Beiträge getaggt mit Poststraße

Stilvolle Treppenhäuser, schöne Fassaden, eigenwilliges Interieur – der Charme Hamburger Kontorhäuser / Teil IV – Das Hübner-Haus und eine kleine Zeitreise

Bei unserem letzten Blogspaziergang vor wenigen Tagen, hatten wir uns (gedanklich) in der Mellin-Passage (Alsterarkaden/Neuer Wall, großes Foto im letzten Blogpost!) verabredet, um  weitere Kontorhäuser in Hamburgs Innenstadt  näher  zu betrachten. Ich sehe, Sie haben sich daran erinnert und hingefunden  …^^

Vorweg:
Ich hatte Ihnen dabei Teil IV der Serie unter Nennung dreier Gebäudenamen im und am Neuen Wall angekündigt. Hier erfolgt nun eine kleine Änderung, da ich gern etwas mehr unterteilen und Ihnen die Häuser in separaten Blogposts vorstellen möchte. Was ich Ihnen ursprünglich zusammen präsentieren wollte, ist jedes für sich auf eine andere Art interessant und hat Anspruch auf eigenen Platz (auch für Fotos) und eigene Annäherung.
Unterschiede? Ja? Welche denn?
Manche Gebäude, wie der in Teil II vorgestellte Laieszhof, warten mit Besonderheiten auf, die es anderswo gar nicht oder kaum noch gibt. Dort ist es neben dem prachtvollen Treppenhaus der Paternoster, der immer noch in Betrieb ist. Sie haben ihn erlebt.
Das Hildebrand-Haus aus Teil III hat ein vom Stil her höchst interessantes, weil eigenwilliges und einmaliges Foyer sowie einen wirklich nachträglich gekonnt integrierten Fahrstuhl.
Im Teil I lag mir daran, Ihnen ein Bild der damaligen Zeit zu vermitteln. Ich erklärte  Ihnen zudem ein bisschen den Hintergrund, warum Kontorhäuser entstanden und verriet mehr über ihre Bauweise. Auch dort werden Sie Unterschiede (standortbezogen) entdeckt haben.

In den kommenden zwei Fortsetzungen wird es zusätzliche Schwerpunkte geben:
Das Hübner-Haus heute, Teil IV, besticht durch seinen schon beeindruckend gestalteten Eingangsbereich, aber es verleitet zusätzlich zu einer kleinen Zeitreise, denn wir werden uns gedanklich mit einem dort früher existierenden Café beschäftigen.
Im danach folgenden Teil V wiederum wird es um das Haus Pinçon und die Art und Weise gehen, wie es vor einigen Jahren aufwändig und detailgetreu nach altem Vorbild restauriert wurde.
Das eine Haus (Hübner) fasziniert vielleicht mehr durch Einzelheiten zu seiner Geschichte, seiner Nutzung, dem Leben im Gebäude.
Das andere (Pinçon) hat wechselvolle Zeiten und (Bau-)Zustände hinter sich, und hier liegt der Fokus auf der Wiederherstellung/Restaurierung.
Das Gutruf-Haus, dessen Bild ich zuletzt als „Appetizer“ mitgegeben hatte, wird zu gegeber Zeit ebenfalls noch vorgestellt.

Doch nun lassen Sie uns starten!

Hamburg - Durchgang Alsterarkaden zum Neuen Wall, Mellin-Passage

Hamburg – Durchgang Alsterarkaden zum Neuen Wall, Mellin-Passage

Aus der Mellin-Passage in den Neuen Wall tretend, wenden Sie sich nach links bis Sie auf die nächste Kreuzung treffen. Das Eckgebäude Neuer Wall 22/Poststraße 2-4 ist das Hübner-Haus, ein 1907/1908 vom Architekten Henry Grell errichtetes Gebäude.
Heute hat genau an der Ecke im Erdgeschoss ein Cartier-Geschäft seinen Sitz, angrenzend in der Poststraße ist die Parfümerie Sahling, deren fantasievoll gestaltete Weihnachtsdekoration Sie vielleicht erinnern. Ich zeigte Ihnen Ende November Fotos der liebevoll gestalteten, teils beweglichen Winter-Dioramen.

Die Hübners besaßen bereits vorher (ab ca. 1884) das Haus am Neuen Wall, welches mit einer recht scharfen Ecke zur Poststraße endete. Georg Hübner kaufte jedoch um die Jahrhundertwende das nebenan liegende Areal Poststraße 2 dazu und plante um 1908 den ersten Stahlbetonbau (Geschäftshaus) in Hamburg.
Das Haus erregte seinerzeit große Aufmerksamkeit!

Hübner-Haus

Hübner-Haus

Die Fassadenstützen sind sehr dicht aneinander gereiht. Für die Vorderfront wurde Sandstein verwendet, die Rückfront ist aus Backstein erbaut.
Wissen Sie noch?

Vorne war es wichtig, Eindruck zu machen und zu zeigen, dass man nicht arm war. Hinten konnte es billiger ausfallen. Da kam der Besucher/Geschäftspartner nicht hin.
Es wirkt von außen auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so anziehend und auffällig, was auch daran liegen mag, dass nach der Umgestaltung durch Schaufenstereinbauten Ausdruckskraft verloren ging.
Dafür ist es im Innern umso schöner!

Schauen Sie sich das einmal an!
Die Eingangshalle hat Mosaiken, die einen wirklich zum Staunen bringen. Gold ist eingearbeitet und neben den Mosaikstreifen befinden sich Marmorinkrustationen.

Hamburg - Kontorhäuser -  Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall -  Foyer mit Goldmosaik und Marmorinkrustationen

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Foyer mit Goldmosaik und Marmorinkrustationen

Das Foyer hat eine richtige Concierge-Loge, die immer noch so aussieht wie damals, als sie eingerichtet wurde, und es scheint, als würde dort jemand arbeiten. In diesem kleinen weißen Häuschen in der Halle brennt die Schreibtischlampe von Zeit zu Zeit.

Hamburg - Kontorhäuser - Hübner-Haus, Poststraße 2-4/Neuer Wall 22 - Die Loge des Portiers

Hamburg – Kontorhäuser – Hübner-Haus, Poststraße 2-4/Neuer Wall 22 – Die Loge des Portiers

Stellen Sie sich vor: In der
Weihnachtszeit wird dort auch dekoriert!

Dann liegen bunte Pakete auf dem Dach der kleinen Kabine.

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Die Loge weihnachtlich dekoriert. Der Concierge hat frei. Das Licht ist aus ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Die Loge weihnachtlich dekoriert. Der Concierge hat frei. Das Licht ist aus …

Nur mir wurde glaubhaft versichert, dass es überhaupt keinen Pförtner/Portier gibt!
Dabei sehe ich ihn förmlich vor mir, wie er über den Arbeitstisch gebeugt Kassenbücher ausfüllt, Vermerke macht, vielleicht in späteren Zeiten Telefonate entgegennahm. Ein distinguierter Herr. Nicht zu jung.
Oder?
Stellen Sie sich nicht auch die Frage, wer dort in früherer Zeit saß, wie er hieß, was seine Aufgaben waren?
Ob man von ihm respektvoll als z. B. Herr Buddenbohm sprach? Den Mann mit der Übersicht.
Oder riefen die Hübners von oben laut und unkompliziert den Vornamen durchs Treppenhaus nach unten?
„Heinrich, die Tür quietscht …!“
„Paul, das Fenster geht nicht zu …!“
Was musste er tun?
Ein Concierge. Das Wort leitet sich ab aus dem Lateinischen.  Conservius bzw.  servus und bedeutet in der Umgangssprache soviel wie Diener oder Sklave.
War er das?
Mit dem heutigen Begriff Concierge, der in einem noblen Hotel Gäste betreut und begehrte Musicalkarten herbeizaubern kann, ein geheimes Notizbuch mit den Eigenarten der Kunden führt, deren Vorlieben kennt – damit hat es sicher nichts zu tun gehabt.
Was dann?
Gab er Auskünfte? Bediente er den Paternoster, wenn es in diesem Haus anfangs einen – wie in vielen anderen Kontorhäusern – gab?
Wies er weiteres Personal an z. B. für die Treppenhausreinigung?
Hatte er aufzuschließen bzw. zu verriegeln und für Licht zu sorgen? Ließ er Besucher hinein, brachte Damen zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Regenschirm zur zuvor herbeigerufenen Droschke?
Regelte er den Lieferantenverkehr?
Denn Lieferanten und auch illustre Kunden hatte die Konditorei und Marzipanfabrik Georg Hübner eine Menge!
Was für ein Bild, wenn die ausgesandten Diener aus hochherrschaftlichen Häusern in Livree eintrafen, um kunstvoll verzierte Torten und edles Marzipangebäck für eine Festivität abzuholen. Vielleicht eine große Party beim Fürsten von Bismarck, vielleicht eine Hochzeit in den feinen Elbvororten. Einige Jahre  immer wieder geschäftiges Hufegetrappel und dampfende Pferdeäpfel vor dem Haus, später die ersten Automobile am Randstreifen.
Was muss dort an manchen Tagen für ein Betrieb gewesen sein!
Vielleicht kannte man auch damals schon Parkplatzsorgen …

Doch wir leben in der heutigen Zeit.
So schauen Sie sich erst gern um und bestaunen das, was heute noch alles außer der Loge des Portiers zu sehen ist.

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus Poststraße 2-4, Ecke Neuer Wall - Holzverzierungen, Mosaikeinfassung, selbst auf dem Marmor weitere Verzierungen ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus Poststraße 2-4, Ecke Neuer Wall – Holzverzierungen, Mosaikeinfassung, selbst auf dem Marmor weitere Verzierungen …

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus, Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Eingangsbereich

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus, Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Eingangsbereich

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus, Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Eingangsbereich

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus, Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Eingangsbereich

Hamburg - Kontorhäuser -  Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Interessante Muster im Treppenhaus ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübner-Haus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Interessante Muster im Treppenhaus …

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Ein Blick hinauf im Treppenhaus.  Geländer anschauen ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Ein Blick hinauf im Treppenhaus. Geländer anschauen …

Hamburg - Kontorhäuser -  Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Marmor, Mosaik, Gold ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübner-Haus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Marmor, Mosaik, Gold …

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall -  ... selbst das Fußboden-Mosaik

Hamburg – Kontorhäuser – Hübner-Haus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – … selbst das Fußboden-Mosaik

Ich war schon mehrmals dort.
Eines Tages, als ich mir wieder einmal alles ansah, kam ein wirklich schon ziemlich betagter Herr durch die Eingangstür, der, wie sich herausstellte, die Praxis eines Orthopäden aufsuchen wollte. Ich hatte gerade im Foyer in einer Ecke eine Glasvitrine mit Porzellan entdeckt und weitere Dinge, die an die Zeit erinnern, in der hier im Haus die „Conditorei und Marzipanfabrik Georg Hübner“ ansässig war und ein Café betrieb.
Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir, dass er das Café noch kannte. Er wäre früher dort gelegentlich eingekehrt, und seinen Orthopäden hätte er letztendlich danach ausgewählt hat, wo er die Praxis hat. Drei hätten für ihn zur Wahl gestanden, er entschied sich für den Arzt im ihm bekannten Hübner-Haus.
Ich fragte ihn, wie lange es denn das Café noch gegeben hätte. Er war sich nicht sicher, aber der Ansicht, dass es schon Anfang der 1960er Jahre nicht mehr existierte. Er hatte recht, später las ich, dass die Vorfahren die Konditorei 1884 gründeten und dass das Café Silvester 1961 schloss.
Erstaunlich, dass es gut 50 Jahre danach immer noch in den Köpfen so vieler Menschen ist!
Es gibt einige wenige Orte, die dieses Phänomen hervorrufen. Der Alsterpavillon in seiner Urform. Das Hansa Variete Theater. Traditionsreiche Einzelhandelsgeschäfte (Feinkost, Buchhandel, Juweliere).
Was machte das Café Hübner so besonders?
Es ging dort seinerzeit hochherrschaftlich zu. Bestellungen für illustre Gäste wurden ausgeführt. Hübner stand für Qualität. Man kam, genoss, führte Gespräche.
Kaffeehausatmosphäre.
Man(n) las seine Zeitung, traf sich unter Seinesgleichen und Damen der feinen Gesellschaft kehrten ein, weil sie hier (erstmals) einen Ort hatten, an dem sie ohne männliche Begleitung ganz ehrenhaft sitzen und Kaffee trinken konnten.
Die Einrichtung und Ausstattung muss zeitweilig umwerfend gewesen sein! Offenbar gab es einen Salon im Stil eines Raumes, wie ihn japanische Fürsten ihr Eigen nannten. Dort befanden sich (nicht ganz bruchsichere) Porzellan-Etagèren sowie aufgetürmte Dekorationen, so dass kaum einer der Café-Besucher es wagte, heftiger auszuatmen, geschweige denn zu husten oder zu niesen.
Ein Bild, das in der Vitrine im Foyer ausgestellt ist, zeigt bereits einen etwas anderen Stil. Hohe Sitzhocker, alles etwas graziler (selbst die Damen).
Haben Sie schon einmal den Herrn mit der Zeitung näher betrachtet?
Er scheint seine Augen nicht so wirklich auf den Zeilen seines Lesestoffs ruhen zu haben. Auf mich wirkt es eher, als hätte er die weiblichen Gäste im Blick …

Hamburg - Kontorhäuser - Hübner-Haus - Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall - Schlichtes Design beim Service, die prunkvolle Zeit ist vorbei. Und wohin schaut der Herr ...

Hamburg – Kontorhäuser – Hübner-Haus – Poststr. 2-4, Ecke Neuer Wall – Schlichtes Design beim Service, die prunkvolle Zeit ist vorbei. Und wohin schaut der Herr …?

Die Zeiten änderten sich, wurden auch härter, was sich durchaus in der Art des Geschirrs zeigt. Wir finden nicht mehr den japanischen Stil mit eher verspielten, zarten, hauchfeinen Tässchen, sondern sehen hier ein recht schlichtes und robustes Service, das es ebenso gut in einem Bahnhofscafé hätte geben können. Günstiger, haltbarer, dennoch typisch. Es war immer noch das Café Hübner, und ich vermute, irgendwann war es einfach zur Tradition geworden.
Man traf sich bei Hübner!
Doch alles Geschichte.
Es kam der Moment, da der Anschluss an die Entwicklung verpasst wurde. Das Leben änderte sich, die Gewohnheiten und Ansprüche der Menschen ebenfalls – nur Hübner zog wohl nicht in dem Maße mit.
Immer nur von den Lorbeeren vergangener Zeit leben, ist nicht möglich. Hübner konnte nicht mehr genügend Kundschaft für sich gewinnen, die Gäste blieben aus.
Der alte Herr im Foyer erzählte mir, dass er sich an recht verschlissene Möbelbezugsstoffe erinnerte … Woher sollen auch Investitionen kommen, wenn zu wenig Einnahmen da sind?
Ein Teufelkreis. Hübner musste schließen.
Alles hat seine Zeit.

Heute geht man dort zum Orthopäden, Zahnarzt oder zu einer im Haus ansässigen Grundstücksverwaltungsgesellschaft.
Nichts mit stilvollem Café …
Was denken Sie, was wohl Herr Hübner zu abwischbaren Plastiktischen, eingeschweißten Donuts und Coffee to go im Pappbecher gesagt hätte?

Auch wenn es das Café nicht mehr gibt –  das Haus steht, und die Gestaltung hier im Foyer ist schon fantastisch.

Hamburg - Kontorhäuser - Hübnerhaus Poststraße 2-4, Ecke Neuer Wall (ehemals Café Hübner)

Hamburg – Kontorhäuser – Hübnerhaus Poststraße 2-4, Ecke Neuer Wall (ehemals Sitz des Café Hübner)

Haben Sie zu Ende entdeckt?
Wie können uns gern wiedertreffen. In ein oder zwei Wochen wird Teil V hier erscheinen. Dann erzähle ich Ihnen, wofür Herr Kuretzky sieben Tonnen Ton benötigte …

Ich hoffe, Ihnen hat das Hübner-Haus ein bisschen gefallen und wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.

Hinweis:
Falls Sie vorangegangene Artikel suchen, finden Sie nachfolgend die entsprechenden Links:
https://michelelegrand.wordpress.com/2012/08/17/demnachst-im-blog-hamburgs-kontorhauser-eine-kleine-einfuhrung-fur-sie/
Teil I:
https://michelelegrand.wordpress.com/2012/08/20/stilvolle-treppenhauser-schone-fassaden-eigenwilliges-interieur-der-charme-hamburger-kontorhauser-teil-i-darf-es-etwas-basiswissen-sein/
Teil II:
https://michelelegrand.wordpress.com/2012/08/25/stilvolle-treppenhauser-schone-fassaden-eigenwilliges-interieur-der-charme-hamburger-kontorhauser-teil-ii-der-laeiszhof-samt-paternoster-und-watt/
Teil III:
http://wp.me/p1zeK1-1iW / Das Hildebrand-Haus

©Januar 2013 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

9 Kommentare

Wenn es in Hamburg regnet: Rathausplatz, zwei Türme und ein Unterschlupf mit bunter Decke

Heute würde ich gern mit Ihnen in den Regen hinaus. Nicht lange!
Ich möchte Ihnen in Hamburgs City etwas zeigen, bevor in diesem Monat eine weitere Folge der Serie
Stilvolle Treppenhäuser, schöne Fassaden, eigenwilliges Interieur –
der Charme Hamburger Kontorhäuser
hier im Blog erscheint.
Entsinnen Sie sich an das beeindruckende Hildebrand-Haus aus dem dritten Teil und die Feststellung, dass es in der Straße Neuer Wall noch mehr zu entdecken gibt? Folgerichtig heißt es demnächst:
Teil IV – Hübner, Gutruf, Pinçon … ein Blick auf die Häuser im Bereich Neuer Wall

Heute sind wir ganz in der Nähe, nur vernachlässigen wir vorerst die Kontorhäuser, da es auf dem Weg dorthin bereits etwas gibt, was es sich anzuschauen lohnt. Wir kommen gleich dazu …
Wissen Sie, was mich manchmal stört?
Mich stört, dass auf Ansichtskarten fast immer Sonnenschein und blauer Himmel zu sehen sind. Meist sogar noch kräftig retuschiert! So unverschämt blau ist der Himmel selbst im Sommer höchst selten …
Es ist genauso unnatürlich, wie die Eigenart, in Rosamunde-Pilcher-Filmen Schottland oder Cornwall ebenfalls immer nur mit strahlender Sonne zu zeigen.
Es ist nicht so!
Und es ist auch nicht so, dass bestimmte Gegenden und Orte nur bei Sonne Charme hätten. Manches ist gerade bei Regen reizvoll. Die Größenverhältnisse scheinen anders, die Farben sind dunkler und kräftiger. Nasses Pflaster wirkt grundverschieden, Metall spiegelt, Granit glänzt. Geräusche verändern sich. Außerdem sind weniger Menschen da, auf einmal ist alles ganz weit. Mitten in der Stadt.
Diese Schönwetter-Postkarten führen leicht zu einer gewissen Erwartungshaltung und haben gelegentlich zur Folge,  dass schlechteres Wetter gleich fürchterlich krumm genommen wird. Manch einer geht dann gar nicht vor die Tür.
Genau das ist heute unser Glück!
Schnappen Sie sich eine Jacke und den Schirm. Es sieht weiter hinten bereits wieder heller aus, vielleicht wird es schon in ein paar Minuten besser.
Ach, einen kleinen Moment bitte noch!
Wir treffen uns heute auf dem Rathausplatz in Hamburg. Sie können Ihn gar nicht verfehlen …

Die City im Regen - Hamburg, Rathausplatz, Blick Richtung Petrikirche

Die City im Regen – Hamburg, Rathausplatz, Blick Richtung Petrikirche

Ist das nicht ein höchst ungewohnter Anblick? Wie oft habe ich Ihnen Bilder präsentiert, auf denen zumindest Teile des Platzes zu sehen waren. Mal waren chinesische Wochen, ein anderes Mal fand der Triathlon statt und die Fläche des Rathausmarktes war für den Einlauf der Läufer präpariert. Bahnen, Tribünen, künstlicher Bodenbelag.
Oder vor ein paar Wochen! Wissen Sie noch? Der Weihnachtsmarkt hatte gerade begonnen, alles war gefüllt mit Holzbuden, Ständen, Lichterdekoration, Tannenbäumen, Pyramiden.

Aber heute – heute haben wir alles fast alleine für uns! Zumindest momentan …

Die City im Regen - Hamburg, Rathausplatz, Blick zu den Alsterarkaden

Die City im Regen – Hamburg, Rathausplatz, Blick zu den Alsterarkaden

 

Jetzt erst lässt sich erkennen, welche Ausmaße der Platz eigentlich hat! Und wenn Sie sich umschauen, sehen auch die von Alexis de Chateauneuf erbauten Alsterarkaden im Regen schön aus. (Haben Sie bemerkt, der Regen wird weniger – schon strömen alle wieder nach draußen …)

Die City im Regen - Hamburg - Blick Richtung Alte Post (Poststraße)

Die City im Regen – Hamburg – Blick Richtung Alte Post (Poststraße)

Lassen Sie Ihren Blick weitergleiten Richtung Schleuse und hinein in die Poststraße. Sehen Sie das rote Gebäude links mit dem hohen Turm? Es ist die Alte Post.
Sie wurde von 1845 bis 1847 erbaut, und wer sich über gewisse Ähnlichkeiten im Stil wundert, etwas, das ihn an die gerade gesehenen Alsterarkaden erinnert, dem sei gesagt, dass Architekt Alexis de Chateauneuf auch hier zuständig war. Auch bei diesem Gebäude ist wieder italienische Renaissance im Spiel, das venezianische Vorbild, die Palazzo-Bauten – wenn auch hier und dort zusätzlich Ergänzungen durch gotisch anmutende Rundbögen aus Sandstein anzutreffen sind.

Hamburg -  Die Alte Post, Poststraße - Einer der  Seiteneingänge - Im EG befindet sich eine Einkaufspassage

Hamburg – Die Alte Post, Poststraße – Einer der Seiteneingänge – Im EG befindet sich eine Einkaufspassage

Hamburg -  Die Alte Post, Poststraße, diesmal vom Hanseviertel Richtung Rathaus schauend ...

Hamburg – Die Alte Post, Poststraße, diesmal vom Hanseviertel Richtung Rathaus schauend …

Hamburg -  Die Alte Post,  Poststraße - Uhrturm

Hamburg – Die Alte Post, Poststraße – Uhrturm

Sie haben den Turm gesehen? Natürlich!
Es ist der Uhrturm, an dessen Spitze sich ab ca. 1838 ein optischer Telegraf befand, der den Endpunkt der Nachrichtenverbindung bis zur Elbmündung, dem zu Hamburg gehörenden Cuxhaven, bildete. Er bekam später einen oktogonförmigen Baukörper zusätzlich obenauf gestülpt, weil man gemerkt hatte, dass der Turm für seine Zwecke zu niedrig war. In dieser Form sehen wir ihn heute hier, und mit diesem neuen Endpunkt wurde 1848 eine optische Telegrafenlinie Richtung Bremen in Betrieb genommen.

Bemerkenswert, dass es endlich ein erstes öffentlich zugängliches Kommunikationsmedium gab, das von Kaufleuten begründet und genutzt wurde. Andere Systeme zuvor hatten immer nur der Verwaltung gedient oder dem Militär!
Diese Erfindung war natürlich noch nicht das Gelbe vom Ei. Wenn Sie sich vorstellen, dass optische Telegrafen nur kurze Reichweiten hatten und es sich beispielsweise um einfache Blinkspiegel handelte. Oder auch komplexere Spiegeltelegrafen. Dann gab es noch Winkzeichen und Flaggensignale.
Alles ein bisschen unsicher, wetterabhängig, kompliziert, und es wurde schwierig bei ungünstigen Sichtverhältnissen.

Kein Wunder, dass kluge Köpfe weiter forschten, und sehr schnell vollzog sich der Wandel zum elektrischen Telegrafen/zur Morsetelegrafie. Die nötige technische Einrichtung hierfür war billiger, einfacher und letztendlich auch günstiger im Unterhalt. Jahrzehntelang gab es weiterhin beides. Das eine schlich sich dazu, das andere verabschiedete sich in kleinen Schritten.
Im Grunde haben wir sogar heute bei der Eisenbahn (Signale) immer noch einen gewissen Teil an optischen Telegrafen
Und bis heute sind trotz aller neuzeitlichen Erfindungen mancherorts auch weiterhin in der Schifffahrt Morselampen für kurze Entfernungen gebräuchlich.
Es reicht an Information, oder?

So, und was sehen Sie direkt in Verlängerung des Turms?
Einen weiteren Turm!

Die City im Regen - Hamburg -  Blick Richtung Alte Post ... und dahinter ... der Fernsehturm (Heinrich-Hertz-Turm)

Hamburg – Der Regen hat nachgelassen – Blick Richtung Alte Post … und dahinter … der Fernsehturm (Heinrich-Hertz-Turm)

Den Heinrich-Hertz-Turm, auch Telemichel (Fernsehtum) genannt oder ganz offiziell: die Funkübertragungsstelle 22 Hamburg. Er wurde in den Jahren 1966-1968 erbaut und ist quasi die moderne Variante des Alten Postturms – ein Neuer Postturm, ca. 120 Jahre jünger.  Hier im trauten Beisammensein …

Es regnet schon wieder …
Ach, Sie haben doch keinen Schirm dabei?
Jetzt schauen Sie nicht so unglücklich! Seien Sie froh, dass es momentan nicht so aussieht:

Hamburg - Alsterarkaden, Kleine Alster und Rathausschleuse im Nebel

Hamburg – Alsterarkaden, Kleine Alster und Rathausschleuse im Nebel

Kommen Sie!
Huschen wir einfach in den Arkadengang der Alsterarkaden,  und ich zeige Ihnen einen Durchgang, eine prachtvolle Abkürzung zum Neuen Wall (den wir uns demnächst vornehmen (s. o.)).
In den Alsterarkaden befindet sich die älteste und kleinste Einkaufspassage Hamburgs: die Mellin-Passage. Dort hat u. a. die Hamburger Bücherstube Felix Jud & Co. ihren Sitz.
Die Decken und höhergelegene Teile der Seitenwände des Durchgangs sind mit wunderschönen, farblich sehr stimmigen Malereien verziert. An vielen Stellen werden die Arkadenformen wieder aufgenommen. Ansonsten finden sich im oder am Mauerwerk zahlreiche Verzierungen, dekorative Vorsprünge oder auch weiter oben eingelassene Bogenfenster (geschlossen).

Hamburg - Durchgang Alsterarkaden zum Neuen Wall, Mellin-Passage

Hamburg – Durchgang Alsterarkaden zum Neuen Wall, Mellin-Passage

Hamburg -  Ein Blick an die Decke der Mellin-Passage (Alsterarkaden/Neuer Wall)

Hamburg – Ein Blick an die Decke der Mellin-Passage (Alsterarkaden/Neuer Wall)

Wussten Sie, dass diese Decken- und Wandbemalung mehr durch Zufall wieder zum Vorschein kam?
Nachdem es Silvester 1989 einen Brand in einem der Geschäfte gegeben hatte, musste ein Teil des Hauses abgerissen und wieder neu errichtet werden. Hauptsächlich fanden bauliche Veränderungen an der Westseite, also am Neuen Wall statt, und bei dieser Renovierung entdeckten Handwerker staunend die Malereien im Stil von Alphonse Mucha …

Hier werden wir uns beim nächsten Mal treffen. Ist Ihnen das recht?
Sagen wir in der Mitte der Passage, wo der Lichthof ist.
Und dann gehen wir hierhin (Appetizer)^^:

Hamburg - Kontorhäuser - Das Gutruf-Haus - Stilvoll und elegant - auch die Farbwahl

Hamburg – Kontorhäuser – Das Gutruf-Haus – Stilvoll und elegant – auch die Farbwahl

Ich freue mich, wenn Sie wieder dabei sind!

Quelle:
Wikipedia half mir mit Wissen über die optischen Telegrafen.

Anmerkung/Hinweis:
Wenn Sie generell gern mit durch Hamburg spazieren möchten, rufen Sie doch hier im Blog einfach die KATEGORIE Hamburg! auf.
Dort werden Sie fündig.

©Januar 2013 by Michèle Legrand

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

10 Kommentare

%d Bloggern gefällt das: