Beiträge getaggt mit Steert und Windrose

Ostfriesland – heel wat besünners! Heute: Windmühlen! (4)

Mehrere Holländer, Müller, kraftsparend, alte Säcke, rechter Flügel, Finale …
Stichworte, die Sie mir heute bitte nicht als in Richtung Fußball-Weltmeisterschaft gehend missdeuten! Ich spreche von Erd- und Galerieholländern, vom Müller als Berufsstand und von Flügeln, die sich im Wind drehen. Von einer Erfindung, die viele kraftzehrende Tätigkeiten erleichterte! Ich rede von Korn oder Mehl abfüllen in bereits leicht betagte Gewebebeutel. WM steht allerhöchstens als Abkürzung für Windmühlen! Mit anderen Worten:
Moin, leeve Lüüd!
Heute erscheint der letzte Part der Ostfriesland-Blogserie. Das Windmühlen-Finale!

Ostfriesland - Mühle Bagband von 1812

Ostfriesland – Mühle Bagband von 1812

Wenn ich einen Hauptgrund nennen sollte, aus dem ich ursprünglich nach Ostfriesland gereist bin, dann wäre es dieser: Wegen der Windmühlen! Sie sind schon eine beeindruckende Erfindung. Ein faszinierender Anblick obendrein! Ganz grundsätzlich – egal welchen Bautyp, welche Form oder Variante Sie nehmen. Einfach optisch und technisch gesehen. Sie haben etwas …
Vor Jahrhunderten erdacht, entwickelt, erbaut, weiterkonstruiert, optimiert, abgeändert, allmählich gealtert, repariert, beschädigt, veraltet, stillgelegt, vergessen, verkommen, wiederentdeckt, erneut restauriert … und so heute immer noch Teil von (in diesem Fall) Ostfriesland. Eine Besonderheit, die gepflegt wird und dadurch glücklicherweise weiterhin zu dem Bild gehört, das diese herrliche, weite Landschaft prägt.

Nur wo fängt man bei diesem schönen, aber weiten Thema Windmühlen bloß an, wo hört man auf?
Machen wir es doch so wie immer. Für das geballte technische und das gehäuft auftretend eher trockene Geschichtswissen googeln Sie selbst, das steht da alles schon hervorragend von Experten im Netz veröffentlicht. Lesen Sie es im Original von den Technikern und Kennern – nicht die ganzen Kopien der ewigen und unverbesserlichen Oberprofis im wortwörtlichen Abschreiben.
Wir hingegen picken uns wieder ein paar spezifische Dinge heraus und finden Mühlen ansonsten einfach auf andere Art entdeckens- und erwähnenswert.
Sagen Sie das Wort Windmühlen einmal ganz langsam. Lassen Sie es auf der Zunge zergehen, verlängern das „n“ in Wind, machen zusätzlich noch eine klitzekleine Pause nach diesem Wortteil.
In etwa so: Winnnd…müh-len.
Spüren Sie dann auch, dass eine Brise aufkommt und Flügel beginnen, sich langsam zu drehen …?
Und jetzt stellen Sie sich noch die Menschen der Region vor. Sprechen Sie bitte das Wort Friesen.
Nein, nein! Nicht so!
Rollen Sie das „r“! Ein langes „i“! Und lassen Sie das zweite „e“ fast weg. Das machen die Menschen dort auch so.
Frrrriiesn.
Geschafft? Das war Ihr Einstieg heute. Nun dürfen Sie mit auf Erkundung. ^^

Wenn Sie über Land fahren, sehen Sie manche Mühlen schon von Weitem. Zumindest die Enden ihrer Flügel, die sie stolz in die Höhe strecken. Gelegentlich handelt es sich dabei wirklich um besonders hohe Exemplare, doch darunter sind ebenfalls normalgroße Varianten, die jedoch sofort auffallen, weil sie relativ frei stehen. Mühlen mitten im Ort werden hingegen gern durch sie umgebende Gebäude oder den Kirchturm etwas verdeckt, erscheinen daher eher plötzlich, wenn Sie um die Ecke biegen. Dann haben Sie diesen auch sehr erfreulichen Huch!-Effekt.

Ostfriesland - Die Mühle von Ditzum

Ostfriesland – Die Mühle von Ditzum

In Norddeutschland und speziell im Ostfriesischen begegnen Ihnen die wirklich schönen Holländermühlen (Kappenwindmühlen). Wie der Name es verrät, wurden sie in Holland entwickelt, kamen aber erst mit etwa 200jähriger Verspätung hierher. Das bestätigt nicht dieses dösige Klischee, dass man dort eben für alles länger braucht, sondern es ist darin begründet, dass man dort andere, noch gut funktionierende Mühlen hatte und die neuen Typen erst nach und nach die bis dahin üblichen Bockwindmühlen ablösten. Der Vorteil der Holländermühle: Anstelle eines Bocks mit aufsitzendem, beweglichem (aber sperrigem und unhandlichem) Körper inklusive der Flügel, befand sich nun hier eine drehbare Kappe mit Flügeln auf einem feststehenden Unterbau. Diese Konstruktion war wesentlich stabiler. Dadurch konnte man höher hinaus, was bedeutete, dass längere, größere Flügel möglich waren, die ihrerseits für mehr Energieerzeugung sorgten. Anstelle der ganzen Mühle (auf dem Bock) musste nun lediglich noch die Kappe mit dem Flügelkreuz gedreht werden, um sie nach dem Wind auszurichten. Das war einfacher.

Wenn diese Mühlen ebenerdig gebaut wurden, d. h. ihr manchmal sechs-, oft achtkantiger Bau und das Holzgerüst direkt auf den Boden gesetzt wurden, heißen sie Erdholländer. Ein solches Exemplar ist beispielsweise die Wind- und Wasserschöpfmühle Wynhamster Kolk von 1804, die das gleichnamige Gebiet entwässert. Mit 2,50 m unter NN ist dieser Bereich einer der tiefstliegenden Punkte überhaupt, und es kam dadurch seinerzeit durch verschiedene Umstände (Deichbrüche, Sturmfluten etc.) häufig vor, dass die Wiesen unter Wasser standen – auch noch, nachdem der Deich repariert worden war. Es floss ja nichts ab! Die Mühle schaffte Abhilfe, ist heute allerdings nicht mehr nötig, da mittlerweile Schöpfwerke die Arbeit übernehmen. Dennoch ist sie nach einer sehr wechselvollen Geschichte heute wieder betriebsfähig.

Ostfriesland - Wind- und Wasserschöpfmühle am Wynhamster Kolk

Ostfriesland – Wind- und Wasserschöpfmühle am Wynhamster Kolk – Hier mussten Sie aufpassen, wenn die Mühle in Betrieb war. Die Flügel reichen sehr weit herunter ….

Die Gegend ist generell sehr schön dort. Sie können auch paddeln und bei einer der speziellen Paddel+Pedal Stationen das Boot abgeben, um ab dort weiter mit dem Fahrrad zu fahren …

Ostfriesland - Idylle nahe der Mühle Wynhamster Kolk

Ostfriesland – Idylle nahe der Mühle Wynhamster Kolk

Verfolgt man die Geschichte der Mühlen in dieser Region, dann wird deutlich, dass sie alle ihren ganz eigenen Mühlenlebenslauf haben, aber viele das aktive Leben im Grunde spätestens im Zuge des Mühlensterbens (1950er Jahre) vorerst beendeten. Manche wurden im kleinen Stil weiterbetrieben oder bereits in den 60er und 70er Jahren weiterverkauft und wieder betriebsfähig gemacht. Es gibt auch Beispiele, wo zweckentfremdet wurde. Es entstand Wohnraum, ein Museum, eine Verkaufskooperative oder ein Restaurant gliederte sich an. In dem Fall ist bis heute oft noch beides vorhanden – ein zumindest zeitweiliger Mühlenbetrieb mit daneben existierender Gastronomie.

Ostfriesland - Mühle Bagband mit dem Mühlenhof (Restaurant, Café)

Ostfriesland – Mühle Bagband mit dem Mühlenhof (Restaurant, Café) – s. auch das Foto ganz oben

Die Mühle von Bagband dient hierfür als ein gutes Beispiel. Nebenan befindet sich der Mühlenhof, der sehr urig und mit viel Holzanteil eingerichtet ist und in dem Sie sagenhafte Torten und einen Kuchen erhalten, dem Sie nicht widerstehen können. Ich konnte anfangs den Namen Bagband fürchterlich schlecht behalten. Nachdem es mit Packband als Eselsbrücke nicht klappen wollte, hilft nun der Begriff Bigband der Erinnerung flott auf die Sprünge.  Schwieriger ist es mit dem Namen der Mühle von Loga (Leer). Logabirum. Ich habe dafür immer die Römer und das Gallierdorf im Hinterkopf …

Ostfriesland - Windmühle Logabirum (Leer) - Bj. 1895

Ostfriesland – Windmühle Logabirum (Leer) – Bj. 1895

Ostfriesland - Windmühle Logabirum (Leer) -  Flügelkreuz, Flügelwelle und Kammrad sind in der Mühlenkappe, gut zu sehen Windrose sowie Bremsstock  (rechts  hinten abstehend)

Ostfriesland – Windmühle Logabirum (Leer) – Flügelkreuz, Flügelwelle und Kammrad sind in der Mühlenkappe, gut zu sehen Windrose sowie Bremsstock (rechts hinten abstehend)

Um es noch einmal deutlich zu sagen. Das Schöne und – wie ich finde – Bewundernswerte ist, dass die weitaus meisten Mühlen vielfach nur dank des Einsatzes von Einzelnen, jedoch vor allem durch diverse lokale Vereine und enorme regionale Unterstützung, erhalten wurden. Dieses Engagement war oft ausschlaggebend, dass überhaupt restauriert wurde, sich auch weiterhin um den Erhalt gekümmert und speziell Auswärtigen das alte Handwerk des Kornmahlens sowie die Mühlentechnik selbst nahegebracht wird. An den Wochenenden geht es oft hoch her in den Mühlen des Nordens.

Noch gibt es auch Menschen der Generation, die in diesen Mühlen gearbeitet haben, die viel zu erzählen haben.
In Jemgum erlaubte mir ein netter Herr, der nebenan seinen Zaun lasierte und eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, dass ich um die Mühle herumstrich, sie zu betreten, sie auch zu besteigen und mich dort überall umzusehen. Als ich später begeistert wieder heraustrat, kam Knut Hetzke hinzu. Er war 50 Jahre lang Müller der Jemgumer Mühle. Nun lebt er immer noch nebenan. Die Mühle ist funktionstüchtig und dient obendrein als Außenstelle des Standesamts. Sie können hier heiraten!

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum - ... und auch das kann man dort: Heiraten!

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum – … und auch das kann man dort: Heiraten!

Kürzlich wurde der Mahlstein ausgewechselt. Dazu kam eine holländische Firma mit einem Flaschenzug, und in zwei Stunden war die ganze Sache erledigt. Das hat früher in den Zeiten, als die Mühle erbaut wurde, schon deutlich länger gedauert. Knutz Hetzke hat viele Stadien der Entwicklung und der Technik miterlebt.
„Sind Sie heil wieder heruntergekommen?“, fragt er mich zu Beginn.
„Aber sicher“, antworte ich und wundere mich kurz über die Frage, denn er sieht mich ja wohlbehalten auf dem Vorplatz stehen. Es war jedoch nur sein Einstieg zu einer weiteren Frage.
„Warum haben Sie denn nicht den Aufzug genommen?“, spricht er. Ernst und aufrichtig interessiert wirkt er dabei. Ich stutze. Den Aufzug? Es gibt einen schmalen Lastenaufzug für die schweren Kornsäcke, damit man sie zum Mahlwerk hochbekommt. Nach dem Mahlen rutscht das Mehl dann über die Mehlrutsche in darunter befindliche Säcke zwecks Abfüllung.
Gibt es noch einen weiteren Aufzug?
Nachträglich eingebaut, von mir übersehen?
Nein! Ich wurde soeben gnadenlos hereingelegt! Er verrät sich mittlerweile durch sein Grienen. Es gibt natürlich keinen Personenaufzug. Man veräppelt halt nur gern das etwas ahnungslose und tendenziell gutgläubige Stadtwesen.
Soso, das muss jetzt der ostfriesische Humor sein. Doch mit dieser Art kann ich sehr gut leben.
Überhaupt stelle ich fest, dass Ostfriesen – dem Klischee nicht entsprechend – wirklich nicht verschlossen oder wortkarg sind. Sie stürmen nicht auf einen zu, aber sehen alles. Sie warten. Sie sind schon neugierig, doch der Zeitpunkt muss stimmen. Der ist dann gekommen, wenn Sie, als Besucher, den Einheimischen freundlich selbst ansprechen oder zumindest ein unverbindliches „Moin!“ hinüberrufen. Damit heben Sie eine unsichtbare Schranke. Und zwar komplett!
Schon sind Sie im Gespräch, haben allerdings auch Rede und Antwort zu stehen – oder bekommen Antworten auf Ihre Fragen. Das ist ein Wechselspiel.

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum von 1756

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum von 1756

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum von 1756 - wunderschön restauriert  ...

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum von 1756 – wunderschön restauriert …

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum  - Auch bei anderen Mühlen von Zeit zu Zeit zu sehen: Verbindungsgänge zu den Nachbargebäuden ...

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum – Auch bei anderen Mühlen von Zeit zu Zeit zu sehen: Verbindungsgänge zu den Nachbargebäuden …

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum - Mühlentechnik: Zahnräder, Wellen ... und es funktioniert heute noch (bzw. wieder).

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum – Mühlentechnik: Zahnräder, Wellen … und es funktioniert heute noch (bzw. wieder).

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum

Ostfriesland - Peldemühle Jemgum - ... unglaublich sauber und aufgeräumt!

Ostfriesland – Peldemühle Jemgum – … unglaublich sauber und aufgeräumt!

Wenn es im Norden draußen nächtens so richtig kracht und scheppert, Unwetter toben, ein Orkan um die Ecken pfeift und grelle Blitze den Himmel erhellen, entdeckt mancher Ostfriese am nächsten Morgen in seinem ordentlich angelegten und sorgsam gepflegten Gemüsegarten unvermutet etwas, was dort nicht hingehört. Es gibt auf einmal – wenn Sie so wollen – Flügelsalat.
Stürme richten leider immer wieder Schäden an den prächtigen, so liebevoll restaurierten Windmühlen an. Dann müssen Flügel dran glauben …
So erging es vor einigen Jahren dem Nachbarn, der ein Areal neben der Windmühle von Jemgum beackert und kultiviert. Vielleicht spannen Sie ein Fangnetz über Ihren Garten, falls Sie irgendwann neben eine Mühle ziehen.

Ostfriesland - Kirche Jemgum  .... und der Gemüsegarten, in dem schon einmal ein Windmühlenflügel landete.

Ostfriesland – Kirche Jemgum …. und der Gemüsegarten, in dem schon einmal ein Windmühlenflügel landete.

Wir sprachen vorhin vom Flügel in den Wind drehen, vom Kappe nach dem Wind ausrichten. Wurden die Holländerwindmühlen höher gebaut, dann gab es grundsätzlich ein Problem: Man kam nicht mehr an den sogenannten Steert (plattdeutsch für Schwanz). Der Steert bestand aus langen Balken, die an ihrem oberen Ende mit der Kappe verbunden waren und bei denen sich am anderen Ende, unten, eine Drehwinde befand. Bei jeder Änderung der Windrichtung musste der Müller das Windenrad betätigen und die Kappe bzw. dadurch letztendlich die Stellung der Flügel neu ausrichten. Vom Boden aus war das bei den höheren Mühlen nun nicht mehr zu bewerkstelligen.

Hier ein Beispiel für eine Windmühle mit Steert: Die Mühle von Südgeorgsfehn

Ostfriesland - Mühle Südgeorgsfehn

Ostfriesland – Mühle Südgeorgsfehn

Ostfriesland - Mühle Südgeorgsfehn - Eine der wenigen Mühlen, die anstelle einer Windrose noch einen Steert hat

Ostfriesland – Mühle Südgeorgsfehn – Eine der wenigen Mühlen, die anstelle einer Windrose noch einen Steert hat

Also bekam die ganze Mühle diese – wie ich finde unheimlich schmückende – umlaufende Galerie. Entstanden war der Begriff: Galerieholländer. Auf die Art kam man sowohl an die Flügel als auch an den Steert. Es war ja nicht damit getan, dass Flügel einmal montiert wurden und danach musste in diesem Mühlenleben nie wieder jemand in ihre Nähe. Auf Segelgatterflügel wurden die Segel ständig auf- und abgespannt, Reparaturen fielen immer wieder an etc. – auch später bei der Weiterentwicklung, den Jalousieklappflügeln.
Sie merken, immer wieder hielt der technische Fortschritt Einzug, und die Mühle wurde entsprechend umgebaut, modernisiert, verbessert. Manchmal boten sich Änderungen bei sowieso anfallenden Reparaturen nach Sturmschäden an. Eine Neuerung, die den Müllern ihre Arbeit sehr erleichterte, war das Auswechseln des Steerts gegen eine Windrose, wie man sie heute noch an den meisten Mühlenkappen findet. Diese Windrose erfasste fortan automatisch jede Änderung der Windrichtung, und durch den Anschluss an mehrere Zahnradgetriebe war es möglich, dass sich nun Kappe plus Flügel selbständig in die optimale Stellung – nämlich in den Wind – drehten.

Ostfriesland - Mühle Holtland

Ostfriesland – Mühle Holtland

Ostfriesland - Mühle Holtland, wie man sieht mit Windrose

Ostfriesland – Mühle Holtland, wie man sieht mit Windrose

Genug davon für den Moment.
Windmühlen sind anziehend und faszinierend! Ich bin ein Fan der geflügelten Kameraden, ich gebe es zu. Es ist natürlich sehr schön, dass man Freilichtmuseen einrichtet (für bestimmte Epochen, Häusertypen, Handwerke und eben auch speziell für Mühlen), doch wenn ich ehrlich bin, dann ziehe ich das Entdecken von einzelnen, in die Landschaft wirklich hineingehörenden, dort an genau diesem Platz ursprünglich erbauten Mühlen jedem  noch so schön gestalteten Mühlenmuseumsdorf vor. Dort mag ja alles geballt zu sehen sein, dort lassen sich Mühlen sofort und kritisch direkt vergleichen. Bestimmt lässt sich bei Bedarf gleich ein Stapel schriftlicher Ausführungen oder sogar ein Bündel detaillierter Konstruktionspläne jeder vorhandenen Mühle ergattern. Schon toll …, doch ja …
Wissen Sie, es ist nur so ein bisschen wie in den Zoo gehen. Man wandelt vorbei, liest die Tafeln, freut sich über  Anblick und Vielfalt der Tiere – doch wenn Ihnen morgen unterwegs ein einzelner Biber am Ufer im Schilf oder ein Fuchs in freier Wildbahn begegnet, dann berührt Sie das viel mehr. Das zählt einfach doppelt. Dreifach. Ach, noch mehr!

Ostfriesland - am Wasser nahe der Mühle Wynhamster Kolk - Eine Bisamratte (ähnelt der Biberratte, Nutria)

Ostfriesland – am Wasser nahe der Mühle Wynhamster Kolk – Eine Bisamratte (ähnelt der Biberratte, Nutria)

Doch wir waren bei den Mühlen. Mühlen in freier Wildbahn.
Ich muss mich solch ehrwürdigen alten Mühlen einfach anders nähern. Nach und nach. Stück für Stück näher heranpirschen. Einzeln sehen. Von draußen. Rundherum. Dann betreten, Material befühlen, die Luft schnuppern, am Holz und Bauteilen riechen. Dastehen und mir den Hals verbiegen beim Hochsehen. Mit klopfendem Herzen entscheiden, alte schmale Stiegen, die ins Halbdunkle führen, zu erklimmen. Noch höher …
Ohne Erklärungen. Vorerst!
Ich bin immer sehr froh, wenn nicht absichtlich alles zu ordentlich, zu sauber, zu nachgestellt, zu organisiert, zu beschriftet, zu vorbereitet ist. Zu …ach, Sie wissen schon, was ich meine.
Es ist schön, ohne Gerede, ohne Vortrag zu entdecken. Es ist himmlisch, wenn nur die natürlichen Geräusche da sind. Sei es bei einer Mühle außer Betrieb das leichte Quietschen der Tür, das Knarren der Hölzer beim Besteigen der Stufen oder ein Kratzen, wenn die Katze des Müllers sich mit hineinschleicht. Und erst all die Geräusche, die entstehen, wenn die Flügel sich drehen, es irgendwo im Mühlenleib rumpelt! Dieser Wischlaut in der Luft, das sehr leichte Knarren gepaart mit dem leichten Klacken nach einer Runde der Flügel. Sie fühlen den Windzug und manchmal huscht ein Schatten vorbei ….

Manchmal brauchen doch die Gedanken diese Ruhe, brauchen eine Gelegenheit, sich zu spinnen, ehe der Mensch sich mit dem nächsten beschäftigen kann. Bilder im Kopf entwickeln und entfalten sich in dieser Stille – bis zu dem Moment, in dem die alte Zeit vor Ihrem inneren Auge auftaucht, Sie auch ein wenig erfasst. Mit einem Mal stecken Sie zumindest mit einem Bein im Früher. Erst das ist der Augenblick, in dem Ihre Fragen entstehen und in dem natürliche Neugier, Wissensdurst und plötzlicher Gesprächswille aufkommen.

Mir stellte sich zum Beispiel die Frage, woher die Bauern wussten, ob und wann gemahlen wurde, wann die Mühle in Betrieb war. Sie wollten doch sicher nicht umsonst mit ihrem Korn anreisen. Es gab keine Wetter-App auf dem Smartphone, die ihnen angekündigt hätte, dass der Wind morgen wohl günstig von Westen weht und die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Müller Jan loslegt.
Schrieb man sich? Per Post?
Das dauerte doch viel zu lange. Wenn Bauer Gerd am Montag die Anfrage absandte, erreichte sie Müller Jan vielleicht am Donnerstag. Antwortete der Müller ebenfalls auf dem Postweg mit der Information, dass am Freitag gemahlen wird und traf diese montags drauf ein – dann hatte  Bauer Gerd Pech gehabt. So konnte das nicht gehen …
Schickte der Bauer den Knecht durchs Dorf?
„Frerk, loop man tau un kiek, ob Möller Jan mohlen deit.“ (So, oder ähnlich – und vor allem richtig ostfriesisch platt …)
Oder versuchte er, einen Blick auf die Mühlenflügel zu erhaschen? Nur, wenn sie in dem Moment am Vormittag stillstanden, wusste er immer noch nicht, ob am Nachmittag nicht doch gemahlen wurde.
Nee, leeve Lüüd, das lief anders. Man hatte die Flügelsprache.
Je nachdem wie die Stellung der Flügel im Nichtbetrieb (im gebremsten Zustand) war und abhängig davon, ob sie bespannt oder unbespannt waren bzw. in welcher Position sich die Jalousienklappen befanden, konnte eine Botschaft abgelesen werden.
Es wurden  Trauerfälle und  freudige Ereignisse signalisiert, der Feierabend, Feuergefahr oder längere Ausfälle. Die konnte ein Kunde am senkrechten Flügelstand (unbespannt) erkennen. Es gab aber durchaus auch den Fall, dass der Müller auf Arbeit wartete. Konnten Kunden sofort vorbeikommen, standen die Flügel ebenfalls senkrecht, aber blieben bespannt.
Eine kleine Sache mussten die Menschen allerdings bedenken, wenn sie weit herumreisten und sich an ihre regionale Flügelsprache gewöhnt hatten: Woanders konnten die Signale durchaus etwas anderes bedeuten … Die Flügelsignalsprache war nicht einheitlich.

Die letzte Mühle, die ich Ihnen gern noch zeigen und von der ich Ihnen noch etwas erzählen möchte, ist die Mühle von Spetzerfehn. Dort hatte ich ebenfalls das Glück, dass der Müller erlaubte, ins Innere seiner Mühle vorzudringen, obwohl weder Wochenende war, noch ich vorab einen Termin vereinbart hatte.  Er entschuldigte sich sogar, dass er leider nicht saubergemacht, sprich gefegt hätte. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch gedacht, was soll’s, darauf kommt es mir doch sowieso  nicht an.
Anfangs besah ich mir wie üblich die Mühle von außen, blieb auf respektvollem Abstand zu den beiden wachhabenden Gänsen, wurde von der Mühlenkatze, die schnurrend um meine Waden strich, begrüßt und wunderte mich, ob in der Mühle eine Aktion geplant war, denn es standen noch weitere Menschen wartend auf dem Gelände.  Also wartete ich ebenfalls – just bis zu dem Moment, als mir der vorbeikommende Müller Einlass gewährte.
Keiner sonst wollte hinein! Sehr merkwürdig.

Ostfriesland - Windmühle Steenblock in Spetzerfehn

Ostfriesland – Windmühle Steenblock in Spetzerfehn

Ostfriesland - Windmühle Steenblock in Spetzerfehn -  ... und hier zwei ostfriesische Mühlenwachgänse. ^^

Ostfriesland – Windmühle Steenblock in Spetzerfehn – … und hier zwei ostfriesische Mühlenwachgänse. ^^

Es war kühl und hatte geregnet an dem Tag, meine dunkle Hose, meine wärmende, schwarze Windjacke waren feucht geworden. Ich begann Stufen zu erklimmen. Das geht nur mit festhalten – an allem was sich bietet.

Ostfriesland - Windmühle Steenblock in Spetzerfehn - ... hier wird noch heftigst gemahlen!

Ostfriesland – Windmühle Steenblock in Spetzerfehn – … hier wird noch heftigst gemahlen!

Ostfriesland - Windmühle Steenblock in Spetzerfehn - Abfüllung ....

Ostfriesland – Windmühle Steenblock in Spetzerfehn – Abfüllung ….

Beim Abstieg gehen Sie aufgrund der schmalen, steilen Stufen meist genauso herunter, wie Sie hinaufgekommen sind. Halten sich mangels vernünftiger Geländer (oftmals sind nur Taue gespannt oder alles läuft freihändig ab) lieber direkt an den Holzstufen oder ihrem Holzrand fest.
Ach, da befand sich  also auch das nicht weggefegte Mehl. Und dort …
Mehlstaub setzt sich einfach überall ab, dringt in jede Ritze. Das pudrige Weiß fühlte sich magisch angezogen und bildete interessante Muster auf meiner Kleidung. Man könnte sagen, ich hatte schließlich frappierende Ähnlichkeit mit einer schwarz-weiß gescheckten Kuh. Wieder draußen angelangt,  fand die große Säuberungsaktion statt – und die anderen Leute warteten immer noch! Worauf nur?
Kurze Zeit später klärte sich alles auf. Ein Transporter erschien mit Lebendgeflügel. Hier wechselten gackernde Hühner und anderes Getier den Besitzer. Und ich sah Eintagsküken! Schauen Sie mal!

Ostfriesland - Der Nachwuchs - Küken, in dem Fall alles männliche ...

Ostfriesland – Der Nachwuchs – Küken, in dem Fall alles männliche …

Ostfriesland - Der Nachwuchs - Und hier die Mädels ... (weibliche Küken)

Ostfriesland – Der Nachwuchs – Und hier die Mädels … (weibliche Küken)

Kommen wir nun zum Schluss.
Ostfriesland hat – wie Sie selbstredend wissen – nicht nur die Flügelsignalsprache zur Kommunikation, sondern auch sein eigenes Ostfriesisches Platt, was von sehr vielen gesprochen wird. Es ist ein weiteres Kulturgut, das dieses Völkchen erhält und pflegt. Wie so vieles andere. Manches haben Sie in den letzten vier Posts kennengelernt.
Ich habe versucht, Ihnen die Region –  einen Teil Ostfrieslands! –  ein wenig näherzubringen, Ihnen vielleicht auch ein wenig Lust auf einen Besuch  zu machen. Es hat so viele schöne Ecken …

Ostfriesland - Blick auf die Lüttje Brügg und den Kirchturm von Ditzum, der in seiner Form an einen Leuchtturm erinnert.

Ostfriesland – Ditzum ist nicht allein wegen der Windmühle schön… Blick auf die Lüttje Brügg und den Kirchturm von Ditzum, der in seiner Form an einen Leuchtturm erinnert.

Ostfriesland - Der Hafen von Ditzum

Ostfriesland – Der Hafen von Ditzum – Hier gibt’s frischen Fisch und Krabben …

Ostfriesland - ... und immer wieder in den Dörfen und Gemeinden: Blütenpracht in den Gärten (hier: Ditzum)

Ostfriesland – … und immer wieder in den Dörfen und Gemeinden: Blütenpracht in den Gärten (hier: Ditzum)

Ostfriesland - Ditzum - ... sein ständiges Plätzchen in der Sonne direkt am Hafen vor der Schifferbörse

Ostfriesland – Ditzum – … sein ständiges Plätzchen in der Sonne direkt am Hafen vor der Schifferbörse

Als Fazit hinsichtlich der Klischees  kann man abschließend übrigens mit gutem Gewissen behaupten, die sind alle ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Erinnern Sie sich noch an den ersten Teil? Ostfriesland – platt und nix los?
Stimmt überhaupt nicht!
Es wirkt idyllisch, ruhig – und das ist es bis zu einem gewissen Grade auch. Wenn Sie also Erholung und Entspannung suchen, sind Sie hier durchaus goldrichtig. Doch da ist immer auch etwas anderes, etwas im Hintergrund. Eine leichte, anregende, positive Spannung.  Dinge sind oft  anders als erwartet.  Ostfriesland ist immer gut für eine Überraschung.
Ostfriesland ist eben heel wat besünners!

Sie brauchen es ja keinem weiter zu verraten, aber wenn ich Krimiautor wäre, dann würden meine Krimis definitiv in Ostfriesland spielen. Es gibt keine schöneren Schauplätze, keine beeindruckenderen Kulissen. Morde würden bei mir nur in Mühlen stattfinden. Die Leiche würde man im fahlen Morgendunst an einen sich langsam drehenden Windmühlenflügel gekettet finden. Sie wäre vom Mahlstein erschlagen oder abgefüllt im Sack mit dem gemahlenen Mehl. Der Mörder würde am Ende kläglich im Fehnkanal ertrinken oder alternativ im Moor versacken. Der Kommissar stammte von einem alten Häuptlingsgeschlecht ab, ein ganzer Ort wäre in einen Fall und seine Aufklärung involviert … Gedankenspinnerei. Vielleicht auch zwei Tote …?
Hören Sie lieber nicht hin. Fahren Sie einfach los! Ihnen passiert schon nichts!

Vielen Dank fürs Dabeisein! Ich schätze es sehr, dass Sie bei den langen Artikeln nicht schlapp gemacht haben und hoffe, die Serie hat Ihnen ein wenig Unterhaltung und  Anregung geboten.

Bis zum nächsten Mal mit neuem Thema!

©Juni 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand - WordPress.com - Foto: Andreas Grav

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