Beiträge getaggt mit Sturm

Über die Ruhe nach dem Sturm, Pflichttalk, gebackene Kinder, Wipfelschlafen und anderes …

Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt) - Dezember 2013Das war’s. Der Sturm hat sich endgültig ausgetobt, jetzt herrscht erstaunliche Ruhe. Schluss mit Xavers hohem Pfeifen und seinem ausgeflippten Gerüttel an den Fenstern. Keine um sich schlagenden Äste mehr, die nach einem auslangen, Nichtsahnende beschmeißen oder nächtens penetrant ans Regenabflussrohr dreschen und somit wach halten. Wohler fühlen sich mit Sicherheit auch wieder die Mieter höher gelegener Etagenwohnungen, denn das gefühlte Wanken, dieses zwar leichte, aber ziemlich unangenehme Erdbebenfeeling entfällt.
Und dann die Sturmflut!
Die Deiche haben gehalten, das Wasser ist auf dem Rückmarsch! Für die größeren Nordseeinseln und auch die kleinen Halligen kam endlich Entwarnung. Hier in Hamburg gibt es keine überfluteten Straßen und vollgelaufenen Keller mehr. Schluss ebenfalls mit den herrenlosen und in der Dunkelheit gespenstisch vor sich hintreibenden Fahrzeugen in Elbufernähe.
Für Hamburger gab es in den vergangenen Tagen schon ungewohnte Anblicke unten am Hafen. Am Sonnabend, etwa um 10 Uhr vormittags, also Stunden nachdem die dritte und letzte der prophezeiten starken Fluten gegen sechs Uhr in der Früh ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand das Elbwasser immer noch so hoch, dass die Landungsbrücken, die die Uferpromenade mit den weiter draußen gelegenen Anlegepontons verbinden und normalerweise starkes Gefälle Richtung Wasser aufweisen, plötzlich eine vollkommen waagerechte Verbindung darstellten! Das Hochwasser nutzte die vorhandene Mauerhöhe an der Promenade völlig aus!
Ein Blick hinüber zur Werft Blohm + Voss verdutzte, denn der weiße Namensschriftzug auf der dunklen Mauer, der sonst sogar bei Flut vollständig herausragt und in dem Fall selbst unter sich noch reichlich Luft hat, wurde zu diesem Zeitpunkt bei ablaufendem Wasser immer noch bis zur Mitte des Buchstaben B von den Fluten abgedeckt.
Wie mag es da erst während der extremen Sturmflut am Freitag gewesen sein? Wahrscheinlich lief es oben über den Rand der Flutschutzmauer …

Doch vorbei. Wir können nun entspannen. Und deshalb möchte ich mich heute mit Ihnen einfach nur ein wenig privat unterhalten. Neben der Ausnahmewettersituation, brachte die Woche für mich einen Schwung Pflichttalk, und wenn Sie regelmäßig im Blog lesen, werden Sie einen Unterschied bemerkt haben: Der letzte Blogpost war ein Bericht. Neutraler. Ohne Gedankensprünge. Er war als eine kleine Teilhabemöglichkeit für Sie an einer von mir eher beruflich besuchten Veranstaltung gedacht.
Doch jetzt giere ich nach anderen Sachen!
Wissen Sie, wenn Sie etwas nicht in Ihrer Freizeit und nicht aus völlig freien Stücken zu tun beschließen, dann könnte man die sich daraus ergebenden, beruflich bedingten Unterhaltungen – ohne es gleich negativ zu meinen! – als Pflichttalk bezeichnen. Pflichttalk ist etwas, was durchaus zeitlich begrenzt Spaß macht – zumal wenn Sie ein grundsätzlich auf alle Arten von Menschen neugieriges Wesen sind und das anstehende Oberthema Sie halbwegs anspricht. Es ist praktisch, wenn mitteilungsfreudige Menschen anwesend sind.
Nicht nur mitteilungsfreudig!
Sie sollten selbstverständlich auch inhaltlich etwas zu sagen haben! Ja, dann ist es inspirierend!
Befinde ich mich allerdings offiziell bei Veranstaltungen in einer großen Menschenmenge und das Thema ist jetzt – sagen wir es vorsichtig – nicht hundertprozentig meins (trifft max.  zu 20 % meinen Nerv), lassen mich zudem die äußeren Umstände eher verhalten reagieren und liegt der Lärmpegel dauerhaft höher, als meine Ohren es gustieren, dann befällt mich nach einer Weile der zwanghafte Wunsch, den Sicherungskasten zu suchen.
Da gibt’s doch einen Schalter, der … Klack!
Zack! Ruhe … Kleiner unschuldiger Blick in die Runde. Huch …
Oder ein plötzlicher Gedanke taucht auf, eine Frage, die ich mir – lautlos natürlich! – selbst stelle:
So, und wo geht es hier jetzt in den Garten …?
Der Wunsch als Vater des Gedankens. Sicher, man ruft sich sofort zur Ordnung, doch nicht einmal eine Minute später wispert irgendein boshafter, kleiner Zwerg:
Hey, was machst du hier eigentlich? Du gehörst ins (z. B.) Tropenschauhaus, du …! Gib’s zu, dich interessiert die Menschenfressertomate doch viel mehr als ein hippes Outfit und/oder Dauerzahnpastalächeln.
Tja, gut, dass einem nicht immer gleich anzusehen ist, was das Hirn für wirres Zeug denkt. Wie ungünstig, würde es alles laut herausposaunen … Der beruflich anwesende Gast macht natürlich profimäßig weiter, lechzt nur still nach den eigenen vier Wänden und das war es. Fast jedenfalls.
Sie sind im Grunde die Leidtragenden, denn Sie müssen im Nachhinein hier im Blog alles ausbaden! Dann hole ich das vermisste, normale Gespräch nach und lasse alles Eingesperrte, was vorher nicht heraus durfte, auf Sie los.
Bitte?
Was ein normales Gespräch ist? Unter sich sonst fremden Menschen?
Das ist ein ungestellter, oft sehr spontaner Austausch mit dem Gegenüber, eine Unterhaltung, der aktuelles, echtes Interesse zugrunde liegt und ein Gespräch, das ohne jegliche Berechnung zustande kommt. Ein Gespräch, dessen Anlass durchaus eine gerade miterlebte Situationskomik sein kann. Irgendetwas geht ja immer voraus … Dann wird daraus ein angeregtes Plaudern und beim Erzählen entstehen sie plötzlich – die Gedankensprünge. Man kommt von einem zum anderen, es geht lebhaft zu und worauf man als allerletztes achtet, ist:
Wie sehe ich jetzt dabei aus?
Ein Gespräch ist nicht authentisch, wenn penetrant auf Wirkung und anwesende Kameras geachtet bzw. ständig posiert wird! Sie können den Unterschied auch anhand des Beispiels mit der Menschenfressertomate ausmachen:
Manche Leute wollen die Tomate nur anschauen – oder sie fotografieren, so wie sie ist. Andere wollen sie erst stylen, sich daneben stellen und dann geknipst werden. Also mit aufs Bild, aber zweite Geige spielen. Und noch andere Menschen möchten äußerst dringend fotografiert werden – doch da ist die olle Tomate! Sie würden die Pflanze vorher schnell noch eigenhändig mit dem Hackebeil umlegen, wenn dadurch die Chance bestünde, dass sie auf dem Foto mehr Aufmerksamkeit als das Gemüse erzielten. Die Tomate ist schnuppe.
Und mit den letztgenannten Personen ist es für mich regelmäßig anstrengend, denn ich bevorzuge Tomatenfotos.

Genug davon. Ich war Besorgungen erledigen vorhin. Im meinem Einkaufszentrum wurde auf einer Veranstaltungsfläche alles weihnachtlich hergerichtet. Stände mit Kerzen, Schmalzgebäck, und ein kleiner Bereich ist mit einem hellen Senkrechtlattenzaun abgeteilt. Ein Häuschen steht auf diesem Grund, einige Bänke im „Vorgarten“.
Dort können kleine Kinder Weihnachtsleckereien produzieren. Kekse dekorieren. Teig rühren. Eine neue Gruppe hatte gerade begonnen.
Außen vor dem Holzzaun stand eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn an der Hand, den sie davon überzeugen wollte, dort mitzumachen.
„Du, das macht ganz viel Spaß! Und die helfen dir ja bei dem Teig.“
„Kann man da auch Sterne machen?“
„Bestimmt, und da gibt es bunte Streusel zum Draufstreuen.“
„Lassen die mich denn auch mitmachen?“
„Natürlich! Dafür ist das hier doch extra aufgebaut worden. Für euch Kinder!“
„Aber der da ist größer … Und ich kenn die doch gar nicht!“
„Die anderen kennen sich auch nicht alle. Aber du, die wirken doch sehr nett!“
Die Mutter ist geschickt, und man merkt ihr an, wie gern sie den Nachwuchs überzeugen möchte. Sie hat es auch fast geschafft. Dann allerdings kommen zwei junge Herren vorbei, bleiben ebenfalls stehen und lesen das Schild, das vor der Hütte aufgestellt ist: KINDERBACKSTUBE
„Du, schau mal“, sagt der eine zu seinem Freund. Er zeigt auf die Schrift und ergänzt gut hörbar: „Dort werden Kinder gebacken.“
Nun, das war’s.
Der Kleine hat es gehört und zieht seine Fast-Zusage zum Backen sofort wieder zurück. Da helfen auch keine Erklärungen. Nee, nee. Das Risiko ist ihm zu groß. Vielleicht kennt er die Sache mit Hänsel und Gretel …

Ich schaue gerade während einer kleinen Bildschirmaugenerholpause ein wenig aus dem Fenster ins Geäst einer Rotpflaume, in der  Gimpel herumhüpfen und an den dünnen Zweigen picken. Die Vögel waren während der Sturmtage verschwunden.

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm - 08.12.2013

Gimpel (Dompfaff) nach dem Sturm – 08.12.2013

Ich frage mich manchmal, ob es Vögeln bei solchem extremen Gewackel in den Ästen auch schlecht werden kann oder denke darüber nach, ob es Exemplare gibt, die beispielsweise unter Höhenangst leiden. Doch eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen …
Wissen Sie warum?
Ich habe geträumt, als es so stürmte. Auslöser war offensichtlich – neben dem Sturmgeheul – ein Bericht aus Frankreich über das sogenannte Wipfelschlafen. Ich hatte darüber wenige Tage zuvor gelesen. Im Naturpark Lubéron in der Provence kann man in etwa zehn Meter Höhe auf Bäumen in Hängematten übernachten.
Vorher lernt man natürlich die Klettertechnik, um überhaupt auf den Baum heraufzukommen!
Man hat in der Matte zusätzlich einen Schlafsack und ist obendrein angeseilt. Es kann theoretisch nicht passieren, dass Sie im Schlaf herauskullern und abstürzen. In Träumen läuft es natürlich anders.
Da begann zunächst aus heiterem Himmel ein Mördersturm!
Ich wurde durchgeschüttelt, war selbstverständlich nicht angeschnallt, wurde abgehoben und sauste durch die Lüfte. Doch – das ist jetzt wiederum das Schöne am träumen – ich konnte fliegen!
Und hatte keine Angst!
Deshalb bin ich nun der Überzeugung, dass wir Menschen nur deshalb Höhenangst empfinden, weil wir Angst vor dem Absturz und dem tödlichen Aufprall haben. Wüssten wir – wie Vögel es von sich wissen – dass wir fliegen, also heil landen könnten, entstände das Angstgefühl mit Sicherheit nicht.
Warum auch! Höhe wäre nicht mehr gleichzusetzen mit Gefahr.
Der Gimpel vor meinem Fenster hat eben gerade noch einmal eine einzelne, recht hinterhältige Restböe abbekommen. Der Zweig, auf dem er saß, wurde hin und hergepeitscht und er nach links und rechts geschwenkt.
Hey, schau mal her!
Nein, er wirkt magenfest und scheint auch nicht beunruhigt …

Genug für heute, oder?  Ich bitte Verständnis fürs Lechzen nach Normalität.  Sie haben es hoffentlich unbeschadet überstanden.

Ich wünsche Ihnen weiterhin eine schöne Adventszeit!
Lassen Sie es sich bis zum nächsten Mal gutgehen …

©Dezember 2013 by Michèle Legrand

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