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Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting …

Michèle Legrand - Michèle. Gedanken(sprünge) @wordpress.comIch habe mir für heute ein Phänomen herausgepickt, über das ich just erneut gestolpert bin.
Auf dem Heimweg überquerte ich an einem Bahnübergang zu Fuß die Gleise. Ein Stück von mir entfernt standen mitten auf der Strecke zwischen den Schienen drei Mädchen im Teenageralter. Eine der jungen Damen war mit einer schon recht professionell wirkenden Kamera ausgerüstet, die zweite hielt einen Rucksack, ein Paar Turnschuhe, eine Art Federboa und eine Bürste, die dritte im Bunde wurde abgelichtet. Posierte mit High Heels im Gleisbett, wachspuppengleich geschminkt. Dramatische Wimpern. Derart dicht mit Mascara beschwert oder durch künstliche zusätzlich ergänzt, dass ein komplettes Aufklappen der Augenlider aufgrund des überschrittenen zulässigen Wimperngesamtgewichts nicht mehr möglich war.
Es zog die Deckel schier herunter!
Folglich wirkte es, als ließe sie kontinuierlich einen überzogen trägen Schlafzimmerblick in die Ferne schweifen, einen sehnsüchtigen Blick in Richtung bisher nicht erscheinender Regionalbahnen – während der Kameraverschluss neben ihr fortwährend klickte.
Sie trug viel zu dünne Sachen angesichts der herrschenden Temperaturen.
„Wie viele Aufnahmen willst du denn noch machen? Ich friere langsam!“
Für einen Moment wich der laszive Blick, die Wimpern wurden mühevoll angehoben, die Lider krampfhaft geöffnet gehalten. Sie langte entschlossen nach der Federboa und schmiss sie sich um den Hals. Ein paar Flusen stoben auf.
„Nur noch ein paar … Dreh dich mal! … Nein, so!“
Energischer Griff an den Ellenbogen gefolgt von weiteren Anweisungen wie: Arm nach hinten, Bein einknicken, Schulter zurück, Kinn vor, die Boa langziehen etc.
Das Läuten, das ein Schließen der Bahnschranken ankündigt, ertönte.
„Scheiße, schon wieder ein Zug!“
Mitten im Shooting. Allseits genervtes Räumen der Gleise …
Ein Fototermin der besonderen Art.

Schwenk. Vor wenigen Tagen gingen zwei junge Männer vor mir in Richtung einer Rolltreppe. Recht nett anzusehen die beiden, aber nicht außergewöhnlich. Der eine erzählte seinem Kumpel, was er noch vorhatte am Nachmittag und fragte nach:
Kommscht auch?“
„Nee, du, hab‘ gleich noch ein Shooting!“
„Schuting? Kannsch mich midnäme?“
Offenbar jemand aus dem badischen Raum.
„Muss ich erst den Fotografen fragen.“
Ein Anruf per Handy klärte die Lage. Der andere durfte mit. Ein Außentermin an der Alster. Kam auf einen mehr oder weniger auch nicht an. Die Gegend ist geräumig dort …

Kennen Sie das? Ist es Ihnen auch schon aufgefallen?
Scheinbar alle Welt redet plötzlich von Shootings! Hat solche Shootings!
Und Models wachsen wie Kraut aus dem Boden!

Shooting. Ein Anglizismus! Shocking!
Er ist nicht neu, allerdings hat seine Verwendung enorm zugenommen! Sein Verbreitungsraum ist gewachsen und die Häufigkeit seines Einsatzes signifikant gestiegen. Trotz aller Vorbehalte, die gegen fremdsprachliche, sich bei uns klammheimlich einschleichende Begriffe, existieren. Trotz aller Aufschreie, der Furcht vor dem Aussterben der deutschen Sprache und dem eiskalten Hauch – quasi ihrem schon fühlbaren, herannahenden, mindestens partiellen Tod! – der bereits in den Nacken bläst.
Vorbei die Zeit, in der das Volk davon sprach, es hätte einen schnöden Termin beim Fotografen des Vertrauens.
Vorbei die Zeit, in der die Menschheit ohne großen Ehrgeiz oder Eitelkeit entspannt auf einem Stuhl Platz nahm und lediglich vorhatte, freundlich in die Kamera zu blicken (… und es ihr mit mehr oder minder großem Erfolg auch gelang).
Vorbei die Zeit, in der Menschen unterschiedlichen Alters Fotos vom Fotografen lediglich für Ausweise, Visa, Bewerbungsunterlagen und zum Erfreuen der Großeltern benötigte und sie sonst niemand genauer anschaute. Denn jene Fotos waren persönlich eher nebensächlich. Von wirklicher Bedeutung waren die Schnappschüsse von Familien- und Lebensereignissen, Bilder von gemeinsam verbrachten Veranstaltungen mit Freunden, Erinnerungsstücke.
Vorbei auch die Zeit, als Fotografen noch wirkliche Fotografen – sprich allesamt Profis – waren!
Vorbei …
Now it’s shooting time!

Ahnen Sie, wie ein Wandel generell abläuft? Überlegen Sie mal …
Ein Wandel und auch die Umbenennung einer Sache erfolgen schleichend. Ehe ein neuer Begriff wahrgenommen wird, ehe diese Vokabel im Gedächtnis als Alternative zum bisher Üblichen gespeichert, ehe sie erstmals selbst genutzt wird, braucht es Zeit. Ehe sie schließlich nicht nur zufällig bzw. einmalig etwas ersetzt, sondern letztendlich als Dauerbrenner für alles und jedes gebraucht wird – bis dahin muss der Mensch erst einmal oft genug mit ihr in Kontakt gekommen sein. Sie muss aus ihrer anfänglichen Nischenexistenz hervorkommen. Sich an- und einschleichen. Ihr Schattendasein beenden und ins Scheinwerferlicht treten. Der Begriff muss begriffen werden. Von allen Seiten betastet.
Wie fühlt er sich an, wie griffig ist er? Ist er passend und zeitgemäß, d. h. ist die Zeit reif für ihn? Was sagt er aus?  Ist er eine Universallösung, die vieles abdeckt? Langes Reden erspart? Das erhöht seine Chancen, sich durchzusetzen.
Wird eine Person oft genug mit einem Neuling dieser Art konfrontiert, kommt es nur in relativ seltenen Fällen zu einer Aversion (Das geht mir dermaßen auf den Zeiger, hör mir bloß auf damit!). Generell erwärmt sich der Mensch im Laufe der Zeit für das neue Wort. Der Einnistungserfolg. Danach kommt der Weichklopftrick. Immer wieder vorsetzen. So gesellen sich in Nullkommanichts ein Gewohnheitseffekt und die Nachplappertendenz hinzu. Das Hirn ist eingenebelt. Der Begriff wabbert herum, dockt an.
Rumms!
Shooting! Shoo-ting.  Shoo … shoo… shoo … ting! Shooootinnnngg!
Er verharrt abrufbereit in Warteposition, bekommt gefühlt Klang, wird per Zungenbewegung unbewusst vorgeformt bis … ja, bis das Wort irgendwann das erste Mal benutzt und laut ausgesprochen wird.
Eher aus Versehen! Huch!
Doch – es ist nichts passiert. Keiner hat sich beschwert. Eigentlich klingt es sogar recht international, imposant – geht dafür jedoch erstaunlich leicht und flüssig über die Lippen. Und obendrein hat die Umgebung recht interessiert reagiert! Aufgehorcht!
Zack! Passiert!

Es hat sich unwiderruflich durchgesetzt, die Hemmschwelle wurde überwunden! Die Barriere niedergerissen! Fremdeln war einmal.

Der nächste Schritt: Mittlerweile glaubt der Mensch, nur dieses neue Wort trifft tatsächlich den Kern. Und nicht nur den. Es sagt mehr, ach was, es sagt alles! Und gleichzeitig irgendwie … nichts! Erstaunlich.
Es lässt gewissen Spielraum für eigene Vorstellungen. Allein dieser Begriff hat das gewisse zusätzliche Etwas, das jenes ursprünglich verwendete Wort Foto(grafen)termin – unser Beispiel – eben nicht hat. Angeblich. Das Neue sagt – nüchtern betrachtet – nichts anderes, doch hört es sich more important an. Diesem Ausdruck haftet offenbar irgendwie etwas Glitzerndes an und das vorrangig durch seinen öffentlichen Gebrauch in Medien verschiedenster Art. Im Fernsehen! Nicht zu vergessen die Tatsache, dass es zur Sprache der von einigen sehr umschwärmten Prominenten gehört!
„Mein Shooting mit XY war grandios.“  Zahnpastalächeln. Dauerpose.
„Dass ich mit ABC shooten durfte … ! 
Alle waren so zauberhaft!“  Rührung. Glorienschein.
„Ich wollte auch noch Ä, Ü und Ö wahnsinnig danken, ihr seid ein tolles Shooting-Team!“ etc.

Fühlt man sich bei der Verwendung des Wortes Shooting nicht auch sofort als Mitglied dieser schönen bunten Scheinwelt? Ist man nicht gleich ein bisschen wichtiger, gehört einem besonderen Kreis an?
Einem Kreis der dummerweise nur sehr schnell so groß wird, dass er gar nichts Besonderes mehr ist! War dieser imaginäre Kreis, als er noch klein, fein und illuster war, im Bereich der Werbefotografie (Mode und andere Sparten) oder der Öffentlichkeitsarbeit anzutreffen, so lässt er sich heute nicht mehr begrenzen. Der Ausdruck Fotoshooting wird uneingeschränkt genutzt und ist scheinbar überall tauglich und vor allem dort beliebt, wo jemand versucht, seiner Person und seinen Aktivitäten mehr Gewicht und seinen Fotos mehr Beachtung zukommen zu lassen. Jedenfalls mehr, als bisher üblich waren.
Und warum versuchen alle, mehr Beachtung zu finden?
Weil die eine Hälfte der Welt plötzlich Model werden will oder annimmt, das Zeug dazu zu haben!
Und weil die andere Hälfte sich, sobald sie eine Kamera auch nur halten kann, für einen Starfotografen hält.
Ein Shooting in der Biografie erwähnen zu können, ist schon die halbe Miete. Ein Anfang. Je mehr, umso besser natürlich. Die Bilder sind schließlich alle für die Setcard. Stopp! Fehler! Ein gern und häufig vorkommender auf Seiten der neuen Shooting-Generation, die eben nicht mehr nur aus Profis besteht. Also bitte merken: der korrekte Ausdruck ist Sedcard, auch wenn die Fotos am Set entstehen.

2006 lief in Deutschland die erste Staffel von Germany’s next Top Model an. Der Startschuss einer neuen Entwicklung, die sich in den Jahren danach mehr und mehr breitmachte. Mode und Models als Thema und Anliegen der Allgemeinheit. Breit diskutiert. Natürlich auch die Anforderungen an das Aussehen! Stichwort Schönheitsideal!
Das Model Business ließ sich in die Karten schauen. Die Ansprüche an junge Models wurden verdeutlicht, ihre Arbeit präsentiert – und die der Fotografen! Aus dieser Ecke tauchte es vermehrt auf. Das Shooting. Das Wort wurde salonfähig. Erst im Fernsehen, dann auf der Straße. Anfangs wurde es gierig von der Generation der mitfiebernden Teenies und Twens aufgesogen, wenig später schlich es sich fast unmerklich auch in den Wortschatz der Eltern und sogar Großeltern! (Gespräch neulich am Rande des Model Contest Finales: Meine Enkelin macht das ja jetzt auch. Sie hatte so ein Shooting neulich …)

Als im Laufe der Jahre mancherorts zusätzlich die Ausrichtung von ähnlich konzipierten Wettbewerben (außerhalb des Fernsehens) startete, welche vielen ohne besondere Geldmittel, Bekanntheit, Kontakte oder Promistatus einen Zugang ermöglichten, die Herren endlich auch mit einbezog und das Internet eine Präsentationsplattform für jedermann darstellte – da war es zu spät, um etwas aufzuhalten. Es schien auf einmal irgendwie jedem möglich, seinen Traum von einer Modelkarriere zu träumen und ihn – wenigstens für eine Weile – mehr oder weniger intensiv zu verfolgen.
Die hinsichtlich des Gewichts, der Statur, der Größe, der Maße etc. gelegentlich schon skurrilen Vorgaben vieler großer Modehäuser und ihrer Designer sowie – daraus folgend – der Agenturen, können natürlich von den weitaus meisten nicht erfüllt werden, doch vielleicht muss man auch nur hartnäckig genug sein und genügend auf sich aufmerksam machen. Auffallen, herausstechen aus der Masse, sich selbst darum kümmern …Ein Shooting vorweisen! Was für eins? Ach, Shooting ist Shooting.

Mittlerweile scheinen diese Regeln zu gelten:
1) Jeder/jede, von dem/der ein Foto geknipst wird, ist ein Model.
2) Jeder/jede, der/die knipst, ist ein Fotograf.
3) Alles was Bilder macht, ist zum Fotografieren geeignet.
4) Jeder der Fotograf ist, hängt „Photography“ hinter seinen Namen, bastelt sich eine Homepage oder Facebook-Seite und postet grundsätzlich alles. Möglichst mehrfach.
5) Jedes Treffen zum Zwecke des Fotoknipsens ist ein Shooting.
6) Jedes Shooting macht einen berühmter. Zumindest bei den Freunden. Die schenken einem dann bei Facebook Likes. Wenn nicht von selbst, dann wenn man genügend bettelt.
7) Jeder/jede, der/die ein Shooting hatte, ist im Grunde schon Topmodel. Dass die großen Agenturen einen immer noch nicht auf der Liste haben, ist nur der Beweis, dass die doch keine Ahnung haben … Oder dass man Sedcard mit „t“ geschrieben hat.

Ich bin heute ziemlich böse, gell? ^^

Ehe „meine“ Talente und vor allem die Finalisten vom Nachwuchs-Modelwettbewerb QUARREE GESICHTER, die heute vielleicht mitlesen, sich ärgern, möchte ich hervorheben, dass ich nicht von ihnen spreche! Sie sind nach den fast acht Monaten Training wirklich keine stümperhaften Laien und Möchtegernmodels mehr. Viele von ihnen wurden schon von namhaften Profifotografen abgelichtet, sind bei aufwändigen Shows außerhalb des Contests gelaufen, verfügen über aussagekäftige, vielversprechende Sedcards, und einige von ihnen sind sogar inzwischen bei Agenturen unter Vertrag!
Ich spreche vielmehr von all jenen, die auf den Zug aufspringen und denen ein  angedeuteter, real aber nicht existierender Profistatus dazu verhelfen soll, erfolgreich mitzumischen. Denjenigen, die vielleicht annehmen, es braucht nicht mehr als die Kenntnis der richtigen Wortwahl, um erfolgreich in einer Branche zu bestehen. Ich sehe es kritisch, wenn mit Begriffen um sich geschmissen und mit allem irgendwie Schindluder getrieben wird.
Alles nur Show. Eine einzige große Show.
Ja?
Oder doch nicht?

Wie ist das nun mit dem Begriff Shooting?  Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, wie sein explosionsartig angestiegener Gebrauch einzuschätzen ist. Und bleibt er? Hat er Überlebenschancen?
Dabei kommt mir möglicherweise ein weiteres Erlebnis vom heutigen Tag zur Hilfe.
Zwei kleine Mädchen stehen bei Karstadt am Mützentisch. Sie sind nicht älter als acht Jahre.
„Hier, setz mal auf!“, sagt die eine und reicht ihrer Freundin eine bunte Strickkappe mit Schirm. Dann zückt sie ihr Handy und ergänzt: „Ich werde dich jetzt shooten.“

Wissen Sie was? Mir wird gerade bewusst, dass ich höchstwahrscheinlich völlig falsch lag. Es hat wohl doch nichts mit Größenwahn, Eitelkeit, Scheinwelten, übersteigertem Selbstbewusstsein, Selbstdarstellung, Wunschdenken, Träumereien oder Wichtigtuerei und Selbstbeweihräucherung zu tun!
Es gibt auch gar keinen Grund, über den Siegeszug des Begriffs Shooting überhaupt verblüfft zu sein! Shooting ist gar nicht mehr das Synonym für etwas, was in einem ganz bestimmten Bereich und unter ganz bestimmten Voraussetzungen stattzufinden hat. Vielleicht soll gar nichts vorgetäuscht werden …
Es ist nur noch ein Wort, dass den Jüngsten schon mit in die Wiege gelegt wurde. Ein Universalwort, dass sie mit der Muttermilch aufgesogen haben. Sie erinnern sich noch an die Aussage, dass es 2006 die erste Staffel GNTM gab? Kinder haben das neue Wort seitdem wesentlich öfter als den alten Begriff vom Fotografieren vernommen. Und rein vom Klang her – ganz ehrlich – passt Shooting nicht wesentlich besser zu all den anderen gängigen Ausdrücken dieser Zeit wie Handy, Outfit, Fashion, Download, Conditioner, Push-up-BH, Learning by Doing, Moonboots etc. ?
Keine Sorge also um die Lebensdauer des Ausdrucks Shooting – er hat sich etabliert. Viel eher können wir langsam nach einem Taschentuch greifen, um für das Begräbnis der Begriffe fotografieren, Foto(grafen)termin u. ä. gerüstet zu sein. Ich vermeide es, sie Begriffe der deutschen Sprache zu nennen. Man kann ja auch aussterbenden Worten, die aus dem Griechischen abgeleitet sind, nachweinen. Es bläst schon ein gewaltig kalter Hauch in der Nackengegend …

Wie werden Sie es denn halten?
Übernehmen Sie den Anglizismus? Oder ist bei Ihnen Old Fashion angesagt?
Nun, falls Sie jemand für ein Shooting haben will, wissen sie jetzt zumindest, was es damit auf sich hat und blamieren sich nicht damit, dass sie entweder zurückschießen wollen oder zumindest ziemlich gebauchpinselt denken, Sie wären nun entdeckt worden für eine große Weltkarriere.
Gehen SIe auf Nummer sicher!
Fragen Sie lieber immer nach, wie man Sedcard schreibt. Und vergewissern Sie sich, dass nicht nur das Handy zum Fotografieren genommen wird. Verzeihung, zum Shooten …!

©November 2013 by Michèle Legrand

 

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Weihnachtliche Bevorratung und andere Phänomene …

Hamburg - Hauptbahnhof - Wandelhalle mit weihnachtlicher Dekoration - Dezember 2012

Hamburg – Hauptbahnhof – Wandelhalle mit weihnachtlicher Dekoration – Dezember 2012

Hallo! Willkommen zurück! ^^
Schön, dass Sie den 21. Dezember gut überstanden haben!
Auch wenn kein Weltuntergang stattfand, ist es gar nicht selbstverständlich, dass Sie hier heute, am 22.12.2012, wieder auftauchen!
Es geht es in den letzten Tagen dermaßen wühlig zu in Deutschland, es herrscht ein solcher Andrang in den Einkaufshochburgen, dass manch einer dabei leicht verschütt gehen könnte.
Prima, dass Sie offenbar unversehrt sind und sicher wieder nach Hause gefunden haben.

Wie lief es bei Ihnen unterwegs?
Mit welchen „Bräuchen“ wurden Sie konfrontiert?

Ich biete folgende Stichworte: Verstöpselung. Bevorratung. Erpressung.
Kennen Sie auch?
Wenn nicht, liegt es unter Umständen nur an den Begriffen. Gut möglich, dass Sie gewisse Phänomene lediglich anders betiteln.

1. Die Verstöpselung
Verstöpselung hat mit Babys und deren Lage im weihnachtlichen Gedränge zu tun. Genauer gesagt geht es um deren missgelauntes Gequake – nein, Gebrüll! – und um die kleinen Dinger, die gemeinhin als Schnuller bekannt sind.
Einerseits werden diese Gummipfropfen von vielen Eltern rein prophylaktisch bei ihrem Nachwuchs eingesetzt.
Zustöpseln, damit gar kein Geschrei möglich ist!
Andererseits sind viele Babys sie mittlerweile gewohnt, brauchen sie unbedingt!

Vielleicht haben Sie schon einmal beobachtet, dass Babys beim weihnachtlichen Einkaufen gar nicht losheulen, weil es so tropisch warm in den Einkaufszentren wäre. Nein, dagegen haben die Eltern meist Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Wintersteppanorak mit der plüschohrverzierten Bärenkapuze wurde bereits ausgezogen.
Das Gebrüll kommt aus einem anderen Grund.
Die abgestandene Luft löst ständiges Gähnen aus! Selbst bei den Kleinsten. Warum sollte es Babys in der Situation anders ergehen als Erwachsenen.
Und die Konsequenz der Gähneritis?
Richtig! Der Schnuller fällt dauernd aus dem Mund!
Das hat zur Folge, dass mit zwei Sekunden Verzögerung das Gequake einsetzt, und keiner kommt hinterher mit dem immer wieder neu Einstöpseln!
So ein Muss-Schnuller hat eben auch seine Nachteile …

Hamburg - Hauptbahnhof (Wandelhalle) in der Weihnachtszeit

Hamburg – Hauptbahnhof (Wandelhalle) in der Weihnachtszeit

2. Die Bevorratung
Die Erwachsenen quaken übrigens auch, nur können Sie hier einen herausploppenden Schnuller als Ursache getrost vernachlässigen.
Der kauffähige Anteil der Bevölkerung ist aktuell geschädigt und entnervt vom kolossalen Andrang an Theken, Tresen und Kassen in Läden und ganz speziell in Lebensmittelgeschäften.
Jedes Jahr das gleiche Spiel. Zuerst allseits die große Verdrängung, und dann kommt Weihnachten absolut überraschend!
Oh, schon der 22.12.! Nun aber hurtig …!
Neben der Bewältigung der Last Minute Weihnachtseinkäufe für den Gabentisch, schlaucht die Menschheit speziell die Bevorratung mit Lebensmitteln.
Sie könnten leicht auf den Gedanken kommen, die Feiertage zögen sich in diesem Jahr bis über Neujahr hin – in einem Rutsch – oder die Geschäfte wären nun mindestens vier Wochen geschlossen.
Hamstereinkäufe!
Panik-Tütenfüllen! (Ich habe einen Bindestrich bevorzugt, ich hatte sonst das Bild von panischen, wild herumzappelnden Tüten vor meinem inneren Auge)
Einkaufswagenüberladung!

Es sind zwei Tage, liebe Menschheit, zwei lumpige Tage …
Aber verständlich, man sollte das Risiko des Hungertodes in unseren Breitengraden nicht unterschätzen …
Ja, ja, ich bin gehässig! Und – sagen Sie es ruhig laut – schnodderig!
Verraten Sie es nicht weiter.
Ich darf mir nämlich eigentlich nichts leisten im Moment …

3. Erpressung
Sie kennen diese andere Sitte, die an Weihnachten neben Panikeinkäufen gern gepflegt wird? Sie nennt sich Erpressungssprücheklopfen.
„Wenn du schön brav bist, bringt dir der Weihnachtsmann auch, was du dir wünschst …“
Das bekommen Sie in jedem Alter zu hören – glauben Sie nicht, das wäre irgendwann vorbei!
Nun, ich wünsche mir, nicht mehr kameralos zu sein – denn ich gehe langsam ein ganz ohne Fotoapparat.
Kamera gegen Bravsein.
So ein Deal ist anstrengend!
Das ist psychologisch bedingt. Immer wenn Sie wissen, dass Sie etwas nicht dürfen oder vermeiden sollen, dann passiert es umso leichter.
Wenn Sie zu einem bestimmten Verhalten gezwungen werden, bocken Sie innerlich. Ihr aufmüpfiges Ich rebelliert dagegen.
Sei brav! Benimm dich! Mach dir keine Flecken! Weck ihn nicht auf! Nichts essen vorher! Bleib wach! Komm nicht zu früh! …

Sie kennen es, oder?
Die Müdigkeit, die Sie aus purer Bosheit regelmäßig an Silvester schon um 22 Uhr befällt – weil Sie wissen, dass Sie heute einfach nicht vor Mitternacht ins Bett gehen können!
Sie dürfen nicht einschlafen, Sie müssen wach bleiben – herrje, warum klappen bloß die Augen zu?
Der Hunger, der Sie quält, just an dem Tag, an dem Sie nüchtern zur Blutentnahme kommen sollen. Sonst ist Ihrem Magen die Versorgung am frühen Morgen relativ schnuppe.
Der gleiche Hunger, der sofort einsetzt, sobald Sie beim Zahnarzt fertig sind und er Ihnen die Anweisung mit auf den Weg gibt, die nächsten drei Stunden noch nicht wieder etwas zu sich zu nehmen.
Was macht Ihr werter Magen?
Er knurrt wüst!
Und Sie blicken dauernd auf Ihre Uhr und trauen dem Ding immer weniger …

Kekse zu Weihnachten (Michèle. Gedanken(sprünge)

Kekse zu Weihnachten – hier halt ohne Glocke und Tannenbaum!

Sie könnten jetzt den Eindruck gewinnen, dass ich immer nur esse. Dem ist nicht so. Ich hadere nur mit Verboten, womit wir wieder beim Bravsein wären.
Ich bemühe mich redlich.
Noch zwei Tage!
Wenn jetzt keiner zu hohe Ansprüche stellt, könnte es klappen.
Notfalls gibt es vielleicht noch gewisse Bonuspunkte für diesen ganzen Weihnachts-Familien-Bekochungs-Zauber, der an mir hängenbleibt.
Unter Umständen lässt sich damit manches noch retten … herausreißen!

Und nun zu Ihnen!
Ich hoffe, Sie sind durch mit Ihren Besorgungen, konnten alles erfolgreich ergattern, was Sie suchten und haben auch den Eindruck, dass es nicht das Schlechteste ist, wenn die Weihnachtsfeiertage nach einem Wochenende starten.
Mein Empfinden ist, dass manches ruhiger läuft, und die Menschen etwas gelassener unterwegs sind.

Wir treffen uns hier sicher noch einmal in den kommenden Tagen, doch sollten Sie es aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht mehr schaffen, wünsche ich Ihnen schon an dieser Stelle ein schönes, fröhlich-besinnliches Weihnachtsfest und bleiben Sie gesund!

©Dezember 2012 by Michèle Legrand

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