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Bloglesernachfrage: Was ist bitte RTV? – Heute die ganze Geschichte dazu

Kürzlich im Blogbericht über die Walking Acts der Teilnehmer des Model Contests QUARREE GESICHTER 2013, fiel meinerseits eine kleine Bemerkung, die offenbar doch nicht völlig unbemerkt blieb.
Ich schrieb über die Art und Weise, wie eine Rolltreppe nicht nur befahren, sondern regelrecht benutzt wird und erwähnte im Nachsatz eine Veröffentlichung, in der ich (meinen) RTV beschreibe.

Auf Nachfrage, was es damit auf sich hat, folgt hier die ganze Geschichte (in einer etwas anderen Fassung als bei der Erstveröffentlichung für und via Goodnewstoday.de). Für Hörer vorab die Links zur Podcast-Version via Audioboo (Teil 1-3)
http://audioboo.fm/boos/863962-die-diagnose-lautet-rtv-teil-1
http://audioboo.fm/boos/863972-die-diagnose-lautet-rtv-teil-2
http://audioboo.fm/boos/863975-die-diagnose-lautet-rtv-teil-3

Die Diagnose lautet RTV …

Titelbild im Blog für: Die Diagnose lautet RTV

Bevor Sie Schlimmes vermuten, möchte ich vorwegnehmen: es ist alles halb so schlimm. Es ist auch nicht direkt lebensgefährlich. Allerdings – unter Umständen chronisch!
Es ist nicht ganz auszuschließen, dass es ansteckend sein kann. Es gibt weiterhin keine Altersgruppe bzw. kein Geschlecht, das von vornherein eindeutig immun dagegen wäre, geschweige denn, dass es  eine Impfung dagegen gäbe! Entsprechende zugelassene Medikamente sprechen überhaupt nicht an, und die Rückfallquote fällt extrem hoch aus.
Ihnen ist klar, wovon ich spreche, oder?
Bitte? Nicht?
Liebe Leser, das ist jetzt nicht Ihr Ernst! Sie kennen doch garantiert den Rolltreppenvoyeurismus, kurz RTV!  Ich erkrankte daran vor ein paar Jahren. Ich denke, es erwischte mich in einem schwachen Moment …

Nach der Arbeit im Büro war mein Kopf weiterhin ziemlich intensiv mit den dortigen Themen beschäftigt. Selbst das Einkaufen, welches ich gleich im Anschluss auf dem Heimweg erledigte, taugte nicht wirklich zur Ablenkung. Ich war erschöpft, bepackt, durstig und hing gefühlsmäßig irgendwo zwischen Büroausgangstür und Privateingangstür.
Es war nicht das erste Mal, dass ich genau dort einen Cappuccino trank, dort im Einkaufszentrum in einem dieser Coffee-Läden mit der ausgesprochen netten – zurückhaltend netten wohlgemerkt – Bedienung. In diesem Coffee-Shop, in dem es schmeckt und die Preise moderat sind. Ich hatte an diesem Tag aber das erste Mal einen Platz mit Blickrichtung in das Ladenzentrum.

Die aufgeschäumte Milch genüsslich vom Cappuccino löffelnd, schaute ich gedankenverloren auf die direkt quer vor mir auf- und abführenden Rolltreppen. Nach kurzer Zeit passierte etwas sehr Merkwürdiges. Mein überfüllter Kopf leerte sich, entspannt lehnte ich mich zurück und beobachtete einfach nur die Menschen, die sich diesen Treppen näherten. Mir war nie wirklich aufgefallen, was dort alles los ist und wie unterschiedlich alles verläuft, wie viel allein die Art, die Rolltreppe zu betreten und zu benutzen über die Personen verrät. Ich maße mir nicht an, jeden Gedanken der Person zu erraten, aber wenn ich es Ihnen ein bisschen beschreibe – dieses Leben auf der Rolltreppe – vielleicht wissen Sie dann, was ich meine.

Nehmen wir als erstes die Kinder.
Für die ganz Kleinen heißt das, sie nähern sich unverkrampft, schauen erstaunt, weil auf einmal der Weg wegläuft. Sie wollen hinterher – völlig angstfrei. Das ist Abenteuerdrang, aufkommende Neugier, Unternehmungslust pur. Meist ist dann ein nicht angstfreies Eltern- oder Großelternteil dabei, das aufgeregt darauf hinweist, dass jetzt An-die-Hand-nehmen angesagt ist. Unter Protest, heftiger Gegenwehr und lautstarkem Ich-kann-das-aber! wird das Hindernis bewältigt, und ein seliges Strahlen erhellt die Miene.
Ältere Kinder rennen vorweg, nehmen bewusst die falsche Rolltreppe, die, die nach oben fährt, obwohl sie nicht gar nicht dorthin möchten und laufen begeistert entgegen der Laufrichtung. Sportersatz, Ausgleich für den Bewegungsmangel, für langes Sitzen in der Schule.
Geschwister rangeln um die besten Plätze (ICH fahr zuerst! – ICH fahr neben Mama!).

Erwachsene sind in dieser Hinsicht uninteressant. Sie wissen, dass sie es irgendwie schaffen, hoch oder runter zu gelangen. Bitte bloß nicht mehr Einsatz als nötig. Man könnte also meinen, hier gäbe es nichts zu gucken. Ich sag nur: weit gefehlt! An ihnen kann ich mich gar nicht satt sehen.
Da wäre zuerst der unsichere Typ:
Er/sie geht langsam, bleibt die ganze Zeit auf derselben Stufe, die Hand liegt auf dem Handlauf. Der Blick geht ausschließlich in Fahrtrichtung. Die Aufmerksamkeit gilt nur der Treppe, es wird nicht nach links und rechts geschaut, schon gar nicht zurück nach unten. Bereits fünf Meter vor dem Ende der Treppe steht die Person in Absprungposition, um die Treppe dann zügig zu verlassen. Die Züge entspannen sich: Puh, geschafft!
Der geistesabwesende Typ:
Er/sie stolpert gewissermaßen auf die Treppe, steht still, fährt ausdruckslos und merkt oben häufig nicht sofort, dass schon Schluss ist. Fährt mit den Schuhspitzen auf die Auslaufplatte, wundert sich kolossal über das abrupte Stoppen, schaut ertappt in die Runde und verlässt dann diesen Bereich mit betretenem Blick nach unten, als sei es ihm nachträglich noch peinlich.
Der bepackte Typ:
Genial, wie manche es schaffen, bepackt mit dicken Tüten und Kartons, die Rolltreppe zu meistern. Wahre Künstler! Der Blick auf die eigenen Füße ist unmöglich, aber durch vorsichtiges Vortasten und Ausbalancieren zeigt sich hier, wer Anfänger und wer Profi ist. Handelt es sich um Paare, herrscht Arbeitsteilung insofern, als dass sie ihren Packesel freundlich auf die Rolltreppe lotst, geleitet und ihn auch noch fröhlich schnatternd bis oben unterhält! Für ein Nicken hat er gerade noch Platz, falls nicht der oberste Karton seiner Ladung zwischen Brust und Kinn eingeklemmt ist.
Die schmusigen Typen:
Jüngere Pärchen nutzen die Rolltreppen zu einem erstaunlich großen Teil zum Schmusen.
Die einen sind die Nebeneinander-Schmuser. Die gleichberechtigten sozusagen. Auf gleicher Stufen- bzw. Augenhöhe stehend kommt man sich näher, um dann rechtzeitig oben gemeinsam abzuspringen.
Die anderen sind die Der-Kleinere-geht-vorweg-Schmuser. Meist betritt sie als Erste die Treppe, dreht sich auf ihrer Stufe um 180 Grad und ist in perfekter Kusshöhe mit ihrem Liebsten, der eine Stufe tiefer vorwärts fährt. Oben entsteht gelegentlich Kuddelmuddel, sie wird jedoch meist von ihm ‚gerettet‘- was dann einen Dankeskuss extra für den heldenhaften Retter nach sich zieht.

Kommen wir  zu den Personen, die offenbar nicht so viel Zeit haben:
Die eiligen Typen:
Sie nähern sich bereits im Sturmschritt und steigen auch auf der Rolltreppe zusätzlich die Stufen zu Fuß empor. Etwaige Hindernisse (sprich andere Personen) werden entweder zur Seite gedrängt oder mit recht nachdrücklichem und anschuldigendem Ton darauf hingewiesen:
Man steht rechts und geht links!
Hierzu wird üblicherweise freihändig gefahren. Hatte die Am-Hindernis-vorbeikommen-Methode keinen durchschlagenden Erfolg, bleibt der Eilige notgedrungen dahinter, wird nun jedoch zum Guck-mal-wie-dicht-ich-aufrücken-kann Fahrer bzw. zum Magst-du’s-wenn-ich-dir-in-den-Nacken-puste Typen. Die Finger veranstalten Trommelwirbel auf dem Handlauf, die Position der Beine ändert sich sekündlich.
In diesem Fall gibt es für die Bedrängten zwei Möglichkeiten: entweder vorbeilassen oder umdrehen und zurückpusten.

Rolltreppen-Typen, die auch mit den Fingern auf dem Handlauf zugange sind, haben dafür noch völlig andere Gründe. Sie haben oftmals einen imaginären Song oder Takt im Kopf, den sie nachspielen, tragen vielleicht sogar Stöpsel im Ohr und erleben gerade Rammstein.
Frauen nehmen weniger einzelne Finger, sondern platzieren vielmehr die ganze Hand auf dem Handlauf. Nicht so sehr aufgrund unsicheren Standes, sondern vermutlicherweise deshalb, weil es häufig sie sind, die unter kalten Händen leiden. Der Handlauf ist eine tolle Wärmequelle!

Der sportliche Typ:
Er (seltener sie) steht mittig auf der Rolltreppe, legt die Hände links und rechts auf den Handlauf und funktioniert den fahrbaren Untersatz kurzerhand zum Stufenbarren um. Leichtes Abheben der Füße und entspanntes Hin- und Herpendeln etwa 10 cm über dem geriffelten Boden. Interessant, wenn es zu Level 2 kommt,  die Laufgeschwindigkeit des Handlaufs nämlich nicht mit der der Fahrtreppe übereinstimmt. Dann erfolgt die Landung auf einer anderen Stufe als der Absprung.

Es ist wirklich nicht so, dass hier schon Schluss wäre mit der Artenvielfalt. Ach, es gibt noch so viel mehr Varianten und Typen!
Die Synchron-Eisschlecker,
die Mein-Gott-wo-bin-ich-hier-bloß Typen,
die Kinderwagenstemmer,
die Gelangweilt-Gucker,
die Kontaktsucher (Blick schweift angelegentlich in alle Richtungen und verharrt auf einzelnen weiblichen Personen),
die Ertappten (sie schauen ebenfalls umher, möchten jedoch nicht dabei erwischt werden),
die Showtypen (Hossa, jetzt komm ich!),
die Schuhzubinder,
die Ich-beweg-mich-noch-langsamer-als-die-Treppe Typen,
die Hintereinander– und die Nebeneinander Fahrer, die, die ein Bein hinauf auf die folgende Stufe stellen und das andere zwei Stufen zurück. Das sind die Spagatkünstler – ob wohl auch im wirklichen Leben? Ein Bein in der Zukunft, das andere noch in der Vergangenheit?

So viel zu beobachten …
Wenn wenige Menschen zeitgleich unterwegs sind, wird auf der Treppe immer mindestens eine Stufe dazwischen frei gelassen. Das gleiche Phänomen, das Sie auch beim Arzt im Wartezimmer antreffen. Wer dort wagt, sich direkt neben eine zweite Person zu setzen, solange noch mehr Stühle frei sind, wird sofort als Sittenstrolch angesehen.
Interessant auch, wenn die Rolltreppe versehentlich stoppt oder generell nicht funktioniert. Die Reaktionen reichen von erstaunt bis genervt und es gibt ein ungelenkes, unharmonisches Gestakse auf den Stufen, da man seinen verlorenen Gehrhythmus kaum wiederfindet. Das wiederum liegt daran, dass die Stufenhöhe einer Rolltreppenstufe einfach mit der Normschritthöhe nicht kompatibel ist.
Wir Menschen sind übrigens fürchterliche Gewohnheitstiere. Zu merken ist das sehr deutlich an der Reaktion, sobald eine Rolltreppe einmal umgestellt wird, was bei Wartung und Reparatur an anderer Stelle gelegentlich vorkommt. Ersatzverkehr. Die Fahrtrichtung wechselt. Jeder ist gewohnt, dass sie hinauffährt – nur heute tut sie es tückischerweise nicht: sie fährt halt abwärts.
Es ist nicht einmal Schadenfreude, die ich beim Zuschauen empfinde, es ist einfach schieres Entzücken, so viele verschiedene Gesichtsausdrücke und Gefühlsregungen zu sehen!

Ich gebe es zu: es ist so etwas wie eine leichte Sucht. Ich habe es seitdem öfter getan, habe RTV betrieben.
Ist es nun eigentlich eine schwere Krankheit, ein hartes Los, dieser Rolltreppenvoyeurismus?
Es ist mehr wie ein kleiner Schnupfen. Im Gegensatz zum allgemein bekannten ‚gemeinen’ Voyeurismus, den ich – wollten wir auch hierfür einen Vergleich heranziehen – doch eher als Schweinegrippe bezeichnen würde …

Mein zeitweiliger RTVSchnupfen macht mir jetzt nicht so extrem viel aus.
Neulich hatte ich allerdings auch so ein Kratzen im Hals …
Wenn das bloß nicht KSV war, der Kassenschlangenvoyeurismus.
Und gelegentlich muss ich hüsteln. Ein Zeichen von ZMV. Dieser Voyeurismus tritt auf, wenn man Zugmitreisende genau unter die Lupe nimmt …

Aber sonst geht es mir gut!

©Juni 2012 by Michèle Legrand


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Die Verabredung – oder Wege, die sich kreuzen …

Michèle Legrand at WordPress.comVon Zeit zu Zeit überkommt es mich, und ich veröffentliche etwas aus dem ganz weiten Feld der Dichtung, die hier im Blog sogar ihre eigene Kategorie (‚Gedichte‘ – zum besseren Wiederfinden) hat!
Gedicht heißt übrigens nicht automatisch und zwangsläufig, dass gereimt werden muss …
Es gibt Anlässe, die sich bedichten lassen, und es gibt für mich  die pure  Lust darauf. Anlässe sind real, Lust darauf hingegen heißt nicht automatisch, dass es autobiografisch ist.

Die Verabredung

http://boo.fm/b843409
(Die Hörvariante via Audioboo)

Wäre sie an ihm vorbeigegangen
hätten sich ihre Wege „nur so“ gekreuzt?
Und er?
Wäre sie ihm überhaupt aufgefallen?
Vielleicht hätten sie sich beachtet …
Aber hätten sie sich getraut
Hallo zu sagen,
gemeinsam ein Stück zu gehen …
Kaffee zu trinken,
zu erzählen, zu lachen,
zu schweigen?
Wie sie es taten …
Wer weiß es schon im Nachhinein –
mit Sicherheit.

Sie trafen sich.
Das erste Mal.
Sie gingen nicht aneinander vorbei,
weil einer den anderen erwartete.
Nur woher kannten sie sich?
Es gab viele Arten,
sich über den Weg zu laufen …
Ihre Pfade hatten sich bereits gekreuzt –
„nur so“ – irgendwann
lange vor diesem Tag

Und sie hatten sich beachtet.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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Es war nicht das Brusthaar!

Es war nicht das Brusthaar (Titelfoto Kurzgeschichte im Blog: Michèle. Gedanken(sprünge)

Heute auch wieder einmal mit einer Hörversion!
Bitte hier entlang:
-> Es war nicht das Brusthaar! http://audioboo.fm/boos/832285

Sie schaute skeptisch, als er sich nach gründlichem Umsehen genau für den Tisch ihr gegenüber entschied. Natürlich setzte er sich auch so, dass er sich beim Herüberschauen nicht anstrengen oder gar verrenken musste. Sie gab ihm fünf Minuten – dann würde es ihm hoffentlich zu langweilig werden.
Es war ihr unangenehm, wie anmaßend und ungeniert er sie ständig anstarrte.
Eben erst, kurz vor seinem Erscheinen, war ihr Kaffee gekommen. Sie konnte ihn jetzt nicht in Rekordzeit heiß herunterstürzen und sah zudem auch gar nicht ein, sich von ihm vertreiben zu lassen!
Sie überlegte sich umzusetzen. Oder sollte sie ihn in seine Schranken weisen …?
Wenn sie ihn wenigstens hätte ernst nehmen können. Wenn er nur etwas, ETWAS Anziehendes, Angenehmes gehabt hätte.
Generell vermied sie, ausgehend von Äußerlichkeiten Rückschlüsse auf Charakter oder Verhalten zu ziehen. Nur hier wurde das Verhalten gleich mitgeliefert. Innerlich stöhnte sie. Wer sich so anzog und dermaßen selbstüberzeugt Anmache betrieb, der löste bei ihr fast ein wenig Mitleid aus. Aber nur fast.
Er hatte ein Hemd in schrillen Farben gewählt, die ersten vier oder fünf Knöpfe waren geöffnet. Eine Goldkette mit Gliedern, die stark genug wirkten, um daran den Anker der Queen Mary 2 zu befestigen, zierte den Hals. Sein Brusthaar quoll fröhlich heraus.
Sie bräuchte sich nur etwas weiter vorzubeugen, dann könnte sie bis zu seinem Bauchnabel sehen …
Eine weiße Jeans, insgesamt ein bis zwei Nummern zu klein. Sie war so eng, dass er vorsichtshalber sein Smartphone aus der Tasche genommen und auf den Tisch gelegt hatte. Die Sonnenbrille war lässig ins gegelte Haar hinaufgeschoben.
Und die Schuhe! Sie waren gewagt. Auberginenfarben, vorne spitz zulaufend und ein bisschen hochgebogen. Früher nannte man das im Extremfall Schnabelschuhe.
Sie musste einfach auf die Füße blicken. Die engen Hosenbeine ließen die Schuhe noch länger wirken. Er selbst war doch gar nicht so groß …
So große Füße hat der nie und nimmer! Wie viel Luft wohl vorne zwischen großem Zeh und Schuhspitze noch ist?
Er hatte ihr kurz aufflammendes Interesse offenbar missgedeutet, denn er zwinkerte ihr gerade vertraulich zu und beugte sich etwas vor, über den Tisch, so, als wollte er gleich eine Konversation starten.
Sie hatte nichts gegen Brusthaar! Das war es nicht. Wenn der Mann stimmte, war es ihr völlig egal, ob den Brustkorb eine glatte Babyhaut überzog oder sie dort Zöpfe flechten konnte. Sie hatte nur keine Lust auf ihn.
Er begann, dumme Sprüche zu klopfen. Schöne Frau – so alleine, man könnte doch …
Sie winkte die Bedienung heran und zahlte. Die Angestellte schien das Rasierwasser des Mannes als etwas aufdringlich zu empfinden und klappte das Fenster nahe seinem Tisch ein.

Sie nahm ihre Tasche. Er beobachtete sie und versuchte, die „Konversation“ aufrecht zu erhalten. Sie versteifte, schien plötzlich entschlossen und ging direkt an seinen Tisch. Er wirkte siegesgewiss.
Sie schaute ihn an, ging vor ihm in die Hocke und raunte:
„Darf ich mal fühlen …?“
Er wirkte etwas überrumpelt und lief ein wenig an.
Sie drückte mit ihrem Daumen auf seine Schuhspitze. Zwischen Zeh und Schuhende waren mindestens drei Zentimeter Luft.
Sie richtete sich ruhig wieder auf, strich ihre Kleidung glatt und bemerkte:
„Die Schuhe eine Nummer kleiner, die Jeans eine größer. Und wenn Ihnen jetzt bei offenem Fenster kühl wird, haben Sie auch noch die Möglichkeit, ein oder mehrere Knöpfe ihres Hemdes zu schließen.“

Und damit ging sie.
Sie war manchmal böse.

©Juni 2012 by Michèle Legrand

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Nikolas

Link zur Hörvariante (Podcast-Version via Audioboo):
Nikolas ->  boo.fm/b709915

Ich hatte es ihm versprochen. Versprochen ihn abzuholen, sobald es möglich war. Sobald sie ihm erlaubten zu gehen! Ein letzter, langer Blick aus dunklen Augen, als ich ihn vor wenigen Stunden verließ, und dieser Blick verfolgte mich seitdem. Vorhin hatten sie angerufen, kurz nach 15 Uhr. Immer dieser Schreck und gleichzeitig die Erleichterung, dass sie sich melden. Dieses bange Gefühl, bevor die ersten erleichternden Worte fallen …
Und dann hatte ich wieder dort gesessen. Wartete. Ulli neben mir fand offenbar alles nur ätzend langweilig und kratzte sich. Lucy gegenüber regte sich tierisch auf. Über den dunkelhaarigen Ulli, kurz darauf über den Neuen, der hereinkam und über die Tatsache, dass der Raum beengt war und sie nicht so durfte, wie sie wollte. Als der eben Eingetretene mit seiner Begleitung nur einen Platz direkt neben ihr fand und sie zudem scheel anschaute, war ihre Laune vollends im Keller. Sie fing an zu motzen. Wäre am liebsten gegangen. Ich weiß, ich dachte in dem Moment: So ungenießbar drauf und dabei doch so zivilisiert und hübsch anzuschauen! Aparte, gepflegte Haarpracht, schlanke Figur, Stupsnase. Vielleicht bekam sie sich wieder in den Griff.
Der Neue wurde als Bertram angesprochen und zog es vor, sich etwas zurückzuziehen bzw. schien auch mehr Interesse an Ulli zu entwickeln. Der allerdings nicht an ihm. Ulli hatte sich wiederum bereits zweimal an mich herangemacht. Mir stand heute jedoch nicht der Sinn danach, und so hatte ich ihn einfach ignoriert. Er berührte danach noch zweimal wie zufällig meinen Oberschenkel. Ich ignorierte auch das.

Und nun wartete ich hier auf Nikolas B. Uns verbindet eine enge Freundschaft, die schon siebeneinhalb Jahre dauert. Er heitert mich auf, wenn ich von Zeit zu Zeit ein wenig durchzuhängen drohe, ist ein exzellenter Zuhörer. Sein Sternzeichen ist Löwe. Gewiss, manchmal sind diese „Sonnenkönige“ etwas anstrengend, eigensinnig, stark von sich selbst überzeugt, doch generell ist er höchst angenehm, da von heiterem Gemüt. Und ich? Ich revanchiere mich, indem ich mich um sein Wohl kümmere, inklusive Körperkontakt.
Er ist bei uns Untermieter, und auch mein Mann ist ihm sehr zugetan. Man kann daher nicht so allgemein und grundsätzlich behaupten, dass das System eine Frau und zwei männliche Wesen überhaupt nicht funktioniert. Sie müssen halt die Eifersucht zügeln und sich arrangieren! Es muss zeitlich vernünftig eingeteilt werden. Oder eben beide zusammen … So hat jeder was von mir.

Doch zurück zum Zeitpunkt vor einer Stunde. Ich wartete also. Nach etwa zwanzig Minuten erschienen sie mit ihm. Er war noch halb im Rausch. Die Mittel wirkten offenbar nach. Wie vor wenigen Monaten, als das gleiche Problem ihn peinigte. Torkeln. Kippen …
Überhaupt, das Timing war wieder perfekt gewesen. Die Buchmesse steht vor der Tür, die Fahrkarte ist gekauft, das Hotel gebucht und dann … Nikolas. Malade. Krank. Unfähig, einen Happen zu sich zu nehmen. Auf Hilfe angewiesen. Und kein anderer da, der die Zeit hätte …
Ach, Nikolas, ahntest du schon wieder, dass ich los muss? Wissen das deine „Missetäter“, die dir prompt und just in diesem Augenblick das Leben schwer machen?
Ich habe dich nach Hause tragen müssen! Wahrscheinlich hast du alles auch nur halb mitbekommen. Während ich hier sitze und vor mir auf dem Tischchen den Laptop habe, liegst du schwer auf mir und stöhnst. Windest dich in meinem Schoß hin und her. Dabei soll man nun vernünftig schreiben können. Aber bleib ruhig da, schlaf noch ein bisschen. Nachher geht es dir vielleicht schon besser.
Du hast in der Praxis wohl auch nicht mitbekommen, dass der Labrador auch dich abschnuppern wollte. Ich konnte Ulli noch davon abhalten. Lucy, die schöne, aber launische Perserkatze war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr da. Glück gehabt, Nicky, sie hätte dich echt genervt.
Ach, mein Hase, warum wachsen deine Zähne bloß immer so schief und spitz, dass sie deine Backen verletzen oder deine Zunge perforieren?
Mein Freund, wir haben noch ein paar Tage der Rekonvaleszenz, jetzt nachdem dir wieder in Narkose die hintersten Zähne gekürzt wurden. Ich hoffe, du isst wieder, bis ich nach Leipzig muss …

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Am Jahresanfang: Das kenne ich doch vom letzten Jahr …!

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_6774551 Text auch als Podcast
(Alternativlink zur gesprochenen Version, da hin und wieder der Audioplayer aus unerfindlichen Gründen nicht abspielt:
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_6774551

Im Moment wirkt es draußen überall etwas kahl. Nachdem die ganzen Weihnachtsdekorationen verschwunden sind, hat die Nüchternheit wieder Einzug gehalten. Wie jedes Jahr im Januar.
Vielleicht ist es auch schon jemandem aufgefallen: Es gibt Dinge, die sich offenbar am Jahresbeginn grundsätzlich wiederholen. Immer wieder, jedes Jahr.
Im Gegensatz zu vielen anderen, vielleicht weitaus wichtigeren Sachen, die oftmals trotz allem einfach keine lange Lebenszeit bzw. wirkliche Überlebenschance haben. Oder die sich eben zeitmäßig nicht so gängeln und festnageln lassen. Abhängig sind von Wetter, Geld/Sponsoren, Zeitgeist, Laune, Alter etc.
Wer jetzt auf den Straßen, in den Geschäften oder lesenderweise in Zeitungen und Zeitschriften unterwegs ist, stellt fest, dass die Themenauswahl recht begrenzt ist, sich arg ähnelt und dass sie sich an der Themenauswahl des letzten Januars und der des Januars davor und der des Januars des Jahres davor … orientiert.
Es wird pünktlich zu Jahresbeginn vermeldet, dass wir mehr zu zahlen haben. Durch Gebührenerhöhungen, steigende Krankenkassenbeiträge und Versicherungsprämien, „angepasste“ Energiepreise, etc. . Also die Januar-Botschaften von Staat, Behörden, Einrichtungen, Versicherern, Versorgern. Manche veröffentlichten es auch bereits verschämt vor Jahresende, doch nett zusammengefasst erfahren wir es im Januar aus den Zeitungen. Die Zeit der Rückblicke ist vorbei, jetzt startet mit dem Januar die Zeit der Überblicke.
Das Geld wird demnach knapper  im Portemonnaie und zieht folgendes Thema nach sich: Sparen. Die diesbezüglichen Jahresanfangstipps von Banken, Beratern, Versicherungsagenten und sonstige Optimierern werden uns präsentiert. Die Dringlichkeit klargemacht. Bringen Sie jetzt Ordnung in ihre Finanzen. Wie Sie sparen können. Fangen Sie jetzt mit Ihrer Altersvorsorge an und sichern Sie sich den ganzen Vorteil. Wir sind für sie da. Nur noch bis …Uns können sie vertrauen.
Obwohl so vieles teurer wird, erfahren wir jedoch gleichzeitig, wie viel wir gerade jetzt sparen können, denn der Handel ist im SALE-Fieber. Gelegenheit, Schnäppchen, Rabatt, Bonus, Punkte. Wenn wir nicht aufpassen, kriegen wir noch etwas heraus, wenn wir es kaufen!
Weiterhin werden massiv Anstalten unternommen, uns davon zu überzeugen, dass der Frühling unmittelbar vor dem Ausbruch steht. Einerseits. Denn Primeln und Tulpen als Topfpflanzen bei Blume 2000 und anderen Blumenhändlern, suggerieren einen Beginn der Pflanzzeit im Garten. Andererseits wird genauso intensiv versucht uns vorzumachen, dass morgen die Eiszeit ausbricht, denn die Lager sind schließlich noch voll mit Skiern und anderen Wintersportgeräten sowie warmer Kleidung.
Die Konsequenz ist, dass die Schaufenster häufig „halb und halb“ dekoriert sind. Bei Steffi-Moden im Wandsbeker Quarrée EKZ stehen z. B. auf der einen Seite die Schaufensterpuppen in Pelz, mit Schal und Mütze, dunkle Farben/Brauntöne überwiegen, und sie haben zu ihren Füßen einen altmodischen Schlitten und halten glücklich ebensolche Holzskier. Auf der anderen Seite, im nächsten Fenster, zeigen die (Kunst-)Damen schon (Kunststoff-)Haut, und es  herrschen leuchtende Frühlingsfarben vor. Die kurzen, bunten Röcke liegen bereits parat. Der Übergang wird abgemildert durch eine Figur, die über dünner Kleidung eine farbenfrohe, mollige, seidig glänzende Steppweste trägt. Für alles gewappnet.
(An dieser Stelle möchte ich dem Inhaber des Geschäftes doch einmal ein Kompliment bezüglich seiner Dekoration machen. Sie – oder besser gesagt, die Kleidung und deren Kombination – trifft nicht grundsätzlich meinen Geschmack, dennoch ist sie geschmackvoll. Sie ist kreativ, oft individuell, wechselt häufig und ist aktuell. Sie zieht Blicke auf sich durch Einfallsreichtum,  originelle Einzelteile und einmalige Dekorationsgegenstände, die zum Teil aus eigenen Sammlungen stammen,  und – er dekoriert selbst! Wenn ich mal ganz viel Geld habe, werde ich ihm noch Perücken schenken, damit seine Figuren nicht immer so glatzköpfig daherkommen müssen, oder wie im letzten Jahr auf einmal umgestülpte Papiertüten tragen. Das war weniger geschmackvoll ;) )

Doch das Thema ist Wiederholung, und darauf komme ich nun auch wieder zurück.
Jedes Jahr fassen die Menschen ihre Vorsätze für das Neue Jahr, und jedes Jahr müssen sie es in gewisser Weise ausbaden, denn das Angebot – themen- und warenbezogen – richtet sich danach.
Der Mensch schwört an Silvester:
Ab jetzt geht es bei mir los mit Diät oder zumindest ernähre ich mich besser
Ich werde mehr selber kochen und Schluss mit Fastfood
Ich sorge für mehr Bewegung und/oder treibe regelmäßig Sport
Ich höre auf zu rauchen
Ich pflege mehr Kontakte, suche mir einen Partner (ernsthaft)
Ich räume gründlich auf und putze alles blitzblank
Ich werde besser haushalten (sparen)
usw.
Die Folge ist, wir werden momentan bombardiert mit Diätvorschlägen. Ich habe hier eine dünne Zeitung, die mir gratis ins Haus gebracht wird. Rundschau nennt sie sich. Wenige Seiten, aber sie enthält Anzeigen vom Hypoxi-Figurcentrum, von den WeightWatchers und dem CaloryCoach. Sie versprechen alles, was sich der diätoffene Januar-Vorsatz-noch-Erfüller wünscht. Abnahme ohne zu Hungern, Abnahme ohne viel Sport, eine Top-Figur und dementsprechende Attraktivität. Ohne Mühe. Garantie gibt es natürlich nicht. Schon gar nicht dafür, dass der Erfolg von Dauer ist. Hierzu ist nämlich noch etwas ganz anderes nötig. Der Mensch muss es wirklich und wahrhaftig wollen! Er muss einfach den uneingeschränkten Selbstwillen zur umfassenden Veränderung haben.
Das betrifft genauso das Rauchen. Ohne feste innere Entscheidung für Ja oder Nein läuft gar nichts. Der Druck auf die Raucher ist mittlerweile größer geworden, seitdem in öffentlichen Räumen und Gebäuden nicht mehr geraucht werden darf. Manch einer hat den Gedanken: Ach, ich sollte auch damit aufhören. Gesund ist es eh’ nicht … Reicht das? Nein, es reicht nicht.  Und weil die Apotheker, Therapeuten und die Arzneimittelindustrie das wissen, wittern sie das Geschäft. Sie bieten also Hilfe an beim Nichtraucher werden. Im Januar liest man wieder über Pillen, Hypnose, Pflaster, Therapie – alles, was das Herz begehrt.
Jeden Januar – ich will nicht behaupten seit Menschengedenken, aber zumindest seit Jahrzehnten – gibt es die Haushaltswaren-Wochen. Auch diese Tradition ist nur deshalb eine mit Überlebensgarantie, weil es sich so wunderbar mit den Neujahrsvorsätzen der Menschheit fügt. Wie kann man sich denn besser ernähren, besser kochen? Na? Richtig, mit einem neuen, modernen Topf, einer besser beschichteten Pfanne, einem Dampfbräter. Es ginge höchstwahrscheinlich auch mit dem alten Bestand an Pötten, doch wir wurden ja vorher schon manipuliert. Die sind veraltet, unzeitgemäß! Und seit sich mehr Herren für das Kochen interessieren, kommt auch der HighTech-Aspekt mit zum Tragen. Die machen es einfach nicht mit dem Alten! Auch ein neues Messerset (der 8er-Block mit Abenteuer- und Risikofaktor) ist schnell mit an den Mann gebracht, und wo wir schon dabei sind – auf den alten Tellern kann man einfach nichts mehr anbieten (sagt die Werbung). Damit gewinnst du keinen Blumentopf (respektive findest du keinen Partner!).
Partnersuche. Die Partnervermittlungsagenturen reiben sich im Januar die Hände. Es werden vermehrt Kunden gezählt. Mehr Kunden gewinnen auch Fitnessclubs und Sportvereine.  Übermäßig Anzeigen findet man nicht, denn die Mitglieder kommen Anfang des Jahres noch höchst freiwillig aus eigenem Antrieb. Es finden nur einige Aktionen statt, um sich zu zeigen. Hier! Hier! Nicht, dass sich jemand ganz aus Versehen bei der Konkurrenz anmeldet.
Einigen Menschen geht es offenbar zu weit, gleich einem Verein oder Club beizutreten und sich ins Getümmel zu stürzen. Sie planen, ihr  Programm daheim mit Hilfe von Sportgeräten zu absolvieren. Nur deshalb haben wir alle Jahre wieder im Januar den Hometrainer/Crosstrainer bei Aldi oder diverse andere Foltergeräte (Expander, Stepper, Taue, Bälle) bei Lidl, Tchibo und Konsorten. Man kann die Uhr danach stellen. Und spätestens im März steht das Zeug verwaist im Keller …  jedenfalls bei einem Großteil der Käufer. Der Antrieb zu Hause fehlt, keiner guckt, keiner kontrolliert, keiner applaudiert. Oder der Falsche guckt, kontrolliert und applaudiert auch nicht.
Wir haben jetzt den 11. Januar. Ziemlich bald startet die Aktion: Wir räumen auf! Und wir werden putzen! Der Handel und die Werbung werden schon dafür sorgen, dass wir daran erinnert werden. Was? Noch nicht gemacht? Nun aber husch …! Dann haben sie wieder Ordnungskisten, Krawattenbügel, Sockensortiereinrichtungen, Schrankeinhängekörbe und Unterbettkommoden im Angebot. Selbstverständlich auch Wischmops, professionelle Fensterabzieher, Haushaltshandschuhe, Eimer und Putzmittel.

War es das im Januar?  Waren das die jährlichen Wiederholungen?
Es gibt bestimmt noch mehr, doch das würde für heute hier auch den Rahmen sprengen.
Wem etwas ganz Spezielles einfällt, der kann es gern als Kommentar hinterlassen!
Oder wem einfällt, wie sich der Handel dazu bringen ließe, etwas völlig Neues im Januar zu offerieren. Es käme auf einen neuen Vorsatz an …

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Der Lustmolch – Eine untypische Adventsgeschichte

Er beobachtete sie.
Sie saß vier Tische entfernt von ihm. Sie wirkte entspannt und löffelte hingebungsvoll den Milchschaum von ihrem Cappuccino. Sie schob in Zeitlupe den Löffel in ihren Mund, schloss verzückt die Augen und bevor sie ihn wieder hinauszog, drehte sie ihn offenbar um, um mit der Zunge jeglichen Rest aus dem Löffel herauszuschlecken. Die Zungenspitze kreiste am Ende, wenn der Löffel schon längst erneut auf dem Weg zum Nachschlag holen war, ganz kurz einmal über Ober- und Unterlippe …
Allein beim Zusehen passierten mit ihm wundersame Dinge. Er war neidisch auf ihren Cappuccino, er konnte nicht wegsehen, es machte ihn an, und er fragte sich wieso. So ganz neu war es für ihn nun auch nicht …
Er winkte dem Ober zu. Es war der Richtige.
„Einen Espresso, bitte.“
„Sehr gerne, der Herr.“
Oh, freundlich heute, und offenbar erinnerte er sich auch nicht an die Szene von vor einer Woche. Vielleicht musste er nachhelfen …
Er schaute wieder zu dem anderen Tisch hinüber. Die Frau hatte ungefähr sein Alter, und sie war sein Typ. Sie war ladylike und mädchenhaft in einem. Sie wirkte geheimnisvoll, doch zugleich auch unschuldig. Sie hatte einfach etwas, das ihn sehr anzog, magisch anzog.
Der Ober näherte sich mit seinem Getränk.
Richard verwickelte ihn in ein Gespräch. Eventuell erkannte dieser seine Stimme wieder.
„Könnte ich vielleicht noch extra Zucker bekommen? Ich mag es gern süß.“
Er hatte auch letztes Mal danach gefragt.
Der Kellner schaute ihm jetzt ins Gesicht. Richard meinte, ein Wiedererkennen zu beobachten.
„Natürlich, ich bringe Ihnen gleich noch eine weitere Portion.“
„Das ist sehr freundlich. Haben Sie nicht neulich auch an diesem Tisch hier bedient?“
„Sicher. Ach, jetzt erinnere ich mich. Sie waren ja hier in Begleitung …“
Der Groschen war gefallen, und Richard bemerkte den urplötzlich auftretenden Unwillen, das leicht Abschätzige im Blick des Gegenübers. Dieser verzog sich nun, um das Gewünschte zu besorgen.
Richard war immer noch sauer, und gleichzeitig musste er grinsen. Am vergangenen Sonntag hatte er hier mit Mara gesessen. Er hatte sie gerade vom Flughafen abgeholt und weil ihr Magen lautstark geknurrt hatte, hatten sie hier angehalten, um eine Kleinigkeit zu essen. Sie hatte sich unbändig gefreut, ihn nach einem halben Jahr Aufenthalt im Ausland wiederzusehen und hatte ihn immer wieder herzlich berührt. Seine Hand zu sich hinübergezogen, ihm einen Kuss auf die Wange gegeben, ihn angestrahlt.
Er war 45 und hatte es sehr genossen, von einer hübschen, jungen Frau so angehimmelt zu werden. Mara war inzwischen 19. Und seine Tochter. Sie unterhielten sich über eine Klingel, die Mara aus Montreal mitgebracht hatte, weil sie den Klingelton einfach liebte.
„Kannst du mir helfen, sie zu montieren? Ich komme mit den vielen Kabeln nicht zurecht, und mir fehlen auch noch Schrauben und Dübel.“
Der Ober war in dem Moment an den Tisch gekommen, als er ihr antwortete:
„Klar, Kleines, ich besorg es dir.“
Mara hatte ihm eine Kusshand zugeworfen.
Der Kellner musste es wohl irgendwie in den falschen Hals bekommen haben. Er schaute indigniert, sein Verhalten wurde kühl und kühler, passend zum Anstieg der offenbar mit ihm wild durchgehenden Fantasie. In seinem Kopf schienen sich Sätze zu formen wie:
Dass die alten Knacker immer mit den jüngsten Mädels herummachen müssen!
Er hatte auch Mara anschuldigend und leicht verächtlich angesehen.
Was willst du mit dem? Ausnehmen?
Als Richard und Mara bemerkt hatten, was falsch lief, hatte er gerade den Weg in die Küche angetreten, und es war  ihnen zu müßig, sich zu verteidigen und alles klarzustellen. Wahrscheinlich hätte er es nicht einmal geglaubt.
Als sie ihre Garderobe holten, schaute der Angestellte demonstrativ weg. Im Hinausgehen hörten sie seine Bemerkung zu einem Kollegen an der Bar.
„Der ist wohl im zweiten Frühling! Widerlich!“
Sie waren verärgert gewesen. Mara hatte draußen vor der Tür jedoch schon wieder gelacht, und als sie bemerkte, dass ihr Ober sie von drinnen durchs Fenster hindurch immer noch im Blick hatte, hatte sie ihn besonders eng an sich herangezogen und ihm ins Ohr geflüstert:
„Papa, du musst jetzt tierisch verliebt tun. Dann kriegt er drinnen einen Anfall.“

Er hätte es dabei bewenden lassen können, aber es hatte ihn gewurmt.
Was bildete der sich eigentlich ein? Sich als Moralapostel aufzuspielen!
Das war das eine. Das andere, weitaus Schwerwiegendere war, dass er IHM zugetraut hätte, es in seinem Alter mit einem Teenager zu treiben! Das schrie nach Revanche.
Seine Frau reagierte auf die Geschichte anfangs wie Mara. Sie lachte sich schlapp, bis sie merkte, dass diese Sache ihn getroffen hatte.
Es hatte ihn in seiner Ehre getroffen!

Nun saß er ein weiteres Mal hier. Schön, sein Kontrahent hatte ihn wiedererkannt.
Wo blieb denn jetzt der Zucker? Mit den voreiligen Schlüssen schien er schneller zu sein …
Sein Blick wanderte wieder hinüber zu der Frau. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte leicht und rührte dann wieder in ihrer Tasse. Sie setzte sich etwas schräger auf ihren Stuhl und schlug die Beine übereinander. Ihr Rock verrutschte.
Er schluckte. Das war ein … netter Anblick! Oh ja.
Der Ober kehrte zurück.
„Ihr Zucker.“
Das Wiedererkennen schien die Verwendung kürzerer Sätze in Gang gebracht zu haben.
Das kann ich auch, dachte Richard.
„Danke.“
Bevor der Kellner  jedoch verschwinden konnte, winkte er ihn näher zu sich heran und fragte sehr vertraulich:
„Kennen Sie die Dame dort drüben am Tisch?“
Sein Kopf nickte leicht in die richtige Richtung. Der Ober sah hinüber, antwortete jedoch nicht, sondern sah ihn nur fragend an.
Richard bemühte sich um einen jovialen Tonfall:
„Nun, unter uns Männern: ist schon ein Klasseweib, oder? Kennen Sie ihren Namen? Ich würde sie gern näher kennenlernen.“
Der andere schnappte nach Luft.
Reicht dir deine junge Gespielin vom letzten Mal nicht mehr, du Lustmolch?
Richard meinte, diese Worte auf seiner Stirn geschrieben zu sehen. Er wartete auf eine Antwort, die nun auch mit zitronensaurer Miene und leicht zusammengebissenen Zähnen kam:
„Ich kann Ihnen keinen Namen nennen, und es tut mir leid, ich glaube nicht, dass die DAME Interesse an Ihnen hat!“
Bingo! Richard hatte es vorausgesehen.
„Wetten doch?“
Er grinste sein schmierigstes Lächeln.
Der Ober starrte ihn an.
„Warten Sie  einen Moment“, instruierte er den Mann, kritzelte ein paar Worte auf einen kleinen Zettel, faltete ihn zusammen und reichte ihn hinüber. „Geben Sie ihn bitte der Dame! Wären Sie so nett?“
Sein Gegenüber war hin- und hergerissen. Schließlich nahm er, innerlich wutschnaubend, die Notiz und stampfte Richtung Richards Herzkasper verursachender Lady.
„Das soll ich Ihnen von dem Herrn dort drüben geben …“, kam es gepresst.
Richard beobachte die Szene.
Die Dame schaute anfangs überrascht, zögerte leicht, entfaltete dann den Zettel, las und lächelte schließlich. Sie entnahm ihrer Handtasche einen Stift und schrieb eine Antwort. Dann faltete sie das Blatt sorgsam wieder zusammen und wandte sich dem noch neben ihr stehenden Kellner zu. Sie reichte es ihm sehr charmant und fragte überaus gewinnend:
„Wären Sie so nett …?“
Dabei zeigte hinüber zu Richard. Der Ober bekam eine ungesunde Gesichtsfarbe, doch tat er, wie sie ihm geheißen. An dessen Platz angekommen, drosch er die Nachricht auf die Tischplatte.
Richard strich den Zettel glatt und legte ihn so vor sich, dass der Kellner ihre Antwort mitlesen konnte, mitlesen musste!
Ich finde sie auch enorm sexy! Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir zu Ihnen gehen? Ich bin verheiratet.
Richard unterdrückte ein Grinsen.
Der Kellner konnte es nicht fassen!
Sie war inzwischen aufgestanden, kam leicht wiegenden Schrittes herüber, beugte sich am Tisch zu ihm herab und hauchte:
„Wollen wir …?“
Richard griff nach ihren Fingern, schaute ihr tief in die Augen und deutete einen Handkuss an.
„Gerne“, erwiderte er mit sonorer Stimme.
Er stand auf, holte seine Jacke, half ihr in ihren Mantel. Er liebte ihr Parfum und sog tief die zarte Duftwolke ein, die sie umgab.
Währenddessen kam der Ober zur Besinnung.
„Sie haben noch nicht bezahlt!“ Das galt für beide.
„Ich zahle“, entschied Richard.
„Zusammen?“, vergewisserte sich der Kellner.
„Ja“, bestätigte Richard und die Dame honorierte es mit einem: „Oh, ein Gentleman!“
Richard hatte das Gefühl, der Angestellte konnte gerade noch ein angewidertes Gentleman? Der? unterdrücken.
Richard und seine Eroberung wendeten sich der Tür zu. Der Kellner begleitete sie ein Stück, machte aber keine Anstalten, sie ihnen zu öffnen. Die Dame drehte sich leicht zu Richard und küsste ihn zärtlich auf den Mund. Lange. Dann sagte sie:
„Schatz, sag es ihm! Tu es – bitte!“

Richard seufzte. Natürlich musste wieder einer weich werden!
Er wandte sich um und murmelte etwas missmutig:
„Ich soll Sie von meiner Tochter grüßen. Das ist die junge Dame, die vor einer Woche mit mir hier gegessen hat. Ach ja, und meine Frau und ich“, Richard wies auf seine Begleitung, „wir wünschen Ihnen natürlich noch einen schönen 1. Advent!“
Das Auf Wiedersehen ließ er weg …

Vor der Tür hakte sich Helen bei ihm ein. Sie strich die Falten auf seiner Stirn glatt.
„Richard, schau mich an! Hör auf zu grummeln!  Das war kein Spiel verderben! Du wolltest ihm eine Lehre erteilen. Es wird ihm so viel mehr zu denken geben, glaub mir, mein Schatz! Außerdem ist jetzt dein guter Ruf wiederhergestellt.“
Sie knabberte sanft an seinem Ohrläppchen. Er stöhnte, zog sie dann allerdings forsch mit sich.
„Was …?“, fragte Helen irritiert.
„Ich habe gerade festgestellt, dass mein Ruf akut wieder in Gefahr ist, wenn wir nicht sofort nach Hause fahren …“

Ende

(NEU: Auch als Podcast! )
Den  Lustmolch gibt es jetzt auch in der Audioversion. Technisch bedingt besteht dieser Hörbeitrag  aus drei Teilen.
Sie werden auf die Seite von Audioboo geleitet. Es ist kein Download erforderlich, es verursacht Ihnen keinerlei Kosten!
Sie brauchen lediglich den Pfeil anzuklicken.
Viel Vergnügen!

http://audioboo.fm/boos/1114945-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-1
http://audioboo.fm/boos/1114947-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-2
http://audioboo.fm/boos/1114951-der-lustmolch-eine-untypische-adventsgeschichte-teil-3

Michèle Legrand - Kurzgeschichte im Blog - Der Lustmolch - eine etwas andere Adventsgeschichte©November 2011 (Podcast 2012)  by Michèle Legrand

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Wenn Steptänzer „fremdgehen“…

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_350554

Mein  wöchentlicher Steptanz (von mir aus auch Stepptanz) fand am letzten Donnerstag interessanterweise in einem Raum statt, in dem sonst Töpfer ihre Kunstwerke herstellen. Üblicherweise nutzen wir einen anderen Bereich in der VHS, der sich im Souterrain befindet und richtigen Tanzboden hat. Zum einen nachgebend, zum anderen klingend, was beim Steptanz nun einmal nicht unwesentlich ist. Es macht nur halb so viel Vergnügen, wenn anstelle eines KLACK-KLACK-KLATTERA-KLONG lediglich ein müdes Ploff-ploff-pipp-pipp-plopp erklingt.
Zurzeit sind Schulferien in Hamburg. Daran hält sich auch die VHS, dennoch lässt uns gewöhnlich das nette Hausmeisterpaar hinein. Am Donnerstag auch, allerdings wird diesmal im Gebäude noch renoviert, unser Raum war noch gar nicht wieder benutzbar. Die Alternative bot sich an im 1. Stock, eben im besagten Raum der Töpfer. Ich kann euch auch verraten warum: der Boden dort sieht schon ramponiert aus! Damit fallen eventuelle zusätzliche Abdrücke durch unsere Stahlplatten nicht besonders ins Gewicht.
Wir werfen einen Blick hinein. Eine Seite des Raums ist frei, auf der anderen sind Arbeitstische. Hohe Regale zieren ringsum die Wände. Ach, was soll’s! Besser als nichts.
Es stellt sich heraus, dass wir dort keine Musik anschließen können.
Egal, wir denken uns den Sound.
Der Boden ist mit PVC-Belag ausgelegt. Klingt eher nach Ploff….
Auch egal. Wir beginnen.
Wir lernen: Training im 1. Stock ist definitiv nichts für Stepper. Es ist zwar keiner unter uns, der sich beschwert, dass wir ihm auf dem Kopf herumtrampeln, doch der Boden wackelt ganz gewaltig durch die Erschütterung, und in den Regalen, die mit Tonerzeugnissen und Werkzeugen gefüllt sind, fängt es an zu klirren, zu scheppern und… zu wandern!
Figuren, die auf kleinen Brettern aufgebaut sind, erweisen sich noch als am Stabilsten. Kritisch hingegen wird es mit den Vasen auf dem obersten Bord. Wir behalten sie sehr gewissenhaft im Auge!
Zwei kritische Exemplare versuche ich zu sichern, indem ich auf einen der Holztische klettere, um sie von dort aus zu erreichen und zurückzuschieben.
Bei dieser Aktion stellt sich heraus, das der Klang der Stepschuhe auf der massiven Tischplatte ein wirklich ganz hervorragender ist…
Sehnsüchtiger Blick von allen, doch das Gewissen ist letztendlich stärker. Wir klettern nicht alle auf die Tische, um den Rest der Stunde dort zu trainieren. Vielleicht auch deshalb nicht, weil der Raum Fenster hat, die von einem Gebäude genau gegenüber eingesehen werden können.
Und dort brannte noch Licht…

Die Herrschaften waren recht standfest...

Anweisungen...

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Miss Supertype

Miss Supertype – Die Werbesingle aus dem Jahr 1983

Miss Supertype als Podcast (unter dem Artikel die Audiobeschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher sowie der Song als Audio-Datei)
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_980553 Teil 1

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976579 Teil 2

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976587 Teil 3

Ich habe das Bloggen ein wenig vernachlässigt, da ich momentan an etwas anderem schreibe, stelle jedoch soeben fest, dass ich jetzt einfach nicht daran vorbeikomme, denn heute schlug das Schicksal erbarmungslos zu!
Auf der Suche nach amtlichen Unterlagen, zog ich irrtümlich einen falschen Ordner aus dem Regal und fand unter ‚O’ uralte Papiere. Ein Blick auf das Rückenschild des Ordners verriet: Aha, daneben gegriffen! Dieser Ordner enthielt nicht den Behördenschriftverkehr und Rechnungen, sondern Berufsinfos, Firmeninfos und alte, aus nostalgischen Gründen aufbewahrte Dinge aus diesem großen Bereich. Zum Beispiel den Schriftwechsel mit Olympia International  (Olympia Werke, Wilhelmshaven). Diese Firma gibt es seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrtausends nicht mehr, nur der Markenname Olympia existiert noch (und eine Holding).

Ich erwähnte es bereits einmal im Blog, es gab eine Zeit, da es für mich sehr wichtig war, zusätzliches Einkommen zu erzielen. Ich habe es auf sehr viel verschiedenen Wegen getan. Schon während der Schule und der Ausbildung gab es die Arbeit in der Konditorei, die Büroeinsätze über ein Zeitarbeitsunternehmen, Nachhilfeunterricht u.v.m.
Neben meiner regulären Tätigkeit im Büro, arbeitete ich ab 1982 mehrere Male auch auf der Hannover Messe, die ein paar Jahre später (1986) in CeBit umbenannt wurde. Als Messehostess.
Nichts Anrüchiges in diesem Fall, es ging lediglich um die Präsentation von neuen Büromaschinen und generell neu entwickelten Produkten der Firma Olympia. Man war zuvor zufrieden mit mir gewesen, und so kam 1983 ein Brief, in dem man mich erneut um Mitwirkung bat.
Zu dieser Zeit hieß moderne Bürotechnik meist die nächste Generation von Schreibmaschinen, Tischrechnern, etc.,  während Computer noch ein wenig in den Startlöchern scharrten.
Es gab schon  das System Boss  und auf dieser Messe die Erweiterung Boss X8 (Plattenlaufwerk 10 MB Festplatte, 10 MB Wechselplatte) mit dem Betriebssystem Prologue. Als Programmiersprachen dienten Basic, Bal, Cobol, Fortran, Pascal. Dazu noch den Boss ‚People’, der mehr für die Allgemeinheit als fürs Office gedacht war. Alles war in den Anfängen …

Man stelle sich bitte die Zeit vor: vorwiegend Schreibmaschinen; Männer gab es wenig an den verfügbaren Geräten, denn Männer ließen schreiben. Es war ihnen zu mühselig auf den existierenden Maschinen, und aus heutiger Sicht kann man es fast verstehen.
Sich verschreiben war ungünstig. Nach Kugelkopf– war man nun bei Typenradmaschinen, und moderne Geräte hatten natürlich schon ein Korrekturband, welches auch für kleine, sich einschleichende Tippfehler reichte.
Nur, wenn sich ein Satz komplett änderte oder eine neue Situation Änderungen mit sich brachte, gab es lediglich eine Möglichkeit: neu anfangen. Auf einem neuen Blatt, mit Durchschlag möglichst, denn Kopien waren noch teuer.
Pech, der Durchschlag wird dummerweise nicht mit korrigiert. Nur überschrieben. Ein unschönes, schwarzes Gekrakel, das den Leser anstarrt. Zu so etwas hatten Männer selbstverständlich noch weniger Lust.
Durchschläge verschönern mit Radierstift!
Die von ihnen produzierten schwarzen Flecke waren generell noch dunkler. Als Ursache hierfür zählt das von ihnen bevorzugte Schreiben nach Adlersuchsystem. Hierdurch entstand ein so heftiger und brutaler Anschlag, dass der dahinter liegende Durchschlag gleich mit durchschlagen wurde.
LOCH!
Nein, nein, da konnten die Frauen ran … Und damit komme ich wieder zur Messe.

Der Kontakt. Man will mich wieder … ;) Und weil ich weiblich bin, bekomme ich auch ein zusätzliches ‚e‘ beim Nachnamen (Nein, nicht Lagrande, aber immerhin ;)

Die erste Vorstellung bei und für Olympia Anfang der 80er Jahre fand in einem Hotel in Hamburg statt. Rekrutierung.
Da gab es ziemlich abschätzende Blicke!
Heute würde höchstwahrscheinlich gleich eine Frauenbeauftragte auf der Matte stehen. Größe, Gewicht, Figur, Haare, Zähne, Nägel – Fleischbeschau. Wer den ersten Teil überlebt hatte, durfte zum „Recall“, wie man heute sagen würde. Das Interview übernahm ein Herr mit enormem Bauchumfang, der heftig schwitzte.
Es wurde gebohrt und gelöchert:
„Vom 10-Finger-System kann ich ausgehen, ja?  Haben Sie technisches Verständnis? Können Sie Sprachen? Wie viele? Sind Sie kommunikativ, belastbar? Überstunden sind kein Thema, oder? Sind sie diskret?
Bitte?
War ich doch etwa an etwas anderes geraten?

Nein, es ging nur um Verschwiegenheit hinsichtlich firmeninterner Informationen. Irgendwann war auch das vorbei.
Bestanden! Warum frau das mitmacht?
Weil der Job selbst gar nicht schlecht ist und weil sie für damalige Zeiten den sehr hohen Lohn von DM 140,– pro Tag bezahlten. Bei zehn Tagen Messe (inkl. der bezahlten Schulungstage), war das eine ganz schöne Stange Geld. Es fiel nicht so schwer, die Vertragsbedingungen mit einem relativ milden Lächeln zu quittieren (siehe Brief –  z. B. Thema Frisur, Kleiderregel). Ich fühle mich heute übrigens nicht mehr an die Diskretion gebunden, und da das Werk nicht mehr existiert, kann es wohl auch keinen wirklich erschüttern.

Die Konditionen, Seite 1

1983 war ich also erneut dort. Diesjähriges Messehiglight: eine neue Schreibmaschine, mit dem reichlich selbstüberzeugtem Namen Supertype.
Der Clou waren LCD Display & Memory. Oberhalb der Tastatur  erschien eine gewisse Anzahl der Zeichen im Display und ggf. konnten diese noch geändert werden – vor dem Ausdruck auf das Papier!
Innovation und schier wahnsinnige ‚editing’ Möglichkeiten …^^
Mir hatte man mir diese Supertype aufs Auge gedrückt („Sie sind unsere Miss Supertype!“) und zusätzlich die Eurotype, eine weiteres Gerät, das – man höre und staune – Sonderzeichen besaß, mit denen sich sämtliche Sprachen im Euroraum darstellen ließen. Fehlte einem früher die Tilde, die Welle auf dem N im Spanischen oder der kleine Kreis auf dem A im Skandinavischen (bolle-Å) – kein Problem, jetzt kam die Eurotype und löste all Ihre Probleme.
Fortschritt. Messeneuheit. Luftsprung. Wahnsinn.

Messeausweis für das Fräulein…

Ein paar Tage vor der Abreise nach Hannover erhielt ich per Paket meine Kleidung. Einen Hosenanzug. So schlecht geschnitten, dass selbst die (bekanntermaßen leidenden) deutschen Olympiateilnehmer immer wesentlich bessere Modelle hatten. Die Farbe würde ich als killendes lachs-rost-matthellbraun bezeichnen. Nicht nur die lange Anzugjacke, sondern auch die Hose selbst war gefüttert, was eklig an den Beinen klebte. Eine formschöne (Sie hören mein Räuspern?), cremefarbene Bluse mit Stehkragen, hochgeknöpft, vollendete das geschmacksverirrte Outfit.

Die Frisur muss sitzen…

Nun, die nächsten zehn Tage war dies mein Opfer, das ich für 140 DM Tageslohn bringen musste. Das Namensschild daran machte es auch nicht schicker. Fräulein Legrand war dort zu lesen.
Ja, damals musste das noch erwähnt werden!
Nein, nicht Frau, Fräulein bitte!
Ich glaube, heute bevorzugen wir Vor- und Nachnamen mit Angabe der Funktion im Unternehmen. Wobei die Mehrzahl der Leute ulkigerweise plötzlich Manager oder Vice-President ist …

Die Messe war gut besucht. Die Arbeit machte Spaß, und die Zeit verging schnell. Ich kam allerdings nie vom Messestand weg, sah also auch nie etwas anderes als den eigenen Olympia-Bereich. Ich liebte das Internationale, die vielen Sprachen, die interessierten Besucher. All die Gespräche, die zustande kamen. Gut, dass die Olympia-Chefs nicht immer mitbekamen, dass es manchmal um etwas ganz anderes ging, als ausschließlich die grandiose, exzeptionelle  Supertype.
Ich ließ mir vom Grand Canyon Nationalpark erzählen, vom Lachsangeln in Norwegen (darauf kamen ein Besucher und ich  durch die „todschicke“ Farbe meines Anzugs, die auch dem Gast aufgefallen war.
„Tragen Sie diese Farbe privat auch?“
Es kam Prominenz an den Stand. Es hieß, es würde gefilmt werden. Dies bewog eine Kollegin, an diesem Tag ihre Privatkleidung anzuziehen. Man möchte ja vorteilhaft aussehen. Als  Folge wurde ihr wurde sofort und fristlos gekündigt. Abreise am Abend. Harte Sitten, aber es stand ja im Vertrag (Kleiderordnung).

Wie gesagt, die Zeit verflog. Abends fuhr ich leicht geschlaucht vom außerhalb gelegenen Messegelände per Straßenbahn zurück in die Stadt zur Pension mit der burschikosen Zimmerwirtin. Mehr als ein Privatzimmer hatte Olympia für das Messepersonal nicht eingeplant. Das Zimmer war jedoch sauber und ordentlich, nur das Bad leider für mehrere und im Flur.
Ansonsten gab es damals ausschließlich männliche Gäste.
Mein Vorteil!
Zum einen bewachte mich die Wirtin sehr resolut-mütterlich und fand es schön, ab und zu mit dem jungen Mädel klönen zu können. Sie brachte mir manchmal sogar spät noch heißen Tee oder Kakao. Zum anderen sind viele Männer bei der Badmitbenutzung nie verkehrt. Nach Festlegung eines Zeitplans für den Morgen, stellte sich heraus, dass diese ohne Schminkerei und Frisurenstyling fix waren, ihnen fünf Minuten reichten und ich das Bad somit lange für mich nutzen konnte.
Vor ihnen!
Also auch noch im sauberen, trockenen  Zustand und ohne Zahnpastareste im Waschbecken.  Am Abend kehrte  ich vor ihnen zurück. Es passte also optimal.
Einladungen gab es während der Zeit viele – von Besuchern und von Kollegen. Ich nahm jedoch nur die ganz am Ende der Messe an. Ich wusste , dass ich nach der Messe sofort wieder für meine eigene Firma im Büro weitermachen musste, mir zwei Wochenenden fehlten und ich daher mit meiner Kraft haushalten musste. Wir gingen zum  Abschluss mit wenigen, jedoch sehr netten Kollegen, zum Essen in ein Restaurant namens Il Borsalino. Wer weiß, ob es dieses Lokal heute noch gibt…

Am Ende des letzten langen Tages, nahm ich sehr erfreut mein Gehalt in Empfang, bekam noch 100 DM extra „Zufriedenheitsprämie“, und weil man so ‚pleased’ war, durfte ich (NEIN!!) auch den Anzug behalten!
Erbarmen!
Die Hose flog zu Hause in den Müll, bzw. kam zur Kleidersammlung. Die Jacke hatte ich noch eine Weile, bis ich mir eingestand:
Michèle, Liebes, sei ehrlich! Die ziehst du nie in deinem Leben wieder an!
Ich entledigte mich auch ihrer.
Mir sagte ein Etui mit Kugelschreiber und Druckbleibstift („Für Sie, für gute Zusammenarbeit als kleine Anerkennung – Ihre Olympia Werke“) weitaus mehr zu, und dann erhielt ich etwas, was mir heute wieder ein Grinsen entlockte: Eine Werbe-Single. Eine 45er Schallplatte.  „Miss Supertype“ – so der Titel.
Hitverdächtig!  ;-)
Ein absolut frauenfeindliches Plattencover, ebenso der Aufdruck auf der Platte selbst. Ich kann darüber nur lachen, aber heute würde man sie verklagen, jawoll! Ich möchte Sie  daran teilhaben lassen. Ich habe es fotografiert und habe sogar im Keller den alten Plattenspieler entstaubt und reaktiviert, weil ich mich selbst nicht mehr an das Lied entsinnen konnte.
Oh, Sie werden es merken! Es ist ein so enorm anspruchsvoller Text! Die Stimme macht einfach sprachlos und die Werbeaussage …
Moment, gibt es eine?
Gut, dass man mir diese Schallplatte nicht vorher zeigte. Ich hätte mir doch im Vertrag zusichern lassen, dass dies nicht meine Arbeitskleidung ist und ich nicht den Supertype-Song lernen muss.
Viel Vergnügen!

 

Miss Supertype Cover und Platte (Blog: Michèle. Gedanken(sprünge) - August 2011

Miss Supertype, auch die Platte ziert ein „Bunny“

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976551 Die Beschreibung des Covers für meine blinden Blogbesucher
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_976567  Die Single als „Hörgenuss“

©August 2011 by Michèle Legrand

Nachtrag 2014:
Seit März 2014 hat SugarSync sein Dienste leider nicht mehr gratis im Angebot. Daher wurde mein dortiges Konto gelöscht und die Audiodateien sind momentan für Sie nicht abspielbar. Ich suche nach einer anderen Lösung.

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Küssen

https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_710589

(Falls der Audioplayer sich nicht abspielen lässt, bitte folgenden Link zur Hörvariante nehmen,
der auf die Seite von Audioboo führt –>  „Küssen“  http://boo.fm/b713265 )

Es braucht schon zwei.
Das Küssen.
Zwei, die Küssen mögen.
Zwei, die einander küssen wollen.
Ohne Aufforderung.
Ohne Tag des Kusses als Anlass.
Ohne Einladungserinnerung.
Einladend hingegen kann es sein –  das Lächeln, der Blick,
Nur eben so, einfach weil du da bist.
Weil der Wunsch urplötzlich da ist –
Aus heiterem Himmel
Einfach so
Schon wieder
Du – nur du…

Nichts ist so traurig, wie darum bitten müssen.
Nicht betteln, das tust du dir nicht an.
Du kannst auch niemanden zwingen…
Ein Pflichtkuss ist unpersönlicher als Hände schütteln.
Nichts ist so traurig, wie ein erneuter, vergeblicher Versuch.
Und der andere versteht nicht.
Lässt dich stehen,
Sehnt nicht,
Merkt nicht,
Braucht nicht.
Aber du wünschst es sehr
Doch es bist
Du – nur du…

Küssen ist nicht ein ungeliebter Punkt
auf der Liste der täglich zu absolvierenden Pflichten,
nicht etwas, das du im Vorbeigehen widerwillig erledigst,
nicht etwas, wofür du eine Erinnerungsnotiz benötigst,
nicht etwas, was zahlenmäßig erfasst wird.
Es ist Nähe und Wärme
Es ist Verstehen und Vertrauen
Es ist Gefühl, Anziehung
Es ist Sehnsucht und Verlangen
Küssen ist Liebe
Zu dir
Küss mich.
Du – nur du …

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Du machst mir Rost …!

(Folgender Link führt Sie zur Hörversion ->
https://www.sugarsync.com/pf/D6851760_7339928_788562 )

Sie war erhitzt. Ihr Haar wirkte leicht verstruwelt, der Atem ging ein wenig schwerer. Ein leichtes Rinnsal, welches sich aus Schweißtropfen gebildet hatte, floss zwischen ihren Brüsten hinab. Es erreichte quälend langsam den Bauchnabel. Ein Teil versickerte, der Rest tastete sich unbeirrt seinen Weg weiter abwärts…
Er war direkt vor ihr und streckte seine langen Arme gierig nach ihr aus. Sie stöhnte, griff dann jedoch kurzentschlossen nach hinten, bis sie Metall fühlte.
Die Schere! Damit konnte sie ihn in Schach halten.
Es war einfach zu oft. Das sechste Mal …!

Warum beginnen Gartenartikel nicht einfach einmal so?
Ein bisschen Erotik, ein bisschen Thriller.
Treibt sie es jetzt mit ihm? Bringt sie ihn um? Wer ist dieser Wüstling? Findet sie ihn toll, wenn sie bei ihm so ins Schwitzen gerät und stöhnt? Himmel, wer ist er?
Nun, er ist eine Pflanze, und das ist diesmal der Anfang meines Blogartikels, der somit durchaus zum Thema Garten gehört!
(Das andere könnte eventuell irgendwann eine neue, eigenständige Geschichte in einer anderen Rubrik werden …^^)
Heute geht es ‚nur’ um ihn, den Blauregen. Er ist es, der mich zum Schwitzen und Stöhnen bringt. Der Blauregen – auch Glyzinie oder Wisteria genannt. Es existieren mehrere Schreibweisen, und wer sich generell für die Pflanze interessiert oder nach diesem Artikel zu interessieren beginnt, der findet hier mehr:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wisteria

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Glyzinie (Blauregen, Wisteria) in voller Blüte

Ganz kurz nur zum allgemeinen Verständnis: Es ist eine sehr schnell und stark wachsende Kletterpflanze (Lianengewächse), die zudem auch stark verholzt. Wer ein wenig unbedarft ein Pflanzencenter  betritt und die kleinen zierlichen Pflänzchen mit dünnen Trieben und hellgrünem, zart geteiltem Laub entdeckt, der kann sich oft nur schwer vorstellen, was ihn erwartet, sobald der kleine Gartenzuwachs sich daheim erst einmal eingewachsen hat und loslegt.
„Oh, guck’ mal! DAS sieht doch hübsch aus! Stell dir vor, wenn das bei uns an der Pergola rankt! Kann man ja ein bisschen zurückschneiden, wenn es zu lang wird …“

Glyzinie ein paar Tage später - Bluten und Laubentwicklung

Glyzinie ein paar Tage später – Bluten und Laubentwicklung

Ein bisschen. Darauf komme ich gleich zurück.
Ja, Blauregen sieht superschön aus.  Besonders, wenn er – meist im April – blüht. Dann riecht es zudem noch angenehm, leicht süßlich. Später im Jahr gibt es sogar eine kleine Nachblüte, die aber aufgrund der dann vorhandenen Laubmassen gar nicht mehr richtig auffällt. Das Gewächs gehört ebenfalls zur Unterfamilie der Schmetterlingsblütler, hat also sehr hübsch geformte Blüten (ähneln Löwenmäulchen-Blüten), die in langen Trauben herunterhängen. Je nach Sorte in kräftigem oder hellem Violett oder auch in Weiß.

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Glyzinie: sich öffnende Blütenknospen

Die Pflanzenbeschreibung weist schon darauf hin, dass eine Wuchshöhe bzw. –länge von 30 m nicht ungewöhnlich ist. Und diese Angabe ist wirklich nicht übertrieben! Es wird auch erwähnt, dass ein sehr stabiles Rankgerüst notwendig ist. Aber, seien wir ehrlich, was steht nicht immer alles in Büchern, und woran hält man sich im Endeffekt?
Ach, erst mal schauen, wie sie anwächst …
Nun, sie ist angewachsen und verspürte diesen kolossalen Ausbreitungsdrang. Ihr Vorteil: in meinem Fall hatte sie vor Jahren mich als noch relativ unkundigen Gartenbesitzer und ein Balkongeländer, das sehr stabil wirkte. Stabil ist.
Die zarten dünnen Ausläufer suchten sich ihren Weg automatisch. Wo etwas zum Halten war, wurde sich auch herumgewunden. Manchmal wickelten sich erst drei Triebe um sich selbst, bevor sie sich dann gemeinschaftlich ‚weiterschlingerten’.
Anfangs war ich schwer begeistert. Prima, das Balkongitter sollte über die volle Länge berankt werden. Dadurch hätte die darunterliegende Terrasse eine lauschige Begrünung und der Sitzplatz bekäme etwas Idyllisches. An heißen Tagen würde die Belaubung zudem das grelle Sonnenlicht filtern und ein wenig Schatten spenden.

Glyzinie - Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Glyzinie – Blütenknospen und sich entfaltendes Grün

Der Mensch denkt, die Natur hat ihre ureigenen Regeln. Nichts steht still oder stoppt auf einmal. Wenn ich als Betroffene irgendwann beschließe: So,  jetzt brauchst du nicht mehr weiter zu wachsen! – dann lacht sich die Pflanze einen Ast und scheint spitzbübisch grinsend zu sagen: Hindere mich doch!
Was bleibt auch anderes übrig. Diesen Stand habe ich jetzt seit ca. 18 Jahren. Die fünf Jahre davor konnte sie noch halbwegs wie sie wollte.
Die Glyzinie treibt in der Zeit von April bis September dermaßen stark aus, dass  teilweise alle zwei bis drei Wochen – abhängig von der Witterung – ein Rückschnitt erforderlich ist. Anderenfalls käme niemand mehr ins Haus oder könnte noch aus den Fenstern schauen. Rolllädenkästen wären eingewachsen, Dachantennen überzogen und jeder Spalt in Besitz genommen.

Im Laufe der Jahre verholzen die Triebe und werden dicker. Wie Baumstämme trotzen sie jedem Sturm und schaffen es – wenn man nicht sehr gut aufpasst – Balkongeländer fast zu zerquetschen. Es ist unmöglich, diese verholzten Teile noch mit einer Gartenschere abzuschneiden, da einfach keine Lücke vorhanden ist, um richtig anzusetzen. Es bleibt wirklich nur die Säge. Mit viel Geduld und in kleinen Teilstückchen, lassen sich  Geländer oder Rankgerüst damit wieder freilegen.

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Glyzinie: ineinander verdrehte, verholzte Triebe

Nachdem mir das einmal passiert ist, verspürte ich wenig Lust auf Wiederholung. Ich zog zusätzlich zum Balkongeländer eine davorliegende  Querverstrebung, an der ich von da an den Blauregen entlangleitete. So blieb das Geländer untenherum relativ frei, um auch gelegentlich mal Ausbesserungsarbeiten wie Entrosten oder Streichen vornehmen zu können. Das horizontale Leiten ist auch wichtig, damit die Pflanze richtig zum Blühen kommt. Beim Schneiden und Einkürzen gibt es natürlich  noch einige wichtige Tricks, um den Blütenansatz zu fördern. Sie stehen aber auch in der einschlägigen Literatur, genauso wie Boden- und Lichtbedürfnisse.
Was dort nicht steht ist Folgendes:
Wenn Sie Ihren Blauregen schneiden, rate ich Ihnen, dunkle, am besten schwarze Kleidung zu tragen!
Ich habe es anfangs natürlich nicht getan, sondern bin – gerade, weil es so häufig ist – einfach so, wie ich gerade war, mit einer Schere ans Werk gegangen. Ich habe mich nur relativ  häufig gewundert, auf welche Art ich wieder einmal mein Oberteil oder auch meine Hose  mit kleinen, braunen und nicht zu entfernenden Flecken verunstaltet hatte.
Schokolade? Teespritzer?
Ich bin nicht der typische Essenskleckerer. Zumindest bemerke ich es ….
Irgendwann kam es heraus: der Blauregen ist der Verursacher! Die frischen, knackigen Triebe, die gestutzt werden, haben viel Saft, der fast durchsichtig ist. Er wirkt absolut harmlos, und es fällt überhaupt nicht auf, wenn etwas auf die Kleidung spritzt. Sobald er jedoch angetrocknet ist, ist alles zu spät. Im Laufe von zwei Tagen verfärbt sich alles dunkel, und es sieht aus wie Rostflecken.

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Die langen Triebe entwickeln sich

Glyzinie: Schnitt tut Not

Glyzinie: Schnitt tut Not

Ein weiterer Hinweis bezüglich ‚idyllisch am Sitzplatz’:
Wenn im April oder Mai die ersten warmen Tage sind, an denen gerne ein Teil des Lebens auf die Terrasse verlegt wird, dann sind zeitgleich die Blütentrauben des Blauregens am Welken. Ganze Wolken von vertrockneten Blüten fallen kontinuierlich auf Ihren Tisch, und Sie dürfen dann ganz getrost wirklich von ‚Blütentee’ sprechen.

Um  ein Fazit zu ziehen:
Die Pflanze ist hübsch anzuschauen, ich möchte sie gar nicht missen. Sie ist recht robust, kälteresistent, hitzevertragend und ausdauernd. Ihr Laubdach ist ein sehr angenehmer Schattenspender,  und durch das recht locker aufgebaute, hellgrüne Laub wirkt nichts erdrückend oder duster.
Kleines Manko:
Wuchsbeobachtung und –lenkung tut wirklich Not! Sehr stabile Rankgerüste oder Rankgitter sind dringend erforderlich, sonst nimmt sie sich selbst  ungeeignete  ‚Haltegriffe’ (und reißt alles mit sich).
Häufiges Rückschneiden ist zwingend erforderlich!
Vorsicht beim Kontakt mit dem Saft und basteln Sie sich besser eine Abdeckvorrichtung für Ihre Teetasse (Rieseltendenz der Blüten).

… das sechste Mal. In diesem Jahr! Der Kerl war unersättlich. Sie nahm kurzentschlossen einen Trieb in die Hand und schnitt ihn mit der Schere weit zurück. Und dann den nächsten. Seine sie umschlingenden Arme verschwanden nach und nach. Was blieb, war ein Blauregen, der sie in zwei Wochen erneut zum Stöhnen bringen würde. Vielleicht würden dann Tropfen über ihre Wange gleiten …
Denn sie schnitt auch bei Regen.

©Juni 2011 by Michèle Legrand

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