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Leipziger Allerlei – Teil 2: Die Stadt Leipzig – Verfallen. Ihr. Nicht sie…

Pleißenburg/Neues Rathaus bei Nacht (rechts das leuchtend blaue Zifferblatt der Uhr)

„Du findest Leipzig gut, weil sie dort einen Kopfbahnhof haben und weil ein Brunnen komische Geräusche von sich gibt?“ Sie hätte nicht ungläubiger gucken können.
„Nun, nicht nur, aber auch deshalb…“, lautete meine Antwort.

Der erste Part dieser kleinen Blogserie ließ Sie – liebe Leser – noch im Unklaren darüber, was Leipzig ausmacht. Bisher haben Sie lediglich erfahren, dass:
a)  ich inzwischen dreimal dort weilte
b)  es mir ausnehmend gut gefiel
c)  ich eine Theorie hatte bezüglich des Mögens oder Nicht-Mögens einer Stadt
Erinnern Sie sich ? Ich sprach von Emotionen, die bestimmte Reaktionen auslösen. Die die Entscheidung herbeiführen, ob ich – in diesem Fall eine Stadt, nämlich Leipzig – mag und wiederkehre – oder ob sie durchfällt. Einfach so. Zur City Of  No Return wird.
Eine Stadt ist für manche nur eine Ansammlung von vielen Gebäuden. Eine Häufung von Straßen. Etwas, was Unterkunft bietet für den Menschen. Die Stadt beherbergt Behörden, Bildungseinrichtungen, Geschäfte, Banken u. v. m.  und bietet natürlich Arbeitsplätze.
Und?
Nun, ich würde dies als den Grundteig bezeichnen. Das unbedingte Muss, um als Stadt durchzugehen. Alles was daraufhin noch hinzukommt, bildet die persönliche Note, macht den Charakter einer Stadt aus, sorgt für Lebensqualität, Zugehörigkeitsgefühl, soziale Kontakte, Wohlbefinden, persönliche Entfaltung, Heimatgefühl, Glücksmomente.
Reise ich nach Leipzig, geschieht Folgendes: Die Stadt löst regelmäßig Wohlbehagen in mir aus. Für mich steht diese Stadt als Synonym für viele nette Menschen und Kontakte, ein angenehmes Umfeld, gemeinsame Interessen sowie das Entdecken immer weiterer, interessanter Ecken. Es entlockt mir immer wieder ein Staunen, mit wie viel Liebe hier restauriert wird. Hinzu kommt das freudige Erkennen, dass es eine Unmenge schön angelegter Plätze gibt, dass Parks wie grünen Lungen über die ganze Stadt verteilt sind, dass die Weiße Elster sich teils träge, teils aufgewühlt durch sie hindurchschlängelt, dass urban und ländlich aufeinandertreffen und dabei Harmonie verströmen. Es gibt Figuren mit Geschichte und es gibt die deutscheGeschichte, die vorgestellt und zum Anfassen nahe gebracht wird – an eben geschichtsträchtigen Orten.

Markttag am Alten Rathaus

Das heutige Leipzig vereint –zu seinem eigenen Nutzen – das Alte oder Althergebrachte mit dem Neuen, Modernen. Leipzig ist vielseitig, ist lebhaft und strahlt enorm Lebensfreude aus. Wie viele Universitätsstädte, zieht auch Leipzig vermehrt junge Leute an. Man merkt es auf den Straßen, hier existiert eine angenehme Mischung aus Jung und Alt, was jeder Stadt gut tut. Auffällig viele junge Familien mit Kleinkindern sind ebenso vertreten, wie die ältere Generation. Leipzig ist irgendwo auch ein Volk der Fahrradfahrer, woran die Studenten sicher ein großen Anteil haben.

Die Fahrradgarage

Die Stadt ist ein absoluter Touristenmagnet. Reisegruppen, auf die ich gestoßen bin, bestanden teils aus jungen Leuten, die auf Klassenreise weilten, teils waren sie altersmäßig bunt zusammengesetzte Häufchen, die ein gemeinsames Interesse verband (Bach-Archiv/Musik, Geschichte, Bauwerke/Kirchen, Kunst etc.). Es waren  Einzelreisende und Rucksacktouristen, oder es tauchte einfach ein Reisebus mit älteren Damen und Herren auf, die sich mit Gehwägelchen und Krückstock gutgelaunt auf dem Weg zum Restaurant befanden. Ausflug mit Mittagseinkehr.

Wenn das Wetter gut ist – und es war traumhaft während meines gerade verlebten, gut viertägigen Aufenthaltes – dann lebt die Bevölkerung draußen. Die erwähnten zahlreichen Gäste der Stadt, denen man auf Leipzigs Straßen begegnet, natürlich auch. Die Plätze und Freiflächen, die Cafés, Bars, Eislokale und Restaurants haben Unmengen an gemütlichen Außenplätzen, und dieses Angebot wird – nicht nur von Rauchern –  rege genutzt. Bis in die Nacht ist an vielen Ecken im Zentrum der Stadt Hochbetrieb (vorrangig ab Freitag). Man beschließt, das Leben auf der Straße stattfinden zu lassen. So, wie ein Mensch sich lebendig fühlt, wenn er merkt, dass sein Blut in den Adern pulsiert, so ergeht es mir, wenn ich durch Leipzig streife und dort dieses Leben spüre. Gleichzeitig hat es auch etwas Vertrautes, vielleicht an der einen oder anderen Stelle eine aufblitzende Erinnerung an etwas in Hamburg, meine Heimatstadt, die ich ebenfalls sehr liebe. Hier gibt es ebenfalls viel Grün, diese Mischung aus Alt und Neu. Nur ist in Hamburg – gefühlt – der Altersdurchschnitt der Bevölkerung höher.

Petersbogen – Modern und alt trifft aufeinander

Ich bin nicht das erste Mal hier gewesen. Mein erstes Mal war im vergangenen Jahr, ziemlich genau zur gleichen Zeit Ende September. Anlässlich eines Twittertreffens. Damals hatte ich vier Tage nur Regen! Trotzdem hatte diese Stadt mich sofort für sich gewonnen. Mein alter (nicht wirklich alt, nur nach Twitterzeitrechnung und -bekanntschaftsdauer) Freund Christian Scheinhardt, seit 10 Jahren Leipziger und seinerzeit mein Stadtführer, hatte Noah unter Verdacht  (so der Name der Geschichte, die er schrieb), was diesen vielen Regen anging, und der Gedanke an Sintflut war gar nicht so weit hergeholt. Es schüttete und windete, und jeder Tag war begleitet von nassen Klamotten, Regenschirm sowie zerrupfter Frisur.
Es gibt in so einem Fall mehrere Möglichkeiten: wehklagen, schimpfen, Stadt miesmachen, im Hotelzimmer hocken, herumbocken, vorzeitig abreisen, nie wiederkommen. Oder eben trotzdem gut gelaunt auf Erkundungstour gehen, wozu ich mich entschloss. Zum Glück war auch mein Stadtführer damals nicht von der Sorte ‚Zuckerpuppe’ und schreckte vor nichts zurück.

Eingang Mädler Passage (->Auerbachs Keller)

Bei Regen konzentriert man sich mehr darauf, Dinge zu entdecken, die in Innenräumen untergebracht sind. Das Gebäude der Staatssicherheit, Kirchen, Museen, Ausstellungen, auf jeden Fall die zahlreichen Passagen im Zentrum von Leipzig, Auerbachs Keller, das Kaffeemuseum (Coffe Baum – tatsächlich nur ein ‚e’) in der Kleinen Fleischergasse. Frisch aufgewärmt kommt der Wille wieder durch, draußen erneut auf Entdeckung zu gehen und Frischluft nachzutanken. Besuch der Markttage auf dem Augustusplatz, Erstehen finnischen Honigs. Hoch auf die Aussichtsterrasse des Panorama-Towers, wo sich der Leipzig-Entdecker so lange durchpusten und nachnässen lässt, bis wieder der Wunsch nach einer weiteren Passage durchkommt. Warm, trocken und kuschelig.
Ich habe festgestellt, dass man mit Regenschirm bewaffnet:
– an den Pfählen von Straßenlaternen hängenbleibt und dann von seinem ‚privaten’ Stadtführer respektlos ausgelacht wird …;)
– die Häuser und alle anderen Sehenswürdigkeiten jeweils nur bis zu einer gewissen Höhe  zur Kenntnis nimmt. Den Blick auf den Rest versperrt der Schirm. Weshalb ich logischerweise noch einmal wiederkommen musste…
Im Mai Besuch Nummer zwei. Wieder fährt mein Zug in Leipzigs Hauptbahnhof ein. Ein Kopf- oder auch Sackbahnhof, wie es im ersten Satz dieses Blogposts zu lesen war. Ja, ich liebe solche Bahnhöfe. Mein Orientierungssinn ist mittelmäßig, und ich finde es sehr entgegenkommend und sympathisch von dieser schönen Stadt, dass sie es mir leichter macht. Wenn ich als Fremdling ankomme, kann ich nur zu einer Seite gehen, um den Bahnsteig zu verlassen. Und die ist dann immer richtig. Damit hat Leipzig gleich zu Beginn gepunktet.
Anfang Mai 2011. Trocken, sonnig, aber kühl. Ideal zum Entdecken der noch fehlenden,  oberen Haushälften und Kirchtürme, aber auch wunderschön für Parkbesuche (Johanna-Park, Clara-Zetkin-Park), Fütterung der Eichhörnchen, Besichtigen und Erklimmen des Völkerschlachtdenkmals inkl. des Genusses eines tollen Panoramablicks und eines wirklichen Eindrucks von Leipzigs Ausmaßen und seiner Umgebung. Spaziergang zurück und Entdecken des Botanischen Gartens der Universität samt Ginkgobaum. Einem weiblichen übrigens.
Der erste Besuch bei einer Lesung der Leipziger Lesebühne (veranstaltet vom fhl-Verlag, Leipzig) mit sofortiger Verschossenheit in eben diese.
Ich habe für viele Dinge hier angefangen zu schwärmen. Die Geräusche, die entstehen, wenn man die Kopfsteinpflasterstraßen entlanggeht. Das versetzte Schlagen der Uhr der Thomaskirche und der des Alten Rathauses. Ein Bong von der Kirche, ein Klong zurück vom Rathaus. Ich mag die oft unerwarteten Wandmalereien in einigen Innenhöfen der Passagen und die Felix Mendelssohn Bartholdy Statue am Dittrichring. Zum einen ist es erfreulich, dass 2008 für diesen Mann doch wieder ein Monument errichtet wurde, nachdem die Nazis ein vorheriges 1936 entfernt hatten (Verbleib ungewiss), nur weil er Jude war. Zum anderen ist Felix bildschön, weil er bei Regen unglaublich glänzt und der Kontrast zwischen dem Granitsockel und der dunklen Statue gewaltig ist. Er wirkt so erhaben, gerade als wollte er sagen: Seht her, hier bin ich wieder… Zu seinen Füßen, auf den Stufen des Denkmals sitzt die Muse der Musik, an den Seiten musizieren und singen zwei Engelsfiguren (Putten). Auf dem Sockel steht natürlich sein Name, aber hinten steht zudem die Inschrift: „Edles nur künde die Sprache der Töne“. Ich beziehe das gern auch auf gesprochene, nicht nur musizierte Töne…

Felix Mendelssohn Bartholdy

Wer morgens recht früh Richtung Nikolaikirche geht (bevor die ersten Touristenführungen stattfinden), sollte sich mitten auf den leeren Vorplatz platzieren und sich einfach nur vorstellen, was hier los war. Vor der Wende. Als die Massen herbeigeströmt kamen…

Bundesverwaltungsgericht

Ich schwärme für das Bundesverwaltungsgericht. O doch! Und zwar muss man sich ihm nähern, wenn die Dämmerung einsetzt. Der letzte Sonnenstrahl, der das Gebäude nicht mehr ausleuchten kann, der aber die leicht kupferfarbenen Kuppeln zum Leuchten bringt und sie ein wenig milchig erscheinen lässt. Fast so, als wären sie aus Jade. Je dunkler es wird, desto mächtiger wirkt das Gebäude und desto filigraner erscheinen im Kontrast dazu die Figuren, die sich auf dem

… und im Dunkeln mit schimmernder Kuppel.

Dach bzw. den Kuppeln befinden.  Wenn die Dunkelheit einbricht und auf dem gepflasterten Vorplatz die Lichter eingeschaltet werden, ist die Wirkung wieder eine andere. Alles wirkt erhabener, edler. Die Mauern noch höher, die Statuen fast unerreichbar und wie am Himmel schwebend. Es gibt kleine Sockel mit Lichtquellen, einzelne auf den Bau gerichtete Strahler und am vor dem Gebäude vorbeiführenden Pleißegraben, stehen zusätzlich Säulen mit blauen, senkrechten Leuchtstoffröhren. Ihr Licht spiegelt sich im Wasser des Grabens und lässt es glitzern. Es ist erstaunlich wenig Straßenlärm zu hören, obwohl die nächste große Kreuzung nicht weit ist. Vielleicht wird es auch kaschiert durch das Geräusch der Wasserfontäne, die sich rechts vom Bundesverwaltungsgericht befindet. Ich stehe gerne da und schaue. Jetzt im September färbt sich einer der Bäume leuchtendgelb, als wollte er zusätzlich Licht anknipsen. Einfach nur schön!

Ich fand es sehr genussvoll, in der Pinguin Milchbar, ganz in der Nähe des Alten Rathauses, ein Eis zu essen und schwärme für den Markt, der auf dem Vorplatz des Rathauses an bestimmten Tagen stattfindet. Marktatmosphäre ist auf eine Art zeitlos…
Ich mag die schönen Wappen auf Leipzigs Sieldeckeln, die blaue Uhr am Neuen Rathaus. Den Blick auf und in das Gewandhaus am Abend.

Einer der vielen grünen Plätze in Leipzig

Ich finde den Schwanenteich wunderschön, das Rosental und besonders den Teil des öffentlichen Weges dort, der Einblick in den Zoo gestattet. Giraffen, Strauße, alles zum Greifen nahe. So viel Grün, so viele kleine Knicks und Buschwerk, aus dem Vogelgezwitscher ertönt. Die Vogelpopulation in Leipzig ist riesig! Man sieht sie gar nicht immer, aber es zirpt aus allen Ecken.
Ich liebe solche Dinge wie das Veranstalten der Lesebühne. Dieses Zusammentreffen von Menschen, die ein gemeinsames Interesse,  gemeinsame Ambitionen haben. Die sich für etwas begeistern, und die Begeisterung mit anderen teilen möchten. Sich mitteilen möchten, sich austauschen möchten. Jeder hat die Möglichkeit sich anzumelden und zehn Minuten lang seine oder fremde, ihm gefallende, Werke vorzustellen. Große Vielfalt, noch unbekannte Talente. Auch mal jemand, der seine Texte vorträgt, als würden sie ihn selbst schon zu Tode langweilen. Das ist aber die absolute Ausnahme, gut zu verknusen und wird durch andere mehr als ausgeglichen.

Der ’singende‘ Brunnen

Was noch? Bitte? Brunnen? Stimmt, den hatte ich am Anfang kurz erwähnt. Ich schwärme auch für diesen Brunnen, der sich im Specks Hof befindet. Es ist ein Klangbrunnen. Eine bronzene mit Wasser gefüllte Schale befindet sich erhöht als Aufsatz auf einem säulenformigen, vom Durchmesser her nicht viel kleineren, Unterteil. An ihren Seiten sind links und rechts messingfarbene Griffe bzw. Bügel. Wer sich die Hände ein wenig anfeuchtet und in einem bestimmten Rhythmus sowie mit speziellem Druck über diese Griffe reibt/streicht, kann mit etwas Glück Töne erzeugen. Durch das Reiben entstehen sog. Interferenzen, also Überlagerungen der Wellen, und während erst ein leicht brummender, eigenartig tief dröhnender, vibrierender Ton entsteht, folgt bald danach ebenfalls ein Zittern der Wasseroberfläche, und dann beginnt das Wasser zu sprudeln! Gewaltig! Ich bin immer noch sehr beeindruckt. Ich habe es nicht hinbekommen, aber der Mann vor Ort, Christian Scheinhardt. (Der hat bestimmt geübt ;)

Reicht es schon mit den Schwärmereien? Ist vorstellbar, was Leipzig ausmacht? Dass es viel mit Emotionen zu tun hat?
Noch lose ein paar weitere Fotos mit kleinem Kommentar:

Gohliser Schlösschen, Südseite (Garten) – idyllisch gelegen

Leipzig im Auf-/Umbruch

Oper am Augustusplatz

Graffiti statt trister Wand

Mahnmal: 140 Bronzestühle in der Leipziger Innenstadt. An der Stelle, an der in der Pogromnacht 1938 die Große Gemeinde-Synagoge niedergebrannt wurde. Ein Sinnbild des Verlustes und der Verlassenheit, entworfen von zwei Leipzigern: Anna Dilengite und Sebastian Helm.

Manchmal muss man nur genauer schauen, um zu verstehen…

Was macht eigentlich der Herr Tiefensee heute? (Büro nahe des Mahnmals)

Brachte mich beim 1. Besuch zum Schmunzeln… Wir wissen zumindest, was er macht.

Nach dem Aufenthalt im Mai weiteten sich die Kontakte aus. Das Interesse an der Lesebühne nahm zu, Gondwana im Zoo Leipzig strebte seiner Vollendung entgegen. Es trafen neue Einladungen ein, es gab neue Termine für die Lesebühne und für Buchpremieren, Gondwana öffnete schließlich im Juli seine Tore und reizte schon merklich. Irgendwann war es wieder soweit, dass ich einmal mehr ein Zimmer reservierte, mein Bahnticket buchte und mich auf den Weg machte. Leipzig zum Dritten.
Ich habe dieses Mal viel Zeit im Grünen verbracht. Davon werde ich in Teil 3 erzählen. Dann geht es nämlich nach draußen. In der Fortsetzung können Sie Bekanntschaft mit dem im Süden der Stadt gelegenen Wildpark machen. Erika würde sich Ihnen gern vorstellen.
Ich nehme Sie mit ins Gondwanaland, die Nachempfindung des Urkontinents. Den Regenwald unter Glas. Den Urwald von Leipzig. Eine kleine Stippvisite im Zoo allgemein und natürlich warten einige Fotos auf Sie. Schauen Sie gern vorbei, wenn es heißt:

Leipziger Allerlei – Teil 3: Wildnis und Regenwald sind viel näher als gedacht …

©Oktober 2011 by Michèle Legrand

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Leipziger Allerlei – Teil 1: Städte – Ein seltsames Phänomen

Leipzig: Das Neue Rathaus auf den Mauern der ehemaligen Pleißenburg

„Ach, du willst nach Leipzig?“ Das schon wieder mit Fragezeichen dahinter bleibt diesmal unausgesprochen.
„Was willst du denn dort?“ Betonung auf dort.
Ich erinnere mich noch an den ungläubigen Ton in der Stimme, als ich das erste Mal fuhr und meine Pläne verriet. Halb interessiertes Zuhören, und dann der verständnislose Kommentar: „Aha!“
Beim zweiten Mal weniger Überraschung im Tonfall, jedoch dafür eine gehörige Portion Ungläubigkeit im Blick und die Frage:
„Magst du die Stadt (etwa)?“
Aber klar!! Nun, nachdem ich begeistert vom dritten Besuch heimkehre, ist die Neugier offenbar so groß, dass ich diesmal mehr erzählen soll. Über die Stadt im Osten.
„Ich dachte immer, du magst die Stadt nicht? Du wolltest da doch nie hin!“
Die Frage überrascht mich ungemein. Wie kommt sie denn auf diese Idee?
„Na, ich weiß noch, dass du dich geweigert hast, zur Leipziger Frühjahrsmesse zu fahren!“
Huch! Da werden jetzt aber ganz alte Kamellen hervorgeholt, und es ist wohl auch dringend nötig, einen kleinen Irrtum aufzuklären: Es hatte nämlich absolut nichts mit Leipzig zu tun!
Ich arbeitete in den 80er Jahren in einer Firma, die mit einigen ostdeutschen Kombinaten in geschäftlichem Kontakt stand. Der Besuch der alljährlichen Frühjahrsmesse war inzwischen ein Ritual. Kontaktaufnahme, Kontaktpflege, Vertragsabschlüsse. Jedes Jahr fuhr derselbe Prokurist, gleichzeitig auch Mitglied der Geschäftsleitung, dorthin und hatte die Angewohnheit, eine Sekretärin/Sachbearbeiterin/Kollegin mitzunehmen. O, wie fortschrittlich! kommt jetzt vielleicht. Die Sache hatte jedoch einen mächtigen Haken: Er brauchte sie definitiv nicht für die Büroarbeit! Es sprach sich herum. Die letzte Mitreisende hatte es für ernste Zuneigung gehalten, wurde nach der Rückkehr in ihre Schranken verwiesen, irgendwo auch zum Gespött der Kollegen und hatte letztendlich gekündigt. Wer es früher erst vor Ort in Leipzig verstand und dann rebellierte, brauchte nicht zu kündigen. Er bzw. natürlich sie wurde gekündigt. So sah es aus, als auf einmal die Frage an mich gestellt wurde:

Der Eingang zum alten Messegeländer (mit dem markanten Zeichen)

„Möchten Sie dieses Jahr nicht mit auf die, ähem, Messe fahren?“
Ich habe mich herausgewunden. Mit meinem französischen Vor- und Nachnamen. Es gäbe mit meiner Nationalität immer Schwierigkeiten an der Grenze. Auch, weil sie glauben, ich müsste ein Mann sein…. Banges Herz, ausdrucksloser Blick. Schluckt er’s? ER hat’s geglaubt. Ich fuhr nicht.
Unser Prokurist konnte damit leben, ich hatte meine Ruhe, war happy, und – wie man sieht – hatte das alles mit Leipzig selbst, als Stadt, überhaupt nichts zu tun.
Ich kläre sie entsprechend auf.
„Ach!  Ja, wenn das so ist… Also, ich war ja noch nicht da, aber was man früher so hörte… So toll kann das doch nicht sein! Kannst du mir mal verraten, was du da so magst?“
Was ich mag? Ich nenne ein paar greifbare Dinge, bin in Gedanken aber woanders, denn plötzlich fällt es mir ein wenig wie Schuppen vor den Augen. Ein kleiner Film läuft ab, und wer sich nur rein für das Thema Leipzig interessiert, kann jetzt ein großes Stück des Textes überspringen (Würde ich an eurer Stelle aber nicht machen… ;)
Momentan geht es um ein generelles, zugleich jedoch sehr bemerkenswertes Phänomen. Mit dem Mögen oder nicht Mögen ist das nämlich so eine Sache. Unter Menschen und Tieren sowieso. Doch es gibt auch eine Zu- oder Abneigung zu Städten.
Hör mal, da fahre ich doch nie wieder hin!
Einen solchen Satz hat schon mancher mit Inbrunst von sich gegeben. Nur hätte nicht jeder auch sofort differenziert beschreiben können, was genau ihm da nicht gefallen hat. War es wirklich die Stadt, d. h. waren es Bauwerke, Anlagen, Infrastruktur, Aufteilung/Gestaltung, Farbgebung, die missfielen?
Es ist sehr unnatürlich und unwahrscheinlich, dass eine Stadt von Ost nach West, von Nord nach Süd, in ihrer gesamten Ausdehnung gleich erscheint. Meist gibt es einen alten Kern, das Zentrum, das Herz einer Stadt. Darum herum und darauf folgend die Erweiterung, die mit fortschreitender Zeit, zunehmender Bevölkerungsdichte und vorangetriebener Industrialisierung nötig wurde. Immer neue Stadtteile, die sich jeweils in einer anderen Epoche entwickelten.Veränderte  wirtschaftliche Voraussetzungen, andere Auffassungen, die Gültigkeit bekamen, andere Prioritäten, die gesetzt wurden. Plötzlich ein ganz anderer Stil in unmittelbarer Nachbarschaft, und irgendwann existieren auch Bereiche, in denen fast ausschließlich Industrie und Fabrikation anzufinden sind oder einen Großteil ausmachen. Ein Viertel verkommt, Menschen ziehen weg, ein anderes wird zum heimlichen Mittelpunkt oder Szenetreff. Kontraste. Dieser Teil gefällt, jener sagt einem nichts, einer ist sogar eher zum Weglaufen, wieder ein anderer wirkt einladend.
So gesehen, müssten wir in jeder Ortschaft, Stadt, Metropole etwas finden, mit dem wir klarkommen können. Etwas, das wir als schön empfinden. Etwas, das wir mögen. Doch ganz offenbar gibt es für jeden Menschen Plätze, an die er nie oder aber –  im Gegensatz dazu –  immer wieder zurückkehrt. Was lenkt uns, was schreckt uns? Was ist es, was uns abstößt oder anzieht? Wenn wir die Vielfalt einer Stadt erkennen, differenzieren, dann fällt doch für jeden etwas dabei ab. Gehe ich halt nicht nach Brimselburg-West sondern nach Brimselburg-Ost! Scheinbar klappt das Verfahren der Differenzierung jedoch nicht sonderlich. Was könnte der Grund dafür sein? Der Mensch tickt anders. Der Mensch verallgemeinert leicht. Der Mensch registriert unbewusst und wertet im Grunde irrational.
Nach meinem Empfinden sind es Emotionen, die wir (unser Gehirn) mit Örtlichkeiten verknüpfen und verbinden.
Rita flog das erste Mal mit dem Flugzeug. Ihr Ziel: Edinburgh. Ihre Maschine geriet in eine  Unwetterzone mit heftigen Turbulenzen, so dass sie kurzzeitig um ihr Leben bangte. Sicher wieder auf dem Boden, schwor sie sich zuerst: nie wieder per Flugzeug, und nie wieder Edinburgh! Das Band des Schwurs leierte aus, das Flugzeug wurde freigesprochen  und zurück blieb: nie wieder Edinburgh. War es nicht auch mehr das Wetter gewesen? Schottland. Regen! Na, bitte… Also, wenn die Stadt derart ungünstig liegt, dann ist sie doof. Gestrichen. Rita will dort nie wieder hin.
Richard kam am Hauptbahnhof in Bremen an. Schon im Zug hatte er sich über seinen Sitznachbarn aufgeregt. Der hatte sich breitgemacht, als gehörte ihm Richards Platz mit! Die Klimaanlage hatte nicht richtig funktioniert. Er fühlte sich verschwitzt, die Fahrt war ihm ewig vorgekommen, und nun suchte er verzweifelt ein Taxi. Gähnende Leere am Taxistand. Er stand sich gefühlt Stunden die Beine in den Bauch, obwohl es bestimmt nicht mehr als fünf Minuten gewesen waren. Als er endlich eines fand, muffelte ihn der Fahrer unfreundlich an und half nicht beim Gepäck. Bei seiner Fahrweise anschließend wurde Richard schlecht und beschissen hatte der Kerl ihn auch. Er hatte viel mehr bezahlen müssen, als ihm ein Bekannter vorher prophezeit hatte. Klarer Fall: Bremen ist doof. Die Stadt liegt am Ende der Welt (bei der Anfahrt!) und nur unfreundliches Pack unterwegs. Gestrichen. Nie wieder!
Anne hatte endlich Urlaub. Eine Woche Pisa, Sonne, wandern, ausruhen. Es ging gleich lustig los. Ihr Zug blieb kurz vor ihrem Ziel auf der Strecke stehen. Aufgrund eines Erdrutsches. Nach zu viel Regen. Der übrigens die ganze Woche anhielt, die sie dort verbrachte. Sie fror die ganze Zeit, kehrte mit einer veritablen Erkältung zurück und fühlte sich hundeelend. Geh mir weg mit Pisa! Nie wieder!
Wir sehen, es gibt Umstände, die einem den Aufenthalt in einer Stadt vermiesen. Die die Sicht auf die Stadt vernebeln. Die unseren Blick trüben und uns denken lassen: klar, liegt eindeutig an der Stadt! Eigenartiger Lärm, komischer Geruch, unfreundliche Gesellen, schlechtes Wetter, Sturz, herausgefallene Krone mit anschließendem Zahnarztbesuch, verpasste Bahn, ewig etwas gesucht, sich verlaufen, Pech gehabt, sich geschnitten, Zoff mit dem Partner, bei einer Prüfung durchgefallen – etwas in der Art reicht völlig aus.
Mann, in so eine Stadt fahre ich doch nicht noch einmal!
Umgekehrt funktioniert es natürlich genauso.
Patrick hatte ein Seminar in Ettlingen und kam mit dem Flieger nach Karlsruhe/Baden-Baden. Der Pilot hatte eine weiche Landung hingelegt, die Sonne schien, sein Gepäck war im Nu parat, ein Taxi stand direkt vor der Tür, und der freundliche Fahrer erkundigte sich, ob er einen angenehmen Flug gehabt hätte. Er fuhr gleichmäßig-zügig, der Wagen war wohltemperiert, und am Ende wünschte ihm sein Chauffeur sogar noch einen schönen Aufenthalt. Patrick war begeistert. Also nach Baden-Baden würde er wieder kommen. Tolle Stadt! Er weitete es gleich auf Ettlingen mit aus, obwohl er noch keinen Schritt dort getan hatte. (Eigentlich war es nur alles stressfrei gelaufen, das Wetter spielte mit, und er war auf einen netten Mitmenschen gestoßen)
Hätte sich Richard damals im halbleeren Zug einfach auf einen der freien Plätze verzogen und wäre er in Bremen nicht so eilig losgehastet, wäre er fünf Minuten später am Taxistand eingetroffen. Es wäre vieles anders gelaufen. Er hätte z. B. gleich ein Taxi gefunden. Er hätte unter Umständen Konstanze als Fahrerin gehabt, die alle mit ihrem Charme becirct. Sie ist Studentin, einfach immer gut drauf und fährt Taxi nur nebenbei. Richard hätte ihr Lachen bezaubernd gefunden, hätte  ein wenig mit ihr geflirtet, wäre dann beschwingt aus dem Wagen gestiegen und hätte jedem erzählt: Also Bremen ist toll, da fahre ich bald wieder hin!
Wir merken, wir tendieren auch hier wieder dazu, unsere kleinen Puzzleteilchen, die wir erspähen, in Schubladen zu packen, denn Ordnung muss sein. Unser banaler Einstufungstest leistet doch gute Dienste! Nur während ein Puzzle sich aus sehr vielen Teilen zusammensetzt, reicht uns bei der Stadtbeurteilung (und auch bei anderen Dingen) oft ein einzelnes, kleines, im Grunde völlig unwichtiges Mittelteil, um uns ein Gesamtbild vorzugaukeln. Wie schön, auf diese Weise braucht unsere Kommode auch nur wenige Schubladen. Im Grunde nur zwei.
Ein einzelnes positives Erlebnis erzeugt das Bild der tollen Stadt = Schublade eins.
Ein mickriges, kleines, unbedeutendes, lästiges Vorkommnis: Na, die können mal ohne mich …!  = Schublade zwei
Sobald nach der Ankunft auf diese Art und Weise das Urteil gefällt wurde, wird auch die weitere Wahrnehmung höchst einseitig. Der eigensinnige Kopf sucht nur noch nach Bestätigung der schon vorhandenen Meinung, für alles andere sind die Ohren auf Durchzug gestellt, die Augen blind.
Siehst du, habe ich doch gesagt! Der Kaffee ist auch kalt…
Hast du gemerkt? Der hat auch wieder so komisch geguckt….
Hier! HIER! Ich habe einen Kratzer am Auto! War ja klar! Hätte ich dir vorher sagen können! Typisch Bielefeld/Hamburg/Frankfurt/Mannheim/Hintertupfingen (beliebig).

Selbstverständlich funktioniert es auch wieder umgekehrt:
Lass uns doch ein Taxi nehmen, die Fahrer kennen sich alle aus, sind grundehrlich, höflich  und stets hilfsbereit. Habe ich selbst erlebt. (Der Enthusiasmus nach einer (!) geglückten Fahrt)
Du, die haben die ganze Stadt renoviert. Hier ist einfach alles tipptopp und einmalig organisiert. (Ein neues Einkaufszentrum gesehen und wider Erwarten gleich einen Parkplatz mit funktionstüchtiger Parkuhr gefunden).
Die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren einwandfrei, sind superpünktlich und so was von sauber! Tolle Stadt! (Einmal zwei Stationen direkt ab Anfangshaltestelle mit einem Bus gefahren, der aus der Waschanlage kam)
Alle sind hier so hilfsbereit!  (Es hat einmal jemand den Weg erklärt).

Soweit mein kleiner Film im Kopfkino, der hier für den generellen Einschub sorgte.
Nehme ich mir nun wieder Leipzig vor, stelle ich fest, es ist eine Stadt, die in die Kategorie: Toll, da muss ich wieder hin! fällt. Eine Erst-weg-und-hin-und-jetzt-hin-und-weg-Stadt.
Ich konnte nicht auf Anhieb konkret sagen, was genau diese absolute Gewissheit begründete, was genau dieses Gefühl ausgelöst hatte. Ich war mir sicher, dass dies nicht allein die Existenz eines toll aussehenden Bauwerks, ein zentral gelegenes Pensionszimmer oder das Feststellen eines günstigeren Preisniveaus, als ich es in Hamburg kenne, ausgelöst haben konnte.
Was ist es also dann? Was macht Leipzig so unwiderstehlich? Was lässt einen und speziell mich ins Schwärmen geraten, was zieht so an und verleitet zum Wiederkommen? Ist etwas dran an meiner persönlichen Emotionen-Theorie?
Ich werde im 2. Teil des Leipziger Allerleis versuchen, dieses Geheimnis zu lüften und die Stadt näher zu bringen. Ich beabsichtige, Besonderheiten und Auffälligkeiten vorzustellen. Dinge, die mir aufgefallen sind, nicht unbedingt Dinge, die der Reiseführer erwähnt. Heimliche Lieben und Schwärmereien preiszugeben. Das eine oder andere Bild zu posten. Bleibt doch dabei, wenn es heißt:

Leipziger Allerlei – Teil 2: Die Stadt Leipzig – Verfallen. Ihr. Nicht sie…

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