Beiträge getaggt mit Oberpostdirektion Stephansplatz

Hamburg: Zwei Rohrstücke aus der frühen Zischzeit …

Warten Sie möglichst, bis der Bus durch ist. Sonst ergeht es Ihnen wie mir. Verstehen Sie mich nicht falsch, was sich ergab, war gar nicht so übel – nur vielleicht möchten Sie überhaupt nicht, dass an der Haltestelle wartende Menschen Ihr Treiben verfolgen und Ihnen spontan Hilfe anbieten, weil Sie irrtümlich der Ansicht sind, Sie seien auf der verzweifelten Suche nach einem Gegenstand, der Ihnen just durch die Gitterstäbe fiel und in der Tiefe verschwand. Können Sie mir folgen? Ist es zu mittendrin? Hätten Sie es lieber chronologisch? Das lässt sich auch einrichten.

Ich möchte Ihnen heute gerne ein weiteres Relikt aus vergangenen Zeiten zeigen. Mir fiel dessen Existenz am Sonnabend plötzlich wieder ein, als ich durch die noch etwas kahle Parkanlage Planten un Blomen spazierte und beim Blick über den alten Wallgraben auf der anderen Seite am Gorch-Fock-Wall das Gebäude der ehemaligen Oberpostdirektion entdeckte.

Hamburg - Blick von Planten un Blomen hinüber zur ehem. Oberpostdirektion (Gorch-Fock-Wall)

Hamburg – Blick von Planten un Blomen hinüber zur ehem. Oberpostdirektion (Gorch-Fock-Wall)

Im Sommer ist von ihr fast gar nichts zu sehen; das Laub der Bäume verdeckt alles bis auf den ein Stück über die Baumwipfel hinausragenden Turm und den goldenen, fliegenden Merkur, der auf seiner Spitze im Sonnenlicht funkelt.

Hamburg - Turm der ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz

Hamburg – Turm der ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz (Sommerfoto)

Bei Sonnenschein und blauem Himmel leuchtet die wilhelminische Prachtfassade sehr viel freundlicher und intensiver, nur gibt es für Sie heute leider lediglich die gedämpfte Ansicht. Als ich dort war, wollte die graue Wolkendecke partout nicht aufreißen.
Bei fehlendem Lärm- und Sichtschutz aufgrund unbelaubter Bäume offenbart sich ganz besonders, was für ein immenser Verkehr hier an der Kreuzung am Stephansplatz herrscht. Ein Taubenschlag ist nichts dagegen! Doch dieser Umstand ist absolut nicht neu. Bereits 1922 gab es in diesem Bereich ein derart hohes Verkehrsaufkommen, dass genau an dieser Kreuzung die erste Ampel Deutschlands aufgestellt wurde.
(Bevor Sie anmerken, so viel Autos seien gar nicht zu sehen, sei Ihnen verraten, dass ich einen der wenigen ruhigeren Momente zum Fotografieren abpasste.)

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall

 

Hamburg - Alte Oberpostdirektion (Dammtorstraßen-Seite)

Hamburg – Alte Oberpostdirektion (Dammtorstraßen-Seite)

Sie sehen auf dem oberen Foto, die alte Oberpostdirektion war in einem Eckgebäude untergebracht. Es ragt mit einem Flügel in die Dammtorstraße, mit dem anderen in den Gorch-Fock-Wall – und genau auf diese Seite würde ich Sie jetzt gern einmal ziehen. Laufen Sie von der Ecke aus entlang des Gebäudes und zählen dabei die Lichtschächte an den Kellerfenstern. Bei Nummer fünf stoppen Sie bitte.
In dem Moment befinden Sie sich außerdem auf Höhe einer Bushaltestelle, was mich wieder zu der am Beginn geschilderten Empfehlung führt …
Das, was es heute zu sehen gibt, verbirgt sich in Lichtschacht Nr. 5, der, wie alle anderen, zu einem Großteil von einem Gitter verdeckt ist.

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion - Lichtschacht Nr. 5 auf der Gorch-Fock-Wall Seite ...

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion – Lichtschacht Nr. 5 auf der Gorch-Fock-Wall Seite …

Sobald Sie sich länger oder tiefer über das Gitter beugen, womöglich obendrein in die Hocke gehen, um das Darunter besser erkennen zu können, wird automatisch der ein oder andere Buswartende aufmerksam. In meinem Fall tauchte mit einem Mal ein Herr neben mir auf. Er zeigte sich leicht besorgt und erkundigte sich äußerst hilfsbereit:
„Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie etwas verloren? Schlüssel …?“
Er reagierte verdutzt, als ich verneinte, und so verriet ich ihm, wonach ich schaute. Überrascht kauerte er sich prompt ebenfalls nieder, um es sich etwas genauer anzusehen.

Hamburg - Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall - Die letzten sichtbaren Überbleibsel der Rohrpost ...

Hamburg – Ehem. Oberpostdirektion am Stephansplatz, Ecke Gorch-Fock-Wall – Die letzten sichtbaren Überbleibsel der Rohrpost …

Wir spähten gemeinsam durch die Stäbe.
„Schauen Sie, sehen Sie diese beiden Rohrstücke, die dort unten quer durch die Öffnung verlaufen?“
„Ja, sehe ich“, meinte er.
„Das sind die letzten sichtbaren Beweise einer einst existierenden Rohrpost.
„Was? Die da?“ Er wirkte verblüfft. „Die sind ja so dünn! War so etwas nicht dicker? Passt da überhaupt was rein?“

„Aber sicher! Was Sie vielleicht in Erinnerung haben, ist die Großrohrpost, die später Teile Hamburgs unterirdisch miteinander verband. Die Rohre dieser ersten Rohrpost, der, die 1864 einführt wurde, waren aber nicht so üppig dimensioniert. Diese hier gehörten zu einer Strecke, die vom Jahr 1887 an die Börse hinterm Rathaus am Adolphsplatz mit dem Telegrafenamt hier am Stephansplatz verband. Die Schriftstücke mit Nachrichten wurden meist gerollt, in kleine Büchsen gelegt – und ab ging die Post.“
Mein hilfsbereiter Mitgucker schien interessiert bis moderat gefesselt, nur kam sein Bus, und so entschwand er mit einem: „Hab ich überhaupt nicht gewusst, und ich komme beinahe jeden Tag hier vorbei!“

Rohrpost in Hamburg

Rohrpost! Sie war seinerzeit enorm flott unterwegs! Vielleicht sind Sie auch erstaunt, wenn Sie hören, dass eine der kleinen zischenden Rohrsendungen von der Börse zum Telegrafenamt keine zweieinhalb Minuten brauchte.
Überlegen Sie doch nur, würden Sie heute aus dem Börsengebäude via Internet eine Mail zum Stephansplatz verschicken, käme die – angesichts notwendiger Spam- und Virenprüfung vorweg – kaum eher beim Empfänger an. Wäre stattdessen aber vermutlich auf dem Weg von A nach B von irgendwelchen Geheimdiensten angezapft, mitgelesen und gespeichert worden.
So etwas konnte bei der Rohrpost nicht passieren. Rein theoretisch hätte jemand irgendwo das Rohr ansägen, öffnen und versuchen können, eine durchflitzende Büchse herauszufischen. Aber die Rohre verliefen unterirdisch, die Sendungen hatten einen enormen Zacken drauf, und es gab sogar einen Alarm bei einigen Verbindungen, der ausgelöst wurde, sobald eine Kartusche nicht zur berechneten Zeit am Zielort ankam. Ein Punkt für die Rohrpost.

Was noch? Was sprach für diese Versandart?
Wenn man die Briefe damals mit Pferdewagen oder später – zunächst mit der Straßenbahn (sie hatte einen Eilpostbriefkasten!), nach dem Zweiten Weltkrieg mehr und mehr per Auto – via Straße beförderte, gingen dafür statt zweieinhalb mindestens zwanzig Minuten ins Land. (Angesichts der heutigen Laufzeit einiger Briefe dennoch eine Traumzeit, oder?) Meist benötigten sie jedoch auch etwas länger, denn der Innenstadtbereich war schon damals gern verstopft, was zur Folge hatte, dass die Post austeilenden Boten sich ständig verspäteten.
Wen störte es ganz besonders?
Sie erinnern sich, welchen Ausgangsort vorhin die Rohrpost mit Ziel Telegrafenamt hatte? Na …? Genau! Natürlich brachte es die Börsenmakler auf die Palme! Bei denen zählte jede Minute, sonst drohte der Verlust baren Geldes. Sie mussten ihre Nachrichten so schnell wie möglich weitergeleitet haben bzw. zugestellt bekommen.

Das ganze Streckennetz der Rohrpost kam im Stadtbereich bald auf eine Länge von ungefähr 43 Kilometern.
Wie sich die Büchsen bewegten?
Das Versenden funktionierte durch ein Druckluftsystem. Ansaugen und wegpusten und zwar mit erheblicher Power! Mit etwa 40 km/h zischten die Geschosse durch die Rohre.
Was der mitschauende Herr am Lichtschacht ganz richtig in Frage stellte, war die mangelnde Kapazität. Sie können sich vorstellen, so sehr viel passte nicht in die kleinen Kartuschen, doch das Brief- bzw. Postaufkommen insgesamt wuchs rapide. Aus diesem Grund und natürlich, weil der Verkehr auf den Straßen keinesfalls weniger wurde, ersann man nach der ersten Rohrpostversion mit den kleinen Rohrdurchmessern in späteren Jahren eine weitere Variante, die Großrohrpost. Deren Rohre hatten einen Durchmesser von 45 cm und die dort loskatapultierten Transportbehälter (diesmal auf Rollen) fassten ca. 2000 Briefe.

Nur was Ende des 19. Jahrhunderts noch verhältnismäßig einfach ging, nämlich das Verlegen von relativ dünnen Rohren in ein noch nicht so „überfülltes“ Erdreich in einer Tiefe von ca. einem bis maximal zwei Metern, bescherte später in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts beim Projekt Großrohrpost erhebliche Probleme. Nicht allein, dass nun viel dickere Rohre verlegt werden mussten, das gesamte Rohrsystem musste auch tiefer verlaufen. Zum einen geschützter, zum anderen deshalb, weil sich mittlerweile fast überall etwas im Weg befand. Es gab U- und S-Bahnlinien, es verliefen dicht verzweigt die Wasser- und Gasleitungen unter der Stadt und das Telefonnetz behinderte genauso wie viele in der Zwischenzeit entstandene Auto- und Fußgängertunnel.

Doch gestaltete sich nicht nur die Einrichtung mühsam, sondern bedauerlicherweise war das System Rohrpost von jeher trotz vieler unschlagbarer Vorteile auch mit erheblichen Nachteilen behaftet. Es war störanfällig.
Als die Rohrpost noch nicht so tief liegende Rohre hatte, erlitt sie durch Bombardierungen während des Krieges großen Schaden, und die Flickschusterei oder eine Umleitung in andere Rohre half nur kurzfristig. Wenn durch weitere Bombenschäden das angesteuerte Alternativpostamt bereits nicht mehr existierte, brachte es im Endeffekt gar nichts.
Erschütterungen durch die Straßenbahn lösten von Zeit zu Zeit ebenfalls Schäden aus.

Dabei hatten die dünnen Rohre noch den Vorteil, dass sie durchgängig verbunden waren. Die neueren Rohre mit dem großen Durchmesser wurden als einzelne Segmente verlegt. Sie brauchen nur an den Schwerlastverkehr oder auch die vielen Baustellen und Bautätigkeiten in Hamburg – auch schon in früheren Zeiten – denken und schon ist Ihnen klar: Bewegungen im Erdreich waren vorprogrammiert!
Ständig verrutschten die Anschlüsse der Rohrelemente und verschoben sich gegeneinander. Über die entstandenen Absätze im Rohr kamen die Rollen der Behälter nicht hinüber – schon gab es eine neue Störungsmeldung. Und die Suche nach der Blockadestelle begann. Finden Sie mal auf einer mehrere Kilometer langen Strecke unter Tage sofort den Punkt, an dem es hakt …
Irgendwann war man es leid, ständig Unterbrechungen zu haben und beklagte bitterlich die dabei regelmäßig entstehenden hohen Wartungskosten. Das Ende der Ära Rohrpost bahnte sich an. Nach immerhin 112 Jahren – mit leichten Unterbrechungen und Streckenbeschränkungen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Entstehung der Großrohrpost in den 60er Jahren – nahm Hamburg 1976 endgültig Abschied von dieser Versandart.

Reste der großen Rohre können Sie lange suchen. Entweder wurden sie entfernt, wenn sie bei neuen Bauvorhaben und Straßenanlagen bzw. -änderungen störten oder man verfüllte sie mit Erde. Soweit mir bekannt ist, gibt es nirgendwo vergleichbare Überbleibsel, welche wie die beiden Rohre am Stephansplatz im Lichtschacht der ehemaligen Oberpostdirektion noch direkt sichtbar wären.

Mein Großpapa hat mir einmal einen recht alten Briefumschlag gezeigt, auf dem ein Stempelvermerk zu sehen war, der verriet, dass er einen Teil der Strecke mit der Rohrpost befördert worden war. Vorbei die Zeit. Und vorbei auch die Zeit, in der sich jede Kartusche mit einem durch die Druckluft entstandenem Zischen ankündigte und mit einem eindeutigen Aufprallgeräusch an ihrem Zielort landete.
Die Zischzeit hat ihr Ende gefunden. Endgültig? Komplett? Oder …

Es gibt sie an einigen Stellen noch hausintern! So wie es ja auch immer noch Paternoster gibt. Rohrpostsysteme existieren in einigen Firmen, die ihren Sitz in großen Gebäudekomplexen haben, aber auch in mancher Hochschule oder in Krankenhäusern. Dort wird diese praktische und schnelle Versandart genutzt, um weite Wege zu vermeiden sowie Zeit zu sparen. An diesen Orten werden weiterhin Dokumente oder Wertgegenstände zwischen Kasse und Tresor bzw. Blutproben, Berichte etc. zwischen OP und Labor oder aber Material, Lieferscheine, Anordnungen und was nicht alles zwischen Lager, Werk und Büro hin- und hergesandt.
Zischhhhh – Rummms.
(Doch glauben Sie mir, auch diese Tage sind gezählt … Nur die ganz neu entwickelten, hochmodernen Rohrversandanlagen mögen davon ausgenommen sein.)

Nun haben Sie wieder ein Stückchen altes Hamburg kennengelernt.

Damit Ihnen die Stadt bei Betrachtung der Fotos diesmal nicht nur reichlich grau vorkommt, gibt es zur dezenten farblichen Aufmunterung zum Abschluss  die Blüten der Zaubernuss-Sträucher, die gerade ersatzweise in den Beeten von Planten und Blomen etwas Helligkeit und Sonnengefühl vermitteln.

Hamburg - Planten un Blomen - Die Zaubernuss (Hamamelis) ersetzt fehlenden Sonnenschein ...

Hamburg – Planten un Blomen – Die Zaubernuss (Hamamelis) ersetzt fehlenden Sonnenschein …

 

Hamburg - Planten un Blomen - Die zarten Blüten der Zaubernuss (Hamamelis) ...

Hamburg – Planten un Blomen – Die zarten Blüten der Zaubernuss (Hamamelis) …

 

Eine gute Woche für Sie!
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© by Michèle Legrand, Februar 2016

Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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