von der Fähre nur noch das Heckwasser sehen und Sie erst viele Stunden später eine weitere Möglichkeit hätten, zuzusteigen.
Eine kleine Boddenfahrt sollten Sie definitiv auf ihre Liste setzen!
Und denken Sie nicht, das wäre nur beschaulich und ruhig!
Kein Wellengang, pottebenes Wasser, Stille. Es könnte mittendrin durchaus anders verlaufen …
Bei mir fing es schon damit an, dass der Kapitän das Wort Rundfahrt wörtlich nahm und kaum dass er die Hafenausfahrt hinter sich hatte, damit begann, sein Schiff mit engstmöglichem Radius auf der Stelle zu drehen. Wie ein Kreisel.  Er verkündete bierernst über Lautsprecher, das würde er jetzt noch einige Male machen, dann wäre die Rundfahrt beendet und wir würden zurückgebracht.
Fallen Sie nicht darauf herein!
Der seriös wirkende Herr hinter dem Steuer hat es gelegentlich faustdick hinter den Ohren.
Sollten Sie weiterhin fit  sein und den Part überstanden haben, führt die Reise hinaus auf den Bodden. Sie passieren u. a. Barnstorf, einen zu Wustrow gehörenden Ortsteil. Schilfbewachsene Uferzone, einige Wasservögel halten sich in diesem Bereich auf. Ihnen begegnen Segelboote, gelegentlich sogar Wasserskifahrer!
Sie werden erfahren, dass keine Rettungswesten an Bord nötig sind, weil das Brackwasser des Saaler Boddens recht flach sei. Es werden in diesem Zusammenhang allerdings zwei Meter Wassertiefe genannt, so dass es mit dem Stehen an allen Stellen wohl doch nicht so klappen dürfte.
Auch wenn es nicht so aussieht und sich in Ufernähe kein Lüftchen regt, weht mitten auf dem Gewässer doch ein recht frischer Wind.  Es entsteht von jetzt auf gleich das Gefühl auf See zu sein!
Was die Stille angeht, so erhalten Sie bei der Rückkehr und der Ansteuerung des Hafens eine Vorwarnung, sich die Ohren zuzuhalten, bevor der Kapitän das Schiffshorn betätigt. Sie tun gut daran, dem Rat zu folgen – es ist unheimlich laut!
An Bord gibt es nur den Kapitän und eine Dame – vielleicht seine Gattin –  deren Aufgabe es u. a. ist, die Gäste an Bord mit Erfrischungen und heißen Knackwürsten gegen aufkommenden Hunger zu versorgen. Ablege- und Anlegemanöver werden ebenso ausschließlich von ihnen bewerkstelligt.
Sie kennen sicher diese Metallstege mit einer Reling zu beiden Seiten, die als Überbrückung von Schiff zu Haltepier ausgelegt werden. Nun, der Kapitän rüttelt lautstark den Steg in die korrekte Position, schaut betont skeptisch, zeigt auf den nächststehenden Passagier, der aussteigen möchte und gibt ihm den Auftrag:
„Wenn Sie mal bitte testen, ob das hält …“
Ich sag’s Ihnen, so eine Fahrt ist beinahe ein Abenteuer. ^^

Ostseebad Wustrow - Hafen mit Fahrgastschiff MS Boddenkieker  (Linienverkehr)

Ostseebad Wustrow – Hafen mit Fahrgastschiff MS Boddenkieker (Linienverkehr)

Segeltouren auf den alten Zeesenbooten (plattdeutsch Zeesboote, = ehemalige Fischerboote mit meist braunem oder dunkelrotem Segel) werden ebenfalls angeboten.

Saaler Bodden bei Wustrow - Eines der Zees(en)Boote auf Ausflugsfahrt ...

Saaler Bodden bei Wustrow – Eines der Zees(en)Boote auf Ausflugsfahrt …

Im Hafen von Dierhagen am Saaler Bodden liegt ebenfalls eines dieser Zeesenboote und läuft regelmäßig aus.

Zees(en)boot auf dem Saaler Bodden bei Dierhagen

Zees(en)boot auf dem Saaler Bodden bei Dierhagen

Überall suchen sich die Möwen die besten Plätze. Zum Sonnen, zum Schauen, zum eventuell etwas Abstauben …

Lachmöwen am Anleger in Dierhagen betrachten das Geschehen ...

Lachmöwen am Anleger in Dierhagen betrachten das Geschehen …

Gelegentlich erfahren Sie Dinge, die Sie noch gar nicht wussten …!

Im Hafen von Dierhagen gibt es  scharfe Möpse ...

Im Hafen von Dierhagen gibt es scharfe Möpse …

Bei einer Schifffahrt auf dem Bodden werden Ihnen natürlich hauptsächlich landschaftlich schöne Eindrücke geboten.

Nahe Wustrow am Saaler Bodden: Barnstorf - Dort gibt es die Kunstscheune in der hauptsächlich von Juni-Oktober Malerei, Skulptur,  Keramik und Schmuck  ausgestellt wird.

Nahe Wustrow am Saaler Bodden: Barnstorf – Dort gibt es die Kunstscheune in der hauptsächlich von Juni-Oktober Malerei, Skulptur, Keramik und Schmuck ausgestellt wird.

Ostseebad Wustrow - Hafeneinfahrt mit Segelbooten

Ostseebad Wustrow – Hafeneinfahrt mit Segelbooten

Ostseebad Wustrow - Am Hafen - Diese kleine Nixe begrüßt und verabschiedet Hafenbesucher ...

Ostseebad Wustrow – Am Hafen – Diese kleine Nixe begrüßt und verabschiedet Hafenbesucher …

Fast direkt am Zugang von der Straße zum Hafenbereich auf der rechten Seite befinden sich diese Schränke.
Schon merkwürdig, oder?
Es scheint aus ihnen zu qualmen …

Ostseebad Wustrow - Fischräucherei am Hafen

Ostseebad Wustrow – Fischräucherei am Hafen

Kein Brand, Kein Notfall. Es handelt sich um eine Fischräucherei, in der fangfrischer Rotbarsch, Heilbutt, Lachs, Butterfisch, Aal, Zander und auch Makrele sowie Forelle geräuchert werden.

Ostseebad Wustrow - Am Hafen - Räucherschrank auf ... Rauchschwaden!

Ostseebad Wustrow – Am Hafen – Räucherschrank auf … Rauchschwaden!

Ostseebad Wustrow - Es qualmt immer noch ein bisschen. Hinter den Türen befinden sich Forelle, Rotbarsch, Heilbutt ....

Ostseebad Wustrow – Es qualmt immer noch ein bisschen. Hinter den Türen befinden sich Forelle, Rotbarsch, Heilbutt ….

Jeden Tag um Punkt 12 Uhr mittags ist der Fisch fertig, und Sie haben die Möglichkeit, sich dort mit einem Papptablett anzustellen und Ihre Wünsche zu äußern. Sie bekommen genau die Sorte und auch exakt das Stück, das Ihnen am meisten behagt. Es bilden sich jedes Mal lange Schlangen bei dem Herrn am Räucherschrank.

Ostseebad Wustrow - Der Fisch ist fertig. Jeder bekommt seinen Wunschfisch und sein Wunschstück. Mit dem Fisch auf dem Pappteller geht es zum Wiegen und Bezahlen.

Ostseebad Wustrow – Der Fisch ist fertig. Jeder bekommt seinen Wunschfisch und sein Wunschstück. Mit dem Fisch auf dem Pappteller geht es zum Wiegen und Bezahlen.

Anschließend wird gewogen und bezahlt.  Einige verzehren ihren Fisch gleich an Ort und Stelle, andere scheinen für ganze Kompanien einzukaufen und ziehen mit großen, in Alufolie eingeschlagenen Paketen von dannen. Zum Campingplatz, zur Ferienwohnung, zur Familie Richtung Strand.
Sie sehen, High Noon in Wustrow ist Schlangenbildungszeit.
Aber es lohnt sich.
Wie sich der gesamte Ort für einen Besuch oder auch einen längeren Aufenthalt lohnt!

Vielleicht kommen Sie selbst einmal dort vorbei oder verspüren nun Lust, ihn sich selbst anzuschauen und auf dem Bodden zu schippern.
Merken Sie sich doch den September/Oktober vor!
Dann ziehen die Kraniche dort vorbei, und es gibt spezielle Schifffahrten in die Gebiete, in denen sie in großer Zahl anzutreffen sind!

©August 2013 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - ©Foto Andreas Grav

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