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Schwedenhappen – Teil 3: Vasa, nicht Wasa! Schiff, nicht Knäckebröd!

Stockholm, Vasa-Museum, Vasa, Heckzier

Vasa, Heckverzierung

Ui, da gab’s doch gleich einen milden Rüffel, als ich im letzten Teil der Schwedenhappen schon einmal die Vasa erwähnte. Respektlos hatte ich sie ‚eine olle Kogge’ genannt. Ich versichere, es war nicht abwertend gemeint. Mein Mann schnappte nur leicht nach Luft.
„Kogge! Das ist doch keine KOGGE!“
Ach, nicht? Kannst mal sehen …
(Dafür kennt er nicht den Unterschied zwischen Klatschmohn und Taglilien ^^ )

Vasa – wie sie wohl damals aussah…

Was ist es denn dann bitte?
Nun, offenbar ist die Antwort darauf auch nicht so aus dem Ärmel zu schütteln. Es läuft letztendlich auf ‚Linienschiff’ hinaus. Ich denke, es bedarf noch einer kleinen Recherche diesbezüglich, bevor ich Ihnen im Bericht vom Besuch des Vasa-Museums, welches sich auf der zu Stockholm gehörenden Insel  Djurgården (Tiergarten) befindet, womöglich Blödsinn erzähle. Ich ziehe diesen Besuch heute bei den Schwedenhappen etwas vor, denn die „Kogge-Affäre“ muss natürlich richtiggestellt werden …

Sonntag. Das Wetter ist wesentlich besser, als vom Wetterdienst vorausgesagt. Ein wenig bewölkt, den Schirm nehmen wir mit, doch trotz allem erstaunlich mild. Sobald die Sonne durchlugt – und das passiert ständig – herrschen Temperaturen um 20° C. Wir entscheiden uns erneut für einen Fußmarsch.

Stockholm, Djurgården, Nordiska Museet (Nordisches Museum), Portal

Nordiska Museet (Portal)

Es geht Richtung Hafen, den Strandvägen entlang zur  Djurgården-Brücke, hinüber auf die Insel gleichen Namens, und bald erscheint auf der rechten Seite, direkt beim Nordiska Museet, der Abbieger zum Vasa-Museum. Man kann es gar nicht verfehlen – immer dorthin, wo Reisebusse zu sehen sind.

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum von außen

Vasa Museum

Eingereiht in die Schlange der Menschen, die heute die gleiche Idee hatten, erhalten wir zügig ein Ticket und durchqueren insgesamt vier (!) Schleusen, sprich Glastüren, die eng hintereinander angeordnet sind. Und damit sind wir auch schon mitten beim Thema Vasa, die Sensible:
Im 17. Jahrhundert wurde für König Gustav Adolf von Schweden, den mächtigen König aus dem 30jährigen Krieg, ein neues Flaggschiff gebaut. Von 1626 bis 1628 arbeiteten insgesamt 400 Menschen an diesem Pracht(linien-)schiff. Aus schwerem Eichenholz (1625 wurden hierfür 1000 Bäume gefällt)  wurde gezimmert, gedrechselt und geschnitzt, dass es eine Freude war.
Unzählige Figuren schmückten den Schiffsbauch am oberen Rand, der Heckspiegel war eine Pracht, der Bug erhielt als Zier einen geschnitzten Löwen. Es lässt sich gar nicht alles erwähnen, doch zu seiner Zeit muss es ein formidables Kunstwerk gewesen sein.
1628 nach Fertigstellung, lud man sich stolz hohe Gäste (ausländische Gesandte) zu Ehren der Jungfernfahrt der Vasa ein. Auch gemeines Volk verfolgte vom Ufer aus das Geschehen.
Das Schiff legte ab, setzte Segel  und feuerte übermütig, aber geplant, ein paar Salutschüsse aus den Kanonen ab. Kaum ein Stückchen aus dem Hafen, wurde die prachtvolle Dame etwas überraschend von (nicht mal heftigen) Windböen erwischt. Sie krängte dramatisch, und durch die unteren, offenen Kanonenluken drangen nicht unerhebliche Wassermengen in den Schiffskörper. Man spricht auch von einem Konstruktionsfehler. Es lag einfach keine Erfahrung mit so großen und schwer bestückten Schiffen vor.
Offensichtlich ließ sich das Schiff so nicht mehr beherrschen und kenterte.
Gebaut, gekentert, gesunken.
Zu dieser Zeit war noch nicht die komplette Besatzung an Bord, sondern nur 150 Mann, von denen 30-50 dieses Unglück leider nicht überlebten.
Das war damals.
Danach lag die Vasa 333 Jahre auf dem Meeresgrund. Am 25. August 1956 entdeckte der schwedische Wrackforscher Anders Franzén die Überreste im Stockholmer Hafen. Man beschloss, das Wrack zu heben. Die Vorbereitungen zogen sich hin, die Hebung erfolgte am 24. April 1961, vor nunmehr 50 Jahren.
Nur damit war es ja nicht getan!
Das Schiff  war schwer beschädigt. Hunderte von Teilen lagen einzeln verstreut auf dem Meeresboden und wurden geborgen. Das Schiff hatte im Schlamm gelegen, war erstaunlich gut konserviert, und da es im Brackwasser der Ostsee einen bestimmten Wurm, der unheimlich gern Holz frisst, nicht gibt, war es vor solchen Schäden bewahrt worden. Offensichtlich waren auch andere für ein Wrack bedrohliche Organismen durch die besonderen Bestandteile des Ostseewassers abgetötet worden.  Nun war es vollgesogen mit salzigem Wasser, das Holz hatte sich schwarz verfärbt (auch durch vorhandenen Eisenrost), alles wirkte ein wenig traurig… dennoch hieß der Plan: Wir restaurieren und konservieren die Vasa!

Nach der Hebung wurden die Teile über Jahre mit PEG (Polyethylenglycol) besprüht, völlig fehlende Teile wurden anhand der Pläne rekonstruiert und alles wieder zusammengebaut. Insgesamt 17 Jahre dauerten diese Arbeiten. Immerhin gab es 13.500 Einzelteile und 700 Figuren!

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum, Vasa, Heckspiegel

Vasa Heckspiegel

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum, Vasa, Figuren am Rumpf

Vasa Figuren

Nun steht das Schiff im Vasa-Museum, einem Gebäude, das eigens hierfür errichtet wurde. Wer sich von außen dem mit dunklem Holz verkleideten Bau nähert, kann die Mastspitzen aus dem Dach herausragen sehen.

…Wir hatten also die vier nacheinander folgenden Glastüren passiert und standen nun im dunklen Innern des Museums. Das Holz ist so empfindlich, dass keine UV-Strahlen daran gelangen dürfen. Die Feuchtigkeit darf nur einen ganz bestimmten Level haben. Es müssen konstante Bedingungen herrschen. (Daher also auch die Schleusen am Eingang!) Strahler beleuchten den Schiffsrumpf, doch das dunkle Holz schluckt enorm viel Licht. Um die Vasa herum kann der Besucher mehrere Ebenen mit Ausstellungsflächen erreichen und von dort aus über eine Brüstung auf den Rumpf des Schiffes blicken. Es ist schon beeindruckend! Am Heck gibt es einige kleine ‚Erker’. Mein Mann verrät mir, dass hier die höheren Offiziere und der Kapitän ihre Klos hatten. Unten war eine Öffnung, so dass gleich alles hinaus und über Bord geleitet wurde. Recht praktisch. Hier erübrigt sich auch die Frage, ob damals eine Klobürste bekannt war …

Stockholm, Djurgården, Vasa-Museum, Vasa, Erker am Rumpf

Vasa ‚Klo-Erker‘

Die normale Besatzung, d. h. die restlichen paar Hundert Mann mussten auf dem Vorderschiff mit einer Art ‚Blumenkübel’ vorlieb nehmen. Daran erinnerte mich jedenfalls der Behälter, auf den der Gatte hinwies.
Ich entdeckte noch ein 1:50 Modell, dass speziell für sehbehinderte und blinde Besucher dort ausgestellt ist und betastet werden kann.
Mit zunehmender Dauer der Anwesenheit im Museum, wurde mir  kontinuierlich flauer. Die Dunkelheit, die verbrauchte Luft, vielleicht auch ausdünstendes PEG. Dazu das Gefühl, in einem Notfall bestimmt ewig zu brauchen, um durch die vier Schleusen wieder nach draußen zu gelangen…
Wir schauten uns noch ein paar Vitrinen und Schautafeln an, bis ich das Gefühl hatte, dass auch mein Mann den Besuch als vollständig erledigt betrachtete, und verließen dann die Dunkelheit.

LUFT! LICHT! GERÄUSCHE! WIND! ATMEN!

Man glaubt gar nicht, wie schön es sein kann, wieder draußen zu sein!

Ich habe einen neuen Lieblingsplatz entdeckt. Verlässt man das Museum zur Wasserseite hin und bleibt etwas links davon direkt an der Kaimauer stehen, empfehle ich, die Augen zu schließen. Es gibt auch einen Schiffsanleger dort und wie überall, wo die Boote rückwärts ablegen, müssen sie hupen.
Wer nur horcht, hört folgendes: der Wind rauscht um die Ohren, das Hupen der Schiffssirenen erklingt, enormes Möwengeschrei erfüllt die Luft, Wasser schlägt an die Kaimauer und läuft glucksend aus. Und etwa alle 30 Sekunden ertönt ein markerschütterndes Geschrei! Halb Panik, halb Entzücken. Dieses Kreischen dringt herüber von einem etwa 500 m entfernten Vergnügungspark (Gröna Lund) und wird ausgestoßen von Menschen, die gerade Achterbahn fahren, bzw. im Begriff sind,  sich in den Abgrund stürzen!
Himmlisch. Einfach himmlisch …

Vielleicht können Sie es sich ein wenig vorstellen…

Das war der heutige Schwedenhappen. Beim nächsten Mal wird nachgeholt vom Vortag, und dann ist da auch noch Arne Lindquist, mein neuer Elchfreund…

©September 2011 by Michèle Legrand

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Schwedenhappen – Teil 2: Lumpen, Lachse und auch ein paar Lügen

Tag 2 des Stockholmbesuchs.
Die Wettervorhersage für diesen Sonnabend ist gut – noch! Ab Sonntag soll es merklich kühler und auch regnerisch werden.
Was macht man schlauerweise unter solchen Umständen?
Genau, der mitdenkende Tourist sieht zu, dass er die sommerlichen Temperaturen und den strahlenden Sonnenschein bestmöglich nutzt. Museumsbesuche können auch bei trübem Wetter stattfinden. Es sieht also leider so aus, als müsste der Gatte noch ein bisschen länger fiebern, bis er die „Vasa“ (die vermeintliche Kogge) zu sehen bekommt.
Als Alternative erwartet ihn heute sein zweitliebstes Vergnügen: eine Bootsfahrt. Ehrlicherweise füge ich hinzu, die Sightseeing-Tour per Schiff dauert ca. zwei Stunden, den Rest des Tages wird er doch mehr oder weniger laufend ertragen müssen.
Es soll Männer geben, die laufen … von Steckdose zu Steckdose – ihrer Smartphones wegen. Und es gibt welche, die laufen von Sitzbank zu Sitzbank.^^
Nach dem Frühstück führt der Weg Richtung Altstadt, der Gamla Stan, die auf einer separaten, kleinen Insel liegt. Ein wenig wollen wir sie heute entdecken, und erst gegen Mittag – zum Füße ausruhen – den Ausflug auf dem Wasser starten.
Aus der City kommend, überquert der Stockholm-Besucher zuerst die Brücke zur vorgelagerten kleinen Insel, auf der sich das Reichstagsgebäude befindet. Direkt davor wiederum, an der Ecke Drottningsgatan/Strömgatan, hockt etwas Seltsames an der Straßenecke. Eine Art tierischer Lumpensammler mit um die Schulter geschlungener Decke. Ein Fuchsgesicht schaut heraus. (Ich poste ein Bild dazu, beschreibe es jedoch zusätzlich für die blinden Blogbesucher)

Stockholm, City, Sculpture, Rag and Bone with Blanket, Laura Ford

Rag and Bone with Blanket (2009), by Laura Ford

Diese Bronzeskulptur stammt von der aus Großbritannien stammenden Künstlerin Laura Ford (Jahrgang 1961) und ihr Werk steht seit 2009 an dieser Ecke.
Im Laufe der Tage, in denen ich Stockholm ‚erwanderte’, fielen mir die zahlreichen Büsten und Skulpturen auf, die in der schwedischen Metropole zu finden sind. Die typischen alten Statuen, die einen der, ach so vielen, Könige mit dem immer wiederkehrenden Namen Gustav darstellten – mal zu Fuß, mal zu Pferd, aber auch völlig andere, modernere und vor allem unheimlich ausdrucksstarke Figuren, von denen ich Ihnen gern noch einige zeigen werde.
Entdeckt man eine Stadt nur per Bus oder hüpft mit dem Plan wirklich ausschließlich von Sightseeing-Attraktion zu Sightseeing-Attraktion, verpasst man häufig die vielen unerwähnten Dinge. Ich für mich habe festgestellt, dass sie mir oft mehr erzählen, als manch groß hervorgehobenes Denkmal. Bei diesen unvermutet auftauchenden Dingen, passiert gelegentlich Unerwartetes! Besucher, die begeistert loslachen, die erschrocken zurückfahren, die irritiert schauen, was denn die anderen davon halten, die plötzlich mit Wildfremden ins Gespräch kommen und  untereinander ein bisschen ihr Wissen austauschen.
Oder ein alter Schwede tritt hinzu und verkündet abgeklärt schmunzelnd, was es mit allem auf sich hat.
Nach dieser Fuchsskulptur betritt man unmittelbar die Brücke, die hinüber zum Reichstag führt.

Stockholm, Blick auf den Reichstag

Der Reichstag

An dieser Stelle hänge ich über dem Geländer und versuche, etwas im Wasser ausfindig zu machen. Zuerst sehe ich wild prustende, weil gerade gekenterte Paddler. Eine Schule hat dort ihr „Strudel-Übungsgebiet“.
Nein, eigentlich schaue ich nach etwas anderem aus …
Ein Follower auf Twitter (@querged8) hatte mich am Vortag per Tweet gefragt, ob ich denn schon Lachse gesehen hätte und postete außerdem einen YouTube-Link. Ein Filmchen zeigte mir die putzmunteren Fische. Die  Bildunterschrift gab lediglich die Auskunft:
Lachse unterhalb des Reichtags, Stockholm.
Jetzt erkläre mir doch bitte einmal jemand (ich habe in dieser Hinsicht keine so große Vorstellungsgabe), wo beim Reichstag unterhalb ist!
Eine kleine, fast runde Insel. Eine Brücke, die hinaufführt, eine die wieder herunterleitet Richtung Gamla Stan (Altstadt). Unterhalb gesehen, wenn man die Karte vor der Nase hat?  Unterhalb, wo es vom Landschaftsniveau her etwas tiefer gelegen ausschaut?
Das Video hatte relativ bewegtes Wasser gezeigt, das ich ausschließlich an den Brücken vorfinde. Dort herrscht leichtes Gefälle. Ich umrunde (ein bisschen zum Leidwesen meines Gatten) die gesamte Insel, entdecke aber keinen einzigen Fisch. Es gibt an den Brückenpfeilern an zwei Stellen auffällig aufsteigende Luftblasen. Vielleicht sitzt da unten einer der Kollegen und blubbert. Am Wegrand finde ich ein in einen Glaskasten eingelegtes Info-Plakat, auf dem zwei verschiedene Arten von Lachsen abgebildet sind. Offensichtlich gibt es sie hier wirklich.

Lachse in der City

Ein junges, asiatisches Ehepaar lehnt mit Angeln über der Mauerbrüstung. Ich spreche die Frau an.
„Angeln Sie nach Lachsen? Gibt es die um diese Zeit hier?“
Natürlich hatte ich schon ein bisschen am Vorabend geforscht. Lachse der Ostsee kennen nicht diese Wanderungen, die die Lachse vor Kanada beispielsweise vornehmen. Dort wandern sie jedes Jahr im Herbst in die süßwasserhaltigen Flüsse zum Laichen. Bezüglich Skandinavien und Lachsen in Flüssen, hatte irgendwo etwas vom vermehrten Auftreten im Mai/Juni gestanden. Die offizielle Angelsaison für diese Fischart geht vom 01. Mai bis zum 30. September. Übrigens ist Angeln in Stockholm frei, und das Wasser ist so sauber, dass man die Fische auch essen kann. Und Baden ist erlaubt (für Menschen, die Lachse tun es ja ständig und würden sich eh nicht an ein Verbot halten ^^).
Die Asiatin lacht ein wenig auf meine Frage. Offensichtlich hält sie ihre Fangchancen auch nicht für wahnsinnig ausgeprägt.
„Wir versuchen’s halt, man kann ja nie wissen …!“
An Montag, als ich ein weiteres Mal dort vorbeikomme, steht ein einsamer Angler auf der Brücke. Er wirft unablässig seine Angelschnur ins Wasser, und seine Bewegungen wirken sehr  eigenwillig. Ich wundere mich, dass er die Schnur offenbar nicht über eine Rolle abspult, sondern zusätzliche Länge in Schlaufen locker um die Hand gewickelt hat. Er lässt mehr nach, je weiter der Wurf gehen soll.
Ich habe Zeit an diesem Tag und schaue eine Weile zu. Natürlich wird es bemerkt. Ein Hej wird mir herübergeworfen. Für uns Deutsche gut zu wissen, dass es eben ein Hallo ist und kein He! (Was guckst du so!). An diesem Tag lerne ich, dass der Herr Fliegenfischen betreibt. Ich hatte aus der Entfernung den Köder nicht sehen können. Natürlich darf ich gucken kommen. Sieht schon toll aus, was dort zusammengebastelt wird, um Beutetiere der Fische zu imitieren. Sehr phantasievolle Insekten (Land- oder Wasserbewohner) entstehen und Material wie Federn, Fell oder auch Tierhaare und –flusen, wird mit (Kunststoff-)Fäden um einen Bindestock gewickelt. Eine Kunst für sich …
Viel erfahren, aber auch er hatte noch nichts gefangen.
Ich verlasse Stockholm an Ende, ohne einen lebenden Lachs gesehen zu haben.

Gehen wir zurück zum Mittag des Sonnabends. Wir bemühen uns inzwischen um die Tickets für die Bootsfahrt. Ein bisschen spät, wie sich herausstellt, denn die 12 Uhr Fahrt ist bereits ausverkauft. Wir lösen Biljetter für die Tour um 13 Uhr und stromern noch ein wenig herum. Kurzer Blick heute auf den Königspalast. Ein Teil der Front ist mit einem feinmaschigen Netz verhängt, offensichtlich aufgrund von Bauarbeiten an der Fassade. Reine Vorsicht, damit nicht einer der zahlreichen Touristen von oben beworfen wird.
Zahlreiche Besucher ist das Stichwort! Es sind Unmengen von Reisebussen, die eintreffen. Oft parken sie nur für ein paar Minuten, entleeren den Inhalt ihres Fahrzeugs und entlassen die Reisegruppen mit eben dem Hinweis: Come back in 15 minutes. Don’t be late! We can’t wait!“

Stockholm, Innenhof des Königspalastes

Königspalast (Innenhof)

Es ist gerammelt voll. Wochenende halt. Anfangs habe ich geduldig auf eine Lücke gewartet, doch als ich den gefühlt zwanzigsten Anlauf unternehme, ein Foto zu schießen und immer ein japanischer Tourist ins Bild springt, wird’s mir ein bisschen zu blöd; eine Art kleine Boshaftigkeit macht sich bemerkbar. Freunde, so geht das aber nicht!
Was tun, fragen Sie?
Ich bin nicht so der Mensch, der sich kloppt oder losbrüllt. Für mich gibt es jedoch diese drei Möglichkeiten, sich freie Bahn zu verschaffen:

1) Tippen Sie einen der Gruppe – in diesem Fall Japaner –  an und weisne ihn darauf hin, dass der Busfahrer schon dreimal nach der Gruppe gerufen hat…. (Nein, stimmt natürlich nicht, aber muss er ja nicht wissen!) Sobald der Trupp losgeeilt ist, knipsen Sie in Ruhe Ihr Bild.

2) Führen Sie gut hörbar für alle ein fingiertes Handygespräch auf Englisch, und wiederholen dabei mehrfach: „Wow!  Wirklich? Am Haupteingang? Und wann soll der König da erscheinen? Was? Jetzt gleich? Ich komme!“ Erstaunlich, wie viele sich plötzlich auch auf den Weg zum Haupteingang machen. Gehen Sie zurück an Ihren ursprünglichen Platz und knipsen Sie in aller Seelenruhe Ihr Foto.

3) Wenn Sie kein Handy zur Verfügung haben, stellen Sie sich alternativ in Hörweite. Weisen Sie völlig entrückt und verzückt auf ein weit entferntes Fenster des Palastes und rufen enthusiastisch: „Da! Das ist sie! Da ist Prinzessin Viktoria! VIC-TO-RI-A! VIC-TO-RI-A!

Alles stiefelt los, und schon haben Sie freie Sicht.
Bei mir reichte heute die langweiligere Methode Nr. 1 aus, und bis die ersten mit dem Busfahrer gesprochen hatten, war ich natürlich schon wieder verschwunden …

Wie es weitergeht mit dem Boot und über  die Eigentümlichkeiten eines Wachwechsels, erfahren Sie hier in einem der nächsten Schwedenhappen. Schauen Sie gern wieder herein! Bis bald!

©September 2011 by Michèle Legrand

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Ein Kommentar

Schwedenhappen – Teil 1: Stockholm – Ankunft und eine Leiche …

Stockholm, Nationalmuseum, Blick über Hafen, Reisebusse

Blick vom Königspalast Richtung Nationalmuseum

Schweden. Nun ist die Zeit im Land der Elche schon wieder herum, und der Arlanda-Express, die schnelle Zugverbindung zwischen Stockholms im Norden gelegenen Flughafen Arlanda und der City von Schwedens Hauptstadt, bringt mich dieses Mal am frühen Morgen zum Heimflug.
Vor vier Tagen ging es ab Arlanda die 41km südwärts, um die Metropole zu entdecken, Wasser zu sehen, Schweden zu studieren, Eindrücke zu sammeln und vielleicht sogar, um mich ein wenig auf die Spurensuche zu machen und an die Fersen meines aus Schweden stammenden und lang verstorbenen Großvaters (mütterlicherseits) zu heften.
Wer den Blog am 26.08.2011 – gerade noch vor der Abreise gelesen hat – weiß, dass ihn ein Mysterium umgibt. Er hat alles darangesetzt, seine Geschichte zu verheimlichen. Mir geht es jetzt letztendlich hauptsächlich darum zu ergründen, ob Schweden oder die Schweden als Volk,  auch etwas so Vertrautes in mir auslösen, wie der Norden Frankreichs und die Franzosen es taten (aus dieser Region stammt ein weiterer Teil der Vorfahren, diesmal väterlicherseits).

Ach, was hatte ich für große Pläne bei der Abfahrt!
Den Laptop plus diverses Zubehör hatte ich eingepackt, denn das Hotel warb dick und fett damit, dass es WLAN bereitstellt. Nun, dann spräche sicher nichts dagegen, gleich jeden Tag – oder besser gesagt jeden Abend – ein bisschen über das am Tag Erlebte zu berichten.
Die Stammblogleser ein bisschen mit Fotos und kleinen Häppchen zu versorgen.
Selbst den Tag auf diese Weise zu verarbeiten und Revue passieren zu lassen.
Einfältig gedacht, meine Liebe! Wirklich nett geplant, Madame!
Pläne sind schon großartig … So nett konstruiert, im Kopf funktioniert es super, tadellos, sogar bis ins Detail – und vor Ort stellen Sie fest: Nichts wird so oft sabotiert wie Pläne! Das Wort sollte hier mit einem abfälligen „Pffft!“ gesprochen oder gedacht werden …
Es ging halt nicht so wie angenommen. Es hat jedoch für ein wenig Twitter  und Facebook-Chat am Abend gereicht, und das war sehr schön. Interessant auch diverse Fragen oder Anregungen, die von Twitter-Followern bzw. FB-Freunden kamen: Hast du schon… gesehen?Ist eigentlich … noch da? – Stimmt es, dass …?
Ein paar dieser Dinge habe ich aufgenommen und vor Ort geprüft. Darauf komme ich separat zurück. Um bis dahin nicht alles zu vergessen, habe ich versucht, mir wenigsten drei, vier Stichpunkte zu notieren und hoffe, dass die Bilder, die ich geknipst habe, mich zusätzlich wieder auf alles bringen, was ich erzählen wollte.

Storkyrkan direkt am Königspalast

Wer die nächsten Tage hier den Blog besucht, wird immer wieder einmal ein paar „Schwedenhappen“ finden. Teils in Form von Fotos (die merkwürdigerweise hier unschärfer erscheinen als im Original), teils als Vor-Ort-Bericht z. B. vom Vasa-Museum.
Ich warne Sie allerdings vor: ich schreibe grundsätzlich keine Reiseführer! Ich habe absolute keine Lust, Passagen von Wikipedia hier zu wiederholen!
Ich schaue nach anderen Dingen, und wer erpicht darauf ist, diese auch zu sehen oder sich mit gelegentlich durchaus auch auf den ersten Blick absurden Ideen und Gedankenspielen zu befassen, der ist hier goldrichtig.

Heute vorerst ein paar Fotos zur Einstimmung auf die Stadt, die man auch das Venedig des Nordens nennt. Immerhin ist Stockholm auf insgesamt 14 Inseln verteilt, durch 53 Brücken miteinander verbunden, und die Oberfläche der Stadt besteht zu 30 % aus Wasser.
Das dürfte an Zahlen zur Vorstellung reichen.
Stockholm, oder besser gesagt Schweden, ist bei uns auch ein Begriff in Verbindung mit Kriminalromanen. Wem sind nicht die Autoren Stieg Larsson oder auch Håkan Nesser bekannt (neben vielen anderen guten Schreibern)…
Mein persönlicher Freitags-Schweden-Krimi: Am Tag der Ankunft, lief ich eine Hafenmole entlang. Kleines Kopfsteinpflaster,  hin und wieder ein  halbhoher, runder, weißer Betonpfosten, der  meinen Weg blockierte. Ich umwanderte alle Hindernisse, schaute ansonsten gern auf das glitzernde und glucksende Wasser. So lange, bis ich abrupt stoppte …
Ich stand vor einer Leiche!

Schwedenkrimi: Tod an der Mole

Die Möwen, Zwergstrandläufer und einige Krähen hatten den leblos herumliegenden Körper an der Hafenmole auch schon entdeckt und rückten ihm langsam, Zentimeter für Zentimeter, dichter auf den Leib. Die späte Nachmittagssonne war immer noch heiß an diesem Tag. Sie brannte erbarmungslos auf das dunkel gekleidete Etwas nieder. Nach dem ersten Schrecken kommt die nüchterne Feststellung, dass einem Toten dies nun wirklich nichts mehr ausmacht …
Die Seevögel verharrten, wo sie zuletzt gestoppt hatten. Geier gibt es hier zum Glück nicht.
Mein Blick wanderte in Richtung Landseite. Welch ein nobler Ort zu sterben! Im Hintergrund der Strandvägen mit teuren Bauten und Bewohnern, die dementsprechend hohe Mieten zu zahlen haben. Wer hier wohnt, zählt nicht zu den Armen.

Stockholm, Djurgårdsbron Blick zur Stadt, Strandvägen mit Booten

Blick von der Djurgårdsbron in Richtung Stadt und Strandvägen

Anscheinend beabsichtigte keiner, sich um das leblose Bündel Mensch dort an der Wasserkante zu kümmern. Reiche Banausen! Das männliche Wesen lag sehr dicht an der Kante. Ein kleiner Tritt von hinten würde genügen, und es würde ins Wasser gleiten. Wenn die recht korpulente Kanadagans, oder was sich jetzt gerade näherte, sich mit etwas Schwung  gegen ihn drücken würde, reichte dies sicher auch aus … Die Strömung triebe ihn ab und würde ihn bestimmt in drei Tagen in Gamla Stan, der Altstadt von Stockholm, an Land spülen.

Stockholm, Strandvägen

Häuser am Strandvägen

Eine weitere Möwe kamangesegelt und kreischte lautstark, bevor sie dicht bei den anderen Artgenossen landete. „Macht die Landebahn frei! Ich komme!“ So hörte es sich an. Das Geschrei aus zahlreichen Schnäbeln aller anwesenden Kumpels, erreichte lautstärkemäßig Dezibel, die bei uns- zumindest am Wochende- nicht gestattet wären, da sie über dem Wert lagen, den beispielsweise ein Rasenmäher mit Benzinmotor verursacht.
Nicht nur ich schreckte dabei zusammen.
Der Radau hatte ebenfalls die Leiche wiedererweckt!
Sie rollte sich auf die Seite, glücklicherweise Richtung Land. Schläfchen gehalten, braun geworden. Schnell noch die Augen gerieben, aufgestanden, Glieder geschüttelt. Der Mann wirkte erfrischt.
Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich ihn fotografierte und denke auch nicht, dass er jemals einen deutschen Blog-Beitrag lesen wird….
Aber Sie!

Bis demnächst, wenn es u. a.  um die Frage geht, wie man im Pulk einer Gruppe Japaner einen freien Platz zum Fotografieren findet….

©August 2011 by Michèle Legrand

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2 Kommentare

Fertig gepackt! Es geht nordwärts …

Schweden - Stockholm, August 2011, M. Legrand

Schweden – Stockholm, August 2011

Fertig gepackt! Nun kann es losgehen.
Auf nach Schweden!
Ein weiteres Land, aus dem ein Teil meiner Vorfahren kommt. Mein Großvater mütterlicherseits trug den schönen Namen Gustav.
Genau, fast wie der schwedische König, nur ohne Carl, Gustav nicht mit ‚f’ am Ende, und er war auch nicht der XVI. in der Familie. Das kann ich allerdings gar nicht mit Sicherheit behaupten, denn merkwürdigerweise machte mein Opa immer ein großes Geheimnis um seine Herkunft. Er erwähnte seine schwedischen Eltern nicht, war einfach irgendwann hier in Deutschland und – schwieg. Meine Mutter hat nie mehr erfahren, er nahm sein Geheimnis mit ins Grab.
Wie häufig, wenn nichts bekannt ist, kursieren die wildesten Gerüchte.
War er ein uneheliches Kind?
Gab es ein Zerwürfnis?
Waren seine Eltern sehr früh verstorben, und wollte er hier einfach komplett neu anfangen?
Sah er hier unter Umständen die besseren Chancen? ­­­­Oder hatte er etwas verbrochen? Suchte man ihn?
Wollte er etwas aus der Erinnerung streichen?
Nun, man wird es nicht mehr erfahren. Allerdings, wenn er genauso allergisch auf Mückenstiche reagierte wie ich, dann hat er Schweden vielleicht aus diesem Grund den Rücken gekehrt …

Es existieren kaum Informationen, schon gar keine Details!  Weder woher genau er kam, noch wie seine Eltern mit Vornamen hießen. Später ließen sich auch keine Dokumente finden. Als er starb waren sie, wenn überhaupt, im Besitz meiner zu der Zeit noch lebenden Großmutter, nach deren Tod, war nichts auffindbar. Rein gar nichts! Sehr mysteriös …
Ich mochte ihn sehr. Leider starb er früh, schon, als ich gerade erst zur Schule kam. Die Tatsache, dass ich ihn immer noch genau vor Augen habe und mich an Gesprächsfetzen zwischen ihm und mir erinnern kann, zeigt, dass er Eindruck hinterlassen hat.
Jetzt fahre ich das erste Mal in dieses, sein Land. Nach Stockholm. Keine Ahnung, ob er dorther kam oder jemals dort war. Doch ich bin sehr gespannt, ob etwas auftritt, was ich bei meinem ersten Besuch Frankreichs und der Bretagne bzw. Normandie empfand. Dorther stammte der Großvater väterlicherseits bzw. seine Vorfahren. Eine Affinität zur Sprache war schon lange da, obwohl wir sie daheim nicht sprachen. Ich lernte sie, mich interessierte die Geschichte genauso wie die Kultur.
Dieser Großvater erzählte glücklicherweise ein wenig von früher, meist, wenn ich ihm die Haare schnitt. Das sind Szenen, die ich ebenfalls noch heute vor mir sehe…
Mit einem kleinen Vorwissen und weit geöffneten Augen, schaute ich mir 1982 diese Region an. Vorher darüber zu lesen oder davon erzählt zu bekommen, ist eins. Doch dort zu sein, war noch etwas völlig anderes. Es war seltsam vertraut. Irgendetwas kam mir wohlbekannt vor. Die Eigenarten der Menschen wirkten nicht fremd.
Und ich dachte: jetzt kannst du ein weiteres Stück deines Puzzles hinzufügen.
Ich fühlte mich eigenartigerweise auf eine Art ‚kompletter’.

Nun also der Weg in Richtung Norden. Ursprünglich einfach geplant als kleine Städtetour, Stockholm als Miniurlaub für ein verlängertes Wochenende. Meinen Mann zieht es schon länger in Richtung Vasa-Museum – Kogge angucken. Stundenlang.
Er ist ein großer Schiffsliebhaber, und auch ein Kenner auf diesem Gebiet. Nun, wir werden uns im Museum leider ein wenig trennen müssen, denn ich werde mir weitere Dinge ansehen. Alte und neue Dinge und eben auch Menschen – wie ich es immer mache…
Nach Stunden werden wir uns sicher irgendwo wiederfinden. Er wird von der Kogge schwärmen und ich von dem altmodischem Schild am WC, von Mikkeline und Morten, die im Gang mit Murmeln spielten und von denen ich etwas Schwedisch lernte, oder von der Sonne, die durch das bunte, alte Fenster im großen Saal fiel.
Heute beim Packen und je näher der Termin der Reise rückt, desto mehr wird mir klar, dass für mich diese Reise wieder eine Suche nach einem weiteren Puzzleteil sein wird.
Was wird mir Schweden vermitteln? Was anstoßen oder hervorbringen? 
Bei der Vorgeschichte gibt es ganz sicher nichts Konkretes, Fassbares, etwas womit jemand, der immer Begründungen und Beweise für alles und jedes braucht, etwas anfangen kann.
Aber ich glaube, dass es mir reichen wird. Ich bin überzeugt, dass jeder auf dieser Welt seine Spuren hinterlässt, so sicher auch mein Großvater. Vielleicht finde ich wieder ein unscheinbares, unförmiges Teil, dass jedoch mit allen anderen schon vorhandenen Teilen ein neues, genaueres Bild ergibt.
Von ihm, von mir, vom Leben und seinem Lauf.
Vielleicht bin ich ihm sogar für einen winzigen Moment etwas näher. Das wäre ein großes Geschenk.

Ich mache mich jetzt auf den Weg zum Flughafen.
Sverige, jag kommer…

©August 2011 by Michèle Legrand

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