Beiträge getaggt mit Schneewehen

In den Wehen …

Ich wollte Ihnen heute kurz von diesen leidigen Wehen erzählen. Das war seinerzeit echt unangenehm. Durchaus schmerzhaft! Mir fiel es am Sonnabend wieder ein …

Ich hatte am vergangenen Wochenende einen Intensivkurs belegt. Thematisch völlig anders geartet, ganz ohne Wehen. Er startete am Freitagabend und endete erst am späten Sonntagnachmittag.
Jeder dieser Tage begann für mich mit einer Autofahrt zum Kursort.  Am Sonnabend erreichte uns hier im Norden nun plötzlich der Winter. Ich spreche vom sichtbaren, weißen Winter. Der Schneefall setzte relativ unerwartet ein und fiel erstaunlich intensiv aus. Nicht allein während der Fahrt, die weißen Kristalle stoben tagsüber noch geraume Zeit während des Kursus wild vor dem Fenster umher.
Als ich mich am Abend auf den Rückweg machte, hatte der Flockentanz ein Ende gefunden. Mir fielen die durch Räumfahrzeuge fabrizierten kleinen Schneewälle links und rechts am Straßenrand auf. So hatte es schon einmal ausgesehen. Nur, dass die Haufen zu jener Zeit ein bisschen höher gewesen waren …

Früher (ganz früher) habe ich außerhalb, nördlich von Hamburg, in Schleswig-Holstein gelebt, fuhr allerdings jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt. Auch in jenem Winter. (Lassen wir einfach das genaue Jahr weg, es klingt sonst wirklich so, als berichtete ich bereits aus der Gruft.)
In diesem Winter gab es eine Schneekatastrophe, von der die Menschen in Schleswig-Holstein heute noch sprechen. Abgeschnittene Ortschaften, eingestellter Verkehr, Versorgungsprobleme, Stromausfall, frierende Menschen, leidende Tiere, Hubschraubereinsatz, Katastrophenalarm …  All das war damals an der Tagesordnung.
An einem erstaunlich zivil wirkenden Morgen, der Schnee auf den Straßen war in der Nacht geräumt worden, die Hauptverkehrsstraßen präsentierten sich halbwegs frei, brachte mich mein Bus durch eine verschneite Landschaft zum Zug, der wiederum seine Tour ins Zentrum von Hamburg meisterte. Der Anschlussbuss erschien, und die letzte kleine Schlitterpartie zu Fuß zum Ziel verlief ebenfalls unfallfrei.
Doch dann setzte am Vormittag neuer Schneefall ein.
Unglaubliches Schneegestöber!
Man sah die Hand vor Augen nicht!  Ich machte mich eher auf den Heimweg, weil es hieß, der Zug- und Busverkehr würde später eingestellt werden. Der erste Teil auf Stadtgebiet klappte, da ich auf die U-Bahn umsteigen konnte, die anfangs unterirdisch fährt. Sobald sie jedoch auf die freie Strecke wechselte, gab es Verzögerungen. Es folgten Zugwechsel, danach massive Verspätungen und lange Wartezeiten auf Bahnhöfen. Ich wähnte mich glücklich, als dieser Part geschafft war und obendrein mein Bus an der letzten Haltestelle stand und wartete. Er war also noch im Einsatz! Dem Himmel sei Dank!
Die Fahrt startete im Schneckentempo Richtung Norden. Schneetreiben ohne Ende. Die gut ausgebauten Straßen und dichter bebauten Gebiete endeten. Irgendwann verläuft die Strecke dieser Buslinie (das ist auch heute noch so) entlang einer Landstraße, zu deren Rechten und Linken sich nur Felder befinden. Kurz bevor der Fahrer auf diese Straße abbiegen musste, stoppte er seinen Bus und hielt Rücksprache mit der Zentrale. Das Resultat: die sofortige Einstellung des Busverkehrs auf dieser Strecke. Neuschnee, Glätte und eine durch Schneeverwehungen verengte Fahrbahn, hatten die Verantwortlichen zu dem Schluss kommen lassen, dass das Risiko steckenzubleiben zu groß wäre. Sämtliche Fahrgäste mussten den Bus verlassen. Taxis gab es keine.
Was tun?
Stehenbleiben war keine ratsame Lösung. Mein restlicher Heimweg betrug noch ca. 3,5 km. Mit vier anderen Personen, die in die gleiche Richtung wollten, machte ich mich auf, die Strecke zu Fuß auf der verlassenen Straße zurückzulegen. Hier fuhr gar nichts mehr. Warme Kleidung trug ich durchaus, nur war Mademoiselle Legrand damals noch relativ uneinsichtig, was wirklich adäquates Schuhwerk anging. Sie trug sommers wie winters höhere Absätze. An diesem Tag befanden sich diese an weinroten Stiefeletten.
Versuchen Sie sich am besten vorzustellen, dass jemand, der höhere Absätze gewohnt ist, absolut nichts dabei findet, damit auch durch Schnee zu stapfen und dass dieser jemand es auch unbeschadet hinbekommt.
Unter normalen Umständen …

Der Marsch begann beinahe lustig. Es wurde herumgealbert. Mit einer gehörigen Portion Sarkasmus.
Was bleibt einem denn sonst auch übrig in einer solchen Situation!
Nach einem knappen Kilometer gelangten wir dorthin, wo nirgends mehr Bäume wuchsen, die so gnädig waren, den Wind zu bremsen. Der Schneefall hatte wieder zugenommen und heftige, eisige Windböen trieben dichte Flocken, jedoch ebenfalls stecknadelspitze, harte Eiskristalle quer über die freien Felder auf die Straße zu. Die Augen tränten, die Kälte biss im Gesicht, die Tropfen an der Nase froren sofort ein. Sicht war kaum vorhanden, doch die Straße verlief glücklicherweise schnurgerade. Sobald rundherum alles weiß ist, ist allerdings auch dieses Wissen nur eine theoretische, höchst unzuverlässige Hilfe. Man verliert die Orientierung. Es waren letztendlich eher die an den schneereichen Vortagen beim Räumen bereits beidseitig aufgeschütteten Wälle, die recht sicher anzeigten, wo es langging.
Die Gruppe driftete auseinander. Das Tempo jedes Einzelnen war zu unterschiedlich. Vielleicht waren wir real gar nicht weit voneinander entfernt, doch wir sahen uns nicht mehr.
Der Wind war nicht nur stark und kalt, er war auch laut. Selbst Schneefall und Schneedecke am Boden konnten das Brausen und Pfeifen nicht merklich dämpfen. Ich hörte daher das Motorengeräusch erst, als es fast vor mir war. Ein plötzliches tiefes Brummen, und im nächsten Augenblick zuckte ein gelbes Warnblinklicht inmitten der Flockenwand.
Ein großer Schneepflug tauchte wie aus dem Nichts vor mir auf!
Mir war klar, dass der Fahrer mich garantiert nicht sehen würde. Also sprang ich hektisch nach links in die Schneewehen, krabbelte in ihnen aufwärts und versuchte, mich dadurch gleichzeitig noch weiter von der Fahrbahn zu entfernen. Es glückte  – ich bekam lediglich unvermittelt eine ziemliche Ladung Schnee ab, die der Pflug zur Seite ausblies.
Das Ungetüm fuhr weiter, Stille kehrte ein. Langsam traute ich mich wieder aus dem Schnee heraus. Als ich auf die Straße sprang, bemerkte ich zu spät, dass der Absatz des einen Schuhs die vorangegangene Aktion nicht überstanden hatte und abgebrochen war. Ich knickte bei der Landung auf der Fahrbahn ziemlich unsanft um …

Heute weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich den Rest der Strecke geschafft habe, aber in dem Moment beißt man sehr fest die Zähne zusammen, hält durch und humpelt heim. Es gibt keine Alternative …
Schnee habe ich danach irgendwie sehr lange nicht gemocht.
Und sonst?
Seit dieser Zeit trage ich im Winter etwas besser geeignete Schuhe. Madame ist schließlich lernfähig.

Sie allerdings, liebe Leser, Sie wissen nun, warum „in den Wehen sein“ schmerzhaft ausfallen kann …
Ganz ohne Schwangerschaft.
Schnee-Engel

©by Michèle Legrand, Januar 2015
Im Schnee - M. Legrand

 

 

 

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