Beiträge getaggt mit Turm Hauptkirche St. Petri

Hoch oben über der Stadt: Vogelperspektive! – Ausblick von St. Petri …

Morgen werde ich vermutlich Muskelkater haben. Ordentlichen! In den Waden, Oberschenkeln und wer weiß,
wo sonst noch. Schon wenn ich nach dem Schreiben nachher den Versuch unternehme, wieder vom Stuhl hochzukommen, wird das wohl nur unter dezentem Stöhnen vonstatten gehen.

Eingebrockt habe ich mir das Ganze durch einen Spontanentschluss während zweier Erledigungen in der Innenstadt von Hamburg. Ich kam in der Mönckebergstraße an der Hauptkirche St. Petri vorbei und konnte einfach nicht anders:
Ich musste plötzlich unbedingt auf den Turm! Ein unbezwinglicher Drang …
544 Stufen hinauf, 544 Stufen wieder hinunter. 1088 Stufen. Anders gelangen Sie nicht zum Aussichtspunkt
in der Turmspitze. Nach 544 Stufen befinden Sie sich auf einer Höhe von ca. 123 Metern. Könnten Sie sich
wie ein Vogel oben auf das äußerste Ende der Turmspitze setzen, so kämen noch einmal neun Meter hinzu.
Vögel haben es schon gut, oder? Ich meine nicht wegen der läppischen paar Meter, die sie höher säßen, ich
spreche davon, dass die sich diese mühselige Steigerei ersparen können.

Falls Sie einmal dort hinaufklettern, teilen Sie sich bloß Ihre Kräfte gut ein! Nicht forsch lospreschen und nach dem ersten Viertel heftig japsen … Die Zahl der Stufen ist nicht nur von der Summe her höher als z. B. die Stufenanzahl beim Michel (Hauptkirche St. Michaelis), sondern das Ersteigen ist nach meinem Gefühl gene-
rell anstrengender. Mein kleiner Schrittzähler empfand es sicher ebenso – er hatte ordentlich zu tun.

Die ersten gut 100 Stufen sind aus Stein. Eine sich kontinuierlich, recht eng windende Treppe, bei der Sie allmählich einen kleinen Drehwurm züchten, doch rechtzeitig, bevor es kritisch wird, haben Sie das Ende erreicht. Danach folgen Holzstufen in großzügigeren Radien und Wendungen, es geht tatsächlich auch hin
und wieder geradeaus hinauf. Nur – die Abstände bis zu einem Absatz bzw. Zwischenboden zwecks Unter-
brechung sind recht groß!

Hamburg - Eine der Glocken von St. Petri ...

Hamburg – Eine der Glocken von St. Petri …

Drei Böden in verschiedenen Höhen der Turms bieten dann doch die Möglichkeit zu stoppen und so zu tun, als würden Sie interessiert eine Glocke, Wände und Dielen begutachten und lediglich deshalb anhalten. In Wahrheit pfeifen Sie natürlich zu dem Zeitpunkt unauffällig auf dem vorletzten Loch und brauchen diesen Halt zwingend zum Überleben.
Mit unergründlicher Miene setzen Sie Fuß vor Fuß und aufrecht und stolz erreichen Sie so auch noch die auf dieser Ebene eingesetzten Aussichtsbullaugen …

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen .... (Turmaufstieg St. Petri, HH)

Vor dem Ausblick gibt es Treppen und Stufen ….

Wenn Puls und Atmung sich beruhigt haben, geht es weiter. Ab Stufe 424 bis zur letzten, der Nummer 544, wird es noch einmal hart. Keine weitere Unterbrechung ist möglich, die Beine sind abwechselnd bleischwer oder wie Pudding.

Aber dann! Fünfhundertvierundvierzig.
Geschafft!
Und Sie werden für alles entschädigt!
Selbst bei Bewölkung und keiner allzu großen Fernsicht.

Oben erwartet Sie ein kleines Turmzimmerchen und jeder Ankömmling sinkt zunächst erhitzt auf einen der drei dort aufgestellten Stühle. Sie können zwar nicht (wie beim Michel) direkt nach draußen – der Turm ist spitz und schmal in dieser Höhe, hat keine umlaufende Galerie. Die rundherum eingelassenen großen Bullaugenfenster bieten Ihnen dennoch einen traumhaften Überblick über die gesamte Stadt!
(Panorama im Uhrzeigersinn angeordnet)

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Links St. Jakobi, rechts am Wasser das SPIEGEL-Verlagshaus

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri Richtung Hafen mit Speicherstadt und HafenCity dahinter

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Gut zu erkennen: das eingerüstete Mahnmal St. Nikolai

 

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Rathaus, im Hintergrund St. Michaelis (der Michel)

Oben entwickelte sich noch ein sehr angeregtes Gespräch mit einem Touristenpaar, welches ebenfalls kurz nach mir hechelnd in der Luke auftauchte. Sie hatten schnell herausgefunden, dass ich aus Hamburg bin.
Wenn man schon eine Einheimische vor sich hat, muss man das zur Klärung einiger auf der Seele brennender Fragen nutzen …

Hamburg - Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

Hamburg – Blick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster, Jungfernstieg und Neuer Jungfernstieg. Links die Alsterarkaden, im Hintergrund der Heinrich-Hertz-Turm (Fernsehturm)

 

Hamburg - Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri - Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

Hamburg – Bllick vom Turm der Hauptkirche St. Petri – Binnenalster mit Fontäne, Lombards-/Kennedybrücke, dahinter Außenalster

 

Man kann sich irgendwie schwer trennen … Hamburg ist aus dieser Perspektive sehr reizvoll!

Der Abstieg stand noch aus. Anstrengend? Sie kennen es aus eigener Erfahrung; hinunter geht es immer wesentlich besser als hinauf. Ich hatte schon einiges geschafft, als mir auf der schmalen, steinernen Wendeltreppe zwei Personen entgegenkamen. Als ich die Schritte hörte, wich ich aus, indem ich mich in
eine Wandnische drückte.
Die beiden hatten mich ebenfalls zuvor schon akustisch wahrgenommen und registrierten erleichtert, dass
der Weg nun doch frei war.
„Ach, so geht das hier bei Gegenverkehr“, sagte die Dame, bereits schwer atmend, zu ihrer Begleitung.
„Ich habe mich schon gefragt, wie man bloß aneinander vorbeikommt!“
„Ich glaube, das ist die einzige Nische auf dem Weg hinauf“, erwiderte ich. „Ich habe keine andere wahrgenommen. Sie haben das gerade sehr gut abgepasst.“
„Die einzige …? Und sonst …? Na ja, ist ja nicht so schlimm, wir sind ja bald oben …“
Ich musste etwas schlucken, denn – kurz nachgerechnet – nach gerade im besten Fall 100 erklommenen
Stufen
folgen schon noch weitere 444 bis zum Ziel!
Nur was soll man die Leute verrückt machen, nicht wahr? Nachher wird gleich mutlos aufgegeben und umgedreht. Das will man ja auch nicht … ^^

Wieder am Fuß des Turmes angelangt, war ich zwar diesmal nach 544 Stufen entschieden fitter als zuvor
bei meiner Ankunft oben, aber mich quälte ein Mordsdurst! Die Schleimhäute fühlten sich an wie ein lang herumliegendes Fensterleder. Knochentrocken und knitterig. Derart ausgedörrt fragte ich im Kirchenshop,
der ein kleines Café betreibt, nach Wasser. Wollte es kaufen. Nur siehe da, Wasser gibt es gratis!
Die wissen offenbar ziemlich genau, wie St.-Petri-Turmbesteiger sich hinterher fühlen …

Soviel für heute. Ich hoffe, Sie haben einen kleinen Eindruck Hamburgs von oben erhalten.

Jetzt werde ich versuchen, mich zu erheben. Das wird vermutlich dauern. Deshalb verabschiede ich mich
lieber vorher und wünsche Ihnen noch eine schöne Woche!

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© by Michèle Legrand, Oktober 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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