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Kostbare Zeit … und das Thema Weltuntergang wird jetzt zu den Akten gelegt!

Michèle Legrand  ©Foto: Andreas Grav (Ausschnitt)Vorweihnachtszeit. Und prompt kommt man zu nichts mehr! Hier herrscht schon seit einer kompletten Woche Funkstille.
Eine Woche … gähnende Leere!
Und Sie! Sie melden sich natürlich auch nicht! Sagen keinen Ton! ^^
Wie darf ich denn das auslegen, hm?
Geben Sie es ruhig zu, Sie sind heilfroh, dass wenigstens einmal Ruhe ist.
Nicht?
Ach, Sie sind selbst auch am rotieren?
Klar, das adventliche Zeitknappheitsproblem ist Ihnen nicht neu …
Bitte?
Exakt! Sie haben natürlich völlig recht, es ist nicht nur die generell vorbereitungsintensive Zeit vor Weihnachten, es ist auch dieser zusätzliche Zeitdruck durch den unsäglichen Weltuntergang am 21. Dezember.
Wenn es danach geht, ist die aufkeimende Weihnachtshektik eigentlich völlig für die Katz …
Stopp!
Soll ich Ihnen einmal hier – so unter uns – etwas verraten?
Kommen Sie bitte etwas näher, ich muss es leiser sagen, denn einige werden mich jetzt sicher steinigen. Es ist nämlich so:
Ich kann dieses Weltuntergangs-Gedöns nicht mehr hören!
Alles, was jetzt daraus entsteht!

Haben Sie schon einmal beobachtet, welches Verhalten diese Ankündigung bei vielen Menschen auslöst?
1)
Es gibt den Typ 1, der plötzlich überhaupt nichts mehr anpackt, weil die Welt in ein paar Tagen sowieso am Ende ist. Er glaubt selbstverständlich nicht daran, aber er nutzt es für alles und jedes als Ausrede, um sich vor Dingen zu drücken oder sich etwas zu gestatten.
Was soll ich die Aufgabe jetzt erledigen/aufräumen/helfen, wo doch hier bald Schluss ist?
– Ich kann weiter (fr)essen – denn ich sterbe ja eh am 21. Dezember!
– Was soll ich diese Sache klären, „bis dahin“ geht es auch gut ohne Einigung.
– Ich rauche/trinke/ rase, etc. weiter. Auf die paar Tage kommt es wirklich nicht an.
Typ 1 ist klar, dass er schwafelt, doch eine gute Ausrede ist es allemal – aus seiner Sicht.
2)
Typ 2 glaubt zwar auch nicht an den Weltuntergang, aber seine Logik weicht leicht ab. Sie sieht so aus:
Weil es theoretisch doch passieren könnte, vertagt er alle Aktivitäten auf einen Termin nach dem 21.12.2012. Rein vorsichtshalber.
– Du, ich warte mal ab, wegen Weltuntergang und so …
Mit Menschen des Typs 2 ist zurzeit auch nichts anzufangen.
3)
Mensch Typ 3 erlebt momentan einen Ausbruch von Kreativität. Er malt sich diesen Tag des Weltuntergangs in bunten Farben aus und schreibt irrwitzige Szenarien. Er erfindet quasi Stundenpläne für den Ablauf. Wo es wann startet, wer sich mit wem versammelt, wie das Menü (Apokalypse-Brunch) aussieht, wer zur Eröffnung singt, wie lange alles dauert.
Natürlich ist der UN-Sicherheitsrat involviert! Alles wird ein einziges Happening! Eine große Weltuntergangsfeier, bei der Brasilien gegen eine Weltauswahl Fußball spielt – letzteres las ich bei Facebook.
4)
Mensch Typ 4 ist von der ernsthaften Sorte und stets bemüht, die Hintergründe um die These des kommenden Untergangs zu klären. Auch zu erklären. Er möchte sich damit auseinandersetzen und versucht, seriös Fachwissen zu vermitteln.

Es gibt sicher weitere Wesen anderer Art, doch dabei wollen wir es vorerst bewenden lassen und kommen stattdessen zu meinem Einwand, es nicht mehr hören zu können.
Warum diese Abneigung?
Mir könnte es im Grunde herzlich egal sein, was wer wie oder wann über den Weltuntergang zu sagen hat.
Zu schreiben hat. Oder welche Informationen es darüber gibt.
Wer welche Späße dazu erfindet. Wie abgedroschen, überholt oder  überhaupt nicht witzig sie teilweise auch sein mögen.
Ich könnte auch die zweihundertfünfzigste Wiederholung milde lächelnd hinnehmen.
Kann ich es?
Weiterhin habe ich durchaus die Hintergründe verfolgt, studierte die Geschichte vom Langzeit-Maya-Kalender, die Theorien bezüglich des Sonnensystems und der Sternenkonstellation. Dort ist nicht unbedingt von einem Untergang im eigentlichen, ganz wörtlichen Sinn die Rede! Kein Versinken wie bei Atlantis o. ä. Oft wird von einem Übergang geredet …
Wir wissen demnach gar nicht, was genau uns erwartet!
Dennoch lähmt es die Leute in ihrem Handeln. Nicht, weil es sich so entsetzlich darstellt, vorgestellt wird – nein, es ist zu abstrakt, zu schwer greifen und zu begreifen – daher ist die Reaktion irrational, eher kindisch.

Für mich wirft die derzeitige Weltuntergangs-Beschau jedoch eine andere Frage auf, die ich für viel naheliegender halte. Ein Szenario, das greifbarer ist und mit dem wir uns daher besser auseinandersetzen oder darauf geeigneter reagieren können:
Hat schon einmal jemand daran gedacht, dass jeden Tag irgendwo für irgendeinen Menschen gerade die Welt untergeht?
Seine Welt?
Dass es gar nicht so selten ist?
Dass es nicht derart vage oder abstrakt ist wie die Ankündigung, mit der wir uns gerade herumschlagen oder mit deren Berichten uns die Medien zupflastern?
Naturkatastrophen, Terrorakte, Amokläufe, Kriege, Unfälle, Krankheiten, familiäre Zerwürfnisse, Tod eines nahestehenden Menschen, Notsituationen aller Art … alles Auslöser, die eine (persönliche) Welt untergehen lassen.
Die Welt eines oder auch mehrerer Menschen.
Immer wieder!

Würden auch diese betroffenen Menschen immer nur davon reden, dass sie jetzt gerade nichts tun könnten, weil doch Weltuntergang sei oder sich nicht getrauten mit dem Hinweis auf ein vielleicht kommendes Ende ihrer Welt?
Nein, sie würden für sich überlegen, ob sie damit weiterleben könnten und dann handeln. Und das Wissen um die Möglichkeit des Verlustes, würde sie dazu bewegen, sich ihrer Zeit bewusst zu sein und Dinge noch vorher zu tun – weil manche Momente und Gelegenheiten unwiederbringlich sind!

Mich stört das sinnlose Vergeuden der Zeit.
Mich irritiert das Verhalten, als hätten wir grundsätzlich noch alle Zeit der Welt – nämlich nach dem Untergang, an den nicht geglaubt wird.
Wir wissen nie, wie viel Zeit noch ist!

Es wird kein Langzeit-Mayakalender sein, der uns persönlich darauf hinweist, wann unser Ende gekommen ist. Es wird auch nicht als Neuigkeit in der Zeitung zu finden sein. Überhaupt sollte sich jeder darüber im Klaren sein, dass es nicht unbedingt erst dann passiert, wenn er damit rechnet! Es wird nicht immer gewartet, bis wir unseren Kram endlich geregelt haben!
Und was bedeutet das?
Es bedeutet nicht, dass Sie jeden Tag Angst haben müssen, dass Sie dran sind.
Es heißt nicht, dass Sie nicht heute noch etwas beginnen können – selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Sie es nicht mehr lange fortführen könnten …
Es heißt nicht, dass Sie von nun an grundsätzlich vorpreschen müssen, panisch alles erledigen müssen …
Es heißt nur, dass Sie die Zeit nutzen sollen und bedeutet, dass sie wirklich kostbar ist!
Zu schade zum Vergeuden.
Schieben Sie nicht alles auf die lange Bank!
Und schieben Sie nicht diesen dämlichen Weltuntergang vor!

Wenn Sie noch irgendetwas Unerledigtes zu tun haben, irgendetwas, das Ihnen am Herzen liegt, dann tun Sie es jetzt!
Sie können es nicht vorher wissen – aber es könnte die letzte Chance sein!
Tun sie es deshalb.
Nicht, weil die Zeitung schon wieder reißerisch den 21. Dezember erwähnt.

Diese Art Weltuntergangs-Gedöns legen wir nun zu den Akten.

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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Bloglesernachfrage: Was ist bitte RTV? – Heute die ganze Geschichte dazu

Kürzlich im Blogbericht über die Walking Acts der Teilnehmer des Model Contests QUARREE GESICHTER 2013, fiel meinerseits eine kleine Bemerkung, die offenbar doch nicht völlig unbemerkt blieb.
Ich schrieb über die Art und Weise, wie eine Rolltreppe nicht nur befahren, sondern regelrecht benutzt wird und erwähnte im Nachsatz eine Veröffentlichung, in der ich (meinen) RTV beschreibe.

Auf Nachfrage, was es damit auf sich hat, folgt hier die ganze Geschichte (in einer etwas anderen Fassung als bei der Erstveröffentlichung für und via Goodnewstoday.de). Für Hörer vorab die Links zur Podcast-Version via Audioboo (Teil 1-3)
http://audioboo.fm/boos/863962-die-diagnose-lautet-rtv-teil-1
http://audioboo.fm/boos/863972-die-diagnose-lautet-rtv-teil-2
http://audioboo.fm/boos/863975-die-diagnose-lautet-rtv-teil-3

Die Diagnose lautet RTV …

Titelbild im Blog für: Die Diagnose lautet RTV

Bevor Sie Schlimmes vermuten, möchte ich vorwegnehmen: es ist alles halb so schlimm. Es ist auch nicht direkt lebensgefährlich. Allerdings – unter Umständen chronisch!
Es ist nicht ganz auszuschließen, dass es ansteckend sein kann. Es gibt weiterhin keine Altersgruppe bzw. kein Geschlecht, das von vornherein eindeutig immun dagegen wäre, geschweige denn, dass es  eine Impfung dagegen gäbe! Entsprechende zugelassene Medikamente sprechen überhaupt nicht an, und die Rückfallquote fällt extrem hoch aus.
Ihnen ist klar, wovon ich spreche, oder?
Bitte? Nicht?
Liebe Leser, das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Sie kennen doch garantiert den Rolltreppenvoyeurismus, kurz RTV!  Ich erkrankte daran vor ein paar Jahren. Ich denke, es erwischte mich in einem schwachen Moment …

Nach der Arbeit im Büro war mein Kopf weiterhin ziemlich intensiv mit den dortigen Themen beschäftigt. Selbst das Einkaufen, welches ich gleich im Anschluss auf dem Heimweg erledigte, taugte nicht wirklich zur Ablenkung. Ich war erschöpft, bepackt, durstig und hing gefühlsmäßig irgendwo zwischen Büroausgangstür und Privateingangstür.
Es war nicht das erste Mal, dass ich genau dort einen Cappuccino trank, dort im Einkaufszentrum in einem dieser Coffee-Läden mit der ausgesprochen netten – zurückhaltend netten wohlgemerkt – Bedienung. In diesem Coffee-Shop, in dem es schmeckt und die Preise moderat sind. Ich hatte an diesem Tag aber das erste Mal einen Platz mit Blickrichtung in das Ladenzentrum.

Die aufgeschäumte Milch genüsslich vom Cappuccino löffelnd, schaute ich gedankenverloren auf die direkt quer vor mir auf- und abführenden Rolltreppen. Nach kurzer Zeit passierte etwas sehr Merkwürdiges. Mein überfüllter Kopf leerte sich, entspannt lehnte ich mich zurück und beobachtete einfach nur die Menschen, die sich diesen Treppen näherten. Mir war nie wirklich aufgefallen, was dort alles los ist und wie unterschiedlich alles verläuft, wie viel allein die Art, die Rolltreppe zu betreten und zu benutzen über die Personen verrät. Ich maße mir nicht an, jeden Gedanken der Person zu erraten, aber wenn ich es Ihnen ein bisschen beschreibe – dieses Leben auf der Rolltreppe – vielleicht wissen Sie dann, was ich meine.

Nehmen wir als erstes die Kinder.
Für die ganz Kleinen heißt das, sie nähern sich unverkrampft, schauen erstaunt, weil auf einmal der Weg wegläuft. Sie wollen hinterher – völlig angstfrei. Das ist Abenteuerdrang, aufkommende Neugier, Unternehmungslust pur. Meist ist dann ein nicht angstfreies Eltern- oder Großelternteil dabei, das aufgeregt darauf hinweist, dass jetzt An-die-Hand-nehmen angesagt ist. Unter Protest, heftiger Gegenwehr und lautstarkem Ich-kann-das-aber! wird das Hindernis bewältigt, und ein seliges Strahlen erhellt die Miene.
Ältere Kinder rennen vorweg, nehmen bewusst die falsche Rolltreppe, die, die nach oben fährt, obwohl sie nicht gar nicht dorthin möchten und laufen begeistert entgegen der Laufrichtung. Sportersatz, Ausgleich für den Bewegungsmangel, für langes Sitzen in der Schule.
Geschwister rangeln um die besten Plätze (ICH fahr zuerst! – ICH fahr neben Mama!).

Erwachsene sind in dieser Hinsicht uninteressant. Sie wissen, dass sie es irgendwie schaffen, hoch oder runter zu gelangen. Bitte bloß nicht mehr Einsatz als nötig. Man könnte also meinen, hier gäbe es nichts zu gucken. Ich sag nur: weit gefehlt! An ihnen kann ich mich gar nicht satt sehen.
Da wäre zuerst der unsichere Typ:
Er/sie geht langsam, bleibt die ganze Zeit auf derselben Stufe, die Hand liegt auf dem Handlauf. Der Blick geht ausschließlich in Fahrtrichtung. Die Aufmerksamkeit gilt nur der Treppe, es wird nicht nach links und rechts geschaut, schon gar nicht zurück nach unten. Bereits fünf Meter vor dem Ende der Treppe steht die Person in Absprungposition, um die Treppe dann zügig zu verlassen. Die Züge entspannen sich: Puh, geschafft!
Der geistesabwesende Typ:
Er/sie stolpert gewissermaßen auf die Treppe, steht still, fährt ausdruckslos und merkt oben häufig nicht sofort, dass schon Schluss ist. Fährt mit den Schuhspitzen auf die Auslaufplatte, wundert sich kolossal über das abrupte Stoppen, schaut ertappt in die Runde und verlässt dann diesen Bereich mit betretenem Blick nach unten, als sei es ihm nachträglich noch peinlich.
Der bepackte Typ:
Genial, wie manche es schaffen, bepackt mit dicken Tüten und Kartons, die Rolltreppe zu meistern. Wahre Künstler! Der Blick auf die eigenen Füße ist unmöglich, aber durch vorsichtiges Vortasten und Ausbalancieren zeigt sich hier, wer Anfänger und wer Profi ist. Handelt es sich um Paare, herrscht Arbeitsteilung insofern, als dass sie ihren Packesel freundlich auf die Rolltreppe lotst, geleitet und ihn auch noch fröhlich schnatternd bis oben unterhält! Für ein Nicken hat er gerade noch Platz, falls nicht der oberste Karton seiner Ladung zwischen Brust und Kinn eingeklemmt ist.
Die schmusigen Typen:
Jüngere Pärchen nutzen die Rolltreppen zu einem erstaunlich großen Teil zum Schmusen.
Die einen sind die Nebeneinander-Schmuser. Die gleichberechtigten sozusagen. Auf gleicher Stufen- bzw. Augenhöhe stehend kommt man sich näher, um dann rechtzeitig oben gemeinsam abzuspringen.
Die anderen sind die Der-Kleinere-geht-vorweg-Schmuser. Meist betritt sie als Erste die Treppe, dreht sich auf ihrer Stufe um 180 Grad und ist in perfekter Kusshöhe mit ihrem Liebsten, der eine Stufe tiefer vorwärts fährt. Oben entsteht gelegentlich Kuddelmuddel, sie wird jedoch meist von ihm ‚gerettet‘- was dann einen Dankeskuss extra für den heldenhaften Retter nach sich zieht.

Kommen wir  zu den Personen, die offenbar nicht so viel Zeit haben:
Die eiligen Typen:
Sie nähern sich bereits im Sturmschritt und steigen auch auf der Rolltreppe zusätzlich die Stufen zu Fuß empor. Etwaige Hindernisse (sprich andere Personen) werden entweder zur Seite gedrängt oder mit recht nachdrücklichem und anschuldigendem Ton darauf hingewiesen:
Man steht rechts und geht links!
Hierzu wird üblicherweise freihändig gefahren. Hatte die Am-Hindernis-vorbeikommen-Methode keinen durchschlagenden Erfolg, bleibt der Eilige notgedrungen dahinter, wird nun jedoch zum Guck-mal-wie-dicht-ich-aufrücken-kann Fahrer bzw. zum Magst-du’s-wenn-ich-dir-in-den-Nacken-puste Typen. Die Finger veranstalten Trommelwirbel auf dem Handlauf, die Position der Beine ändert sich sekündlich.
In diesem Fall gibt es für die Bedrängten zwei Möglichkeiten: entweder vorbeilassen oder umdrehen und zurückpusten.

Rolltreppen-Typen, die auch mit den Fingern auf dem Handlauf zugange sind, haben dafür noch völlig andere Gründe. Sie haben oftmals einen imaginären Song oder Takt im Kopf, den sie nachspielen, tragen vielleicht sogar Stöpsel im Ohr und erleben gerade Rammstein.
Frauen nehmen weniger einzelne Finger, sondern platzieren vielmehr die ganze Hand auf dem Handlauf. Nicht so sehr aufgrund unsicheren Standes, sondern vermutlicherweise deshalb, weil es häufig sie sind, die unter kalten Händen leiden. Der Handlauf ist eine tolle Wärmequelle!

Der sportliche Typ:
Er (seltener sie) steht mittig auf der Rolltreppe, legt die Hände links und rechts auf den Handlauf und funktioniert den fahrbaren Untersatz kurzerhand zum Stufenbarren um. Leichtes Abheben der Füße und entspanntes Hin- und Herpendeln etwa 10 cm über dem geriffelten Boden. Interessant, wenn es zu Level 2 kommt,  die Laufgeschwindigkeit des Handlaufs nämlich nicht mit der der Fahrtreppe übereinstimmt. Dann erfolgt die Landung auf einer anderen Stufe als der Absprung.

Es ist wirklich nicht so, dass hier schon Schluss wäre mit der Artenvielfalt. Ach, es gibt noch so viel mehr Varianten und Typen!
Die Synchron-Eisschlecker,
die Mein-Gott-wo-bin-ich-hier-bloß Typen,
die Kinderwagenstemmer,
die Gelangweilt-Gucker,
die Kontaktsucher (Blick schweift angelegentlich in alle Richtungen und verharrt auf einzelnen weiblichen Personen),
die Ertappten (sie schauen ebenfalls umher, möchten jedoch nicht dabei erwischt werden),
die Showtypen (Hossa, jetzt komm ich!),
die Schuhzubinder,
die Ich-beweg-mich-noch-langsamer-als-die-Treppe Typen,
die Hintereinander– und die Nebeneinander Fahrer, die, die ein Bein hinauf auf die folgende Stufe stellen und das andere zwei Stufen zurück. Das sind die Spagatkünstler – ob wohl auch im wirklichen Leben? Ein Bein in der Zukunft, das andere noch in der Vergangenheit?

So viel zu beobachten …
Wenn wenige Menschen zeitgleich unterwegs sind, wird auf der Treppe immer mindestens eine Stufe dazwischen frei gelassen. Das gleiche Phänomen, das Sie auch beim Arzt im Wartezimmer antreffen. Wer dort wagt, sich direkt neben eine zweite Person zu setzen, solange noch mehr Stühle frei sind, wird sofort als Sittenstrolch angesehen.
Interessant auch, wenn die Rolltreppe versehentlich stoppt oder generell nicht funktioniert. Die Reaktionen reichen von erstaunt bis genervt und es gibt ein ungelenkes, unharmonisches Gestakse auf den Stufen, da man seinen verlorenen Gehrhythmus kaum wiederfindet. Das wiederum liegt daran, dass die Stufenhöhe einer Rolltreppenstufe einfach mit der Normschritthöhe nicht kompatibel ist.
Wir Menschen sind übrigens fürchterliche Gewohnheitstiere. Zu merken ist das sehr deutlich an der Reaktion, sobald eine Rolltreppe einmal umgestellt wird, was bei Wartung und Reparatur an anderer Stelle gelegentlich vorkommt. Ersatzverkehr. Die Fahrtrichtung wechselt. Jeder ist gewohnt, dass sie hinauffährt – nur heute tut sie es tückischerweise nicht: sie fährt halt abwärts.
Es ist nicht einmal Schadenfreude, die ich beim Zuschauen empfinde, es ist einfach schieres Entzücken, so viele verschiedene Gesichtsausdrücke und Gefühlsregungen zu sehen!

Ich gebe es zu: es ist so etwas wie eine leichte Sucht. Ich habe es seitdem öfter getan, habe RTV betrieben.
Ist es nun eigentlich eine schwere Krankheit, ein hartes Los, dieser Rolltreppenvoyeurismus?
Es ist mehr wie ein kleiner Schnupfen. Im Gegensatz zum allgemein bekannten ‚gemeinen’ Voyeurismus, den ich – wollten wir auch hierfür einen Vergleich heranziehen – doch eher als Schweinegrippe bezeichnen würde …

Mein zeitweiliger RTVSchnupfen macht mir jetzt nicht so extrem viel aus.
Neulich hatte ich allerdings auch so ein Kratzen im Hals …
Wenn das bloß nicht KSV war, der Kassenschlangenvoyeurismus.
Und gelegentlich muss ich hüsteln. Ein Zeichen von ZMV. Dieser Voyeurismus tritt auf, wenn man Zugmitreisende genau unter die Lupe nimmt …

Aber sonst geht es mir gut!

©Juni 2012 by Michèle Legrand


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Du sollst es lassen…!

Theoretisch – rein von der chronologischen Abfolge her – wären jetzt ein oder mehrere Blogposts über meinen kürzlichen Leipzig-Aufenthalt an der Reihe. Nur – wie es manchmal so passiert –  während ich gedanklich noch am Vorsortieren bin und passende Fotos auswähle, ereignete sich vorhin Folgendes:
Es begann harmlos. Mein freundlicher Schuster bot von sich aus an, mir die (in Leipzig) abgelaufenen Absätze an den Schuhen sofort zu reparieren. Sofort wäre gleich und gleich, bedeutete er mir, hieße, ich könne sie in einer halben Stunde bereits wieder abholen. Geschwind akzeptiert, denn das klang doch gut! Ich konnte in der Zeit schon Gemüse kaufen. Gesagt, getan und danach wiederum kam der Moment, in dem ich erstaunt bemerkte, dass gelegentlich eine halbe Stunde doch länger ist als gedacht. Es war immer noch Zeit und somit ging es gar nicht anders: ich musste eine Kaffeepause in der Eisdiele einlegen ;). Hätte ich allerdings vorher gewusst, was mich dort erwartet, hätte ich heute um sie einen weiten Bogen geschlagen…

Mein Milchkaffee ist schon gebracht, und ich löffle vergnügt so lange geschlagenen Milchschaum ab, bis an einer Stelle ockerfarbene Flüssigkeit freigelegt ist und ich trinken kann, ohne einen weißen Bart zu bekommen. Der größere Tisch neben mir mit der Zweisitzerbank und den beiden Stühlen ist noch unbelegt.
Sie nähern sich geräuschvoll. Oma, Tochter (Mama) und Kleinkind (Tochter/Enkelin, knapp zwei Jahre alt). Etwas unkoordiniert werden Stühle verrückt. Die Räder des Buggys schlagen an das Tischbein. An meins. Mein Kaffee schwappt. Sie merken nichts. Ich sage auch nichts, denn sie sind sowieso intensiv mit sich beschäftigt. Die Sitzplatzwahl dauert geraume Zeit. Oma möchte erst auf die Bank, stellt aber fest, dass sie später von dort wohl nicht mehr hoch kommt. Sie wechselt auf einen Stuhl. Die Tochter ihrerseits beabsichtigt hingegen, auf die Bank zu wechseln, kommt allerdings aus ihrem Stuhl nicht mehr heraus. Sie ist aufgrund fülliger Körpermasse zwischen den Armlehnen steckengeblieben. Es quillt seitlich heraus, und der Stuhl kommt mit beim Erheben. Sie kann sich schließlich befreien. Das kleine Mädchen möchte aus seinem Buggy, doch sowohl Oma als auch Mama sind dagegen.
„Leonie, du bleibst sitzen!“
Leonie quengelt. Es ist noch auf Stufe eins. Halblaut und halbernst. Mama antwortet schon auf Stufe sechs. Sehr laut und dreiviertelernst:
„Leonie, wir können auch gleich wieder gehen! Sitz still, und hör auf zu quaken!“
Leonie quakt lauter.
Oma vermittelt. „Leonie, die Tante bringt gleich Eis. Mhmm, Eis!“
Ich finde es immer merkwürdig, wenn fremde Menschen so bezeichnet werden. Die Tante bringt dies, der Onkel macht gleich einen Pieks… Sag dem Mann Guten Tag. Die Frau lässt dich gleich vor. Das eine ist so plump vertraulich. Eine Vertraulichkeit, die gar nicht existiert. Es besteht auch definitiv kein Verwandtenverhältnis. Es klingt nach Verschleierung.
Das neutralere Mann/Frau ist sehr gebräuchlich und im Grunde genommen akzeptabel, doch selbst hier klingt es häufig so, als mangle es an Respekt, oder dem Kind würde ein anderer Begriff nicht zugetraut. Die Dame, der Herr… ? Warum nicht so?
Gib der Dame den Zettel. Sag dem Herrn, dass du vorbei möchtest.
Doch wir gesellen uns wieder zu Leonie und ihrer Oma bzw. Mama, die jetzt die Karte studieren und Eis auswählen. Die Kleine hat in ihrem Buggy einen neuen, relativ großen Plastikball, der noch in seinem kleinmaschigen Netz ist. Da sie gerade überhaupt nicht beachtet wird, schmeißt sie den Ball aus der Karre.
„Leonie, lass das!“ Mama ist wütend.
Oma ergänzt: „Nu is er ab!“
Ich vermute, das ist Deutsch und soll heißen, dass der Ball weg ist. Da Großmama näher dran ist, hebt sie den Ball auf und legt ihn Leonie zurück auf den Schoß. Weiter geht die Diskussion der Erwachsenen bezüglich Malaga-Becher ja oder nein.
Leonie pfeffert erneut den Ball mit Schwung von sich. Mama ist sauer.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen! Du kriegst kein Eis, hörst du, du kriegst kein Eis!“
Geheul.
„Hör auf mit dem Gebrüll, ich kauf dir ja Eis!“
Das Gebrüll verstummt. Die Angestellte der Eisdiele tritt hinzu. Die Bestellung wird aufgegeben. Auch für Leonie. Sie darf kein Schokoladeneis, denn damit saue sie sich immer ein. Erklärt Oma der jungen Servicekraft.
Ich denke, bei einer knapp Zweijährigen muss man damit rechnen, es gehört zum Lernprozess dazu. Essen mit Löffel – und vor allem kleckerfreies Essen – ist nicht einfach. Sonst würden es mehr Erwachsene hinbekommen. Leonie darf immerhin Vanilleeis. Sie wird diese Sorte nicht besser essen, aber vermutlich sind die Flecken weniger auffällig.
Zwischen Bestellung und Eintreffen des Eises vergeht hier immer eine Weile. Leonie windet sich im Buggy wie ein Aal. Sie wird mehrfach zurechtgewiesen und ruppig zurechtgerückt. Die Unterhaltung findet wieder nur unter den Großen statt. Leonie entschließt sich, die erfolgreiche Masche mit dem Ball erneut aufzugreifen. Das runde Ding fliegt.
„ LEONIE!“ So! Nun, musst du ihn holen!“ keift die Mutter.
Ich bin sehr gespannt. Ob Leonie überhaupt laufen kann. Ob es ihr Trick ist, um aus dem Buggy zu kommen. Ob sie den Ball holen wird und letztendlich: Wie wird es weitergehen?
Zu meiner Überraschung steht die Mutter auf und holt den Ball erneut selbst. Was sollte dann diese Ankündigung? Du holst ihn selbst! Von wegen.
Das Netz des Balls hat einen Zipfel und ein Band. Mama versucht nun, dieses Band am Buggy zu befestigen. Leonie möchte das absolut nicht. Leonie brüllt. Mama lässt es sein.
Leonie hat den Ball. Der Ball fliegt.
„Leonie“, Mama ist rot angelaufen, „jetzt kriegst du den Ball nicht mehr!“
Das Mädchen heult wie ein Kojote. Gut, einmal bekommt sie ihn noch.
Leonie wirft.
Mama hat es noch nicht bemerkt, Mama wühlt gerade in der Einkaufstasche.
Oma holt den Ball und beschließt jetzt, es auf eine neue Tour zu probieren.
„Wenn du den Ball wegschmeißt, hat er Aua!“
Leonie hört auf zu heulen und guckt ungläubig.
„Aua?“ kommt es fragend.
„Ja, Aua“, bestätigt Oma.
„Ball weint?“ fragt Leonie.
„Ja, Ball weint“, bestätigt ihr die Großmutter.
„Haben!“ sagt Leonie und deutet auf ihr Spielzeug.
Oma gibt ihr den Ball zurück.
Leonie schmeißt.
Oma holt geräuschvoll Luft. „Leonie, also wirklich!“
Leonie stellt fest: „Ball nich Aua, Ball nich weint.“
Oma schaut grimmig. „Er will jetzt aber nicht mehr zu dir!“ sagt sie.
Kind schaut überrascht.
„Doch!“
„Nein!“
„Haben!“
„Nein!“
Gebrüll.
Zum Glück kommt jetzt das Eis.
Leonie möchte nicht ihre eine Kugel Vanilleeis, sondern den Malaga-Becher der Oma.
„Nein, Leonie, der ist für Oma.“
Gebrüll.
„Du darfst mal probieren.“
Ende des Gebrülls.
Am Ende teilen sich Oma und Enkelin reichlich Malagaeis mit Alkohol.
Leonie hat einen kleinen Plastiklöffel und will alleine essen.
„Leonie, iss ordentlich!“ Das ist Mama, die ermahnt. Und es geht weiter:
„Leonie, halt den Löffel gerade.“
„Leonie, pass auf!“
„Leonie, nicht so viel!“
„Leonie, iss langsam, sonst nehme ich das Eis weg!“
Daraufhin schlingt Leonie. Lieber schnell noch etwas reinzwängen, bevor sie die Ankündigung wahr macht… Die Sorge um ihr Eis war jedoch unbegründet. Selbstverständlich behält sie es weiterhin.
„Leonie, was habe ich gerade gesagt?“
Ehrlich gesagt – keine Ahnung! Es waren so viele Anweisungen und Drohungen, dass ich langsam den Überblick verloren habe.
Leonie ist bedient. Sie schmeißt den Löffel auf den Boden.
„So, Leonie, jetzt kriegst du nichts mehr! Hörst du? NICHTS! Und du brauchst gar nicht zu heulen“, erklärt Mama.
Leonie heult … und bekommt ein wenig Eis zur Beruhigung. Da der Plastiklöffel dreckig ist, hat sie jetzt den Löffel der Mama, der ist größer.
„Du sollst nicht so schlingen, sonst verschluckst du dich und musst husten!“
Leonie muss nicht husten, Mama hustet. Sie hat sich vor Erregung verschluckt.

So geht es munter weiter. Es folgen noch Rügen wegen verschmiertem Mund, Rüffel wegen Löffel in falscher Hand (gibt es eine ‚falsche’ Hand?) und Klagen von Oma sowie Mama, dass man ja nie seine Ruhe hätte, wenn „das Kind“ dabei wäre. Von irgendwo schleicht sich daraufhin bei mir der Gedanke ein, ob Leonie nicht vielleicht auch so von Oma und Mama denkt..
Irgendwann kehrt für eine Weile Stille ein. Das Eis hat seine beruhigende Wirkung entfaltet und besänftigt alle – kurzzeitig. Dann geht es ans Bezahlen, der Aufbruch naht.

Leonie will bleiben. Quaken auf Stufe sieben (recht durchdringend, langanhaltend, unnachgiebig, gepaart mit einer erheblichen Spur Bockigkeit).
„Dann gehen Oma und Mama ohne dich nach Hause, und du musst ganz alleine hier bleiben, hörst du, Leonie, ganz alleine!“ Mama macht dramatisch große Augen und zieht die Stirn in Falten.
Gebrüll aus Trotz und einer Spur Panik.
„Komm jetzt, Leonie. Wir gehen jetzt“, bestätigt auch Oma und zeigt auf Mama und sich. Sie bleiben dennoch beide stehen.
Heulen.
Mama ist am Ende der Geduld.
„Dann sieh doch zu, wie du nach Hause kommst!“
Langsam bekommt Leonie Angst.
„Und das war auch das letzte Mal, dass wir hier Eis essen gegangen sind…!“
„Eis haben will!“ brüllt die Kleine zurück.
Mama kehrt mit Sturmschritten zu Leonie zurück, schnappt sie und alle stiefeln mit der zappelnden Kleinen fort.

Ist das nicht traurig? Unglaublich unsinnig, und tieftraurig?? Was für eine Szene! Ob Oma und Mama auch so ‚erzogen’ wurden? Wäre es nicht so ernst, könnte man über die Situationskomik beinahe lachen. Doch die Kleine tut mir unwahrscheinlich leid. Wir werden alle geprägt. Wie eine Münze. Nahezu unauslöschlich entsteht der Eindruck auf ihrer Vorder- und ihrer Rückseite.  Eindruck machen, Eindruck hinterlassen. Dieser Ausdruck klingt im heutigen Sprachgebrauch meist so, als sei es grundsätzlich etwas Positives. Ist es definitiv nicht. Genauso wenig, wie Vorurteile immer negativer Art sein müssen.
Leonie nimmt alle Eindrücke um sich herum auf, auch die vom heutigen Nachmittag.
Sie hat gelernt, dass das, was gesagt wird, nicht dem entspricht, was getan wird.
Sie hat gelernt, dass sie stört.
Sie hat gelernt, dass man laut sein muss, um selbst Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.
Sie hat den Eindruck erhalten, dass Menschen sich offenbar ankeifen, und Unzufriedenheit normal ist.
Einfach nur traurig.
Wie viel auf ihrer Münze ist schon endgültig geprägt?
Hoffentlich nur ein kleiner Teil der einen Seite…
Hoffentlich bleibt noch viel Platz für Eindrücke anderer Art.

©September 2011 by Michèle Legrand

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10 Kommentare

Banales ist manchmal erstaunlich erstaunlich – oder wie das Gehirn zuweilen trickst …

Gehirn_1

Bild Gehirn (ohne Text): spiegel-online

Banales_ist_manchmal_erstaunlich_erstaunlich_….MP3
Listen on Posterous

Gelegentlich bleibt keine Zeit für eigene Pläne, und Vorlieben kommen schlichtweg zu kurz.
Bloggen zum Beispiel.
Arbeit und noch einmal Arbeit, eine Familienfeier, und wen ertappt man zusätzlich als nicht enden wollende arbeitsbeschaffende Maßnahmen? Haus und Garten.  Ja, leider. Es sind eben nicht nur paradiesische Orte der Erbauung, Erholung und Entspannung, sondern auch Stätten, deren Hege und Pflege Zeit verschlingt …, welche dann zum besagten Schreiben fehlt!
Es ist ein hundsgemeiner Zustand.
Der Mensch fühlt sich verplant, manchmal auch ausgenutzt – auf jeden Fall irgendwie erledigt. Mit einem untergerührten Quäntchen Unzufriedenheit und einem – latent – vorhandenen Fitz Sorge, ob er an alles gedacht hat und alles zeitgerecht schafft.

Manchmal entsteht jedoch – und das ist nun das Merkwürdige daran – trotz aller Arbeit, die häufig auch zeitweilig in die Nähe von Überforderung rückt, gleichzeitig eine Art Unterforderung. Eine geistige Unterforderung, die durch Arbeit im Akkord und unter generellem Zeitdruck verursacht wird und zwar immer dann, wenn viele gleichartige Arbeitsabläufe heruntergespult werden.
Das Hirn ist zwar hoch aktiv, doch sehr einseitig. Es wartet irgendwie auf adequaten Ausgleich. So als möchte es auch seinen anderen Regionen gut versorgt wissen. Wenn es könnte, würde es sicher Kompensationsgeschäfte anbieten:
Ich liefere dir klare Gedanken, Ideen, geistige Fitness, zügiges Arbeiten, strukturiertes Denken, etc., wenn du mir im Gegenzug dazu
a) Zeit zum Erholen und
b) Stoff gibst, der mich interessiert und für Abwechslung sorgt.

Körperliche Belastung ist selbstverständlich ebenfalls da, auch diese oft sehr speziell und unausgewogen. Oder wie nennt man das, wenn sich so etwas wie ein „Bügelarm“ entwickelt, die Gartenarbeit die Bildung eines Quasimodo-Rückens fördert, oder die Dauerarbeit am Schreibtisch vor dem  Computer den Körper herausfordert, Beine schwellen lässt und die Augen belastet.
Auch hier wären Ausgleich oder Tauschgeschäfte sinnvoll.
Zum Beispiel das Prinzip der Payback-Punkte-Einlösung. Ein reges Punktesammeln für Pflichten, einzulösen in Minuten für die eigene Vorstellung von (Frei-)zeitgestaltung. Natürlich alles immer zeitnah, da sonst die Punkte verfallen.
Schluss mit dem Vorhaben: „Nun ja, ich kann ja immer noch Ostern ausschlafen …
Irrtum!
Sofort!
Sonst sind die Punkte weg! Manchmal würde so ein bisschen Druck wirken wie der berühmte Tritt in den Hintern.

Das Thema heute heißt aber Banales ist erstaunlich erstaunlich. Wo bleiben jetzt die Banalitäten? Und wieso sind sie erstaunlich? Widerspricht sich das nicht?
Banales zeigt sich in genau solchen Situationen der Hektik, Zeitnot, Arbeitswut, Schlappheit, etc. Der schon angesprochene Geist sucht sich irgendwann einfach seinen Ausgleich und sein neues Futter selbst. Durch die schon anfallende Beanspruchung für ‚korrekte Arbeitserfüllung’, bleibt ihm häufig nur die Möglichkeit, sich zur Entspannung als Selbstversorger Banalitäten, etwas eigentlich Einfaches mit doch einer Prise Interessantem, gelegentlich Absurdem, zu genehmigen.
Sein automatisch hinzugeschaltetes Gegen- und Kontrastprogramm.
Wenn der Eigner des schönen Gehirns schon nicht selber diesbezügliche Anstalten macht…
In der Nacht sind es Träume, die u. a. zur Verarbeitung des Erlebten mit beitragen, am Tag während der Arbeit ist es nicht als Äquivalent der Tagtraum, sondern ein leichtes Abdriften, unbewusstes Suchen und Wahrnehmen von unwichtigen Dingen, die das Gemüt doch bitte erheitern können.
Was könnte das sein? Was sind solche banalen Dinge?
,Banal’ ist ein recht vielschichtiger Begriff. Picken wir hier die Bedeutung von ‚unmaßgeblich’ oder ‚nicht erwähnenswert’ heraus. Und schauen, ob und wo der Anteil Erstaunliches verborgen ist.
Jetzt habe ich aber langsam Hunger!“ oder auch: „Ich muss noch zum Tanken!“ fällt unter banale Feststellung, Erinnerung, Äußerung – ohne viel Überraschungseffekt oder Erstaunen. Logisch, wenn man noch nichts gegessen hat oder der Tank fast leer ist …
Es ist aber nur die Vorstufe, das Einschalten des Hirns zum Zwecke des Ablaufens eines Nebenprogramms. Die vernachlässigte Hälfte meldet sich und sagt offensichtlich den Sinnesorganen, dass sie nun auch auf andere Dinge als Arbeit anspringen sollen, was sie dann auch sofort und sich brav fügend tun.
Die Augen bemerken unnütze Kleinigkeiten, das Hirn baut aufgenommene Bilder eigenmächtig um und spielt neue Filmchen ab. Der Mensch fragt sich mitten im größten Tohuwabohu, bei Anspannung und weitaus wichtigeren Dingen um ihn herum, staunend:
Was hat denn der Chef dort für einen Fussel auf der Jacke? Sieht aus, wie verlorene Schokolade vom Magnum Eis….
Warum klingelt es immer an der Bürotür, wenn gerade keiner aufmachen kann?
Wie schafft es die Kollegin mit vollem Mund zu telefonieren und dennoch erstaunlich deutlich zu klingen?
Warum lässt sich das Türschloss immer erst beim zweiten Versuch öffnen, so dass jeder beim ersten Versuch denkt, er hätte den falschen Schlüssel?
Wenn das Eichhörnchen dort auf dem Rasen im hinteren Teil des Grundstücks die Walnuss, die es herumschleppt, nicht selbst vergraben hatte (hier gibt es nämlich mehrere Eichhörnchen):  kriegen die kleinen Kollegen dann Zoff untereinander? Erkennen sie ihre Nüsse wieder?
Warum reizt es einen plötzlich, sämtliche vorhandenen Türstopper des Büros zu sammeln, verkehrt herum zu drehen und sie zu stapeln, um auf diese Art eine Miniatur der Cheops-Pyramide von Gizeh nachzubauen?
Warum stellt sich das Bild von Büromonitoren dar (ca. 20 im Raum), die zu rotieren beginnen, sich eigenständig zu einem Kreis formieren und die alle das Meer als Hintergrundbild haben? Dein Platz ist dazwischen in der Mitte, auf deiner Bürodrehstuhl-Insel sitzend, umgeben von Wasser, Strand, Muscheln und Palmen. Und du wendest dich zu Monitor Nr. 20. Der letzte Monitor zeigt den Sonnenuntergang und das bedeutet: Feierabend.
Warum fällt es dir heute auf, dass in der Rechtsanwaltskanzlei Hirsch in München Frau Huhn arbeitet, und bei Firma X in Baden-Baden sowohl ein Herr Schwarz als auch eine Frau Weiß?
Und warum lässt diese Tatsache dein gieriges Gehirn gar nicht mehr los?
Es sucht und scannt dich ab nach weiteren Informationen. Da gab es doch auch die Görtz-Filiale mit Frau Schuhmann, den Tierarzt Dr. Hund sowie den Physiotherapeuten Heiler.
Es fällt dir auf, es gibt tatsächlich häufig Menschen, die ihrem Namen entsprechend einen Beruf gewählt haben.
Herr Koch, der Küchenchef wurde, Frau Rose, die Floristin, Herr Dr. Krone, der Zahnarzt und Herr Gärtner, der Chef einer Firma für Naturteichanlagen wurde.
So und auf andere Art tingelt dein Gehirn nebenher eigenwillig auf eigenen Wegen, berauscht sich an Banalitäten und macht dennoch zusätzlich seinen ‚bezahlten’ Job.

Und weil es so brav war, und dich auf seine unauffällige Weise durch die letzten Tage manövriert hat, dich mit Banalem erstaunt und zu deinem Wohl abgelenkt hat, schreibst du heute wieder Blog. Über ‚es’. Als Anerkennung. Als Belohnung, denn ES hat es sich verdient …

Eichhornchen

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