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Zwischen Altstadt und Neustadt (2) – Ein neuer Streifzug durch Hamburg


Es geht wieder weiter! Mit leichter Verzögerung folgt heute der zweite Teil des Streifzugs durch Hamburgs Alt- und Neustadt. Ich verwende weiterhin Aufnahmen, die Ende November entstanden, denn seinerzeit schien die Sonne, ein Ereignis, das bekanntermaßen nicht nur hier in Hamburg seit Monaten Seltenheitswert hat. Grau haben Sie sicher genug gesehen, bringen wir via Foto ein bisschen Farbe ins Leben.

Erinnern Sie sich? Wir waren im ersten Teil in der Altstadt im Bereich zwischen der U-Bahn-Station Meßberg und dem Mahnmal St. Nikolai unterwegs. Mit Zwischenstopp an architektonisch interessanten Kontorhäusern sehr unterschiedlichen Alters, an der Brauerei Gröninger und der inzwischen entrüsteten (im Sinne von Gerüst weg, nicht etwa einer furchtbar aufgebrachten) Kirchenruine von St. Nikolai.

Heute streben wir zunächst den Nikolaifleet an, werfen danach einen Blick auf eine der Hauptkirchen Hamburgs, St. Katharinen, und spazieren anschließend am Zollkanal entlang Richtung  Binnenhafen und Baumwall. Auf die Art werden Sie diesmal zu Beginn in der Altstadt unterwegs sein und sich am Ende auf Neustadt-Boden von mir trennen.

Start am Mahnmal …

Unsere letzte Tour endete bei St. Nikolai in der Willy-Brandt-Straße. Halten Sie sich dort westlich, so erreichen Sie nach kurzer Zeit die Straße Holzbrücke. In südlicher Richtung führt Sie diese über den Nikolaifleet auf die Fleetinsel Cremon. In der Verlängerung – nun mit der Straßenbezeichnung Mattentwiete  – geht es weiter zum Zollkanal und Binnenhafen.
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Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet mit Blick auf "Holzbrücke" und Mahnmal St. Nikola

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet mit Blick auf „Holzbrücke“ und Mahnmal St. Nikolai

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Im Verlauf der Straße Holzbrücke gibt es tatsächlich immer noch die gleichnamige Brücke, nur ist das, was
Sie heute vor sich haben, ein dreibogiger Nachfolgebau, der vor gut 130 Jahren (1887) nicht mehr aus Holz, sondern aus Stein erreichtet wurde.
Wären Sie ein bisschen eher – so um 1170 oder auch noch in den folgenden Jahrhunderten – in der Altstadt unterwegs gewesen, hätten Sie die Vorläufer aus Holz selbst in Augenschein nehmen können und hätten auch die Zeit erlebt, als es am Nikolaifleet einen großen Hafen mit regem Betrieb gab, in dem mit Schuten u. a. viel Hopfen angelandet wurde. Gröninger und andere Betriebe brauchten schließlich kontinuierlich Nachschub zum Brauen ihrer Biere.

„Das Schiff“

Heute finden Sie am Fleet direkt an der Holzbrücke möglicherweise keine Schute, dafür jedoch „Das Schiff“, das dort seinen Stammplatz hat. Hamburgs Theaterschiff. An Bord ist politisches Kabarett angesagt, hin und wieder auch Kindertheater. Und gelegentlich wird Literatur zum Thema.
Man feierte 2015 sein 40jähriges Bestehen. Zwar hat vor geraumer Zeit schon (2000) sein bekannter Gründer, Kabarettist Eberhard Möbius, die Leitung in andere Hände übergeben, dennoch läuft der Betrieb weiter.
Noch vor einigen Jahren fuhr man hin und wieder sogar zu Gastspielen nach Kiel, Stade oder Buxtehude.
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Hamburg - Altstadt - Nikolaifleet - _Das Schiff_ (Theater) mit Stammplatz an der Holzbrücke

Hamburg – Altstadt – Nikolaifleet – „Das Schiff“ (Theater) an seinem Stammplatz nahe der Holzbrücke

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„Das Schiff“ ist ein Privattheater, das meist so viel einnimmt, dass laufende Kosten gedeckt sind. Nur was tun, wenn altersbedingt am Schiff umfangreiche Reparaturen notwendig werden? Wenn dazu sein Innenleben überaltert ist? Wenn obendrein Arbeiten am Liegeplatz erforderlich werden, z. B. für einen neuen Bodenbelag des Pontons, der rissig ist. Oder für den Ersatz der vorhandenen Treppe durch eine Art tideunabhängige Gangway, die den Zugang zum Schiff auch für ältere, nicht mehr ganz so rüstige und sportliche Menschen sichert bzw. erst möglich macht. Das ist im Budget nicht drin. Dafür ist man auf  Unterstützung angewiesen. Letzten Dezember standen die Chancen sehr gut, Gelder (über 300.000 Euro) aus einem Sanierungsfond bewilligt zu bekommen.

Schön häufig, wenn ich von der Holzbrücke das Schiff betrachtete, schoss  mir der Gedanke durch den Kopf: Mensch, ist das beachtlich, was der betagte Kahn alles miterlebt hat, seitdem es als Besansegel-Ewer 1912 in Holland das Licht der Welt erblickte! Wie lange das her ist!
Der erste Weltkrieg hatte noch gar nicht stattgefunden. In den Niederlanden saß damals die Uroma des heutigen Königs, Königin Wilhelmina, auf dem Thron, während bei uns Kaiser Wilhelm II herrschte. Zu jener
Zeit misst er lediglich 20,19 m. Der Kahn, nicht der Kaiser. Ein deutscher Kunde ersteht den Segler aus Holland und baut irgendwann eine Hilfsmaschine ein. Für ihn verrichtet der Ewer als „Seemöve“ seinen Dienst.
Ein paar Jahre darauf entscheidet sich der nächste Eigner für einen stärkeren Motor, ein Schiffsmast fällt, der Klüverbaum wird gekappt. So weit so gut. Doch dann! Stellen Sie sich vor, im zweiten Weltkrieg sinkt das Schiff im Hamburger Hafen! Geht komplett unter!
Es wird gehoben, repariert und bei dieser Gelegenheit gleich umgebaut. Plötzlich ist der Rumpf 34,50 m lang und das Boot kein Besan-Ewer mehr, sondern ein Küstenmotorschiff. So hört er bald darauf nicht mehr auf den Namen „Seemöve“, sondern nennt sich fortan „MS Rita Funck“. Dieses Schiff schauen sich Herr Möbius und sein Frau aus, um es nach dem Kauf auf einer Werft in Rothenburgsort für den Theaterbetrieb herrichten zu lassen.
Seit 1975 steht es für diesen Zweck zur Verfügung. Mitte der 80er Jahre war ich selbst einmal an Bord für eine Vorstellung …
Ein abwechslungsreiches Schiffsleben bis dahin mit Hochs und Tiefs. Doch seitdem es Theaterschiff ist, wurde nichts Größeres mehr daran erneuert, gerichtet, saniert oder verschönert, während gleichzeitig unablässig Wind, Wetter und vor allem das Fleetwasser an ihm „nagen“ – wie auch der Zahn der Zeit …

Vielleicht hat „Das Schiff“ im Alter von 106 Jahren nun bald einen längeren Kuraufenthalt.
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Lassen Sie uns ein Stück weiterspazieren …
In vielen dieser Altstadtstraßen stoßen Sie immer wieder auf besondere Eingangstüren oder Portale.
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Hamburg - Altstadt - ... und immer wieder sehenswerte Eingangstüren.

Hamburg – Altstadt – … und immer wieder sehenswerte Eingangstüren.

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Hinter der Holzbrücke, direkt links abgebogen in die Katharinenstraße,  geht es im sanften Bogen bis vor zur Kirche St. Katharinen.
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Sankt Katharinen
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Hamburg - Altstadt - Hauptkirche St. Katharinen

Hamburg – Altstadt – Hauptkirche St. Katharinen

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Von den fünf Hauptkirchen, die es bei uns gibt, ist St. Katharinen die dritte. Sie entstand um 1250 herum. Damals wuchs Hamburg, der Platzbedarf stieg erheblich, und Stadtflächen sollten durch Eindeichungen ver-
größert werden. Gesagt, getan. Doch ist nicht unmittelbar nach Eindeichung gleich alles knochentrocken. Das Gelände hier war noch feuchtes Marschland, und so wurden für das Fundament der Kirche 1 100 Lärchen-
stämme in den Grund getrieben.
Wir sprachen vorhin davon, dass der Hafen früher im Bereich des Nikolaifleets regen Betrieb aufweisen konnte. Ein aufstrebender Hafen zudem, der natürlich viele anzog. St. Katharinen wurde damals die Kirche für die sich neu niederlassenden Kaufleute, die Bierbrauer und Schiffbauer.
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Hamburg - Altstadt - Hauptkirche St. Katharinen (Rückseite)

Hamburg – Altstadt – Hauptkirche St. Katharinen (Rückseite)

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Ob Kirchgänger damaliger Zeit sich eine Vorstellung davon hätten machen können, wie sich die Zeiten wandeln, wie sich die Menschheit in Glaubensfragen und damit auch die Beziehung zwischen Mensch (Volk) und Kirche ändern würde? Die Kirche selbst findet sich mit anderen Aufgaben und Erfordernissen konfrontiert, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn sich das Kirchenleben der Neuzeit hin und wieder überraschend anders gestaltet …

In Zeiten, in denen die Finanzlage der Kirchen aufgrund sinkender Kirchensteuereinnahmen und gleichzeitig steigender Pensionsansprüche sowie erhöhter Ausgaben jeglicher Art gehörig in die Schieflage gerät, denkt man mancherorts neben Einsparungen über zusätzliche Einnahmequellen nach. Was lobenswert ist und nicht grundsätzlich schlecht sein muss.
Unabhängig von Sparzwängen oder gar Profitdenken, gilt es manchmal auch nur sich hervorzuheben, sich von anderen Gemeinden bzw. Glaubensrichtungen abzuheben und zu positionieren. Seht her, so machen wir das. Wir sind anders. Fortschrittlicher, konservativer, offener … was auch immer.
Nähe, Erreichbarkeit – nicht nur im örtlichen Sinn – zu demonstrieren, scheint ein weiteres Ziel. Nicht selten erleben Sie den Versuch einzelner Kirchen (Pastoren, Kirchenvorstände), das Image des Starren, des Welt-
fremden, des ewig Gestrigen abzulegen.
Wenn Kirchen viele Mitgliedsaustritte verzeichnen und dazu die Bänke im Gottesdienst stets reichlich freie Plätze aufweisen (womit auch die Kollekte mager ausfällt), ist schon die Frage erlaubt, wie Kirche von heute bei den Menschen auszusehen hat, damit sie wahrgenommen, angenommen, obendrein im Idealfall (finanziell) unterstützt wird.
Es ist wohl immer ein bisschen von allem, was zum Tragen kommt und irgendwann  ein – ich nenne es einmal – Testballons starten auf Kirchenseite hervorruft. Die Katharinenkirche z. B. nutzte die Klimawoche 2015 dazu, ein „Klimakonzert mit grüner Modenschau“ im Kirchenschiff zu genehmigen und durchzuführen.  Mit Models, Lichteffekten und allem, was dazugehört. Das ist mittlerweile salonfähig und kein Aufreger mehr. Es bringt Einnahmen, sorgt für Gesprächsstoff, und immerhin steht dahinter der positiv behaftete „grüne“ Gedanke.
Ein Teil der Gemeinde schreit Hurra, der andere ist etwas pikiert, und morgen ist das Thema abgehakt.
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Hamburg - Altstadt - St. Katharinen vom Zollkanal aus gesehen

Hamburg – Altstadt – St. Katharinen, diesmal vom Zollkanal aus gesehen

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Als allerdings 1996 rund 2 000 Raver in St. Katharinen eine Technoparty feierten, gab es mehr als hanseatisch leicht gerümpfte Nasen. Da half es auch nichts, dass Rauchen nicht erlaubt war. Es gab reichlich Alkohol, seltsame „Energy Drinks“, leichtbekleidete Wesen zwischen Heiligenstatuen, ekstatische Tänzer und viel Remmidemmi.
Warum man es in der Kirche gestattete? Oh, es war eine Art Kreuzzug der Techno-Tänzer („Crusade“). Es sollten die beiden Kulturen Gregorianik und Techno miteinander verbunden werden. Immerhin war auch ein Kieler Gregorianik-Chor mit von der Partie. Auf diese Art erhoffte man, Menschen in die Kirche zu locken, die sonst nie hinfänden. Das hat man sicher auch geschafft, nur ob die danach je wiederkamen?

Finanziell hat es sich gelohnt. Man musste zwar einen Sicherheitsdienst engagieren, der zehn Stunden im Dauereinsatz war, aber bei damals 60 DM Eintritt kam doch ein erkleckliches Sümmchen von ca. 120 000 DM zusammen. Damit waren die Kosten kein Thema  mehr, und der ansehnliche Rest half, den der Kirchen-
technoparty folgenden Stress und Ärger leichter zu verdauen.
Danach fanden in St. Katharinen interessanterweise ebenso Abende mit Gegenveranstaltungen statt, in
denen genau dieses Verhalten (Konsumdenken, Profit egal wodurch) angeprangert und kritisiert wurde.
Kirchenleben ist also bunt. Vielfältig, mit einem Hauch Unberechenbarkeit.

Schauen Sie einmal zur Turmspitze. Diese als Krone geformte Goldverzierung soll gerüchteweise mit Gold
aus dem verschollenen Goldschatz Störtebekers hergestellt worden sein. Sie wissen schon, der berühmt-berüchtigte Pirat. Der Begriff Störtebeker – übersetzt aus dem Plattdeutschen – bedeutet „Stürz den Becher“. Man munkelt, der Pirat konnte einen Vierliter-Krug Wein, wahlweise Bier, in einem Zug austrinken. Ob er deshalb so genannt wurde?
Ich zweifle ein wenig daran, ob jemand überhaupt vier Liter auf einmal in sich hineinbringen kann …
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Hamburg - Altstadt - Turmspitze St. Katharinen mit kronenförmiger Goldverzierung

Hamburg – Altstadt – Turmspitze St. Katharinen mit kronenförmiger Goldverzierung

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Sie können auch in St. Katharinen die Aussicht von oben genießen, allerdings, wenn Sie hier auf den Turm möchten, müssen Sie es im Rahmen einer Führung machen. 292 Stufen hinauf, vorbei an fünf Glocken …
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Plaza oder Turm? Elbphilharmonie vs. Kirchtürme …

Apropos Turmbesteigung. Die Kirchen, und vorneweg der Pastor der Hauptkirche St. Michaelis, klagen, dass seit Eröffnung der Elbphilharmonie vor einem Jahr die Zahl der Kirchturmbesteigungen massiv zurückge-
gangen sei und damit eine wichtige Einnahmequelle versiege. Im Gegensatz zum kostenfreien Besuch der Plaza in der Elbphilharmonie kostet die Besteigung der Türme Geld.
Der Michel-Pastor hat jetzt nicht explizit gefordert, dass die Begehung der Plaza umgehend Eintritt kosten muss, doch hätte er angesichts der Umstände natürlich nichts dagegen. Sein nachvollziehbares Wunschdenken wurde in den Medien vielfach gleich in Richtung Forderung verdreht, und schon rief seine Bemerkung einen Sturm der Entrüstung hervor.

Lassen wir kurz den Punkt Plaza-Eintritt ja oder nein außen vor und betrachten die Situation ganz generell. Zum einen können nicht alle Kirchen diese Entwicklung uneingeschränkt oder in gleichem Maße bestätigen. Beim Mahnmal St. Nikolai ist es nicht eindeutig, weil gerade nach der Sanierung und Wiedereröffnung des Turms im letzten Herbst besonders viel Zustrom zu verzeichnen ist. Dort herrscht Andrang, obwohl die Fahrt mit dem gläsernen Panoramalift fünf Euro kostet. Also ebenso viel, wie beim Michel zu löhnen ist. Ob der Zulauf so bleibt, wird man sehen.
Andere verzeichnen ebenfalls einen Rückgang, der jedoch trotz verlangter Gebühr für die Turmbesichtigung geringer ausfällt.
Die Hauptkirche St. Petri in der City wiederum meldet zwar weniger Zulauf, nur hatte sie dabei eher mit den Auswirkungen des berüchtigten G20-Gipfels im letzten Jahr zu kämpfen. Währenddessen (im Monat Juli) erschienen gleich 17 000 Besucher weniger als im Folgemonat August (39 000 zu 56 000).

Wenn ein Hamburger Ur-Wahrzeichen wie der Michel von eklatantem Rückgang der Turmbesucher spricht, dann sind es vermutlich weniger die Einzelreisenden, als vielmehr – und zahlenmäßig relevanter – die Teilnehmer von Gruppen- und organisierten Städtereisen, die ausbleiben. Wer allein, auf eigene Faust kommt, plant meist mehr Zeit ein, steuert viele Attraktionen und Ziele an und hängt notfalls dafür noch einen Tag dran.
Bei organisierten Städtetrips (z. B. Wochenendtouren) ist irgendwann Schluss mit der Programmstraffung. Wenn keine zusätzliche Zeit zur Verfügung steht und jeder Reiseteilnehmer erwiesenermaßen vor allem die Elbphilharmonie gesehen haben möchte, wird kurzerhand der Michel entweder komplett herausgenommen oder aber zumindest der Turmbesuch gestrichen. Gerade die Besteigung kostet Zeit, ganz abgesehen davon, dass nicht jeder in der Lage ist, daran teilzunehmen. Die Aufzugfahrt ist nicht von ganz unten bis direkt zur Aussichts-
plattform möglich. Es bleiben einige Treppen, die weiterhin zu Fuß bewältigt werden müssen. Nehmen wir jetzt noch das mehr als unvorteilhafte Wetter des letzten Jahres mit entsprechend schlechter Aussicht, so ist es nicht verwunderlich, wenn weniger Interesse als sonst besteht, bei niedrigen Temperaturen und Nässe den Aufstieg für einen zugigen Turmausblick anzugehen.
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Hamburg - Hafen (Höhe Baumwall) - Restaurant _Feuerschiff_

Hamburg – Hafen (Höhe Baumwall) – Restaurant „Feuerschiff“ – Im Blick haben Sie auch die Elbphilharmonie …

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Es kann nicht allein an den Kosten liegen. Über ein reizvolleres Kombiticketangebot (Kirche mit Krypta plus Turm) ließe sich trotzdem nachdenken. Warum nicht auch als Anreiz den Treppensteigern einen günstigeren Preis anbieten als den Lift-Nutzern oder eventuell einen Tag festlegen, an dem es nur die Hälfte kostet …
Ja, und ein bisschen enthusiastischer die Besonderheiten einer solchen Turmbesteigung und vor allem die des Ausblicks hervorheben! Rundumblick vom Turm aus 106 m Höhe und Plaza-Ausblick sind nun wirklich nicht vergleichbar. Michel und Elbphilharmonie müssten so gesehen gar keine Konkurrenten sein.
(Ich lasse Ihnen am Ende einen Link zu einem Blogbeitrag meiner Michelklettertour da, falls Sie Lust darauf haben. Auch Glockengeläut ist zu hören!)
Angewiesen sind die Kirchen auf die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern, selbst wenn sie im Grunde nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sind, betrachtet man die Kosten, die zum Erhalt der Gebäude nötig sind. Es ist also leider keine Option, grundsätzlich auf Eintritt zu verzichten.

Der Plaza-Besuch in der Elbphilharmonie wiederum würde unter Garantie bei den Reiseveranstaltern weiter im Programm bleiben, selbst wenn der Zutritt kostenpflichtig werden würde. Für den Reisegesamtpreis bedeutet es letztendlich keine dramatische Erhöhung. Einzelpersonen hingegen und speziell die Hamburger …

Nun, viele Hamburger fühlten sich doppelt ausgenommen, sollte es dazu kommen. Erst wird das Jahrhundert-
bauwerk und neue Wahrzeichen so hundsteuer, dass mehrfach immense Summen aus Steuergeldern der Hamburger Bürger nachgeschoben werden müssen, und nun soll womöglich noch einmal geblecht werden, bevor man als Einheimischer und Mitfinanzierer einmal einen Blick auf das Ganze werfen kann? Das sieht nicht jeder ein …

Wir werden die Entwicklung weiter verfolgen.
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Hamburg - Altstadt - Zollkanal (Bei den Mühren) mit Speicherstadt im Hintergrund

Hamburg – Altstadt – Zollkanal (Bei den Mühren) mit Speicherstadt im Hintergrund

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Wir sind inzwischen von St. Katharinen ein Stück entlang des Zollkanals gewandert und haben den Binnenhafen erreicht.
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Hamburg - Altstadt - Am Binnenhafen

Hamburg – Altstadt – Am Binnenhafen

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Hamburg - Altstadt - Binnenhafen - Blick Richtung Niederbaumbrücke

Hamburg – Altstadt – Binnenhafen – Blick Richtung Niederbaumbrücke

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Flussschifferkirche

Sehen Sie das blaue Schiff (Foto unten)? Das ist die Flussschifferkirche, Deutschlands einziges Gotteshaus auf dem Wasser, auf Schiffsplanken zumindest. Mit Gottesdiensten, einer Binnenschifferseelsorge, und „Hausbesuchen“. Man fährt zweimal die Woche mit einer alten Arbeitsbarkasse im Hafengebiet herum und besucht die Binnenschiffer direkt an ihrem Arbeitsplatz.
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Hamburg - Altstadt - Binnnhafen mit Flussschifferkirche links (blaues Boot) - Speicherstadt rechts

Hamburg – Altstadt – Binnenhafen mit Flussschifferkirche links (blaues Boot) – Speicherstadt rechts

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Nachdem wir uns bisher die ganze Zeit auf Altstadtgebiet befanden, wechseln wir hier nun auf Neustadtgebiet. Die Grenze verläuft etwa auf der Otto-Sill-Brücke, von der aus das obige Foto aufgenommen wurde. Der Baumwall liegt voraus – doch wenn ich es mir recht überlege, ist eigentlich dieser Wechsel des Stadtgebiets eine wunderbare Gelegenheit, für heute die Tour zu beenden. Mit einem Blick aus der Neustadt zurück in die Altstadt
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Hamburg - Hafen - Niederbaumbrücke - Blick von der Neustadt Richtung Altstadt

Hamburg – Hafen – Niederbaumbrücke – Blick von der Neustadt Richtung Altstadt / Ganz hinten St. Katharinen, links der Turm von St. Nikolai (Mahnmal)

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Sind Sie bei einem weiteren Streifzug wieder mit dabei? Sie haben gemerkt, obwohl es stets seine Zeit braucht, müssen Sie keine Riesenentfernungen schaffen oder tausend Dinge durchhecheln. Es bleibt entspannt.

Bis demnächst! Ich vermeide es allerdings, mich zeitlich festzulegen, denn das klappt erfahrungsgemäß nur mittelprächtig.

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Hier noch der Link zur oben erwähnten St.-Michaelis-Turmbesteigung:
=> „Der Hamburger Michel: Wem die Glocke schlägt“

Und so gelangen Sie bei Interesse zum ersten Teil des Altstadt/Neustadt-Streifzugs:
=>„Zwischen Altstadt und Neustadt (1): Ein neuer Streifzug durch Hamburg“
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© by Michèle Legrand, Januar 2018
Michèle Legrand

 

 

 

 

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50 Kommentare

Hamburg: Fleete, Bier und die Mahnung an der Tür

Ich war in der vergangenen Woche unterwegs und so habe Ihnen gleich etwas mitgebracht. Aus meiner
Stadt, aus einem Teil, der sich südlich der City am Zollkanal und am Binnenhafen befindet, also nahe der Speicherstadt.

Sie wissen, Hamburg ist eine wasserreiche Stadt. Es gibt nicht nur Elbe, Binnen- und Außenalster, Bille
und Seen, Hamburg hat auch zahlreiche Fleete, die das Stadtgebiet durchziehen.
Die Anzahl dieser Wassergräben war einst erheblich höher, doch viele gibt es mittlerweile nicht mehr.
Wenn sie nicht schon früher zugeschüttet wurden, dann spätestens nach Ende des zweiten Weltkriegs,
als nämlich Unmengen von Schutt aus Trümmern anfielen, die irgendwo hin mussten.

Wenn Ihnen heute jemand als seine Adresse „Am Katharinenfleet“ angibt, dann hüten Sie sich vor der
Idee, derjenige wohnte mit Blick aufs Wasser. Pustekuchen! Diesen Fleet gibt es nicht mehr, lediglich den Straßennamen.
Es gibt aber den Nikolaifleet. Um ihn und seine Umgebung geht es heute.

Hamburg - Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße "Holzbrücke" aus)

Hamburg – Blick auf den Nikolaifleet und die Kirche St. Katharinen (von der Straße „Holzbrücke“ aus)

Erinnern Sie sich an die Badeanstalt, den Tempel der Reinlichkeit, im vorletzten Blogpost, an dessen Platz heute ein rundes Parkhaus steht? Ich erzählte Ihnen, dass Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit der Erbauung des Bades die Modernisierung der Stadt voranschritt und dabei die Wasser- sowie die Abwassersituation (Kanalisation, Siele) verbessert werden sollte.
Warum? Weil kaum einer regelmäßig, geschweige denn sauberes Wasser hatte! Die Zustände in den eng bebauten Gebieten besonders hier Richtung Hafen waren aus hygienischer und medizinischer Sicht katastrophal! Völlig untragbar.

Gleichzeitig sahen die Einsatzmöglichkeiten bei einem Brand nicht eben rosig aus. Schwierige Brandbekämpfung bei gleichzeitig erheblicher Brandgefahr.
Nahezu jede Häuserzeile hatte damals – üblicherweise an der Rückfront – Anschluss an einen Fleet (man sagt übrigens der, aber auch das Fleet). Vor dem Haus hingegen lief eine enge Straße vorbei.
Es war absolut üblich, Wohnen und Arbeiten an einem Ort zu erledigen. So wuselte es mächtig, wenn Familien dort lebten und gleichzeitig Waren angeliefert, gelagert, in Werkstätten verarbeitet und wieder abtransportiert wurden. Es war voll gestellt, Maschinen liefen, Feuer und Wasser kamen zum Einsatz. Der Anteil an Holz und anderen empfindlichen Rohstoffen und Materialien im Umkreis war beträchtlich, und daher brannte alles im Fall der Fälle wie Zunder.

Man musste in dieser Hinsicht sehr leidvolle Erfahrungen sammeln. Schauen Sie beim folgenden Foto einmal auf die Häuserzeile auf der rechten Seite und denken sich quasi dahinter. Es sind nämlich die Rückfronten der Gebäude der Deichstraße und genau dort, in der Deichstraße, brach 1842 der Große Brand aus, jenes verheerende Feuer, das sich Richtung Binnenalster durchfraß und erst nach drei Tagen gelöscht werden konnte. Die Flammen, die so viele Menschen das Leben kosteten und so viel vernichteten.

Hamburg - Nikolaifleet - Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Hamburg – Nikolaifleet – Deichstraßen-Häuser rechts, links die Rückseite der Häuser der Straße Cremon

Die Konsequenz aus diesem Branddrama war, dass man Wohnen und Arbeiten zu trennen begann. Die Familien zogen nun Richtung Außenalster, siedelten links und rechts davon und schoben sich langsam weiter nördlich. Neue Wohnviertel entstanden. Im Zentrum selbst erfolgte die Konzentration auf Arbeit und Beruf.
Als wichtige Handelsmetropole startete Hamburg mit der Planung für den Bau der Speicherstadt sowie erster Kontorhäuser, die um die Jahrhundertwende herum nach und nach entstanden. Im Westen der Innenstadt vereinzelt und meist in Baulücken, im Osten der City wuchs ein richtiges Kontorhausviertel heran.

Hamburg - Kontorhäuser - Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall ...

Hamburg – Kontorhäuser – Konzentration auf Stein,, Fliesen und Metall …

Was denken Sie, warum dort in den Treppenhäusern alles so steinern gelassen wurde und man eher über  Mauerwerk und Fliesen sowie kunstvolle Metallgeländer in den Foyers und Stockwerken Akzente setzte, statt  zusätzliche, hölzerne Schmuckeinbauten vorzunehmen oder Dekoration ins Foyer zu stellen?
Sie ahnen es sicherlich. Man wollte das Brandrisiko minimieren und freie Bahn haben, um schnell eingreifen zu können, sollte doch einmal etwas passieren (Evakuierung, Brandlöschung etc.)

Hamburg - Eingangsbereich eines Kontorhauses ...

Hamburg – Eingangsbereich eines Kontorhauses …

Die Wasserversorgung auf hygienische Art und eine vernünftige Abwasserentsorgung waren die anderen Großprojekte, die angegangen wurden. Es ist kaum vorstellbar aus heutiger Sicht, dass aus den Fleeten das Wasser für die menschliche Versorgung – also auch das Trinkwasser! – gezapft wurde, obwohl gleichzeitig ungeniert und ungefiltert jegliche Abwässer, auch die Fäkalien (!), eingeleitet wurden. Auf welch simple Art die Einleitung sich vollzog, kann man an einer Stelle sogar heute noch erkennen.

Früher hatte jedes Haus zur Fleetseite hin einen Erker, der nach hinten bis über das Wasser hinaus ragte. Plumpsklo und Mülleimer! Der direkte Weg.
Das Haus in der Deichstraße mit der Nr. 37 wurde rekonstruiert, restauriert und selbst der Erker ist wieder an seinem Platz. Es sieht für mich heute allerdings mehr nach einem relativ offenen Balkon aus, doch vielleicht gab es früher mehr „Sichtschutz“ – oder die Menschen waren nicht so genant.

Hamburg - Nikolaifleet - Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) - Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG

Hamburg – Nikolaifleet – Blick auf die Rückseite der Häuser der Deichstraße (rechts) – Haus Nr. 37 mit Erker (Vorbau) im 1. OG (links neben dem verhängten Gebäude)

Ich muss Ihnen gestehen, mich hat etwas nachträglich in gewisser Weise leicht erschüttert. Ich bin über ein Relikt aus alter Zeit gestolpert. Es  enthält eine Ermahnung, die der Bierkeller Gröninger für seine Gäste parat hielt. Bereits seit dem 18. Jahrhundert war Gröninger eine der vielen Bierbrauereien der Stadt.

Hamburg - Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) - Gröninger

Hamburg – Haus Ost-West-Straße 47 (ehemals Gröningerstraße 22) – Bierkeller Gröninger

 

Hamburg - Gröninger - Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Hamburg – Gröninger – Im Hintergrund das Mahnmal St. Nikolai

Als eines der ganz wenigen aus dieser Zeit, existiert das Brauhaus bis heute. Der Bierkeller befindet sich im Vorderhaus, einem barocken Alt-Hamburger Bürgerhaus (1761-1762 erbaut), in der Willy-Brandt-Straße 47.
So heißt sie seit 2005. Viele kennen diesen Teil der breiten und vielbefahrenen Straße immer noch unter der alten Bezeichnung Ost-West-Straße, doch auch die gab es nicht von jeher dort, sondern sie entstand erst einige Zeit nach dem Krieg in den Jahren zwischen 1953 und 1963.
Ursprünglich befand sich an ihrer Stelle ein Fleet, und nur direkt vor dem Haus der Brauerei lief eine schmale Straße, die Gröningerstraße. Damals besaß die Brauerei die Hausnummer 22. (Siehe auch Foto unten Inschrift im Mauerwerk links.)
Das alte Eingangsgewölbe ist immer noch da und mit ihm eine schwere Tür, auf der sich folgende Inschrift befindet:

Hamburg - Gröninger - Die Inschrift in der alten Tür ... (Sinn: Fleetwasser wird mittwochs fürs Bierbrauen gebraucht, daher den Fleet dienstags nicht verunreinigen)

Hamburg – Gröninger – Die Inschrift in der alten Tür …

Für meine blinden Bloggäste und zum generell einfacheren Lesen die Türinschrift noch einmal in Textform:
“Der Herr Bürgermeister gibt bekannt, daß am Mittwoch Bier gebraut wird und deshalb ab Dienstag nicht mehr in den Bach geschissen werden darf!”

Oha! Möchten Sie noch ein Bier? … ^^

Die Lage damals verbesserte sich allmählich. Trotz allem kam es relativ spät (1892) doch noch einmal zum Ausbruch einer Cholera-Epidemie. Und wissen Sie warum?
Weil sich Senat und Bürgerschaft über Jahrzehnte nicht über Art und Bau einer Filteranlage an der Elbe einigen konnten und dort das Wasser immer noch ungereinigt verwendet wurde!
Der Sommer 1892 war heiß, der Wasserstand entsprechend niedrig, das Elbwasser dadurch sehr warm. Die Bakterien freuten sich, ideale Voraussetzungen für ihre Vermehrung, und die Stelle flussaufwärts, an der Wasser entnommen wurde, war bei Flut dem verschmutzten Sielwasser ausgesetzt …
Können wir nicht wirklich von Glück sagen, dass zumindest diese Zustände heute nicht mehr herrschen?

Sagen Sie, haben Sie eigentlich gemerkt, dass ich Ihnen ein Bild dazwischengeschummelt habe, das gar nicht „frisch“ ist? Das Laub am Baum (hinter dem schmiedeeisernen Schild des Bierkellers Gröninger) verrät es und die Tatsache, dass das Mahnmal St. Nikolai gut zu erkennen ist. In Wirklichkeit ist die Kirchenruine aktuell komplett eingerüstet – so wie auf diesem Foto.

Hamburg - Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet ...

Hamburg – Mahnmal St. Nikolai komplett eingerüstet …

Sie haben es natürlich sofort erkannt, Sie sind ja alle allesamt sehr plietsch.

Genug für heute, oder?
Und falls Sie nun neuerdings merkwürdige Biertrinkbedenken bei sich feststellen … Herrschaftszeiten! Ehe Sie an Ihrem Gerstensaft herumwürgen, gehen Sie auf Nummer sicher und fragen nach beim Ordern! Klären Sie die Wasserherkunft einfach persönlich ab. Gerade wenn es vollmundig heißt: „nach uralter Brauart hergestellt“ …

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag!

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© by Michèle Legrand, Januar 2016
Michèle Legrand - freie Autorin - ©Fotograf Andreas Grav

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Stilvolle Treppenhäuser, schöne Fassaden, eigenwilliges Interieur – der Charme Hamburger Kontorhäuser / Teil II – Der Laeiszhof samt Paternoster und „Watt“

Wochenende! Wie sieht es aus? Hätten Sie nicht gerade wieder ein bisschen Zeit übrig und vor allem Lust mitzukommen?
Sie erinnern sich? Wir wollten beim nächsten, nämlich diesem Treffen, Paternoster fahren!

Heute geht es zum Laeiszhof, einem an der Straße Trostbrücke gelegenem Kontorhaus nahe dem Mahnmal der Nikolaikirche.

1_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof, mit dem Mahnmal der Nikolaikirche im Hintergrund (rechts der Globushof/Allianzhaus)

Der Laeiszhof mit dem Mahnmal der Nikolaikirche im Hintergrund (rechts der Globushof/Allianzhaus)

 

Ein Backsteingebäude am Nikolaifleet aus den Jahren 1897/1898, dessen Auftraggeber die Firma Ferdinand Laeisz war.
Genau die, die es auch heute noch im Reederei-Geschäft gibt und deren Name Ihnen vielleicht zusätzlich im Zusammenhang mit einem weiteren Gebäude im Ohr ist: der Laeiszhalle (früher Musikhalle).

Ich wollte Sie zuerst etwas verwirren, Ihnen ein „Wattfoto“ zeigen, das Ihnen vorgaukelt, der Laeiszhof sei an der Nordsee. Und Hamburg selbstverständlich auch …
Dann dachte ich mir, lass es. Deine Blogbesucher sind eh viel zu schlau, um den Braten nicht zu riechen.
Allerdings kennen Sie mittlerweile meine Unberechenbarkeit. Ich erwähne das „Hamburger Watt“ nun doch, ganz ohne Irritationsabsichten, denn vielleicht interessiert Sie Folgendes:

Hamburgs Fleete kennt eigentlich jeder mit Wasser gefüllt.
Genau. Ständig trocken würde Sie auch keiner mehr Fleete nennen.
Es besteht allerdings die Möglichkeit, den Pegel dieser Wasserwege zu beeinflussen und zu regeln. Hamburg, als Stadt an der Elbe, die wiederum ein Zufluss zur Nordsee ist, merkt natürlich die Gezeiten. Um eine Überflutung der Stadt zu verhindern, gibt es ein Sperrwerk unter der Hohen Brücke, das geschlossen werden kann, wenn eine zu hohe Flut mit reißenden Wasserströmen in den Nikolaifleet einzubrechen droht. Ein weiteres Wehr zwischen diesem und dem Mönkedammfleet sorgt für die Abriegelung zu den übrigen Fleeten in der City.
Der (auch das) Nikolaifleet, ist dem Tidenhub ausgesetzt und bei diesem am Laeiszhof gelegenen Wasserweg ist es so, dass bei Ebbe das Wasser gelegentlich komplett abfließen kann.
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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Wasserstand des Nikolaifleets

Der Wasserstand des Nikolaifleets am Laeiszhof

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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Bei Ebbe wird häufiger auch der Nikolaifleet trockengelegt

Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Bei Ebbe wird häufiger auch das Nikolaifleet trockengelegt. Die Linie zeigt, wo normalerweise das Wasser steht.

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Hamburgs Kontorhäuser - "Watt" im Nikolaifleet am Laeiszhof

Hamburgs Kontorhäuser – „Watt“ im Nikolaifleet am Laeiszhof

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Wenn dies passiert, bildet sich eine Art „Stadtwatt“. Wenn Sie die Bilder betrachten, werden Sie merken, wie eigenartig und „unelegant“ es wirkt, sobald alles trockengelegt ist und die glitzernde, manchmal spiegelnde Wasseroberfläche fehlt. Und vielleicht erstaunt es Sie zu erkennen, dass Fleete nicht besonders tief sind.
Ich habe Ihnen auf dem Vergleichsfoto eine blaue Linie eingezeichnet, um es besser sichtbar zu machen. An der Brücke ist ebenfalls gut zu sehen, in welchem Bereich sich normalerweise der Wasserstand bewegt und wie schnell Grund erreicht ist. Daher sind auch nicht alle Fleete befahrbar und wenn, dann nur mit speziellen Flachbooten, die extrem wenig Tiefgang haben.

Eine kurze Frage: Darf ich davon ausgehen, dass ich Sie sich jetzt neben mir befinden und sich mit mir umsehen? Ja?
Das ist prima, denn ich möchte etwas von Ihnen wissen:
Haben Sie vor lauter Heruntergucken zum Fleetgrund bisher überhaupt daran gedacht, am Kontorhaus hinaufzuschauen? Und haben Sie dort oben schon die Skulptur zwischen den Türmchen entdeckt?
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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof ... wer hockt auf dem Dach?

Laeiszhof … wer hockt auf dem Dach?

Was denken Sie, was das ist?
Ein Löwe?
Kalt!
Eine Sphinx?
Brr! Noch kälter …
Nein, Sie dürfen sich nicht fragen, was Sie auf Ihr Dach setzen würden. So kommen Sie in dem Fall nicht weiter …
Wann waren Sie denn zuletzt beim Friseur?
Nein, ich lenke nicht ab! Das ist ein Tipp!
Gut, machen wir es kurz: dort oben ist ein Pudel! PUDEL.

Der Reeder Carl Laeisz mochte seine Gattin offenbar sehr, denn dass die Wahl auf dieses Dachtier fiel, hängt mit ihr zusammen. Ihre Haare – wobei man darüber uneins ist, ob es die Krause der Haare war oder das Erscheinungsbild der Frisur – verliehen ihr offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit dieser Hunderasse. Es brachte ihr den Spitznamen Pudel ein – und dem Kontorhaus vereitelte es letztendlich die Zurschaustellung eines imposanten Dachlöwen oder eine Erkersphinx. Carl Laeisz war zudem fixiert auf den Buchstaben P und gab allen Schiffen seiner Flotte Namen, die diesen Anfangsbuchstaben trugen. Die namentlich bekanntesten unter ihnen sind wahrscheinlich die Schiffe Pamir und Passat (Großsegler; die Flotte wurde auch Flying-P-Linie genannt).
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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Als Silhouette zu erkennen: Der Pudel auf dem Dach.

Laeiszhof – Als Silhouette zu erkennen: Der Pudel auf dem Dach

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Obwohl das ganze Gebäude aus Backstein besteht, wirkt es doch enorm abwechslungsreich,  was sowohl durch  unterschiedliche Farbgebung, als auch durch Vorsprünge, Erker, Verzierungen, Fensterformen und -anordnung, Sprossen etc. erreicht wird.
Doch wir wollen nicht nur draußen stehen. Kontorhäuser bergen besonders häufig in ihrem Innern Geheimnisse und zeigen Schönheit, die ein Besucher in dieser Form gar nicht erwartet. Wir überqueren nur noch den Nikolaifleet an der Trostbrücke mit ihren beiden Statuen und befinden uns gleich vor der Eingangstür. Über der Tür eingearbeitet – das Zeichen der Reederei Ferdinand Laeisz.
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Hamburgs Kontorhäuser - Trostbrücke - Graf Adolf III. zu Schauenburg, Stormarn und Holstein

Trostbrücke – Graf Adolf III. zu Schauenburg, Stormarn und Holstein

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Hamburgs Kontorhäuser - Trostbrücke - ...ihm gegenüber der Heilige Ansgar als Begründer des Domes und erster Erzbischof der Stadt

Hamburgs Kontorhäuser – Trostbrücke – …ihm gegenüber der Heilige Ansgar als Begründer des Doms und erster Erzbischof der Stadt

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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Eingangstür, Trostbrücke

Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Eingangstür an der Straße „Trostbrücke“

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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Eingangstür, Trostbrücke - Das Zeichen der Reederei Ferdinand Laeisz

Laeiszhof – Über der Eingangstür das Zeichen der Reederei Ferdinand Laeisz

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Mich machen solche massiven, für den Blick undurchdringlichen Türen, neugierig.
Was befindet sich dahinter?
Ist sie nur geschlossen oder eventuell fest verschlossen?
Probieren wir es aus.
Die Tür öffnet sich trotz ihrer Schwere leicht. Es sind weder Dunkelheit noch das Licht von grellen Neonröhren, das Sie erwartet. Dies ist der Anblick, der ihnen beim Eintreten geboten wird:
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5_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - ... von der Tür führt die Treppe hinauf zur Eingangshalle

Laeiszhof – … von der Tür führt die Treppe hinauf zur Eingangshalle

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Wenn Sie die Treppenstufen hinaufsteigen, erreichen Sie die Eingangshalle, mit einer Bronzeskulptur zur Linken, die – so weit es herauszufinden war – vermutlich von Caesar Scharff geschaffen wurde.
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6_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Bronze im Foyer (vermutlich von Caesar Scharff)

Laeiszhof – Bronze im Foyer (vermutlich vom Jugendstilkünstler Caesar Scharff)

Ihr gegenüber an der Wand nehmen wir einen Moment auf einer langen blankpolierten Holzbank mit Sitzlehne Platz.
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7_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Holzbank im Foyer

Laeiszhof – Holzbank im Foyer (perfekter Platz zum Betrachten der Bronzeskulpur)

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Möchten Sie einmal etwas ausprobieren?
Wenn Sie sich unter Australien setzen (ich spreche von der Weltkarte, die darüber an der Wand hängt) und zur Skulptur herübersehen, wird Ihnen die erste der Figuren, die Frau links besonders vorkommen. Sie streckt den Arm und will Sie förmlich auf etwas hinweisen. Wenn Sie annehmen, sie zeige auf den Mann in der Mitte, rutschen sie mittig auf die Bank. Schon wirkt es völlig anders! Sie zeigt auf etwas in der Ferne. Aus ihrer Position (unter Südafrika) beobachten Sie jetzt intensiv den stehenden Herrn, der einen Schiffsrumpf trägt und wenn Sie an die andere Außenseite der Bank rutschen (unter Südamerika), vergessen Sie das imposante Wesen und sehen plötzlich nur noch den rechts sitzenden, versunken wirkenden Mann, der seine Schiffsschraube betrachtet. Die einzelnen Gliedmaßen jeder Person scheinen aus neuen Blickwinkeln jeweils anders hervorzutreten.
Oder ist es die Beleuchtung im Foyer …?
Ich habe keine Ahnung, ob die Bank je für das „Skulptur-Angucken“ gedacht war oder lediglich dort ihren Platz fand, um Wartenden die Möglichkeit zu geben, sich niederzulassen. Ich jedenfalls bin zum Schauen mehrfach hin- und hergeglitten.
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8_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Ein Blick (etwas erhöht stehend) hinab ins Foyer

Laeiszhof – Ein Blick (etwas erhöht stehend) hinab ins Foyer

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8a_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Die Kabinen des Paternosters ...

Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Die Kabinen des Paternosters … Haltegriffe in den Kabinen und fest im Mauerwerk verankert

Auf der Stirnseite der Halle rumpelt leise und gemächlich der Paternoster. In den zwei Schächten befinden sich ca. zehn Kabinen im Umlauf.
Ich sagte Ihnen, ich würde Sie mitnehmen – steigen Sie also gerne ein, wir fahren hinauf bis zur vierten Galerie.

Hinweis zum Abspielen des Videos:
Zum Schutz Ihrer Privatsphäre verlinke ich nicht direkt zu meinem YouTube-Video. Kopieren Sie bei Interesse die folgende Zeile bitte in Ihren Browser und ersetzen dabei das „dot“ durch den Punkt. .

http://www.youtube dot com/watch?v=BRX9qCr4VQo

Schön, oder? Ich habe die Kamera bei unserer Fahrt einfach mitlaufen lassen, das stetige Geräusch der auf- und abfahrenden Kabinen hat die Tonqualität beeinträchtigt. Wenn Ihnen aufgefallen sein sollte, dass ich von drei Paternostern in Hamburg sprach, dann muss ich dies hier im Text korrigieren. Es gibt offenbar noch ungefähr 40! Doch sind nicht alle in Betrieb und nur sehr wenige öffentlich zugänglich. Vielleicht stammt daher die Auskunft (drei), die ich vorher erhielt.

Wissen Sie, wie man die Paternoster noch nannte?
Offiziell gab es das schöne deutsche Wort Personenumlaufaufzüge, doch die Menschen seinerzeit bezeichneten ihn häufig als Proletenbagger, der die Menschen zu Hauf ihre Runden in seinen Kabinen drehen ließ. Für den Chef gab es etwas Feineres, einen geschlossenen Aufzug, Bonzenheber genannt.
Aktenwägelchen oder ähnliches hat man nicht per Paternoster transportiert. Die hätte man wohl eher mit Schwung hineinwerfen müssen, als dass ein sittsames Einschieben während der Fahrt geglückt wäre. Für diese Fälle gab es fast überall extra einen Lastenaufzug.
Sie haben sich eben übrigens sehr geschickt angestellt beim Ein- und Aussteigen. Damals, zwischen 1890 und 1898 erlitten Büromenschen bei 29 Gelegenheiten  einen Unfall, davon verliefen fünf tödlich.
Gut, dass Sie das nicht vorher wussten , oder?  ^^
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Liebe Blogleser, werte Mitbesichtiger und Mitentdecker! Sie haben es im Video gesehen, die einzelnen Geschosse besitzen Galerien, die von schmiedeeisernen Gittern eingefasst sind. Gitter, die nicht wie ein Zaun wirken, sondern wie dahingemalt. Nicht wuchtig, sondern zart und leicht geschwungen, manchmal verspielt. Rundungen und ein Hauch von Floralem hier, eine Herzform dort. Kleine eingearbeitete Anzeigetäfelchen geben Auskunft über das geweilige Geschoss.
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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Geschossanzeigetafeln

Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Geschossanzeigetafeln

Dazwischen wunderschöne, dunkle, farblich gut kontrastierende Säulen mit herrlicher Kapitellverzierung (am oberen Abschluss).

10_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Schön der Blick aus dem Foyer hinauf zu den einzelnen Galerien (Beleuchtung)

10_Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Schön der Blick aus dem Foyer hinauf zu den einzelnen Galerien (Geländer, Beleuchtung, Säulen)

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Es gibt viel Tageslicht, da im Laeiszhof – wie in den meisten Kontorhäusern üblich – ein Lichthof geschaffen wurde. Zusätzlich die wunderschöne, warme Ausleuchtung durch Wand- sowie Deckenleuchten in jedem Geschoss.
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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Lichthof in der Mitte - ein Blick hinauf ....

Hamburgs Kontorhäuser – Laeiszhof – Lichthof in der Mitte – ein Blick hinauf ….

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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Ein Zwischenstopp mit dem Paternoster im 1. OG

Laeiszhof – Ein Zwischenstopp mit dem Paternoster im 1. OG

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Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Es erinnert ein wenig an Theaterränge ...

Laeiszhof – Es erinnert ein wenig an Theaterränge …

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Im Treppenhaus, das gleich im Eingangsbereich beginnt, wiederholen sich die Muster des Galeriegeländers beim Treppengeländer. Auch hier ein interessantes Farbenspiel. Stufen, seitlich weiß, aber mit dunkler Trittfläche, helle Stoßkanten und silbrig glänzende Geländerläufe, weiße Wände kontrastieren mit  dunklen Decken, deren Flächen wiederum aufgelockert werden durch abgesetztes Weiß.
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12_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Das Treppenhaus ...

Laeiszhof – Das Treppenhaus …

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Schon beeindruckend – oder wie empfinden Sie es?

Wir werden den Laeiszhof  jetzt wieder verlassen. Das, was es zu sehen gab, ohne die darin arbeitenden Menschen zu stören, haben wir entdeckt. Wir nehmen dieselbe Tür, durch die wir das Haus anfangs betreten haben. Schauen Sie bitte einmal, wie wunderschön sie im Licht kupfern glänzt.
Hätten Sie gedacht, dass dies die Innenseite jener Tür ist, die von außen relativ schlicht, matt, kühl und etwas dunkel wirkt?
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16_Hamburgs Kontorhäuser - Laeiszhof - Die Eingangstür von innen betrachtet ...

Laeiszhof – Die Eingangstür von innen betrachtet …

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Lassen Sie sich nie von Türen narren! Und denken Sie nie, sie wären garantiert verschlossen und alles wäre zwecklos!
Kontorhäuser sind wesentlich öfter offen und damit zugänglich als Kirchen!
Mein unverbindlicher Tipp: Nehmen Sie sich ein Herz und versuchen Sie einfach beherzt, ob die Klinke sich herunterdrücken lässt …

Jetzt überlasse ich Sie wieder Ihren eigenen Vorhaben und verrate Ihnen nur noch, dass ich Ihnen beim nächsten Mal ein recht interessant ausgestattetes Foyer und Treppenhaus in einem Kontorgebäude am Neuen Wall zeigen möchte. Es wird weiterhin um die Frage gehen, warum der Mensch gelegentlich ganze Häuser(-fassaden) komplett übersieht.

Mehr dazu demnächst im Blog (Teil III der Serie)

PS:  Meine Ankündigung, es gäbe ab Teil II keine langen Texte mehr …  Es ist nicht ganz machbar. Das Thema erfordert ein wenig Text, und meine blinden Blogbesucher sollen schließlich auch eine Vorstellung haben.
Ich hoffe auf Ihr Verständnis.

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©August 2012 by Michèle Legrand
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Wer den Anfang der Serie verpasste, findet hier den Weg zu vorangegangenen Posts:

-> https://michelelegrand.wordpress.com/2012/08/17/demnachst-im-blog-hamburgs-kontorhauser-eine-kleine-einfuhrung-fur-sie/
-> https://michelelegrand.wordpress.com/2012/08/20/stilvolle-treppenhauser-schone-fassaden-eigenwilliges-interieur-der-charme-hamburger-kontorhauser-teil-i-darf-es-etwas-basiswissen-sein/

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