Beiträge getaggt mit Sturmflut

„Büschen Wind“

Haben Sie das Weihnachtsfest gut verlebt? Ich hoffe, Sie hatten schöne Feiertage, solche entspannter Natur, so dass Ihnen Stress oder andere Unannehmlichkeiten weitestgehend erspart blieben.

Nachdem der Trubel vorbei und das Essen etwas gesackt ist, spräche doch nichts dagegen, sich hier erneut zusammenzufinden. Ich hätte Sie nach der vermehrten Sitzerei natürlich gern wieder zu einem Spaziergang abgeholt, doch glauben Sie mir, das Hamburger Wetter war bisher alles andere als empfehlenswert für einen Aufenthalt im Freien. Sturm, Regen und Hochwasser wurden uns um Weihnachten herum kredenzt.
Obwohl Hamburger – mit ihrem leichten Faible fürs Understatement – eher von einem büschen (bisschen) Wind und erhöhter Feuchtigkeit sprechen. Ich sage, es hat ordentlich gebrist, dazu gab es ausgiebig Sprühregen, am zweiten Feiertag abends örtlich obendrein Hagel, der Blitzeis auslöste. Nicht so fein. Genauso wenig wie umge-
stürzte Bäume und herumfliegende Gegenstände. Und dann die Elbe!
Dazu fällt mir gerade etwas ein …

Ein ehemaliger Kollege war Leiter der Speditionsabteilung meiner damaligen Firma. Er war einer dieser wetterfesten Althamburger. Jobbedingt musste er recht häufig vom Büro an der Außenalster hinüber in den Hafen zu Speditionen und anderen Betrieben, zu Lagerhallen und Schuppen oder, wenn wir Ware erwarteten bzw. verluden, auch direkt bis an die Pier zu den Containerschiffen. Ein alter Fuchs wie er war natürlich mit den Gezeiten vertraut und wusste, was Sturm an der Elbe, einem mit der rauen Nordsee verbundenen Fluss, bedeutet. So einem war klar, dass man bei Hochwasser fix aufpassen musste, wo im Hafenareal noch ein Durchkommen war und vor allem, wo man bei angesetzten Terminen vor Ort zwischenzeitlich sein Auto ab-
stellen konnte und wo tunlichst nicht.
Wer nicht gerade ein Amphibienfahrzeug besitzt, hat nämlich sonst ganz schnell das Nachsehen.

Es ging auch alles gut bis zu dem Tag, an dem er nach einem Vertragsabschluss zum Feiern mit Geschäfts-
partnern am Hafenrand, unten in Altona an der Fischauktionshalle, unterwegs war und seinen ziemlich neuen BMW dort parkte. Völlig sorglos, da sich kaum ein Lüftchen regte, geschweige denn eine Sturmflutwarnung verbreitet worden wäre.
Man feierte bei einem Essen auf Partnerseite die zu erwartenden großen Ladungsmengen bzw. auf unserer Seite vorteilhafte Sonderkonditionen für alle Frachtraten, zog spätabends zu Fuß weiter, versackte in einer Kneipe auf St. Pauli und becherte ganz erheblich – wie das seinerzeit branchenüblich war. Der Morgen dämmerte bereits, als der Kollege sich von einem Taxi nach Hause chauffieren ließ. Vernünftig nach all dem Alkoholkonsum, und das eigene Auto lässt sich schließlich auch im Tagesverlauf noch einsammeln.

Nicht so reaktionsschnell wie sonst, fiel ihm im angeduselten Zustand überhaupt nicht auf, dass über Nacht ein frisches Windchen aufgekommen war. Eines, das der Sturmflutwarndienst des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie so nicht auf dem Schirm gehabt hatte. Später hieß es, man hätte es schwächer und wesentlich weiter nordöstlich vorbeiziehend erwartet. Dieses „büschen Wind“ erreichte jedoch selbst in Stadtnähe in Böen Orkanstärke, was wiederum zur Folge hatte, dass das auflaufende Hochwasser mit Macht hereingedrückt wurde und in Altona an der Fischauktionshalle Land unter herrschte. Die Elbe trat im Schwall über die Kaimauer, noch bevor überhaupt der Höchststand der Flut erreicht worden war.

Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie sich Wasser seinen Weg sucht, wie schnell es sich durchfrisst, ausbreitet und dabei der Wasserspiegel innerhalb weniger Minuten massiv steigt …
Für die Fischauktionshalle selbst ist das Hochwasser kein Drama. Dort ist es bereits eingeplant. Man öffnet sogar die Tore, damit das Wasser gut wieder ablaufen kann. Aber für alles drum herum bedeutet es heute genauso wie früher: Was nicht niet- und nagelfest ist, wird getunkt, getränkt und mitgeschleift, und nicht rechtzeitig entfernte Autos in Kainähe gehen nach kurzer Zeit auf leichte Tauchstation. Heute wie damals.

Wie es mit dem Kollegen weiterging? Am nächsten Morgen vermissten die Mitarbeiter der Speditionsabteilung zunächst ihren Chef, nahmen angesichts des Vertragsabschlusses und des intensiven „Anstoßens“ jedoch an, er wäre verkatert und käme deshalb etwas später. Mittags hielt ein weißer R4 vor der Firma. Sein Sohn lieferte ihn am Büro ab.
Es stellte sich heraus, dass der Nachtschwärmer daheim im Halbschlaf das Heulen des Windes und das Rütteln an den Fenstern mitbekommen und kurz darauf im Radio von der Sturmflut bzw. der Situation im Hafen gehört hatte. In böser Vorahnung war er mit seinem Sohn als Chauffeur zur Fischauktionshalle geeilt. Wasser stand dort nicht. Nicht mehr. So schnell wie es aufläuft, läuft es häufig auch wieder ab. Allerdings stand dort auch kein Auto mehr. Kostenpflichtig abtransportiert, wie er kurz darauf von der Polizei erfuhr. Es hatte nachts eigenmächtig seine Position verändert und gefährdete den Verkehr. Die Spuren am Auto zeigten, dass das Wasser bis mindestens Oberkante Radkasten gestanden hatte und teilweise hineingelaufen war – an Stellen, die besser kein Wasser abbekommen hätten.
Inzwischen befand sich der BMW erneut auf einem Abschleppwagen und auf dem Weg zu einer Werkstatt. Die Laune seines Besitzers fiel eine ganze Weile entsprechend grottig aus. Die Stimmung besserte sich erst, als das Auto aus der Reparatur zurückkam, wieder einsatzfähig war und langsam Gras über die Sache wuchs.
Nur von Zeit zu Zeit, wenn der Abteilungschef wieder zu Terminen Richtung Hafen aufbrach, konnte es sich mancher nicht verkneifen, mit unschuldigem Blick und den Worten „Büschen windig, oder?“ alte Wunden wieder aufzureißen.

Sturmflut in Hamburg. Überflutete Bereiche im Hafengebiet. Verschwundene Straßen, einsam aus dem Wasser ragende Laternenpfähle oder die Oberkanten von Sitzbanklehnen als einzige noch herausragende Teile und sichtbare Beweise ihrer Existenz. Umgekippte Mülltonnen, herumfliegende Gegenstände, im Wasser treibende Teile. Sprühregen, den der Wind waagerecht heranpeitschen lässt. Sie haben vielleicht entsprechende Aufnahmen gesehen. Alles büschen feucht …

Im Moment wird gerade wieder diskutiert, ob zu spät vor dem Hochwasser am zweiten Feiertag gewarnt wurde, denn die Sturmflutwarnung kam erst in der Nacht, als die meisten bereits schliefen, also nichts mehr hätten in Sicherheit bringen oder eventuell zusätzlich hätten schützen können. Auf der anderen Seite kam es selbst für Spätheimkehrer nicht mehr rechtzeitig genug; sie wurden von der Heftigkeit der Sturmflut und den überfluteten Straßen größtenteils überrascht.
Zum Zeitpunkt der Nachricht und Warnung war der Höchststand jedenfalls schon fast erreicht, und der Fischmarkt optisch bereits ein Swimmingpool.

Es ist offenbar gar nicht so leicht, den richtigen Zeitpunkt für die Verbreitung einer Warnmeldung zu finden. Vor einiger Zeit wurde massiv und mit überreichlichem Vorlauf vor einer erwarteten, schweren Sturmflut gewarnt, nur trat sie später in dieser Form nicht ein. Die angekündigten Pegelstände wurden bei weitem nicht erreicht. Schon wurde gemeckert. Was die Aufregung und unnütze Panikmacherei solle.
Zu Weihnachten hingegen hatte man stürmische Winde an der Küste erwähnt und auf dadurch etwas höher ausfallendes Hochwasser hingewiesen. Nun entpuppte sich das „büschen Wind“ als mächtiger als vermutet. Sie werden es ahnen – nun wird gemosert, dass „nie“ jemand was sagt.
Und die Fachleute selbst äußern dazu, sie wollten vermeiden, zu oft und zu früh zu warnen, weil sie dadurch im Fall der Fälle keiner mehr ernst nehmen würde …
Stimmt alles, doch lieber einmal zu oft oder letztendlich unnötig gewarnt, als gar nicht und es passiert durch Unwissenheit ein Unglück. Oder wie sehen Sie die Sache?

Bei Sturm und Regen war mir nicht so sehr danach ins Hochwassergebiet zu marschieren, nur um Fotos mitzubringen. Ich habe in meinem Archiv gekramt und zeige Ihnen stattdessen, wie es an der Fischauktionshalle aussieht, wenn es trocken und sturmfrei ist. Die 120 Jahre alte Halle ist nämlich ein sehr schöner Bau, der nach der Restaurierung 1984 zu Recht unter Denkmalschutz gestellt wurde.
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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle in der Abenddämmerung

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle in der Abenddämmerung

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Haben Sie gesehen? Draußen vor der Halle macht gerade eine Gruppe von weißbemützten Köchen Pause, bevor die Verköstigung der Gäste drinnen weitergeht …
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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle mit Stil an der Großen Elbstraße (Details Ziegelwand und Wandlampen)

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle mit Stil an der Großen Elbstraße

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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle (Detail Fenster Eingang)

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle

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Hamburg - Altona - Fischauktionshalle - Auch von innen interessant anzusehen ...

Hamburg – Altona – Fischauktionshalle – Auch von innen interessant anzusehen …

Sie können auf den nächsten Aufnahmen erkennen, wo Autos üblicherweise geparkt werden. Hinter der Fischauktionshalle verläuft die Große Elbstraße …
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Hamburg - Altona - Große Elbstraße (Im Hintergrund die Fischauktionshalle)

Hamburg – Altona – Große Elbstraße (Im Hintergrund die Fischauktionshalle)

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… und etwas weiter rechts (Foto unten), von der Halle aus gesehen, findet am Sonntag in der Früh stets der traditionelle Altonaer Fischmarkt statt.
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Hamburg - Elbe - Anleger Altona (Fischmarkt) mit Fischauktionshalle

Hamburg – Elbe – Anleger Altona (Fischmarkt) mit Fischauktionshalle

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All diese Bereiche stehen bei Sturmflut komplett unter Wasser …

Der erwähnte Kollege hat natürlich nie wieder dort unten geparkt. Einmal Überflutung, nasser BMW und Reparaturkosten haben ihm gereicht. Geben auch Sie acht, wo Sie ihre Habseligkeiten abstellen, falls Sie einmal in Hamburg an der Elbe unterwegs sind und so ein büschen Wind weht. Auch am Elbstrand!
So wie die Flut an der Nordsee nach der Ebbe enorm schnell große und eben noch trockene Wattbereiche wieder für sich einnimmt, so macht sich hier der Fluss notfalls breit und erobert sich das Land dazu. Wasser
ist unberechenbar …

Ich schaue gerade aus dem Fenster … Ich möchte nicht euphorisch wirken, schon gar nicht zu früh, doch es scheint tatsächlich so, als würde sich das Wetter endlich bessern. Ein Spaziergang rückt somit in greifbare Nähe. Sie werden schon sehen, das wird hier alles penibel nachgeholt …

Haben Sie jedoch erst einmal eine schöne Zeit zwischen den Jahren und kommen Sie gut in das neue Jahr hinein. Wäre es nicht traumhaft, wenn 2017 positiver und friedlicher ausfallen würde als 2016?
Ach, kommen Sie, träumen und hoffen darf man doch …

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© by Michèle Legrand, Dezember 2016
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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39 Kommentare

Über die Ruhe nach dem Sturm, Pflichttalk, gebackene Kinder, Wipfelschlafen und anderes …

Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt) - Dezember 2013Das war’s. Der Sturm hat sich endgültig ausgetobt, jetzt herrscht erstaunliche Ruhe. Schluss mit Xavers hohem Pfeifen und seinem ausgeflippten Gerüttel an den Fenstern. Keine um sich schlagenden Äste mehr, die nach einem auslangen, Nichtsahnende beschmeißen oder nächtens penetrant ans Regenabflussrohr dreschen und somit wach halten. Wohler fühlen sich mit Sicherheit auch wieder die Mieter höher gelegener Etagenwohnungen, denn das gefühlte Wanken, dieses zwar leichte, aber ziemlich unangenehme Erdbebenfeeling entfällt.
Und dann die Sturmflut!
Die Deiche haben gehalten, das Wasser ist auf dem Rückmarsch! Für die größeren Nordseeinseln und auch die kleinen Halligen kam endlich Entwarnung. Hier in Hamburg gibt es keine überfluteten Straßen und vollgelaufenen Keller mehr. Schluss ebenfalls mit den herrenlosen und in der Dunkelheit gespenstisch vor sich hintreibenden Fahrzeugen in Elbufernähe.
Für Hamburger gab es in den vergangenen Tagen schon ungewohnte Anblicke unten am Hafen. Am Sonnabend, etwa um 10 Uhr vormittags, also Stunden nachdem die dritte und letzte der prophezeiten starken Fluten gegen sechs Uhr in der Früh ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand das Elbwasser immer noch so hoch, dass die Landungsbrücken, die die Uferpromenade mit den weiter draußen gelegenen Anlegepontons verbinden und normalerweise starkes Gefälle Richtung Wasser aufweisen, plötzlich eine vollkommen waagerechte Verbindung darstellten! Das Hochwasser nutzte die vorhandene Mauerhöhe an der Promenade völlig aus!
Ein Blick hinüber zur Werft Blohm + Voss verdutzte, denn der weiße Namensschriftzug auf der dunklen Mauer, der sonst sogar bei Flut vollständig herausragt und in dem Fall selbst unter sich noch reichlich Luft hat, wurde zu diesem Zeitpunkt bei ablaufendem Wasser immer noch bis zur Mitte des Buchstaben B von den Fluten abgedeckt.
Wie mag es da erst während der extremen Sturmflut am Freitag gewesen sein? Wahrscheinlich lief es oben über den Rand der Flutschutzmauer …

Doch vorbei. Wir können nun entspannen. Und deshalb möchte ich mich heute mit Ihnen einfach nur ein wenig privat unterhalten. Neben der Ausnahmewettersituation, brachte die Woche für mich einen Schwung Pflichttalk, und wenn Sie regelmäßig im Blog lesen, werden Sie einen Unterschied bemerkt haben: Der letzte Blogpost war ein Bericht. Neutraler. Ohne Gedankensprünge. Er war als eine kleine Teilhabemöglichkeit für Sie an einer von mir eher beruflich besuchten Veranstaltung gedacht.
Doch jetzt giere ich nach anderen Sachen!
Wissen Sie, wenn Sie etwas nicht in Ihrer Freizeit und nicht aus völlig freien Stücken zu tun beschließen, dann könnte man die sich daraus ergebenden, beruflich bedingten Unterhaltungen – ohne es gleich negativ zu meinen! – als Pflichttalk bezeichnen. Pflichttalk ist etwas, was durchaus zeitlich begrenzt Spaß macht – zumal wenn Sie ein grundsätzlich auf alle Arten von Menschen neugieriges Wesen sind und das anstehende Oberthema Sie halbwegs anspricht. Es ist praktisch, wenn mitteilungsfreudige Menschen anwesend sind.
Nicht nur mitteilungsfreudig!
Sie sollten selbstverständlich auch inhaltlich etwas zu sagen haben! Ja, dann ist es inspirierend!
Befinde ich mich allerdings offiziell bei Veranstaltungen in einer großen Menschenmenge und das Thema ist jetzt – sagen wir es vorsichtig – nicht hundertprozentig meins (trifft max.  zu 20 % meinen Nerv), lassen mich zudem die äußeren Umstände eher verhalten reagieren und liegt der Lärmpegel dauerhaft höher, als meine Ohren es gustieren, dann befällt mich nach einer Weile der zwanghafte Wunsch, den Sicherungskasten zu suchen.
Da gibt’s doch einen Schalter, der … Klack!
Zack! Ruhe … Kleiner unschuldiger Blick in die Runde. Huch …
Oder ein plötzlicher Gedanke taucht auf, eine Frage, die ich mir – lautlos natürlich! – selbst stelle:
So, und wo geht es hier jetzt in den Garten …?
Der Wunsch als Vater des Gedankens. Sicher, man ruft sich sofort zur Ordnung, doch nicht einmal eine Minute später wispert irgendein boshafter, kleiner Zwerg:
Hey, was machst du hier eigentlich? Du gehörst ins (z. B.) Tropenschauhaus, du …! Gib’s zu, dich interessiert die Menschenfressertomate doch viel mehr als ein hippes Outfit und/oder Dauerzahnpastalächeln.
Tja, gut, dass einem nicht immer gleich anzusehen ist, was das Hirn für wirres Zeug denkt. Wie ungünstig, würde es alles laut herausposaunen … Der beruflich anwesende Gast macht natürlich profimäßig weiter, lechzt nur still nach den eigenen vier Wänden und das war es. Fast jedenfalls.
Sie sind im Grunde die Leidtragenden, denn Sie müssen im Nachhinein hier im Blog alles ausbaden! Dann hole ich das vermisste, normale Gespräch nach und lasse alles Eingesperrte, was vorher nicht heraus durfte, auf Sie los.
Bitte?
Was ein normales Gespräch ist? Unter sich sonst fremden Menschen?
Das ist ein ungestellter, oft sehr spontaner Austausch mit dem Gegenüber, eine Unterhaltung, der aktuelles, echtes Interesse zugrunde liegt und ein Gespräch, das ohne jegliche Berechnung zustande kommt. Ein Gespräch, dessen Anlass durchaus eine gerade miterlebte Situationskomik sein kann. Irgendetwas geht ja immer voraus … Dann wird daraus ein angeregtes Plaudern und beim Erzählen entstehen sie plötzlich – die Gedankensprünge. Man kommt von einem zum anderen, es geht lebhaft zu und worauf man als allerletztes achtet, ist:
Wie sehe ich jetzt dabei aus?
Ein Gespräch ist nicht authentisch, wenn penetrant auf Wirkung und anwesende Kameras geachtet bzw. ständig posiert wird! Sie können den Unterschied auch anhand des Beispiels mit der Menschenfressertomate ausmachen:
Manche Leute wollen die Tomate nur anschauen – oder sie fotografieren, so wie sie ist. Andere wollen sie erst stylen, sich daneben stellen und dann geknipst werden. Also mit aufs Bild, aber zweite Geige spielen. Und noch andere Menschen möchten äußerst dringend fotografiert werden – doch da ist die olle Tomate! Sie würden die Pflanze vorher schnell noch eigenhändig mit dem Hackebeil umlegen, wenn dadurch die Chance bestünde, dass sie auf dem Foto mehr Aufmerksamkeit als das Gemüse erzielten. Die Tomate ist schnuppe.
Und mit den letztgenannten Personen ist es für mich regelmäßig anstrengend, denn ich bevorzuge Tomatenfotos.

Genug davon. Ich war Besorgungen erledigen vorhin. Im meinem Einkaufszentrum wurde auf einer Veranstaltungsfläche alles weihnachtlich hergerichtet. Stände mit Kerzen, Schmalzgebäck, und ein kleiner Bereich ist mit einem hellen Senkrechtlattenzaun abgeteilt. Ein Häuschen steht auf diesem Grund, einige Bänke im „Vorgarten“.
Dort können kleine Kinder Weihnachtsleckereien produzieren. Kekse dekorieren. Teig rühren. Eine neue Gruppe hatte gerade begonnen.
Außen vor dem Holzzaun stand eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn an der Hand, den sie davon überzeugen wollte, dort mitzumachen.
„Du, das macht ganz viel Spaß! Und die helfen dir ja bei dem Teig.“
„Kann man da auch Sterne machen?“
„Bestimmt, und da gibt es bunte Streusel zum Draufstreuen.“
„Lassen die mich denn auch mitmachen?“
„Natürlich! Dafür ist das hier doch extra aufgebaut worden. Für euch Kinder!“
„Aber der da ist größer … Und ich kenn die doch gar nicht!“
„Die anderen kennen sich auch nicht alle. Aber du, die wirken doch sehr nett!“
Die Mutter ist geschickt, und man merkt ihr an, wie gern sie den Nachwuchs überzeugen möchte. Sie hat es auch fast geschafft. Dann allerdings kommen zwei junge Herren vorbei, bleiben ebenfalls stehen und lesen das Schild, das vor der Hütte aufgestellt ist: KINDERBACKSTUBE
„Du, schau mal“, sagt der eine zu seinem Freund. Er zeigt auf die Schrift und ergänzt gut hörbar: „Dort werden Kinder gebacken.“
Nun, das war’s.
Der Kleine hat es gehört und zieht seine Fast-Zusage zum Backen sofort wieder zurück. Da helfen auch keine Erklärungen. Nee, nee. Das Risiko ist ihm zu groß. Vielleicht kennt er die Sache mit Hänsel und Gretel …

Ich schaue gerade während einer kleinen Bildschirmaugenerholpause ein wenig aus dem Fenster ins Geäst einer Rotpflaume, in der  Gimpel herumhüpfen und an den dünnen Zweigen picken. Die Vögel waren während der Sturmtage verschwunden.

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm - 08.12.2013

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm – 08.12.2013

Ich frage mich manchmal, ob es Vögeln bei solchem extremen Gewackel in den Ästen auch schlecht werden kann oder denke darüber nach, ob es Exemplare gibt, die beispielsweise unter Höhenangst leiden. Doch eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen …
Wissen Sie warum?
Ich habe geträumt, als es so stürmte. Auslöser war offensichtlich – neben dem Sturmgeheul – ein Bericht aus Frankreich über das sogenannte Wipfelschlafen. Ich hatte darüber wenige Tage zuvor gelesen. Im Naturpark Lubéron in der Provence kann man in etwa zehn Meter Höhe auf Bäumen in Hängematten übernachten.
Vorher lernt man natürlich die Klettertechnik, um überhaupt auf den Baum heraufzukommen!
Man hat in der Matte zusätzlich einen Schlafsack und ist obendrein angeseilt. Es kann theoretisch nicht passieren, dass Sie im Schlaf herauskullern und abstürzen. In Träumen läuft es natürlich anders.
Da begann zunächst aus heiterem Himmel ein Mördersturm!
Ich wurde durchgeschüttelt, war selbstverständlich nicht angeschnallt, wurde abgehoben und sauste durch die Lüfte. Doch – das ist jetzt wiederum das Schöne am träumen – ich konnte fliegen!
Und hatte keine Angst!
Deshalb bin ich nun der Überzeugung, dass wir Menschen nur deshalb Höhenangst empfinden, weil wir Angst vor dem Absturz und dem tödlichen Aufprall haben. Wüssten wir – wie Vögel es von sich wissen – dass wir fliegen, also heil landen könnten, entstände das Angstgefühl mit Sicherheit nicht.
Warum auch! Höhe wäre nicht mehr gleichzusetzen mit Gefahr.
Der Gimpel vor meinem Fenster hat eben gerade noch einmal eine einzelne, recht hinterhältige Restböe abbekommen. Der Zweig, auf dem er saß, wurde hin und hergepeitscht und er nach links und rechts geschwenkt.
Hey, schau mal her!
Nein, er wirkt magenfest und scheint auch nicht beunruhigt …

Genug für heute, oder?  Ich bitte Verständnis fürs Lechzen nach Normalität.  Sie haben es hoffentlich unbeschadet überstanden.

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Adventszeit!
Lassen Sie es sich bis zum nächsten Mal gutgehen …

©Dezember 2013 by Michèle Legrand

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12 Kommentare

Deine Christine!

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