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Leipziger Allerlei: Teil 7 – Leipzig ist … wenn man Grün sieht

Mitten in Leipzig - den Zoo überfliegend Richtung Rosental - ein Reiher

Mitten in Leipzig – ein Reiher!

Heute der vorerst letzte Part dieser kleinen Blogserie, bei dem ich Sie/euch wieder mitnehme auf meinen Spaziergängen durch das sächsische Leipzig.

Leipzig, Hamburg, London, Stockholm … Was haben diese (und weitere) Städte gemeinsam? Was macht sie zu besonders liebens- und lebenswerten Städten?
Sie haben etwas gemeinsam?
Vielleicht taucht diese erstaunte Frage eigenmächtig auf.
Diese grundverschiedenen Städte?
Sie unterscheiden sich doch erheblich hinsichtlich Größe und Einwohnerzahl. Die Zeit der Entstehung und der geschichtliche Hintergrund weichen voneinander ab, ihre Entwicklung verlief folglich nicht konform. Wenn nun sogar Kultur, Regierung, Sprache, Sozialsystem, Währung, Fahrgebote (rechts/links) etc. differieren, was ist ihnen bloß gemein?
Diese Städte sind trotz unterschiedlicher Gründungsdaten und Lage historische, gewachsene Städte. Sie besitzen Bauten aus verschiedenen Epochen, weiteten sich mit zunehmender Bevölkerungszahl Stück für Stück auf umliegendes Gebiet aus und haben eines geschafft: die Stadtväter sind früher oder später darauf gekommen, sich um ihren vorhandenen Schatz (insbesondere den Gebäudebestand) zu kümmern. Ihn zu sanieren, zu pflegen, zu schützen, hervorzuheben und zu versuchen – durchaus mit unterschiedlich glücklichem Händchen – Neues gut zu integrieren. Jede der Städte mag andere Schwerpunkte haben, auch unterschiedlich geartete „Altlasten“, denen man sich widmen muss. Doch jede geht es auf ihre Weise an und bleibt am Ball. Die Resultate können sich durchaus sehen lassen!
Es gibt jedoch noch ein weiteres Merkmal, das ihnen gemein ist: es sind ausgesprochen grüne Städte!
Grün wirklich auf die Umwelt und den Zustand sowie den Anteil Natur bezogen, nicht als Information zur politischen Prägung oder als Garantie für extrem und ständig vorhandenen Ökosinn. Der entwickelt sich leider immer noch (wie allerorten) recht zögerlich, manchmal halbherzig oder unzuverlässig. Immer dann, wenn Wirtschaftsinteressen und ökologische Anliegen aufeinandertreffen und sich nicht optimal verbinden lassen. Wenn es um die Beurteilung von Preis, jedoch auch Wert bzw. Auswirkung einer Maßnahme geht und die Ansichten auseinanderklaffen …
Grüne Stadt Leipzig. Wer im März mitten auf dem Augustusplatz ausgesetzt wird, fragt unter Umständen skeptisch:
Grün? Und wo jetzt?
Das Gleiche fragt ein Tourist in London am Trafalgar Square oder in Hamburg auf den Magellan Terrassen der neu gestalteten Hafencity. Die wenigen noch unbelaubten Bäume fallen nicht besonders auf, doch nur ein paar Schritte weiter, um die nächste Ecke gebogen, sieht es häufig ganz anders aus. Wendet sich besagter Ausgesetzter vom Augustusplatz z. B. der Oper zu, spaziert an ihr vorbei, so entdeckt er nach wenigen Metern den dahinter im Grünen liegenden Schwanenteich, ein kleines Idyll mitten in der Stadt.
Wie läuft demnach der Hase, wenn man eine Stadt wirklich kennenlernen möchte?
Man schaut sich um. Überall. Möglichst zu Fuß.
Ich streife beim Besuch in einer fremden, aber auch in meiner eigenen Heimatstadt Hamburg, gern weiträumig umher. Immer der Nase nach – was den Stadtplan nicht überflüssig macht, ihn aber vorrangig beim Finden des Rückwegs zum Zuge kommen lässt. Ich schaue mir Häuser, Straßen, Museen, Passagen, Bahnhöfe, Hallen, Kirchen, Skulpturen etc. an. Ich nehme bewusst die Menschen einer Stadt wahr, achte auf Geräusche, Gerüche, Licht.
Nach meinem gerade in der Halle verbrachten Buchmessen- und einem weiteren City-Erkundungstag stellte ich fest, was ich eigentlich überall nach mehr oder weniger kurzer Zeit konstatiere: ich brauche Ausgleich!
Erholung vom Aufenthalt in Kunstlicht-Räumen, Erholung vom Laufen auf den Steinplatten der City, Erholung vom Gewühl, Erholung vom Verkehrslärm. Ich benötige frische Luft – und neben den vielen Mitmenschen, die sich als Touristen diese Stadt ansehen – bitte auch ein paar Menschen, die hier leben. Einheimische. Sie – und die grünen Oasen einer Stadt – sind die besonderen Punkte ganz  weit oben auf meiner imaginären Kennenlernliste. Ich sehne mich sehr schnell nach „normalen“ Orten, solchen, an denen sich Menschen aufhalten, die einfach auch nur draußen sein, sich entspannen und Freude an der Natur haben möchten.

Wie grün Leipzig wirklich ist, sah ich das erste Mal zu Herbstbeginn, als ich im Regen und windzerzaust auf der Aussichtsplattform des Panorama-Towers stand. Das zweite Mal in einem späten Frühjahr und von der Sonne beschienen beim Blick vom Völkerschlachtdenkmal in die Ferne. Ich empfehle jedem, sich auf diese oder ähnliche Art einen Überblick über die Ausmaße, den Aufbau und die Struktur einer Stadt zu verschaffen.

Es scheint sich ein grüner Streifen durch Leipzig zu ziehen, der im Norden beginnt und sich bis in den Süden streckt, dorthin, wo mittlerweile die neuen (gefluteten) Seen entstanden sind. Es heißt, beinahe ein Drittel der Stadtfläche Leipzigs sei grün. Diese Angabe erscheint realistisch. Allein der zur Naherholung in und um die Stadt befindliche Auenwald (den ich bereits im Teil 3 des Leipziger Allerleis erwähnte), ist einer der größten seiner Art. Der Baumbestand nimmt etwa eine Fläche von 1.800 ha ein. Hier gelten strenge Naturschutzauflagen.

Typisch für Leipzig - Spatzen (hier beim Zooschaufenster)

Typisch für Leipzig – Spatzen (hier beim Zooschaufenster)

Wie auch in den anfangs erwähnten anderen Städten, gibt es in Leipzig zahlreiche Parks, die die Bebauung unterbrechen, Straßenlärm verbannen und für Luftverbesserung sorgen. Man findet zudem überall kleinere grüne Inseln, die Wohngebäude voneinander trennen, kleine Heckenreihen und Strauchgruppen – fast wie Knicks – aus denen Vogelgezwitscher, besonders das Tschilpen der Spatzen, ertönt. Sie sind typisch für Leipzig, und inzwischen warte ich bei jedem erneuten Besuch nach dem  Eintreffen sehnsüchtig auf die ersten Spatzenlaute. Erst dann ist alles komplett.
All diese Naturecken, diese kleinen und großen Bereiche sind erholsam. Sie sind es für Auge, Ohr, Nase und Gemüt. Sie verbessern innerorts bzw. innerstädtisch das Kleinklima, fördern und begünstigen das Ansiedeln diverser Tier- und Pflanzenarten. Sie sind für das Wohlbefinden der Bewohner und auch der Gäste unbezahlbar, und in Kombination mit dem vorhandenen Wasser sind sie ein unschlagbares Duo.
Doch, es gibt Wasser!
Im Stadtgebiet bilden die Weiße Elster, Parthe und Pleiße gemeinsam ein Netz von ca. 84 km Länge. Hinzu kommen die Verzweigungen, Bäche und Gräben, die noch einmal ca. 90 km ausmachen. Das Flutbecken der Elster  ist ein sehr beliebter Wassersportplatz. Leipziger Wassersportler nutzen es speziell für Kanu, Kajak und fürs Rudern. Ganz in der Nähe des Teilungswehres befindet sich sogar eine Slalom-Übungsstrecke.

Leipzig - Wassersportler nutzen das Elsterflutbecken ...

Wassersportler nutzen das Elsterflutbecken …

Meinen letzten Tag verbrachte ich ab zeitigem Mittag ausschließlich im Grünen. Es war der Dienstag, dessen Vormittag mit meiner Demo-Vermutung (im Endeffekt war es der 800-Jahre-Thomaner Festakt) begann. Von der Thomaskirche führte mich mein Weg in Richtung Rosental, einem der weit ausgedehnten Parks, dessen eine Seite direkt an den Leipziger Zoo angrenzt.
Ein Phänomen: Egal, wie ich auch meinen Weg beginne, ich komme irgendwann immer dorthin!
Was ist so anziehend?
Ich glaube, es ist der Kontrast. Diese Ausmaße der Wiesen! Einerseits sind sie eingerahmt durch dichtes Waldgebiet, andererseits wird ein unbeschreibliches Gefühl von Weite vermittelt, da die Grasfläche nur ganz selten von einzelnen Baumriesen  unterbrochen wird. Jetzt im März – noch ohne Belaubung – fällt besonders auf, dass im Park bei der ursprünglichen Anlage auf die Einrichtung von Sichtachsen geachtet wurde. Eigentlich wollte sich August der Starke hier ein Lustschloss bauen, doch die Leipziger fanden die Idee nicht so umwerfend und konnten es abbiegen. Obwohl sich die Anlage seitdem vom Barockstil entfernt und zu einem Landschaftsgarten entwickelt hat, sind die für den Bau eingeplanten sechs Sichtschneisen heute noch zu finden.
Ich wanderte daher eine ganze Weile quer über die Wiesen, um es von vielen Stellen aus zu testen.

Der zweite Magnet, der einen (und speziell mich) unweigerlich Richtung Rosental zieht, ist das Zooschaufenster, ein Punkt am Spazierweg, an dem die Möglichkeit gegeben ist, in den Zoo Einblick zu nehmen und ein Stück der weitläufigen Kiwara-Savanne zu sehen. Dort leben die Giraffen, Zebras, Antilopen, Strauße und weitere andere afrikanische Tiere. Zum Weg hin abgetrennt ist das Terrain auf eine sehr natürliche Art und Weise, nämlich durch Wasser, Schilf und Sträucher.
Als Besucher Leipzigs, der schon zu verschiedenen Jahreszeiten am Zooschaufenster stand, habe ich im letzten September bedauert, dass es fast zugewachsen war. Das Schilf hoch aufgerichtet, die Sträucher am Weg ebenso. Im Vergleich zum Frühjahr und dem Vorjahr, fiel der Blick auf die Tiere nun sehr schwer. Nur ein paar Giraffenhälse überragten noch die wippenden Enden des Schilfrohrs. Ich erfuhr damals von Leipzigern, dass sich eine Initiative gegründet hatte, die mit dem Zoo Kontakt aufnahm und Unterschriftenlisten präsentierte, um zu erreichen, dass vom Schaufenster mehr bleibt als dieses arg kleine Mauseloch. Der Erfolg war anfangs nur mäßig. Zwar demonstrierte man ein gewisses Verständnis, hielt aber auch hin durch Vertrösten und Hinauszögern u. a. mit der Begründung, die Tiere müssten vor den Menschen geschützt werden. Es wären flüchtende Tiere, die, wenn sie erschreckt würden, leicht panisch reagierten.
Nur frage ich mich, warum diese Tiere die Mengen von offiziellen Besuchern jeden Tag auf der einen Seite verknusen können und als gefahrlos empfinden, derweil die nicht zahlenden, viel weiter ab stehenden paar Gäste auf der anderen Seite ihnen Unbehagen bereiten …?
Meine Überraschung war dementsprechend groß, als ich dieses Mal dort eintraf.
Mir präsentierte sich ein Zooschaufenster im Breitbildformat!
Sämtliches Schilf am Wassergraben wurde bis zum Boden zurückgeschnitten, die angrenzenden Sträucher gekappt bzw. ausgelichtet.

Das Schilf am Ufer wurde großflächig zurückgeschnitten - Das Zooschaufenster hat dadurch momentan Breitwandformat

Blick vom Rosental hinüber in den Leipziger Zoo. Das Schilf am Ufer wurde großflächig zurückgeschnitten – Das Zooschaufenster hat dadurch momentan Breitwandformat

Vom Wanderweg im Rosental aus der Blick in den Leipziger Zoo (Zooschaufenster)

… weitere Bewohner des Leipziger Zoos.

Leipzig: Zooschaufenster - Blick auch auf die Giraffen

Zooschaufenster – Blick auch auf die Giraffen

Nach einem Spaziergang im Wald (dort blühten bereits Sternmiere und Lungenkraut) und später Richtung Gohlis und dem Gohliser Schlösschen, führte der Weg am Haupteingang des Zoos und der Gondwana-Halle vorbei wieder in Richtung Stadt.

Leipzig: Auf dem Weg vom Rosental zum Gohliser Schlösschen

Leipzig: Auf dem Weg vom Rosental zum Gohliser Schlösschen

Während sich Zoo und Rosental im Zentrum Nord-West befinden, ist die andere und größte Leipziger Parkanlage im Zentrum-Süd (südwestlich vom Stadtzentrum). Dort befindet sich der Clara-Zetkin-Park, dessen Fläche ca. 125 Hektar beträgt und den nördlichen und südlichen Teil des Auenwaldes verbindet.

Eichhörnchen - Sie sind hier im Park sehr zutraulich ...(Leipzig, Clara-Zetkin-Park)

Eichhörnchen – Sie sind hier im Park sehr zutraulich …

Der Clara-Zetkin-Park entstand Mitte der 50er Jahre durch einen Zusammenschluss von Scheibenholzpark, Johannapark, Albertpark und Palmengarten. Seitdem hat sich einiges getan, denn nach und nach wurden dort Kultur- und Sportanlagen integriert. Es vollzog sich bereits zu einer Zeit, in der so etwas noch nicht überall selbstverständlich war, und daher hatte diese Parkgestaltung durchaus Vorbildcharakter für andere Großanlagen. Die Rennbahn im Scheibenholzteil des Parks, die schon seit 1867 existiert, gibt es weiterhin, dazu entstanden Bauten wie Freilichtbühne und Parkcafé, es erfolgte die Anlage der Dahlienterrasse und die des großen Spielplatzes mit Imbisspavillon. Des Weiteren gibt es das Schachzentrum, einen Musikpavillon, das Glashaus im Clarapark (Biergarten) und eine Inliner-Strecke, die rege genutzt wird. Oben erwähnte ich bereits das Elsterflutbecken, dessen Wasser mitten durch diesen Park fließt und seine Nutzung für den Wassersport.

Mein Weg zum Clara-Zetkin-Park führte diesmal über einen kleinen Umweg Richtung Bundesverwaltungsgericht. Vor diesem beeindruckenden Bauwerk bog ich in die Wächterstraße ab und passierte das schwer bewachte amerikanische Generalkonsulat. Die Straße trifft am Ende in einem Bogen mit der Beethovenstraße zusammen und stößt auf den Kreisel an der Karl-Tauchnitz-Straße. Dort gibt es mit der Anton-Bruckner-Allee einen großzügigen Zugang zu dem Bereich, der sich früher König-Albert-Park nannte und die größte Teilfläche im Clara-Zetkin-Park einnimmt (ca. 30 ha).

In Leipzigs Parks: Das Teichhuhn (Ralle)

In Leipzigs Parks: Das Teichhuhn (Ralle)

Man stößt gleich zu Beginn auf eine ovale Teichanlage, an der sich zahlreiche Wasservögel aufhalten. Auch die irgendwann eingewanderten (ursprünglich aus Ostasien stammenden) Mandarinenten fand ich hier, als sie sich am Ufer ausruhten und von der Sonne ihr Gefieder trocknen ließen.

Leipzig: Einwanderer im Clara-Zetkin-Park - Die Mandarinente aus Ostasien

Einwanderer, die sich im Clara-Zetkin-Park wohl fühlen – Die Mandarinente aus Ostasien

Es gibt offenbar eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen im Raum Leipzig, die  ganz grob den Neozoen und Neophyten zugeordnet werden könnten.  Das sind per Definition Tier- bzw. Pflanzenarten, die nach dem Jahr 1492 unter direkter oder indirekter Mitwirkung des Menschen in ein bestimmtes Gebiet gelangt sind, in dem sie vorher nicht heimisch waren und die jetzt dort wild leben. Mit einem älteren Herrn, der zusah, als ich die Enten fotografierte, kam ich darüber ins Gespräch. Er war zwar kein Fachmann, doch erzählte sofort, dass es Waschbären in Leipzig gäbe. So etwas hatte ich auch gelesen. Genauso wie es Vorkommen von Marderhund, Mink und Nutria geben soll. Der Mensch bekommt nur relativ selten etwas zu Gesicht. Sei es, weil es sich um scheue oder nachtaktive Tiere, ungewöhnliche Insektenarten oder kleine,  unscheinbare Teichbewohner handelt. Vielleicht stoßen wir eher auf Pflanzen (wie z. B. das Springkraut, den Riesenbärenklau oder sogar Ambrosia), die schon durch ihre Immobilität, zum Teil auch Größe, leichter ins Auge fallen.
Bei einigen Lebewesen stellt sich hin und wieder wirklich die Frage: Was ist letztendlich (noch) fremd, was (schon) heimisch? Was ist noch harmlos (da höchstens invasiv) für die ursprünglich beheimatete Flora und Fauna, was schon bedrohlich (invasorisch)?
Etwas beeindruckt mich: Tierarten, die einmal heimisch waren, aber aus ihrem Lebensgebiet verschwanden, kehren langsam zurück! Hier in Leipzig beispielsweise, lebt der Eisvogel heute wieder in Teilen des Auenwaldes: Ein schöne Entwicklung.

Ich treffe unterwegs auf viele Spaziergänger. Der Sonnenschein hat sie nach draußen gelockt und obwohl die Temperatur sich nur um 12°C bewegt, liegen, sitzen oder picknicken sie bereits auf dem Rasen des Parks.

Leipzig - Clara-Zetkin-Park - ca. 12°C.  Die Leipziger erobern ihre Grünanlagen ...

Leipzig – Clara-Zetkin-Park – März, ca. 12°C. Die Leipziger erobern ihre Grünanlagen …

Leipzig - Clara-Zetkin-Park - Erstes Weidengrün zu erahnen, doch auch ohne Laub wunderschön, ruhig und entspannend

Leipzig – Clara-Zetkin-Park – Erstes Weidengrün zu erahnen, doch auch ohne Laub wunderschön, ruhig und entspannend

Die Inline-Skater sind auf der superglatt asphaltierten (in diesem Bereich fahrzeugfreien) Anton-Bruckner-Allee unterwegs. Hier schnappe ich einige Gesprächsfetzen auf, die überhaupt nicht sächsisch klingen. Zugereiste – vielleicht Studenten, denn Leipzig ist als Universitätsstadt beliebt und hat viele Lernende, die aus anderen Bundesländern kommen.
Radfahrer sind stark vertreten. Jogger. Mütter oder ganze Familien mit Kinderwagen, Dreirad und Roller. Und wo treffen sie sich alle wieder?
Beim Eiswagen an der Sachsenbrücke, der dort seinen Stammplatz hat!
Das Eis ist heiß begehrt, selbst im März.
Auch ich habe mich angestellt. Vor mir ist ein junger Mann an der Reihe. Seine Bestellung lautet:
„Isch möscht zwee Gugeln. Aba im Bäscher, bidde …!“
Der Eisverkäufer wirkt nicht sächsisch sondern südländisch. Er sagt nichts, nickt lediglich, um seinen Kunden danach wieder fragend anzuschauen. Schließlich bleibt noch zu klären, welche Sorten er gern hätte.
„Och, isch nähm Schtrazziatella. Beede.“
Er bekommt das Gewünschte. Nun bin ich dran. Auch mich erhascht ein fragender Blick.
„Ich möchte gerne eine Kugel Vanille.“
„Ooch in eine Bäscher?“
Ich bin völlig perplex, dass er sächselt – mit italienischem Einschlag!
„Nein, für mich bitte in der Waffel.“
„Nu gloar …!“ Er reicht mir das Eis hinüber: „Prego!“
Das Eis schmeckt himmlisch.
Ich schaue mich um. Was nun? Ein interessantes Bild: Offenbar wird mit der kalten Trophäe danach – wie heimlich untereinander abgesprochen – auf der Sachsenbrücke pausiert. Die Nase Richtung Sonne, ein Schwätzchen mit dem Nachbarn, die Zungen wandern mit Hingabe an der Eiscreme entlang. Und während dieser Pause lehnen und liegen massenhaft Fahrräder auf oder an der Brücke, und höchst zufriedene Menschen sitzen auf dem Bordstein.
Auch ich geselle mich dazu.
„Mach’ mal Blatz, Lu-ga, damit die Lädi sisch ooch hinhoggen kann!“, ermahnt ein Vater seinen Sohn. Der rutscht sofort, ich „hogg“ mich daneben und strecke genüsslich die Beine aus.

Leipzig - Die Sachsenbrücke, die über das Elsterflutbett führt. Stammplatz des Eiswagens und Treffpunkt der Radler, Skater sowie Spaziergänger

Die Sachsenbrücke, die über das Elsterflutbett führt. Stammplatz des Eiswagens und Treffpunkt der Radler, Skater sowie Spaziergänger

An meiner Seite taucht eine fluchende Brünette auf, die sich offenbar kurz zuvor mit ihren Inline Skates hingelegt hat. Wortschatz und Tonfall lassen mich auf Herkunft Franken tippen. Das Knie ist etwas aufgeschlagen, blutet, aber nicht dramatisch. Sie war anscheinend ohne Schützer unterwegs und scheint nichts weiter dabei zu haben, was zur Verarztung taugt.
„Taschentuch?“, frage ich sie und halte die Tempos hin.
„Oh ja, gerne“, ist die Antwort. Sie heißt Sylvia und hat sich schnell wieder beruhigt. Sie stammt aus Nürnberg und lebt seit Herbst 2010 in Leipzig. Studentin. Sie ist von der Stadt und allem begeistert.
„Nee, es läuft prima. War eine gute Entscheidung. Man kann alles machen hier – auch erstklassig Inline Skates fahren. Also rein theoretisch, wenn man nicht hinfällt“, grinst sie und hat den Sturz schon fast wieder abgehakt.
Da ich nach drei Tagen Sachsen bereits gehäuft schwer infiziert in die lokale Mundart verfalle, frage ich sie, wie es bei ihr ist. Hat sie inzwischen den sächsischen Dialekt angenommen? Auf mich nur zufällig hochdeutsch reagiert?
„Ich unterscheide. Mit den Sachsen komme ich schon ins Sächseln, mit den anderen auswärtigen Studenten laufen die Gespräche eher hochdeutsch. Hochdeutsch ist wahrscheinlich unser gemeinsamer Nenner und am sichersten für alle zu verstehen. Aber wenn ich heimfahre zu Freunden, dann muss ich einfach frängisch babbeln.
„Und das mit der Trennung klappt anstandslos?“
„Klar, das funktioniert. Zumindest, wenn ich nach Nürnberg unterwegs bin. Dann switche ich während der Zugfahrt zuverlässig um.“
Wenn sie es sagt …
Ich stelle nur belustigt fest, wie zuverlässig und vollkommen automatisch die eigene Mundart durchkommt, sobald jemand aus einer starken Gefühlsregung heraus etwas von sich gibt. Wie sie vorhin. Geflucht wird halt doch in der „Muttersprache“…
Mein Eis ist verputzt und Sylvia zieht weiter ihre Bahnen. Für mich geht es am Elsterflussbett entlang zur nächsten Brücke, der Klingerbrücke.

Aus der Gründerzeit - Gerhardscher Pavillon (klassizistisch) Er wurde im vergangenen Jahr restauriert

Aus der Gründerzeit – Gerhardscher Pavillon (klassizistisch) Er wurde im vergangenen Jahr restauriert und besitzt ein neues Kupferdach, sowie einen sehr schönen blauen Himmel

Auch der Wassersport wird im März schon wieder betrieben ...

Auch der Wassersport wird im März schon wieder betrieben … Elsterflutbett zwischen Sachsen- und Klingerbrücke.

Denkmal für C. Heine, im Hintergrund der Gerhardsche Pavillon

Denkmal für C. Heine, im Hintergrund der Gerhardsche Pavillon. Dr. C. Heine (Karl) war Rechtsanwalt, Unternehmer und Industriepionier (1819-1899)

Von der Klingerbrücke aus schauend, befindet sich weiter nördlich als nächstes die Zeppelinbrücke. Zwischen diesen beiden Brücken liegt linkerhand der alte Palmengarten, der gar keine Palmen mehr hat.

Leipzig: Blick von der Klingerbrücke Richtung Zeppelinbrücke

Leipzig: Blick von der Klingerbrücke Richtung Zeppelinbrücke

Der Rückweg führt mich durch den schönen Johannapark mit seinem Teich und den idyllisch gelegenen, dunklen Holzbrücken Richtung Neues Rathaus (Pleißenburg).

Leipzig: Eine der idyllisch gelegenen Holzbrücken im Johanna-Park

Eine der idyllisch gelegenen Holzbrücken im Johanna-Park

Leipzig - Johanna-Park - Blick zur City mit Panorama-Tower und Neuem Rathaus (Pleißenburg)

Beim Blick zur zweiten Brücke dieser Art, zeigt sich auch, dass wir uns in Leipzig befinden (im Hintergrund der Panorama-Tower und der Turm des Neuen Rathauses (Pleißenburg)

Auch hier herrscht an diesem sonnigen Nachmittag reger Betrieb. Insbesondere der Spielplatz ist stark besucht. Das fröhliche Kinderlachen begleitet mich eine Weile.

Leipzig: Die Lutherkirche am Johanna-Park

Leipzig: Die Lutherkirche am Johanna-Park

Nachdem ich die Lutherkirche passiert habe und fast schon wieder die Hauptstraße erreiche, entdecke ich auf der rechten Seite ein Stück vom Weg entfernt einen nackten Knaben, der auf etwas zeigt. Mich interessiert, mehr zu sehen oder zu erfahren, doch dazu muss ich ein knutschendes, auf der Wiese liegendes Pärchen umrunden und beide leider bei ihrer Tätigkeit etwas stören.
Es war völlig umsonst – aber das erfahren sie nicht.  Leider gibt es keine Tafel mit Erläuterungen bei dieser Bronzestatue.
Vielleicht weiß es jemand von den Leipzigern: Auf was zeigt die Figur,  oder was stellt die Szene dar? Welcher Künstler hat diese Bronze angefertigt?

Leipzig: Kunst im Johanna-Park. Wenn ich nur herausbekäme, warum der Knabe auf diese Art Stab, der im Stein eingelassen ist, zeigt ...

Kunst im Johanna-Park. Wenn ich nur herausbekäme, warum der Knabe auf dieseArt Stab, der im Stein eingelassen ist, zeigt …

Übrigens: Ich finde, dass er einen sehr niedlichen Allerwertesten hat …

... und von hinten. (Skulptur im Johannapark in Leipzig)

… und von hinten.

Meine große Runde ist fast beendet, die Stadt hat mich zurück. Es waren rundherum schöne Stunden im Freien, und die Füße sind sogar noch fit! Es macht doch etwas aus, nicht nur auf Beton zu laufen. Der Unterschied wird mir gleich wieder auf dem letzten Stück des Weges, der Strecke zum Hotel deutlich.

Beim Packen des Koffers frage ich mich, wann und ob ich wohl wiederkehre. Im Moment scheint es, als hätte ich nun wirklich genug entdeckt. Andere Ziele wollen schließlich auch erkundet werden.
Morgen geht es heim.
Nur dann kommt plötzlich die Erkenntnis, dass ich die weiter außerhalb gelegenen Seen noch nicht sah, dass vielleicht eines Tages wieder die Zeit für ein persönliches Treffen reif ist, dass eventuell eine interessante Lesung, eine Veranstaltung stattfindet … dass plötzlich irgendein Grund besteht wiederzukommen!
Vielleicht zählt auch der Grund, hin und wieder Aktuelles über Leipzig berichten zu können. Denn was ich sehr häufig als Reaktion auf meinen Blog, auf die Erzählungen, Beschreibungen und Fotos von dieser Stadt erlebe, ist pures Erstaunen.
Das hätte ich nicht gedacht! So ist Leipzig? So schön ist das dort?
Ja, ist es.
Es existiert offenbar in vielen Köpfen ein nicht zutreffendes oder völlig veraltetes Bild, das unbedingt korrigiert werden sollte.

Leipzig ist schön, Leipzig ist lebendig, Leipzig ist grün.
Leipzig ist eine Entdeckung wert!

Und wann fahren Sie? ;)

PS Wer mehr „grüne“ Bilder sehen möchte, den bitte ich, die Teile 1-3 des Leipziger Allerleis (2011)  aufzurufen, die zu einer Zeit entstanden, als die Vegetation ein bisschen weiter war.

... und im Sommer böte sich dann dieser Anblick (Teich im Johannapark, Leipzig)

… und im Sommer böte sich dann dieser Anblick (Teich im Johannapark)

©April 2012 by Michèle Legrand

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Leipziger Allerlei – Teil 2: Die Stadt Leipzig – Verfallen. Ihr. Nicht sie…

Pleißenburg/Neues Rathaus bei Nacht (rechts das leuchtend blaue Zifferblatt der Uhr)

„Du findest Leipzig gut, weil sie dort einen Kopfbahnhof haben und weil ein Brunnen komische Geräusche von sich gibt?“ Sie hätte nicht ungläubiger gucken können.
„Nun, nicht nur, aber auch deshalb…“, lautete meine Antwort.

Der erste Part dieser kleinen Blogserie ließ Sie – liebe Leser – noch im Unklaren darüber, was Leipzig ausmacht. Bisher haben Sie lediglich erfahren, dass:
a)  ich inzwischen dreimal dort weilte
b)  es mir ausnehmend gut gefiel
c)  ich eine Theorie hatte bezüglich des Mögens oder Nicht-Mögens einer Stadt
Erinnern Sie sich ? Ich sprach von Emotionen, die bestimmte Reaktionen auslösen. Die die Entscheidung herbeiführen, ob ich – in diesem Fall eine Stadt, nämlich Leipzig – mag und wiederkehre – oder ob sie durchfällt. Einfach so. Zur City Of  No Return wird.
Eine Stadt ist für manche nur eine Ansammlung von vielen Gebäuden. Eine Häufung von Straßen. Etwas, was Unterkunft bietet für den Menschen. Die Stadt beherbergt Behörden, Bildungseinrichtungen, Geschäfte, Banken u. v. m.  und bietet natürlich Arbeitsplätze.
Und?
Nun, ich würde dies als den Grundteig bezeichnen. Das unbedingte Muss, um als Stadt durchzugehen. Alles was daraufhin noch hinzukommt, bildet die persönliche Note, macht den Charakter einer Stadt aus, sorgt für Lebensqualität, Zugehörigkeitsgefühl, soziale Kontakte, Wohlbefinden, persönliche Entfaltung, Heimatgefühl, Glücksmomente.
Reise ich nach Leipzig, geschieht Folgendes: Die Stadt löst regelmäßig Wohlbehagen in mir aus. Für mich steht diese Stadt als Synonym für viele nette Menschen und Kontakte, ein angenehmes Umfeld, gemeinsame Interessen sowie das Entdecken immer weiterer, interessanter Ecken. Es entlockt mir immer wieder ein Staunen, mit wie viel Liebe hier restauriert wird. Hinzu kommt das freudige Erkennen, dass es eine Unmenge schön angelegter Plätze gibt, dass Parks wie grünen Lungen über die ganze Stadt verteilt sind, dass die Weiße Elster sich teils träge, teils aufgewühlt durch sie hindurchschlängelt, dass urban und ländlich aufeinandertreffen und dabei Harmonie verströmen. Es gibt Figuren mit Geschichte und es gibt die deutscheGeschichte, die vorgestellt und zum Anfassen nahe gebracht wird – an eben geschichtsträchtigen Orten.

Markttag am Alten Rathaus

Das heutige Leipzig vereint –zu seinem eigenen Nutzen – das Alte oder Althergebrachte mit dem Neuen, Modernen. Leipzig ist vielseitig, ist lebhaft und strahlt enorm Lebensfreude aus. Wie viele Universitätsstädte, zieht auch Leipzig vermehrt junge Leute an. Man merkt es auf den Straßen, hier existiert eine angenehme Mischung aus Jung und Alt, was jeder Stadt gut tut. Auffällig viele junge Familien mit Kleinkindern sind ebenso vertreten, wie die ältere Generation. Leipzig ist irgendwo auch ein Volk der Fahrradfahrer, woran die Studenten sicher ein großen Anteil haben.

Die Fahrradgarage

Die Stadt ist ein absoluter Touristenmagnet. Reisegruppen, auf die ich gestoßen bin, bestanden teils aus jungen Leuten, die auf Klassenreise weilten, teils waren sie altersmäßig bunt zusammengesetzte Häufchen, die ein gemeinsames Interesse verband (Bach-Archiv/Musik, Geschichte, Bauwerke/Kirchen, Kunst etc.). Es waren  Einzelreisende und Rucksacktouristen, oder es tauchte einfach ein Reisebus mit älteren Damen und Herren auf, die sich mit Gehwägelchen und Krückstock gutgelaunt auf dem Weg zum Restaurant befanden. Ausflug mit Mittagseinkehr.

Wenn das Wetter gut ist – und es war traumhaft während meines gerade verlebten, gut viertägigen Aufenthaltes – dann lebt die Bevölkerung draußen. Die erwähnten zahlreichen Gäste der Stadt, denen man auf Leipzigs Straßen begegnet, natürlich auch. Die Plätze und Freiflächen, die Cafés, Bars, Eislokale und Restaurants haben Unmengen an gemütlichen Außenplätzen, und dieses Angebot wird – nicht nur von Rauchern –  rege genutzt. Bis in die Nacht ist an vielen Ecken im Zentrum der Stadt Hochbetrieb (vorrangig ab Freitag). Man beschließt, das Leben auf der Straße stattfinden zu lassen. So, wie ein Mensch sich lebendig fühlt, wenn er merkt, dass sein Blut in den Adern pulsiert, so ergeht es mir, wenn ich durch Leipzig streife und dort dieses Leben spüre. Gleichzeitig hat es auch etwas Vertrautes, vielleicht an der einen oder anderen Stelle eine aufblitzende Erinnerung an etwas in Hamburg, meine Heimatstadt, die ich ebenfalls sehr liebe. Hier gibt es ebenfalls viel Grün, diese Mischung aus Alt und Neu. Nur ist in Hamburg – gefühlt – der Altersdurchschnitt der Bevölkerung höher.

Petersbogen – Modern und alt trifft aufeinander

Ich bin nicht das erste Mal hier gewesen. Mein erstes Mal war im vergangenen Jahr, ziemlich genau zur gleichen Zeit Ende September. Anlässlich eines Twittertreffens. Damals hatte ich vier Tage nur Regen! Trotzdem hatte diese Stadt mich sofort für sich gewonnen. Mein alter (nicht wirklich alt, nur nach Twitterzeitrechnung und -bekanntschaftsdauer) Freund Christian Scheinhardt, seit 10 Jahren Leipziger und seinerzeit mein Stadtführer, hatte Noah unter Verdacht  (so der Name der Geschichte, die er schrieb), was diesen vielen Regen anging, und der Gedanke an Sintflut war gar nicht so weit hergeholt. Es schüttete und windete, und jeder Tag war begleitet von nassen Klamotten, Regenschirm sowie zerrupfter Frisur.
Es gibt in so einem Fall mehrere Möglichkeiten: wehklagen, schimpfen, Stadt miesmachen, im Hotelzimmer hocken, herumbocken, vorzeitig abreisen, nie wiederkommen. Oder eben trotzdem gut gelaunt auf Erkundungstour gehen, wozu ich mich entschloss. Zum Glück war auch mein Stadtführer damals nicht von der Sorte ‚Zuckerpuppe’ und schreckte vor nichts zurück.

Eingang Mädler Passage (->Auerbachs Keller)

Bei Regen konzentriert man sich mehr darauf, Dinge zu entdecken, die in Innenräumen untergebracht sind. Das Gebäude der Staatssicherheit, Kirchen, Museen, Ausstellungen, auf jeden Fall die zahlreichen Passagen im Zentrum von Leipzig, Auerbachs Keller, das Kaffeemuseum (Coffe Baum – tatsächlich nur ein ‚e’) in der Kleinen Fleischergasse. Frisch aufgewärmt kommt der Wille wieder durch, draußen erneut auf Entdeckung zu gehen und Frischluft nachzutanken. Besuch der Markttage auf dem Augustusplatz, Erstehen finnischen Honigs. Hoch auf die Aussichtsterrasse des Panorama-Towers, wo sich der Leipzig-Entdecker so lange durchpusten und nachnässen lässt, bis wieder der Wunsch nach einer weiteren Passage durchkommt. Warm, trocken und kuschelig.
Ich habe festgestellt, dass man mit Regenschirm bewaffnet:
– an den Pfählen von Straßenlaternen hängenbleibt und dann von seinem ‚privaten’ Stadtführer respektlos ausgelacht wird …;)
– die Häuser und alle anderen Sehenswürdigkeiten jeweils nur bis zu einer gewissen Höhe  zur Kenntnis nimmt. Den Blick auf den Rest versperrt der Schirm. Weshalb ich logischerweise noch einmal wiederkommen musste…
Im Mai Besuch Nummer zwei. Wieder fährt mein Zug in Leipzigs Hauptbahnhof ein. Ein Kopf- oder auch Sackbahnhof, wie es im ersten Satz dieses Blogposts zu lesen war. Ja, ich liebe solche Bahnhöfe. Mein Orientierungssinn ist mittelmäßig, und ich finde es sehr entgegenkommend und sympathisch von dieser schönen Stadt, dass sie es mir leichter macht. Wenn ich als Fremdling ankomme, kann ich nur zu einer Seite gehen, um den Bahnsteig zu verlassen. Und die ist dann immer richtig. Damit hat Leipzig gleich zu Beginn gepunktet.
Anfang Mai 2011. Trocken, sonnig, aber kühl. Ideal zum Entdecken der noch fehlenden,  oberen Haushälften und Kirchtürme, aber auch wunderschön für Parkbesuche (Johanna-Park, Clara-Zetkin-Park), Fütterung der Eichhörnchen, Besichtigen und Erklimmen des Völkerschlachtdenkmals inkl. des Genusses eines tollen Panoramablicks und eines wirklichen Eindrucks von Leipzigs Ausmaßen und seiner Umgebung. Spaziergang zurück und Entdecken des Botanischen Gartens der Universität samt Ginkgobaum. Einem weiblichen übrigens.
Der erste Besuch bei einer Lesung der Leipziger Lesebühne (veranstaltet vom fhl-Verlag, Leipzig) mit sofortiger Verschossenheit in eben diese.
Ich habe für viele Dinge hier angefangen zu schwärmen. Die Geräusche, die entstehen, wenn man die Kopfsteinpflasterstraßen entlanggeht. Das versetzte Schlagen der Uhr der Thomaskirche und der des Alten Rathauses. Ein Bong von der Kirche, ein Klong zurück vom Rathaus. Ich mag die oft unerwarteten Wandmalereien in einigen Innenhöfen der Passagen und die Felix Mendelssohn Bartholdy Statue am Dittrichring. Zum einen ist es erfreulich, dass 2008 für diesen Mann doch wieder ein Monument errichtet wurde, nachdem die Nazis ein vorheriges 1936 entfernt hatten (Verbleib ungewiss), nur weil er Jude war. Zum anderen ist Felix bildschön, weil er bei Regen unglaublich glänzt und der Kontrast zwischen dem Granitsockel und der dunklen Statue gewaltig ist. Er wirkt so erhaben, gerade als wollte er sagen: Seht her, hier bin ich wieder… Zu seinen Füßen, auf den Stufen des Denkmals sitzt die Muse der Musik, an den Seiten musizieren und singen zwei Engelsfiguren (Putten). Auf dem Sockel steht natürlich sein Name, aber hinten steht zudem die Inschrift: „Edles nur künde die Sprache der Töne“. Ich beziehe das gern auch auf gesprochene, nicht nur musizierte Töne…

Felix Mendelssohn Bartholdy

Wer morgens recht früh Richtung Nikolaikirche geht (bevor die ersten Touristenführungen stattfinden), sollte sich mitten auf den leeren Vorplatz platzieren und sich einfach nur vorstellen, was hier los war. Vor der Wende. Als die Massen herbeigeströmt kamen…

Bundesverwaltungsgericht

Ich schwärme für das Bundesverwaltungsgericht. O doch! Und zwar muss man sich ihm nähern, wenn die Dämmerung einsetzt. Der letzte Sonnenstrahl, der das Gebäude nicht mehr ausleuchten kann, der aber die leicht kupferfarbenen Kuppeln zum Leuchten bringt und sie ein wenig milchig erscheinen lässt. Fast so, als wären sie aus Jade. Je dunkler es wird, desto mächtiger wirkt das Gebäude und desto filigraner erscheinen im Kontrast dazu die Figuren, die sich auf dem

… und im Dunkeln mit schimmernder Kuppel.

Dach bzw. den Kuppeln befinden.  Wenn die Dunkelheit einbricht und auf dem gepflasterten Vorplatz die Lichter eingeschaltet werden, ist die Wirkung wieder eine andere. Alles wirkt erhabener, edler. Die Mauern noch höher, die Statuen fast unerreichbar und wie am Himmel schwebend. Es gibt kleine Sockel mit Lichtquellen, einzelne auf den Bau gerichtete Strahler und am vor dem Gebäude vorbeiführenden Pleißegraben, stehen zusätzlich Säulen mit blauen, senkrechten Leuchtstoffröhren. Ihr Licht spiegelt sich im Wasser des Grabens und lässt es glitzern. Es ist erstaunlich wenig Straßenlärm zu hören, obwohl die nächste große Kreuzung nicht weit ist. Vielleicht wird es auch kaschiert durch das Geräusch der Wasserfontäne, die sich rechts vom Bundesverwaltungsgericht befindet. Ich stehe gerne da und schaue. Jetzt im September färbt sich einer der Bäume leuchtendgelb, als wollte er zusätzlich Licht anknipsen. Einfach nur schön!

Ich fand es sehr genussvoll, in der Pinguin Milchbar, ganz in der Nähe des Alten Rathauses, ein Eis zu essen und schwärme für den Markt, der auf dem Vorplatz des Rathauses an bestimmten Tagen stattfindet. Marktatmosphäre ist auf eine Art zeitlos…
Ich mag die schönen Wappen auf Leipzigs Sieldeckeln, die blaue Uhr am Neuen Rathaus. Den Blick auf und in das Gewandhaus am Abend.

Einer der vielen grünen Plätze in Leipzig

Ich finde den Schwanenteich wunderschön, das Rosental und besonders den Teil des öffentlichen Weges dort, der Einblick in den Zoo gestattet. Giraffen, Strauße, alles zum Greifen nahe. So viel Grün, so viele kleine Knicks und Buschwerk, aus dem Vogelgezwitscher ertönt. Die Vogelpopulation in Leipzig ist riesig! Man sieht sie gar nicht immer, aber es zirpt aus allen Ecken.
Ich liebe solche Dinge wie das Veranstalten der Lesebühne. Dieses Zusammentreffen von Menschen, die ein gemeinsames Interesse,  gemeinsame Ambitionen haben. Die sich für etwas begeistern, und die Begeisterung mit anderen teilen möchten. Sich mitteilen möchten, sich austauschen möchten. Jeder hat die Möglichkeit sich anzumelden und zehn Minuten lang seine oder fremde, ihm gefallende, Werke vorzustellen. Große Vielfalt, noch unbekannte Talente. Auch mal jemand, der seine Texte vorträgt, als würden sie ihn selbst schon zu Tode langweilen. Das ist aber die absolute Ausnahme, gut zu verknusen und wird durch andere mehr als ausgeglichen.

Der ’singende‘ Brunnen

Was noch? Bitte? Brunnen? Stimmt, den hatte ich am Anfang kurz erwähnt. Ich schwärme auch für diesen Brunnen, der sich im Specks Hof befindet. Es ist ein Klangbrunnen. Eine bronzene mit Wasser gefüllte Schale befindet sich erhöht als Aufsatz auf einem säulenformigen, vom Durchmesser her nicht viel kleineren, Unterteil. An ihren Seiten sind links und rechts messingfarbene Griffe bzw. Bügel. Wer sich die Hände ein wenig anfeuchtet und in einem bestimmten Rhythmus sowie mit speziellem Druck über diese Griffe reibt/streicht, kann mit etwas Glück Töne erzeugen. Durch das Reiben entstehen sog. Interferenzen, also Überlagerungen der Wellen, und während erst ein leicht brummender, eigenartig tief dröhnender, vibrierender Ton entsteht, folgt bald danach ebenfalls ein Zittern der Wasseroberfläche, und dann beginnt das Wasser zu sprudeln! Gewaltig! Ich bin immer noch sehr beeindruckt. Ich habe es nicht hinbekommen, aber der Mann vor Ort, Christian Scheinhardt. (Der hat bestimmt geübt ;)

Reicht es schon mit den Schwärmereien? Ist vorstellbar, was Leipzig ausmacht? Dass es viel mit Emotionen zu tun hat?
Noch lose ein paar weitere Fotos mit kleinem Kommentar:

Gohliser Schlösschen, Südseite (Garten) – idyllisch gelegen

Leipzig im Auf-/Umbruch

Oper am Augustusplatz

Graffiti statt trister Wand

Mahnmal: 140 Bronzestühle in der Leipziger Innenstadt. An der Stelle, an der in der Pogromnacht 1938 die Große Gemeinde-Synagoge niedergebrannt wurde. Ein Sinnbild des Verlustes und der Verlassenheit, entworfen von zwei Leipzigern: Anna Dilengite und Sebastian Helm.

Manchmal muss man nur genauer schauen, um zu verstehen…

Was macht eigentlich der Herr Tiefensee heute? (Büro nahe des Mahnmals)

Brachte mich beim 1. Besuch zum Schmunzeln… Wir wissen zumindest, was er macht.

Nach dem Aufenthalt im Mai weiteten sich die Kontakte aus. Das Interesse an der Lesebühne nahm zu, Gondwana im Zoo Leipzig strebte seiner Vollendung entgegen. Es trafen neue Einladungen ein, es gab neue Termine für die Lesebühne und für Buchpremieren, Gondwana öffnete schließlich im Juli seine Tore und reizte schon merklich. Irgendwann war es wieder soweit, dass ich einmal mehr ein Zimmer reservierte, mein Bahnticket buchte und mich auf den Weg machte. Leipzig zum Dritten.
Ich habe dieses Mal viel Zeit im Grünen verbracht. Davon werde ich in Teil 3 erzählen. Dann geht es nämlich nach draußen. In der Fortsetzung können Sie Bekanntschaft mit dem im Süden der Stadt gelegenen Wildpark machen. Erika würde sich Ihnen gern vorstellen.
Ich nehme Sie mit ins Gondwanaland, die Nachempfindung des Urkontinents. Den Regenwald unter Glas. Den Urwald von Leipzig. Eine kleine Stippvisite im Zoo allgemein und natürlich warten einige Fotos auf Sie. Schauen Sie gern vorbei, wenn es heißt:

Leipziger Allerlei – Teil 3: Wildnis und Regenwald sind viel näher als gedacht …

©Oktober 2011 by Michèle Legrand

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