Beiträge getaggt mit störendes Verhalten

„Was klickt die so …?“

Die U-Bahn ist gut besetzt. Bei zwei sich gegenüberliegenden Bänken am Gang gibt es noch ein freies Sitzplatzeckchen. Eckchen ist nicht übertrieben, denn knapp 4/5 der restlichen Doppelbankfläche werden von einer – nennen wir es diplomatisch – für den Winter schon gut gepolsterten Dame samt ihrer Tasche bevölkert.
Ich quetsche mich neben sie auf die Sitzkante und strecke die Beine aus Platzmangel in den Gang. Eine formvollendete Haltung sieht definitiv anders aus. Beim Anfahren rutsche ich zudem fast vom Rand ab. Das Ganze ist eine höchst wackelige Angelegenheit.
Schade, dass meine Nachbarin so gar keine Anstalten macht, ein paar Zentimeter mehr Platz freizugeben.

Hamburg - U-Bahn Station Uberseequartier - U4

Hamburg – U4 – U-Bahn Station „Uberseequartier“

Uns beiden gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Der Steppke lässt die Beine baumeln und beobachtet seine Umgebung. Plötzlich geht es los:
Ping! Ping! …  Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! Ping! …
Das Baumeln der Beine stoppt.  Der Kleine schaut sehr skeptisch zu der Dame mit dem erhöhtem Platzbedarf, die mittlerweile überaus energisch ihr Handy beklopft.
„Mama, warum klickt die Frau so komisch?“
„Das macht das Handy, Lars. Das sind die Tastentöne.“
„Wo sind denn da die Tasten?“, fragt er.
„Na ja, das hat keine mehr, da drückt man auf den Bildschirm, aber die Töne nennt man trotzdem so.“
Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …

Haben Sie schon einmal ein Kind völlig ungeniert und unverstellt die Augenbrauen hochziehen und die Augen verdrehen sehen? So richtig genervt?
Der Lütte kann das gut. Diese Geräusche gehen wirklich auf den Geist. Nicht nur der Lärm, auch das rabiate Herumgehacke auf dem Display. Man hat irgendwie den Eindruck, die Dame versucht, beim Tippen auf der Rückseite des Handys wieder herauszukommen.

„Wie lange macht das noch „Ping“?“
„Bis die Frau fertig ist mit dem Schreiben.“
Ping! Ping! Ping! … Ping! … Ping! Ping! …
„Mama, dein Handy macht das aber nicht!“
„Nein, man kann die Töne auch ausstellen.“
„Warum macht die Frau das nicht?“
Ah,  ich habe mich schon gewundert … Bis dahin kam keine Reaktion, aber nun schaut unsere Ping-Produzentin doch einmal  auf.  Nein, sie ist geistesabwesend. Sie hat nichts mitbekommen – oder tut zumindest unbeteiligt. Es scheint, als wäre sie fertig mit ihren Klopfzeichen. Lars’ Mutter sucht weiterhin nach einer Erklärung, warum störende Tastentöne nicht von jedem vermieden werden.
„Weißt du, Lars, dieses Klick- oder Ping-Geräusch ist eine Art Kontrolle. Manche hören dann besser, ob sie richtig gedrückt haben.“
„Wieso das?“
„Wenn es pingt, dann ist das wie eine Bestätigung, dass man richtig getroffen hat. Genug gedrückt hat. Dann reagiert das Handy, und es ist auch wirklich ein Buchstabe oder eine Zahl gekommen. Oder eine neue Seite.“
„Aber das sieht man doch!“
„Ja, schon …“

Der schriftliche Part, der wurde wohl – was den reinen Text angeht – vollendet, nur hat die Dame am Schluss ganz offenbar eine Nummer eingegeben, denn sie hält mittlerweile ihr Telefon ans Ohr und wartet, dass sich am anderen Ende jemand meldet.
Oh, bitte, lass keinen da sein …
„HALLO! JA, ICH BIN’S. WAS? NEIN, ICH BIN JETZT IN DER U-BAHN …“
Leider vergebens gehofft …
Brüllend geht die im Grunde völlig nichtssagende Konversation weiter. In regelmäßigen Abständen wird ein „WAS?“ gebellt. Lars wendet sich seiner Mutter zu. Er hebt ebenfalls die Stimme:
„Du, Mama, die Frau hört aber ziemlich schlecht.“ Seine Beine beginnen wieder zu baumeln. Entspannt fährt er fort: „Sie sollte doch lieber hingucken. Beim Handy meine ich. Weil – ich glaube, sie kann diese Dingsbumstöne gar nicht hören …“
Lars’ Mutter errötet, die Umgebung grinst, die Betroffene bekommt nichts mit, und ich muss aussteigen. Mit mir zwei junge Männer, die weiter herumfeixen.
„Wetten, dass sie gar nicht weiß, wie man die Tastentöne deaktiviert?“
Sie wissen, dass solch miese Annahmen und Verdächtigungen, solch haltlose Gerüchte entstehen, sobald jemand Sie nervt. Sie können zwar grad nicht viel dagegen tun, aber es hilft Ihnen schon kolossal, wenn Sie postwendend  über denjenigen herziehen. Eine Form des Abreagierens. Das ist einfach so. Kommt automatisch.
„Sie traut ihrem Handy auch nicht. Brüllt lieber direkt“, legt der Freund nach und grient bei seiner Behauptung.

Sie hat ein beachtliches Organ! Ich würde sagen, es handelt sich heute um ein Auslandsgespräch. Ihre Stimme ist selbst auf dem Bahnsteig noch zu hören – zumindest bis sich die Türen des Zugs ganz geschlossen haben. Die armen Mitfahrenden, die das noch ein Weilchen ertragen müssen …
Sie haben auch schon erlebt, wie das abläuft, oder? Bestimmt!
Erst wird nur stumm registriert. Ist der Störfall kurzfristig oder unbeabsichtigt,  wird leicht gelächelt, eventuell minimal die Nase gerümpft, ein kleiner, harmloser Kommentar fliegt in die Runde, oder es wird sich etwas mokiert. Stört jemand jedoch ausdauernd und penetrant, bleibt es meist nicht lange ohne spürbare Gegenreaktion. Während die Reservierteren noch überlegen, in welcher Form sie um Einhalt bitten, reißt häufig irgendeinem Temperamentvolleren im Waggon nach spätestens drei Stationen die Hutschnur, und er lässt seinem Unmut freien Lauf. Dann brüllen zwei, und Sie sitzen womöglich in der Schusslinie … Übel.

So richtig unsensiblen, lauten Menschen können Sie es schwer klarmachen, dass Sie sich gestört fühlen. Ihr Gegenüber versteht Sie nicht und empfindet es als Anstellerei oder auch als Anmaßung, dass Sie sich beklagen. (Obwohl im umgekehrten Fall ebenfalls Protest käme!)
Sie werden in den meisten Fällen angepampt, egal, wie höflich Sie Ihr Anliegen formulieren.
Auch der Tipp, man sollte sich lebhaft am Telefongespräch beteiligen („Genau! Das finde ich auch!“- „Das kann er doch nicht tun! Das müssen Sie ihm ausreden!“) oder hinterher nachfragen („Wie geht es Jens denn nun nach der Prostata-Operation?“ – „War Nadine schon immer so eifersüchtig?“), auch dieser Tipp geht unter Umständen nach hinten los.

Ich denke, ich werde im Fall der Fälle etwas anderes probieren. Ich werde ernst schauen, mich mehrfach umdrehen, etwas ängstliche Schulterblicke werfen, dann den Zeigefinger vor die Lippen halten, mich der Remmi-Demmi-Person vertraulich nähern und flüstern:
„Pssst! Schauen Sie sich nicht um! Wir werden beobachtet! Passen Sie bloß auf, was Sie sagen! Es wird alles aufgezeichnet. Falls es zur Anklage kommt … Sämtliche Gespräche! Was wir hier sagen…, Ihr Telefonat … Na ja, wahrscheinlich ist Ihr Handy sowieso verwanzt.“

Mal schauen, was dann passiert.

Ihnen wünsche ich ein schönes Wochenende und pingfreie Zeiten!

©September 2014 by Michèle Legrand
Michele Legrand - freie Autorin

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Pferdestory ohne Pferd …

Gaulloses Wiehern und huffreies Galoppieren. Gibt es tatsächlich! Beweise habe ich mittlerweile.
So kommt es heute zur Pferdestory ohne Pferd.
Sie werden stattdessen Ersatzhengst und Stutendouble kennenlernen.

Wissen Sie, was ich unpraktisch finde?
Dass der Mensch manchmal zu perplex ist, um schlagfertig zu reagieren. Allerdings – vielleicht ist man auch nur zu abgeklärt, zu vorsichtig, ein Schisser … was auch immer, um sich auf einen (sinnlosen) verbalen Schlagabtausch einzulassen. Einen, der dann womöglich nicht einmal verbal bleibt sondern ausartet und womöglich handgreiflich wird!

Pferdestory ohne Pferd ... Ausspanntee!Ich setzte mich vorgestern unterwegs an einen Tisch, um meinen Ausspanntee (im Sinne von „Getränk um sich zu erholen“, kein sonderbarer Wundertrank um „jemandem jemanden auszuspannen“) zu genießen und bemerkte leider zu spät, dass zwei Tische weiter ein lautes, anstrengendes Frauentrio hockte. Ich sage Frauen, weil der Begriff Damen irreführend wäre.
Als ich eintraf, waren alle mit dem Handy beschäftigt und zufällig leise, doch kaum hatte ich bestellt, ging ein wahnsinniges Palaver los. Mein Rasenmäher ist leiser. Und klingt zudem intelligenter.
Ein Wesen hatte ein besonders durchdringendes, dominantes Organ, dabei gleichzeitig eine dermaßen nöhlige, unzufriedene Stimme, dass es einer Vergewaltigung der Ohren gleichkam und sich meine Nackenhaare unverzüglich aufrichteten.
Die Bestellung konnte ich nicht mehr rückgängig machen, doch ein Blick Richtung besagtem Tisch und das Entdecken fast leerer Tassen und Gläser, ließ mich hoffen, dass der Lärmtrupp bald – und zwar vor mir! – ging.
Mein stiller Wunsch erfüllte sich; einige Minuten darauf rüstete man sich zum Aufbruch. Beim Aufstehen wurde erneut das Handy gezuckt. Ein Smartphone hat für viele Erwachsene häufig eine ganz ähnliche Wirkung wie die Gabe eines Schnullers bei manchem Baby. Es kehrte himmlische Ruhe ein.
Machen Sie dann nicht den Fehler, den ich gemacht habe!
Ich habe definitiv zu früh entspannt, innerlich abgeschaltet, geträumt.
Sie mussten an meinem Tisch vorbei, um zum Ausgang zu gelangen. Irgendetwas auf dem Display der Dezibel liebenden großen Brünetten muss der Auslöser für einen – wie ich vermute – Heiterkeitsanfall gewesen sein. Oder für Entrüstung. Es war nicht eindeutig zu identifizieren.  Als sie an mir vorbeikam, explodierte sie.
Es ruderten ihre Gliedmaßen. Ihre Hand erschien plötzlich neben meinem Gesicht. Ihr Knie rumste an die Tischkante.
Aber vor allem war da der Lärm!
Ein Krach sondergleichen! Der Lautstärkeregler stand bis zum Anschlag! Ich spreche von ihrem, nicht von dem des Handys.
Kennen Sie diese Filme, in denen nächtens irgendwo auf einer Ranch ein böser, rachsüchtiger Pyromane Feuer im Stall legt und die Pferde unruhig werden? Wenn sie scharren, sich gegen die Wände ihrer Boxen schmeißen, sich aufbäumen und laut und schrill „Geräusche“ von sich geben?
Vielleicht hatte sie auf ihrem Handy Feueralarm vorgefunden. Ich hatte jedenfalls aus heiterem Himmel ein wildes, unkontrolliert wieherndes und schnaubendes Pferd am Tisch und mich darüber dermaßen erschrocken, dass mir der Teelöffel aus der Hand fiel.
Das eben noch wiehernde Wesen stutzte kurz, schaute mich leicht genervt an und äußerte sich folgendermaßen:
„Mein Gott, nun seien Sie doch nicht so schreckhaft!“
Ja, gell? Sie sind auch geringfügig überrascht? Hatten Sie angenommen, es wäre ihr vielleicht unangenehm?
Nicht doch! Die Umwelt ist das Weichei!
Ja, ich war perplex. Und nein, ich würde auch jetzt noch nichts erwidern. Es ist mir einfach zu blöd. Doch echte Pferde sind mir schon wesentlich lieber als dieses Stutendouble.

Das zweite Erlebnis hatte ich heute am Morgen, als ich mich im oberen Stockwerk im Bad vor dem Spiegel zurechtmachte, das Fenster eingeklappt hatte und sich mit einem Mal schnelle Schritte und schweres Prusten näherten.
Hier ist eine Sackgasse mit Wendeplatz. Die Sackgasse ist wirklich eine! Nicht nur für Autos. Auch Radfahrer und Fußgänger kommen nicht weiter. Am Ende des Wendeplatzes ist Schluss. Außerdem befindet sich in direkter Nähe ein Bahnübergang, dessen Schranken gern und lange geschlossen sind. Ist dies der Fall, schneien viele der nicht ortskundigen Wartenden hier trotz des Sackgassenschilds herein. In der Hoffnung, einen Alternativweg gefunden zu haben, der irgendwann auf eine der Parallelstraßen führt.
Eine vergebliche Hoffnung.
Das morgendliche Schnauben produzierten zwei Jogger. Die Schritte, die ich anfangs etwas entfernter gehört hatte, erklangen mittlerweile direkt unterhalb des Fensters. Füße traten auf der Stelle … Sie suchten vermutlich mit ihren Blicken den nicht vorhandenen zweiten Ausweg. Einer der beiden Läufer stellte ernüchtert fest:
„Du, isch gloob, wir beede ham uns hier rischdisch fergalobbierd.“
Voilà, der Ersatzhengst, das Fastpferd Nummer zwei!
Ein Jogger sächsischen Ursprungs, dem klar wurde, dass die Rennstrecke hier leider nicht fortführt.
„Komm, loofn könn’n wir ooch hier uffm Platz!“
Galopprennbahnen führen schließlich auch immer nur im Kreis bzw. Oval.
„Ja, nicht stoppen“, meinte sein Trainingspartner.
„Nu, mein Gudster, sisch imma beweschn is wirglisch am wischdigsdn!“, bekräftigte die erste Stimme.
Und während ich mich weiter zurechtmachte, drehten die beiden unermüdlich eine Runde nach der anderen. Zwischendurch kam ein Zug … und dann noch einer … und ein weiterer. Und wenn sie nicht gestorben sind …
Hoppala! Bewegung an der Schranke!
Man konnte den Galopp doch noch vor dem Abendmahl fortsetzen.

Wir fassen zusammen:

Läuft ein Hengst die falsche Route,
bewegt sich wie im Hamsterrad,
ist dem Gaul nicht wohl zumute,
doch bessres hat er nicht parat.

Hat eine Stute Geltungsdrang
und nervt durch Lärm erheblich
dann tut sie es wie unter Zwang,
was sagen ist vergeblich.

Und letztendlich:

Dreht eine Story sich ums Pferd
nur wird’s dir vorenthalten,
so hat Ersatz auch seinen Wert
drum lass doch Milde walten.

©September 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand ©Foto Andreas Grav (Ausschnitt)

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