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Wenn Betontristesse anödet … ist es Zeit für Kunst an Säulen und Trägern!

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Kunst auf Beton (Im Hintergrund eine Szene aus der Antike)

Wie sah denn das Schulgebäude aus, in dem Sie Ihre Schulzeit verbracht haben? War es ein stilvoller und altehrwürdiger Bau? Aus gebrannten roten Ziegeln, mit weißen, hölzernen Sprossenfenstern? Ein ansprechendes Haus mit geschwungenem Giebel und kleinen Erkern?
Ach, nicht?
Eher schlicht, in einem blassen, leicht faden Farbton verklinkert oder verputzt, mit Tür- und Fensterrahmen aus Kunststoff und einen mehr nüchternen und kantigen Gesamteindruck hinterlassend?
Auch nicht?
Sagen Sie nicht, Sie hockten täglich in einem grauen, unpersönlich-lieblosen Betonklops!

Meine Grundschule lag idyllisch. Drei ältere, einstöckige, in U-Form und aus rotem Backstein erbaute Hausflügel, ein dadurch entstandener geschützter Innenhof und das Gelände selbst an einem Waldstück gelegen und von hohen Bäumen umsäumt. Nur die viel später errichtete Turnhalle passte im Stil überhaupt nicht dazu.
Das Gymnasium meiner Schulzeit hingegen wurde in den 70er Jahren neu errichtet. Die geburtenreichen Jahrgänge der 60er Jahre mit stark ansteigenden Schülerzahlen erforderten zusätzliche große Schulzentren, die häufig irgendwo am Ortsrand mitten aufs Feld gestellt wurden. Der Bebauungsplan wandelte dazu erstaunlich flott früheres Ackerland in Bauland um. Von allgemeinem Interesse hieß das Zauberwort, welches den Weg so rasant ebnete. In einer nächtlichen Kreisratssitzung wurden noch die leichte Streckenänderung der bestehenden Buslinie sowie die Errichtung einer zusätzlichen Haltestelle beschlossen. Fertig war die Chose.
Der Einfachheit halber und weil es seinerzeit gerade en vogue war, entschied man sich für einen Betonkasten, baute ihn nicht zu hoch, variierte das Ganze mit einem Bodenbelag aus Waschbetonplatten (außen) und dunklem Schiefergestein (innen) und versuchte, durch leicht getöntes Fensterglas ein bisschen Farbe ins Spiel zu bringen. Ansonsten vertrat man die Meinung:
Leute, ganz ruhig, das wächst sich schon ein! Außerdem hängen ja die Hälfte des Jahres irgendwelche saisonalen Schülerbasteleien zur Aufheiterung an den Fenstern.
Wunschdenken, Beruhigungstaktik – und eben eine andere Zeit!
Im Innern sah es im Vergleich dazu wirklich gut aus. Helle und freundliche Klassenzimmer, modern ausgestattete Fachräume für die verschiedenen Naturkundefächer etc.

So weit, so gut. Nur, Sie kennen das: Am Anfang kommt Beton noch in einem recht freundlichen hellen Grau daher, doch bereits nach relativ kurzer Zeit wirkt alles schmutzig, trist und schäbig, sofern dem Gebäude nicht bald ein Farbanstrich gegönnt wird. Und auch danach immer einmal wieder …

Ich fühlte mich ein wenig daran erinnert, als ich einen Teil der Weihnachtsfeiertage in der Nähe von Karlsruhe, in Rheinstetten-Mörsch, weilte. Auch dort befindet sich ein großes, größtenteils aus Beton erstelltes und mittlerweile 40 Jahre altes Schulzentrum. Heute hat man bei der Planung ganz andere Vorstellungen, doch in seiner Entstehungszeit galt es wohl als ziemlich modern, vielleicht sogar als vorbildlich.
Es vereint Realschule und Gymnasium. Obendrein entstanden nebenan die „Keltenhalle“ als Sporthalle und gleichzeitig als Veranstaltungsort sowie ein Spielplatz.
Man sieht heute beim Herumstreifen, dass versucht wurde, das Schulgelände an zahlreichen Stellen freundlich und abwechslungsreich zu gestalten und liegt bestimmt nicht falsch in der Annahme, dass Schüler viel bei der Planung und Gestaltung des Außengeländes einbezogen wurden, bzw. bei vielen Dingen direkt beteiligt waren und selbst Hand anlegen durften. Dadurch wandelte sich der Charakter merklich von völlig unpersönlich zu speziell, unverkennbar.
Die offenbar im Zuge von Projekten durchgeführten Verschönerungsaktionen sorgen dafür, dass bei genauerer Betrachtung der Besonderheiten die Betontristesse mehr und mehr in den Hintergrund rückt.

Auf einem längeren Stück des Gehwegs entstand durch aufgemalte weiße Sterne eine Art  Walk of Fame, man sieht im Eingangsbereich zur Straße hin am Boden großformatige, weiß aufgezeichnete Strukturformeln aus der Chemie und ein, zwei bunt gestaltete kleine Pyramiden stechen hervor, die sicher bei einem Umweltprojekt (Störche, Natur) entstanden sind. Auch ein gemeinsam angelegter Arzneimittelgarten („Hortulus“) nach dem Vorbild des Heilkräutergartens des Namensgebers des Gymnasiums, Walahfrid Strabo, ist zu finden. Walahfrid ist schon länger nicht mehr unter uns. Er lebte im 9. Jahrhundert und sein Beiname Strabo (lat.) bedeutet übrigens „der Schielende“.
An einer Fassade des Schulgebäudes wurden diverse Nistmöglichkeiten für unterschiedliche Vogelarten befestigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Wohnungen für diverse fliegende Gäste ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Wohnungen für diverse fliegende Gäste …

Zwischen zwei Gebäudetrakten befindet sich ein teilweise glasüberdachter Raum. Eine Art Aufenthaltsfläche im Innenhof mit  Verbindungsgängen, die von A nach B Eilende durch ihre Glasüberdachung vor widrigen Wettereinflüssen schützen. Die vorhandenen, bogenförmigen Glasaufsätze sind mancherorts blind, die Dachkonstruktion wird von zahlreichen Trägern gehalten, bzw. Betonsäulen gestützt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton - allerdings ... Moment!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Überdachung als geschützte Verbindung zwischen zwei Gebäudetrakten. Beton, Beton, nochmal Beton – allerdings … Moment!

Was wäre es trist und langweilig, hätte hier ausschließlich der Beton das Sagen!
Stattdessen sind alle Träger und Pfosten sowohl von vorne als auch von hinten mit Motiven der unterschiedlichsten Art kunstvoll verziert.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig  gestaltet

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Ein Blick aus der anderen Richtung zeigt, die Trägersäulen sind beiseitig gestaltet

Es spiegeln sich verschiedene Epochen, Themen und Begebenheiten wider. Es geht um Geschichte, um Religion, um Forschung, Umwelt bzw. Umweltverschmutzung, Krieg und Kriegsgefahr, Bevölkerungsdichte, Unterdrückung und vieles mehr. Trotz der mehrheitlich ernsten Themen ist es den jungen Künstlern gelungen, gleichzeitig eine kritische, aber auch sehr farbenprächtige Darstellung ihrer Aussagen zu schaffen und ihr Anliegen sehr kreativ umzusetzen.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten ... Rakete SATURN

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es lohnt sich, die Säulen ein wenig näher zu betrachten … Rakete SATURN

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Die Bevölkerungsentwicklung auf der Welt …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Physiker, Wissenschaftler, Forscher ... auch Einstein ist dabei.

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Physiker, Wissenschaftler, Forscher … auch Einstein ist dabei.

Es waren Weihnachtsferien, so konnte ich niemanden fragen, welche Absichten und Ideen sich exakt hinter jedem einzelnen Kunstwerk verbergen, was sie alles aussagen sollen, doch auf diese Art konnte ich sie mir unbefangen anschauen und mir meine eigenen Gedanken machen. Eigentlich hatte ich mich nur für ein paar Minuten zum Beine vertreten und Luft schnappen absetzen wollen. Es wurde dann doch etwas länger, und lediglich der kritische Blick zur Uhr und ein terminlich feststehendes Familienvorhaben beendeten den Besuch. Man hätte noch länger schauen können …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Moderne Zeiten:  große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines ... und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Moderne Zeiten: große Städte, Atom-/Kernkraft, Ölplattformen, Pipelines … und Umweltverschmutzung!

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Es geht in Wüstengegenden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Es geht in Wüstengegenden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Waffen, Sprengstoff, Raketen ... ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Waffen, Sprengstoff, Raketen … ein dritter Weltkrieg?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Symbole  und Begriffe aus dem Maya-Kalender ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Symbole und Begriffe aus dem Maya-Kalender …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Unterdrückung, Ausbeutung, Ausnutzung. Es geht um Sklaven, Eingeborene, Ureinwohner, die für den Profit ausgequetscht werden …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Schlechte Aussichten für unsere Welt ...?

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Schlechte Aussichten für unsere Welt …?

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Auch religiöse Motive wurden ausgewählt ... Ego sum lux mundi - Die Verkündigung Jesus Christus' "Ich bin das Licht der Welt..."

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Auch religiöse Motive wurden ausgewählt … Ego sum lux mundi – Die Verkündigung Jesus Christus‘ „Ich bin das Licht der Welt …“

Auch an mancher Wand entstanden bunte Betontristesse-Beseitiger. Ein Graffiti gibt es …

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle - Graffiti

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch mit Keltenhalle – Graffiti

… und schauen Sie hier, der Abiturjahrgang 2009 hat sich mit 13 Jahren Rotstiftmilieu verewigt.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - So wird die Wand auch bunt:  Abitur 2009 - Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – So wird die Wand auch bunt: Abitur 2009 – Das Ende von 13 Jahren Rotstiftmilieu …

Bei Dämmerung sieht alles wieder ganz anders und gar nicht grau aus …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten "verschönern" den Anblick des sonst so grauen Betons ... ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Auch der Abendhimmel und Straßenleuchten „verschönern“ den Anblick des sonst so grauen Betons … …

Es hat sich vor etwa drei Jahren herausgestellt, dass das gesamte Gebäude, besonders aber die Außenwände, sehr marode sind. Sicher hat man in den Jahrzehnten hier und da immer wieder ausgebessert, teilsaniert und obendrein Solarzellen auf das Dach montiert! Das sparte Energie ein, half aber nicht gegen diverse Schäden anderer Art.
Die Debatte um die Zukunft des Schulzentrums wurde eine Zeit lang recht erhitzt geführt, denn es gab Befürworter eines kompletten Abrisses und ebenso Anhänger einer Totalsanierung. Letztendlich fiel die Entscheidung zugunsten der Sanierung, die in absehbarer Zeit beginnen wird.
Ich frage mich nun, ob die anstehende Arbeiten das Aus für diese Säulen und das Ende der Kunstwerke bedeutet. Kann man sie erhalten? Rost dringt an einigen Stellen aus den Eisenträgern durch den Beton …

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Achten Sie auf die Träger hinten ... schwer rostig das Ganze.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Achten Sie auf die Träger hinten … schwer rostig das Ganze.

Dezember 2013 - Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes ...

Dezember 2013 – Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Sobald der Blick sich nicht allein auf die Säulen richtet, entdeckt man den mitgenommenen Zustand des Gebäudes …

Es wäre ziemlich schade, diese ideenreichen und gelungenen Hinterlassenschaften von Schülern, evtl. ganzen Schülergenerationen, zu verlieren. Immerhin bleiben sie in Bildform erhalten – und ich werde mir bei einem meiner nächsten Besuche anschauen, was aus ihnen geworden ist.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch - Pyramide - Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Schulzentrum Rheinstetten-Mörsch – Pyramide – Diese eine Foto ist bereits im Winter 2011 entstanden und man erkennt auch dort bereits im Hintergrund den etwas desolaten Zustand des Gemäuers.

Wenn Sie trotz der Malereien im Moment das Gefühl haben sollten, Sie hätten dennoch zu viel Restgrau gesehen, dann kommen Sie kurz mit um die Ecke. Ich muss Ihnen noch einmal die mit Misteln bewachsenen Bäume von Rheinstetten zeigen!
Mich fasziniert der Anblick! Gerade in der Dämmerung …

Rheinstetten bei Karlsruhe - Misteln in den Bäumen ...

Rheinstetten bei Karlsruhe – Misteln in den Bäumen …

Ich hätte z. B. gern ein solches Motiv als Fassadenmalerei auf einer der tristen Betonwände, die natürlich auch in Hamburg und in meiner Nähe existieren. Vielleicht bringt ein Vorschlag oder eine entsprechende Eingabe an geeigneter Stelle etwas in diesem Fall? Versuchen könnte man es ja …
An privaten Gebäuden und dort z. B. auch an langweiligen Garagentoren, wird inzwischen schon häufiger der Phantasie freien Lauf gelassen. Originelle, ungewöhnliche und oft wunderschöne Kunstwerke können Sie mit etwas Glück entdecken! Landschaften, Flugzeuge, Meeresszenen, Tiere, Menschen …Optische Täuschungen!
An nicht-privaten Verteilerkästen fallen mir lokal begrenzt ebenfalls vermehrt Malereien auf, teilweise mit konkretem Ortsbezug. Warum nicht mehr dieser Art – gezielt im öffentlichen Raum – bevor lediglich reizlose Tags von Graffiti-Sprayern (ich meine nicht die wirklich künstlerisch Tätigen) die Wände erobern. Gelegentlich sollen solche Werke es sogar verhindern können, dass unansehnliche Sprayerwerke entstehen. Schon Bemaltes ist als Nutzfläche uninteressant.

Schluss für heute! Danke schön fürs Vorbeischauen!
In einigen Tagen geht es im Blog weiter mit den Bahnfahrterkenntnissen (2).
Und wem ich es bisher noch nicht direkt gesagt habe, dem wünsche ich an dieser Stelle ein frohes und gesundes Neues Jahr! Alles Gute für Sie!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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Die Sache im Watt

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„Guten Tag, mein Name ist Hasenbank, ich rufe Sie an, weil …“
Mit diesen Worten  leitete heute ein Kunde das Telefongespräch ein, bevor er mir sein Anliegen schilderte.
Hasenbank …
Den Namen habe ich seit so vielen Jahren nicht mehr gehört.
Ob er wohl auch Detlef heißt?
Mir lag die Frage auf den Lippen. Sie ließ sich gerade noch unterdrücken. Während ich zuhörte, formten sich die nächsten Fragen:
Ob…?
Im Büro blieb mir keine Zeit für weitere Überlegungen, doch als ich in meinem Auto saß und mich auf der Heimfahrt befand, setzte das Gedankenkarussell wieder ein.

Er hatte immer mit seiner Hand über seinen weichen Vollbart gestrichen, um ihn in Form zu striegeln.
Er hatte vorzugsweise graue Jacketts getragen, dafür aber Hosen in abenteuerlichen Farben damit kombiniert.
Er nestelte häufig am silberfarbenen Gestell seiner eher unauffälligen Brille.
Er fuhr einen Uralt-Volvo, rauchte stark (also er selbst, nicht der Volvo), war Junggeselle, der trotz seines Alters von 42 Jahren noch bei Mama wohnte, und er hörte nur, wenn er etwas hören wollte.
Herr Hasenbank, Detlef Hasenbank, seinerseits Biologielehrer am Gymnasium, das ich besuchte, und in der siebten Klasse mein bzw. unser Klassenlehrer.
Er war nicht ganz einfach, doch er schien uns irgendwie zu mögen, was man nicht von allen Lehrern behaupten konnte. Nach Anfangs-, Gewöhnungs- und Verständnisproblemen lief es erstaunlich gut, und wir stellten irgendwann überrascht fest, dass wir ihn auch mochten.
Seine Einführung war polterig gewesen, seine Miene nicht so leicht zu durchschauen. Alles nur Maskerade, Show …
Er war doch anders.
Ihm war es dann vergönnt, mit uns auf Klassenreise zu fahren. Er stöhnte vorweg ziemlich herum, was aber gespielt war, wie wir inzwischen wussten. Er stieß absurde Drohungen aus, was passieren würde, wenn wir uns nicht ordentlich benähmen und musste dann sehen, dass er nicht selber darüber grinste. Sein Prinzip war höchstwahrscheinlich: wir starten mit schlimmsten Befürchtungen, erwarten nichts und lassen uns dann angenehm überraschen. Völlig in Ordnung und alles um Weltklassen besser, als den Herumsäuseler zu spielen, den tollen Kumpel, der sich dann später als unberechenbarer Drachen entpuppte.

Sommer. Es konnte losgehen. Zehn Tage Aufenthalt in einer Jugendherberge in Nieblum auf Föhr. Ich habe gar nicht mehr so viel davon in Erinnerung, nur dass wir immer hungrig vom Essen kamen und anschließend in der freien Zeit, der Mittagspause, eine Bäckerei aufsuchten, um den Magen noch etwas aufzufüllen.
Es lief ganz gut, für unseren Geschmack wurde zwar zuviel gewandert, aber ich schiebe das auf das typische Ungern-Wandern-Wollen-Alter.
Zwei 13jährige kloppten sich um ein Mädchen, der eine musste genäht werden, beide wurden abgeholt von ihren Eltern. Schluss mit Klassenreise.
Der Rest plante am vorletzten Tag eine Wattwanderung von Föhr nach Amrum, auf die Nachbarinsel. Während der Ebbe ist dies möglich. Es sind so um die acht Kilometer Strecke.
Gestartet wird ab Dunsum auf Föhr, und je nach persönlicher Kondition, dauert es laut Ankündigung ca.  2 ½ Stunden, bis man – an einem Schiffswrack vorbei, durch einen Priel watend – Amrum erreicht.
Ich konnte nie prüfen, ob die Dauer stimmt und sah auch nicht das Schiffswrack, denn es kam alles ein bisschen anders als gedacht …

Herr Hasenbank hatte als Biologie-Lehrer vorweg Kontakt aufgenommen zu einem Bekannten, der wiederum einen Wattführer auf Föhr wusste, der solche Touren leitete. Es wird immer darauf hingewiesen, diese Wanderungen nur mit Wattführer zu unternehmen.
Im letzten Moment war der Wattführer verhindert, und der ortsansässige Bekannte überredete wohl unseren Lehrer, die Tour trotzdem zu machen. Er hatte Kartenmaterial, hatte die Strecke schon oft belaufen und beschrieb sie als einfach und ungefährlich. Wie es so ist, auch er selbst hatte keine Zeit, und im Endeffekt liefen wir mit Herrn Hasenbank allein ins Watt.
Mir war später nie klar, ob er sich keine Gedanken gemacht hatte, ob er so blauäugig gewesen war, was ihn geritten haben mag …Vielleicht wollte er einfach nur nicht, dass diese Wattwanderung für uns ausfiel.
Wir marschierten los. Kühler Tag. Grauer Himmel. Er vorneweg mit Karte in der Hand. Selbst einen Kompass hatte er dabei!
Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da stand mit seinen hochgekrempelten grünen Hosen und über seinen Bart strich. Der Seewind verwuschelte seine Haare, so dass sie über die Brillengläser fielen wie Gardinen und ihm die Sicht versperrten. Alle fünf Sekunden wischte er sie mit seiner Hand wieder zurück, starrte auf die Karte und murmelte etwas von:
„Genau, hier entlang …“
Wir waren eine Stunde unterwegs, als der Boden immer matschiger wurde. Wir sackten etwas ein. Aus dem etwas einsacken wurde ein immer mehr versinken. Den ersten, und ich gestehe auch mir, wurde unbehaglich.
„Herr Hasenbank, ich stecke fest!“, kam der klägliche Ruf von einer Mitschülerin zu meiner Rechten. Ihr wurde geholfen, aber uns alle beschlich ein mulmiges Gefühl. Bis zum Knie waren alle seit geraumer Zeit am Kämpfen, als Stefan aufschrie: „Ich sack‘ weg! Ich sack‘ weg!“
Nachdem er sich selbst aus dem saugenden Schlick freigemacht hatte, kämpfte sich unser Lehrer zu ihm durch, griff ihn unter den Schultern und zog wie ein Verrückter. Andere kamen zu Hilfe, verschwanden jedoch auch schon wieder gefährlich im Morast. Gemeinschaftlich schafften wir es, ihn frei zu bekommen.
Unser Lehrer wirkte  nicht panisch, aber er war weiß wie eine Wand. Er schaute sich um. Es sah so aus, als wäre das Watt weiter links von uns heller und trockener. Er drängte uns dorthin.
Danach folgte die Lagebesprechung. Er sagte klipp und klar, dass wir offensichtlich von dem üblichen Weg abgekommen wären. Wir sollten alle zusammen hier bleiben, wo es momentan sicherer wirkte. Er hatte in größerem Abstand von uns sich bewegende bunte Punkte im Watt entdeckt, die wohl eine weitere Wattwandergruppe bedeuteten. Er  sagte, wir würden uns an denen orientieren, und alle sollten  ordentlich Lärm machen und winken. Denn diese Gruppe hätte mit Sicherheit einen richtigen Wattführer, der Hilfe veranlassen würde.
Wir brüllten, was das Zeug hielt.
Keiner von uns wollte erleben, wollte hier noch stehen, wenn das Wasser zurückkäme …

Zuerst schien sich gar nichts so tun. Keine Reaktion.
Dann löste sich auf einmal ein gelber Punkt aus der anderen Gruppe und machte weit ausschwenkende Bewegungen mit den Armen. Von uns Schülern wusste keiner, was es zu bedeuten hatte, aber es war jemand aufmerksam geworden. Dann blinkte ein Licht. Egal, ob es von einer Taschenlampe war oder von einem Spiegel, der Sonne einfing – der gelbe Punkt versuchte, auf diese Art irgendeine Botschaft zu übermitteln.
Wir hatten ein Riesenglück, dass unser Lehrer diese Zeichen verstand. Es hieß soviel wie: Hilfe ist unterwegs, warten, zusammenbleiben …

Es hatte wohl keine halbe Stunde gedauert, als zwei Personen mit  merkwürdigen Fahrzeugen über den Wattboden fegten. Sie peilten zuerst die andere Gruppe an, und bewegten sich danach langsam auf uns zu. Wir wurden nach und nach eingesammelt und zur anderen Gruppe gebracht. Einige von uns, die vorher schon bis zu den Oberschenkeln im Schlamm festgesessen hatten, waren auf einmal am Zittern, die Kräfte verließen sie, und nach der Rettung strömten nicht nur bei einem die ersten Tränen der Erleichterung.
Wir bekamen alle eine kräftige Standpauke, und am heftigsten fiel natürlich das Zurechtweisen unseres Biologie-Lehrers aus.
Wie hatte er nur so etwas riskieren können…?

Da die Rückfahrt sowieso für den kommenden Tag geplant war, wurden die Eltern erst nach der Ankunft zu Hause von den Vorkommnissen informiert. Er schlug sehr hohe Wellen. Man forderte ein Disziplinarverfahren, zu dem es auch kam. Es war wohl notwendig, wenn man bedenkt, was hätte passieren können – nur damals sahen wir es anders…
Wir gaben irgendwie nicht ihm die Schuld. Er hatte für unsere Rettung alles getan, war hinterher eingeknickt und eine Zeitlang nur ein Schatten seiner selbst.
Uns hätte das gereicht.
Er blieb zwar an der Schule, bekam aber eine andere Klasse, durfte keine Klassenreisen und Ausflüge mehr leiten, wurde bei vielem übergangen.
Er war nie wieder der Alte.
Irgendwann hieß es, er wäre krank und würde länger fehlen …

In der Zwischenzeit endete meine Schulzeit, und erst sehr viele Jahre später erfuhr ich von einem ehemaligen Klassenkameraden, dass er zwei Jahre nach unserer Schulentlassung an Lungenkrebs starb.

Detlef Hasenbank, Sie waren trotz allem ein guter Lehrer.

©Januar 2011 by Michèle Legrand

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