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Die Gerüchteküche – Von Raterei über Tratsch zur Verleumdung

Es ist nicht ganz klar, woran es vorrangig liegt. Vielleicht muss alles eine Begründung haben, muss eine scheinbare Ordnung geschaffen oder eine Orientierung gegeben werden. Irgendeine.
Und wenn sie erdacht ist!
Oder der Mensch bildet sich ernsthaft ein, er sei oberschlau, wüsste mehr. Nein, wüsste alles!
Was redet er doch gerne mit. Immer. Überall. Wenn er etwas nicht weiß, kein Problem! Er kann zumindest
so tun als ob. Kann wenigstens raten. Mutmaßen.
Gut, wenn sich eine Gelegenheit findet …

Vor längerer Zeit arbeitete ich mit einem Kollegen mittleren Alters zusammen, der erschien, nachdem er jahrelang in dunklem, relativ sackähnlichem Outfit sein Dasein fast gefristet hatte, am ersten Arbeitstag nach einem Urlaub sehr aufgeräumt in einem froschgrünen, die Figur betonenden Samtblazer.
Verblüffung und Stielaugen im Büro!

Und dann sagte der Lump von sich aus kein Wort dazu!
Er verriet den neugierigen Kollegen nicht, was den Ausschlag für diese eklatante Abweichung von der Norm gegeben hatte! Solch ein Verhalten forderte Vermutungen geradezu heraus!
Er hat im Urlaub bestimmt jemanden kennengelernt, hieß es. Genau, er hat eine Freundin …
Er hat sie geschenkt bekommen (die Jacke, nicht die Freundin).
Plötzlich einsetzende Farbenblindheit war im Gespräch oder die Vermutung, es könnte ein Schnäppchen gewesen sein. Aufgeschwatzt von einer attraktiven, ganz reizenden und überaus überzeugend wirkenden, jungen Verkäuferin.
Eine weitere Idee besagte, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein ganz spezieller Geschenkgutschein der Grund gewesen sei, einer, der in einem damals angesagten Modegeschäft galt, das einfach nichts anderes als hippe, bunte Sachen anbot.
Nein, verkündete sein Vorgesetzter, der Jugendwahn hätte ihn neuerdings ereilt. Der und/oder die Angst vor dem Alter.
Dieses Gerücht erschien plausibel und wurde so lange als Fakt übernommen, bis jemand die neue Theorie in den Raum warf, er hätte sich morgens im Dunkeln an der Garderobe vergriffen und eine Jacke seiner fast erwachsenen Kinder erwischt.

Der Grund war natürlich ein völlig anderer: Der Kollege hatte im Laufe der Monate kontinuierlich abgenommen. Der einstmals recht rundliche Mann war schlank geworden! Nur weil dieser Prozess langsam vor sich gegangen war, hatte es keiner richtig mitbekommen. Zudem hatte die weiterhin weite Kleidung es bisher kaschiert.
Eines Tages – in diesem Fall während seines Urlaubs – war für ihn der Zeitpunkt der Erkenntnis gekommen: Er bräuchte nicht länger ausschließlich dieses schlankmachende Schwarz oder ein den Menschen in den Hintergrund verfrachtendes, müdes Grau. Die Gewichtsabnahme hatte ein neues Körpergefühl mit sich gebracht und die Einstellung reifen lassen, das Auffallen fortan nicht mehr unter allen Umständen vermieden werden musste.
Also falsch getippt.

Immer wenn im Alltag irgendwo etwas Außergewöhnliches – im Sinne von anders als gewöhnlich, jedoch selten weltbewegend – passiert, brodelt die Gerüchteküche. Und die Vermutungen werden hinter vorgehaltener Hand weitergetragen – was miteinander zu verbinden scheint. Es liegt an der Mitwisserschaft. Sie fördert offenbar die Entstehung eines (heimlichen) Gemeinschaftsgefühls.
Obendrein ist wohl die Unsicherheit prickelnd, die Spannung, weil ein Gerücht nicht zwangsläufig unwahr sein muss! Es kann auch stimmen!
Nur wer weiß und entscheidet, was oder wie viel davon wahr oder falsch ist? Ob sich ein Gerücht als glaubhaft darstellt und hält (!) oder sofort als Hirngespinst abgetan wird, hängt natürlich auch von der eigenen Erwartungshaltung ab. Kann ich es mir vorstellen, klingt es wahr oder zumindest denkbar.

Irgendwie erinnert die ja typischerweise mündliche Übertragung eines Gerüchts an das Prinzip der Stillen Post: Das Ausgangsgerücht unterliegt laufenden Veränderungen bzw. Anpassungen. Unliebsames wird weggelassen, ein anderes Detail ergänzt, eine Variante entsteht.
Dafür, dass es im Grunde um gar nichts Großes geht, lösen einerseits die Situation an sich, andererseits das dazugehörige Gerücht enorme Aufmerksamkeit, in gewisser Weise auch Anteilnahme, aber vor allem menschliche Neugier und erstaunlichen Ideenreichtum aus. Hier kann eben jeder mitmischen. Hat die Gelegenheit, sich ins Rampenlicht zu drängeln und wichtig zu machen. Kann ungefragt seinen Senf dazugeben und uneingeschränkt herumorakeln.
Bis zu einem gewissen Punkt ist die Absicht eher unbekümmerte Raterei, und solange zumindest der andere Beteiligte, der, um den es im Gerücht geht, anwesend ist und sich selbst äußern oder Falschspekulationen resolut Einhalt gebieten kann, hat jeder die Situation im Griff.
Doch häufig ändert sich die recht harmlose Ausgangslage, und es entsteht allmählich eine Gratwanderung, bei der viele abrutschen. Plötzlich ist auch nicht mehr nur ein Einzelner (der auch schon genug anrichten kann!) auf dem Gerüchtepfad unterwegs, sondern mit ihm eine im Nu entstandene Gefolgschaft.
Dann zeigt sich die Kehrseite der Medaille: eine gewisse Unberechenbarkeit. Es wird schnell klar, dass bei Gerüchten zahlreiche Fehlschüsse garantiert sind, die im besten Fall nur für Unmut und Verwirrung sorgen, jedoch ebenfalls – die Gefahr ist nicht wegzureden – erheblichen Schaden anrichten können.

Es stehen hier mehrere Garagen, die nicht jeweils einem der umliegenden Hauseigentümer gehören, jedoch auf Wunsch von diesen angemietet werden können. Natürlich weiß jeder Anwohner, wer aus der Nachbarschaft sein Auto in einer Garage untergestellt hat und wer nicht.
Neulich stand der Wagen einer Mieterin draußen. Nicht nur am Tag, auch nachts. Und nicht nur einen Tag und eine Nacht, sondern mehrere. Die Rateküche wurde prompt eröffnet, und die Gerüchtebrutzelei in der (weiträumigen) Nachbarschaft ging los:
Warum hat die denn ihr Auto nicht in der Garage?
Hat sie wohl gekündigt. Die Miete ist ja auch happig auf Dauer. Ob sie Geldprobleme hat?
Nein, Frau X. hat sich sicher mit dem Eigentümer der Garagen überworfen –sie hat doch mit jedem Zoff! Der hat sie rausgeschmissen!
Wurde nicht neulich eine der Garagen aufgebrochen! Könnte ihre gewesen sein. Geschieht ihr übrigens recht. Wahrscheinlich darf sie noch gar nicht wieder hinein! Polizeianweisung …
Vielleicht hat sie ja auch nur den Schlüssel verloren …
Oder ihr Auto ist kaputt und springt nicht an. Sie kann es gar nicht wieder reinfahren.
Ach, was! Das macht die doch extra! Die braucht mal wieder zwei Plätze.
Oder sie will das Auto verkaufen! Steht wohl zur Besichtigung draußen … Ich sag ja, sie hat kein Geld!

Inzwischen parkt das Auto wieder in der Garage. Es hat sich auch herausgestellt, was die Ursache für das Parken unter freiem Himmel war: Die Mieterin benutzte die Garage für die Dauer einer guten Woche als Zwischenlager für aussortierte Möbelstücke. Solange, bis die Sperrmüllabfuhr erfolgte.
Ende des Rätselratens. Wieder einmal lagen die Gerüchteverbreiter falsch. Sie nagt keinesfalls am Hungertuch, benahm sich nicht daneben, wurde nicht ausquartiert.

Im Vergleich zur nicht sehr ernst gemeinten – und vor allem offenen – Raterei um das Jackett des Kollegen, hatten diese Spekulationen hinter dem Rücken schon ein anderes Kaliber.
Sie tun keinem gut. Weder der Person, über die spekuliert wird, noch denen, die Vermutungen unter das Volk bringen. Hier ist Sympathie oder Antipathie gegenüber der Zielperson ausschlaggebend für das weitere Verhalten und für die Art der Gerüchte. Das kann im Fall von Sympathie und dementsprechend wohlwollenden Theorien theoretisch auch einmal zum Vorteil gelangen, doch wesentlich öfter ist genau das Gegenteil der Fall, und es entstehen sehr schnell Stimmungsmache, ein verzerrtes Bild, üble Nachrede, Zoff, verhärtete Fronten.
Tratsch, der ausartet – mit all seinen negativen Folgen.
Blogartikel Gerüchte etc.
Bei meiner Oma im Haus wiederum kursierten einst wilde Verdächtigungen, weil vor Weihnachten die Amaryllis verschwunden war. Meine Großmutter zog im Treppenhaus am Fenster immer drei bis vier verschiedene Pflanzen in kleineren Kübeln, weil sie den gekachelten Flur dann als nicht so kahl und steril empfand.
Die Amaryllis hatte sie am Nikolaustag auf die Fensterbank dazugestellt. Fünf Tage später herrschte an diesem Platz allerdings gähnende Leere …
In dem Haus ohne Fahrstuhl wohnten zehn Mietparteien auf mehreren Etagen. An der Blume am Fenster im ersten Stock kamen daher die meisten vorbei. Sie hatten sie bewundert, denn bald würde sich eine tolle, recht große, in einem warmen Rot leuchtende Blüte zeigen. Die Amaryllis trieb kräftig aus ihrer Zwiebel und schob bereits einen langen, dicken Blütenstiel heraus, der jeden Tag deutlich sichtbar ein Stück wuchs und an dessen oberen Ende die Knospe dicker und dicker wurde.
Als die Pflanze verschwand, wurde vom Bewohner der Wohnung unten rechts als erstes der neue Zeitungsausträger des Entwendens verdächtigt. Weil der problemlos ins Haus konnte und bisher immer so mürrisch gewesen war. So etwas ist immer verdächtig!
Kurz darauf schmiss jemand aus dem dritten Stock einen leeren Blumentopf in den Müllcontainer, was eigentlich nur eines heißen konnte: er hatte die Blume gestohlen! Er hatte sie höchstwahrscheinlich gekappt, nur den Stiel ins Wasser gestellt und den Topf entsorgt. Man war sich zwar nicht mehr ganz so sicher, wie der Topf eigentlich ausgesehen hatte, aber das alles konnte doch kein Zufall sein! Nicht wahr?
Die aus dem Erdgeschoss links hatten den Hausmeister angerufen und gemeldet, dass im Haus geklaut worden sei. Beschuldigungen fielen. Der Hausmeister hielt sich klugerweise aus den haltlosen Verdächtigungen heraus, doch es wurde ein Zettel an der Eingangstür angebracht mit der Bitte, die Tür immer verschlossen zu halten. Von jetzt an auch tagsüber.
Auf die Idee, mit meiner Großmutter Kontakt aufzunehmen – alle wussten ja, dass es um ihre Pflanze ging – kam bis zu diesem Zeitpunkt keiner. Erst am dritten oder vierten Tag zeigte man ihr gegenüber tiefes Mitgefühl bezüglich des Verlustes und Entrüstung über das Verschwinden. Was für ein dreister Diebstahl!

Sie staunte nur Blauklötze, als man ihr all die bis dahin aufgetauchten Theorien vorstellte. Sie reagierte deshalb völlig perplex, weil sie den Topf selbst in die Wohnung zurückgenommen hatte! Sie hatte gemeint, dass der Flur für die Amaryllis im Dezember zu kalt und zugig wäre.
Das Thema Amaryllis-Klau wurde übrigens von den Mietern danach nie wieder erwähnt.

Haben Sie es bemerkt? Die weitere Steigerung bei dieser letzten Begebenheit? Aus der Luft gegriffene Vor-
würfe, Diebstahlsbezichtigung ohne jeglichen konkreten Anhaltspunkt, Verleumdung.
So etwas geht schlicht zu weit.
Ich wähle bewusst unspektakuläre, tagtäglich vorkommende Situationen, solche, die Sie selbst alle sicher schon hundertmal erlebt haben. Mir ist völlig klar, dass es viel dramatischere, das Leben verändernde, es umschmeißende Gerüchte gibt! Dass Unterstellungen ausgesprochen werden, die Menschen in die Verzweiflung treiben, Depressionen oder gar Selbstmord auslösen.
Ich habe solche Umstände selbst miterlebt!
Nur alles fängt immer im Kleinen an, wird unterschätzt, wird hingenommen, wird zur Gewohnheit und irgendwann fällt es nicht mehr auf, dass sich die „Qualität“ und das Ausmaß der Gerüchteverbreitung geändert haben und man inzwischen gar nicht mehr Herr der Sache ist. Keine Kontrolle garantieren kann.
Es beginnt also im Kleinen, im hundsnormalen Alltag – und genau dort sollte sich tunlichst jeder schon überlegen, wie die eigene Einstellung aussieht. Wie stehe ich dazu, und wie reagiere ich. Jetzt und zukünftig.
Jeweils abwägen und gebremst mitmischen oder lieber ganz die Finger davon lassen? Lassen sich die Grenzen zwischen neckender Raterei,  ein bisschen Klatsch und einer fragwürdigen Gerüchteverbreitung stets sicher erkennen? Wann ist Tratsch nicht mehr harmlos, sondern gefährdend und Menschen schädigend?

Wem an den Haaren herbeigezogene Verdächtigungen unsympathisch sind, wer wilde Mutmaßungen für verzichtbar hält, wer kein Gefallen am Verbreiten völlig ungesicherter und vermutlich unzutreffender Aussagen findet, seinem Gegenüber vor allem mit Respekt und Achtung begegnen möchte und wem klar ist, dass sogar ein Zurücknehmen einer Aussage nicht unbedingt gleichbedeutend ist mit ungeschehen machen, dem bleiben zwei Lösungswege. Zwei ganz einfache Verhaltensweisen angesichts einer Situation, die man durch mangelnden Kenntnisstand nicht beurteilen kann:

Lösung 1: Klappe halten
Lösung 2: Nachfragen
(Sollte es keine Auskunft geben oder ist die Verbreitung der Information unerwünscht, kommt automatisch wieder Lösung 1 zur Anwendung.)

©Dezember 2014 by Michèle Legrand
e Legrand, freie Autorin ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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