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Anders als erwartet …

Zarah Leander auf einer Autogrammkarte, die sie in den 70er Jahren am Hamburger Flughafen unterschrieb

Zarah Leander auf „meiner“ Autogrammkarte / Foto: Inge Hallburg

Das waren merkwürdige Momente … Kennen Sie so etwas auch?
Verblüffend!
Oh, Sie waren ja nicht dabei! Wo fange ich an …

Die Dame auf dem Foto hat ganz am Rande eine Rolle gespielt, Sie werden später mehr erfahren. Nur in diesem Zusammenhang fiel mir ein, dass ich eine Autogrammkarte besitze, die sie Mitte der Siebziger Jahre am Hamburger Flughafen überreichte. Voilà!
War Ihre Erwartung jetzt eine andere?
Nahmen Sie an, das Folgende würde ausschließlich von ihr handeln? Nun, Sie liegen knapp daneben. Tatsächlich geht es aktuell um eben diese Erwartungen …
Sie wissen, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Typen von Erwartungen gibt? Sogar weitere, aber bleiben wir bei zwei Varianten. Es geht heute nicht vorrangig um die großen oder gar die bewussten! Nein, viel eher um den unspektakulären Erwartungskleinkram und vor allem unbewusstes Zeugs.
Und um Überraschungen!
Es scheiden sich oftmals die Geister daran, ob Menschen überhaupt Erwartungen haben sollten. Die einen sagen ja – weil es anspornen würde. Das tun sie hauptsächlich in dem Fall, in dem sie positiver Art sind und auf einen selbst gerichtet werden. Erwartungen – auch im Sinne von Ansprüchen – an die eigene Person können tatsächlich antreiben und voranbringen. Die Gefahr ist dort lediglich, dass sie zu hoch gesetzt werden. Vor allem dauerhaft übertrieben hohe Erwartungen blockieren eher. Auch negative Erwartungen zeigen häufig diese Auswirkung.

Die Menschen tun mehrheitlich allerdings sowieso etwas anderes: Statt von sich selbst, erwarten sie mit Vorliebe viel von anderen. Und in dem Fall sind Enttäuschungen vorprogrammiert, denn sie werden selten in diesem Maße erfüllt werden können. Eine ziemlich unnötige, vermeidbare Frustration. Andere sind nun einmal nicht die eigenen Glückszustandhersteller oder Erfolgsgaranten, die einem möglichst viel eigenen Aufwand abnehmen.
Auf der anderen Seite, als Alternative nun gar keine Erwartungen an andere zu haben, ist das nicht auch schlecht? Ganz bös und schlimm? Heißt das nicht fast  – auf die eigene Person bezogen – man hätte keinen Ehrgeiz? Und erst im Hinblick auf andere …. Uiuiui!
Nein! Warum?
Keine hohen Erwartungen an eine andere Person zu haben, bedeutet nicht automatisch, jemandem nichts zuzutrauen! Es bedeutet nur, nicht grundsätzlich davon auszugehen, dass der andere sie kennt oder es als genauso wichtig und als seine Pflicht erachtet, sie zu erfüllen.

Alle Erwartungen dieser Art haben etwas gemein: Sie werden irgendwo bewusst gesteuert, sie sind durchdacht, an ihnen wird noch akribisch herumgefeilt oder sie werden ausgebaut, erweitert. Ein ganz erheblicher Anteil kommt übrigens deshalb zustande, weil man Dinge oder Taten als Gegengabe für etwas erwartet. Ich habe dir doch …, also musst du jetzt auch mir …!

Und?
Nun, diese Variante zur Einstimmung vorweg. Es ist zum einen sinnvoll, sich das Prinzip manchmal zu verdeutlichen. Es schützt davor, sich in etwas Merkwürdiges zu verrennen. Doch im Moment dient es vor allem dazu, den Unterschied zu einem anderen Typ von Erwartungen zu zeigen: Dem oben genannten, dem Typ der lediglich irgendwo im Unterbewusstsein verankerten Exemplare. Nicht konstruiert, nicht geplant. Sie sind einfach da, ohne dass Sie darüber nachdenken.
Wieso?
Aus dem, was Sie ständig erleben und was Ihnen widerfährt, sammelt, hortet und bastelt Ihr Gehirn etwas zusammen. Danach grabscht es eigenständig, nimmt auf, was passiert, speichert alle Angaben zu Ursache, Ablauf, Auswirkung und selbstverständlich auch Ihre Reaktion darauf!
Kommt Ihnen später etwas Ähnliches unter, zapfen Sie ganz intuitiv Ihr Gedächtnis an. Sie rufen flugs und automatisch die Ihrer Meinung nach passenden Erfahrungswerte ab. Sie haben in Millisekunden ein Bild vor Augen, einen Ton im Ohr  etc., und aus den Ihnen zur Verfügung stehenden Speicherdaten entsteht Ihre Erwartung hinsichtlich des Kommenden, dessen, was nun  – Ihrer Meinung nach – passieren müsste. Und? Passiert’s?
Pustekuchen!
Es kommt manchmal ganz anders! Beispiel?

Ich stehe am Sonnabend in meinem Wohnviertel an einer Straßeneinmündung (Claudiusstr./Schloßstraße) und warte an der Ampel  auf Grün für die Fußgänger. Plötzlich nähert sich auf der Hauptstraße lautlos, aber mit wild zuckendem Blaulicht, ein Streifenwagen. Die anderen Autos bremsen ab. Er kommt auf der Gegenspur heran, fährt plötzlich diagonal über die Kreuzung direkt auf mich zu, schleicht dann über die Bordsteinkante, entert so den Gehweg und stoppt knapp neben mir. Motor aus. Stille. Blicke aus dem Fahrzeug.
Ehe ich mich versehe, kommt ein zweites Einsatzfahrzeug auf dieselbe Art heran und hält ebenfalls eine Armlänge vor mir entfernt, nur eben auf der anderen Seite. Mitten auf dem Gehweg! Links Polizei, rechts Polizei. Sie schneiden mir den Weg ab. Die Wagentüren gehen auf …
Wie wäre Ihnen zumute? Was tut sich da?
Alles läuft irgendwie anders als erwartet. Alles ist so verdammt leise. Wieso jaulen keine Sirenen, wieso jagen die Gesetzeshüter nicht die Straße entlang, wieso preschen sie nicht mit quietschenden Reifen vor, wieso brüllt keiner Anweisungen? Wieso stehen außer mir alle anderen Passanten mit ihren Einkaufstüten völlig unbehelligt auf der anderen Straßenseite – ohne Polizei um sich herum?
Ich schwöre Ihnen, ich habe nichts verbrochen, doch seien Sie versichert, in einem solchen Moment huschen ganz viele wüste Phantasien durch Ihren Kopf! Dann fällt Ihnen ein, dass manchmal harmlose Bürger verwechselt werden, irgendwer jemanden fälschlich einer Tat bezichtigt usw.
Mir war mulmig! Wirklich!
Das Wahrnehmen der Waffen macht es auch nicht besser.

Dann blendet sich Ihr toller Verstand ein und raunt Ihnen zu, dass kein Polizist einfach so mit der Waffe herumfuchteln wird, solange Sie still auf dem Bürgersteig stehen. Das alles sind nur Sekundenbruchteile, in denen Ihnen trotzdem tausend Dinge und eben auch Ängste durch den Kopf gehen. Was nun? Ihr Gehirn morst ans Gedächtnis, welches verzweifelt versucht, Ihnen Erfahrungswerte zuzuspeisen.
Nur, da gibt es keine! Der Fall kam nämlich noch nicht vor!
Folglich können Sie auf die Schnelle ersatzweise nur auf das zurückgreifen, was Sie in Büchern und der Zeitung gelesen oder im Fernsehen bei Krimis gesehen haben. Dort kommt die Polizei ausschließlich, um Verbrecher zu jagen. Die Konsequenz? Herzbubbern.
Oh Gott, ich bin ein Verbrecher!
Inzwischen sind die vier Beamten ausgestiegen. Und schon bekommt das Hirn Neues zu verarbeiten. Es sind drei Polizistinnen und nur ein männlicher Kollege. Das Schöne daran, Sie driften gleich von der Sorge, man könnte Sie für einen Verbrecher halten, ab und beschäftigen sich stattdessen mit der Frage, ob es inzwischen mehr weibliche als männliche Polizisten gibt, warum die dritte Frau im Gegensatz zu Ihren Kolleginnen keinen Zopf geflochten hat und warum kein einziger von Ihnen eine Mütze zur Uniform trägt.
Überhaupt keiner!
Meine Erwartung diesbezüglich muss uralt sein, vor Urzeiten abgespeichert, völlig antiquiert. Sie sagt nämlich noch, ein Polizist hat gefälligst eine Mütze auf dem Kopf zu haben. Bei Kälte sowieso. Im Sommer kann man ja darüber reden.

Durch die Ablenkung ist das beklemmende Gefühl also mittlerweile verflogen. Die Beamten wirken inzwischen harmlos, es ist außerdem helllichter Tag. Das schließt kein Massaker aus und auch nicht meine Verhaftung, aber nein, sie haben es nicht auf mich abgesehen, sondern auf das Eckgebäude hinter mir. Sie nähern sich langsam dem Eingang, erklimmen – sich aufmerksam umschauend – die wenigen Stufen bis zur Glastür, versuchen trotz Spiegelungen durch die Scheibe hindurch den dahinterliegenden Vorraum zu inspizieren und verschwinden schließlich im Haus.
Irgendein Alarm wird ausgelöst worden sein. Die leise Anfahrt deshalb, um Täter/Einbrecher – falls Sie sich noch im Haus aufhalten – nicht vorzeitig zu verjagen.

Ich bin erleichtert. Die Ampel zeigt bereits zum zweiten Mal Grün für mich. Beim ersten Mal habe ich mich gar nicht getraut, mich vom Fleck zu bewegen! Nun sehe ich zu, dass ich wegkomme, wer weiß, was sich hier noch entwickelt.
Drüben auf der anderen Straßenseite steht eine zierliche, junge Frau. Typ Engel, feines, blondes Haar in leichten Kringeln fallend. Rein vom Aussehen und ihrer Statur her, vermuteten Sie bei ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine glockenhelle, mädchenhafte Stimme. Als ich mich ihr nähere, ruft sie mir entgegen:
„Was ist denn dort los? Ist eingebrochen worden?“
Glauben Sie mir, gegen sie war Zarah Leanders Stimme (da haben wir sie nun) ein Sopran! Ich habe selten eine Frau – schon gar nicht ein so zartes Wesen! – mit einer derart tiefen Stimmlage gehört. Wäre ein Mann neben ihr gewesen, hätte ich gedacht, da sei ein Bauchrednerteam. Er spricht, sie macht die Mundbewegungen …

Sie sehen, Erwartungen dieser zweiten Gattung taugen auch nicht viel. Nicht alle sog. Erfahrungswerte sind auf sämtliche neuen Situationen übertragbar. Sie leiten gern fehl. Sie verleiten zu Annahmen. zu Schubladendenken. Bleiben Sie lieber offen, durchkämmen Sie von Zeit zu Zeit auch Ihre interne Speicherplatte! Überprüfen Sie sie kritisch, misten Sie Ihr Gedächtnis gelegentlich aus, wenn sich Komisches eingeschlichen hat oder aber ergänzen Sie diesen wichtigen Punkt:
Es ist nicht immer so, wie es scheint!

©Januar 2014 by Michèle Legrand
Michèle Legrand  - ©Andreas Grav

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Geruch, Geräusch oder auch das Ding … Zack! Zurückversetzt!

Kunst mit Hagebutte im Winter ...vergänglich

Kunst mit Hagebutte im Winter …vergänglich

Es gibt etwas, was uns Menschen recht zuverlässig und schnell in die Vergangenheit beamen kann.
Ein Gerät? Eine Neuerfindung?
Nein, an technischem Schnickschnack wird noch geforscht und gefeilt. Doch es geht auch wesentlich simpler.
Tomatensaft. Nelkenseife. Hagebutten. Bier. Schweiß. Gemähtes Gras … Das wären jetzt meine persönlichen Beam-Mittel. Zumindest einige davon.
Und Ihre?
Sie kennen die Situation mit Sicherheit auch: Von irgendwoher dringt unvermittelt ein Geruch, der bei Ihnen etwas auslöst. Sie bleiben stehen und schnuppern. Wollen mehr davon! Oder – ganz im Gegenteil – Sie beschleunigen und versuchen dabei krampfhaft, die Luft anzuhalten.
Da ist ein Gefühl!
Bilder kommen hoch!
Geräusche …, Empfindungen …, Erinnerungen!

Wenn Sie und dieser Geruch zusammentreffen, geht es nicht wie üblich darum, kurz und recht objektiv zu entscheiden, ob Sie dies im Moment als Duft oder eventuell als Gestank, sprich als angenehm oder abartig empfinden.
Sobald Sie ein solch spezieller Geruch erwischt und er offensichtlich bei Ihnen eine Erinnerung auszulösen vermag, läuft das weitere Programm automatisch ab. Ihre heutige, bewusste Beteiligung ist abgestellt – zumindest vorerst massiv unterdrückt.
Vielleicht kommt ein überaus starker Wille danach wieder durch, reißt das Ruder an sich, doch zuallererst, spontan, verknüpfen Sie – wie unter Zwang – diesen Geruchseindruck mit etwas, was Sie in früheren Zeiten erfahren haben.
Sie haben aufgrund der Sinnesreaktion eine Assoziation und rufen ein dazu passendes Erlebnis auf. In Bruchteilen von Sekunden ist alles da – bevor Sie nachdenken und rational reagieren können!
Vielleicht ist dieser Geruch zudem für heutige Zeiten auffällig, weil untypisch und wenig verbreitet. Ungewöhnliche Essensgerüche, der Duft einer altmodischen Blume, selten verwendete Inhaltsstoffe in Reinigungsmitteln oder etwas, das in Textilien haftet, eine besondere Seife mit Nelkenduft etc.  Zumindest kommt dieser Geruch Ihnen vermutlich relativ selten unter die Nase. Dadurch sind Sie besonders sensibilisiert und reagieren noch intensiver, wenn es denn einmal passiert.

Was ist los? Wieso ist das so?

Auch wenn wir es nicht so gern zugeben, wir haben von allem einen  ersten,  häufig stark prägenden Eindruck. Vielleicht ist es nicht schwer, sich das als Fakt einzugestehen, jedoch wir haben ja nicht nur den Eindruck, sondern wir bilden uns danach auch in den meisten Fällen ein Urteil. Was wir in Wahrheit nicht so gern eingestehen, ist, dass wir nicht besonders gut darin sind, ein derartiges Urteil zu revidieren. An der einmal gefassten Meinung oder Sichtweise ist kaum zu rütteln.
Wider besseres Wissen!
Aber das ist die menschliche Sturheit und Unbeweglichkeit. Sie kennen das.

„Michèle, schau mal, was wir dir aus Spanien mitgebracht haben!“ Meine Großmutter reichte mir vor ewigen Zeiten stolz eine ziemlich große Dose mit Tomatensaft. Die Großeltern gehörten der Generation an, welche als erste im Rentenalter Spanien, die Balearen und später auch die Kanaren als Flugreiseziel entdeckte. Ich bekam also echten spanischen Saft von sonnengereiften Tomaten – und reagierte etwas skeptisch. Dickflüssige, sämige Gemüsesäfte waren damals bei mir nicht der Hit. Frischgemüse (Tomaten inklusive), knackig und als solches noch erkennbar, hingegen schon.
„Oh, vielen Dank!“, erwiderte ich natürlich freundlich und stellte die Dose unauffällig zur Seite auf ein Tischchen.
„Probier doch mal!“, feuerte meine Oma mich an, „den haben wir extra mitgebracht!“ Anklagender Blick. „Der schmeckt sehr gut und ist gesund!“
Lange Rede, kurzer Sinn – meine Oma gab nicht eher Ruhe, bis ich mir eingeschenkt und davon getrunken hatte.
„Und? Schmeckt gut, nicht?“ Erwartungsvoll schauende Augen warteten auf die richtige Antwort.
Ich fand, das Zeug schmeckte merkwürdig. Eine Pampe, die dazu überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Geschmack von frischen Tomaten hatte. Leicht modrig. Nur – wie schmeckte Tomatensaft allgemein? Würzte man den anders? Ich wusste es damals nicht.
Keiner glaubte mir, als ich zaghaft bemerkte, er schmecke überaus eigenartig. Leider fühlte sich keiner dazu aufgerufen, selbst einmal zu probieren … Ich weiß, ich drückte mich zurückhaltend aus. Sagte nichts von widerlich, ekelhaft, machte noch nicht einmal Grimassen!  Dennoch hing der Haussegen schief. Ich solle mich nicht so anstellen, ich solle nicht undankbar sein, ich solle jetzt doch bitte ohne diese Zicken den Saft trinken. Wer hätte schon Großeltern, die extra sauschwere Dosen für ihre Enkelin aus Spanien mitbrächten …

Später sprach keiner mehr von Anstellerei. Das war zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass der Saft verdorben gewesen war. Stundenlanges Gewürge, tagelange Übelkeit, Fieber, und letztendlich sogar der Besuch des Notarztes entzündeten Diskussionen darüber, wie es dazu kommen konnte.
Für mich hat Tomatensaftgeruch bis heute eine fatale Wirkung. Ich muss mich sehr zusammenreißen und bin im Flugzeug immer froh, wenn neben mir keiner das rote Zeug ordert. Ich kann dort schlecht ausweichen.
Geruch. Für immer eingebrannt und obwohl ich inzwischen weiß, dass ein einziges Mal ein Saft verdorben war und nicht grundsätzlich alle Tomatensäfte zu Erbrechen führen – trotz allem bleibt die erste Reaktion unverändert.

Warum sind wir so empfindlich, was Gerüche angeht?
Unseren berühmten ersten Eindruck, den erhalten wir durch die Nase. Das, was wir riechen, geht den direkten Weg. Direkt auf unser limbisches System, den Ort, an dem Gefühlsregungen, Emotionen weiterverarbeitet werden.
Kommen wir irgendwohin, passiert es: Zack! Unser vorstehender Zinken erfasst die Lage und verschafft sich einen ersten Eindruck. Prägend!
Alle anderen Auffälligkeiten, die wir mit den Sinnen wahrnehmen – seien sie visueller, akustischer oder auch haptischer Art, all diese Nervenreize müssen hingegen erst in der Großhirnrinde unseres Gehirns aufgebröselt werden. Das dauert etwas länger, ist sehr wahrscheinlich auch komplizierter.
Dass wir uns via Geruchserlebnisse bis in die Kindheit zurück an Erlebnisse erinnern und Erfahrungen mit Gerüchen verknüpfen können, liegt für mich auch darin begründet, dass in den ersten drei Lebensjahren das Geruchsgedächtnis gebildet wird.
Die Eindrücke sind gespeichert!
Auch wenn vieles nicht bewusst ist und oftmals lange Jahre lang im Verborgenen schlummert – beim Zusammentreffen mit dem Geruch wird es hervorgeholt.
Der Nachteil an diesem direkten Weg ins Stammhirn und dem nicht steuerbaren, unbewussten Vorgang ist der, dass wir zwar nun das Erlebnis, den Ort oder einen Menschen passend zum Geruch aus dem Gedächtnis hervorkramen können, doch es funktioniert nicht, sich einen Geruch speziell aufzurufen. Eine vage Vorstellung ja, aber kein wirkliches Geruchserlebnis, nichts Echtes.

Wie ich auf das heutige Thema komme?
Es gibt nicht nur Gerüche allein. Oft ist es auch eine Kombination aus Geruch und Geräusch oder Gegenstand und Geruch/Geräusch, die Erinnerungen weckt.
Das Beamen in die Vergangenheit schafften bei mir vor ein paar Tagen ein Nilpferd (Gegenstand und Geräusch) und der Anblick und das Befingern einiger Hagebutten (Gegenstand plus Geruch)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Nilpferd aus Holz (Hippopotamus)

Im Falle des Nilpferds, sehe ich immer einen meiner Englisch-Lehrer vor mir, der sehr auf seinen Doktortitel bedacht war. Wir mussten ihn immer komplett mit Herr Dr. XY anreden, sonst gab es gewaltig Ärger. Er war insgesamt etwas schwierig, oder wir waren es in dem Alter. Oder beide(s) …
Der Herr Doktor war weiterhin äußerst korpulent. So sehr, dass er gelegentlich in der Türöffnung hängenblieb, wenn die Tür nicht vollständig geöffnet war. Seitdem dies das erste Mal passiert war,  nannten wir ihn heimlich Doc Hippo (von Hippopotamus = Nilpferd) und mussten uns jedes Mal bei seinem Eintreten das Lachen verkneifen. Es klappte so lange, bis wir ein englisches Lied bei  ihm lernen sollten. In dem Song geht es um die Arche Noah und die in das Holzboot steigenden Tiere. Wir kamen damals bis zu genau dieser Strophe, dann war es mit der Contenance vorbei:

The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, hurrah! hurrah!
The animals went in four by four, the great hippopotamus stuck in the door
And they all went into the ark, for to get out of the rain.

Na bitte, die Türgeschichte wurde sogar im Lied festgehalten … Diese Strophe in Zusammenhang mit einer gefassten Miene erforderte schier unglaubliche Willenskraft. Ich denke, die Leistung war damals oscarverdächtig.
Ja, und nun singe ich sie äußerlich bierernst seit letzten Montag (trotz Hustenanfällen, der Infekt ist noch nicht ganz weg).

Die Hagebutten, die ich  gesehen und gerochen habe, möchte ich Ihnen gleich zumindest zeigen. Hagebutten erinnerten mich lange Zeit nur an den blöden Jörg, der mir daraus selbstgemachtes Juckpulver in den Kragen schob. Unschöner Geruch und ein ekelhaftes Gefühl!
Den doofen Jörg fand ich später dann netter …
Haben Sie das auch gemacht? Ich meine, nicht mir jetzt das Pulver … ich meine, ob Sie auch selbst Hagebutten ausgenommen haben, um aus den Körnern und behaarten Teilchen ihr Privatjuckzeug zu kreieren?
Beichten Sie mal! ^^

Kartoffelrose nach der Blüte ... Im August wuchsen diese  prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose nach der Blüte … Im August wuchsen diese prallen, leuchtenden Hagebutten

Kartoffelrose - Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin ...

Kartoffelrose – Es ist Mitte Oktober und die Hagebutten krumpeln vor sich hin …

Kartoffelrose im Winter - die Reste der Hagebutten.  Die kleinen, Nüsschen genannten Körner innen, sind mit einer Vielzahl von Widerhaken bestückt und mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Kartoffelrose im Winter – die aufgesprungenen Reste der Hagebutten. Die kleinen Nüsschen im Innern besitzen reichlich Widerhaken und sind mit feinen Härchen bedeckt, die auch den Juckreiz auslösen, sobald sie mit der menschlichen Haut in Berührung kommen.

Beim Vorbereiten der Fotos für diesen Blogpost entstand das schwarz-weiße Sonderbild, das Sie ganz oben am Beginn des Artikels sehen können.  Auf einmal hatten die verdorrten Hagebutten in ihrem Winterzustand  das Zeug zu einem Kunstwerk …

Außerdem vermitteln sie etwas sehr anschaulich:
Sie zeigen, dass Dinge veränderlich sind. Dass sie im Laufe der Zeit ihre Eigenschaften ändern können. Sie zeigen, dass die Möglichkeit besteht, Bekanntes durchaus auch anders zu sehen. Ungeachtet der Erfahrungen, die sie ursprünglich einmal mit sich gebracht oder der Erinnerungen, die damals hinterlegt wurden. Inzwischen sind im Leben tausend weitere Erfahrungen hinzugekommen. Vielleicht lässt sich dadurch manches relativieren und einseitige, negative Reaktionen und Gefühle wie Abscheu, Ekel oder gar Angst gehören der Vergangenheit an!
Ich wurde übrigens mittlerweile – was Hagebutten angeht – etwas umgepolt. Ich bekam vor einiger Zeit ein sehr liebevoll erschaffenes Werk aus Hagebutten, das hat mich geheilt. Es taucht zwar weiterhin auch die Juckpulver-Variante mit in der Erinnerung auf, nur nicht ausschließlich und zudem weitaus blasser. Selbstverständlich bleibe ich nun schneller und viel länger an dem Schönen hängen …

Nutzen Sie nur diese Chance, speziell über Gerüche, aber auch über Geräusche oder Gegenstände gelegentlich in die Vergangenheit einzutauchen. Oft ist das der einzige Weg! Denn Unbewusstes lässt sich ansonsten nicht gezielt ansteuern.
Dieses Zurückgehen hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die Gegenwart nicht gemocht oder die Zukunft gefürchtet wird!
Es geht nur darum, Verschüttetes zu finden, das uns unter Umständen bis heute in unserem Alltag beeinflusst …

Und nun zum guten Schluss:
Ich wünsche Ihnen Frohe Osterfeiertage! Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie gesund!

©März 2013 by Michèle Legrand

Michèle Legrand - WordPrss.com - ©Foto Andreas Grav

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Gefühlt wie …

Wann sind Sie das erste Mal darüber gestolpert, haben bewusst diesen Ausdruck wahrgenommen?

Gefühlt echt ... (Bronze Mann auf Giraffe von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühlt echt … (Bronze „Mann auf Giraffe“ von Stephan Balkenhol, 2000)

Gefühltes Etwas. Gefühlt wie …
War es in einem Zeitungsartikel, der die gefühlte Inflation erwähnte?
War es beim Wetterbericht, der Ihnen verkündete, die Temperatur läge am Morgen bei 0°C, aber gefühlten -4° Celsius?
Geschah es im Frühjahr nach der Umstellung von Winterzeit auf Sommerzeit? Als Sie morgens aufstehen mussten bei gefühlter noch Nacht?
Oder fiel es Ihnen eher kürzlich Ende Oktober auf, als Ihnen die Stunde zurückerstattet wurde? Wie war das?
Gefühlt wie geschenkt?
Vielleicht erlebten Sie die Bekanntschaft mit diesem Begriff nach unheimlich anstrengenden Tagen, wenn der Kopf gefühlt wie leer war.
Nein! Ich tippe auf eine ausgiebige Party mit durchzechter Nacht, nach der Sie sich vorkamen wie gefühlt 100.
Oder gefühlt tot.
Ein Gefühl, welches häufig in derartigen Situationen erwähnt wird, dessen genauen Zustand jedoch die wenigsten wirklich kennen dürften.

Merkwürdig, merkwürdig …

Derartiges ist relativ häufig im täglichen Sprachgebrauch zu finden. Warum, dazu kommen wir gleich.
Es gibt Unterschiede.
Sie finden  zum einen Weniges, was gefühlt vom tatsächlichen Zustand, Wert, o. a. abweicht und  sich  physikalisch oder auf andere Art erklären lässt – oder  sich gelegentlich zumindest den Anschein gibt, etwas zu sein, was auf irgendeine Weise wissenschaftlich fundiert und nachvollziehbar wäre.
Die schon erwähnte gefühlte Inflation gehört dazu. Sie ergibt sich aus der Tatsache, dass Dinge Ihres täglichen Gebrauchs im sogenannten Warenkorb, der zur Berechnung der Inflationsrate herangezogen wird, nicht verteten sind. Diese – dummerweise gerade Ihre speziellen Einkäufe – sind im Schnitt teurer geworden als das errechnete Mittel, was Ihnen das Gefühl beschert, die Inflationsrate sei viel höher. Es trifft Sie im Grunde aber nur (zufällig) stärker.
Sie kaufen aber auch seltsame Artikel!
Was die gefühlten Temperaturen angeht, gibt es tatsächlich eine Formel, nach der kalkuliert wird, wie exakt (wahrscheinlich) der Mensch die tatsächliche (=gemessene) Gradzahl empfindet.
Sie ahnen es vermutlich, es gibt einen Zusammenhang zwischen Ihrem Empfinden, Ihrem Körperbau, der realen Gradzahl und vor allem den ansonsten noch vorherrschenden anderen Witterungseinflüssen.
Bei feuchter Kälte (Luftfeuchtigkeit spielt eine große Rolle), ungemütlichem Dauerniederschlag und gleichzeitigem Wind (entscheidend ist die Windgeschwindigkeit) sowie entsprechend trostlosem, grauem Himmel (auch die optische Wahrnehmung beeinflusst), kühlt Ihr Körper enorm schnell aus. Prompt sackt die Gefühlt-wie-Gradzahl rasant in den Keller, und der Bibbereffekt tritt schon ein, obwohl Sie sonst gerade erst in sich gehen, ob Sie Ihre Daunenjacke nun bis oben schließen sollen oder nicht.
Umgekehrt bringen ein bisschen Sonnenschein, eine aufgelockerte Wolkendecke, Trockenheit und Windstille eine reguläre Temperatur von 0°C locker auf gefühlte +5°C. Also Daunenjacke wieder auf …
Wenn Sie zufällig an solch einem Tag obendrein noch über ein intensiv hüpfendes Herz und in Wallung geratene warme Gedanken verfügen, wird für Sie aus November im Nu gefühlt Frühling.

Gefühlt gefährlich ... (Warnung vor dem Pinguin)

Gefühlt gefährlich …!

Was stellen wir fest?
Handelt es sich um Themen wie Zeit, Alter, Temperatur, Geschwindigkeit, Gewicht, Geschmack, Lautstärke, Geruch, etc., begegnet uns überall dieses gefühlt wie – allerdings dort in vergleichender und beschreibender Form.
Ohne jeglichen Anspruch auf wissenschaftlich korrekte Auslegung, Berechnungen oder Ergebnisse.
Es ist schlicht und einfach unsere Art der bildhaften Darstellung dessen, was wir empfinden. Ursprünglich unser Bedürfnis, dieses ganz persönliche Empfinden anderen mitzuteilen und vor allem verdeutlichen zu wollen. Plastisch darstellen. Und diese zweite Variante des Gefühlt wie-Ausdrucks, kommt ständig vor. Die meisten Menschen nutzen sie täglich im Gespräch mit anderen.

Diese Ansichten!
Gefühlt wie im Mittelalter!
Die Ausstattung ist ziemlich rückständig.
Gefühlt 60er Jahre.
Sind Sie bereits zur Tagesschau müde?
Ja, gefühlt wie um 23.00 Uhr.
Es ist so heiß und stickig hier!
Gefühlt wie in der Sauna.

Hamburg: Gefühlt asiatisch ...

Hamburg: Gefühlt asiatisch …

Wie benimmt sich denn der?
Gefühlt wie ein Fünfjähriger.
In dem Kleid komme ich mir steinalt/unscheinbar vor.
Gefühlt wie Uroma/Aschenputtel.
Brr, ist das kalt hier!
Gefühlter Kühlschrank.
Es geht überhaupt nicht voran mit der Schlange.
Gefühltes Schneckentempo.
So kriege ich das nicht hoch! Zu schwer!
Gefühlt wie Blei.
Die Haut ist spröde und rau.
Gefühlt wie Sandpapier.
Es schmeckt extrem sauer.
Gefühlt wie Essig.
Den Lärm hält doch keiner aus!
Gefühlte 100 Dezibel.
Mensch, das dauerte wieder!
Gefühlt ewig.
Zu der Vernissage kam kaum jemand.
Gefühlt allein.
Das kriege ich nicht auf die Reihe/Ich weiß es nicht.
Gefühlt doof.
u.s.w.

Es liefert uns eine Vorstellung. Eine nicht allgemeingültige, objektive Einschätzung, sondern ausschließlich die Wahrnehmung des Menschen, der sie verkündet.
Sie kann mit unserer übereinstimmen, muss es aber nicht automatisch! Sie muss überhaupt nicht stimmen!
Gefühlt wie ist nicht Tatsache, gefühlt wie ist es kommt mir so vor.

Alles, was wir mit den Sinnen wahrnehmen – und wie sollte man es auch sonst tun – ist immer und überall eine sehr subjektive Empfindung. Wir hören unterschiedlich, unser Geruchssinn arbeitet verschieden, uns fallen andere Dinge ins Auge, unser Reaktionsvermögen weicht kolossal voneinander ab!
Die logische Folge ist, so verschieden, wie Menschen auf alles und jedes reagieren, so unterschiedlich fällt selbstredend auch das Gefühlt wie aus.
Daher bringt es uns überhaupt nichts, auf dieses Gefühlt wie eines anderen zu pochen, darauf zu verweisen, es gar auf uns zu übertragen! Es muss sich bei uns überhaupt nicht so äußern, es kann für uns das pure Gegenteil bedeuten!

Kräftige Menschen werden lange brauchen, ehe sie etwas gefühlt als schwer wie Blei empfinden.
Wer nicht leicht friert, wundert sich über den Kühlschrankvergleich und würde an gleicher Stelle vielleicht von wie erfrischend – gefühlt wie Abendluft reden.
Ob etwas als lange andauernd empfunden wird, ist immer auch eine Frage des Mögens. Wenn kein Interesse vorhanden ist oder geweckt wird, zieht sich die Zeit endlos in die Länge. Für den einen gefühlt ewig, für den, der sich dafür begeistert, scheint sie zu rasen – gefühlt wie ein Lidschlag.
Krachresistente, lärmgewöhnte Menschen erleben die 100 Dezibel möglicherweise wie gefühltes Gemurmel, genauso wie diejenigen, die Enge und Menschenmassen um sich herum gewöhnt sind, eher von gefühlt belebt, aber kaum jemals gleich von gefühlt wie in der Sardinenbüchse oder wie fast totgetrampelt sprechen würden.

Gefühlt schlafend ...

Gefühlt schlafend …

Und was sagen Sie hierzu?
Ist der Zustand auf dem Schreibtisch ihres Chefs oder Kollegen eher  gefühlt kreativ oder gefühlt chaotisch?
Welches Gefühl überkommt jemanden, der ausnahmsweise einmal den Lift sausen lässt und die Treppe hochstiefelt?
Gefühlt sportlich? Gefühlt berstende Lunge?
Wie ist das, wenn man zum ersten Mal diese merkwürdigen Muscheln vertilgt?
Gefühlt mutig?
Und das Resultat?
Gefühlt wie Glitsche
?
Wie Ihr Beschluss danach?
Gefühlt nie wieder?
Was bewirkt eine Schönheits-OP?
Gefühlt wie neu? Gefühlt sexy? Gefühlt nun arm? Oder gefühlt künstlich?
Was noch?
Ach ja, die Einschätzung des Regenwetters:
Gefühlt leicht feucht oder eher gefühlter Weltuntergang?

Womit wir den Kreis schließen und wieder zum Anfang kommen. Nämlich zum Wetter und den Temperaturen!

Gestern am Morgen war es neblig und kalt.
Gefühlte Minusgrade!
Gefühlt Winter!
Genau das Gefühl suche ich gerade händeringend, denn ich beabsichtige, ein bisschen über den diesjährigen Wandsbeker Winterzauber zu schreiben. Vor einer Woche, am 09. November, war die Eröffnung, aufgebaut wurde alles schon Ende Oktober –  beginnend so um den Dreh, als gerade der wärmste Oktobertag seit Aufzeichnung der Daten seinen Auftritt hatte!
Gefühlt im Sommer!

Gefühlt Sommer ... (19. Oktober 2012 - Wärmster Oktobertag überhaupt)

Gefühlt Sommer … (19. Oktober 2012 – Wärmster Oktobertag überhaupt)

Es tut mir leid, aber da konnte ich einfach noch nicht über Eisbahn, Weihnachtsmann und Grog schreiben!
Gefühlt unfähig.
Aber jetzt könnte es klappen.
Gutes Gefühl.
Vielleicht lesen wir uns dann wieder?
Gefühlt möglich

Bis dahin Ihnen allen ein schönes Wochenende!
Ja, heute ist erst Freitag!
Gefühlt ist es aber schon so weit!

©November 2012 by Michèle Legrand

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„Ach, nun sei doch mal ein bisschen spontan!“

Was haben folgende Begriffe gemeinsam?
Aufrichtig, freundlich, zuverlässig, nett, gepflegt, …
Richtig, sie sind durchweg positiv, d. h. ihre Bedeutung ist klar und sagt uns sofort: Das ist etwas Gutes.
Jetzt laut, nervig, verlogen, angeberisch, herrisch, geizig, selbstherrlich, …
Was stellen wir hier fest?
Genau, diese Eigenschaften werden als negativ empfunden. Eindeutig. Allesamt.
Aber nun: Achtung!
Strebsam, ehrenhaft, dynamisch, flexibel und ganz speziell spontan!
Nun, wie ist das Empfinden?  Genauso eindeutig? Uneingeschränkt positiv?
… Abwägen. Die Waagschale senkt sich anfangs meist zugunsten von positiv.
Doch Moment! Vielleicht eher doch nicht?
Strebsam könnte ebenso gut ein Synonym sein für enorm ehrgeizig. Zu ehrgeizig! Hat da jemand etwa nur die Karriere im Sinn? Geht derjenige gar über Leichen? Oder ist womöglich zu gewissenhaft. Pingelig? Anstrengend. Eine Spaßbremse … ja,  bestimmt ein Spielverderber. Einer, der, wenn in sechs Wochen eine Prüfung ansteht, schon jetzt alle privaten Treffen absagt und die Nase rümpft, wenn andere es nicht so handhaben.
Nächster Begriff: ehrenhaft. Wenn das bloß nicht die Umschreibung für zu genau, zu regeltreu, zu anständig, zu bieder, zu langweilig ist!
Weiter: dynamisch. Hört sich solange gut an, bis der Gedanke „immer“ auftaucht. So ein Dauertornado kann sehr stressen. Vielleicht ist er/sie auch noch unverhältnismäßig laut? Ganz schlimm auch die Pseudo-Dynamischen. Bewahre uns vor den aufgesetzt Energiegeladenen, denn die sind keinen Deut ruhiger! Ständig unter Strom. Und dieser Händedruck! Wirst gequetscht wie eine Zitrone beim Saft pressen …
Die Position der Waagschalen ändert sich.
Jetzt wird es spannend. Wir kommen zu flexibel und spontan. Flexibilität – vor allem im Beruf – wird überall als wunderbar betrachtet und auch gefordert.
Herr Müller, würden Sie sich als flexibel bezeichnen?
Argloses Kopfnicken und ein: Selbstverständlich!
Nun,  Sie sind zwar bei uns als Controller angestellt, aber wir wäre es, wenn Sie übergangsweise der Speditionsabteilung zur Verfügung stehen? Und wir dachten in diesem Zusammenhang auch an eine Nachtschicht. Sie wissen, die Verladungen nach China stehen an … Planen Sie bitte auch ein, dass wir Sie in drei Monaten nach München versetzen werden …
Macht ja alles nichts, die Familie kommt im Rucksack mit. Schulen gibt es dort schließlich auch. Ansonsten bleiben ja Wochenendbeziehung und Pendeln.
Wir sind doch flexibel!
Und spontan sollen wir bitte ebenfalls sein. Logisch, denn Spontaneität und Flexibilität gehören gefühlsmäßig unabdingbar zusammen.
Sind Sie spontan? – Einfache Frage, oder? Sie brauchen nicht zu überlegen.
Natürlich!
Sind Sie auch flexibel?
Aber ja doch!
Wirklich?  Beschreiben Sie doch bitte einmal. Wir äußert sich Ihre Spontaneität?
Sie schauen aus dem Fenster. Es ist Nachmittag. Die Sonne bricht gerade durch. Eigentlich wollten Sie sich hinlegen, doch entscheiden sich nun spontan für einen Spaziergang. Ganz kurzfristige Entscheidung: Sie lassen Ihr Auto gleich ganz in der Garage. Fahren mit der Bahn zu ihrem Wanderziel. Sie gehen nicht rechts herum um den See, sondern links herum. Unterwegs folgt ebenso spontan der Entschluss, einen Kaffee zu trinken. Die Bedienung kommt. Flexibel wie Sie sind, ändern Sie ihre Bestellung im letzten Moment um: Cafè Latte! Auf dem Rückweg wählen Sie einen komplett neuen Weg. Sie Spontanling, Sie! Unerwartet führt Sie der Weg an einem Kino vorbei. Sie passieren direkt den Eingang, und die Plakatwerbung spricht Sie an. Ach was, Sie springt Sie förmlich an! Spontane Eingebung: Ich gehe ins Kino! Rumms! Gott, was sind Sie flexibel!
Unter Umständen finden an Ihrem Abend noch weitere kurzfristige Umplanungen statt. Nächtlicher ausgedehnter Rückspaziergang durch den Park, erst nach Mitternacht daheim, heiße Gulaschsuppe aus der Dose um ein Uhr nachts.
Spontaneität ist doch was Tolles …
Nur  – mal ganz ehrlich – wann klappt das?
Genau, wenn Sie entweder als Single oder maximal als Pärchen unterwegs sind, sich also nur mit sich selbst oder höchstens einer weiteren Personen absprechen müssen. Wenn keine anderen Planungen zeitgleich laufen, keiner zu Hause darauf wartet, dass Sie so langsam wieder eintrudeln. Es klappt, wenn die Pläne nicht mit anderen Terminen – oder präziser gesagt: mit den Terminen anderer –  kollidieren. Je mehr Sie darauf achten müssen, und je mehr Leute Sie unter einen Hut bekommen wollen oder müssen, desto unmöglicher wird eine spontane Handlung.
Trotzdem herrscht weiterhin eine gewisse Ordnung, solange sie alles selbst im Griff haben. Solange es sich um Ihre eigene Spontaneität handelt und Sie die Oberaufsicht führen! Wehe, Ihnen funkt jetzt jemand dazwischen!
Sie werden merken: Spontaneität ist positiv bei Ihnen und negativ, wenn es sich um massive Fremd-Spontaneität handelt, deren Konsequenzen Sie ausbaden dürfen.
Am übelsten sind Sie dran, wenn solche Spontanaktionen im familiären Umfeld losbrechen, nicht von Ihnen stammen, Sie aber dazu auserkoren werden, als Mittelsmann oder Mittelsfrau für die Koordination zu fungieren. Innerhalb der Familie gelten gesonderte Regeln. Da überlegt man sich das Aufstampfen und Weigern doppelt.
Ich hatte so einen Fall am letzten Wochenende. Zuerst mangelnde Information bezüglich einer eventuellen Geburtstagsfeier. Als Mittelsfrau (s. o.) fragt man selbstverständlich nach. Es folgt eine strikte Ablehnung jeglichen Festes und eine unumstößliche Absage desselbigen. Man trägt diese Information pflichtgemäß weiter. Sie gilt – bis einen Tag vor dem Geburtstag. Dann entscheidet sich ‚spontan’, dass doch gefeiert wird. Aber nicht am Geburtstag (den sich alle wohlweislich freigehalten hatten), sondern am Tag drauf. Acht Leute am Sonntag spontan zusammenzutrommeln ist schwierig. Verpflichtungen, Arbeit, Termine, Freunde, Verabredungen. Ich bitte die betreffende Person, doch selbst Rücksprache zu halten und bekomme als Antwort:
Ich muss jetzt los. Kannst du das nicht machen? Sag mir nachher Bescheid, ja? Danke!
Telefonat Ende.
Es kostete Zeit und Nerven. Nicht jeder sitzt am Telefon, nicht jeder ist begeistert. Gefühlt zügig lag ein Resultat vor. Dennoch gab es später Klagen bezüglich der Schnelligkeit der Klärung, der Zuverlässigkeit (es ließ sich nicht 100% sagen, ob die achte Person kann oder nicht) und der später als erwarteten Zeit des Rückrufs. Ich verschone hier mit weiteren Einzelheiten, nur einen Satz, der später fiel, möchte ich noch erwähnen. Als ich mir erlaubte zu erwähnen, dass solch sehr kurzfristige Ideen nicht immer ideal und einfach umzusetzen sind, rief es Entrüstung hervor und dann kam sie, die missbilligende Anklage:
„Ach, nun sei doch mal ein bisschen spontan!“

Ich konnte diesen Satz drei Tage nicht mehr hören. Es löste notgedrungen diese Gedanken zur Spontaneität aus. Zur eigenen selbstverständlich auch.
Vorhanden? Ja? Nein?
Es kommt halt drauf an. In der mir frei zur Verfügung stehenden Zeit, bin ich durchaus spontan. Komme ich anderen hingegen damit in die Quere eher nicht. Vielleicht bezieht sich meine Spontaneität auch mehr auf weniger zeitbeanspruchende Dinge und kann einfach überall, an jedem Ort stattfinden:  Lachen, ins Gespräch kommen, stehen bleiben, staunen, …
Spontan bedeutet auch planlos, unbekümmert  bis hin zu unbedacht und vorschnell. Bei meiner Art von Spontaneität lässt sich das verkraften. Größere Pläne sollten  einfach besser durchdacht sein.
Manchmal entsteht für mich folgender Eindruck: Vielleicht sehnt sich nur der nach besonders viel Spontaneität, der sich selbst in hohem Maße verplant.

PS
Heute  lachte mich die Sonne an, so dass ich mich „spontan“ auf den Weg in die City und an die Alster machte. Davon werde ich in den nächsten Blogposts berichten. Ich habe viele Fotos im Gepäck, vielleicht haben Sie, Lust, mich in Hamburg erneut zu begleiten. Es ging nicht um Shoppen und Schuhe, sondern um Scherben und Spinnen …

Mehr in Kürze …

©Februar 2012 by Michèle Legrand

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Du sollst es lassen…!

Theoretisch – rein von der chronologischen Abfolge her – wären jetzt ein oder mehrere Blogposts über meinen kürzlichen Leipzig-Aufenthalt an der Reihe. Nur – wie es manchmal so passiert –  während ich gedanklich noch am Vorsortieren bin und passende Fotos auswähle, ereignete sich vorhin Folgendes:
Es begann harmlos. Mein freundlicher Schuster bot von sich aus an, mir die (in Leipzig) abgelaufenen Absätze an den Schuhen sofort zu reparieren. Sofort wäre gleich und gleich, bedeutete er mir, hieße, ich könne sie in einer halben Stunde bereits wieder abholen. Geschwind akzeptiert, denn das klang doch gut! Ich konnte in der Zeit schon Gemüse kaufen. Gesagt, getan und danach wiederum kam der Moment, in dem ich erstaunt bemerkte, dass gelegentlich eine halbe Stunde doch länger ist als gedacht. Es war immer noch Zeit und somit ging es gar nicht anders: ich musste eine Kaffeepause in der Eisdiele einlegen ;). Hätte ich allerdings vorher gewusst, was mich dort erwartet, hätte ich heute um sie einen weiten Bogen geschlagen…

Mein Milchkaffee ist schon gebracht, und ich löffle vergnügt so lange geschlagenen Milchschaum ab, bis an einer Stelle ockerfarbene Flüssigkeit freigelegt ist und ich trinken kann, ohne einen weißen Bart zu bekommen. Der größere Tisch neben mir mit der Zweisitzerbank und den beiden Stühlen ist noch unbelegt.
Sie nähern sich geräuschvoll. Oma, Tochter (Mama) und Kleinkind (Tochter/Enkelin, knapp zwei Jahre alt). Etwas unkoordiniert werden Stühle verrückt. Die Räder des Buggys schlagen an das Tischbein. An meins. Mein Kaffee schwappt. Sie merken nichts. Ich sage auch nichts, denn sie sind sowieso intensiv mit sich beschäftigt. Die Sitzplatzwahl dauert geraume Zeit. Oma möchte erst auf die Bank, stellt aber fest, dass sie später von dort wohl nicht mehr hoch kommt. Sie wechselt auf einen Stuhl. Die Tochter ihrerseits beabsichtigt hingegen, auf die Bank zu wechseln, kommt allerdings aus ihrem Stuhl nicht mehr heraus. Sie ist aufgrund fülliger Körpermasse zwischen den Armlehnen steckengeblieben. Es quillt seitlich heraus, und der Stuhl kommt mit beim Erheben. Sie kann sich schließlich befreien. Das kleine Mädchen möchte aus seinem Buggy, doch sowohl Oma als auch Mama sind dagegen.
„Leonie, du bleibst sitzen!“
Leonie quengelt. Es ist noch auf Stufe eins. Halblaut und halbernst. Mama antwortet schon auf Stufe sechs. Sehr laut und dreiviertelernst:
„Leonie, wir können auch gleich wieder gehen! Sitz still, und hör auf zu quaken!“
Leonie quakt lauter.
Oma vermittelt. „Leonie, die Tante bringt gleich Eis. Mhmm, Eis!“
Ich finde es immer merkwürdig, wenn fremde Menschen so bezeichnet werden. Die Tante bringt dies, der Onkel macht gleich einen Pieks… Sag dem Mann Guten Tag. Die Frau lässt dich gleich vor. Das eine ist so plump vertraulich. Eine Vertraulichkeit, die gar nicht existiert. Es besteht auch definitiv kein Verwandtenverhältnis. Es klingt nach Verschleierung.
Das neutralere Mann/Frau ist sehr gebräuchlich und im Grunde genommen akzeptabel, doch selbst hier klingt es häufig so, als mangle es an Respekt, oder dem Kind würde ein anderer Begriff nicht zugetraut. Die Dame, der Herr… ? Warum nicht so?
Gib der Dame den Zettel. Sag dem Herrn, dass du vorbei möchtest.
Doch wir gesellen uns wieder zu Leonie und ihrer Oma bzw. Mama, die jetzt die Karte studieren und Eis auswählen. Die Kleine hat in ihrem Buggy einen neuen, relativ großen Plastikball, der noch in seinem kleinmaschigen Netz ist. Da sie gerade überhaupt nicht beachtet wird, schmeißt sie den Ball aus der Karre.
„Leonie, lass das!“ Mama ist wütend.
Oma ergänzt: „Nu is er ab!“
Ich vermute, das ist Deutsch und soll heißen, dass der Ball weg ist. Da Großmama näher dran ist, hebt sie den Ball auf und legt ihn Leonie zurück auf den Schoß. Weiter geht die Diskussion der Erwachsenen bezüglich Malaga-Becher ja oder nein.
Leonie pfeffert erneut den Ball mit Schwung von sich. Mama ist sauer.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst das lassen! Du kriegst kein Eis, hörst du, du kriegst kein Eis!“
Geheul.
„Hör auf mit dem Gebrüll, ich kauf dir ja Eis!“
Das Gebrüll verstummt. Die Angestellte der Eisdiele tritt hinzu. Die Bestellung wird aufgegeben. Auch für Leonie. Sie darf kein Schokoladeneis, denn damit saue sie sich immer ein. Erklärt Oma der jungen Servicekraft.
Ich denke, bei einer knapp Zweijährigen muss man damit rechnen, es gehört zum Lernprozess dazu. Essen mit Löffel – und vor allem kleckerfreies Essen – ist nicht einfach. Sonst würden es mehr Erwachsene hinbekommen. Leonie darf immerhin Vanilleeis. Sie wird diese Sorte nicht besser essen, aber vermutlich sind die Flecken weniger auffällig.
Zwischen Bestellung und Eintreffen des Eises vergeht hier immer eine Weile. Leonie windet sich im Buggy wie ein Aal. Sie wird mehrfach zurechtgewiesen und ruppig zurechtgerückt. Die Unterhaltung findet wieder nur unter den Großen statt. Leonie entschließt sich, die erfolgreiche Masche mit dem Ball erneut aufzugreifen. Das runde Ding fliegt.
„ LEONIE!“ So! Nun, musst du ihn holen!“ keift die Mutter.
Ich bin sehr gespannt. Ob Leonie überhaupt laufen kann. Ob es ihr Trick ist, um aus dem Buggy zu kommen. Ob sie den Ball holen wird und letztendlich: Wie wird es weitergehen?
Zu meiner Überraschung steht die Mutter auf und holt den Ball erneut selbst. Was sollte dann diese Ankündigung? Du holst ihn selbst! Von wegen.
Das Netz des Balls hat einen Zipfel und ein Band. Mama versucht nun, dieses Band am Buggy zu befestigen. Leonie möchte das absolut nicht. Leonie brüllt. Mama lässt es sein.
Leonie hat den Ball. Der Ball fliegt.
„Leonie“, Mama ist rot angelaufen, „jetzt kriegst du den Ball nicht mehr!“
Das Mädchen heult wie ein Kojote. Gut, einmal bekommt sie ihn noch.
Leonie wirft.
Mama hat es noch nicht bemerkt, Mama wühlt gerade in der Einkaufstasche.
Oma holt den Ball und beschließt jetzt, es auf eine neue Tour zu probieren.
„Wenn du den Ball wegschmeißt, hat er Aua!“
Leonie hört auf zu heulen und guckt ungläubig.
„Aua?“ kommt es fragend.
„Ja, Aua“, bestätigt Oma.
„Ball weint?“ fragt Leonie.
„Ja, Ball weint“, bestätigt ihr die Großmutter.
„Haben!“ sagt Leonie und deutet auf ihr Spielzeug.
Oma gibt ihr den Ball zurück.
Leonie schmeißt.
Oma holt geräuschvoll Luft. „Leonie, also wirklich!“
Leonie stellt fest: „Ball nich Aua, Ball nich weint.“
Oma schaut grimmig. „Er will jetzt aber nicht mehr zu dir!“ sagt sie.
Kind schaut überrascht.
„Doch!“
„Nein!“
„Haben!“
„Nein!“
Gebrüll.
Zum Glück kommt jetzt das Eis.
Leonie möchte nicht ihre eine Kugel Vanilleeis, sondern den Malaga-Becher der Oma.
„Nein, Leonie, der ist für Oma.“
Gebrüll.
„Du darfst mal probieren.“
Ende des Gebrülls.
Am Ende teilen sich Oma und Enkelin reichlich Malagaeis mit Alkohol.
Leonie hat einen kleinen Plastiklöffel und will alleine essen.
„Leonie, iss ordentlich!“ Das ist Mama, die ermahnt. Und es geht weiter:
„Leonie, halt den Löffel gerade.“
„Leonie, pass auf!“
„Leonie, nicht so viel!“
„Leonie, iss langsam, sonst nehme ich das Eis weg!“
Daraufhin schlingt Leonie. Lieber schnell noch etwas reinzwängen, bevor sie die Ankündigung wahr macht… Die Sorge um ihr Eis war jedoch unbegründet. Selbstverständlich behält sie es weiterhin.
„Leonie, was habe ich gerade gesagt?“
Ehrlich gesagt – keine Ahnung! Es waren so viele Anweisungen und Drohungen, dass ich langsam den Überblick verloren habe.
Leonie ist bedient. Sie schmeißt den Löffel auf den Boden.
„So, Leonie, jetzt kriegst du nichts mehr! Hörst du? NICHTS! Und du brauchst gar nicht zu heulen“, erklärt Mama.
Leonie heult … und bekommt ein wenig Eis zur Beruhigung. Da der Plastiklöffel dreckig ist, hat sie jetzt den Löffel der Mama, der ist größer.
„Du sollst nicht so schlingen, sonst verschluckst du dich und musst husten!“
Leonie muss nicht husten, Mama hustet. Sie hat sich vor Erregung verschluckt.

So geht es munter weiter. Es folgen noch Rügen wegen verschmiertem Mund, Rüffel wegen Löffel in falscher Hand (gibt es eine ‚falsche’ Hand?) und Klagen von Oma sowie Mama, dass man ja nie seine Ruhe hätte, wenn „das Kind“ dabei wäre. Von irgendwo schleicht sich daraufhin bei mir der Gedanke ein, ob Leonie nicht vielleicht auch so von Oma und Mama denkt..
Irgendwann kehrt für eine Weile Stille ein. Das Eis hat seine beruhigende Wirkung entfaltet und besänftigt alle – kurzzeitig. Dann geht es ans Bezahlen, der Aufbruch naht.

Leonie will bleiben. Quaken auf Stufe sieben (recht durchdringend, langanhaltend, unnachgiebig, gepaart mit einer erheblichen Spur Bockigkeit).
„Dann gehen Oma und Mama ohne dich nach Hause, und du musst ganz alleine hier bleiben, hörst du, Leonie, ganz alleine!“ Mama macht dramatisch große Augen und zieht die Stirn in Falten.
Gebrüll aus Trotz und einer Spur Panik.
„Komm jetzt, Leonie. Wir gehen jetzt“, bestätigt auch Oma und zeigt auf Mama und sich. Sie bleiben dennoch beide stehen.
Heulen.
Mama ist am Ende der Geduld.
„Dann sieh doch zu, wie du nach Hause kommst!“
Langsam bekommt Leonie Angst.
„Und das war auch das letzte Mal, dass wir hier Eis essen gegangen sind…!“
„Eis haben will!“ brüllt die Kleine zurück.
Mama kehrt mit Sturmschritten zu Leonie zurück, schnappt sie und alle stiefeln mit der zappelnden Kleinen fort.

Ist das nicht traurig? Unglaublich unsinnig, und tieftraurig?? Was für eine Szene! Ob Oma und Mama auch so ‚erzogen’ wurden? Wäre es nicht so ernst, könnte man über die Situationskomik beinahe lachen. Doch die Kleine tut mir unwahrscheinlich leid. Wir werden alle geprägt. Wie eine Münze. Nahezu unauslöschlich entsteht der Eindruck auf ihrer Vorder- und ihrer Rückseite.  Eindruck machen, Eindruck hinterlassen. Dieser Ausdruck klingt im heutigen Sprachgebrauch meist so, als sei es grundsätzlich etwas Positives. Ist es definitiv nicht. Genauso wenig, wie Vorurteile immer negativer Art sein müssen.
Leonie nimmt alle Eindrücke um sich herum auf, auch die vom heutigen Nachmittag.
Sie hat gelernt, dass das, was gesagt wird, nicht dem entspricht, was getan wird.
Sie hat gelernt, dass sie stört.
Sie hat gelernt, dass man laut sein muss, um selbst Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.
Sie hat den Eindruck erhalten, dass Menschen sich offenbar ankeifen, und Unzufriedenheit normal ist.
Einfach nur traurig.
Wie viel auf ihrer Münze ist schon endgültig geprägt?
Hoffentlich nur ein kleiner Teil der einen Seite…
Hoffentlich bleibt noch viel Platz für Eindrücke anderer Art.

©September 2011 by Michèle Legrand

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