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„Hast‘ Eile?“
„Eile? Hast? Ich?“
„Ja, hast nicht?“
„Was?“
„Eile!“
„Nein, hast du?“
„Nein, hast du nicht Hast, hast‘ ich auch nicht.“
„Genau! Ist’s eilig, eil‘  ich…“
„Jo, wenn’s hastig, hast’ ich.“
„Ach ja?“
„Ja!“
„Du?“
„Ja?“
„Ich hasse Hast!“
„Ich auch….!“

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Wenn Hendrik in Hotels ist …

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_672554
(Alternativlink zum Audiobeitrag, falls der Audioplayer unwillig ist:
-> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_672554

Um es vorweg zu nehmen, es ist nicht so, dass nur Hendrik dieses – nennen wir es einmal fröhlich – Malheur passiert. Es ist nicht einmal so, dass es ein männerspezifisches Phänomen wäre. Und – wenn es denn ein Mann ist – muss er absolut nicht unbedingt Hendrik heißen! (Um ehrlich zu sein, er heißt auch anders, geniert sich aber und möchte daher lieber anonym bleiben).
Worum es geht?
Hendrik ist ein intelligenter, freundlicher, häufig auch sehr aufmerksamer Mann. Beruflich bedingt ist er des Öfteren unterwegs und nächtigt dementsprechend häufig in Hotels. Es verwundert nicht sonderlich, dass er dadurch bedingt Profi im Kofferpacken wurde. Ach was, er ist sowieso ein Naturtalent in dieser Hinsicht! Ob für zwei Tage oder 14, ob für München oder Christchurch, Neuseeland, ob für Temperaturen unter Null Grad oder nahe an der Marke „Sauna“…. Für ihn kein Problem.
Hendrik ist flott. Er denkt und arbeitet effizient. Seine Packart ist als äußerst rationell zu bezeichnen. Was eine Frau als ihr Schminkköfferchen bezeichnen würde, ist seine 14-Tage-Indien Ausrüstung. Selbst fürs Auswandern käme er höchstwahrscheinlich mit Handgepäck aus.
Was ist es nun, was Hendrik Probleme macht? Wo hat dieser gewandte Mann seine kleine Schwäche?
Hendrik lässt gern – zu seinem eigenen Leidwesen – Dinge im Hotel zurück. Es begann alles vor langen Jahren mit einer noch nicht ausgelesenen Zeitschrift.
Meine Güte! Was soll’s! Vergiss es! Ist wirklich nicht tragisch. So wichtig und interessant kann sie auch nicht gewesen sein. Allerdings war dies nur der Anfang.
Bei der nächsten Gelegenheit blieb sein Schlafanzug im Hotel, weil er ihn an einem an der Innenseite der Badezimmertür befindlichen Haken aufgehängt hatte. Natürlich guckt kein Mensch (Mann) noch einmal ins Bad. Wozu auch?
Ach, komm! Neu war der auch nicht mehr. Gibt Schlimmeres. Und doch, ja, er hing auch wirklich recht versteckt. Was tun? Im Hotel nachfragen?  Sollten die es aufheben? Man(n) kommt vielleicht bald wieder? Hendrik wand sich. Es war zu unangenehm, und so verzichtete er auf die Kleidung. Vielleicht wollte er das Nachtgewand aber auf diese Art auch nur  loswerden….
Hendriks nächste Reise bedeutete den Verlust eines Stiftes mit persönlicher Gravur. Doch Hendrik hat schon recht, wenn er ihm nicht so heftig nachtrauert. Mit diesem Stift hatte er wirklich eine undeutliche Schrift – um das Wort Sauklaue zu umgehen.
Danach waren es mal ein Oberhemd, Socken (zum Glück gleich ein komplettes Paar), dann das Aftershave, gefolgt von einem dünnen Überziehpulli. Der blieb übrigens dort, weil er leicht geknüllt auf dem Sessel halb hinter dem Kissen den Unsichtbaren gespielt hatte. Selbst schuld – sozusagen. Genauso wie das Nageletui, das merkwürdigerweise in der Nachttischschublade gelandet war. Hendrik hatte noch höchst erzürnt gefragt, wer denn – bitte schön – dafür verantwortlich gewesen wäre. Beim Aufenthalt einer Einzelperson eine doch relativ leicht nachzuvollziehende Sache. Unser Mann von Welt hingegen hatte ein wenig das Zimmermädchen in Verdacht. Sicher. Es wird so gewesen sein. Eine ehrgeizige, schwer schaffende und sehr gewissenhafte Zimmerfee erkennt man daran, dass sie ungefragt das Zimmerinventar sowie die vom Gast mitgebrachten Gegenstände nach eigenem Ermessen und nicht immer im Sinne des Besitzers umsortiert… Hendrik fand diese Gedankengänge übrigens nicht so witzig und bezeichnete sie als weit hergeholt. Das ist verständlich, denn seine Ideen sind natürlich weitaus realistischer…
Ein wenig später, es war bei einem Aufenthalt in Singapur, vergaß er das Aufladegerät seines Handys. Er zieht gern nur den Stecker vom Gerät, aber nicht aus der Steckdose… Da er ein altes Mobiltelefon besitzt, an dem er zärtlich hängt, half es nichts, hier nach einem neuen Ersatz-Ladegerät zu suchen. Die Stecker sind generell nicht nur von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich, sondern auch noch von Modell zu Modell. Ein Ladegerät für sein antikes Stück gab es im Handel nicht mehr. Die jungen Ladenangestellten schauten auch jedes Mal staunend, manchmal auch panisch – oder sie wurden extra von ihren älteren Kollegen hinzugeholt, um sich das ‚Ding von früher’ einmal anzugucken.
Die Lage war klar. Wollte Hendrik dieses Handy weiterbenutzen, war es nötig, mit dem Hotel Kontakt aufzunehmen.
Würden Sie ihm sein Ladegerät nach Deutschland senden? Per Kurier, versteht sich, denn der Akkustand wurde langsam bedrohlich. Die Hotelangestellten waren zuvorkommend, durchaus willens sein geliebtes Teil vor dem nahen Tod zu bewahren. Allerdings wurden sie dabei anfangs von Auflagen und Regeln gebremst. Man darf nicht einfach so  technisches Gerät einpacken und ins Ausland verschicken. Da haben Staat und Zoll noch ein Wörtchen mitzureden! Es gibt strikte Vorschriften und viele Formulare. Hendrik jedoch ist ein Glückskind. Sein Ladegerät kam drei Tage später unversehrt in Hamburg an, und er verwendet es noch heute.
Weitere Kleinigkeiten der nachfolgenden Monate und Jahre können ausgelassen werden, sie waren nicht weiter erwähnenswert.  Wen interessieren schon Ledergürtel, USB-Kabel, ein Ken Follett Roman, Kopfschmerztabletten oder im Ausland erstandenes Hobby-Material? (Welches ich nicht genau nenne, um die Anonymität nicht zu gefährden)
Hendrik wusste nun um seine Schwäche, was einen annehmen ließe, er würde jetzt sicher vor jedem Auschecken aus einem Hotel, eine  äußerst gründliche Inspektion des Zimmers vornehmen.  Er gesteht sein kleines Schwächelchen mittlerweile durchaus ein, denn irgendwann erkannte auch er, dass seine Zimmermädchen-Theorie löchrig war. Er beteuert nun, eine gründliche Komplett-Zimmer-Kontrolle durchgeführt zu haben – nur…
Nun, wir waren nicht dabei. Vielleicht – wir wissen es nicht – hat er dabei lieber geschlossene Augen.
Als Hendrik vorgestern anrief, saß er im Zug und hatte gerade bemerkt, dass ihm etwas fehlte. Als die Klimaanlage blies, fiel ihm auf, dass er sein Jäckchen nicht dabei hatte. Nun benötigte er geschwind die nicht vorhandene Telefonnummer eines bestimmten Hotels. Dieses neueste Opfer seiner kurzfristigen Vernachlässigung war übrigens ein sogenanntes  Lieblingsstück, auf welches unser weit gereister Hotelgast nun gar nicht verzichten mag.
Es wurde sich mehrfach telefonisch kurzgeschlossen, und im Endeffekt war das Hotelpersonal bereit, gegen eine Aufwandsentschädigung  von 15€ (Porto inkl.) ein Päckchen zu packen und sofort auf den Weg zu bringen.
Wie durch ein Wunder lieferte es die so oft kritisierte Post schon am nächsten Tag aus. Erstaunen löste folgende Aufschrift auf dem Karton aus:
Vorsicht, nicht werfen! Zerbrechlich!
Eine Jacke?
Eine vorsichtige Rückfrage beim Besitzer ergibt nach einigem Herumgedruckse das kleinlaute Eingeständnis, dass es sich wohl um ein Glas handeln müsste. Zusätzlich wohlgemerkt, denn das mit der Jacke stimme schon. Dieses Glas sei ein nach einer Vortrags-Veranstaltung allgemein verteiltes Geschenk und ist offenbar so hässlich, dass unser Mann von Welt und mit Geschmack, es mit voller Absicht zur Minibar gestellt und für den dortigen Verbleib auserkoren hatte.
Tja, Hendrik, … das haben sie dir nun allerdings auch hinterher gesandt!

Später am Telefon.  Ein ungläubiges Wispern in der Leitung: „Das Glas haben die auch geschickt??“
„Ja.“
Stille. Sprachlosigkeit
Bisher hat nichts geholfen, um Hendrik vor seinen Verlusten zu bewahren, von seiner Schwäche zu kurieren. Aber vielleicht, man kann ja nie wissen, leitet dieses ‚traumatische‘ Erlebnis jetzt eine Wende ein…

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Eine merkwürdige Begegnung

Der Link zum Gratis-Podcast -> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_654563

Sie war klein und zierlich, ging mir gerade bis zur Brust. Mokkafarbene Augen, ein straff zurückgenommener Pferdeschwanz mit einem perlenbesetzten Band gehalten.
Inmitten eines Pulks von Menschen war ich an ihr vorbeigelaufen, als sie auf der Bank am Gehwegrand gesessen hatte. Vorbeigegangen, den mit mir und mir entgegenkommenden Menschen ausweichend. Irgendwann hatte ich etwas vernommen:
„Warten Sie bitte einen Augenblick!“
Ich hatte kurz gestutzt, dann für zwei Sekunden angenommen, wohl nicht gemeint zu sein und hatte mich doch plötzlich mitten im Gewühl umgedreht mit der absoluten inneren Gewissheit, dass die Stimme mich gemeint hatte. Woher dieses Wissen kam, weiß ich nicht.
Ihre Schritte näherten sich, sie stoppte unmittelbar vor mir. Gerade noch so, dass ich es, was die Nähe anging, erträglich fand. Da war sie. Klein, still und mich fixierend. Auf meinen um Aufklärung bittenden Blick hin kam eine Frage:
„Möchten Sie etwas über Ihre Zukunft wissen?“
Ach nein, nicht so was!
Die erste Reaktion ist ablehnend, abwehrend, und das äußert sich auch darin, dass ich automatisch zwei Schritte zurücktrete. Im Kopf wird fieberhaft nach einer freundlichen, aber bestimmten Absage, Ablehnung, Entschuldigung – was auch immer – gesucht.
Sie scheint das einkalkuliert zu haben. Sie hört sich in aller Ruhe meine Worte an, nickt sogar bestätigend, und doch dient es wohl nur meiner Beschwichtigung. Als ich ende, beginnt sie zu reden.
Kein Bohren in Form von Fragen nach dem Warum? oder Warum nicht?
Keine Überzeugungsarbeit, indem sie mir einzureden versucht, ich müsste es unbedingt, zu meinem eigenen Wohl, über mich ergehen lassen, müsste es einfach erfahren.
Stattdessen sagt sie mir Dinge über mich. Über Vergangenes. Über die momentane Situation. So speziell, dass ich es nicht abtun kann mit einem: Na, super, das trifft auf jeden zu. Toll reingelegt! Und was mich völlig überrascht: es stimmt absolut!
Sie merkt, dass ich perplex bin. Viele Dinge schwirren mir zeitgleich durch den Kopf.
Da ist Misstrauen, Unglaube, Zweifel, der Wunsch wegzukommen.
Da ist das Wissen, dass es Menschen gibt, die mehr sehen können. Ich habe es selbst schon erlebt (in der Form, dass ich etwas vorher wusste).
Da ist eine eigenartige Starre und das Gefühl, förmlich am Boden festzukleben.
„Es stimmt was ich Ihnen gesagt habe, nicht wahr?“
Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern fährt fort:
„Denken Sie nicht, dass ich jeden anspreche. Ich sehe nicht überall etwas. Doch wenn es so ist, dann suche ich den Kontakt.“
Ich kann es weder bestätigen, noch als Lüge abtun. Ich habe sie weder davor noch danach, noch lange genug auf der Bank gesehen, als dass ich ihr Verhalten hätte  beobachten können.
Sie redet weiter zu mir, und ich merke, dass sie jetzt ihr Wissen hinsichtlich der Zukunft preisgeben will. Ich stoppe sie.
Die ganze Zeit geht mir noch etwas Anderes im Kopf herum: Sie redet nie von Geld für ihre ‚Leistung’. Ist es nicht so, dass diese Menschen auf der Straße es eben genau deshalb machen? Um Geld damit zu verdienen? Ihren Lebensunterhalt? Die einen, weil sie tatsächlich besondere Fähigkeiten haben, die anderen, weil sie gewitzt genug sind, dass es zumindest so wirkt, als hätten sie ein seherisches Talent.
Ich frage sie geradeheraus, doch sie schüttelt den Kopf.
Diese ernsten Augen …
„Wenn mir jemand dafür etwas geben will, werde ich es nehmen, aber ich verlange nichts.“
Ich bin erstaunt, gleichzeitig ein wenig beschämt. Ihr folgender Satz beginnt mit:
„In den nächsten beiden Jahren …“
Nein! Ich halte meinen Zeigefinger vor die Lippen. Sie hält inne.
„Ich möchte es nicht wissen“,  sage ich bestimmt.
„Aber warum denn nicht? Es würde Ihnen helfen!!“
Warum? Warum will ich es nicht wissen?
Und wieder ist da eine verwirrende Mischung aus Unglaube, Zweifel und … Angst! Ja, Angst und ein wenig Trotz.
Mein Leben ist mein Leben!
Ich möchte es allein entdecken und damit zurechtkommen.
Wir trennen uns, ich wende mich um, bin drei, vier Schritte entfernt, als ich deutlich etwas höre. Sie hat noch etwas gesagt. Über die Zukunft …
Ich drehe mich um, aber sie sitzt schon wieder auf der Bank und verhält sich, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Minuten später finde ich mich vor einem Schaufenster stehend wieder. Ich war dorthin gelaufen, ohne es zu bemerken, stand dort seit Minuten, ohne es wahrzunehmen und war erst nach weiteren Momenten des Sammelns und in gewisser Weise auch Abschüttelns wieder in der Lage, die Zeit weiterlaufen zu lassen.

Es passieren manchmal merkwürdige Dinge. Und in meinem Leben gibt es keine Zufälle.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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Heute wieder die Beine gesehen – nicht am Geländer…

Im letzten August lernte ich Traumbeine kennen. Unverhofft.  Darüber habe ich damals via http://www.goodnewstoday.de berichtet. Heute kam ich erneut an diesen Platz des Geschehens und traf sie wieder. Die nicht enden wollenden Beine…
Für alle, die sie nicht kennen auch hier im Blog nachfolgend:

Beine am Geländer

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_96566

Viele von euch wissen es schon: Meine Tochter zieht aus, und zurzeit ist gerade die Renovierung der neuen Wohnung auf der Tagesordnung. Glücklicherweise kennen Töchterlein und ihr Freund viele Menschen, die bereit sind, den jeweiligen Fähigkeiten entsprechend zu helfen. Auch ich ‚durfte’  gleich mehrfach mitmachen.
Heute Morgen nun komme ich mit dem Auto in der kleinen Nebenstraße an, finde sogar eine Parklücke gegenüber dem Haus und schau mich vorsichtshalber  noch einmal um, ob ich nicht doch irgendwo jemanden blockiere.
Eine kleine Bewegung oder ein minimales Geräusch,  lenken meinen Blick nach oben zu einer Dachterrasse im Obergeschoss. Dort hängen Beine heraus! Beine, unendlich lang und makellos, haben  den Weg durch die Streben des Geländers gefunden. So bildhübsch und ebenmäßig, dass ich erst denke, jemand hätte  zum Jux eine Schaufensterpuppe drappiert.
Kann aber nicht sein, denn die Beine fangen an, sich zu bewegen. Beingymnastik.. Linkes Bein hoch und strecken, Fuß kreist. Das rechte Bein folgt. Tja, da tut eine Dame aber was für ihre Extremitäten. Hat sich aber echt gelohnt!
Nun, ich bin nicht zum Gucken hier. Ich hole noch Material aus dem Kofferraum und schlage die Klappe zu.  Plötzlich ertönt eine Stimme von oben: „Mona, bringst du die Post mit hoch?“
Ich fühle mich nicht angesprochen und schweige.
„Hallo?“ ertönt es etwas irritiert. „Hast du mich gehört?“
Irgendwie scheint die Beinschönheit dort oben hier unten jemand anderen zu erwarten. Es ist mir zu doof, gar nichts zu sagen – also antwortete ich in Richtung Terrasse:
„Tut mir leid, ich bin nicht Mona! Ich habe nur hier geparkt und gerade ihre Traumbeine bewundert.“
Wuups, da ist es wieder passiert! Spontan. Das, was gerade in den Sinn kam. Herausgelassen. Unverblümt. Glücklicherweise in den meisten Fällen geht es wenigstens um Positives.
Zuerst passiert gar nichts. Ich will mich schon dezent und unerkannt verdrücken. Dann erscheint über dem Geländer ein Kopf, der sich lachend zu mir herunterbeugt. „Danke!“ gluckst die Stimme von zuvor.
Ich gucke mindestens dreimal und muss mit Gewalt den Mund zuklappen. Es sieht sonst zu blöd aus. Die Dame ist keine Dame. Die Dame ist ein Herr! Mit Kleid, halblangen, dunklen Haaren, die von einer Sonnerbrille zurückgehalten werden. Leicht geschminkt, aber ohne Zweifel ein männliches Wesen!
Zum Kaschieren meines Erstaunens, platzt solcher Nonsens heraus wie:
„Sie wären ein supergefragtes Strumpfmodel!“
„Weiß ich,“ kommt die Antwort, „aber die nehmen lieber Frauen für ihre Feinstrumpfhosen.“  Was für eine Unterhaltung. „Wohnen sie jetzt auch hier?“ werde ich gefragt.
„Nein, Ihnen gegenüber ziehen meine Tochter und ihr Freund ein.“
„Aha, schön, vielleicht sieht man sich noch mal. Oder ich lasse wieder die Beine baumeln ….“
Ich grinse und verabschiede mich. Freundlicher Zeitgenosse.

Danach gehen die Renovierungsarbeiten in der neuen Wohnung los, und nach drei Stunden will ich auf dem kleinen Balkon eine Umzugsdecke, die als Unterlage diente, ausschütteln. Direkt gegenüber ist die Dachterrasse. Wie gemalt steht  meine Strumpfmodel-Bekanntschaft in der Mittagssonne. Hüfte leicht eingeknickt, ein Bein etwas angezogen, das Kinn  Richtung Sonne gestreckt, die Hand vor Augen wie Kolumbus, als er von Bord aus Amerika  entdeckte.
Tolles Profil… Was für ein Foto würde das geben! Und diese Wahnsinnsbeine!
Strumpffabrikanten und Werbefirmen der Welt: Ihr seid so ignorant, wisst gar nicht, was euch hier durch die Lappen geht.  Und nicht nur euch…
Er entdeckt mich und winkt herüber. Ich zurück. Keine Distanz, die überbrückt werden müsste, weder im Allgemeinen noch im Besonderen.
Eine halbe Stunde später verabschiede ich mich bei meiner Tochter und ihrem Freund. Habe ihr von ihrem Gegenüber-Nachbarn erzählt. Sie findet’s gut.  Gemeinsam tragen wir Müllsäcke zum Auto, die ich zum Entsorgen mitnehmen will.  Automatisch schaue ich zum Geländer hoch – kann mir ein Lächeln gar nicht verkneifen. Unser Aufbruch wurde bemerkt.
Wir klönen noch über dies und das, und am Ende kommt das Angebot, dass er, sollte mal etwas sein, immer gern zur Verfügung stände. Man könnte sich ja von Balkon zu Balkon gut Signale geben!

Mehr wäre dazu gar nicht zu sagen. Ich wollte es euch nur gern erzählen, weil ich es als unheimlich positiv empfand.  Meine Erkenntnis des Tages:
Gut, ich sollte vielleicht manchmal etwas die Spontan(e)ität  zügeln, aber generell kann man es durchgehen lassen. Und, wichtiger noch: Lass dich auf alles und jeden ein. Punkt.

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Kennen Sie einen guten Zahnarzt?

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_48551

Ein neu hinzugezogenes Pärchen aus der etwas weiteren Nachbarschaft sprach mich kürzlich an, als wir – wieder einmal – vor der geschlossenen Bahnschranke warteten. Auf diese Art hatten wir uns bereits zuvor kurz kennengelernt. Oder vielmehr überhaupt. Wir wussten nun, aha, der bzw. die wohnt offenbar um die Ecke. Die kleine Tochter – schätzungsweise fünf Jahre alt – stand daneben. Diesmal hatten ihre Eltern eine Frage an mich:
„Entschuldigen Sie, gut dass wir Sie gerade treffen. Sagen Sie, kennen Sie vielleicht einen guten Zahnarzt in der Nähe?“
Ich weiß, es hört sich nach einer ganz einfachen Frage an, aber nichts wird so unterschiedlich beurteilt wie die ‚Qualität’ eines Zahnarztes. Die Kriterien sind einfach zu verschieden.
Was ist in diesem Fall gut? Erwarte ich sofort einen Termin, habe keine Geduld hinsichtlich Wartezeit? Will ich neueste technische Scheckimeckis in der Praxis?  Erhoffe ich eine zügige Arbeitsweise,  ein verbindliches Wesen? Bin ich schmerzempfindlich, ängstlich? Für den einen ist ‚gut’, wenn es schon prophylaktisch eine Betäubungsspritze gibt, für den anderen ist das ein Grund, laut ‚Körperverletzung’ zu brüllen.
Reicht mir ein Zahnarzt für das Normale, oder suche ich den Spezialisten für Implantate? Stelle ich mir optisch was Nettes vor? Bevorzuge ich vielleicht Frau (bzw. Mann)? Das geht weiter bis hin zur Frage: Wie ist die Lektüre im Wartezimmer? Oder auch: Muss ich Treppen steigen? …
Es gäbe also viele Punkte, und ich kenne die Neuen noch nicht genauer.
Die Schranke ist weiterhin zu, ich hake nach, beschreibe dann meinen Doktor, mit dem ich sehr zufrieden bin und sie beschließen, es zu versuchen und sich bei ihm einen Termin geben zu lassen.
Töchterchen ist mittlerweile etwas gelangweilt. Sie bohrt mit dem großen Zeh, der aus ihrer Sommersandalette herausragt, in kreisförmigen Bewegungen ein Loch ins Erdreich.
Ihr Vater spricht sie aufmunternd an, für mein Empfinden fast schon ein wenig zu enthusiastisch:
„Nicht wahr, Anni, wir besuchen diesen Zahnarzt, und dann kann sich der Herr Doktor auch gleich deine Zähne mit ansehen. Pass auf, das wird toll!“
„Nö.“
Das kommt prompt und entschieden. Sie bohrt weiter Löcher und schaut nicht hoch.
Die Eltern werfen sich Blicke zu.
„Ach komm“,  sagt nun die Mama beschwichtigend, „das geht doch auch ganz schnell!“
Eine kleine Pause entsteht.
„Erst mal gucken“, meint Anni nur.
„Was willst du gucken?“ fragt der Papa, nun eine kleine Spur genervter.
Keine Antwort. Schweigen vor der Schranke.
Ich bin neugierig, denn es ist ihr auf der Stirn abzulesen, dass sie eine Vorstellung von einem ihr genehmen Zahnarzt hat. Ich stelle nun meinerseits beiläufig eine Frage an das kleine Mädchen:
„Anni, was für einen Zahnarzt hättest du denn gerne? Möchtest du vielleicht noch mehr über meinen wissen?“
Ihr Kopf schnellt herum und sie platzt heraus:
„Ja! Hat er weiche Hände?“
Ich konnte mir das Lachen gerade noch verkneifen, doch die Mundwinkel gingen eigenständig etwas höher. Es kamen Erinnerungen hoch, denn meine Mutter hatte mir erzählt, dass auch für mich diese ‚Sache’ ein maßgebliches Auswahlkriterium gewesen war.
Heute weiß ich, es sind nicht die Hände gemeint, die dauernd eingecremt werden und zart wie Babyhaut sind. Nein, es sind die Hände gemeint, die sanft mit einem umgehen.
Die mag ich übrigens bis heute – nicht nur beim Zahnarzt…

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Wenn … Es ist dein Leben

Audioversion des Gedichts.
(Nachtrag: zurzeit nicht möglich, das Sugarsync als Dienst hier nicht mehr aktiv.)

-> https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_16553

Wenn …

Wenn du von der Vergangenheit schwärmst,
Nennen sie dich einen Träumer –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles verklärst,
All deine Erinnerungen Zuckerträume sind,
Du in der Vergangenheit lebst…

Wenn du von der Zukunft schwärmst,
Nennen sie dich leicht spöttisch einen hoffnungslosen Idealisten –
Obwohl – es ist nicht so, dass du alles rosarot siehst,
Allein das bald, später, irgendwann Kommende glorifizierst…

Wenn du sagst: ich lebe im Heute und Jetzt,
Nennen sie dich ignorant,
Und erzählen dir, du müsstest dich für die Vergangenheit
Und die Zukunft interessieren.
Als würde das eine das andere ausschließen…

Du schriebst ihnen nie vor, was sie zu tun hätten.
Doch es gab dir zu denken…
Nur sag’ selbst:
Was ist das Leben, wenn es ein anderer für dich führt?
Wenn du lebst, dann so, dass du dich lebendig fühlst,
Mit all deinen Erinnerungen, mit all deinen Zukunftsvisionen,
Und vor allem mit deinem Sein im Jetzt – hier und heute.
Kein anderer kann dein Leben für dich führen,
In deinem Sinne führen,
Kein anderer sollte dir dein Leben vorschreiben,
Deinen Weg festlegen.

Lass sie reden,
Wenn sie versuchen dir einzureden,
Dein Tun sei höchst lächerlich, weltfremd, konservativ, naiv,
Dein Verhalten sei ignorant, borniert, engstirnig, albern, rückständig
oder gar egoistisch …
Allein das Kennen so vieler negativer Eigenschaften
Und das Auslassen jeglicher positiver Aspekte,
Der überdeutliche Mangel an Toleranz,
Die fehlende Differenzierung –
Sollte dir zu denken geben.

Wenn du für dich beschließt,
eine andere Position einzunehmen,
etwas in deinem Leben anders zu gewichten,
eine Sache zu ver-rücken,
macht es dich gleich zum Verrückten?
Bist nicht vielleicht du eher das Wesen,
Welches den Wirrungen des Lebens
Nicht nur ausgeliefert, entrüstet, resigniert entgegenstolpert,
Sondern das vielmehr erfährt,
Dass sein Schatz an Erfahrungen aus der Vergangenheit,
Sein Zutrauen in die Zukunft sowie
Sein Lebensmut, sein Glaube, seine Intuition
Ihm wertvolle Gefährten sind
Auf diesem aufregenden, aber auch unbekannten Weg,
Der sich Leben nennt.

Deine Gefährten, deine Tag- und Nachtbegleiter – wegweisend.
Etwas, wonach andere zeit ihres Lebens vergeblich suchen?
Die, die dich den Träumer, den Idealisten nennen…
Die, die dich belächeln, kritisieren oder gar bevormunden.
Die, die reden, aber nicht verstehen,
Die, die reden, aber nicht zuhören,
Die, die reden und verpassen.
Immer wieder.

Lächle zurück, lass sie reden
Denn zu guter Letzt:
Wer kann beurteilen, was richtig ist, was falsch?
Für dich.
Du.

© by Michèle Legrand, Mai 2011

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Papaver statt Palaver

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Heute, zur kleinen offiziellen Einführung der neuen Blogsparte Garten, ein Blick auf eine – wie ich finde – imposante Staude, die allerdings nur wenige Tage ihren (Blüten-)Höhepunkt hat und ansonsten eher ein Schattendasein führt. Die durchaus ebenfalls hübschen Blätter ziehen nach der Blüte leider rasch komplett ein (zudem ist ein bisschen Obacht angesagt (Kinder!), da der milchige Saft in den Stängeln und Blättern giftig ist).
Es geht um den Mohn (Papaver), in diesem Fall um den Türkischen Mohn (Papaver orientale), der in Gärten häufiger verbreitet ist. Etwas größer als der normale Klatschmohn und wesentlich größer sowie vom Blattwerk her anders als der zarte Islandmohn bzw.  der wilde Mohn, den wir von Wiesen kennen.
Im Moment steht mein Orientale in voller Blüte, und die Hummeln führen Sonderschichten ein, um sich an seinen Leckereien zu ergötzen. Oft wuschelt der Wind  die riesigen Blütenblätter sanft durcheinander, so dass es gelegentlich scheint, als würde der Mohn nun seine tief in der Blüte eingetauchten,  brummenden Insektengäste kurzzeitig sorgsam mit einer leichten roten Sommerdecke zudecken.
Vorhin, nach einem kurzen, heftigen Gewitterguss, zeigte sich die Standfestigkeit der Pflanze. So schön wie zuvor, nur obendrein noch mit ein paar dicken Tropfen verziert, in denen sich das Sonnenlicht brach. Nach kurzer Abtropf- und Trocknungszeit, erschien auch die Brummerbrigade wieder.
Hummeln erinnern mich immer an Hubschrauber.
Viele sagen, es sei erstaunlich, dass sie überhaupt fliegen können – bei dem Eigengewicht!
Andere behaupten, sie würden sofort perplex abstürzen, wüssten sie, wie unmöglich ihr Tun erachtet wird.
Mich erstaunen die unterschiedlichen Geräusche, die Insekten beim Anflug fabrizieren. Es erscheint aber logisch, wenn Folgendes in Betracht gezogen wird:
Libellen haben beispielsweise einen recht langsamen Flügelschlag von nur ca. 20-30 Schlägen pro Sekunde. Man hört sie kaum, dafür fallen sie optisch sofort auf.
Hummeln sind immer noch langsam, sie hingegen kommen allerdings schon auf 120–160 Schläge p. Sek. Das gibt ein etwas anderes Geräusch! Nehmen wir nun noch die Körpermasse und die Resonanz, die ein derartiger Körper wohl miterzeugen kann, dann ist der Gedanke an Hubschrauber nicht fern.
Als Vergleich dazu vielleicht ein Wert, der die Stechmücken betrifft:
die sogenannten Leichtgewichte kommen auf eine Flügelschlagzahl von ca. 600 pro Sekunde! Darum nehmen wir hier nur noch ein Sirren wahr.
Zurück zum Papaver. Auch die gierigste Hummel verschwindet irgendwann abgefüllt. Es ertönen erhebliche Startgeräusche und bei der ein oder anderen gibt es durchaus ein gewisses Abhebeproblem. Ruhe kehrt ein.

Dann bleibe ich meist noch einen Moment länger, schaue dem Wogen der zarten Blütenblätter zu, die gelegentlich wie dünnes Krepppapier wirken und tanke zwar keinen Blütenstaub, aber doch eine Art Energie aus dem lebendigen Rot-Orange. Kein Laut ertönt, egal wie sehr die Pflanze hin und her wankt. Die Blätter  haben keine glatte Oberfläche und scharfe Kanten, die beim Aneinanderstoßen Raschelgeräusche hinterlassen.  Sowohl der grüne Stängel, als auch die Blätter sind überzogen von weißen Härchen, die anderen Lärm zu schlucken scheinen.

Nach einem Regen, wenn keiner sonst im Garten ist und durch lautes Zwischengebrabbel stört, dann genieße ich es und denke: Wie schön – Papaver statt Palaver.

 

 

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Kerle in ihren Wagen

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(Sollte der Audioplayer gerade wieder einmal streiken – hier gibt es einen weiteren Link zum Audiobeitrag:
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Sie standen nebeneinander  und warteten an der Ampel.
Man könnte die heißen Gefährte als Cabrios bezeichnen. Begehrte Marke, und so eng nebeneinander stehend, dass sich die Räder ihrer Wagen fast berührten. Chrom glänzte in der Sonne. Fantasievolle Sitzpolsterbezüge, soweit es sich erkennen ließ.
Sie fuhren beide offen und trugen – als hätten sie sich abgesprochen – Schirmmützen, die die Kopfhaut sowie den Augenbereich schützten und beschatteten.
Geduld schien nicht zu ihren Stärken zu zählen. Ein genauer Beobachter entdeckte permanentes Zucken der Gliedmaßen und eine leicht vorgebeugte Haltung. Allzeit bereit, so könnte die Devise lauten. Vielleicht auch: ich bin schneller!
Leicht misstrauisch beobachteten sie einander, als wären sie Kontrahenten. Dann auf einmal: Action! Handelte es sich um bloße Verwirrungstaktik? Jedenfalls begann das männliche Wesen im linken Gefährt plötzlich wild zu fuchteln und rief aufgebracht „Los!“
Nichts geschah. Weder er noch sein Kontrahent bewegten sich auch nur einen Millimeter vom Fleck. Unmutsäußerungen erklangen und drangen bis auf die andere Seite der Straße. Beide schienen angespannt und  hingen jetzt sogar ein wenig aus ihren Fahrzeugen heraus…
Dann endlich – endlich! – sprang die Fußgängerampel  um und zeigte das grüne Männchen. Die zwei jungen Mütter, die direkt hinter den Gefährten gestanden hatten, griffen nun wieder nach der Schiebestange und schoben die Kinderwagen samt ihres hoffnungsvollen Nachwuchses über den Asphalt, hinüber zum Gehweg auf der anderen Seite.
Wieder erklang ein energisches „Los!“ und die besänftigende Antwort von hinten lautete: „Ja, doch, Lennart, wir fahren ja schon…“  Jonas daneben wurde darauf hingewiesen, dass er demnächst herausfallen würde und sich wieder ‚normal’ hinsetzen sollte.
Sie waren gleichauf, doch im Endeffekt gewann keiner der (kleinen) Kerle das Wagenrennen, denn sie wurden hinterrücks  von einem ca. fünf Jahre alten Mädchen überholt – auf einem gelben Roller!

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Wir haben jetzt einen Dicken ….

Aurora-Falter
Wir_haben_jetzt_einen_Dicken_….MP3
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Mal eine indiskrete Frage so zwischen uns: Wie laufen eigentlich tendenziell die Gespräche zwischen euch und euren Müttern ab?
Entspricht es der allgemeinen, landläufigen, ordinären Vorstellung? (Was immer das auch ist …!)
Ich muss immer lachen, wenn in Fernsehfilmen diese Schiene gefahren wird:
Besorgte Mutter nervt schon erwachsene Kinder  leicht mit übertriebener Fürsorge, großer Anhänglichkeit, Kontrollwunsch und Besser-Wisser-Allüren. Oft gepaart mit der Eigenart, immer ein bisschen wehzuklagen  („Ich höre ja gar nichts von dir…!“)  oder sich leicht entrüstet zu zeigen. („Nein, das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben …!“)
Der Altersunterschied ist superdeutlich, fast so, als wären mindestens zwei Generationen dazwischen, und was die Interessen angeht? … Nun, es liegen Welten dazwischen. Mutter ist etwas unausgelastet, hat nicht so recht Ideen und die Gespräche drehen sich um Haushalt, Essen kochen, Erziehung und verpasste Gelegenheiten. Die leichte Unzufriedenheit kommt ständig durch, genauso wie in jedem zweiten Satz ein leicht vorwurfsvoller Unterton aufhorchen lässt.
Das andere Extrem – auch eine sehr gern genommene Variante heutzutage – ist, die Mutter als  hippe, superbeste Freundin darzustellen, super jugendlich, kleidungsmäßig kaum vom Nachwuchs zu unterscheiden, cool und gesprächsmäßig läuft es eher so ab:
„Du kannst mir  echt alles sagen, ich verstehe dich total. Wir sind doch wie Zwillinge. Wollen wir nicht am Wochenende gemeinsam etwas unternehmen?“
Gleiche Sprache, gleicher Friseur, gleiche Ansichten. Je nach Film kommt das bei Töchtern oder Söhnen supergut oder grottenschlecht an.

So, und nun ich. Ich war gestern meine Mutter besuchen. Die, die Ostern mal eben ‚weg’ war. Die, die sich modische Klamotten selbst näht, aber nicht meint, sie müsse wie eine 30jährige aussehen. Auch die, die trotz aller Nähe immer auch ein bisschen Distanz, Misstrauen und Vorsicht zeigt. Gebranntes Kind.
Wir haben unseren Kaffeeklatsch nachgeholt und nach kurzem, offiziellem Teil mit Begrüßung und Blumen austauschen, ging das eigentliche Mutter-Tochter-Gespräch los.
„Hab’ ich dir das schon erzählt? Wir haben jetzt einen ganz Dicken. Die anderen sahen ja viel trainierter aus.“
Auch das ist meine Mutter. Sie fängt gern mittendrin an und ist felsenfest überzeugt, dass ich sowieso weiß, wovon sie gerade spricht. Gelegentlich gebe ich mir ja die Blöße und frage ganz dumm nach. Gestern wusste ich nur, dass sie wahrscheinlich etwas vom Garten erzählt. Ich hake also geschickt nach:

„Tja, im Garten ist immer was los, nicht wahr? Seit wann ist ER denn da (DER Dicke, habe ja schließlich zugehört)?“
„Seit letzter Woche. Ein halbes Jahr war kein einziger da, davor hatten wir ja die beiden Wasserscheuen …“
Treffer! Ich weiß jetzt, wovon sie redet. Sie hatten immer zwei kleine Frösche auf dem Grundstück. Das Erstaunliche ist, das gar kein Teich da ist! Aber seit Jahren kommen zwei Quaker und hausen im Schuppen. Durch irgendwelche Ritzen schummeln sie sich herein und scheinen sich dort extrem wohl zu fühlen.
Meine Mutter musste sich erst daran gewöhnen. Aber das erste  Hilfegeschrei verstummte, der Auftrag an meinen Stiefpapa, die Untermieter umzuquartieren, wurde zurückgenommen und langsam freundete sie sich regelrecht mit den Lümmeln an. Wenn sie mal nicht da waren, kehrte meine Mutter mit leicht sorgenvollem Gesicht aus dem Garten zurück:
„Wo die wohl sind? Ob denen etwas passiert ist?“
Als sie wieder auftauchten beging meine es gutmeinende Mama den Fehler, den Gesellen vor Freude und Dankbarkeit ein flaches Schälchen mit Wasser hinzustellen, direkt im Türeingangsbereich.
„So, hier habt ihr was. Ist ja kein Wunder, wenn ihr abhaut. Keine Wasser …“
Es kam ganz anders. Der eine, etwas größere, drahtige Frosch schlug einen großen Bogen um das Nass, der kleinere, unerfahrenere,  grünere Wicht latschte durchs Wassergefäß, verschreckte sich furchtbar, hüpfte mit großen Sprüngen weg, und beide ließen sich geschlagene drei Wochen nicht mehr blicken. Der Kommentar meiner Mutter:
„Frösche und Wasser passt anscheinend nicht zusammen. Aber Katzen gehen schwimmen, oder?“
Kopfschüttelnd widmete sie sich anderen Dingen.

Im Herbst letzten Jahres, verzogen sich die Frösche, wie jedes Jahr. Keine Ahnung, welchen Platz sie sich zur Überwinterung suchten. Karfreitag öffnet meine Mama den Schuppen und findet in einer Ecke einen neuen Einwohner. Den Dicken. Auch ein Frosch, nur offenbar eine andere Gattung und „nicht so trainiert“ wirkend.

Wir tauschen daraufhin weitere Erlebnisse mit Gartenbewohnern aus. Ich erzähle ihr von Emily, meinem zutraulichen Rotkehlchen, vom dem Gimpelpaar, das bis auf den Terrassentisch kommt, von einer dusseligen Biene, die dreimal ins Haus flog und nie alleine herausfand und von dem Schmetterling am Ostersamstag, den ich jetzt dank Foto und Internet-Recherche offenbar identifiziert habe.
Sie will wissen, wie ich das mit Google gemacht habe. Was ich eingegeben habe. Ich erzähle ihr von meiner Stichwortwahl, die zuerst sehr allgemein war und mir als Suchergebnis  u. a. weiße Schmetterlings-Stringtangas auswarf.  Ich beschreibe ihr, wie ich Stück für Stück vorankomme, wann das Eingrenzen auf Weißlinge erfolgt  und von meiner Schwankerei zwischen ‚Reseda-Falter’ und ‚Aurora-Falter’.
„War bestimmt ein Aurora-Falter“, kommt es sehr überzeugt von meiner Mutter.
„Ach, weißt du, wie die aussehen?
„Nö, aber es klingt schöner …“
Soweit die Information einer Fachfrau. Inzwischen weiß ich, dass es tatsächlich ein Aurora-Falter war. Der männliche Schmetterling ist nicht nur oben auf den Flügeln weiß und darunter weiß mit grünen Tupfen, sondern er hat – im Gegensatz zum Weibchen – auch noch orange Flügelspitzen. So ein Exemplar erschien einen Tag später, und ich bin fest überzeugt, dass ein Pärchen zu Besuch war.

Die Mama erzählt nun wiederum von ihrem leichten Stress mit einer Taube und einer Amsel, die beide beschlossen hatten, in der Dachrinne ein Nest zu bauen. Großes Gekakel und  Gekeife, wildes Flügelgefuchtel und –geschlage.
Meine Mutter findet, dass die Taube zu korpulent ist, um dort zu nisten.
Mein Stiefpapa hat mehr die nicht unbegründete Angst, dass sie ihm von dort aus etwas auf sein Haupt fallen lässt. Direkt darunter befindet sich der Sitzplatz mit Tisch und Stühlen. Er holt einen Besenstiel und will sie mittels Drohgebärden vertreiben. Meine Mutter beschwichtigt ihn:
„Schatz, wart’s ab, die sind sich doch noch gar nicht einig.“
Eine halbe Stunde später ist der Streit vorbei, und beide Vögel haben das Interesse an der Rinne verloren.
„Kenn’ ich schon“, so die Mama, wir haben hier dauernd irgendwelche angefangenen Nester, und im Endeffekt ziehen die dann fünfmal um, bevor sie sich mal entschieden haben …“

So geht es weiter mit unserem Austausch. Keine Ahnung, ob das jetzt ein generell typisches Mutter-Tochter-Gespräch ist. Aber es ist eine typische Unterhaltung, wie wir sie führen.
Als ich aus der Haustür trete, hängt im Türrahmen eine Spinne.
„Iiieehh, mach die weg!“ kommt es von hinten.
Da habe ich brav meiner Mama gehorcht und habe dieses Ungeheuer mittels Besen in die Botanik befördert.
Verratet es nicht weiter, aber wäre ich nicht dagewesen, hätte sie sich wahrscheinlich gar nicht angestellt und selber zum Besen gegriffen, oder sie hätte mir ihr geplaudert …

 

Aurora-Falter

Aurora-Falter, weiblich


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Ein Kommentar

Als Ausgleich: Der Antrag

Ausgleich_und_Antrag.MP3
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Aufgetankt. Nicht das Auto – mich selbst. Es hat Dank des letzten Boos nicht so lange gedauert. Das Gebrabbel darin half schon sehr.
Es verriet euch, dass mich ein sehr einseitig verlaufendes Telefongespräch, Zeit und Kraft gekostet hatte.
Nachdem ich mal wieder erlebt hatte – bei immer derselben (nicht zu vermeidenden) Person – dass ich plattgeredet werde, dass sich keinerlei Mühe gegeben wird, aufeinander einzugehen, dass überhaupt kein Interesse an Dialog besteht, dass meine Person überhaupt keine Rolle spielt und dass ich seit 30 Jahren umgemodelt werden soll – nun, nach diesem Gespräch brauchte ich Ausgleich.
Ich erinnerte mich an Menschen, die wenig sagten, aber damit wesentlich mehr, als die besagte Person es jemals in ihrem Leben fähig war oder sein wird zu tun. Ich entsann mich an Menschen, die manchmal nur guckten, und es waren mehr Worte in diesem Blick  als in der halben Stunde, die mit monotonem, sturem, jammerndem, selbstgerechtem Getöse gefüllt war, abgegeben von einem Menschen, dessen zusätzlicher Wunsch nach Dominanz manchmal einfach nicht zu ertragen ist.
Mein Ausgleich heute ist auch gleichzeitig meine Geschichte für euch. Ich erzähle euch von einem Antrag.

Ende September. An jenem Tag hatte ich einen ziemlich grünen, einen Kermit-grünen Strickpullover an. Einen eng anliegenden, hüftlangen Pulli mit Rollkragen und Längsrippenmuster. Das war modern. Eine schmale lange Hose und um die Taille locker einen metallenen Gürtel, der aussah, als hätte man alte bronzene Münzen lose aneinandergekettet. Soeben hatten wir das alte Gebäude verlassen. Es war offiziell Pause. Ein schöner Tag, vorherbstlich, noch so, dass die Jacke nicht nötig war. Meine Freundin stand neben mir, und wir waren in irgendein Gespräch vertieft, als Carola mich plötzlich anstupste.
„Schau mal, die kommen hierher.“
Mein Blick wanderte in die gezeigte Richtung. Vorweg ging Michael, ein bisschen versetzt dahinter folgten Jens und Klaus. Die beiden schienen ihren Freund, der etwas unruhig wirkte, fast ein wenig anzuschieben. Was hatten die denn vor? Vielleicht ging es wieder um die Mappe, die ich Michael ausgeliehen hatte. Als sie bei Caro und mir angekommen waren, herrschte zuerst tiefstes Schweigen. Eine gewisse Unschlüssigkeit, ein kleines Zaudern. Mutverlust? Oder hatten sie etwa plötzlich vergessen, was sie wollten? Was auch immer… Wir warteten.
„Nun mach!“
Das kam von Jens. Michael schluckte, sein Adamsapfel hüpfte dabei ein bisschen auf und ab.
„Ähm, ich … ich wollte dir was geben.“
Ich kann mich noch genau an den Blick erinnern, den er mir zuwarf – so als wäre es gestern gewesen. Aufgeregt, nervös, grundehrlich. Dann kam plötzlich Entschlossenheit dazu. Michael kramte aus seiner Hosentasche einen kleinen Gegenstand hervor. Er entpuppte sich als sorgfältig beklebte und bunt verzierte Streichholzschachtel.
„Hier!“
Damit reichte er mir das kleine, in der Hosentasche schon angewärmte Ding. Ich schaute ihn fragend an.
„Für mich?“
„Ja.“
„Darf ich hineinschauen?“
„Ja.“
Ich öffnete vorsichtig die kleine Schachtel, und mit mir beugte sich Carola neugierig  vor, um zu sehen, was das Schatzkästchen beinhaltete. Ich war perplex.
„Oh, ein Ring!??“
„Ja.“
„Für mich?“
„Ja doch!!“
Seine Wortkargheit und mein dümmliches Gefrage waren auch nicht gerade wahnsinnig hilfreich, um Dinge schnell zu klären. Wobei, tief im Innern ahnte ich natürlich, was damit vielleicht gemeint sein könnte …
Nun übernahm Carola die Initiative:
„Hol’ ihn mal raus aus der Schachtel!“
Mein fragender Blick ging zu Michael. Er schien jetzt die Faxen dicke zu haben, grabschte nach der Schachtel, holte selbst den Ring aus der kleinen geöffneten Box, hielt ihn mir vor die Nase und sagte laut und deutlich:
„Willst du mich heiraten?“
Huch!
„Ich?“
„Ja doch!“
„Wirklich ich?“
Seine Augenbraue ging hoch. Ich beeilte mich, eine Antwort zu finden.
„Ich… weiß nicht, das… das muss ich mir überlegen.“
„Gut, mach’ das. Kannst mir ja dann Bescheid sagen …“
Und damit drehte sich Michael um und ging von Jens und Klaus begleitet einfach weg. Über den Schulhof. Es war ja vorerst alles geklärt …
Das Läuten zur Stunde ertönte über den Platz. Ich starrte auf den Ring und die Schachtel, legte ihn zurück, schob die kleine Schublade vorsichtig zu und steckte alles sorgfältig in meine Hosentasche. Wir kehrten in den Klassenraum zurück. Das vierte Schuljahr hatte vor kurzem begonnen. Wir waren neun Jahre alt.
Ich habe ihn nicht geheiratet …
Es war ein Ring aus dem Kaugummi-Automaten. Das war aber nicht der Grund. Der wirkliche Grund war, dass wir nach der vierten Klasse auf verschiedene Schulen kamen und es schlichtweg vergessen haben …

Um jetzt doch noch einmal auf den Anfang der Beitrages zurückzukommen: der Mann war wortkarg. Aber es war ein Dialog, und der junge Herr Heine hatte Interesse an meiner Person. Ich hatte Entscheidungsfreiheit. Mit einem Wort: es war eine unheimlich schöne Unterhaltung.
Ihr seht das doch auch so, oder?

Der RIng (Heiratsantrag)

Der Ring ...

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